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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 13.3.2003 19. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Am 18. März will das Bundes-


verfassungsgericht eine Ent-
scheidung im NPD-Verbotsver-
Rettet der Verfassungsschutz
fahren verkünden. In der Presse wird
erwartet, dass das Gericht die Einstel-
die NPD vor dem Verbot?
von Rüdiger Lötzer
lung des Verfahrens verkünden wird.
Nicht, weil die NPD nicht verfassungs- von Linken, von Spionen – natürlich nur Gewalttaten von Neonazis wurden von
feindlich, antisemitisch, fremdenfeind- von östlichen – und von sogenannten den VS-Ämtern in der Vergangenheit
lich und gewalttätig ist. Das steht un- „ausländischen Extremisten“. Bei brau- verhindert.
bestritten fest. Sondern weil die vielen nen Straftaten dagegen wurde bagatelli- Wie nutzlos, ja direkt schädlich diese
V-Leute der Verfassungsschutzämter siert, ignoriert, weggeschaut, wann im- Dienste für die Bekämpfung von Rechts-
in der NPD – bis hinauf in die höchsten mer das möglich war – bis hinauf zu extremismus sind, wurde Anfang 2001
Spitzen dieser Partei – ein rechtsstaat- Schilys offizieller Statistik rechtsextre- offensichtlich, als bekannt wurde, das
liches Verfahren gegen diese Partei mistischer Straftaten, die seit Jahren nur führende Funktionäre der NPD von den
fast unmöglich machen. noch ein böser Witz ist. Anfängen der Partei an auch für den Ver-
Den organisierten Neofaschismus da- fassungsschutz gearbeitet hatten. Es ge-
Ähnliche Gerüchte waren schon im ver- gegen haben die VS-Ämter des Bundes hört zu den Pikanterien dieses Verbots-
gangenen Oktober, kurz nach den verfahrens, dass nun
Bundestagswahlen, vom Flurfunk des fest steht, dass der
Gerichts in den Innenausschuss des langjährige CDU-
Bundestages gedrungen und hatten dort Innensenator von
für erste Aufregungen gesorgt. Berlin, Werthebach,
Sollten sich diese Spekulationen be- noch Ende der 90er
wahrheiten, dann hätte vor allem die Jahre Demonstratio-
rot-grüne Bundesregierung eine spek- nen der NPD durch
takuläre innen- und außenpolitische das Brandenburger
Niederlage erlitten. Denn der Schaden, Tor genehmigte, die
den das geplatzte Verfahren anrichtet, angemeldet waren
wird sich nicht auf die Innenpolitik be- vom NPD-Bundes-
grenzen lassen. geschäftsführer Udo
Verantwortlich für dieses Desaster Holtmann. Dieser
sind die Innenminister, insbesondere Udo Holtmann war,
die beiden Hauptbetreiber des Verbots- wie inzwischen be-
verfahrens, Bundesinnenminister Schi- kannt, V-Mann eben
ly (SPD) und Bayerns CSU-Innenmi- jenes Bundesamtes
nister Beckstein. Verantwortlich sind be- und der Länder von Anfang an nicht nur für Verfassungsschutz, dem Werthebach
sonders auch die Verfassungsschutzbe- nicht bekämpft, sondern zum Teil – ob vor seiner Ernennung zum CDU-Innen-
hörden. Diese Ämter, laut Verfassungs- wissentlich oder aus Dummheit, sei da- senator jahrelang vorgestanden hatte. Die
schutzgesetzen des Bundes und der Län- hingestellt – faktisch sogar mit aufge- Herren waren also „alte Bekannte“. Wie
der beauftragt, mutmaßlich verfassungs- baut. Die vermeintlichen „Informanten“ viele solcher „Bekanntschaften“ zwi-
feindliche und die Sicherheit der Bundes- der VS-Behörden in der rechten Szene, in schen hohen NPD-Funktionären und ih-
republik Deutschland, ihrer Bürgerinnen den ersten Jahren vermutlich alte Wehr- ren V-Mann-Führern, Polizeichefs und
und Bürger und ihrer Verfassungsorgane machtsbekannte der Beamten in den VS- Innenministern hat es in den vergangenen
gefährdende Bestrebungen schon im Vor- Behörden, nahmen über viele Jahre, ja Jahren noch gegeben, gibt es womöglich
feld von Straftaten (deren Verfolgung Sa- Jahrzehnte ihren staatlichen Informanten- noch heute?
che der Polizei wäre) zu erkennen, zu be- sold an, bauten damit ihre Parteien, brau- Auch wenn nach einer Einstellung des
obachten und zu melden, haben gegen nen Netzwerke und Verlage auf und ver- Verfahrens sicher alle Parteien ihre Ab-
den organisierten Neofaschismus und sorgten ihre V-Leute-Führer in den VS- scheu vor der NPD und ihrem gewalttäti-
Antisemitismus schon in der Vergangen- Ämtern dafür mit nutzlosen und die tat- gen Antisemitismus und Neofaschismus
heit nichts zuwege gebracht. Ihr Haupt- sächliche Gewalt der rechten Szene be- betonen werden – die ohnehin immer um-
augenmerk galt immer der Bekämpfung schönigenden „Informationen.“ kämpfte Abgrenzung zwischen demokra-
Keine einzige schwere Gewalttat von tischen Kräften und Parteien auf der ei-
Neonazis in diesem Land, weder das At- nen Seite und dem organisierten Neofa-
tentat auf dem Münchner Oktoberfest, schismus auf der anderen Seite wird nach
Aus dem Inhalt: noch die tödlichen Brandstiftungen von dem Ende des Verbotsverfahrens sicher
,Bündnis nationaler
Mölln und Solingen, noch die ausländer- geschwächt sein.
Sozialisten Lübeck‘ verboten . 6
feindlichen Ausschreitungen von Lich- Die NPD dagegen und die gesamte
„Kerneuropäische
tenhagen und Hoyerswerda und auch Neonazi-Szene werden gestärkt. Schon
Abschiebekooperation“ . . . . 13
nicht die seit 1990 über einhundert weite- sammelt die NPD wieder alte Verbindun-
ren Morde, Brandstiftungen und anderen gen, reorganisiert sie ihre Kontakte.
weiter auf Seite 5
: meldungen, aktionen
den großen politisch-wissenschaftlichen
Einrichtungen der Bundesrepublik. Be-
sier ist Autor in der vom Verfassungs-
ÖLM-Funktionärin geehrt schülertagung“ der „Schüler-Union“ in schutz beäugten Vierteljahresschrift
Österreich/Wien. Die österreichische Magdeburg zu heftigen Debatten ge- „Criticon“, Referent bei rechtsklerikalen
Bundesministerin Benita Ferrero-Wald- führt. Nach einem „Appell für die Pres- vereinen wie „Arbeitskreis Christlicher
ner (FPÖ) hat das langjährige Mitglied sefreiheit“ wurde in dem Antrag eine Publizisten“ (ACP), „Christlich-Konser-
des Vorstandes der deutschtümelnden klare Verurteilung der Beobachtung der vatives Deutschland-Forum“ (CKDF),
„Österreichischen Landsmannschaft“ Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ durch „Evangelische Notgemeinschaft in
(ÖLM), Gertraud Schuller, das österrei- die „Landesämter für Verfassungs- Deutschland“ und Unterzeichner des
chische Bundes-Ehrenzeichen verliehen. schutz“ in Nordrhein-Westfalen und Ba- „Berliner Appells“ („Wir setzen uns ein
Die Obfrau der ÖLM wurde für ihre eh- den-Württemberg gefordert. Der für eine Rückkehr zum antitotalitären
renamtlichen „Leistungen“ im Rahmen Bundesvorsitzende der „Jungen Union“ Konsens und wenden uns entschieden
von Freiwilligen-Organisationen und in der CDU/CSU, Philipp Mißfelder, äu- gegen Bestrebungen, die freiheitlich-de-
Freiwilligen-Initiativen geehrt. Gertraud ßerte in der Diskussion die Besorgnis mokratische Ordnung durch eine ,antifa-
Schuller, zeitweise auch Präsidentin des über einen totalen Medienboykott, falls schistisch-demokratische‘ Ordnung zu
„Österreichisch-Südafrikanischen sich die „Schüler-Union“ mehrheitlich ersetzen.“) Bekannt ist Besier auch als
Klubs“, ist Autorin in der ÖLM-Zeit- für den Antrag aussprechen sollte. „Die Unterzeichner einer Solidaritätskampag-
schrift „Der Eckart“ (früher „Eckartbo- Tür ist dann zu“, so Mißfelder. Neugieri- ne für den neurechten Historiker Rainer
te“), deren Schriftleiter Helmut Müller ge Journalisten könnten den CDU/CSU- Zitelmann. 1995 nahm Besier als Gast
auch in der NPD-Zeitung „Deutsche Nachwuchs dann plötzlich ins Visier bei der Präsentation von Zitelmanns
Stimme“ schreibt und der in der Vergan- nehmen. Letztendlich stimmten dann nur Buch „Wohin treibt unsere Republik“ im
genheit auch schon bei NPD-Verbänden die Delegierten aus Nordrhein-Westfa- Berliner Hilton teil.
als Referent aufgetreten war. hma ■ len, Hessen und Bayern für den Initiati- am, in Archiv-Notizen Februar 2003,
vantrag. Enttäuscht zeigte sich darüber DISS Duisburg ■
Streit um Ziesels Erbe der stellvertretende Landesvorsitzende
der „Schüler-Union“ in NRW, Stephan Strafverfahren gegen Bun-
Prien/Hamburg. Die finanziell ange- Laubach. Der „National-konservative“
schlagene „Deutschland-Stiftung“ ist ir- fühlte sich von der Verbandsspitze regel- desvorsitzenden der Verei-
ritiert über das Vorgehen der „Deutschen recht „verarscht“ weil man sich von der nigung ehemaliger Zwangs-
Konservativen“ um den CDU-Rechtsau- „Schüler-Union“ nicht für die „Junge arbeiter
ßen Heinrich Lummer und den wegen Freiheit“ stark machen dürfe.
„Volksverhetzung“ verurteilten Joachim JF 10/03 - hma ■ Wuppertal. Georg Duchnik (in Wup-
Siegerist. In einem Brief an die Abon- pertal lebender Bundesvorsitzender der
nenten des Monatsblattes „Deutschland- Versteckspiel“ Vereinigung ehemaliger osteuropäischer
Magazin“ weist die Stiftung darauf hin, und polnischer Zwangsarbeiter in der
dass die „Deutschen Konservativen“ die „Versteckspiel. Lifestyle, Symbole und BRD) war im September 2001 ohne nä-
„Deutschland-Stiftung“ „trotz mehrmali- Codes von neonazistischen und extrem here Angabe von Gründen telefonisch
ger Aufforderung“ bislang „nicht über rechten Gruppen“ heißt eine 38-seitige zur Polizeiwache Wuppertal-Hecking-
die Höhe der eingegangenen Spenden Broschüre die die „agentur für soziale hausen gebeten worden. Dort eröffnete
noch über die Spendernamen“ für das in perspektiven e.V.“ in der „rat-reihe anti- man ihm überraschend, dass er beschul-
Finanznot geratene „Deutschland-Maga- faschistischer texte“ herausgegeben hat. digt sei, einem in Wuppertal lebenden
zin“ informiert habe. Die „Deutschen Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die Altnazi anonym obszöne Briefe ge-
Konservativen“ hätten für die Dezem- Hinweise auf die Zugehörigkeit einer schrieben zu haben. Der Altnazi hatte
ber-Ausgabe des Monatsblattes zwei An- Person zu einer rechten Jugendkultur Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
zeigenseiten zur Werbung für eigene Bü- oder neofaschistischen Gruppe geben. Duchnik wies die völlig haltlosen Be-
cher gebucht. Erschienen sei dann aber Die vorliegende Broschüre dokumentiert schuldigungen zurück und wollte der ihn
der Aufruf zur Rettung des „Deutsch- die verschiedensten Symbole, Codes und beleidigenden Vernehmung nicht länger
land-Magazins“. Auch für die Februar- Kleidungsstile, die in rechten Jugendkul- beiwohnen. Als er Anstalten machte, den
Ausgabe des Blattes bezahlten die turen vorkommen und zeigt deren politi- Raum verlassen zu wollen, rief der ver-
„Deutschen Konservativen“ zwei Anzei- schen Hintergrund auf. Ob mit NS-Be- nehmende Kripobeamte weitere Polizei-
genseiten im Voraus, „trotz des Hinwei- zug, germanisch/heidnischem oder ju- beamte herbei, die G. D. mit grober Ge-
ses, daß eine Ausgabe im Februar nicht gendkulturellem Hintergrund, diese Bro- walt daran hinderten. Duchnik musste
zugesichert werden kann“. Nun fordere schüre hilft, rechte Codes und Symbolik nach dem polizeilichen Übergriff per
Siegerist den bezahlten Betrag über richtig zu deuten. Das gut layoutete Heft Rettungswagen in ein Krankenhaus ein-
knapp 18.000 Euro von der „Deutsch- ist gegen Vorkasse und zum Preis von 3 geliefert werden.
land-Stiftung“ zurück, „um ihn an die Euro plus 1 Euro Porto erhältlich bei: Duchnik erstattete gegen die beteilig-
Spender zurück zu überweisen“. Nach rat-reihe c/o Schwarzmarkt, Kl. Schäfer- ten Polizeibeamten Anzeige wegen Kör-
Ansicht von Elisabeth Hager, Geschäfts- kamp 46, 20357 Hamburg. hma ■ perverletzung. Zu seiner Überraschung
führerin der „Deutschland-Stiftung“ ging aber bei ihm ein Strafbefehl ein, in
scheint Siegerist nun „eine Konkurrenz- Total qualifiziert dem er wegen „Widerstand gegen Voll-
ausgabe zum „Deutschland-Magazin“ streckungsbeamte und Beleidigung“ be-
mit leichten Abänderungen“ zu planen. Der Heidelberger Kirchenhistoriker Ger- langt wurde.
hma ■ hard Besier hat einen Ruf auf den Lehr- Die Verhandlung vor dem Amtsgericht
stuhl Totalitarismusforschung der Tech- Wuppertal im vergangenen Jahr endete
CDU-Nachwuchs übt schon nischen Universität Dresden erhalten. mit einer hohen Geldstrafe für Georg
Damit verbunden, so eine Meldung der Duchnik. Obwohl die als Zeugen gelade-
Magdeburg. Ein Initiativantrag des Tageszeitung „Die Welt“, ist die Leitung nen Polizeibeamten sich in zahlreiche
Landesverbandes aus Nordrhein-Westfa- des Hannah-Arendt-Instituts für Totalita- Widersprüche verstrickten, befand das
len hat auf deren diesjähriger „Bundes- rismusforschung. Das Institut zählt zu Gericht zur Überraschung der Anwesen-

2 : antifaschistische nachrichten 6-2003


Hetze gegen islamische
Kölnerinnen und Kölner
„Pro Köln“ begibt sich auf Stimmenfang mit Blick auf die Kommunalwahl 2004
Online-Broschüre „Rechts- Für den 15. März ruft die rechts- treter gleich in Verbindung mit Extremis-
extremismus im West- extreme Kölner Nazitruppe unter ten und Terroristen, obwohl noch längst
havelland 2002“ erschienen Führung von Manfred Rouhs nicht klar ist, welche Vereine sich an die-
gleich zu zwei Kundgebungen mit an- sen Einrichtungen beteiligen. Wenn es
http://inforiot.de/westhavelland/ schließender Demonstration gegen den nach „Pro Köln“ geht, sollen für Musli-
In dem seit 1997 jährlich erscheinen- geplanten Bau einer Moschee in Köln- me die Gesetze, die hier in Deutschland
den Bericht wird akribisch das Aus- Chorweiler und in Köln-Mülheim auf: herrschen, eben nicht gelten.
maß der rechten Organisierung im Um 11 Uhr am Londoner Platz in Chor- Dieses Vorgehen von „Pro Köln“ hat
Westhavelland (Brandenburg) doku- weiler und um 15 Uhr am Wiener Platz das Kölner Bündnis „Köln stellt sich
mentiert. Die lokale Kameradschaft in Mülheim. quer“ auf den Plan gerufen und zahlrei-
„Hauptvolk“, rechte Parteiarbeit, Pro- Hinter dem harmlos klingenden und che Gruppen, Vereine und Organisatio-
pagandaaktionen, Übergriffe usw. wer- verlogenen Namen „Pro Köln“ verbergen nen aktiviert. Sie alle wollen ein deutli-
den im Detail beschrieben. Besonders sich führende Köpfe der Kölner Neona- ches „Zeichen gegen die Ausgrenzung
interessant ist sicherlich der Abschnitt ziszene, vor allem Manfred Rouhs, Mar- und Diskriminierung von Menschen…,
über aktive und ehemalige Nazis, die kus Beisicht und Bernd Michael Schöp- ein Zeichen für ein solidarisches Zu-
bei einem Wachschutzunternehmen pe, die vor Jahren für die Republikaner, sammenleben…“ setzen, so der Aufruf.
der Region angestellt sind, dass bis vor später für die „Deutsche Liga für Volk Zwei machtvolle Gegendemonstrationen
kurzem u.a. für die „Bewachung“ des und Heimat“ im Kölner Rat sa- sind deshalb am 15. März geplant:
Rathenower Flüchtlingsheimes zustän- ßen. In ihrem Vereinsblatt (Nr. Ab 10 Uhr auf dem Pariser
dig war. 1 – 03) rufen sie dazu auf, Platz
Texte über die Grauzone zwischen nicht zuzulassen, „dass
in Chorweiler
Fußballfans, Hools und Nazis, zu Anti- die geplanten Moscheen
Antifa und anderen Kampagnen sowie gefährliche Zufluchtstät- Ab 13 Uhr am Wiener Platz.
zu den Bundestagswahlen 2002 runden ten für islamistische Nach Erkenntnissen des Verfas-
den Bericht ab. Extremisten und Ter- sungsschutzes wird damit gerechnet,
Paula, Inforiot Webteam ■ roristen werden“ „dass sich rechtsradikale Gruppie-
und sammeln eifrig rungen aus ganz NRW angesagt
Unterschriften ge- hätten“, berichtete der Kölner
den den Vorsitzenden des Zwangsarbei- gen den Bau der Moscheen. Und neben- Stadtanzeiger. Um möglichst viele
terverbandes schuldig wegen Widerstand bei fordern sie (Nr. 0 – 03) „Null – Mos- Gegendemonstranten abzuschrecken,
gegen die Staatsgewalt. lem – Zuwanderung“, „rasche Rückwan- rechnet Polizeidirektor Granitzka „mit
Es stehen manche Fragen: derung aller Islamisten“ und „Schluss erheblichen Krawallen“ und will „etliche
Soll ein Opfer polizeilicher Willkür mit der Multi-Kulti-Verdummung“. Für- Hundertschaften an jenem Samstag ein-
zum Täter definiert werden, um polizeili- wahr, eine echte Nullnummer! setzen“. Das größte Problem sieht er dar-
che Übergriffe zu kaschieren und um Er- Einen solchen Rassismus dürfen wir in, dass die Neonazis „nach dem Ende
mittlungen gegen beteiligte Polizeibeam- uns nicht bieten lassen. Denn nur darum der ersten Kundgebung … offenbar mit
te gar nicht erst einzuleiten? geht es ihnen und nicht um demokrati- öffentlichen Verkehrsmitteln ins Rechts-
Was hat die Kripo überhaupt veran- sche Kriterien für die Vereine, die sich an rheinische wechseln“ wollen. Da sehen
lasst, aufgrund einer Anzeige gegen Un- den Moscheen beteiligen wollen. Funda- wir auch ein Problem! Hoffen wir mit al-
bekannt, gestellt von einem Altnazi, ge- mentalistische Erziehung jeder Art ist ab- len, die sich quer stellen, dass Rouhs und
gen einen bekannten Antifaschisten zu zulehnen, ob sie nun von christlicher Konsorten erst gar nicht aus der U-Bahn-
ermitteln? oder von islamistischer Seite betrieben oder S-Bahnstation in Chorweiler her-
Soll Georg Duchnik, der ein engagier- wird. „Pro Köln“ allerdings ist gegen aus- und nach Mülheim schon gar nicht
ter Vertreter der Opfer der NS-Zwangs- jede Moschee und sie bringen deren Ver- kommen! MK ■
arbeit und ihrer Hinterbliebenen ist, ein-
geschüchtert werden?
Öffentliche Begleitung des Prozesses Strafanzeige wegen Volksverhetzung
und Solidarität mit dem Antifaschisten
Georg Duchnik sind notwendig! Köln. Gegen die Vorsitzende der „Bürgerbewegung Pro Köln e.V.“, Judith Wolter,
Peter Oberhaus ■ und gegen die presserechtlich Verantwortliche der Zeitung „pro Köln“, Birgit
Berufungsverhandlung: Schmidt, hat PDS-Ratsherr Jörg Detjen Strafanzeige gestellt. Es geht dabei um ei-
Donnerstag, 27. März 2003, nen Text in der Zeitung „pro Köln“ Nr. 1/2003, in dem es heißt „Wir dürfen und
Landgericht Wuppertal, Raum L 217 werden nicht zulassen, daß die geplanten Moscheen gefährliche Zufluchtstätten für
islamische Extremisten und Terroristen werden“. Ähnliche Formulierungen finden
Dresdner Neonazi wählt sich in den Flugblättern, die in Ehrenfeld „gegen den Bau einer Großmoschee“ ver-
breitet werden. Die pauschale Diffamierung des moslemischen Teils der Bevölke-
Knast statt Kleinfamilie rung Kölns verstößt gegen § 130 Strafgesetzbuch. Volksverhetzung begeht dem-
Dresden. Ein blöder Tag für Ronny nach: „Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, 1.
Thomas: Unter Anwesenheit der kom- zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt... 2. die Menschenwürde ande-
pletten Dresdner Pressevertreter, den üb- rer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächt-
lichen Neonazi-Beobachtern und be- lich macht oder verleumdet.“ Die massenhaft an Kölner Haushalte verbreiteten
kannten AntifaschistInnen wanderte Pam-phlete von „Pro Köln“ verfolgen genau diese Absicht.
Thomas nach einem weitestgehend un-

: antifaschistische nachrichten 6-2003 3


politischen Prozess im Dresdner Amts-
gericht in den Knast. Außer Katja Hart- Staatsanwaltschaft München
mann, Lebensgefährtin von Thomas und
Mitmieterin des „Thor“, war kaum ein stellt Ermittlungsverfahren ein
Neonazi im Gerichtssaal.
Der überregional und stadtweit be- Die Staatsanwaltschaft in wegen „Beleidigung“ und „Hausfrie-
kannte Neo-Nazi-Kader Thomas, bereits München hat das Ermittlungs- densbruchs“ betroffen. Inzwischen wur-
mehrfach wegen Körperverletzung vor- verfahren gegen zwei öster- den diese Ermittlungen eingestellt.
bestraft, ist damit für seine vielfältigen reichische Träger von Hakenkreuzor- Nicht nur die Justiz, sondern auch die
Neo-Nazi-Aktivitäten erst einmal aus den beim Pfingsttreffen der Gebirgs- Bundeswehr, die seit Jahrzehnten die
dem Verkehr gezogen. jäger 2002 am Hohen Brendten in Mit- umstrittenen völkisch-militaristischen
http://venceremos.antifa.net ■ tenwald eingestellt. Jetzt drängt die Gebirgsjägervereinigungen auf ihrem
Vereinigung der Verfolgten des Nazi- Gelände bei Mittenwald ihre Treffen ab-
„Eskil“ ist raus und steht im regimes/Bund der Antifaschisten dar- halten lässt, wurde in die Pflicht genom-
auf, diejenigen Teilnehmer des vorjäh- men. In einem Brief an den zuständigen
Regen rigen Traditionstreffens auf dem Ge- General in Sigmaringen, dem Sitz der
Düsseldorf. Dumm gelaufen für die lände der 10. Bundeswehr-Panzerdi- Division, heißt es: „Sie, Herr General
Düsseldorfer RechtsRock-Band „Eskil“: vision, die schwerer Kriegsverbre- Oerding, waren 2002 als Chef der 10.
Lief doch lange Zeit alles prächtig, so chen und Verbrechen gegen die Panzerdivision Gastgeber der Wehr-
bekommen Band und Bandmitglieder Menschheit verdächtig sind, endlich machtsveteranen und Bundeswehrreser-
seit einiger Zeit stärkere Probleme. strafrechtlich zur Verantwortung zu visten der Gebirgstruppe. Und sie werden
Zwar wird Frontmann und Rudolf- ziehen. es vermutlich dieses Jahr wieder sein.
Hess-Demo-Gänger Dennis Ansgar See- Wir ersuchen Sie, nunmehr auch den Op-
gers immer noch – und das darf als be- Die Staatsanwaltschaft führte aus, die fern mancher dieser Veteranen Gelegen-
zeichnend für die Partei angesehen wer- beiden ehemaligen Angehörigen der 1. heit zu geben, sich zu treffen. Bitte stel-
den – als Ortsverbandsvorsitzender Gebirgsdivision der Wehrmacht hätten len Sie dazu in Mittenwald zu Pfingsten
Mettmann I der „Schill-Partei“ auf der nicht gewusst, dass das Tragen von Ha- 2003 geeignete Einrichtungen der
offiziellen Homepage des „Schill“-Lan- kenkreuzorden in Deutschland verboten Bundeswehr zur Verfügung.“
desverbandes NRW geführt, dafür kam sei, und sie hätten nicht das NS-Regime Antifaschisten der VVN-BdA und des
der Band aber Mitte Februar ihr Probe- verherrlichen wollen. Zudem seien die Historikerkreises „angreifbaretraditions-
raum im Proberaumbunker Am Gather- Hochbetagten mit der Einleitung des Er- pflege“ planen für den 7./8. Juni 2003 ein
weg in Lierenfeld abhanden. mittlungsverfahrens genug bestraft wor- Treffen in Gestalt eines Hearings, eines
Der bis dahin ahnungslose und Ende den. Mahngangs und einer Versammlung auf
Januar aufgeklärte Vermieter der Probe- Zu weiteren Strafanzeigen gegen rund dem Parkplatz vor dem Hohen Brendten
räume überprüfte die von antifaschi- einhundert ehemalige Angehörige der 1. in Mittenwald, dem höchstgelegenen
stischen Gruppen im Rahmen der Kam- Wehrmachts-Gebirgsdivision, von denen deutschen Kurort. Teilnehmen werden
pagne „we will rock you - tour 2003. sich vermutlich eine unbekannte Anzahl Vertreter der griechischen Opfergemein-
Kein Raum der Nazi-Musik“ (http:// unter den Teilnehmern des Treffens be- den, die von SS- und Wehrmachtsverbre-
www.antifa-nrw.de) gegen „Eskil“ vor- fand, erwartet die VVN-BdA noch Stel- chen schwer betroffen waren, ferner ita-
gebrachten Vorwürfe und kam angesichts lungnahmen der Zentralstellen für die lienische Überlebende des Verbrechens
der unzweifelhaften Belege zu dem ein- Verfolgung von NS-Verbrechen in Lud- von Kephallonia, deutsche Zeitzeugen
zigen richtigen Schluss und Mitte Febru- wigsburg und Dortmund sowie von der und Opfer des Faschismus sowie Histori-
ar hieß es dann bereits: Tschüss „Eskil“! Generalstaatsanwaltschaft München. kerinnen und Historiker. Sie wollen über
http://www.antifakok.de ■ Jugendliche, die Pfingsten 2002 wäh- das Geschehene informieren und der For-
rend des Treffens auf die vermuteten NS- derung nach Entschädigung der Opfer
Faschisten ignorieren? Straftaten und möglichen Täter aufmerk- wie der Bestrafung der Täter Nachdruck
sam machten, waren zeitweilig von Er- verleihen. Ulrich Sander ■
Augsburg. Im Mai 2002 verschickte das mittlungen der Polizei und der Justiz Kontakt: angreifbare.tradition@freenet.de
„Augsburger Bündnis - Nationale Oppo-
sition“, das den Versuch unternimmt, alle
schwabenweit existierenden Faschisten Die Polizei sorgte dafür, dass die Plakate Die Öffentlichkeit hat die SPD näm-
zusammen zu schließen, einen Brief an mit den menschenverachtenden Inhalten lich sorgfältig außen vor gelassen. Weder
OB Wengert, in dem in sehr übler Weise wieder abgehängt wurden. in der Presse noch durch sonstwelche
vor der „Überfremdung“ Augsburgs und Die Staatsanwaltschaft betrieb in der Veröffentlichungen hat die Stadtführung
den Folgen daraus gewarnt wird: In der Folge ein Verfahren gegen die drei Ver- oder die SPD die Bürger der Stadt von
Hauptsache fehle dadurch Geld in den antwortlichen der Faschistenvereinigung diesen ungeheuerlichen Vorgängen infor-
Kommunen für „einheimische Fami- Wuttke, Saur und Teufel wegen Aufruf miert. Wir haben es auch nur über die
lien“. Gefragt wurde Wengert in dem zu Hass, Gewalt und Willkür gegen Aus- Internet-Seiten der Faschisten erfahren.
Brief, was er zur Rückführung der Men- länder und damit wegen Störung des öf- Durch Ignorieren anstatt die Öffent-
schen in ihre Herkunftsländer zu tun ge- fentlichen Friedens. Das Verfahren am lichkeit gegen sie zu mobilisieren wird
denke und ob er für eine „klare Prioritä- 20. Januar 2003 endete mit der Verurtei- man den Faschisten langfristig nur mä-
tenverschiebung zugunsten deutscher lung der Drei zu jeweils 70 Tagessätzen. ßig beikommen können.
Familien“ sei. Im Juni führten die Fa- Die Faschisten ließen sich jedoch Allerdings: Der gesamte Stadtrat ist
schisten dazu in der Stadt eine sogenann- nicht beirren und setzten den gesamten immer über die Tätigkeiten der Faschis-
te „Aktion Ausländerrückführung – Für Vorgang ins web-Gästebuch der SPD ten am Ort informiert. Regelmäßig wird
ein lebenswertes deutsches Augsburg“ in Augsburg. Der OB ließ das entfernen die Zeitung der Faschisten „Neues
der Stadt durch. Plakate wurden ver- und informierte seine Parteigenossen per Schwaben“ in die Fächer der Parlamen-
klebt, Flugblätter verteilt. Umlauf in der Fraktion über den Sach- tarier gelegt. Diese sind nicht öffentlich
Die Stadtverwaltung reagierte mit ei- verhalt. zugängig. – Wer hat sie da reingelegt?
ner Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Soweit so gut? – Wir meinen nicht! jol ■
: antifaschistische nachrichten 6-2003
4
Fortsetzung von Seite 1, NPD-Verbot:
Solange das Parteiengesetz so bleibt, tismus und Neonazismus zurück zu drän- achtungsstelle gegen Rechtsextre-
wie es ist, werden die NPD und andere gen und denen jetzt der Bundesrech- mismus, die Aufhebung fremdenfeind-
Nazi-Parteien weiter an Wahlen teilneh- nungshof die ohnehin geringen staat- licher Gesetze oder die Forderung nach
men können, staatliche Steuermittel in lichen Mittel streichen will. Verlierer sind Einfügung einer antifaschistischen Klau-
Anspruch nehmen, ihre braune Hetze in vor allem Flüchtlinge und MigrantInnen. seln in das Grundgesetz sind bekannt und
Rundfunk, Fernsehen und auf der Straße Sie waren schon bisher die häufigsten jetzt wichtiger denn je.
unter dem Schutz der Polizei weiter ver- Opfer der Neonazis. Sie werden jetzt Dass Geheimdienste Fremdkörper in
breiten können. noch mehr in Angst leben – vor der offi- jeder Demokratie sind, Bürgerrechte
Auch der schwarz-braune und gelb- ziellen fremdenfeindlichen Politik eben- nicht schützen, sondern gefährden, und
braune Rand dieser Republik wird durch so wie vor dem organisierten Neofa- deshalb besser heute als morgen aufge-
die Einstellung des Verfahrens ermutigt. schismus. löst gehören, ist ebenfalls eine seit Jahren
Leute wie Möllemann von der FDP, Gau- Der „Aufstand der Anständigen“, von auf der politischen Linken – leider selbst
weiler und Uhl von der CSU, die Vertrie- Schröder und seinem Kabinett vor Jahren dort nicht von allen – erhobene Forde-
benenverbände, Einrichtungen wie die ausgerufen, um Rechtsextremismus, rung. Wie richtig diese Kritik ist, ist jetzt
Stiftung Weikersheim, das Deutschland- Antisemitismus und fremdenfeindliche wieder einmal bewiesen. Ob die Aussich-
Magazin, Ex-Generalbundesanwalt von Gewalt zurück zu drängen, ist vollständig ten für ihre Realisierung aber dadurch ge-
Stahl und ihre Freunde – solche ange- gescheitert. Abwehr und Diskriminierung stiegen sind, ist zweifelhaft. Schily,
bräunten Gestalten, publizistischen Orga- von Flüchtlingen, Abschiebungen und Beckstein und Konsorten werden sich
ne und Verlage werden Oberwasser be- Asylknäste, Schikanen und Hindernisse ihre Schnüffler nicht nehmen lassen wol-
kommen. vor jeder Einbürgerung, Fremdenfeind- len. Trotzdem sollte das eine weitere
Verlierer dagegen sind nicht nur Schily lichkeit bestimmen mehr als zuvor das Konsequenz aus einer Einstellung des
und Beckstein und vielleicht der eine öffentliche Klima. Es wird kälter in die- Verfahrens sein. Diese Dienste gehören
oder andere Leiter eines Verfassungs- sem Land. nicht reorganisiert, wie es jetzt aus Krei-
schutzamtes, der möglicherweise seinen Konsequenzen sen der Grünen und der SPD zu hören ist.
Hut nehmen muss. Verlierer sind alle de- Diese Dienste gehören aufgelöst – jetzt
mokratischen Kräfte, vor allem auch der Ein erneuter Anlauf zur Zurückdrängung und für alle Zukunft.
organisierte Antifaschismus, die vielen von Antisemitismus, Fremdenfeindlich- Rüdiger Lötzer war bis Oktober
lokalen Bündnisse gegen Rechts, die sich keit und Neofaschismus ist nötig. Das Mitarbeiter der innenpolitischen
in den vergangenen Jahren bemüht ha- steht schon jetzt fest. Vorschläge wie die Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion,
ben, Fremdenfeindlichkeit, Antisemi- Einrichtung einer unabhängigen Beob- Ulla Jelpke.

ver.di gewährt Kriegsdienst- heißt es in einer Erklärung verschiedener te anlegen zu lassen ... Die Gewerk-
verweigerern Rechtschutz europäischer Gewerkschaftsgruppierun- schaftsbewegung hat die Verantwortung,
gen: „Die Gewerkschaftsbewegung muss die Mobilisierung gegen den Krieg zu er-
„Die Gewerkschaft ver.di wird ihren die Bemühungen gegen den Krieg unter- höhen und dies in die Betriebe zu tragen.
Mitgliedern, d.h. Soldaten, die bei einem stützen und vorantreiben. Demonstratio- In Italien wird heute die Losung ,Streik
eventuellen militärischen Einsatz gegen nen wie jene, die am 15. Februar in aller gegen den Krieg‘ von der Mehrheit der
den Irak den Kriegsdienst verweigern, Welt stattfanden, sind ein wichtiges Mo- Gewerkschaftsbewegung getragen. Dies
Rechtschutz gewähren“, teilte Michael ment, weil sie zeigen, dass wir weltweit muss mit den Beschäftigten in ganz Euro-
Wendl, stellvertretender Landesbezirks- Millionen sind, die sowohl den Krieg als pa als entschiedene Aktion der Ableh-
leiter von ver.di Bayern, mit. auch das Diktat der amerikanischen Re- nung des Kriegs diskutiert werden.
Die Vorbereitung oder Unterstützung gierung und der Militärs ablehnen. Streikaktionen, neue massive Demonstra-
eines Angriffskrieges sei nach Artikel 26 Wir sind solidarisch mit allen Arbeiter- tionen der Bürger und Bürgerinnen in der
Grundgesetz unter Strafe gestellt und Innen, die den Kriegsdienst verweigern Welt, Aktionen in den Wohnvierteln, den
verstoße gegen die Verfassung. Michael und die Teilnahme an den Kriegsvorbe- Betrieben, den Verwaltungen, ... können
Wendl erklärte, Äußerungen von Kon- reitungen ablehnen. Wir unterstützen Ak- die amerikanische Regierung und seine
stantin Wecker und Tobias Pflüger bei tionen des Widerstands, wie sie in ganz Verbündeten zurückdrängen.
Kundgebungen in München, in denen Europa entstehen, die Blockade von Mili- Paris, 23. Februar 2003
zur Kriegsdienstverweigerung aufgefor- tärzügen, die Weigerung, die NATO-Flot- Quelle: labour.net ■
dert wurde, seien völlig legitim und wür-
den durch das Grundgesetz nicht nur be-
stätigt, sondern sogar gefordert. Anders
lautende Ankündigungen der Polizei ver-
rieten ein zumindest gestörtes Verhältnis
zum Grundgesetz, sagte Wendl. Mit sol-
chen Drohungen versuche die Polizei -
die dafür im übrigen rechtlich nicht zu-
ständig sei - die Gegner eines Krieges
einzuschüchtern.
www.arbeiterfotografie.com

Kontakt: Michael Wendl 0 89 / 599 77 -


25 00, (Hans Sterr, 12.02.2003) ■

Europäische Gewerkschafts-
Info:

bewegung sagt Nein zum


Krieg:
„Als gewerkschaftliche Organisationen
aus Europa lehnen wir diesen Krieg ab“, Protestaktion am Awacs-Standort Geilenkirchen am 8. März

: antifaschistische nachrichten 6-2003 5


Internationales Jugend-
workcamp Bergen-Belsen, „Aggressiv-kämpferisch
13.- 20.4.2003
Zum Internationalen Jugendworkcamp gegen die Verfassung“
laden christliche und gewerkschaftliche
Jugendverbände. 60 Jugendliche aus 6 Das schleswig-holsteinische nats Klage beim Oberverwaltungsgericht
Ländern pflegen bauliche Reste, ma- Innenministerium hat am 7. in Schleswig erhoben werden.
chen Baracken des ehem. Kriegsgefan- März die Wählergemeinschaft Ausschlaggebend für das Verbot sind
genenlagers und KZ symbolisch wieder „Bündnis nationaler Sozialisten für nach Aussage von Innenminister Lorenz
erkennbar, sprechen mit Verfolgten des Lübeck“ einschließlich eventueller die in den Programmen formulierten Zie-
Faschismus und heute von Asylpolitik Ersatzorganisationen mit sofortiger le, das Auftreten in der Öffentlichkeit, die
Betroffenen. Die Umgebung von Ber- Wirkung verboten und aufgelöst. Publikationen und die Äußerungen und
gen-Belsen mit dem größten, bereits von Grundeinstellungen der Funktionäre.
den Nazis angelegten, Truppenübungs- Wie Innenstaatssekretär Ulrich Lorenz Im einzelnen verstoßen Programmatik
platz sowie Mord und Anschläge von sagte, richte sich der Verein gegen die und Äußerungen der Wählergemein-
NeoNazis in der Umgebung werden verfassungsmäßige Ordnung und den schaft gegen das Demokratieprinzip, das
ebenso Thema sein wie Zwangsarbeit, Gedanken der Völkerverständigung. Die Diskriminierungsverbot, das Verbot der
Ausgrenzung, Militarismus und Krieg. Polizei habe bereits am Vormittag des Ausbürgerung und gegen den Gedanken
Zum Jahrestag der Befreiung gestaltet 7.3. die entsprechenden Schritte unter- der Völkerverständigung. Außerdem
das Jugendworkcamp gemeinsam mit nommen. Die Verbotsverfügung wurde werde die Bundesrepublik Deutschland
anderen Gruppen am Ostersonntag den drei Vorstandsmitgliedern zugestellt verunglimpft.
20.4.03 die öffentliche Gedenkfeier auf und das Vereinsvermögen beschlag- Die Programme und das Werbemateri-
dem Friedhof der sowjetischen Kriegs- nahmt. al wiesen an mehreren Stellen eine Spra-
gefangenen und im Bereich des ehema- Die Wählergemeinschaft wurde am 7. che auf, die dem nationalsozialistischen
ligen Großen Frauenlagers in Bergen- Oktober 2002 gegründet, um bei den Sprachgebrauch wesensverwandt sei.
Belsen. Kommunalwahlen 2003 in Lübeck als Das alles geschehe in aggressiv-kämp-
Die Teilnahme kostet Euro 50,- . Dar- „nationale Opposition“ anzutreten. Sie ferischer Weise. „Äußerungen der Wäh-
in enthalten sind alle Kosten für Unter- erhielt bei den Kommunalwahlen am 2. lergemeinschaft sind nicht mehr als blo-
kunft, Verpflegung, Aktivitäten und Pro- März 0,8 % der Stimmen. ße Kritik zu sehen, sie stellen vielmehr
gramm. Die Woche ist als Bildungsur- Da die Wählergemeinschaft keinen eine systematische Propaganda dar, die
laub anerkannt. Parteienstatus hat und laut ihrer Satzung von hetzerischer Agitation geprägt
Information und Anmeldung bei: DGB-Ge- nur bei Kommunalwahlen mitwirken wird“, sagte Lorenz
werkschaftsjugend Niedersachsen, H-D. will, war ein Verbot durch das Landesin- Quelle: Pressemitteilung des Innenmi-
Charly Braun, Dreyerstr. 6, 30169 Hannover, nenmnisterium möglich. Gegen die Ver- nisteriums Schleswig-Holstein, E-Mail:
T. 0511-456252, T. 0511-1260161, Fax 0511-
1260157 botsverfügung kann innerhalb eines Mo- Pressestelle@im.landsh.de ■
Bergen-Belsen und die Workcamps: Belege für die einzelnen dem Verlust von Identität ist unübersehbar und
Die Gedenkstätte ist ein, als Parkanlage überall spürbar.
Verbotsgründe: 1. Bewahrung unserer Heimat in einer deutschen
gestalteter, großer Friedhof. „Man kann Hansestadt
sich hier gar nichts vorstellen“ sagen be- Aus dem Grundsatzprogramm
„7. Nation An allen Lübecker Schulen sind ausländerfreie
sonders junge BesucherInnen ständig. Klassen einzuführen, da Kinder und Schüler aus
Im Gegensatz dazu fordern wir von allen Volksge-
Seit 10 Jahren machen Jugendiche die nossen die Einordnung in und aktive Mitarbeit für Klassen mit hohem Ausländeranteil nachweislich
„steinernen Zeugen“ des Holocaust die Volksgemeinschaft. Da dies von Angehörigen Bildungschancen haben. Sofortige Einstellung
sichtbar. Gruppen von SchülerInnen, fremder Völker weder verlangt noch erwartet wer- sämtlicher städtischer Zahlungen an Nichtdeut-
Auszubildenden, Jugendverbänden ha- den kann, steht ihnen auch nicht die deutsche sche, wie beispielsweise Sozialhilfe. Den Entzug
ben Barackenfundamente, Lagerstraße Staatsbürgerschaft zu. Im deutschen Nationalstaat der Ausländererlaubnis für alle Ausländer, die län-
ger als 3 Monate arbeitslos sind! Ein kommunales
und Entlausung freigelegt und parallel ergibt sich die Staatsbürgerschaft daher in der Re-
Arbeitsplatzsicherungsgesetz, das die Vermittlung
dazu im Archiv der Gedenkstätte Fotos, gel ausschließlich aus der Abstammung.“
„8. Staat von ausländischen Arbeitskräften in Lübeck unter-
Dokumente zu eben diesen Orten aufge- Der Einfluss von Ausländern auf die Staatsführung sagt, solange qualifizierte deutsche Lübecker ar-
stöbert. Vieles kam beim Graben zu findet im deutschen Volksstaat nicht statt.“ beitslos sind! Die Einführung einer kommunalen
Tage. Sowjetische Münzen, Eßgeschirr, „9. Deutschland Sondersteuer für Unternehmen, die Ausländer be-
Stacheldraht usw.; Dinge die auf eine Alle in Deutschland lebenden Menschen fremder schäftigen! Eine geschlossene Unterbringung und
Geschichte von Menschen schließen las- Abstammung, auch die in Deutschland geborenen, bessere Betreuung aller in Lübeck weilenden Asyl-
bewerber während ihres Asylprüfungsverfahrens.
sen. Das „Spuren suchen, Spuren si- verlieren bei der Amtsübernahme einer nationalen
und sozialistischen Regierung ihre deutsche Staats- Beendigung jeglicher Förderung von Gruppen reli-
chern“ macht Bergen-Belsen begreifbar. giöser ausländischer Minderheiten durch die öf-
bürgerschaft und unterstehen den Ausländergeset-
zen. Alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen fentliche Hand.“
Delegierte von
Möglichkeiten der deutschen Nation werden von Flugblätter/Plakate
fast 200 Schul-
der nationalistischen Freiheitsbewegung in den „Heimat, Kultur, Sprache und völkische Identität
klassen und
Dienst des deutschen Volkes gestellt, gemäß dem sind Menschenrechte! Weil unsere Kinder in ihren
Jugendgruppen
Grundsatz „Deutschland den Deutschen!“ eigenen Schulen nicht zur Minderheit werden sol-
aus ganz
Niedersachsen len! Die Pisa-Studie lässt grüßen! Bildung ist Zukunft
legten 2001 ein Kommunalwahlprogramm – nicht Multi-Kulti!“
2,4 km langes „B. Für die Bewahrung unserer Lübecker Identität
„Band der Na- und Kultur - Lübeck den Deutschen. Internetveröffentlichungen
men“ aus, mit Der immer deutlicher zutage tretende Verlust von „Konsequente und sofortige Abschiebung aller
vierzigtausend Lebensqualität, Urbanität und gesunder Natur straffällig gewordenen Ausländer! Widerstand
Namen ehemali- mittels der zunehmenden Überfremdung durch jetzt!“
ger Bergen-Bel- massive Zuwanderung fremder Menschen, sowie
sen-Häftlinge. Auszüge aus der Belegliste des Innenmnisteriums

6 : antifaschistische nachrichten 6-2003


Nicht Indy, Der Ursprung von Altermedia liegt
nach eigener Auskunft in Frankreich, wo
die Seite bereits Ende des Jahres 2002
sondern eingerichtet wurde. Die Domain alterme-
dia.info soll zum Internetangebot des

Alter: US-amerikanischen Antisemiten David


Duke gehören. Er bekleidete in den sieb-
ziger Jahren eine hohe Position im Klu
Die rechtsextreme Seite Klux Klan und zählt zu den bekanntesten
Altermedia Rechtextremisten der USA. Er vertritt
vehement die These, „jüdische Agenten“
Seit Anfang des Jahres ist eine hätten die Anschläge des 11. Septembers
neue rechtsextreme Website na- ausgeführt. Duke betreibt eine ganze Pa-
mens Altermedia online. Das lette propagandistischer Webseiten, dar-
Konzept erinnert an das linke Medien- Die verschwörungstheoretische Verblen- unter die seiner European-American
netzwerk Indymedia dung von Altermedia wird in der Selbst- Unity and Rigths Organisation
Schon die Adresse http://de.alterme- beschreibung deutlich. „Die offiziellen (www.whitecivilrights. com) und sein ei-
dia.info lässt sich nicht ganz einfach Medien sind ein Werkzeug einiger Fi- genes Portal www.duke.org. In Deutsch-
merken, jedenfalls nicht, wenn man sie nanzgruppen, die uns mehr oder weniger land war er im Jahr 1996 Gast bei einem
verlegt hat und mal schnell zeigen will, offensichtlich ihre Ansichten aufdrängen Fest der DVU in der Passauer Nibelun-
was für eine schlimme Website das ei- wollen. Und die wenigen alternativen genhalle und im Jahr 2002 Redner auf
gentlich ist. Hat man sie endlich parat, Medien haben sich schnell auf den poli- dem Pressefest der Deutschen Stimme.
geht alles ganz schnell. Die Seite spult tisch korrekten Kurs ausgerichtet und Die Betreiber der deutschen Seite von
beim Start eine kleine Bilderserie ab, die zensieren jeden, der nicht antideutsch ge- Altermedia sind unbekannt, stehen aber
ahnen lässt, was im Folgenden zu erwar- nug denkt.“ offenbar in enger Verbindung zu anderen
ten ist. Die brennenden Türme des New Altermedia nennt sich selbst „The Pe- rechtsextremen Internetaktivisten.
Yorker World Trade Center erscheinen ople’s Voice“. Welche „People“ gemeint Auffällig viele Beiträge kommen vom
für einen Augenblick am oberen Bild- sind, erfährt der Leser in der Rubrik Stoertebeker-Netz sowie von Radio Frei-
rand und machen dann der Überschrift „Fragen an Altermedia“. „Patrioten oder heit. Dennoch ist Altermedia zur Zeit
Platz: „No Corporate, No Lobbies, No Nationalisten, Radikale oder Konservati- nicht mehr als ein weiteres rechtsextre-
Government – only Altermedia Info.“ ve, Nationalrevolutionäre oder Identi- mes Netzprojekt, das auf eine größere
Altermedia ist optisch an die Gestal- tätswahrer, Freidenker oder Neue Rech- Öffentlichkeit noch keinen Einfluss ha-
tung der Startseite von Indymedia ange- te, Traditionalisten, Heiden, Katholiken, ben dürfte. Nicht einmal als Querfront-
lehnt. Auch die fortlaufende Veröffentli- Sympathisanten der palästinensischen plattform eignet sich die Initiative, dazu
chung von Beiträgen zu aktuellen politi- Freiheit, Umweltschützer oder Freunde ist die rechtsextreme Gesinnung der Ma-
schen Themen wirkt wie abgeguckt. Da- alternativer Musik, völkische Sozialisten cher zu offensichtlich. Und weil es kein
mit aber hören die Parallelen bereits auf. und Globalisierungsgegner - sie alle ha- Open Posting gibt und keine Möglichkeit
Denn während das linke Netzwerk einem ben eines gemeinsam: Man entzieht ih- zum Kommentar, finden nicht einmal die
ausgesprochen großen Spektrum dient, nen den Zugang zu den Medien.“ Diesen bei Indymedia schreibenden Neonazis
handelt es sich bei Altermedia um rechts- Zugang wollen die Betreiber von Alter- eine neue Spielwiese.
extreme Propaganda in der Verpackung media nun herstellen. Das Motto lautet Arne Norden in Jungle World,
einer alternativen Nachrichtenseite. schlicht: „Wir helfen! Altermedia: Die 5.3.2003
Der erste im deutschen Archiv abruf- Stimme des Volkes!“ Quelle: hagalil.com 6-3-03 ■
bare Beitrag stammt vom 19. Januar und Allerdings kann das gewünschte
handelt vom Neonazi-Troubadour Frank Volk nicht direkt an der Seite teilneh-
Rennicke. Von diesem Datum an bietet men. Ein markanter Unterschied zu In-
Altermedia jeden Tag die unerfreulichste dymedia besteht nämlich darin, dass es
Mischung von Nachrichten, die man sich auf Altermedia keine Möglichkeit zum
vorstellen kann. Ob Aufmärsche deut- Open Posting oder zum Kommentar
scher Neonazis, Schändungen jüdischer gibt. Lakonisch bekennt man: „Ein Fo-
Friedhöfe oder Jürgen W. Möllemanns rum werden wir hier nicht haben, es
Wiederwahl zum Präsidenten der geht nur darum, Informationen zu ver-
Deutsch-Arabischen Gesellschaft, Alter- breiten.“ Die Mitarbeit stellt man sich
media liefert eine Fülle von im typischen bei Altermedia so vor: „Wenn Sie wäh-
Nazijargon abgefassten Berichten. Dabei rend des Netzbesuches einen interes-
bleiben die Beiträge üblicherweise santen Artikel finden, senden Sie uns
scharf an der Grenze zur Hetze und sind einen Text als ,Beitrag‘ (.) zu. Oder
mit rhetorischen Distanzierungen von wenn Sie eine ,politisch unkorrekte‘
Straftaten abgesichert. Aktivität organisieren, falls Sie über
An vielen Tagen werden mehr als zehn eine Demonstration oder eine Aktivität
Beiträge auf Altermedia veröffentlicht. berichten wollen.“
So nimmt etwa der mögliche Irakkrieg Altermedia wird mittlerweile in neun
sowie der Widerstand dagegen einen ho- Ländern betrieben, darunter Spanien,
hen Stellenwert ein. Auch spöttische Be- Belgien, Griechenland, Kanada, Rumä-
richte über Aktionen der Antifa oder hä- nien und die USA. Beiträge der natio-
misch kommentierte Zeitungsmeldungen nalen Ableger werden veröffentlicht,
gehören zum Repertoire. Beim Lesen der wenn sie von übergeordnetem politi- Dieses Plakat ist eines aus einer Reihe von
Beiträge fallen immer wieder antisemiti- schen Interesse sind. Es spricht also eini- Plakaten, die der Verein Leben und Arbeiten in
sche Stereotypen sowie eine vehemente ges dafür, dass hinter Altermedia eine Gallus und Griesheim (LAGG) in Frankfurt
Gegnerschaft zu Israel und den USA auf. engere Kooperation steckt. an Litfasssäulen in U-Bahn-Stationen kleben lässt.

: antifaschistische nachrichten 6-2003 7


Kein Werben fürs Sterben!
Bundeswehr plant Gelöbnis
Späte Gerechtigkeit ...
auf dem Hamburger Rathaus- Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass die zierung eingegangen. Es werden aber
markt lange erwartete Auszahlung der Bundes- noch Sponsoren gesucht, die die Paten-
Nach Planungen des Hamburger Senates stiftung „Erinnerung, Verantwortung schaft für eines der geplanten Porträts
wird die Bundeswehr am 16.6.03 ein Ge- und Zukunft“ an die ehemaligen übernehmen.
löbnis auf dem Rathausmarkt abhalten. ZwangsarbeiterInnen endlich begann. Der Fotograf Manfred Linke wird 15
Dagegen ruft das Netzwerk gegen dien Leider laufen die Auszahlungen zum NS-ZwangsarbeiterInnen besuchen, por-
Gelöbnis in Hamburg zum Widerstand Teil sehr schleppend. Besonders hart be- trätieren und interviewen und sie so
auf. Das Hamburger antimilitaristische troffen sind davon die Zwangsarbeite- stellvertretend für eine Million andere
Netzwerk aus Gruppen und Einzelperso- rInnen, die in den Verhandlungsrunden nach Deutschland holen. In einer Bild-
nen „040DoS. Hamburg denial of ser- salopp „Der Rest der Welt“ genannt und Toninstallation wird ncht nur die
vice“ wendet sich seit seiner Gründung wurden. Da diese Gruppe bereits am heutige Lebenssituation dargestellt son-
gegen die Militarisierung der Gesell- Verhandlungstisch nicht vertreten war, dern auch die Frage beantwortet, welche
schaft im Ganzen. In diesem Sinne pro- geriet die ihnen zugebilligte Summe viel Wünsche sie sich mit der späten Ent-
testiert es gegen die Planung einer öf- zu gering. Durch die große Heteroge- schädigungszahlung erfüllen wollen.
fentlichen „Ehrung“ des deutschen Mili- nität dieser Gruppe, aber auch durch Or- Beim Abschied erhalten sie leicht zu be-
tärs auf dem Hamburger Rathausmarkt gansiationsfehler der für sie zuständigen dienende (Einweg-)Kameras und fran-
und kündigt weitergehenden, störenden Partnerorga-
Widerstand an, sollten die Planungen in nisation
die Realität umgesetzt werden. IOM (Inter-
„Wir werden alle demokratisch ver- national Mi-
tretbaren Mittel einsetzen, um diese Ver- gration Or-
anstaltung ganz zu verhindern oder zu- ganisation),
mindest zu stören“, so ei Beteiligter des verzögert
Netzwerks. „Armeen sind die Manifesta- sich die
tionen antidemokratischer Strukturen Auszahlung
schlechthin. Gegen ihr schlichtes Beste- der ersten
hen oder gar ihren Einfluss auf gesell- Rate im Ver-
schaftliche Fragen sollten sich alle kri- gleich zu
tisch denkenden Menschen zu handeln den anderen
aufgerufen fühlen!“ Partnerorga-
Die Bundeswehr verfolgt seit einigen nisationen „Wenn ich meine Entschädigung habe ...
Jahren eine Imagekampagne, um ihr An- erheblich.
sehen in der Bevölkerung aufzubessern. Der ... suche ich auf dem Friedhof einen Platz für mich – für die Ewigkeit.“
Neben den Propagandaschauen „Unser Bundesver-
Heer“, „Unsere Marine“ und „Unsere band Information und Beratung für NS- kierte Rückumschläge mit der Bitte, re-
Luftwaffe“ sind auch die zunehmend öf- Verfolgte beobachtet diese Entwicklung gelmäßig Fotos von sich und ihrem All-
fentlich abgehaltenen Gelöbnisse der seit Längerem mit großer Besorgnis und tag aufzunehmen. Diese werden dann in
Versuch, die Bundeswehr als Bestandteil möchte öffentlich und emotional auf die reisende Ausstellung ständig einge-
der Zivilgesellschaft und normalen Ar- diese Situation aufmerksam machen. arbeitet, so dass die Besucher die Ent-
beitgeber zu stilisieren. So sollen die Dazu soll eine Fotoausstellung dienen , wicklung der einzelnen Lebensgeschich-
Grenzen zwischen militärischem und zi- Titel: „Späte Gerechtigkeit“. ten verfolgen können.
vilem Leben verwischt und die Bundes- Der Kölner Fotograf Manfred Linke Nach der Reise der Ausstellung durch
wehr als Mittel der Politik gesellschafts- porträtiert 15 ZwangsarbeiterInnen aus Deutschland soll sie an einem festen
fähiger gemacht werden. Keine deutsche der ganzen Welt. Im Vordergrund steht Ausstellungsort installiert werden. Die
Armee ist jemals ein Instrument des dabei die Frage „Was machen Sie mit Materialien der Ausstellung sollen auch
Friedens gewesen, und die Bundeswehr der Zwangsarbeiterentschädigung?“ für Fortbildungszwecke, als Unterichts-
ist es auch nicht. Sie ist in ihrem eigenen, Der Bundesverband erhielt z. B. kürz- material u.ä. verfügbar gemacht werden.
offiziellen Auftrag nach vielmehr für die lich ein Schreiben des 85-jährigen Borys Die Reise der Ausstellung ist auf ca.
„Sicherung des ungehinderten Zugangs F. aus der Nähe von Chicago. Seine 77- zwei Jahre angelegt. Sie endet, wenn die
zu Märkten und Rohstoffen in aller jährige Frau, Zwangsarbeiterin in Porträtierten ihre Wünsche realisieren
Welt“ (Weißbuch des Bundesministeri- Deutschland mit 16 Jahren, erlitt kürz- konnten und die Auszahlungen der Stif-
ums für Verteidigung) zuständig. Diese lich einen Schlaganfall. Nun ist sie tung abgeschlossen sind.
Armee gehört aufgelöst, ihr Material ver- schwerstbehindert, und es fehlt das Geld Manfred Linke stellt in einer Bro-
schrottet und ihre finanziellen Mittel in für die dringende medizinische Versor- schüre das Ausstellungsprojekt vor. Wer
die zivile, lokale und internationale Kon- gung. Vor genau zwei Jahren hatte der sich genauer informieren will, kann sich
fliktarbeit gesteckt. Dazu will das Netz- Bundesverband für Herrn F. den Antrag dazu an den Bundesverband Information
werk beitragen, indem es kontinuierliche bei der Bundesstiftung gestellt! & Beratung für NS-Verfolgte wenden.
Öffentlichkeitsarbeit gegen die Bundes- Aus diesem Beispiel wird deutlich, Spenden für das Projekt bitte auf das
wehr leistet. dass die Entschädigung in vieler Hin- unten genannte Konto. u.b. ■
Das Netzwerk fordert: • Bundeswehr sicht oft von existenzieller Bedeutung
abschaffen! • Kein Gelöbnis in Ham- ist. Bundesverband Information & Bera-
burg! Das geplante Ausstellungsprojekt tung für NS-Verfolgte, Holweider Str.
Kontakt: 040DoS. hamburg denial of wird bisher vom Bundesverband Infor- 13-15, 51065 Köln, Tel. 0221-
service: web: http://hamburg.geloeb- mation & Beratung für NS-Verfolgte, 1792940, Fax 0221-17929429,
nix.de – mail: 040dos@so36.net der IG Metall und dem Verein „Gegen email: info@nsberatung.de
Die Desertöre: web: www.desertoere.de Vergessen – Für Demokratie“ unter- Bank für Sozialwirtschaft
- mail: info@desertoere.de ■ stützt. 18000 Euro sind bisher zur Finan- BLZ 370 205 00, Konto 70 73 100

8 : antifaschistische nachrichten 6-2003


Mit jedem Tag der vergeht, fühle Zwangsarbeit bei FAG Kugelfischer, Schweinfurt:
ich mich entkräfteter und am Ho-
sengürtel wird mir klar, wie sehr
ich schon abgemagert bin. Die Vertei-
Erinnerungen eines italieni-
lung der abendlichen Ration ist immer
ein Anlass für Diskussionen und Streitig-
keiten. Glücklicherweise beginnt und en-
schen Militärinternierten
det alles im Inneren der Baracke, aber es Auszüge aus Leonardo Calossi „Anmerkungen zu einer Internierung in
wird notwendig, etwas zu unternehmen, Deutschland, 1943 -1945“:
um die unangenehmen Streitereien abzu-
stellen. Zur Abhilfe beschließen wir, alle tert worden. Einige Eimer Wasser besei- schen zugeschnürt ist, und nehmen am
Essnäpfe auf den Tisch zu stellen, allen tigen die Zeichen der Tragödie, und die Ende der Kurve nacheinander, immer
die gleiche Portion Suppe einzugießen Arbeit geht weiter, so als ob nichts pas- verdeckt durch die Stämme der Linden,
und dann mit einem Löffel zu sondieren, siert sei. ihren Platz in der Reihe wieder ein und
ob jede Suppe gleich dick ist. Für die *** marschieren weiter ...
Verteilung des Brots hat ein Soldat eine Es ist Weihnachten, aber für uns schon Einige Tage danach beschließe ich mit
primitive Waage gebaut, die es ermög- seit Monaten Fastenzeit. Beim Arbeits- einigen Freunden zusammen, die immer
licht, jedem ein Stück Brot desselben kommando wird von einem deutschen mit mir vom Lager zur Fabrik marschie-
Gewichts zuzuteilen. Priester eine Heilige Messe zelebriert, ren, das Abenteuer mit den Kartoffeln zu
Seit einigen Tagen hat für mich und ei- ansonsten erinnert nichts an das große wagen. Die Wahl fällt auf mich. Ich neh-
nige andere die Nachtarbeit begonnen: Fest. me, genau so, wie es die Soldaten vorge-
wir brechen um 16.30 Uhr vom Lager Die Deutschen haben große Eile, sie macht haben, einige Kilo Kartoffeln an
auf, nachdem wir unsere Ration verzehrt wollen rasch mit der Produktion begin- mich und teile sie mit den Kameraden.
haben. Bis zum folgenden Mittag erhal- nen, deshalb müssen wir auch am zwei- Noch am selben Abend verzehren wir
ten wir keinen Bissen mehr. Man sagt ten Weihnachtstag normal arbeiten. sie, nachdem wir sie auf ganz einfache
mir, dass die Nachtschicht 14 Tage dau- Einige Kameraden haben das Arbeits- Weise geröstet haben: wir schneiden sie
ern wird: ich bin verzweifelt und lebe kommando bereits aus gesundheitlichen ungeschält in dünne Scheiben, feuchten
unter dem Albdruck, nicht in der Lage zu Gründen verlassen müssen. Ich habe sie mit Speichel leicht an, kleben sie auf
sein, diese Qual durchzustehen. Ich be- schreckliche Angst zu erkranken und die glühenden Wände des Ofens und
komme starke Angstgefühle und voller meine Tage in der Hölle von Görlitz be- nach einigen Minuten sind sie knusprig
Verzweiflung beginne ich, über Flucht enden zu müssen. Wenn die Krankheit gar.
nachzudenken, verwerfe die Idee aber schlimmer ist als ein vorübergehendes An einem der folgenden Morgen
sofort, weil auf den Straßen hoher Fieber, wird der Erkrankte aus dem La- herrscht Schneegestöber und das Lager
Schnee liegt und überall Polizisten Strei- ger entfernt, und man erfährt nichts mehr wird von einem kräftigen Wind durch-
fe gehen, vor allem jedoch, weil mir die von ihm. peitscht. Die Abzähloperationen vor dem
Kraft zum Marschieren fehlt. Mein Die Felder entlang unseres Marschwe- Abmarsch zur Arbeit werden ziemlich
Freund, der Sanitäter, weiß, in welchem ges zwischen Arbeitskommando und Fa- schnell durchgezogen. Der Schnee klebt
Zustand ich mich befinde, und rät mir, brik werden mit Kartoffeln und Roggen
meine Uhr gegen Brot einzutauschen. bepflanzt. In dieser Gegend, und meines
Das Brot der deutschen Arbeiter ist viel Wissens auch in anderen Regionen
nahrhafter als unseres. Tatsächlich tau- Deutschlands, werden die Kartoffeln im
sche ich am folgenden Morgen mit ei- Erntefeld selbst aufbewahrt. An einer be-
nem deutschen Arbeiter die Uhr gegen stimmten Stelle werden Kartoffelhaufen
vier Kilogramm Brot. Ich nehme mir vor, von einigen Metern Länge, einem Meter
jeden Tag nur ein Stück davon zu essen, Höhe und etwa zwei Metern Breite ge-
aber der Hunger besiegt jeden guten Vor- bildet. Die Kartoffeln werden sehr sorg-
satz. Am Schichtende ist bereits ein Kilo fältig mit Roggenstroh und einer dicken
vom guten Brot verzehrt. Die Nachtar- Schicht Erde bedeckt. Wir haben diese
beit ist beendet. Tagsüber laden wir Ma- primitiven Aufbewahrungsorte, zwei da-
terial aus den Güterwaggons. Die Fabrik von direkt neben der Straße, sehr wohl
ist über einen Gleisanschluss mit dem wahrgenommen. Der dauernde Hunger
Bahnhof verbunden, und die Waggons löscht jedes überlegte Nachdenken aus,
fahren bis ins Innere der Fabrik. Es wer- die Gedanken kreisen zwanghaft nur
den Drehbänke unterschiedlicher Größe noch um die Frage des Überlebens. Da
ausgeladen, einige sind riesig. wir Italiener, wenn es ums Improvisieren
An Heiligabend tobt ein schrecklicher geht, höchst geschickt sind, reift schnell
Schneesturm. Wir setzen die gewohnt in- der Plan, Kartoffeln aus den Kartoffel-
tensive Arbeit fort. Wegen der sibiri- mieten zu entnehmen. Die Straße, die
schen Kälte steigen wir abwechselnd auf vom Lager zur Fabrik führt, macht in der
den Waggon, um den Flaschenzug zu be- Nähe der Ortschaft eine weite hufeisen- Buchpräsentation Leonardo Calossi:
dienen, mit dem eine große Drehbank förmige Kurve. Es ist 5 Uhr morgens und Anmerkungen zu einer Internierung in Deutsch-
land, 1943 – 1945
auf den Boden heruntergehoben werden sehr dunkel, als die Kolonne am Anfang Donnerstag, 13. März, 18.30 Uhr
soll. Die Maschine wird danach auf Rol- der Kurve ankommt. Drei Soldaten tre- Rathausdiele Schweinfurt
len gestellt und in das Innere der Fabrik ten zwei Schritte aus ihrer Reihe raus, Gudrun Grieser, Oberbürgermeisterin in Schwein-
geschoben. Während wir entladen, hören verstecken sich hinter den Stämmen der furt, und Martin Lorenzini, italienischer Konsul in
wir plötzlich einen herzzerreißenden dicken Linden, lassen die ganze Kolon- Nürnberg, sprechen Grußworte.
Schrei und vor unseren Augen spielt sich ne vorbeimarschieren, rennen zu den Hans Driesel liest aus den Erinnerungen von Leo-
eine schauderhafte Szene ab: der Soldat Kartoffelmieten, raffen einige Kartoffeln nardo Calossi.
Kurt Petzold gibt Informationen zur Geschichte
Giacomo Cani ist von der Drehbank zusammen, verstecken sie in ihrer Hose,
und zum Buch.
buchstäblich am Torpfosten zerschmet- die an den Knien durch die Wickelgama-

: antifaschistische nachrichten 6-2003 9


auf dem Körper und schränkt die Sicht Vorwort des italienischen Botschafters zu CCalossis Buch:
stark ein. Zum Schutz vor der Kälte habe
ich aus Stoffstreifen eine Mütze mit Oh- Im Rahmen der zahlreichen Initiativen, die in diesen letzten Monaten ergriffen wurden zur Erinne-
renklappen genäht, weil mein Berghut rung an das Opfer der vom Dritten Reich im zweiten Weltkrieg eingesetzten ehemaligen Zwangs-
arbeiter gewinnt die Veröffentlichung in deutscher Sprache von „Kleine Anmerkungen zu einer
die Ohren nicht bedeckt. Wegen der
Internierung in Deutschland 1943 - 1945“ von Leonardo Calossi eine besondere Bedeutung.
strengen Kälte ist es schon zu mehreren Sie entspringt dem Wunsche deutscher Bürger, der eigenen Bevölkerung das vergessene The-
Fällen von Ohrenentzündungen gekom- ma der Zwangsarbeiter wieder ins Bewusstsein zu rufen und es in seiner richtigen historischen Per-
men. An diesem Morgen ist der Marsch spektive einzuordnen. Die ausländischen Zwangsarbeiter mussten nicht nur die Kriegsanstrengun-
so anstrengend wie nie. In der Fabrik an- gen der Naziherrschaft unterstützen, sie legten auch den Grundstein für jene „industrielle Kontinu-
gekommen, wird die Kolonne angehal- ität“, die für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in der Nachkriegszeit von nicht geringer
ten und alle werden durchsucht. Bei zwei Bedeutung war.
Soldaten werden Kartoffeln gefunden, Unter diesen Zwangsarbeitern waren über 500 000 italienische Soldaten, die im Anschluss an
die sie am Körper versteckt haben. Beide ihre Gefangennahme nach dem 8. September 1943 ein grausam hartes Schicksal erlitten, entzo-
Soldaten werden auf der Stelle abge- gen jeglichem Schutz und jeder Garantie der internationalen Konventionen. Die Geschichtsfor-
führt. Nie mehr sollte ich etwas von ih- scher schätzen, dass zwischen 30 000 und 50 000 junge Soldaten nicht nach Italien zurückge-
kehrt sind.
nen hören. ... An das Opfer der italienischen Militärinternierten heute zu erinnern, bedeutet nicht nur, den Zeit-
*** genossen die Ereignisse des zweiten Weltkrieges >sic et simpliciter > nochmals darzulegen, son-
Es ist Neujahr 1944. Im Arbeitskom- dern auch zu versuchen, die Erfahrung der Vergangenheit mit der Realität des heutigen Europa in
mando geht es wie immer an Feiertagen Beziehung zu bringen.
sehr lebhaft zu. Wir verrichten unsere Der europäische Integrationsprozess entwickelte sich gerade aus dem Willen der Gründungs-
persönlichen Reinigungsarbeiten. Gegen väter, für immer die Wiederholung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen
10 Uhr müssen wir uns in Reihen auf- abzuwenden, die den Aufstieg totalitärer Regime und die Entstehung zweier Weltkriege begün-
stellen und anschließend in kleinen stigt haben. Die Hoffnung auf Frieden, die in den Herzen aller Menschen wohnte, hat ein neues
Gruppen das Baracken-Lazarett betreten. Modell des Zusammenlebens ermöglicht; heute zeigt sich Europa außergewöhnlich und definitiv
Wir werden nackt gewogen, bei mir zeigt anders als vor dem Zweiten Weltkrieg.
Und genau dieses Hoffnungsgefühl ist es, das den Leser der „Anmerkungen“ am stärksten be-
die Waage 58 Kilogramm an. Mein Nor-
eindruckt. Aus meiner Erfahrung bei Begegnungen mit Heimkehrern weiß ich, dass das Bedürfnis,
malgewicht liegt dagegen bei circa 70 die Erinnerung den künftigen Generationen zur Mahnung zu überliefern, zusammen mit einem
Kilogramm. höchst ausgeprägten Gefühl der Hoffnung stärker sind als der Groll und der Wunsch nach Rache.
In der ehemaligen Spinnerei hat die Die Seiten von Leonardo Calossi sind ein klares Beispiel für diese Geisteshaltung; mit großer Ge-
Kugellagerproduktion begonnen, und die nauigkeit zeichnet er das Bild seines und seiner Gefährten täglichen Lebens, erwähnt den „Feind“
meisten von uns werden zur Hilfsarbeit auch mit seinen menschlichen Zügen und schafft es bisweilen sogar, uns zum Lächeln zu bringen.
eingeteilt. Ich bin der Dreherei zugeteilt ... Die „Anmerkungen“ haben darüber hinaus einen unzweifelbaren historischen Wert, zeigen
worden. Hier wird die Nut in die Lager sie doch noch einmal, wie ungerecht das Los der vom Dritten Reich nach dem 8. September de-
gedreht, in der die Kugeln oder Rollen portierten italienischen Soldaten war. Die juristischen Spitzfindigkeiten, die dazu geführt haben,
laufen. Die Abteilung erstreckt sich über dass die ehemaligen italienischen Militärinternierten von den Entschädigungsleistungen der Stif-
tung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zugunsten der früheren Zwangsarbeiter ausge-
einen weiten Raum mit vier Reihen von
schlossen wurden, können die Realität der seinerzeitigen Tatbestände nicht auslöschen.
jeweils acht Drehbänken. Sie ist drei Berlin, 15.11.2002, Silvio Fagiolo,
„Meistern“ unterstellt, die die Produk- Botschafter der Republik Italien, in der Bundesrepublik Deutschland
tion leiten und kontrollieren: einer, ein
wahres Exemplar der reinsten „arischen
Rasse“, schlank, blond, blickt immer fin- Zylinders, bis zu dem die Kurbel gedreht könnte dem Status des politischen Ge-
ster drein. Ein anderer, ein „Kleider- werden darf. Er gibt mir zu verstehen, fangenen unterworfen und in ein Ver-
schrank“, schreit oft, aber hat ein gutarti- dass das Lager, wenn dieser Punkt nicht nichtungslager geschickt werden. Leider
ges Gemüt. Der dritte sieht überhaupt erreicht würde, nachbearbeitet werden haben sich später solche Fälle zugetra-
nicht deutsch aus, ein kleiner Typ mit müsste. Wenn dieser Punkt dagegen gen. In den meisten Fällen handelte es
schwarzen Haaren, aber er ist ein guter überschritten würde, wäre das Lager zu sich dabei um bedauernswerte Soldaten,
Kerl. An jeder Drehbank arbeitet ein ita- weit gedreht und müsste zum Ausschuss- Analphabeten oder fast Analphabeten,
lienischer Soldat oder ein russischer Ge- material geworfen werden. Er fordert gänzlich ungeeignet für spezialisierte Ar-
fangener. Meine Maschine ist die zweite mich schließlich auf nachzumachen, was beiten.
der vierten Reihe. In meinem Leben hat- er mir kurz vorher gezeigt hat. Nach an-
te ich noch nie eine mechanische Werk- fänglicher Unsicherheit werden meine
statt betreten und so habe ich nicht die Bewegungen immer geübter und nach Keine Entschädigung für
geringste Ahnung von Maschinen. Der kurzer Zeit bin ich zum Metallmechani- frühere Kriegsgefangene
„Blonde“ stellt die Drehmaschine ein ker angelernt.
und erklärt mir, dass ich genau aufpassen Ich habe die neue Arbeit fast gerne an- Berlin. Am 3. März entschied das Berliner Ver-
soll, was er macht: er zeigt mir wie das genommen, unter anderem deswegen, waltungsgericht, dass ehemalige Kriegsgefange-
Lager in die Spindel eingespannt und weil ich mich in einem geschlossenen, ne keinen Anspruch auf Entschädigung von der
wie das bereits für die Spezialarbeit ein- beheizten Raum aufhalten kann. Aber Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und
gestellte Werkzeug befestigt wird. Da- diese Arbeit ist auch sehr ermüdend, weil Zukunft haben. Damit wurde eine Musterklage
von zwei armenischen Staatsangehörigen abge-
nach setzt er per Hand die Kurbel in Be- ich gezwungen bin zwölf Stunden ge- wiesen, die als Soldaten der Roten Armee in
wegung und dreht die Nut in das erste beugt über der Drehbank zu stehen, und deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und
Lager, ein Haltering von fünf Zentime- weil ich viel Kraft aufbringen muss, um Zwangsarbeit hatten leisten müssen. Das Urteil
tern Durchmesser, der mit einem eigens sie mit dem Arm in Bewegung zu setzen. wirkt nach: Allein in Italien trifft es 120000 ehe-
dazu bestimmten Apparat und einem Ka- Die vorgeschriebene Mindeststückzahl malige Militärinternierte. 45000 von ihnen hat-
liber kontrolliert wird. Die Prüfinstru- ist verglichen mit unseren Fähigkeiten ten bereits einen Antrag gestellt, den die Stiftung
mente befinden sich auf einem Bord an sehr hoch und zwingt uns zu pausenlo- abschlägig beschieden hatte.
Revision vorm Oberverwaltungsgericht ist noch
der Seite der Drehmaschine. Der „Meis- ser, konzentrierter Arbeit. Nacharbeit
möglich, aber die Hoffnung zu Lebzeiten noch
ter“ bearbeitet ungefähr zehn Teile, bis er oder Ausschuss könnten als Sabotageakt Entschädigung für erlittene Qualen zu erhalten,
die notwendige Genauigkeit erzielt. Mit betrachtet werden, und der Verantwortli- ist wieder einmal geringer geworden. ■
einem Bleistift markiert er den Punkt des che, ob Internierter oder Gefangener,

10 : antifaschistische nachrichten 6-2003


: ausländer- und asylpolitik

Zwei Todesfälle bei Ab- Frau Ngesi Ogi-


schiebungen mit Air France nia Kuko über
Zwei Todesfälle innerhalb von nur drei Paris nach Kame-
Wochen. So lautet die traurige Bilanz des run durch Air
Abschiebegeschäfts der Fluggesellschaft France (Frankfur-
Air France. Im Rahmen der Kampagne ter Rundschau
deportation. class - Gegen das Geschäft vom 18.2.03). Sie
mit Abschiebungen wird mit Aktionen konnten den Pilot
vom 7. bis 9 März 2003 in mehreren überzeugen, dass
Städten und an mehreren Flughäfen dieser Flug gegen
Deutschlands gegen die Beteiligung der den ausdrück-
Air France am Abschiebegeschäft pro- lichen Willen von
testiert. Die AktivistInnen in Deutsch- Frau Kuko erfol-
land weiten damit die bereits in Frank- gen würde. Am
reich begonnene Kampagne gegen Air 20.2. wurde die
France international aus (siehe Abschiebung des
http://www.noborder.org). Angolaners Mi-
Am 30.12.2002 starb der 52jährige guel D. Matos mit einer Maschine der niger darf nicht dazu führen, berechtigte
Argentinier Ricardo Barrientos bei sei- portugiesischen TAP nach Angola ver- Anliegen der Flüchtlinge zu negieren.
ner gewaltsamen Abschiebung in einer hindert. Auch hier weigerte sich der Pilot Die Ereignisse in dem Containerdorf
Maschine der Air France aus Paris-Rois- infolge des Protests von AktivistInnen sollten dazu Anlass geben, nach alterna-
sy. Nur drei Wochen später, am der Kampagne „Deportation Class“, den tiven Standorten im Landkreis für klei-
18.1.2003, wurde Mariam Getu Hagos, Zwangstransport durchzuführen. nere Gemeinschaftsunterkünfte, die kei-
ein 24jähriger Somalier, bei seiner Ab- Öffentlichkeitswirksame Kampagnen nen solchen Ghettocharakter haben, mit
schiebung vom selben Flughafen getötet. gegen das deportation business haben die allen Mitteln zu suchen.
Beide Männer waren nach Augenzeu- europäischen Fluggesellschaften verun- Das Containerdorf wurde vor ca. 10
genberichten gefesselt ins Flugzeug ver- sichert. Spektakuläre Aktionen gegen die Jahren in einer Zeit errichtet, als pro Jahr
bracht und dann mit Gewalt in eine vorn- Deutsche Lufthansa AG haben dazu ge- fünfmal so viel Asylbewerber nach
übergebeugte Haltung gezwungen wor- führt, dass die Lufthansa die gewaltsame Deutschland kamen als jetzt. Bereits da-
den. Auf dieselbe Weise war am Durchsetzung von Abschiebungen in- mals wurde es zusammen mit 4 anderen
28.5.1999 der Sudanese Aamir Ageeb zwischen ablehnt. Die rumänische Flug- Gemeinschaftsunterkünften in ähnlich
bei der Abschiebung vom Frankfurter gesellschaft Tarom hatte nach Protesten isolierter Lage bei einer „Kaffeefahrt“
Flughafen getötet worden. Menschen- das Geschäft mit Sammelabschiebungen des Vereins „Tür an Tür“ massiv kriti-
und Bürgerrechtsorganisationen fordern ganz aufgekündigt. Nach dem Tod des siert. Während die 4 anderen Unterkünf-
die eingehende Untersuchung der Todes- sudanesischen Flüchtlings Amir Ageeb te schon lange geschlossen sind, besteht
fälle. „Nach vorliegenden Sachverstän- an Bord einer Linienmaschine der Luft- das Containerdorf auf dem Lechfeld wei-
digengutachten über den lagebedingten hansa im Jahr 1999 fordert auch die ter. Keinesfalls darf der Brand der Unter-
Erstickungstod (postural asphyxia) ist deutsche Pilotenvereinigung Cockpit kunft zu einem Ausbau der Einzäunung
bewiesen, dass die Atmung einer Person nzwischen Flugkapitäne und Bordperso- und einem Wachdienst führen. Dies wür-
durch auf dem Rücken gefesselte Hände nal auf, sich vor jeder Abschiebung zu de die soziale Isolierung nur noch ver-
beeinträchtigt werden kann. Wenn in ei- vergewissern, dass die sog. „deportee“ schärfen. Auch Flüchtlinge haben ein
ner solchen Körperhaltung zusätzliches freiwillig fliegen (weitere Informatio- Recht auf Sozialkontakte.
Gewicht auf den Rücken drückt – wie nen: http//www.deportation-alliance. Ein wichtiger Schritt für eine Entspan-
der Druck, der von einem Polizisten aus- com). nung der Situation wäre die Erweiterung
geübt wird – können die Atmungs- deportation.class stop! der „Residenzpflicht“ auf das Stadtge-
schwierigkeiten sogar noch verstärkt http://www.deportation-alliance.com biet Augsburg. Erfreulicherweise hat
werden.“ (Amnesty International, Pres- c/o Bayerischer Flüchtlingsrat sich die Stadt Augsburg nach jahrelangen
seerklärung vom 22.1.2003. Email: bfr@ibu.de ■ Diskussionen dazu bereit erklärt. Dies ist
(http://web.amnesty.org/ai.nsf/re- jedoch an einem Nein des Landratsamtes
cent/EUR210012003!Open) Asylbewerber protestieren gescheitert. Da die Anwesenheit der
Trotz zahlreicher Protestaktionen in Flüchtlinge durch die zweimal wöchent-
Frankreich nach Bekanntwerden der bei- gegen Containerdorf liche Essensausgabe und Postausgabe
den Todesfälle ist Air France offenbar Augsburg. Nach zahlreichen Protesten durch den Hausmeister kontrolliert wird,
nicht bereit, gewaltsame Abschiebungen gegen unwürdige Lebensbedingungen sind sie für die Behörden erreichbar.
zukünftig nicht mehr zuzulassen. Nach zerstörte ein Großbrand in der Nacht Wer untertauchen will, tut dies trotz
einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zum 19. Februar 2003 in Augsburg 30 Residenzpflicht. Die Sicherheitslage ist
vom 12.2.2003 wurde die togoische Container, ein Drittel der unmensch- in den Landkreisen Bayerns, die die Re-
Staatsangehörige Dokpe Dikewu am lichen „Unterkünfte“ für Flüchtlinge. sidenzpflicht erweitert haben, offensicht-
8.2.2003 bei ihrer Abschiebung mit ei- Der Augsburger Flüchtlingsrat schreibt lich nicht mehr gefährdet und die Ab-
nem Flugzeug der Air France von den dazu: schiebequote nicht geringer als in Augs-
begleitenden Beamten misshandelt und „Die Asylbewerber und Flüchtlinge burg.
erlitt erhebliche Verletzungen. auf dem Lechfeld sind in besonderem Die Erlaubnis zum Verlassen des
Dass es auch anders gehen kann, ha- Maße benachteiligt. Wir kennen keine Landkreises für Besuche oder kulturelle
ben zahlreiche Aktionen in den letzten Unterkunft in Schwaben, wo die Lebens- Veranstaltungen muss großzügig erteilt
Wochen deutlich gemacht. Am Frankfur- bedingungen derart psychisch belastend werden.“
ter Flughafen verhinderten AktivistInnen sind.Die schlimme und kontraproduktive Dr. Monika Kaiser, ,Sprecherin des
am 17. Februar die Abschiebung von (mutmaßliche) Brandstiftung einiger we- Augsburger Flüchtlingsrates ■

: antifaschistische nachrichten 6-2003 11


Ausländerbehörden auf
„Terroristenjagd“ Europäisches Asylrecht:
Bayern. Im Rahmen des neuen Terroris- Deutschland zieht den Vorbehalt zur nichtstaatlichen Verfolgung zurück -
musbekämpfungsgesetzes, das die PRO ASYL: Ein erster Schritt in die richtige Richtung - 14 weitere müssen folgen
Bundesregierung nach dem 11. Septem-
ber 2001 verabschiedet hat, forscht die Auch Opfer nichtstaatlicher Ver- aussetzungen für die Anerkennung als
Bayerische Staatsregierung nun mit ei- folgung gehören in den Schutzbe- Flüchtling. Europa wartet seitdem, dass
nem 15-seitigen Fragebogen im Freistaat reich der Genfer Flüchtlingskon- Deutschland sich endlich bewegt und die
lebende Ausländer aus. Das haben Land- vention. Eine andere Lesart, die allein Vorbehalte zurückzieht.
tags-Grüne und der Augsburger Grünen- Deutschland bislang in den europäischen Immer noch beharrt Deutschland dar-
Stadtrat Cemal Bozoglu an die Öffent- Verhandlungen um den Flüchtlingsbe- auf, die Europäische Menschenrechts-
lichkeit gebracht. Da werden Menschen griff trotzig vertreten hatte, gilt nicht konvention nach eigenem Gusto - entge-
gefragt ob sie sogenannten terroristi- mehr. Dies ergibt sich aus einem Doku- gen dem internationalen Standard - an-
schen Vereinigungen angehören oder ob ment des Rates Justiz und Inneres vom 4. wenden zu können. Opfer von Folter und
sie jemanden kennen, der diesen ange- März 2003. Hier wird mit erheblicher unmenschlicher Behandlung durch nicht-
hört. Der Katalog der Möglichkeiten Verspätung klar gestellt, dass sich nun- staatliche Akteure, die nicht Flüchtlinge
geht von der PKK über die DEVSOL mehr der bislang angemeldete Prüfungs- im Sinne der Genfer Flüchtlingskonven-
oder die TKP-ML (in der Türkei verbote- vorbehalt Deutschlands nicht auf diese tion sind, sollen, so ein weiterhin existie-
ne Parteien) bis hin zur al-Qaida. Es wird Frage erstreckt. Nach Einschätzung von render Vorbehalt, keinen Ergänzenden
aber auch gefragt, ob der Probant bereit PRO ASYL dürfte diese Veränderung der Schutz erhalten.
ist, mit den hiesigen Geheimdiensten zu- deutschen Haltung darauf zurückgehen, Außerdem will Deutschland einen
sammen zu arbeiten. Wer die Antwort dass Bundesinnenminister Otto Schily Passus in die Richtlinie eingefügt sehen,
verweigert oder die Zusammenarbeit ab- auf loyales Verhalten innerhalb der Re- mit dem Personen von der Flüchtlingsei-
lehnt, läuft nicht geringe Gefahr, abge- gierungskoalition verpflichtet worden genschaft ausgeschlossen bleiben sollen,
schoben zu werden. Nachdem sich kein ist. Im Rahmen des Zuwanderungsge- denen „selbstgeschaffene Nachflucht-
Mitglied der genannten Organisationen setzentwurfes hatten die Parteien der Re- gründe“ vorgehalten werden. Kein ande-
selbst bezichtigen wird, geht es wohl in gierungskoalition die Flüchtlingsaner- res EU-Land will diese völkerrechtswid-
der Hauptsache darum, Spitzel heranzu- kennung für die Opfer nichtstaatlicher rige Formulierung aufnehmen. Weitere
ziehen. Wer also nicht bereit ist, seine und geschlechtsspezifischer Verfolgung deutsche Vorbehalte gibt es zum zweiten
Nachbarn oder Freunde an den bayeri- verankert. Teil der Richtlinie. Er regelt die sozialen
schen Verfassungsschutz zu denunzieren, PRO ASYL begrüßt die jetzige Klar- Rechte von Schutzbedürftigen. Hier be-
der muss bei der Beantwortung lügen. stellung. Sie ist ein erster Schritt aus der kämpft Deutschland aufs heftigste, dass
Nun wird der interessierten Öffent- völlig isolierten Position Deutschlands Personen mit menschenrechtlichen Ab-
lichkeit erst einmal kein Einblick in die auf der europäischen Ebene. Diesem schiebungshindernissen (Ergänzende
Fragebögen gegeben. Einzelne Abgeord- Schritt müssen jetzt 14 weitere folgen. Schutzformen) eine ähnliche Rechtsstel-
nete haben sie sehen können – jedoch Dann endlich kann die Richtlinie zum lung wie Flüchtlinge erhalten.
nur kurzfristig. Es wird also seitens der Flüchtlingsbegriff und den sogenannten PRO ASYL appelliert an die Regie-
Ausländerbehörden mit hoher Geheim- ergänzenden Schutzformen angenom- rungskoalition, endlich für eine konsis-
haltung operiert. Auch wird nicht mitge- men werden. Der Richtlinienentwurf ist tente und pro-europäische Position der
teilt, nach welchen Kriterien der Bayern- auch in der jetzigen Fassung (Stand: 28. Bundesrepublik im Rat zu sorgen und
staat die beantworteten Bögen auswerten Februar, siehe Homepage von PRO alle deutschen Vorbehalte zurückzuzie-
will. ASYL www.proasyl.de) mit deutschen hen. Dazu muss der Bundesinnenminis-
Fest steht, dass der nicht unerhebliche Vorbehalten gepflastert. ter weiter eingebunden werden.
Aufwand der Befragung der Menschen Zum ersten Teil der Richtlinie bestand gez. Karl Kopp
aus den sogenannten „Problemstaaten“ bereits Ende November 2002 Einigkeit Europareferent von PRO ASYL
(Irak, Iran, Pakistan, Afghanistan, Ägyp- zwischen allen EU-Staaten über die Vor- Vorstandsmitglied von ECRE ■
ten, Palästina usw. usf.) jedesmal durch-
geführt werden soll, wenn diese Men-
schen wegen einer Statusänderung bei Berliner Senat schafft Chip- fordert die Bezirke auf, die diskriminie-
der Ausländerbehörde erscheinen müs- karte und Heimzwang ab rende Gewährung von Sachleistungen
sen. Allein in Augsburg werden beim Berlin. Der Flüchtlingsrat Berlin be- ebenfalls zu beenden.
Ausländeramt dafür zwei neue Beschäf- grüßt die Entscheidung von Sozialsena- Außerdem hat der Berliner Senat be-
tigte benötigt (was ca. 100.000 Euro im torin Knake-Werner, den Vertrag mit der schlossen, Flüchtlingen durch eine auch
Jahr kosten dürfte). Firma SODEXHO zur Gewährung der für die Bezirke verbindliche Ausfüh-
Wofür der Aufwand? Es gibt auf den Sozialhilfe per Chipkarte (Infracard) rungsvorschrift die Anmietung von Woh-
15 Seiten eine große Anzahl scheinbar zum 30. Juni 2003 zu kündigen. Damit nungen zu erlauben. Die derzeit aus Sozi-
harmloser Fragen. So z.B. die danach, endet für ca. 3000 Asylbewerber ein Zu- alhilfemitteln gezahlten Sätze für ein ein-
wie die Menschen nach Deutschland ge- stand sozialer Ausgrenzung und Diskri- ziges Zimmer im Wohnheim für eine Fa-
kommen sind. Bei näherer Untersuchung minierung. Die Flüchtlinge konnten mit milie mit drei Kindern sind mit 1650
könnte sich heraus stellen, dass die ganze der von dem französischen Unternehmen Euro/Monat für Unterkunft ohne Verpfle-
Aktion Teil einer ausgeklügelten Raster- geschaffenen Chipkarte nur in wenigen gung etwa dreimal so teuer wie eine selbst
fahndung gegen hier lebende Menschen Geschäften einkaufen und mussten gar gemietete Wohnung. Die Heimunterbrin-
aus den genannten Ländern ist. die Fahrt dorthin aus ihrer ohnehin um gung führt zur Isolation der Flüchtlinge
Über den Zusammenschluss der baye- 30% gekürzten Sozialhilfe zahlen. Für von der Gesellschaft. Physische und psy-
rischen Ausländerbeiräte AGABY will die Versorgung der Mehrzahl der in Ber- chische Krankheiten sind vielfach die
man nun herausbekommen, welche Er- lin lebenden Flüchtlingen tragen jedoch Folgen des jahrelangen beengten Woh-
fahrungen in anderen Städten mit der die Bezirke die Verantwortung, die teils nens in Massenunterkünften. Die Folgen
Aushorchung gemacht worden sind. Bargeld, teils Chipkarten oder Gutschei- sind insbesondere für Kinder katastro-
jol ■ negewähren. Der Flüchtlingsrat Berlin phal. www.fluechtlingsinfo-berlin.de ■

12 : antifaschistische nachrichten 6-2003


Als Frucht europäischer Ko- Frankreich/ Deutschland :
operation stellte Frankreichs
Innenminister Nicolas Sarkozy
in der ersten Märzwoche die erste
„Kerneuropäische“
Massenabschiebung per Charterflug
in dieser Legislaturperiode dar. Es
handelte sich vor allem um deutsch-
Abschiebekooperation
französische Kooperation: 89 franzö- Côte d’Ivoire – Abidjan – sowie des Se- ter Minute war seinem Berufungsverfah-
sische Beamte der Grenzschutz- und negal, Dakar, angeflogen. Die meisten ren in Deutschland stattgegeben worden.
Ausländerpolizei PAF sowie sechs der 30 Ivoiriens und 24 Senegalesen ka- Ein wesentlicher Unterschied aber be-
deutsche Polizisten begleiteten am men aus der Transitzone am internatio- steht zur Ära Pasqua: Mit dem Charter-
Montag (3. März) den Abschiebeflug, nalen Flughafen Roissy, wo ihnen die flug in die Côte d’Ivoire wurde demon-
der spät nach 23 Uhr von einer entle- Einreise nach Frankreich verweigert strativ und massiv in ein aktuell im
genen Startbahn des Pariser Flugha- oder wo ihr Asylantrag abgelehnt wor- Kriegszustand befindliches Land abge-
fens Roissy abhob. den war. Juristisch werden sie behandelt, schoben (wo Frankreich derzeit aller-
als hätten sie niemals französischen Bo- dings wenig gelitten ist...). Das ist eine
Die speziell für Kollektivabschiebungen den betreten. Just zur Wochenmitte hin neue Qualität, wenn man das so formu-
angeheuerten Charterflüge hatte der da- publizierte die humanitäre Hilfsorgani- lieren darf.
malige Innenminister Charles Pasqua, sation Anafe einen Bericht über diese
ein Hardliner in Sa- Flughafen Düsseldorf, 8. März, Aktion von kein mensch ist illegal
chen Law and Or-
der, 1987 einge-
weiht – damals ließ
er 101 Personen in
das westafrikanische
Mali verfrachten.
Die drastische Maß-
nahme blieb jedoch
eine Ausnahme, ge-
wöhnlich wurden
Abschiebehäftlinge
mit normalen Perso-
nenflügen ausgeflo-
gen, auch aus Kos-
tengründen. Ledig-
lich 1991 (unter den
Sozialisten) und
1996 (unter der
Rechtsregierung Juppé) wurden noch- Transitzonen, in denen von skandalösen Die Charterflüge dienen auch dazu,
mals Versuche mit Charterflügen unter- Zuständen und Polizeigewalt die Rede keine lästigen Zeugen der Behandlung
nommen. ist. Die Transitzonen sind derzeit über- von Abgeschobenen und eventueller po-
Nunmehr wollte Pasquas Amtsnach- füllt. Die Praxis, Asylgesuche bereits in lizeilicher Gewalt – wie auf Passagier-
folger Sarkozy, der ebenfalls durch „har- der „extraterrritorialen“ (d.h. juristisch flügen – zu haben. Doch der Charter
tes Durchgreifen“ von sich reden ma- angeblich nicht zu Frankreichg gehören- vom 3. März blieb nicht ohne öffentli-
chen will, ein deutliches Signal setzen. den) Transitzone am Flughafen abzu- ches Aufsehen. Am Flughafen von Abid-
Dieses Mal wurde, von einer eigens handeln, weitet sich aus. In Roissy etwa jan empfingen ihn rund 100 aufgebrach-
durch die Gesellschaft Euralair angeheu- befanden sich am Wochenende vor der te Personen – unter ihnen Bodenperso-
erten Maschine, die Hauptstädte der Kollektivabschiebung 427 Personen in nal der Fluggesellschaft Air Afrique –,
Räumen, die für 294 die die Start- und Landebahnen besetz-
Personen ausgelegt ten und zwei Stunden lang den Weiter-
sind. Daher versucht flug nach Dakar blockierten. Französi-
die französische Re- sche Polizisten wurden auf dem Flugha-
gierung derzeit, durch fengelände angegriffen, Gendarmen in
drakonisches Durch- Zivil wurden von Gepäckbediensteten
greifen die Transitzo- verprügelt. In Dakar hingegen blieb es
nen zu „leeren“ – eher ruhig, aber auch hier empfing eine
aber in Richtung Her- Delegation der „Afrikanischen Konfe-
kunftsländer der Im- renz für Menschenrechte“ den Flug.
migranten. Am Dienstag, den 4. März um 18 Uhr
Ein Senegalese un- – der Charterflug hatte in der Nacht da-
ter den Abgeschobe- vor abgehoben – nahmen an einer eilig
www.arbeiterfotografie.com

nen war in der Nacht und ohne größere Vorbereitung anbe-


extra aus Deutschland raumten Kundgebung der (KP-nahen)
überführt worden; ein Antirassismusbewegung MRAP in Paris
zweiter senegalesi- rund 400 Menschen teil.
scher Staatsbürger Am Mittwoch (5. März) startete be-
Info:

sollte ebenfalls, aus reits der nächste Charterflug: Er brachte


der BRD kommend, 17 chinesische Staatsbürger aus der
an Bord genommen Transitzone von Roissy nach Hongkong.
worden, doch in letz- Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 6-2003 13


: neuerscheinungen, ankündigungen

„Krieg, Krieg und Kirche in der Kurmark und länger an das Märchen zu
immer wieder spätere Aktivist der nazi-kriti- glauben, ,Mein Kampf‘ sei ein
Krieg!“ schen Bekennenden Kirche. wirkungsloses, weil ungelese-
1930, zwei Jahre nach der nes Buch gewesen. Sein Ge-
Karl-Heinz Janßen unter- Unterzeichnung des Krieg- dankengut wurde durch Tau-
sucht den Spannungsbogen sächtungspaktes durch sende und Abertausende von
von Bismarck zu Hitler Deutschland, postulierte er Propagandarednern, Partei-
lautstark: „Das, und das allein, journalisten, Schulungsleitern
Von Thomas Klaus ist der Inhalt der Geschichte: unters Volk gebracht, umge-
Krieg, Krieg und immer wie- gossen in vielfältige Formen
Was Karl-Heinz Janßen in sei- der Krieg!“ wie Schulungsbriefe, Wochen-
nem Buch „Und morgen die „Mein Kampf“ wurde sprüche, Propagandabroschü-
ganze Welt... – Deutsche Ge- gelesen ren, Zeitungsartikel, Lesebü-
schichte von 1871-1945 –“ zu cher.“ Janßen fragt, ob tatsäch- hin zu illegalen Fluchthilfeak-
Papier gebracht hat, ist nicht Zwar gab es zwischen dem lich alle Ehepaare im Dritten tivitäten und dem Widerstand
unbedingt neu. Den meisten Kaiserreich und dem Dritten Reich, die bei der Trauung gegen den Nationalsozia-
Historikern und geschichtlich Reich elementare Unterschie- „Mein Kampf“ geschenkt be- lismus. Die Arbeitsweise der
Interessierten dürfte oder de, aber eben auch „erschre- kamen, niemals in dem Buch Roten Hilfe wird an den gro-
könnte zumindest auch vor ckende Parallelen“, wie Jan- geblättert haben. Und er über- ßen nationalen und internatio-
dem Janßen-Werk bekannt ßen feststellt. So wurden die legt, ob jene Millionen, die nalen Kampagnen deutlich, die
sein, dass es einen unseligen mörderischen Feldzüge der SS Hitler schon vor 1933 ihre sich um für die damalige Zeit
Spannungsbogen von Bis- vorgedacht von vermeintlichen Stimme gaben, seinen Reden so legendäre Namen wie Max
marck zu Hitler gibt, dass Wissenschaftlern wie dem mit dem Weltmachtanspruch Hoelz, Sacco und Vanzetti
Weltmachtträume, Staatsver- Theologie-Professor Paul de nicht zugehört hatten. oder Richard Scheringer rank-
brechen, Judenhass, Schwert- Lagarde aus Göttingen. Er plä- Wer genau lausche – so Jan- ten. Aber auch die alltägliche
glaube, Militärfrömmigkeit dierte bereits 1876 dafür, Völ- ßen – , werde noch heute Kleinarbeit eines Roten Hel-
und Gewaltkult eine lange Tra- ker im Osten und Südosten zu Wortfetzen dieser „Sprache fers, das Sammeln von Spen-
dition in deutschen Landen ha- vernichten – zu Gunsten der des Unmenschen“ aufspüren, den für die Familienhilfe oder
ben. Dennoch ist das 527-seiti- Deutschen. Die Massener- etwa bei Wahlrednern und Be- Unterschriften für die Vollam-
ge Buch nicht überflüssig. schießungen und Brandschat- amten. Noch schlimmer: „Zu- nestie, der Kontakt zu politi-
Denn dem langjährigen Red- zungen im besetzten Belgien weilen verfallen Parteipolitiker schen Gefangenen durch Be-
akteur der Wochenzeitung anno 1914 können wohl als und Regierende in die Ange- suche und Briefe, Demonstra-
„Die Zeit“ ist ein besonders Vorläufer der Repressalien im wohnheit zurück, politische tionen, Filmabende und Ge-
anschaulich geschriebenes Ge- Zweiten Weltkrieg gelten, und Gegner, Andersdenkende und denkveranstaltungen für gefal-
schichtsbuch über die Zeit von der Massenmord am He-rero- unbequeme Minderheiten als lene Revolutionäre werden be-
1871 bis 1945 gelungen, in Volk in Deutsch-Südwestafri- minderwertig, geisteskrank, leuchtet.
dem insbesondere die Bezüge ka 1904/1905 erinnert an die verbrecherisch, tierisch – kurz- Ein vergessenes Kapitel
zur Gegenwart immer wieder späteren Grausamkeiten im um: als Untermenschen zu dif- deutscher Geschichte
überzeugend beleuchtet wer- Zeichen des Hakenkreuzes. famieren und zu degradieren.“
den. Die nationalsozialistischen ■ Rote Hilfe Deutschlands – bei
Karl-Heinz Janßen lässt Kriegsziele muteten an wie der Nennung dieses Namens
durch sein Buch als roten Fa- „ein Abklatsch der alldeut- Das Buch „Und morgen die reagieren selbst Historiker, de-
den die These wandern, dass schen Annexionsforderungen“ ganze Welt...“ ist 2003 im ren Fachgebiet die Weimarer
die Herrschaft des Nazi-Regi- aus dem Ersten Weltkrieg, so Donat-Verlag in Bremen er- Republik oder das Dritte
mes nicht vom Himmel gefal- Janßen. Und er nennt die Vor- schienen und kostet 25,40 Reich ist, mit fragenden Bli-
len (oder aus der Hölle ge- verlegung der deutschen Gren- Euro (ISBN 3-934836-30-5). cken. Heute ist diese Organi-
kommen) ist, sondern dass ihr zen in West und Ost, einen sation, deren proletarische
in den voran gegangenen Jahr- Kranz militärisch und wirt- Erste Gesamtdarstel- Mitgliederzahl Anfang der
zehnten emsig der Boden be- schaftlich abhängiger Vasal- 30er Jahre derjenigen der SPD
reitet wurde. lenstaaten und Siedlungsräume lung der Roten Hilfe ebenbürtig war und zu deren
Der Autor muss sogar für im Ostland sowie die rück- Einladung zur Subskription Unterstützern so unterschied-
den Diktator Partei ergreifen: sichtslose Ausbeutung der rus- liche Persönlichkeiten wie
„Die Gerechtigkeit gebietet es, sischen Rohstoffquellen. Nikolaus Brauns: Schafft Wilhelm Pieck und Herbert
Hitler von der Vaterschaft der Sowohl im Kaiserreich als Rote Hilfe! Geschichte und Wehner, Erich Mühsam und
Lebensraumideologie freizu- auch in der Weimarer Repu- Aktivitäten der proletari- Kurt Tucholsky, Albert Ein-
sprechen.“ Seine Begründung: blik hätten große Teile der Be- schen Hilfsorganisation für stein und Thomas Mann ge-
„Schon Jahre vor Hitler waren völkerung solchen Plänen politische Gefangene in hörten, in Vergessenheit gera-
große Teile des Volkes für ei- wohl wollend oder unterstüt- Deutschland ten. Zu Unrecht! Denn viele
nen Revanchekrieg und für ei- zend gegenüber gestanden, der von der Roten Hilfe ange-
nen Kampf um den Lebens- führt Karl-Heinz Janßen aus. Die vorliegende Arbeit von sprochenen Themen finden
raum geistig disponiert.“ Ein Und auch in der Nazizeit habe Nikolaus Brauns untersucht sich noch heute im Mittel-
abschreckendes Beispiel für sich die Masse des Volkes mit die verschiedenen Aufgaben- punkt der politischen Debatte.
die geistige Verfassung tonan- Hitlers unmenschlichen Vor- gebiete der Roten Hilfe von Wenn der Bundestag über eine
gebender Gesellschaftsschich- stellungen solidarisiert und sie der Sozialfürsorge für die Fa- Änderung des Asylrechts dis-
ten lieferte unter anderem Otto geistig mitgetragen. milien politischer Gefangener kutiert und das Bundesverfas-
Dibelius, der damalige Super- Der Autor: „Wir sollten es über die juristische und rechts- sungsgericht über die rechtli-
intendent der Evangelischen nicht mehr nötig haben, noch wissenschaftliche Tätigkeit bis che Stellung homosexueller

14 : antifaschistische nachrichten 6-2003


Lebensgemeinschaften zu entscheiden Funktionäre und Spender die Organisa- nestie eine Überlebensfrage für die
hat, wenn bei milden Urteilen gegenüber tion trugen. Das zweite Standbein waren Handlungsfähigkeit der kommunisti-
rechtsextremen Gewalttätern der Vorwurf etwa 300 Rechtsanwälte unterschied- schen Bewegung. Der Amnestiekampf ist
einer politischen Justiz laut wird und licher politischer Gesinnung. Ein Ge- zugleich als ein Spiegel für die Wandlun-
wenn sich eine breite Öffentlichkeit für sicht, dass bis weit in das demokratische gen der KPD-Politik zu verstehen, da im
die Abschaffung der Todesstrafe weltweit Bürgertum wahrgenommen wurde, be- Mittelpunkt der jeweiligen Kampagne
ausspricht, so handelt es sich um The- kam die Rote Hilfe jedoch durch eine Symbolfiguren für die wechselnde Bünd-
men, zu denen die Rote Hilfe schon vor Reihe couragierter Intellektueller, die nispolitik der Kommunisten standen, von
über 70 Jahren Positionen entwickelte sich nicht scheuten, mit ihrem bekannten den Linksradikalen Erich Mühsam und
und Kampagnen führte. Namen für die Rote Hilfe oder einzelne Max Hoelz bis zum ehemaligen NS-Ak-
„Sanitätskorps“ der proletarischen ihrer Kampagnen zu werben. Das Spek- tivisten Richard Scheringer und dem
Revolution trum dieser prominenten Unterstützer aus Bauernführer Claus Heim. Internationa-
Kultur und Wissenschaft reichte von Par- lismus gehört zu den Eckpfeilern des
Als „Sanitätskorps“ (C. Zetkin) der pro- teikommunisten wie Johannes R. Becher kommunistischen Selbstverständnisses.
letarischen Revolution diente die Rote und Egon Erwin Kisch über linke Einzel- Vor allem der Roten Hilfe war es – zu-
Hilfe dem physischen Erhalt des revolu- gänger wie dem Kunstmaler Heinrich sammen mit der Internationalen Arbeiter-
tionären Kaders. Wenn ein inhaftierter Vogeler bis zu den republikanisch ge- hilfe – zu verdanken, dass die internatio-
Kommunist sich nicht von seinen in Frei- sinnten Schriftstellern Heinrich und Tho- nale Solidarität im linksproletarischen
heit verbliebenen Kampfgenossen ver- mas Mann. Mit Verweis auf das Schick- Milieu in Deutschland konkret erfahrbar
gessen wähnte und die Gewissheit hatte, sal „unschuldiger Kinder“ warb die Rote wurde und nicht bei abstrakten Lippen-
dass seine Familie unter der Obhut des Hilfe eine Vielzahl von Prominenten, bekenntnissen endete.
Solidaritätswerkes stand, konnte die darunter auch den Physiknobelpreisträ- Weiterarbeit während des
KPD auf seinen Verbleib in ihren Reihen ger Albert Einstein, für ein Kuratorium, Faschismus und im Exil
hoffen. Durch die Untersuchung des or- das sich schützend vor die ständig von
ganisatorischen Aufbaus sowie der Zu- Als einzige Nebenorganisation der KPD
der Schließung bedrohten Kindererho-
sammensetzung von Mitgliedschaft und wurde die Rote Hilfe auch unter dem Na-
lungsheimen in Worpswede bei Bremen
Funktionärsapparat wird herausgearbei- tionalsozialismus bis kurz vor dem Krieg
und im thüringischen Elgersburg stellte.
tet, inwieweit der von der Roten Hilfe aufrechterhalten. Die Untersuchung der
Aber auch mit dem Aufgreifen von Fäl-
selbstproklamierte Anspruch der Über- Aktivitäten der Roten Hilfe während die-
len staatlicher Kunst- und Literaturzen-
parteilichkeit eingelöst werden konnte. ser Zeit bringt neue Erkenntnisse über
sur – etwa während der Debatte um das
Tatsächlich machten bekennende Sozial- Möglichkeiten und Grenzen des antifa-
Schmutz- und Schundgesetz – wurden
demokraten, Anarchisten und bürgerliche schistischen Widerstand in Deutschland.
Intellektuelle für die Anliegen der Roten
Demokraten niemals mehr als ein Pro- Hilfe sensibilisiert. So erprobte die Rote Hilfe neben der
zent der Mitgliedschaft aus. Dagegen Internationalismus klassischen illegalen Arbeit, wie dem
wurde die Rote Hilfe während der Welt- Einschleusen antifaschistischer Literatur
wirtschaftskrise zur Heimat parteiloser Verbindendes Element in der Kampagne- und der Übernahme politischer Aufgaben
Linksradikaler, die von der KPD desillu- tätigkeit der Roten Hilfe von 1921 bis der KPD, auch sogenannte „legale“ For-
sioniert waren, die SPD aufgrund ihrer 1933 war der Ruf nach Amnestie für alle men des Widerstandes. Wie aufgezeigt
staatstragenden Rolle aber ablehnten. „proletarischen politischen Gefangenen“. wird, unterwanderten Rote Helfer NS-
Überparteilichkeit bedeutete aus Sicht Amnestie wurde nicht als Gnadenakt, Organisationen wie die Volkswohlfahrt,
der KPD-Führung Offenheit für nicht- sondern als notwendige, durch außerpar- um unter dem Deckmantel des „loyalen
kommunistische Mitglieder im Sinne ei- lamentarischen Druck zu erzwingende Volksgenossen“ Gelder für die Familien
ner „Einheitsfront von unten“ unter kom- Korrektur der Rechtsprechung verstan- politischer Gefangener als bedürftiger
munistischer Führung. den. Wenn zeitweilig über 7000 revolu- Glieder der „Volksgemeinschaft“ abzu-
Thomas Mann, Albert Einstein und tionäre Aktivisten in den Gefängnissen zweigen. Bei den Bemühungen der Kom-
andere als Unterstützer der Weimarer Republik saßen und große munisten zur Schaffung „antifaschisti-
Teile der KPD-Zentrale vom Damokles- scher Einheits- und Volksfronten“ in
Die Arbeit der Roten Hilfe beruhte auf schwert der Hochverratsklage bedroht Deutschland und den angrenzenden Län-
drei Säulen. Die erste war die Masse der ins Moskauer Exil oder die Illegalität ge- dern spielte die Rote Hilfe eine bis jetzt
einfachen Arbeiter, die als Mitglieder, zwungen wurden, dann bildete die Am- von der Forschung unterschätzte Schlüs-
selrolle als Bindeglied zu nicht-kommu-
nistischen Teilen des Widerstands.
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73.
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Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, nicht nur die größte proletarische Massenor-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, ganisation der Weimarer Zeit dem Verges-
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Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. und Faksimiles vermittelt es auch einen au-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. thentischen, sinnlichen Eindruck der Arbeit
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind der Roten Hilfe. Für einen kleinen Verlag ist
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Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- re Vorbestellzahlen nicht zu finanzieren.
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Subskriptionspreis 25.00 EUR (bis 30. April
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. 2003) plus 1.30 EUR Porto, später 32.00
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie EUR. Erscheint im Mai 2003, sofern die not-
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein- wendigen Vorbestellzahlen (ca. 200 Ex.) er-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V.,
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup-
reicht werden. Bestellungen an: Pahl-Rugen-
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der stein Verlag, Breite Str. 47, 53111 Bonn,
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini- Tel. 0228/632306 Fax 0228/634968
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di E-mail: prv@che-chandler.com
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 6-2003 15


: aus der faschistischen presse
tabulose Diskussion über die
deutsch-amerikanischen Be-
ziehungen wird zu dem Er-
gebnis kommen, dass die
Angriff auf den Antifa- programme gegen Zweckgemeinschaft, die
schismus und Deutschland- Rechts seien dazu da, Deutschland und die USA
Wunschtraum die politische Vorherr- jahrzehntelang verbunden
schaft von Rot-Grün hat, der Vergangenheit an-
Junge Freiheit Nr. 9/03 vom zu zementieren, denn: gehört. Die beiderseitigen
21. Februar 2003 „Kein Politiker kann es Interessenlagen haben sich
Das Blatt beobachtet die Position der beispielsweise wagen, ei- fundamental verändert. Heute
Bundesregierung im Irak-Krieg kritisch, nen Zusammenhang zwischen muss es aus deutscher Sicht darum
erhofft sich allerdings davon eine Stär- der Krise der Bildungs- und Sozialsys- gehen, dem globalen Anspruch der Welt-
kung nationalistischer Positionen. Chef- teme und einer asozialen Einwande- macht USA Widerstand entgegenzuset-
redakteur Dieter Stein: „Es kursieren rungs- und Asylpolitik herzustellen, weil zen ... Auf den allzu simplen Gegensatz
derzeit Meldungen, die USA hätten einen der deutsche Sonderweg im Asylrecht in- Pro- oder Antiamerikanismus lässt sich
Totalstopp von Investitionen in ihre zwischen zu einem universellen Wert er- die Komplexität, die mit der Irak-Krise
deutschen Militärstützpunkte verhängt ... hoben wurde – wenigstens in Deutsch- verbunden ist, deshalb nicht herunterbre-
Großartig kann ich nur sagen ... Nur: land.“ In derselben Ausgabe erklärt der chen. Und weil das so ist, geht der Riss
Dies bedeutet, dass Deutschland, dass CSU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang durch alle ,gesellschaftlich relevanten
die Mitte Europas endlich militärisch auf Götzer auf die Frage „Ist der ,Kampf ge- Gruppen‘ in Deutschland ... Wenn dieser
eigenen Füßen stehen muss. Dafür ist ein gen Rechts’ nun am Ende?“: „Leider Riss dazu führt, dass Deutschland in Zu-
Preis zu zahlen. Die Entmilitarisierung nein, aber die Fragestunde war ein An- kunft in der internationalen Völkerge-
Deutschlands, die Zerschlagung und fang. Natürlich werden, SPD, Grüne und meinschaft mehr Eigensinn zeigt, dann
Herunterwirtschaftung der Bundeswehr PDS zu gegebener Zeit erneut versuchen, hat diese Diskussion zu den richtigen
und der deutschen Rüstungsindustrie damit gegen das bürgerliche Lager zu Konsequenzen geführt.“
müssen gestoppt werden. Wenn wir uns Felde zu ziehen und alles, was konserva-
von den USA emanzipieren wollen – tiv ist, zu diffamieren ...“ Ebenfalls in „Deutscher Weg im Kriegs-
gut!. Dann müssen wir aber politisch er- dieser Ausgabe findet sich ein Vorab-
wachsen werden. Ansonsten werden wir druck des Buches „Stigmatisiert. Der szenario“
uns bei nächster Gelegenheit (unter Terror der Gutmenschen“, herausgege- Republikaner 3-4/2003
Kanzlerin Merkel?) wieder an die ameri- ben von Klaus J. Groth und Joachim Der Republikaner 3+4 erscheint wie in-
kanischen Rockschöße klammern.“ Schäfer, die sich mit der von politischen zwischen üblich als Doppelausgabe. Der
Große Beachtung widmet das Blatt ei- Rechten kritisierten „political correct- Bundesvorsitzende Rolf Schlierer propa-
ner Anfrage der Unionsfraktion im ness“ auseinandersetzen und behaupten: giert einen deutschen Weg im Kriegssze-
Bundestag zum „Kampf gegen Rechts“, „Im vereinten Deutschland droht kein nario: „Wir Deutschen müssen aus end-
in der sich der CDU-Bundestagsabge- Zuchthaus mehr für eine ungebührliche lich von unserer geistigen Schrebergärt-
ordnete Ole Schröder zu dem Vorschlag Bemerkung. Statt dessen droht der Bruch ner-Haltung der Nachkriegsära befreien.
verstieg, die laufenden Projekte umzu- der Karriere, die gesellschaftliche Äch- Leider hat das Volk im September des
widmen: nicht mehr „gegen Rechts“ son- tung, die öffentliche Vorführung.“ letzten Jahres eine Regierung gewählt,
dern gegen „die Bedrohung des islami- die an Unfähigkeit allenfalls noch von
schen Fundamentalismus“. Der Vorwurf Antiamerika- den Oppositionsparteien überboten wird.
Gerhard Schröder flüchtet sich zuneh-
nismus sei nur ein Ablen- mend in eine Pseudopolitik … Trauriger
Kampf gegen Rechts weiter
kungsmanöver Höhepunkt: Der Bundeswehr werden die
in der rechten Kritik Junge Freiheit Nr. 11/03 vom Mittel gekürzt und gleichzeitig weltweite
Junge Freiheit Nr. 10/03 vom 7. März 2003 Einsätze verordnet."
28. Februar 2003 Das Blatt führt eine breite Leserbriefde- Der oberschlaue Schlierer bemerkt am
Im Leitartikel lässt das Blatt Doris Neu- batte um den Irak-Krieg. Alexander Schluss seiner nationalen Hetze: „Selten
jahr verbreiten, die Bundes- und Landes- Griesbach kommt zu dem Schluss: „Eine war unsere Forderung aktueller als heu-
te: Deutschland braucht eine klare politi-
sche Linie, die sich ausschließlich am
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
nationalen Interesse ausrichtet. Dazu be-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: darf es einer politischen Altenative, einer
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich republikanischen Politik." Nur will das
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Wahlvolk wohl nicht so recht zu dieser
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Erkenntnis kommen: Zum schlechten
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Abschneiden der REP in Hessen und
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). Niedersachsen schweigt das Blatt.
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Interviewt wird Alain de Benoist zum
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Thema Irak-Krieg. Er hält eine Achse
„Paris-Berlin-Moskau für den besten
Name: Adresse: Weg, „um die Europäische Union in die
Lage zu versetzen, ein Gegengewicht zur
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts amerikanischen Hypermacht zu bilden“,
bedauert allerdings, dass Russland sich
Unterschrift aus wirtschaftlichen und finanziellen
Gründen bisher zurückhält. Er plädiert
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
für „die Aufstellung einer eigenständigen
europäischen Verteidigung“. uld, jöd ■

16 : antifaschistische nachrichten 6-2003