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Piroggen für Chopin

Im letzten Jahr entstand im Arbeitskreis Kultur am Grindel bereits die Idee ein
Klavierkonzert zu veranstalten. 2010 ist bekanntlich das Jahr des 200.Geburtstages
von Frederic Chopin, deshalb sprachen wir unsere Konzertpianistin Susanne Stolpe
darauf an, ein Chopinkonzert zu geben. Sie hat gerne zugesagt und so begannen wir
mit dem schwierigen Geschäft der Terminsuche.

Das ist in unserer Gemeinde kein leichtes Unterfangen. Einfach einen Wunschtermin
nennen und loslegen, so geht das nun wirklich nicht! Wir sind schließlich eine gut
organisierte Großstadtgemeinde mit Untermietern und vielen Anfragen zur
Raumnutzung. Es wird ein Terminkalender erstellt, der wöchentlich, wenn nicht gar
täglich wundersame Veränderungen erfährt . Das alles muss zwischen
Gemeindeleitung, Hausmeister, Pastor, Untermietern und Gruppenleitern koordiniert
werden.

So begannen wir bereits im Dezember einen passenden Termin zu suchen und es


entspann sich ein reger E-Mail-Austausch.

Die erste Option war der 16.4. 2010, an diesem Tag konnte unsere Moderatorin
Christa leider nicht.
Also der zweite Versuch. Wie wär’s denn mit dem 23.4.2010 ? Susanne fragte noch
drei weitere Pianistinnen und alle konnten kommen. War’s das schon?
Nein, es tauchten weitere Probleme am Horizont auf. Am 23.4.2010. sollte die
Verabschiedung von Gerhard Neumann sein, also wurde weitergeschoben auf den
30.4.2010.
Das hörte sich doch gut an. Alle notierten den neuesten Termin und wir werden mit
romantischer Klaviermusik in den 1. Mai schweben. Wir freuten uns darauf und ich
begann den Flyer fertig zu stellen. Monika wurde informiert, dass der 30.4.2010 in
den Terminkalender kommt.
Doch halt! Weitere Komplikationen nahten:
Gerhard Neumann wollte doch lieber am 30.4.2010 verabschiedet werden. Also
wieder einmal Rolle rückwärts zum 23.4.2010 ! In der frisch aktualisierten
Jahresplanung stand jetzt auf einmal das Chopinkonzert am Sonnabend den 24.4.
Komisch, davon war noch nie die Rede gewesen. Schnell korrigiert und jetzt hatten
wir es aber!
Diesen Termin würden wir jetzt mit Zähnen und Klauen verteidigen! Die Flyer wurden
gedruckt, alles war klar.
Denkste!
Im Februar erfuhren wir, dass die Koreaner am selbigen Freitag, den 23.4.2010 ein
Konzert geben wollten.
Wie konnte das geschehen?
Ja läuft denn alles schief ?
Die Koreaner sind dann so nett gewesen und auf den Sonnabend ausgewichen.
Wer bei uns Termine macht, braucht gute Nerven und wer Gemeindearbeit macht,
braucht nicht mehr ins Theater zu gehen, das gibt’s hier live und kostenlos !

Also los geht’s mit der Vorbereitung. Wir bieten bei unseren Veranstaltungen immer
ein Rundumsorglos-Partypaket an. Freundlicher Empfang im festlichen Foyer mit
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einem Gläschen Wein und nach dem Konzert ein kleiner Snack und Getränke zum
Klönen.

Was passt jetzt zu Chopin? Crepes, Baguette oder Flammkuchen gehen uns durch
den Kopf. Doch dann hat Ulla die Inspiration, polnische Piroggen müssen es sein,
schließlich ist Chopin in Polen geboren.
Wo bekommen wir die?
Kein Problem in einer Weltstadt wie Hamburg!
In Rahlstedt ist ein polnischer Delikatessenladen und donnerstags werden immer die
Piroggen geliefert.
Also gehe ich als Rahlstedterin dort hin, ist ja bei mir gleich um die Ecke!
Herr Koslowski, der Inhaber, hört erfreut meine Anfrage und zeigt mir seine
Tiefkühltruhe voller Piroggen. Da gibt es abwechslungsreiche Füllungen von Quark
mit Kartoffeln über Sauerkraut bis hin zu Fisch, Fleisch und Pilzen . Jetzt taucht auch
die ganze Familie Koslowski auf und alle beugen sich über die Piroggentruhe und
schwärmen mir was vor. Ich begreife schnell, Piroggen sind nicht einfach was zu
essen, nein, das ist polnische Lebenskunst.

„Ja, wie viele brauchen Sie denn?“


Ich rechne laut: „Etwa 70 Gäste mal 3-4 maultaschengroße Piroggen macht ca 280
Stück.“
„Wann und wie wollen Sie die denn abholen?“
„Ich habe einen Rucksack und eine Sporttasche und hol sie dann 3 Stunden vorher
ab.“

Herr Koslowski ist entsetzt, so geht das aber nicht.! Er baut auf der Theke die
gefrorenen Piroggenbeutel auf. 30 Stück sind doch eine beeindruckende Menge !
Außerdem muss das schnell gehen bis zum Kochtopf, denn sie dürfen nicht
auftauen ,sonst werden sie matschig.
Oh je, das geht dann nicht mit dem Bus.
Herr Koslowski erklärt sich bereit sie uns zu bringen, schließlich ist es für ein
Chopinkonzert und er hat mal Musik studiert.
So werden die edlen Spezialitäten also frei Haus geliefert.
Aber eine Frage bleibt. Wie servieren wir die denn bloß?
Ich hatte mit Teigtaschen gerechnet, die im Backofen gebacken werden und jetzt
müssen wir sie kochen und dann warm in Soße servieren?
Das schaffen wir nicht mit erträglichem Arbeitsaufwand und es übersteigt unsere
küchenlogistischen Fähigkeiten.
Also, schnell mal Tante Google um Rat gefragt!
Ich füttere meinen Computer mit folgender Anfrage: polnische Piroggen – kalt.
Und tatsächlich, da hat irgendein Pfadfinder mal Piroggen, gekocht ,gebraten und
dann kalt mit in den Wald genommen. Was so ein Waldläufer kann, können wir
schon lange, also gibt es kaltes Piroggenpicknick.

Nach der Klärung der Verpflegungsmodalitäten kann es jetzt Freitag werden.

Alles klappt bestens. Das Foyer ist geschmückt, die Kerzen brennen, das Wasser in
zwei Riesenkochtöpfen brodelt.
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Herr Koslowski kommt mit den Piroggen und sie landen sofort in den Kochtöpfen.
Jetzt noch ein Liter Öl in die Riesenkippbratpfanne und braten was das Zeug hält.

Wir Köchinnen verschwinden im Bratendampf und schließen die Tür zu, denn der
Imbißbudengeruch steigt die Treppe hoch und erreicht das festliche Foyer. Es
brutzelt und brodelt in der Küche und aus dem Lautsprecher über dem Herd ertönt
schon Chopin. Jetzt aber schnell die letzte Pirogge gebraten und nach oben ins
Konzert. Wir riechen wie frisch frittierte Pommes, hoffentlich stört dieser vulgäre Duft
nicht das akustische Klangerlebnis!

Oben in der Kirche sitzen andächtig etwa 100 Leute und lauschen den Preludes,
Mazurken, Nocturnes und Etüden.

Wir sollen nicht nach jedem Stück klatschen erklärt unsere Moderatorin Christa,
sonst baut sich die Stimmung nicht so schön auf, applaudieren sollen wir erst zum
Schluss.
Susannes Vortrag der Ballade in g-moll op. 23 entwickelt sich zum Höhepunkt des
Abends.
Da spielt sie völlig hingegeben und erzeugt leidenschaftlich eine Kaskade von
Tönen, die den ganzen Raum zum Klingen bringen.

Der alte Flügel ist schon lange nicht mehr mit so viel Power bearbeitet worden.. Der
Hocker, auf dem sie sitzt, auch nicht. Der Klavierhocker ist innen hohl und wie wir
wissen voller Notenblätter. Unten ist nur eine dünne Spanplatte mit kleinen zierlichen
Tapeziernägeln dagegen geschlagen worden.

Diese kleinen Nägel drehen sich jetzt im Takt im Kreis und ein kleiner Spalt wird
sichtbar. Gleich fallen sie heraus die vielen Noten und wir sehen sie schon durch den
Raum flattern ………. da ist das Stück zu Ende.

Das Publikum atmet tief durch und kann es nicht. Es kann nicht stillsitzen bleiben
und die Töne sanft verhallen lassen. Es muss der Begeisterung Ausdruck gegeben
werden und so wird geklatscht und applaudiert und sogar gepfiffen. Das war einfach
Spitze!
Es folgen noch Stücke zu vier Händen und die vier Pianistinnen geben ihr Bestes .
Kurz vor Konzertende schleiche ich mich nach unten, um die strategisch günstige
Positionierung der Kollektenkörbchen für die Spenden zu klären. Je zwei Mitarbeiter
am Treppenaufgang, geben jedem Gast die Chance etwas zu spenden.

Im Foyer ist auch etwas los. An den Stehtischen wird diskutiert. Eine Besucherin
sucht offensichtlich etwas anderes als Musikgenuss. Sie hält Vorträge.
„Chopin kann man doch gar nicht spielen und überhaupt ist alles viel zu laut !“

Ja, was will sie dann bei uns? Ist sie vielleicht als Musikkritikerin undercover
unterwegs?
Oder ist sie nur haarscharf neben der Spur ?
Auf jeden Fall sucht sie Aufmerksamkeit und die bekommt sie reichlich, schließlich
sind wir eine christliche Kirche. Da gibt es immer hilfreiche Seelen.
Oben öffnen sich jetzt die Türen, die Kollektenkörbchenmitarbeiter stehen in Position.
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Das Publikum geht beschwingt und gutgelaunt die Treppe herunter und viele
Scheine flattern leise in die Körbchen.
Jetzt drängt alles zum Büfett.
Die gebratenen Piroggen mit einem Klecks saurer Sahne schmecken einfach köstlich
und wir werden sogar verdächtigt sie allesamt selbst gemacht zu haben. 280
Piroggen in Handarbeit? Toll, was man uns so zutraut!
Nach 22.00 Uhr sind dann alle glücklich und zufrieden, wir räumen noch auf,
waschen ab, kämpfen mit der Kippbratpfanne und sind zufrieden.
Was für ein Konzert geben wir das nächste Jahr?
Irgendein Komponist wird schon Jubiläum feiern…………….