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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 6.11.2003 19. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

„Ja zum Jüdischen Zentrum–


Nein zu Rechtsextremismus
und Gewalt!“ Unter diesem
Kundgebung gegen Anti-
Motto zeigten am Sonnabend,
25.9. in München rund 1000 Men-
semitismus in München
schen ihre Solidarität mit den jüdi- gibt in der Bevölkerung keinen Rückhalt lidarität mit den kürzlich vom Münchner
schen Bürgern der Stadt. Zu der Kund- für den braunen Sumpf“, erklärte Ober- Amtsgericht zu Geldstrafen verurteilten
gebung hatte ein Bündnis für Toleranz bürgermeister Christian Ude (SPD). Der Antifaschisten rief der Münchner DGB-
aufgerufen, dem auch Gewerkschaf- Bau des Jüdischen Zentrums, zu dem Vorsitzende Helmut Schmid auf. Es sei
ten, Kirchen und Jugendverbände an- auch eine Synagoge und ein Museum ge- schwer verständlich, dass diejenigen, die
gehören, nachdem rechtsextreme At- hören werden, sei eine „historische Last durch Zivilcourage Naziaufmärsche ver-
tentatspläne gegen den geplanten Münchens als Hauptstadt der Bewe- hindern wollten, jetzt strafrechtlich ver-
Neubau des Jüdischen Zentrums be- gung“. folgt würden.
kannt wurden. Kaum ein Schüler kenne heute den Erst vergangenen Donnerstag hatte der
Platz der Synagoge in München, bedau- Fraktionsvorsitzende der Münchner Grü-
Unter den Kundgebungsteilnehmern auf erte die Vorsitzende des Kreisjugend- nen Siegfried Benker eine geringe Be-
dem Sankt-Jakobsplatz, wo am 9. No- rings Elke Geweniger. Die fatale Gründ- währungsstrafe erhalten, weil er vergan-
vember die Grundsteinlegung für das lichkeit der NS-Verbrechen zeige noch genen Herbst dazu aufgerufen hatte, sich
Zentrum stattfinden wird, fanden sich 75 Jahre später ihre Wirkung darin, dass einer vom Rechtsterroristen Martin Wie-
Stadtratsmitglieder aller Fraktionen eben- jüdisches Leben aus dem Gedächtnis der se angemeldeten Demonstration in den
so wie PDS-Mitglieder, Jugendgruppen, Jugendlichen gelöscht sei. Weg zu stellen. Zuvor war unter anderem
Punks und Anhänger der christlich-funda- Der katholische Weihbischof Engel- der KZ-Überlebende Martin Löwenberg
mentalistischen Partei Bibeltreuer Chris- bert Siebler stellte in seiner Rede ausge- wegen eines solchen Aufrufes zu einer
ten. rechnet Kardinal Michael von Faulhaber Geldstrafe verurteilt worden.
Viele Menschen zeigten sich bestürzt, als Beispiel des Widerstands gegen den Nikolaus Brauns ■
dass überhaupt die Notwendigkeit zu ei- Nationalsozialismus dar. Mit keinem
ner solchen Kundgebung bestände. „Es Wort erwähnte Siebler, dass Faulhaber Anlässlich des 65. Jahrestages der „Reichskris-
ein glühender Antisemit war, der Schutz- tallnacht“ am 9. November 1938 finden am
gebete für Hitler sprechen ließ. Ein Ver- Sonntag, den 9. November 2003 an vier Orten
Aus dem Inhalt: sagen der Kirche unter dem Nationalso-
in München öffentliche Lesungen der Namen
der Münchner Juden, die deportiert, ermordet
„Gute Seiten des NS“? . . . . . . . 5 zialismus und damit eine Mitschuld am oder in den Suizid getrieben wurden, statt. Das
Rechtspflege - Antifaschisten Holocaust bekannte dagegen die evange- Gedenken steht im unmittelbaren Zusammen-
in München vor Gericht . . . . . . . 7 lische Regionalbischöfin Susanne Breit- hang mit der Grundsteinlegung für die neue
Edelweißpiraten waren Keßler. Es sei ein „Geschenk des Zutrau- Synagoge am St.-Jakobs-Platz. Die Liste der Na-
Widerstandskämpfer. . . . . . . . . 10 ens“, dass Juden heute wieder bereit men wird in den Grundstein der neuen Synago-
seien, in Deutschland zu leben. Zur So- ge eingebracht. Genaue Daten siehe Seite 2.
: meldungen, aktionen
„Aus der Vergangenheit für
Polizeiaktion gegen die Zukunft“
den 22. November, Neofaschisten de- München. Anlässlich des 65. Jahrestages der
Combat 18 monstrieren. Nachdem die „Junge Frei- „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938
heit“ vor ein paar Wochen über die Pläne finden am Sonntag, den 9. November 2003,
Schleswig-Holstein. Die schleswig- der Gemeinde berichtet hatte und den an vier Orten in München öffentliche Lesun-
holsteinischen Ermittlungsbehörden sind ehemaligen Bankdirektor Claus Cordsen gen der Namen der Münchner Juden, die de-
am 28.10. gegen die rechtsextremistische als Vorsitzenden des Kameradschaftsver- portiert, ermordet oder in den Suizid getrie-
Gruppierung „Combat 18 - Pinneberg“ bandes der Soldaten des 1. Panzerkorps ben wurden, statt. Von 8 Uhr bis 10 Uhr lesen
vorgegangen. Im Rahmen der groß ange- der ehemaligen Waffen-SS zu Wort kom- Münchner Bürger die Namen der Opfer:
legten Durchsuchungsaktion seien gut 50 men ließ, mobilisieren nun die soge-
Lehel: St. Anna-Platz 2 (ehem. Wohnhaus von Lion
Objekte in Neumünster, Kiel, Husum, nannten „Freie Nationalisten“. Die Pro- Feuchtwanger)
Rendsburg, Hamburg, dem Raum Itzehoe testdemonstration am 22.11. werde „erst
Maxvorstadt: Brienner Straße 18/20, Bayerische
sowie in Niedersachsen unter die Lupe der Anfang sein, wenn die Behörden- Landesbank / Innenhof (Ort des ehem. Wittelba-
genommen worden, teilte ein Sprecher funktionäre in Marienfels nicht zur Be- cher Palais, Sitz der Gestapo 1933-1945)
des Landeskriminalamtes mit. Sieben sinnung kommen“, heißt es drohend in Haidhausen: Haupteingang zu Kulturzentrum am
Personen seien festgenommen worden, ihrem Aufruf. Versammeln wollen sich Gasteig / Georg- Elser-Gedenkplatte (Ort des
gegen fünf von ihnen wurde bereits Haft- die Neofaschisten um 13 Uhr am Orts- ehem. Bürgerbräukellers)
befehl erlassen. Die Gruppe sei nicht nur eingang Marienfels (von Niederbach- Neuhausen: Platz der Freiheit, Landshuter Allee /
gewaltbereit, sondern auch in der Lage heim kommend). hma ■ Leonrodstraße (Gedenkstein für die Opfer des
gewesen, Gewalt auszuüben, hieß es. Widerstandes gegen den Nationalsozialismus)
Hauptverdächtige sind zwei 22 Jahre Die Israelitische Kultusgemeinde München
Ludendorffer verstorben und Oberbayern und die Regionalgruppe
alte Männer aus Pinneberg bei Hamburg,
laut Spiegel-TV vom 2.11. gehört Cle- Pähl. Die „Deutsche National-Zeitung“ München der Vereinigung „Gegen Vergessen
mens Otto von der Kameradschaft Pin- des DVU-Chefs Frey ehrt den im Alter – Für Demokratie e.V.“ veranstalten mit Unter-
neberg dazu. Insgesamt soll es 25 „Com- von 93 Jahren verstorbenen Verleger stützung des Stadtarchivs München erstmals
bat 18“-Unterstützer geben. Unter den Franz Freiherr Karg von Bebenburg mit zusammen mit den vier Bezirksausschüssen
Tatverdächtigen ist auch der frühere einem Nachruf. „An Vaterlandstreue hat Altstadt-Lehel, Maxvorstadt, Au-Haidhausen
NPD-Landeschef Peter Borchert, der er sich unbestritten von niemandem und Neuhausen-Nymphenburg anlässlich des
sich im Club 88 in Neumünster enga- übertreffen lassen“, heißt es dort. Der 65. Jahrestages der „Reichskristallnacht“ eine
gierte. Sie alle werden verdächtigt, eine Gründer und Inhaber des Verlages Hohe öffentliche Namenslesung. Damit soll öffent-
politisch motivierte kriminelle Vereini- Warte war Herausgeber der Zeitschrift lich daran erinnert werden, dass in allen
gung zu bilden, sagte der LKA-Sprecher. „Mensch und Maß“ der Ludendorff-An- Stadtteilen Münchens Juden gewohnt und ge-
An der Aktion waren rund 300 Beamte hänger vom „Bund für Gotterkenntnis“ arbeitet haben, dort aber auch vor den Au-
beteiligt. Bei den Durchsuchungen wur- (von 1961 bis 1977 verboten) und gen der Öffentlichkeit gedemütigt, verfolgt
den mehrere Schusswaffen, Pläne zum Schwiegersohn der Mathilde Luden- und deportiert wurden. Die Liste der Namen
Bombenbau und CDs mit volksverhet- dorff, der Frau jenes Generals, der 1923 wird anschließend in den Grundstein der neu-
zendem Inhalt sichergestellt. beim missglückten Hitler-Putsch in en Synagoge eingebracht.
„Combat 18“ ist eine der aktivsten München an der Spitze mitmarschierte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hoff-
Neonazi-Gruppen in Großbritannien. Sie Zum Angebot des Verlages von Beben- te man, dass es in Deutschland niemals wie-
verstehe sich als bewaffneter Arm der burg gehörten Mitte der 80er Jahre u.a. der rechte Gewalt, brennende Synagogen,
Skinhead-Organisation „Blood and Ho- auch Bücher des NS-Rasseforschers verleumderische Angriffe und Bedrohungen
nour“, sagte der LKA-Sprecher. Die Hans F. K. Günther („Rasse-Günther“). für Minderheiten geben könnte. An den An-
Skinhead-Gruppe war im September 1980 war Bebenburg Mitunterzeichner fang des Grundgesetzes stellte man bewusst
2000 vom Bundesinnenministerium ver- eines Aufrufes, der im Jahr zuvor von den Satz „Die Würde des Menschen ist unan-
boten worden, da sie gegen die Verfas- Gerhard Frey gegründeten „Volksbewe- tastbar“. Dennoch werden wir schon seit Jah-
sung verstoße und dem Gedanken der gung für Generalamnestie“ (VOGA) bei- ren immer wieder mit einem rechtsextremisti-
Völkerverständigung entgegen stehe. zutreten. hma ■ schen Gewaltpotential konfrontiert, das in
Bei „Combat 18“ handele es sich um jüngster Zeit in alarmierender Weise zuge-
eine äußerst militante und gefährliche nommen hat.
BJO dreht auf Das Pogrom der „Reichskristallnacht“ vom 9.
rechtsextreme Gruppierung, so Schles-
wig-Holsteins Innenminister Klaus Buß Bad Pyrmont. Der „Bund Junges Ost- November 1938, ausgehend von einer wüs-
(SPD). In Spiegel-TV am 2.11. hob preußen“ (BJO), Nachfolger der „Jungen ten antisemitischen Rede des Propagandami-
Graeme Atkinson, Europakorrespondent Landsmannschaft Ostpreußen“ (JLO), nisters Goebbels im Festsaal des Alten Rat-
des britischen Antifa-Magazins Search- von der sich die immer noch mit Steuer- hauses in München, wurde zum Fanal für die
light hervor, dass „Combat 18“ „vor geldern unterstützte „Landsmannschaft Ermordung der europäischen Juden in den
nichts Halt machen“, sie hätten der ge- Ostpreußen“ wegen ihrer neofaschisti- nachfolgenden Jahren. Es war der Auftakt zu
samten demokratischen Gesellschaft den schen Bestrebungen trennen musste, einer bis dahin unvorstellbaren Eskalation der
Krieg erklärt und haben in der Vergan- führt vom 21. bis 23. November ihr tra- Gewalt. Synagogen brannten, jüdische Fried-
genheit wiederholt gezeigt, dass sie in ditionelles Herbstseminar in Bad Pyr- höfe wurden geschändet, jüdische Geschäfte
der Lagesind, Gewalt anzuwenden. mont durch. In Zusammenarbeit mit der geplündert und verwüstet, jüdische Bürger ge-
NDR online 28.10., Spiegel-TV 2.11. ■ „Staats- und Wirtschaftspolitischen Ge- demütigt, misshandelt und zu Zehntausenden
sellschaft“ (SWG) (langjähriger Vorsit- in Konzentrationslager verschleppt und ermor-
zender der SWG war Hugo Wellems, det. Mit der Namenslesung verbinden die Ver-
Nazi-Demo für SS-Denkmal anstalter die Hoffnung, zum Nachdenken an-
ehemals Chefredakteur des „Ostpreu-
Marienfels/RP. Gegen die Pläne der ßenblattes“ und vormals NS-Propagan- zuregen. Die Wahrung der Menschenwürde
Gemeinde Marienfels bei Koblenz, das dachef in der Pfalz) und dem von dem und die Sicherung der Demokratie bedürfen
Denkmal für das 1. SS-Panzerkorps ab- ehemaligen NS-Marinestabsrichter Hans stets des Engagements aller Bürger. ■
reißen zu lassen, wollen am Samstag, Karl Filbinger mitinitiierten „Studien-
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2 : antifaschistische nachrichten 23-2003
Am 9. November 2003 sollte auf
dem Münchner Jakobsplatz eine
Bombe explodieren. Ziel des At-
Gedenken alleine
tentates: die Grundsteinlegungsfeier für
einen Synagogen-Neubau und ein jüdi-
sches Gemeindezentrum. Der Anschlag
reicht nicht aus!
Flugblatt der Bundesvereinigung der VVN-BdA zum Jahrestag der
konnte gerade noch verhindert werden. antijüdischen Pogrome vom 9. November 1938
In der Nacht vom 9. zum 10. Novem-
ber 1938 hatte NS-Propagandaminister stehen für solche Umwertungen des Op- nismus der Erklärung von Krisen und
Joseph Goebbels von München aus – der fer- Täter-Verhältnisses. Und sie bereiten Katastrophen immer noch mit (organi-
damaligen Nazi-“Hauptstadt der Bewe- den Boden für die Verbreitung alter und sierter) Pogromstimmung gegen Sünden-
gung“ – reichs-weit zu antijüdischen Po- neuer antisemitischer und rassistischer böcke funktioniert oder ob verantwortli-
gromen aufgerufen. Überall in Deutsch- Ressentiments, bis hin zu der These, dass che Bürger eine sachliche Ursachendis-
land brannten daraufhin Synagogen, „die Juden“ ja letztlich selbst schuld am kussion solcher Konflikte fordern.
Schaufenster von jüdischen Geschäften Antisemitismus seien. Jährliches Erinnern an die Pogrom-
wurden zerschlagen und ausgeraubt. Für Humanismus und Demokratie nacht von 1938 hat auch die Aufgabe, die
20.000 männliche Juden wurden in die entschuldigenden Floskeln von: „Wir
Konzentrationslager Sachsenhausen und Mit dem jährlichen Gedenken an den 9. wussten doch gar nichts“ bis zu: „Man
Dachau verschleppt. November 1938 ehren wir die Men- konnte sowieso nichts machen“ zu ent-
Ort, Datum und Ziel für ihren geplan- schen, denen in und seit jener Pogrom- larven. Jedes Gedenken an die Opfer der
ten Anschlag hatten die Terroristen der nacht – legitimiert durch die deutsche faschistischen Ideologie ist aufs Neue
Neonaziformation „Kameradschaft Süd“
bewusst gewählt. Zum 9. November
2003 sollte ein unübersehbares faschisti-
sches und antisemitisches Zeichen ge-
setzt werden. Mit Bezug auf den 9. No-
vember 1938; mit Mord und Totschlag
und der Verbreitung von Angst und
Schrecken.
Antisemitismus nicht nur bei Neonazis
Nach der Aufdeckung dieses Vorhabens,
nach den Sprengstoff- und Waffenfunden
mangelte es zwar nicht an betroffenen
Lippenbekenntnissen – aber so richtig
wundern mochten sich nur wenige über
die antisemitische Stoßrichtung des Na-
ziterrors. Werden doch inzwischen bei-
nahe jede Woche Gedenkstätten an Opfer
des NS-Regimes und jüdische Grabstät-
ten geschändet. Und hat doch der Antise-
Beinahe wöchentlich werden inzwischen Gedenkstätten geschändet
mitismus in mannigfacher Form wieder
Eingang gefunden ins öffentliche Leben
dieses Landes.
Nicht nur vom äu- Rassegesetzgebung eine Herausforderung zur Solidarität, die
ßerst rechten Rand Seit den Anfängen der staatlichen Legitimie- – als „Nichtarier“ auch heute lebensrettende Bedeutung für
dieser Gesellschaft rung der christlichen Kirchen hat eine Hass zuerst das Bürger- Gerechtigkeit und Frieden hat.
aus, sondern auch aus gegen Juden schürende Bibelauslegung recht eingeschränkt Zivilcourage wurzelt im steinigen Bo-
ihrer politischen und eine entsetzliche Blutspur durch die Jahrhun- und schließlich im den der Kenntnis unserer Geschichte.
intellektuellen Mitte. derte gezogen. Im törichten Triumph, das Dauerpogrom der Aber gerade diese Kenntnis ist Bedin-
„Die Juden“ werden einzig wahre Gottesvolk der Getauften zu „Endlösung der Ju- gung dafür, dass nicht neue Entschuldi-
kollektiv verantwort- sein, wurden die Juden wegen der ange- denfrage“ das Le- gungsfloskeln zur Alibirhetorik verwei-
lich gemacht für die blichen Erbschuld an der Kreuzigung Christi ben genommen gerter Solidarität werden. Solidarität
israelische Staatsre- immer wieder dem Brudermord preisgege- wurde. aber ist heute wichtiger denn je. Sich ge-
gierung und deren Mi- ben. Aus politischen und wirtschaftlichen Das Nein zum gen Antisemitismus und Neofaschismus
litärpolitik. Das Ge- Interessen wurden Pogrome und Kreuzzüge Antisemitismus und zu engagieren bleibt gemeinsame Aufga-
denken an die Opfer organisiert. jede moralische be für uns alle, unabhängig von Religion,
des Holocausts wird Als im deutschen Faschismus nicht nur die Entrüstung über den Weltanschauung und Herkunft. Der Anti-
geschmäht oder zu- Parteigänger Hitlers sich als Herrenrasse aktuellen Antisemi- semitismus ist nicht allein eine Bedro-
mindest relativiert: feierten, wurden mit rechtskundiger Akribie tismus bleiben hung jüdischer Menschen – er richtet
Aufgerechnet werden zuerst den Juden die Bürgerrechte entzogen, wichtig, aber sie sich gegen jegliche Form demokrati-
diese Opfer gegen die bevor im Zweiten Weltkrieg die Ausrottung reichen nicht aus, schen und humanistischen Lebens. Des-
Zahl der Toten, Ver- der Juden und Slawen Kriegsziel wurde, um um im Denken tief- halb müssen wir uns ihm auch gemein-
wundeten und Vertrie- in aller Bestialität der „arischen Rasse“ neu- verwurzelte antise- sam entgegen stellen.
benen, die als Auswir- en „Lebensraum“ zu erobern. mitische Vorurteile
kung von Naziherr- zu überwinden. Ge- Vereinigung der Verfolgten des Nazi-
schaft und Krieg schließlich auch das denktage wie der 9. November müssen regimes/Bund der Antifaschistinnen und
Verfolgerland verzeichnen musste. im Lebenslauf aller Nachgeborenen ver- Antifaschisten (VVN-BdA) e.V.
Debatten, wie sie mit den Namen Wal- bleiben, damit die Frage wach gehalten e-mail: bundesbuero@vvn-bda.de
ser und Möllemann verbunden waren, wird, ob etwa der primitive Mecha- www.vvn-bda.de ■

: antifaschistische nachrichten 23-2003 3


zentrum Weikersheim“ (SZW) wird das Der in Görlitz lebende Verleger der finden sich mehr als 2.200 Einzeldateien
Thema „Weltordnung und Völkerrecht Zeitschrift, Alfred Theisen, bezeichnet mit rund 2.000 Druckseiten Texten und
nach dem Irak-Krieg“ diskutiert. Als Re- die Vorwürfe als „Schmutzkampagne“. etwa 700 Bildern. 44 Themen aus der
ferenten werden u.a. der Brigadegeneral Theisen, ehemals Mitarbeiter des CDU- Nazi-Zeit wurden näher betrachtet. Da-
a.D. und SWG-Vorsitzende Reinhard Bundestagsabgeordneten Wilfried bei wurden Erinnerungen von Zeitzeu-
Uhle-Wettler, Autor in der neofaschisti- Böhm, eines langjährigen Funktionärs gen ebenso herangezogen wie wissen-
schen „Nation und Europa“, der Bur- des „Vereins für das Deutschtum im Aus- schaftliche Studien oder auch die Doku-
schenschaftler und „Ostpreußenblatt“- land“(VDA), war Chefredakteur der mentation einer Ausstellung der Delmen-
Redakteur Hans Heckel, der „Junge Frei- „Schlesischen Nachrichten“ der „Lands- horster SPD aus Anlass des 50. Jahrsta-
heit“-Interviewpartner Prof. Dr. Theodor mannschaft Schlesien“ und tauchte da- ges der nationalsozialistischen Machter-
Schweisfurth, der „Junge Freiheit“-Au- nach als Öffentlichkeitsreferent des greifung.
tor und Geschaftsführer des neurechten „Bund der Vertriebenen“ und zeitweise Weil Delmenhorst früher in starkem
„Instituts für Staatspolitik“ Götz Kubit- auch als Autor in der „Jungen Freiheit“ Maße eine Industriestadt war und die Ar-
schek, der Burschenschaftler und ehema- auf. 1998 gründete er die Zeitschrift beiterparteien SPD und KPD deshalb
lige JLO-Bundesfunktionär Rene Neh- „Schlesien heute“ und wurde deren viel Zulauf hatten, lebten in ihren Mau-
ring (nun BJO), und Christoph Radl für Chefredakteur. In Theisens „Senfkorn- ern auch viele spätere Opfer des Nazi-
die „Deutsche Burschenschaft“ erwartet. Verlag“ erscheint seit drei Jahren auch Regimes. Zu den Delmenhorster Politi-
Mit Kleinanzeigen wie „Wo liegt Ost- die Zeitung „Unser Oberschlesien“, das kern, die unter der NS-Herrschaft umge-
preußen? Bei Alaska, bei Sibirien oder frühere Mitteilungsblatt der „Lands- bracht wurden, gehörten zum Beispiel
500km von Berlin? Ostpreußen lebt!“, mannschaft der Oberschlesier“. hma ■ Heinrich Helmerking, Johann Snelinski
wirbt der BJO um Bundesvorsitzende und Heinrich Wagner.
Nanette Kaiser (ehemals Landesvorsit- CD-Rom präsentiert eine örtli- Wilhelm von der Heyde überlebte die
zende der JLO und der „Jungen Freiheit- Verfolgung. Der Vorsitzender der Del-
lichen“ im „Bund Freier Bürger“) zur che Landkarte des NS-Terrors menhorster Naturfreunde wurde im März
Zeit auch in der „Jungen Freiheit“ für DELMENHORST. Ein spannendes zeit- 1933 als städtischer Angestellter entlas-
sich. hma ■ geschichtliches Projekt haben die Mu- sen und im Herbst 1944 im Zusammen-
seen der Stadt Delmenhorst „am Wi- hang mit dem Widerstand des 20. Juli
Vor Zeitung gewarnt ckel“. Auf einer CD-Rom haben sie nun verhaftet. Nach dem Weltkrieg wirkte
eine Topographie der Nazi-Zeit in der von der Heyde viele Jahre als Oberbür-
Polen. Der Vorsitzende des Bezirksver- jetzt rund 80.000 Einwohner zählenden germeister der Stadt.
bandes der „Sozialkulturellen Gesell- Stadt zwischen Bremen und Oldenburg Die Synagoge in der Cramerstraße 21
schaft der Deutschen“ Oppole und Abge- erstellt. Für das nächste Jahr ist eine Ver- wurde in der Reichspogromnacht nieder-
ordnete im polnischen Sejm, Hendryk öffentlichung geplant; gegenwärtig dient gebrannt. Später wurde sie zu einem
Kroll, hat die deutschsprachige Zeitung die CD-Rom ausschließlich internen Wohnhaus umgebaut.
„Unser Oberschlesien“ massiven Vor- Zwecken der Museen. Von den etwa 180 jüdischen Bürgern,
würfen ausgesetzt. Kroll hatte polnische Das Besondere an der „Silberscheibe“ die 1933 in Delmenhorst lebten, wurden
und bundesdeutsche Geheimdienste auf- ist die regionale Verortung von Straßen mindestens 75 in Konzentrationslagern
gefordert, die Zeitung wegen „eindeutig und Gebäuden. Der Nutzer erfährt zum und Vernichtungslagern ermordet. Groß
rechtsextremer Tendenzen“ zu beobach- Beispiel, wie Delmenhorster Straßen un- war auch die Opferzahl unter den auslän-
ten. Die Zeitung „veröffentlicht an Neo- ter dem Hakenkreuz hießen und wie be- dischen Zwangsarbeitern, von denen es
nazismus grenzende Artikel“ und torpe- stimmte Häuser in braunen Zeiten ver- in Delmenhorst viele gab. Allein auf dem
diere die deutsch-polnischen Beziehun- wendet wurden. Friedhof in Delmenhorst-Bungerhof lie-
gen, so Kroll gegenüber der Warschauer Auf der CD-Rom, deren Konzeption gen 127 Russen und Ukrainer begraben.
Tageszeitung „Rzeczpospolita“. von Fredo Behrens entwickelt wurde, Thomas Klaus ■

: antifaschistische nachrichten 23-2003


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Berufsschüler in Elmshorn ler-
nen im Unterricht von „den
guten Seiten – des National-
„Gute Seiten des
sozialismus“

Wenn die Berufsschüler in Elmshorn


Nationalsozialismus“?
Geschichte lernen, dann lernen sie, dass mung, die seit Jahren auf allen Volks- scher Sprache bekannt. Das Buch war
„Machtübernahme und NS-Propaganda schichten lastete, wich optimistischen „aus Kostengründen“ noch nicht kom-
eine Aufbruchsstimmung erzeugten, wie Zukunftserwartungen. Initiative und plett ersetzt worden, versucht Claus
sie das deutsche Volk noch nicht erlebt Selbstvertrauen kehrten zurück.“ Kopf seinen Kopf zu retten. Offensicht-
hatte“. Sie lernen, dass „die Einführung Schulbuch nicht mehr zugelassen lich will das Ministerium von Diszipli-
des Massentourismus“ und „die Bele- narmaßnahmen absehen.
bung der Weltkonjunktur“ zu den „guten In der ersten Reaktion hielt sich das Es bleibt die Frage, warum nicht
Seiten des Nationalsozialismus“ zählten. Kultusministerium bedeckt und der Lei- schon früher über dieses Buch gestolpert
Denn sie lernen Geschichte aus dem ter der Beruf- wurde. „Politik heute“
Schulbuch „Frank. Politik heute“, er- schule Claus wurde 1981 gedruckt
schienen 1981. Das Buch ist der IG Kopf stellte und von den Kultusmi-
Metall in die Hände gefallen, und sie hat sich vor sei- nisterien zahlreicher
einen empörten Brief ans schleswig-hol- nen Lehrer Länder freigegeben.
steinische Kultusministerium geschrie- Reiner Mix. „Das zeigt, dass es
ben. „Wir halten dies nicht nur für eine Mittlerweile besser wäre, auch zu-
unkritische und unhistorische Betrach- kommt her- ik g eriet gelassene Lehrmittel
rit
tung, sondern auch dem Bildungsauftrag aus, dass das in die K regelmäßig zu über-
hulbuch, das
der Verfassung des Landes Schleswig- Schulbuch Da s Sc prüfen“, erklärte der
Holstein widersprechend“, schreibt der schon seit Jah- Landesgeschäftsführer
1. Bevollmächtigte der IG Metall Elms- ren nicht mehr der Gewerkschaft Er-
horn, Uwe Zabel an SPD-Ministerin Ute im Unterricht ziehung und Wissen-
Erdsieck-Rave. Die will die Angelegen- hätte verwen- schaft, Bernd Schauer.
heit nun prüfen. det werden Die VVN/BdA hat
Aus dem Buch, Seiten 176 bis 177: dürfen. Das jetzt in einem Schrei-
„Als positive Seite des NS-Staates gel- Werk ist seit ben an das Pinneber-
ten: Autobahnbau, Beseitigung der Ar- 12 Jahren ger Tageblatt Diszi-
beitslosigkeit, Kraft-durch-Freude-Rei- nicht mehr auf plinarmaßnahmen ge-
sen und einige andere.“ der Liste der gen den Lehrer und
Und später heißt es: „Als eine der zugelassenen Rektor gefordert. Die-
großen Leistungen Hitlers gilt die Besei- Bücher. Claus ses Buch, so die
tigung der Arbeitslosigkeit. Es wäre Kopf hat das VVN/BdA „gehört
falsch, diese Leistung zu leugnen. Es ist Buch jetzt aus dem Verkehr gezogen. nicht in die Hände junger Menschen,
aber auch unerlässlich, die Umstände Der Berufschullehrer Reiner Mix muss wird doch durch solche historische
vor und nach der Machtübernahme zu sich jetzt gegen den Vorwurf der politi- schlechte Bildung der Neonazismus ge-
sehen.“ Zum innenpolitischen Klima der schen Einseitigkeit wehren. Mix ist auch fördert.“
NS-Zeit: „Die niedergedrückte Stim- durch sein Engagement im Verein deut- rua ■

IG Metall protestiert bei Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave gegen Verherrlichung von


Verbrechen des Nationalsozialismus an Elmshorner Berufsschule
Elmshorn. Die IG Metall Unterelbe hat Mitte der Gesellschaft der Boden für Einzelfall bleibt und nicht wieder vor-
in einem am 21. Oktober veröffentlich- neonationalsozialistische Tendenzen ge- kommt. Wir wollen den Anfängen weh-
ten Brief an die Kultusministerin des legt.“ ren, da Faschismus keine Meinung, son-
Landes Schleswig-Holstein Ute Erd- Die IG Metall wies in ihrem Brief an dern ein Verbrechen bleibt.“
siek-Rave eine intensive Untersuchung die Ministerin daraufhin, dass mit derar- Der IG Metall Unterelbechef ist em-
eines „Skandals“ im Unterricht der tigem Unterricht allen Opfern des Natio- pört. „Als praktischen Schritt haben wir
Elmshorner Berufsschule gefordert. nalsozialismus und die Gewerkschafter zwei Klassensätze des Buches „Gewerk-
„Wir trauten unseren Augen nicht, als und Gewerkschafterinnen, die im schaftsgeschichte in Elmshorn“ gestif-
Betriebsräte uns Berichtshefte der Aus- Widerstand gegen die Nazis umgebracht tet, die auch die Selbstbefreiung des
zubildenden zeigten, dass in der Schule wurden, verhöhnt und verunglimpft Stadt Elmshorn von der nationalsozialis-
„Die guten Seiten des Nationalsozia- werden. tischen Diktatur und den Widerstand der
lismus“ behandelt wurden“ stellte IG Eine Recherche der IG Metall ergab, Gewerkschafterinnen und Gewerkschaf-
Metallbevollmächtigter Uwe Zabel em- dass im Unterricht der Elmshorner Be- ter beschreibt. Dies kann auch Teil eines
pört fest. rufsschule Unterrichtsmaterialien des Unterrichtes an Berufschulen sein.“
„Dies widerspricht nicht nur dem Bil- Schulbuches „Politik Heute“ von Frank, Die IG Metall erwartet eine ausführli-
dungsauftrag des Grundgesetzes und der 2. Aufl. 1981 verwandt wurden unter der che Untersuchung des Ministeriums an
Landesverfassung, sondern ist eine Be- Überschrift „wichtige Maßnahmen na- der Elmshorner Berufsschule und Infor-
schönigung der Verbrechen des Natio- tionalsozialistischer Innenpolitik - die mation der Öffentlichkeit, um Wieder-
nalsozialismus. Mit derartigem unkriti- guten Seiten des Nationalsozialismus“. holungsfälle auszuschließen.
schen und unreflektierten Unterricht an „Wir verlangen von der Ministerin da- Uwe Zabel, 1. Bevollmächtigter der
der Elmshorner Berufsschule wird in der für zu sorgen, dass dieser Skandal ein IG Metal Vst. Unterelbe ■

: antifaschistische nachrichten 23-2003 5


Naziaufmarsch in Aachen sich den Nazis entgegenzustellen. Fa- meraden“ Giuliano Bienvenuti (Assozia-
verhindern schismus ist keine Meinung, sondern ein tione Culturale Veneto Fronte Skinheads,
Aachen. Bündnis „Aachen stellt sich Verbrechen – auch an Kindern. Triest), Guillaume Fabien (Nuovo Ordino
quer! Stoppt Naziaufmarsch!“ ruft auf: Bündnis „Aachen stellt sich quer! Europaeo, Triest/Paris). Außerdem darf
„Am Mittwoch, den 5. November be- Stoppt Naziaufmarsch!“ ■ man noch auf einen „Überraschungsgast“
ginnt der Prozess gegen die zwei aus Österreich gespannt sein.
Eschweiler Männer, die gestanden ha- Aktuelle Informationen gibt es auf den Laut Gerd Ittner ist dieser Aufmarsch
ben, zwei Kinder brutal missbraucht und Seiten des Antifaprojektes an den Aache- der Anfang einer „Demo-Lawine“, die im
anschließend ermordet zu haben. Das ner Hochschulen oder bei der Vereini- nächsten Jahr über Nürnberg hereinbre-
furchtbare Verbrechen hat vor einem Jahr gung der Verfolgten des Naziregimes - chen werde. Fortgesetzt werden soll diese
die Bevölkerung aufgewühlt, der Prozess Bund der Antifaschistinnen und Antifa- u.a. mit „dem zentralen 1. Mai-Auf-
wird dies erneut tun. schisten, Kreisorganisation Aachen, marsch des Freien Nationalen Widerstan-
Scham für eine Gesellschaft, die sol- Kontakt: Tel.: +49 (241) 4093710; Fax: des“.
che Mörder in ihrer Mitte hat, Zorn über +49 (241) 4093740 antifaschistisches dokumentations-
das Verbrechen, Wut gegen die Täter, ● Naziaufmarsch in Aachen verhin- und informationsprojekt (adip) ■
Trauer um die Opfer und Mitgefühl für dern, Mittwoch, 5.11.2003, 9.00 Uhr
die Angehörigen bewegen viele Men- Elsassplatz mit anschließender Demo Brandenburg-Wahl
schen, auch uns. Diese Stimmung wollen ● Aus der Geschichte lernen: Für eine
nun ausgerechnet Neonazis aus der Re- Zukunft frei von Nationalismus, Ras- Zur Wahl in Brandenburg traten gleich
gion nutzen, um ihr eigenes Süppchen zu sismus, Faschismus und Krieg, Mahn- mehrere rechte Parteien an: Wie die „Jun-
kochen. wache Sonntag, 9. November 2003, ge Freiheit“ vom 10. Oktober meldete
Die NPD und die Nachfolgeorganisa- 15.00 Uhr, Synagogenplatz traten für die Schill-Partei 93 Kandidatin-
tionen der verbotenen FAP, die soge- nen und Kandidaten, für die DVU 45, für
nannten „Freien Kameradschaften“, wol- Terminänderung für Neo- die DSU 59 und für die NPD 16 an. In et-
lichen Landkreisen traten mehrere dieser
nazi-Aufmarsch Nürnberg Parteien an, oft auch noch in Konkurrenz
Nürnberg. Der für den 29.11.2003 an- zu Freien Wählergemeinschaften, zu de-
gekündigte Neonazi-Aufmarsch in Nürn- ren politischer Orientierung sich von au-
berg ist von den Organisatoren Gerd Itt- ßen nichts sagen lässt.
ner aus Zirndorf und Christian Worch aus Eins ihrer besten Ergebnisse erzielte
Hamburg auf den 6. Dezember 2003 ver- die DVU im Landkreis Oberspreewald-
schoben worden. Lausitz mit 4,3 %, die DSU erhielt hier
Als Grund benennt Ittner, dass es an- auch noch 3,3 %, in Oberhavel schnitt die
sonsten zu einer Terminüberschneidung NPD mit 2,6 % ab, in einzelnen Gemein-
mit einem Aufmarsch in Halle/Saale ge- den auch höher – z. B. in Birkenwerder
kommen wäre. Motto in Nürnberg bleibt 4 %.
weiterhin: „Demokratie nützen, heißt De- Wie die Junge Welt vom 29. Oktober
len in Aachen aufmarschieren. Angeführt mokratie schützen! Meinungsfreiheit berichtete, hätte das Ergebnis weit drasti-
werden sie von dem ex-DVU, jetzt NPD auch für Deutsche! Gegen den Terror der scher ausfallen können. Der Verband
Stadtrat in Stolberg, Willibert Kunkel. Gutmenschenmafia!“ Die Aufmarschrou- „Berlin-Brandenburgische Landjugend“
Anlässlich der Beisetzung der beiden te soll am Bahnhof beginnen (um 13 Uhr) forderte Heranwachsende im Alter von 16
Kinder haben diese Leute in Eschweiler und durch die Innenstadt vorbei am und 17 Jahren auf, per Telefon, SMS, Fax
bereits einen Eklat produziert, der von Christkindlesmarkt zur Nürnberger Burg oder in ausgewählten Jugendclubs an die
der Polizei beendet wurde. verlaufen. Für insgesamt sieben Kundge- Wahlurne zu treten.
Ausgerechnet die Anhänger einer Ide- bungsplätze kündigt Gerd Ittner 19 natio- Es sollte gezeigt werden, dass die Bran-
ologie des Massenmords, ausgerechnet nale und internationale Redner (!!!) an. denburger Jugend nicht politikverdrossen
die Rechtfertiger einer Praxis der Schän- Diese wären: ist und für ein Wahlrecht ab 16 mobilisiert
dung und Ermordung tausender von Kin- Christian Bärthel (Nationaler Aktivist, werden. Das Ergebnis bei 350 abgegebe-
dern in der Nazizeit, ausgerechnet die Ronneburg/Thüringen), Michael Burkert nen Stimmen: in Cottbus wählten 15 %
wollen den Prozess vor dem Aachener (Freier Nationaler Widerstand; NSAW, NPD, in Prignitz knapp 22 %. Im Land-
Landgericht für ihre trüben Parolen aus- Friedrichroda), Michael Geissler (NPD- kreis Spreewald-Neiße kürte die Jugend
nutzen. „Todesstrafe für Kinderschän- Kreisvorsitzender Nürnberger Land), mit 28,7 % die NPD zum Wahlsieger. Ins-
der“ fordern die, die jedes Jahr ihren Phillip Hasselbach (Freier Nationaler gesamt landete die NPD mit 11,9 % auf
Helden, den „Führerstellvertreter“ Ru- Widerstand, Essen), Gerd Ittner (Freier Platz vier.
dolf Heß in Wunsiedel feiern, die fast Nationaler Widerstand, Nürnberg), Lars Bei den wirklichen Wahlen erhielt die
wöchentlich für die Verbrechen der Käppler (BDVG, Heilbronn/Hohenlohe), NPD 14500 Stimmen insgesamt = 0,52
Wehrmacht und deren Vertuschung Dipl. Ing. Reinhold Leidenfrost (ehem. %. Sie erhielt einen Sitz und zwar in Prig-
durch die Straßen marschieren. Wehrmachts-Jagdflieger, Kapstadt), nitz. Die DVU erhielt 28195 Stimmen =
... Den Neonazis geht es nicht allein Ivonne Mädel (Freier Nationaler Wider- 1,03 Prozent. Sie erhielt 5 Sitze und zwar
um Nostalgie. Sie haben seit 1990 über stand, Meiningen), Sina Reichenbach in Potsdam, Märkisch-Oderland und
100 Menschen ermordet. Von solchen (Deutsche Bürgerinitiative, Knüll/ Hes- Potsdam-Mittelmark jeweils 1, in Ober-
Leuten müssen wir uns nicht belehren sen), Axel Reitz (Kampfbund Deutscher spreewald-Lausitz 2. Die Schill-Partei
lassen, wie die Gesellschaft und die Jus- Sozialisten, Köln), Dieter Riefling (Freier liegt in absoluten Stimmen knapp vor der
tiz mit Kinderschändern und Kindermör- Nationaler Widerstand, Gau Süd-Hanno- DVU 28759 = 1,05 % und erhielt 2 Sitze
dern umgehen soll. ver/Braunschweig), Ralf Wohlleben in Frankfurt/Oder, insgesamt ebenfalls 5.
Wir fordern, dass dieser Naziauf- (NPD-Kreisvorsitzender Jena), Christian Die DSU hat zwar nur 8723 Stimmen ins-
marsch verboten wird. Es ist der Aache- Worch (Freier Nationaler Widerstand, gesamt, kam aber mit 4 Kandidaten
ner Öffentlichkeit und erst Recht den An- Hamburg), Hartmut Wostupatsch (Freier durch, 1 davon in Cottbus.
gehörigen ein solches Nazi-Spektakel Nationaler Widerstand, Würzburg) sowie Nur 46 % gingen zur Wahl, in Cottbus
nicht zuzumuten. Wir rufen dazu auf, die italienischen und französischen „Ka- besonders wenige: nur 28,4 %. u.b. ■

6 : antifaschistische nachrichten 23-2003


Wieder einmal hat Jean-Marie Le
Pen jüngst bewiesen, dass ihm
Le Pen und Auschwitzleugner
kein Verbündeter zu schmuddelig
ist, sofern es sich nur um Blut-und-Bo-
David Irving treten gemeinsam auf
den-Nationalisten, Rassisten oder Antise- Dieses Mal fiel die Kundgebung nicht um die Verteidigung seiner kolonialen
miten handelt. ganz so mächtig aus. Der französische Präsenz in Algerien, wo im November
Dieses Mal unterstrich er es durch einen Front National (dessen Angaben oft groß- 1954 der Aufstand begonnen hatte, den
gemeinsamen Auftritt mit David Irving, spurig ausfallen) bezifferte die Teilnehm- Paris auf das „subversive“ Wirken des
dem wegen Auschwitzleugnung einschlä- erzahl mit 70.000 (gegenüber 100.000 vor nasseristischen Ägypten zurückführte.
gig bekannten britischen Historiker. Die- nunmehr sieben Jahren). Ein Korrespond- London agierte aufgrund der Nationalisie-
sen darf man, laut einem Urteil der briti- entenbericht für „Le Monde“ sprach da- rung des Suezkanals durch Präsident Nas-
schen Justiz aus dem Jahr 2000, als „akti- gegen nur von „ein paar tausend Teilneh- ser, wodurch britische Kolonialinteressen
ven Negationisten (= Leugner der histori- mern“. im Mittleren Osten sowie britische Besitz-
schen Realität der Shoah)“, „Antisemi- In seiner Kundgebungsrede spielte Da- titel in der Kanalgesellschaft beeinträch-
ten“ und „Rassisten“ bezeichnen. Am 23. vid Irving ziemlich direkt auf angebliche tigt wurden.
Oktober dieses Jahres präsentierten Le jüdische Interessen an, die denjenigen der Dass Israel aus eigenen Interessen her-
Pen und David Irving sich gemeinsam ei- europäischen Nationen entgegen stünden aus die damalige französisch-britische Ak-
nem ungarischen Publikum auf dem Hel- oder sie gar bevormundeten. So führte er tion unterstützte und aktiv an ihr teilnahm
denplatz in Budapest. wörtlich aus, die französische und briti- (um ein Zentrum des erwachenden arabi-
Auch der Ort ihres Auftretens kann sche Regierung hätten im Herbst 1956 schen Nationalismus zu schwächen), än-
nicht als harmlos gelten. Denn Veranstal- „Verrat“ an der antisowjetischen Erhe- dert daran wenig: Die französischen und
ter der Kundgebung, die des ungarischen bung in Ungarn begangen (die westlichen britischen Militärs handelten keineswegs
Aufstands gegen die sowjetische Vorherr- Mächte mischten sich damals nicht offen- unter dem Einfluss israelischer und / oder
schaft vom Oktober 1956 gedenken sollte, siv ein, da sie ansonsten den Ausbruch ei- „jüdischer“ Interessen. Die Ironie der Ge-
war die ungarische „Partei der Wahrheit nes Dritten Weltkriegs befürchteten), schichte besteht übrigens darin, dass Le
und des Lebens“ MIEP. Auch diese (der- „während sie gleichzeitig die Interessen Pen selbst an der Suez-Intervention 1956
zeit nicht mehr im ungarischen Parlament Israels in der Suezkanal-Affäre verteidig- teilgenommen hat – als freiwillig dienen-
vertretene, da bei den Wahlen im April ten“. Die antisemitisch aufgeladene Inter- der Unteroffizier der französischen Ar-
2002 knapp an der Fünf-Prozent-Hürde pretation entsteht durch die Art der mee.
gescheiterte) politische Formation, die Gegenüberstellung (Nichteingreifen hier, Jean-Marie Le Pen verlieh bei der
seit Anfang der Neunziger Jahre durch militärisches Eingreifen dort) und des Kundgebung seiner Hoffnung Ausdruck,
den berüchtigten Schriftsteller Istvan Herausstreichens der vermeintlich damit dass künftig (nach der EU-Osterweite-
Csurka geleitet wird, hat u.a. durch ihren verbundenen Interessen. Tatsächlich ver- rung) Parteien wie die ungarische MIEP
brachialen Antisemitismus von sich reden folgten Frankreich und Großbritannien, auch im Europaparlament vertreten seien.
gemacht. Jean-Marie Le Pen war bereits die im Oktober 1956 in Ägypten militä- Der Front National werde mit diesen
im Oktober 1996 in Budapest bei der risch intervenierten – und in der Folge im künftigen Abgeordneten „im Rahmen der
MIEP aufgetreten, damals zu einer Groß- UN-Sicherheitsrat durch die beiden Veto- Fraktion der Europäischen Rechten zu-
kundgebung aus Anlass des 40. Jahrestags mächte USA und UdSSR zusammen aus- sammen arbeiten, an der Restauration der
der Niederschlagung des Ungarn-Auf- gebremst wurden – selbstverständlich ei- Souveränität der europäischen Nationen“.
stands. gene Interessen. Frankreich etwa ging es Bernhard Schmid, Paris ■

In AN 21-03 berichteten wir über


die Verurteilung der Antifaschis-
ten Christiaan Boissevain und
Rechtspflege?
Martin Löwenberg durch ein Münchner
Amtsgericht. Inzwischen hat die Staatsan- machtbewusst. Den Behörden und nur
waltschaft gegen das Löwenberg-Urteil ihnen stehe es zu, Versammlungen zu
Berufung eingelegt, weil das Gericht das verbieten. Was nicht verboten sei, müsse
von ihr beantragte Strafmaß reduziert hat- ungestört bleiben. Die bisherigen Äuße-
te. In einem weiteren Verfahren wurde rungen der Gerichte wollen demgegen-
nun auch Siegfried Benker, grüner Stad- über Öffentlichkeit nicht ganz ausschlie-
trat, verurteilt, zu der niedrigstmöglichen ßen, sagen aber klar, dass sie zu weit
Strafe einer Ermahnung, verbunden mit geht, wenn sie Demonstrationswege blo-
der Androhung von 5 Tagessätzen (150 ckiert.
Euro) im Fall der Wiederholung binnen Weil dort, wo die Faschisten herum- Staats-Partei hochverehrte Franz Josef
eines Jahres. Zu Beginn des Verfahrens ziehen, ein rechtsfreier, gefährlicher Strauß laut „Spiegel“ am 16.3.1970 in
hatte der Amtsrichter eine Einstellung an- Raum ist, entsteht eine Tendenz der Öf- Bad Reichenhall:
geregt. Darauf ließ sich die Staatsanwalt- fentlichkeit, jenen Raum klein zu halten. „Man muss sich der nationalen Kräfte
schaft nicht ein, insbesondere weil in ähn- Wird dadurch eine Demonstration ge- bedienen,
lich gelagerten Fällen bereits eine Verur- stört? Nein, dadurch wird nur das klein- auch wenn sie noch so reaktionär sind. So
teilung erreicht worden sei. Weitere Ver- gehalten, was die Faschistenbanden dort, hat es auch de Gaulle gemacht. Hinterher
fahren wegen antifaschistischer Aktivitä- wo sie es sich leisten können als „auslän- ist es immer möglich, sie elegant abzuser-
ten stehen in den kommenden Wochen an derfreie Zone“ oder „befreites Gebiet“ vieren. Denn mit Hilfstruppen darf man
und mit weiteren Verurteilungen wird ge- bezeichnen, oft als Zusatz an Straßen- nicht zimperlich sein.“ Gab es da nicht die
rechnet. und Ortstafeln. Probleme der Steuerung der NPD durch
Aus dem Verhalten der Staatsanwalt- Die Staatsregierung möchte wohl mehr V-Leute? Spräche nicht manches dafür,
schaft lässt sich klar auf die Absicht der als bisher zulassen, die Gerichte, die ein die Behörden zum Gebrauch jener Geset-
Staatsregierung schließen. Es wird nicht langes Gedächtnis haben, stellen sich un- ze anzuhalten, die faschistische Umtriebe
rechtlich argumentiert, sondern bloß lustig an. Sagte da nicht der von der 2/3- einengen?

: antifaschistische nachrichten 23-2003 7


Wenn die Angeklagten in diesen Ver- zur Errichtung des Jüdischen Museums die „Kameradschaft Süd“ um Martin
fahren durchwegs darauf bestehen, in ih- auf dem Jakobsplatz. Wiese. Das Entscheidende neben der of-
ren Aktivitäten auch im Falle einer Verur- Ich beschäftige mich – neben anderen fensichtlichen Bereitschaft auch terroristi-
teilung fortfahren zu wollen, wird da- Themen – seit über zwanzig Jahren mit sche Anschläge zu verüben ist aber, die
durch nicht etwa ihr gestörtes Verhältnis rechtsextremistischen Gruppen, Personen, organisierte und vernetzte Herangehens-
zu einer rechtlich geordneten Gesellschaft Aktivitäten in München und Umgebung weise bei der Vorbereitung. Es handelt
offenbar. und arbeite hier mit einem gut funktionie- sich ja offensichtlich nicht um so gerne
Es geht gegen die Zulassung von Un- renden Netzwerk an antifaschistischen bemühte Einzeltäter.
recht durch die Behörden aus Staatsräson. und bürgerlichen Gruppen zusammen um Vielmehr handelt es sich um eine gut
Es ist die Öffentlichkeit, die hier etwas die Aktivitäten der Rechtsextremisten zu vernetzte und organisierte und nebenbei
klar stellen muss und es sind die Gerichte, beobachten, einzuschätzen und natürlich bemerkt auch finanziell offensichtlich gut
die der Exekutive hierin eine Grenze um den Rechtsextremismus zu bekämp- ausgestattete Gruppierung. Die Gruppe
ziehen können. Rechtspflege heißt doch fen. kann 1,7 Kilo TNT nach München schaf-
wohl das Recht der Gesellschaft pflegen Rechtsextremismus in München hat fen, 14 Kilo weiteren Sprengstoff, weitere
und nicht etwa die gesellschaftliche Geschichte und Tradition: Waffen. Sie kann bekannte Persönlichkei-
Rechte. maf (gekürzt) ■

Prozesserklärung Siegfried
Benker, 16.10.2003
Verfolgungseifer:
In ca. drei Wochen wird unter höchsten
Sicherheitsvorkehrungen die Grundstein-
legung für das jüdische Zentrum, die Syn-
agoge sowie das jüdische Museum auf
dem Jakobsplatz stattfinden. Gut sechs
Wochen ist es jetzt her, dass bekannt wur-
de, dass Neo-Nazis einen Bombenan-
schlag anlässlich der Grundsteinlegung
am 9. November planten und auch tat-
sächlich vorbereiteten.
Martin Wiese, einer der Anmelder der
Demonstrationen vom 12.10. und 30.11. DGB-Haus München Oktober 2002
2002, hat eine terroristische Vereinigung
gegründet und Bombenmaterial besorgt. Rechtsextremismus ist ja kein Phänomen, ten observieren. Sie kann einen Anschlag-
Schon vor einem Jahr hat es München zur das in den letzten Jahren erst entstanden plan zumindest beginnen auszuarbeiten,
Ehre gereicht, dass 3000 Menschen einen ist. Einige Schlaglichter sollen das ver- sie ist in der Lage, die Kontenbewegun-
Aufmarsch verhindert und einen behin- deutlichen. An den Bombenanschlag vom gen – und damit die an diesen Kontenbe-
dert haben. Der Schritt der Neo-Nazis zur 26.9.1980 auf das Oktoberfest, den der wegungen beteiligten Personen – von lin-
terroristischen Vereinigung zeigt, wie angebliche Einzeltäter Gundolf Köhler ken, liberalen und fortschrittlichen Grup-
wichtig es ist, diesen Menschen die Stirn verübte, der 13 Menschen das Leben kos- pen auszuspähen. Und wie gesagt, sie hat
zu bieten. Stellen Sie sich vor, München tete und über 200 Verletzte forderte, erin- Geldgeber im Hintergrund, die all dies
hätte vor einem Jahr die Rechtsextremis- nern wir uns sicher noch alle. 1983 – zum auch bezahlen. Sie ist vernetzt mit allen
ten, die jetzt Bomben gegen jüdische Ein- sechzigsten Jahrestag des Marsches auf notwendigen Gruppen in den neuen
richtungen legen wollten, sang- und die Feldherrnhalle, wollte Michael Küh- Bundesländern und in Norddeutschland
klanglos marschieren lassen. Die Pein- nen als selbsternannter Führer den und wahrscheinlich auch im Ausland.
lichkeit, dass rechtsextreme Terroristen Marsch auf die Feldherrnhalle wiederho- Und sie steht in mehr oder weniger locke-
ihre Propaganda in München ungehindert len; vom so genannten AVÖ-Laden in der rem Kontakt mit so gut wie allen anderen
verbreiten hätten dürfen, würde erst jetzt Herzog-Heinrich-Straße 30 aus hat Alt- rechtsextremen Gruppen und Parteien,
in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit zu hans die Neo-Nazistische Szene zu orga- derzeit vernetzt über das relativ neue
Tage treten. nisieren versucht. Die DVU hat nach wie rechtsextreme Netzwerk „Demokratie Di-
Doch trotz der offensichtlichen Gefah- vor ihre Bundesgeschäftsstelle in der Pao- rekt“.
renpotentiale durch Rechtsextremisten er- sostraße 2 in Pasing, von wo aus die Die Mitglieder der Kameradschaften
scheinen Bürger aus München, die diesen bundesweit auflagenstärksten rechtsextre- sind der Ansicht, dass die rechtsextremen
Neo-Nazi-Spuk nicht dulden wollten als men Zeitungen, wie z. B. die „National- Parteien nicht rechts genug sind und ha-
so gefährlich, dass sie vor Gericht gezerrt Zeitung“, vertrieben werden. Die Danu- ben begonnen sich in kleinen Zellen zu
und abgeurteilt werden müssen. bia, die im Januar 2001 den Haupttäter organisieren. In diesen abgeschotteten
Seit 20 Jahren gegen rechts: des Überfalls auf den Griechen Artemios Einheiten begann die Vorbereitung eines
in der Zenettistraße versteckt hat, residiert terroristischen Aktes. Wir wollen ja alle
Lassen Sie mich einige persönliche und seit 1957 in ihrem Palais in der Möhlstra- hoffen, dass die Kameradschaft Süd die
politische Dinge sagen. Ich bin in der ße 21. München und Umland hat sich in einzige Gruppe dieser Art war, aber glau-
Kommunalpolitik in München aktiv seit den letzten Jahren zur Skinheadhochburg ben kann das keiner, der sich mit den Ent-
1984. Zuerst Mitarbeiter der Grünen in Südbayern entwickelt. Die im Verfas- wicklungen der rechtsextremen Bewe-
Stadtratsfraktion, dann fünf Jahre Refe- sungsschutz genannte Zahl der Skinheads gung in Deutschland beschäftigt. Ich will
rent der Grünen Bürgermeisterin und seit stieg von ca. 300 Ende der 90iger Jahre die Gefahr durch Rechtsextremisten nicht
1995 Stadtrat und Fraktionsvorsitzender auf derzeit ca. 500. größer machen als sie ist. Ich will auch
der Grünen – rosa Liste im Rathaus. In Rechter Terror von neuer Qualität: keine Vergleiche anstellen mit der End-
dieser Funktion bin ich Mitglied u. a. im phase der Weimarer Republik – aber es
Beirat zur Errichtung eines NS-Doku- Und von einer neuen Qualität der Gewalt- bedarf der beständigen Auseinanderset-
mentationszentrums sowie des Beirates bereitschaft sind Kameradschaften wie zung mit dem Rechtsextremismus um zu

8 : antifaschistische nachrichten 23-2003


verhindern, dass er Fuß fasst, Anhänger rechtsextremistische Szene zu einer eine gute Sache“; die Präsidentin der Is-
findet – und was noch schlimmer ist – sei- Gegendemonstration unter dem Motto raelitischen Kultusgemeinde, Frau Knob-
ne Inhalte Eingang in die Mitte der Ge- „Unsere Großväter waren keine Verbre- loch fand deutliche Worte, die Gewerk-
sellschaft finden. cher“ nach München. Es wurde mit 4.500 schaften forderten, einen Marsch vor dem
Rechtsextremisten brauchen München Neo-Nazis der bis dahin und bis heute Gewerkschaftshaus zu verhindern. Der
als Aufmarschplatz: größte Aufmarsch von Rechtsextremisten Stadtrat forderte einstimmig: „Nein zu
in der Bundesrepublik. Mein Freund Mar- Neo-Nazi-Aufmärschen in München,
München ist für die Rechtsextremen von tin Löwenberg, den das Amtsgericht vor Aufruf zu demokratischem Engagement...
immens hohem symbolischen Wert. Mün- drei Wochen wegen Aufforderung zu Neonazistische Aufmärsche sind in Mün-
chen war die „Hauptstadt der Bewegung“. Straftaten in der selben Sache verurteilt chen nicht erwünscht! In München ist
Hier war der Hitlerputsch, hier wurde die hat, und ich, waren damals die Anmelder kein Platz für neo-nazistische Aufmär-
NSDAP groß, hier war mit den Anlagen einer Gegendemonstration, zu der mehr sche! ... Der Stadtrat fordert die Münch-
am Königsplatz und der Feldherrnhalle als 6000 Menschen kamen – und von de- nerinnen und Münchner auf, am kom-
ihr zentraler Kultort, hier war bis zum nen viele später entschieden haben, sich menden Samstag deutlich zu machen,
Ende des II. Weltkriegs die Reichszentrale den Neo-Nazis in den Weg zu stellen und dass nationalistische, rassistische und
der NSDAP, am Königsplatz hatten Hitler sie nicht bis zum Marienplatz kommen zu antisemitische Parolen in München kei-
und sein Stellvertreter ihren Sitz in Süd- lassen. Trotz dieser Niederlage, die ihnen nen Widerhall finden und dass in dieser
deutschland. Für die Neo-Nazis ist es von die MünchnerInnen beigebracht haben, Stadt kein Platz für neonazistische Akti-
besonderer Bedeutung, in München zu feiern die Neo-Nazis bis heute den Tri- vitäten ist. Stehen Sie auf für eine demo-
marschieren. umph, in München marschiert zu sein. kratische Stadtgesellschaft und beteiligen
Demonstrationen in München sind für Verfassungsschutz- und Polizeiberichte in Sie sich an demokratischen Protesten. (9.
Rechtsextremisten eine Möglichkeit, sich späteren Jahren haben herausgearbeitet, 10. 2002)
in die Tradition der NSDAP zu stellen: dass das Stattfinden dieser Demonstration Mehr als 3000 Menschen sind diesem
Allein die Regie für den geplanten Bom- eine wichtige Rekrutierungsaktion für die und anderen Aufrufen am 12. 10. gefolgt,
benanschlag auf die Grundsteinlegung am Neo-Nazis war, die viele Jahre weiterge- ca. 1000 Menschen am 30. 11. 2002. Am
Jakobsplatz am 9. November 2003 ver- wirkt – und weitergestrahlt hat in der 12. 10. 2002 waren erfreulicherweise ge-
deutlicht dies. Ein Bombenanschlag auf rechtsextreme Szene. nügend Menschen auf der Straße, um den
den Tag genau 80 Jahre nach dem Hitler- Neo-Nazi-Aufmärsche zu verhindern Neo-Nazi-Aufmarsch zu stoppen, am 30.
putsch und exakt 65 Jahre nach der Ausru- trifft die rechtsextreme Szene an einer 11. setzte die Polizei den Aufmarsch mit
fung der Reichspogromnacht aus dem empfindlichen Stelle. Das nimmt ihnen einer weiträumigen Absperrung durch.
Saal des Alten Rathaus´ durch Josef die öffentliche Rektrutierungsmöglich- Kriminalisierung einzelner um den
Goebbels zeigt die Traditionsschiene der keit, und die anscheinend gesellschaftli- Konsens zu zerstören:
Neo-Nazis. Es wäre ihnen gelungen, an che Akzeptanz einer legalen Aktion. Nach
einem 9. November wieder in München der Demonstration am 1.3.1997 entstand Jetzt hat die Polizei einige Menschen her-
wieder gegen jüdische Einrichtungen los- ein gesamtstädtischer Konsens, bzw. ein ausgegriffen, um diesen gesellschaft-
zuschlagen. gesamtstädtisches Bewusstsein dahinge- lichen Konsens in München zu zerstören.
Die ausführliche Herleitung ist notwen- hend, dass es möglich, richtig und not- Ich sitze auf der Anklagebank, aber ge-
dig um zu verdeutlichen, warum Neo- wendig ist, Neo-Nazi Aufmärsche zu ver- troffen werden sollen alle, die auf der
Nazi-Aufmärsche in dieser Stadt nicht ge- hindern. Dieser Konsens reichte von der Straße standen als die Neo-Nazis mar-
duldet werden dürfen. offiziellen Politik – sogar parteiübergrei- schieren wollten.
Neo-Nazi-Aufmärsche in München fend – in die Bezirksausschüsse, in die Die Verurteilung und Kriminalisierung
sind für Rechtsextremisten ein notwendi- Gewerkschaften und Kirchen, in die Frie- einzelner soll dazu führen, dass die
ger Bestandteil ihres Selbstverständnis- densgruppen usw. Die MünchnerInnen MünchnerInnen sich Neo-Nazi-Aufmär-
ses, sie sind notwendig für die Selbstver- wurden von vielen Politikern dafür ge- schen nicht mehr in den Weg stellen und
gewisserung der Rechtsextremen Szene, lobt, dass sie Zivilcourage gezeigt haben. diese als normal akzeptieren. Ich stehe
egal ob sie legal oder illegal agiert – und Der Konsens hält: Wie sehr dieser Kon- dazu, ich werde Neo-Nazi-Aufmärsche
sie sind notwendig, um neue Anhänger zu sens trug, konnte man sehen, als die Neo- niemals als normale Meinungsäußerung
interessieren und zu rekrutieren. Neo-Na- Nazis im November 2000 versuchten eine akzeptieren. Ich bekenne mich dazu, dass
zis ist nicht wichtig, eine Fahne mehr oder Kundgebung mit Demonstration, ausge- ich auch weiterhin daran arbeiten werde,
weniger zu zeigen, Neo-Nazis ist es wich- hend vom Maria-Hilf-Platz, anzumelden. dass es einen gesamtgesellschaftlichen
tig in der Öffentlichkeit zu marschieren. Den Rechtsextremisten wurden von jeder Konsens gibt, gegen Neo-Nazi-Aufmär-
Der durchgesetzte Marsch ist das ent- Ebene Schwierigkeiten in den Weg gelegt, sche aufzustehen.
scheidende Ziel. Deswegen greift ein An- Basisgruppen entstanden. Stadtteilinitiati- Es ist meiner Ansicht nach Aufgabe ei-
satz, der lediglich einzelne Symbole oder ven bereiteten lokale Proteste vor etc. Ein nes Stadtrates, der die Geschichte dieser
Parolen beanstandet – so wichtig dies sein Sternmarsch von verschiedenen Organisa- Stadt ernst nimmt, der seine eigenen Be-
mag – viel zu kurz: Am Ziel der ideologi- tionen und Personen – u. a. von mir – schlüsse ernst nimmt und der sich mit der
schen Stärkung durch einen Marsch än- wurde angemeldet. Entnervt haben die Gefählichkeit des neo-nazistischen Netz-
dern einzelne Gegenmaßnahmen nichts. Neonazis aufgegeben und schließlich ihre werkes beschäftigt, die Menschen nicht
1. 3. 1997 – ein gesamtstädtischer Kundgebung abgesagt. nur abstrakt aufzufordern zu protestieren,
Konsens entsteht: Dieser Konsens – und der Lernprozess sondern dafür zu sorgen, dass es auch
seit dem 1. 3. 1997 – in der Münchner Zi- weiterhin diesen Konsens gibt: Neo-Nazi-
In den letzten sechs Jahren hat sich in vilgesellschaft war auch vorhanden vor Aufmärsche nicht zu dulden. Als Teil die-
München ein gesamtstädtischer Konsens den Neo-Nazi-Demonstrationen am 12. ses Konsens und in Umsetzung des oben
entwickelt, den ich kurz beschreiben 10 und 30.11.2002. Die zweite Wehr- zitierten Stadtratsbeschlusses habe ich die
möchte. machtsausstellung, diesmal im Stadtmu- MünchnerInnen aufgefordert, sich den
Im Frühjahr 1997 wurde in der Ausstel- seum, wurde von der rechtsextremen Sze- Neo-Nazis friedlich in den Weg zu stellen.
lungshalle im Rathaus die Ausstellung ne zum Anlass genommen, wieder eine Wenn ich deshalb verurteilt werde,
„Verbrechen der Wehrmacht“ des Ham- bundesweite Demonstration anzumelden. dann wurde in dieser Stadt aus der Ge-
burger Instituts für Sozialforschung ge- Der Oberbürgermeister machte in der schichte nichts gelernt. ■
zeigt. Für den 1.3.1997 mobilisierte die Presse klar: „Sich in den Weg stellen –

: antifaschistische nachrichten 23-2003 9


Gute Nachrichten sind ja eher Regierungspräsident Roters:
selten in unserem Heft, aber dies
ist mal eine: Fast 60 Jahre nach
der Hinrichtung von Mitgliedern der
„Edelweißpiraten sind
Gruppe Edelweißpiraten am 10. Novem-
ber 1944 in Köln-Ehrenfeld empfing Re-
gierungspräsident Roters die letzten
Widerstandskämpfer“
noch lebenden ehemaligen Mitglieder wurde. Ich möchte die am 10. November schnitt zu sehen war. Prof. Dr. Gerd Uh-
dieser Gruppe in Köln, Gertrud Koch, 1944 in Ehrenfeld von der Gestapo Hin- lenbruch, ein Mediziner mit rhetori-
Fritz Theilen und Jean Jülich. Die gerade gerichteten endlich amtlich anerkennen. schem Talent und viel Humor, empfahl
erschienenen Erinnerungen von Jean Jü- Ob es noch Entschädigungsfälle gibt, die Lektüre des Buches Kardinal Joa-
lich (siehe AN 22-03) und das Aufgrei- kann ich nicht sagen. ... Ich werde eine chim Meisner: „Da erhält er einen Ein-
fen des Themas durch die Kölner Boule- Arbeitsgruppe gründen in meiner Behör- blick in die ihm nur schwer verständliche
vard-Zeitung Express haben dazu ge- de, die die Fälle, in denen damals eine kölsche Seele“. Das Besondere, was ihn
führt, dass endlich von politischer Ebene
aus klargestellt wird: Das, was die Edel-
weißpiraten taten, war politischer Wider-
stand gegen das Naziregime.
Ein von der Landesregierung in Auf-
trag gegebenes Gutachten in den 70er
Jahren war zu der Auffassung gelangt,
der Widerstand der jugendlichen Edel-
weißpiraten habe auf keiner hohen
ethisch-moralischen Grundlage basiert
und sei damit nicht bewusst politisch ge-
wesen. Um zu dieser Auffassung zu ge-
langen hatten sich die Verfasser im We-
sentlichen gestützt auf die Aussagen ehe-
maliger Gestapo-Leute und deren Akten.
Für Roters ein Zeichen dafür, dass die
Gruppe genau anders eingeschätzt wer- von links nach rechts: Reg.präs. Roters, Gertrud Koch, Fritz Theilen, Jean Jülich
den muss: „Für Kriminelle war die Poli-
zei zuständig, die Gestapo aber für Entschädigung abgelehnt wurde, noch- besonders berührt habe und was das
Staatsfeinde. Also waren die Edelweißpi- mal durchleuchten soll.“1 Buch auch so aktuell mache, wäre die
raten, aber auch die „Ehrenfelder Grup- Viele Kölnerinnen und Kölner haben große Freiheitsliebe, die darin zum Aus-
pe“ Staatsfeinde. Das ist die politische das ungeachtet der staatlichen Feststel- druck kommt. Die Liebe zur Freiheit
Dimension, die ihnen bisher verweigert lungen schon immer so gesehen. Seit habe diese Jugendlichen damals dazu ge-
1972 hängt am Ort der Hinrichtung eine bracht, das Hitlerregime, rassisische Dis-
Mahntafel, 1986 wurde sie erneuert und kriminierung, militärischen Drill und
Kopftuchstreit die Straße wurde in Bartholomäus- Krieg gegen andere Völker abzulehnen.
REPs unterstützen Koch Schick-Straße umbenannt. Jedes Jahr or- Diese Haltung präge Jean Jülich, Fritz
ganisierte die VVN-BdA am Jahrestag Theilen und andere noch lebende Edel-
Frankfurt. Die REP-Fraktion im Rö- der Hinrichtung der Ehrenfelder Edel- weißpiraten bis heute.
mer hat die Entscheidung des Bundes- weißpiraten eine kleine Gedenkfeier an Ob der Vorschlag von Liedermacher
verfassungsgerichts im Kopftuchstreit der Mahntafel. Kölner Musiker wie Rolly Brings, Jean Jülich, Fritz Theilen
zum Anlass für einen Antrag an das „Bläck Fööss“ und Rolly Brings schrie- und Gertrud Koch zu EhrenbürgerInnen
Kommunalparlament genommen, es ben Lieder zum Thema, die auf antiras- der Stadt zu ernennen, bei der Stadtspitze
möge den Landtag auffordern, „unver- sistischen Kundgebungen in Köln immer auf Gegenliebe stößt, bleibt abzuwarten.
züglich die Voraussetzungen für ein wieder zu hören sind. Antifaschistische Gedenkveranstaltun-
Kopftuchverbot an Hessens öffent- Selten war eine Buchvorstellung so gen und antirassistisches Engagement
lichen Schulen, Universitäten und Be- gut besucht: am 30.10. kamen 1000 gehören nicht gerade zu ihren Lieblings-
hörden zu schaffen“. Die Landesregie- Menschen in die Stadthalle Köln-Mül- themen. u.b. ■
rung hatte bekanntlich eine entspre- heim und erlebten einen besonderen 1 Kölner Express, 30.10.2003, S. 25
chende Gesetzesinitiative bereits ange- Abend. Jean Jülich las zwei Kapitel aus Lichterzug mit anschließender Kund-
kündigt. Die rechten und rechtsradika- seinem Buch: von Wochenendtouren ins gebung anlässlich der Wiederanbrin-
len Verbotsbetreiber versuchen das Siebengebirge, von Streichen gegen lo- gung der Mahn- und Gedenktafel der
Thema der Debatte, in der es um kale Nazigrößen, von seiner Verhaftung, Ehrenfelder Edelweißpiraten
Gleichberechtigung, Selbstbestimmung den Verhören im EL-DE-Haus und den Sonntag, 9. November 2003
und Toleranz gehen sollte, zu verschie- Misshandlungen im Gefängnis Brauwei- Treffpunkt Körnerstraße in Ehrenfeld,
ben in Richtung Vereinbarkeit von ler, von der Ehrung in Israel als einer der an der ehemaligen Synagoge, ab
muslimischer und christlicher Kultur. „Gerechten der Völker“ und den Ausein- 17.30 Uhr.
So ist in dem REP-Antrag u. a. die andersetzungen mit der Wiedergutma- Ab 18.30 Uhr wird die Mahntafel an
Rede von notwendiger „Abwehr der is- chungsbehörde in den 70ern. Viele per- der Bartholomäus-Schink-Straße/
lamistischen Unterwanderung der Leh- sönliche Freunde gestalteten den Abend Ecke Schönsteinstraße in Anwesen-
rerschaft an Schulen und Universitä- mit: die Bläck Föös, Rolly Brings und heit des Schirmherrn, Regierungsprä-
ten“ und vom „Kopftuchverbot“ als Brings, der Filmemacher Niko von Gla- sident Jürgen Roters, enthüllt. An-
„ein Akt der Selbsterhaltung unseres sow-Brücher, dessen Film „Edelweißpi- schließend Kulturprogramm mit den
freiheitlich demokratischen Staates“. raten“ – in Petersburg und Köln gedreht Bläck Fööss, Brings, Rolly Brings so-
ola ■ – im nächsten Jahr in die Kinos kommt wie der Hip-Hop-Gruppe der Kölner
und von dem ein kurzer Zusammen- Polizei.

10 : antifaschistische nachrichten 23-2003


Der Front National vor den
Wahlen des Jahres 2004
weitgehend im Zeichen der „Inneren Si- ihren Bedeutungsgehalt dabei völlig um-
cherheit“ stand. Kritiker monierten das dreht. Ein anderes Beispiel: Die KP propa-
Schüren diffuser Ängste, das dazu diene, gierte in den 80er Jahren noch die – zu ein-
den Ruf nach dem starken Staat und nach fache – Parole „Produisons français“ (Pro-
Repression zu entfachen. Ein Teil der Lin- duzieren wir französisch). Das war gegen
ken und der sozialen Bewegungen anwor- den Niedergang etwa der französischen
tete darauf, indem man betonte, man solle Stahlindustrie und gegen zunehmende Pro-
doch vielmehr von der „sozialen Unsicher- duktionsauslagerungen in Billiglohnländer
heit“ reden, die nicht mit verstärkten poli- gerichtet, aber in rein protektionistischer
zeilichen Mitteln zu bekämpfen sei. und nicht kapitalismuskritischer und vor-
Der Front National dreht jetzt die Stoß- wärts weisender Form; beschuldigt wurden
richtung einfach um – und zeigt sich be- regelmäßig „amerikanische Trusts“ sowie
müht darum, den Begriff in einen Diskus die EG, am Niedergang der nationalen In-
einzubauen, der das genaue Gegenteil be- dustrie schuld zu sein. Heute, in der Vorbe-
absichtigt, nämlich das Schüren sehr diffu- reitung der Regionalparlamentswahlen
ser Ängste, in denen sich diverse Bedro- vom März 2004, verbreitet der rechtsextre-
hungsgefühle miteinander vermengen sol- me Front National in der Region Nord-Pas
len: Sehr real begründete soziale Ängste, de Calais den – abgewandelten – Slogan
eine diffuse Wahrnehmung der „Globali- „Produisons français, en France avec des
sierung“ als bedrohliche Kulisse (aus der français“. Also: Produzieren wir franzö-
1. Die extreme Rechte setzt wieder auf sich die sozialen Probleme angeblich ab- sisch, (aber) in Frankreich und mit franzö-
die sozialdemagogische Karte
leiten lassen), „Überflutungs“- und Inva- sischen Arbeitern. Die Abwandlung ver-
Allem Anschein nach plant der Front Na- sionsfantasien im Hinblick auf die Ein- leiht dem Slogan eine Wendung, die er frü-
tional, dessen Führungsgremien die Wahl- wanderung, die natürlich weiterhin eben- her nicht hatte, nämlich eine rassistischen
kampfstrategie für die Regionalparla- falls als Ursache für die soziale Regression Stoßrichtung gegen die Beschäftigung von
mentswahlen im März 2004 definitiv am 7. dargestellt wird. Der bisherige Diskurs soll Immigranten. Die Vorlage wurde miss-
Dezember dieses Jahres beschließen wer- dadurch nicht ersetzt und ausgetauscht braucht. Aber ihre inhaltliche Unzuläng-
den, seinen Wahlkampf stark auf soziale werden (wie die linken und antifaschisti- lichkeit hatte, in dem Fall zumindest, den
Fragen auszurichten. Auf diesem Wege soll schen Kritiker des „Sicherheits“-Pro- Missbrauch ermöglicht.
dem „Sarkozy-Effekt“ gegengesteuert wer- gramms dies beabsichtigten), sondern le- 2. Bringt der programmatische
den, d.h. der Anziehungskraft des Innenmi- diglich eine Ergänzung erfahren, die ihn Schwenk neue Wähler(innen) ?
nisters und „Sicherheits“-Hardliners Nico- umso umfassender erscheinen lässt. Das Ob der Front National wirklich damit sein
las Sarkozy auf die FN-Wählerschaft. Die Ganze passt nämlich scheinbar logisch zu- bisheriges Publikum ausdehnen kann, ist
Pariser Abendzeitung „Le Monde“ fand sammen, indem man durch die Benennung allerdings fraglich. Denn seine Wähler-
das Thema immerhin wichtig genug, um als „soziale Unsicherheit“ dieselbe ledig- schaft achtet nicht wirklich auf das ge-
ihm am 4. Oktober 03 einen ganzseitigen lich als einen Aspekt eines umfassenden, schriebene Programm, sondern ist vor al-
Bericht zu widmen, unter dem Titel: „Die globalen Phänomens namens „Unsicher- lem durch dasjenige Bild vom Front Natio-
,soziale Unsicherheit‘, neues Wahlkampf- heit“ erscheinen lässt. Ein Bedrohungssze- nal angezogen, das sie selbst sich ausmalt.
gebiet des FN“. nario, das sich angeblich aus der Öffnung Und das ist tatsächlich vor allem das unge-
Demnach soll der Programmdiskurs der nationalen Grenzen ableiten lässt, das schminkte Bild einer Anti-Immigranten-
dazu vor allem beim derzeitigen General- aus dem Bild der Entfesselung einer nicht Partei. Alles andere ist nur schmückendes
beauftragten (délégué général) des FN for- völlig grundlos als zerstörerisch ausgemal- Beiwerk – manche der Wähler würden es
muliert werden, Carl Lang, der als Spitzen- ten (doch nicht materialistisch analysierten vermutlich ungeschminkter ausdrücken als
kandidat in der Region Nord / Pas-de-Ca- und daher unverstandenen, teilweise fan- die Parteikader, jedenfalls in der Öffent-
lais antritt. Gerade in Pas-de-Calais, als al- tastische Züge annehmenden) „Globalisie- lichkeit. Der Hintergrund ist, dass „10 bis
tem Kohle- und Stahlrevier und indutrieller rung“ heraus erklärbar werden soll. Altbe- 15 Prozent der französischen Bevölkerung
Krisenregion, hatte der FN bereits in den kannte und neue Verschwörungstheorien die gesellschaftlichen Probleme nur noch
frühen Neunziger Jahren den Einbruch in schwingen dabei ebenso mit wie rassisti- (vor allem) durch den Wahrnehmungsfilter
eine desorientierte frühere Linkswähler- sche Abgrenzungssuche. ,Einwanderungsproblematik‘ hindurch
schaft versucht. Zwischenzeitlich, vor al- Auch bürgerliche Politiker erkennen aufnehmen“, wie ein Forscher des Cevipof
lem nach der Parteispaltung 1998/99, war diesen Wandel in der Wahrnehmung in ei- (Zzentrum zur Untersuchung des französi-
die soziale Thematik seitens des FN weit- nem Teil des Publikums an, so ein (nicht schen politischen Lebens) es nach der vor-
gehend unbesetzt geblieben. Nun soll es namentlich genanntes) Führungsmitglied letzten Präsidentschaftswahl vom April
laut Carl Lang darum gehen, wieder offen- der konservativen Regierungspartei UMP 1995 ausdrückte. Dieser Anteil ist beein-
siv „das Unglück der französischen Arbei- gegenüber „Libération“ (13. Oktober): flussbar. Er dürfte etwa in der Arbeiter-
ter mit der Geißel der ungezügelten Ein- „Wir sind von einem Gefühl der physi- schaft zurück gegangen sein, nachdem die
wanderung“ in Verbindung zu bringen. schen Unsicherheit zu einem noch mächti- Gewerkschaften 1996/97 einen Kurswech-
In den Mittelpunkt soll dabei der Begriff geren Gefühl übergegangen, jenem der sel vollzogen und sich mit den „illegalen“
der „sozialen Unsicherheit“ (insécurité so- wirtschaftlichen und sozialen Unsicher- Einwanderern als besonders ausgebeuteten
ciale) gestellt werden. Damit beweist die heit. Und demgegenüber sind wir völlig (da in ungeschützten Arbeitsverhältnissen
rechtsextreme Partei einmal mehr ihre Ge- machtlos.“ Vor allem, so wäre man ver- beschäftigten) Kollegen solidarisierten und
schicklichkeit im Entwenden von Begrif- sucht hinzuzufügen, wenn man durch die dafür auch eine offensive Kampagne an ih-
fen aus anderem Zusammenhang, die in Handlungen der eigenen Regierung tagtäg- rer Basis betrieben. Viele zwischen unter-
den FN-Diskurs eingebaut und deren Sinn- lich daran arbeitet, die reale, materielle schiedlichen „Polen“ in der Gesellschaft
gehalt dabei völlig umgedreht wird. Zu Unsicherheit auf sozialem Gebiet noch zu hin- und hergerissenen Individuen können
Anfang des Jahres 2002, im Vorfeld der verstärken. auf diesem Wege, indem man ihnen ein
Präsidentschaftswahl, hatten die großen Es ist nicht das erste Mal in der jünge- konkretes Angebot zum Verständnis gesell-
Parteien (allen voran Amtsinhaber Jacques ren Geschichte, dass der FN von der Lin- schaftlicher Zusammenhänge und zugleich
Chirac) einen Wahlkampf geführt, der ken kommende Schlagworte aufgreift und Identifikationsangebot macht, vom Abglei-

: antifaschistische nachrichten 23-2003 11


ten in den Rassismus abgehalten oder (zu- werden sicherlich jene, die selbst auf der tiert. Würde sie beschlossen, dann wird
mindest zeitweilig) zurück gewonnen wer- Straße waren, kaum in Versuchung gera- das Päcken Zigaretten statt 3,50 künftig
den. Dennoch bleibt stets ein harter Kern ten, die extreme Rechte zu wählen. (Sie 5,50 Euro kosten. Viele Inhaber von Ta-
bestehen – jener des Stammpublikums der werden entweder für die Linke und/oder bakkiosken fürchten deswegen den Ruin.
extremen Rechten –, der sich in den letzten die radikale Linke stimmen, oder aber sich Zwar vermuten sie nicht, dass viele Leute
15 Jahren ideologisch verfestigt haben unter dem Eindruck relativer Demoralisie- mit dem Rauchen aufhören würden – aber
dürfte. rung der Stimmabgabe enthalten.) Doch sie befürchten, dass in steigendem Maße
Dieses Stammpublikum lässt sich in sei- jene, die sich „um sie herum“ befinden geschmuggelte Zigaretten ver- und ge-
nem Bruch mit den anderen politischen und die Protestbewegung beobachteten, kauft würden, die billiger sind, da auf sie
Angeboten bestärken, indem ihm der Ein- ohne aktiv an ihr teilzunehmen, könnten keine Besteuerung erhoben wird.
druck vermittelt wird, dass der FN tatsäch- unter dem Eindruck ihrer relativen Nieder- Vor allem in den Grenzgebieten be-
lich auf alles eine Antwort hat, wie bei- lage anders reagieren. Während jene, die fürchten viele Kioskinhaber jetzt ihren
spielsweise im konkreten Fall auch auf die selbst teilnahmen, immerhin konkret die Konkurs. Zum ersten Mal in der französi-
sozialen Probleme. Ob es dem FN wirklich ermutigende Erfahrung von Solidarität schen Sozialgeschichte kam es deswegen
auch gelingen kann, genau damit in neue und solidarischem Widerstand gemacht zu einem kollektiv organisierten Protest
Wählerschichten einzudringen, dürfte haben, gilt das nicht für die am Rande Ste- der Tabak-Kioskbesitzer: Am Montag, 20.
höchst fragwürdig sein – wer sich dazu henden. Sie könnten sich durch die Nicht- Oktober hielten immerhin 95 Prozent von
entschließt, Le Pen seine Stimme zu ge- Durchsetzung der sozialen Bewegung ihnen gleichzeitig den Laden geschlossen.
hen, tut dies selten nach genauer Lektüre gegenüber den Regierungsplänen zur sozi- Da die „buralistes“ ohnehin oft konser-
des Programms und mittels eines intellek- alen „Regression“ in Haltungen wie Re- vativ bis reaktionär eingestellt sind (was
tuellen Akts. Und die Versuche des FN, im signation, Individualismus und Verbitte- mit ihrer sozialen Einbettung in die
gesellschaftlichen Alltag der sozialen rung bestärkt fühlen. Dort könnte die ex- Schicht kleiner Gewerbetreibender und
Unterschichten präsent zu, beispielsweise treme Rechte durchaus ein geeignetes Pu- Ladenbesitzer zu tun hat), drohen sich vie-
mit der Gründung parteieigener Gewerk- blikum finden, das durch die Stimmabga- le von ihnen nunmehr eher nach rechts zu
schaften oder Mietervereinigungen im so- be einen ohnmächtigen „Protest“ auszu- radikalisieren. Für den Front National ist
zialen Wohnungsbau, hat es zwar gegeben. drücken versucht. das ein absolut gefundenes Fressen, zumal
v.a. zwischen 1996 und 1998. Sie sind je- Nonna Meyer nennt ferner die anste- er hier nach Herzenslust die Thematik der
doch überwiegend gescheitert aufgrund der hende EU-Osterweiterung und die damit angeblich notwendigen Grenzschließung
Parteispaltung im Januar 1999. verbundenen Ängste (Konkurrenz-, (d.h. die Wiedereinführung von Grenzkon-
Insofern richtet sich die abermalige Aus- „Überflutungs“ängste) in einem Teil der trollen an allen französischen Außengren-
richtung auf die soziale Demagogie vor al- Wählerschaft. Auch die erneute Fokussie- zen, die aufgrund der EU-Einbindung ent-
lem auch an das bereits gefestigte FN-Pu- rung der innenpolitischen Aufmerksam- fallen waren) entwickeln kann.
blikum, um es in der Überzeugung zu be- keit auf „den Islam“ (Stichwort Kopftuch- Tatsächlich hat der FN-Generalsekretär
stärken, die rechtsextreme Partei präsentie- Debatte, infolge des Schulausschlusses für Bruno Gollnisch ein Vier-Seiten-Faltblatt
re die „umfassende Alternative“. Dennoch Kopftuch tragende – und möglicherweise herausgegeben und an alle Parteikader auf
ist, leider, im jetzigen Klima durchaus mit islamistischen Einflüssen unterliegende – regionaler sowie Bezirks-Ebene ver-
einem Anwachsen der FN-Wählerschaft zu Schülerinnen in der Pariser Vorstadt Au- schickt, die es wiederum an alle Tabak-
rechnen, darüber sind sich die meisten bervilliers) wird genannt. Ausgabenstellen weiter verteilen sollen.
kundigen Beobachter einig. Und nicht zuletzt spielen die derzeiti- (Vgl. auch „Le Monde“, 25. Oktober) In-
gen Äußerungen kleinbürgerlichen bzw. wiefern das dann auch konkret erfolgt ist,
3. Günstiges Klima für die extreme mittelständischen Unmuts eine wichtige lässt sich kaum überprüfen. Darin wird
Rechte Rolle. Sie werden namentlich von einem die Argumentation des Front National zu-
Die für den FN zuständige Journalistin bei Führungsmitglied der konservativen Re- sammengefasst, die in durchaus sachli-
der Nachrichtenagentur AFP, Alexandra gierungspartei UMP, das ebenfalls einen chem Tonfall daher kommt; so werden ob-
Turcat, befragte Anfang Oktober mehrere Stimmenzuwachs für den FN befürchtet, jektive Fakten wie die Zahlen zu den vor-
SpezialistInnen, deren Antifaschismus er- gegenüber „Libération“ (13. Oktober) ge- herigen Tabakpreis-Erhöhungen aufgelis-
wiesen ist (Nonna Meyer, Jean-Yves Ca- nannt. Dazu zählt vor allem die derzeitige tet. Daneben aber werden ausführlich FN-
mus, Maryse SouchardŠ sie alle haben Protestbewegung der „buralistes“, d.h. der spezifische Themen entwickelt wie:
wichtige kritische Bücher über den FN Inhaber von Tabak verkaufenden Kiosken. 1. Die Notwendigkeit der Wiederein-
verfasst). Das einhellige Urteil lautete, dass führung von Grenzkontrollen und eine da-
der FN in den kommenden Monaten eine 4. Kleinbürgerlich-mittelständischer
Protest mit verbundene Kritik am „Europa von
günstige Situation vorfinde; die Wahlfor- Brüssel“, über welches es heißt: „Was
scherin Nonna Meyer war der Ansicht, er In Frankreich sind in der Regel – anders
als in der BRD – die Verkaufsstellen für (heute) am einfachsten in Europa zirku-
könne „leicht“ auf einen landesweiten liert, das sind die Schmuggler und Krimi-
Durchschnitt von 17 Prozent kommen. Das Zeitungen und Papierwaren einerseits (in
einer „papeterie“) und für Tabak anderer- nellen aller Couleur“.
wäre ein Zuwachs gegenüber den letzten 2. Die Thematik der „Inneren Sicher-
Regionalparlamentswahlebn 1998 (15 Pro- seits getrennt. Zigaretten und Tabakwaren
werden in spezialisierten Läden verkauft, heit“, da ausgemalt wird, die Tabakpreis-
zent), aber etwas weniger als das Ergebnis Erhöhung werde zur Zunahme von Über-
der extremen Rechten bei der Präsident- die aber u.U. auch Café und Bier aus-
schenken (bar-tabac oder bureau de ta- fallen auf und Einbrüchen in Tabakläden
schaftswahl 2002. führen.
Immer wieder als wichtige Faktoren ge- bac). Deren Inhaber hängen also zum
Großteil vom Verkauf von Tabak, sowie 3. Die Anti-Steuer-Demagogie, da die
nannt werden dabei die Folgewirkungen Kioskinhaber ohnehin zu viele Abgaben
der antisozialen Politik der amtierenden u.U. von Alkohol, ab.
Unter dem Vorwand, die Gesundheit bezahlen würden, die oft dazu dienten,
Regierung in Verbindung mit der anhalten- „jeden Quatsch zu finanzieren“ wie bspw.
den Paralysie der etablierten Linksparteien der Bürger besser zu schützen, wird der-
zeit der Tabakpreis radikal erhöht. In die 35-Stunden-Woche für abhängig Be-
(die Sozialdemokratie trägt noch an der schäftigte. Das hatte die sozialdemokrati-
Negativbilanz ihrer eigenen Regierungs- Wirklichkeit geht es darum, die Steuerein-
nahmen des Staates durch indirekte Be- sche Jospin-Regierung zwar geplant, das
jahre, 1997 bis 2002, herum). Man könnte Verfassungsgericht hat dem jedoch einen
dem hinzufügen, dass auch die Ansätze steuerung oder Konsumsteuern (die be-
sonders unsozial, da vom Einkommen Riegel vorgeschoben.
von Demoralisierung infolge der relativen Damit beweist der FN zumindest ein
Niederlage der sozialen Bewegungen im völlig unabhängig ausfallend, sind) zu er-
höhen. In den letzten 14 Tagen kletterte gewisses Geschick, was das Aufgreifen re-
Mai/ Juni 2003 – die regressive Renten“re- aler Stimmungen in der Gesellschaft be-
form“ konnte ja letztendlich nicht verhin- der Tabakpreis sprunghaft um 18 bis 20
Prozent, aufgrund einer Erhöhung des trifft. Dies bestätigt, dass die durch ihn
dert werden, da die Rechtsregierung trotz verkörperte Gefahr nicht vorüber ist.
der Millionenproteste auf harte Haltung Steueranteils; und im Parlament wird der-
zeit eine erneute kräftige Erhöhung disku- Bernhard Schmid, Paris ■
schaltete - eine Rolle spielen dürfte. Zwar

12 : antifaschistische nachrichten 23-2003


: ausländer- und asylpolitik

Niedersachsen droht
Flüchtlingshelfern
Hannover. Der niedersächsische CDU-
Innenminister will härtere Strafen für
Protestierer, die Abschiebungen zu ver-
hindern suchen. Traumatisierte Flücht-
linge sollen ins Herkunftsland abgescho-
ben und dort behandelt werden. „Zy-
nisch“, sagt der Flüchtlingsrat.
Der niedersächsische Innenminister
Uwe Schünemann (CDU) hat eine harte
Gangart gegenüber ausländischen
Flüchtlingen und deutschen Hilfsorgani-
sationen angekündigt. Er will nicht nur
aus Abschiebungen wieder Aktionen im
Morgengrauen machen und die in
Niedersachsen bislang üblichen Voran-
kündigungen abschaffen. Er machte sich nommen und die Kinder von der Polizei die nach „Europa drängenden Flüchtlin-
gestern in Hannover auch für eine Ver- aus der Schule geholt werden“, kritisierte ge in ihren Boten abzuschießen,“ kriti-
schärfung des Ausländergesetzes stark, Weber. siert der Flüchtlingsrat. rua ■
die sich gegen Proteste auf Flughäfen Ein weiterer Vorschlag des niedersäch-
oder in Flugzeugen und damit gegen Hil- sischen Innenministers richtet sich in den Prozesse gegen Antirassis-
forganisationen richtet. Augen des Flüchtlingsrats direkt gegen
Gemeinsam mit Bayern wolle er einen die Opfer von Folter und Bürgerkrieg. tInnen
neuen Straftatbestand im Ausländerge- Schünemann beklagte gestern auch, dass Frankfurt. Am Donnerstag, den 6. No-
setz verankern, mit dem „demonstrativen zahlreiche Flüchtlinge nicht abgescho- vember beginnt vor dem Amtsgericht
Aktionen Dritter gegen Flugabschiebun- ben werden könnten, weil ihnen kurz vor Frankfurt ein Prozess gegen 15 Antiras-
gen begegnet werden“ solle, sagte Schü- dem Abschiebetermin vom Arzt eine sistInnen. Vor nahezu 2 Jahren, am 10.
nemann. Bis zu einem Jahr Haft oder posttraumatische Belastungsstörung at- Dezember 2001 anlässlich des Interna-
eine Geldstrafe solle demjenigen drohen, testiert werde. Niedersachsen wolle tionalen Tages der Menschenrechte stie-
der durch Widerstandshandlungen „im künftig die Behandlung dieser Störungen gen 27 AktivistInnen in weißen Overalls
Vorfeld der Rückführung oder im Flug- im Heimatland finanzieren und trotz At- der Fraport auf das Vordach des damals
zeug“ eine Abschiebung scheitern lasse. test abschieben. Der Flüchtlingsrat be- noch am Tor 3 des Flughafens liegenden
In Flugzeugen würden immer häufiger zeichnet das als zynisch. Die attestierten Internierungslagers. Protestiert wurde
mitreisende Passagiere gegen Abschie- Störungen seien in der Regel Folge von gegen die in Europa einzigarige Flugha-
bungen protestieren, sich etwa weigern, Folter oder traumatischen Kriegserfah- fenregelung, gegen die Internierung von
ihren Platz einzunehmen. Zunehmend rungen und im Herkunftsland nicht be- Flüchtlingen und gegen die unvermindert
seien Abschiebungen nicht mehr mit Li- handelbar. andauernden Abschiebungen. Die Hes-
nienflügen, sondern nur mit teuren, ei- Quelle: indymedia, PM Flüchtlingsrat senschau berichtete damals ausführlich
gens gecharterten Maschinen möglich. Niedersachsen ■ über die Aktion.
Empört zeigte sich der niedersächsi- Mittlerweile ist das Internierungslager
sche Flüchtlingsrat über Schünemanns Falsche Zahlen zum Tag des am Frankfurter Flughafen noch weiter
„haarsträubende Pläne“. Viele Flüchtlin- aus dem öffentlichen Bewusstsein ge-
ge, die sich im Flugzeug widersetzten, Flüchtlings rückt, wurde es doch ans hinterste Ende
hätten zu Recht Angst vor einer Abschie- Kiel. Der Flüchtlingsrat Schleswig-Hol- des Flughafengeländes verlegt und die
bung in ihren Verfolgerstaat, sagte der stein macht zum Tag des Flüchtlings dar- dort einsitzenden Flüchtlinge sind nun
Sprecher des Flüchtlingsrats, Kai Weber. auf aufmerksam, dass die zurückgehen- vollkommen isoliert.
Einzelne Solidaritätsaktionen, bei denen den „Asylantragszahlen“ in der Öffent- „Internierung stoppen – Welcome to
den Fluglinien oder den Piloten schon lichkeit fälschlich als zurückgehende all refugees“ stand auf Transparenten
vor Abschiebungen Protest angekündigt Flüchtlingszahlen interpretiert werden. und per Megaphon wurden Grüße an die
wurde, hätten „durchaus zu begrenzten Dass im Zuge dessen allerdings weiter- Flüchtlinge geschickt, die die Aktion
Erfolgen“ geführt. Von Niedersachsen hin Menschen aus prekären Situationen durch die Fenster ihres Lagers verfolgen
würden allerdings nur wenige Flüchtlin- in die Bundesrepublik Deutschland und konnten und ausdauernd winkten. Kurze
ge ausgeflogen. Schünemann betreibe nach Westeuropa fliehen, obgleich das Zeit später wurden alle Beteiligten von
auch „symbolische Politik“ gegen die hier bestehende, weitgehend entkernte der Polizei festgenommen und erhielten
Flüchtlinge. Flüchtlingsrecht ihnen kaum mehr Strafbefehle wegen Hausfriedensbruch
Der CDU-Politiker will noch im No- Schutz und Bleiberecht verspricht, bleibe und dem Tragen „gleichartiger Klei-
vember einen Erlass ersatzlos streichen, von den Medien und der gesellschaft- dungsstücke“.
der Vorankündigungen bei Abschiebun- lichen Öffentlichkeit weitgehend unbe- Der Prozess verspricht alles andere als
gen vorsah. Nur bei Hinweisen auf ein achtet. Die geforderte Differenzierung langweilig zu werden, sind die Ange-
drohendes Abtauchen des Flüchtlings bei der Anerkennung der vorliegenden klagten doch nicht so recht reumütig ge-
können die niedersächsischen Auslän- Fluchtgründe schutzsuchender Men- willt, die ihnen zugedachte Strafe so ein-
derämter bislang ohne Vorankündigung schen zu leisten sind der deutsche und fach zu akzeptieren. Prozessbeginn 9.00
abschieben. „Der Innenminister will zu andere europäische Staaten nach wie vor Uhr, Amtsgericht Frankfurt, Gebäude E,
jener Praxis zurückkehren, bei der ganze nicht bereit. Stattdessen fabulieren einige 1. Obergeschoss, Raum 11. Infos:
Familien ohne Vorankündigung festge- Regierungschefs medienwirksam davon, www.aktivgegenabschiebung.de ■

: antifaschistische nachrichten 23-2003 13


Abdul M. wurde am Donners-
tag, den 9.10.2003, in seinem
Landkreis Schleiz (Thüringen)
Abdul Masaray sofort aus
verhaftet und in das Abschiebege-
fängnis in Suhl gebracht! Abdul ist
der Abschiebehaft entlassen!
seit 2001 aktiv bei The VOICE Refugee während humanitäre Hilfe und finanziel- Krieg auf Allerschlimmste wieder aus.
Forum engagiert, außerdem ist er ein le Unterstützung von Stiftungen und an- Es war die Regierung Sierra Leones, die
aktives Mitglied der United Sierra Le- deren zu suchen, während sie gleichzei- die liberianischen „Rebellen“ unterstütz-
one Union in Hamburg. In Thüringen tig ein Vehikel für Korruption und Unge- te – während die RUF Unterstützung er-
war Abdul einer der Hauptkoordina- rechtigkeit bleibt und ein Nährboden für hält von Liberia und Guinea. Dies bedeu-
toren der bundesweiten Flüchtlings- unkontrollierte Gier, sowohl nach staat- tet, dass die Situation jederzeit sehr
kampagne gegen die Residenzpflicht licher Macht und Reichtum als auch schnell eskalieren kann.
und der Anti-Residenzpflichtkampag- nach unkontrolliertem sozialen Einfluss. Es ist noch immer ein langer und
ne in Berlin 2001 mit mehr als 3500 Gerechtigkeit schwieriger Prozess, in Sierra Leone
Teilnehmern. wieder Frieden herzustellen. Es gibt Tau-
Das Maß an Ungerechtigkeiten und vor sende von Vertriebenen, die noch immer
Während der Mobilisierungstouren von allem die hohe Anzahl von Menschen- einen Platz haben um sich niederzulas-
The VOICE Refugee Forum organisierte rechtsverletzungen, die in Sierra Leone sen. Jede gewaltsame Abschiebung von
er außerdem Diskussionen und Protest- stattfinden, sind vollkommen unvorstell- Deutschland nach Sierra Leone ist zu
aktionen und sprach über Menschen- bar. Ein Grund dafür ist, [...] dass die diesem Zeitpunkt äußerst destruktiv für
rechtsverletzungen in Sierra Leone. Führung des Landes unfähig ist und kei- den Wiederaufbauprozess des Landes.
Sein politisches Engagement als Kriti- nen Realitätsbezug hat. Wir fordern Individuen, Gruppen, Or-
ker im Sinne der Menschenrechte in Das berüchtigte Sicherheitsgefängnis ganisationen und die allgemeine Öffent-
Sierra Leone gegenüber der Regierungs- des Landes, Padema Road Prison, hat lichkeit auf an den thüringischen Innen-
partei Sierra Leone Peoples Party Zugriff auf viele unschuldige Zivilisten, minister zu appellieren, dass Abdul Man-
(SLPP) und auch in Deutschland ist bei die für gewöhnlich nicht einer Tat be- sary aus der Abschiebehaft in Suhl frei-
seinen Landsleuten und in der afrikani- schuldigt werden, aber in verfassungs- gelassen wird und dass ein unverzüg-
schen Gemeinschaft in Deutschland sehr widriger Weise ins Gefängnis geworfen licher Abschiebestopp nach Sierra Leone
bekannt. werden. Dass dies gegen das Gesetz des erfolgt.
Seine Fähigkeit zu lesen und zu Landes ist, kümmert weder Kabba noch The Voice Refugee Forum ■
schreiben und in vier Sprachen (Eng- Berewa, obwohl Präsident Kabba bei den
lisch, Französisch, Arabisch und Fula- Vereinten Nationen war und Berewa Protestschreiben an den zuständigen
Wolof) seinem Protest Ausdruck zu ver- Rechtsanwalt ist. Die Umstände im Pa- Innenminister von Thüringen, mit Be-
leihen, trug zu seiner internationalen dema Road Gefängnis sind schrecklich zug auf Abdul Mansaray, VG Gera
Profilierung bei, zumal er im Exil damit und unmenschlich gewesen. 4K 20287/03 Ge Herr Andreas Traut-
fortfuhr, die Menschenrechtsverletzun- Derzeit herrscht eine Art von Frieden vetter, Thüringer Innenministerium,
gen Präsident Kabbas zu kritisieren. – doch die Lage ist nach wie vor äußerst Steigerstraße 24, 99104 Erfurt, Tel.:
Offene Gegner der Regierung in Sierra gespannt. Auch im Nachbarland Liberia 0361-37 900, Fax.: 0361- 37 93 111,
Leone werden leicht als mörderische war Frieden – doch plötzlich brach der Mail: poststelle@tim.thueringen.de
Mitglieder der RUF betrachtet und des-
halb besteht die Gefahr, dass ihm will-
kürliche Haft, Folter oder Mord drohen.
Abdul wird möglicherweise auch staat- Bsirske für Legalisierung
licher Verfolgung wegen Landesverrats Der Vorsitzende der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Frank Bsirske
oder anderer falscher Anschuldigungen hat sich für die Legalisierung von Arbeitskräften ausgesprochen, die in Deutschland
ausgesetzt. mit prekären oder ohne Aufenthaltspapiere arbeiten.
Nun, da der brutale Krieg in Sierra Le- „Ich halte es für richtig, dass wir uns als Gewerkschaften dieses Themas annehmen. Ich kann
one vorbei zu sein scheint, und der Frie- mir eine Legalisierung vorstellen“, erklärte Bsirske am Rande des ersten ordentlichen Ge-
den, wenn auch noch trügerisch Schritt werkschaftskongresses in Berlin am Freitag, dem 24. Oktober 2003. Der ver.di-Vorsitzende
für Schritt im Lande einkehrt, scheinen betonte aber auch, dass zuerst eine intensive Diskussion zu diesem Komplex notwendig sei.
viele Seiten, die internationale Gemein- „Die Bereitschaft dazu gibt es und das ist auf diesem Gewerkschaftstag deutlich geworden“,
schaft eingeschlossen, einige Schlüssel- so Bsirske.
faktoren aus den Augen zu verlieren, die Zuvor waren Mitglieder der Gesellschaft für Legalisierung bei ver.di für einen außerordent-
die Brutalität und Wildheit des sinnlosen lichen Redebeitrag auf das Podium getreten, um auf die Situation der illegalisierten Beschäf-
Sterbens und der sinnlosen Zerstörung tigten in Deutschland aufmerksam zu machen. Zugleich forderten sie von ver.di, illegalisierte
im Land erleichtert haben. Das Drängen Arbeitskräfte als Gewerkschaftsmitglieder zuzulassen und sich für die Interessen dieser Ar-
auf Repatriierung, Wiederaufbau und beitnehmerinnen und Arbeitnehmer einzusetzen. Konkret gehe es um Unterstützung im
ökonomische Erholung beschäftigen Kampf gegen Lohnbetrug und für ein Recht auf Legalisierung des Aufenthalts.
weitgehend alle, insbesondere die Kab- Die Intervention auf dem ver.di-Gewerkschaftstag war Teil des Aktionstages für ein „Recht für
ba-Berewa-Regierung, während die Säu- Legalisierung“, den das Bündnis „Gesellschaft für Legalisierung“ am vergangenen Freitag in
len zukünftiger Stabilität: Gerechtigkeit, Berlin ausgerichtet hat. Der Aktionstag bildet den Auftakt einer bundesweiten Kampagne,
Versöhnung und nationaler Fortschritt deren nächste Station am 27. November 2003 Hamburg sein wird.
wieder einmal vernachlässigt worden Dem Bündnis gehören die Berliner Gründungsorganisationen der „Gesellschaft für Legalisie-
sind. rung“ Kanak Attak, Flüchtlingsinitiative Brandenburg (fib), Polnischer Sozialrat, Mujeres sin
Korruption Rostro, Medizinische Flüchtlingshilfe, RESPECT-Netzwerk, Frauen/Lesben-Bündnis gegen
Rassismus und Illegalisierung - Papiere für alle, Mujeres de esta tierra und elexir-A an.
Die Regierung der Sierra Leone Peoples Laut Schätzungen von Sozialverbänden leben in Deutschland bis zu einer Million Menschen
Party (SLPP) versteckt sich im Schatten ohne legalen Aufenthaltsstatus. Von der Verletzung arbeitsrechtlicher Normen ist aber auch
der internationalen Gemeinschaft, insbe- eine weit größere Zahl ausländischer Arbeitskräfte mit befristeten Aufenthaltspapieren in
sondere der Vereinten Nationen, um fort- Deutschland betroffen. http://www.rechtauflegalisierung.de ■

14 : antifaschistische nachrichten 23-2003


Neuerscheinung: Witkobündler hetzen mit
Der geplante Anschlag des Martin Wiese
Globalisierung und Krieg und seiner „Kameradschaft Süd“ auf die
Baustelle des Jüdischen Gemeindezen-
Claudia Haydt / Tobias Pflüger / „Dem permanenten Krieg der west- trums in München hat natürlich auch sei-
Jürgen Wagner, AttacBasisTexte 5 lichen Staaten kann nur durch Druck von ne Vorboten, die „geistigen Brandstifter“
100 Seiten (2003), EUR 6.50 sFr 12.00 unten im Bündnis der emanzipatorischen oder Schreibtischtäter. Einer davon ist der
ISBN 3-89965-004-2 Oppositionsgruppen gegen Krieg, Sozi- in München ansässige revanchistische
alabbau, Ausgrenzung, Aufrüstung und Witikobund, bei dem selbst das bis dahin
Ökonomische und militärische Facetten die derzeitige Form der Globalisierung arg sehbehinderte „Bundesamt für Verfas-
westlicher Hegemonialpolitik bedingen begegnet werden. Gegen den ausgerufe- sungsschutz“ im Dezember 2001 eine
sich gegenseitig: „Der Imperativ der nen permanenten Krieg ist ‘permanente „Verdichtung von tatsächlichen Anhalts-
Globalisierung ist Krieg“. Opposition’ notwendig.“ punkten für rechtsextremistische Bestre-
Der von der US-Regierung ausgerufe- Zu den Autor/innen: Claudia Haydt ist bungen festgestellt“ hat. Hauptquelle die-
ne „Kreuzzug gegen den Terror“ ist ein Religionssoziologin und Beirätin der In- ser „tatsächlichen Anhaltspunkte“ ist der
„permanenter Krieg“. Er wird im We- formationsstelle Militarisierung (IMI) „Witikobrief“, das Mitteilungsblatt dieser
sentlichen geführt, um eine weltweite e.V. (Kapitel 1-4). Tobias Pflüger ist Po- nationalistischen „sudetendeutschen Ge-
(Wirtschafts-)Ordnung militärisch litikwissenschaftler sowie Mitglied im sinnungsgemeinschaft“, die eine tragende
durchzusetzen und abzusichern: Ein IMI-Vorstand und im Wissenschaftlichen Säule der Sudetendeutschen Landsmann-
„doppelter Krieg“ mit militärischen Mit- Beirat von Attac (Kapitel 7-9). Jürgen schaft ist. In ihm hat auch der Antisemi-
teln und mit Marktmechanismen. Am Wagner ist Mitglied im IMI-Vorstand tismus eine „feste Heimstatt“. So in der
Beispiel des Iraks wird deutlich, wie (Kapitel 5-6). Ende Dezember 2002 erschienenen Aus-
ökonomische Interessen und Kriegsfüh- gabe (Heft 6/02).
rung ineinander greifen. Die Buchvorstellung und das Inhaltsver- Dort steht ein zweispaltiger Artikel mit
Westliche Politik zeichnis finden sich unter: der Überschrift: „Verkaufe Rathaus, spon-
führt z.B. in Somalia http://www.imi- sere Synagoge“. Da wird willkürlich die
zu einer massiven online.de/2003.php3?id=685 finanzielle Misere der Kommunen mit
Verarmung, dies Online-Bestellung: dem Bau eines Jüdischen Gemeindezen-
zieht Verteilungs- http://www.imi-online.de/bue- trums in Beziehung gesetzt. Aufhänger
kämpfe nach sich. cher.php3 war die Idee von Münchens OB Christian
Wenn westliche Uhde, das Münchner Rathaus formell an
Interessen tangiert Das Buch kann ab sofort bei eine Stiftung zu verkaufen und dadurch
werden, folgen di- IMI bestellt werden: Am besten im Ergebnis vermutlich etwa 20 Millio-
rekte (militärische) per email: IMI@imi-online.de nen Euro in die Stadtkasse zu bekommen.
Interventionen mit oder auch per Telefon: 07071- Der Artikelschreiber im Witikobrief at-
dem Ziel der Her- 49154, Fax: 07071-49159 oder tackiert, als wenn dies zeitlich zusammen-
stellung ökonomi- Post: Hechingerstrasse 203, hinge, ein einstimmig beschlossenes
scher und machtpoli- 72072 Tübingen. „Baukonzept für ein jüdisches Museum
tischer „Ordnun- Das Buch kostet 6,50 Euro plus auf dem Jakobsplatz“. Es sehe 15,4 Milli-
gen“. Porto (0,76 ¬), ab zwei Exem- onen Euro vor, sowie ein „eigenständiges
Mit dem Europäi- plare verlangt IMI keine Porto- Gebäude zwischen der geplanten Synago-
schen Sozialforum kosten. ge und dem Jüdischen Gemeindezentrum
in Florenz sind glo- (mit Versammlungssaal, Schule, Verwal-
balisierungskritische Natürlich gibt es das Buch tung und koscherem Restaurant)“. Iro-
und Antikriegs-Bewegung eins gewor- auch überall im Buchhandel oder direkt nisch-gehässig wird vermerkt, es werde,
den. Protest und Widerstand sollten sich beim VSA-Verlag (http://www.vsa-ver- statt Schulden abzubauen, „eine kreative-
nicht nur gegen die USA richten, son- lag.de ), dort finden sich auch das In- re Verwendung der Gelder“ gefunden.
dern ebenso gegen die Militarisierung haltsverzeichnis und eine Leseprobe. Woanders als durch Verzicht auf den Bau
der EU und den weltpolitischen Aufstieg ■ einer „Synagoge“ Schulden der Stadt ab-
Deutschlands mit militärischen Mitteln. zubauen, darauf kommt der Witikobrief
überhaupt nicht. Aber mit antisemiti-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über: schem Stammtischniveau wird betont von
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. „Synagoge“, von „sponsern“ und „ko-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de scherem“ Restaurant geschrieben.
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Am Ende, dem Höhepunkt, heißt es:
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, „Es findet eine trickreich finanzierte Im-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, mobilientausch-Transaktion statt: ,Ver-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, kaufe Rathaus und investiere in jüdische,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln.
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. werthaltige Immobilien‘, könnte künftig
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind die richtungsweisende, zugleich ,politisch
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. korrekte‘ (wird höhnisch vermerkt, d.V.)
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- Anlageempfehlung lauten.“ Provokativer
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Schlusssatz: „Warum nicht den Reichstag
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. verkaufen und dafür in das gigantische
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Holocaust-Denkmal investieren? Es
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., könnte alles so einfach sein...“
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- Martin Wiese und Konsorten können
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der sich für ihre Taten bestätigt und bestärkt
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di fühlen. Friedrich Pospiech, Esslingen ■
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. Leserbrief an die Münchner Lokalberichte 22-03

: antifaschistische nachrichten 23-2003 15


: aus der faschistischen presse
Gefragt nach dem Positionspapier, das
Andreas Mölzer anlässlich des Treffens
europäischer Rechter in Klagenfurt (Juli
2002) formuliert hat, fasst Gudenus des-
Nationales Wunder? Verfassungsschutztagung (siehe letzte sen Stoßrichtung zusammen: Das Papier
Junge Freiheit Nr. 44/03 vom 24. Oktober Ausgabe) in einem Spiegel-Interview bekräftige, dass „in Europa eigene Iden-
2003 über die Leser des Blattes erklärt: „Man tität und kulturelle Vielfalt bewahrt wer-
Dieter Stein findet auch, dass der Film muss sich diese Leute als seriös erschei- den“ müsse, „die Familie als Keimzelle
„Das Wunder von Bern“ ein nationales nende, rechtsextremistische Intellektuel- des Staates und Volkes“ zu fördern sei, in
Wunder sei und beschimpft kritische Re- le vorstellen.“ „einem integrierten Europa der Schutz
zensionen: „Am hysterischsten spielt Alexander von Stahl hat Möller bereits des Bürgers vor einer ausufernden, an-
Diedrich Diedrichsen in der Wochenzei- geschrieben und Chefredakteur Dieter onymen Bürokratie und unkontrollierten
tung ,Die Zeit‘ auf. Sein Satz ,Natürlich Stein behauptet, das Blatt prüfe „derzeit Lobbies und Kräften im Hintergrund“
ist Sönke Wortmann kein Nazi‘ kann es die Möglichkeit eines strafrechtlichen garantiert gehöre, „in einer freiheitlichen
mit ,Natürlich habe ich nichts gegen Ju- Vorgehens gegen den außer Rand und Bürgergesellschaft der Zukunft die inne-
den‘ locker aufnehmen ... Noch vor Band geratenen Behördenleiter.“ re Sicherheit Priorität“ habe und „ein Eu-
knapp zwei Jahren hatte der Filmprodu- Aber auch Christoph Butterwegge, der ropa der Vaterländer seine weltpoliti-
zent Bastian Clevé allergrößte Schwie- auf der Tagung des Verfassungsschutzes schen Interessen eigenständig und selbst-
rigkeiten, seine phantastische Neuverfil- referierte, bleibt weiter im Visier des bewusst vertreten“ müsse. Nichts auszu-
mung des Epos ,So weit die Füße tragen‘ Blattes. Offensichtlich in Absprache mit setzen hat Gudenus daran, dass im Rah-
erfolgreich in die Kinos zu bringen. dem Blatt hatte die FDP im Landtag eine men einer „Europakonferenz“ der NPD
Widerwillig und lustlos nahmen die Me- Anfrage zu Butterwegge und seiner Ver- und der British National Party dieses
dien diese Erzählung ... auf. Dieser Film gangenheit im SHB gestartet – die FDP „Positionspapier“ angenommen und zur
wurde fanatisch als ,revanchistisch‘ be- zitierte aus einer 20 Jahre alten Ausgabe Grundlage einer europäischen Zu-
kämpft und lief schließlich nur als Ge- der SHB-Zeitung ,frontal‘ – und führte sammenarbeit von Rechtsextremen und
heimtipp in kleinen Sälen. Beim ,Wun- verschiedene andere Aufsätze des SPD- Neonazis erklärt wurde. Vielmehr ver-
der von Bern‘ ist dies nun anders ... Auf Mitglieds Butterwegge in antifaschisti- langt auch er, dass „europäische Rechts-
alle Fälle wurde eine Tür für mehr Mut schen Publikationen als „linksextremis- parteien [...] sich nicht gegenseitig aus-
zu patriotischem Pathos im deutschen tisch“ an. uld ■ grenzen und sich nicht durch ihnen ab-
Film aufgestoßen!“ Der Rechten gefällt lehnend gegenüberstehende Medien aus-
der Film offensichtlich aus diesem Gudenus-Interview in NPD- einander dividieren lassen“. Als einzige
Grund. Einschränkung will Gudenus gelten las-
Blatt sen, dass diese Parteien „in der Gesetz-
Auseinandersetzung mit Deutsche Stimme 10-2003 gebung der jeweiligen Staaten tätig
Offenbar keine Berührungsängste gegen- sind“. www.doew.at,
dem Verfassungsschutz über Neonazis kennt der FPÖ-Bundesrat Neues von ganz Rechts ■
NRW John Gudenus. So ließ er sich für die Ok-
Junge Freiheit Nr. 45/03 vom 31. Oktober toberausgabe der Deutschen Stimme von „Signal“ erscheint jetzt als
2003 Holger Apfel interviewen. Der FPÖ-Spit-
Das Blatt führt seinen Rechtsstreit gegen zenpolitiker stimmt dort dem NPD-Füh- „nation24.de“
die Beobachtung durch den nordrhein- rungskader in seiner Beschreibung der Mit reichlicher Verspätung erscheint Nr.
westfälischen Verfassungsschutz NRW FPÖ als willige Mehrheitsbeschafferin 144, 2. Quartal 2003 (!). Statt das Blatt
zur Zeit mit einer Parallel-Klage vor dem für den neoliberalen Kurs der ÖVP weit- einzustellen, soll wieder mal ein neuer
Verwaltungsgericht Düsseldorf und dem gehend zu. Gudenus setzt an seinen Par- Titel neue Leser bringen. Herausgeber
Bundesverfassungsgericht weiter und teifreunden aus, dass sie „die patriotische Manfred Rouhs in seinen „Hausmittei-
droht dem Leiter des nordrhein-westfäli- bzw. nationale Grundlinie“ heute mehr- lungen“: Die Auflage der Signal-Druck-
schen Landesamtes für Verfassungs- heitlich verschweigen. Auch das Chris- ausgabe stagniere seit Jahren, während
schutz, Hartwig Möller, mit einer Unter- tentum habe bei der FPÖ keine „kämpfe- die Veröffentlichungen im Internet stän-
lassungsklage. Möller hatte nach der rische Komponente“. dig mehr Besucher anzögen. Folgerichtig
passe man das Printmedium nation24.de
dem Online-Medium an. Zu erwarten
habe die Leserschaft weniger „Meinung“
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
sondern mehr „Information“, kurze Be-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: richte von im Regelfall zwei Seiten Um-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich fang. Das Titelthema „Der Islam verläßt
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
die Hinterhöfe“ wird dann aber doch
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
gleich über sieben Seiten breitgewalzt.
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
„Während die Deutschen schlapp ma-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). chen“, so Rouhs, „wissen die Islamisten
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
ganz genau was sie wollen: Europa ist
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) zum Zielgebiet ihrer Mission geworden.“
Dieser „Islamisierung Europas“ hält
Name: Adresse: Rouhs seine „Mission“ entgegen: „Erhalt
der abendländischen und nationalen
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts Identität“, 60 Jahre nach Hitler müsse es
möglich sein, wieder „einen gesunden
Unterschrift Patriotismus zu entwickeln“. Nein, muss
es nicht, ist dazu nur zu sagen – denn es
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
ist bekannt, wohin der geführt hat.
u.b. ■

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