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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 27.1.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

„Deutschlandpakt“:
NPD und DVU besiegeln
Reißverschlussverfahren
Die extrem rechte DVU wird nicht an
den Bundestagswahlen 2006 teilnehmen.
Sie verzichtet zugunsten der neofaschis-
tischen NPD. Ursprünglich war eine ge-
meinsame Liste beider Parteien zur
Bundestagswahl 2006 angestrebt. Der
NPD-Organ „Deutsche Stimme“ lädt
wissenschaftliche Dienst des Bundestags
hatte in einem Gutachten allerdings fest-
zum „freiheitlichen Kongress ein“
gestellt: „Mehrparteiige Listenverbin- Ihren 3. Freiheitlichen Kongress Richter, der heutige starke Mann im Be-
dungen sind nach dem Bundeswahlge- will die NPD in der Zeit vom raterstab der sächsischen NPD-Landtags-
setz (BWG) ausgeschlossen“. Und be- 18. – 20. März durchführen. fraktion war schon damals sein Intimus
reits 1990 beurteilte das Bundesverfas- Wie üblich wird als Veranstaltungsort und ist heute Redakteur des von Neubau-
sungsgericht eine Verbindung der beiden nur vage „in Mitteldeutschland“ an- er herausgegebenen Blattes.
Landeslisten „Bündnis 90“ mit der west- gegeben. Es sprechen jedoch einige Mit Bernd Dröse wird ein „Fahnen-
deutschen Partei der „Grünen“ als ver- Indizien dafür, dass der tatsächliche flüchtiger“ sprechen. Er war früher füh-
fassungswidrig. Ort wie in den Vorjahren im Landkreis render Funktionär der NPD und wechsel-
Auf dem DVU-Bundesparteitag am Delitzsch liegt. 2003 und 2004 fand te in der Phase ihrer Erfolglosigkeit zur
vergangenen Wochenende in München die Veranstaltung jeweils in einem Konkurrenz von der DVU, deren Presse-
besiegelten die Vorsitzenden Udo Voigt Hotel in Wiedemar statt. sprecher er seit Jahren ist. Seine Spezia-
(NPD) und Gerhard Frey (DVU) einen lität ist die angebliche „Überfremdung“
sogenannten „Deutschland-Pakt“. „Wir Die Liste der vorgesehenen Referenten Deutschlands. Er wird zum Thema „Tür-
werden Wahlkämpfe liefern, wo Ihnen widerspiegelt die gegenüber der Vergan- kenmond über Deutschland“ sprechen.
Hören und Sehen vergeht“, drohte Voigt genheit stark gestiegene Bedeutung der Neben dem des Historikers Jürgen
an. Dem „Pakt“ zufolge verzichtet die NPD innerhalb der extremen Rechten. Gansel, der als Thema „Der Befreiungs-
DVU zugunsten der NPD auf eine Kan- Zwar sind mit den NPD-Abgeordneten lüge trotzen – Deutschlands Unterwer-
didatur bei der Bundestagswahl 2006. Holger Apfel und Jürgen Gansel sowie fung und Wiederauferstehung“ gewählt
Als Gegenleistung hat der Wahlverein dem wissenschaftlichen Berater Karl hat, sind zwei weitere revisionistische
des Herrn Frey aus München bei der Eu- Richter gleich drei Personen aus der Vorträge geplant: Dr. Walter Post, früher
ropawahl 2009 den Vortritt. „Kandidaten NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag an der Universität München tätig, will
der jeweils anderen Partei werden auf der vertreten, doch sollen die anderen Vortra- über den „Bombenholocaust von Dres-
Liste der dann kandidierenden Partei be- genden vor allem nach außen die Bünd- den“ sprechen. Gemeint ist der Angriff
rücksichtigt“, so Bernd Dröse gegen- nisfähigkeit der NPD repräsentieren. im Februar 1945, dessen Opferzahlen
über der Jungen Welt. Der Pressespre- Dafür steht an erster Stelle der ehema- von den Rechten aller Schattierungen
cher der DVU widerspricht dem Bericht lige REP-Parteivorsitzende Franz Schön- schamlos hochgelogen werden. Dr. Olaf
des Berliner Tagesspiegel vom Samstag, huber, der seit Jahresbeginn die NPD als Rose strickt weiter am Mythos vom ehe-
wonach es „einen Kandidatenmix auf ei- medien- und europapolitischer Berater maligen Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß
nem Stimmzettel“ nicht geben werde. unterstützt und ab der Januar-Ausgabe als „Friedensflieger“.
Nach Ansicht der DVU-Parteizentrale sei des NPD-Organs dort eine regelmäßige Der Reigen der Sprecher wird vervoll-
es „unbestritten zulässig“, dass auf der Kolumne hat. Schönhubers Vortrag „Von ständigt durch den niedersächsischen
Liste einer Partei auch Mitglieder einer Germanien über Deutschland nach Euro- Rechtsanwalt Klaus Kunze, auch er ein
anderen Partei kandidieren und auch die pa“ ist bereits ein Hinweis auf den künf- ehemaliger Funktionär der REPs, und
jeweilige Zusatzbezeichnung tigen europapolitischen Kurs der NPD, nicht zuletzt durch Nick Griffin, den Vor-
„NPD/DVU“ bzw. „DVU/NPD“ werde der über die Linie des bisherigen „Euro- sitzenden der neofaschistischen British
man durchsetzen. kun ■ pas der Vaterländer“ hinausweist. Schön- National Party.
Wortlaut des sog. „Deutschlandpakts“ huber orientiert sich eher an dem franzö- Dafür, dass die Teilnehmendenzahlen
siehe Seite 2 sischen faschistischen Literaten Pierre nicht unter die der Vorjahre rutschen (ca.
Drieu La Rochelle. 200), soll auch das „Kultur“programm
Auch Harald Neubauer kommt von sorgen, dass durch die rechten Liederma-
Inhalt: den REPs, allerdings war er zuletzt der cher Frank Rennicke, Annett Moeck und
Neue Provokation von innerparteiliche Hauptgegner von Schön- Jörg Hähnel gestaltet werden soll. Aller-
Jean-Marie Le Pen . . . . . . . . . . . . . . . 6 huber. Heute finden sich beide in Freund- dings wären spätestens deren Auftritte der
Erinnerung kann man nicht schaft mit der NPD wieder. Er war 1989 geeignete Anlass für ein Verbot der Veran-
verbieten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Pro Asyl: 2004 – schlimmes
für die REPs in das Europaparlament ge- staltung. Bereits die Drohung mit ihrem
Jahr für Flüchtlinge . . . . . . . . . . . . . . 12 wählt worden und ist heute einer der Gesang erfüllt den Tatbestand der Vorbe-
Herausgeber der wichtigen rechten Mo- reitung zur schweren Körperverletzung.
natszeitschrift „Nation + Europa“. Karl Jean Cremet ■
: meldungen, aktionen
und Verbreitung jugendgefährdender
Schriften zu 17 Monaten Haft auf Be-
währung verurteilte Rennicke war in den
Drohbriefe verschickt Schüsse auf grünen Nach- zwei Tagen zuvor bereits ein halbes Dut-
Belgien/Brüssel. Immer öfter erhalten wuchs zend mal für die sich im Wahlkampf be-
ausländische Unternehmer in Belgien Rüdersdorf. „Unbekannte“ haben in findende Schleswig-Holsteinische NPD
rassistische Drohbriefe. Derzeit ermittelt der Nacht zum 16. Januar auf ein Haus in aufgetreten.
die belgische Polizei in mehreren Fällen, Rüdersdorf geschossen, in dem gerade Als Rennicke in Oyten singen wollte,
in denen Inhaber von Gastronomiebetrie- eine Tagung der „Grünen Jugend“ Bran- beendete ein Großaufgebot der Polizei
ben in derartigen Briefen zum Verlassen denburg stattfand. Aus Luftdruckgeweh- die Veranstaltung. Nun wollen die
des Landes aufgefordert werden. Die ren wurden mehr als 100 Diabolos auf niedersächsische NPD und die soge-
Drohbriefe richteten sich an ausländi- das Gebäude abgefeuert und zahlreiche nannten „Freien Nationalisten“ am 2.
sche Unternehmer in mehreren Städten Scheiben beschädigt. Projektile drangen April in Verden gegen die ihrer Meinung
im Norden Flanderns. hma ■ auch in die Wände des Tagungsraumes nach „totalitären Auswüchse in der Al-
ein, in dem sich zu diesem Zeitpunkt 14 ler-Stadt“ demonstrieren. hma ■
NPD-Funktionär eingeladen junge Leute befanden. Diese hatten sich
noch rechtzeitig in andere Räume flüch- Fackelzug abgesagt
Bochum. Die „Staatspolitische Gesell- ten können, so dass es keine Verletzten
schaft für Deutschland und Europa e.V.“ gab. Die alarmierte Polizei des Schutzbe- Weinheim. Ein für den 19.Januar ge-
in Bochum hat den Wattenscheider NPD- reiches Märkisch-Oderland tauchte erst planter Fackelzug der NPD durch Wein-
Bezirksvertreter Claus Cremer, zugleich nach 25 Minuten am Tatort auf und er- heim aus Anlass des Jahrestages der
stellvertretender Landesvorsitzender der mittelte zunächst nur wegen des Ver- Reichsgründung im Jahre 1871 wurde
NPD, zu einem Vortrag eingeladen. Cre- dachts der Sachbeschädigung. Erst spä- von den Veranstaltern kurzfristig abge-
mer sollte die Mitglieder des Vereins, ter wurden die Ermittlungen auch auf sagt. Der Grund dürfte eine angekündig-
dem Angehörige von Soldatenverbänden, den Verdacht der versuchten Körperver- te Demonstration von Gewerkschaften,
Mitglieder der ehemaligen „Hilfsge- letzung ausgeweitet. Bislang wurde von Schülervertretungen, Parteien, Jugend-
meinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) der Polizei nicht bestätigt, ob die Ermitt- verbänden und Antifa sein, die auch nach
der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS, lungen auch auf den örtlichen Schützen- der Absage der NPD durchgeführt wer-
Vertreter von Revanchistenverbänden verein ausgeweitet werden, der über eine den soll. hma ■
und Einzelpersonen angehören, über die Jugendgruppe verfügt. hma ■
Lage der „nationalen Opposition“ infor- Konzert aufgelöst Verherrlichung von
mieren. In der Wattenscheider Bezirks- Verden. Von der Polizei aufgelöst wurde
vertretung glänzt Cremer zur Zeit mit am 15. Januar eine Veranstaltung der Rudolf Heß soll unter Strafe
Populismus. Erst kürzlich hatte der NPD-Jugendorganisation „Junge Natio- gestellt werden
NPD-Funktionär dort in einem Antrag naldemokraten“ im Landkreis Verden. Berlin. Bundestagsabgeordnete von
gefordert, dass die Bezirksvertreter den Etwa 200 Neofaschisten hatten sich im SPD, Union und Grünen wollen die Ver-
Bürgern mit gutem Beispiel vorangehen Oytener Schützenhaus eingefunden, um herrlichung hoher Repräsentanten des
sollten und einen Teil ihrer Bezüge den den „nationalen Liedermacher“ Frank NS-Regimes unter Strafe stellen. Im
Opfern der Flutkatastrophe in Asien Rennicke zu hören. Der im Jahr 2002 Innenausschuss herrschte am Mittwoch
spenden sollten. hma ■ wegen achtfacher „Volksverhetzung“ Einigkeit, das Strafgesetzbuch müsse
entsprechend ergänzt werden. Bislang ist
Präambel: Die DVU kandidiert zur nächsten Europawahl. nur das Verwenden von Kennzeichen
Angesichts der historischen Verantwortung vor Dabei sollen auch sechs bis sieben Kandidaten, verfassungswidriger Organisationen,
dem gesamten deutschen Volk beschließen die die der NPD angehören oder ihr nahe stehen,
DEUTSCHE VOLKSUNION (DVU) und die NA- aufgestellt werden.
zum Beispiel SS-Runen, als Straftat defi-
TIONALDEMOKRATISCHE PARTEI DEUTSCH- 3. Hinsichtlich der Landtagswahlen gilt: niert. Die Abgeordneten wollen errei-
LANDS (NPD) den Deutschland-Pakt. NPD und Die NPD kandidiert zu den Landtagswahlen in chen, dass rechtsextreme Aufmärsche
DVU bleiben eigenständige Parteien gemäß ih- Schleswig-Holstein des 20.2.2005 und in Nord- wie die zum „Gedenken“ an Rudolf Heß
ren Satzungen und rhein-Westfalen des verboten werden können. In der fränki-
Programmen. Durch DEUTSCHLAND-PAKT von 22.5.2005. schen Kleinstadt Wunsiedel, in der Heß
die Kooperation der Die DVU kandidiert zu begraben ist, treffen sich jährlich tausen-
zwei in Landtagen DVU und NPD den Landtagswahlen in
de Neonazis, um ihrem Idol zu huldigen.
vertretenen nationa- Sachsen-Anhalt (voraus-
len Parteien in Deutschland sollen die Kräfte ge- sichtlich im Frühjahr 2006), Bremen (voraussicht- Für die Gesetzesänderung warb im
bündelt und eine möglichst große Wählerzustim- lich im Frühjahr 2007), Hamburg (voraussichtlich Innenausschuss vor allem der Landrat
mung aller Deutschen erreicht werden, die noch im Frühjahr 2008), Thüringen (voraussichtlich im des Wunsiedel-Kreises, Peter Seißer.
Deutsche sein wollen. Der Bruderkampf ist einge- Frühjahr 2009), Brandenburg (voraussichtlich im Der Tagesspiegel, 20.1.2005 ■
stellt; es wird nun ausschließlich gegen die wirk- Herbst 2009).
lichen Gegner gefochten. Bei allen anderen Landtagswahlen bis einschließ-
Der Deutschland-Pakt zwischen NPD und DVU lich 2009 kandidiert die DVU jedenfalls dann Republikaner spalten sich
sieht insbesondere vor: nicht, wenn die NPD kandidiert. weiter
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Ber-
1. DVU und NPD treten bei Bundestags-, Europa- lin und Thüringen sowie bei einer weiteren Land- Die rechtsextremen Republikaner wollen
und Landtagswahlen nicht gegeneinander an. tagswahl sollen auch Exponenten der jeweils an- am 22. Mai für den nordrhein-westfäli-
Diese Vereinbarung gilt für fünf Jahre bis deren Partei auf der Liste der antretenden Partei schen Landtag kandidieren. Ein Verzicht
31.12.2009. Die Vorsitzenden beider Parteien kandidieren. auf die Landtagswahl zugunsten der
werden im Jahr 2009 über eine Fortschreibung 4. Der geheimen Wahl der Bewerber in den hier- NPD sei mit ihnen nicht machbar, heißt
der Vereinbarung um weitere fünf Jahre verhan- für zuständigen Mitglieder- oder Vertreterver- es. Auch eine Unterstützung der von
deln. sammlungen wird durch die Vereinbarung nicht
NPD, DVU und freien Kameradschaften
2. Die NPD kandidiert zur nächsten Bundestags- vorgegriffen. Als Bewerber kann in einem Wahl-
wahl. Dabei sollen auch 15 Kandidaten, die der vorschlag nur benannt werden, wer in der zustän-
propagierten so genannten „Volksfront
DVU angehören oder ihr nahe stehen, aufgestellt digen Versammlung hierzu wirksam gewählt wor- von rechts“ wird abgelehnt. Man wolle
werden. den ist. nicht mit Leuten zusammen arbeiten „die
den Staat beseitigen wollen“, sagt Repu-

2 : antifaschistische nachrichten 2-2005


blikaner-Chef Rolf Schlierer. Soweit der plett zur NPD überge-
offizielle Ton. Den Willen der Basis treten. Man sei nicht
scheinen die Parteioberen dabei nicht mehr bereit, „den Weg
mehr vollends zu vertreten. Die Basis ins selbst gewählte po-
sieht dies anders. In den einschlägigen litische Abseits der
Internetforen gibt es Hinweise, dass noch Republikanerführung
vor der NRW-Wahl Mitglieder aus dem mitzugehen“.
nordrhein-westfälischen Landesverband Quelle: taz NRW vom
den Schritt von Rechtsaußen ins neona- 20.1.2005 ■
zistische Lager vollziehen werden.
In den letzten zehn Jahren haben die Viele Aktionen
Republikaner über die Hälfte ihrer Mit-
glieder verloren. In NRW sank die Zahl gegen Naziauf-
von 2.100 im Jahr 1992 auf aktuell marsch in
knapp 1.000. Ob die Partei personell, fi- Magdeburg
nanziell und organisatorisch überhaupt
in der Lage ist, zur Landtagswahl anzu- Am Samstag, dem 15
treten, ist zweifelhaft. Bis zum 17. April Januar hatten Faschis-
muss eine Meldung zur Wahl vorliegen. ten einen „Gedenk-
Pro Wahlkreis benötigt die Partei dabei marsch“ zum 60. Jah-
100 Unterschriften von Wahlberechtig- restag der Bombardie-
ten. Für die Landesliste wären noch ein- rung Magdeburgs an-
mal 1.000 Unterschriften nötig. Allein gemeldet. Los ging es
dieses Vorhaben werden die Republika- vom Domplatz, aber weit kamen sie ◗ zum Abschluss auf dem Domplatz:
ner aus ihrem eigenen Mitgliederbestand nicht. Nach zahlreichen Gegenaktionen, „Kehraktion“ – wider den braunen Un-
heraus nicht mehr stemmen können. Blockaden und Störaktionen wurden die geist Quelle: indymedia ■
Mitglieder der NPD tauchten schon Nazis (ca. 700) von Polizei zum Bahnhof
bei der NRW-Kommunalwahl auf Listen abgedrängt und in Züge verfrachtet. Montagsdemo musste
der Republikaner auf. Der NPD-Landes- Probleme gab es für fast alle Teilneh-
vize Timo Pradel verpasste auf dem merInnen der Antifa-Demo (ca. 1000 weichen
REP-Ticket nur knapp den Einzug in den Leute), denn die Polizei sperrte nach de- Eisenach. Etwa 20 Neofaschisten ver-
Stadtrat von Lüdenscheid. ren Ende das Gebiet östlich der Ernst- sammelten sich am vergangenen Montag
Ex-Republikaner-Chef Franz Schön- Reuter-Straße so massiv ab, dass es nur in Eisenach auf dem Marktplatz, um ge-
huber hat sich mittlerweile als bundes- sehr wenigen gelang, zum Domplatz zu gen „Hartz-IV“ zu marschieren. Damit
weiter Berater der NPD profiliert. kommen und dort an den Gegenaktivitä- musste das linke Sozialbündnis erstmals
Der Landesvorstand der Hamburger ten (ca. weitere 650 Menschen) teilzu- dem „nationalen Widerstand“ weichen
Republikaner ist vor einer Woche kom- nehmen. Ebenfalls wurde der Haupt- und für seine Montagsaktionen gegen die
bahnhof so massiv ab- Agenda 2010 einen anderen Platz wäh-
geschirmt und gesperrt, len. Geht es nach der Stadtverwaltung,
das AntifaschistInnen passiert das nun alle 14 Tage. Denn sie
erst spät abends in Züge hat den Marktplatz beiden Gruppierun-
einsteigen konnten. gen nun im wöchentlichen Wechsel zu-
Insgesamt gab es gesprochen.
eine Fülle von Gegen- Gegenüber der Thüringischen Landes-
aktionen in Magdeburg: zeitung erklärte das Eisenacher „Bündnis
NPD – braunes Sammelbecken ◗ Aktion der Stadt gegen Sozialkahlschlag“, es müsse auf-
für zerstrittene Rechte? Magdeburg mit zahl-
reichen Transparenten
grund des fraglichen Erfolges – 3500
Euro wären für Anwalts- und Gerichts-
Nazis sehen Chance sich zu etablieren (siehe Foto) kosten bei einer Niederlage fällig – auf
– Was ist zu tun! ◗ Demo des antifaschis- eine Klage verzichten. Es sei aber ein
tischen Aktionsbünd- Skandal, dass die Stadtverwaltung ihren
nisses Ermessensspielraum kurz vor dem 60.
Diskussion mit:
◗ am Denkmal für die Jahrestag der Befreiung Eisenachs vom
Prof. Wolfgang Dreßen ermordeten Sinti und Hitlerfaschismus zugunsten der Neofa-
Leiter der Arbeitsstelle Roma – Mahnwache schisten ausgelegt habe. Das Bündnis or-
Neonazismus an der
Fachhochschule Düsseldorf für die Opfer des Holo- ganisiert seit August 2004 jeden Montag
caust Demonstrationen und Kundgebungen
Dr. Volker Külow ◗ Kundgebung des gegen die Hartz-IV-Gesetze auf dem
Mitglied des Sächsischen
Landtages und
PDS-Stadtverbandes Marktplatz. Mit Rücksicht auf den
Kulturpolitischer Sprecher gegen den Nazi-Auf- Weihnachtsmarkt und auf Wunsch der
der PDS-Fraktion marsch, Hasselbach- Stadtverwaltung wich das Bündnis im
platz/Ecke Liebigstraße Dezember auf den Johannisplatz aus. Für
◗ im Dom: Friedensge- den 10. Januar war nun den Neonazis der
Samstag 19. Februar 2005 um 14.00 Uhr bet der Domgemeinde Vorzug gegeben worden, während die
◗ ebenfalls im Dom: Kundgebung des sozialen Bündnisses
Köln, Bürgerzentrum Alte Feuerwache
Texte gegen das Verges- auf dem Marktplatz untersagt wurde. Es
Melchiorstr. 3, Kleines Forum
sen – Schauspieler des bekam lediglich eine Genehmigung für
Veranstalter: Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten
in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Theaters Magdeburg den Johannisplatz, wo es sich auch ver-
Infos: Tel. 0221-21 16 58 sammelte.

: antifaschistische nachrichten 2-2005 3


Nicht nur in Thüringen verlegen sich Der Eklat vom 21. Januar konnte nicht schaft ermittelt wegen Volksverhetzung.
die Behörden auf immer absurdere sonderlich überraschen: Apfel hat die Die Deutsche Volksunion (DVU) des
Rechtsabwägungen zugunsten der Neo- Schirmherrschaft über den Trauermarsch Münchner Millionärs Gerhard Frey hin-
faschisten. In Sachsen wird aus der der Jungen Landsmannschaft Ostpreu- gegen applaudierte am Wochenende.
grundgesetzlich garantierten Versamm- ßen (JLO) anlässlich des 60. Jahrestages Am Freitag, 21.1., hatte die zwölfköp-
lungsfreiheit ein Recht auf Teilnahme des anglo-amerikanischen Bombenan- fige NPD-Fraktion in Sachsen eine
von Neonazis an Veranstaltungen, auch griffs auf Dresden am 13. Februar 2005 Schweigeminute für die Opfer des Fa-
wenn diese explizit antirassistischen und übernommen. Die Junge Landsmann- schismus verweigert. Die NPD-Abge-
antifaschistischen Charakter haben. So schaft Ostpreußen, so Apfel, sorge seit ordneten Holger Apfel und Jürgen Gan-
wurde im vergangenen Halbjahr den Ver- vielen Jahren dafür, dass das „Gedenken sel hatten dann die Angriffe auf Dresden
anstaltern der Montagsdemos in Leipzig, an die Opfer des Terrorangriffs“ nicht je- zum Ende des Zweiten Weltkrieges als
Dresden und Chemnitz untersagt, Neo- nen überlassen werde, „die sich durch „Bomben-Holocaust“ und „kaltblütig ge-
nazis mit ihren Parolen und Transparen- einseitige Schuldbekenntnisse hervortun planten, industriellen Massenmord“ be-
ten von ihren Demonstrationen auszu- oder gar die gnadenlose Bombardierung zeichnet.
schließen. deutscher Städte als Befreiungsakt „Wir prüfen den Verdacht der Volks-
Mit der Antwort des sächsischen feiern.“ verhetzung wegen des Ausdrucks ,Bom-
Innenministeriums vom 3. Januar auf In den Landtag brachte die NPD-Frak- ben-Holocaust‘“, sagte Oberstaatsanwalt
eine kleine Anfrage aus der PDS-Frak- tion bereits einen Antrag ein, der fordert, Andreas Feron in Dresden. Diese Prü-
tion im Landtag wurde dieses Vorgehen eine Sächsische Landesstiftung „Opfer fung könnte ohne weiteres auf die DVU
jetzt auch von Minister Thomas de Mai- des Luftkrieges“ und einen regulären ausgeweitet werden, die ihr Wahlbündnis
zière gestützt. Die Frage des Abgeordne- „Gedenktag zur Erinnerung an die alli- mit der neofaschistischen NPD nach den
ten Klaus Bartl lautete, ob es der Rechts- ierten Luftangriffe“ am 13. Februar ein- Ausfällen keinesfalls gestört sieht. Im
auffassung des Innenministeriums ent- zuführen. Die Stiftung soll „eine zentrale Gegenteil: „Daß an die Holocaust-Opfer
spräche, dass Veranstalter, deren „erklär- Gedenkstätte für die zivilen Opfer der der angloamerikanischen Terrorangriffe
tes Versammlungsziel es ist, sich gegen Bombardierungen“ errichten und sich erinnert wird, halten wir für goldrichtig“,
Nationalismus und Sozialabbau zu be- „der historischen Aufarbeitung der Er- legte DVU-Sprecher Bernd Dröse am
kennen“, gezwungen seien, Neonazis an eignisse“ widmen, insbesondere Zeitzeu- Sonntag gegenüber junge Welt nach.
ihren Veranstaltungen zu beteiligen. Der genberichte archivieren. In der Begrün- In Brandenburg hatte das Verharmlo-
Staatsminister des Inneren antwortete, dung zum Antrag wird die deutsche Zi- sen des Holocaust zuvor für weit weniger
dass „weder der Veranstalter noch der vilbevölkerung kurzerhand zu einer bis- Aufsehen gesorgt. Bei einer Parlaments-
Leiter nach eigenem Ermessen Personen, her nicht beachteten Opfergruppe erklärt, debatte am 19. Januar aus Anlass des Ge-
die die Versammlung nicht stören, nur deren Leiden in der Erinnerung wachzu- denktages für die Opfer des Nationalso-
aufgrund einer von diesen vertretenen halten sei. zialismus am 27. Januar hatte DVU-Ge-
anderen politischen Auffassung die Teil- Antifaschisten planen für den 13. Fe- schäftsführer Siegmar-Peter Schuldt die
nahme an der Versammlung untersagen“ bruar wie jedes Jahr Gegenaktionen – Nationalsozialisten zwar „eine der größ-
könne. kun ■ siehe unten stehende Anzeige. ten Katastrophen der deutschen Ge-
u.b. ■ schichte“ genannt, aber umgehend wie-
Sachsen: NPD-Kandidatin (Quellen: Presseberichte, PMs der der realitiviert: Neben dem „Mord an den
NPD-Fraktion Sachsen) Juden“ zählte er Verbrechen an India-
Gitta Schüßler erhielt fünf nern, an Häftlingen in Stalins Lagern und
zusätzliche Stimmen Nach NPD-Skandal im säch- an deutschen „Vertriebenen“ auf.
Sachsen. Bei der Nachwahl zum Lan- Die brandenburgische CDU-Führung
desjugendhilfeausschuss des Sächsi- sischen Landtag: Staatsan- wettert unterdessen gegen die Stadtver-
schen Landtages erhielt die NPD-Kandi- waltschaft prüft Ermittlung waltung von Frankfur/Oder, weil diese
datin Gitta Schüßler (MdL) 17 Stimmen wegen Volksverhetzung den antifaschistischen Widerstands-
und damit 5 Stimmen mehr als die NPD- kämpfer Peter Gingold als Redner zur
Fraktion Mitglieder hat. Das Verharmlosen des Holocaust durch Gedenkveranstaltung am 27. Januar ein-
NPD-Fraktionsvorsitzender Holger NPD-Abgeordnete im sächsischen Land- geladen hat. Der 88jährige Gingold ist
Apfel sagte dazu in Dresden: „Wir freu- tag hat aufgeregte Reaktionen ausgelöst. Mitglied des Auschwitz-Komitees und
en uns selbstverständlich über dieses Er- Die PDS sieht neues Material für ein einer der Sprecher der Vereinigung der
gebnis. Nicht zuletzt auch deshalb, weil NPD-Verbotsverfahren. Der SPD-Innen- Verfolgten des Naziregimes (VVN-
damit die gemeinsame Erklärung der politiker Dieter Wiefelspütz plädiert für BdA). Für Brandenburgs CDU ist er ein
selbsternannten Demokraten aus der ver- einen neuen „Aufstand der Anständi- Verfassungsfeind.
gangenen Woche sofort wieder in Frage gen“. Die Bürger dürften sich das Verhal- Wera Richter ■
gestellt worden ist.“ ten der NPD nicht gefallen lassen und junge Welt 24.1.05,
Die anderen Parteien hatten ihre Em- müßten nun „friedlich und energisch“ aus Platzgründen gekürzt
pörung darüber geäußert, dass die NPD aufstehen. Die Dresdner Staatsanwalt-
wiederholt Stimmen
aus anderen Fraktio-
nen erhielt und für
den Fall der „zwei-
felsfreien Identifika-
tion“ mit dem Aus-
schluss aus ihren
Fraktionen gedroht.
Bei geheimen Ab-
stimmungen muss
man das allerdings
nicht fürchten, da
traut man sich...
: antifaschistische nachrichten 2-2005
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Polizei: Neonazi Käppler ist Nur eine Stimme im Kreiswahl-
gefährlich
Die rechtsextreme Bewegung Deutsche
ausschuss für NPD-Kandidaten
Volksgemeinschaft (BDVG) wird mögli- Schleswig-Holstein. Ein Signal des Protestes gegen den NPD-Kandidaten Ingo
cherweise verboten. Wohl um dies zu ver- Stawitz aus Uetersen, der im Wahlkreis 27 (Pinneberg-Elbmarschen) zur Landtags-
hindern, hat der Neckarwestheimer Lars wahl antritt, hat der Kreiswahlausschuss Pinneberg gegeben. In der Einzelabstim-
Käppler den Vorsitz niedergelegt. Der als mung stimmte nur Kreiswahlleiter Jahn für die Kandidatur. Die weiteren sechs Mit-
gefährlich geltende Neonazi macht der- glieder des Ausschusses enthielten sich der Stimme. Der Kreiswahlleiter gab an,
weil verstärkt Geschäfte in der rechten aus juristischen Gründen keine andere Entscheidungsmöglichkeit zu haben, nach-
Szene und verlagert seinen Verlag Rich- dem der Landeswahlausschuss Schleswig-Holstein die Kandidatur der NPD geneh-
tung Ellwangen. migt hatte.
Das passiert den baden-württembergi- Bedauerlicherweise hatte der Landeswahlaus-
schen Verfassungsschützern selten: Ein Be- schuss am 7. Januar 2005 über alle eingereichten
obachtungsobjekt informiert über sich Wahlvorschläge der Parteien en bloc abgestimmt, so
selbst. Der Behörde flatterte ein Fax des dass vom Land kein Signal des Protestes erfolgte.
Neckarwestheimers Lars Käppler ins Dieser Peinlichkeit enthob sich die Mehrheit des
Haus. Darin teilte der 29-Jährige mit, dass Kreiswahlausschusses Pinneberg, in dem sie sich für
er aus der bundesweit tätigen BDVG aus- eine Einzelabstimmung entschied.
getreten sei. Diese seit ihrer Gründung Gegen den NPD-Kandidaten Ingo Stawitz ist nach
1999 vom Verfassungsschutz beobachtete einer Enthüllung im NDR-Politmagazin „Panorama“
Gruppe versteht sich als rechte Kader- zusammen mit anderen NPD-Funktionären ein Er-
schmiede und organisierte zahlreiche öf- mittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverlet-
fentlichkeitswirksame Veranstaltungen. Al- zung eingeleitet worden. Stawitz wurde anlässlich ei-
lein in Schwäbisch Hall meldete Käppler ner Protestdemonstration von Antifaschisten gegen
neun Demonstrationen an und mobilisierte den NPD-Parteitag in der schleswig-holsteinischen
hunderte Rechtsradikale. Seinen Rückzug Ortschaft Steinburg beim Steinewerfen gezeigt. Zu-
als BDVG-Chef hält der Heilbronner Ingo Stawitz gleich hatte er eine am Boden liegende Frau mit Fuß-
Staatsschutz der Polizei für glaubhaft. Der tritten verletzt.
Grund könnte sein, dass der 29-Jährige, Der Landesvorstand der Vereinigung der Verfolg-
durch sein vielfältiges Wirken selbst ver- ten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten hatte zuvor alle Wahlausschüsse auf-
stärkt ins Blickfeld der Ermittler geraten, gefordert, der NPD die Kandidatur zur Landtagswahl zu verweigern. In dem Schrei-
die Organisation aus dem Schussfeld neh- ben der VVN-BdA hieß es u.a. : „Auch wenn die Chance, einen NPD-Kandidaten
men will. Laut Polizeidirektion Heilbronn von der Wahl auszuschließen, nicht gegeben ist, muss der Protest offen ausgespro-
wird ein Verbot derzeit geprüft. Wie ist der chen werden. Man kann Zivilcourage nicht nur von anderen fordern“.
Neonazi einzuschätzen? Die Polizei in Damit bezog sich die VVN-BdA auf einen Aufruf von Innenminister Klaus Buß
Schwäbisch Hall hält ihn für „gefährlich“. und Justizministerin Anne Lütkes zu einer „offensiven Auseinandersetzung mit dem
Zum einen schaffe er es, eine Menge Leute Rechtsextremismus“. Die Minister von SPD und Grünen hatten erklärt, es sei Auf-
auf die Straße zu bringen und das rechte gabe aller rechtstaatlich und demokratisch gesinnten Kräfte der Gesellschaft, sich in
Lager präzise zu steuern. Und: Eine Grup- ihrem Arbeits- und Lebensumfeld couragiert gegen Rechtsextremismus und Antise-
pe Mitstreiter hinter sich und ein Mikrofon mitismus öffentlich einzusetzen.
in der Hand lasse aus dem unscheinbaren Für die VVN-BdA Schleswig-Holstein: Marianne Wilke ■
jungen Mann einen Agitator mit entspre-
chender Rhetorik werden.
Verstärkt nutzt Käppler inzwischen Neonazis auf Route der
rechte Weltanschauung und vielfältige An diesem Tag wurden in der gesam-
Kontakte für wirtschaftliche Zwecke. Im Verbrechen der Waffen-SS ten Region Gedenkveranstaltungen an
vergangenen Jahr ließ er einen Verlag in Die VVN Aachen hat beim Generalbun- die von Deutschen verübten Massaker
das Heilbronner Handelsregister eintra- desanwalt in Karlsruhe Anzeige gegen vor 60 Jahren durchgeführt. Wegen der
gen. Dieser ist auch für das BDVG-Organ Unbekannt erstattet gegen 10-15 Neona- außenpolitischen Dimension des Vor-
„Volk in Bewegung“ verantwortlich. Zu- zis aus Köln und Trier, die am Sonntag, gangs wenden wir uns an Sie. Außerdem
dem vertreibt er per Internet einschlägiges den 19.12.2004 in der Gegend von Sta- ist die lokale Staatsanwaltschaft in der
Material wie Bücher, Flaggen, Kleidung. velot, Belgien, eine unerhörte Provoka- Verfolgung neonazistischer Straftaten
Der Name Lars Käppler ist auch in Ro- tion begingen. In der Anzeige heißt es: derart hilf- und erfolglos, dass wir uns
senberg-Hohenberg bei Ellwangen be- „Auf den Spuren der SS-Verbrecher un- lieber nicht an die lokalen Vertreter wen-
kannt. Dort hat der vorbestrafte österrei- ter der Leitung ihres Anführers Peiper den.
chische Neonazi Andreas Thierry den al- bereisten die Neonazis die Route der Die belgische Polizei hat die Täter
ten Gasthof „Goldenes Kreuz“ für 45 000 Verbrechen, um in den Uniformen der festgenommen und ausgewiesen, die
Euro ersteigert. Zum Entsetzen von Ein- SS-Mörder die Überlebenden der Massa- Kostüme der Neonazis sowie Propagan-
wohnern und Bürgermeister Uwe Debler. ker sowie die Hinterbliebenen zu brüs- damaterial wurden beschlagnahmt. Die
Nach Erkenntnissen der Heilbronner kieren. Sie haben damit den Frieden zwi- Täter bzw. die PKWs, mit denen sie an-
Staatsschützer bereitet Käppler seinen schen den Völkern gefährdet, das Anden- reisten stammen aus Köln und Trier. Im
Umzug nach Hohenberg vor. Seit Montag ken Verstorbener missachtet und verun- Rahmen der Amtshilfe wird es leicht
liegt das Baugesuch vor. Vorgesehen sind glimpft, eine verbrecherische und verbo- möglich sein, Angaben über die Neona-
Lagerräume. Diese könnte Käppler für tene Organisation – die Waffen-SS – zis zu erhalten.“
seinen Verlag nutzen. In dem großen Ge- fortgeführt und die Kennzeichen natio- Der Generalbundesanwalt hat mittler-
bäude gibt es aber auch einen Saal: ideal nalsozialistischer Gewaltherrschaft be- weile die eigene Zuständigkeit bestritten
für Seminare. Ein Nazi-Schulungszentrum nutzt. Die Aktion hat bei den Überleben- und die Anzeige an den Staatsanwalt
in Ellwangen? den und deren Angehörigen für Entset- beim Landgericht Köln verwiesen.
www.stimme.de, 22.1.05, Reto Bosch ■ zen gesorgt. KH ■

: antifaschistische nachrichten 2-2005 5


Der Chef des Front National
bezeichnet deutsche Besat-
zungsära als „nicht so inhu-
Neue Provokation von
man“ und bezweifelt das SS-Massa-
ker von Oradour-sur-Glane. Ein Straf-
verfahren gegen ihn ist eingeleitet.
Jean-Marie Le Pen
rol’ als fast nur Insidern bekanntes Blatt noist, Vordenker des neorassistischen
Durch eine neue Provokation, nicht die er- lässt an der These vom ‚Mediencoup’ GRECE. Dieser wird in der jüngsten Aus-
ste ihrer Art, machte der französische zweifeln. (...) In Wirklichkeit dürfte es sich gabe von „Aviso“, dem Hausblatt von Ma-
rechtsextreme Politiker Jean-Marie Le Pen weder um eine Werbestrategie noch um ei- rine Le Pens Getreuen-Vereinigung „Gé-
in diesen Tagen von sich reden. Wie einem nen dummen Ausrutscher handeln, son- nérations Le Pen“, ausführlich interviewt.
größeren Publikum erstmals durch einen dern diese Darstellung des Zweiten Welt- Der Inhalt von Le Pens Äußerungen in
Bericht der Pariser Abendzeitung „Le kriegs ist nur der Ausdruck der tiefen „Rivarol“
Monde“ vom Mittwoch abend (12. Januar) Überzeugungen Le Pens (...)“ Dem wider-
bekannt wurde, hatte der Gründer und sprechen allerdings andere Antifaschisten, In ,Rivarol‘ vom 7. Januar 05 also erklärte
Chef des Front National in einem Zei- die den FN seit längerem beobachten: „Ri- Jean-Marie Le Pen unter anderem : „Die
tungsinterview die Ära der NS-deutschen varol“ sei zwar keine viel beachtete Mas- deutsche Besatzung (Anm.: in Frankreich)
Besatzung in Frankreich unter anderem als senzeitung, aber seine Artikel fänden sich war nicht besonders unmenschlich. (...)
„nicht so inhuman“ bezeichnet. (zumindest, wenn der Name Le Pens im Wenn die Deutschen tatsächlich in allen
Was ist „Rivarol“? Spiel sei) höchstwahrscheinlich im „Ar- Ecken massenhafte Hinrichtungen vorge-
gus“ wieder; das ist ein hochprofessionell nommen hätten, wie gemeinhin behauptet
Das Interview erschien in der Ausgabe gestalteter und ziemlich teurer Pressespie- wird, dann hätten sie keine Konzentra-
vom 7. Januar der rechtsextremen Wo- gel, der in allen Zeitungsredaktionen ver- tionslager für die politischen Deportierten
chenzeitung „Rivarol“. Dieses Organ, das folgt werden dürfte. benötigt.“ Es habe wohl, fügte Le Pen hin-
den Namen eines konterrevolutionären Im Zweifelsfall schließen die beiden zu, einige „Ausrutscher“ (bavures) gege-
Schriftstellers aus dem späten 18. Jahrhun- Thesen einander ja auch insofern keines- ben, „wie sie unvermeidlich sind in einem
dert (Antoine Rivarol) trägt, wurde im Jahr wegs zwingend aus, als ein möglicher stra- Land von 550.000 Quadratkilometern
1951 durch René Malliavin begründet und tegischer Hintergedanke Le Pens ihn nicht (Anm.: das entspricht exakt der Oberflä-
diente zunächst den letzten Verteidigern daran gehindert hätte, gleichzeitig auch che Frankreichs)“. Aber, fügte Le Pen hin-
des Vichy-Regimes als Tribüne. In seinen seine „tiefen Überzeugungen“ auszuspre- zu, die Gestapo habe in einigen Fällen
Spalten konnte etwa der französische Pro- chen. In der Vergangenheit gehorchten auch eingegriffen, „um Massaker zu ver-
NS-Propagandist Lucien Rebatet publizie- vergleichbare Provokationen Le Pens oft- hindern, etwa im Norden Frankreichs“.
ren. Die heutige Zeitung „Rivarol“, deren mals einer ihm eigenen politischen Logik: Über das Massaker von Oradour-sur-
Redaktion im 10. Pariser Arrondissement Sie zogen gleichzeitig die Aufmerksam- Glane äußerte Le Pen sich nur knapp und
ansässig ist und die sich selbst als „Wo- heit auf ihn, als „Herausforderer des Sys- per Andeutung: Darüber „gäbe es viel zu
chenzeitung der nationalen und europäi- tems“, und sie sollten auf gewisse Weise sagen“. Bei dem Massaker von Oradour
schen Opposition“ bezeichnet, hat eine verhindern, dass ihm die Kontrolle über wurden am 10. Juni 1944 insgesamt 642
Auflage von nur 2.000 Exemplaren. Es seine eigene Partei entglitt. Sie sollten Zivilisten (davon 245 Frauen und 207 Kin-
handelt sich um das kleinste und um das nämlich verhindern, dass untergeordnete der) durch die SS-Division „Das Reich“
mit Abstand extremste, am ungeschmink- Parteifunktionäre der Gefahr einer „Ver- getötet, auf ihrem Rückzug aus der Nor-
testen auftretende unter den größeren (d.h. bürgerlichung“ unterliegen und auf eigene mandie, wo vier Tage zuvor die Alliierten
strömungsübergreifenden) rechtsextremen Faust realpolitische Absprachen mit bür- gelandet waren. In diesem Kontext prakti-
Publikationsorganen. Rassismus und Anti- gerlich-konservativen Bündnispartnern zierte die SS eine Politik der verbrannten
semitismus werden hier so offen wie kaum treffen könnten. Erde. Die Behauptung des rechtsextremen
irgendwo anders an den Tag gelegt. An In der derzeitigen Phase des allmäh- Politikers, dazu gebe es noch „viel zu sa-
den französischen Zeitungskiosken ist lichen Machtübergangs in der Partei Jean- gen“, wird als verhaltene Anspielung auf
„Rivarol“ weit weniger sichtbar als etwa Marie Le Pens, der aus Altersgründen (er die Schriften eines Geschichtsrevisionis-
die zu 40 Prozent parteieigene Wochenzei- wird im Juni dieses Jahres 77) seine Nach- ten namens Vincent Reynouard gedeutet.
tung des FN, „National Hebdo“. Oft wird folge regeln muss, könnte es sich also um Dieser hat die These aufgestellt, das Mas-
sie in den Kiosken nur unter dem Laden- einen Versuch handeln, noch einmal inner- saker von Oradour sei in Wirklichkeit „le-
tisch verkauft. parteilich „die Spreu vom Weizen zu diglich“ ein Vergeltungsschlag für „Taten“
Bewusst provozierter Skandal? scheiden“. Potenziellen Weichlingen, die der Partisanenverbände (Maquis) der Ré-
aus dem FN eine „normale“ bürgerliche sistance gewesen. Die EinwohnerInnen
Deswegen dauerte es auch fünf Tage, bis Partei zu machen bestrebt sein könnten, von Oradour-sur-Glane waren vollzählig,
eine breitere Öffentlichkeit von den Äuße- würden nach diesem Kalkül ihre Hoffnun- soweit die SS ihrer habhaft werden konn-
rungen des FN-Parteichefs Le Pen in die- gen ausgetrieben werden. Tatsächlich lie- te, in der Kirche des Orts zusammen ge-
sem Schmuddelblättchen Kenntnis neh- fern sich beide Seiten im aktuell tobenden trieben worden, die in Brand gesteckt wur-
men konnte. Dennoch ist nicht ausge- innerparteilichen Machtkampf derzeit ei- de. Doch Vincent Reynouard behauptet, in
schlossen, dass der rechtsextreme Politiker nen Wettbewerb in „Härtebeweisen“. Die dieser Kirche sei in Wirklichkeit Spreng-
auch eine öffentliche Provokation suchte „Nummer Zwei“ der Partei, Bruno Goll- stoff der Partisanen deponiert gewesen.
oder zumindest in Kauf nahm, da er wohl nisch, etwa versuchte sich im Oktober Dies erkläre angeblich die vermeintlichen
davon ausgehen musste, dass der Inhalt 2004 in Holocaust-Relativierung, dabei „Repressalien“ ebenso wie das Ausmaß
des Interviews früher oder später publik fast wörtlich Äußerungen seines Partei- der Zerstörungen in dem Ort.
würde (so jedenfalls der Rechtsextremis- chefs von 1987 wiederholend. Und Ma- Auf die Frage der „Rivarol“-Redaktion,
musspezialist Jean-Yves Camus am 12. rine Le Pen, die als eher „modernistisch“ was von der „Propaganda, die dieses gan-
Januar). und vermeintlich „gemäßigt“ geltende ze Jahr hindurch angesichts der Gedenk-
Nicht von dieser Theorie überzeugt ist Tochter des Parteichefs und ebenfalls An- feiern zum (Anm. 60. Jahrestag des)
hingegen der „Libération“-Journalist Re- wärterin auf seine Nachfolge, holte jüngst Ende(s) des Zweiten Weltkriegs entfesselt
naud Dély, der in der Ausgabe vom 14.01. den Papst der neu-heidnischen „Neuen werden wird“ zu halten sei, antwortet Le
schreibt: „Doch der Charakter von ‚Riva- Rechten“ in ihr Hausblatt: Alain de Be- Pen: „Ein unerträgliches Denkverbot lastet

6 : antifaschistische nachrichten 2-2005


seit Jahrzehnten auf all diesen Themen.“ Köln. Am 20. Ja-
Deswegen fordere er, einmal mehr, die nuar predigte Kar-
Abschaffung der „freiheitstötenden Geset- dinal Meisner im
Kölner Dom wieder einmal
ze“. Damit gemeint ist die Gesetzgebung,
seine Absegnung der mili-
die rassistische Hetze sowie die Holo- tärischen Außenpolitik der
caust-Leugnung unter Strafe stellt, also die Bundesrepublik Deutsch-
Loi Pleven vom 1. Juli 1972 sowie die (das land. 1500 Soldaten der
Strafarsenal auf die Auschwitzlüge aus- Bundeswehr und aus ande-
dehnende) Loi Gayssot vom 13. Juli 1990. ren NATO-Staaten sollten
Erste Reaktionen religiös ausgerichtet wer-
den, im Namen ihres und
Der französische konservative Justizmi- Meisners Gottes Men-
nister Dominique Perben (UMP) erklärte schen zu töten, militärische
sofort nach Bekanntwerden der jüngsten Gewalt einzusetzen, näm-
Provokation aus dem Munde Jean-Marie lich „Böses durch Gutes
Le Pens, er habe Anweisung zur Einlei- überwinden“, so der Titel
von Kardinal Meisners Pre-
tung eines strafrechtlichen Ermittlungs-
digt. Auch Verteidigungsmi-
verfahrens gegeben. Noch am Mittwoch nister Struck, Sozialdemo-
berief er eine kurze Pressekonferenz dazu krat, und der Generalin-
ein. Dort erklärte er, die Staatsanwalt- spekteur der Bundeswehr
schaft Paris zur Aufnahme eines Strafver- saßen in der ersten Reihe
fahrens angewiesen zu haben. Perben be- neben Oberbürgermeister „Der Glaube an das Militär versetzt
zeichnete die Äußerungen Le Pens als Schramma, Christdemo- Berge von Menschen unter die Erde“
„nicht hinnehmbar“ und als Verhöhung krat, und ließen sich die
„der Opfer, ihrer Familien, der ehemaligen Verteidigung Deutschlands am Hindukusch fürs ren Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, Vierter Auf-
Résistancekämpfer, der Deportierten und kommende Jahr absegnen. zug, 3. Szene, Tell: „Es kann der Frömmste
all jener, die in dieser dunklen Periode un- Etwa 20 Demonstrantinnen und Demonstran- nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen
serer Geschichte gelitten haben“. ten protestierten gegen diese religiöse Rechtfer- Nachbar nicht gefällt“ verwendete der Kardi-
Die Liga für Menschenrechte (LDH) er- tigung der deutschen Militärpolitik. Einer stand nal lieber nicht. Die Gedanken der mehr oder
mit der Tafel „Der Glaube an das Militär ver- weniger frommen Zuhörenden könnten sich
klärte am Mittwoch abend, 12. Januar
setzt Berge von Menschen unter die Erde“ vor schwerer von der bisher angepriesenen bibli-
durch ihren Vorsitzenden Michel Tubiana, schen Feindesliebe lösen. Meisners Spruch „Es
dem Domeingang. Die Polizei zwang ihn sich
sie erwäge, „nach einer sorgfältigen juris- zu entfernen. So nahe an den lesenden Solda- kann der Beste nicht ...“ passt ihm genauer zu
tischen Prüfung“ Strafanzeige gegen Le ten wollten Kardinal und Verteidigungsminister dem „Guten“ und dem „Bösen“. Obwohl mit
Pen zu erstatten. Die Gestapo, die durch diesen wahren Satz nicht stehen lassen. ganz anderen Mitteln, haben Feindesliebe und
Le Pen verharmlost wurde, sei im Nürn- Im Dom zitierte Kardinal Meisner aus dem Militäreinsatz der Bundeswehr nach Kardinal
berger Prozess als kriminelle Organisation Römerbrief des Apostel Paulus: „Lass dich nicht Meisner dasselbe Ziel. Nachdem er seinen Vor-
eingestuft worden. Auch die Antirassismu- vom Bösen besiegen, sondern besiege das fahren-Spruch losgelassen hat, fordert Meisner
sorganisation MRAP erklärte noch am sel- Böse durch das Gute“ (Römerbrief 12, 21). Er den Einsatz der Bundeswehr: „Und selbst, wo
ben Mittwoch, sowohl gegen Le Pen als interpretierte das so, dass die Soldaten die an- Gewalt angewendet werden müsste, muss es
auch gegen die Zeitung „Rivarol“ Strafan- dere Backe hinhalten sollten: „Und wenn ich als Ultima ratio geschehen, das Böse in das
zeige einzureichen. geschlagen werde und nicht mit der Faust zu- Gute zurück zu führen, aus dem Negativen das
Hingegen schätzte die eher liberale LI- rückschlage, sondern – nach dem Worte Chris- Positive zu machen.“ Will die Bundeswehr et-
CRA (Liga gegen Rassismus und Antise- ti in der Bergpredigt – dem anderen meine was anderes als die christliche Feindesliebe?
Wange zum zweiten Male hinhalte (Matthäus Will die geplante EU-Angriffstruppe nicht das
mitismus), Le Pens Äußerungen seien jene Positive machen, zumindest für die weltweiten
5,39), dann hält er (der andere) inne, wird ver-
„eines sich ständig wiederholenden Alten“, wirrt und fragt sich: ‚Was ist denn passiert? Ist Vorherrschaftsziele ihrer Auftraggeber?
die „nur Verachtung und Abscheu hervor- er verrückt oder bin ich verrückt?’“ Der Kardi- Verteidigungsminister Struck soll laut Kölner
rufen“. Offenkundig schätzt man hier, ein nal preist hier als Mittel für die Soldaten: „Es ist Rundschau vom 21. Januar 2005 beim folgen-
erneuter Prozess gegen Jean-Marie Le Pen, die Feindesliebe, die unbegreiflichste Heraus- den Empfang im Maternushaus gesagt haben:
der bereits mehrfach verurteilt worden ist forderung, die Gott den Menschen als seinen „Er werde oft gefragt, ob denn Soldaten und
(unter anderem wegen seiner Bezeichnung Ebenbildern zumutet.“ Friedensgebet zusammen passten (...) Dem hal-
der „Frage“ der Existenz der Gaskammern Mit diesem Mittel der Feindesliebe hätten te er entgegen: ‚Wir leisten aktive Friedensar-
als „Detail der Geschichte“, die er 1987 im die Bomberpiloten der Bundeswehr aber sicher beit’“.
französischen Fernsehen aufstellte und Probleme, ihren Vernichtungsauftrag durchzu- Sozialdemokrat Struck könnte seine „aktive
1997 in München an der Seite Franz führen. Die Realität ist anders. Denn die Friedensarbeit“ in Köln am Mittwoch, dem 23.
Schönhubers wiederholte), könne diesem Bundeswehr richtet sich nicht gegen Meisners Februar 2005, noch einmal nachvollziehen
nur dazu dienen, sich erneut als „Märtyrer“ behauptetes allgemeines „das Böse“. Die welt- und Kardinal Meisners Spruch „Das Böse in
weite Sicherung der Rohstoffe und die Siche- das Gute zurückführen“ ins Angesicht der kla-
aufzuspielen. Diese Befürchtung wird
rung der weltweiten Handelswege für die deut- genden Angehörigen rechtfertigen: Verhand-
noch von anderen Protagonisten geteilt, schen Kapitalisten ist verbindlicher Auftrag laut lung vor dem Oberlandesgericht Köln (Rei-
etwa dem UMP-Abgeordneten Pierre Lel- Bundeswehrrichtlinien. chenspergerplatz) in Sachen Bürger von Varva-
louche, der davor warnte, Le Pen in seiner Damit Meisner zum selben Ziel, das Böse rin gegen Bundesrepublik Deutschland. Ein-
„Märtyrerrolle“ zu bestätigen. durch das Gute überwinden, kommen kann, wohner dieses serbischen Dorfes, das im Krieg
Serge Klarsfeld von der Vereinigung der nimmt er daher einen anderen Weg. Er zitiert 1999 von der NATO bombardiert wurde, ob-
Söhne und Töchter jüdischer Deportierte nicht mehr aus der Bibel. Wie in jeder seiner wohl es kein militärisches Ziel in diesem Dorf
kommentierte im französischen Radiosen- Soldatengottesdienst-Reden kramt er im reichen gab, wobei etliche Einwohner getötet wurden,
der Franco Info, bei der Einstufung der Sprichwortschatz seiner Vorfahren und zitiert, haben das NATO-Mitglied Deutschland ver-
deutschen Besatzungsära als „nicht so in- leicht in seinem Sinne gedreht: „Das Sprichwort klagt (insbesondere die Eltern der getöteten Ju-
human“ dürfe man nie aus dem Blick ver- unserer Vorfahren: ‚Es kann der Beste nicht in gendlichen). Die Verhandlung beginnt wahr-
lieren, „dass 76.000 Juden aus Frankreich Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn scheinlich am Vormittag. Das Kölner Friedensfo-
deportiert wurden und (nur) 2.500 von ih- nicht gefällt’ ist leider noch nicht ad absurdum rum plant eine Aktion. Wer kann, sollte sich den
geführt.“ Die übliche Formulierung des Vorfah- Termin freihalten. gba ■
nen lebend zurück kamen“. Aber auch er
Fortsetzung Seite 8
: antifaschistische nachrichten 2-2005 7
mahnte an, zu prüfen, ob Le Pen sich nicht proportional betrachtet, in Frankreich am Weise zu diesen Themen äußern kann und
einen eventuellen erneuten Prozess zunut- wenigsten schmerzhaft.“ Das trifft inso- dass man kein freies Urteil über die Tatsa-
ze machen werde, um sich als „Verfolgter“ fern sogar zu, als die Besatzungspraxis in chen der Besatzung fällen kann.“ Es sei
aufzuspielen; „jedes Mal, wenn man eine Polen und den besetzten Teilen der So- eine „wirkliche politische Gedankenkon-
Weile lang nicht von ihm spricht, versucht wjetunion, deren Bewohner durch die Na- trolle“ zu beklagen.
er, durch einen Skandal auf sich aufmerk- zis als „slawische Untermenschen“ be- Vor mehreren hundert Parteisympathi-
sam zu machen“. Einwohner von Ora- trachtet wurden, zweifelsohne zu Anfang santen, die am Sonntag, 16.1. in einem
dour-sur-Glane und Mitarbeiter der dorti- härter ausfiel als (zumindest für die nicht- Saal im XV. Pariser Bezirk versammelt
gen Gedenkstätte, die am Donnerstag früh, jüdischen Einwohner) in Frankreich – das waren, rechtfertigte Le Pen sich und legte
13. Januar ebenfalls auf Radio Franco Info mehrheitlich in den Anfangsmonaten ent- dabei nochmals mit Äußerungen in ge-
befragt wurden, meinten: „Es gilt, diese weder zur Kollaboration oder zum Still- schichtsrevisionistischer Absicht nach:
historische Wahrheit (über Oradour) zu halten neigte, bevor die Résistance im wei- „Was das kriminelle Vorgehen gegen die
verteidigen, auch auf die Gefahr hin, dass teren Kriegsverlauf breitere Unterstützung Zivilbevölkerung betrifft, muss man Ora-
Leute wie Le Pen das benutzen, um von gewann. Le Pen weiter: „Das hat die Deut- dour-sur-Glane neben Dresden oder Hi-
sich reden und um so Werbung für sich zu schen nicht daran gehindert, ihre Politik zu roshima betrachten“, äußerte Le Pen. Das
machen“. betreiben und rassische Deportationen, soll bestenfalls bedeuten, dass – die Frage
De Sozialdemokraten forderten die Ein- politische Verfolgungen, den Kampf ge- nach Ursache und Wirkung vom Tisch wi-
leitung von Strafverfolgungsmaßnahmen. gen die Résistance durchzuführen.“ Über schend – die Verbrechen des NS-Regimes
Ähnlich die KP in Gestalt ihrer Vorsitzen- die Komplizenschaft von Franzosen im und die, in Einzelpunkten mitunter an-
den Marie-George Buffet. Dagegen tat der Rahmen des Vichy-Regimes äußerte Le greifbaren, Taten der Alliierten im durch
Alt-68er und jetzige neoliberale Grüne Pen sich hingegen selbstverständlich die Nazis ausgelösten Weltkrieg miteinan-
Daniel Cohn-Bendit die jüngsten Äuße- nicht, was auch verwundert hätte, da eini- der gleichgesetzt werden könnten. Und
rungen Le Pens als Gestotter eines „Alten, ge „Übriggebliebene“ jener Zeit vor allem das ist noch die günstigste Interpretation,
der vollkommen senil und verrückt gewor- in der Gründungsphase des (1972 entstan- denn genauso gut ließe sich die Lesart ver-
den ist“ ab; es sei mittlerweile „egal, was denen) Front National eine wichtige Rolle treten, dass neben einem unbestreitbaren
er abspritzt“. spielten. Verbrechen wie dem Abwurf der A-Bom-
Le Pen reagiert seinerseits Zum Massaker von Oradour-sur-Glane be auf Hiroshima doch auch das Massaker
hingegen erklärte Le Pen, er habe dem von an 600 Menschen in Oradour verblasse.
Am Donnerstag früh (13. Januar) hatte ihm Geäußerten „nichts hinzuzufügen“. Eine Sichtweise, die Aufrechnern und Ge-
Jean-Marie Le Pen seinerseits Gelegenheit Denn: „Ich kann (es) nicht sagen, denn in schichtsrevisionisten zweifellos zu eigen
zu reagieren, zuerst im Fernsehstudio des Frankreich hat man heute nicht das Recht ist, die aber nur dann halbwegs „funktio-
Senders RTL; die Einladung seitens des zu denken, nicht das Recht zu reden.“ Im niert“, wenn man Auschwitz und Treblin-
Fernsehkanals war bereits vor dem Be- Gegensatz zu „den meisten Anderen, die ka (als über sonstige Staats- oder Kriegs-
kanntwerden des jüngsten Skandals er- heute reden“ habe er selbst die deutsche verbrechen qualitativ hinaus gehende Bar-
folgt, der Auftritt also nicht extra des- Besatzung erlebt, betonte Le Pen (Jahr- barei) dabei „vergisst“ und unter den Tisch
wegen anberaumt worden. Dabei kündigte gang 1928). Seine damalige politische kehrt.
der FN-Chef an, „noch heute“ Strafanzei- Rolle ist nicht wirklich klar, möglicher- Innerparteiliche Reaktionen: Heuchle-
ge gegen die Redaktion von „Le Monde“ weise spielte er auch gar keine; nachdem rische Empörung und Machtkämpfe
zu erstatten, wegen „Manipulation“ und sein Vater, der bretonischer Fischer war,
angeblicher „Verzerrung“ in der Darstel- 1942 auf eine Mine aufgelaufen war, küm- Aus den Reihen des Front National selbst
lung seiner dort wieder gegebenen Äuße- merte Le Pen sich wohl vor allem um das kam am Donnerstag, 13. Januar, eine erste
rungen. Inhaltlich erklärte Le Pen, sich Haus. „Ich bin ein Verteidiger der Denk- Reaktion, die freilich eher kurios anmutet.
halbwegs geschickt hinauswindend: und Urteilsfreiheit“, so stellte Le Pen seine Sie gehorcht vor allem den Gesetzesmä-
„Wenn man die deutsche Besatzung in eigene Rolle dar. Und fügte hinzu: „Es ist ßigkeiten des innerparteilichen Macht-
Frankreich mit der in anderen europäi- ziemlich skandalös, dass man sich 60 Jah- kampfs. Jacques Bompard, der FN-Bür-
schen Ländern vergleicht, dann war sie, re danach nicht auf logische und ruhige germeister des südfranzösischen Orange
(er kam 1995 ins Amt und wurde 2001 mit
Wie steht es um die Rechtsfolgen? 60 Prozent der Stimmen wieder gewählt),
äußerte sich im Interview mit Radio Fran-
Die Pariser Abendzeitung "Le Monde" zeigt sich derzeit nicht überzeugt davon, dass es zu einer strafrechtlichen Verurtei-
ce Info. Er spreche Le Pen das Recht ab,
lung Jean-Marie Le Pens in der jüngsten Affäre komme. Möglicherweise seien seine umstrittenen Äußerungen über die
deutsche Besatzungszeit in Frankreich dafür noch zu vage gehalten und im Rahmen einer allgemeinen historischen Be-
so Bompard, sich zu solcherlei Themen zu
wertung angesiedelt, die noch durch die Meinungsfreiheit abgedeckt. Anders sah es konkret im Falle der (expliziten oder äußern, „die auf keinem Kongress disku-
impliziten) Infragestellung der Existenz der Gaskammern, deren Vorhandensein oder nicht Vorhandensein ein "détail de tiert worden sind“ und die Gegenstand kei-
l'histoire" (Nebenumstand der Geschichte), aus. Denn dabei bezog Le Pen sich, in seinen Auslassungen von 1987, die er nerlei Parteibeschlusses seien. Vor diesem
im Dezember 1997 in München wiederholte, auf präzise historische Tatbestände. In beiden Fällen wurde Le Pen zu Geld- Hintergrund habe Le Pen sich einer öffent-
strafen in fünf- bzw. sechsstelliger Höhe (je nach Franc- oder Euro-Währung) verurteilt.
lichen Darstellung seiner privaten Mei-
Am Freitag, 14. Januar 05 gab der Conseil d'Etat, das französische oberste Verwaltungsgericht, jedoch dem FN-Politiker
Bruno Gollnisch in seiner Klage gegen die Universität Lyon-III formal Recht. Der Hochschulverwaltung wird damit unter-
nung zu enthalten; im aktuellen Fall sei
sagt, Hausverbot (wie es seit dem 3. Dezember gültig war) gegen den rechtsextremen Hochschullehrer zu verhängen, der das „schädlich“. Jedoch danach befragt,
dadurch an der Abhaltung seiner Vorlesungsveranstaltungen gehindert wurde. Unbenommen sei das Recht des universitä- was er selbst, Bompard, inhaltlich zu die-
ren Disziplinarausschusses, so die Richter, explizite Sanktionen gegen Gollnisch zu verhängen, die im Übrigen in dieser sen Aussagen denke, verweigerte dieser
Angelegenheit noch erwartet werden. Nicht zulässig sei hingegen die Aussperrung des Professors und FN-Funktionärs auf jede Stellungnahme: „Ich denke, dass Sie
administrativem Wege.
hier nicht (die Privatperson) Jacques Bom-
Durch einen Bericht von "Libération" vom 13. Januar, zeitgleich zum Ausbruch der jüngsten Affäre um Le Pen, wurde be-
kannt, dass Gollnisch die (unerbetene) Unterstützung von erklärten Auschwitzleugnern erhalten hat. Die belgische Zeit-
pard befragen, sondern den Bürgermeister
schrift "Dubitando" (lateinisch: Der Zweifelnde), Untertitel: "petite revue d'histoire révisionniste" (kleine revisionistische Ge- von Orange sowie das ehemalige und viel-
schichtsschau), veröffentlichte auf 12 Seiten eine "Verteidigungsschrift für Bruno Gollnisch". Als Unterzeichner fungieren leicht zukünftige Mitglied des Politischen
angebliche "Kollegen und Freunde", die jedoch anonym bleiben. Dem Text zufolge seien "die Vergasungen (in den Ver- Büro des FN“. Mit absoluter Sicherheit
nichtungslagern) physikalisch und chemisch unmöglich" gewesen. Über diese, einer öffentlichen Reputation eher abträgli- wäre die „Privatmeinung“ Jacques Bom-
che Unterstützung schwieg Gollnisch sich auf Anfrage hin lieber aus, der lediglich angab, von der Existenz dieser Zeit-
schrift nichts zu wissen. "Dubitando" wird von einem Kleinverlag namens VHO (niederländisch-flämische Abkürzung für
pards zu diesem Thema mindestens eben-
"freie Geschichtsforschung"), die im Umkreis des Vlaams Blok bzw. der jetzigen Partei Vlaams Belang angesiedelt ist. so grauenhaft ausgefallen, wie jene seines
(Noch-)Parteichefs.

8 : antifaschistische nachrichten 2-2005


Für Antifaschistinnen und Antifa-
schisten ist die Dreikönigspredigt Trotz Dementi: Kardinal Meisner
des Kölner Kardinals Joachim
Meisner ein Skandal. Meisner hatte am 6. relativiert den Holocaust
Januar im Dom Folgendes verkündet: „Wo
der Mensch sich nicht relativieren oder darstellen, mit den Verbrechen der Nazis
eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich im- gleichzusetzen, der hat nicht nur nichts
mer am Leben: zuerst Herodes, der die verstanden sondern relativiert, gewollt
Kinder von Bethlehem umbringen lässt, oder ungewollt, auf jeden Fall aber im
dann unter anderem Hitler und Stalin, die Wiederholungsfall, den Völkermord der
Millionen Menschen vernichten ließen, Nazis. Damals geschahen Verbrechen weil
und heute, in unserer Zeit werden Millio- Menschen sich zum „Herrn über das Le-
nen ungeborene Kinder millionenfach um- ben“ machten. Heute werden Schwanger-
gebracht. Abtreibung und Euthanasie hei- schaften aus dem gleichen Grund unter-
ßen die Folgen dieses anmaßenden Aufbe- brochen und damit, in den Augen christ-
gehrens gegen Gott. Das sind nicht soziale licher Fundamentalisten, ebenfalls Verbre-
Probleme, sondern theologische“. chen am menschlichen Leben, also Morde
Nachdem der „Spiegel“ die Öffentlich- begangen. Damals betraf es die Juden,
keit über diese Worte des Kölner Kirchen- lassen, dass sich Menschen zum Herrn Sinti und Roma, Polen, Russen und viele
fürsten und die in ihnen enthaltene Relati- über das Leben machen. Heute besteht fast andere Völker, heute ungeborene Kinder –
vierung des Völkermords der Nazis infor- kollektiv die Annahme, der Mensch könne in den Augen der genannten Vertreter der
miert hatte und dadurch eine Welle des vor allem über das Leben ungeborener katholischen Kirche scheint es da keinen
Protestes ausgelöst hatte, sah sich Meisner Kinder entscheiden“. Unterschied zu geben. Wer so argumen-
genötigt zurückzurudern: „Wenn ich ge- Eine Erklärung des Faschismus (wie tiert und nicht bemerkt, dass er damit den
ahnt hätte, dass mein Verweis auf Hitler auch aller anderen geschichtlichen Er- Holocaust relativiert, nicht nur vergleicht
missverstanden hätte werden können, hät- eignisse), die sich darauf beschränkt, den sondern bewusst gleichsetzt und so Alt-
te ich seine Erwähnung unterlassen. Es tut Abfall des Menschen von Gott als Ursa- und Neonazis in die Hände arbeitet (die ja
mir leid, dass es dazu gekommen ist. In che von Unterdrückung, Massenmord ebenfalls behaupten, Völkermorde seien
der Dokumentation meiner Predigt werde und Krieg zu benennen, ist im Kampf da- etwas ganz Normales und seien zu allen
ich darum auch den Hinweis auf Hitler til- rum, zu verhindern, dass sich die Barba- Zeiten vorgekommen), dem ist entweder
gen lassen“ erklärte der Kardinal am rei jemals wiederholen kann, nicht im nicht zu helfen oder er beabsichtigt genau
Abend des 7. Januar. geringsten hilfreich. Die wahren, durch- diese Gleichsetzung.
Carsten Horn, Mitarbeiter des Erzbi- aus irdischen Ursachen des Faschismus Johannes Kardinal Meisner ist zwar ein
schöflichen Generalvikariats, ist der Mei- werden damit verschleiert, Interessen Fundamentalist, aber er ist nicht dumm. Er
nung, die Protestierenden hätten alles materieller Art verborgen. Dabei hätten weiß, was und warum er etwas sagt. Man
falsch verstanden, weil der „Spiegel“ ein auch und gerade die Kirchen allen kann ihm daher mit Fug und Recht unter-
Zitat verkürzt widergegeben habe: „Die Grund, die eigene Rolle in den zwölf stellen, den genannten Vergleich bewusst
Kritik an diesem Text übersieht, dass der Jahren von 1933 bis 1945 selbstkritisch angestellt zu haben. Aus diesem Grund
Kardinal mit keinem Wort die Einzigartig- zu untersuchen. Aber das ist nicht der sollten Antifaschist (inn)en mindestens
keit des Genozids an den Juden unter Hit- springende Punkt. vom Vatikan fordern, diesen unsäglichen
ler relativiert hat. Der Vergleich von Heute Wer, wie der Kölner Kardinal und sein Hassprediger von seinem Amt zu entbin-
mit den Zeiten unter Herodes, Hitler und Angestellter, nach wie vor verbreitet, den und in ein möglichst abgelegenes
Stalin bezieht sich allein darauf, dass Ver- Schwangerschaftsunterbrechungen, die Kloster zur Bewährung zu schicken.
fehlungen am menschlichen Leben ge- eine schwere moralische Entscheidung für Peter Trinogga,
schehen sind, die sich darauf zurückführen die betroffenen Frauen (und nur für diese) Vorsitzender der VVN/BdA Köln ■

Der, taktisch motivierten, Positionie- kumente mit, die ihrer Mutter die Beteili- schiedet habe, „weil diese doch selbstver-
rung Bompards schlossen sich in den dar- gung an der Résistance im Zweiten Welt- ständlich ist“.
auffolgenden Tagen auch andere Altkader krieg attestieren. „Ich hätte es nicht ertra- Als große Verliererin steht im Augen-
aus derselben Ecke der Partei an. Bernard gen, wenn es keine Aussprache“ in diesem blick Marine Le Pen da. Seit dem Be-
Antony, der Chef des katholisch-funda- zweitobersten Führungsgremium des FN kanntwerden des „Rivarol“-Interviews ih-
mentalistischen Parteiflügels (für den Ma- „gegeben hätte“, erklärte sie nach der Sit- res Vaters wurde die Le Pen-Tochter nir-
rine Le Pen die „gehirn- und rückgratlose zung gegenüber der Presse. gendwo mehr vernommen. Für Journalis-
Generation“ repräsentiert, von der er in ei- Anscheinend hat ein größerer Teil des ten ist sie nicht erreichbar. Einen Termin
nem jüngsten Interview mit der von sei- BP an diesem Tag Jean-Marie Le Pen eine im Umland von Montpellier Mitte Januar
nem Flügel kontrollierten Tageszeitung Erklärung abverlangt, darunter auch die hat die Le Pen-Tochter ebenso annulliert,
„Présent“ spricht) verlangt anlässlich einer jüngeren Kader aus der Umgebung von wie sie ihre Teilnahme an der Politbüro-
Sitzung des Politischen Büros (BP) der Marine Le Pen, die selbst nicht anwesend Sitzung absagte. Angeblich aufgrund
Partei am 17. Januar, Le Pen solle „seine war. Es verabschiedete auch keine Solida- plötzlicher Ferienabsichten.
Partei nicht in eine etwas, das wie eine ritätserklärung für den Parteichef ange- „Die Äußerungen Le Pens schicken sei-
desaströse Besessenheit von der Vergan- sichts dessen augenblicklicher „Verfol- ne Tochter in Urlaub“, übertitelt „Libéra-
genheit aussieht, einschließen“. Unge- gung“ – anders noch im Oktober 04 für die tion“ (20.1.) einen Artikel dazu. „Um den
wohnt zukunftsorientierte Töne für diesen „Nummer Zwei“ der Partei, Gruno Boll- FN jetzt zu entdiabolisieren (Anm.: wie
Verteidiger der katholischen Monarchie nisch, nach dessen öffentlich geäußerten sie nach der Präsidentenwahl von 2002 als
früherer Jahrhunderte und Franco-Spa- Zweifeln über die Gaskammern und über strategisches Ziel verkündete), dürfte es
niens... die „Zahl der Toten“. jetzt sehr anstrengend werden“ wird dazu
Die mit Le Pen (Vater und Tochter) ver- Laut „Libération“ (vom 18.1.) redete ein Bezirkssekretär des FN und Sympathi-
krachte Altfunktionärin Marie-France Stir- der Parteichef sich darauf hinaus, dass sant von Marine Le Pen zitiert.
bois brachte zur Politbüro-Sitzung gar Do- man keine Erklärung zur Solidarität verab- Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 2-2005 9


BERLIN/PARIS. Über sechzig
Jahre nach den Todestranspor-
ten jüdischer Kinder in das Ver-
Erinnerung kann man
nichtungslager Auschwitz weigert
sich die Deutsche Bahn AG, auf den
früheren Durchgangsstationen der
nicht verbieten
Deportationszüge an die Ermordeten 520 Kinder deutscher Frankreich-Emi-
zu erinnern. granten gedachten, die über die Schienen
der Deutschen Reichsbahn nach Au-
Einen entsprechenden Bescheid erhielt schwitz verschleppt und dort sofort um-
die französische Organisation ,,Fils et gebracht wurden. Insgesamt 80.000 fran-
Filles des Deportés Juifs de zösische Deportierte fanden in deutschen
France“/FFDJF (Söhne und Töchter der Vernichtungslagern den Tod. Die Zahl
jüdischen Deportierten Frankreichs) im der in Deutschland deportierten Perso-
Dezember aus Berlin zugestellt. Die Or- nen, die mit der Deutschen Reichsbahn
ganisation hatte die Deutsche Bahn um in den Tod geschickt wurden, beläuft
Stellplätze für eine Fotoausstellung über sich auf mehrere Hunderttausend Men-
das Schicksal von 11.000 bahndeportier- schen. Recht auf Erinnerung
ten Kindern gebeten. Sie waren in Dran- Verantwortung
cy (bei Paris) auf einen 52-stündigen ,,Die Franzosen haben uns ihre Bahnhöfe
Um Angehörigen, Schulklassen und dem zur Verfügung gestellt. Jetzt kommen
Reisepublikum den Besuch der Ausstel- von der Deutschen Bahn ganz andere Re-
lung zu ermöglichen, stellten die franzö- aktionen: Wir haben kein Geld, wir ha-
sischen Staatsbahnen (SNCF) auf ihrem ben keinen Platz“, äußert Beate Klarsfeld
Schienengelände in sämtlichen Landes- in einem Interview mit german-foreign-
teilen Stellplätze bereit. Im Pariser Nord- policy. Die Marginalisierung der Aus-
bahnhof (Gare du Nord) hielt der Vor- stellung sei nicht hinzunehmen und wer-
standschef der SNCF im Juli 2004 eine de der Bedeutung des Massenverbre-
Eröffnungsansprache, in der er sich zur chens an den 11.000 ermordeten Kindern
Verantwortung der französischen Staats- nicht gerecht. Frau Klarsfeld, die sich in
bahnen für deren Beteiligung an der De- zahllosen Aktivitäten der FFDJF für die
portation jüdischer Kinder bekannte.2) Bestrafung der NS-Täter und für das Ge-
Darin hieß es, dass zwar Bahnbedienste- denken an die Opfer eingesetzt hat, hofft
te aus Frankreich den Zugverkehr bis zur auf Reaktionen in Deutschland, um die
deutschen Grenze organisierten, aber Ausstellung doch noch zu realisieren.
dort von Angehörigen der Deutschen ,,Wer sich (in Deutschland) erinnern
Reichsbahn abgelöst wurden.3) Unter de- will, hat ein Recht, das zu tun. Erinne-
ren Kontrolle rollten die Todeszüge mit rung kann man nicht verbieten.“
Tausenden Kindern durch Deutschland. Proteste
Abgelehnt
Nach Bekanntwerden der Weigerung der
Im Gegensatz zur SNCF weigert sich die DB AG wenige Wochen vor dem 60. Jah-
Schienenweg geschickt worden, der über Deutsche Bahn AG, die Beihilfe ihrer restag der Befreiung des KZ Auschwitz
Saarbrücken, Homburg, Kaiserslautern, Vorgängerorganisation zum Massenmord gehen bei dem Unternehmen erste Pro-
Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda an den Orten des Verbrechens zu doku- testbriefe ein. So schreibt ein süddeut-
und Dresden direkt nach Auschwitz führ- mentieren, und verweist auf ein lokales scher Lehrer, die Begründung der milli-
te. Die logistische Durchleitung der To- ,,Bahnmuseum“ in Nürnberg. Eine ardenschweren Aktiengesellschaft, sie
destransporte übernahm die Deutsche bundesweite Wanderausstellung komme verfüge nicht über die ,,finanziellen
Reichsbahn, als deren Rechtsnachfolge- auf dem Schienengelände der DB AG Ressourcen“ für eine bereits einsatzbe-
rin die heutige Deutsche Bahn AG auf- nicht in Frage. Auch müsste die Ausstel- reite Wanderausstellung, sei ,,sehr faden-
tritt. Wie es in einem Schreiben heißt, lung der französischen FFDJF ,,inhalt- scheinig“.5) ,,Ich empfinde es als Skan-
das der Redaktion von german-foreign- lich“ umgearbeitet werden, heißt es in ei- dal, dass die Deutsche Bahn AG (...) eine
policy vorliegt, ,,fehlen“ der Deutschen nem Schreiben der Abteilung ,,Kommu- solche Ausstellung auf deutschen Bahn-
Bahn ,,sowohl die personellen als auch nikation“ der Deutschen Bahn AG vom höfen aus (...) unglaubwürdigen Grün-
die finanziellen Ressourcen“, um die an- 17. Dezember 2004. Bereits zuvor hatte den ablehnt“, heißt es in dem Protest-
gebotene Ausstellung zu übernehmen. das Unternehmen ein Angebot des hessi- brief.
,,Das Unternehmen sponsert mit viel schen ,,Arbeitskreises Christen-Juden“ www.german-foreign-policy.com ■
Geld die Fußballweltmeisterschaft 2006“ zurückgewiesen und sich die Errichtung Das erwähnte Interview mit Beate
und ergehe sich in unglaubwürdigen einer Gedenkstätte am Hauptbahnhof der Klarsfeld ist ebenfalls dort nachzulesen
Ausflüchten, sagt Frau Beate Klarsfeld, Stadt Hanau verbeten.4) Zentraler Kno-
Repräsentantin der FFDJF, in einem tenpunkt des Menschenumschlags der 1) Horaire prévu des trains de déportation à partir
Interview mit german-foreign- Deutschen Reichsbahn war das nahe ge- du 1er novembre 1943
policy.com. legene Frankfurt am Main (Gleisbereich 2) Gare du Nord, l’hommage aux enfants juifs dé-
Die Ausstellung wurde in den vergan- Süd, Ankunft: 7 Uhr 24, Weiterfahrt: 7 portés; Le Monde 17.07.2004
genen Jahren auf zahlreichen Bahnhöfen Uhr 46). Von dort rollten die Todeszüge 3) Bulletin de liaison des FFDJF No. 87, Nov-
in Frankreich gezeigt, die an der Strecke mit den jüdischen Kindern über Hanau Déc 2004
der Todestransporte mit der Zuglaufnum- weiter nach Osten. Über den Bahnhof 4) Französische Bahn läßt Gedenkorte zu; Frank-
mer ,,DA-901“ liegen.1) Bei den Eröff- Frankfurt am Main wurden auch zahlrei- furter Rundschau 20.11.2003
nungen kam es zuerschütternden Szenen, che Todestransporte deutscher Juden ab- 5) Schreiben vom 17.12.2004
als die Austellungsbesucher u.a. der etwa gewickelt.

10 : antifaschistische nachrichten 2-2005


BREMERHAVEN. Es ist vielsei-
tig und geschmeidig, liegt gut am Abfallprodukt Fischhaut
Körper, kann sich sehen lassen,
riecht nicht unangenehm und ist reißfest.
Dass sich Leder aus der Haut von Fi-
im Dienste
schen (beispielsweise von Hai, Seelachs,
Kabeljau, Goldbarsch, Scholle und Aal)
der Weltkriegsplanung
trotz dieser vorzeigbaren Merkmale we- Trotz Missbrauchs durch die Nazis könnte Fischleder in Deutschland wieder
der national noch international durchge- eine Zukunft haben von Thomas Klaus
setzt hat, dürfte nicht zuletzt mit dem
Missbrauch der Fischlederproduktion einbinden lassen und vor allem im pel. Auf den Aspekt der Unmenschlich-
durch die Nazis zu tun haben. „fisch-kritischer“ eingestellten Süden keit macht auch Anne Sudrow aufmerk-
Mit dem Thema „Fischleder“ im Zei- Deutschlands die Werbetrommel ge- sam. Sie ist wissenschaftliche Mitarbei-
chen des Hakenkreuzes beschäftigt sich schlagen, so Stempel. terin am Institut für Wirtschafts- und So-
Dr. Gunnar Stempel aus Bremerhaven Nicht auf das Bewusstsein der poten- zialgeschichte der Universität Göttingen.
seit langem. Sein Fazit: „Die Grundlage ziellen Fischkonsumenten, sondern das Anne Sudrow befasst sich intensiv mit
für eine nennenswerte Fischlederproduk- der Modeträgerinnen hatte es das 1934 der Verwicklung der deutschen Lederin-
tion in Deutschland, die während der gegründete „Frankfurter Modeamt“ ab- dustrie in die Verbrechen der Nazis. Mit
Nazi-Zeit erreicht wurde, war die Vorbe- gesehen. Nach den Vorstellungen des da- Blick auf das Fischleder und weiteres Er-
reitung des Zweiten Weltkrieges – und maligen Oberbürgermeisters der Main- satzleder stellt sie klar: „Leder – für Fuß-
nichts anderes.“ Metropole und NSDAP-Kreisleiters, Dr. bekleidung und Treibriemen – galt als ei-
Ohne die Autarkiepolitik der braunen Friedrich Krebs, sollte es den Ruf Frank- ner der wichtigsten Rohstoffe der
Herrscher hätte das Fischleder in den furts als Modestadt unterstreichen und Kriegsführung. Es war Aufgabe der Na-
dreißiger und vierziger Jahren wohl darüber hinaus die reichsweite Führung ziwissenschaft, Ersatzstoffe für impor-
längst nicht eine solche Wertschätzung in Modefragen übernehmen. Dieses tierte Häute und Gerbstoffe zu entwi-
und Förderung erfahren, so Dr. Gunnar Frankfurter Modeamt setzte sich stark ckeln – die so genannte Lederlücke zu
Stempel. Hinter der Autarkiepolitik für das Fischleder ein, nahm in diesem schließen.“ In diesem Zusammenhang
steckte die Absicht, möglichst wenig von Sinne auf das Handwerk Einfluss und machten sich Wissenschaft und Industrie
ausländischen Rohstoffen und Importen entwarf eigene Kollektionen. Zusätzlich schwerer Untaten gegen die Menschlich-
abhängig zu sein. Das Deutsche Reich wurde in der Tagespresse und in den keit schuldig. So wurde im Konzentra-
sollte durch Selbstversorgung weitestge- Frauenzeitschriften überall im Deut- tionslager Sachsenhausen eine „Schuh-
hend auf eigenen Füßen stehen können, schen Reich Stimmung für Mode aus versuchsstrecke“ geschaffen, auf der sich
Fischleder vor allem für Taschen und Fisch gemacht. Dabei konnten die Fisch- 5.000 Häftlinge buchstäblich zu Tode lie-
Schuhe verwendet werden. leder-Propagandisten auf Unterstützung fen. Sie mussten jeden Tag von sechs bis
1936 hatte Adolf Hitler auf dem von „ganz oben“ zählen. Hermann Gö- zwölf und von 13 bis 18 Uhr marschieren
NSDAP-Reichsparteitag einen Vierjah- ring, „Beauftragter für den Vierjahres- – bis zu 40 Kilometer täglich.
resplan verkündet. Die beiden von ihm plan“, bekannte sich bei Besuchen in Neue wirtschaftliche Zukunft?
hauptsächlich postulierten Ziele waren: Fischlederfabriken zu diesem Material.
Die deutsche Armee müsse in vier Jahren Und 1936 hielt Reichspropagandaminis- 1952 verschwand die Fischlederproduk-
einsatzfähig und die deutsche Wirtschaft ter Joseph Goebbels vor Lederfabrikan- tion in Deutschland komplett von der
in der gleichen Zeitspanne kriegsfähig ten eine donnernde Rede. Darin forderte Bildfläche. Die letzte entsprechende Fa-
sein. er sie dazu auf, sie sollten aus deutschen brik stand in Bremerhaven und gehörte
Verstrickung in unmenschliche Lederprodukten gefällige und attraktive dem Unternehmer Helmut Blasig aus Er-
Verbrechen Ware herstellen – und so ihren Beitrag furt. Der Schuhfabrikant hatte Ende der
zur Kriegstauglichkeit des Volkes und dreißiger Jahre die beiden Produktions-
Vorbild für die Nazis war die Autarkie- des Reiches erbringen. stätten für Fischleder gekauft, die in der
politik Italiens unter dem faschistischen Folgerichtig stellte das Kaiser-Wil- Stadt Wesermünde (heute: Bremerhaven)
Diktator Benito Mussolini. In Afrika lie- helm-Institut für Lederforschung 1938 errichtet worden waren. 1948 hatte Bla-
ßen die Südländer sogar eine eigene viel Geld für die Fischlederproduktion sig in der Seestadt eine neue Fischleder-
Flotte kreisen. Deren Fischer sollten Hai- bereit. Sein Direktor war ab Juni 1934 fabrik eröffnet. Hier wurden monatlich
en den Garaus machen und an Fischleder der 1978 verstorbene Chemiker Wolf- immerhin 30.000 Fischlederhäute verar-
kommen. „Allerdings war der Erfolg der gang Grassmann. Schon 1948 war Grass- beitet.
Italiener eher bescheiden“, weiß Stempel mann wieder an der Neuerrichtung der Im Hauptberuf wirkt Gunnar Stempel
aufgrund seiner Recherchen. Nachfolgeinstitution, des Max-Planck- als Betriebsarzt bei Frozen Fish Interna-
Die Nazis strebten beachtlichere Er- Institutes für Eiweiß- und Lederfor- tional. In seiner Freizeit betätigt er sich
folge an. Mit dem Ziel einer deutlich hö- schung, beteiligt. gerne als Hobby-Historiker – und als
heren Fangquote wurden die Kapazitäten 1939 erlangte das Fischleder tatsäch- Verfechter des Materials Fischleder.
der deutschen Fischfangflotte ausgewei- lich Produktionsreife, und im Januar Dessen Missbrauch durch die nationalso-
tet und die Häfen modernisiert. Das ging 1940 wurden die ersten Fischlederkol- zialistischen Machthaber darf nach der
einher mit nationalsozialistischer Propa- lektionen für die modebewusste Frau Ansicht des Mediziners nicht dazu füh-
ganda auf mehreren Ebenen, durch die vorgestellt. Noch im gleichen Jahr zählte ren, dass ihm eine Zukunft in Deutsch-
Sympathie für Fisch und Fischleder ge- man in Deutschland bereits zehn Fischle- land für immer verbaut sei. Geht es nach
weckt werden sollte. Gunnar Stempel er- derfabriken. Ergänzend wurde Ware aus Stempel, dann wird die Forschung auf
läutert: „Fisch galt ursprünglich nur als so genanntem Warmblüterleder im Deut- diesem Gebiet wieder belebt und die Fa-
Fisch, wenn er komplett verkauft wurde. schen Reich nur eingeschränkt verkauft. brikation erneut aufgenommen. Heutzu-
Erst die Nazis machten der Bevölkerung In den besetzten Ländern war solches tage würden diese Häute tonnenweise
das Filet so richtig schmackhaft. Schließ- Leder sogar verboten. weggeworfen, kritisiert er. Seine Über-
lich benötigten sie die Haut der Meeres- „Das Fischleder wurde von Zwangsar- zeugung: „Das Abfallprodukt Fischhaut
bewohner für ihre Lederproduktion.“ Be- beitern unter unmenschlichen Bedingun- könnte der Fischindustrie eine neue wirt-
sonders das „Winterhilfswerk“ habe sich gen gefertigt“, betont Dr. Gunnar Stem- schaftliche Perspektive geben.“ ■

: antifaschistische nachrichten 2-2005 11


: ausländer- und asylpolitik
Asylsuchende beispielsweise künftig eu-
ropaweit von Grenzbeamten ohne Einzel-
PRO ASYL zieht Bilanz: fallprüfung in neue sichere Drittstaaten zu-
rückgewiesen werden. Diese heißen dann
2004 – schlimmes Jahr für u.a.: Russland, Weißrussland, Ukraine,
Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kroatien,
Flüchtlinge Mazedonien, Albanien und Türkei – Staa-
ten, in denen Menschenrechtsverletzungen
noch immer an der Tagesordnung und
Das Jahr 2004 war ein schlimmes Jahr in diesem Jahr einen Platz im letzten Drit- Flüchtlingsrechtsstandards nicht vorhan-
für den Flüchtlingsschutz. Dieses Fazit tel bei der Flüchtlingsaufnahme innerhalb den sind.
zieht rückblickend die bundesweite der 25 Mitgliedsstaaten ein. Mai: Die EU wird mit der Aufnahme
Arbeitsgemeinschaft PRO ASYL. Die EU der 25 hat nicht nur zugelassen, neuer Mitglieder größer. Flüchtlinge
Deutschland und die europäischen dass einzelne Mitgliedsstaaten, wie Ita- scheitern immer häufiger an den östlichen
Nachbarstaaten haben ihre Versuche, lien, gegen elementare Völkerrechtsstan- Grenzen der Beitrittsstaaten. Die Asylsys-
sich der Flüchtlinge auf Kosten anderer dards verstoßen, sondern auch aktiv den teme in diesen Staaten sind bereits über-
Staaten zu entledigen, fortgesetzt. kollektiven Ausstieg aus dem Völkerrecht fordert. Die Regelung über die sicheren
forciert. PRO ASYL kritisiert, dass Drittstaaten wird ersetzt durch die Dublin
Die Asylpolitik der Europäischen Union Deutschland beim europäischen Überbie- II-Verordnung. Deutschland schiebt ver-
strebt nicht den Schutz von Flüchtlingen, tungswettbewerb der Flüchtlingsabschre- stärkt unter Missachtung der humanitären
sondern den Schutz Europas vor Flücht- ckungsstrategien eine Vorreiterrolle ein- Regelungen dieser Verordnung Flüchtlin-
lingen an. Ausdruck dieser Politik der Ab- nimmt. Bundesinnenminister Schily steht ge in die Vertragsstaaten ab. In mehreren
wehr und Abschottung: Die Zahl der To- für einen rigiden Umgang mit Flüchtlin- der neuen EU-Staaten werden Asylsu-
ten an den Außengrenzen steigt, die Asyl- gen im Inland und für den aktuellen Ver- chende während des Verfahrens regelmä-
zahlen in Europa und in Deutschland be- such, die EU durch die Auslagerung des ßig inhaftiert.
finden sich im freien Fall. Flüchtlingsschutzes weitgehend flücht- Juni: Das EU-Parlament wird gewählt.
In einer neueren Untersuchung spre- lingsfrei zu machen. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass
chen Wissenschaftler von der Plymouth Innerhalb Deutschlands stehen einigen ein stärkeres Parlament mehr als bisher
University von knapp 2.000 Menschen, Verbesserungen im Zusammenhang mit Rechenschaft fordert über die flüchtlings-
die jährlich im Mittelmeer auf dem Weg dem Zuwanderungsgesetz drastische Ne- politischen Maßnahmen der Union und
nach Europa umkommen (vgl. Prof. Mi- gativentwicklungen gegenüber. Be- höhere Standards für den Flüchtlings-
chael Pugh of Plymouth University, sonders markant: Der Trend beim Bun- schutz durchsetzt. PRO ASYL appelliert
Drowning not Waving: Boat People and desamt für die Anerkennung ausländi- an die neuen Abgeordneten, die Schaffung
Humanitarianism at Sea, Journal of Refu- scher Flüchtlinge, Menschen, denen be- neuer sicherer Drittstaaten abzulehnen.
gee Studies 17/2004). reits einmal der Flüchtlingsstatus gewährt Juli: Die Innenministerkonferenz An-
Weit unter 300.000 Asylanträge wur- wurde, mit Widerrufsverfahren in großem fang Juli geht wieder einmal an allen Rea-
den 2004 in den 25 EU-Mitgliedsstaaten Stil zu überziehen. Ca. 17.000 abge- litäten vorbei. Obwohl die Lage im Irak
gestellt. In Deutschland ist ein neues Re- schlossene Widerrufsverfahren werden es chaotisch ist, begrüßt sie die Aktivitäten
kordtief bei den Zugangszahlen bereits si- am Ende des Jahres sein. des Bundesinnenministers, der das Bun-
cher. Circa 36.000 Asylgesuche in diesem gez. Karl Kopp ■ desamt zur Einleitung einer Vielzahl von
Jahr bedeuten einen Rückgang auf den Europareferent von PRO ASYL e.V. Widerrufsverfahren gegen anerkannte
Stand der 70er Jahre. Im Verhältnis zur Vorstandsmitglied von ECRE Flüchtlinge aus dem Irak animiert hat.
Bevölkerungsgröße nimmt Deutschland (Europäischer Flüchtlingsrat) Beifall für völkerrechtswidriges Verhalten.
Ebenfalls Juli: Nervenkrieg vor Sizi-
Ein schlaglichtartiger Jahres- Ärzte, die ihr ärztliches Ethos auf die Fest- lien um die Aufnahme von 37 Schiffbrü-
überblick: stellung der Flugreisetauglichkeit be- chigen, die das deutsche Schiff Cap Ana-
schränken, häufen sich. mur aufgenommen hat. Bundesinnenmi-
Januar: Bei der Vorstellung der Asyljah- März: Pogromartige Ausschreitungen nister Otto Schily versucht, die Crewmit-
resstatistik 2003 macht Bundesinnenmi- im Kosovo zeigen, wie brisant die Situa- glieder auf eine Stufe mit Schleppern und
nister Otto Schily Mitte Januar klar, wie er tion dort weiterhin ist. Opfer werden auch Schleusern zu stellen. Schily und sein ita-
den niedrigsten Stand der Asylbewerber- hunderte Angehörige der Ashkali-Minder- lienischer Amtskollege Pisanu versuchen,
zugangszahlen seit 1984 politisch zu nut- heit in Vucitrn, die aus ihrem Wohnviertel die humanitäre Hilfe zu kriminalisieren.
zen gedenkt: „Diese positive Entwicklung vertrieben werden und fordern, in EU- UNHCR drückt seine große Besorgnis
wird die laufenden Verhandlungen zum Staaten aufgenommen zu werden. Obwohl aus, dass im Umgang mit den 37 Gerette-
Zuwanderungsgesetz sicherlich erleich- die Situation der Minderheiten bis zum ten von den italienischen Behörden akzep-
tern.“ PRO ASYL wirft dem Bundesin- Jahresende prekär ist, fehlt es zwei Innen- tierte internationale und europäische Stan-
nenminister aus Anlass der drastisch zu- ministerkonferenzen im Juli und Novem- dards offensichtlich missachtet worden
rück gegangenen Anerkennungsquoten ber an der Bereitschaft, daraus die notwen- seien. Schily fordert als Reaktion auf das
vor, mit einer „Quantitätsoffensive“ die dige Konsequenz – die Gewährung eines Problem der Boatpeople und der Ertrin-
auf Standard-Textbausteinen basiert eine Bleiberechts – zu ziehen. kenden im Mittelmeer Asyllager in Nord-
Zukunft ohne Flüchtlinge zu planen. April: Am 29. April 2004 einigen sich afrika. Auch die dort schließlich in einem
Februar: Am 2. Februar holen Beamte die europäischen Innenminister politisch Prüfungsverfahren Anerkannten sollen in
des Bundesgrenzschutzes (BGS) aus ei- auf die sogenannte Verfahrensrichtlinie. der Region festgehalten werden – ein Plä-
nem Frankfurter Krankenhaus eine im Sollte diese Richtlinie in dieser Form an- doyer für ein flüchtlingsfreies Europa.
Flughafen-Asylverfahren abgelehnte psy- genommen werden, würde dies eine weit- August: Während europäische Innen-
chisch kranke Tunesierin ab und schieben gehende Auslagerung des Flüchtlings- minister neue Lager in Afrika planen,
sie trotz zuvor ärztlich attestierter Suizid- schutzes in Herkunftsregion oder Transit- weist die Flüchtlingsorganisation U.S.
gefahr ab. Einen Arzt hat der BGS gleich staaten ermöglichen. Die EU wäre umge- Committee for Refugees darauf hin, dass
mitgebracht. Der Fall ist typisch: Abschie- ben von einem Ring angeblich sicherer von knapp 12 Mill. Flüchtlingen und Asyl-
bungen unter Einschaltung willfähriger Drittstaaten. Mit der Richtlinie können suchenden weltweit 7,35 Mill. bereits län-

12 : antifaschistische nachrichten 2-2005


ger als zehn Jahre unter katastrophalen Be- Veranstaltung und Seminar 28./29. Januar 2005 in Freiburg:
dingungen in Lagern leben – ohne Per-
spektive. Laut UNHCR ist die Zahl der Sans Papiers in Europa erheben die Stimme. Sie
Asylanträge in den Industriestaaten im er- organisieren sich, politisch und gewerkschaftlich.
sten Halbjahr 2004 auf den niedrigsten
Stand seit 1987 gefallen. In den 20 EU- Egal ob es 500.000 oder eine Mil- rantiert; das Koalitionsrecht und die ge-
Staaten, für die Daten vorliegen, sank die lion Leute in Deutschland sind, werkschaftliche Freiheit zu stärken; eine
Zahl gegenüber dem Vorjahreszeitraum oder Millionen in Europa, die hier Gesellschaft die auf der Befriedigung der
um 16 Prozent. Während die „alten“ EU- mit mangelhaften oder ohne Papiere le- grundlegenden und vorrangigen Bedürf-
Staaten einen deutlichen Rückgang ver- ben. Egal ob zwei oder fünf Millionen nissen der Völker und nicht auf der Ver-
zeichneten, stieg die Zahl in den sechs er- Menschen sie freiwillig und unfreiwillig schwendung und der Produktion von Gü-
fassten neuen EU-Staaten um 31 Prozent. irgendwie unterstützen oder mit ihnen le- tern und von unnötigen Diensten basiert,
September: Landtagswahlen in Sach- ben: Sie sind unter uns – Wir sind unter die nur einer Minderheit nutzt.
sen und Brandenburg sowie die Kommu- euch. Illegalisierung heißt Entrechtung: ◗ UNIA – ab dem 1. Januar 2005 die Ge-
nalwahl in Nordrhein-Westfalen bringen auf der Straße, bei der Fahrscheinkontrol- werkschaft für alle in der Schweiz.
beträchtliche Erfolge für rechtsextreme le, am Arbeitsplatz, bei den Behörden, in SMUV (Metall), GBI (Bau) und VHTL
Parteien. Diese haben ihren Wahlkampf der Schule, im Kindergarten, und manch- (Transport, Lebensmittel ...) schließen
mit explizit ausländer- und flüchtlings- mal, wo es kein Mensch glaubt. sich zusammen. Bei den Schwerpunkten
feindlichen Parolen gestaltet. Aus diesem Grund organisiert die Ar- der UNIA für die nächsten vier Jahre fin-
Oktober: Kontinuierlich werden aus beitsgruppe Arbeit und Migration (Leute det sich u.a. der Kampf für die Eindäm-
Italien mit einer Luftbrücke an den Küsten von SAGA, Rasthaus und Kanak Attak) mung prekärer Arbeitsverhältnisse, Inte-
gestrandete Menschen nach Libyen abge- eine Veranstaltung mit GewerkschafterIn- gration von MigrantInnen sowie die Re-
schoben – ohne Prüfung ihres Einzel- nen aus der Schweiz und Frankreich. gularisierung der Sans-Papiers.
schicksals und ihrer Fluchtgründe, ohne In dieser Veranstaltung werden Vertre- ◗ SUD-PTT, Frankreich: Die Abkürzung
Rechtsschutz, ohne Dokumentation. An- terInnen von Gewerkschaften aus der SUD steht für „Solidaires, Unitaires et
lässlich der deutsch-italienischen Konsul- Schweiz und aus Frankreich ihre Ansätze Démocratiques“, die drei Grundsätze die-
tationen in Rom lassen die Vertreter der in der Arbeit mit Sans Papiers vorstellen: ser französischen Gewerkschaft. SUD-
deutschen Regierung den Völkerrechts- ◗ Ismail Turker v. SIT, Gewerkschaft der PTT wurde 1988 gegründet und ist für die
bruch der Massenabschiebungen ohne Sans-Papiers, Genf Bereiche Post und Telekom zuständig, in
Asylprüfung ungerügt. PRO ASYL appel- ◗ Claudia Studer v. IGA Interprofessio- denen sie heute die zweitstärkste Gewerk-
liert an das Europaparlament und die EU- nelle Gewerkschaft der Arbeiterinnen, schaft ist. Bereits mehrfach unterstützte
Kommission den Rat zu drängen, den Ta- Basel SUD durch Streiks und Kampagnen den
bubruch Italiens zu sanktionieren. ◗ VertreterIn v. UNIA, Zusammenschluss Kampf für die Rechte der ArbeiterInnen
Das Landgericht Frankfurt am Main Schweizer Gewerkschaften, Zürich und Angestellten ohne Papiere. Sans-Pa-
verurteilt drei für den Abschiebungstod ◗ EinE VertreterIn v. SUD-PTT Gewerk- piers wird das zentrale Thema des näch-
des Sudanesen Amir Ageeb verantwortli- schaft für Post und Telekom, Straßburg sten Gewerkschaftstages sein.
che Bundesgrenzschutzbeamte zu einer ◗ IGA (Interprofessionelle Gewerkschaft Die Veranstaltung ist außerdem der
Bewährungsstrafe, die das gesetzlich vor- der ArbeiterInnen) – Die IGA ist eine Auftakt für ein Seminar über ArbeiterIn-
geschriebene Mindeststrafmaß unter- kleine Gewerkschaft, die sich auch für Ar- nen ohne Papiere in Deutschland, das am
schreitet. Zu den vom Gericht genannten beiter/innen ohne Bewilligung engagiert. Samstag, den 29. Januar 2005 abgehalten
Milderungsgründen gehört auch die von So versucht zur Zeit die IGA in Basel in wird. Das Seminar wird von VertreterIn-
PRO ASYL mehrfach kritisierte Verfah- Zusammenarbeit mit der Anlaufstelle für nen von Einzelgewerkschaften und des
rensdauer von über fünf Jahren. Sans-Papiers die gewerkschaftliche Orga- DGB sowie von Unterstützungsgruppen
November: Die Innenministerkonfe- nisierung von Hausangestellten mit und für Flüchtlinge, MigrantInnen und Papier-
renz in Lübeck kann sich wieder einmal ohne Bewilligung. In Basel sind die lose in Freiburg – MediNetz, Rasthaus,
nicht zu den notwendigen Beschlüssen Mehrheit der Sans-Papiers Frauen. Diese Kanak-Attak und SAGA– organisiert und
durchringen und nimmt damit in Kauf, arbeiten in der Regel bei Familien als geleitet. Ort: DGB-Haus, Hebelstraße 10,
dass Zehntausende weiterhin auf Dauer le- Hausangestellte, putzen, kochen, waschen Freiburg.
diglich mit einer Duldung leben. Bezüg- Kleider etc. Nicht selten werden sie aus- All diejenigen, die am Seminar teilneh-
lich afghanischer Staatsangehöriger wird genutzt und ausgebeutet. Dagegen wehrt men wollen, bitten wir um eine Anmel-
ein vertraulicher Beschluss gefasst, der die sich die IGA. „Jede Hausangestellte hat dung, da wir in verschiedener Hinsicht
Betroffenen verunsichert: Bestimmte Aus- Rechte – egal ob sie eine Arbeitsbewilli- planen müssen, so z.B. für Essen und Ge-
nahmen von der Rückkehrverpflichtung gung hat oder ob sie bei den Sozialversi- tränke, Seminarunterlagen etc. Die An-
sollen dann gelten, wenn gleichzeitig mit cherungen angemeldet ist.“ Dazu hat die meldung kann per mail erfolgen:
Abschiebungen begonnen wird. IGA ein Informationsblatt auch für Sans-
Bundesinnenminister Schily verkündet Papiers in Basel und Umgebung zu-
ein neues Rekordtief: In der Zeit von Janu- sammengestellt.
ar bis November 2004 haben insgesamt ◗ SIT (Gewerkschaft) hat die Interes-
32.864 Personen in Deutschland Asyl be- sensvertretung der Beschäftigten ohne
antragt. Berufsunterscheidung, Nationalität, Sta-
Dezember: Die Jahresendabschie- tut, Alter, Geschlecht zum Ziel. Die Soli-
bungs-Rallye ist im Gang. Vor In-Kraft- darität mit allen Benachteiligten hat Vor-
Treten des Zuwanderungsgesetzes sollen rang. Dazu zählen vor allem die Sans-Pa-
offenbar auch potenzielle Härtefälle außer piers. Es gilt die Bedingungen des Ge-
Landes geschafft werden. Kranke werden halts, der Arbeit und des Lebens aller Ka-
abgeschoben mit Begleitärzten. Familien- tegorien von ArbeiterInnen der Kantone
mitglieder werden bei der Abschiebung zu verbessern; für eine wirtschaftliche
getrennt. Es trifft auch Familien, die seit und soziale Gesetzgebung zu kämpfen,
zehn Jahren und länger in Deutschland le- die auch ArbeiterInnen und ihren Fami-
ben. ■ lien eine globale Sozialversicherung ga-

: antifaschistische nachrichten 2-2005 13


: Neuerscheinungen, ankündigungen Neu:
Gladbach-Info
Antifaschistische Informationsbroschüre über
Rezension „Die ff.), das die Entstehungs- und verdeutlicht, dass die moder- Neonazismus im Raum Mönchengladbach

Gesellschaft des Rezeptionsgeschichte von nen Bildmedien und der mo-


Neuraths Studie beleuchtet. derne Krieg von Beginn an kei-
Terrors“ Hermann Dworczak ■ ne getrennten Welten, sondern
Paul Martin Neurath eng miteinander verbunden
(1911- 2001) war der Neurath, Paul Martin: Die waren. Eine zentrale These des
Sohn des bekannten Gesellschaft des Terrors. Buches lautet, dass diese Bild-
Wissenschaftstheoreti- Innenansichten der Konzen- medien immer wieder versu-
kers und Gründer des Wirt- trationslager Dachau und chen „das katastrophisch, anti-
schafts- und Gesellschaftsmu- Buchenwald. Herausgege- zivilatorische Ereignis des
seums Otto Neurath. Soziali- ben von Christian Fleck, Al- Krieges zu einem zivilatori-
siert im „Roten Wien“ wurde bert Müller und Nico Stehr. schen Akt umzuformen, ihm Herrausgegeben von der
Antifaschistischen Recherchegruppe MG
P. M. Neurath mit dem sogen- Frankfurt: Suhrkamp Verlag eine Ordnungsstruktur zu ver- und der Vereinigung der Verfolgen des Naziregimes
- Bund der AntifaschistInnen(VVN/BdA)

nannten „Prominententran- 2004. 460 S. passen, die dieser per se nicht Neonazismus im Raum Mönchenglad-
sport“ am 1. April 1938 als jü- besitzt. Auf diese Weise trugen bach,16 S. A5, 1 Euro + Versand, c/o
discher politischer Häftling ins Die Modellierung des und tragen die medial generier- VVN-BdA MG Postfach 100320,
KZ Dachau und anschließend ten Bilder des Krieges zur im- 41003 Mönchengladbach, email:
ins KZ Buchenwald gebracht. Unmodellierbaren mer wieder neuen Illusion sei- bobandrews_mg@hotmail.com
Nach seiner Entlassung 1939 Moderne Kriege sind ner Plan- und Kalkulierbarkeit
emigrierte er in die USA. immer auch Kriege der bei.“ CO-Satzung von 1945 gefor-
Auf Grund seiner umfang- Bilder. Sie werden Das Buch erzeugte bisher dert. In der Konsequenz geht
reichen – politischen – Bil- durch Bilder legitimiert, sie eine breite positive Resonanz. es um nichts anderes als um
dung konnte er die erlitttenen setzen sich in Bilder um, sie Präsentationen in ganz eine visuelle Entmilitarisie-
Torturen nicht nur präzis und werden in Bildern erinnert. Deutschland in der Schweiz rung und Entbarbarisierung
plastisch festhalten, sondern Längst sind Bilder zu einer un- und Frankreich sind geplant. der Köpfe. Gewiss ist es rich-
auch analytisch durchdringen. verzichtbaren Waffe des Krie- Obwohl die Untersuchung tig, dass es kein demokratisch
Bereits 1943 legte er seine Er- ges der Erinnerungen gewor- auch Gegenstand des Histori- vernünftiges, konstruktives
fahrungen und Erkenntnisse in den. Der Historiker und Sozial- kertages in Kiel war, ist es in Denken mit und in Bildern
Form einer Dissertation nieder. wissenschaftler Gerhard Paul Schleswig-Holstein bisher gibt. Daraus aber die – wie es
Die englisch verfasste Studie analysiert nun erstmals umfas- kaum bekannt gemacht wor- der Künstler Ingo Günther ge-
liegt nunnmehr erstmals auch send die Gesichter, die Ausprä- den. Gerhard Paul war früher tan hat – Folgerung abzulei-
in deutscher Sprache vor. Man gungen und die Ursachen die- Leiter des Instituts für Zeit und ten, die Bilder des Krieges
kann sie – obwohl vor der ser Bilderkriege. Ausgehend Regionalgeschichte (IZRG) in durch Abschalten einfach zu
Kenntnis über den Holocaust von den Konflikten der zwei- Schleswig und ist bekannt für ignorieren, ihnen die Auf-
verfasst – durchaus in die Rei- ten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine kritischen Forschungen merksamkeit und Gefolg-
he „klassischer“ Texte wie Eu- (Krim-Krieg, Amerikanischer über die NS-Zeit, sowie Nach- schaft zu versagen, greift zu
gen Kogons „Der SS-Staat“ Bürgerkrieg, deutsche Reich- kriegszeit in Schleswig-Hol- kurz und wird den Realitäten
oder David Roussets „L’uni- seinigungs-Kriege, Pariser stein. Er ist jetzt Geschichts- der modernen Massenkommu-
vers concentrationnaire“ stel- Commune, Spanisch-Amerika- professor an der Universität nikationsgesellschaft nicht ge-
len. nischer Krieg) verfolgt der Au- Flensburg. In Rezensionen des recht.
Das Spezifische seiner tor die Visualisierung des mo- Deutschlandfunks und der Der Medienpädagogik, der
Schilderung der „Hölle KZ“ ( dernen Krieges im 20. Jahr- Frankfurter Rundschau wird Kulturwissenschaft und der
S. 25) ist die enge Verschrän- hundert (Erster Weltkrieg, Spa- kritisiert, dass Paul ein „man- Geschichtsdidaktik fallen in
kung von persönlichen Erleb- nischer Bürgerkrieg, Zweiter gelndes Vertrauen in die refle- diesem Kontext eine erhebli-
nissen und deren begrifflicher, Weltkrieg, Vietnam-Krieg) bis xive Potenz von Bildern“ besit- che friedenspädagogische Ver-
soziologischer Durchdringung. zu den postmodernen Kriegen ze. Hier wurde sein Resümee antwortung zu. Praktisch-poli-
Ob ihm dieser „Spagat“ (S. der Gegenwart Golf-Krieg, wohl nicht zu Ende gelesen. tisch demgegenüber sind ver-
423) immer gelungen ist, mag Kosovo-Krieg, Anschlag vom Gerhard Paul: „Es ist zu ein- stärkt Strategien der Medien-
der Leser/die Leserin selbst be- 9.11.2001, Krieg in Afghani- fach, das ausgeprägte Interesse intervention… zu diskutieren,
urteilen. stan). Im Zentrum von Darstel- an Bildern des Krieges nur als um die Abrüstung in den Köp-
Ein Höhepunkt der Lektüre lung und Analyse stehen die Ausdruck von Gewaltbereit- fen beginnen zu lassen und
ist zweifelsohne das Kapitel Bildmedien Fotografie und schaft oder Militarismus zu den Kriegen der Zukunft be-
„Warum schlagen sie (die Film sowie die elektronischen deuten. In ihrer Betrachtung reits im Vorfeld die Grundlage
Häftlinge – H.D.) nicht zu- Medien Fernsehen und Inter- versichert sich der Zuschauer zu entziehen.“ Das reich illus-
rück?“ net. Ein Vorspann beleuchtet in sicherer Distanz zur Realität trierte Buch lehrt, die Bilder-
( S. 356 ff.). die ikonographischen Muster immer auch der Möglichkeit sprache des Krieges zu lesen
Interessant der methodische der Kriegsdarstellung in Male- des Anders-Seins: Der Anar- und zu verstehen.
Anhang zur Dissertation „Er- rei und Graphik von der Re- chie des Krieges und der Mög- rua ■
klärung zur Valididität von Be- naissance bis ins 19. Jahrhun- lichkeit des Todes. In die Re- PM Informationsdienst Wissenschaft
obachtungen die der Disserta- dert, die der früheren Kriegsfo- zeption der Bilder kriegeri- 3.11.04; Frankf. Rundschau online
tion... zugrunde liegen“ – eine tografie vielfach als Vorbild scher Gewalt ist so immer auch 2.11.04; Deutschlandfunk 14.12.04
beherzte Abrechnung mit dem dienten. In die Darstellung ein- die Utopie eingeschrieben: So Gerhard Paul: Bilder des
kruden soziologischen Empi- gefügt sind neun „visuelle Es- möge es nicht sein!“ Krieges – Krieg der Bilder.
rismus, dem er seine Methode says“ mit den wichtigsten Bil- „Da Kriege im Geist der Die Visualisierung des mo-
als „leidender Beteiligter“ (S. dern dieser Kriege. Bei dem Menschen entstehen, muss dernen Krieges. Verlag
394) entgegenhält. Buch handelt es sich um die auch der Frieden im Geist der Ferdinand Schöningh,
Spannend auch das Nach- europaweit erste Gesamtdar- Menschen verankert werden, Paderborn, 2004, ISBN
wort der Herausgeber (S. 409 stellung dieses Themas. Paul hatte die Präambel der UNES- 3-506-71739-1

14 : antifaschistische nachrichten 2-2005


: ostritt
Antifaschistischer Ratschlag in Sachsen am 29. Januar 2005,
10.00 bis 18.00 Uhr in Freiberg, „Alte Mensa“, Peterstraße 5
Seit 15 Jahren wird in Thüringen alljähr-
lich ein „Antifaschistischer Ratschlag“
durchgeführt. Die verschiedensten Initia-
tiven im Bereich antifaschistischer und
wuchert, aus Tätern werden Opfer ge-
macht, der Widerstand gegen den Fa-
schismus wird verfälscht.
● Öffentlichkeitsarbeit
„G eschichte vor den Richter!“
lautet der Titel einer neuen
Studie über „Entschädi-
gungsfragen im deutsch-polnischen Ver-
antirassistischer Politik nutzen diese Wie gelange ich an Informationen über hältnis“. „Um welche Ansprüche geht
Treffen für ihre Vernetzung, zum Erfah- die extreme Rechte? Wie sensibilisiere es“, fragt der Autor, „(w)as ist geregelt,
rungsaustausch und zu thematischen De- ich die Öffentlichkeit für die Thematik? was ist noch offen?“
batten in unterschiedlichsten Workshops. ● Antifaschistische Arbeit vor Ort Hintergrund sind die Klagen deut-
Es wird Zeit, dass wir auch in Sachsen zu Was tun gegen einen rechtsdominierten scher Umgesiedelter – vertreten durch
einer derartigen Zusammenarbeit kom- Jugendklub? Was tun gegen eine örtliche die Preußische Treuhand und die Sude-
men. Vielleicht sind bei diesem ersten rechte Kleinzeitung? Wie umgehen mit tendeutsche Initiative – auf Rückgabe
sächsischen Ratschlag noch nicht alle Nazis im Kommunalparlament? Wo fin- ehemaligen Grundeigentums, die den
gegen Rassismus und Faschismus Enga- de ich Partner? Sejm im vergangenen Jahr veranlasst ha-
gierten dabei, aber es soll auch in Sach- Nach dem „Antifaschistischen Rat- ben, von Deutschland Reparationen zu
sen zu einer alljährlichen Zusammen- schlag“ wird ein Reader erarbeitet. Wer fordern. „Die juristische Analyse“, kün-
kunft kommen. Fangen wir an und hof- Interesse daran hat, sollte sich unbedingt digt die Studie an, „soll die Diskussion
fen, dass im nächsten Jahr noch mehr In- in die „Anwesenheitsliste“ eintragen. Es versachlichen.“
itiativen den „Antifaschistischen Rat- besteht die Möglichkeit zum Auslegen Klar ist zunächst, so der Autor: Ein
schlag“ unterstützen. von Info-Material. Das Material muss 1953 erklärter Reparationsverzicht der
Workshops/Arbeitsgruppen: aber im Zusammenhang mit dem Anlie- polnischen Regierung gegenüber der
gen des Ratschlages stehen. Es wird kein DDR „hat (...) die Schadensersatzan-
● „Schöner leben ohne Naziläden“ Unkostenbeitrag erhoben. Spenden für sprüche des polnischen Staats und die
Naziläden und -versände sind unver- diesen und weitere „Antifaschistische der polnischen Staatsangehörigen zum
zichtbar für den rechten Lifestyle. Über Ratschläge“ sind erwünscht. Bitte keine Erlöschen gebracht.“ Polinnen und Po-
Musik und Klamotten werden Jugendli- Spendensammlungen für andere Projekte len können also gar nichts fordern. An-
che geködert. Was können wir dagegen an diesem Tag. ders sieht es mit Deutschen aus: „Einen
tun? Kontakt: LAG „Antifaschistische ausdrücklichen Verzicht hat die deutsche
● „Schatten der Vergangenheit“ Politik“, BürgerInnenbüro Grimma, Bundesregierung bis heute nicht erklärt.
60 Jahre nach der Befreiung vom Fa- Tel.: 03437/999758, Daher lässt das Völkerrecht Individual-
schismus: der Geschichtsrevisionismus E-Mail: lag.antifa@pds-sachsen.de ansprüche deutscher Vertriebener grund-
sätzlich unberührt.“ Eine Detailanalyse,
so der Autor, zeigt jedoch: In der Praxis
haben Klagen deutscher Umgesiedelter
Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma sowohl vor polnischen als auch vor
Kulturstaatsministerin Christina Weiss und der Künstler Dani Karavan haben sich bei einem Gespräch am
12. Januar in Berlin darauf verständigt, mit dem Bau des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma internationalen Gerichten wenig Chan-
Europas so rasch wie möglich zu beginnen. Das Denkmal soll südlich vom Reichstag am Simsonweg ge- cen auf Erfolg.
baut werden und im Jahre 2006 fertiggestellt sein. Der Bund hat dafür 2 Millionen Euro vorgesehen, das Da muss, heißt es in der Studie, die
Grundstück stellt das Land Berlin. Weiss begrüßte Karavans Zusage, den Baubeginn so schnell wie mög- Politik einspringen. Denn den Umgesie-
lich zu planen, obwohl in der Frage der Inschrift noch keine endgültige Einigung mit den Opferverbän- delten wurde übel mitgespielt. „Heute
den erzielt werden konnte. Die kulturpolitischen Sprecher aller Fraktionen im Deutschen Bundestag hat- stehen die letzten Überlebenden der Ge-
ten sich in einer Erklärung vom 24. November 2004 auf folgenden Vorschlag für die Inschrift verstän- neration, welche die Verfolgungen un-
digt: „Wir gedenken aller Kinder, Frauen und Männer, die von den Nationalsozialisten in ihrem men-
schenverachtenden Rassenwahn als Zigeuner in Deutschland und Europa verfolgt und ermordet wurden.
mittelbar erlitten hat, am Ende ihres Le-
Wir trauern um alle Opfer dieses systematisch geplanten Völkermordes. Ihre Leidensgeschichte soll den benswegs. (...) Dies erinnert an die Situ-
nachfolgenden Generationen als Mahnung dienen.“ ation in den Holocaust-Verfahren der
Nun müsse sich, so Kulturstaatsministerin Christina Weiss, noch „der Zentralrat deutscher Sinti und Roma 1990er Jahre.“ Wenn auch Gerichte die
diesem Kompromiss anschließen, so dass das Mahnmal zügig fertiggestellt werden kann.“ Klagen beurteilen müssen – „(f)ür die
PM des Bundeskanzleramtes vom 12. Januar 2005 ■ Bewältigung der grundsätzlichen Fragen
bleibt der gesellschaftliche Dialog ge-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
fordert“. Meint der Autor und fordert
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. „ein gemeinsames Erinnern von Deut-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de schen und Polen an die wechselseitige
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Vertreibung und Flucht und deren Ursa-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, chen“. „Wechselseitig“: Beide Seiten
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach,
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
sollen offenbar Täter und Opfer in glei-
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. chem Maße gewesen sein.
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Der Autor der Studie? Burkhard Hess,
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind Direktor des Instituts für ausländisches
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. und internationales Privat- und Wirt-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- schaftsrecht an der Ruprecht-Karls-Uni-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung versität Heidelberg, ein angesehener
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Rechtswissenschaftler einer angesehe-
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
nen deutschen Hochschule. Veröffent-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., licht wurde das Heft von einem der ge-
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- wichtigsten deutschen ,think tanks‘ auf
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini- dem Gebiet der Außenpolitik, der Deut-
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di schen Gesellschaft für Auswärtige Poli-
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. tik .jk ■

: antifaschistische nachrichten 2-2005 15


: aus der faschistischen presse
rungsprogramm in die Wege leiten“. An-
ders ausgedrückt: Ausländer raus!
Nationalismus, genauer gesagt natürlich
Für arteigene Politik, gegen ter stattlicher Aufsicht stünde und mög- deutscher Nationalismus, ist das Thema
nationalen Nihilismus lichst in deutscher Sprache abliefe. Daraus Manfred Müllers. „Wer als Deutscher für
ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob die die Rechte der eigenen Nation und für die
Nation & Europa Januar 2005 heutigen Spitzenfunktionäre der christ- Bewahrung ihrer ethnisch-kulturellen
Sein Herz für Fundamentalisten entdeckt lichen Kirchen überhaupt noch an den ein- Substanz eintritt, kann sich unter den ge-
im Januarheft von „Nation & Europa“ des- zigen und wahren Gott ihrer Bibel glau- gebenen Verhältnissen mit den Begriffen
sen Redakteur Werner Baumann. Welcher ben, einen Gott, der in seinem 1. Gebot ka- ,Patriotismus‘ und ,Patriot‘ begnügen.
Art der Fundamentalismus dabei ist, tegorisch fordert: ,Du sollst keine anderen Gleichwohl ist die Vaterlandsliebe (= Pa-
scheint ihm weitgehend gleichgültig zu Götter neben mir haben‘“. triotismus) eine eher defensive Hal-
sein – es muss nur antiliberal zugehen: Aber die 10 Gebote sind Baumann ei- tung....Was den ach so ,gesunden‘ BRD-
„Bei der Wahl der neuen Eu-Kommission gentlich ziemlich gleichgültig, es geht ihm Patriotismus fragwürding werden läßt, ist
hatte der italienische Politiker Rocco But- um etwas anderes, wichtigers – um eines die Tatsache, das er auf den Vorgaben der
tiglione keine Chance, weil er sich in den der Grundprinzipien der bürgerlichen De- Siegergeschichtsschreibung beruht und
Anhörungen zum christlichen Menschen- mokratie: „Besonders anfällig sind demo- ein wirkliches nationales Selbstwertgefühl
und Familienbild bekannte. Seine Haltung kratisch verfaßte Staaten. Sobald sie sich gar nicht zuläßt. Man soll sich als Teil ei-
hätte er auch aus dem Koran begründen unkontrollierter Einwanderung öffnen, ner Schuldgemeinschaft begreifen. Ein ne-
können. Denn die großen Weltreligionen stellen sie sich selber zur Disposition. gativer Nationalstolz beharrt auf der Ein-
sind zumindest in den Punkten, die Butti- Dazu tragen auch die Minderheitenrechte zigartigkeit (,Singularität‘) deutscher Ver-
glione im Europäischen Parlament zum bei, die freiheitliche Systeme in ihren Ver- brechen. Wer daran zweifelt, wird aus der
Verhängnis wurden, nah beieinander. On fassungen gewährleisten. Deren Tenor Gemeinschaft der BRD-Patrioten ausge-
Christ oder Mohammedaner, Jude oder heißt Emanzipation, nicht Integration. eut- schlossen“.
Hindu: Wer die Bücher seines Glaubens zutage gilt in Europa die Förderung des Dr. Alfred Mechtersheimer, der, bevor
beim Wort nimmt, gilt als ,Fundamenta- Arteigenen als Diskriminierung des Frem- er bei den Neofaschisten landete, vor vie-
list‘ und wird von der herrschenden Politik den. Und das ist strikt verboten“. Mit der len Jahren von der CSU zu den Grünen
ins Abseits befördert. Nicht Religions- Vokabel des „Arteigenen“ entlarvt sich der wechselte und diese einige Zeit im
grenzen ordnen heute den gesellschaft- Autor als normaler Rassist in der Tradition Bundestag vertrat, sieht ebenfalls die „art-
lichen Raum; es sind die gleichmacheri- der Naziideologie, der die Gleichheit der eigenen“ Interessen nicht vertreten: „Denn
schen Vorgaben der ,political correct- Menschen vor dem Gesetz, eine der we- alle im Bundestag bisher vertretenen Par-
ness‘.“ Da das Thema des Heftes aber, sentlichen Errungenschaften der französi- teien folgen mehr oder weniger der anti-
auch wenn es auf dem Titelblatt anders schen Revolution von 1789 logischerweise natonalen Präferenz. In permanentem Ver-
steht, „Ausländer raus!“ lautet, darf Bau- bekämpft. Und genauso logisch kommt er fassungsbruch dienen sie ausländischen
mann sein Verständnis für Islam und Ju- zu folgender Schlussfolgerung: „Noch ist Interessen und zugewanderten Menschen
dentum nur äußerst sparsam dosieren und Zeit die gesamte Ausländerpolitik auf den mehr als dem eigenen Volk. Fast alle wirt-
bezieht sich zwei Absätze weiter aus- Prüfstand zu stellen, die Krankheit in ihrer schaftlichen, finanziellen und sozialen
schließlich auf den rechten Flügel der Ursächlichkeit zu bekämpfen und nicht Probleme werden durch diese Perversion
christlichen Großkirchen: „Daß die Euro- länger an den Symptomen herumzukurie- verschärft. Begünstigt werden nur die
päische Union durch den Beitritt von (heu- ren oder sich gar in Koran-Exegetik zu Interessen einer kleinen politischen und
te) 70 Millionen türkischen Moslems ihren versuchen. er den Islam hierzulande nicht publizistischen Machtelite. Kein Wunder,
christlich-abendländischen Charakter end- will, muß seine Einwanderung stoppen.“ daß diese eine wirkliche Alternative mit al-
gültig verlöre, war dem Oberhaupt der Sabine Poling ist der gleichen Meinung, len Mitteln zu verhindern sucht. Das bau-
deutschen Katholiken keine Erwähnung wird aber noch deutlicher: „Wer die Über- fällige und vom finanziellen Zusammen-
wert. Auch sein evangelischer Kollege fremdung verhindern will, muß entweder bruch bedrohte Gebäude BRD könnte ein-
Wolfgang Huber redet über alles Mögli- die Freiheitsgarantien des Grundgesetzes stürzen, wenn das morsche Fundament des
che, nur nicht über die Identität des Lan- einschränken oder aber die Einwanderung nationalen Nihilismus dem Volk im
des. Er hat nichts gegen Islam-Unterricht konsequent stoppen und ein Repatriie- Bundestag präsentiert werden würde“.
in deutschen Schulen, wenn dieser nur un- Karneval steht vor der Tür, da darf auch
N&E nicht fehlen und zeigt einen Leser-
wunsch an: „Englischsprachiger Mann
interessiert sich für Thule-Gesellschaften,
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Himmelsscheiben, Waffen-SS-Geschichte
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: sowie Runen-Zeremonien. Außerdem be-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich schäftigt er sich mit Maya-Wissenschaft in
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Verbindung mit Germanen und heiligen
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Plätzen...“. tri ■
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro).

Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) 2069 Euro für die
Name: Adresse:
Antifa-Nachrichten
So viel an Spenden sind
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts
eingetroffen. Damit ist das
Unterschrift
Spendenziel erreicht.
Allen, die dazu beigetragen
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
haben, vielen Dank!
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507

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