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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 19.6.2003 19. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Sudetendeutscher Tag 2003


Stoiber fordert Gleichbehandlung
mit Bosnien-Herzegowina,
Kosovo und Kongo
60.000 sollen es gen vorschlage? Die
nach Angaben vorher zitierten Sätze,
der Veranstalter die vom Publikum –
gewesen sein, die zum einschließlich dem
54. Pfingsttreffen der Augsburger Oberbür-
Sudetendeutschen germeister Wengert
Landsmannschaft (SL) in (SPD) – mit heftigem
Augsburg zusammen- Applaus quittiert
kamen. Beobachter aus wurden, stehen frei-
Augsburg halten das für lich nicht in Stoibers
übertrieben, aber Redemanuskript und
40.000 wären immer kommen folglich in
noch eine stattliche den Presseberichten
Zahl. über den Sudeten-
deutschen Tag in der
Jedenfalls war die Schwa- Regel nicht vor.
benhalle im Augsburger Eine spontane Ein-
Messegelände gut voll, gebung Stoibers wa-
als der schwäbische SL- ren sie allerdings
Obmann und Showmaster nicht. Das zeigt eine
Gerhard Müller die ähnliche Passage in
Hauptkundgebung eröff- der Rede des bayri-
nete. Die stand, wie der bayrische Mi- gierung innerhalb „deutschen Demokra- schen Landtagspräsidenten und SL-
nisterpräsident und Hauptredner Ed- tie“ sowie außerhalb derselben folgen- Sprechers Johann Böhm (CSU). Er
mund Stoiber (CSU) bekannt gab, „ganz dermaßen: „Selbstverständlich müssen sprach von einem enttäuschten „Hoff-
im Zeichen der Erweiterung der Euro- wir immer wieder allen Verletzungen nungssschub“ im Zusammenhang mit
päischen Union nach Osten“. Der Er- von Menschenrechten widerstehen. Das der Aufnahme Tschechiens in die EU
weiterungsprozess allerdings war nicht gehört zum Kernbestand der deutschen und fuhr dann fort: „Diese ist ja nicht
ganz nach den Vorstellungen von Stoiber Demokratie und der deutschen Politik etwa nur eine Wirtschafts- und Wäh-
und der CSU verlaufen. Am 1. Mai 2004 insgesamt – über alle Grenzen hinweg. rungsunion; sie ist eine Rechte- und eine
wird die Tschechische Republik Mit- Aber ich sage ganz offen: Wenn man ge- Wertegemeinschaft. Kann in dieser Ge-
glied der EU werden, ohne vorher ihre genüber Menschenrechtsverletzungen meinschaft ein Land Platz haben, das im
Entnazifizierungsgesetze aus der Nach- klar und deutlich in Bosnien-Herzego- Rahmen einer ethnischen Säuberung ein
kriegszeit (sog. Beneš-Dekrete) aufge- wina oder im Kosovo oder im Kongo Viertel seiner Bevölkerung verjagt hat?
hoben zu haben. „Wir sind enttäuscht“, das Wort ergreift, dann erwarte ich von Am Balkan ließ doch erst vor wenigen
erklärte Stoiber, und die Bundesregie- solchen Politikern, die Deutschland re- Jahren die westliche Gemeinschaft ihre
rung sei schuld. Die habe nämlich kei- präsentieren, eine Gleichbehandlung der Militärmacht gegen solche ‚Säuberun-
nen Finger gerührt, um die Forderungen deutschen gegenüber allen anderen gen’ aufmarschieren! Gelten dort andere
von CSU und SL durchzusetzen. Stoiber Menschenrechtsverletzungen in der Regeln als in Kerneuropa? Offenbar.“
präzisierte seine Vorstellungen von den Welt.“ Wurden die Kriege in Bosnien- Böhm verband diese Äußerung mit der
einschlägigen Aufgaben der Bundesre- Herzegowina und im Kosovo mit Wor- Behauptung, sie (die Tschechen) hätten
ten geführt? Wird jetzt über Worteinsät- „bisher keine überzeugende Antwort auf
ze in der Republik Kongo debattiert? die Frage gefunden, was sie zur Vertrei-
Aus dem Inhalt: Wie passen Stoibers Sätze zu seiner spä- bung und Enteignung der Deutschen le-
teren Aussage, die Charta der Heimat- gitimiert hat“. Unter „den Übergriffen“
Proteste zu den Kriegsverbre-
vertriebenen vom 5. August 1950 ent- Nazi-Deutschlands hätten schließlich et-
chen der Gebirgsjäger . . . . . . . 6
halte eine „Absage an jegliche Gewalt“ liche Länder zu leiden gehabt. „Fast alle
Ein Hitler des Orients? . . . . . . . . 8
und dies sei einer der Gründe, weshalb haben nach Kriegsende Vergeltungs-
Wahlen in Italien . . . . . . . . . . . 11
er, Stoiber, den 5. August als nationalen maßnahmen gegen Deutsche durchge-
Gedenktag für die Opfer von Vertreibun- führt. Kein Land aber hat so rücksichtlos l
: meldungen, aktionen
tertitel „Das Ostpreußenblatt“ erscheinen
soll.
Mit der Namensumbenennung, so
We'll rock YOU - NPD-Open- hinaus mobilisiert, auf der Homepage Wilhelm von Gottberg, sollen neue Leser
Air in Gera verhindern! des NPD-Bundesvorstands ist der Ter- für das Blatt, dessen bezahlte Auflage „in
min besonders hervorgehoben. Wir neh- den letzten Jahren dramatisch zurückge-
Gera. Am 21. Juni wollen der NPD- men an, dass sich nach Gera mindestens gangen sei, gewonnen werden. 90 Pro-
Landesverband und „freie Kamerad- genauso viele Nazis mobilisieren lassen, zent der OP-Leser haben nach Angaben
schaften“ gemeinsam ein ganztägiges wie jüngst zum „2. Thüringentag der na- von Gottberg das 65. Lebensjahr über-
Open-Air in Gera veranstalten. Unter tionalen Jugend“ nach Gotha. Dort feier- schritten, 30 Prozent sind 80 Jahre und
dem Motto „Rock gegen Krieg“ wollen ten etwa 300 Nazis völlig ungestört bis älter. Zwei- bis dreitausend Abonnenten
sie sich als „volksdeutsche Friedensbrin- in die Nacht und die Stadt wurde im kommen nicht aus dem Vertriebenenbe-
ger“ profilieren. Dazu sollen Redner und Nachhinein von den Veranstaltern offi- reich, sondern seien deshalb Leser der
Rechtsrockbands auftreten, Verkaufs- ziell zur „national befreiten Zone“ dekla- Zeitung, „weil diese eine hervorragende
stände und Imbiss sollen für Volksfest- riert. Klar dürfte deshalb sein, dass es ei- Wochenzeitung mit nationalliberaler und
charakter sorgen. Für einen Eintrittspreis ner ganzen Menge motivierter Antifa- konservativer Ausrichtung“ sei. Dieses
von 15,- Euro sollen sich die zahlenden schistInnen bedarf, um am 21. Juni die Leserspektrum soll mit dem neuen Titel
Gäste ein legales Nazikonzert anhören Veranstaltung tatsächlich zu verhindern. ausgebaut werden.
können, auftreten sollen „Sturm & Wir jedenfalls werden alles daran setzen, am, Archiv-Notizen Mai 2003 ■
Drang“, „Kommando Ost“, „Thor“, „Eu- dies zu versuchen und dem reaktionären
genik“ (Anti-Antifa-Aktivisten aus deutschen Mob einen wahrnehmbaren „Projekt Freudenmal“
Gera), „Cardiac“ und weitere. Offizieller antifaschistischen Widerstand entgegen
Anmelder ist der NPD-Kreisverband um setzen! Berlin. Die „Aktionsgemeinschaft der
Gordon Richter, Nico Hüfner, Andre Wir rufen auf zu massivem zivilen Deutschland liebenden“ (ADL) um den
Berghold (alle auch im NPD-Landesvor- Ungehorsam, das NPD-Open-Air muss „Ur-Grünen“ Baldur Springmann – die
stand) und Jörg Krautheim. Angemeldet mit allen Mitteln verhindert werden! Zei- Geschäftsstelle befindet sich in Hamburg
wurde ganztägig von 14 bis 22 Uhr, ab gen wir den Nazis, dass ihre Zeit entgül- – will am 5. Juli 2003 um 10 Uhr auf
14 Uhr soll Einlass sein ... Da der „na- tig abgelaufen ist – WIR bauen uns unse- dem Alexanderplatz in Berlin „eine De-
tionale Widerstand“ in Gera zu zerbre- re Zukunft gerade erst auf! monstration der anderen Art“ durchfüh-
chen droht, sollen mit diesem Aktionstag Antifaschistische Aktion Gera (AAG) ■ ren! Es soll nicht gegen etwas demons-
„nationale Kräfte“ in Gera wieder ge- triert werden sondern „für die positive
bündelt werden. AntifaschistInnen aus Preußische Umbenennung Kraft des deutschen Volksbewusstseins,
Leipzig gehen angesichts des Datums für das demokratische Prinzip: ,Wir sind
von einer „offiziellen Sonnenwendfeier“ Bad Pyrmont. Die „Ostpreußische Lan- das Volk’ für die Souveränität, dem deut-
aus, die Rechtsrockband Eugenik spricht desvertretung“ hat am 8. März auf An- schen Volk eine Zukunft zu geben!“ – so
angesichts des Datums in ihrem Forum trag des Bundesvorstandes der „Lands- heißt es im Aufruf. Geplant sei ein sym-
ein „Sonnenheil“ aus ... mannschaft Ostpreußen“ (LO) in Bad bolisches Freudenmal, in der Mitte der
Die Mobilisierung lässt Schlimmes Pyrmont beschlossen, dass die Wochen- deutschen Hauptstadt. Die AGDL be-
erahnen: kaum eine Thüringer Naziseite, zeitung „Das Ostpreußenblatt“ (OP) ab zeichnet sich als „ein aktionsbezogener
die nicht für das Konzert wirbt, mittler- der Osterausgabe mit dem Titel „Preußi- Zusammenschluss von Deutschen, die
weile wird sogar über die Landesgrenzen sche Allgemeine Zeitung“ und dem Un-

Fortsetzung von Seite 1 „Will ich als Beamter eingestellt wer- sächlich wären derartige Konflikte ja
zugefasst wie die Tschechoslowakische den, muss mein Führungszeugnis sauber auch unwahrscheinlich, haben doch die
Republik.“ sein. Ist letzteres nicht der Fall, muss ich „Landsmänner und -frauen“, die der
Nun ist kaum ernsthaft zu erwarten, mit Abweisung rechnen.“ Klar, wer hier Landsmannschaft bis heute die Treue
dass die CSU sich demnächst für die der Boss ist. halten, hinlänglich bewiesen, was ihnen
Bombardierung von Prag einsetzen Von den vielen erwähnenswerten Ein- ihr Deutschtum wert ist. Sicherheitshal-
wird. Die Äußerungen von Stoiber und zelheiten, die bei diesem Sudetendeut- ber ist aber auch hier die heikle Passage
Böhm hämmern aber in Zigtausende von schen Tag sonst noch zu beobachten wa- mit der Staatsbürgerschaft im Redema-
Köpfen die Meinung, zur Durchsetzung ren, sei schließlich noch die Tatsache nuskript nicht enthalten.
der CSU- und SL-Forderungen an berichtet, dass sich der CSU-Politiker Bernd Posselt übrigens, der Vorsitzen-
Tschechien sei jede tatsächlich ergriffe- Böhm heftig für die doppelte Staatsbür- de der SL, freute sich erneut über „unsere
ne Maßnahme, auch die aggressivste, gerschaft einsetzte. Von einer Diskussi- sudetendeutsche Botschaft in Prag“ („ob
völlig legitim. on mit tschechischen Politikern im dies einigen passt oder nicht“) und lobte
Dazu passt das – gelinde gesagt – un- Herbst 2002 in München berichtete er: den unverdrossenen Einsatz seines Ver-
gewöhnliche Vorgehen, dass zuerst Ed- „Ich habe gefragt: ‚Warum bringt es eins für Menschenrechte, Frieden und
mund Stoiber dem Präsidenten des Eu- Tschechien nicht fertig zu sagen: Wer Freiheit. Die Kampagne, mit der die CSU
ropäischen Parlaments, dem Iren Patrick als Sudetendeutscher in die alte Heimat beweisen will, dass die Tschechen mit
Cox, eine Video-Grußbotschaft an den zurückkehren will, der darf das! Er er- Billigung der Weltkriegsalliierten einen
Sudetendeutschen Tag abbettelte und hält die tschechische Staatsangehörig- Völkermord an Deutschen begingen, soll
dann Johann Böhm diese Grußbotschaft keit und darf die deutsche behalten.’ Das auch nach der Aufnahme Tschechiens in
in seiner Rede teils nach eigenen Wün- wäre die Anerkennung des Heimatrech- die EU unvermindert weitergehen. Das
schen uminterpretierte, teils sie in äu- tes.“ Bedenken im Hinblick auf mögli- Thema werde, so die Ankündigung aller
ßerst rüder Form zerpflückte. che Loyalitätskonflikte, wie sie seine Redner, künftig bei jeder passenden und
Seine Vorstellung vom Verhältnis zwi- Parteifreunde bei den Debatten über die unpassenden Gelegenheit auf den euro-
schen Deutschland und Tschechien in- doppelte Staatsbürgerschaft von „Aus- päischen Tisch kommen.
nerhalb der EU drückte Böhm durch fol- ländern“ im deutschen Inland äußerten, Renate Hennecke ■
genden bemerkenswerten Vergleich aus: quälten ihn dabei offenbar nicht. Tat- Deutsch-Tschechische Nachrichten

2 : antifaschistische nachrichten 13-2003


ihr Heimatland und ihre Kultur lieben „Unser Heer on tour“ Abschied von
und schätzen“. in Frankfurt Harry Fisher
Was die Berlinerinnen und Berliner da
erwartet, wird aus der Einladung deut- Frankfurt. Mit der Ausstellung „Unser Unlängst erst hatten wir ihm zum Ge-
lich: „Zur Unterstützung unserer politi- Heer on tour“ wirbt die Bundeswehr burtstag gratuliert, seinem 92., unse-
schen Forderung und Demonstration vom 26.6. bis 30.6.03 am Frankfurter rem Freund, dem Spanienkämpfer, In-
deutscher Kultur (Ur-Kult!) würden wir Ratsweg für die weltweite „Eingreif-Ar- ternationalisten, Kommunisten und
uns freuen, wenn Gesangsgruppen uns mee“ und ihren Einsatz zur „inneren Si- Friedensaktivisten Harry Fisher in
bei den Kundgebungen zu Beginn und cherheit“. An alle weiterführenden Schu- New York. Danach erzählte er mir,
am Schluss (soweit es „die Polizei er- len in Frankfurt wurde eine entsprechen- dass er diesmal aus Deutschland so
laubt“) sowie in den unvermeidlichen de Einladung verschickt. viele Glückwünsche wie aus keinem
Marschpausen mit ihrem deutschen Neben „Erbsensuppe aus unserer anderen Land erhalten hatte.
Liedgut erfreuen würden (Motto: Ge- Feldküche“, kostenloser Beratung zu Ja, viele hier erinnern sich an ihn,
sang-Chöre statt Sprech-Chöre!). „Chancen, Perspektiven, Ausbildungs- denn im Jahr 2001 hielt sich Harry
Wenn Sie Kontakt haben zu Volks- und Arbeitsplatz Bundeswehr“, „Frauen mehrmals in der Bundesrepublik auf,
tanzgruppen, Gesangsgruppen (deutsche in der Bundeswehr“ werden „Rad- und um sein hier im Pahl-Rugenstein-Ver-
Klassik, Volksmusik, Liedersänger), Kettenfahrzeuge in Aktion“, „Fall- lag erschienenes Buch „Comrades“
Brauchtumsgruppen, Spielmannszügen schirmspringer“ vorgeführt, Schulklas- vorzustellen. Viele zwischen Hamburg
aus Schützen- und Karnevalsvereinen sen werden sogar kostenlos abgeholt. und München lernten einen zurückhal-
sowie Jäger- und Soldatenchören, so wä- Diese Schau entspricht nicht dem Auf- tenden Menschen mit großer Ausstrah-
ren wir sehr froh, wenn Sie diese auf un- trag zur Friedenserziehung im Sinne von lungskraft und fester innerer Überzeu-
sere Veranstaltung aufmerksam machen § 2 des Hessischen Schulgesetzes. Die gung kennen. Sein Buch eröffnete be-
könnten – zwecks Teilnahme am Zug in AG-Frieden des StadtSchülerInnenRates sonders der jüngeren Generation einen
ihren traditionellen Trachten! hat deshalb eine „Mahnwache für den neuen, ergreifenden Zugang zum spani-
Das Anlegen von Trachtenbekleidung Frieden“ gegenüber dem „Panzer-Spiel- schen Bürgerkrieg. Erstmals wurden in
oder auch Zunftbekleidung an diesem platz“ angemeldet. Auch das Frankfurter großer Einfachheit und ohne heroisie-
Tag ist ausdrücklich erwünscht, da die Bündnis gegen den Krieg ruft zu einer rende Beschönigungen auch die Ängste
regionalen Bekleidungen Ausdruck deut- Mahnwache vom 26.- 30. Juni, 8 - 19 eines jungen Kämpfers beschrieben.
scher Kultur und Vielfalt sind“. Uhr unmittelbar in der Nähe von Feldkü- 2002 beendete Harry Fisher die Ar-
Man darf gespannt sein, welche „Ka- che und Panzerspielplatz auf, Ausgang beit an seinem zweiten Buch, das in
meradschaften“ da die Trachtenjacke U-Bahn-Station Eissporthalle, Ecke den USA voraussichtlich den Titel
rauskramen. Kettlerallee. „Legacy“ haben wird, und an dessen
an ■ Frankfurter Bündnis Erscheinen in Deutschland derzeit in-
gegen den Krieg ■ tensiv gearbeitet wird. Nunmehr woll-
te er sich verstärkt mit Geschichtsfäl-
schern in den USA auseinandersetzen,
die Lügen über die Spanienkämpfer in
die Welt setzen. Eine davon betraf den
Tod Oliver Laws, des ersten farbigen
Kommandeurs eines US-amerikani-
schen Armeeverbandes.
Gleich nach dem 11. September
wandte sich Harry Fisher warnend an
uns, der offiziellen Kriminalisierungs-
paranoia zu misstrauen. Seither wurde
er nicht müde, vor neuer Gewalt, vor
neuem Krieg zu warnen. Seit frühester
Jugend gehörten Friedensdemonstra-
tionen zum Leben Harry Fishers und
kaum eine der New Yorker Friedens-
aktionen fand ohne ihn statt. So auch
am 22. März 2003. Direkt von der
Friedensdemo in Manhattan jedoch
musste er mit einer Herzattacke ins

A
m 10. Juni 1944 verübten Ange- delt. Das Urteil soll am 26. Juni verkün- Krankenhaus gebracht werden und
hörige einer deutschen SS-Einheit det werden. verließ uns alle für immer.
in der griechischen Ortschaft Dis- Rechtsanwalt J. Kummer, der die Klä- Harry Fisher verkörperte für uns ein
tomo nordwestlich von Athen eines der ger vertritt, betonte, dass die Vorinstan- großes Stück Hoffnung und Glaube an
grausamsten Massaker der deutschen zen in Bonn und Köln zu Unrecht eine das „andere Amerika“. Er fehlt uns. Un-
Besatzungszeit und töteten insgesamt Entschädigung wegen angeblich fehlen- sere Welt braucht mehr Menschen wie
218 Dorfbewohner, darunter Kinder, der Rechtsgrundlagen abgelehnt hatten. Harry Fisher - heute nötiger denn je.
Frauen, Greise und Säuglinge. Die Ver- Kummer meinte, Individualklagen sind Ulrich Kolbe, ■
antwortlichen für dieses Verbrechen in der neuen Völkerrechtssprechung sehr Antifa-Rundschau April-Juni 2003
wurden nie zur Rechenschaft gezogen, wohl möglich.
Entschädigungszahlungen an die Hinter- Vor Prozeßbeginn hatten rund 30 Mit- Lesungen aus Harry Fishers Buch
bliebenen der Opfer bis heute von glieder der Roten Antifa Karlsruhe und „Comrades“ sowie die Vorstellung der
Deutschland verweigert. Am gestrigen des Hamburger Arbeitskreises Distomo filmischen Dokumentation der Ge-
Donnerstag wurde der Fall in einem Re- vor dem BGH demonstriert und die so- schichtswerkstatt Oberhausen über
visionsverfahren vor dem Bundesge- fortige Entschädigung der griechischen Harry Fisher können über
richtshof (BGH) in Karlsruhe verhan- NS-Opfer gefordert. (siehe Bild oben) ■ www.harryfisher.net vereinbart werden.

: antifaschistische nachrichten 13-2003 3


Dringender Aufruf an alle Unterstüt-
zer und Freunde der NS-Verfolgten:
Altersrente für Überlebende der NS-Ghettos – Antragsschluss: 30. Juni 2003
Im Juni 2002 verabschiedete ges um eine Verlängerung dieser viel zu extra
kurzen Frist zu bitten.
Mai 2003

der Deutsche Bundestag das


Gesetz zur Zahlbarmachung von Unabhängig davon kommt es jetzt aber
Ghettorenten (ZRBG). darauf an, möglichst viele Überlebende Liebe BesucherInnen
des ersten Ökumenischen

umgehend über ihre Rechte zu informie-


Kirchentags,
Viele Überlebenden der Nazi-Ghettos es ist eine gute Tradition der Kir-
chentage, auf den „Märkten der

ren und bei der Antragstellung zu unter-


Möglichkeiten“ gesellschaftliche In-
können durch dieses Gesetz erstma- itiativen mit ihren vielfältigen Anlie-
gen vorzustellen. Man erlebt haut-

lig eine deutsche Altersrente stützen. Mit unseren amerikanischen nah, wie viele Menschen sich in unse-
rem Land engagieren. Man spürt
aber auch, dass auf dem Weg zu ei-

erhalten. Partnern von „Support for Survivors of ner wirklich humanen Gesellschaft
noch viel zu tun bleibt.
In unserer Initiative arbeiten jun-

Nazi Persecution Internationalen haben ge Deutsche mit Überlebenden na-


tionalsozialistischer Verfolgung in al-
ler Welt zusammen. Unser Ziel: Ge-
Galina Stutschinskaja, geb. 1924, Häftling des KZ Auschwitz von 1943 bis 1945, foto-
grafiert von Manfred Linke für das Photoprojekt „Späte Gerechtigkeit...“. siehe S. 3

Nicht nur die Überlebenden selbst sind wir ein Informationspaket in englischer rechtigkeit für die Überlebenden, Si-
cherung ihrer Menschenwürde in
den letzten Jahren ihres Lebens. Entschädigung für NS-Zwangsarbeit:

rentenberechtigt. Auch ihre Witwen und Sprache entworfen, das von der Website Dazu gehört auch eine materielle
Kompensation ihrer Leiden. Deutsch-
land bleibt auch in seiner aktuellen
Erfolgsbilanz mit Eintrübungen
Witwer können einen Antrag stellen. www.survivors-international.org herun- ökonomischen Krise verantwortlich
für einen gesicherten letzten Lebens-
abschnitt derjenigen, die es so brutal
In regelmäßigen Abständen präsentiert die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft“ beeindruckende Erfolgszahlen. Über 2,1 Milliarden Euro hat sie an über
1,2 Millionen ehemalige NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ausgezahlt.

Da die Renten bei rechtzeitiger Antrag- tergeladen werden kann. misshandelt hat.
Auf unserem Stand im Themen-
bereich „Lebendige Geschichte“,
Ein Erfolg, gewiss, den man nicht klein reden soll. An einigen Stellen jedoch knirscht
es im Stiftungsgebälk. Ein Bericht von Lothar Evers, der für unseren Bundesverband
im Kuratorium der Stiftung die Interessen der Überlebenden vertritt.

stellung rückwirkend ab 1997 gezahlt Deutschsprachige Informationen fin- (Halle 3 obere Ebene, Stand B42) und
in dieser Sonderausgabe von „über-
leben...“ ziehen wir eine Zwischenbi-
Seit den 90ern sind wir Jahr um Jahr in
die Aktionärsversammlungen der deut-
„Mörder, Mörder!“ geschrien! In seinem
Kopf waren sie schlagartig wieder da: die

werden, führten erste erfolgreich abge- den Sie auf unserer Internetseite lanz des Projektes Zwangsarbeiter-
entschädigung. Eine zwiespältige Bi-
lanz: Zwar haben über eine Million
schen Großunternehmen gezogen, haben
an deren mörderische Vergangenheit er-
innert. In der ersten Reihe immer dabei:
Bilder aus Auschwitz. Wir waren so ver-
schworen wie erfolglos. Ein jährlicher
Merkposten, nicht mehr.

schlossene Verfahren zu Nachzahlungen www.nsberatung.de. Überlebende eine erste Rate der er-
strittenen 10 Milliar-
Hans Frankenthal, Auschwitzüberleben-
der und langjähriger Vorsitzender unseres
Bundesverbandes. In aufrüttelnden
Heute bestimmen wir darüber mit,
wie über 5 Milliarden Euro an NS-
ZwangsarbeiterInnen auszuzahlen sind.

von 16.000 Euro sowie monatlichen Da die meisten Überlebenden ohne


den DM erhalten. Es
wird jedoch wahr- Wortbeiträgen hat er Entschädigung für Das hätten wir noch 1997 nicht zu hof-
scheinlich zwei wei- die Opfer eingeklagt. Wir waren ein klei- fen gewagt. Class action hieß ab 1998 das
nes, versprengtes Häuflein auf der Suche Zauberwort, mit dem aus Habenichtsen

Renten von 250 Euro. Internetanschluss leben, bitten wir nach-


tere Jahre dauern,
bis die Auszahlun- nach Gerechtigkeit. Die Reaktionen der satisfaktionsfähige Gegner der deutschen
gen abgeschlossen Vorstände waren mitleidig bis brutal: Wirtschaft wurden. Nur mit Hilfe ameri-

Durch die leider mehr als mangelhafte drücklich darum, die vorhandenen Infor-
werden können. Man lachte uns aus, drehte uns die kanischer Ge-
Zehntausende, die Mikrofone ab und nicht wenige machten richte konnten
BUNDESVERBAND
dringend auf ihre auch mit den Saalschützern in ihren wat- jene zehn Mil-
liarden DM, INFORMATION &

Öffentlichkeitsarbeit des zuständigen mationen schnell auszudrucken und wei-


tierten Bomberjacken Bekanntschaft.
Lothar Evers Fortsetzung Seite 2 Hans Frankenthal hat dann immer l Seite 2 B E R AT U N G F Ü R
NS-VERFOLGTE

Ministeriums für Gesundheit und Sozia- terzugeben.


le Sicherheit sind jedoch die meist im Bitte schicken Sie Kopien dieser e-
Ausland wohnenden Überlebenden bis- mail auch an alle, die in Kontakt mit Schon jetzt herzlichen Dank für Ihre
her über ihre Rechte kaum informiert. Ghetto-Überlebenden stehen. Unterstützung.
Am 30. Juni 2003 endet die wichtige Für alle, die über internationale Kon- Lothar Evers ■
Antragsfrist für rückwirkende Zahlun- takte verfügen, folgt nach dem deut- Bundesverband Information und
gen ab 1997. schen Text auf dieser Seite noch eine Beratung für NS-Verfolgte
Es bleibt also nur noch ein knapper englische Version dieses Aufrufes. Holweiderstr. 13-15, 51065 Köln
Monat Zeit, um Anträge fristgerecht ein- Offene Fragen beantworten wir gerne Tel.: 0221 179294 0
zureichen. Wir bitten Sie daher, die zu- per e-mail: Fax: 0221 179294 29
ständige Ministerin Ulla Schmidt und ghettopension@nsberatung.de) oder Fax email: evers@nsberatung.de
die Fraktionen des Deutschen Bundesta- (0221-179294 29). web: www.nsberatung.de

Informationen 57 erschienen gang“ in Osnabrück einen ihm adäquaten Ort gefunden hat.
„In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung Jana Mikota berichtet über Kinderbeilagen in Zeitschriften
von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff des Exils. Guido Fackler beschreibt Musik in Konzentrations-
steht, sie zu überwältigen.“ lagern als „Terrorinstrument und Überlebensmittel“ und
Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte macht auf Probleme der Rezeption
Der 70. Jahrestag der Bücherverbren- aufmerksam. Der Beitrag von Thomas
nungen ist der Anlass für den Themen- Lutz gibt einen Überblick über Verän-
schwerpunkt dieser „Informationen“. derungen in der Wahrnehmung von
Kunst – Literatur, bildende Kunst, Musik Kunst (unter KZ-Bedingungen geschaf-
– als Selbstbehauptung, als Widerstand, fene Kunst, Kunst von Überlebenden)
als Anklage gegen die Menschheitsver- bei der Gestaltung von Gedenkstätten.
brechen des deutschen Faschismus. Gunnar Richter stellt die als Kunst-
Thematisiert wird auch die Rezepti- werk gestaltete Dauerausstellung in
onsgeschichte dieser Kunst sowie die der Gedenkstätte Breitenau vor. Cor-
Bedeutung von Kunst bei der Gestal- nelia Pieroth hat René Char, Dichter
tung von Gedenkstätten. und Kommandant in der Résistance,
Ludwig Elm analysiert die Rolle der wieder entdeckt.
akademischen Eliten auf dem Weg in die
Kultur-Barbarei. Das Berliner Mahnmal Informationen des Studienkreises deut-
für die Bücherverbrennung und seine scher Widerstand 1933 -1945, Nr. 57,
gegenwärtige Gefährdung wird von Ste- ISSN 0938-8672, Rossertstr. 9, 60323
fanie Endlich beschrieben. Doris Ob- Frankfurt/Main, erscheint zweimal jähr-
schernitzki stellt vier Schauplätze von lich,Abonnement 11 Euro
Anna Seghers' Roman Transit vor. Rein- Email:
hard Schweicher interpretiert das lange kontakt@studienkreis-widerstand-1933-45.de
vergessene Werk des Malers Felix Internet: www.studienkreis-widerstand-1933-45.de
Nussbaum, das im „Museum ohne Aus-

: antifaschistische nachrichten 13-2003


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Argentinischer Künstler verhüllt
Fackelträgersäule in Hannover.
Am 12. Juni hat der Künstler Marcelo kreuz darin wurde entfernt, alles übrige des. Die Reaktion kam spontan und war
Brodsky die faschistische Fackelträ- ist bis heute geblieben, wie es war. Eine eine Bauch-Entscheidung: Ich schlug
gersäule am Hannoverschen Masch- Inschrift in gotischen Runen erinnert an vor, das Monument mit einer fotografi-
see in einer politischenAktion ver- die Arbeiter, die – Ergebnis der Arbeits- schen Installation zu bedecken.
hüllt. Diese Aktion wurde unterstützt politik von Hitler – den See ausgehoben Diese Idee unterbreitete ich den Ver-
durch die VVN/BdA, die Antifaschisti- hatten. Und es gibt ein Datum: 1934 – antwortlichen der Stadt Hannover. Der
sche Aktion Hannover, die Ge- 1936. Leiter des Museums unterstützte den
schichtswerkstatt und mehrere Ein- Vorschlag. Die Stadt entschied, mei-
zelpersonen aus der hannoverschen ne Initiative als die eines an das Mu-
Friedensbewegung. Etwa 150 Perso- seum eingeladenen Künstlers zu ak-
nen nahmen an dem Akt teil, der ins- zeptieren. Am 12. Juni 2003 werde
gesamt zwei Stunden dauerte. Wir ich das faschistische Monument in
dokumentieren einen Beitrag des Hannover mit Fotos bedecken. Die
Künstlers und einen kurzen Redebei- Bilder setzen deutsche KZ mit argen-
trag. ron ■ tinischen in Verbindung. Die Instal-
lation wird interaktiv sein. Die Bür-
Marcelo Brodsky: „Warum steht ger Hannovers werden eingeladen,
die noch da“ – Reaktionen eines sich für eine Auswahl von Bildern zu
argentinischen Künstlers auf die entscheiden. Bis 31. August – so lan-
Fackelträgersäule in Hannover ge, wie meine Ausstellung im Spren-
Hannover, Juni 2003. Als ich vom gel Museum gezeigt wird, soll auch
Sprengel Museum Hannover die Einla- diese Installation zu sehen sein.
dung erhielt, „Buena memoria“ (gutes
Gedächtnis), mein fotografisches Essay Faschistische Arbeitsbeschaffung
über die Verschwundenen in Argentinien Maschsee.
auszustellen, war ich glücklich, diese
Arbeit zum ersten Mal in Deutschland Die Inschrift in gotischen Runen auf
zeigen zu können. Deutschland als zen- der Säule lautet:
traler Ort der zeitgenössischen Debatte Wille zum Aufbau
über Erinnerung stellt sich als ideal dar, Der Segen der Arbeit
um mit Bildern zu erzählen, welche Er- Freude, Gesundheit und Kraft
fahrungen ich während der siebziger Spende fortan der See
Jahre mit Unterdrückung und Staats- 1934 – 1936
terrorismus in Argentinien gemacht Es ist unglaublich, diese Inschrift ist
habe. Die Ausstellung ist fokussiert auf immer noch da! Erst 100, dann bis zu
die 105 verschwundenen Kameraden 1500 Arbeitslose haben den Maschsee
aus meiner Schule, dem Colegio Nacio- ausgehoben. Jeder Arbeiter musste
nal de Buenos Aires (einer Sekundar- selber sein Arbeitsgerät und seine
schule, die mit einem deutschen Gymna- Kleidung mitbringen. Ein Schaufel-
sium vergleichbar ist). Sie thematisiert stiel kostete 1,50 RM bei 15,50 RM
die Vernichtung einer ganzen Generation Wochenlohn und bei dem harten Bo-
von argentinischen Jugendlichen. den waren viele Stiele nötig. Der
Die Ausstellung ist in der Abteilung Fo- Stundenlohn betrug 0,64 RM. Ein
tografie und Neue Medien des Sprengel Verheirateter mit 3 Kindern verdiente
Museums Hannover zu sehen, Kuratorin nur 6 RM mehr als die Wohlfahrtsun-
ist Inka Schube. terstützung betrug, mit 4 Kindern 4
Nach dem Aufbau der Exponate im RM,. mit 5 Kindern insgesamt 14 RM
Mai gingen wir zum Maschsee im Zen- darunter, das entsprach einer halben
trum der Stadt von Hannover. Meine Monatsmiete. Die Stadt sah sich nicht
Überraschung war gross, als ich hinter Ich konnte es nicht glauben: Nur in der Lage, die Notstandsarbeiter, so
einem wunderschönen Kunstwerk von knapp 50 Meter entfernt vom letzten wurden sie damals genannt, 48 Stunden
Calder eine monströse faschistische Foto, das meinen Bruder lebend zeigt zu beschäftigen, das war erlaubte Arbeits-
Säule entdeckte. Auf dieser Säule thront und das nun im Sprengel Museum aus- zeit (!), sondern 40 Stunden, weil nicht
eine neoklassische Skulptur, die die gestellt ist, existiert ein Monument aus mehr Arbeit da war. Das Arbeitsamt wies
Griechen irritiert hätte: Auf einer Höhe der Zeit des Faschismus. Das Foto mei- keine verheirateten Arbeitslosen zu, denn
von 15 Metern hält ein Athlet aus Bron- nes Bruders, das im KZ Escuela de Me- sie hätten noch wesentlich weniger Geld
ze die olympische Fackel in der linken canica de la Armada (Schule für Marine- gehabt als sie Wohlfahrtsunterstüzung be-
Hand, während er die rechte zum Hitler- Instandhaltung) fotografiert wurde, soll- kamen. Dies ist also war der „Segen der
Gruss erhebt – eine Huldigung der te in direkter Nachbarschaft mit dieser Arbeit“. Die Säule mit dieser Inschrift
olympischen Idee zu den Spielen in Ber- unglaublichen Säule zu sehen sein. Un- und der Fackelträger oben drauf, beides
lin im Jahr 1936. terschiedliche Gefühle mischten sich an- fastistisches Machwerk, muss weg.
Am Fuss dieser Steinsäule ist ein Ad- gesichts dieser Vorstellung: meine Iden-
ler eingraviert, der mit seinen Krallen ei- tität als Jude, als Argentinier, als Überle- anr, Geschichtswerkstatt
nen Lorbeerkranz hält. Nur das Haken- bender der Militärdiktatur meines Lan- Hannover und VVN/BdA ■

: antifaschistische nachrichten 13-2003 5


Proteste zu den Kriegsverbrechen
der Gebirgsjäger und den Ent-
schädigungsforderungen der Opfer
Seit 1952 treffen sich jährlich zu 1. Peter Gin-
Pfingsten ehemalige Gebirgsjäger gold, Auschwitz-
der Wehrmacht. Das Treffen findet Komitee und
seit vielen Jahren am Hohen VVN-BdA, be-
Brendten in Mittenwald statt. Dort grüßt die Teil-
organisiert der „Kameradenkreis nehmerinnen des
der Gebirgstruppe“, ein Zusam- Hearings zu den
menschluss von Wehrmachtsvete- Kriegsverbre-
ranen und Bundeswehrsoldaten, chen der Ge-
jeden Pfingstsonntag eine Gedenk- birgsjäger und
feier mit Militärgottesdienst für den Entschädi-
die im Zweiten Weltkrieg gefalle- gungsforderun-
nen Gebirgsjäger. gen der Opfer
Das Mittenwalder Treffen mit am 7. Juni 2003,
bis zu 5000 Teilnehmern ist das Pfingstsamstag,
größte Treffen deutscher Wehr- in Mittenwald
machts-Veteranen. Die in Mitten-
wald zelebrierte Traditionspflege
steht im Widerspruch zu den von 3. Christina Dimou, Zeitzeugin,
Historikern nachgewiesenen Überlebende von Kommeno, be-
Kriegsverbrechen. Auf ihren Ver- richtet von den Gräueltaten der
anstaltungen und in ihren Publika- Gebirgsjäger der deutschen Wehr-
tionen werden die Kriegsverbre- macht, die im Sommer 1943 das
chen teilweise offensiv geleugnet nordgriechische Dorf Kommeno
und über die Opfer der Gebirgsdi- dem Erdboden gleichgemacht hat-
visionen fällt kein Wort. ten. Bei dem als „Sühnemaßnah-
Als es ab 1968 Ermittlungsver- me“ für einen Partisanenangriff
fahren wegen Kriegsverbrechen deklarierten Massaker erschossen
gegen ehemalige Angehörige der sie 317 wehrlose Männer, Frauen
Gebirgstruppen gab, nutzten die und Kinder, darunter auch die
Betroffenen die Pflngsttreffen, um ganze Familie von Christina Di-
ihre Aussagen und ihre Verteidi- mou.
gungsstrategie untereinander abzu- In Mittenwald sagt sie leise: „Als
sprechen. Mit großem Erfolg. kleines Mädchen musste ich alles
Nicht ein einziger Gebirgsjäger mitansehen und habe nur noch ge-
wurde von der deutschen Justiz weint Und als alte Frau weine ich
zur Rechenschaft gezogen. Zu un- immer noch.“
recht: Historiker konnten den Ge-
birgstruppen zahllose Massaker
nachweisen.
Zu nennen sind u. a. Kephallo-
nia (6.000 ermordete Kriegsgefan-
gene), Kommeno (317 Frauen,
Männer und Kinder), Lyngiades
(80 Menschen), Skines (146 Män-
ner und 2 Frauen), Camerino (98
Zivilistlnnen) und viele mehr.
Pfingsten 2003 veranstalten der
Arbeitskreis „Angreifbare Traditi-
onspflege“ und die „Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes -
Bund der Antifaschisten“
(VVN/BdA) am traditionellen Sta-
tionierungsort der 1. Gebirgsdivi-
sion in Mittenwald ein Hearing zu
den Kriegsverbrechen der Ge-
birgsjäger und zu den Entschädi-
gungsforderungen der Opfer. Da-
bei stand Griechenland im Mittel- 4. Bei der Auftakt-Kundgebung in Mittenwald am 7. Juni 2003:
punkt. ■ „Gegen die Traditionspflege der Gebirgsjäger“

6 : antifaschistische nachrichten 13-2003


5. 8. Juni 2003, Pfingst-
sonntag. Zu Fuß den
Berg hoch mit Transpa-
renten: Protest auf dem
Hohen Brendten bei
Mittenwald gegen das
Treffen der ehemaligen
Gebirgsjäger der Wehr-
macht. Seit 1952 kom-
men diese dort jährlich
zu Pfingsten zusammen,
wo der „Kameraden-
kreis der Gebirgstrup-
pe“, ein Zusammen-
schluß von Wehr-
machtsveteranen und
Bundeswehrsoldaten,
am Pfingstsonntag eine
Gedenkfeier mit Mili-
tärgottesdienst für die
im Zweiten Weltkrieg
gefallenen Gebirgsjäger
organisiert.

6. Mahnwache auf dem Hohen Brend-


ten zur gebührenden Begrüßung all de-
rer, die an der Gedenkfeier teilnehmen
wollen

Info:
www.arbeiterfotografie.com

7. Die Demonstranten verabschieden


die davonfahrenden ehemaligen Ge-
birgsjäger mit lauten „MÖRDER“-
Rufen und Pfiffen

: antifaschistische nachrichten 13-2003 7


Ein Hitler des Orients?
NS-Vergleiche in der Kriegspropaganda von Demokratien
Der lange Schatten Hitlers begleitet die Präsident Bushs Saddam-Hitler- am 15. Januar
Deutschen bis zum heutigen Tage. Aber Vergleich von 1990 1991 begann (als
nicht nur die Deutschen. Immer wieder ersten Golf-Krieg
wird der Name dieses Diktators in aktu- Nicht von ungefähr bedienten sich in der bezeichnet man
ellen Zusammenhängen genannt. Die in jüngsten Vergangenheit Regierungen de- den iranisch-iraki-
jüngster Zeit in der deutschen Innenpoli- mokratischer Staaten solcher Hitler-Ver- schen Krieg 1980-
tik vermehrt angestellten Vergleiche gleiche, wenn sie einen Krieg als ge- 1988). So weit be-
zwischen der Gegenwart und der Nazi- rechtfertigt erscheinen lassen wollten. kannt, wurden
Diktatur veranlassten den Bundestags- Wer geltend machte, man habe es bei ei- Saddam und Hit-
präsidenten Wolfgang Thierse dazu, nem bestimmten politischen Gegner mit ler erstmals in ei-
mahnend die Stimme zu erheben. Aus einem „Wiedergänger Hitlers“ zu tun, nem kanadischen
Anlass des Gedenkens an die Befreiung legitimierte damit zugleich ganz be- Dokumentarfilm
des Konzentrationslagers Auschwitz im stimmte Reaktionen. In der internationa- über den Iran aus
Deutschen Bundestag am 27. Januar len Politik dienten und dienen Hitler- dem Jahre 1987 in
2003 bezeichnete er diese NS-Verglei- Vergleiche als Legitimationsmuster für einem Atemzug
che als „unerträglich“, weil sie die Opfer Krieg. genannt. Der Film
der Nazi-Zeit verhöhnten. Tatsächlich Das Wort Wiedergänger ist altmo- zeigte den Iran,
wurden historische Analogien im politi- disch und bedarf der Erläuterung. Nicht der seinerzeit mit
schen Meinungskampf häufig in unse- gemeint ist ein Widergänger mit dem dem Irak Krieg
riöser und verzerrender Weise verwen- kurzen „i“ des Widerstandes – den gibt führte, als das Op-
det. Die dienten weniger der politischen es auch –, sondern einer mit „ie“, der fer irakischer Ver-
Analyse oder Orientierung als vielmehr wieder geht, der erneut zugange ist. brechen.8 Aller-
der Herabsetzung politischer Konkur- Adolf Hitler hat sich in das Bewusstsein dings erregte der
renten. Wer NS-Vergleiche anstellt, be- der Menschheit als die Inkarnation des Vergleich damals
gibt sich überdies – bildlich gesprochen Bösen eingegraben. Er nimmt in der noch kein sonder-
– auf vermintes Terrain. Dies musste die Hierarchie der Bösewichte gleich hinter liches Aufsehen.
damalige Bundesjustizministerin Herta dem Teufel seinen Platz ein. Wo immer Der Grund hierfür
Däubler-Gmelin (SPD) erleben, als sie der Name Hitlers beziehungsweise die liegt auf der Der Mächtige auf einem Spazie
während des Bundestagswahlkampfes Metapher Hitler im Kontext gegenwärti- Hand: Die Be-
im September 2002 leichtsinniger Weise ger Entwicklungen verwendet wird, soll richterstattung über den irakisch-irani-
Hitler und Bush in einem Atemzug er- eine extreme Gefahr signalisiert werden, schen Krieg von 1980-1988 in den west-
wähnte. Sie musste zurücktreten bezie- die das Erfordernis eines gewaltsamen lichen Ländern vermied eine Stigmati-
hungsweise auf eine erneute Berufung Vorgehens gegen die Bedrohung begrün- sierung des irakischen Diktators, der
als Bundesministerin verzichten. Für det. von den Westmächten insgeheim unter-
den argumentativen Gehalt dieses Ver- Der wohl prominenteste NS-Vergleich stützt wurde.
gleiches interessierte sich damals wie der jüngeren Vergangenheit ist der Sad- Weltweite Beachtung fand der Ver-
heute kaum jemand. In der USA wurde dam-Hitler-Vergleich. Daher soll seine gleich wohl erst durch einen Artikel der
er als ein frühes Signal für das Ausei- Verwendung in der politischen Rhetorik „New York Times“ vom 5. April 1990,
nanderdriften der US-amerikanischen der letzten 13 Jahre, also von 1990 bis der die alarmierende Nachricht enthielt,
und der deutschen Politik in der Vorge- heute, an dieser Stelle näher betrachtet dass der irakische Staatspräsident Sad-
schichte des Irak-Krieges 2003 wahrge- werden. So weit erkennbar, ist Hitler be- dam Hussein „die Juden in Israel auslö-
nommen. reits in der Zeit des Kalten Krieges gele- schen und den Nahen Osten beherrschen
Wird der Name Hitlers in einem au- gentlich zu Zwecken aktueller Kriegs- möchte“. Schließlich griff der amerika-
ßenpolitischen Kontext genannt, so gilt propaganda benutzt worden, beispiels- nische Präsident George Bush sen. in ei-
dies unmittelbar als ein Gefahrensignal, weise von Franzosen und Briten wäh- ner Rede vom 8. November 1990 den
das die unterschiedlichsten Reflexe aus- rend der Suezkrise zur Charakterisie- Vergleich Hitler-Saddam auf. Bush warf
löst. Denn sowohl bei den Deutschen, rung des ägyptischen Präsidenten Gamal den irakischen Truppen, die soeben Ku-
die Hitler den Weg bereiteten und ihm Abd el Nasser. Im Vietnamkrieg spielte wait erobert hatten, „ungeheuerliche
bis in die totale Niederlage hinein folg- dieser Vergleich offenbar keine Rolle. Akte der Barbarei“ vor, „die nicht ein-
ten, als auch bei den Bürgern anderer Erst nach dem Ende des Ost-West-Kon- mal Adolf Hitler begangen hat“. Damit
Länder, die unter der deutschen Besat- flikts lässt sich eine verstärkte Indienst- waren jedoch nicht die Gasangriffe auf
zungsherrschaft und Vernichtungspolitik stellung der Metapher „Hitler“ beobach- den kurdischen Bevölkerungsteil Iraks
zu leiden hatten, wirken die Erfahrungen ten. Es war jene Zeit des Umbruchs, in im Jahre 1988 gemeint, welche Tausen-
der NS-Zeit fort. Dies geschieht nicht welcher entdeckt wurde, dass ein so ge- den von irakischen Staatsangehörigen
nur in der Form von historisch-politi- nannter konventioneller Krieg wieder das Leben gekostet hatten, sondern
schem Wissen, sondern auch im Unbe- geführt werden konnte, dies sogar mit- Gräueltaten, die irakische Truppen nach
wussten, im „seelischen Untergrund“, ten in Europa. Es war zugleich die Phase ihrem Einmarsch in Kuwait im August
wie der Psychoanalytiker Tilmann Mo- der Herausbildung einer neuen interna- 1990 angeblich begangen hatten. Mit
ser formuliert. So sind es denn nicht nur tionalen Lage, die der damalige US-Prä- seiner Rede vom November 1990 ver-
kognitive, sondern auch emotionale Re- sident George Bush senior als „Neue schaffte Präsident Bush dem Saddam-
flexe, welche die potentielle Wirkungs- Weltordnung“ unter amerikanischer Hitler-Vergleich eine weltweite Reso-
macht solcher NS-Analogien ausma- Führung gestaltet sehen wollte. nanz. Wie ein Forschungsinstitut ermit-
chen. Zu einer systematischen Instrumenta- telt hat, wurde Saddam Hussein alleine
lisierung Hitlers kam es in der Vorge- in den US-amerikanischen Printmedien
schichte des zweiten Golf-Krieges, der in der Zeit zwischen der Bush-Rede und

8 : antifaschistische nachrichten 13-2003


dem Kriegsbeginn den Juden sowohl von Hitler als auch densliebe der pazifistischen Bewegun-
1170 mal mit Hitler von Saddam Hussein offen angekündigt. gen in den westlichen Demokratien. Es
verglichen. Damals wie heute kam die Drohung von ist die Perspektive der Holocaust-Über-
Überraschender- einem blutigen Emporkömmling, einem lebenden, die 1945 von den alliierten
weise spielte dieser Tyrannen, Demagogen und Machtpara- Streitkräften befreit wurden. Zusammen
Vergleich seinerzeit noiker.“ Des weiteren erinnerte Bier- mit anderen Autoren meldeten sich 1991
in Deutschland zu- mann an das Münchener Abkommen deutsche Juden in dem bilanzierenden
nächst keine Rolle. von 1938, das Zurückweichen der West- Sammelband mit dem spöttischen Titel
Man hatte ihn zwar mächte vor Hitler und an jene friedlie- „Liebesgrüße aus Bagdad“ zu Wort. Sie
wahrgenommen, benden Franzosen, die damals skeptisch kritisierten durchgängig den während
aber als einen „hin- gefragt hatten: „Mourir pour Danzig?“ des Golf-Krieges von 1991 in der deut-
kenden“ Vergleich Die Quintessenz seiner Wortmeldung schen Öffentlichkeit bekundeten Pazifis-
abgetan, weil Sad- fasste Biermann in der rhetorischen Fra- mus, weil dieser der Gefährlichkeit des
dam Hussein ande- ge zusammen: „Soll man einen Hitler irakischen Diktators nichts entgegenge-
re Vorbilder habe machen lassen um des Friedens willen?“ setzt hätte, sowie, weil er die Schutzbe-
als Hitler, nämlich Damit war eine Reihe von Argumen- dürftigkeit des Staates Israel vor iraki-
Saladin und Nebu- ten formuliert, die in den politischen De- schen Raketenangriffen nicht berück-
kadnezar. Im übri- batten der Folgezeit eine große Rolle sichtigt habe.
gen bestünde das spielten und bis zum heutigen Tage spie- Zu einem späteren Zeitpunkt – näm-
Ziel des Machtpoli- len. Schon damals, während des Golf- lich im Herbst des Jahres 1991, als der
tikers Saddam Hus- Krieges von 1990/91, konnte man beob- Golf-Krieg längst beendet war – wurde
sein lediglich darin, achten, dass der Saddam-Hitler-Ver- dieses Argument durch eine Information
Führer der arabi- gleich in den angelsächsischen Ländern des Politikers Georg Kahn-Ackermann
schen Welt zu wer- andere Assoziationen auslöste als in bekräftigt. Der vormalige Generalsekre-
den. Auch mit an- Deutschland. Die unterschiedliche Seh- tär des Europarates ließ wissen, Saddam
deren zeitgenössi- weise hatte etwas mit den je spezifi- Hussein habe ihm im Jahre 1967 ge-
schen Tyrannen wie schen Erfahrungen mit dem nationalso- sprächsweise mitgeteilt, dass er Hitlers
Pinochet, Ghaddafi, zialistischen Deutschland zu tun. Für die „Mein Kampf“ gelesen und es über wei-
Mobutu, Idi Amin Briten und Amerikaner war der Name te Strecken auswendig gelernt habe, so-
oder Bokassa lasse Hitler untrennbar mit dem Münchener wie, dass Hitler seitdem sein Vorbild sei;
er sich kaum ver- Abkommen von 1938 verknüpft, also dessen großer Fehler sei es nur gewesen,
gleichen. Noch ei- mit dem Tatbestand, dass Hitler die „dass er die Juden nicht total ausgerot-
ergang, George Grosz 1942 nen Tag vor dem Westmächte in München „über den tet“ habe.
Beginn des Golf- Tisch gezogen“ hatte. Die „historische Noch größeres Aufsehen erregte sei-
krieges 1991 debattierte der Deutsche Lehre“ der Angelsachsen lautete, aus nerzeit Hans Magnus Enzensberger. In
Bundestag über die Lage in der Golfre- dem damaligen Scheitern der Appease- einem – Anfang Februar 1991 in dem
gion, ohne dass ein Mitglied der Regie- ment-Politik müsse die Konsequenz ge- Magazin „Der Spiegel“ veröffentlichten
rung oder des Parlaments den Hitler- zogen werden, dass frühzeitig und kon- – Essay bezeichnete er Saddam Hussein
Saddam-Vergleich von Präsident Bush sequent gegen drohende Gefahren ein- als „Hitlers Wiedergänger“. Der eine
aufgegriffen hätte. Vermutlich spiegelte geschritten werden müsse. Aus angel- wie der andere Diktator, argumentierte
sich in diesem Verzicht der deutschen sächsischer Sicht hatte Hitler durch den der Schriftsteller, sei nicht etwa bloß der
Politiker auf das in den USA gezeichne- Bruch des „Londoner Abkommens“ sei- Feind eines bestimmten Volkes, sondern
te Feindbild auch die kriegsgegnerische ne Unkalkulierbarkeit und Wortbrüchig- ein „Feind des Menschengeschlechts“
Grundhaltung eines Großteils der deut- keit bewiesen und damit „jegliche Ver- beziehungsweise ein „Feind der
schen Bevölkerung wider, die sich be- tragsfähigkeit“ eingebüßt. Die britische Menschheit“. Enzensberger war sich der
reits in mehreren Massendemonstratio- Erinnerung an Hitler und den Zweiten Gefahren bewusst, die darin steckten,
nen gegen den Krieg lautstark artikuliert Weltkrieg ist also einerseits geprägt von dass gerade er, ein politisch unabhängi-
hatte und die zudem durch repräsentati- der „Vorstellung von den Deutschen als ger, linker Intellektueller, der Gleichset-
ve Meinungsumfragen belegt war. militaristische ausländische Aggressoren zung Saddam Husseins mit Hitler elo-
und Eroberer“ und andererseits von dem quente Schützenhilfe leistete. Er betonte
Irritationen in Deutschland Bild eines wortbrüchigen Diktators, der nämlich explizit, dass er die Geschichte
als Vertragspartner nicht mehr in Frage nicht als Instrument missbrauchen, son-
durch Wolf Biermann und kam. Aus diesem Grunde sollten die An- dern als Erkenntnisinstrument benutzen
Hans Magnus Enzensberger gelsachsen dann auch als ihr Kriegsziel wollte: „Jeder Versuch, historische Vor-
Wenig später waren es dann zwei promi- die „bedingungslose Kapitulation“ Hit- gänge zu verstehen“, schrieb er, sei „auf
nente deutsche Intellektuelle aus dem ler-Deutschlands formulieren und – zu- die Erfahrung – und das heißt: auf den
linken Spektrum, die in das Horn Präsi- sammen mit der Sowjetunion – auch Vergleich – angewiesen.“ Er wolle das
dent Bushs stießen und damit eine nach- durchsetzen. Im Kriegsjahr 2003 nah- „Wesen der Sache“ treffen. Enzensber-
haltige Irritation gerade bei jenen Deut- men US-Präsident Georg W. Bush jun. ger machte seine Analogie vornehmlich
schen auslösten, die bereits öffentlich und der britische Premierminister Tony an der Kategorie des „kollektiven To-
gegen den Krieg protestiert hatten. Ge- Blair wiederum mehrfach auf das Mün- desrausches“ fest. Sowohl Hitler und
meint sind Wolf Biermann und Hans chener Abkommen von 1938 Bezug, um Saddam als auch die Bevölkerungen von
Magnus Enzensberger. Biermann erklär- die Notwendigkeit eines Präventivkrie- Deutschland (1944/45) und Irak
te rundheraus: „Damit wir uns richtig ges gegen den Irak Saddam Husseins zu (1990/91) wollten bis zum „Untergang“
verstehen: Ich bin für diesen Krieg am begründen. kämpfen und sich aufopfern. Ideologi-
Golf“, und begründete diese Haltung Ähnlich wie Wolf Biermann haben sche bzw. religiöse Überhöhungen sowie
hauptsächlich mit der Gefahr, die der viele Juden in aller Welt, auch deutsche, Allmachtsphantasien ersetzten hier wie
irakische Diktator, den er als einen „ge- seit 1990 immer wieder deutlich ge- dort das rationale politische Kalkül. In-
standenen Massenmörder“ bezeichnete, macht, dass sie der Macht der US-Streit- zwischen konnten wir allerdings erken-
für Israel bedeute: „Die Ausrottung war kräfte weit mehr vertrauen als der Frie- nen, dass nicht der Todesrausch, sondern

: antifaschistische nachrichten 13-2003 9


der Machterhalt das primäre Movens des den Mutmaßungen über den „Wieder- verglichen worden. In den zwölf Jahren,
irakischen Diktators ist; und dass es sich gänger Hitlers“. Enzensberger interes- die seit dem ersten Golfkrieg vergangen
bei der Bevölkerung Iraks keineswegs sierte sich damals wenig für die extreme sind, hat das internationale Embargo den
um eine durchgängig militarisierte, füh- Asymmetrie zwischen dem Hitler-Staat Irak zusätzlich massiv geschwächt, ins-
rergläubige Gesellschaft handelt, wie es von 1939 und dem Irak von 1991. Er besondere die Masse der Bevölkerung.
die deutsche von 1944/45 gewesen war. wie andere versäumten es, die militäri- Er ist, wie verlässliche Sachverständi-
In der Geschichtswissenschaft gehört schen und ökonomischen Potentiale zu genberichte an den UNO-Generalsekre-
der Vergleich „zu den schwierigsten vergleichen, die Fähigkeit beziehungs- tär Kofi Annan belegen, von einem
Künsten“. Er dient als ein Erkenntnisin- weise Unfähigkeit zur eigenen Rüs- Schwellenland in den Status eines Ent-
strument, wenn gewährleistet ist, dass tungsproduktion, das Menschenreser- wicklungslandes abgestürzt.
die Vergleichsgrößen stimmig sind und voir, das Bruttosozialprodukt, die ganz von Wolfram Wette ■
wenn Ähnlichkeiten und Unterschiede unterschiedlichen politischen Ziele Hit-
systematisch herausgearbeitet werden. lers und Saddam Husseins sowie die
Die Benennung der Unterschiede wird Unterschiede in der politischen Verfas- (in: Gewerkschaftliche Monatshefte,
in den saloppen Vergleichen, wie sie in sung des damaligen Deutschlands und 54. Jg. Nr. 4/2003, April 2003
Politik und Publizistik üblich sind, in al- des heutigen Iraks. 1991 ist die Wirt- zum Thema „Vor dem Krieg, im
ler Regel nicht geleistet, auch nicht in schaftskraft Iraks mit der von Belgien Krieg, nach dem Krieg“ S. 231- 242)

Wenn es um „Europa“ geht,


Imperialistenphilosophie
erweisen sich auch kluge Köp-
fe schnell als Simpel, die in fei- Habermas und Derrida
für deutsch-franzö-
nen Worten den mainstream nachre-
den. Am 31. Mai bewiesen Jacques
Derrida und Jürgen Habermas in der
FAZ, daß sie zu Unrecht für kritische
Geister gehalten werden. sisches „Kerneuropa“
Die beiden Meisterphilosophen durften
die Werbetrommel für einen um „Kern- ve“ der EU werde eine „Sogwirkung Während es international für Fischer
europa“ angeordneten Staat Europa rüh- ausgehen, der sich die anderen Mitglie- Ohrfeigen hagelte, schaffte es die deut-
ren. Die EU leide darunter, daß einzelne der – zunächst in der Eurozone – nicht sche „kritische Öffentlichkeit“ den ag-
Staaten gemeinschaftliche Entscheidun- auf Dauer werden entziehen können“. gressiven Charakter dieser Außenpolitik
gen blockieren können. Insbesondere Anders gesagt, die Partner würden in die zu ignorieren. Ganz im Gegenteil, es
der pro-amerikanische Aufruf der Acht vertiefte EU hinein gezwungen. Künftig gibt Strömungen in der Linken, in denen
habe deutlich gemacht, daß einige Län- könnten dann „überstimmte Minderhei- ein starkes Europa einen durchaus guten
der zwar in die EU wollen, „ohne jedoch ten von der Obstruktion eines Mehr- Klang hat, mißverstanden als quasi anti-
schon bereit zu sein, ihre eben erst ge- heitswillens“ abgehalten werden. imperialistisches Gegengewicht zu den
wonnene Souveränität wieder einschrän- Was die beiden Anwälte des deutsch- USA.
ken zu lassen“. Dasselbe trug Jacques französischen Vormachtstrebens nicht Der Pressesprecher von attac Regens-
Chirac an die Beitrittskandidaten gerich- erörtern, ist die Frage, wer denn in ei- burg verwandte sich für ein Europa, das
tet unmißverständlicher vor: „Ich glau- nem so skizzierten Europa das Sagen „mehr mit einer Stimme“ sprechen solle.
be, daß sie eine gute Chance verpaßt ha- hätte. Dann nämlich läse sich ihre „Visi- Der Irakkrieg machte ihm „die Notwen-
ben, den Mund zu halten.“ (Welt on“ des neuen Europa schon viel weni- digkeit deutlich, zu größerer Einheit,
19.2.03) ger idyllisch. Heraus käme ein imperia- insbesondere politischer Einheit zu
Zurück zu Derrida und Habermas, die listischer Block, der unter Führung kommen“ (jw 12.5.00). Im selben Sinne
das Dilemma inzwischen gelöst haben: Deutschlands und Frankreichs anträte, äußerte sich das deutsche PEN-Zentrum.
Es sollten sich jene „Nationen, die den USA die Weltherrschaft streitig zu Es brauche ein einiges Europa, denn
eine Vertiefung der EU wirklich wol- machen. Das wäre nun wirklich alles an- nurso könne „Europa den USA in ihrem
len“, das seien „nur die kerneuropäi- dere als eine friedliche Perspektive. Streben nach weltweiter Vormachtstel-
schen Mitgliedstaaten“, zu einem Ganz neu ist das, was da so gewichtig lung etwas entgegensetzen“ (Berliner
„avantgardistische(n) Kerneuropa“ zu- daherkommt, allerdings nicht. Joschka Ztg. 19.5.03). Und das „Friedensgutach-
sammentun, um „mit einer gemeinsa- Fischer hatte dieses „europäische Pro- ten 2003“ von fünf deutschen Friedens-
men Außen-, Sicherheits- und Verteidi- jekt“ schon im Jahr 2000 ins Gespräch forschungsinstituten plädiert ebenfalls
gungspolitik den Anfang zu machen“. gebracht. Deutschland und Frankreich, für eine stärkere „Zivilmacht EU“. Die
Die ausgelobte Avantgarde sieht das ge- schlug der deutsche Außenminister sei- EU könne durch ihre politische und öko-
nauso, wie ein Bericht in der selben nerzeit vor, sollten „Avantgarde“ und nomische Attraktivität Stabilität fördern,
FAZ-Ausgabe über „gemeinsame Über- „Gravitationszentrum“ eines engeren „wie auf dem Balkan erfolgreich prakti-
legungen“ Deutschlands, Frankreichs, Staatenbundes sein, dem nationale Sou- ziert“ (jw 5.6.03)!
Italiens und der Beneluxstaaten belegt: veränitätsrechte übertragen würden. Diese vollständige Verkennung der
Man beschloß, sich für Mehrheitsent- Eine kleine Zahl von Staaten solle auf europäischen Entwicklung läßt für den
scheidungen in der EU bei Fragen der diesem Weg vorangehen; alle anderen Fall einer weiteren Eskalation des Ge-
Außen- und Sicherheitspolitik einzuset- würden nach und nach zum Mittun ge- gensatzes zu den USA eine Unterstüt-
zen. Von diesem Block wird im Übrigen drängt. (Rede am 12.5.00 in der Hum- zung des europäisch-imperialistischen
auch der Aufbau einer EU-Armee betrie- boldt-Uni) Dass Einwohnerzahl und v.a. Blocks auch durch Pazifisten und Linke
ben! wirtschaftliche Stärke Deutschlands und befürchten. Zumindest aber hat man die
Doch zurück zu Kerneuropa und sei- Frankreichs für deren politische Domi- Waffe der Kritik einstweilen aus der
nen Verklärern. Von dieser „Lokomoti- nanz im Staat Europa sorgen würden, Hand gegeben.
sprach Fischer natürlich nicht an. F■

10 : antifaschistische nachrichten 13-2003


Italien Linke Mitte und Kommunisten er-
folgreich bei Wahlen der Provinz-
präsidenten und Bürgermeister
Die oppositionellen Parteien der linken bei denen Berlusconi geschlagen wurde, schistische Koalition geschlagen. Ber-
Mitte, des Olivenbaumbündnisses, und war die Hälfte der Italiener aufgerufen. lusconi diffamierte ihn als Anhänger
Rifondazione Comunista haben der pro- Wie Wahlanalysen aussagen, haben „der kommunistischen Doktrin“.
faschistischen Regierungskoalition Ber- nicht wenige, die bei den Parlaments- Der erneute Wahlerfolg zeigt, dass
lusconis bei der Wahl der Regierungs- wahlen 2001 noch für ihn votierten, ge- Berlusconis rigoroser Demokratie- und
präsidenten in zwölf Provinzen und der gen ihn gestimmt. Sozialabbau auf wachsenden Widerstand
Bürgermeister in rund 500 Städten und Grundlage der beiden Wahlerfolge ist stößt, dessen tragende Kraft die Arbeiter
Gemeinden am 25./26. Mai und bei der vor allem, dass die Parteien der linken sind. Dass sich der reichste Kapitalist
Stichwahl am 8./9. Juni eine Niederlage Mitte und Rifondazione Comunista in des Landes rücksichtslos über Recht und
bereitet. Zu dem Urnengang waren ins- den meisten Städten und Provinzen mit Gesetz hinwegsetzt, stößt aber zuneh-
gesamt ein Viertel der Wähler (rund 12 gemeinsamen Wahllisten antraten. Wäh- mend auf Ablehnung auch unter den
Millionen) aufgerufen. In sieben Provin- rend voriges Jahr im Süden noch Berlus- Mittelschichten und Intellektuellen des
zen erreichte die Opposition Ergebnisse conis Forzapartei und die AN-Faschisten Landes. In den Strassen von Rom
von 54,6 bis zu 73,7 Prozent. Auch in dominierten, wurden sie diesmal auch in spricht man offen darüber, dass Italien
die Ratshäuser ziehen mehr Vertreter der ihren Hochburgen von Olivo geschla- derzeit von einem wegen Steuerhinter-
Linken Mitte ein als Kandidaten Berlus- gen. Trompetete Berlusconi noch vor ei- ziehung, Korruption, Beamtenbeste-
conis. Herausragend das Ergebnis in der nem Jahr offen, den Linken und dem chung, illegalen Kapitaltransfers und an-
Provinz Rom, wo bisher ein AN-Fa- Zentrum wie im Mai 2001 bei den Parla- derer schwerwiegender krimineller De-
schist regierte. Linke Mitte und Rifon- mentswahlen eine Niederlage beizubrin-
dazione erreichten hier 54,6 Prozent. gen, hielt er sich jetzt mit derartigen Pa-
Aufsehen erregte ferner, dass in zwei rolen zurück und behauptete statt des-
der drei Provinzen auf Sizilien, die als sen, den „örtlichen Wahlen“ komme kei-
faschistische Hochburgen galten, Oli- nerlei zentrale Bedeutung zu. Im Gegen-
venkandidaten siegten. satz dazu griff er persönlich massiv in
den Wahlkampf ein, weil er eine weitere
Antwort auf Gefahr eines Niederlage befürchtete und glaubte, die-
se abwenden zu können.
faschistischen Regimes
Es ist bereits das zweite Mal, dass die Berlusconi erneut der
Opposition auf der Ebene der Provinzen,
Städte und Gemeinden der Koalition aus Korruption angeklagt
Forzapartei, AN-Faschisten und Lega- Das erfolgte zur gleichen Zeit, da der
Rassisten eine empfindliche Niederlage Premier erneut von einem Mailänder
bereitet. Im Mai vergangenen Jahres ge- Gericht wegen Korruption und Beste-
lang es der linken Mitte und den Kom- chung angeklagt wurde und persönlich
munisten, ihre Positionen in Norditalien zur Vernehmung erscheinen musste. Um
zu verbessern. In Genua zog der Links- einer Verurteilung zu entgehen, setzte
demokrat (DS) mit 62 Prozent in das Berlusconi mit seiner Parlamentsmehr-
Rathaus ein. Das war in der Stadt, in heit ein Gesetz durch, das ihm während
welcher es während des G8-Gipfels im seiner Amtszeit Immunität gewährt und
Juli 2001 zu blutigen faschistischen vor Strafverfolgung schützt. Sollte er die Von unserem Autor liegt eine neue Publi-
Ausschreitungen kam, eine eindeutige Legislaturperiode bis 2006 durchstehen, kation vor: „Aldo Moro und das Bündnis
Antwort auf die von Berlusconi ausge- werden die Anklagen gegen ihn verjährt von Christdemokraten und Kommunisten
hende Gefahr der Errichtung eines fa- sein. Verfassungsrechtler charakterisie- im Italien der 70er Jahre“. Flugschrif-
schistischen Regimes, vor der Nobel- ren das Gesetz als verfassungswidrig. ten der Marxistischen Blätter, Heft 14.
preisträger Dario Fo öffentlich gewarnt Die Bestätigung durch den Präsidenten Neue Impulse Verlag. Essen 2003
hatte. Spitzenergebnisse erzielten die steht noch aus. Auf die Anklage reagier-
Olivenkandidaten vor einem Jahr in An- te Berlusconi mit einer neuen wüsten
cona und Matera mit 65, in La Spezia 60 antikommunistischen Hetze, in der er likte angeklagten Politiker regiert wird.
und Savonna 51 Prozent. die gegen ihn ermittelnden Juristen als Ein halbwegs auf Seriosität bedachtes
„rote Richter“ diffamierte, die ihn stür- Unternehmen würde einen solchen
Grundlage Wahlbündnisse von zen und einem „kommunistischem Re- Mann noch nicht einmal als Pförtner
gime“ an die Macht verhelfen wollten. einstellen, machen Oppositionelle gegen
linker Mitte mit Kommunisten In wüsten Beschimpfungen erging er den Premier geltend.
2002 waren zirka 12,3 Millionen Italie- sich gegen den Vorsitzenden der Demo-
ner aufgerufen, in über 960 Städten und kraten, Roman Prodi, derzeit EU-Kom- Journalistenstreik gegen Unter-
Gemeinden, darunter 27 Provinzhaupt- missionspräsident, der bereits als Be-
städte und Großstädte, die Ratspräsiden- werber für das Amt des Ministerpräsi- drückung der Pressefreiheit
ten und Bürgermeister neu zu wählen; denten für die Parlamentswahl im Früh- Vom wachsenden Widerstand zeugte
des weiteren in zehn Provinzen die Par- jahr 2006 gilt. Prodi hatte 1996 das Oli- zwei Tage nach der Wahl am 11. Juni ein
lamente. Das heißt, zu beiden Wahlen, venbündnis begründet und die profa- Journalistenstreik, zu dem der Nationale

: antifaschistische nachrichten 13-2003 11


Presseverband aufgerufen hatte. Die dass Berlusconi persönlich in der RAI Der Chefredakteur der Parteizeitung der
Streikenden protestierten gegen die Un- Nachrichten lanciert hatte, seine Koaliti- Linksdemokraten „Unita“, Furio Colom-
terdrückung der Presse- und Informati- on habe die Wahlen gewonnen. Des wei- bo, schrieb, dieses Grundrecht sei be-
onsfreiheit durch den Premier. In einer teren habe der Premier auf die Direktion reits grundlegend ausgehebelt und pran-
Resolution verwies der Presseverband der für ihre regierungskritischen Berich- gerte an, Italien entwickele sich unter
auf das Medienmonopol über das Ber- te bekannten größten italienischen Ta- Berlusconi „immer mehr zu einer Me-
lusconi als Besitzer nahezu aller priva- geszeitung „Corriere della Sera“ (Aufla- diendiktatur“.
ten Fernsehsender und 40 Prozent aller ge 600.000) Druck ausgeübt, den Chef- Die nächste Kraftprobe steht Berlus-
Presseerzeugnisse verfügt, und der nun redakteur Ferrucio Bortoli zu entlassen, coni bei einem Referendum zur Verteidi-
als Premier auch die staatliche Rund- weil dieser ihn persönlich öffentlich kri- gung des Kündigungsschutzartikels 18
funk- und Fernsehanstalt RAI seiner ri- tisierte. „Die Pressefreiheit ist ein des Arbeitsstatuts ins Haus, zu dessen
gorosen Kontrolle unterworfen hat und Grundrecht, das von der Verfassung ga- Beseitigung er ein Gesetz erlassen hat.
dort jegliche Kritik an seiner Regierung rantiert wird und ein Grundprinzip der Gerhard Feldbauer ■
abwürgt. Ein Anlass des Streiks war, Demokratie“, hieß es in der Erklärung.

Am Montag und Dienstag, den


16. und 17. Juni kommt der
ehemalige türkische Minister-
Donnerstag vor
Weitere Demonstrationen gegen
präsident Mesut Yilmaz erneut für
zwei Veranstaltungen an die Ruhr-
Universität und ins Haus der Ge-
Gericht, Mesut Yilmaz an der Ruhr-Uni
schichte. Der AStA der Ruhr-Uni und
das Bündnis für Menschenrechte pla-
nen in den kommenden Tagen zahl-
Montag im Hörsaal
reiche Informationsstände und Pro-
testaktionen gegen den aufgrund Umgang mit Parteispenden informieren gelegen) statt. Das Bündnis trifft sich
schwerer Menschenrechtsverletzun- zu lassen, so der Bochumer AStA weiter. am Montag um 17 Uhr am Studieren-
gen umstrittenen Gastprofessor. In den kommenden Tagen sind zahl- denhaus zu einer Demonstration zum
reiche Infostände und Protestaktionen in Beckmannshof, wo um 17.30 Uhr eine
Egal ob er im Amt oder gerade in der der Bochumer Innenstadt und an der Kundgebung stattfindet.
Opposition war, hat Mesut Yilmaz stets Ruhr-Universität geplant, an denen sich Am Dienstag abend hält Yilmaz er-
den Krieg gegen die kurdische Bevölke- der AStA beteiligt: Am Samstag steht neut einen öffentlichen Vortrag in der
rung forciert, zudem werden ihm Kor- das Bündnis für Menschenrechte von Stadt. Als Protestaktion ist eine Kundge-
ruption und Verbindungen zur Organi- 12-22 Uhr in der Kortumstraße mit ei- bung am Husemannplatz um 16 Uhr mit
sierten Kriminalität vorgeworfen. Zur nem Infostand, an dem auch Unter- einer anschließenden Demonstration
Zeit muß sich Yilmaz einem Untersu- schriften gesammelt werden. Am Mon- zum Haus der Geschichte (Celemens-
chungsausschuss des türkischen Parla- tag wird der Stand an der Uni aufgebaut, straße) geplant.
ments stellen, der Korruptionsvorwürfe wo er von 10-16 Uhr vor dem Studieren- Bei beiden Demonstrationen wollen
im Rahmen der Privatisierung der staat- denhaus steht. Am Montag abend findet die DemonstrantInnen mit Trommeln
lichen Erdölgesellschaft untersucht. Yil- der Gesprächskreis mit Yilmaz im Beck- und Instrumenten ihrem Protest lautstark
maz soll einem Bankier massiv Gewalt mannshof (südlich der Uni im Lottental artikulieren.
angedroht haben, um ihn
aus der Privatisierung
herauszudrängen.

Umstrittener
Gastprofessor
erneut in Bochum
„Unsere Kritik an der
Person Yilmaz lässt sich
an einem einfachen Bei-
spiel zeigen“, so Thilo
Machotta vom AStA-Re-
ferat für Öffentlichkeits-
arbeit. „Am heutigen
Donnerstag muß Yilmaz
sich in der Türkei für sei-
ne Verbrechen verant-
worten und am Montag
gibt er bei uns den hono-
rigen Gastprofessor.“ Mit
Yilmaz über die europäi-
sche Integration der Tür-
kei und die Anpassung an
westliche Menschen-
rechtsstandards zu spre-
chen sei vergleichbar da-
mit, sich von Altkanzler
Kohl über den korrekten

12 : antifaschistische nachrichten 13-2003


: ausländer- und asylpolitik

Ausländerbehörde higkeit aufgrund ernsthafter Erkrankun- PDS-Offene Liste erste positive Ansätze
schiebt Roma aus gen mehrmals bestätigt wurde, direkt in für ein Umdenken und eine humanere
Rumänien ab Abschiebehaft und wurde gleichentags Praxis in der Kölner Flüchtlingspolitik.
nach Rumänien abgeschoben. Ratsmitglied Sengül Senol: „Wenn
Frankfurt. Nicolaie Cirpaci, ein acht- Der Förderverein Roma protestiert auch die Kehrtwende in der Flüchtlings-
undsechzigjähriger Mann, wurde am nicht zuletzt vor dem Hintergrund der politik durch Schwarz/Grün noch nicht
5.6.03 abgeschoben. Herr Cirpaci hatte Wahrung des Kindeswohls und des ganz vollzogen ist, so sind ihre ersten
die Vormundschaft für zwei Enkelkinder Schutzes der Familie gegen die Entschei- Schritte dennoch richtig und müssen be-
(10 und 7 Jahre), die regelmäßig die Ta- dung und die Vorgehensweise der Ab- harrlich weiter gegangen werden. Neben
gesstätte Schaworalle besuchen. Ge- schiebung und fordert erneut ein Bleibe- der problematischen Notunterbringung
meinsam mit seiner Frau Elena Caldaras recht für Roma aus Rumänien. müssen nachhaltig Menschenrechtsver-
nahm er verantwortungsvoll und zuver- Presseerklärung des letzungen ausgemerzt werden. Es ist für
lässig die Vormundschaft für die Kinder Förderverein Roma vom 6.6.03 ■ mich unentschuldbar, wie Aufenthaltser-
wahr. Ein drittes Enkelkind (10) lebt laubnisse verschleppt und verweigert
ebenfalls in der Familie. Kehrtwende in der werden oder die Rolle der Amtsärzte im
In einer Nacht- und Nebelaktion wur- Zwielicht bleibt.“
de die gesamte Familie um 6.00 Uhr aus Kölner Flüchtlingspolitik in Die PDS-OL-Gruppe drängt auf eine
den Betten gerissen und festgenommen. Sicht? deutliche Verkürzung der Erstaufnahme
Die Großmutter und die Kinder wurden Köln. Mit der Gründung eines „Runden in den Notunterkünften und besteht da-
erst am Mittag freigelassen. Ungeachtet Tisches für Flüchtlingsfragen“ und der rauf, die Flüchtlingsfamilien sofort in de-
des Schutzes der Familie kam Nicolaie Neuausrichtung der Flüchtlingsunter- zentral gelegene Wohnungen menschen-
Cirpaci, der seit vielen Jahren in bringung in Köln durch die neue würdig und kinderfreundlich unterzu-
Deutschland lebt und dessen Reiseunfä- Schwarz-grüne Ratsmehrheit sieht die bringen. PDS Offene Liste Köln ■

Bundeswehr gegen Migranten


Die neuen „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ sehen möglichen
Einsatz der Armee gegen Flüchtlinge vor
Seit dem 21. Mai 2003 stellen „zu- läßt sich geografisch nicht mehr begren- staatlicher Apparat zusammen, die Poli-
nehmende Migrationsbewegungen“ zen.“ zei hat sich aufgelöst, Plünderungen,
ein Sicherheitsrisiko dar, das unter Das geforderte Recht der Bundeswehr Raub, Gewalt bestimmen den Alltag.
Umständen militärisch beantwortet zur grenzenlosen Intervention ist nicht Zehntausende Menschen brechen nach
werden muß. Ein solches Szenario se- neu. Neu ist dagegen, daß als Gründe für Westen auf. An der Grenze zu Rumänien
hen die „Verteidigungspolitischen ihren Einsatz nicht nur die Bedrohung stellen sich den Autotrecks Bundeswehr-
Richtlinien“ vor, die Bundesverteidi- weltweiter ökonomischer Interessen soldaten entgegen. Mit vorgehaltenen
gungsminister Peter Struck (SPD) vor Deutschlands, der „internationale Terro- Maschinenpistolen und aus Panzern he-
zwei Wochen in Berlin vorstellte. rismus“ und die „organisierte Kriminali- raus stoppen sie die Spitzen der Kon-
tät“ gelten, sondern inzwischen auch vois, schweres Gerät kommt zum Ein-
Die von den Richtlinien angestoßene öf- „zunehmende Migrationsbewegungen“. satz, Straßen werden aufgerissen und
fentliche Diskussion beschränkte sich Unter Punkt 25 vermerken die „Verteidi- unpassierbar gemacht. Oberstleutnant
bislang weitgehend auf den Streit um gungspolitischen Richtlinien“: „Die Lö- Michael Kötting vom Pressestab des
den Fortbestand der Wehrpflicht und die sung der vielfältigen regionalen Krisen Verteidigungsministeriums bestätigte
Schließung von Bundeswehrstandorten. und Konflikte bleibt von herausragender nach anfänglichem Zögern, daß, „wenn
Der Schwerpunkt der Richtlinien, der Bedeutung für Sicherheit und Stabilität alle anderen Politikfelder nicht greifen,
auf dem forcierten Umbau der Bundes- im europäischen und globalen Rahmen. auch die Bundeswehr in solchen Fällen
wehr zu einer international operierenden Ungelöste politische, ethnische, religiö- zum Einsatz kommen könnte“.
Interventionsarmee liegt, wurde in den se, wirtschaftliche und gesellschaftliche Daraus folgt, daß die Armeeführung
bürgerlichen Medien dagegen kaum the- Konflikte wirken sich im Verbund mit in Deutschland militärische Maßnahmen
matisiert. Eine öffentliche Debatte über dem internationalen Terrorismus, mit gegen Migranten und Flüchtlinge nicht
den aggressiven Anspruch der Bundes- der international operierenden organi- nur für den Fall eines laufenden Krieges
wehrführung und ihres Ministers fand so sierten Kriminalität und den zunehmen- ins Kalkül zieht – so wie im Krieg ge-
gut wie gar nicht statt. Dabei formulierte den Migrationsbewegungen unmittelbar gen Jugoslawien praktiziert -, sondern
Struck diesen Anspruch ganz ohne Um- auf die deutsche und europäische Si- auf die „zunehmenden Migrationsbewe-
schweife. Verteidigung, so Peter Struck cherheit aus. Ihnen kann nur durch ein gungen“ ausweitet und Waffengewalt
in seiner auch im Internet (www.bundes- umfassendes Sicherheitskonzept und mit gegen Migranten als Verteidigungspoli-
wehr.de) nachzulesenden Rede am 21. einem System globaler kollektiver Si- tik legitimiert. Der Generalinspekteur
Mai, umfasse heute „weit mehr als die cherheit begegnet werden.“ der Bundeswehr ist beauftragt, die „Ver-
herkömmliche Verteidigung an der Lan- Könnte es dabei, fragte junge Welt teidigungspolitischen Richtlinien“ bis
desgrenze. Unsere Sicherheit wird auch beim Verteidigungsministerium nach, Ende des Jahres in konkrete militärische
an anderer Stelle dieser Erde verteidigt. beispielsweise um das folgende, nicht Strategien umzusetzen.
In der heutigen Welt gibt es keine natio- gänzlich unrealistische Szenario gehen?
nalen Friedensoasen mehr. Verteidigung In der Ukraine brechen Ökonomie und Albrecht Kieser ■

: antifaschistische nachrichten 13-2003 13


Die Freiheit lässt sich nicht erbitten, sie muss erkämpft werden!

Tag gegen Abschiebung und


Abschiebeknäste
am Sonntag, 29. Juni, in Rottenburg Demonstration zum Abschiebegefängnis
Rottenburg. In dem bei Tübingen gele- wurde oder die bislang eine sog. Duldung In einigen anderen Bundesländern gibt
genen Rottenburg am Neckar, der Stadt besaßen, werden, wenn die Befürchtung es sog. „Ausreisezentren“. Diese sind laut
der schwäbischen Maultasche, befindet besteht, dass sie sich der Abschiebung Aussage des hiesigen Innenministeriums
sich inmitten schwäbischer Idylle die Jus- widersetzen könnten, in eine bis zu 18 für Baden-Württemberg vorerst nicht ge-
tizvollzugsanstalt. Darin befinden sich 17 Monate dauernde Abschiebehaft genom- plant, da erst die Erfahrungen der ande-
Abschiebehaftcontainer für je 3 Häftlin- men. Andere Abschiebehäftlinge sind ren Bundesländer abgewartet werden sol-
ge. Damit steht in Rottenburg neben ohne gültige Aufenthaltspapiere als „Ille- len. Dass hier diese Einrichtungen von
Mannheim der zweite Abschiebeknast in- gale“ verhaftet gefängnisähnlicher
nerhalb von Baden-Württemberg. Jede Art, in denen auf
Zelle hat eine Grundflä- Flüchtlinge so lan-
che von ge psychischer
16 qm. Druck ausgeübt
Oft gelan- werden soll, bis sie
gen Ge- „freiwillig“ ausrei-
fangene sen oder in die Ille-
direkt aus galität abtauchen,
dem Re- noch nicht errichtet
gelstrafvoll- werden sollen,
zug in Ab- liegt vermutlich
schiebehaft oder daran, dass das be-
werden direkt aus stehende Abschie-
der „normalen“ JVA besystem relativ
abgeschoben. reibungslos funk-
Migration findet statt – tioniert. Dass Aus-
egal, was in Deutschland Po- reisezentren vor-
litik, Wirtschaft und Bevölke- erst noch nicht ge-
rung unternehmen und sich aus- baut werden, ist
denken, um diese zu verhindern. noch lange kein
Menschen fliehen vor politischer Ver- Grund zur Beruhi-
folgung, Kriegen oder wirtschaftlichen gung. Denn nach
Miseren, die die Regierungen der westli- wie vor bestehen
chen Industriestaaten zum erheblichen Abschiebegefängnisse wie das
Teil mit zu verantworten haben. Sie flie- worden. Diese Fahndungserfolge in Rottenburg weiter. Auch könnte in Zu-
hen um zu überleben und weil sie körper- sind nicht nur der Arbeit der Polizei zu kunft dank einer unheiligen Allianz von
lich und seelisch unversehrt bleiben wol- verdanken, sie kann nur dank der tatkräf- Politik und weiten Teilen der Bevölke-
len. Es sind die gleichen Wünsche, die tigen Mithilfe der deutschen Bevölkerung rung der Wunsch nach Schlimmerem auf-
nach einem Leben unter lebenswürdigen funktionieren. Deswegen geht es am 29. kommen.
Bedingungen, welche jeder deutsche Juni nicht nur um die Politik, die von den Um zu verhindern, dass beim Neckar-
Staatsbürger für sich in Anspruch nimmt. Herren Schily, Beckstein oder Schäuble fest in Rottenburg nicht nur Friede, Freu-
Nach ihrer Ankunft in Deutschland wird verkörpert wird, sondern gerade um die de, Eierkuchen herrscht und damit Ab-
ihnen die Hoffnung auf ein möglicher- normalen Deutschen und welches Bild schiebegefängnisse in Rottenburg und
weise besseres Leben jedoch schnell ge- sie sich von „Illegalen“ und „Asylbewer- sonst wo keine Zukunft haben, wird am
nommen. Sie müssen unzählige bürokra- bern“ machen. 29. Juni demonstriert und agiert werden.
tische Hindernisse überwinden, diskrimi- Abschiebeknäste sind brutale Abschot- Allen Menschen steht das Recht zu,
nierende Auflagen erfüllen und unterlie- tungseinrichtungen für Menschen, die in selbst zu bestimmen, wo und wie sie le-
gen einem generellen Arbeitsverbot. So- der Logik von Ausländerbehörden, Haft- ben wollen!
lange ihr Asylverfahren läuft, wird ihnen richterInnen und Polizei als abgelehnte Rassistische Sondergesetze abschaffen!
vorgeschrieben, wo sie zu wohnen haben AsylbewerberInnen, aussortierte Arbeits- Schluss mit rassistischen Kontrollen!
– in Sammellagern, nicht selten isoliert migrantInnen oder ehemals geduldete Recht auf Legalisierung!
am Stadtrand. Ihre Bewegungsfreiheit Kriegsflüchtlinge nur eins sind: Uner- Keine Abschiebungen, Abschiebege-
wird dank Residenzpflicht auf den jewei- wünschte, weil nicht gebrauchte und po- fängnisse und Abschiebelager – nir-
ligen Landkreis eingeschränkt. Sie kön- tentielle Illegale. Revolten und Hunger- gendwo!
nen ihre Nahrung nicht frei wählen; je streiks sind die drastischen, aber regelmä- Es rufen auf (bisher): Tübinger Initiati-
nach Kreis erhalten sie Fresspakete oder ßigen Versuche, aus der Gefangenschaft ve „kein mensch ist illegal“, Zentralame-
Gutscheine für vorgeschriebene Super- zu entkommen und gegen die zermürben- rikakomitee (ZAK), Bündnis gegen Ab-
märkte. Wird ihr Asylantrag abgelehnt de Ungewissheit zu protestieren. Mit die- schiebehaft Tübingen, ABC R.T.S.
und bestehen nach geltendem Recht kei- sen Kämpfen, mit denen sich Abschiebe- (Anarchist Black Cross)
ne Abschiebehindernisse, können sie ab- häftlinge selbst gegen die nicht nachvoll-
geschoben werden – zurück in die Situa- ziehbare und unmenschliche Internierung Kontakt: VMGA – Vereinigte Maultaschen
tion, aus der sie geflohen sind. zur Wehr setzen, wollen wir uns aus- gegen Abschiebung, R. Kaltenmark, Brun-
Menschen, deren Asylantrag abgelehnt drücklich solidarisieren! nenstraße 10, 72074 Tübingen ■

14 : antifaschistische nachrichten 13-2003


„Es gibt keine Kurden,
Euch gibt es gar nicht !“
Abschiebeknast Glasmoor: Erniedrigungen und Hungerstreiks

Am Rande des traditionellen Sonntags- dass sich der Mann in dramatischer Ver- Daher kam der Appell einer Angehöri-
spazierganges zum Abschiebeknast fassung befinde. Eine medizinische Be- gen nicht überraschend, als sie den
Glasmoor in Norderstedt-Glashütte, be- gleitung seines Protestes konnten die Schließern durch das Megaphon zurief:
richteten kurdische Gefangene einmal Häftlinge auch hier nicht beobachten. „Behandelt sie endlich wie Menschen,
mehr von erniedrigenden Befragungen „Das Schlimmste“, riefen sie den De- sie sind Menschen, genauso wie Ihr !“
durch Mitarbeiter der Hamburger Aus- monstrantInnen in kurdischer und deut- Anschließend übernahmen ihre Kinder
länderbehörde. Zuvor hatten rund 15 scher Sprache zu, „sind die Männer von den Lautsprecher und grüßten den Vater:
DemonstrantInnen erneut gegen Ab- der Ausländerbehörde.“ Anscheinend „Halte durch, wir hoffen, dass Du bald
schiebehaft und Aus- wieder aus dem Gefängnis kommst !“
ländergesetze protes- ■
tiert. Quelle: eigene; Glasmoorgruppe im
In mehreren Spra- Hamburger Flüchtlingsrat; Nadelstiche
chen solidarisierten
sich die Angehörigen
der Glasmoorgruppe,
des Hamburger Flücht-
lingsrats und Norder- Solidarität mit
stedter Initiativen zu- Akubo A. Chukwudi
nächst mit den Gefan- Kommt zum Prozess am
genen und berichteten
ihnen von laufenden 27.06.03 vor dem
Protestaktionen in der Landgericht Dortmund
Hansestadt. Doch Dortmund. Im Sommer letzten Jahres
schnell ergriffen auch wurde der langjährige Aktivist der Kara-
einige der Häftlinge wane für die Rechte der Flüchtlinge und
das Wort: „Sie sagen: ,Ihr seid keine kommen sie an jedem Mittwoch gegen 9 MigrantInnen, Akubo A. C., Opfer einer
Menschen, Ihr seid Tiere.‘“ Uhr in die Zellen, um asylrechtliche Be- Polizeikontrolle. Die Kontrolle scheint
Mehrere Gefangene sind unter ande- fragungen durchzuführen. Dabei scheint wie in unendlich vielen anderen Fällen
rem wegen solcher Erniedrigungen in es regelmäßig zu schlimmsten Beleidi- rassistisch motiviert gewesen zu sein, da
den Hungerstreik getreten, einige ver- gungen zu kommen. Ein Gefangener zi- keine konkreten Verdachtsmomente vor-
weigerten die Nahrungsaufnahme über tiert die „freundlichen Beamten“ mit den lagen.
eine Woche. Nicht zum ersten Mal be- Worten: „Ihr seid Tiere, Ihr seid Terro- Protest von Seiten Akubo A. C.s wur-
richteten sie dabei, dass es für die Hun- risten“, und: „Es gibt keine Kurden, de mit festgezogenen Handschellen und
gerstreikenden fast keine medizinische Euch gibt es gar nicht, auf keiner Karte Verbringung auf die Polizeiwache beant-
Hilfe gibt: „Der Doktor fühlt den Puls, steht etwas von Kurden“. Der Gefange- wortet. Protest wegen starker Schmerzen
sonst nichts.“ Ein türkischer Gefange- ne weiter: „Sie wissen genau, dass sie durch die Handschellen wurde von den
ner, der nicht selber am Fenster des uns damit treffen können. Sie wollen Beamten ignoriert. Akubo A. C. wurde
Containerknastes erschien, habe etwa uns erniedrigen.“ auf der Polizeiwache als „großer Krimi-
vier Wochen beinahe nichts zu sich ge-
nommen. Als er jetzt wieder angefangen
habe zu essen, konnte er nichts „bei sich
behalten“. Mitgefangene berichteten,

Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:


GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. neller“ bezeichnet. Er mußte sich nackt
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de ausziehen und das Recht seinen Anwalt
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach anzurufen wurde ihm verweigert.
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, Später wurde er von den Beamten we-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, gen Beleidigung angezeigt und vor dem
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. Amtsgericht Hamm zu einer Geldstrafe
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. verurteilt. Akubo A. C. hatte in dem Pro-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind zess keine anwaltliche Vertretung.
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Akubo A. C. legte Widerspruch ein.
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- Diesmal wird er zusammen mit seiner
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Anwältin, Gabriele Heinecke, für sein
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Recht streiten und gegen die Verdrehung
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
von Opfer und Täter kämpfen. ■
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V.,
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- Unterstützt Akubo A. C. und kommt
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
am 27. Juni 2003 zum Prozeß:
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Landgericht Dortmund
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. 11 Uhr, Zimmer 101, 1. Stock

: antifaschistische nachrichten 13-2003 15


: aus der faschistischen presse
Sprachschwierigkeiten auf beiden Seiten
– bei Deutschsprachigen wie bei Tür-
kisch oder Kurdisch sprechenden Mig-
Verfassungstreu? Kandidaten positiv zu kommentieren. In ranten – führt, interessiert ihn nicht:
Junge Freiheit Nr. 23/03 vom 30. Mai 2003 einem Interview erklärte Jan Timke, „Wer bei uns leben möchte, muss auch
Hans Helmuth Knütter hatte in der Aus- Kandidat der Schill-Partei „Rechtsstaat- die deutsche Sprache lernen und unser
gabe 21 des Blattes „die Totalitarismus- liche Offensive“, das Wahlergebnis von Grundgesetz akzeptieren. Wer dies nicht
theorie zur Disposition gestellt. Zumin- 4,34% landesweit sei gut, es sei „einfach tut, muss ausgewiesen werden.“
dest ihre praktische Anwendung in der Zeit für eine neue Partei“ und kündigte Der Aufsichtsratvorsitzende der Pin
Bundesrepublik Deutschland. Der antito- die Kandidatur der Partei bei den Kom- AG, einer Briefzustellungsunternehmen,
talitäre Konsens, in Westdeutschland ge- munalwahlen in Bremerhaven an: „Dort das in Berlin und Leipzig tätig ist, be-
boren aus der doppelten Lehre aus Kom- hat sich gezeigt, dass zehn bis zwölf Pro- richtet, wie das Unternehmen „erfolg-
munismus und Nationalsozialismus, sei zent der Wählerinnen und Wähler rechts- reich“ wirtschaften kann: Die Bruttolöh-
schon lange von links aufgekündigt wor- konservativ denken. Deshalb haben wir ne liegen bei 1500 Euro im Monat, bei
den,“ erklärt Chefredakteur Dieter Stein. dort in sechs Monaten ... sehr gute Chan- einer 40-Stunden-Woche und Nichtzah-
Knütter erklärte, dass „der Antitotalita- cen, in den Magistrat einzuziehen.“ lung von Weihnachts- und Urlaubsgeld.
rismus in der Praxis gescheitert“ sei. Und Ein Schwerpunkt der Ausgabe ist er- Im Unternehmen gilt ein Haustarif. Zu
er kam zu dem Schluss, die „Rechten“ neut die Auseinandersetzung um das den Kunden gehört unter anderem das
sollten sich nicht mehr „einreden lassen, Buch von Udo Ulfkotte „Der Krieg in Land Berlin, das diese Regelungen als
sie müssten sich auch nach rechts ab- unseren Städten“. Ulfkotte beklagt, das zumutbar für die Beschäftigten geprüft
grenzen“. Dies ist seit Jahren Praxis. Die zahlreiche islamische Gruppen und Ver- hat.
Verbindungen zwischen den Rcchten al- eine gegen die Veröffentlichung seiner
ler Schattierungen sind vielfach doku- Diffamierungen gerichtlich vorgehen Möllemann-Saga
mentiert. Doch nun kommt Dieter Steins und er behauptet, den islamischen Glau-
Problem: Das Blatt führt eine Klage ge- bensgemeinschaften in der Bundesrepu- Junge Freiheit Nr. 25/03 vom 13. Juni 2003
gen den nordrhein-westfälischen Verfas- blik strebten ein „europäisches Kalifat“ Der plötzliche Tod Jürgen W. Mölle-
sungsschutz. Wenn der Aufruf zur offe- an, es gehe ihnen „um die ,Missionie- manns lädt zu Spekulationen ein, die das
nen Zusammenarbeit aller Neonazi- und rung‘ des Westens, notfalls mit Gewalt. Blatt eifrig schürt. Carl Gustav Ströhm
rechtskonservativen Strömungen so be- erklärt, Möllemann habe dieses Ende
stehen bleibt, ist die Aussicht für die Kla- Integration gleich nicht „verdient“ und der Tod habe „uns
ge schlecht. Also muss er sich rauswin- nur das zum Teil durchaus selbstver-
den: „Wenn er (Knütter, d. Red.), mit den Anpassung schuldete Elend des Vaterlandes ins Be-
,Rechten‘ die Unionsparteien meint, die Junge Freiheit Nr. 24/03 vom 6. Juni 2003 wusstsein rücken lassen ... Der tote Möl-
mit ihrem Prinzip Schluss machen soll- Das Thema Migranten in der Bundesre- lemann, bei dessen Tod viele glauben, es
ten, dass rechts von der CDU/CSU keine publik bleibt ein Dauerbrenner im Blatt. sei nicht mit rechten Dingen zugegangen
demokratisch legitimierte Kraft geduldet In dieser Ausgabe veröffentlicht es ein (gegen diese Vermutung wird kein Kraut
werden dürfe und Unions-Politiker des- Interview mit Georg Nüßlein, Bundes- gewachsen sein), könnte dann durch die
halb teilweise rabiater nicht nur gegen tagsabgeordneter der CSU aus Neu-Ulm. List der Geschichte Auslöser von etwas
jede nur mögliche konservative oder Er erklärt, dass „sich Minderheiten nach geworden sein, das man heute nicht sieht
rechte Alternative vorgehen, als dies der Mehrheit richten müssen.“ Dies sei und nicht kennt.“
SPD-Verantwortliche tun, so muss man ein „fundamental demokratisches Prin- Ronald Gläser wird noch deutlicher:
ihm voll zustimmen ... Leidenschaftlich zip“. Vor allem sei „die Rolle der Frau „Dass die Aufhebung der parlamentari-
widersprechen muss man jedoch seiner bei den Muslimen ein Integrationspro- schen Immunität Möllemanns der Grund
Absage an den Antitotalitarismus, der, blem. Nicht nur, dass sie nicht in die mo- für einen spontanen Selbstmord war,
weil er von links aufgekündigt werde, derne Gesellschaft passt: Solange Frauen scheint ausgeschlossen ... Für das per-
nun auch locker rechts über Bord gewor- nicht außer Haus gehen dürfen, um bei- sönliche Umfeld Möllemanns scheidet
fen werden könne.“ Soweit Dieter Stein. spielsweise einen Sprachkurs zu besu- der Freitod jedoch aus. Am wichtigsten
Diese Aussage hält das Blatt aber nicht chen, ist Integration schwierig.“ Dass sei ihm gewesen, das Verfahren wegen
davon ab, den erneuten Einzug der DVU vor allem der Mangel an Sprachkursen Untreue, Betrugs und Verstoß gegen das
in die Bremer Bürgerschaft mit einem und bilingualem Unterricht zu den Parteiengesetz durchzustehen ... Hinzu
kommt, dass er zielgerichtet an der
Gründung einer neuen Partei gearbeitet
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
hat.“ Das Blatt berichtet, es habe „aus
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: gut unterrichteter Quelle erfahren“, dass
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich „die Vorbereitungen und die Finanzie-
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
rung eines solchen Projektes sehr weit
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
vorangeschritten waren.“
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Der 17. Juni ist Schwerpunktthema
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). der Ausgabe. Jenseits aller historischen
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Dokumente interpretiert das Blatt ihn
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) um. Wolfgang Venohr fasst zusammen:
„Spätestens seit damals haben die Sow-
Name: Adresse: jets begriffen, dass die Teilung einer Na-
tion auf Dauer keinen Bestand haben
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts kann, dass die Idee der Nation stärker ist
als jede Klassenideologie, dass vor allem
Unterschrift eine Besatzungsmacht schwächer ist als
das Selbstbestimmungsrecht eines Vol-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
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16 : antifaschistische nachrichten 13-2003