Sie sind auf Seite 1von 4

2

Ulrich Kobbé Diplom-Psychologe

München, den 10. November 1989

Gefährlichkeitsprognose als klinisches Urteil.

Teilergebnisse einer Evaluationsstudie des Beurteilungsbogens im Westf. Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt

1

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte versuchen, Ihnen einen kurzen Überblick über die Praxis der Ge- fährlichkeitsprognose im Westf. Zentrum für Forensische Psychiatrie Lipp- stadt und die aus einem diesbezüglichen Forschungsprojekt resultierenden Teilergebnisse zu geben.

Problemstellung

Als gesetzliche Grundlage heißt es im Maßregelvollzugsgesetz (MRVG) für das Land Nordrhein-Westfalen in § 15, „das Maß des Freiheitsentzuges rich- tet sich nach dem Erfolg der Behandlung", doch präzisiert die Durchführungs- verordnung zum Maßregelvollzugsgesetz (DV-MRVG) für Nordrhein- Westfalen in § 9 Abs. 1 darüber hinaus, „die Lockerungen der Unterbringung sind so anzuordnen und zu gestalten, daß die durch den Vollzug gebotenen Freiheitsbeschränkungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt verringert und all- mählich abgebaut werden". - Insgesamt stellt sich somit für die Therapeuten im Maßregelvollzug die Frage nach dem 'richtigen' Zeitpunkt für sogenannte Vollzugslockerungen, d.h. für die schrittweise Erweiterung von Freiräumen in bzw. aus der Zwangsunterbringung. Vor der Lockerungsentscheidung geht es

1 Kurzreferat auf der 4. Forensischen Herbsttagung der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maxi- milians-Universität München in Verbindung mit der Arbeitsgemeinschaft für Methoden und Doku- mentation in der Forensischen Psychiatrie (AGFP) am 10. und 11. November 1989

folglich im Einzelfall um die Prognose der Gefährlichkeit des jeweiligen Pati- enten, doch sind derartige Vorhersagen als solche bereits wegen des Feh- lens allgemeinverbindlicher Kriterien, aber auch wegen ihrer Abhängigkeit von der Erfahrung der Therapeuten nach wie vor problematisch (vgl. Hinz 1986, Hinz 1987, Volckart 1985), siedelte Murach die Prognose erst kürzlich gar „zwischen Würfeln und Wissenschaft" an (Murach 1989). Rasch (1985) kennzeichnet die Prognose im Maßregelvollzug als „kalkuliertes Risiko", kon- statiert u. a., „der Versuch, das Verhalten psychiatrischer Patienten aufgrund der Verhaltensbeobachtung während der Unterbringung zu prognostizieren", sei "von vornherein als vergebliches Bemühen anzusehen" (Rasch 1984, 136); nichtsdestotrotz mußte Leygraf noch vor 1 Jahr in seiner epidemiologi-

schen Untersuchung über die Maßregelvollzugspraxis weiterhin feststellen, die Prognosebeurteilung erfolge zumeist „anhand äußerer Kriterien eines möglichst 'anstaltskonformen' Verhaltens" (Leygraf 1988, 193; s.a. Rasch 1986, 100) - die intensive wissenschaftliche Diskussion über die Voraussa- ge künftiger Gefährlichkeit schlage sich in der Praxis bisher nicht nieder.

Vor diesem Hintergrund mahnt Rasch an, diese „grundsätzlichen Schwierig- keiten können weder übermächtiges Sicherheitsdenken rechtfertigen noch die Resignation, sich nicht um Prognoseentscheidungen zu bemühen" (Rasch

. Er fordert als

1986, 106) und kritisiert die wohl gängige

Routine die Erfassung entscheidender Dimensionen im Rahmen einer so- genannten Checkliste und beschreibt diese als:

Tatkomplex (Situation versus Persönlichkeit)

Persönlichkeitsquerschnitt bzw. aktuelle Krankheitssymptomatik

bislang in der Unterbringung beobachtetes Verhalten

soziale Perspektiven im Falle der Durchführung der Lockerungen, d.h. Antizipation der zu erwartenden relevanten Situation (Rasch 1986, 106; s. a. Rasch 1985).

Kriterienreduktion

Untersuchungsgegenstand

Auf der Grundlage dieser Entwürfe und unter Mitwirkung von Herrn Rasch entwickelte das Westf. Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt einen sogenannten Beurteilungsbogen, so daß seit 1985 anläßlich definierter Lok- kerungsschritte vermittels dieses Bogens eine prognostische Einschätzung durch das Behandlungsteam anhand deliktdynamischer, diagnostischer, pro- blembezogener, persönlichkeitsstruktureller, therapeutischer und alltagsorien- tierter Kriterien vorgenommen wird. Der Beurteilungsbogen selbst enthält ne-

ben den Basisdaten des Patienten 45 Einzelfragen meist in Form einer Ra- tingskala, die sich auf die obengenannten Dimensionen beziehen.

In einem evaluativen Forschungsprojekt von Mitarbeitern der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Bielefeld, des Westf. Zentrums für Fo- rensische Psychiatrie Lippstadt wie der Oberstaatsanwaltschaft Hamm wur-

de eine

(Stichtag 01.10.87) durchgeführt. In dieser Population

brachten Patienten

lagen

Gesamterhebung bei insgesamt 263 gemäß § 63 StGB unterge-

202 Beurteilungsbögen vor; von den restlichen 61 Patienten waren ca.

30 Patienten - aus welchen Gründen auch immer - zum Erhebungszeitpunkt noch nicht gelockert, 25 Patienten hatten bereits vor Einführung des Beurtei-

lungsbogens den weiterhin fortbestehenden Lockerungsstatus erreicht, bei dem Rest war eine Erhebung u. a. wegen versandter, d.h. fehlender, oder wegen unvollständiger Akten zum Stichtag nicht möglich.

Vorläufige Ergebnisse

ergibt, daß Vollzugslockerungen für

2/3 der Untergebrachten Patienten zum Klinikalltag gehören und ein Großteil zudem ohne (direkte) institutionelle Begleitung oder Kontrolle stattfindet.

Die Sichtung der

Lockerungspraxis

Der Untersuchungsansatz konzentrierte sich auf die Evaluation der Beurtei- lungskriterien , bildet doch der Beurteilungsbogen selbst zunächst lediglich das ab, was innerhalb der Institution als prognoserelevante Items angenom- men werden. Um den Zusammenhang einzelner Items bzw. Ratingskalen des Beurteilungsbogens mit der Lockerungsentscheidung festzustellen wurde zu- nächst eine Auswertung bivariater Kreuztabellen und trivariater Tabellen vor- genommen, bei der sich einige interessante und z. T. überraschende Resul- tate ergaben, die z. Z. noch mit einem multivariaten Auswertungsverfahren

(Backhaus u. a. 1989) überprüft werden. Ich hatte bei Anmeldung dieses Kurzreferats gehofft, Ihnen bereits Einzelergebnisse bzw. Einzeldaten referie- ren zu können, muß Sie jedoch um Verständnis dafür bitten, daß noch keine Ergebnisse vorliegen und veröffentlicht werden können, die nicht rechnerisch und methodisch abgesichert und von der obengenannten Forschungsgruppe abschließend erörtert worden sind. In jedem Fall zeichnet sich jedoch bereits

(Klassa) existiert, anhand des-

jetzt ab, daß ein

sen über die beantragte Vollzugslockerung entschieden wird.

valides „Kriteriengerüst"

Berücksichtigt man darüber hinaus, daß Kühl und Schumann erst kürzlich be- züglich der Konstrukte psychodynamischer Persönlichkeitstheorien auf die Unmöglichkeit einer Definition „ihrer Grundbegriffe (wie z.B. Abwehrmecha-

nismus, Trieb, Über-Ich)" hinwiesen und den "empirischen Gehalt klinischer Dispositionsaussagen" anzweifelten (Kühl und Schumann 1989, 139), so sind

unsere Daten - vorsichtig formuliert - diesbezüglich ermutigend. Darüber hin- aus weist die Untersuchung den Verdacht einer unfreiwilligen Kriterienreduk-

vielmehr gehen bestimmte diagnostische,

tion als unbegründet zurück:

psychodynamische, persönlichkeitsstrukturelle wie therapeutische Kri- terien in praxi wesentlich in die Gesamtbeurteilung ein.

Aus Zeitgründen möchte ich auf die Entscheidungspraxis wie auf die Rück- nahme der Vollzugslockerungen und die betreffenden Ergebnisse nicht einge- hen, aber einen Einblick in die Fälle geben, in denen rechtswidrige Taten zum Abbruch der Lockerungsmaßnahme führten. In der Zusammenschau finden

einschlägige Delikte

handelt. Abgesehen davon, daß eine Häufung sexueller Taten auffällt, die u. E. jedoch nicht voreilig interpretiert werden darf (vgl. Pollähne 1989, 16), ist ein weiterer Punkt bemerkenswert: zum Zeitpunkt der Zwischenfälle lag die Beurteilung der Gefährlichkeit dieser Patienten zwischen 6 und 14 Monate zurück, sodaß die Problematik nicht in der Prognose zum Zeitpunkt der Be- fürwortung der Lockerungsmaßnahme liegt, sondern darin, während der Durchführung der Maßnahmen nicht ausreichend auf eine Veränderung des situativen Umfelds und der aktuellen Verfassung des Patienten geachtet und mit einem entsprechenden Abbruch der Lockerung reagiert zu haben (Polläh- ne 1989, 15-17; vgl. Volbert 1986).

sich 5 Zwischenfälle, bei denen es sich jeweils um

Schlußfolgerung

ist festzustellen, daß offenbar ein valides Kriterienge-

rüst existiert, auf dessen Grundlage das Risiko der Vollzugslockerung kalku- liert wird, d.h. wir haben sozusagen wissenschaftlich Würfeln gelernt, können

bestimmte klinische Items bewußter als zuvor in unsere Vorhersagen der Ge- fährlichkeit psychisch kranker Rechtsbrecher einbeziehen. Für die Praxis von größerem Gewicht scheint uns derzeit zu sein, daß der Verlauf einer Locke- rungsmaßnahme , daß die (Weiter-)Entwicklung des Patienten in dieser Zeit und im jeweiligen Umfeld sorgfältig beobachtet wird, um rechtzeitig und ange- messen auf kritische Situationen oder Konstellationen reagieren, diese auf- fangen und einer eventuellen neuen Straftat zuvorkommen zu können. Dies- bezüglich planen wir derzeit den Einsatz des Beurteilungsbogens in bestimm- ten definierten Zeitabständen.

Zusammenfassend

4

Zusammenfassung

Gefährlichkeitsprognosen sind explizite wie implizite Grundlage der Lockerungsentscheidung im Maßregelvollzug, wobei auch neuere Veröffentlichungen auf Intuition, persönliche Erfahrung des Beurteilers sowie auf die Formalanpassung des Patienten als unzureichende Entscheidungspara- meter verweisen.

Demgegenüber wird seit 1985 im Westf. Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt anläßlich definierter Lockerungsschritte mit Hilfe eines formalisierten Beurteilungsbogens eine prognosti- sche Einschätzung durch das Behandlungsteam anhand deliktdynamischer, diagnostischer, pro- blembezogener, persönlichkeitsstruktureller, therapeutischer sowie alltagsorientiert Kriterien vorge- nommen.

Aus einer Gesamterhebung bei 263 gemäß § 63 StGB untergebrachten Patienten am 01.10.87 (Stichtag) lagen 202 Beurteilungsbögen vor, die in einem gemeinsamen Evaluationsprojekt von Mitarbeitern der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Bielefeld, des Westf. Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt wie der Oberstaatsanwaltschaft Hamm untersucht werden. - Die erhobenen Daten und bislang vorliegenden Korrelationsergebnisse bestätigen die praktische Eig- nung dieses Beurteilungsbogens bezüglich der Prognose der zu erwartenden Delinquenz und wei- sen auf die Bedeutung klinischer Kriterien für die Gefährlichkeitsprognose und die Lockerungsent- scheidung hin: es läßt sich aufzeigen, daß beide bestimmte Konzepte von 'Gefährlichkeit' implizie- ren, die nicht mehr nur an statistischen, intuitiven sowie verhaltensabhängigen Merkmalen orien- tiert sein müssen; vielmehr gehen bestimmt diagnostische, psychodynamische, persönlichkeits- strukturelle wie therapeutische Kriterien in praxi wesentlich in die Gesamtbeurteilung ein. Hierbei lassen sich zum aktuellen Stand der Untersuchung signifikante Zusammenhänge einzelner klini- scher Items mit der Lockerungsentscheidung nachweisen. Anhand empirischer Ergebnisse wird darauf verwiesen, daß der Gefährlichkeitsprognose nicht nur zum Zeitpunkt der Lockerung, son- dern auch während der Durchführung der Maßnahme Augenmerk zukommen muß.

Literatur

Backhaus, K.; B. Erichson; W. Plinke; Chr. Schuchard-Ficher; R. Weiber

Multivariate Analysemethoden. Eine anwendungsorientierte Einführung. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York (1989)

Durchführungsverordnung zum Maßregelvollzugsgesetz (DV-MRVG). Land Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (1986)

Gesetz über den Vollzug freiheitsentziehender Maßregeln in einem psychiatrischen Krankenhaus und einer Entziehungsanstalt (Maßregelvollzugsgesetz - MRVG). Land Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (1984)

Hinz, Stefan

Gefährlichkeitsprognose im Maßregelvollzug. in: R & P 4 (1986) 4, 122-127

Hinz, Stefan

Gutachterliche Vorhersage von Gefährlichkeit. Vom Scheitern im Ausland und der Kritik im In- land. in: R & P 5 (1987) 2, 50-57

Kobbé, Ulrich

Die Gefährlichkeitsprognose als Grundlage der Lockerungsentscheidung im Maßregelvollzug. Ein Zwischenbericht aus dem Westf. Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt. Vortrag auf der Arbeitstagung des Arbeitskreises Maßregelvollzug in der Arbeitsgemeinschaft für Methoden und Dokumentation in der Forensischen Psychiatrie am 09.06.89, Gießen

Kühl, J.; K.F. Schumann

Prognosen im Strafrecht - Probleme der Methodologie und Legitimation. in: R & P 7 (1989) 4, 126-148

Leygraf, Norbert

Psychisch kranke Straftäter. Epidemiologie und aktuelle Praxis des psychiatrischen Maßregel- vollzugs. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York (1988)

Murach, Michael

Zwischen Würfeln und Wissenschaft. Zur Mißbrauchsprognose im Strafvollzug. in: R & P 7 (1989) 2, 57-67

Pollähne, Helmut

Zur Kalkulierbarkeit des Risikos bei Lockerungen im Maßregelvollzug. Referat auf dem XVIII. Symposium des Instituts für Konfliktforschung Köln in Verbindung mit dem Verein deutscher Strafverteidiger e.V. "zur Problematik von Vollzugslockerungen und be- dingen Entlassungen bei Aggressionstätern" am 28. bis 29.10.89, Maria Laach

Rasch, Wilfried

Zur Praxis des Maßregelvollzuges. Verhalten in der Institution als Basis der Prognosebeurteilung. in: Eisenbach-Stangl, I.; W. Stangl (Hrsg.) Grenzen der Behandlung. Soziale Kontrolle und Psychiatrie. Westdeutscher Verlag, Opladen (1984) 128-138

Rasch, Wilfried

Die Prognose im Maßregelvollzug als kalkuliertes Risiko. in: Schwind, Hans-Dieter (Hrsg.) Festschrift für GÜNTERBLAU zum 70. Geburtstag am 18. Dezember 1985. Walter de Gruyter, Berlin (1985) 309-326

Rasch, Wilfried

Die Funktion von Lockerungen im Maßregelvollzug. in: Pohlmeier, H.; E. Deutsch; H.-L. Schreiber (Hrsg.) Forensische Psychiatrie heute. Ulrich Venzlaff zum 65. Geburtstag. Springer- Verlag, Berlin Heidelberg New York (1986)

99-107

Volbert, Renate

Zwischenfälle im Maßregelvollzug. Wie kalkulierbar ist das Risiko? in: MschrKrim. 69 (1986) 6, 341-347

Volckart, Bernd

Sachverständigenbeweis zur Kriminalprognose - darf das Gericht den Beweisantrag ablehnen? in: R & P 3 (1985) 1, 25-30