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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 10.4.2003 19. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Über 6000 Menschen haben sich


am 29. März nach Angaben des
veranstaltenden Friedensnetzes
Baden-Württemberg an einer Aktion
gegen das europäische US-Hauptquar-
tier EUCOM beteiligt. Der US-Stützpunkt
in Stuttgart-Vaihingen, von dem aus der
Irak-Krieg wesentlich vorbereitet und
geführt wird, wurde von den Kriegs-
gegnern umschlossen.
Hauptforderungen waren: Nein zum Krieg
gegen den Irak, keine aktive und passive Be-
teiligung der Bundesrepublik am Krieg, für
aktive Friedenspolitik statt Sozialabbau. An
der Abschlusskundgebung beteiligten sich
10000 Menschen.
Die Hauptrednerin, Anne Rieger, Spreche-
rin des Bundesausschuss Friedensratschlag
und Landessprecherin der VVN-BdA forderte
die Menschen auf nicht nachzulassen im Pro-
test: „Wir haben den Krieg verzögert – jeder
Tag später war ein gewonnener Tag für die
irakischen Menschen!
Die Bush-Administration hat sich weltweit
isoliert. 180 von 191 Mitgliedstaaten der
UNO haben sich gegen den Krieg ausge-
sprochen. Millionen protestieren weltweit ge- tion hat den Propaganda-Krieg, den Krieg um die Herzen und die Köpfe der Menschen offen-
gen den Krieg – täglich demonstrieren Men- sichtlich verloren. ... Das ist unsere Leistung! Die Leistung der Achse des Friedens! Lasst uns
schen auf der Straße. Die Bush-Administra- weitermachen – lasst uns nicht eher ruhen, bis dieser Krieg gestoppt ist.“

Sitzblockade vor der US-Air-Base


Frankfurt. Für den 2. Samstag nach man über die A3 Frankfurt-Süd anreisen Nach Polizeiangaben wurden 580 Men-
Kriegsbeginn hatte das Bündnis musste und prompt in eine peinlich ge- schen geräumt, der Großteil wurde nach
„Resist“ (www.resistthewar.de) zu naue, schikanöse Kontrolle durch eine Personalienfeststellung zum S-Bahnhof
einer Blockade der Rhein-Main-Air- bayerische Polizeieinheit geriet. Am Zeppelinheim verbracht und dort freige-
base der US-Luftwaffe aufgerufen. Bahnhof selbst fand nochmals eine Kon- lassen; einige wurden zum Frankfurter
Sie bildet zusammen mit der Airbase trolle statt, wo vielen Teilnehmern Iso- oder zum Offenbacher Hauptbahnhof ge-
in Ramstein die Grundlage für die Lo- matten, Schlafsäcke, also alles, was laut bracht.
gistik kriegswichtiger Güter, die über Polizeidefinition für eine längere Blocka- Nach Teilnehmerschätzung wurden ca.
Deutschland aus den USA in die Golf- de eingesetzt werden könnte, beschlag- 120 Blockierer, davon allein 60 vom
region befördert werden. nahmt wurden. Südtor, zum Polizeipräsidium gebracht
Nach ein paar Redebeiträgen ging es in und erkennungsdienstlich behandelt und
Gekommen waren laut Veranstalter Richtung Airbase. Genehmigt war eine in Zellen festgesetzt. Der Letzte wurde
2.500 Menschen, die Polizei zählte nur Kundgebung vor dem Haupttor, die bis dort gegen 24 Uhr freigelassen.
1.200 (FR 31.3.03). Sie fanden sich am 15 Uhr dauern durfte, sofern ein Abstand Die Polizei hat auch schon eine Kos-
vereinbarten Treffpunkt, dem S-Bahnhof von 50 - 70 Metern zum Tor eingehalten tenkatalog für solche Aktionen: 50 Euro
Zeppelinheim, ein. Die Autobahnabfahrt würde. Daran hielt sich kaum jemand, so bei Verstoß gegen das Versammlungsge-
Zeppelinheim war von der Polizei bereits dass schnell direkt vor dem Tor einige setz, 10 Euro fürs Wegtragen, 30 Euro für
Stunden vorher gesperrt worden, so dass hundert Menschen saßen und friedlich- den Transport – da kommt Geld in die
gewaltfrei blockierten. Kasse.
Aus dem Inhalt: Ca. 100 Demonstranten war es auch Die Veranstalter werteten die Aktion
gelungen, zum Südtor der Basis zu gelan- trotzdem als Erfolg: Es ist gelungen, mit
Über Bagdad nach Dresden gen. Es kam also, wie es kommen muss- Mitteln des friedlichen zivilen Ungehor-
Wie die Rechte die Friedens- te: die Polizei räumte, wobei man sagen sams die Logistik-Drehscheibe der US-
bewegung für sich entdeckt . . . 3 muss, dass es letztendlich recht fair von- Streitkräfte für vier Stunden dichtzuma-
Tony Blairs Anschlag auf statten ging. chen. ie ■
den Flüchtlingsschutz . . . . . . . 14 Insgesamt gelang es, das Haupttor der Quellen: www.indymedia.de,
Airbase für vier Stunden zu blockieren. FR 31.3.03
: meldungen, aktionen

Nazis demonstrierten Das Gericht erinnerte die Anwäl-


gegen Irak-Krieg tin daran, dass die Verharmlosung
der Judenvernichtung durch die Na-
Hanau. Am Samstag, den 29.3. fand, wie zis strafbar sei. Dem Beklagten bil-
angekündigt eine bundesweite Nazi-De- ligte es das Recht auf eine subjektive
monstration gegen den Irak-Krieg statt. Meinungsäußerung zu. Der versi-
Die Mobilisierung ging vor allem von der cherte, im Internet nichts verbreitet
JN (Jugendorganisation der NPD) und zu haben und auch nicht verbreiten
sogenannten freien Nationalisten aus. Ein zu wollen, dass der klagende Verle-
Verbot der Stadt wurde vom Verwal- ger Bücher mit rassistischen Mord-
tungsgericht aufgehoben. Statt der ange- aufrufen verlege.
kündigten 600 Nazis kamen dann insge- Mit dieser Formulierung zeigten
samt ca. 150-200. Seitens der Gegende- sich beide Seiten einverstanden. Der
monstranten waren es höchstens 300 Verleger, der sich als „patriotisch ge-
Leute. Allein stark vertreten war die Poli- sinnt“ bezeichnete, zog seine Klage
zei mit etwa 1000. Der gelang es auch die zurück und damit war das Verfahren
– abgeänderte – Route der Nazis zu nach einer knappen Stunde beendet.
schützen, indem sie die Gegendemon- Quelle: Weser Kurier, taz bremen
stranten zersplitterten, eine Gruppe aus vom 28.3.2003 ■
Frankfurt gleich am Bahnhof abfingen
und zurückschickten und allerlei Platz- Gedenken an den Beginn
verweise bzw. Hanau-Verbote verhäng- schäftigt, wüsste er, dass sie solche mör-
ten. Erschwerend kam hinzu, dass gleich- der Pogrome derischen terroristischen Akte immer
zeitig die Blockade der Air-Base (mit ca. Köln. Die Klänge der „Marseillaise“, verurteilt hat. Dies zur Kenntnis zu neh-
2000 TeilnehmerInnen) und eine Demon- ertönten vom Glockenspiel des 4711- men wäre allerdings die Bereitschaft nö-
stration gegen Abschiebung am Rhein- Hauses in der Kölner Glockengasse und tig, auf ein Vorurteil zu verzichten und
Main-Flughafen (mit 150 TeilnehmerIn- verzögerten den Beginn der Kundge- Kritik an der israelischen Regierung, die
nen) stattfanden. udi ■ bung, zu der die „Gesellschaft für christ- die Friedensbewegung auch immer geübt
lich-jüdische Zusammenarbeit“ in Erin- hat, nicht als Antisemitismus anzusehen.
Rechter Verleger gegen nerung an den Boykott jüdischer Ge- tri ■
schäfte durch die Nazis am 1. April 1933
linke Bremer auf den Tag genau 70 Jahre später aufge- NPD sagt Aufmarsch in
Bremen. Vor einer Zivilkammer des rufen hatte. Es war eine symbolträchtige
Bremer Landgerichts wurde am 27.3. Verzögerung: Unter den Klängen der Re- Mannheim am 1. Mai ab
eine Klage des Oberhauser Verlegers volutionshymne waren 1794 französi- Mannheim. Der NPD-Landesverband
Werner Symanek gegen die antifaschisti- sche Truppen in die Domstadt einmar- Rheinland-Pfalz hat seine bereits am 17.
sche Bremer Initiative „Grufties gegen schiert und hatten u.a. dafür gesorgt, dass April 2002 in Mannheim angemeldete
Rechts“ verhandelt. Auf ihrer Homepage sich jüdische Menschen überhaupt wie- „öffentliche Versammlung unter freiem
im Internet hatte sie Symanek vorgewor- der im „heiligen Köln“ ansiedeln durf- Himmel und des Aufzuges am 1. Mai“
fen, in seinem Verlag VAWS „rechtsex- ten. Die Nazihetze des Jahres 1933 war schriftlich aus „organisatorischen Grün-
treme Bücher zur Umgehung von Geset- dagegen die totale Negation der demo- den“ abgesagt. Nach der schriftlichen Er-
zen gegen Volksverhetzung und rassisti- kratischen Errungenschft des revolutio- klärung gehe die Stadtverwaltung davon
sche Mordaufrufe zu veröffentlichen.“ nären Frankreich. aus, dass die Rücknahme der Anmeldung
Die vom nordrhein-westfälischen Ver- Der Redner der Kundgebung, Herr ernst gemeint sei, so der Mannheimer
fassungsschutz als rechtsextremistisch Wilhelm von der veranstaltenden Gesell- Morgen.
eingestufte Firma „Verlag & Agentur schaft, wies vor ca. 40 Zuhörer(inne)n Die Vorbereitungen für die Verhinde-
Werner Symanek“ (VAWS) hatte sich darauf hin, dass der organisierte Boykott rung des Naziaufmarschs laufen auf vol-
von den Dark-Wavern verleumdet ge- mit seinen Übergriffen gegen jüdische len Touren, und sie werden wohl auch
fühlt und auf Unterlassung geklagt. Kölner(innen) der „Anfang der Vernich- weiterlaufen müssen. Denn das Thema
Das Bremer Landgericht sah das aller- tung jüdischen Lebens in Deutschland“ bleibt so oder so aktuell, insbesondere
dings anders und erwirkte eine Einigung: gewesen sei. Er warnte in seinem Beitrag nach dem Karlsruher Urteil. Und es ist ja
M. von den Grufties gegen Rechts stellte vor der heute häufigen Bagatellisierung auch nicht auszuschließen, dass plötzlich
eine von den Klägern missverstandene von Rassismus und Antisemitismus. Po- doch noch eine neue Anmeldung aus der
Äußerung klar, und die Firma VAWS litikersprüche wie „das Boot ist voll“ Neonazi-Ecke kommt.
zog, um größere Kosten zu vermeiden, oder die schlimme CSU-Wortschöpfung Mit dem seit 20. März tobenden Drit-
ihre Klage zurück. von der „durchrassten Gesellschaft“ be- ten Golfkrieg gibt es im übrigen zusätz-
Mit Gisa Pahl hatte sich Symanek eine reiteten antisemitische Haltungen den lich allen Grund, am 1. Mai mehr zu be-
Juristin vom Deutschen Rechtsbüro in Boden vor. Darum sei Wachsamkeit wegen als üblicherweise an diesem Tag.
Hamburg geholt. Sie bekannte, unter ei- gegenüber diesen Tendenzen auch heute Eine große Demonstration und ein Kul-
nem Pseudonym selbst die Bücher mit nötig. turprogramm gegen Faschismus und
Tipps verfasst zu haben, wie man juristi- Zumindest Unkenntnis bewies der Krieg wären auf jeden Fall angemessen.
sche Fußangeln wegen Volksverhetzung Sprecher allerdings mit der rhetorischen Trotz der Absage für Mannheim wird
umgeht. Besonders im Umgang mit Ju- Frage, wo denn der Protest der Friedens- die Region von den Faschisten wohl
den und deren Massenvernichtung im bewegung gegen palästinensische Selbs- nicht verschont bleiben: Für Samstag,
dritten Reich. Das sei genauso zu bewer- mordattentate in Israel bliebe. Hätte er den 19. April 2003, haben die Neonazis
ten, wie Hinweise zum Mietrecht oder sich auch nur ein wenig mit der Haltung der so genannten Karlsruher Kamerad-
Verkehrsrecht. der von ihm kritisierten Bewegung be- schaft zu einem Aufmarsch „Amis raus!

2 : antifaschistische nachrichten 8-2003


– Frieden rein!“ in Heidelberg aufgeru-
fen. „Das ist nicht der erste Versuch von
Faschisten, die gegenwärtige Anti-
Österreich:
Kriegs-Stimmung für ihre menschenver-
achtenden Zwecke zu missbrauchen“,
Die neue alte Regierung
schreibt das Autonome Zentrum Heidel- Wien. Nachdem Bundeskanzler vor den jüdischen Friedhof in Eisenstadt
berg. „Sorgen wir dafür, dass es auch Schüssel drei Monate damit ver- geschändet hatten.
diesmal bei einem kläglichen Versuch ei- bracht hat mit allen im Parlament In der Regierung verblieben sind Hai-
nes Aufmarsches bleibt, nachdem es be- vertretenen Parteien zu „sondieren“, disku- ders Ex-Anwalt und persönlicher Freund
reits 1998 und 2001 gelungen war, die tieren und zu verhandeln, stand fest, dass Dieter Böhmdorfer, der unauffällige Ge-
Nazis am Marschieren zu hindern! Für die „alte“ schwarz-blaue Regierung aus sundheits-Staatsekretär Reinhart Waneck
11.30 Uhr ist eine antifaschistische der konservativen ÖVP und der rechtsex- und FPÖ-Chef und neuer Vizekanzler
Gegenkundgebung am Hauptbahnhof tremen FPÖ eine Neuauflage erleben wür- Herbert Haupt, der weiterhin das Sozial-
angemeldet.“ tht ■ de. Vergessen offensichtlich, dass sich die ministerium inne hat, auch wenn er einzel-
beiden Partner erst vor kurzem heillos zer- ne Agenden an das neu geschaffene Mi-
NPD will am 1. Mai in Berlin stritten hatten, die ÖVP betonte, dass mit nisterium für Frauen und Gesundheit –
so einer – dermaßen innerlich zerstrittenen und somit an die ÖVPlerin Maria Rauch-
demonstrieren Partei – kein Staat zu machen sei. Kallat – abgeben muss. Einen weiteren
Berlin. Nach dem Scheitern des NPD- Doch die FPÖ hatte sich der ÖVP von Ministerposten verloren hat die FPÖ
Verbotsverfahrens plant die NPD einen allen Parteien in den Verhandlungen am durch den Parteiaustritt von Karl-Heinz
Aufmarsch am 1. Mai in Berlin. Nach bedingungslosesten an den Hals gewor- Grasser, der der neuen Regierung nun als
Angaben der Polizei vom Mittwoch liegt fen, und das will schon was heißen, parteifreier Finanzminister angehört.
eine entsprechende Anmeldung für den schließlich waren ja auch die Grünen sehr Querschüsse aus Kärnten
Westteil der deutschen Hauptstadt vor. bemüht, sich in einem Anfall von offen-
Genauere Angaben zum Ort und zur er- sichtlichen Selbstmordgelüsten an die Kaum gibt es eine neue schwarz/blaue Re-
warteten Teilnehmerzahl wollte ein Tröge der Macht zu bringen – ein Unter- gierung, schon macht ihr Jörg Haider wie-
Sprecher zunächst nicht machen. Dafür fangen, das offensichtlich nur durch den der das Leben ein bisschen spannender:
sei es noch zu früh. Die Lichtenberger Unwillen von Bundeskanzler Schüssel Zuerst attestierte er Bundeskanzler Schüs-
CDU teilte mit, dass die Demonstration höchstpersönlich verhindert werden konn- sel – nicht einmal eine Woche nach der Re-
vor dem Olympiastadion beginnen soll. te, inhaltlich bestand bereits weitgehende gierungsangelobung – sich in einem
Als Alternative sei aber auch Lichten- Übereinstimmung. „Machtrausch“ zu befinden, und kündigte
berg selbst im Gespräch. ■ Doch zurück zur tatsächlichen neuen an, dieser werde für seine Demütigungen
Regierung: Natürlich gab es auch in der „bitter bezahlen“. Nur wenige Tage später
Halle: Nazidemonstration ÖVP Stimmen, die sich gegen die Neuauf- kündigte er in seiner Funktion als Landes-
lage von schwarz/blau ausgesprochen ha- hauptmann von Kärnten ein Referendum
am 1. Mai ben, da die ohnehin intern schon zerstritte- an, dass die Bildung eines „Freistaates“
Halle. Für den 1. Mai hat eine „Jugend- ne FPÖ durch ihre massiven Verluste bei Kärnten nach dem Vorbild Bayerns zum
initiative für Arbeit, Freiheit und Frie- der Nationalratswahl nicht gerade ein zu- Ziel habe. Die Bezeichnung Freistaat solle
den“ eine Demonstration unter dem Mot- verlässigerer Partner geworden sei, so zur Stärkung der eigenen und landestypi-
to „Arbeitsplätze statt Kriegseinsätze“ in zum Beispiel vom mächtigen niederöster- schen Identität beitragen. Denn in keinem
Halle angemeldet. Hinter der Initiative reichischen Landeshauptmann Erwin anderen Bundesland seien die Wurzeln zu
verbirgt sich nach ersten Informationen Pröll geäußert. Volkskultur oder heimischen Liedgutes so
die „Kameradschaft Köthen“, die in den Doch auch für all die Zweifler wurden stark ausgeprägt wie in Kärnten, so Haider.
letzten Jahren für verschiedene Demon- dann halt sehr pragmatische Lösungen ge- Aber auch parteiintern wütet Haider
strationsanmeldungen in Sachsen-Anhalt funden: So bekam der Neffe des Landes- wieder: Vor allem die Gehaltsfortzahlung
verantwortlich war. Die Nazis wollen hauptmanns, Josef Pröll, den Posten als für Ex-Vizekanzlerin Riess-Passer und
sich ab 10.00 Uhr auf dem Marktplatz Landwirtschaftsminister, die zweifelnde Ex-Infrastrukturminister Reichhold, die
treffen, ihre Demonstration soll um Tiroler ÖVP wurde ebenso mit einem Pos- trotz Ausscheiden aus der Politik nicht
12.30 Uhr beginnen. ten, dem des neuen Verteidigungsminis- auf ihr Ministergehalt verzichten wollten,
Geworben wird bisher auf verschiede- ters Günther Platter, besänftigt, wie die sorgte für einige Aufregung in der selbst-
nen Neonazi-Websites aus Sachsen-An- oberösterreichische Fraktion, die mit Hel- ernannten Anti-Privilegienpartei. Haider
halt sowie bei „Widerstand Nord“, der mut Kukacka einen Staatssekretär im In- drohte sogar mit einer Abspaltung der
Internetseite der „Freien Kameradschaf- frastrukturministerium spendiert bekam. Kärntner Landesgruppe von der Bundes-
ten“ aus Norddeutschland. Auch bei den Doch auch für die FPÖ gibt es solche per- partei, da er nicht mehr bereit sei „unser
letzten Friedensdemonstrationen in sonellen „Zuckerln“: Ansehen und unser Image ruinieren zu
Sachsen-Anhalt, an denen regelmäßig Mit Ursula Haubner wird niemand an- lassen“. Zwar wurde das Problem mit der
Neonazis teilnahmen, wurden Aufrufe ders als Jörg Haiders Schwester neue Ge- Gehaltsfortzahlung mittlerweile beige-
zum Aufmarsch am 1. Mai in Halle ver- sundheitsstaatssekretärin. Ebenfalls von legt - da beide ab Mai in die Privatwirt-
teilt. Wir gehen deshalb davon aus, dass FPÖ-Seite her neu in der Regierung ist der schaft wechseln - aber das Haidersche
die Anmeldung ernst zu nehmen und mit Voralberger Hubert Gorbach, der dem Damoklesschwert hängt weiter über dem
überregionaler Teilnahme zu rechnen ist. Kurzzeit-FPÖ-Chef Matthias Reichhold Kopf von Parteiobmann Haupt, denb
Da es bisher noch keine wirklich erfolg- ins Infrastrukturministerium folgt, und da- Haider kündigte an, sieben FPÖ-Abge-
reiche Neonazidemonstration in Halle mit bereits der vierte entsprechende Mi- ordnete im Nationalrat – er nennt sie die
gab, ist vermutlich gerade den örtlichen nister in drei Jahren schwarz-blauer Liai- „Glorreichen Sieben“ oder wahlweise die
Nazis sehr an einer großen Mobilisie- son wird. Als Sport-Staatsekretär neu hin- „wahre FPÖ“ – jederzeit auf seiner Seite
rung und ungestörten Durchführung ge- zugekommen ist Karl Schweitzer, der sich zu haben. Bereits sechs Abgeordnete
legen. Seit 1990 gab es „nur“ drei Nazi- 1992 in seiner Rolle als FPÖ-Bundesge- könnten die FPÖ/ÖVP-Mehrheit im Par-
demonstrationen in Halle, die durchweg schäftsführer schützend vor zwei Neona- lament kippen.
gestört, wirksam behindert oder (wie zis – die er selbst als „Mitglieder unserer Newsletter der Rosa Antifa Wien,
weiter auf Seite 4 Bewegung“ bezeichnete – stellte, die zu- www.raw.at, 3-2003 ■

: antifaschistische nachrichten 8-2003 3


beim letzten Mal im Mai 2001) sogar ab- Interesse der Stadt und sollte deshalb un- Inzwischen sind die Rundgangstafeln
gebrochen werden mussten. ter allen Umständen vermieden werden. an den einzelnen Gebäuden angebracht
Uns ist natürlich bewusst, dass am 1. Die bereits jetzt in Stuttgart lebenden und ermöglichen so eine eigenständige
Mai in vielen Städten eigene Demonstra- Flüchtlinge und Asylanten aus dem Irak Besichtigung des Geländes. Dieser
tionen und Aktionen geplant sind. Trotz- sind darauf vorzubereiten, nach dem Rundgang soll am 13. April um 14 Uhr
dem würden wir uns freuen, wenn wir Ende des Krieges in ihr befriedetes Hei- am Sorbenweg offiziell mit einer Füh-
von Euch am 1. Mai Unterstützung er- matland zurückzukehren. rung über das Gelände eröffnet werden.
halten würden. Die neuesten Informatio- Es ist der richtige Weg, hier rechtzeitig Projektgruppe Rundgang ■
nen werden von nun an in regelmäßigen und noch im Kriegsverlauf die entspre-
Abständen folgen. chenden administrativen Vorkehrungen VVN-BdA ruft auf zu
Antifaschistische Gruppen Halle ■ zu treffen.
Wir beantragen aus diesen Gründen: Gedenkkundgebung in
Irak-Kriegsflüchtlinge: PDS 1. Die Stadt Stuttgart nutzt ihre Ein- der Bittermark
wirkungs- und Selbstbestimmungsmög- Wieder ist Krieg. Ein völkerrechtswidri-
sagt: aufnehmen – REPs lichkeiten konsequent dahingehend, die ger Angriffskrieg ohne UN-Mandat - wie
sagen: vertreiben weitere Aufnahme irakischer Flüchtlinge 1999. Es sterben täglich Unschuldige;
Stuttgart. Zwei Anträge liegen jetzt zu vermeiden. besonders die Kinder leiden unter den
dem Gemeinderat zum Thema Irak- 2. Nach Beendigung des Irak Krieges Bomben, dem Hunger. Entsetzen löst die
Kriegsflüchtlinge vor, wir dokumentie- ist die angemessene Rückführung bereits Drohung der US-Regierung mit der An-
ren beide. Gespannt kann man jetzt auf hier lebender irakischer Flüchtlinge und wendung der Atombombe aus. Auch wir,
die Antwort der Verwaltung sein. Asylanten zeitnah zu betreiben. die Antifaschistinnen und Antifaschisten,
Antrag vom 20.03.2003, Nr. 76/2003, gez. Dieter Lieberwirth, Sabine John- verlangen die sofortige Einstellung der
Küstler Ulrike (PDS), Betreff: Irakische son, Erwin Joos“ ■ Kampfhandlungen, die Lösung aller
Kriegsflüchtlinge: Konflikte mit friedlichen Mitteln.
„... Nachdem eine friedliche Lösung Rundgang über das Topf & Im Jahre 1945 wurden kurz vor Krieg-
des Irak-Konfliktes leider gescheitert ist, sende über 400 Antifaschisten aus sieben
für die sich auch der Gemeinderat noch- Söhne Gelände Ländern Europas in Dortmund (Rom-
mals am 13. März ausgesprochen hatte, Erfurt. Am 12. April 2003 jährt sich die bergpark und Bittermark ermordet. Ihrer
ist es die humanitäre Verpflichtung der Besetzung des ehemaligen Firmengelän- gedenken wir jedes Jahr und auch dies-
Landeshauptstadt, den Menschen, die des von Topf & Söhne zum zweiten Mal. mal wieder. Wir erinnern auch an ihr
vor dem irakischen Regime und den Ge- Aus diesem Anlass wird es am 11. und Vermächtnis: Nie wieder Krieg, nie wie-
fahren des begonnenen Krieges entflie- 12. April zahlreiche Veranstaltungen ge- der Faschismus. Das ist auch der Auftrag
hen, rasch und unbürokratisch zu helfen. ben. Leider ist die Mitwirkung des aus der UNO-Charta, die 1945 als Lehre
Ich beantrage daher, Unternehmens Topf & Söhne am Holo- aus dem Krieg mit seinen über 50 Millio-
1. Die Stadt Stuttgart erklärt ihre Be- caust in weiten Kreisen der Erfurter Be- nen Todesopfern geschaffen wurde. Da-
reitschaft, Kriegs- und Regimeflüchtlin- für treten wir auch auf den diesjährigen
ge aus dem Irak aufzunehmen. Film & Vortrag Ostermärschen ein.
2. Die Stadt Stuttgart trifft unverzüg- „Sklaven der Gaskammer“ Für eine antifaschistische Verfassung
lich alle Maßnahmen, um die zu erwar- Samstag, 12. April 2003, 17 Uhr eines Europas des Friedens und der Völ-
tende größere Anzahl von Flüchtlingen Erfurt, besetztes Topf&Söhne-Gelände/Rudol- kerverständigung – zu diesem Thema
städter Str. 1
aus dem Irak angemessen und men- spricht Dr. Ulrich Schneider (Kassel),
Die Erfurter Firma Topf & Söhne stellte die Ver-
schenwürdig unterzubringen.“ brennungsöfen für das nationalsozialistische Ver- Historiker und Bundessprecher der
Antrag vom 27.03.2003 Nr. 88/2003 nichtungslager Auschwitz her - dort wurden über VVN-BdA auf der diesjährigen Vollver-
DIE REPUBLIKANER , Betreff: Keine 1 Million Jüdinnen und Juden ermordet. 1943 sammlung des Internationalen Romberg-
Irak Flüchtlinge nach Stuttgart: und 1944 setzte die SS ca. 1.900 - meist jüdische park-Komitees in Dortmund am 17.
„Der Irak Krieg wird in absehbarer - Männer ein, um die Vergasten in den Kremato- April 2003. Die Tagung beginnt um 9
Zeit zu einem Ende des Hussein Regi- rien von Auschwitz zu verbrennen. Dieses Uhr in der Gedenkstätte Gestapogefäng-
mes, zum Wiederaufbau des Landes und „Sonderkommando“ wurde zur Arbeit an den nis Steinwache, Nähe Nordausgang des
Öfen von Topf & Söhne gezwungen. Nur wenige
zum Ende der UN Sanktionen führen. In haben diese Hölle überlebt - im Film von Eric
Dortmunder Hauptbahnhofes. Am
Grenznähe werden bereits jetzt von inter- Friedler und Barbara Siebert, der im Anschluss an Abend wird um 19 Uhr ebenfalls in der
nationalen Hilfsorganisationen zahlrei- einen Vortrag gezeigt wird, kommen einige von Steinwache eine Begegnung mit Dort-
che Vorbereitungen zur Unterbringung ihnen zu Wort... munder Antifaschisten und Jugendlichen
und Versorgung von Flüchtlingen getrof- unter dem Motto "Für ein Europa des
fen. Eine ortsnahe Unterbringung von völkerung immer noch unbekannt. Ein Friedens in unfriedlichen Zeiten" statt-
Flüchtlingen, die ein zeitnahes Rückkeh- Grund dafür ist sicherlich in der fehlen- finden; vorgesehen ist auch ein Musik-
ren ermöglichen, ist in jeder Hinsicht den öffentlichen Auseinandersetzung mit programm. Die VVN-BdA NRW ruft
sinnvoller, als die Verteilung von Flücht- diesem Kapitel der Erfurter Stadtge- auch auf zur Teilnahme an der Gedenk-
lingen auf mehrere Kontinente. schichte zu sehen. Ebenso fehlt ein deut- veranstaltung der Stadt Dortmund: Kar-
Gerade die Stadt Stuttgart hat in der lich sichtbarer Hinweis an dem ehemali- freitag, 18. April 2003, ab 14 Uhr Gang
Flüchtlingsfrage viele Erfahrungen z.B. gen Firmengelände, der auf die histori- vom Olpketal zum Mahnmal Bittermark.
mit Personen aus dem ehemaligen Jugo- sche Bedeutung dieses Ortes aufmerk- Es sprechen: Oberbürgermeister Dr. Ger-
slawien gemacht, die u.a. zeigen, daß sam macht. Um interessierten Erfurterin- hard Langemeyer, Gisa Marschefski
Flüchtlinge ihre Flucht dazu verwenden, nen und Erfurtern einen Einblick in die (Internat. Rombergparkkomitee), Eber-
hier ansässig zu werden oder zumindest Geschichte der Firma Topf & Söhne zu hard Weber (DGB), Robert Piat (Ver-
einen langjährigen Aufenthaltsstatus zu erleichtern, haben wir in den letzten Mo- band der französischen Zwangs- und Ar-
erhalten, anstatt sich am international naten einen Rundgang über das Firmen- beitsdeportierten), Alexandra Dircks und
geförderten Wiederaufbau des inzwi- gelände entworfen und ausgearbeitet. Sebastian Demand (Klasse 5a der Haupt-
schen befriedeten eigenen Landes aktiv Dieser Rundgang ist bereits im Internet schule Dortmund-Kley).
zu beteiligen. Eine weitere Aufnahme unter der Adresse www.topf- VVN-BdA NRW, 42107 Wuppertal,
irakischer Flüchtlinge liegt nicht im rundgang.de zugänglich. Gathe 55, vvn-bdanrw@freenet.de ■
: antifaschistische nachrichten 8-2003
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20 000 SchülerInnen protestieren
gegen Irak - Krieg Innensenator Schill lässt knüppeln
Am ersten Tag nach den Früh- Nach Abschluss der Demonstration Bußgeld von 173 Euro anzudrohen und
jahrsferien in Hamburg gingen provozierte die an der Absperrung zum das Saarland den SchülerInnen jegliches
die SchülerInnen der Hansestadt nicht US-Konsulat martialisch aufgebaute Po- Demonstrationsrecht abspricht, ließ Ro-
einfach zur Tagesordnung über: Sie lizei einen Knüppel- und Wasserwerfer- nald Schill knüppeln.
streikten aus Protest gegen den Krieg einsatz. Rund 120 SchülerInnen wurden Der Polizeieinsatz hat große Empörung
gegen den Irak. in Gewahrsam genommen, etliche blutig hervorgerufen, auch die GEW protestierte
geschlagen. Während sich NRW damit und forderte SchülerInnen und LehrerIn-
Gut 20 000 trafen sich am Morgen vor begnügt, jedem streikenden Schüler ein nen auf, das Recht auf Demonstration
der Schulbehörde und zogen auch weiterhin wahrzunehmen.
dann in die Innenstadt. Mit Lokalberichte Hamburg ■
dem Peace-Symbol oder der
Aufschrift „Stop War“ ge-
schminkt, leere Ölfässer rol-
lend, mit selbstgemalten Pla-
katen sagten sie unmissver-
ständlich ihre Meinung: „Frie-
den ist geil“, „Kein Überflug-
recht“, Children need a peace-
full world“, „Bildung statt
Krieg“, „Bush – you rule
Amerika, not the world“,
„Bombing for peace is like fu-
cking for virginity“ und zu ei-
nem Bild mit rauchenden
Trümmern „Die Achse des
Guten war hier“ demonstrier-
ten Berufsschüler, Gymnasi-
asten, Gesamt- und Haupt-
schülerInnen, darunter auch
viele Sechst- und Siebent-
klässler. Selten sah Hamburg
eine so lockere und friedliche
Demonstration, die in breiter
Reihe über die Straßen zog.

D er massive Einsatz von Staatsgewalt


gegen die Demonstration der Schüle-
rinnen und Schüler gegen den Irak-Krieg
Palästinenser keine Anhaltspunkte gege-
ben habe. Die Polizei hat wissentlich Fal-
sches behauptet. Es handelt sich dabei kei-
zeibegleitung statt, die Polizei nimmt aus
nichtigen Anlässen immer wieder Men-
schen in Gewahrsam oder fest, sie geht
macht Verrohungserscheinungen bei der neswegs um die Notlüge einer unter Legi- gegen missliebige Transparente in De-
Polizei offenbar. Die autoritäre Senatslinie timationsdruck geratenen Behörde. Seit monstrationen vor1 und demonstriert bei
im Umgang mit Kritik und Opposition Wochen ergeht aus der Innenbehörde, von jeder Gelegenheit hohe Gewaltbereit-
reißt augenscheinlich auch bei Polizeibe- Schill persönlich wie vom Hamburger Ver- schaft. Auch in diesem Sinne ist der Ein-
amten Hemmschwellen nieder. Anders ist fassungsschutzpräsidenten, die Behaup- satz gegen durch den Krieg zutiefst beun-
kaum zu erklären, dass junge Menschen tung, dass im Zusammenhang mit einem ruhigte protestierende Kinder und Jugend-
blutig geschlagen werden, weil sie der Po- Irak-Krieg mit „extremistischen Aktivitä- lichen kein „Ausrutscher“.
lizei im Weg stehen. Aber nicht nur der ten“ der Kurden bzw. der „PKK-Nachfol- Schill hat sich geweigert, dem Innen-
Gewalteinsatz selbst ist beunruhigend, georganisation KADEK“ zu rechnen sei. ausschuss der Bürgerschaft, der am 1.
sondern das Konzept, auf dem er gründet. Eine Behauptung, für die jeder Anhalts- April zu einer Sondersitzung wegen des
Nach der Demonstration veröffentlichte punkt fehlt und die deshalb allein die Ab- Polizeieinsatzes am 24.3. zusammengetre-
die Polizei eine Presseerklärung, in der der sicht der In-nenbehörde verrät, die kurdi- ten war, die Videos der Polizei zu zeigen.
Polizeieinsatz so begründet wurde: „Eine sche Bevölkerungsgruppe zu diffamieren Er hat wohl allen Grund zu vertuschen,
Gruppe von erwachsenen Palästinensern, und die Repression gegen sie erneut zu was die Videos zeigen. Aber die dreiste
Kurden und gewaltorientierten Jugend- verschärfen. Dass sich diese Behördenstra- Missachtung des Parlaments macht auch
lichen, die mit Holzlatten und Steinen be- tegie zugleich gegen die Antikriegsprotes- deutlich, dass Schill auf seiner provokati-
waffnet waren, bedrängte die Absperrkräfte te wendet und Polizeigewalt gegen Anti- ven, repressiven Linie gegen die Anti-
und griff die Polizisten an.“ Diese Behaup- kriegsproteste begründet, hat sich am 24. kriegsproteste beharrt und dass er die wei-
tung wurde durch die Medien übernommen März gezeigt. tere Eskalation sucht. scc ■
und tagelang ausgewalzt. Die Welt steiger- Festzuhalten ist, dass die Innenbehörde 1 Man kann über die politische Aussage von Transparenten,
te sie zur Aussage, dass etwa „1.200 Kur- die Polizei vom ersten Kriegstag an auf die z.B. durch Verwendung von Symbolen einen Vergleich
den und Palästinenser“ unter den „radika- Behinderung und Unterdrückung von zwischen der US-Regierung und dem deutschen Fa-
schismus ziehen, durchaus streiten. Dass die Polizei aber
len Demonstranten“ gewesen seien. (25.3.) Antikriegs-Protesten eingeschworen hat. solche Transparente und Plakate aus Demonstrationen mit
Erst einige Tage später vermeldete die Welt Die Demonstrationen werden aus belebten der Begründung entfernt, die Verwendung faschistischer
beiläufig, dass es nach Polizeiangaben für Innenstadtgebieten abgedrängt, alle De- Symbole sei in der BRD verboten und man solle sich an den
die Beteiligung erwachsener Kurden und monstrationen finden unter massiver Poli- Konsens der Ablehnung des Faschismus halten (!), ist blan-
ker Zynismus und nackte Provokation.

: antifaschistische nachrichten 8-2003 5


Gesehen hat sie niemand. Doch in
einer Presserklärung des Aktions-
büro Mitteldeutschland wird über
Über Bagdad nach Dresden
die angebliche Beteiligung von »250 Na-
Warum und wie die Rechte die Friedensbewegung für
tionalisten aus Berlin und Brandenburg«1 sich und ihre Zwecke entdeckt
an der größten Friedensdemonstration in
Berlin am 15. Februar berichtet. Bei über der Friedensbewegung anzusprechen. Auf »nur einen weiteren Schritt zur Weltherr-
500.000 TeilnehmerInnen entspräche das einem zu dieser Kampagne durchgeführ- schaft der USA und damit der Wall Street
einem verschwindend geringen Anteil ten Aufmarsch in Hamburg-Wandsbek darstellen«.9
von 0,5 Promille. Daneben führten dieser wurden kaum klassische Nazi-Transpa- Dass es deutsche Nationalsozialisten
Tage mehrere rechte Gruppierungen eige- rente mitgeführt und auch Sprechchöre waren, die den größten imperialistischen
ne Aufmärsche gegen den Krieg mit wie »USA – internationale Völkermord- Angriffskrieg führten, wird ausgeblendet
durchaus ansehnlichen Teilnehmerzahlen zentrale« oder »Amis raus!« ließen nicht und in einen Befreiungskampf gegen im-
durch und auch andernorts wurde – mehr- zwangsläufig auf einen rechten Auf- perialistische Bestrebungen der USA um-
fach erfolgreich – versucht, sich anderen marsch schließen. Das gleiche galt auch gemünzt: »Wir Deutschen waren die er-
Protesten anzuschließen. für die Musikauswahl: unter anderem er- sten Opfer des amerikanischen Größen-
Dies geschieht zum einen aus Provoka- klang das Lied »Yankees raus« der links- wahns. Unsere damalige Reichsregierung
tions- und Publicitygründen. Aber es gibt radikalen Punkband Slime. Konsequent hatte es gewagt, den Weg in die politische
durchaus auch »authentische« Gründe für auf den Punkt gebracht wird dieser natio- und wirtschaftliche Unabhängigkeit zu
die extreme Rechte, sich gegen den be- nalistische Antiamerikanismus in der Lo- gehen.«10
vorstehenden Krieg zu wenden. So wird sung: »Wer für die USA ist, ist gegen uns Eine weitere Argumentationslinie der
von ihnen beispielsweise mit der Forde- Deutsche«.7 Neonazis ist der Versuch, einen mög-
rung »Kein deutsches Blut und Geld für Bresche für den Revanchismus lichen amerikanischen Bombenangriff auf
fremde Interessen«2 gegen den Krieg mo- Bagdad mit dem Bombenkrieg der Alli-
bilisiert. Mit fremden Interessen sind da- Gleichzeitig versucht die extreme Rechte ierten gegen Deutschland gleichzusetzen.
bei vor allem die angeblichen »Weltherr- mit ihrem »antiimperialistischen« Gestus, Dieser geschichtsrevisionistische Bezug
schaftspläne« der USA gemeint.3 der sich ausschließlich gegen die USA soll letztendlich eine Umkehr der Kriegs-
Federführend bei Aktionen gegen den richtet, die Verbrechen des Nationalsozia- schuld zu Gunsten Deutschlands und zu
Krieg ist das Aktionsbüro Norddeutsch- lismus im zweiten Weltkrieg zu relativie- Ungunsten der USA herbeiführen. In
land. Unter dem Namen »Not with U$« ren oder ganz zu leugnen. Es soll der Ein- Flugblättern heißt es dazu: »Was vor
wurde gleich eine ganze Kampagne zu druck erweckt werden, die USA stünden knapp 60 Jahren in Deutschland passierte,
diesem Thema ins Leben gerufen, durch in einer imperialistischen Kontinuität, die wiederholt sich jetzt im Irak«11 und
die der »Protest gegen die weltweite sie im Zweiten Weltkrieg Deutschland an- »Deutschland hat weder den ersten, noch
Unterdrückungspolitik der USA (...) einen greifen ließen. Dem heutigen Deutsch- den zweiten Weltkrieg gewollt«.12
immer größeren Eingang in den politi- land wird ein solcher Imperialismus Gerade recht kommt der extremen
schen Kampf des nationalen Widerstan- selbstverständlich nicht unterstellt, ob- Rechten da der Weihnachtsbestseller »Der
des finden« soll.4 wohl dies wegen seiner engen Verbunden- Brand« von Jörg Friedrich, der in Milli-
In Flugblättern wird den USA vorge- heit zur USA nur folgerichtig wäre. Statt- onenauflage die angeblichen Kriegsver-
worfen, sie wollten eine »neue Weltord- dessen wird der deutschen Regierung vor- brechen Englands im Bombenkrieg gegen
nung«5 namens »Oneworld«6 installieren, geworfen, sich im Ausland nicht genü- Deutschland anprangert und diese Argu-
um die Freiheit der Völker einzuschrän- gend für deutsche Interessen einzusetzen mentation einer breiten Öffentlichkeit in
ken. Diese Freiheit der Völker meint die und sich mit der Unterstützung der USA die Hände legt.
Unabhängigkeit Deutschlands von den dem Diktat Israels zu beugen.8 Antisemitismus als Motiv
ehemaligen Westalliierten und insbeson- Komplett unverblümt formuliert dies
dere den USA. Mit dieser antiamerikanis- die NPD-Fraktion im Wetterauer Kreis- Gerade die Neonazis hegen aber auch
tischen Argumentation versucht die extre- tag. In einer Erklärung zum Krieg heißt es Sympathien für den irakischen Diktator
me Rechte, antiamerikanische Reflexe in dort, dass die Angriffskriege der USA Saddam Hussein selber. Immerhin führt er
seinen Staat mit einer harten Hand und
Berlin, 15.2. Ca. 250 Nazis aus Berlin Nazis auf sie die Nazis mittels einer Friedenskundge- seine ideologische Basis besteht aus ei-
und Brandenburg nahmen teil. Die Poli-
Friedens- bung in einem Park, in dem ein Denkmal nem extremen Nationalismus mit leicht
zei verteilte wohl mehrere Platzver- für die Soldaten der Roten Armee steht, ig- sozialistischem Touch. Vor allem die Ab-
weise, aber der Großteil sickerte demos norieren wollte. Die ca. 70 Nazis verzich- lehnung des Staates Israel dürfte den Na-
durch. teten jedoch spontan auf ihre Demo und
Wittstock, 15.2. Drei Nazis um den Bernauer nahmen samt Transparenten und Plakaten an der zis aus der Seele sprechen. So versprach
NPD-Funktionär Ricardo Grassmann verteilten auf Friedenskundgebung teil, nachdem sie sich durch Hussein unlängst allen Hinterbliebenen
einer Friedensdemo Flugblätter, am Abend zuvor einige Antifas den Weg freimachen mussten. Einer palästinensischer Selbstmord-Attentäter
waren 80-100 NPD-Anhänger aufmarschiert – der Antifas wurde daraufhin in Vorbeugegewahr- eine Prämie von 10.000 US-Dollar.
ebenfalls gegen den Krieg. sam genommen. Mit dabei waren Nazis aus dem Der extremen Rechten geht es bei der
Halle, 17./24.2. Etwa 50-60 Nazis erschienen SSS-Umfeld sowie die Dresdner „Thor“ - Betreiber »Solidarität« mit dem Irak wie auch bei
mit Transparent, Fahnen, einem Megaphon und Ronny Thomas und Sven Hagendorf. Die Nazis dem Bezug auf Palästina darum, den Staat
stapelweise Flugblättern. Es wurde, ohne dass Po- machten ein Fünftel der Kundgebung aus und wur-
lizei einschritt, die Parole „Massenmord in Palästi- den belohnt mit: „Wir freuen uns, dass so viele ge-
Israel oder das Judentum insgesamt anzu-
na - Holocaust durch die Rabbiner!“ gerufen. Die kommen sind.“ Ein Nazi zeigte den Hitlergruß; an- greifen. So gehe es bei diesem Krieg nur
Polizei verfolgte die Strategie, zwischen BürgerIn- wesende Polizisten wollen nichts gesehen haben. darum, die »wirtschaftliche Macht der
nen und Nazis eine „Pufferzone“ zu bilden, die Mitveranstalter war die „Aktion Zivilcourage“. Im US-Konzerne und der weltweiten Geld-
Nazis mischten sich aber lieber unter die Menge. November 2000 war eine von ihnen initiierte verleiher auszubauen«13 und Hussein sol-
Antifas wurden von der Polizei behindert, aber Demo gegen rechte Gewalt von ca. 100 Nazis le nur gestürzt werden, da »dessen Regie-
immerhin distanzierten sich hier die Veranstalter mit Flaschen und Steinen angegriffen worden. rung nicht mehr ins Konzept der Achse
über Lautsprecher von den Nazis. Anklam, 1.3. Etwa 80 Nazis nahmen mit eige-
Washington-Israel passe«.14
Pirna, 22.2. Gegen eine angemeldete Neonazi- nem Transparent an einer Friedensdemo teil. Der
Demonstration unter dem Motto „Gegen Steuerer- Zutritt zur Kirche wurde ihnen verwehrt...(garfield Die Möglichkeit, unter dem Vorwand
höhung“ zeigte die Stadt mutig ihr Gesicht, indem 3.3.) aus Gamma News Leipzig ■ der Friedenssehnsucht Antisemitismus of-
fen formulieren zu können, ist eine

6 : antifaschistische nachrichten 8-2003


Hauptmotivation für Neonazis, sich ge-
gen den drohenden Krieg im Mittleren
Osten zu engagieren.
Abgrenzungs-Schwierigkeiten
Wenn sich die extreme Rechte mit sol-
chen Argumenten an Anti-Kriegs-Protes-
ten beteiligen kann, ist das oft auf man-
gelnde Sensibilität oder einen falsch ver-
standenen Toleranzbegriff zurückzufüh-
ren. So war immer wieder zu hören, ein
jeder habe das Recht, friedlich gegen den
Krieg zu demonstrieren. Bei den Demon-
strationen komme es nur darauf an, gegen
den Krieg zu sein und nicht, aus welchem
Lager die Demonstranten stammen. Das
Auftreten der Neonazis als friedenslie- Nazis versuchen mit einem „anti-imperialistischen Outfit“ die Friedenskund-
bende Deutsche und die Ähnlichkeit ihrer gebung an den Turley-Barracks in Mannheim zu stören.
Parolen mit denen anderer Teile der Be-
wegung dürften mancherorts ihr Übriges Mannheim. Seit Kriegsbeginn finden talerstraße, wo sie mit einem MVV-Bus
zur Duldung beigetragen haben. Freie Na- überall große Demonstrationen und Ak- wieder abtransportiert worden sind. Si-
tionalisten beispielsweise müssen ihre Pa- tionen der Friedensbewegung statt. In cherlich ist in Zukunft mit weiteren Ak-
rolen nicht modifizieren oder in ihrer Ra- Mannheim gab es am „Tage X“ eine tionen der Rechten, die die Antikriegs-
dikalität zurücknehmen, sondern sie su- Kundgebung am Paradeplatz mit ca. stimmung für sich nutzen wollen, zu
chen sich gezielt Anknüpfungspunkte bei 3000 Teilnehmern und eine anschließen- rechnen.
Parolen und Argumenten der Friedensbe- de Demonstration zu den Turley-Bar- Am Tage darauf, am 21. März, ver-
wegung. Wie vielversprechend und wich- raks. Besonders positiv beeindruckend sammelten sich am Paradeplatz um 11
tig ihnen diese Intervention ist, zeigt ein waren die vielen handgemalten Anti- Uhr ca. 2.000 StudentInnen und vor al-
Konzeptpapier des Aktionsbüros: »Der- kriegs-Bilder, die von Schulkindern an lem SchülerInnen zu einer Kundge-
zeit sollte der nationale Widerstand jede den Zaun der Kaserne gehängt wurden. bung. Ein Teil von ihnen zogen noch
sich bietende Gelegenheit nutzen, um ge- Weniger erfreulich war das überra- zur den Spinelli-Barracks, um die Tore
gen die globale Macht- und Kriegspolitik schende Auftreten von einem Haufen zu blockieren. Hier hat sich gezeigt,
zu protestieren. (...) Wünschenswert wäre junger Neonazis (die Schätzungen be- was sich schon vorher angedeutet hat,
auch, dass in nächster Zeit (...) andere laufen sich auf 60 bis 200), die mit der und sich nun mehrmals bestätigt hat:
nicht ganz so dringende Anlässe zurück- OEG gekommen waren. Die großdeut- Die Polizei hat Weisung, für freien Zu-
gestellt werden.«15 schen Demagogen versuchten sich mit gang zur Kaserne zu sorgen. Insbeson-
Teile der Anti-Kriegs-Bewegung geben nur gegen die USA gerichteten „antiim- dere wenn alle drei Tore zu den Spinel-
sich unter der Parole »Kein Blut für Öl« perialistischen“ Parolen („USA – inter- li-Barracks blockiert wurden, wurden
scheinbar strikt antikapitalistisch. Diese nationale Völkermordzentrale“) und die Menschen beiseite geschoben oder
oberflächliche Kapitalismuskritik proji- Transparenten an die Demonstration an- weggetragen. Die US-Militärs sollen
ziert alle negativen Erscheinungen auf ei- zuhängen. Teilnehmer der Friedensde- sich bei der Stadtverwaltung und dem
nen – in der Tat existierenden – aggressi- mo versuchten aber sofort die Nazis ab- Innenministerium beschwert haben.
ven us-amerikanischen Kapitalismus, äu- zudrängen. Bei dieser Auseinanderset- Die Blockadeaktionen wird es
ßert sich aber nicht oder kaum ablehnend zung sind auch einige Flaschen geflo- weiterhin, überwiegend nach dem Ende
über die europäischen oder deutschen gen. Die Polizei war dann aber schnell der Mahnwache jeden Samstag um 12
Verhältnisse. Die Verantwortung deut- zur Stelle, geleitete die Nazis zur Käfer- Uhr, geben. scr ■
scher Regierungen oder gar hiesiger Rüs-
tungskonzerne an der Situation im Mittle-
ren Osten wird angesichts des (momenta- geschafft, auch nur als Stichwortgeber für 1 »Nationaler Widerstand unterstützte Friedensdemon-
stration in Berlin«, Pressemitteilung des Aktionsbüro
nen) Anti-Kriegs-Kurses der rot/grünen die breite Masse der Friedensbewegung Mitteldeutschland vom 15. Februar 03.
Regierung ausgeklammert. Ein solcherart aufzutreten, geschweige denn, eigene Po- 2 »Linke und nationale Kräfte gemeinsam für den Frie-
verkürzter Antikapitalismus bietet der ex- sitionen in die Gesamtheit der Bewegung den«, Nationaler Beobachter 01/03, http://www.nd-
b.com/nb/archiv/nb012003.html.
tremen Rechten natürlich eine Steilvorla- zu tragen. 3 »Nein zum Krieg«, Flugblatt der Deutschland-Bewe-
ge, denn ihre Ablehnung des herrschen- Auch wenn sie auf manchen Veranstal- gung.
den Systems manifestierte sich schon im- tungen der Friedensbewegung geduldet 4 http://widerstandnord.com/aktionsbuero/kampa_ter-
ror.htm
mer im Hass gegen den »wertelosen US- wurden, stoßen sie – auch bei guter Tar- 5 »Terror ist ein Meister aus Amerika«, Flugblatt des
Kulturimperialismus«16 und die im nung – bei weiten Teilen dieses Spek- Aktionsbüro Norddeutschland.
Hintergrund vermuteten »jüdischen Strip- trums weiterhin auf klare Ablehnung. Die 6 Ebenda.
7 Ebenda.
penzieher« an der amerikanischen Ost- selbst organisierten Anti-Kriegs-Aufmär- 8 »Gegen Krieg in Torgau«, Nationaler Beobachter
küste. sche waren zwar besser besucht als ande- 01/03, http://www.nd-b.com/nb/archiv/nb012003.html.
9 Ralf Haschke: »Gegen die US-Kriegsvorbereitun-
Ausblick re Nazi-Aufmärsche der letzten Monate; gen«, Deutsche Stimme 2/2003, S. 11.
Teile der Friedensbewegung in diese Auf- 10 »Terror ist ein Meister aus Amerika«, Flugblatt des
Auch wenn gerade die freien Nationalis- märsche zu integrieren oder gar einen Aktionsbüro Norddeutschlands.
11 »Ziehen uns die Amis in den 3. Weltkrieg«, Flugblatt
ten ihre Aktionen meist als Erfolge feiern Schulterschluss rechter und linker Anti- des Aktionsbüro Norddeutschland.
und in der Szene einen Enthusiasmus für Kriegs-Aktivisten zu erreichen, erscheint 12 »Wir wollen keinen Krieg!«, www.die-
das Thema entdeckt haben wollen, kann jedoch nach wie vor als rhetorische Groß- kommenden.net/afd/kein_krieg.htm.
14 Ebenda.
dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass machtphantasie des rechten Lagers. 15 http:/widerstandnord.com/aktionsbuero/kampa_ter-
sie dadurch ihre Position in der Gesell- Falco Schuhmann ■ ror.htm
schaft nicht verbreitern können. So haben aus Monitor, rundbrief des apabiz e.v. 16 »Rezeptur zur Herbeiführung eines US-Militärschla-
ges«, Flugblatt des Aktionsbüro Norddeutschland.
die Nazis es trotz aller Bemühungen nicht berlin, www.apabiz.de

: antifaschistische nachrichten 8-2003 7


Aus der Ferne würde man zwei-
fellos glauben, es handele sich
um ein Plakat von Pazifisten
Die französische extreme
oder Linken. Oben steht in dicker Schrift
„Irak: Nein zum Krieg“, und darunter
sieht man Rumpf und Arme eines Solda-
Rechte und der Irakkrieg
ten mit schwerer Waffe sowie, im reichs damaliger sozialistischer Präsident rechtigkeiten anzuziehen. Allerdings war
Hintergrund, ein weinendes Kind. Doch François Mitterrand das Land mit 15.000 die pro-irakische Position so „revolutionär“
im rechten unteren Eck prangt die blau- Soldaten am seinerzeitigen Golfkrieg teil- auch wieder nicht, denn der Irak hatte in
weiß-rote Flamme mit dem Kürzel nehmen ließ. Damit überraschte die extre- den 70er und 80er Jahren einen der engsten
„FN“, daneben steht die (postalische me Rechte, von der man ein eher militaris- geostrategischen Verbündeten Frankreichs
sowie elektronische) Kontaktadresse tisches Profil gewohnt war, viele Beobach- gebildet. Daher exisitierte auch innerhalb
der rechtsextremen Partei. ter. der etablierten Parteien eine beträchtliche
1991: Überraschender Umschwung der pro-irakische Lobby, die eine stärkere Be-
Dieses Motiv ziert seit dem 21. März die extremen Rechten achtung der geostrategischen Eigeninteres-
elektronischen Botschaften, die der Front sen Frankreichs und ihre Geltendmachung
National mehrmals pro Woche über seine Tatsächlich widerspiegelte die Opposition gegenüber den USA forderte.
Mailingliste an die eingetragenen Sympa- des FN gegen die US-geführte Allianz im Dennoch vollzog fast die gesamte kon-
thisanten (und JournalistInnen) versendet. Golfkrieg von 1991 seinen damaligen Pa- servativ-liberale Rechte zwischen dem
Ende März tauchten dann auch ent- Ausbruch der Kuwait-Krise im August
sprechende Plakate auf. So fanden 1990 und dem Kriegsbeginn im Januar
die linken und sonstigen kriegsgeg- 1991 einen Kurswechsel, zugunsten der
nerischen DemonstrantInnen – unter Unterstützung der USA. Daher stand der
ihnen zahlreiche ImmigrantInnen aus FN mit seiner klar pro-irakischen (und so-
arabischsprachigen Ländern –, die gar dezidiert regimefreundlichen) Position
sich am 29. März zur vierten Demo – Parteichef Jean-Marie Le Pen besuchte
seit Kriegsbeginn auf die Pariser Pla- FN-P lak at im November 1990 demonstrativ den Prä-
ce de la Concorde begaben, in der sidenten Saddam Hussein – auf der Rech-
Nähe des Sammlungsorts geklebte ten am Ende quasi allein da.
Plakate mit diesem Motiv vor. Diese Positionierung blieb allerdings
Aus – prinzipiell richtigem – anti- zeitweise bis in die Reihen der Führungs-
faschistischem Reflex heraus hatten kader der extremen Rechten hinein um-
junge Leute die FN-Flamme mit stritten: Das damalige Mitglied im „Politi-
Aufklebern der KP-Jugend (JC, für schen Büro“ des FN (das ist das oberste
Jeunesse communiste) überklebt, wobei radigmenwechsel. Bis dahin war der FN Parteigremium) Pierre Sergent, ein ehema-
aber der daneben stehende Schriftzug noch vor allem antikommunistisch orientiert liger Angehöriger der Terrororganisation
sichtbar blieb. Vom objektiven Ergebnis und gegen die Dritte Welt ausgerichtet, OAS (Organisation armée secrète) – die
her betrachtet, unterstrich dies noch die und in den 80er Jahren war er auch eher gegen den französischen Rückzug aus Al-
vermeintliche Austauschbarkeit mit linken pro-atlantisch. (Le Pen hatte 1986 noch gerien 1962 bombte – opponierte während
oder pazifistischen Plakaten. Am darauf US-Präsident Ronald Reagan aus Anlass der Golfkrise offen gegen die Position von
folgenden Sonntag waren entsprechende eines Konvents der US-Republikaner die Parteichef Le Pen. Und die rechtsextreme
Plakate auch andernorts in Paris sichtbar. Hand geschüttelt. Das Foto vom Hände- Wochenzeitung „Minute“, die eine Art
(Bis dahin hatte, jedenfalls in Paris, eine druck wurde in seinem Präsidentschafts- Scharnierstellung zwischen dem rechten
mehrmonatige Pause im öffentlichen Auf- wahlkampf 1988 massiv verwendet, um Flügel der Konservativen und dem Front
treten der extremen Rechten durch Klebe- seine vorgebliche weltpolitische Kompe- National einnimmt, verlor wegen ihrer
aktionen geherrscht. Seit kurzer Zeit aller- tenz zu beweisen.) Doch am Ende der Unterstützung dieser Position damals fast
dings macht der FN in der Hauptstadt wie- Blockkonfrontation hatte der FN seine ein Drittel ihrer Leser – ihre Auflage fiel
der durch Aufkleber auf sich aufmerksam, internationale Orientierung gründlich neu von knapp 46.000 vor der Golfkrise, auf
diese betreffen zur Zeit vor allem die Sozi- definiert. rund 31.000 danach.
alpolitik: „Le social, c’est le Front natio- Da die Frontstellung „freie Welt gegen Eine SOFRES-Umfrage, die am 6. Ok-
nal“.) Kommunismus“ überholt sei, so die rechts- tober 1990 durch die Pariser Abendzeitung
Der scheinbar humanistische Charakter extremen Vordenker und Strategen, müsse ,Le Monde‘ veröffentlicht wurde, zeigt
des vom FN verbreiteten Materials belegt man jetzt eine anti-westliche Orientierung auch die möglichen Beweggründe der Stel-
seine Fähigkeit, auf geschickte Weise ak- annehmen, um sich strikt von der liberalen lungnahme des FN-Chefs auf. Ein Drittel
tuelle gesellschaftliche Stimmungen aufzu- Variante des Kapitalismus abzugrenzen. der Befragten gaben damals an, Le Pen be-
greifen – und Verwirrung zu stiften. Die Dieser Paradigmenwechsel verlief parallel ziehe die pro-irakische Position, „um sich
pseudo-pazifistische Pose hat dabei in jün- zu jenem in der Innenpolitik, der den FN von allen anderen Politikern abzuheben“.
gerer Vergangenheit eine gewisse Tradi- zunehmend weiter von der konservativen Tatsächlich dürfte hier ein Hauptgrund lie-
tion. Denn der Front National opponierte und bürgerlichen Rechten entfernte und gen: Alle großen Parteien (mit Ausnahme
in den 90er Jahren gegen die größeren mi- ihn, mit verstärkter sozialer Demagogie, der KP und der radikalen Linken) waren
litärischen Konflikte, die von den west- um Arbeiter und Arbeitslose, ja ausdrück- damals für den Aufmarsch der USA und
lichen Führungsmächten geführt wurden – lich um frühere Linkswähler werben ließ. ihrer Alliierten am Golf, unter Führung
namentlich gegen den Irak 1991 und gegen Denn, so die Intellektuellen der extremen von George Bush dem Vater. 25 Prozent
Serbien 1999 – und nutzte dabei die Gunst Rechten, das Ende des „real existierenden der Befragten sahen Le Pens Antisemi-
der Stunde, um eher unerwartete Formen Sozialismus“ sowie die Bekehrung der re- tismus und sein Verhältnis zu Israel als
des Auftretens zu erproben. gierenden Sozialdemokratie zu neolibera- Motiv an. Daran ist sicherlich etwas Wah-
So plakatierte der FN zu Anfang des len Paradigmen hätten den Platz der „Sys- res dran, allerdings muss diese Aussage
Jahres 1991 auf breiter Fläche: Mitterrand, temopposition“ vakant werden lassen. Es nuanciert werden: Bis Ende der 80er Jahre,
la guerre – Le Pen, la paix (Mitterrand, der liege daher an der extremen Rechten, ihn und seit den Kolonialkriegen der späten
Krieg – Le Pen, der Frieden), als Frank- zu besetzen, und die Opfer sozialer Unge- Fünfziger Jahre – damals war Israel (gegen

8 : antifaschistische nachrichten 8-2003


Algerien und Ägypten) mit Frankreich Der anti-arabische Rassismus von bedeu-
verbündet gewesen – war Le Pen, der als tenden Teilen dieser Wählerschaft spielt Werner Biermann/Arno Klönne
Freiwilliger 1956 am Suezkanal gekämpft dabei sicherlich eine Rolle. 35 Prozent der The Big Stick
und 1957 in Algerien eigenhändig gefol- FN-Wähler wollten im Herbst 2002 einem Imperiale Strategie und
tert hatte, aus außenpolitischen Motiven US-Krieg gegen den Irak auch ohne Man- globaler Militarismus: Wie
stark sind die USA? Grund-
eher pro-israelisch gewesen. Aber seine dat der Vereinten Nationen zustimmen – lagen, Möglichkeiten und
Ausladung von einem für Anfang 1988 das war der höchste Anteil unter allen be- Grenzen US-amerikanischer
programmierten Besuch in Israel, nach- fragten Wählerschaften. Militärmacht
dem er sich im September 1987 im franzö- Daher hat die extreme Rechte zur Zeit Broschiert; 270 S.; EUR 15,50
sischen Fernsehen ein bisschen zu laut- einige Probleme, in ähnlichem Ausmaß
stark zu den Thesen der Geschichtsrevi- wie 1991 auf sich aufmerksam zu machen.
sionisten bekannt hatte – Stichwort „die Im Zusammenhang mit dem begonnenen
Detail-Affäre“ – hatte zu einem Um- Krieg, und den Protesten der Pazifisten Malcolm Sylvers
Die USA – Anatomie
schwung seiner Position geführt. 15 Pro- und der Linken gegen ihn, spricht man je- einer Weltmacht
zent der Befragten wiederum meinten, Le denfalls in der (Medien-)Öffentlichkeit
Zwischen Hegemonie und
Pen unterstütze deswegen den irakischen derzeit so gut wie gar nicht vom FN. Auch Krise: Wirtschaft, Gesell-
Präsidenten, weil er Bündnisse mit arabi- wenn etwa Marine Le Pen, die derzeit in schaft, Politik im Zeichen
schen Herrschern suche, um mit diesen raschem Aufstieg befindliche Tochter des von Neoliberalismus,
Imperialismus und
über die Begrenzung (oder „Rückfüh- Parteichefs, etwa in ihrem Interview mit Globalisierung
rung“) der arabischstämmigen Immigra- der Boulevardzeitung ,Le Parisien‘ vom Broschiert; 333 S.; EUR 16,90
tion in Frankreich zu verhandeln. Auch 30. September 02 bereits das Kriegsthema
dies ist nicht völlig von der Hand zu wei- aufgegriffen hatte, und ihre Ablehnung ei-
sen, allerdings hat der Irak fast keinen nes US-Kriegs im Irak mit Worten begrün-
Einfluss auf die real in Frankreich leben- dete, die auch gut von irgend einer ande- PapyRossa Verlag
den Immigranten – die vor allem aus Ma- ren Partei hätten stammen können. Luxemburger Str. 202, 50937 Köln, Tel.: (02 21) 44 85 45
rokko, Algerien und Tunesien stammen. Der FN hat zwar am 1. Februar 03 eine Fax: 44 43 05, mail@papyrossa.de – www.papyrossa.de
Aber als ideologische Konzeption mag Le eigene Kundgebung mit seiner pseudo-hu-
Pen diese Vorstellung gehegt haben. manistischen Vereinigung SOS Enfants d’- Conrad Taler
2003: Schwierigkeiten, Gehör zu Irak (SOS Kinder des Irak), der Le Pens Asche auf vereisten
finden Ehefrau Jany vorsteht, durchgeführt – Wegen
dazu fanden sich jedoch nur rund 150 Per- Was der Auschwitzprozeß in
Im Jahr 2003 haben sich die Dinge geän- sonen ein. Aus Anlass der großen Anti- Frankfurt an Unvorstellbarem
dert. Frankreichs offizielle Position war, kriegsdemonstration (mit 200.000 Teilneh- zu Tage brachte - Berichte
vom Jahrhundertverfahren
vor dem Hintergrund eines Interessenkon- merInnen allein in Paris) 14 Tage später gegen Täter der Todesfabrik
flikts mit den USA (dabei ging es um die hatte zwar die Le Pen-Tochter Marine, die Broschiert; 154 S.; EUR 12,90
Neuordnung des Mittleren Ostens und die mögliche künftige Parteivorsitzende, eine
Aufgabenverteilung in der NATO), seit Teilnahme ihrer Partei angekündigt. Die
dem Jahreswechsel eher gegen die Kriegs- Veranstalter hatten jedoch ihrerseits ange-
pläne der US-Adminstration gerichtet. Zu- kündigt, die extreme Rechte nicht im Zug Bernd Kleinhans
mindest wurde eine Zustimmung zu einem zu dulden. Letztlich hielt der FN es für an- Ein Volk, ein Reich,
Krieg mit Bedingungen versehen, die geraten, sich lieber nicht blicken zu lassen. ein Kino
durch die Regierung Bush zurückgewie- Seit dem 15. Februar hat man im Zu- Lichtspiel in der braunen
Provinz – Zur Film- und
sen wurden. Damit wurde dem FN tenden- sammenhang mit den Demonstrationen Kinopolitik des deutschen
ziell der Wind aus den Segeln genommen. auch nichts mehr von der rechtsextremen Faschismus und zur Medien-
Denn dass dieser nicht nur den US-Krieg Partei gehört. geschichte des 3. Reichs
ablehnt, sondern auch explizit die Diktatur Aktuelle Stellungnahmen der
Broschiert; 229 S.; EUR 14,95

Saddam Husseins unterstützt, ist bis in sei- extremen Rechten


ne eigene Wählerschaft hinein recht unpo-
pulär. Bereits während der Kuwait-Krise Aus Anlass des Kriegsbeginns am 20.
und im Vorfeld des Zweiten Golfkriegs, März 03 hielt Le Pen im Europaparlament Maren Büttner/Magnus Koch
1990/91 war die Mehrheit der FN-Wähler- eine recht scharfe Rede, in der er ankün- Zwischen Gehorsam
und Desertion
schaft in dieser Frage nicht unbedingt auf digte, nunmehr bräuchten die Staatschefs
Militärischer und ziviler
Seiten Le Pens. Nur 48 Prozent der Le der US-geführten Koalition sich „nicht zu Ungehorsam im Zweiten
Pen-Wähler bei der Präsidentschaftswahl wundern, wenn sie zu den ersten Zielen Weltkrieg: Lebens-
1988 waren bei der vorher zitierten Um- terroristischer Vergeltungsaktionen wer- geschichtliche Interviews
frage vom Oktober 1990 der Ansicht ge- den“. Dabei ging er freilich nicht so weit mit Opfern der Militärjustiz
Broschiert; 213 S.; EUR 18,80
wesen, der FN-Chef vertrete mit seiner wie der Chefideologe der ,,Neuen Rech-
Position zum Irak „die nationalen Interes- ten‘, Alain de Benoist, der in einem Kom-
se Frankreichs“. Und als das „Figaro-Ma- muniqué vom 20. März an verschiedene
gazine“ im März 1997 die FN-Sympathi- Zeitungsredaktionen ankündigte: „Jeder
Gerhard Feldbauer
santen nach ihren Vorlieben für bestimmte Vergeltungsakt gegen amerikanische Inter- Marsch auf Rom
Länder fragte, äußerten sich nur 14 Pro- essen in der Welt (...), an welchem Ort Der Faschismus,
zent zugunsten des Irak. Dieser nahm den auch immer er stattfindet, mit welchem seine Steigbügelhalter
letzten Platz auf einer Liste von zwei Dut- Ausmaß und welchen Mitteln auch immer, und seine Gegner: Italien
zend Vorschlägen ein. Und aus Anlass des unter welchen Umständen es sei, ist nun- von Mussolini bis
Berlusconi und Fini
aktuellen Konflikts zwischen den USA mehr zugleich legitim und notwendig.“ Broschiert; 224 S.; EUR 14,80
und dem Irak zeigte sich, dass ab August Ein paar Stunden später schien Alain de
2002 die FN-Wählerschaft jene war, die – Benoist jedoch kalte Füße bekommen zu
unter allen Parteien – den höchsten Anteil haben, denn in einem zweiten Kommuni-
an offenen Kriegsbefürwortern aufwies. qué präzisierte er, er habe natürlich keine

: antifaschistische nachrichten 8-2003 9


„terroristischen Aktionen“ gutheißen wol- zur „Ausgeburt jüdischen Geistes“ erklä- anderes autoritäres Regime oder eine Fas-
len. Beide Kommuniqués wurden durch ren) Rassebiologisten angegriffen wird. sadendemokratie errichten, Hauptsache,
die rechtsextreme Wochenzeitung ,Minu- Die irakischen Christen aber, so schrei- die Machthaber sind stärker von den USA
te‘ vom 26. März 03 veröffentlicht. ben beide (Antony und Daoudal), seien im abhängig als die bisherigen. Aber das ist
Der FN und seine parteieigene Zeitung Fall eines Sturzes des Baath-Regimes – überhaupt kein Grund, das grundsätzliche
,National Hebdo‘ (NH) vom gleichen Da- als Ergebnis des US-Krieges – besonders Plädoyer der extremen Rechten für die ak-
tum legten ihrerseits besonderen Wert in bedroht, da im Fall einer Einführung der tuelle Diktatur für etwas anderes als be-
ihrer Argumentation darauf, dass rund Demokratie die schiitischen Muslime als kämpfenswert zu halten.
eine Million Christen im Irak lebten, mit größte Gruppe automatisch das Land füh- Am Rande vermerkt sei noch: Die
denen man besonders solidarisch zu sein ren würden. Daher sieht die rechtsextreme rechtsextrem-verschwörungstheoretische
habe. Seitens der Partei äußerte sich zu französische Partei „die Herrschaft der is- Sekte „Nouvelle Solidarité“ – einer der
diesem Thema besonders Bernard Antony lamischen Revolution und den Genozid Ableger der Privatpartei des US-Milliar-
– der Chef des katholisch-fundamentalisti- der Christen“ (sic) bevor stehen, so steht därs Lyndon LaRouche, deren deutsche
schen Flügels – in einem Kommuniqué, in es nachzulesen in ,National Hebdo‘ (Aus- Variante zur Zeit „Bürgerbewegung Soli-
der Zeitung NH kommentierte der eben- gabe vom 26. März). Allein die Herrschaft darität“ heißt – verteilte mehrfach vor Be-
falls den katholischen Fundamentalisten Saddam Husseins sei in der Lage, wird ginn der Demonstrationen ihre Pamphlete
angehörende Leitartikler Yves Daoudal in hinzugefügt, das Land zusammenzuhalten. und Flugblätter. Sie tat dies auf dem (kür-
diesem Sinne „Den ungerechten Krieg“. Zu solchen Dingen wie Demokratie er- zesten) Weg zur Place de la Concorde,
Die Ultrakatholiken bilden eine der Strö- klärt man die Bewohner des Mittleren Os- aber etwas abseits vom Sammlungsort.
mungen innerhalb der extremen Rechten, tens für generell unfähig. Hier gilt freilich, dass Spinner vergleichs-
die aber in ihrem Kampf um die ideologi- Nun ist es zwar richtig, nicht an die weise harmlos sind, jedenfalls verglichen
sche Vorherrschaft besonders durch die Einführung einer Demokratie durch die mit einer organisierten Partei wie dem FN.
neuheidnischen (und antichristlichen, da US-Bomber und die imperialistische Ag- Bernhard Schmid, Paris ■
antisemitischen, weil sie das Christentum gression zu glauben – diese wird eher ein

Und der MNR von Bruno Mégret?


Vom MNR (Mouvement national républicain) unter Bruno Mé-
gret, der sich 1999 vom Front National abspaltete, hört man
derzeit in der Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nichts. So ist er
derzeit auch in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung
abgemeldet, was den Krieg im Irak betrifft. Der Einfluss des
MNR auf die Kriegsdebatte in der französischen Öffentlichkeit
ist gleich Null.
Man muss also schon auf die Homepage des MNR im World
Wide Web gehen, um die Positionen Bruno Mégrets zu kennen.
Diese lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Der MNR ist gegen den Krieg der US-Ame- Neonazis mobilisieren
rikaner und Briten, der nicht den französischen und europäischen Interessen entspreche. Zu- gegen Irak-Krieg
gleich wird die US-Doktrin des Präventivkriegs als bedenklich dargestellt, da sie morgen „wen
auch immer zum Angriff auf wen auch immer“ ermächtigen könne. Jedoch legt man auch Wert Österreich. Mit Beginn des Militärschla-
darauf, dass Mégret und der MNR „weder Unterstützung noch Sympathie (für das) diktatori- ges gegen den Irak verstärken deutsche und
sche Regime“ unter Saddam Hussein hegen – das unterscheidet ihn faktisch vom FN und Le österreichische Neonazis ihre antiamerika-
Pen, der offen die amtierende Diktatur der Baath-Partei unterstützt. Jedoch vermeidet der MNR nische und antisemitische Agitation. Im Fo-
eine Polemik mit den Positionen der größeren rechtsextremen Partei, die auf der MNR-Homepa- rum des Wikingerversandes häufen sich die
ge keine Erwähnung finden. Aufrufe zum „Widerstand“. Ein „Erwe-
Zu den USA heißt es, diese seien „keine Feinde“, dennoch seien ihre Hegemonie und ihr „im- cker“ schrieb am 17. 3.: „Leider helfen die-
periales Projekt“ abzulehnen, und Europa sei von ihrer Vormundschaft zu befreien. se Demonstrationen direkt nichts, da der
Der MNR unterstützt ferner die offizielle Position Frankreichs (vor Kriegsausbruch), „aber schießwütige Jew-Cowboy Bush doch eh
ohne Illusionen über die Motive von (Präsident) Chirac“. Jacques Chirac sei es vor allem darum macht, was er und seine jüdische Loge will.
gegangen, Zustimmung bei „der Linken und den auf französischem Boden angesiedelten Ara- Trotzdem: Boykottiert die Völkermordzen-
bern und Muslimen zu finden“ – tatsächlich hat der Staatspräsident es in jüngerer Zeit geschafft, tralen Israel und die Vereinigisten [sic!]
seine politische Legitimität auch in Teilen dieser Gruppen abzusichern. Der MNR hingegen leh- Staaten von Amerika.“ Am 20. März
ne dies explizit ab; „das Beharren auf unserer Unabhängigkeit impliziert selbstverständlich, nicht wünscht ein „Rommel“, „das [sic!] die
den Forderungen von ausländischen Bevölkerungsgruppen auf unserem Boden Folge zu leis- Amis dort ihr zweites Vietnam kriegen“ und
ten“. Dennoch, „egal, was die Motive Chiracs, der Linken oder der Muslime sind“, sei der aktuel- „dem Diktator USA einen Gurillakrieg
le Irakfeldzug aus höherrangigen Gründen – das bedeutet „die Verteidigung der Interessen [sic!] der sich gewaschen hat, 100000 Amis
Frankreichs und Europas“ – abzulehnen. mögen draufgehen für einen Wahnsinnigen
In einer anderen Stellungnahme verleiht Bruno Mégret seiner Hoffnung Ausdruck, dass die im Weisen [sic!] Haus der die Interressen
Irakkrise insofern heilsam wirke, als dass sie „ein neues Europa wachruft“. Der Legitimitätsverlust [sic!] eines Machtklans vertritt“.
der USA im Zusammenhang mit ihrem Angriff auf den Irak (und die gegenläufigen Positionen In Österreich mobilisiert neben dem
der Regierungen Frankreichs / Deutschlands / Russlands sowie „der öffentlichen Meinungen“ in Bund freier Jugend (BfJ) vor allem die neo-
Großbritannien und Spanien, gegen die „pro-amerikanische Anpassung ihrer Regierungen“) nazistische Kameradschaft Germania
mache die Zeit reif, um „mit dem Atlantismus zu brechen“. Bruno Mégret fordert die Auflösung (KSG) gegen die USA. Auf ihrer Homepage
der NATO und, an ihrer Stelle, die Gründung eines europäischen Militärbündnisses. Ein auf den spricht sich die KSG unter der Parole „AMI
Nationen, statt auf bürokratischen Vereinheitlichungs-Prozeduren, basierendes Europa müsse GO HOME!!!“ „klar gegen das Töten un-
„sich mit einer militärischen Macht ausstatten, die jener der USA ebenbürtig ist – was absolut re- schuldiger Menschen aus“. Obwohl
alisierbar ist, da die Bevölkerung und das Bruttosozialprodukt Europas mindestens so hoch sind Deutschland und Frankreich „von den USA
wie jene der USA“. Anders ausgedrückt: Einem weltweiten Übel soll ein zweites, mindestens ge- verspottet und sogar ernsthaft bedroht“ wer-
nau so großes hinzugefügt werden. BhS, Paris ■ den, würden die Regierenden aus Angst
dazu schweigen. www.doew.at ■

10 : antifaschistische nachrichten 8-2003


: rezensionen

Avantgarden
des tung, der „mühsam erarbeitete anti-anti-
Faschismus
„Der gestrige Tag“, beschwert sich die nachrichten der Gießener Burschen-
semitische Konsens in der Öffentlich-
keit“ werde brechen. Beiträge über den
Wandel der NS-Gedenkstätten unter
Oberhessische Volkszeitung am 16. Ja- schaft Alemannia“ denn auch die Ernen- dem Druck der sich ausbreitenden Tota-
nuar 1931, sei „der schwärzeste“ in der nung des NDSAP-Führers zum Reichs- litarismustheorie (Marc Schwietring)
Geschichte der Gießener Studenten- kanzler. „Wir Alemannen nehmen, wie und über den deutschen Opferkult (Sa-
schaft gewesen. Unter offenem Verstoß alle deutschen Burschenschafter, an die- muel Salzborn) runden den Band ab.
gegen die Reichsverfassung hatte die sem Erwachen der Nation lebhaftesten Jörg Kronauer ■
Studentenkammer der mittelhessischen Anteil, und unsere heißesten Wünsche
Universitätsstadt gefordert, „an sämt- begleiten diesen Aufbruch zu nationaler Michael Klundt, Samuel Salzborn,
lichen Hochschulen die Einführung des Einheit und nationalem Freiheitswillen.“ Marc Schwietring, Gerd Wiegel: Erin-
Numerus clausus für Studierende der jü- Jörg Kronauer ■ nern Verdrängen Vergessen. Ge-
dischen Rasse“ einzuführen. „Man will schichtspolitische Wege ins 21. Jahr-
Krach um jeden Preis“, empört sich das Bruno W. Reimann: Avantgarden des hundert. Schriften zur politischen Bil-
sozialdemokratische Blatt über die anti- Faschismus. Studentenschaft und dung, Kultur und Kommunikation
semitische Agitation in der Studenten- schlagende Verbindungen an der Band 1 (www.nbkk.de), Gießen
schaft: „Schon in einer vorhergehenden Universität Gießen 1918 - 1937. Teil 2: 2003
Sitzung versuchte man zu provozieren, Historische Dokumentation, Cento
indem man einen jüdischen Studenten Verlag, Frankfurt am Main 2002
für ein studentisches Amt mit der Be-
gründung ablehnte, daß er kein Deut-
scher sei. (...) Es geht doch mit dem be-
Fremdsein
sten Willen nicht an, daß man jüdischen und Fremdenfeindlichkeit
Studenten (...) die Gleichberechtigung
absprechen will!“
Geschichts- Dieses Buch von Sebastian Schröder
Unmittelbare Einblicke in die politi-
sche Entwicklung der Gießener Studen-
tenschaft ermöglicht der von Bruno Rei-
politik „bildet einen Beitrag zur Rechtsextre-
mismusdiskussion und findet seinen
Ausgang vom Erklärungsproblem der
mann herausgegebene und mit einer Unterschiedliche Entwicklungen in der Fremdenfeindlichkeit. Aktueller Auslö-
Einleitung versehene Dokumentenband Geschichtspolitik behandelt der kürzlich ser für die Frage nach den Gründen für
„Avantgarden des Faschismus“. Die ab- unter dem Titel „Erinnern Verdrängen eine solche Haltung und ihre Darstel-
gedruckten Quellen geben ein lebendi- Vergessen“ erschienene erste Band einer lung im Alltag ist der Umstand, dass seit
ges Bild davon, welche Stimmung an vom „Netzwerk für politische Bildung, einigen Jahren eine wachsende Bereit-
deutschen Hochschulen in den 1920er Kultur und Kommunikation“ herausge- schaft zu fremdenfeindlichen Handlun-
und 1930er Jahren herrschte und welche gebenen Schriftenreihe. Die Autoren be- gen in Deutschland statistisch festge-
Konflikte innerhalb der Hochschulen fassen sich mit wesentlichen Debatten stellt wird und ein Anstieg von Aus-
ausgetragen wurden. Dabei wird den der vergangenen Jahre und arbeiten zen- schreitungen gegenüber Fremden, auch
Gießener Korporationen besondere Auf- trale Momente klar heraus. So etwa die von solchen mit tödlichen Ausgang. Da-
merksamkeit gewidmet. Privatisierung von Geschichte: Histori- bei zeigt sich im Vergleich von Ost- und
Zu Recht. Ihre herausragende Rolle sche Ereignisse werden aus ihren struk- Westdeutschland auf der Basis amtlicher
bei der Durchsetzung antisemitischer, turellen Zusammenhängen gelöst und Statistiken eine größere Häufigkeit
völkischer und schließlich nationalsozia- auf persönliches Erleben reduziert; oder fremdenfeindlicher Vorkommnisse für
listischer Politik an der Gießener Uni- die Entkonkretisierung des Geschehe- Ostdeutschland. Vor diesem Hintergrund
versität lässt sich bei der Lektüre des nen: Vergangene Verbrechen werden ab- macht es sich der Autor, nachdem er
Bandes detailliert und umfassend nach- strakt moralisch bewertet, die Erinne- sich im ersten Teil seiner Untersuchung
vollziehen. Das Engagement von Korpo- rung an ihre konkrete Gestalt aber zu- mit Theorien des Fremdseins [Elias/
rierten in Freikorps, ihre Versuche, den gleich verdrängt. Scotson (Etablierte und Außenseiter)
Kapp- und den Hitler-Putsch zu unter- Die Folgen dieser und anderer Ent- und Goffman (Stigma)] befasst hat und
stützen, ihr Engagement für die völki- wicklungen weisen die Autoren an ver- auf dieser Grundlage ein Erklärungsmo-
sche Ausrichtung der Hochschulpolitik – schiedenen Beispielen nach. Anhand der dell entwickelt hat, im zweiten Teil sei-
all dies lässt sich hier an einem lokalen Debatten um die Wehrmachtsausstellung ner Arbeit zur Aufgabe, die Gründe und
Beispiel konkret nachweisen. Der gegen zeigt Michael Klundt, „wie sich die Ab- Entstehungsbedingungen für die
jüdische Studentinnen und Studenten ge- sage an die Vergangenheit mit einer Schwierigkeiten im Umgang mit dem
richtete Numerus-clausus-Beschluss aus ,Heiligsprechung‘ der Gegenwart ver- Fremden in Ostdeutschland zu rekon-
dem Jahr 1931 etwa wurde von einer binden lässt“. Gerd Wiegel warnt im Zu- struieren. Ostdeutschland wird somit
Studentenkammer gefällt, in der die sammenhang mit der Universalisierung zum besonderen Anwendungsfall für das
Korporiertenliste „Großdeutsche Ar- der NS-Erinnerung vor einer „Reduktion zuvor entwickelte theoretische Modell
beitsgemeinschaft“ und der 1929 von der [aktuellen] politischen Konflikte auf ...“ HD Dr. habil U. Nagel ■
Burschenschaftern gegründete National- ein Spiegelbild der deutschen Vergan-
sozialistische Deutsche Studentenbund genheit“. Marc Schwietring und Samuel Sebastian Schröder: Fremdsein und
eine 80-Prozent-Mehrheit hatten. Salzborn belegen mit einer Analyse der Fremdenfeindlichkeit. ISBN 3-8288-
„Ein Aufatmen geht durch unser gan- Auseinandersetzungen um Martin Wal- 8478-4, 109 Seiten, 25,90 Euro,
zes Volk“, kommentierten die „Bundes- ser und Jürgen Möllemann ihre Befürch- Tectum Verlag, Marburg

: antifaschistische nachrichten 8-2003 11


: ausländer- und asylpolitik Dreiländer-Wanderausstellung vom
23. Mai bis 14. Juni 2003

„Jeder Mensch
Massenabschiebungen aus
Frankreich
(27. März) in Richtung Bukarest ausge-
flogen, den Flug hatten Frankreich und
hat das Rechte,
Spanien zusammen angeheuert. Für An- Rechte zu haben“
Paris. „Wir reden nicht von den Men- fang April wurde ein gemeinsamer fran- Hannah Arendt
schenrechten, wir wenden sie an“, er- zösisch-britischer Abschiebeflug in das,
klärte Frankreichs Innenminister Nicolas noch immer umkämpfte, Afghanistan an- Freiburg. Die Vorbereitungen für die
Sarkozy am Mittwoch (26. März 03), an- gekündigt. Bernhard Schmid ■ Durchführung einer gemeinsamen Wan-
lässlich der Fragestunde im Parlament. derausstellung im Dreieckland laufen
Die Anwendung der Menschenrechte à la Abschiebung trotz laufen- mittlerweile auf Hochtouren. Die Wan-
Sarkozy, das bedeutet: Bei jeder Kollek- derausstellung, ein Nachfolgeprojekt der
tivabschiebung per Charterflug sollen der Petition Dreiländerdemonstration, die am 15.
künftig Menschenrechtsorganisationen München. Der Bayerische Flüchtlings- Juni 2002 stattfand, soll die Zusammen-
mit an Bord sein, die beobachten, dass rat und die Menschenrechtsgruppe Kara- arbeit der im Dreieckland aktiven anti-
alles „in den Regeln“ abläuft. Eine kon- wane erheben schwere Vorwürfe gegen rassistischen Gruppen weiter fördern.
krete Umsetzung sollte es darstellen, das Kreisverwaltungsreferat München Mit der Dreiländer-Wanderausstellung
dass am Dienstag (25. März) ein Vertre- und das Bayerische Innenministerium. soll in einer schwierigen Zeit versucht
ter des Roten Kreuzes – neben 90 Poli- Am Samstag, den 15. März in den frü- werden, Augen zu öffnen um wegzu-
zisten der Ausländer- und Grenzpolizei hen Morgenstunden wurde nach Aus- kommen von einer Betrachtung des
PAF – den Abschiebeflug nach Dakar kunft der JVA Stadelheim der togoische Menschen (Flüchtling) durch die Brille
und Abidjan begleiten durfte. 55 Staats- Flüchtling Affo Rafiou mit einer Maschi- des Kosten-Nutzen-Prinzips. Wer Men-
bürger der Côte d’Ivoire und 10 Senega- ne der Air France vom Münchner Flug- schen auf eine ökonomische Größe redu-
lesen wurden auf diese Weise, gegen ih- hafen in Richtung Togo abgeschoben. ziert, verliert den Blick für die Men-
ren Willen, mit einem Flieger der Gesell- Die Abschiebung kam völlig unerwartet. schenrechte. Die Ausstellung wird ein
schaft Euralair Horizons außer Landes Sein Anwalt wurde nicht in Kenntnis ge- interessanter Versuch, Menschen über
geschafft. setzt. Zum Zeitpunkt der Abschiebung Tabus zu informieren, das Thema auf ei-
Es handelte sich um den dritten, spe- war eine Petition der Landtagsabgeord- ner diskussionswürdigen Ebene zu pro-
ziell für Abgeschobene reservierten neten Elisabeth Köhler (Bündnis 90/DIE blematisieren und dabei die BesucherIn-
Charterflug, der im Monat März vom Pa- GRUNEN) anhängig. Laut Aussage des nen zu sensibilisieren und ihnen die Situ-
riser Flughafen Roissy abhob. Augen- Büros von Frau Köhler hatte das Bayeri- ation von Minderheiten näher zu brin-
zeugen berichteten von Gewalttätigkei- sche Innenministerium die mündliche gen. Die Ausstellung soll auch ein Appell
ten in der „extraterritorialen Zone“ des Zusage gegeben, bis zum Entscheid über an alle Menschen sein, sich nicht gleich-
Flughafens, die durch die Kollektivab- die Petition die Abschiebung auszuset- gültig zu verhalten, sondern alle Men-
schiebung ein Stück weiter geleert wur- zen. schen mit gleicher Würde zu respektie-
de: Unwillige Abgeschobene seien ge- Aus menschenrechtlicher und sozialer ren,denn jeder Mensch ist in seiner Exis-
schlagen worden. Zahlreiche Personen Sicht ist die Abschiebung ein Affront. tenz einmalig.
seien mit Pflaster auf dem Mund, auf Herr Affo Rafiou leidet an einer schwe- Eine Ausstellung bietet den Vorteil,
dem Rücken gefesselten Händen zuzüg- ren Darmerkrankung. Nach Aussagen dass sie zeitlich nicht befristet ist und je-
lich Fußfesseln abtransportiert und wie seiner Hausärztin befindet er sich in per- derzeit ergänzt werden kann. So soll sie
Pakete in bereit stehende Busse gewor- manenter Gefahr, einen Darmdurchbruch auch kein abgeschlossenes Projekt sein,
fen worden. Etiketten mit Nummern auf zu erleiden Er braucht Medikamente, die sondern immer wieder so erweitert wer-
dem Rücken sowie auf dem Gepäck hät- in Togo nicht erhältlich sind. Dennoch den, dass Teile der Ausstellung zu
ten zur Identifizierung der Personen ge- haben ihm die Amtsärzte der Justizvoll- Schwerpunktthemen und damit zu De-
dient. Eine Frau, die in der Hektik ihren zugsanstalt Transportfähigkeit beschei- tail-Ausstellungen zusammengestellt
Umhang verlor, wurde halbnackt abge- nigt. Rafiou hatte sehr große Angst da- werden können. Die Ausstellung soll Teil
schoben. Innenminister Sarkozy suchte vor, nach Togo zurückzukehren. der politischen Tagesauseinandersetzung
die Vorwürfe zu widerlegen, indem er In Togo herrscht seit angehend 40 Jah- werden. Gruppen und Aktionen haben je-
am Donnerstag (27. März) Journalisten ren das totalitäre Regime von Diktator derzeit die Möglichkeit Teil der Ausstel-
in seinem Ministerium den Amateurfilm Eyadema, des dienstältesten Diktators lung zu werden. So reflektiert die Aus-
eines Polizisten präsentierte. Aus der des afrikanischen Kontinents. Der Ver- stellung immer auch den aktuellen Stand
Aufnahme geht aber dennoch hervor, bleib von Affo Rafiou ist völlig unklar. der Auseinandersetzung. Das geplante
dass viele der Afrikaner sich ihrer Ab- „Wir machen uns große Sorgen um Affo. EU-Asylrecht wird sicherlich noch brei-
schiebung mit erheblicher Energie Ich stehe in ständigem Kontakt zu seinen tes Thema der antirassistischen Bewe-
widersetzten. „Man wird uns dort töten, Freunden und Verwandten in Lomé gung europaweit werden.
das ist sicher“, hört man einen Staatsbür- (Hauptstadt Togos) aber keiner hat etwas Spannend wird noch die Route der
ger des Bürgerkriegslands Côte d’Ivoire von ihm gehört. Wir befürchten, dass er Wanderausstellung, die zum einem durch
sagen. In Dakar empfingen Mitglieder am Flughafen direkt von der Polizei ab- teilnehmende Gruppen organisiert wird,
der afrikanischen Menschenrechtsorga- geholt worden ist‚ sagt Akakpo, ein zum anderen auch verschiedenen Institu-
nisation Raddho den Flug; die Vereini- Sprecher der Karawanegruppe München tionen und Gruppen noch angeboten
gung kündigte an, Klage gegen den fran- und Freund des Vermissten. wird. Wir werden natürlich versuchen,
zösischen Staat zu erheben. Dass die Abschiebung durchgeführt dass die Ausstellung immer unterwegs
Einen Charterflug pro Woche werde es wurde, bevor im Bayerischen Landtag ist.
ab jetzt geben, kündigte Sarkozy am über die Petition entschieden werden Ausstellung – Teilnahme
Mittwoch vor dem Parlament an. Der konnte, zeigt die rücksichtslose Praxis
nächste hob bereits zwei Tage nach dem der Ausländerbehörden. Nach einem ersten Überblick werden
in Richtung Dienstag ab. 70 Roma aus PM des Bayerischen Flüchtlingsrat, sich 25 Gruppen und Organisationen aus
Rumänien wurden am Donnerstagmittag 19.3.2003 ■ dem Dreiländereck mit voraussichtlich

12 : antifaschistische nachrichten 8-2003


Schweizer Staatsbürgerschaft. Wer aus Krieges auszusetzen, trägt sogar dazu
Südbaden und dem Elsaß sprechen wird, bei, deren Situation drastisch zu ver-
steht noch nicht fest. schärfen, da die Betroffenen über einen
24. Mai und 14. Juni: Aktionen längeren Zeitraum über keinerlei gesi-
cherten Aufenthaltsstatus verfügen.
Während den Ausstellungstagen soll Seit dem Jahr 2000 bilden Iraker die
auch in der Stadt Freiburg gezeigt wer- größte Gruppe der Asylsuchenden in der
den, dass die Ausstellung „Jeder Mensch BRD. Derzeit leben etwa 75000 von ih-
hat das Recht, Rechte zu haben“ präsent nen in diesem Land. Infolge der Kriegs-
ist. So soll ein Tag nach der Ausstel- vorbereitungen beantragten allein im Ja-
lungseröffnung auf dem Rathausplatz nuar und Februar 1500 Menschen aus
eine größere Aktion mit Kundgebung dem Irak Asyl. Doch trotz der sich zu-
stattfinden. In einem Pavillion, der auf spitzenden Situation in dem Golfstaat
dem Rathausplatz aufgestellt wird, soll nimmt die Anerkennungsquote ab: Wur-
ein Teil der Ausstellung gezeigt werden. den 2001 noch mehr als zwei Drittel der
Außerdem sind alle beteiligten Gruppen Antraege von Irakern positiv entschie-
dazu eingeladen Informationstische auf- den, waren es im Dezember 2002 nur
zustellen. In einer großen Luftballon- noch knapp 14 Prozent. Nach Meinung
Aktion soll ebenfalls unsere Präsenz ge- des Amtes ist unter anderem der von kur-
zeigt werden. Die Luftballone werden dischen Organisationen kontrollierte
bedruckt sein mit Losungen wie: „Kein Nordirak eine sichere Alternative. Die
Mensch ist illegal“, „Menschen haben abgelehnten Asylsuchenden leben als ge-
40 Ausstellungstafeln beteiligen. The- das Recht, Rechte zu haben“, „Rechte duldete Flüchtlinge in der BRD und
menschwerpunkte werden sein: „Asyl- statt Schranken“ usw. Sie sollen in der müssen mit Ausweisung rechnen, sobald
recht“ und Praxis; Bewegungsfreiheit; Stadt unter die Leute gebracht werden. dies praktisch möglich ist.
Medien; Sans-Papiers; Abschiebung und Für den 14. Juni 2003 ist auf dem Augus- Schilys Anweisung an das BAFL ba-
Abschiebehaft; Frauen auf der Flucht; tinerplatz ab 10.00 Uhr eine Transpa- siert auf der Hoffnung, dass mit dem
Traumatisierung; Rüstungsexport, Krieg rent-Malaktion mit anschließender De- Krieg ein grundlegender politischer
und Flucht; Flüchtlinge und Selbstorga- monstration geplant. Auf dem Augustin- Wandel in dem Golfstaat verbunden sein
nisierung und das kommende EU-Asyl- erplatz soll ein ca. 100 Meter langes wird. In dem Fall könnten die Menschen
recht. Einige Gruppen haben bereits an- Transparent gegen die Rechtlosigkeit be- umgehend in den Irak zurückgeschickt
gekündigt, dass sie zu einem späteren malt werden. Um 13.00 Uhr soll es dann werden, sobald die Kräfte, die dann dort
Zeitpunkt einsteigen möchten, da sie der- eine Demonstration zum Gebäude des das Sagen haben, dem zustimmen.
zeit ihren politischen Schwerpunkt auf Regierungspräsidiums Freiburg geben. Darüber hinaus strebt das BAFL nach
die Antikriegsarbeit gelegt haben. Dort soll das Transparent angebracht Angaben der Menschenrechtsorganisa-
23. Mai – 14. Juni 2003: Filme werden. tion Pro Asyl für den Fall, dass mit dem
LOGO-Wettbewerb Krieg ein Regimewechsel in Bagdad ver-
In Zusammenarbeit mit der Medien- bunden sein sollte, zahlreiche Widerrufs-
werkstatt und dem Kommunalen Kino Gesucht wird noch immer ein aussagefä- verfahren gegen bereits anerkannte iraki-
Freiburg werden während den Ausstel- higes druckbares LOGO für ein Netz- sche Asylsuchende an. Die Betroffenen
lungstagen in Freiburg Filme zu unter- werk von Menschenrechts-, Flüchtlings- werden durch den Entscheidungsstopp
schiedlichen Themen gezeigt werden. So und Exilorganisationen im Dreieckland. und die drohende Aberkennung ihres
werden zum Beispiel auch die beiden Es ist geplant, dass bei länderübergrei- Asylstatus in einen Zustand absoluter
FilmemacherInnen Samira El-Maawi fenden Aktionen das LOGO Verwen- Hoffnungslosigkeit versetzt. Der Irak
und Alejandro Miranda bei der Vorfüh- dung findet. Inhaltlich soll es die gren- wird nach dem Krieg der USA und ihrer
rung ihres Filmes „Menschen im Schat- zenlose Respektierung der Rechte aller Verbündeten weitgehend zerstört sein.
ten der Gesellschaft“ anwesend sein. Menschen, egal welcher Herkunft oder Eine ausreichende medizinische Versor-
Weitere Filmbeiträge wird es voraus- welchen Status, ausdrücken. Bis zum 30. gung und ein funktionierendes Bildungs-
sichtlich zum Thema Folter und Trauma- April 2003 können noch Logo-Vorschlä- system gibt es bereits seit dem letzten
tisierung, zu Grenzen allgemein, den na- ge bei SAGA, Postfach 5328, 79020 Golfkrieg, also seit zwölf Jahren, nicht
tionalen, den Landkreisgrenzen und zu Freiburg eingeschickt werden. was ■ mehr.
den Grenzen in den Köpfen, geben. In der BRD können sich die Flüchtlin-
23. Mai 2003: Vernissage Fußtritt nach Regimewechsel ge auch keine Zukunft aufbauen. Sie
werden vielleicht einige Jahre hier leben
Die Vernissage, die am Freitag den 23. Hamburg. Dass Bundesinnenminister – in ständiger Angst vor der Ausweisung,
Mai 2003 in der Freiburger KTS stattfin- Otto Schily die Innenminister der Länder wie die Erfahrungen Tausender Bürger-
det, wird von MigrantInnen, Sans-Pa- gebeten hat, einen Abschiebestopp für kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen
piers und Flüchtlingen aus den drei Län- irakische Flüchtlinge während der Dauer Jugoslawien zeigen. Kinder, die sie in
dern eröffnet werden. Aus der Schweiz des Krieges zu erlassen, verbessert deren dieser Zeit hier bekommen werden, wer-
wird Enrique Garcia aus Kolumbien Lage keineswegs. Schließlich existiert den Kindergarten und Schule besuchen,
sprechen, der immer wieder durch die de facto schon länger ein Abschiebe- um dann in ein ihnen fremdes Land ab-
Schweizer Ausländergesetzgebung als stopp, da die irakischen Behörden nicht geschoben zu werden.
Papierloser in Basel leben musste. Zu- mit den hiesigen zusammenarbeiten und Der Flüchtlingsrat Hamburg hat gegen
letzt lebte er 11 Jahre als Sans-Papier, als die Türkei sich weigert, als Transitland die „menschenverachtende Asylpraxis
Mensch im Schatten der Schweizer Ge- für abgelehnte Asylsuchende zu fungie- der Bundesregierung“ protestiert und ein
sellschaft. Serpil Sahin, aus der Türkei in ren. Die Anweisung von Schily an das dauerhaftes Bleiberecht für alle iraki-
die Schweiz eingewandert, hat eine an- Bundesamt für die Anerkennung auslän- schen Flüchtlinge sowie die unverzügli-
dere Geschichte zu berichten. Sie ist die discher Flüchtlinge (BAFL) inNürnberg, che Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in
Tochter einer immigrierten türkischen die Entscheidungen über Asylanträge der BRD gefordert.
Familie und besitzt mittlerweile die irakischer Flüchtlinge bis zum Ende des Birgit Gärtner ■

: antifaschistische nachrichten 8-2003 13


Der britische Premier Tony Blair
gehört zu den eifrigsten Befür- Tony Blairs Anschlag
wortern eines Angriffskrieges
gegen den Irak. Er hat den Bruch des auf den
Völkerrechts offensiv vertreten und
öffnet damit Tür und Tor für die Zerstö- Internationalen Flüchtlingsschutz
rung des UN-Sicherheitssystems. Eine
Ära der als Präventivkrieg dargestell- nach Europa fliehen. So sollen die ge- der Europäischen Menschenrechtskon-
ten Interessendurchsetzung militärisch planten Flüchtlingsreservate etwa in der vention (EMRK) nachgedacht werden.
starker Staaten droht anzubrechen. Türkei, dem Iran, in Nordsomalia, Ma- Geplant ist eine regelrechte politische In-
Eine solche Politik schafft neue Flücht- rokko, Rumänien, Kroatien und der szenierung. Ihr Ziel ist insbesondere,
linge. Aber gerade die wollen Tony Ukraine entstehen. Ein britisches Pilot- sich vom absoluten Verbot von Folter
Blair und seine Regierung künftig ef- projekt läuft bereits in Albanien an. und unmenschlicher oder erniedrigender
fektiver bekämpfen. Ihr Plan: die De- Die sozialen Standards in den jeweili- Behandlung des Artikel 3 EMRK zu lö-
montage des Flüchtlingsschutzes in Eu- gen „Schutzzonen“ sollen nach den briti- sen. Schützen will man nicht länger die-
ropa und das Unterlaufen der Genfer schen Vorstellungen in keiner Weise de- jenigen, die vor Folter fliehen. Artikel 3
Flüchtlingskonvention. nen entsprechen, die in Industriestaaten soll nur noch vor Folter, unmenschlicher
Das Konzept: Flüchtlinge in heimat- gelten. Es geht um eine billige Notver- oder erniedrigender Behandlung in
nahe Lager zurückschaffen sorgung. Daraus macht das Blair-Kon- Großbritannien selbst schützen. Dann
zept auch gar keinen Hehl. Schon zu Be- könnte man alle anderen Folteropfer
Unter der zynischen Überschrift „Eine
neue Vision für Flüchtlinge“ haben Blair,
sein Außenminister Straw und Innenmi-
nister Blunkett eine Konzeption entwi-
ckelt, die das Asylrecht in Europa in sei-
ner Substanz angreift. Die Idee:
Flüchtlinge, denen es gelingt, europäi-
schen Boden zu erreichen, sollen hier
kurzfristig interniert und so schnell wie
möglich in heimatnahe Schutzzonen zu-
rückgeschafft werden, die nichts anderes
sind als große Flüchtlingslager. Bestand-
teil der Vision: Gemeinsam mit anderen
EU-Staaten will Großbritannien ein welt-
weites Netz solcher Flüchtlingsreservate
schaffen. In allen Hauptherkunftsregionen
von Schutzsuchenden soll es solche „re-
gionalen Schutzzonen“ geben. Sie sollen
unter der Obhut des Hohen Flüchtlings-
kommissariats der Vereinten Nationen
(UNHCR) stehen und von den reichen
Ländern finanziert werden. ginn einer Problemanalyse über das an- oder von Folter Bedrohten ohne weitere
Das britische Konzept sieht vor, dass gebliche Scheitern des bisherigen Asyl- Verpflichtung abschieben.
spontan an den Grenzen ankommende systems in der Welt steht ein Kostenar- Fluchtursachenbekämpfung durch
Flüchtlinge aus Großbritannien und ande- gument: Ein Asylbewerber in Großbri- militärische Intervention
ren EU-Staaten so schnell wie möglich in tannien koste den Staat bis zu 10.000
die aufzubauenden Schutzzonen zurück- US-Dollar im Jahr, während UNHCR bei Die Auslagerung der Verantwortung für
gewiesen oder abgeschoben werden. In der Unterstützung von Flüchtlingen in Flüchtlinge in die Herkunftsregion soll
den geplanten Flüchtlingsreservaten sol- der Herkunftsregion mit durchschnittlich nach den britischen Vorstellungen er-
len sie zunächst festgehalten werden. 50 Dollar im Jahr auskomme. gänzt werden durch die Bekämpfung der
Sollte sich während dieser Zeit die Lage Die britische „Vision für Flüchtlinge“ Fluchtursachen vor Ort: in den Staaten,
in ihren Herkunftsländern nicht stabilisie- besteht darin, die EU weitgehend flücht- die Flüchtlinge produzieren. Nach eini-
ren, würde in diesen Lagern über ihren lingsfrei zu machen. Die Verantwortung gen schönen Programmsätzen, dass man
Asylantrag entschieden. Sollten Flüchtlin- für Flüchtlinge soll ausgelagert werden, selbstverständlich für die Verbesserung
ge anerkannt werden, würden sie in be- das Flüchtlingskommissariat der Verein- der Menschenrechtslage und der Lebens-
grenzter Zahl nach einem festzulegenden ten Nationen vom Garanten des Flücht- umstände in diesen Staaten einzutreten
Quotenschlüssel von den EU-Staaten auf- lingsschutzes in allen Unterzeichner- habe, kommen die Autoren des Papiers
genommen werden. Den Abgelehnten Staaten der GFK zum Lageraufseher in zur Sache. Seit dem Ende des Kalten
droht die Abschiebung in ihr Herkunfts- den Reservaten degradiert werden. Krieges habe die Nato ihre Rolle neu de-
land. Der Ausstieg aus den völkerrecht- finiert und friedenserhaltende Maßnah-
Die so geschaffenen und ausgestalteten lichen Verpflichtungen: Eine politische men in die Strategie mit einbezogen.
„heimatnahen“ Reservate sollen über kurz Inszenierung Dies könne auch der Ausgangspunkt da-
oder lang als sichere Drittstaaten qualifi- für sein, potentielle Flüchtlinge zum
ziert werden, in die ohne jede Einzelfall- In einer ersten Pilotphase fühlt man sich Bleiben oder zur Rückkehr in die Region
prüfung abgeschoben werden kann. offenbar noch an die Maßstäbe der Euro- zu veranlassen. Die humanitäre Interven-
Abschiebung, Fluchtverhinderung, päischen Menschenrechtskonvention und tion wird als weitgehendste Form der
Notversorgung, Rechtlosigkeit der Genfer Flüchtlingskonvention ge- Prävention dargestellt. Den Modellfall
bunden. Mittelfristig aber soll über eine hat die Nato, so wäre zu ergänzen, be-
Der britische Plan deckt alle wesentlichen Veränderung der Genfer Flüchtlingskon- reits geliefert: im Kosovo. Auch dort hat
Regionen ab, aus denen heute Menschen vention und eine Revision des Artikels 3 man die Mehrzahl der Flüchtlinge wäh-

14 : antifaschistische nachrichten 8-2003


rend des Krieges überwiegend in heimat- Allianz gegen den Flüchtlingsschutz machen. Die Idee des Flüchtlingsschutzes
nahen Lagern untergebracht. Auch die Der britische Premier unternimmt zur war einmal, dass man Flüchtlinge in ei-
jetzt als Rezept propagierte Idee, die Zeit Anstrengungen, die britische Idee auf nem Staat aufnimmt, wo sie außer Schutz
Erstaufnahmestaaten durch die Abnahme EU-Ebene und darüber hinaus in anderen auch Rechte erhalten. Jetzt geht es nur
einer gewissen Zahl von Flüchtlingen zu Industriestaaten voranzutreiben. Er will noch darum, Flüchtlinge heimatnah
entlasten, wurde dort erprobt. eine Allianz für die Demontage des unterzubringen, am besten gleich dort,
Blairs Konzept gibt sich mit dem Hin- Flüchtlingsschutzes formieren. Dagegen wo sie herkommen. Schutzzonen werden
weis auf die Nato-Praxis allein nicht zu- gilt es einzutreten. Denn die Errungen- als große Flüchtlingslager ausgestaltet.
frieden. Weitere Argumente für die Idee, schaft der Menschenrechtsentwicklung Flüchtlingsschutz reduziert sich dort auf
militärische Interventionen als Mittel des nach dem Zweiten Weltkrieg, die zivilisa- die militärische Garantie des Provisori-
Menschenrechtsschutzes darzustellen, be- torischen Antworten auf die Barbarei, ums. In der Praxis ist dort niemand in der
zieht man aus der selektiven Interpreta- werden mit dem britischen Ansatz zur Lage und willens, über bloße Mangelver-
tion der Arbeit der International Commis- Disposition gestellt. Die Genfer Flücht- sorgung hinaus Rechte zu garantieren.
sion on Intervention and State’s Sovereig- lingskonvention war und ist auch eine Das Dahinvegetieren wird zum Standard-
nity (ICISS). Sie enthält folgende Gedan- Antwort auf die gescheiterte Flüchtlings- programm des Flüchtlingsschutzes.
kenkette: Staatliche Souveränität schließt konferenz von Evian im Jahre 1938. Die Förderverein PRO ASYL e.V.,
die Verantwortlichkeit jedes Staates für Unwilligkeit der beteiligten Staaten, Ver- März 2003 ■
den Schutz seiner Staatsangehörigen ein. folgten des Naziregimes Schutz zu ge- Kontakt: Pro Asyl, Postfach 160624.
Wo immer ein Staat seinen Verpflichtun- währen, besiegelte das Schicksal vieler 60069 Frankfurt/M., Tel.: 069/230688 .
gen aufgrund von Kriegen, Repression Menschen. Mit der Genfer Flüchtlings- Fax: 069/230650,
oder Zerfall nicht nachkommt, hat die konvention vollzog sich der Übergang Internet: www.proasyl.de,
internationale Gemeinschaft die Ver- von der Flüchtlingsaufnahme als einem E-Mail: proasyl@proasyl.de
pflichtung zu intervenieren. Es gibt eine Akt staatlicher Gnade zu einem indivi-
„Verantwortlichkeit zu schützen“. Inter- duellen Schutzanspruch für Flüchtlinge.
ventionen dieses Typs sollen möglichst Asyl bedeutet im Kern, den Schutz von
Kein Essen, keine Wohnung
präventiv erfolgen und die Verantwort- Flüchtlingen vor Zurückweisung und Ab- Norwegen. Nach einem Bericht der
lichkeit zum Wiederaufbau schon mit um- schiebung in den Verfolgerstaat, die Ge- Frankfurter Rundschau vom 4. April
fassen. Ganz in diesem Sinne wurden ja währleistung des hierfür notwendigen plant auch Norwegen, seine Asylbewer-
bereits Ausschreibungsunterlagen für den Prüfungsverfahrens und eines menschen- berzahlen drastisch einzuschränken. Seit
Wiederaufbau des Iraks nach dem ange- würdigen Daseins. Dänemark die Bestimmungen verschärf-
blichen Präventivkrieg an amerikanische Der Vorstoß der Blair-Regierung be- te, suchen verstärkt Flüchtlinge in Nor-
Firmen verschickt. deutet den Versuch, jedweden Rechts- wegen Zuflucht. 2002 kamen 17840
Flüchtlingsschutz reduziert sich nach schutz für Asylsuchende in Europa abzu- Asylbewerber, mehr als während des
diesen Vorstellungen auf die Pflicht, bauen und selbst Asylberechtigte nur Bosnien-Krieges und 18 % mehr als
Flüchtlinge möglichst im Herkunftsland noch nach dem Maßstab politischer Op- 2001. Viele leben inzwischen illegal im
„zu schützen“. Krieg soll hierfür ein taug- portunität in geringen Zahlen aufzuneh- Land, denn Flüchtlinge aus Jugoslawien
liches Mittel sein. Diese Vision, so das men. Schon jetzt bleibt die große Mehr- z.B. werden inzwischen fast generell ab-
britische Papier selbstbewusst, sollte Teil heit der Flüchtlinge in der Welt in ihrer gelehnt. Um diese Entwicklung zu stop-
eines neuen globalen Asylsystems wer- Herkunftsregion. Etwa dreiviertel aller pen, will die Ausländerbehörde Norwe-
den. Leider, so die Autoren bedauernd, Flüchtlinge leben in Entwicklungslän- gens UDI jetzt zu drastischen Maßnah-
seien manche Nationen interventionisti- dern. Diese sollen nun auch Flüchtlinge men greifen.
schen Ideen gegenüber wesentlich zu- aufnehmen, denen die Flucht in die EU „Viele spekulieren damit, dass die Po-
rückhaltender als Großbritannien. Noch gelungen ist. lizei sie nicht holen kommt und dass sie
sei es nicht abzusehen, ob die Vereinten Dahinvegetieren als Standard- hier gratis Kost und Logis erhalten“, er-
Nationen die Vorschläge der Kommission programm des Flüchtlingsschutzes klärte der Leiter der Ausländerbehörde
übernehmen würden. Dass sich Blair da- Nordby der FR. Und schlägt daher vor,
für engagiert, den Regeln der Vereinten Das britische Konzept ist der bisher weit- den Betroffenen Unterkunft und Verpfle-
Nationen zu entkommen, hat er bei der gehendste Vorstoß, dem Flüchtlingsschutz gung zu streichen, dann würden „mehr
Vorbereitung des Irakkrieges zur Genüge innerhalb der EU und in Kooperation mit von ihnen von selbst abreisen“. Flücht-
bewiesen. anderen Industriestaaten den Garaus zu lingsorganisationen warnen vor solchen
Maßnahmen, man könne niemandem,
vor allem auch Kindern nicht, die Nah-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. rung verweigern. Auch der Vorschlag,
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de die Familienzusammenführung von
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Flüchtlingen von deren Selbstversorgung
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, abhängig zu machen, stößt auf Kritik.
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Die Regierung behauptet, der Vorschlag
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. fördere die Integration, da er die Flücht-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. linge zwinge, sich eine Arbeit zu suchen.
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind Dem widerspricht die Flüchtlingsorgani-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. sation Noas: Alle Erfahrungen zeigten,
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- dass Ausländer sich leichter integrierten,
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung wenn sie ihre Familien bei sich haben.
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Flüchtlinge gemäß der UN-Flüchtlings-
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
konvention haben sogar ein verbrieftes
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Recht dazu, ihre Familien nachzuholen.
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- Im Vorjahr aber erkannte Norwegen
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
nur 332 Konventionsflüchtlinge an, 2958
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di erhielten aus anderen Gründen Asyl.
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. Quelle: FR 4.4.2003 – u.b. ■

: antifaschistische nachrichten 8-2003 15


: aus der faschistischen presse
so weit verrennt, dass er in einer Gefäng-
niszelle wieder Muße findet, sich weiter
Europäische Streitmacht als ten der Bayernpartei, die sich nicht der mit Hegel zu beschäftigen. ... Eine wirk-
Gegenmacht? CSU angeschlossen haben. Wie jemand lich ,wehrhafte Demokratie‘ sollte einen
von dem Betrag mehrere Kinder großzie- Mahler ertragen können.“ Tatsächlich
Junge Freiheit Nr. 14/03 vom 28. März hen kann, rechnet weder das Blatt noch sind die antisemitischen Ausfälle eines
2003 Fendt vor. uld ■ Horst Mahler und die beschönigenden
In Folge des Irak-Kriegs debattiert das Kommentare Schönhubers, der diese
Blatt Möglichkeiten, eine Gegenmacht „Brillanter Kopf...“ auch noch „brillant“ findet, ziemlich un-
zu den USA aufzubauen. Generalleut- erträglich. u.b. ■
nant a.D. Franz Uhle-Wettler kommen- Nationalzeitung 14/28.3.2003
tiert: „Der Aufbau einer nennenswerten Verantwortlich für das Scheitern des Mahlers „persönliche
integrierten Europa-Truppe wäre also NPD-Verbotsverfahrens ist nach Ansicht
möglich. Aber er wird viel Zeit, guten des Blattes hauptsächlich der bayerische Erklärung“
Willen und Geld kosten – das derzeit nie- Innenminister Beckstein. Er habe von Horst Mahler hat nach dem Scheitern des
mand in der EU hat. Die Gefahr, dass wir Anfang an Druck gemacht, während Antrages noch im Bundesverfassungsge-
mit einem Windei verführt werden, ist Schily eher skeptisch gewesen sei. Auch richt eine „Persönliche Erklärung“ ab-
groß. Optimisten und Vorwitzige seien Kommentator Franz Schönhuber sieht gegeben, in der er seinen Austritt aus der
gewarnt. Dennoch: Es wäre schlimm, das so und bezeichnet Beckstein als NPD verkündet. Die NPD ist nach Mah-
wenn auch die gegenwärtige Initiative „Einpeitscher“ in Sachen Verbotsantrag. lers Auffassung „unzeitgemäß“, da sie
von Kanzler Schröder und Präsident Und beschämend seien auch die Schuld- am Parlamentarismus ausgerichtet sei,
Chirac scheiterte. Eine Freihandelszone zuweisungen, die jetzt von Seiten der der „zum Untergang verurteilt“ ist. Statt-
wird niemals den politischen Anmaßun- CSU/CDU gegenüber der Regierung er- dessen müsse nun eine „Neue Weltord-
gen und Zumutungen von Groß- und hoben würden. Natürlich sei Schily mit- nung“ errichtet werden, „in deren Mittel-
Supermächten widerstehen können. Für schuldig, aber vor allem deshalb, „weil punkt die Lebensgemeinschaft des Deut-
die Zukunft unserer Völker ist die er ... seine berechtigten Zweifel zurück- schen Reiches mit Russland steht.“ Um
einheitliche Politik wenigstens eines gestellt“ hat. Beckstein dagegen sei von diese zu errichten, müsse sich das „Volk
Kerneuropas – auch unter bedeutsamen den Richtern ausdrücklich gerügt wor- der Deutschen“ erheben. Ein „erster
Souveränitätsverzichten der Einzelstaa- den, weil er „noch während der Rechts- Schritt in den Aufstand“ sei das „Verde-
ten – unverzichtbar.“ uld ■ hängigkeit beim Verfassungsgericht ei- ner Manifest von Bürgern des Deutschen
nen Funktionär aus der Parteispitze an- Reiches“ („Es ist eine Sache der Ehre!
Geburtenprämie für zuwerben“ versucht hat. Ansonsten be- Es geht um die Wahrheit und um die
grüßt Schönhuber das Scheitern: „Einen Würde des Deutschen Volkes!“), das am
deutsche Christen guten Frontbericht gibt es doch zu ver- 5. Februar in Verden an der Aller verab-
Junge Freiheit Nr. 15/03 vom 3. April 2003 melden: Den Sieg des Rechtes in der schiedet wurde. In dem extrem antisemi-
Ein ganzseitiges Interview führt das NPD-Parteiverbotsaffäre.“ tischen Pamphlet, das Mahler ebenfalls
Blatt mit dem Unternehmer Peter Fendt Zum Austritt Mahlers aus der NPD im Bundesverfassungsgericht an die Me-
aus Marktoberdorf im Allgäu. Fendt hat kommentiert er: „Für mich nicht überra- dienvertreter verteilte, heißt es:
in seinem Ort eine Geburtenprämie von schend... Noch am Vortag hatte ich ihm „Die Völker leiden unter der Mei-
1000,- Euro ausgesetzt: „Ersten muss es in einem Gespräch gesagt, es wäre für nungsdiktatur Israels und seiner Hilfs-
das dritte, vierte oder fünfte Kind einer beide Seiten besser, wenn er die Partei truppen - am schlimmsten ergeht es da-
Familie sein. Zweitens sollte dieses Kind verließe... Mir war längst klar geworden, bei dem Palästinensischen und dem
katholisch oder evangelisch getauft wer- dass Mahler in eine Partei nicht inte- Deutschen Volk. Während das Palästi-
den, und drittens sollte zumindest ein El- grierbar ist .... Mahler stieß sich am nensische Volk den Tod durch israelische
ternteil die deutsche Staatsbürgerschaft kleinbürgerlich-spießigen Gehabe man- Panzer und israelische Mörderbanden
besitzen. Viertens müssen die Leute ab cher Parteioberen und an einem nicht erleidet, wird das Deutsche Volk Opfer
dem Tag der Bürgerversammlung vom korrigierbaren ,Mangel‘ an revolutionä- eines von Jüdischen Institutionen orga-
letzten Jahr auch bereits schon in Markt- rem Elan in der ganzen Partei. ... die nisierten Seelenmordes, wie es ihn in der
oberdorf mit erstem Wohnsitz gemeldet NPD verliert einen brillanten Kopf ... Geschichte noch nie gegeben hat.“
gewesen sein.“ Fendt gehört zu den Res- Bleibt zu hoffen, dass sich Mahler nicht Erklärt wird in dem Pamphlet: „Der
Aufstand gegen die Jüdische Weltherr-
schaft hat in Palästina mit der 2. Intifada
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
begonnen. Der Befreiungskrieg setzt sich
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: jetzt fort in Deutschland mit dem Angriff
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich auf das Dogma von den 6 Millionen im
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Gas umgekommenen Juden.“
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Die Bundesrepublik wird in dem „Ma-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
nifest“ als „Reichsvernichtungsregime“
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). diffamiert. Das Pamphlet schließt mit der
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Drohung: „Das Heilige Deutsche Reich
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) lebt, um die Judenheit vor das Weltge-
richt zu fordern!“ Mit dem „Manifest“
Name: Adresse: wird, so Mahler, mit dem „Geiste Ma-
hatma Ghandis der Kampf gegen das
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts den Deutschen von den Siegern und ih-
ren Kollaborateuren aufgezwungene Ge-
Unterschrift schichtsbild und damit gegen den am
deutschen Volk verübten Seelenmord auf-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
genommen.“ am, Archiv-Notizen,
März 2003, DISS Duisburg ■

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