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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 26.9.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

353 rechte Straftaten


– darunter ein Todes-
opfer – im August
Berlin. 353 rechtsextremistische
Straftaten wurden im August regis-
triert. Das geht aus der Antwort der
Bundesregierung auf die monatliche
Kleine Anfrage der Abgeordneten
Ulla Jelpke hervor. Die Gesamtzahl
rechter Straftaten in diesem Jahr
steigt damit auf über 2.600 Straftaten
an.
Jeden Tag finden damit in diesem
Land durchschnittlich elf rechtsex-
tremistische Straftaten statt. Opfer
sind wie in den Vorjahren meist Mi-
grantInnen und Flüchtlinge.
Erstmals in diesem Jahr verzeich-
net die offizielle Statistik wieder ein
Todesopfer. Im saarländischen Sulz- „NPD - Raus aus Freiburg“ – das forderten am 14.9. über 10000 Menschen, 150
bach wurde ein 19-jähriger Mann tür- angereiste Neonazis kamen vom Bahnhof nicht weg. Bericht Seite 5
kischer Herkunft am Rande eines
Dorffestes von Skinheads erstochen.
In der Wohnung des Haupttäters fand
die Polizei später eine Hakenkreuz-
fahne. Die Skinhead-Gruppe, zu der
„Rechts“ wählte Stoiber
der Täter gehörte, wurde nach Pres- Die Wahlergebnisse für die „Repu- die schon immer gute Verbindungen zum
seberichten vom Verfassungsschutz blikaner“ sind für sie nieder- konservativen Lager pflegen, werden ihre
schon lange beobachtet. Die Mordtat schmetternd. Sie haben 625 648 Aktivitäten sicher ausbauen.
wurde dadurch nicht verhindert. (Zweit-) Stimmen verloren und sanken von Denn eine Lehre wird es im rechten und
Weitere 30 Personen wurden im 1,% auf 0,6%. Selbst in ihrer Hochburg in konservativen Lager geben: nur geschlos-
August durch rechte Schläger ver- Baden-Württemberg fielen sie von 4,0% sen kann man Rot-Grün und die PDS in
letzt, zum Teil schwer. In einem Fall auf 1,1%. Die NPD konnte sich um 88 301 die Schranken verweisen. Diesmal ist Stoi-
geht die Polizei sogar von einer ver- Stimmen steigern, aber erzielte letztlich ber knapp gescheitert. In vier Jahren wer-
suchten Tötung aus. wieder ein Nullkomma-Ergebnis: 0,4% den die Konservativen es erneut versuchen
330 Tatverdächtige wurden von (1998: 0,3%). Die Schillpartei kam und dazu können sie eine rechtsextreme
der Polizei ermittelt, 73 davon fest- bundesweit auf 399 757 Stimmen und Partei schlecht gebrauchen. Also werden
genommen. Nur in 17 Fällen erging 0,8%. In Hamburg erzielte sie mit 4,2% ein sie Positionen aus diesen Kreisen aufneh-
am Ende auch ein Haftbefehl gegen besseres Ergebnis, konnte aber an ihren Er- men, bzw. entwickeln. Stoiber und seines-
die braunen Straftäter. folg bei den Landtagswahlen überhaupt gleichen können jetzt wieder die Wahl-
Die neue Statistik zeigt: Rechte nicht anknüpfen. kampf-Kreide zur Seite legen und neue
Gewalt ist in diesem Land weiterhin Konservative Parteien wie die ödp, das Hetzkampagnen gegen Minderheiten vor-
verbreitet und immer noch eine tödli- Zentrum oder die Bayernpartei haben bereiten. Die Umsetzung des Zuwande-
che Gefahr. Die Behauptungen von 0,1%-Ergebnisse, letztere hat selbst in rungsgesetzes zum 1.1.2003 und die Klage
Bundesinnenminister Schily und an- Bayern nicht punkten können. dagegen vor dem Bundesverfassungsge-
deren über einen angeblichen Rück- Stoiber hat die rechten Wähler also weit- richt sind Themen, an denen die CDU be-
gang rechter Gewalt sind grob fahr- gehend an sich gezogen. So haben die reits arbeitet.
lässig und unbegründet. rechten Parteien alle auch ein sehr schlech- Stoiber ist verhindert worden, aber die
Ulla Jelpke ■ tes Erststimmenergebnis. Ein Hinweis dar- linken und antifaschistischen Kräften ha-
auf, dass viele die CDU oder auch FDP- ben kaum jemand unter den Bundestagsab-
Kandidaten gewählt haben. geordneten, der an ihren Themen arbeitet.
Die Herausbildung einer größeren neo- Annelie Buntenbach hatte bei den Grünen
Aus dem Inhalt: faschistischen oder rechtspopulistischen keine Chance mehr, die PDS scheiterte an
Freiburg: NPD erfolgreich Partei ist wohl für längere Zeit erschwert. der 5%-Hürde und damit ist auch Ulla
abgeblockt . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Die „Republikaner“ können zur Zeit keine Jelpke nicht mehr im Bundestag. Schade,
Mahnmal für die Opfer der Kräfte binden und der Versuch der Schill- ihre Arbeit wird uns fehlen. Das kann aber
NS-Justiz enthüllt . . . . . . . . . . . . 8 partei, bundesweit zu agieren, ist auch ge- kein Grund dafür sein, bei Aktivitäten ge-
Rückkehr der Sans-Papiers . . . 11 scheitert. Zeitungen wie die „Junge Frei- gen den Rechtsextremismus nachzulassen.
heit“ und offenere rechte Vereinigungen, Im Gegenteil. Ulrike Bach, Jörg Detjen ■
: meldungen, aktionen
Wahlveranstaltung der
„Republikaner“ unter Aus-
Thorsten Heise zieht um
Schill-Partei, eine „Massenmanifesta- schluss der Öffentlichkeit
Göttingen. Wenn es um den Erwerb tion“ auf dem Europaplatz in Ludwigs- Frankfurt. Die für den Nachmittag des
respektabler Immobilien geht, sind deut- hafen. Hauptredner sollte der Rechtspo- vergangenen Freitag, 13. September auf
sche Nazis derzeit Trendsetter. In der fa- pulist und Hamburger Innensenator Ro- dem Römerberg angekündigte Wahlver-
schistischen Szene boomt der Hauskauf: nald Barnabas Schill sein. anstaltung der „Republikaner“, an der
unter anderem in Trebnitz in Sachsen- Etwa gegen 18 Uhr hatten sich zahlrei- drei hessische Direktkandidaten, der hes-
Anhalt, im sächsischen Gränitz, in Sass- che Menschen um die großräumig abge- sische Landesvorsitzende sowie der
nitz auf Rügen, Zittau, Scharbow und sperrte Rednerbühne der Schillpartei ein- Bundesvorsitzende dieser Partei teilnah-
Amholz in Mecklenburg Vorpommern gefunden. Ca. 10 Mitglieder der Partei, men, fand unter Ausschluss der Öffent-
und dem niedersächsischen Loosen ver- 50 PolizistInnen, 15 „interessierte“ Bür- lichkeit, vor etwa 60 herbeigekarrten und
suchen Nazis das Konzept der „National gerInnen und etwa 30 linke AktivistIn- hinter einer doppelten Reihe von Ab-
Befreiten Zonen“ umzusetzen. Be- nen.Bereits der Vorredner wurde von den sperrgittern eingegitterten Republikaner-
sonders verlockend sind dabei Immobi- anwesenden AktivistInnen frenetisch ge- Jublern statt. Etwa dreihundert Gegende-
lien im Osten Deutschlands, weil hier feiert: Unter den „Sicherheit, Sicherheit“ monstrantInnen sowie mehreren hundert
nach Aussage von Christian Worch die und „Schill, Schill – Gartengrill“- PolizeibeamtInnen waren vor Ort. Das
Preise billiger und die Akzeptanz in der Sprechchören war die Rede nicht zu ver- Wahlvolk blieb erwartungsgemäß zu
Bevölkerung größer sei. Die Nazis be- stehen. Wahrscheinlich ging es darum, Hause ...
mühen sich in der Mehrzahl um einen dass Schill sich verspäten würde und das, Ab etwa 14.30 Uhr sammelten sich
guten Kontakt zur Bevölkerung und die obwohl sein Autokorso bereits vor 18 zahlreiche GegendemonstrantInnen auf
Eingliederung in die örtlichen Dorfstruk- Uhr in der Innenstadt gesehen wurde. dem Römerberg und bestimmten hier das
turen. Gleiches gilt offenbar auch für das 18.30 Uhr dann Auftritt Schill: drei Li- Bild, beobachtet von selektiv nach jün-
etwa 25 Kilometer von Göttingen ent- mousinen, angeführt von zwei Motorrad- geren Menschen Ausschau haltenden Po-
fernte Fretterode. In diesem thüringi- Polizisten, treffen am Europaplatz ein. lizeibeamten im Kampfanzug. Eine
schen Dorf hat sich der Führer der „Ka- Schill wird von den AkivistInnen mit Gruppe von etwa 20 uniformiert auftre-
meradschaft Northeim“, Thorsten Heise, „Ruhe, Ordnung, Pünktlichkeit“ und tenden privaten Sicherheitskräften der
ein neues Domizil zugelegt. Das dreige- „Wir wollen die Knarre sehen, wir wol- Republikaner (schwarzes T-Shirt mit
schossige, als Pflegeheim genutzte Her- len die Knarre sehen“ Sprechchören weißer Aufschrift „Sicherheitsdienst“,
renhaus stammt aus dem 19. Jahrhundert empfangen. Der Versuch einer Rede wird schwarze Hose) hielt sich bereits lange
und steht unter Denkmalschutz. Nach von „Todesstrafe für Ruhestörer“ Rufen Zeit vor Beginn der Veranstaltung im für
dem Mauerfall wechselte es in Privatbe- übertont. Nach nur drei Minuten (!) gibt die Versammlung eingezäunten Bereich
sitz, wurde an die Heimleitung vermietet Schill entnervt auf und verlässt Ludwigs- auf. Nachdem einer von ihnen dabei be-
und ist jetzt von Heises Frau, Nadine hafen in Richtung Schwetzingen. obachtet worden war, wie er mit einem
Quentin, aufgekauft worden. Der Betrieb Zumindest in Ludwigshafen hat sich Totschläger in Form einer Stahlrute han-
des Alten- und Pflegeheimes wird offi- Richter Gnadenlos gnadenlos lächerlich tierte, wurde er auf Betreiben von
ziell Anfang Oktober d.J. in Wahlhausen gemacht 9.9.2002 Gegendemonstranten festgenommen und
wieder aufgenommen, aus Fretterode www.Juz-Mannheim.de/aktuell ■ seine Waffe beschlagnahmt. Sprecher der
ausgezogen sind Angestellte und Heim- Anti-Nazi-Koordination verlangten dar-
bewohnerInnen schon Ende August. Union fördert Rechtsextre- aufhin von der Polizeiführung vor Ort,
Schon jetzt renoviert Heise mit Hilfe sei- die Veranstaltung sofort zu beenden so-
ner Kameraden die Außenbauten auf mismus wie festzustellen, welche Bewaffnung
dem imposanten Grundstück. Gegenüber Hannover. Gegen Schluss des Wahl- andere „Sicherheitsdienst“-Leute der
Journalisten versicherte er, das Haus mit kampfes wird auf Seiten der CDU/CSU „Republikaner“ bei sich führten. Der
seiner Frau, seinem Kind und seinen und der FDP ungeniert und hemmungs- Einsatzleiter vor Ort war für die Gegen-
Schwiegereltern lediglich privat zu be- los ausländerfeindliche und antisemiti- demonstrantInnen nicht zu sprechen. Ei-
ziehen: „Kein Schulungszentrum, wie sche Stimmungsmache betrieben. Damit ner seiner Mitarbeiter verkündete gemüt-
bei Hupka“. Der nämlich hat die Auf- wird Rechtsextremismus gefördert, kriti- lich, er könne doch nicht von einem Fall
sicht über Planung und Bauarbeiten des siert die Vereinigung der Verfolgten des auf alle anderen schließen und werde
neuen „Nationalen Schulungszentrums Naziregimes (VVN-BdA) in einer Stel- noch nicht einmal die Sicherheitsleute
Mitteldeutschland“ in Trebnitz übernom- lungnahme ihres Bundessprechers Peter- der „Republikaner“ durchsuchen lassen,
men. Aufgrund der Lage des Hauses in Christian Walther. Mit ihren durchsichti- geschweige denn die Veranstaltung be-
der Mitte von Fretterode ist die Durch- gen Versuchen, nunmehr erneut auslän- enden. Er wurde von Seiten der Gegen-
führung von großen Konzerten wie in derfeindliche Stimmungsmache für demonstranten darauf hingewiesen, dass
Northeim geschehen eher unwahrschein- Stimmenfang zu nutzen, stellt sich die die zu vermutende Bewaffnung des
lich. Angesichts der Größe von Haus CDU/CSU gegen den Appell des Deut- REP-Sicherheitsdienstes einen Verstoß
und Grundstück liegt aber die Vermu- sche Bundestages, den das Parlament in gegen das Versammlungsrecht darstelle,
tung nah, dass sich das ehemalige Pfle- seiner Entschließung gegen Rechtsextre- was ihn allerdings in keiner Weise zum
geheim schnell zu einem Treffpunkt von mismus an alle politischen Kräfte richte- Handeln veranlasste.
überregionaler Bedeutung entwickeln te: Wahlkampf nicht auf dem Rücken der ... Die gleiche liberale Haltung der Po-
könnte und entgegen Heises Behauptun- Ausländer zu betreiben. Genau dies tun lizei, die diese den „Republikanern“
gen nicht nur als privater Wohnraum ge- jetzt aber Stoiber, Beckstein und Co. sichtlich angedeihen ließ, herrschte
nutzt wird. kb ■ Ebenso wird auf Seiten der FDP er- gegenüber den GegendemonstrantInnen
neut versucht, mit antisemitischer Stim- sowie auch gegenüber anwesenden Pres-
Proteste gegen Schill-Partei mungsmache auf Stimmenfang zu gehen. severtretern keineswegs. Schon lange
Das führt dazu, Antisemitismus zu för- vor Beginn der Veranstaltung beschlag-
Ludwigshafen. Am Sonntag, 8. Sep- dern und ist deshalb ebenfalls auf das nahmte die Polizei einen Stoffbeutel mit
tember, veranstaltete die Partei Recht- Schärfste zu verurteilen, so die VVN. 46 Trillerpfeifen und einer Kindertröte
staatliche Offensive, die sogenannte Internet: www.vvn-bda.de ■ (Eigentum der IG Metall), im Verlauf der

2 : antifaschistische nachrichten 20-2002


Veranstaltung eine mobile Verstärkeran- Veranstaltung „Rechtspopulismus in Europa“
lage (Eigentum des StadtschülerInnen-
rats) sowie ein T-Shirt in Polizeigrün mit 2.11.2002, 10 - 16.30 Uhr, Hannover, Freizeitheim Linden
der Aufschrift „POLIZEI“, das ein Der Rechtspopulismus ist in vielen europäischen Ländern seit einiger Zeit wieder auf dem Vor-
Gegendemonstrant trug ... marsch. Die letzten – auch medienwirksamen – Ereignisse sind nicht allzu lange her und verdeut-
Auffällig war die Nervosität der Poli- lichen die weit verbreitete Popularität rechter und rechtsextremer Ideologien. Da waren die Erfol-
zei gegenüber allen videofilmenden und ge von Jean-Marie Le Pen, der als Präsidentschaftskandidat der rechtsextremen Front National in
fotografierenden Menschen, die sie für Frankreich in die Stichwahl gegen Jacques Chirac aus dem bürgerlichen Lager kam und nur
Gegendemonstranten hielt. Der Versuch, durch großen öffentlichen Druck (auch von der Straße) und der Entscheidung der Linken für Chi-
ein Videoband mit Aufnahmen polizei- rac zu stimmen, nicht in den Elysée-Palast einziehen konnte.
Ebenso der Erfolg der Partei „Liste Pim Fortuyn“ des niederländischen Rechtspopulisten Pim For-
licher Arbeit zu beschlagnahmen, schlug
tuyn, der einem Attentat zum Opfer fiel, aber schon vor der Wahl in den Niederlanden großen
fehl. Die Personalien eines Pressefoto- Zulauf und Attraktivität mit seinen Parolen hatte.
grafen, Vertreter von Associated Press, Auch in anderen europäischen Ländern ist rechtspopulistisches und auslän-
wurden in einem äußerst ruppigen Ton derfeindliches Gedankengut weiterhin salonfähig und Parteien an Regie-
und unter völlig unnötigem Körperein- rungskoalitionen beteiligt, wie z. B. in Österreich und Italien.
satz der Polizei abgefragt und festgehal- In der vom DGB –Bezirk Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalt
ten, seine Kamera allerdings nicht be- und der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben gemeinsam veranstalteten
schlagnahmt. Tagung werden verschiedene Aspekte des umfangreichen Themas ,Rechts-
populismus‘ näher beleuchtet.
... Doch allen sattsam bekannten Pro- ● In seinem Einleitungsreferat wird der bekannte Rechtsextremismusfor-
blemen dieser Art gegenüber halten wir scher Prof. Dr. Hajo Funke von der FU Berlin auf die allgemein zu bemer-
fest: innerhalb von wenigen Tagen hat kenden Entwicklungen in Europa eingehen und die sozialen und plitischen
die Anti-Nazi-Bewegung in Frankfurt es Hintergründe für die Wahlerfolge und Stimmenzuwächse rechtspopulisti-
zweimal faktisch geschafft, dass Neona- scher Parteien aufzeigen. Neben der so genannten Konsensdemokratie, die in vielen Ländern
zis, Antisemiten und Rassisten unter dem praktiziert wird und Politik in fernen, abgehobenen Kungelrunden stattfinden lässt (statt im öffent-
Deckmantel der Meinungs- und Ver- lichen Raum die Diskussionsfähigkeit auszubauen), sind es aber auch soziale Ängste, die ange-
sammlungsfreiheit ihre gegen alle sprochen werden, in einer Zeit, die immer noch von einer hohen Arbeitslosigkeit und tiefgreifen-
den Veränderungen durch das neoliberale Modell der Globalisierung geprägt ist. Und nicht zu-
Grund- und Menschenrechte gerichtete letzt sind es immer noch die seit langem bekannten Angriffe auf Flüchtlinge, MigrantInnen und so-
Ideologie nicht verbreiten konnten. Wir ziale Minderheiten, die als Sündenböcke für soziale Ungleichheiten herhalten müssen.
haben verstanden, dass wir uns dafür ● In den weiteren Referaten werden länderspezifische Entwicklungen vorgestellt, wie sie in den
nicht auf Polizei und Gerichte verlassen Niederlanden (Referent: Harm Brouwer) und in Frankreich (Referent: Bernhard Schmid, Paris) vor-
dürfen, sondern diese Aufgabe selber lö- zufinden sind. Dort sind es in jüngster Zeit die Wahlerfolge rechtsextremer und rechtspopulisti-
sen müssen und können. Und das werden scher Parteien gewesen, die viele Menschen aufgeschreckt haben und zu einem Prozess des
wir auch weiterhin tun, damit Frankfurt Nachdenkens über die politische Systeme geführt haben.
● In einem weiteren Referat wird die besondere Situation in Polen – einem Beitrittskandidaten zur
bunt bleibt, und nicht braun wird. EU – beleuchtet, in dem ebenso tiefgreifende soziale Verwerfungen nach dem Systemwechsel
Anti-Nazi-Koordination ■ stattgefunden haben und ebenso rechtspopulistische Tendenzen auszumachen sind.
● Nachmittags tagen Arbeitsgruppen gemeinsam mit den Referenten.
Es gibt nichts zu feiern –
Anmeldungen für diese Tagung sind zu richten an den
Leipzig am 3. Oktober DGB-Bezirk Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalt
Demonstrationsaufruf der Aktions- Ute Bergmann, Dreyerstr. 6, 30169 Hannover, fon: 0511-12601-61, fax: 0511-12601-57
Gruppe 3. Oktober Eine Tagungsgebühr wird nicht erhoben. Ein Mittagessen kann für 8 Euro mit der Anmeldung bestellt
Am „Tag der Deutschen Einheit“, dem werden.
3. Oktober 2002, plant der Hamburger
Neonazi Christian Worch, genau wie die
Monate zuvor, mit seinen Anhängern
durch Leipzig zu marschieren. Worch
will die unter dem Motto „Weg mit den
Mauern in den Köpfen“ stattfindende
Demonstration zu einem überregionalen
Neonaziaufmarsch hochschaukeln und
kündigte ferner an, bundesweit mehrere
Tausend Rechte für diesen „Feiertag“ zu
mobilisieren.
Die Demonstration am 3. Oktober
wird die nunmehr achte derartige Veran-
staltung in Folge sein. Worchs erklärtes
Ziel, mit seinen Kameraden bis zum Völ-
www.arbeiterfotografie.com

kerschlachtdenkmal zu marschieren, hat


er bisher noch nicht erreicht. Ans Aufge-
ben denkt er unterdessen nicht.
Während die Leipziger Antifa teil-
weise mehrere Tausend Gegendemon-
Info:

stranten, zuletzt am 6. April, auf die Stra-


ße gebracht hat, um sich dem braunen
Mob entgegenzustellen, sinkt die Beteili-
gung seitens der Linken in letzter Zeit ra-
pide. ... Es ist Zeit, diesen Faschisten mit Über 40000 Menschen kamen am 14.9. zum Aktionstag „Her mit dem schönen
Nachdruck klar zu machen, dass sie auf Leben“ nach Köln, zum dem dieGewerkschaftsjugend, attac, Friedensgruppen u.a.
unseren Straßen und in dieser Gesell- aufgerufen hatten. Neben den sozialen Folgen der Globalisierung war vor allem der
schaft nichts zu suchen haben. weiter S.4 bevorstehende Krieg gegen den Irak Thema auf Kundgebungen und Transparenten.

: antifaschistische nachrichten 20-2002 3


Leipzig darf kein zweites Wunsiedel Ausstellung über Kinder und Jugendliche in der Nazizeit
werden – deshalb muss friedlich aber
konsequent gegen den Neonaziauf-
marsch am 3. Oktober vorgegangen wer-
Der stolze Walter fiel im Krieg
den. Den Neonaziaufmarsch stoppen – es Bremen. Jahrzehnte ist es her, dass die aufgewachsen ist oder erst später geboren
ist machbar! Kinder und Jugendlichen in Deutschland wurde, kann in dieser Ausstellung viel-
aktuelle Infos im „Deutschen Jungvolk“ und bei den leicht erahnen, was die Zeitzeugen da-
http://de.indymedia.org/antifa.shtml ■ „Jungmädels“, in der „Hitler-Jugend“ und mals als Kinder und Jugendliche erleb-
im „Bund Deutscher Mädel“ organisiert ten.“ Und sie fügt hinzu: „Wenn wir
Projekte gegen Rechts in waren. Und doch haben viele der mittler- Nachgeborenen bereit sind zu verstehen,
weile ergrauten Ex-Mitglieder so gut wie wie es den nationalsozialistischen Macht-
Gefahr nie über ihre damaligen Erfahrungen oder habern gelungen ist, die Kinder und Ju-
Erfurt. 38 regionale und lokale Initiati- über ihre sonstigen Prägungen in der Na- gendlichen für sich zu gewinnen, können
ven gegen Rechts, die aus Geldern des zizeit – man denke etwa an den durch und wir daraus auch für unsere Gegenwart ler-
Bundesprogramms „Civitas“ gefördert durch ideologischen Schulunterricht oder nen.“
werden, sehen sich jetzt in ihrer Existenz den ab 1935 verbindlichen „Reichsar-
gefährdet. Das betrifft auch die Mobilen beitsdienst“ – gesprochen. Das stellte
Beratungsteams gegen Rechtsextre- auch Dr. Ulla Nitsch fest. Die Koordina-
mismus in Thüringen (Mobit). In einem torin der Schulgeschichtlichen Sammlung
gemeinsamen Aufruf wenden sich jetzt in Bremen ist eine der Organisatoren der
19 dieser Initiativen an die Öffentlich- Ausstellung „Am Roland hing ein Haken-
keit. Der Grund: Die für das erste Quar- kreuz – Bremer Kinder und Jugendliche
tal 2003 eingestellten Mittel in Höhe von in der Nazizeit“. Diese Ausstellung wird
1,4 Mill. Euro decken nur einen Bruch- noch bis zum 3. Oktober 2002 in der Un-
teil der Ausgaben der bewilligten Projek- teren Rathaushalle gezeigt und ist Be-
te. Damit sind lediglich die Personalkos- standteil des Herbstprogramms „Bremen
ten abgesichert. Die Finanzierung ande- für UNICEF“ (das Kinderhilfswerk der
rer Kosten ist nicht gewährleistet und Vereinten Nationen). Schirmherr der
die Mehrheit der Projektträger ist nicht Sammlung ist Bürgermeister Dr. Henning
in der Lage, diese Kosten aus Eigenmit- Scherf (SPD), der Präsident des Senates Für die Inszenierung der Ausstellung
teln zu übernehmen. „Damit ist der Be- der Freien Hansestadt Bremen. zeichnete das Ensemble des Kinder- und
stand der Projekte über das Jahr 2002 Dr. Ulla Nitsch schildert den Ursprung Jugendtheaters MOKS am Bremer Thea-
hinaus gefährdet“, so der Vereinsvorsit- der Ausstellung: Im März 2000 hatte ein ter verantwortlich. Es bemühte sich dabei
zende von „Mobit“, DGB-Landeschef Presse-Aufruf des Bremer Schulmuseums um eine dynamische und atmosphärische
Frank Spieth. Die Beteiligten fordern ein recht bemerkenswertes Echo ausge- Gestaltung, die die Wahrnehmung schär-
vom Bund, umgehend eine finanzielle löst. Mehr als 250 Bremerinnen und Bre- fen und den Blick auf scheinbar Belang-
Lösung für das erste Quartal 2003 zu fin- mer der Geburtsjahrgänge 1920 bis 1938 loses lenken soll. Neben dieser theatralen
den. Auch müsse, unabhängig vom Aus- brachten Erinnerungsstücke an ihre Kind- Inszenierung legten die Ausstellungs-
gang der Bundestagswahl, sichergestellt heit und Jugend unter dem Hakenkreuz „Macher“ auch auf ein vielfältiges Rah-
sein, dass das Civitas-Programm beibe- vorbei oder kramten in ihren Erinnerun- menprogramm großen Wert. So wird im
halten werden könne. Auch in Thüringen gen. Durch diese Beiträge konnte der Versammlungsbereich der Ausstellung
sei engagiertes und langfristiges Handeln Fundus der Schulgeschichtlichen Samm- der Film „Das ist ein Teil des Lebens –
gegen Rechtsextremismus notwendig. lung in punkto Nazizeit beträchtlich er- Das Jungvolk im Rückblick von Zeitzeu-
Quelle: Thüringer Landeszeitung, 9.9. ■ weitert werden. Er umfasst nun ein Foto- gen“ gezeigt; der Streifen entstand in Zu-
archiv von mehr als 4.000 Fotos, eine Do- sammenarbeit mit der Landesbildstelle
Ersatzorganisation für Unité kumentensammlung mit rund 2.000 Posi- Bremen. Ferner sind Gesprächsrunden
tionen und weitere 500 Objekte unter dem mit Zeitzeugen, Diavorträge, Lesungen
radicale steht bereit musealen Oberbegriff „sachkulturelle und Vorführungen von nationalsozialisti-
Paris. Am 6. August dieses Jahres war Zeugnisse“. schen Spiel- und Unterrichtsfilmen ge-
die militante Neonazi-Gruppierung Uni- Die Ausstellung in der Unteren Rat- plant.
té radicale (UR) verboten worden – AN haushalle geht auf das Kinder- und Ju- Zeitgleich zur Ausstellung wurde zu-
berichtete. Nun scheint eine, halbwegs gendleben zu Hause, in der Schule, in der dem ein Buch herausgebracht. Das Werk
bekennende, Nachfolge-Organisation Hitler-Jugend und im Arbeitsdienst ein, mit dem Titel „Am Roland (Anmerkung
bereit zu stehen. Die französische Nach- außerdem auf die Themen Kinderlandver- der Redaktion: Bremer Wahrzeichen auf
richtenagentur AFP zitiert am 19. Sep- schickung, Kriegshilfsdienst und Einsatz dem Marktplatz) hing ein Hakenkreuz“
tember einen der Sprecher der neuen an der Front. Auch das Schicksal von jü- umfasst 144 Seiten und 292 Abbildungen,
Gruppierung, die auf den Namen ,Jeu- dischen Kindern und Jugendlichen und darunter 78 farbige (15 Euro; ISBN 3-
nesses identitaires‘ (Identitätsliebende von Kindern politisch verfolgter Eltern 89757-155-2). Der Verlag H.M. Hau-
Jugend) hört, Philippe Vardon. Dieser er- wird anhand von Einzelbeispielen be- schild hatte einen Teil der Bebilderung
klärt, seine Organisation sei „mit ehema- leuchtet. Ebenso wird der individuelle ohne Mehrpreis in Farbe statt in Schwarz-
ligen Aktivisten und Mitgliedern von Umgang mit den Erinnerungen an die Na- weiß gedruckt. Auf dem Einband des Bu-
UR“ gegründet worden. Hingegen er- zizeit dargestellt. ches kann man die Geschwister Elsbeth
klärt Fabrice Robert, ehemaliger Spre- Einen erhobenen pädagogischen Zeige- und Walter sehen, wie sie sich an ihrem
cher der verbotenen UR: „Wir werden finger würde man in der Ausstellung ver- Konfirmationstag 1934 im Bremer Dom
stark überwacht, wir können es uns nicht geblich suchen. Alle Objekte, Fotos und stolz präsentieren. Walter trägt eine HJ-
leisten, eine verbotene Organisation Dokumente sind deshalb nur zurückhal- Uniform. Das Foto wurde von seiner
wiederzugründen. Jeunesses identitaires tend kommentiert worden. Dr. Ulla Schwester zur Ausstellung beigesteuert.
wird den Kampf weiter führen, wir wün- Nitsch sagt dazu: „Wer, wie auch wir Mit- Walter hätte es nicht mehr bringen kön-
schen ihnen viel Glück.“ arbeiter der Schulgeschichtlichen Samm- nen: Er fiel als Soldat kurz nach Kriegs-
BhS ■ lung, erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginn. Thomas Klaus ■
: antifaschistische nachrichten 20-2002
4
NPD
erfolgreich
abgeblockt !
Sie
waren
nicht
durchge-
kommen,
die offe-
ne Stadt
Freiburg. Wie schon so oft in die- dass Politiker-Aussagen Stichwortgeber Freiburg hat sie nicht hereingelassen,
sem Lande sollte ein riesiges Poli- für rechte Politik waren und sind. Dies istweil genug Menschen blockiert hatten.
zeiaufgebot die für den 14.9. an- das innere Problem dieses Bündnisses: Zur gleichen Zeit musste aber auch im-
gemeldete Demonstration der NPD Parteien, die als Regierungsparteien in mer wieder dazu aufgerufen werden,
durchsetzen. Dagegen stand ein breites Gesetze gegossenen Rassismus exekutie- nicht wegzugehen und die Blockade zu
Bündnis, das der DGB angeregt hatte. ren in der Flüchtlingspolitik, stehen mit schwächen.
Gut war, dass Monate Zeit waren, die- gegen die NPD. Nicht informierte Touristen fragten in
sen Tag vorzubereiten – das wird nicht Darauf aufmerksam machte ein Flug- der Innenstadt nach der Demonstration
immer so sein. Unermüdlich wurde für blatt des Südbadischen Aktionsbündnis- und bekamen zur Antwort: „Es gibt 2 De-
diese Aktion mobilisiert, die DGB-Ge- ses gegen Abschiebungen. Dessen Rede- monstrationen. Eine sehen Sie hier rund-
werkschaften haben ihre Aufgabe als beitrag fand wenig Zuhörer, weil er erst um, Tausende. Die andere, die der NPD,
Einheitsgewerkschaften im besten Sin- gehalten werden konnte, als nicht mehr versucht, aus dem Bahnhof herauszu-
ne wahrgenommen – keine Partei z.B. Demonstration und Kundgebung im kommen und schafft das nicht.“ Damit
hätte ein vergleichbares Bündnis zu- Vordergrund standen, sondern Blockade war die Angst der Freiburg-Besucher
sammenbringen können. Der Südbadi- des Bahnhofs. So hatte auch Peter Gin-
sche DGB-Chef Höfflin hat mit Klugheit gold wenig Zuhörer, der den Aufstieg der
und Entschiedenheit an diesem Bündnis NSDAP miterlebt hat und so kompetent
gearbeitet. Verhindert werden konnte dazu aufrufen konnte, den Anfängen zu
auch, dass die CDU bei ihrem Versuch wehren. Er berichtete auch über die fa-
Erfolg hatte, z.B. die VVN, den Bund schistische Gewalt an der Macht – die
der Antifaschisten auszugrenzen mit Machtübertragung hatte nicht verhindert
der Aussage, man sei gegen alle Sorten werden können.
von Extremisten. Aber daraus lernen muss man können.
Offensichtlich war auch, dass die Vor-
Die Aktionen waren breit angelegt – man bereitung dieser Aktion gegen die NPD
konnte z.B. in den Tag einsteigen mit ei- an den Schulen gut war – es wird nicht
nem Frühstück auf dem Augustinerplatz. immer so viel gesprochen über den Fa-
Der politische Auftakt war eine Kundge- schismus historisch und aktuell.
bung auf dem „Platz der ehemaligen Die Blockade des Bahnhofs stand an
Synagoge“. Oberbürgermeister Salomon drei Seiten, die vierte Seite war der Bahn-
verurteilte auch den Versuch der CDU, hof selber, der schon morgens abgesperrt
aus wahltaktischen Gründen die Deut- war. Für die angereisten Faschisten blieb
lichkeit der Gegnerschaft gegen die Fa- also nur noch ein relativ kleiner Platz vor
schisten aufzuweichen. dem Bahnhof. Mehr brauchten die aber
SC-Freiburg-Trainer Finke wies dar- auch nicht, waren doch nur maximal 150
auf hin, dass der Sport immer wieder gekommen. Versuche, sich zu formieren,
missbraucht wurde und wird. Er erwähn- wirkten so nicht nur lächerlich, sie wur-
te die Olympiade 1936. Er könne nicht den sofort mit Gegenparolen quittiert.
verstehen, dass auf dem Fußballplatz im Tausende skandierten Parolen und
besten Sinne des Wortes multikulturellen schrien ihre Gegnerschaft gegen Ras-
Mannschaften zugejubelt wird von Men- sismus und faschistische Gewalt heraus.
schen, die dann offen sind für ausländer- Es war eindeutig, dass massenweise Ge-
feindliche Gedanken und Handlungen. werkschafter die Hauptkraft in dieser
Die pointierteste Rede hielt Professor Auseinandersetzung bildeten. Es wäre ein Nazis auf Socken...
Jens. Er sprach die ideologischen Grund- besonders wichtiger Erfolg für die Zu-
lagen des Faschismus an, bezog aber kunft, würden der Schwung dieses Tages weg, „…zwischen die Mühlen zu gera-
auch aktuell Stellung zur hier und heute und die Entschlossenheit in die gewerk- ten“.
praktizierten Flüchtlingspolitik. Warum schaftlichen Kämpfe mitgenommen. Ein junger Punk hatte ein Ei dabei und
soll es Sprachtests für Ausländer geben, Die kleine Zahl der Faschisten und die wollte es loswerden. Nun war aber zuviel
wenn junge Türken besser Deutsch spre- große Zahl der antifaschistischen Blo- Raum zwischen den Blockierern und den
chen als viele Stammtischler? ckierer, das bestimmte die Lage, die Poli- Faschisten, er hätte Polizei getroffen. Er
Der Landeschef des DGB, Bliesener, zei stand dazwischen. Als die NPD um merkte auch selber, dass die Polizei ihn
wies erfreulicherweise auch daraufhin, ca. 15 Uhr abzog, stand der Erfolg fest: gesehen hatte, Fortsetzung S. 6

: antifaschistische nachrichten 20-2002 5


Fortsetzung von Seite 5
sobald er auf die Schultern ei-
nes Kumpels gestiegen war. So
Der Anfang vom Ende
blieb das Ei in der Tasche. Ein
gutes Mittel war auch, aus dem
Fenster eines Gebäudes gegen-
des MNR ?
über vom Bahnhof die Demon- Die Wahlen des Frühjahrs 2002 haben Vitrolles : Vor dem Schleifen der Trutz-
stranten zu informieren, der Frankreichs zweite rechtsextreme Par- burg Mégrets ?
DGB stellte so regelrechte Ani- tei – neben dem Front National (FN) Am 29. September (erster Wahlgang) und 6.
mateure, die zumindest die De- unter Jean-Marie Le Pen – schwer in Mitlei- Oktober dieses Jahres werden die Stimmbe-
monstranten auf der Südseite denschaft gezogen. Der MNR (Mouvement rechtigten in der bei Marseille gelegenen
auch bei Laune hielten. national républicain/National-republikanische 40.000 Einwohner-Stadt Vitrolles erneut ihre
„Angesichts der großen Zahl Bewegung) hatte sich zu Jahresanfang 1999 Rathausführung wählen. Grund dafür ist eine
der Gegendemonstranten war es vom „klassischen“ FN abgespalten und dabei höchstrichterliche Entscheidung. Am 29. Juli
nicht möglich, einen Weg für die den größeren Teil seiner Kader und Intellek- 2002 hat der Conseil d’Etat – das oberste
NPD freizugeben“ – so äußerte tuellen, sowie die Hälfte seiner Mandatsträger französische Verwaltungsgericht – der rechts-
sich Polizeichef Mayer. Wobei mitgenommen. Das zentrale Problem für den extremen Partei von Bruno Mégret einen
der Ausdruck „freizugeben“ ver- MNR blieb, dass er zwar den Aktivisten- schweren Schlag versetzt. Die oberste Ge-
harmlosend ist für das, was bei stamm des Neofaschismus anlässlich der Par- richtsinstanz im öffentlichen Recht annullier-
einem anderen Kräfteverhältnis teispaltung zum größeren Teil gewonnen hat- te die letzte Kommunalwahl im südfranzösi-
hätte passieren können. Verurtei- te, aber nicht das Fußvolk. Vor allem nicht die schen Vitrolles vom 11. und 18. März 2001.
len möchte ich die Platzverweise Wähler. Die Stimmenanteile des MNR bei Damals, im Zuge der in ganz Frankreich
gegen 68 autonome Antifaschis- landesweiten Wahlen folgten so einer Ent- gleichzeitig stattfindenden Rathauswahlen,
ten von Seiten der Polizei. NPD- wicklungslinie von 3,3 Prozent (bei den Euro- hatte die MNR-Kandidatin Catherine Mégret
Landeschef (und Mitarbeiter des pawahlen 1999) über 2,4 Prozent (Mégrets mit 45,3 Prozent der Stimmen knapp gegen
Verfassungsschutzes??) Härle Abschneiden zur Präsidentschaftswahl im ihren sozialistischen Herausforderder Domi-
verlautbarte: „Die Stadt kapitu- April dieses Jahres) hin zu 1,1 Prozent (an- nique Tichadou (PS) gewonnen. Beide Listen
liert vor dem Mob!“ Die ganze lässlich der Parlamentswahl im Juni 2002). trennten nur 201 Stimmen. Als dritter Kandi-
Wut der Faschisten, ihre Frustra- Kein Wunder, dass die zentrifugalen Tenden- dat in der Stichwahl hatte der konservative
tion über ihren offensichtlichen zen in der Partei und die Abgangserscheinun- RPR-Bewerber Christian Rossi mit seiner
Misserfolg bekam dann der Zug gen wachsen. Liste 10,6 Prozent der Stimmen erhalten. So-
zu spüren, mit dem sie wegfuh- Dabei war auch eine strategische Grund- zialisten und Bürgerliche hatten sich darauf
ren. Einige gingen auf Socken, entscheidung des MNR bisher unentschieden geeinigt, dass Rossi seine Kandidatur in der
weil ihre Springerstiefel von der geblieben: Sollte man sich „links“ vom FN Stichwahl aufrecht erhalten solle – um zu ver-
Polizei beschlagnahmt worden (als mit den Konservativen bündnisfähige hindern, dass konservative Stimmen der ex-
waren. Kraft) oder „rechts“ von ihm (als für die mili- tremen Rechten zufließen könnten. Tatsäch-
Also ein rundum erfolgreicher tanten Neonazis offene Partei) positionieren? lich hatte man befürchtet, dass im Falle einer
Tag – selten ist ein Erfolg direkt Bisher hatte Mégret einfach versucht, beide Polarisierung zwischen MNR und PS viele
sichtbar an der Größe der eige- Optionen zu nutzen. Aufgrund der Krisener- konservative Wähler eher für den Erstgenann-
nen Reihen und an der Durchset- scheinungen und der auseinander strebenden ten stimmen könnten.
zung des gesetzten Zieles. Kräfte, welche die Partei zu zerreißen drohen, Ein anonymes Flugblatt, das aber höchst-
huf ■ will das aber nicht mehr richtig funktionier- wahrscheinlich von der extremen Rechten –
ten. Derzeit scheinen es und mutmaßlich direkt aus dem Rathaus, aber
Die Vorgeschichte: Catherine Mégret als „Stroh- eher die Hardliner zu das konnte nicht bewiesen werden – stammt,
frau“... sein, die den MNR ver- hatte Rossi zwischen den beiden Wahlgängen
In der Vergangenheit hatte Bruno Mégrets politisch unerfahrene Ehe-
frau an seiner statt kandidiert, da ihm aufgrund früherer Unregelmä-
lassen. Das liegt aber als angeblichen homosexuellen Vergewaltiger
ßigkeiten bei Wahlen das passive Wahlrecht auf befristete Dauer ent- vielleicht auch nur dar- (eines Obdachlosen) diffamiert. Der Conseil
zogen worden war. Bereits die Kommunalwahlen vom Juni 1995, die an, dass die „bürger- d’Etat hat nun eingeschätzt, dass diese Episo-
damals noch von dem „Sozialisten“ Jean-Jacques Anglade (einem no- licheren“ Elemente we- de den Wahlausgang in nicht unerheblichem
torisch korrupten Lokalbaron) gewonnen worden waren, hatte der niger Lärm bei ihrem Maße beeinflusst haben könnte. Die Wäh-
Conseil d’Etat annulliert. Im gleichen Atemzug hatte das Gericht da- Abgang verursachen. ler/innen in Vitrolles müssen daher erneut an
mals aber auch Bruno Mégret das passive Wahlrecht für zwei Jahre Jetzt droht dem MNR die Urne gerufen werden, binnen einer Frist
aberkannt – eine in französischen Wahlprozessen übliche Sanktion –,
neues Ungemach und von maximal zwei Monaten nach der Urteils-
da Mégret seinerseits Verstöße gegen das Wahlgesetz begangen
hatte. Unter anderem hatte er die gesetzlich zulässige Obergrenze für dieses Mal könnte es tat- verkündung und daher wird Vitrolles nun
Wahlkampfkosten deutlich überschritten, um eine flächendeckende sächlich an die Substanz wählen.
massive Propagandakampagne zu führen – Mégret beackerte die gehen. Denn in diesen MNR-Parteichef Bruno Mégret schloss zu-
Erde von Vitrolles systematisch seit Jahren. Daraufhin hatte Bruno Mé- Tagen muss die Kommu- nächst nicht aus, persönlich die Spitzenkandi-
gret seine Gattin als „weiblichen Strohmann“ vorgeschoben (im sei- nalwahl im südfranzösi- datur zu übernehmen. Nahezu den gesamten
nerzeitigen Wahlkampf war Er vorne auf den Plakaten, und Sie im schen Vitrolles wieder- August hindurch hatte die rechtsextreme Par-
Hintergrund zu sehen ...). Im Februar 1997 wurde Catherine Mégret holt werden. Damit droht tei die Frage ihrer Spitzenkandidatur in Vitrol-
dann auch tatsächlich, und sogar mit absoluter Mehrheit von 52,5
Prozent der Stimmen, in einer Stichwahl gegen Amtsinhaber Jean-Jac-
der Mégret-Partei ihre les noch offengelassen – es gab lediglich die
ques Anglade gewählt. Es handelte sich damals um die erste absolute letzte Hoch- und Trutz- Sprachregelung, die „Mannschaft der Mé-
Mehrheit für die Neofaschisten bei einer Rathauswahl. Dieses Mal burg abhanden zu kom- grets“ werde antreten. In den letzten August-
allerdings könnte der Film anders verlaufen: Jetzt ist es Catherine Mé- men. Falls dies passiert, tagen hieß es dann aber, die bewährte Rat-
gret, der wegen ihrer vielen anhängenden Gerichtsverfahren (siehe könnte der MNR in ab- hauschefin Catherine Mégret werde die
Kasten S. 7) der Entzug des passiven Wahlrechts droht. Und Bruno sehbarer Zeit ein Fall für MNR-Liste anführen. Bruno Mégret wird auf
Mégret könnte es dieses Mal gar nicht so recht sein, das Rathaus per- die Kadaverabdeckerei Listenplatz 6 kandidieren. Doch im Fall, dass
sönlich zu übernehmen. Denn dort häufen sich die Probleme. Die
sein. Doch Vorsicht ist seiner Frau – wegen ihrer zahlreichen Verur-
Staatsanwälte würden einiges gern genauer wissen. Die Steuerfahn-
dung stöbert.... BhS ■
geboten – noch ist nicht teilungen und der noch gegen sie anhängigen
aller Tage Abend. Verfahren – das passive Wahlrecht auf Zeit

6 : antifaschistische nachrichten 20-2002


entzogen werden sollte, wird Bruno Mé-
gret für sie einspringen. Für diesen Fall ist
Skandalnudel Catherine Mégret: Gerichtsurteile ohne Ende
Seit Februar 1997 amtiert Catherine Mégret als Bürgermeisterin von Vitrolles. Nun jedoch droht der alten und neu-
vorgesehen, dass der Chef des kriselnden en MNR-Spitzenkandidatin der Entzug des passiven Wahlrechts auf Zeit, evtl. sogar für fünf Jahre.
MNR Bürgermeister von Vitrolles werden
1. Rassistische Flugblätter: Im November 2001 war die Bürgermeisterin von Vitrolles durch das für Strafsachen zu-
soll. (Zu dem Rattenschwanz von Verfah- ständige Gericht in Aix-en-Provence zu fünf Jahren Aberkennung des passiven Wahlrechts und 7.620 Euro Geld-
ren, den Catherine Mégret hinter sich her- strafe verurteilt worden. Und zwar wegen rassistischer Volksverhetzung: Im Wahlkampf 2001 hatte der MNR in
schleppt, siehe nebenstehenden Kasten.) Flugblättern heftig gegen die Einwanderung („umgekehrte Kolonisierung“) gewettert. Nach mehreren Verschiebun-
gen hat nun der Prozess in zweiter Instanz am 16. September 02 begonnen. Solange das Urteil noch nicht letztin-
Tango corruptis: Der Rechnungshof stanzlich bestätigt ist (mit dem Kassationshof steht der Angeklagten eine dritte und letzte Instanz offen), hat die Be-
ermittelt... rufung aufschiebende Wirkung - d.h. die Sanktion ist nicht vollstreckbar. Vermutlich droht aber Catherine Mégret so-
mit in absehbarer Zeit dennoch der definitive Wahlrechts-, und damit auch Mandats-Entzug.
...Und die Steuerfahndung stöbert: Auch
2. „Geburtenprämie“ von Vitrolles: Im Juni 2001 hatte das Berufungsgericht von Aix-en-Provence, Catherine Mégret
über die Gerichtsverfahren von Catherine wegen „rassistischer Diskriminierung“ zu zwei Jahren Entzug des passiven Wahlrechts verurteilt. In diesem Fall ging
Mégret hinaus hat der MNR in Vitrolles es um die „Geburtenprämie“ von 5.000 Francs (rund 800 Euro), die das Rathaus von Vitrolles Anfang 1998 ein-
handfeste Schwierigkeiten. Am 19. Mai geführt hatte und die nur für Kinder „französischer und europäischer“ Eltern ausgezahlt werden sollte. (Vgl. AN
dieses Jahres wurde offiziell bekannt, dass 4/1998, S. 11) Der Beschluss war damals nach kurzer Zeit vom Präfekten, dem Vertreter des Zentralstaats im Dé-
der regionale Rechnungshof in Marseille partement – der eine Rechtsaufsicht über die Verwaltung der Kommunen inne hat – wegen ihres illegalen Charak-
ters annulliert worden. Aufgrund ihres rassistischen Charakters hatte die Maßnahme daneben zur strafrechtlichen
gegen das Rathaus von Vitrolles wegen Verurteilung der Bürgermeisterin von Vitrolles in zwei Instanzen geführt. Die Affäre ist derzeit in letzter Instanz vor
„Hinterziehung öffentlicher Geldmittel“ der Cour de Cassation – dem Kassationshof, also obersten Gericht in Zivil- und Strafsachen – anhängig. Der Zeit-
ermittele. Das Finanzgericht – das seit Fe- punkt des definitiven Urteils steht im Moment noch nicht fest.
bruar 02 ermittelte – hatte zu dem Zeit- 3. Interview mit der ,Berliner Zeitung’: Und schließlich wurde am 12.6.02 ein Prozess gegen Catherine Mégret (in
punkt genügend belastendes Material in zweiter Instanz) vor dem Berufungsgericht von Paris eröffnet. Dieses Mal geht es um die rassistischen Äußerungen
der Hand, und schaltete die Staatsanwalt- der Bürgermeisterin vom Februar 1997, für die sie am 9. März 1998 in erster Instanz zu drei Monaten Haft auf Be-
schaft in Marseille ein, um strafrechtliche währung zuzüglich 50.000 Francs (rund 7.500 Euro) Geldstrafe verurteilt worden war. Catherine Mégret hatte
kurz nach ihrer Wahl den Journalisten der ,Berliner Zeitung’ ein Interview gegeben, in dem sie freimütig gegen die
Konsequenzen folgen zu lassen. Immigranten vom Leder zog. Unter anderem hieß es darin wörtlich über Immigranten: „Deren Prinzip ist, viele Kin-
Konkret hat der Rechnungshof das Mé- der zu machen, um viele staatliche Hilfen zu bekommen, und sich danach nicht mehr um die Kinder zu kümmern.
gret-Rathaus am Wickel, weil auf Kosten Schon die Kinder dieser Einwanderer werden zu Kriminellen. (....) Und was heißt das schon, wenn einige von denen
des kommunalen Haushalts mehrere auf- noch nicht bei einer Straftat ertappt wurden? Das heißt nur, daß man sie bisher nicht erwischt hat. Diese Immigran-
einander folgende Schreiben an alle ten haben Recht, wenn sie Angst haben. Dafür sind wir gewählt worden.“ (Alle Zitate aus: ,Berliner Zeitung’ vom
24.2.1997) Das zweitinstanzliche Urteil in dieser Sache fiel am 11. September 2002. Dieses Mal wurde Catherine
36.000 Bürgermeister in Frankreich ver- Mégret jedoch auf Grund eines Formfehlers freigesprochen. Die ursprüngliche Anklage hatte sich auf die in ,Le
schickt worden waren. Gegenstand des Monde’ wiedergegebenen Äußerungen der rechtsextremen Bürgermeisterin bezogen. Das war formal nicht kor-
Schreibens war das Ersuchen an die Amts- rekt, Zitate „aus zweiter Hand“ durften nicht als Grundlage einer Verurteilung herangezogen waren.
inhaber, den Präsidentschaftskandidaten Fazit: Die Summe der Gerichtsurteile und der gegen sie anhängigen Verfahren dürfte nicht unbedingt ein wirksames
Bruno Mégret mit ihrer Wahlpatenschaft Werbeargument für Catherine Mégret darstellen. Aber noch steht ihre Wirkung auf die Wählerschaft in Vitrolles
nicht endgültig fest. BhS ■
zu unterstützen – Bürgermeister können ja
ebenso wie Abgeordnete für einen Präsi-
dentschaftskandidaten unterschreiben, da- Der rechtsextreme Aktivist gehörte zu je- nach vier Jahren aus der Haft entlassen
mit dieser die erforderlichen 500 Unter- nen drei FN-Plakatklebern, die am 21. Fe- worden. Der Arbeitgeber ist das Rathaus
schriften zusammen bekommt. Die Kom- bruar 1995 in Marseille nächtens einen von Vitrolles. Dort wurde er als Reini-
mune von Vitrolles wurde damit um min- 17jährigen komorischer Abstammung, gungsagent eingestellt (RLF Vitrolles
destens 75.000 Euro erleichtert. Und das den jugendlichen Rap-Sänger Ibrahim Ali, unkt: „für die ethnische Säuberung?“).
ist noch nicht alles: Der Vorwurf schwebt erschossen hatten. Der Haupttäter Robert Zum gleichen Zeitpunkt schaffte d’Am-
im Raum, der MNR habe im Rathaus „fik- Lagier hatte Ibrahim Ali damals mit drei brosio es auch noch, seinen Sohn als Aus-
tive Arbeitsplätze“ unterhalten, d.h. Leute Kugeln in den Rücken getötet. Er erhielt zubildenden dort einstellen zu lassen.
bezahlt, die in Wirklichkeit dort gar nicht 15 Jahre Haft, ist jedoch mittlerweile im Die Boulevardzeitung ,France Soir‘ be-
tätig waren. Tatsächlich wird vermutet, Gefängnis an Blutkrebs gestorben. stätigt in ihrer Ausgabe vom 23. August
dass ein Teil des Personals des nationalen Mario d’Ambrosio, selbst Kind italieni- 2002, D’Ambrosio sei im Juli im Rathaus
Parteiapparats des MNR über das Rathaus scher Einwanderer, hatte in jener Nacht von Vitrolles eingestellt worden. Damit
von Vitrolles bezahlt wird. geschossen, aber ohne jemanden zu tref- aber nicht genug – dem gleichen Artikel
Rassistischer Mordgehilfe im Rat- fen. Er erhielt 10 Jahre Haft, und der Drit- zufolge stehen insgesamt 52 Namen von
haus angestellt te im Bunde – Pierre Giglio – erhielt MNR-Aktivisten auf der Liste von Perso-
wegen Beihilfe zwei Jahre, er war zum nen, die Anfang Juli 02 neu im Rathaus
Und selbst das ist noch nicht alles, und Tatzeitpunkt unbewaffnet gewesen. Der von Vitrolles eingestellt wurden. Die
noch nicht mal das Schlimmste: In ihrer FN hatte damals eine Gefangenenhilfsor- meisten davon wurden zunächst einmal
Nummer 30 (vom Frühjahr 2002) berich- ganisation namens DGL (für D’Ambrosio, mit Praktikantenstatus übernommen, da
tet die kleine Zeitschrift von Ras-Le-Front Giglio, Lagier) gegründet. Der damalige derzeit noch keine Stellen dafür offiziell
Vitrolles, ganz unten auf ihrer letzten Sei- FN-Generalbeauftragte und Chefideologe im Jahreshaushalt 2002 ausgeschrieben
te, über einen bemerkenswerten Vorgang Bruno Mégret hatte während des Mord- sind, aber mit Option auf Einstellung in ei-
im Rathaus von Vitrolles. (Ras Le Front, prozesses als „Moralitätszeuge“ zugun- nen unbefristeten Arbeitsvertrag. Geschei-
„Schnauze voll vom FN“, heißt das z.Zt. sten der drei Angeklagten ausgesagt. Un- terte MNR-Parlamentskandidaten aus
bedeutendste antifaschistische Netzwerk ter anderem erklärte er, die drei auf der ganz Frankreich stehen demnach auf die-
in Frankreich.) Demnach wurde im dies- Anklagebank gehörten zur „Elite unserer ser Liste, so Isabelle Marti aus dem Dépar-
jährigen Frühjahr der wegen Mittäter- Landsleute“, und sie hätten sich in einer tement Manche (= Ärmelkanal) oder Bru-
schaft bei Mord verurteilte Neofaschist „Notwehrlage“ befunden, als sie die töd- no Cahour, der unter dem Deckmantel ei-
Mario d’Ambrosio im Rathaus von Vitrol- lichen Schüsse abgaben, „jedenfalls im ner vom MNR gesteuerten, falschen popu-
les eingestellt. D’Ambrosio war im Juni Geiste“. (Ausführlich in AN 13 und 15/ listischen „Jäger“-Liste im Umland von
1998 durch den Strafgerichtshof von Aix- 1998) D’Ambrosio ist jetzt im Frühjahr, Bordeaux kandidierte.
en-Provence zu 10 Jahren Haft verurteilt wegen guter Führung und aufgrund des Am 20. August hat nun, angesichts der
worden. Damals war die Spaltung des Vorliegens eines Einstellungsversprechens Annullierung der vorigen Wahlen und der
Front National (FN) zwischen Le Pen- bei einem Arbeitgeber (daraus folgt eine Ausschreibung von Neuwahlen, eine vom
und Mégret-Anhängern noch nicht erfolgt. „positive Resozialisierungsprognose“) Präfekten eingesetzte Verwaltungsdelega-

: antifaschistische nachrichten 20-2002 7


tion die Amtsgeschäfte im Rathaus kom- „Den Opfern der Justiz im Nationalso-
missarisch übernommen. Doch diese kann zialismus zum Gedenken“
die eingestellten braunen Aktivisten nicht
einfach feuern, dazu fehlt ihr die rechtliche
Handhabe. Im Falle einer – nach diesen
Mahnmal
Vorkommnissen eher unwahrscheinlichen
– Wiederwahl einer MNR-Rathausführung vor dem
dürfte der Rechnungshof dieser aber künf-
tig gehörig auf die Finger schauen. Schloss
Preisfrage: Wer stellt wem ein Bein?
Wie die Pariser Tageszeitung ,Libération‘
enthüllt
(5. 9.02) schreibt, hat die etablierte „Lin- Seit dem 12. September 2002 gibt es in
ke“ anscheinend keine besondere Lust, die Mannheim ein Denkmal zum Gedenken
Mégret-Bande aus dem Rathaus von Vi- an die Opfer der NS-Sondergerichte. Auf
trolles zu vertreiben. So treten die Sozial- diesem Denkmal werden nicht nur die 73
demokraten mit zwei Kandidaten gegen- Opfer mit (Vor-)Namen und Alter be-
einander an, auf die Gefahr hin, sich selbst nannt, die durch die Justiz – meist mit
gründlich ein Bein zu stellen. Dominique dem Fallbeil – zu Tode gebracht wurden,
Tichadou (49), Kandidat zur Kommuna- es wird auch erwähnt, dass die Täter, die Den Opfern der Justiz im Nationalsozialismus
wahl im März 2001, war der erfolgreiche auch an Todesurteilen beteiligten Richter zum Gedenken.
Kläger vor dem Conseil d’Etat gewesen: der NS-Sonderjustiz, in der BRD bruchlos Im Westflügel des Schlosses, in dem sich heute die
Er hatte mit Erfolg auf Annullierung der ihre Karrieren fortsetzen bzw. ihre Pen- Juristische Fakultät der Universität befindet, und in
Wahl 2001 geklagt, obwohl die Diffamie- sionen verzehren konnten. Dies ist ein den Sälen des Amtsgerichts und Landgerichtes ha-
ben von 1933-1945 das Sondergericht, der Volkge-
rungskampagne damals gar nicht ihn wohl bisher einzigartiger Gedenk-Text
richtshof sowie Straf- und Zivilgerichte Unrechts- und
selbst, sondern den konservativen Kandi- mit einer solch deutlichen Aussage. Und Terrorurteile gefällt. Viele Richter und Staatsanwälte
daten Rossi getroffen hatte. Damit hätte er dieses Denkmal wurde nicht von irgend- verbreiteten in zahllosen Prozessen Angst und Schre-
– der im vorigen Jahr nur mit rund 200 jemand stellvertretend aufgestellt, son- cken und dienten damit der Aufrechterhaltung der
Stimmen Abstand durch Mégret besiegt dern durch die Justizbehörden des Lan- nationalsozialistischen Diktatur. Keiner wurde dafür
worden war – eigentlich alle Legitimität des Baden-Württembergs selbst. Dass es jemals bestraft. Die meisten amtierten in den ersten
der Welt gehabt, um erneut gegen die hierzu kam und der Justizapparat in Be- Jahrzehnten der Bundesrepublik wieder an Gerichten
und anderen Justizbehörden.
MNR-Bürgermeisterin anzutreten. Doch wegung gesetzt werden konnte, ist dem
73 Menschen wurden allein aufgrund der Urteile
die Pariser Parteivorstände der Sozialde- Arbeitskreis Justiz und seiner jahrelan- des NS-Sondergerichts Mannheim hingerichtet.
mokratie wollten es anders, und stellten gen politischen Arbeit zu verdanken.
am 3. September Guy Obino (65) als offi-
ziellen PS-Kandidaten auf. Dabei spielte Das Denkmal steht in unmittelbarer Nähe ruhe Münchbach. Zur Enthüllung war auch
weniger die Frage der besten Strategie, um der Juristischen Fakultät der Universität, der Justizminister Goll (FDP) selbst anwe-
Mégret eine Niederlage beizufügen, eine des Amts- und des Landgerichtes Mann- send. Goll äußerte kritisch, dass gerade die
Rolle, sondern vielmehr die innerpartei- heim. Es wurde beauftragt und finanziert Aufarbeitung der NS-Verbrechen durch die
lichen Kräftegleichgewichte in Vorberei- vom Justizministerium des Landes Baden- Justiz bis in die 90er Jahre hinein nicht
tung des PS-Kongresses im Mai 2003. Der Württemberg und vorangetrieben vom Prä- stattgefunden habe. „Wir bekennen uns zu
Kreisverband des PS im Département von sidenten des Oberlandesgerichtes in Karls- unserer Mitschuld”, so Goll bei der Denk-
Marseille stellt 6.000 Voten für den Kon-
gress (auch wenn er real wahrscheinlich gaullist Christian Borelli, der ebenso um- Der einzige Faktor, der den Mégrets auf
nicht so viele Mitglieder hat ...). stritten wie vermutlich chancenlos ist, da der parteipolitischen Ebene gefährlich
Tichadou erklärte unterdessen, er fühle in Vitrolles die extreme Rechte längst das werden könnte, ist dabei die Spaltung der
sich durch ein Votum der fernen Partei- konservative Wählerpotenzial größeren- extremen Rechten selbst. Denn auch der
Technokraten nicht gebunden und werde teils aufgesogen hat – jedenfalls wenn es FN stellt eine eigene Liste auf – und sei es
trotzdem als freier Kandidat antreten. so bleibt. Aus den Reihen der Konserva- nur, um dem Chef des MNR einen definiti-
Denn falls er nicht kandidiere, dann sei die tiv-Liberalen tauchte dann aber noch ein ven Schlag zu versetzen, indem er in die
Linke nicht vertreten, „weil Obino ein Gegenkandidat zu Borelli auf, der Wirt- Niederlage gerissen wird.... Die FN-Liste
Mann der Rechten ist“. Tatsächlich ist O- schaftsliberale Henri-Michel Porte. Er wird von Claude Bourge geführt, einem
bino eigentlich ein Christdemokrat, der wird mittlerweile landesweit durch den ehemaligen Beisitzer der Bürgermeisterin
früher Sympathisant des Mitte-Rechts- Christdemokraten François Bayrou unter- von Vitrolles, der sich mittlerweile mit ihr
Parteienbündnisses UDF war. Allerdings stützt – den Chef des Mitte-Rechts-Partei- verkracht hat. Claude Bourge war bei den
behauptet er, sich wegen der rechtsextre- enbündnisses UDF, das sich soeben ge- Parlamentswahlen im Juni 2002 in Vitrol-
men Erfolge in Vitrolles dem PS angenä- spalten hat. Und zwar jenes Teils der UDF, les gegen Bruno Mégret angetreten, und
hert zu haben. Obino macht derzeit Wahl- der nicht direkt an der Regierung beteiligt hatte dabei 7 Prozent erhalten. Das hatte
kampf für „die Wiederherstellung der ist, weil er nicht in der neuen bürgerlichen immerhin ausgereicht, um den MNR-Chef
Staatsautorität mit der Inneren Sicherheit Einheitspartei UMP (der Präsidentenpar- vor dem zweiten Wahlgang aus dem Ren-
als Priorität“ und die Beseitigung „rechts- tei) aufgehen will. Der mittlerweile partei- nen zu werfen. Denn mit 18,58 Prozent der
freier Zonen“. Damit wird deutlich, wa- lose Bürgerliche Henri-Michel Porte wirft abgegebenen Stimmen (aber weniger als
rum einige PS-Funktionäre ihn vielleicht dem „offiziellen“ konservativen Kandida- den vorgeschriebenen 12,5 Prozent der
doch ganz gern als Kandidaten sehen wol- ten Borelli vor, dass er einen Wahlkampf à Wahlberechtigten) verfehlte jener das
len: Um nach rechts hin attraktiv zu wer- la „Mégret light“ betreibe. Tatsächlich be- Quorom, das ihm erlaubt hätte, in der
den, den Law & Order-Themen einmal müht auch Borelli sich darum, thematisch Stichwahl präsent zu sein.
mehr hinterherhechelnd. so weit nach rechts wie möglich auszugrei- Am allerbesten den Rechtsextremen ein
Aber auch die Bürgerlichen stellen sich fen. Womit rechts einiges Gedränge Bein stellen, können immer noch die
erfolgreich selbst einen Fuß: Als „offiziel- herrscht.... Rechtsextremen selbst.
ler“ Konservativer bewirbt sich der Neo- Feine Aussichten also. Bernhard Schmid, Paris ■

8 : antifaschistische nachrichten 20-2002


malsenthüllung. Im Jahre 1999 gab Dr. Wer- Radio aus Ruinen, ein vermeintlich her- mit welchen juristischen Winkelzügen und
ner Münchbach als neuer Präsident des renloses Möbelstück im Hof. Oder sie hat billigen Tricks sich die Juristen gegensei-
Oberlandesgerichts Karlsruhe dem Drängen mit gefälschten Brotmarken eingekauft. tig rein wuschen, sich zu „Mitläufern” er-
des Arbeitskreises Justiz nach und machte Über die Hälfte der Betroffenen haben sol- klärten. In notdürftig umformulierter NS-
die Errichtung eines Mahnmals „zum Anlie- che – heute würde man sagen: Bagatellde- Diktion bekräftigten sie ihre Terrorurteile.
gen der Justiz selbst”, nachdem jahrelang likte begangen – zum eigenen unmittelba- Oder sie verschwiegen ihre Mitarbeit am
die örtlichen Justizbehörden mit passiven ren Verbrauch. Das hatte damals ihre Ab- Sondergericht schlichtweg.
Blockadestrategien reagiert hatten. Er er- urteilung und Hinrichtung zur Folge: als Die meisten NS-Juristen haben ihre
klärte aus seiner Innensicht der Justiz die Si- „Volkschädling” und „Plünderer” oder – Karriere nach 1945 fortgesetzt oder bezo-
tuation so: „Erst die Wiedervereinigung mit wenn schon vorbestraft – als „Gewohn- gen ihre Pension. Viele hatten bis weit in
der ehemaligen DDR hat uns die Augen ge- heitsverbrecher”. Die anderen Verurteilten die 70er Jahre hinein maßgeblichen Ein-
öffnet und neue Sensibilität geweckt gegen- haben größeren Betrug, Unterschlagungen fluss auf die Justiz und Verwaltung von
über einer Perversion des Rechts”. Eigent- oder Gewalttaten begangen, die auch heute Mannheim und Umgebung. Albert Woll
lich kam es aber zu diesem Denkmal nur, da noch bestraft würden. Doch auch sie sind als Generalstaatsanwalt, Friedrich Mattern
ein kleiner Arbeitskreis von politisch enga- Opfer der NS-Justiz. Auch sie waren dem als Richter am Bundes-Gerichtshof oder
gierten Leuten in Mannheim, unter denen politischen Ziel der Nazis unterworfen, die Werner Munzinger als Regierungspräsi-
sich bezeichnenderweise keine JuristInnen „Volksge-meinschaft zu reinigen“ – wie es dent. Andere – inzwischen darf man sie so
oder HistorikerInnen befinden, in einer acht damals hieß - und die Herrschaft an der nennen – „furchtbare Juristen“ konnten an
Jahre währenden Arbeit, Dokumente und “inneren Front” aufrecht zu erhalten. den Hochschulen ihre Nachfolgegenera-
Archive gesichtet, die Justizbehörden zum Als „Panzertruppe der Rechtspflege” tion ausbilden.
Handeln gebracht hat sowie den Text des hat Freisler die Sondergerichte selbst be- Dass sie ihre Opfer jahrzehntelang wei-
Denkmals maßgeblich durchsetzen konnte. zeichnet. Mit einer Flut von Gesetzen und ter als “Täter” definiert haben, als gemeine
Der Arbeitskreis Justiz bildetete sich vor Verordnungen gelang es dem NS-Staat, Kriminelle, deren Bestrafung im Krieg
ziemlich genau acht Jahren. Damals standen sich innerhalb von wenigen Monaten ein „hart aber gerecht“ gewesen sei, ist Aus-
tagtäglich Demonstranten als Mahnwache reibungslos funktionierendes Justizsystem druck davon, wie nachhaltig die NS-Juris-
vor dem Landgericht in Mannheim. Das zu schaffen. Auch rückwirkende Anwen- ten ihren Terrorurteilen den Anstrich des
skandalöse Urteil im Fall des notorischen dung von Gesetzen war üblich, Bestrafung Legalen und des „Richtigen” gegeben ha-
Auschwitzleugners Deckert hatte weltweite ohne Gesetz nach „gesundem Volksemp- ben. Es geschah vor aller Augen – nach
Empörung hervorgerufen. Neun Monate finden”. Die Angeklagten hatten kaum ei- „gesundem Volksempfinden”. Während
harter Auseinandersetzungen und eines ein- ne Chance zur Verteidigung, das Urteil des sich die meisten Nachkriegsbürger als Ver-
zigartigen Schöffenstreikes hat es bedurft, Sondergerichts war sofort rechtskräftig. führte und Opfer der Nazis darstellten, leb-
bis die fortgesetzten Sympathieerklärungen Richter und Staatsanwälte dienten dem ten die von den Blutrichtern Verurteilten
des Richters Orlet für den damaligen NPD- System mit Eifer, persönlichem Engange- und deren Angehörige noch Jahrzehnte
Vorsitzenden verstummten. Orlet ist mit sei- ment und juristischer Kompetenz. Selbst lang in Scham und Demütigung. Sie wur-
ner beschleunigten Pensionierung einer unter Kriegsbedingungen gab es keine den nie als Opfer anerkannt. Erst im Mai
Richteranklage zuvorgekommen. Die viel- Nachlässigkeit, seitenlange Berichte und 1998 hat der deutsche Bundestag sich end-
fältigen Protestaktionen und eine große Au- x-fache Abschriften belegen das. lich dazu durchgerungen, auch die straf-
schwitz-Gedenkveranstaltung haben jedoch Die Akten offenbarten deutsche Gründ- rechtlichen Entscheidungen der Sonderge-
die örtliche NS-Justiz und ihr Verdrängen lichkeit und Vernichtungswillen: gehässige richte als politische Urteile anzuerkennen.
und Leugnen in die Diskussion gebracht. Schmier-Zettel der Denunzianten, men- Sie dienten der „Durchsetzung oder Auf-
Bekannt waren in Mannheim eigentlich schenverachtende Diktion der Anklage- rechterhaltung des Nationalsozialistischen
nur die Urteile des Volksgerichthofs gegen schriften, vernichtende medizinische Gut- Unrechtsregimes und verstoßen die gegen
die Männer und Frauen des politischen Ar- achten und Urteile, sowie akribisch verfas- die elementaren Gedanken der Gerechtig-
beiterwiderstandes, insbesondere die sog. ste Hinrichtungsprotokolle. Sogar die keit”. Die meisten Urteile wurden damit
Lechleiter-Gruppe. Vom NS-Sondergericht – Fahr-Kostenabrechnung des Scharfrichters pauschal aufgehoben. Diese Entscheidung
soweit es überhaupt erwähnt wurde – hieß und die Rechnung der Mannheimer Stadt- möchte u.E. einen Schlussstrich ziehen
es, dass dort die „allgemeine Schwerkrimi- reklame für das Aufhängen der roten Hin- und zu den Tätern wird weiterhin kein
nalität” abgeurteilt worden sei. richtungs-Plakate wurden in den Akten ab- Wort verloren.
Seit Herbst 1995 forschten einige Mitglie- gelegt. Nach Wissen des Arbeitskreises gibt es
der des Arbeitskreises in ihrer Freizeit am Das Durcharbeiten der Dokumente war in der Bundesrepublik bisher keine Ge-
Karlsruher Generallandesarchiv. Dort liegen bedrückend: In den Akten befanden sich denktafel, die im Text die Rolle der NS-
alle Akten der über 3000 Prozesse des auch Abschieds-Briefe aus den Todezellen. Täter in der Justiz und die Nachkriegsge-
Sondergerichts Mannheim. Der Arbeitskreis Es sind Originale, die abgeheftet wurden, schichte in dieser Deutlichkeit benennt.
konzentrierte sich auf die Erforschung der statt sie an Angehörige weiterzugeben. In Worte, die vor 20 Jahren noch als Verun-
Todesurteile, weil er wissen wollten, wer die den Akten sind auch Gnadengesuche von glimpfung der BRD durch „kommunis-
angeblichen „Schwerverbrecher” tatsächlich Verwanden und Freunden zu lesen, die tisch verblendete Ideologen” bestraft wur-
waren. Alle Todesurteile waren vor sieben kein Gehör fanden. Auch nach dem Ende den, so wie es einem Mitglied im Arbeits-
Jahren, zu Beginn der Recherchearbeit noch der Naziherrschaft wurden die Akten des kreis Justiz als Redakteur einer linken, al-
rechtskräftig. Die meisten der zum Tode ver- Sondergerichts weitergeführt. Selbst nach ternativen Stadtzeitung 1983 erging.
urteilten waren Leute aus einfachen Verhält- dem Krieg noch mussten Mitangeklagte Nun steht das Denkmal offiziell einge-
nissen. Junge Männer, Mütter kleiner Kin- ihre Haft- und Geldstrafen absitzen und weiht durch die Justizbehörden selbst als
der, ein älteres Ehepaar, Familienväter. Viele abbezahlen. Hinterbliebene mußten nach „Stachel im Fleisch der Justiz”, wie es der
waren selbst ausgebombt, obdachlos, Gele- 1945 noch Strafen und sogar die Kosten Festredner Prof. Steinbach nannte. Es hat
genheitsarbeiter. Manche waren bereits als für die Hinrichtung zahlen. In einem Fall acht Jahre gedauert, und der Arbeitskreis
„schwachsinnig” oder als „Zigeuner” abge- bis in die 60er Jahre. hat das Gefühl, seine Hartnäckigkeit hat
stempelt und erfasst. Auch Ausländer, sog. Keiner der beteiligten Juristen ist je sich gelohnt. Im Verhältnis zu den fast 60
„Fremdarbeiter” waren unter ihnen. strafrechtlich belangt worden. Nur vor den Jahren Vergessen, Verdrängen und Leug-
Und ihre Taten? Der eine hat ein paar Spruchkammern mussten sie sich rechtfer- nen ist das dann doch schnell gegangen.
Wurstdosen oder Kleidung aus einem zer- tigen. Diese Entnazifizierungs-Akten sind Barbara u. Heiner Ritter, MitarbeiterInnen
störten Keller mitgenommen, die andere ein inzwischen zugänglich. Es ist unglaublich, im „Arbeitskreis Justiz in Mannheim ■

: antifaschistische nachrichten 20-2002 9


: ausländer- und asylpolitik
der Sprecher der Karawane München.
Hintergrund: In der Pariser Basilika Saint
Denis fanden erst vor drei Wochen rund
130 Sans Papiers, MigrantInnen ohne
Asyl in Europa: Aufnahme ihren Wagen ziellos auf dem Platz hin- gültigen Aufenthaltsstatus, Schutz vor
statt Abschottung! und hergefahren, sagte Mocken. In dem staatlichem Zugriff. Der dortige Curé,
Zusammenhang werde auch der Vorwurf Bernard Berger, betonte, dass es sich
Die Innen- und Justizminister der 15 EU- der Untreue wegen des sachfremden Ein- nicht um eine Besetzung handele, son-
Staaten beraten zur Zeit in Kopenhagen satzes von Personal und Material auf dern dass die Sans Papiers in der Kirche
über Asyl- und Ausländerfragen. Neben Kosten der Stadtkasse geprüft. willkommen seien. Eine erste Kirchenbe-
den verschiedenen Vorschlägen der Kom- Wegen der Vorgänge waren mehrere setzung durch dreihundert Sans Papiers
mission für Regelungen im Asyl- und Strafanzeigen eingegangen. Außer dem in der Pariser Kirche Saint Bernard war
Einwanderungsbereich befasst sich der CDU-Politiker Erwin kämen auch weite- vor sechs Jahren gewaltsam beendet wor-
Ministerrat auch mit dem Thema Integra- re Mitarbeiter der Stadt als Verantwortli- den. In München war die symbolische
tion von Einwanderern. Außerdem geht che in Betracht, sagte Mocken. Die Besetzung der Kirche Auftakt eines Ak-
es um Rückkehrhilfen für afghanische Staatsanwaltschaft führte als Beweismit- tionswochenendes zur Sans Papiers Be-
Flüchtlinge. Doch die Vorzeichen sind tel auch eine Pressemitteilung der Stadt wegung anlässlich des Aufenthalts der
ungünstig: Besonders die deutsche vom 13. August an. Aus ihr gehe hervor, Karawane in München.
Bundesregierung blockiert alle Initiati- dass die Stadt nicht das Ziel gehabt habe, Bayerischer Flüchtlingsrat ■
ven, die zu mehr Menschenrechten für Blumen zu pflegen, sondern die Ver-
Flüchtlinge und MigrantInnen führen sammlung zu vereiteln. Erwin hatte die Abschiebung gestoppt
könnten. Stattdessen wird der Kurs einer Vorwürfe zurückgewiesen
massiven Abschottung gegenüber „uner- Die Thematik um die Roma und ihre Göttingen. Das Verwaltungsgericht
wünschter“ Einwanderung und der Aus- Forderung nach einem Bleiberecht be- Göttingen hat die für den 5. September
grenzung von Menschen weiter fortge- schäftigt Stadt, Polizei und Land schon d.J. geplante Abschiebung der zwölfköp-
setzt. Besorgniserregend sind auch die seit einiger Zeit. Vor einigen Wochen war figen Familie Salame aus Northeim bei
geplanten Verhandlungen zwischen den der Streit zwischen Erwin und Bezirksre- Göttingen gestoppt. In der Presseerklä-
EU-Ministern und dem US-Justizminis- gierung eskaliert, Regierungspräsident rung des Gerichts vom 3. September
ter Ashcroft. Dabei soll es um die Zu- Jürgen Büssow (SPD) hatte Erwin Ta- heißt es: „Nach aktuellen fachärztlichen
sammenarbeit gegen den „Terrorismus“ schenspielertricks und Intoleranz gegen- Attesten leidet die Ehefrau an einer
gehen. Es kann aber nicht sein, dass sich über ethnischen Minderheiten vorgewor- schweren Depression, die sich im Fall der
die US-Regierung ständig völkerrechts- fen. Diese Vorwürfe nahm er allerdings Abschiebung in die Türkei verschlim-
widrig verhält (Beispiele: Irak-Krise, bei einem „Behörden-Gipfel“ zurück. Ein mern wird. Soweit der Landkreis Nort-
Völkerstrafgerichtshof) und dabei von Sprecher der Bezirksregierung stellte je- heim davon ausgegangen ist, dass die
Europa noch unterstützt wird. Ausliefe- doch klar, dass nach wie vor geprüft wer- psychische Erkrankung der Frau in der
rungen darf es beispielsweise nur geben, de, ob der Oberbürgermeister die Ver- Türkei behandelt werden könne und des-
wenn die Betroffenen auch menschen- sammlungsfreiheit der Roma behindert halb eine konkete Gefährdung nicht be-
rechtskonform behandelt werden. Nie- habe. stehe, beurteilt das Gericht dies anders“.
mand darf von Europa nach Guantanamo DuesseldorfToday, 2.9.2002 Notwendige psychotherapeutische Maß-
geschickt werden. Sonst bräche die EU Die ganze Auseinandersetzung ist do- nahmen seien dort nicht gewährleistet
ihre eigenen Grundprinzipien. kumentiert bei www.zakk.de/kok/ ■ oder sogar ausgeschlossen. Die Abschie-
Ulla Jelpke ■ bung dürfe wegen der akuten Selbst-
Kirche bietet Zuflucht für mordgefahr bei der Ehefrau aus gesetz-
Ermittlungen gegen OB lichen Gründen nicht durchgeführt wer-
Illegale den. Wegen des grundrechtlichen Schut-
Erwin eingeleitet München. In der Kirche St. Johannes zes von Ehe und Familie gemäß Artikel 6
Düsseldorf. Die Düsseldorfer Staatsan- am Preysingplatz 1, 81667 München fin- des Grundgesetzes besteht damit auch für
waltschaft prüft, ob Oberbürgermeister den seit dem 6. September 2002, Flücht- den Ehemann ein Abschiebungshinder-
Erwin seine Stellung als Amtsträger linge symbolisch Aufnahme und Schutz nis. Bereits vor dem ersten Abschiebeter-
missbraucht und Demonstrationen der vor der bayerischen Abschiebepraxis. min am 22. August hatten mehr als 200
Roma verhindert hat. Anknüpfend an die Kirchenbesetzun- Personen eine Solidaritätserklärung in
Hintergrund des Verfahrens ist das Ver- gen in Frankreich soll mit dieser Aktion der Regionalzeitung unterzeichnet, dar-
halten Erwins gegenüber den demonstrie- die Solidarität von Kirchengemeinden unter der Regionsvorsitzende des DGB
renden Roma in Düsseldorf. Bereits im und anderen zivilgesellschaftlichen sowie Abgeordnete und Kandidaten von
August hatte die Düsseldorfer Staatsan- Gruppen mit Flüchtlingen demonstriert Grünen und PDS. Auch der Göttinger
waltschaft eine Prüfung angekündigt. So werden. In St. Johannes findet keine „Be- Fraktionsvorsitzende der FDP hatte sich
soll Erwin rechtswidrig städtische Arbei- setzung“ der Kirche statt. Pfarrer Mon- für ein Bleiberecht ausgesprochen. Zu-
ter zur Grünpflege am Rathaus beordert ninger heißt die Menschen ohne sicheren sätzlich hatte sich die Ärztekammer
haben, um eine Demonstration der Roma Aufenthalt in der Kirche willkommen Niedersachsen wegen der Reiseunfähig-
auf dem Marktplatz zu verhindern und und unterstützt ihre Forderung nach keit der Eltern geweigert, die Abschie-
den Staufenplatz, auf dem die Roma ihr grundlegenden sozialen Rechten und ei- bung der Familie ärztlich zu begleiten.
Lager aufstellen wollten, ohne Not zur ner Rückkehr zu einer menschenwürdi- Dem Urteil des Verwaltungsgerichtes
Baustelle erklärt haben. gen Flüchtlings- und Migrationspolitik. vorausgegangen war ein langwieriger
So sei auf dem Staufenplatz anstelle „Wir appellieren an die fortschrittlichen Streit über die Nationalität der Familie
von „dringenden Kanalarbeiten“ vorwie- Kräfte der Kirche, sich für die Belange Salame, der auch jetzt noch nicht beendet
gend lediglich Baumaterial abgeladen der Flüchtlinge einzusetzen, wie dies be- ist. Nach eigenen Angaben war die Fami-
worden. Auf dem Rathausplatz hätten die reits im Kirchenasyl geschehen ist. Wir le Anfang der achtziger Jahre vor dem li-
meisten städtischen Mitarbeiter anstelle fordern alle auf, uns Respekt zu zeigen banesischen Bürgerkrieg über Syrien und
der Vorgabe, dort Blumen zu pflegen, „ta- und uns im Kampf für unsere Grundrech- die Türkei geflohen. Dort konnten sich
tenlos herumgestanden“, oder seien mit te zu unterstützen“, sagt Akapo Doussou, die Familienmitglieder Pässe beschaffen,

10 : antifaschistische nachrichten 20-2002


mit denen sie die Flucht fortsetzten und
1988 in Deutschland landeten. Die Fa- Die Rückkehr der Sans-papiers
milie gehört zu einer Gruppe von mehr
als 100 Flüchtlingen im Landkreis Nor- als gesellschaftliche Bewegung
theim, deren Vorfahren nach Angaben Am Anfang fehlte es vor allem an setzt gewesen. Die Hauptursache dafür lag
des AK Asyl seit den 20er Jahren aus Information. Am Rande einer De- wohl in der geschickten Politik des „Teile
dem türkischen Teil Kurdistans geflo- monstration auf dem Pariser Platz und herrsche“, welche der linksnationalisti-
hen waren, um der Verfolgung als arabi- der Menschenrechte am 1. September lie- sche Innenminister Jean-Pierre Chevène-
sche Minderheit zu entgehen. Nach der ferten sich einige afrikanische und chinesi- ment zwischen 1997 und 2000 eingeführt
Flucht seien die Personen z.T. über Drit- sche Immigranten handgreiflichen Streit. hatte.
te und ohne das Wissen der Betroffenen Der Grund waren die Flugblätter, die eine Eine breite Bewegung aus Selbstorgani-
als türkische Staatsangehörigkeit ex-maoistische „Organisation politique“, sationen der Sans-papiers und Unterstütze-
weitergeführt worden. Im Februar d.J. sie versucht seit einiger Zeit vor allem unter rInnen– aus der Linken, aber auch unter
Immigranten zu agitieren, Minuten zuvor Beteiligung von prominenten Künstlerin-
war der erste Prozess gegen eine Fami- verteilt hatte. Handelte es sich um die er- nen und Intellektuellen – hatte Mitte der
lie aus dem Landkreis eröffnet worden, sehnten Papiere, in die man sich einschrei- Neunziger Jahre die konservative Vorgän-
weil die Beschuldigten gegen das Aus- ben musste, um Aufenthaltstitel von Behör- gerregierung von Alain Juppé unter erheb-
ländergesetz verstoßen haben sollen. Ih- den zu bekommen? Hatten die Dokumente lichen Druck gesetzt. Die gesellschaftliche
nen wird vorgeworfen, Anträge auf Ver- amtlichen Wert? Viele schienen es zu glau- Solidarität, die sich rund um die Sans-pa-
längerung ihrer Aufenthaltsgenehmi- ben, und falteten die – nach dem Gerangel piers bildete, hatte am Ende sogar zu nicht
gung mit ihrem – angeblich falschen – teilweise zerrupften – Blätter sorgfältig in unerheblichen Teilen zur Niederlage der
arabischen Namen unterzeichnet zu ha- ihre Tasche. Einige sind des Lesens unkun- Juppé-Regierung beigetragen. Denn ange-
ben. kb ■ dig. sichts einer breiten Front sozialer Wider-
Das war vor wenigen Wochen. Inzwi- stände, die sich zwischen 1995 und 1997
schen hat sich die Bewegung sichtbar poli- auftat, hatte das Mitte-Rechts-Kabinett am
Keine Kürzung des Mutter- tisiert, und die meisten Hauptbetroffenen Schluss vor allem auf die rassistische Karte
sprachlichen Unterricht! haben verstanden, was es bedeutet, sich in gesetzt. Neue repressive Ausländergesetze
einem Kollektiv „papierloser“ oder, nach sollten verlorene Sympathie zurückbringen
Düsseldorf. NRW will im neuen Lan- herrschender Diktion, „illegaler“ Einwan- und die Angstgefühle von Teilen der Bevöl-
deshaushalt 450 Stellen für den Mutter- derer zu engagieren. In
sprachlichen Unterricht streichen. Das allen Versammlungen
heißt: 1/3 aller muttersprachlichen Stel- und Demozügen wer-
len werden abgebaut, der Muttersprach- den kollektive Forde-
liche Unterricht in NRW wird massiv rungen artikuliert, und
bedroht. Dieses Vorhaben der Landesre- die Illusionen über
gierung widerspricht allen Erkenntnis- eine rasche individuel-
sen aus der PISA-Studie. Darin ist noch le Regelung sind ver-
einmal deutlich gemacht worden. Die flogen.
Erfolge der „PISA-Spitzenreiter“ beru- Sichtbar ist der Sin-
hen u. a. auf der systematischen Erzie- neswandel vor allem in
hung zur Mehrsprachigkeit: Zweispra- der chinesischen Im-
migrationsbevölkerung. Sie galt bis vor ei- kerung schüren. Doch das Heraustreten der
chige Kinder lernen Sprachen be-
nigen Jahren als die stillste und unauffällig- „Illegalen“ aus der Anonymität und ihr
sonders schnell und problemlos, wenn ste Immigrantengruppe, die meist unter sich Auftritt als selbstbewusste Subjekte, statt
der sprachliche Unterricht koordiniert blieb und sich von politischer Betätigung als vermeintliche anonyme Bedrohung, er-
ist und aufeinander aufbaut, wenn die eher fernhielt. Einer der Gründe liegt darin, laubte Identifikation mit ihrem Kampf. Die
Kinder auf ihre Muttersprache zurück- das die chinesischen illegalen Einwanderer Rechnung Juppés und seines Innenminis-
greifen können. vor allem durch Familienangehörige ausge- ters Jean-Louis Debré ging nicht auf. Die
Das Vorhaben der Landesregierung beutet werden, in Kleinbetrieben und Res- Rechte provozierte Neuwahlen und lief in
darf nicht verwirklicht werden, denn taurants, um die Reisekosten abzubezahlen. die Niederlage.
wir können heute schon sagen: Der Ab- Doch die Stille ist vorbei. Seit 1996 haben Doch nach dem Regierungswechsel im
bau des Muttersprachlichen Unterrichts sich mehrere Generationen von Kollektiven Juni 1997 praktizierte Chevènement eine
bedeutet eine deutliche Verschlechte- „illegaler“ chinesischer Einwanderer gebil- geschickte Politik des Auseinanderdividie-
rung der Bildungschancen der Migran- det. Auch die neueste Mobilisierung hat rens. Eine allgemeine „Legalisierungsope-
ten. wieder zu einem gewissen Politisierungs- ration“ für alle ImmigrantInnen ohne gülti-
Wir fordern deshalb die Landesregie- schub geführt. Auf Französisch und Chine- gen Aufenthaltstitel sollte es nicht geben,
sisch werden Demoparolen skandiert. wie dies noch unter der Linksregierung
rung auf, die Ergebnisse der PISA-Stu- „Die Rückkehr der Sans-papiers“ überti- 1981 der Fall war – damals waren 132.000
die wirklich ernst zu nehmen: telte die Pariser Abendzeitung ‘Le Monde’ „illegale“ Einwanderer zu Aufenthaltstiteln
● Keine Kürzung der Stellen für den ihre Ausgabe vom 31. August. Damals war gekommen. Dieses Mal sollte es vielmehr
Muttersprachlichen Unterricht! die Kirchenbesetzung durch „papierlose“ eine Einzelfallprüfung geben.
● Nutzung der Stellen für den Mut- Immigranten in der Pariser Vorstadt Saint- Insgesamt erhielten von 150.000 Antrag-
tersprachlichen Unterricht für eine sys- Denis zwei Wochen alt. Tatsächlich hat die steller unter der Jospin-Regierung gut die
tematische Einführung von Program- Bewegung der papierlosen Einwanderer in Hälfte die ersehnte „Legalisierung“, die an-
men zur zweisprachigen, koordinierten Frankreich in den letzten anderthalb Mona- dere Hälfte ging leer aus – damit sollte eine
Alphabetisierung und zur Koordinie- ten einen spürbaren Neuaufschwung ge- Botschaft an die linke wie an die rechte
rung des Sprach- und nommen Die Pariser Großdemonstration Wählerschaft gleichzeitig ausgesandt wer-
Sachunterrichts vom 7. September wurde mit 12.000 Teil- den.
in der Se- nehmern ein großer Erfolg. Die Kollektive und Koordinationen der
kundar- Sans-papiers wurden dadurch erfolgreich
Von der Rechts- zur Links- zur neuen gespalten. Das heißt nicht, dass es in den
stufe! Rechtsregierung letzten Jahren keine Kämpfe gegeben hätte.
In den vorangegangenen drei Jahren war Vor allem auf regionaler Ebene blieben
LAGA die Sans-papiers-Bewegung Zersplitte- „harte Kerne“ der Sans-papiers-Bewegung
NRW ■ rungs- und Erosionserscheinungen ausge-

: antifaschistische nachrichten 20-2002 11


sehr aktiv. Auf landesweiter Ebene aber alle „illegalen“ Einwanderer aufnehmen stellt wurde. Dieser kann inzwischen in
war die Bewegung zugleich zersplittert. könne, die bald auch aus anderen Städten mehreren europäischen Sprachen auf der
und Départements herbeiströmten. Homepage des GISTI (www.gisti.org) her-
Neue Bewegung im August 2002 Die Einschreibung in die Listen der untergeladen werden.
Das änderte sich jetzt, am Ende des Hoch- Sans-papiers-Kollektive wurde daraufhin Hingegen sind die eher KP-nahe Anti-
sommers 2002. Am 17. August besetzten nach Paris verlagert, wo sie in den ersten rassismusbewegung MRAP und die halb-
Sans-papiers die große Basilika von Saint- Septembertagen in der Bourse du travail - linke Liga für Menschenrechte (LDH) der-
Denis. Dies geschah mit dem Einverständ- dem Gewerkschaftshaus – stattfand. An ei- zeit mit dem Regierungsvorgehen der Ein-
nis des Priesters in dem Dom, unter dem nem einzigen Tag trugen sich 3.000 Papier- zelfallprüfung noch einverstanden. Sie for-
mehrere Generationen französischer Köni- lose ein : Maghrebiner, Afrikaner, Chine- dern freilich, eine möglichst große Zahl
ge beerdigt sind – weshalb es Ende August sen. Zugleich fanden vom 3. September an von Aufenthaltstiteln zu erteilen. Auf allge-
auch mehrmals zu handgreiflichen Ausein- jeden Tag Protestdemonstrationen vor den meine Kritik stieß aber die Äußerung des
andersetzungen mit rechten monarchisti- Präfekturen in den verschiedenen Bezirks- Vorsitzenden von SOS-Racisme, einer der
schen Gruppierungen kam, die eine solche hauptstädten im Großraum Paris statt. Da- Sozialdemokratie nahestehenden Vereini-
„Schändung der Königsgruft“ beklagten. bei wurden erste Listen von Antragstellern gung: Malek Boutih hatte in einem Zei-
Die Kirche hingegen unterstützte, aus hu- aus dem jeweiligen Département überge- tungsinterview (mit ,Libération‘ vom 7.
manistischen Motiven, die Besetzung - das ben, deren „Legalisierung“ gefordert wird. September) erklärt, er sei gegen eine allge-
war eine Eigeninitiative der Gemeinde in Inzwischen haben sich 16.000 Migranten meine Legalisierung, da dies „eine Sogwir-
der Pariser Vorstadt Saint-Denis, aber in namentlich bekannt gemacht, die Aufent- kung nach Frankreich“ schaffe. Von Soli-
offiziellen Stellungnahmen sprach auch die haltstitel in Frankreich fordern. darität ist das ziemlich weit entfernt. Inner-
Hierarchie einem humanistischen Umgang Der neokonservative Innenminister Ni- halb der sozialdemokratischen größten Op-
mit den Sans-papiers das Wort. colas Sarkozy hat zugesichert, eine erneute positionspartei herrscht eher betretenes
Der Gemeindepriester des Doms von „Einzelfallprüfung“ – wie unter der Vor- Schweigen, die wenigen öffentlichen Äu-
Saint-Denis, Bernard Berger, ist deswegen gängerregierung in den späten 90er Jahren ßerungen fordern ebenfalls eine Einzelfall-
am 15. September durch Rassisten tätlich – vorzunehmen, und dabei auch auf indivi- Entscheidung.
angegriffen worden, die ihm explizit die duelle „schwierige Situationen“ ein beson- Der neue Aufschwung der Bewegung
Aufnahme der Sans-papiers vorwarfen. deres Augenmerk zu haben. Denn Sarko- hat auch damit zu tun, dass viele Immi-
Circa 10 junge Aktivisten besprühten ihn zys derzeitiger Albtraum ist es, dass sich granten sich durch die neue Rechtsregie-
während der Sonntagsmesse mit Tränen- die Solidaritätsbewegung erneut derart aus- rung stärker bedroht fühlen – will diese
gas, Rasierschaum und Tinte. Sie hinterlie- breitet wie unter der Juppé-Regierung doch die Asylverfahren künftig radikal
ßen Flugblätter, in denen Berger als „Kol- 1996/97. straffen und in der Folge Kollektivabschie-
laborateur der Invasion“ bezeichnet wurde Der Innenminister spielt daher auf Zeit. bungen, notfalls mittels Charterflügen,
und die mit „Unité amicale“ (Freundschaft- Eine bestimmte Anzahl individueller „Le- wieder einführen. 103 Sans-papiers sind in
liche Einheit) unterzeichnet waren - eine galisierungen“ dürften dabei wohl heraus- den vergangenen Wochen tatsächlich abge-
durchsichtige Anspielung auf im August kommen, das Gesamtproblem aber wird es schoben worden. Unter ihnen sind zwei der
verbotene Neonazibewegung Unité radica- nicht lösen. Zumal Sarkozy gleichzeitig Teilnehmer des Fußmarschs der Sans-pa-
le (Einheit der Radikalen). auch Fakten für eine härtere Abschottung piers vom März und April dieses Jahres:
Wie sich bei der polizeilichen Verneh- gegenüber „illegalen“ Immigranten schafft. Abdelhak Bougherara aus Valence, und
mung am Montag (16. September) heraus- Diesem Zweck diente seine Reise nach Bu- Ahmed Merabet aus Lyon.Damals hatten
stellte, waren alle vier identifizierten karest am 30. August 02, wo er mit der ru- 60 „illegale“ Immigranten, darunter viele
Haupttäter Mitglieder oder aktive Symap- mänischen Regierung über Rücknahmebe- Algerier, Frankreich von Marseille bis
thisanten von Unité radicale. Zugleich be- dingungen für „illegale“ Migranten disku- nach Paris zu Fuß durchquert, um öffentli-
zeichneten sie sich bei ihrer Vernehmung tierte. Und im Vorfeld der Tagung des EU- che Aufmerksamkeit zu schaffen. Bei ih-
als „dem MNR (von Bruno Mégret) nahe Ministerrats in Kopenhaen (vom 12. bis rer Ankunft in Paris am 27. April standen
stehend“. Einer von ihnen war MNR-Parla- 14. September 02, unter der Ratspräsident- sie plötzlich an der Spitze eines Demon-
mentskandidat im Département Yvelines, schaft der dänischen Rechts-Rechts-Regie- strationszugs von 60.000 Menschen, weil
dem Bezirk von Versailles (bei Paris). Am rung) wandte Sarkozy sich an seine euro- der Rechtsextremist Le Pen eine Woche
18.9. wurde ein Strafverfahren gegen die päischen Innenminister-Kollegen. Er zuvor ein hohes Wahlergebnis erreicht
vier eröffnet. Die Nationale Koordination schlug ihnen eine stärkere Koordinierung hatte. Das war im Frühjahr. So stark sind
der Sans-papiers verurteilte die Aggression der Regeln zur Bekämpfung „illegaler“ die Proteste derzeit nicht.
in einer offiziellen Stellungnahme und Einwanderung vor. Insbesondere sollten Die nächste Pariser Großdemonstration
führte am Abend des 16.9. eine Solidari- die EU-Regierungen sich über eine ge- zugunsten der Sans-papiers findet am
tätskundgebung vor der Basilika von Saint- meinsame Linie bei der Rückkführung af- Samstag, 19. Oktober statt. Am Vormittag
Denis durch. ghanischer Flüchtlinge verständigen. des 15. September, einem Sonntag, wurde
Im August hatte die Koordination der Frankreich will, so Sarkozy, EU-weit die zudem die Kirche Saint-Ambroise im 11.
Sans-papiers im Département 93 (Bezirk Führerschaft bei Ausweitung kollektiver Pariser Bezirk besetzt – ein symbolträchti-
von Saint-Debis, nördlich an Paris angren- Abschiebungen übernehmen. ger Ort: An dieser Stelle hatte im März
zend) die „illegalen“ Einwanderer aufge- 1996 die erste Besetzungsaktion stattge-
fordert, sich in der Kirche in Listen einzu- Streit unter den Solidaritätsvereini- funden, welche die damalige Sans-pa-
tragen, um einen kollektiven Antrag auf gungen piers-Bewegung ins Rollen brachte. Wie
Aufenthaltspapiere zu stellen. Der „harte Die antirassistischen und solidarischen damals lehnt aber die stockkonservative
Kern“ derer, die da kommen, besteht aus Vereinigungen sind derzeit gespalten. Die örtliche Kirchengemeinde die Besetzung
Leuten, die der „Legalisierungsoperation“ nationale Koordination der Sans-Papiers durch die „papierlosen“ Einwanderer ab,
unter der Jospin-Regierung leer ausgingen. und die Rechtsberatungsgruppe für Immi- anders als in der Basilika der Vorstadt
Freilich sind in den letzten vier Jahren granten GISTI fodern eine „allgemeine Le- Saint-Denis. Wie 1996 war daher eine ra-
auch neue „illegale“ Einwanderer dazuge- galisierung“ und verwerfen die Einzelfall- sche polizeiliche Räumung zu befürchten
kommen, daher die anfänglichen Probleme prüfung als Lösung. Der GISTI hat in die- – aber die Besetzer gingen nach wenigen
mit der Unerfahrenheit von Betroffenen. sem Zusammenhang die Initiative zu einer Stunden von allein. Die örtliche Kirchen-
Doch die Besetzer wurden alsbald vom europaweiten Offensive ergriffen. Am vori- gemeinde versprach darauf hin, sich beim
Erfolg ihrer Bewegung überrollt. Nachdem gen Freitag, dem 13. September, hielt der Pariser Erzbischof Jean-Marie Lustiger
über 1.000 Sans-papiers sich eingetragen GISTI zusammen mit einer britischen und dafür zu verwenden, dass dieser sich bei
hatten, wurde am 30. August die Besetzung einer portugiesischen Antirassismus-Orga- der Regierung für die Sans-papiers ein-
der Basilika abgebrochen, infolge eines nisation eine Pressekonferenz ab, auf der setzt. Das Ergebnis ist erst einmal nicht
Abkommens mit dem Gemeindepriester ein gemeinsamer Aufruf von 20 Organisa- sehr greifbar. Doch die symbolisch wichti-
Bernard Berger. Denn man war zu der An- tionen zur EU-weiten „Legalisierung“ aller ge Handlung bleibt. Bernhard Schmid ■
sicht gelangt, dass der Dom allein nicht so genannten illegalen Einwander vorge-

12 : antifaschistische nachrichten 20-2002


: neuerscheinungen, ankündigungen

Terror und Im zweiten Buch setzt sich schen gesellschaft-


ein einziger Autor, der PDS- lichen Situation. In ih-
Neue Welt- Bundestagsabgeordnete Win- rer fundamentalisti-
fried Wolf, aus anderer Per- schen Ausprägung
ordnung spektive mit Hintergründen aber treten sie auf mit
Zwei neue Bücher beleuch- und Folgen der Attentate vom dem Anspruch, die ab-
ten Hintergründe und Kon- 11.9. auseinander. Seine solute Wahrheit zu be-
sequenzen der Attentate Schwerpunkte sind: Drahtzie- sitzen. Sie dulden kei-
vom 11.9.2001 her internationaler Konflikte, ne Abweichungen.
Triebkräfte im „Krieg gegen Darin aber liegt eine
Der Jahrestag ist vorü- den Terrorismus“, Bundesre- Tendenz zur Radika-
ber. Es gab kein Jubi- publik Deutschland im Krieg, lität bis hin zu extre-
läumsattentat, die Äng- Kommende Kriege und not- mer Gewaltbereit-
ste vor Wiederholungsakten wendige Gegenwehr. schaft. An mehreren
lösen sich und man geht wie- Beide Bücher zusammen Beispielen zeigt Bütt-
der zur Tagesordnung über. Je- bieten mit ihren unterschied- ner auf, dass unter
denfalls sieht der private All- lichen Herangehensweisen in Muslimen „dort, wo
tag, thematisch bestimmt von wissenschaftlicher wie in po- ihnen mit politischer
den ständig neuen Akzenten litischer Hinsicht ein komple- Repression begegnet
einer schnelllebigen Medien- xes Bild mit kompetenten wird, ... Radikalität, Islamische Staaten im Blick
landschaft, für die meisten Einschätzungen und gut re- Gewaltbereitschaft und Nach-
kaum anders aus als vor den cherchierten Hintergrund- wuchs für den dann ,heiligen Guido Steinberg, Islamwis-
Terroranschlägen vom 11.9. informationen. Krieg’“ wachsen. senschaftler an der FU, zeigt
Auf politischer Ebene hin- Gefahren des Fundamen- Stefan Rosiny, Islamwis- die tiefe Widersprüchlichkeit
gegen besteht keineswegs der talismus senschaftler an der FU, stellt der saudi-arabischen Politik
status quo ante. Sie ist ent- ein grundsätzliches „Bemü- auf, die im noch bestehenden
scheidend geprägt durch den Bei Aretin u.a. werden Hinter- hen, den Islam als Religion Bündnis mit den USA und an-
„Krieg gegen den Terroris- gründe der Anschläge vom und als Herrschaftsbereich dererseits einer vorherr-
mus“, von den USA als lange 11.9.01 vor allem durch Her- auszubreiten“ fest, das jedoch schenden radikal-puritani-
andauernd, umfassend und ausarbeiten der möglichen nicht zwangsläufig mit krie- schen Interpretation des Is-
tiefgreifend angekündigt. Die Beziehung zwischen Islam, gerischen Mitteln verfolgt lam, der Wahhabiya, mit der
aktuelle globale Gemengelage Fundamentalismus, Islamis- wird. Er zeigt aber auf, dass expliziten Zielsetzung welt-
soll nach den Intentionen der mus und Heiligem Krieg auf der Koran durchaus Ansatz- weiter Verbreitung liegt. Die
Bush-Administration verstan- der einen und terroristischen punkte für militante Interpre- noch weiter zunehmende anti-
den werden als Anfangsphase Tendenzen auf der anderen tationen bietet. In diesen Zu- amerikanische Stimmung im
eines ebenso lang andauern- Seite sowie durch umfassende sammenhang stellt er eine Land schlägt sich aber mehr
den, umfassenden und tief- Informationen über die jüng- 1998 als Fatwa ausgegebene und mehr in einem außenpoli-
greifenden Transformations- sten Entwicklungen und die Verlautbarung von Usama bin tischen Umschwung des sau-
prozesses, an dessen Ende aktuelle Lage in Saudi-Ara- Laden und 4 weiterer Islamis- dischen Regierungskurses
eine neue Weltordnung steht, bien, Pakistan und Afghani- ten mit dem „Urteil, die Ame- nieder, der auch die billigende
in der die eindeutige globale stan erhellt. rikaner und ihre Alliierten, Zi- Inkaufnahme einer Ver-
Vorherrschaft der USA unbe- Friedemann Büttner, Poli- vilisten und Militärs gleicher- schlechterung der Beziehun-
streitbar und unumkehrbar ist. tologe an der Berliner FU, maßen zu töten“. gen zu den USA umfasst.
Dieser Prozess, seine sieht in den Anschlägen des Rosiny führt den „wach- In Pakistan sieht Markus
Hintergründe und Zielsetzun- 11.9. ein „Ereignis..., bei dem senden Einfluss islamistischer Daechsel, Historiker an der
gen sind Gegenstand zweier sich Religion, Politik und Ge- Laien wie bin Laden“ auf den Londoner Universität, einen
Bücher, die hier vorgestellt walt zu einem Knäuel von „Legitimationsverlust der Re- krassen Widerspruch zwi-
werden sollen: Motiven und Handlungen ver- gime in der Region“ und den schen dem Anspruch einer
bunden haben“. Er spricht von „Autoritätsverlust der staats- „islamischen Groß- und
Felicitas von Aretin/Bernd Zielen, die mit verbrecheri- nahen, als regimetreu wahrge- Atommacht“ und der „täglich
Wannenmacher (Hrsg.): schen Mitteln verfolgt und nommenen Theologen“ zu- erfahrenen Unzulänglichkeit
Weltlage – der 11. Septem- „mit religiösen Argumenten rück. Solche militanten Laien des Landes“. Das Erleben die-
ber, die Politik und die Kul- gerechtfertigt wurden, in der finden im Islam „ein reichhal- ses Widerspruchs ist verbun-
turen. Leske+Budrich 2002 Richtung aber politisch“ wa- tiges Repertoire an Texten den mit dem verbreiteten
und: ren. Jegliche Form eines reli- und Symbolen, die sich als Empfinden, dass die Muslime
Winfried Wolf: Afghani- giösen Fundamentalismus Versatzstücke mißbrauchen weltweit „Opfer westlich-jü-
stan, der Krieg und die birgt nach Büttner die Gefahr und zu gewalttätigen Lehren discher Unterdrückung“ seien.
neue Weltordnung. Konkret terroristischer Gewalt aus kombinieren lassen“. Ab- In Pakistan ist es nur sehr
Literatur Verlag 2002 dem „Impuls, sich an den schließend mahnt er: „Weitere schwer möglich, die Grenzen
Fundamenten der religiösen Anschläge lassen sich nur „zwischen einem säkularen
In der „Weltlage“ stellen Wis- Traditionen zu orientiern“ und verhindern, wenn die Ursa- Nationalismus und einem wie
senschaftler aus unterschied- dem „Wunsch nach Glaubens- chen der tiefen Unzufrieden- auch immer gearteten Funda-
lichsten Disziplinen in 15 gewissheit und Nähe zu heit angegangen werden, die mentalismus“ auszumachen.
Aufsätzen ihre Sicht der Gott“. Muslime sind grund- Menschen dazu veranlassen, Daechsel konstatiert viel-
Hintergründe und der Aus- sätzlich offen in der Suche sich von solch Menschen ver- fältige Gefahren eines Ausein-
wirkungen des 11. September nach Antworten auf die achtenden Lehren verführen anderbrechens des Landes. Er
dar. Grundfragen ihrer spezifi- zu lassen.“ befürchtet, „dass sich die so-

: antifaschistische nachrichten 20-2002 13


ziale und politische Unzufrie- Pipeline-Projekte und -Optio- ket der politischen Reaktionen richtet sind. In diesen Zu-
denheit auf dramatische Weise nen die USA mit diesem Inter- der Bush-Administration auf sammenhang stellt Wolf die
entladen wird“ und prognosti- esse ins Hintertreffen. Schon den 11.9. eine „klare Macht- Zinspolitik der USA – elfmali-
ziert, dass dabei „der Islam als in dieser Phase reiften in herr- und Kompetenzverlagerung ge Senkung von 6,5 auf 1,75
politische Sprache eine große schenden Kreisen der USA hin zur Exekutive, mit einem % in wenigen Monaten –, die
Rolle spielen“ wird. entsprechend militante Abhil- viel stärkeren Präsidenten“ allgemeine Haushaltspolitik
Afghanistan sieht Fred feerwägungen. So sprach der aus. Er beklagt dessen deut- mit einem Konjunkturpro-
Scholz, Entwicklungsländer- frühere Sicherheitsberater lichen Mangel an Bereitschaft gramm im Umfang von 3 %
Experte an der FU, im 19. und Brzezinski vom „eurasischen zu internationaler Koopera- des Bruttosozialprodukts und
im größten Teil des 20. Jahr- Balkan“ als einem „ökonomi- tion: „Die Amerikaner sind da- vor allem das nie zuvor dage-
hunderts als Spielball „der schen Filetstück, das durch bei, die nach dem Attentat zu- wesene Volumen der Aufsto-
konkurrierenden Interessen Ausnutzen und Verschäfen nächst gewonnene internatio- ckung des Rüstungshaushalts
Groß-Britanniens, später auch ethnischer Konflikte angenä- nale Sympathie wieder zu ver- auf 300 Mrd. $ für das kom-
der USA und Japans einerseits hert“ werden sollte. spielen und den Angriff der mende Jahr – 45 % mehr als
und Russlands andererseits“. Zur Realisierung ihrer ener- Terroristen auf ihre offene Ge- 2002!
Er stellt die zentrale Rolle der giepolitischen Begehrlichkei- sellschaft selbst weiter zu füh- Dieser gewaltige Anstieg
zentralasiatischen Erdgas- und ten verfolgt nun die Bush-Ad- ren.“ der Militärausgaben hebt nicht
Erdölvorkommmen und die ministration eine vierfache Tilman Brück, Wirtschafts- nur auf die ökonomische Stär-
starken Zugriffstendenzen auf Zielsetzung: Stärkung der Un- wissenschaftler am Berliner kung der US-Rüstungskonzer-
diese Ressourcen heraus und abhängigkeit der fünf zentral- DIW beleuchtet die wirt- ne ab. Mit ihm wird auch der
schildert, wie damit „Afghani- asiatischen Staaten mit Bin- schaftspolitischen Reaktionen Versuch der EU-Staaten kon-
stan und die Taliban ins Spiel dung an den Westen, Bre- der US-Regierung. Deren terkariert, einen konkurrenzfä-
globaler ökonomischer und chung des russischen Mono- massive und vielschichtige higen europäischen Rüstungs-
geopolitischer Interessen“ ge- pols über die Transportwege, Schritte zur Konjunkturbele- komplex aufzubauen. Ein sol-
rieten. Scholz sieht in diesen Betreiben einer Ost-West-Pi- bung kennzeichnet er als „neu- cher ist zwar durch das pro-
Zusammenhängen die „aktuel- peline über den Iran und Ver- en pragmatischen Keynesia- jektbezogene Zusammengehen
len, extern begründeten Ursa- hindern der Kontrolle eines nismus“. Die besonders drasti- von Frankreich, Spanien und
chen“ der „Afghanistan-Fra- Landes über die Region. schen Aufstockungen der Rüs- Deutschland tatsächlich ent-
ge“. Wolf zeigt auf, dass der tungsausgaben kritisiert er als standen. Er krankt aber von
Ökonomische und nach dem 9.11. eingeleitete „sehr ineffiziente keynesiani- vornherein daran, dass Groß-
geopolitische Interessen „Krieg gegen Terror“ in erster sche Wachtumsprogramme“. britannien nicht nur außen vor
Linie in dieser Zielsetzung be- Brück sieht nur in einem deut- blieb, sondern auch noch in er-
Diese Zusammenhänge haben lichen wirtschafts- heblichem Umfang in das US-
im zweiten hier vorgestellten politischen Kurs- Projekt Joint Strike Fighter
Buch, der Arbeit von Winfried wechsel des Wes- eingebunden wurde. Allein
Wolf, einen zentralen Stellen- tens eine Chance dieser Flieger stellt mit einem
wert. Er vertritt die These, zur Lösung der so- Gesamtvolumen von 200 Mrd.
dass der Krieg in Afghanistan zialen und ökono- $ die kleineuropäischen Pro-
und der ihm als Auslöser die- mischen Probleme jekte – A 400 M-Transport-
nende Terrorismus erheblich in den arabischen flugzeuge: 18 Mrd. $ und Eu-
mit der Abhängigkeit der und islamischen rofighter: 20 Mrd. $ – weit in
Weltökonomie von Öl und Ländern: „Wirt- den Schatten.
Gas zu tun haben. Dieser Zu- schaftliche Ent- Alleingang mit System
sammenhang ist allerdings wicklung in der
nicht in simpel mechanisti- ganzen Welt wird Ausführlich beleuchtet Wolf
schem Sinne zu verstehen. gründet ist, zum wenigsten so zur wichtigsten Waffe ge- die neue Qualität des bündnis-
Vielmehr findet er seinen hingegen in der vorgeblichen gen den neuen globalen Ter- fernen Kriegskurses der USA:
Niederschlag in vielfältigen, Verteidigung von Zivilisation ror“. „Eine neue Etappe in der inter-
teilweise auch widersprüch- und Freiheit. Er sieht ein kla- Kriegsziel Wachstum nationalen Politik hat begon-
lichen Entwicklungen. res „Kontinuum, geopolitische nen, die auf dem diplomati-
Fest steht, dass sich die und materielle US-Interessen Winfried Wolf geht in seiner schen Parkett ausschließlich
USA mit Anteilen von 5 % der in einer strategisch entschei- Arbeit erheblich pointierter von den USA bestimmt wird.“
Weltbevölkerung und über denden Region zu verfolgen“. auf den wirtschaftlichen Kurs Dabei streift die Bush-Admi-
25 % des weltweiten Ölver- Auswirkungen des 11.9. der Bush-Administration nach nistration völkerrechtliche
brauchs in einer verschärften dem 11.9. ein. Er hebt Bushs Einbindungen ebenso rück-
stofflichen Abhängigkeit zu Im Aretin-Band geht der FU- unverblümtes Bekenntnis her- sichtslos ab wie sie sich über
den Energieressourcen befin- Politologe Manfred Berg der vor, dass „Kriegsziel ... auch hemmende Bündnis-Struktu-
den. Entsprechend stark sind Frage nach, „wie die amerika- das Wachstum der US-Wirt- ren hinwegsetzt.
die offenen und versteckten nische Demokratie dieser Her- schaft“ sei. Anhand mehrerer Mit drastischer Deutlichkeit
energiepolitischen Implikatio- ausforderung begegnet“. Er Beispiele weist er nach, dass verkündete US-Senator
nen und Akzente des Regie- äußert die Befürchtung, „dass die massiven wirtschaftspoliti- McCain auf der Münchener
rungskurses der Bush-Admi- Bürgerrechte und Freiheiten schen Eingriffe der US-Regie- Sicherheitskonferenz im Fe-
nistration. Und entsprechend substanziell eingeschränkt rung zwar auch auf die Ver- bruar 2002: „Das ist eine neue
massiv ist auch die Entschlos- werden“ und erkennt in der besserung der krisenhaften Art von Krieg. Wir brauchen
senheit, mit allen Mitteln die Geschichte der USA „mitunter Auswirkungen der Terroran- keine anderen Truppen als un-
effizientesten Zugriffsmög- Tendenzen zu hysterischen schläge, vor allem aber auf sere Hightech-Soldaten.“
lichkeiten zu erlangen und zu Reaktionen auf reale oder ein- eine nachhaltige Verbesserung Das unbeirrte Festhalten
sichern. gebildete Gefahren“. der geostrategischen, energie- Bushs an seinen Kriegsplänen
In den 90er Jahren gerieten Ein weiterer FU-Politologe, politischen und militärstrategi- gegen den Irak folgt der Logik
auf Grund unterschiedlicher Andreas Etges, macht im Pa- schen Position der USA ge- dieser Verfolgung „nationaler

14 : antifaschistische nachrichten 20-2002


: ostritt
Interessen“ im Alleingang – sieht man ab Stärkung der Antikriegsposition
von der Vasallenrolle, in die sich die bri- Im letzten Kapitel zeigt Wolf die Not-
tische Regierung begeben hat. Der Irak wendigkeit einer starken Opposition ge- Gedenkstätten für „Vertriebe-
ist „hinlänglich dämonisiert“, die fortge- gen die „vielfältigen Phänomene der Mi- ne“ in Tschechien und Polen
setzten Luftangriffe der US- und GB- litarisierung auch in Deutschland, allge-
Luftwaffe werden international geduldet, mein und kulturell“ hin. Er plädiert für Das erste in der Tschechischen Republik
und auch die Wirtschaftssanktionen sind breite Bündnisse für einen wirkungsvol- errichtete Denkmal für Sudetendeutsche
nur mäßig umstrittten. Und wenn es auch len Vortrag der Antikriegspositionen in ist am 15. September enthüllt worden. Es
nicht gelang, dem Irak eine Unterstüt- Westeuropa und Deutschland – Bünd- erinnert an 22 Deutsche, die im Juni 1945
zung oder Steuerung von Al Qaida anzu- nisse mit der globalisierungskritischen während ihrer Aussiedlung aus der
hängen, so reicht dem US-Präsidenten Bewegung, mit Gewerkschaften, Migran- Tschechoslowakischen Republik er-
doch ein Bündel von unbewiesenen, von ten und sozialen Bewegungen. schossen worden waren. Die Finanzmit-
Experten für unsinnig gehaltenen Be- Er fordert von diesem Bündnis die of- tel für das Denkmal im nordtschechi-
hauptungen zum Thema Massenvernich- fene Identifizierung der Kräfte des Mili- schen Teplice nad Metuji wurden größ-
tungswaffen. tarismus. Als solche benennt er – wie tenteils vom Deutsch-Tschechischen Zu-
Die wahren Motive dieses Aggres- aufgezeigt – die geostrategischen und kunftsfonds spendiert, der – mit Geldern
sionskurses liegen in der oben aufgezeig- energiepolitischen Interessenten in den des deutschen und des tschechischen
ten Abhängigkeit von Erdöl- und -gasres- westlichen Industriestaaten, besonders Staates ausgestattet – angeblich der
sourcen und im immer klarer hervortre- auch die militärisch-industriellen Kom- deutsch-tschechischen „Versöhnung“
tenden Hegemoniestreben der USA. plexe und schließt mit der Feststellung: dient. An der Planung des Denkmals, ge-
Immerhin handelt es sich beim Irak um „Doch letzten Endes findet sich die Ant- gen das die örtliche Bevölkerung heftig,
den Staat mit den zweitgrößten Erdölvor- wort im Kapital selbst, in einer Gesell- aber vergeblich protestierte, wurden auch
räten der Welt. „Gründe und Hintergrün- schaftsordnung, die auf Geld, Warenwirt- deutsche „Vertriebene“ beteiligt. Bei der
de für einen Krieg gegen den Irak muten schaft und Kapital aufbaut und deren in- feierlichen Enthüllung des Denkmals
vertraut an: geostrategische Interessen, nere Triebkraft nicht menschliche Be- mussten der tschechische Senatspräsident
Energieinteressen, Interessen des militä- dürfnisse und Wünsche, sondern aus- und der Präsident des tschechischen Ab-
risch-industriellen Komplexes und der schließlich der Profit oder die ,Gewinner- geordnetenhauses es zulassen, dass neben
Konkurrenzkampf USA-Westeuropa.“ wartungen‘ sind.“ Oswald Pannes ■ ihnen auch Bernd Posselt an der Veran-
staltung teilnahm, der Vorsitzende der
Sudetendeutschen Landsmannschaft, der
Mittwoch, 9. Oktober, 20 Uhr, Linkes Zentrum, Freitag, 11. Oktober, 20 Uhr, Linkes Zentrum, ständig in die tschechische Innenpolitik
Corneliusstr. 108 (Hinterhof), Düsseldorf Corneliusstr. 108 (Hinterhof), Düsseldorf einzugreifen versucht.
Rechtsrutsch in den Niederlanden? Nordengland: Durch Thatcher verwüstet... Einen Tag später, am 16. September, ist
Die Wahlerfolge der rechtspopulistischen „List Pim von Blair´s New Labour alleingelassen... in Polen unter der Schirmherrschaft des
Fortuyn“ und insbesondere das gesellschaftliche Kli- bald von Nazis beherrscht? „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfür-
ma nach der Ermordung Pim Fortuyns lassen erah- Vielen werden die Fernsehbilder noch in Erinnerung sein: sorge“ eine Gedenkstätte für Deutsche
nen, dass einer fortschrittlichen Politik in den Nieder- Massive Ausschreitungen zwischen asiatischen Jugend-
eingeweiht worden, die ebenfalls nach
landen das eine oder andere Problem ins Haus steht. lichen und der Polizei in Folge eines neonazistischen
Wie aber konnte es zu dieser Entwicklung kommen Überfalls auf ein insbesondere von MigrantInnen be- dem Zweiten Weltkrieg umgesiedelt wer-
und wie ist diese zu bewerten? wohntes Viertel in Oldham, Nordengland. Nicht nur hier den sollten. Die Geehrten waren in den
Was ist die „List Pim Fortuyn“, was sind ihre Ziele und erzielte die neonazistische „British National Party“ (BNP) Jahren 1945 und 1946 – teilweise auf-
was ist sie noch wert nach der Ermordung ihres Front- bei den letzten Wahlen über 25 % der Stimmen. Graeme grund von Gewalttaten der Lagerverwal-
mannes? Wie ist die extreme Rechte in den Nieder- Atkinson, antifaschistischer Journalist und Gewerkschafter, tung – in einem Internierungslager in
landen strukturiert und welche Bedeutung hat sie? Europakorrespondent der englischen antifaschistischen Lambinowice umgekommen, in dem um-
Unabhängige niederländische AntifaschistInnen von Zeitschrift „Searchlight“ referiert über die Lage in Nord- zusiedelnde Deutsche, aber auch aktive
der Gruppe KAFKA werden auf der Veranstaltung england, über die neonazistische Offensive und antifa-
schistische Gegenwehr.
Nazis interniert wurden. In Polen ist dies
versuchen, die aktuelle Situation darzustellen und zu
erläutern. allerdings nicht die erste Gedenkstätte,
Eine Veranstaltung der Antifaschistischen Aktion Düsseldorf, in Ko-
Veranstaltet von der Antifaschistischen Aktion Düsseldorf und operation mit dem Antifa-AK und der Arbeitsstelle Neonazismus die an die deutschen „Vertriebenen“ er-
dem Antifa-Ak an der FH mit freundlicher Unterstützung von an der FH, mit freundlicher Unterstützung von LOTTA, der antifa- innert. Bereits am 26. Mai 2001 ist im
LOTTA, der antifaschistischen Zeitschrift aus NRW schistischen Zeitschrift aus NRW nordpolnischen Frombork in Anwesen-
heit einiger hundert Mitglieder der
Landsmannschaft Ostpreußen ein Denk-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über: mal für die angeblich 30.000 Deutschen
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73.
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de
enthüllt worden, die bei der Flucht über
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Postfach 260 226, 50515 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach das Frische Haff zu Tode gekommen sein
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, sollen.
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Die Gedenkstätten für die deutschen
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, „Vertriebenen“ in Polen und der Tsche-
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln.
chischen Republik, denen weitere auch in
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro.
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind anderen Staaten folgen dürften, helfen bei
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. der Umsetzung einer infamen Strategie:
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein-
Mit der Erinnerung an auf dem Weg in
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung den Westen zu Tode gekommene Deut-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. sche wird der Verlauf der Umsiedlung als
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie angebliches Unrecht dargestellt und da-
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge- mit letztlich der Rechtscharakter der Um-
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Frieden-
szentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS);
siedlung insgesamt bezweifelt. Mit den
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen Gedenkstätten wird breitenwirksam aus-
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti- gedrückt, was in den vergangenen Mona-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried
ten prominente Sozialdemokraten gefor-
Wolf); Volkmar Wölk. dert haben: Fortsetzung Seite 16

: antifaschistische nachrichten 20-2002 15


: aus der faschistischen presse

„Antikapitalismus“ von ,geschlossenen Handelsstaat‘ nach Fich- nicht das Judentum schlechthin verstan-
rechts te. Den ,dritten Weg‘. Dazu aber bedarf den werden darf, auch da gibt es Globali-
es mutiger, phantasievoller, ungebunde- sierungs- und Kriegsgegner, sondern
Nation & Europa 9-2002 ner Kräfte. Sie sind derzeit nicht wirk- jene vom Zionismus geprägte Schicht
„Deutschland wählt...und nichts ändert mächtig, doch ihre Stunde rückt näher“. aus Politik, Wirtschaft und Bankenwelt“.
sich“ heißt es auf dem Titelblatt der Sep- Franz Schönhuber, immer ein Freund Noch klarer formuliert da nur noch
temberausgabe von „Nation & Europa“ - des offenen Wortes, wird zum gleichen Torsten Schnierstein, Diplom-Volkswirt
doch wer erwartet, dass das Thema im Thema deutlicher, ja eindeutig: „Bleibt aus Berlin, der in einem Leserbrief zeigt,
Heftinneren eine gewichtige Rolle spielt, der dritte Weg. Wie soll er aussehen? Ein dass er Schönhuber genau verstanden
sieht sich getäuscht. Stattdessen wird die Rückgriff auf nationalsozialistisches Ge- hat: „Dabei wird gezielt verschleiert, daß
Systemfrage gestellt: dankengut wäre fatal. Trotz der unbe- in der BRD schon längst Verhältnisse
„Globalisierung als Raubzug“ nennt strittenen sozialen, arbeitspolitischen wie in der unsäglichen `Weimarer Repu-
Karl Richter seinen Beitrag, in dem er und wirtschaftlichen Erfolge hat sich der blik´ herrschen und daß es einen Unter-
vom „Offenbarungseid des westlichen Nationalsozialismus durch seinen ver- schied zwischen raffendem Kapital
Neoliberalismus“ spricht und diagnosti- brecherischen Rassismus für alle Zeiten (Konzerne) und schaffendem Kapital
ziert: „Ein rundum asoziales System. Es diskreditiert. In Italien kann dagegen (Mittelstand) gibt“. tri ■
funktioniert, weil sich die Opfer nicht eine gewisse Renaissance des Fa-
wehren, nicht wehren können“. Mit Sys- schismus beobachtet werden, wobei sei-
tem aber meint er nicht eine bestimmte ne Anfänge, vor allem aber seine Schluß-
Art und Weise der Produktion von Waren phase in der Republik von Saló günstiger
und Aneignung der Gewinne sondern die beurteilt werden als die dazwischenlie-
Wirtschaft der USA, in der er den Haupt- gende Zeit der vollen Machtentfaltung.
feind sieht: Gerade in der 1943 gegründeten ,Sozia- Spendet für die
„Amerika mutiert vor unseren Augen len Republik Italien‘ kam das ursprüng- Antifaschistischen
zum globalen Raubstaat. Wer sich wei- lich linke Gedankengut wieder zur Gel- Nachrichten!
gert, Washington seine Rohstoffe auszu- tung, allerdings zu spät.... Dort wo sich
liefern, der muß auf die amerikanischen der Sozialismus auf nationalem Boden Insgesamt sind bisher
Tarnkappenbomber nicht lange warten. entwickelte, auf Geschichte, Tradition,
Wer sich weigert, seine Volkswirtschaft geistige und wirtschaftliche Lage des je- 1063,– Euro eingetroffen
zu privatisieren und dem internationalen weiligen Landes Rücksicht nahm, er-
Ausverkauf preiszugeben – das Exempel brachte er für die Menschen positive An- (Stand 23. September 2002)
Jugoslawien – der wird plattgemacht. sätze“. Vielen Dank!
Und am Ende der Verwertungskette stößt Natürlich weiß Schönhuber, dass die
man immer auf die gleichen Namen: „Republik von Salo“ nur deshalb ent- Vom Spendenziel 3000 Euro
Chase Manhattan, Goldman Sachs, Salo- und für eine kurze Zeit bestehen konnte, sind wir damit leider noch weit
mon Smith Barney, Merrill Lynch, J.P. weil ihre Basis die Waffen der Hitler- entfernt, wir hoffen auf weite-
Morgan. Die neoliberale Globalisierung wehrmacht und ihr Mittel der Mordterror re Unterstützung.
ist kein Naturgesetz. Sie ist, daraus ma- gegen den starken antifaschistischen
chen US-Politiker schon lange kein Hehl Widerstand in Italien waren. Aber das Spendenkonto:
mehr, in erster Linie ein amerikanisches wird nicht erwähnt, denn der frühere Re- GNN-Verlag, Postbank
Geschäft“. publikaner-Chef will ja „links“ klingen.
Mit Rezepten, mit denen dem Neoli- Geblieben ist er allerdings der Faschist Köln, BLZ 370 100 50,
beralismus zu begegnen sei, hält sich und Antisemit, der er immer war: Konto 10419507
Richter zurück: „Alternativen? Es gibt „Sie wissen, was Globalisierung be-
sie. Die kommunistische, Die islami- deutet, nämlich Amerikanisierung plus
sche, Die soziale Marktwirtschaft. Den Judaisierung. Wobei unter letzterem

BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Fortsetzung von Seite 15:
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: Die gesetzlichen Grundlagen für die
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich Umsiedlung – in Tschechien die „Benes-
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Dekrete“, in Polen die „Bierut-Dekrete“
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
– sollen für ungültig erklärt werden. Ge-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
lingt dies, dann sind beispielsweise die
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). politisch notwendigen und legal durch-
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten geführten Enteignungen von Deutschen
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) nicht mehr rechtmäßig, und die Nach-
kommen der selbst ernannten „Herren-
Name: Adresse: menschen“, die ganz Europa und die an-
grenzenden Regionen mit Krieg überzo-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts gen, Unzählige ermordet und die indus-
trielle Vernichtung von Millionen Men-
Unterschrift
schen betrieben hatten, könnten in den
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
einst von Deutschen besetzten Gebieten
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
wieder Ansprüche geltend machen.
Jörg Kronauer ■

16 : antifaschistische nachrichten 20-2002