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Weiterbildungskonzepte: Vom Konzept zur

Konzeption...
Struktur, Dynamik, Standards und Ethik
vollzugsspezifischer Erwachsenenbildung

Ulrich Kobbe

Um zunächst den Titel dieser Arbeit zu (er)klären: Konzepte sind erste Fassungen, Plä-
ne, Entwürfe und insofern vorläufig und/oder theoretisch - hier jedoch geht es um kon-
kret umsetzbare, praxisnahe (oder praxisunmittelbare) Entwürfe, um eine Konzeption
als Leitprogramm. Dabei spielt die Überschrift dieser Arbeit mit der Doppeldeutigkeit
des Begriffs, indem „Konzeption" auch mit Empfängnis bzw. Befruchtung übersetzt
werden kann und somit etwas durchaus Wesentliches der Weiterbildung angibt: Sie soll
„befruchtend" wirken, muss also bei dem Empfänger - um in der Praxis Früchte zu tra-
gen - Betroffenheit erzeugen, sprich, sowohl emotionalisieren als auch gedanklich
beteiligen. Damit wird bereits ein grundlegendes Prinzip von Weiterbildung benannt:
Analog zum therapeutischen Prinzip in der Arbeit mit Sexualstraftätern muss auch der
Referent in der Weiterbildung in der Lage sein, den Seminarteilnehmer zu überraschen.
Dabei werden die hier vertretenen und skizzierten Weiterbildungsaspekte insbeson-
dere vor dem Hintergrund eigener langjähriger Arbeit mit Tätern, mit stationärer Thera-
pie innerhalb des Maßregelvollzugs und ambulanter Therapie im Offenen Vollzug, ei-
nerseits begründet und andererseits auf die Lehr- und Weiterbildungserfahrung in ver-
schiedenen Einrichtungen, insbesondere berufsbegleitenden Lehrgängen zur Qualifizie-
rung von Psychologinnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen bzw. -pädagoginnen „zur
Behandlung von Täterpersonen im Kontext von sexuellem Missbrauch und anderen Se-
xualdelikten" gegründet sowie aus der Supervisionstätigkeit mit Teams in Sozialthera-
peutischen Anstalten abgeleitet.
Weiterbildungen in der Täterarbeit sollten eine Themen-, Methoden- und Theorie-
vielfalt aufweisen (Burger & Kobbe, 2000). Beispielhaft lässt sich an den Seminaren
der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmissbrauch und -Vernachlässigung (DGgKV)
ablesen, deren aktuelles Programm „Täter - Taten - Therapien" folgende Inhalte um-
fasst:

• Die Bearbeitung des Motivati- • Die Entwicklung der therapeuti-


onsproblems schen Gestalt im Lichte der Ge-
• Die therapeutische Beziehung genübertragung
• Die Entschlüsselung sexuell de- • Dynamik und Therapie schwerer
vi-anter Probleme Perversionen

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Therapieplanung und Therapie- Sexualstraftäter und die Ande-
prozesse ren: Systemische Ansätze
Die Stellung der Sexualität in Die Bewertung des therapeuti-
der psychischen Organisation schen Erfolgs: Behandlungs- und
Intrafamiliärer Missbrauch Rückfallprognose
Indikationen und Einzelsupervision
Kontraindikationen Gruppensupervision
Die spezifische Problematik der Selbsterfahrung
Täterinnen

Ähnlich ist ein Weiterbildungskonzept der DGgKV aufgebaut, das sich unter dem Mot-
to
„... sind noch Kinder, doch auch Täter ..." als berufsbegleitende Fortbildung an Be-
treuer und Behandler sexuell aggressiver Kinder und Jugendlicher richtet. Die Themen
sind:

Allgemeine und spezielle Entwick- • Behandlungs- und Rückfallprog-


lungspsychologie nose
Zur Konstruktion von Männlich- • Verhaltenstherapeutische
keit Interventionen
Aggression und Gewalt • Systemische Interventionen
Sexualität und Aggression • Tiefenpsychologische Elemente
Perversionsentwicklung und sexu- der Behandlung
ell deviante Symptome • Zukunftswerkstatt
Die spezifische Problematik ju- • Institutionsimmanente Dynamiken
gendlicher Täterinnen und Kooperation
Sex und Gender • Konfrontation mit sexueller Devi-
Diagnose - diagnostische Verfah- anz
ren - Indikationsstellung • Exkursionen
• Einzelsupervision
• Gruppensupervision
• Selbsterfahrang

Anhand dieser Seminarprogramme wird exemplarisch deutlich, dass derartige Fort- und
Weiterbildungen sich weder auf (zu) spezielle Problemgruppen verengen dürfen noch
methodisch einseitig werden oder Praxis gegen Therapie - bzw. umgekehrt - ausspielen
dürfen. Dies aber setzt nicht nur ein entsprechend vielseitiges Programm voraus, son-
dern auch eine Dozentenauswahl, die neben den Kriterien inhaltlicher Art (Theorie,
Handlungswissen, Didaktik usw.) auch Fragen der Feldkompetenz berücksichtigt. Ähn-
lich beinhaltet dies auch für die Auswahl der Supervisoren, dass diese nicht nur eine
qualifizierte Supervisionsausbildung besitzen, sondern auch über relevante Praxiserfah-
rung in dem betreffenden - oder einem vergleichbar relevanten - Praxisfeld verfugen
sollten.

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Theoretische und praktische Vielseitigkeit setzt gleichzeitig voraus, dass Weiterbil-
dung umfassend ist und nicht unter ausschließlich strategisch-ökonomischen Gesichts-
punkten eingesetzt wird. Dem entsprechend sollte die derzeit favorisierte Manualisie-
rung von Behandlung nicht als Prototyp von Behandlung schlechthin missverstanden
werden. Diesbezüglich warnt Legewie (2000. 45). wenn es nicht gelinge, „den Beson-
derheiten der Psychotherapie [ . . . ] Rechnung zu tragen, [ . . . ] werden sich schlimmsten-
falls solche „wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren" immer mehr
durchsetzen, die ein simples Regelsystem für Anfänger („Manualisierung") an die Stelle
der Kunstlehre heilkundlicher Psychotherapie setzen". Ebenso wenig darf der aktuell
geförderte und bevorzugte Einsatz von Behandlungsmodulen nicht als die einzig effek-
tive oder ausschließlich sinnvolle Therapie für Sexualstraftäter propagiert werden. Denn
Behandlung folgt den Prinzipien der jeweils angemessenen Diagnose- und Indikations-
stellung mit entsprechend individueller, das heißt problem-, störungs- und persönlich-
keitsspezifischer Behandlungsplanung. Dabei können Behandlungsmodule und Thera-
piemanuale immer nur beschränkten Bausteincharakter haben, niemals jedoch die The-
rapie insgesamt beinhalten oder ersetzen.
Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach einer Deliktorientierung der Behand-
lung: Aktuell wird dieses wichtige - aber eben nicht ausschließlich wirksame - Prinzip
effektiver Täterarbeit durch einen kriminalistischen Trend der Tatortanalyse zu einer
stereotypen Beweisführung innerhalb von Behandlungen „missbraucht". Während es in
deliktzentrierten Behandlungen darum geht, vergangene Ereignisse zu resubjektivieren,
sich diese erinnernd zu ver-innerlichen. so ist dies etwas dezidiert Anderes als eine de-
tailgenaue Rekonstruktion des Tatgeschehens. Mithin ist Tätertherapie ein dem tatort-
analytischen Ansatz der Auswertung objektiver, subjektunbezogener Tatbestandsmerk-
male geradezu entgegengesetztes psychotherapeutisches Vorgehen. Die „Kriminalpsy-
chologie" der Tatortanalyse nimmt für sich die Möglichkeit in Anspruch, „anhand einer
abgeschlossenen Tatortanalyse die Dynamik eines Verbrechens und damit die darunter
liegenden Bedürfnisse des Täters zu erkennen", um über „derartig definierte Merk-
malscluster [...] neue Erkenntnisse bei [...] den einzusetzenden Therapiemöglichkeiten
[anzujbieten" (Müller, 2002). Doch das Indizienparadigma der Tatortanalyse verfehlt in
seiner Focussierung objektiver Fakten das Subjekt der Tat vollends, wenn in der Tradi-
tion naturwissenschaftlich-deterministischer Faktenanalyse mit linearem Abfolgemodell
etwas verobjektivierend zu konkretisieren versucht wird, das als höchst subjektives, af-
fektives Tatgeschehen innerhalb der physikalischen Gegebenheit nicht zu erfassen ist.
Bei einem reflektierten subjekttheoretischen - sprich, tat- und täterorientierten - Be-
handlungsmodell müsste es darum gehen, sich der zwischenmenschlichen Anstrengung
zu unterziehen, dem Täter zuzuhören, sich auf das Sprechen wie auf das Schweigen und
Verschweigen dieses Subjekts einzulassen, darin die unbewussten Anteile seines Erle-
bens, Fantasierens, Denkens, Handelns und Verhaltens, deren Wunsch- und Abwehras-
pekte zu erfassen und zu verstehen.
Gerade indem kriminalistisch orientierte Therapeuten „das Verbrechen mit all seinen
grauenvollen Details" beweisführend präsentieren und mit der Begründung, die Tat
„gehöre [...] zur Persönlichkeit des Täters", (Klingst, 2003, 3) als objektivierbares Cha-
raktermerkmal festlegen, nutzt diese kriminalistische Praxis die - Scheußlichkeit der -

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Tat als Dreh- und Angelpunkt tatanalytischer Kriminaltherapie. Anstatt den Täter zum
Ausgangspunkt psychotherapeutischer Erkenntnis zu machen, bedeutet tatortanalyti-
sches Vorgehen.
• „dass die Tat stärker ins Zentrum von Therapie [...] rücken muss"
(Klingst 2003. 3),
• dass die Behandlung also vom Täter und dessen Subjektivität abrückt und
• dass Behandler ihre (scheinbare) wissenschaftliche Rationalität - wie beispielhaft
an Begrifflichkeiten der „Scheußlichkeiten", des „Bösen" ablesbar - zur Ver-
wirklichung moralischer Maßgaben, sprich, irrationaler Behandlungsmaxime
einsetzen.

Denn: Das Postulat einer „objektiven Realität" des Tatgeschehens und der Tatmotive
geht von einer geradezu paradoxen Voraussetzung aus, die in ihrer - sprichwörtlich
„unmöglichen" - Objektivität zum objekthaften Wechselbegriff des Subjekts (Tat als
Persönlichkeitseigenschaft) gerät und Fetischcharakter annimmt (Tatzentrierung der
Behandlung).
Beispielhaft lässt sich das Gegenteil am „Arbeitsbuch Täterhilfe" von Vanhoeck und
Van Daele aufzeigen, deren Ansatz ein gut strukturiertes, systematisches Bausteinprin-
zip zur Verfügung stellt. So behandeln die 20 Lektionen dieses Arbeitsbuches folgende
Themenbereiche:

Ursachen und Verantwor- Schuld - Reue -


tung Vergebung
Motivation für Therapie Verantwortung - Arbeitsbuch!
Rekonstruktion der Tatsa- Haftung - Schuld
chen Einfühlungsvermögen
Tatsachen und Interpretatio- Zuverlässigkeit -
nen Vertrauen - Respekt
Wie funktioniert Therapie? Selbstkenntnis -
Was ist Missbrauch? Selbstwahrnehmung
Folgen für das Opfer Wissen - Fühlen - Tun
Missbrauchskette Lebensqualität -
Risikosignale - Rückfallprä- eigene Zielsetzungen
vention

Mit einer Mischung aus gut dosierter Wissensvermittlung, praktischem Selbstbezug,


theoretischem Nacharbeiten und übenden Prinzipien wird hier Tätern im Rahmen von
Vorbereitung auf Behandlung bzw. therapiebegleitenden Hausaufgaben ein ausgewoge-
nes, vielseitiges Programm angeboten, wie man es sich ähnlich auch für die Weiterbil-
dung der Behandler wünscht.
Gefordert ist also bei den Veranstaltern von Weiterbildung eine Redlichkeit im Um-
gang mit theoretischen wie praktischen Konzepten, sprich, ein Bewusstsein der eigenen
wissenschaftsideologischen Position, eine reflektierte Relativierung der vertretenen
Modellvorstellung einschließlich einer Aufgabe von Wahrheits- oder Ausschließlich-

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keitsansprüchen. Und dies führt zwangsläufig zu theorie- oder schulenübergreifenden
Weiterbildungskonzepten.
Wie aus den mehrfachen Hinweisen auf Supervision und Selbsterfahrung bereits
deutlich wird, konzentriert sich eine fachgerechte Weiterbildung zur Qualifizierung von
Mitarbeitern für die Behandlung von Tätern nicht ausschließlich auf die Vermittlung
von Handlungs- und Behandlungswissen. Vielmehr geht es um die Person des Behand-
lers - des Weiterbildungsteilnehmers - selbst und nicht nur um sein fachliches Know-
how. Erst bei Einbeziehen seiner persönlichen Aspekte wäre er in der Lage, die „Werk-
zeuge" und „Methoden" sinnvoll und überlegt einzusetzen, wie sie für eine konstruktive
Überraschung des Klienten, für eine motivierende Provokation aus den sog. provokan-
ten Techniken entlehnt werden können. Die paradoxen Prinzipien bzw. Kerngedanken
lauten: „Wenn Du etwas verstärken willst, dann stelle es in Frage" oder aber in Umkeh-
rung des Satzes: „Wenn Du etwas verändern willst, dann lobe das Alte" (Schulze, 1996,
299). Diese Devise und die nachfolgenden Methoden funktionieren naturgemäß nicht
nur in der Arbeit mit Tätern, sondern auch in der Weiterbildung mit Mitarbeitern des
Straf- oder Maßregelvollzugs:

Werkzeuge
• Unaussprechliches aussprechen und Tabus brechen
• Mimisches, gestisches, verbalisierendes Agieren des Ausgesprochenen
• Übertreibung der Aussagen des Patienten und Aufzeigen des Absurden, des maß-
los Überzogenen seines Denkens und / oder Verhaltens
• Abtrennen, Überzeichnen und Aufblasen von Bildern
• Verwendung von Stereotypen oder Klischees, Wörtlichnehmen
• Abgeben von Erklärungen für das Verhalten des Patienten

Methoden
• Den Widerspruch des Klienten wecken (= betroffen machen)
• Die Zuständigkeit / Verantwortlichkeit des Klienten für sich selbst verdeutlichen
• Immer das Schlimmste annehmen (= dosiert emotionalisieren)
• Einbringung von Humor (= Intervention entschärfen)
• Geistige Umstrukturierung durch Verblüffung

Dies bedeutet aber für Behandlung wie Weiterbildung, dass jedes Argumentieren
kontraindiziert, sprich, unbrauchbar und unwirksam ist, denn: Wer argumentiert, ist
nicht offen für Neues! Er will nichts ändern, sich nicht verändern, sondern - ganz im
Sinne juristischen Vorgehens - statt dessen Recht haben ... Recht bekommen ... Recht
behalten ... und dies ist das Gegenteil von Selbstveränderung.
Auch aus anderer Perspektive begründet sich die Konzentration auf die Persönlich-
keitsanteile der Behandler von Tätern: Mit wem haben wir es vom Klientel her zu tun?
Zusammenfassend analysiert Schorsch (1976, S. 141-150) folgende charakteristische
Merkmalskombinationen bei Sexualstraftätern:

Faktor I progrediente Verlaufsform devianten Sexualverhaltens (vgl. Giese,


1962)

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Faktor II sozial definierbare Randständigkeit
• soziale Instabilität i. S. unsteter Lebensführung
• Zeichen allgemeiner Verwahrlosung
• Zugehörigkeit zur unteren sozialen Unterschicht
• allg. Neigung zur Aggressivität
• vermehrter Alkoholkonsum
• zur Tatzeit ohne feste Arbeit
• nicht-sexuelle Kriminalität

Faktor III pädagogisch-ästhetisches Syndrom

Faktor IV psychologisch beschreibbare Randständigkeit


• Spätentwickler mit retardierter Persönlichkeitsentfaltung
• asthenische / kontaktgestörte / selbstunsichere Persönlichkeit
• Neigung zu Ressentiments
• Überschamhaftigkeit als Ausdruck eines konfliktreichen, unfreien Verhältnisses
zur
• Sexualität

Betrachtet man die dabei eingesetzten Abwehr- und Bewältigungsmechanismen nicht-


perverser Art (Schorsch et al. 1985, S. 66-67), so wird deutlich, dass es in der Interakti-
on zwischen Behandler und Klient um Affekte geht, dass also der Strafvollzug als eine
emotionalisierte, dynamische Spielfläche von Leiden und Leidenschaften betrachtet
werden kann:

1. Faktorpol 2. Faktorpol
• Vermeiden von Nähe / von Ver- • Suche nach Abhängigkeiten, kindli-
bindlichkeit, Sich-Entziehen, Oppo- ches Anlehnen, passives Anpassen,
nieren, Verweigern von Gefühlen Unterwerfung
• manipulative, indirekte Aggression, • Harmonisieren, Bagatellisieren
Projektion, Funktionalisieren, Ent- • wahlloses Eingehen von Beziehun-
werten, Delegation von Verantwor- gen
tung
• Flucht in eine fantasierte Idealwelt /
fantasierte totale Beziehung
• offene Aggression und Abgrenzung,
demonstrierte Unabhängigkeit, Ste-
reotyp von Stärke, Opponieren,
• Selbstaggression, Selbstsabotage,
Sich-unbeliebt-Machen
• Rückzug aus Beziehungen, soziale
Isolierung, narzisstischer Rückzug
• Kompensation durch Leistung und
Anpassung

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Will man sich nicht nur auf derartige Expertenurteile stützen, muss man auch die
Selbstbeschreibungen der Täter einbeziehen. Hierfür lassen sich aus einem laufenden
Forschungsprogramm zur Erfassung der Subjektivität von Sexualstraftätern für die ers-
ten 100 untersuchten Täter folgende Daten der Symptom-Checkliste SCL-90-R und des
Gießen-Tests GT-S referieren:
So lässt sich aus der Grafik zu den Daten des SCL-90-R angeben, dass sich ein er-
höhter Prozentsatz von Klienten zu Beginn der Behandlung als zwanghaft, unsicher, de-
pressiv, ängstlich, aggressiv, paranoid und wahrnehmungsverzerrend beschreibt. Und
auch im GT-S resultieren Selbstbeschreibungen, wonach ein erhöhter Prozentsatz an
Tätern sich
• als eher defensiv verschlossen,
• als vermehrt depressiv verstimmt,
• als unterkontrolliert und
• als reaktiv dominant charakterisiert.

"II v/.
l I

•!,.,,.

Seen a. Zwang. Unsich. Depr. Angst. Aggr. Phob. Rar an. Psy ehe*.

0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%

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Insgesamt findet sich also ein Arbeitsfeld der Tätertherapie, das mit Affekten „kontami-
niert" und insofern wenig verlässlich ist. Denn gerade die zwanghaft überkontrollierte,
eigentlich unzureichende Impulsivität und die in der depressiven Erlebnisverarbeitung
enthaltene selbstgerichtete Aggression beinhalten ein Kippelement, das sich im Krisen-
fall als dialektisches Problem einer beispielsweise von Hoppe (1986) beschriebenen
„Herrscher-Sklaven-Wippe" der Aggression in grenzüberschreitendes Handeln umzu-
drehen droht. Auf derartige Probleme der Problemerkennung, der Konfliktvorbeugung,
der Deeskalation, der Krisenbewältigung und auch des Selbstmanagement muss Wei-
terbildung vorbereiten. Und dies verweist auf ein klassisches Zitat von Eugen Rom, das
auch als Kritik der häufig zu kognitiv angelegten Weiterbildungskonzepte bzw. als
Warnhinweis für geplante Weiterbildungsmaßnahmen verstanden werden kann:

„Ein Mensch nimmt guten Glaubens an,


er hab' das Äußerste getan.
Doch leider Gott 's vergisst er nun,
auch noch das Innerste zu tun. "

Damit sind Selbsterfahrung und Supervision unverzichtbare Bestandteil jeder qualifi-


zierten Weiterbildung im Kontext von Behandlung. Beides führt zu Konfrontationen der
Teilnehmer mit sich selbst — mit seinem Selbst - und dabei zu Ernüchterung und Desil-
lusionierung. Denn in jedem Selbsterkennen ist zugleich, wie jeder von seinem Spiegel-
bild weiß, zugleich ein Selbstverkennen enthalten. Auch noch so engagierte Selbsterfah-
rung ist zwangsläufig unvollständig und immer auch subjektiv verzerrt. Da wir inner-
halb derartiger Selbstkonfrontationen auch mit dem Problem unse-
res ureigenen Mangels, mit einem existentiellen „Nichts" konfron-
tiert sind, tendieren wir dazu, gerade diesen Weiterbildungsteil zu
entwerten, zu „vergessen" und/oder scheinbaren Sachzwängen zu
opfern (Zeitmangel, Finanzierungslücke ...). Gerade deshalb be-
darf es der konsequenten Einbeziehung dieser persönlich betroffen
machenden Form der Selbstbefragung, um unsere Art und Weise,
uns im anderen - im devianten Täter - narzisstisch selbstbestäti-
gend zu spiegeln, genauer zu fassen, wieder zu erkennen und zu verstehen. Wheeler il-
lustriert diese Vorstellung mit einer U-Zeichnung, die den Umstand widerspiegelt, dass
wir uns durch unsere Beobachtung unsere eigene Welt (er)schaffen und in dieser quasi
„gefangen" sind. Mit anderen Worten: „Die Welt begann, als Nichts sich im Spiegel
sah" (Wheeler zit. n. N0rretranders, 1994, S. 504).
Formen der Selbsterfahrung sind nicht nur Anlässe zur Hinterfragung scheinbarer
Selbstverständlichkeiten, sondern eröffnen auch die Chance zur Entwicklung oder Kor-
rektur innerer Haltungen. Letztlich ist Täterbehandlung immer auch eine ethische Her-
ausforderung, sodass jede Weiterbildung auf diesem Sektor angesichts freiheitsentzie-
hender Maßnahmen, Verpflichtung zur Behandlung und anderer Machtmittel immer
auch Fragen der Handlungs- und Behandlungsethik thematisieren muss. Speziell wenn
die öffentliche Auseinandersetzung mit den Tätern emotionalisiert wird, bedarf es einer
sachlichen Haltung, sozusagen einer „cool science for a hol topic".

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Die öffentlich inszenierte Skandalisierung jedoch behindert jede engagierte und kon-
struktive Täterarbeit. Die mit dem skandalisierenden Medienaufschrei einhergehende
Dämonisierung des Täters als „Bestie", als „Unmensch", als „Kinderschänder" stellt -
wenngleich „eine anständige Gesellschaft ihre Institutionen nicht zur Dämonisierung ih-
rer Mitglieder benutzen" darf- eine Demütigung des Subjekts dar, der den „Ausschluss
aus der menschlichen Gemeinschaft" beinhaltet. Anders formuliert geht es in Politik
wie Medien darum, „dass man sich so verhält, als ob die betreffende Person ein Tier o-
der ein Gegenstand wäre", oder dass man sie „als Untermenschen behandelt" (Margalit,
1999, S. 115). Diesbezüglich verweist Böllinger (2001, S. 245) auf die „moralische Ko-
lonisierung" des Strafrechts durch die USA und führt aus: „Hinzu kommt erschwerend
die unerträgliche Besitzergreifung durch populistische Politiker. So, zum Beispiel, wenn
Kanzler Schröder Pädophile und Kindesmörder in einen Topf wirft und - bornierter
geht es nicht mehr - unter ausdrücklicher Entwertung wissenschaftlicher Aufklärung
umstandslos das Wegsperren aller fordert."
Nicht nur, dass derart (end-)lösungsorientiertes Agitprop in einem polarisierenden
Entweder-Oder gefangen ist und dass hier differenzierende Problemsicht wie gebotene
Sachbezogenheit durch emotionalisierende Skandalisierung und publikumswirksame
Dämonisierung ersetzt wird: Mit derartige (Auf-)Forderungen wird zugleich der für er-
folgreiche Täterarbeit als ebenso reflektiert wie verlässlich wie konsequent zu fordernde
Gesetzesrahmen in Frage gestellt und jedwede zukunftsweisende Täterarbeit manifest
behindert bis torpediert. Damit ist die Auseinandersetzung mit dieser Form der Infrage-
stellung des therapeutischen Auftrags im Vollzug - speziell in Sozialtherapeutischen
Anstalten - zwangsläufig ein Bestandteil von Weiterbildung. Gerade gegenüber popu-
listischer Dämonisierung und medialer Skandalisierung muss Weiterbildung darauf ab-
zielen, eine „cool science for a hot topic" (Kerns, 1989) zur Verfügung zu stellen.
Neben Fragen des beruflichen/fachlichen Selbstverständnisses der therapeutisch täti-
gen Mitarbeiter beinhaltet dies gerade auch in freiheitsentziehenden Institutionen auch
Fragen der Handlungs- und Behandlungsethik. Vor der Programmatik einer Arbeit mit
Tätern, die auf den Prinzipien „Grenzen setzen - verantwortlich machen - Veränderung
ermöglichen" aufbaut und die gesellschaftliche Ächtung aggressiver und sexualaggres-
siver Taten einfordert, stellen sich Fragen nach den Grundlagen ethischer Haltungen im
Umgang mit diesen Tätern. Hierzu formuliert Margalit (1999, 92):
• „Die Eigenschaft, die ich als Begründung für die Achtung vor dem Menschen
vorschlagen möchte, beruht auf seiner Fähigkeit, dem eigenen Leben zu jedem
beliebigen Zeitpunkt eine völlig neue Deutung zu geben und es dadurch radikal
zu ändern."
• „Noch die übelsten Verbrecher verdienen Achtung allein aufgrund der Möglich-
keit, dass sie ihr vergangenes Leben radikal in Frage stellen und den Rest ihres
Lebens auf würdige Weise verbringen könnten."
• „Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Le-
ben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Verän-
derung. Achtung bedeutet daher auch, niemals jemanden aufzugeben, da alle
Menschen fähig sind, ihrem Leben eine entscheidende Wendung zum Besseren
zu geben."

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Mit dieser Haltung wird Mitarbeitern im therapeutischen Vollzug abverlangt, Zwiespalt
selbst-bewusst auszuhalten, sich im Engagement für ein soziotherapeutisches Milieu im
Vollzug nicht beirren zu lassen, sich eigenen und fremden Racheimpulsen reflektiert zu
stellen, Delegationen und Manipulationen zu erkennen ... Parallel aber muss ausgehal-
ten werden, dass dieser zu verteidigende therapeutische Weg kein „Allheilmittel" ist
und dennoch der einzig gangbare Weg eines ethisch verantwortbaren Behandlungsvoll-
zuges sein dürfte. Hierzu merkt der belgische Verhaltenstherapeut Vanhoeck (1999,
170) selbstkritisch an: „Therapie wird Missbrauch nicht aus der Welt bannen und auch
nicht allen Rückfällen vorbeugen können. Ich glaube, wir sollten Therapieerfolge nicht
nur an Rückfallprozenten messen. .Jiarm reduction ", Schadensbeschränkung, ist zwar
eine wichtige und vielleicht die wichtigste Zielsetzung, doch müssen wir unseren Klien-
ten mehr zu bieten haben, als sie nur zu lehren, wir sie sich zu benehmen haben. Thera-
peuten sind eben keine „Social Cops", keine „Sozial-Bullen".
Anhand der Stichworte des „Selbstverständnisses" und des „Selbstbewusstseins"
lässt sich aufzeigen und ableiten, dass dieses Selbst der Vollzugsmitarbeiter ein thera-
peutisches Mittel darstellt, das sowohl hinsichtlich seiner Behandlungsqualität und
Handlungseffizienz als auch seiner Psychohygiene innerhalb von Weiterbildungen be-
achtet werden muss. Einerseits bedarf es dementsprechend einer Selbsterfahrungseinheit
innerhalb der Weiterbildung, andererseits einer - über die Weiterbildung hinausgehen-
den - kontinuierlichen Supervision, die sich nicht nur auf behandlungstechnische Fra-
gen konzentriert, sondern auch die Subjektivität des Behandlers einbezieht, erhellt, klärt
und für die Fortführung der Therapie nutzt. Im Idealfall ist daher die Konzeption der
Balintgruppenarbeit empfehlenswert, bei der es verkürzt formuliert um ein umfassendes
Bild der gefühlsmäßigen Reaktionen auf den betreffenden Klienten und des eigenen Be-
teiligtseins geht. Vom Prozess her zielt die Balintgruppenarbeit darauf ab,
• die Beziehungsaspekte von Behandler und Klient zu „erlernen",
• den technizistischen Glauben an die Effizienz von Programmen, Modulen und
Manualen sowie an die Allmacht deliktspezifischer Behandlung dadurch zu rela-
tivieren, dass tradierte professionelle Verhaltensweisen, berufliche Überzeugun-
gen und fachliches Spezial- und Handlungswissen infragegestellt werden und
• ein Wiedererlernen des - nun veränderten - beruflichen Selbstverständnisses ein-
geleitet wird.

Insofern geht es von der Zielsetzung her um das Erlernen eines


grundsätzlichen wie fallspezifischen Beziehungsverständnisses, 1HRITVTION..
um die Überwindung allgemeiner wie fall- und deliktspezifi-
scher Vorurteile sowie um eine Veränderung des Behandlers,
indem dieser für seine emotionalen Reaktionen sensibilisiert
wird und seine Introspektionsfähigkeit ausdifferenziert. Mit
dieser Programmatik erscheint Supervision zwangsläufig immer
auch als Provokation und enthält sie Aspekte der Irritation als planmäßige Bestandteile
ihrer Umsetzung.
Vergegenwärtigt man sich die Dynamik von Täter, Tat und Therapie, so wird deut-
lich, dass sowohl die Struktur und Prozesshaftigkeit der Therapie wie auch der diesbe-

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züglichen Weiterbildungen ein kognitiv-affektives Konfliktfeld darstellen. Vor Jahren
machten Pfäfflin und Mergenthaler (1998) in einer systematischen Untersuchung von
Behandlungssequenzen deutlich, dass die Wirksamkeit dieser forensischen Psychothe-
rapien durch eine gleichzeitige Aktivierung emotionaler und kognitiver Prozesse beim
Klienten abhängt. Sie beschreiben dies als Prozess des „Connecting" von gefühlsbeton-
ten und abstrahierenden inneren Prozessen und skizzieren den prototypischen Verlauf
einer Therapiesitzung als Abfolge von Phasen der Entspannung („Relaxing") - emotio-
naler Erfahrung („Experiencing") - kognitiv-affektiver Integration („Connecting") -
abstrahierender Einsicht („Reflecting") - Entspannung („Relaxing"). Entsprechend
dient die Deliktverarbeitung in der Tätertherapie
• einer Reaktivierung der im Vorfeld und während der Tat erlebten Affekte und
Fantasien,
• einer Auseinandersetzung mit aggressiven Affekten, devianten Fantasien, ge-
walttätig-mörderischen Impulsen,
• einer Verarbeitung und Modifikation abgewehrter (abgespaltener) Affektivität
und Handlungsdisposition,
• einer Korrektur von Selbst- und Fremdwahrnehmungsverzerrungen,
• einem rekonstruktiven Verstehen - der affektiven Logik, des subjektiven Sinns -
der Tat,
• einem (Selbst-)Verständnis der eigenen devianten Anteile,
• einer Verantwortungsübernahme als Akteur des eigenen Tuns.

Genau denselben Prinzipien muss Weiterbildung folgen: Es geht darum, Betroffenheit


herzustellen, affektiv zu „berühren" wie kognitiv zu irritieren, mithin Entwicklungspro-
zesse anzustoßen und Auseinandersetzung mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten
(des Vollzugsalltags, der Behandlungsprogramme, des ...) zu „triggern".
Wie macht man das? Nun, durch gezielte Provokationen der beharrlichen und
freundlichen Art, sprich, durch - scheinbar naives - Fragen. Denn mit dem oben skiz-
zierten Selbstverständnis von Supervision innerhalb von Weiterbildung und über diese
hinaus folgt die Fallarbeit nicht nur den tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Grund-
lagen der Balintgruppen. Sie greift vielmehr zugleich systemische Konzepte auf, indem
sie eine Reihe von Fragen stellt (Deissler 1988), so zum Beispiel:

Wozu-Fragen
• Wozu halten Sie sich das Problem?
• Was haben Sie davon?
• Was wollen Sie mit dem Problem erreichen? vermeiden? verhindern?

Funktions-Fragen
• Wie leben / kosten Sie Ihre Problemsituation aus?
• Wie genießen Sie Ihr Problem?
• Wie agieren Sie Ihr Problem?
• Wie heißt das Spiel? Und welche Regeln hat wer dafür festgelegt?

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Anfangs-Fragen
• Wer von Ihnen hat das größte Interesse. Supervision in Anspruch zu nehmen?
• Wer von Ihnen hat das größte Interesse, Supervision nicht in Anspruch zu neh-
men?

Zukunfts-Frage
• Woran würden Sie erkennen, dass die Supervision erfolgreich war?

Wiedervereinigungs-Frage
• Was müssten Sie tun, um das gleiche Problem wieder zu bekommen?

Mit diesem Vorgehen ist Weiterbildung - analog zur Behandlung - zunächst nichts
anderes als ein spezifischer Kommunikationsprozess, als ein wechselseitiger Dialog mit
den allgemeinen Entwicklungszielen einer
• Verbesserung der Selbstwahmehmungskompetenz im Sinne differenzierterer
Introspektionsfähigkeit und gesteigerter Empathiefähigkeit,
• Entfaltung des Fantasiespielraums als antizipatorische Kompetenz und bewegli-
cherem gedanklichem Probehandeln,
• Erweiterung des Handlungsspielraums im Sinne des Erwerbs sozialer Hand-
lungskompetenzen und -alternativen

zu verstehen. Mit diesen Parallelen von Weiterbildung der Behandler zur Behandlung
der Täter wird deutlich, dass dieser dem therapeutischen Mitarbeiter „viel näher" ist,
„als er ahnt" (Tucholsky 1929, 75). Oder anders - und moderner - formuliert: „bad men
do what good men dream" (Simon, 1999).