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Vorwort

Das Stricher-Handbuch von Fink und Werner schließt eine - von vielen kaum
bemerkte - Lücke in der sexual- und sozialpsychologischen wie sexualtherapeuti-
schen Fachliteratur. Dass dieses Manko trotz der Aktualität des Topos nicht wirk-
lich bemerkt wird, liegt in der diesem eigenen individuellen wie gesellschaftlichen
Brisanz begründet. Stricher - das sind nicht nur soziale Outcasts, sondern, wie
Foucault1 dies formuliert hätte, insgesamt infame Menschen: Als Subjekte des Be-
gehrens sind sie einerseits Thema einer Fama des Anrüchigen, Schlüpfrigen, Uner-
hörten bis Degoutanten, andererseits zugleich Objekte der Erniedrigung, jeder nur
denkbaren Infamie. Aufgrund der - nicht nur lautlichen - Nähe spielt Foucault
dabei assoziativ mit den Begriffen infam und intim, und diese Zuschreibung meint:
unterst, niedrigst, letzt, mindest, nichtigst.
In seiner Arbeit zu Verkehrsformen der Perversion und Perversion der Verkehrs-
formen merkt Morgenthaler2 zum Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf die
sexuellen Verkehrsformen an, dank ihres gesellschaftlichen Rollenverhaltens dürfe
es „Bankfachleuten, Autoverkäufern, Radfahrern, Psychoanalytikern, Gemüsehänd-
lern, Filmverleihern, Heterosexuellen, Ehemännern, antiautoritären Pädagogen und
Polizisten scheinbar leichter fallen, in ihren Aktivitäten ein gutes ausgeglichenes
Selbstgefühl zu entwickeln. Ob dabei die entspannte Grundstimmung aufkommt,
die sie wirklich sinnlich macht, hängt von der Verlogenheit ab, mit welcher die
Selbsteinschätzung vermischt sein mag.
Perverse, Homosexuelle, Strichjungen und Huren, Drogensüchtige und Jugendli-
che, die sich weigern, eine von der Gesellschaft angebotene Rolle zu übernehmen,
haben es viel schwerer, ein abgerundetes, schönes Bild ihrer selbst zu gestalten
und auch daran festzuhalten. Wenn es ihnen aber gelingt, haben sie dieses Gelin-
gen in einer viel autonomeren Art und Weise zustande gebracht als ihre gesell-
schaftsangepassten Mitmenschen. Gelingen in diesem Sinne ist sehr selten. Verlo-
genheit ist bei ihnen viel leichter sichtbar und wird brutaler bestraft. Ihre Verzweif-
lung erscheint als Krankheit."
Doch gerade was da pervers, gestört, deviant, unnormal oder verirrt anmuten mag,
darf nicht pathologisiert, diffamiert oder stigmatisiert werden, denn „was da krank-
haft erscheint, war einst der »farbige Stein<, den einer fand und ins Mosaik seines
inneren Bildes einfügte, damit es leuchtete und weiterbestand. Da gab es keine
Wahl, und wenn der Preis der Erstarrung sinnlichen Erlebens dafür zu bezahlen
war, bestand dennoch die Aussicht, das >Erstarrte< irgendeinmal in Bewegung brin-
gen zu können. Der Verzicht auf den >farbigen Steim hätte Zerfall, Inkohärenz,
hätte wirkliche, vielleicht unheilbare Krankheit bedeutet."
Zugleich macht der Hinweis auf die individuelle psychosexuelle Struktur und ge-
sellschaftliche Funktion dieser mann-männlichen Prostituierten darauf aufmerksam,

1 Foucault, M. 2001: Das Leben der infamen Menschen. Berlin: Merve


2 Morgenthaler, F. 1977: Verkehrsformen der Perversion und die Perversion der Verkehrsformen.
Ein Blick über den Zaun der Psychoanalyse. In: Morgenthaler, F. (Hrsg.) 1994: Homosexualität,
Heterosexualität, Perversion (S. 170-187). Frankfurt a.M.: Campus (hier: S. 180-181)

1
dass der Stricher - so oder so - in öffentlichen Bedürfnisanstalten oder andernorts
ein ,Geschäft verrichtet': Diese Homosexualität „taugt als nicht humanisierte zum
Kitt für irrationale soziale Verhältnisse"3 und erweist sich zugleich als homosexuel-
le (Selbst-)Ausbeutungspraktik, in deren marktwirtschaftliche Verhältnisse eingebet-
tet. Nicht angstfreie Wechselseitigkeit der Beziehungen, aggressionsfreie Gleichbe-
rechtigung kultivierter Interaktionsformen und emanzipatorische Entfaltung (ho-
mo-)sexueller Identität sind Kennzeichen oder Zielsetzung dieser sexuell wie sozial
randständigen Verkehrsform - vielmehr gilt nach wie vor in Paraphrase eines Cre-
dos von Dörner, „der versachlichte, >verdinglichte< und zugleich administrativ-
formalisierte Arbeitsmodus des Angestelltenmilieus" der Freier korrespondiere mit
dem Ausmaß, in dem der homosexuelle Stricher „äußerlich, instrumental, anonym
und Objekt von Herrschaft und Unterwerfung" bleibe.4 Wenn das „Sexualitätsdis-
positiv" dazu führt, dass Sex als begehrenswert erlebt und dieses Alltagsleben
durch Techniken der Macht besetzt wird, dann beinhaltet dieses Begehren nach
Sex nicht nur, „ihn zu haben, zu ihm Zugang zu haben, ihn zu entdecken, ihn zu
befreien, ihn diskursiv zu artikulieren, seine Wahrheit zu formulieren"5: Zugleich
definiert diese Sexualisierung auch einen „Begehrens-Wert" des Sexes, dem das
Subjekt unterworfen ist. Im Stricher wird diese Dynamik offenbar ... und konse-
quenterweise abgespalten, verworfen. Just diesem gesellschaftlichen Diskurs der
Infamie setzen Fink und Werner einen - buchstäblich aufklärerischen - Diskurs
entgegen. Sie setzen das diffamierte Subjekt wieder in (s)eine ethische Position ein,
indem sie das Legendäre des obskuren Strichers quasi auf seinen Realitätskern
abklopfen.
Damit ist dieses Handbuch mehr als nur ein Sach- und Fachbuch: Es ist das Ergeb-
nis engagierten Interesses am - eben auch infamen / infimen - Anderen, jenseits
von wissenschaftlicher Distanzierung, von dokumentatorischem Voyeurismus, von
ausbeuterischer Sozialromantik, von anbiedernder Hilfeleistung und/oder von
sexualisierender Skandalisierung. Mit dieser konsequent am Subjekt - an einer
diesem, dem Behandler / Berater und der Gesellschaft eigenen Problematik - ver-
folgen und erarbeiten die beiden Herausgeber systematisch und beharrlich eine
Programmatik, wie sie Foucault einst lapidar mit Sexualität und Wahrheit über-
schrieben hat. Was ihnen gelingt, ist ein im positiven Sinne parteiliches' Sach-
buch, ist die Entwicklung eines fachübergreifenden Prismas strichjungenhafter
Existenz und die deeskalierende Fokussierung sexueller Insistenz im sozialen Ab-
seits.

Dr. Ulrich Kobbe

3 Vinnai, G. 1977: Das Elend der Männlichkeit. HeteroSexualität, Homosexualität und ökonomi-
sche Struktur. Reinbek: Rowohlt (hier: S. 135)
4 Dörner, K. 1967: Homosexualität und Mittelstandsgesellschaft. In: Giese, H. (Hrsg.): Homosexua-
lität oder Politik mit dem § 1 75 (hier: S. 142). Reinbek: Rowohlt
5 Foucault, M. 1986: Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen (hier: S. 186). Frank-
furt a.M.: Suhrkamp