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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 5.5.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Worch-Aufmarsch in
Leipzig gestoppt
Leipzig, 1. Mai 2005. Über 3000 Antifa-
schistInnen aus dem gesamten Bundes-
gebiet gelang es, den von Christian
Worch angemeldeten Naziaufmarsch, zu
dem ca. 800 Neonazis kamen, um 17.35
noch vor dem Rossplatz auf dem Leipzi-
ger Ring zu stoppen. Trotz des massiven
Polizeiaufgebotes und Einsatz von Was-
serwerfern und Schlagstöcken gegen die
antifaschistischen GegendemonstrantIn- Aktion im
Frankfurter
Haupt-
bahnhof
am
27. Januar
2005

Info:
www.arbeiterfotografie.com

nen, gelang es der Polizei nicht, die Na- Deutsche Bahn unter Druck – Sie soll Ausstellung über deportierte
zidemonstration in Richtung Süden der Kinder zulassen – zunehmende Proteste im Mai und Juni
Stadt zu ermöglichen. Damit sind die
Freien Kameradschaften um Christian
Worch ein weiteres Mal mit ihrem Ver-
„Mit der Reichsbahn
such gescheitert, auch nur in Richtung
Connewitz, einem alternativen Stadtteil
Leipzigs, zu marschieren. Das wertet das
in den Tod“
Leipziger Bündnis gegen den Naziauf- Freiburg, Frankfurt a.M., Halle. Auftakt der Veranstaltungsserie war
marsch als vollen Erfolg. (14. 4.2005. Bericht in www.ger- eine Demonstration in Weimar, die am
Gleichzeitig kritisiert das Bündnis das man-foreign-policy.com). Mit 11.4.2005 vom Theaterplatz zum Haupt-
schikanöse und rechtswidrige Vorgehen Veranstaltungen in mehreren deut- bahnhof führte. Dort wurde eine lokale
der Polizei. Mit Zustimmung des Sächsi- schen Städten werden die Proteste ge- Unterschriftenliste übergeben, die den
schen Ministerium des Inneren wurde gen das Nachfolgeunternehmen der Bahnvorstand zur Freigabe des Weimarer
die gesamte geplante Marschroute der ,,Deutschen Reichsbahn“ (Deutsche Bahnareals auffordert, um im Publi-
Neonazis zum Kontrollbereich erklärt. Bahn AG) ausgeweitet. Die Bahn AG kumsbereich eine Ausstellung über den
Auf dieser Grundlage wurden flächende- weigert sich, Fotos und Briefe von über letzten Weg der Deportierten zeigen zu
ckend Personalien von Menschen in der 11.000 aus Frankreich deportierten können.1 Über die Weimarer Gleisanla-
Südvorstadt kontrolliert und über 300 Kindern auf den deutschen Publikums- gen der ,,Reichsbahn“ waren am 19. und
Platzverweise ohne rechtliche Grundlage bahnhöfen zu zeigen. 20. August 1944 etwa 51 Deportierte in
erteilt. Viele Menschen beschwerten das KZ Buchenwald geschleust worden.
sich, dass ihnen selbst der Zugang zu an- Die Deportierten, darunter 520 deutsche Von ihnen überlebten 35 deutsche und
gemeldeten Kundgebungen in der Innen- und etwa 100 österreichische Kinder, nur 4 französische Häftlinge, heißt es in
stadt verwehrt wurde. waren zwischen 1942 und 1944 auf dem einer statistischen Übersicht der Pariser
Quelle: PM Leipziger Bündnis Schienennetz der ,,Reichsbahn“ nach Organisation ,,Fils et Filles des Deportes
gegen den Naziaufmarsch, Auschwitz verschleppt und dort ermor- Juifs de France“ (Söhne und Töchter der
email: antifa@left-action.de det worden. Das Schicksal der Deportier- jüdischen Deportierten Frankreichs). In
www.left-action.de ■ ten sowie die Verbannung ihrer Bilder jahrelanger Kleinarbeit ist es der Organi-
von den deutschen Bahnhöfen wird sation gelungen, den Schienenweg der
Gegenstand prominenter Meetings am 4. 11.000 Kinder und weiterer 61.000 er-
Inhalt: Mai (in Freiburg), am 8. Mai (in Frank- wachsener Häftlinge nachzuzeichnen.2
Vierhundert Burschen und furt am Main), am 10. Juni (in Halle) und Billiger
ein Ministerpräsident . . . . . . . . . 5 am 17. Juni (erneut in Frankfurt) sein.
Staatsfeier in Bergen-Belsen Die Initiatoren rufen im Mai und Juni zu Die Ausstellung ist in den vergangenen
mit Ausgrenzungen . . . . . . . . . . 7 massiven Protesten auf, ,,die auch in an- Jahren durch 18 französische Bahnhöfe
Rechte nutzt EU-Referendum . . 9 deren deutschen Publikumsbahnhöfen an gewandert und war zuletzt auf dem Pari-
die 11.000 Kinder erinnern werden“. ser Gare du Nord im Beisein des Präsi-
weiter Seite 3
: meldungen, aktionen
stammten Platz in dieser Welt hat, dieser
muss auch von jedem respektiert wer-
den.“ Das ist rassistisch und heißt nichts
Knast statt Schule nem in dritter Auflage erschienenen anderes als „Dänemark den Dänen!“,
Gütersloh/Siegen. Es ist noch nicht Buch „1939 - Der Krieg, der viele Väter „Schweden den Schweden!“ und
lange her, da verglich der Baptist Andre- hatte“, in dem er die Schuld Nazi- „Deutschland den Deutschen!“ und letzt-
as Malessa die evangelikale Hausschul- Deutschlands am 2.Weltkrieg relativiert. endlich „Ausländer raus!“. Noch deut-
bewegung mit den Hinterhof-Koranschu- Bereits nach einem kürzlich in der „Jun- licher wird der Charakter des völkischen
len islamischer Fundamentalisten. gen Freiheit“ geführten Interview mit Festes bei einem Blick auf Veranstalter
Im April musste eine Baptistin aus dem Ex-General hatten dessen Thesen und Teilnehmer. Organisiert wird die
Ostwestfalen sechs Tage in einer Biele- heftige Kritik hervorgerufen. Die Vorsit- Kundgebung vom sogenannten „Natio-
felder Haftanstalt absitzen, weil sie ihr zende des Innenausschusses des Deut- nalen Widerstand Jena“ (NWJ), einer
Kind aus „religiösen Gründen“ nicht an schen Bundestages, Cornelia Sonntag- Freien Kameradschaft innerhalb des mi-
einem Theaterbesuch teilnehmen ließ Wolgast, warf Schultze-Rhonhof „übel- litanten Neonazi-Netzwerkes „Thüringer
und eine verhängte Geldbuße nicht be- ste Geschichtsverfälschung“ vor. Selbst Heimatschutz“ (THS), und dem Jenaer
zahlen wollte. Das Theaterstück, es han- Brandenburgs CDU-Innenminister Jörg NPD-Kreisvorsitzenden Ralf Wohlleben.
delte sich um „König Drosselbart“, sei - Schonbohm betrachtete die Äußerungen Geplant ist der Auftritt von acht Red-
so die Eltern – ein „Werk des Teufels“. des früheren Generals als „nicht akzepta- nern, darunter der mehrfach wegen
Nach Haftentlassung der Mutter erwartet bel“. hma ■ Volksverhetzung, Gewaltverherrlichung
nun auch den Vater eine mehrtägige sowie Herstellung und Verbreitung von
Haftstrafe. Seit Oktober schicken sieben Erneuter Prozess NS-Propagandamaterial verurteilte
Familien aus dem Raum Paderborn ihre Bundesgeschäftsführer der NPD und
Kinder nicht mehr in die Grundschule. Ilmenau. Dr. Paul Latussek, bis 2001 Landesvorsitzende der NPD Thüringen
Sie wollen diese nun – in aller Abge- Vizepräsident des „Bund der Vertriebe- Frank Schwerdt, des weiteren der wegen
schiedenheit – zu Hause und per Fern- nen“ (BdV), muss erneut vor Gericht. Anstiftung zur Herbeiführung einer
unterricht erziehen. Unterstützt werden Ein im April vergangenen Jahres vom Sprengstoffexplosion auf ein türkisches
sie von christlichen Heimschulwerken Erfurter Landgericht ausgesprochener Restaurant in Eisenach ebenfalls vorbe-
wie der „Philadelphia-Schule“ in Siegen. Freispruch vom Vorwurf der „Volksver- strafte junge Neonazikader Patrick
Gegen den Siegener Verein um Helmut hetzung“ wurde vom Bundesgerichtshof Wieschke sowie „freie Nationalisten“
Stücher, 2002 Leserbriefschreiber in der im Dezember wieder aufgehoben. Latus- aus Großbritannien, Dänemark, Schwe-
rechten Berliner Wochenzeitung „Junge sek wird beschuldigt, 2001 in einem Re- den, Italien, Ungarn und Rumänien, die
Freiheit“, überprüft der Generalbundes- chenschaftsbericht für den BdV die Er- nahezu alle in dem in Deutschland ver-
anwalt in Karlsruhe derzeit eine Anzeige mordung von Jüdinnen und Juden ver- botenen rechtsextremen Musik-Netz-
des Paderborner Landrates Manfred harmlost zu haben. Aktuell findet man werk „Blood and Honour“ aktiv sind.
Müller. In seinem Brief an die Karlsruher den Ex-BdV-Bundesfunktionär als Für das Rahmenprogramm sollen neun
Anwälte wirft Müller den Baptisten vor, Unterzeichner eines Aufrufes des um die RechtsRock-Bands aus Deutschland und
„mit ihren zigtausend Kindern das Po- „Junge Freiheit“ angesiedelten „Instituts mehreren europäischen Ländern sorgen,
tential“ zu haben, „Deutschland über für Staatspolitik“ unter dem Titel „8. Mai die sich insbesondere durch nationalisti-
Nacht in einen totalitären Unrechtsstaat 1945 – Gegen das Vergessen – 8. Mai sche, rassistische, antisemitische und den
zu verwandeln“. So hieße es in einem im 2005“. hma ■ Nationalsozialismus verherrlichende
Internet veröffentlichten Gedicht u.a.: Texte auszeichnen.
„Gottes Volk steht zum Kampf bereit“. Europaweites Neonazi- Die italienische Gruppe „Block 11“
Auf der Internetseite des Siegener Ver- beispielsweise benannte sich nach dem
eins wird auch ein Artikel des Züricher treffen am 11.6. in Jena „Todesblock“ im Konzentrationslager
Psychologen Diethelm Raff veröffent- Jena. Am 11. Juni 2005 wollen Neona- Auschwitz. Einige Mitglieder der ande-
licht, in dem unter der Überschrift „Die zis aus ganz Europa auf dem Jenaer ren Bands sind einschlägig vorbestraft,
Entmachtung der Familie“ die Ver- Marktplatz ein „Fest der Völker“ zele- wie der damalige Sänger der niederländi-
schwörungstheorie vertreten wird, es brieren. Erwartet werden mehrere tau- schen Band „Brigade M“, der wegen der
gebe eine „Koalition von Marxisten und send TeilnehmerInnen. Ein Blick auf die Schändung eines jüdischen Friedhofs in
Großkonzernen“ zur Abschaffung der geplanten Redner und Bands zeigt deut- Den Haag im November 1999 verurteilt
Familie. Im Jahr 2000 hatte Raff auf dem lich, dass es sich um ein Konzert zur wurde.
Kongress „Mut zur Ethik“ der rechten Unterstützung des internationales Neo- Erwartet werden mehrere tausend Ne-
Psychosekte VPM („Verein zur Förde- nazi-Musiknetzwerkes „Blood and Ho- onazis aus ganz Europa. Dass dies nicht
rung der Psychologischen Menschen- nour“ handelt, dessen neun Sektionen zu hoch gegriffen ist, zeigt der Verweis
kenntnis“) referiert, die in der Vergan- der „Division Deutschland“ zwar im Jahr auf ähnliche Aktionen im vorigen Jahr in
genheit u.a. mit rechtslastigen Parolen 2000 behördlich verboten wurden, aber Ungarn mit 9000 oder die jüngsten Kon-
zur Drogen- und AIDS-Politik auf See- weiterhin aktiv sind. zerte und Demonstrationen in Dresden
lenfang ging. hma ■ Das Motto „Fest der Völker“, das ei- und Mücka (Ostsachsen) mit ca. 5000
nem Propagandastreifen von Hitlers TeilnehmerInnen. Ein Konzert von Mi-
Ex-General in der „DNZ“ Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl chael „Lunikoff“ Regener und weiteren
über die Olympischen Spiele 1936 in Bands im Schützenhaus der nur 35 km
Buxtehude. Der 1996 nach öffentlicher Berlin entlehnt zu sein scheint, kann nur südlich von Jena gelegenen Kleinstadt
Kritik u.a. am Urteil des Bundesverfas- schlecht über die wahren Ziele hinweg- Pößneck, das dem bekannten Rechtsex-
sungsgerichtes in Sachen „Soldaten sind täuschen. Zwar behaupten die Veranstal- tremisten Jürgen Rieger gehört, besuch-
Mörder“ in den einstweiligen Ruhestand ter in ihrem Aufruf „Wir Nationalisten ten am 2.4. zwischen 1000 und 2000 Ne-
versetzte Generalmajor der Bundeswehr, sind keine Ausländerfeinde (?), wir ach- onazis. Letzteres wurde jedoch kaum be-
Gerd Schultze-Rhonhof, hat der „Deut- ten jede Kultur und jeden Menschen“, worben, wohingegen für das Jenaer „Fest
schen National-Zeitung“ des DVU- aber schränken zugleich selbst ein: „Je- der Völker“ auf zahlreichen rechtsextre-
Chefs Gerhard Frey ein Interview gege- doch sind wir der Meinung, dass jeder men Internetseiten und -Foren in ganz
ben. Dort nimmt er u.a. Stellung zu sei- Mensch und jede Kultur ihren ange- Europa Werbung geschaltet wird.

2 : antifaschistische nachrichten 9-2005


denten der französischen Staatsbahnen Frankreich fliehen konn-
(SNCF) eröffnet worden. Eine Übernah- ten, aber kurz darauf von
me lehnte der Vorstandsvorsitzende der den vorrückenden deut-
Bahn AG, Hartmut Mehdorn, im Januar schen Truppen eingeholt
2005 ausdrücklich ab; dafür habe die wurden. Bevor sie das
Bahn AG kein Geld. Auch sei der erfor- Schicksal der 11.000 teil-
derliche Aufwand nicht zumutbar. Billi- ten, führte ihr letzter Weg
ger wäre es, die Bilder der Kinder in ei- über die Gleisanlagen der
nem Nürnberger Bahnmuseum unterzu- hessischen Metropole, in
bringen, heißt es in mehreren Schreiben, der sich heute zahlrei-
die der Redaktion german-foreign-policy che Verwaltungsstruktu-
vorliegen.3 Gegen den Versuch, die Fotos ren der Bahn AG befin-
und Dokumente der ermordeten Kinder den. Wie die Initiatoren
aus den deutschen Publikumsbahnhöfen der zentralen Veranstal-
zu verbannen, protestierten am 27. Janu- tung mitteilen, hoffen sie
ar, dem Auschwitz-Gedenktag, Demon- Die Organisation Fils et Filles des Déportés Juifs de für die Veranstaltung am
stranten in Dresden, Leipzig, Hamburg, France (FFDJF/ Söhne und Töchter der jüdischen 17. Juni auf Unterstüt-
Wuppertal und Frankfurt am Main.4 Deportierten Frankreichs) zeigte ihre Gedächtnis- zung aus der Bahnge-
Über die Gleisanlagen dieser Städte wa- ausstellung auf insgesamt 18 französischen Perso- werkschaft ,,Transnet“,
ren Häftlinge aus zahlreichen Nationen nenbahnhöfen. aber laden ebenso Einzel-
in den Tod geschickt worden. personen, christliche Or-
Marion zösischen Exil von Drancy (bei Paris) ganisationen sowie antifaschistische In-
mit der ,,Deutschen Reichsbahn“ nach itiativen zu den Protesten ein. ,,Die
In Halle und Freiburg ist es den lokalen Auschwitz kam. Bevor Walter dort den bundesweiten Veranstaltungen und das
Initiativen gelungen, das Schicksal ein- Tod fand, sah er ein letztes Mal seine praktische Gedenken auch kleiner Grup-
zelner Kinder und ihrer Familien zu re- Heimatstadt – aus den Luftschlitzen der pen werden dem Unternehmensvorstand
konstruieren. In Freiburg, wo am 4. Mai Viehwaggons, die über das Schienennetz der Deutschen Bahn AG verdeutlichen,
eine Gedenkveranstaltung stattfinden von Halle weiter nach Leipzig und Dres- dass er die Erinnerung an die 11.000
wird (,,Mit der Reichsbahn in den Tod“), den fuhren. Einzelheiten versucht die Kinder und an die Verbrechen des Vor-
soll an Marion Abraham erinnert werden. Hallenser Initiative durch Archivrecher- gängerunternehmens von den Reisenden
Nach ihrer Flucht aus Deutschland wur- chen zu belegen. Ein Suchaufruf er- nicht fernhalten kann – weder in Frank-
de die 17-Jährige in Frankreich verhaftet schien am vergangenen Montag in der furt, noch in Hamburg, München oder
und 1942 auf dem Schienenweg nach ,,Mitteldeutschen Zeitung“.5 Um Walter Leipzig“, heißt es in einer Stellungnah-
Auschwitz deportiert. Weder sie noch Wartenberg und aller anderen Kinder zu me gegenüber der Redaktion german-fo-
ihre 14 Familienmitglieder kehrten zu- gedenken, lädt die Hallenser Initiative zu reign-policy.
rück. Zu dem Freiburger Meeting rufen einer Veranstaltung am 10. Juni ein. Gast Kontakt Freiburg und Frankfurt a.M.:
u.a. mehrere Gewerkschaften (DGB, wird Beate Klarsfeld sein, die ,,Fils et elftausendkinder@web.de.
GEW), das iz3W (Informationszentrum Filles des Deportes Juifs de France“ Kontakt Halle:
Dritte Welt), die Humanistische Union (FFDJF) vertritt. homepage@ludwigstrasse37.de ■
sowie die Vereinigung der Verfolgten des Bundesweit
Nazi-Regimes (VVN /BdA) auf. 1 s. dazu Aufwand nicht zumutbar
2 Serge Klarsfeld: Le Memorial des enfants juifs
Walter Für den 17. Juni rufen die Initiatoren des deportes de France, Paris 2004
,,Offenen Briefes“ an die Deutsche Bahn 3 Schreiben vom 17.12.2004, vom 4.3.2005 u.a.
Die Initiatoren in Halle (darunter die Ge- AG6 zu einem zentralen Meeting in 4 s. dazu die Sonderseite
werkschaft IG Metall) widmen ihre Ar- Frankfurt am Main auf. Unter den De- 5 Klarsfeld-Ausstellung nach Halle? Juden er-
mordet; Mitteldeutsche Zeitung 11.04.2005
beit Walter Wartenberg, einem 14-jähri- portierten waren etwa 60 Kinder, die aus 6 s. dazu Offener Brief www.german- foreign-
gen deutschen Jungen, der aus dem fran- ihrer Heimatstadt Frankfurt zwar nach policy.com

Derzeit werden in Jena und Thüringen Ausführlichere Informationen zu den Polizeiaufgebotes ab. Auch ein am
verschiedene Aktionen vorbereitet, um Veranstaltern, Rednern, Bands, sonstigen Abend in Pößneck geplantes Konzert
das Neonazi-Fest am 11. Juni auf dem Aktiven, Unterstützern, zu rechtsextre- rechter Bands fand laut Polizei nicht
Jenaer Marktplatz oder an einem Aus- mistischen Aktivitäten in der Region ins- statt. Anfang des Monats war die Thürin-
weichort zu verhindern. Laut Pressebe- gesamt sowie den antifaschistischen ger Polizei in die Kritik geraten, weil sie
richten prüft die Stadt derzeit, ob es ju- Gegenaktionen findet ihr auf folgenden bei einem Neonazi-Konzert in Pößneck
ristische Möglichkeiten gibt, die NPD- websites: zu wenig Beamte vor Ort hatte, um es
Veranstaltung zu verbieten. was ange- http://www.nazis-stoppen.tk aufzulösen. Innenminister Gasser hatte
sichts des Hintergrundes der Veranstal- http://www.voelkerball.tk danach Fehler der Polizei eingeräumt.
tung eigentlich keine Frage sein dürfte. http://www.jg-stadtmitte.de/ ■ http://www.mdr.de/nachrichten/
Der „Runde Tisch für Demokratie“ hat thueringen/1926275.html ■
bereits eine Reihe von Gegendemonstra- Polizei verhindert Konzert
tionen angemeldet. Holocaut-Leugner Ernst Zündel hat
Im Zeitraum vom 10. bis 12. Juni wer- rechter Bands zahlreiche Unterstützer
den darüber hinaus mehrere Veranstal- Weimar. Massive Polizeipräsenz hat am Dieser Artikel in AN 7-2005 wurde beim
tungen und unterschiedlichste Aktionen Sonnabend ein nicht genehmigtes Skin- IDGR am 23. März 2005 erstveröffentlicht,
stattfinden. Mehr Infos dazu werden auf head-Konzert in Weimar verhindert. siehe: http://www.idgr.de/news/2005/
den Vorbereitungstreffen, zeitnah zum Nach Polizeiangaben wurden rund 40 n050323-a.php.
11. Juni per Flyer etc. und natürlich auf Anhänger der Neonaziszene gestoppt Für die unkorrekte Quellenangabe bitten wir
den websites bzw. beim Infotelefon zur und zurückgeschickt. Die Veranstalter IGDR und den Autor um Entschuldigung.
Verfügung gestellt. sagten das Konzert wegen des massiven Die Redaktion

: antifaschistische nachrichten 9-2005 3


Hamburg. Am vergangenen
Freitag entlockten hunderte Vierhundert Burschen
„Waffenbrüder“ – viele davon in
„Vollwichs“ mit Paradedegen, ein massi- und
ves Polizeiaufgebot, drei Wasserwerfer
sowie 30 Demonstranten auf der Moor-
weide den vorbeieilenden Passanten ein
ein Ministerpräsident
verwundertes: „Was ist denn hier los?“. Dabei bestätigte der Hamburger Senat tragsveranstaltung im Logenhaus. Wer
Der Grund für das ungewöhnliche Auf- gerade erst wieder auf Anfrage der SPD- dort dem Ex-Brigadegeneral Uhle-Wett-
gebot war eine Veranstaltung zu 750 Jah- Abgeordneten Luise Fiedler (Drucksa- ler oder dem ständigen Kolumnisten der
re Kaliningrad mit Vertretern der che 18/2108 vom 22.4.05), dass „in den ,Jungen Freiheit‘, Günther Zehm lau-
„Landsmannschaft Ostpreußen“, der vergangenen Jahren Plakate und Flug- schen will und den Hamburger Aufruf
„Deutschen Burschenschaft“ und des blätter von einzelnen Rechtsextremisten der SWG zur Beendigung der„überzoge-
„Coburger Convents“ im Hause der Pro- und studentischen Verbindungen, in de- nen und unangemessenen Bußkultur“
vinzialloge Niedersachsen. Als Veran- nen Rechtsextremisten mitwirken, ver- unterzeichnen möchte, landet am ande-
stalter firmierte der „Hamburger Waffen- breitet worden“ seien. Allerdings ver- ren Ende der Telefonleitung wieder beim
ring“, eine 1951 ge- bereits bekannten Bern-
gründete Vereinigung hard Knapstein.
aller schlagenden Am 22. April protes-
Verbindungen in der tierten an der Rückfront
Hansestadt. Nach des Veranstaltungssaals
Angaben des Organi- derweil 200 Menschen.
sators, dem Presses- Ursprünglich war die
precher der Lands- Kundgebung vom AStA
mannschaft Ostpreu- zusammen mit dem Anti-
ßen, Bernhard Knap- faschistischen Bündnis
stein, nahmen an Hamburg an der Moor-
dem politisch moti- weide angemeldet und
vierten Saufgelage von der Versammlungs-
480 Burschen und behörde bestätigt wor-
alte Herren teil. den. Dann zauberte die
Hauptattraktion war Innenbehörde eine „neue
Brandenburgs Innen- Lageeinschätzung“ und
minister Jörg Schön- 200 gewaltbereite Teil-
bohm, der angesichts nehmer aus dem Hut, und
des öffentlichen Auf- die Kundgebung wurde
sehens um seine Per- um 500 Meter weg vom
son sichtlich schlecht Platz der Jüdischen De-
gelaunt und mit einer portierten zur Moorwei-
halben Stunde Ver- de verlegt. Zusätzlich
spätung zu seiner zur massiven einschlie-
Festrede aufkreutzte. ßenden Begleitung meh-
Zur Einladung des rerer Hundertschaften,
CDU-Politikers be- darunter Spezialeinhei-
fragt, äußerte sich der Organistionsleiter mied die Innenbehörde bewusst „Ross ten und Greiftrupps sowie drei Wasser-
Knapstein: „Herr Schönbohm hat und Reiter“ zu benennen, obgleich es werfer, wurde der Kundgebungsplatz mit
wiederholt in Wort und Tat gezeigt, dass wiederum keine zwei Monate her ist, als Absperrgittern eingezäunt. Unzumutbar
ihm das Schicksal der Vertriebenen und auf dem Portal des Landesamtes für Ver- befanden die Veranstalter und sagten die
das Kulturerbe des historischen deut- fassungsschutz eine Meldung zu finden Kundgebung ab.
schen Ostens ein wichtiges Anliegen ist“. war, wonach ein Mitglied der Burschen- Daraufhin zeigte der AStA der Unilei-
Und auf die Frage wartender Journalis- schaft Germania im Zusammenhang mit tung eine Kundgebung auf dem Campus
ten am Eingang, warum Schönbohm eine Aktivitäten aus dem Kameradschafts- an, die unmittelbar auf der Rückseite des
rechte Veranstaltung aufwerte, entwich spektrum und der Herstellung der so ge- Logenhauses, keine 50 Meter von der
dem stellvertretenden Ministerpräsiden- nannten „Schulhof-CD“ erwähnt wird. Fensterfront entfernt mit Lautsprecher-
ten dann nur noch „kein Kommentar“ – Wer allerdings weniger an den gesell- wagen dann auch stattfand. Auf diese
im Saal war die Presse ohnehin nicht zu- schaftlichen Seismografen, sondern am Weise erreichten die Redebeiträge, die
gelassen. Thema interessiert ist und Fakten und In- sowjetische Nationalhymne und Parolen
Um auf den gefährlichen Brücken- formationen über die Umtriebe der Ham- der etwa 200 Teilnehmer wie „Lieber ein
schlag von CDU zum Rechten Narren- burger Verbindungen der letzten 10 Jahre Geschwür am After, als ein deutscher
saum aufmerksam zu machen, riefen der sucht, ist ohnehin mit der vom AStA her- Burschenschaftler“ Schönbohm und die
AStA der Uni Hamburg und das antifa- ausgegebenen Broschüre „Falsch Ver- Verbindungsstudenten unmittelbar.
schistische Bündnis Hamburg zu Protes- bunden“ besser bedient. Der Protest hatte so den Lacher auf
ten auf. Im Aufruf heißst es: „Für uns als Am 8. Mai übrigens, ist das schwarz- seiner Seite, auch wenn es wenig lustig
AntifaschistInnen ist es nicht hinnehm- braune Klientel schon wieder da – dann ist, dass das Versammlungsrecht mit lan-
bar, dass staatliche Repräsentanten wie veranstaltet die Bildungseinrichtung der cierten und völlig abwegigen Szenarien
Schönbohm sich mit rechten Burschen- Ostpreußischen Landsmannschaft, die von der Innenbehörde faktisch außer
schaftlern und einer Vertriebenenzeitung „Staats- und Wirtschaftspolitische Ge- Kraft gesetzt wird. Die Lageeinschät-
zusammen tun, um Königsberg, das sellschaft e.V.“ aus Anlass des „60. Jah- zung der Polizei ist „Gesetz“, sogar,
Symbol großdeutscher Gebietsansprü- restages der Kapitulation der deutschen wenn sie sich im Nachhinein als unzu-
che, zu feiern.“ Wehrmacht“ sogar eine ganztägige Vor- treffend herausstellt. Eine Feststellungs-
: antifaschistische nachrichten 9-2005
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Verehrung für Kriegsverbrecher –
Stoiber und Struck sind dabei
Gedenken für die Täter und die Opfer zu Pfingsten in Mittenwald
Der Kanzler spricht in Gedenkstätten, dent seit Jahrzehnten die Helden der Ge- gen. Jüdische Gemeindemitglieder wur-
legt Kränze in der Normandie zum D- birgstruppe, die sich am Hohen Brendten den von deutschen und griechischen Po-
Day nieder und ehrt in der polnischen bei Mittenwald ein Denkmal für ihre To- lizisten aus ihren Wohnungen geholt, mit
Hauptstadt die Opfer der Aufstände ge- ten errichtet haben, darunter viele dabei die Soldaten und Offiziere des Po-
gen die Nazis im Ghetto und in War- Kriegsverbrecher. Dr. Edmund Stoiber lizei-Gebirgsjäger-Regiments 18, I. Ba-
schau. In Auschwitz sah man gar den gehört gar als Chef der Landesregierung taillon, unter ihren Kompaniechefs
Bundespräsidenten die Opfer ehren. Seit zu den prominentesten Mitgliedern des Hauptmann Baier (3. Kompanie) und
Juni 2004 sind wir im Dauergedenken – Kameradenkreises der Gebirgstruppe, in Hauptmann Reischl (4. Kompanie).
und das soll noch bis zum 8. Mai 2005, dem sich Veteranen der Wehrmacht und Nach neun Tagen, am 2. April 1944, wur-
dem 60. Jahrestag „des Kriegsendes“, SS, die Reservisten und Aktiven der den 1.700 Juden auf LKWs zur zentralen
wie es heißt, anhalten. An diesem Tag Bundeswehr als „Soldaten unterm Edel- Athener Bahnstation Rouf gefahren und
soll das Brandenburger Tor von Nazis weiß“ vereint haben. von dort aus in Viehwaggons nach Au-
freigehalten werden – wegen des Aus- Da nun aber seit drei Jahren des Tref- schwitz und Dachau deportiert. Viele
lands. fen der Edelweißkrieger unter Kritik Athener Juden wurden von Chaidari aus
Alle anderen Tore und Plätze des Lan- steht, sahen sie sich zur Rechtfertigung
des stehen somit den Nazis zur Verfü- ihres Tuns veranlasst. Der Vorstand des
gung? Ja, und nicht nur den jungen, auch Kameradenkreises der Gebirgstruppe
den alten. So ehren der Verteidigungsmi- ließ rechtzeitig zu diesem Pfingsttreffen
nister und der bayerische Ministerpräsi- mitteilen, die grauenvollen Untaten – so
das Massaker der Gebirgsjäger von
Kommeno – seien nach der Haager
klage, so ein hinzugezogener Anwalt, Landkriegsordnung legal gewesen. Im
hinterfragt lediglich, ob die Beschrän- Falle Kommeno deshalb, weil der Ge-
kungen im angemessenen Verhältnis zur birgstruppen-Oberstleutnant Josef Sal-
angenommenen Gefahr stehen. Wird minger, Vater des heutigen Mittenwalder
letztere ordentlich hoch gehängt, ist klar, Bürgermeisters, von Partisanen aus
was bei der „Rechung mit zwei Unbe- Kommeno ermordet worden sei.
kannten“ herauskommt. Da bei anderen Doch Salminger sen. starb erst rund
Gelegenheiten kein Unicampus mit sei- sechs Wochen nach dem 16. August in das Sonderkommando in Auschwitz-
nem besonderem Hausrecht um die Ecke 1943, dem Tag des Massakers von Kom- Birkenau deportiert. Angehörige der 3.
ist, sind die Bedingungen für öffentliche meno. Zu diesem Massaker hat Salmin- und 4. Kompanie des I. Bataillons des
Kundgebungen wieder ein bisschen ver- ger offenbar ebenso beigetragen wie zum Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 so-
schoben worden: Willkommen im antifa- Massenmord an 6000 unbewaffneten ita- wie der Polizei-Gebirgs-Artillerie-Abtei-
schistischen Streichelzoo! lienischen Kriegsgefangenen auf der In- lung begleiteten die Deportationszüge
Wolfram Siede sel Kephalonia (13.9.43), wie zum Orden nach Auschwitz und Dachau.
in Lemberg (4.9.39 und 30.6.41) und zu In Oberbayern stellen derzeit die
anderen Kriegesverbrechen. Bei dem VVN-BdA und die Gruppe „Angreifbare
von Salminger als Oberstleutnant wie Traditionspflege“ – benannt nach dem
auch von dem späteren Bundeswehr- Spruch des Herrn Stoiber von der „unan-
oberstleutnant Dr. Reinhold Klebe be- greifbaren Traditionspflege“ der Gebirg-
fohlenen Blutbad wurden 317 Menschen struppe – auf Flugblättern die Frage: Wie
unterschiedlichen Alters, Männer wie lange wollen die Mittenwalder noch dul-
Frauen, des griechischen Dorfes Kom- den, dass in ihrer schönen Gemeinde
meno getötet, und zwar weil Salminger Jahr für Jahr die Mörder der unschuldi-
dort Partisanen gesehen zu haben glaub- gen Menschen von Kommeno und zahl-
te. Zeuge August S. bei den Ermittlungen reichen weiteren Gemeinden in vielen
nach dem Krieg: „Was mich furchtbar Ländern Europa seitens Bundeswehr und
abgestoßen hat, das war, dass einige An- Wehrmachtsveteranen geehrt werden?
gehörige der 12. Kompanie sich in Wann werden die Opfer entschädigt und
schändlicher Weise an den Leichen zu die Täter bestraft? In Mittenwald wird es
schaffen machten.“ wieder zu Pfingsten Proteste gegen die
Nach Salmingers ungeklärtem Tode Kriegsverbrecherehrungen geben. Ein-
wurden als Rache mindestens ein Dut- zelheiten unter www.nrw.vvn-bda.de
zend Dörfer zerstört und Hunderte Be- Ulrich Sander
wohner ermordet. Jetzt wurden Einzel- Unter http://www.nrw.vvn-
heiten bekannt, wie Gebirgsjäger auch zu bda.de/texte/0122_mitten-
Tätern bei den Judendeportationen wur- wald_2005.htm gibt es Infos für Mit-
den. Neue Recherchen des Arbeitskrei- tenwald Pfingsten 2005 mit Wieder-
Die Broschüre kann über eine Schutz- ses Angreifbare Traditionspflege erga- entwaffnungscamp ab 12. Mai, mit
gebühr von 2 Euro über die reihe ben: Am 24. März 1944 begannen Ge- Zeitzeugenforen, Sternmärschen, In-
antifaschistischer texte (rat), c/o birgsjäger-Polizeieinheiten damit, die Ju- foständen, Kundgebungen von 13.
Schwarzmarkt, Kleiner Schäferkamp den Athens zum – wie sie sagten – „Ar- bis 15. Mai 2005. Anmeldungen bei
46, 20357 bestellt werden. beitseinsatz“ nach Deutschland zu brin- vvn-bdanrw@freenet.de.

: antifaschistische nachrichten 9-2005 5


8. Mai: Demonstration Rosenheim: Infostand der
Jusos von Neonazis ange-
gegen den Heisenhof griffen – Sieg Heil“ Rufe am
Rossacker
Niedersachsen. Wie in den Antifa- SPD-Fraktion im Landtag mit Vertretern Rosenheim 18.4.05. Schauderliches er-
Nachrichten bereits berichtet hat der des Bündnisses statt. Es wurden Mög- eignete sich am vergangenen Samstag in
„rechtsradikale“ Hamburger Rechtsan- lichkeiten der Unterstützung des Wider- der Rosenheimer Innenstadt. In einer Dis-
walt Jürgen Rieger das 2,6 ha große Ge- standes in Dörverden besprochen. kothek, die bisher vor allem für subkultu-
lände „Heisenhof“ der ehemaligen Zum 8. Mai wird zu einer Antifa- relle Vielfalt bekannt war, traf sich ein
Standortverwaltung mit dem früheren schistischen Demonstration gegen den merkwürdig zusammengesetztes Publi-
Offizierskasino in Döverden im April Heisenhof aufgerufen: 13 Uhr, Hassel. kum, bei dem gewöhnliche „Gruftis“ auf
2004 für 255 000 Euro für die „Wilhelm- Aus dem Aufruf: offensichtliche Neonazis und intellektuel-
Tietjen-Stiftung für Fertilisation“ erwor- le Rechtsextremisten, die aus Österreich,
ben. Seit Jahren gilt der wegen Volksver- „Im Mai jährt sich zum sechzigsten Mal Norddeutschland und sogar Italien ange-
hetzung, Körperverletzung und Verbrei- das offizielle Ende des Nationalsozia- reist waren, trafen. Traurige Höhepunkte
tung rassistischen Gedankengutes verur- lismus in Deutschland. Diesen Tag wol- des Abends waren ein Angriff auf den ge-
teilte Rieger als einer der führenden len wir als Anlass zu einer Demonstra- nehmigten Infostand der Jusos und „Sieg
deutschen Neonazis mit besten Kontak- tion gegen den Heisenhof nehmen. Der Heil“ Rufe aus einem Auto mit Rosenhei-
ten zu Alt- und Jungrechten und jeder Heisenhof ist heute einer der Sammel- mer Kennzeichen.
Menge Geld zur Finan- punkte für Neo- und Anlass dabei war das Konzert der ein-
zierung radikaler Um- Altnazis in der Region schlägig als rechtsextrem bekannten Band
triebe. Er betätigt sich Verden, Bremen, „Allerseelen“. Gegen dieses hatte sich im
seit langem als Käufer Hamburg und Hanno- Vorfeld eine ganze Litanei an Organisa-
von Immobilien als Ta- ver. Der Heisenhof tionen und Personen ausgesprochen, dar-
gungs- und Versamm- selber ist Teil eines unter der Vorsitzende der CSU Stadtrats-
lungszentren, so 1978 ehemaligen Bundes- fraktion, Herbert Borrmann, die SPD
bei dem Anwesen in wehrgeländes, auf Bundestagsabgeordnete Angelika Graf,
Hetendorf bei Celle, dem vor 1945 die Ver- der gesamte Stadtjugendring – vom
das sich im Besitz des waltung der Muni- Trachtenverein bis zur Gewerkschaftsju-
Bundes befand. Heten- tionsfabrik lag. „Ei- gend – und der FC Mangfall. Aber auch
dorf entwickelte sich bis zu seinem Ver- bia“ war eine über- und unterirdische Fa- überregional wurde das geplante Konzert
bot und der Auflösung durch das Nds. brik, in der ZwangsarbeiterInnen vor al- missbilligt, so von den Jusos Oberbayern
Innenministerium im Februar 1998 zu ei- lem aus Osteuropa arbeiten mussten. Die und der Landes ASten Konferenz, dem
nem der bedeutendsten Treffpunkte von Präsenz von Neonazis auf diesem Gelän- bayernweiten Zusammenschluss von Stu-
Neonazis in Deutschland. de ist ein Skandal! ... Aus der Geschichte dierendenvertretungen.
Gegen den Erwerb des Heisenhofs muss gelernt werden, dass jede und jeder „Allerseelen“ und ihr Frontmann Ger-
wurde das Bündnis für Toleranz und De- verantwortlich oder zumindest mitver- hard Petak sind seit etwa 15 Jahren für
mokratie 2004 in Dörverden als Arbeits- antwortlich ist, für die Welt, in der wir le- ihre Affinitäten zum Rechtsextremismus
kreis im Forum Zukunft e.V. mit dem ben. ... Den Nazis müssen wir kulturelle bekannt, welche ihnen auch in einer Bro-
Ziel gegründet, die Entstehung eines Na- und politische Initiativen entgegen setz- schüre des nordrheinwestälischen Innen-
zizentrums auf dem Heisenhof zu ver- ten – ihnen darf kein Raum überlassen ministeriums bescheinigt werden. So ver-
hindern. werden! Sie müssen merken, dass ihre
weiter Seite 8
Das Bündnis veranstaltet die Dörver- Haltung und ihre Taten unerwünscht sind
dener Sonntagsspaziergänge sowie Infor- – dass sie hier kein Land sehen. Aber
ma-tionsveranstaltungen zum Thema auch dem alltäglichen Rassismus in der
Heisenhof. Es versucht, politischen Gesellschaft und Politik muss entschlos-
Druck auf die zuständigen Behörden sen entgegnet werden, seien es Pöbeleien
auszuüben, damit alle rechtlichen Mög- auf der Straße, Stammtischparolen oder
lichkeiten ausgeschöpft werden, um dem Lagerunterbringungen und Abschiebun-
Nazispuk ein möglichst rasches Ende zu gen von MigrantInnen und Flüchtlingen.
bereiten. Diese Zustände dürfen wir nicht tolerie-
Im Januar 2005 protestieren 2000 ren, müssen beherzt eingreifen!“
Menschen zum 2. Dörverdener Sonn- Die Demo wird unterstützt von:
tagsspaziergang gegen Rechtsextre- Antifa Verden, Antifa Achim, Kontra-Laden Ver-
mismus und für Demokratie und Tole- den, antifaschistisches Komitee Bremen, Autono-
ranz. Das Gedenken an den Holocaust me Antifagrupp Bremen, GesamtschülerInnen-
vertretung Bremen, Autonome Antifa Bremen,
anlässlich des 60. Jahrestages der Befrei- afa Bremen, [‘solid] Bremen, Antifa-Cafe Bre- Auf dem Cover der Allerseelen CD „Gotos - Kalan-
ung des Konzentrationslagers Auschwitz men, bremen.antifa.net, Antifa Rotenburg, Auto- da“ ist die sog. „Schwarze Sonne“, ein Marmormo-
sowie der Zwangsarbeiter bei der EIBIA nome Antifas Schaumburg, VVN-BdA Roten- saik aus dem „Obergruppenführersaal“ der SS-
vor Ort standen im Vordergrund der Ver- burg-Verden, Antifa 3000 Hannover, Bremer Kult- und Schulungsstätte Wewelsburg zu sehen.
Anti-Atom Forum, Infoladen Daneben, Verdener Der SS diente sie als Symbol für eine nordisch-heid-
anstaltung. Redebeiträge und Musikaus- Bündnis gegen Rechtsextremismus für Demokra- nische Religion. Die Schwarze Sonne kann des wei-
wahl des „Posaunenchores Dörverden“ tie und Toleranz, Rotenburger Bündnis gegen teren als zwölfarmiges Hakenkreuz oder als ein
und der Gruppe „Trio Caligari“ appel- Rechts, Heisenhof dichtmachen! - Kampagne, Rad aus zwölf Sig-Runen gedeutet werden. In heuti-
lierten an das Geschichtsbewusstsein, Antifa Info-Telefon Hamburg, [aaa] autonome
antifa aurich, antifaschistisches Plenum & Ju- gen rechtsextremen Kreisen steht sie für die „Ver-
denn die Opfer des NS-Regimes ermah- gendantifa aktion [jaa] Braunschweig, kickit!, bundenheit mit der eigenen Art und mit den arteige-
nen, die Neonazis nicht zu unterschät- Dörverdener Bündnis gegen Rechts. nen Wertvorstellungen“ und erfreut sich bei Rechts-
zen. extremen, Neonazis und der Neuen Rechten weiter-
Im Februar fand ein Gespräch mit Quelle: Text und Bilder hin einer hohen Popularität.
http://www.kein-allerseelenkonzert.de.vu/ ■
dem Jugendpolitischen Sprecher der www.heisenhof.info ■

6 : antifaschistische nachrichten 9-2005


Viele Jahre hat ein Bündnis aus
VVN/BdA, Sinti, DGB, Interna-
tionales Jugendworkcamp der
Staatsfeier in Bergen-Belsen
christlichen und gewerkschaftlichen Lan-
desjugendringverbände und die ehrenamt-
mit Ausgrenzungen
liche Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen denkstättenstiftung. Im Spitzengremium Lager überlebte. Führungen über die Ge-
e.V. die Gedenktage zur Befreiung gestal- der Stiftung haben Vertreter von Landtag denkstätte und zu den Ausgrabungen der
tet. Jugendverbände haben durch Funda- und Landesregierung die Mehrheit. Von Jugendworkcamps fanden statt und am
mentausgrabungen und Zeitzeugenarbeit den Opferverbänden ist einzig der Lan- Obelisk sprach noch einmal Marion Blu-
das parkähnliche Gelände um die An- desverband jüdischer Gemeinden dabei. menthal-Lazan. Die 60 Jugendlichen aus
schaulichkeit NS-Verbrechen ergänzt. VVN/BdA, DGB und andere Organisatio- 9 Ländern des diesjährigen Internationa-
Staatsvertreter ließen sich gern zu Ge- nen, die verfolgt wurden oder sich landes- len Jugendworkcamps der christlichen
denkreden einladen. weit ständig um Gedenkstätten kümmern, und gewerkschaftlichen Jugendverbände
Im 60. Jahr der Befreiung war alles an- bleiben selbst für den Stiftungsbeirat aus- stellten ihre Arbeit in der Gedenkstunde
ders. DGB und VVN/BdA machten früh- geschlossen. vor. Viele Gespräche mit Überlebenden,
zeitig der Niedersächsischen Landesre- Im Widerspruch stehen die Ausgren- Ausgraben der steinernen Zeugen, künst-
gierung Vorschläge zur Beteiligung des zungen zur Rede von Paul Spiegel in Ber- lerische Umsetzung der Lagerrealität und
Bündnisses an der Gestaltung des Ge- gen-Belsen. Zitat: „Um Rechtsradika- die Beschäftigung mit dem Neofa-
denktages. Nach Monaten erhielten sie schismus (Heisen-
gleichlautende Absagen. Einzige Veran- hof, NPD), sei-
stalter seien Landesregierung und Zentral- nen gesellschaft-
rat der Juden in Deutschland. RednerIn- lichen Hintergrün-
nen seien ausgewählte überlebende KZ- den beinhaltete
Häftlinge sowie Ministerpräsident Wulff das neuntägige
und Paul Spiegel vom Zentralrat. Musika- Programm.
lische Begleitung machte ein Gymna- Am 17.4.05
sium-Chor aus Wulffs Heimatstadt Os- nach dem staat-
nabrück. DGB, VVN/BdA und andere lichen Gedenken
wurden als Sponsoren zu einem Empfang luden DGB und
am Vorabend in Hannover eingeladen. VVN/BdA auf
Immerhin hat die Landesregierung 450 den sog. „Russen-
Überlebende aus allen Teilen der Welt ge- friedhof“ Belsen-
laden. Hörsten. Bis heute
Bei der Gedenkfeier am Sonntag werden die zehn-
17.4.05 wurde die vorausgegangene Aus- tausende Toten,
grenzung um einiges ergänzt: Erst wurden zumeist Rotarmis-
PDS und DGB mit differenzierter Inten- ten, der 3 Kriegs-
sität von Staatsbediensteten aufgeforert lismus ... nachhaltig zu bekämpfen, be- gefangenenstammlager am größten west-
ihre Fahnen runterzunehmen. Am Rande darf es mehr als sporadischer Gesten der europäischen Truppenübungsplatz, in der
der Veranstaltung wurde ein Transparent Anteilnahme und Verurteilung. Wir brau- Öffentlichkeit meist übersehen.
mit der Aufschrift „Faschismus ist keine chen noch mehr Verbündete aus allen Tei- Umrahmt vom beeindruckenden Blä-
Meinung sondern ein Verbrechen“ mit len der Gesellschaft, um steten öffent- seroktett unter der Leitung von Hermann
Händen gehalten. Landesbedienstete for- lichen Druck auszuüben und eindeutige Bach, wurde die Rede des erkrankten
derten ultimativ und unter Androhung des Gesten der Solidarisierung seitens der Kurt Julius Goldstein (Ehrenpräsident des
Platzverweises auf, das Transparent sofort Mehrheitsgesellschaft einzufordern. Wem internat. Auschwitzkomitees) verlesen.
einzurollen. Solche Aktionen seien auf das übertrieben erscheint, sollte sich klar- Darin wurde erklärt, wie Rassismus und
dem Privatgrundstück des ehemaligen machen, dass das Eintreten für Toleranz wirtschaftliche Interessen des NS-Staates
Konzentrationslagers nicht gestattet. Eine und friedliches gesellschaftliches Mitein- zur grausamen Behandlung der sowjeti-
Person ließ sich gar zur Bemerkung hin- ander nicht nur potentiellen Opfern schen Menschen führten. Ausgeführt wur-
reißen, dass sie dafür sorgen werde, dass hilft...“. den die heutigen Aufgaben gegen Aus-
die VVN nächstes Jahr keinen Infostand Diese Verbündeten und diese Toleranz grenzung, Rassismus und Krieg. Gudrun
vor der Gedenkstätte aufstellen dürfe. ließ die Landesregierung vermissen. Vor Ehrhardt vom DGB hat selbst viele Füh-
Weil kein Name einer Organisation auf 450 angereisten Überlebenden und vor rungen in Bergen-Belsen gemacht. Sie er-
dem blauen Transparent stand, wurde es den internationalen Medien will die Re- innerte an jüngste Nazi-Veranstaltungen
der VVN zugeordnet. Tatsächlich waren gierung den Alleinvertretungsanspruch in der Umgebung und betonte die Not-
ihre Träger Mitglieder des PDS-Landes- für die Erinnerung und den Kampf gegen wendigkeit von Erinnerungsarbeit und ak-
vorstandes, der das Verbot in einer Presse- Neonazis erheben. tuellem Antifaschismus.
mitteilung kritisiert. Noch während der Gedenken selbst organisiert H-D. Charly Braun (DGB) überbrachte
Gedenkfeier beschwerten sich Vertreter Grüße ehemaliger sowjetischer Kriegsge-
des Sinti-und-Roma-Verbandes sowie Da die Landesregierung ihren Staatsakt in fangener und von, den inzwischen abge-
Überlebende der Lager für sowjetische Bergen-Belsen einzig mit dem Zentralrat reisten, Jugendworkcamp-Teilnehmenden
Kriegsgefangene bei DGB-Vertretern, der Juden in Deutschland durchführte, lud aus den osteuropäischen Ländern. Wäh-
dass sie nicht an der Staatsgedenkfeier be- die Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen rend des Internationalen Workcamps hat-
teiligt wurden. Auf den 3 sogenannten eV unterstützt von DGB und VVN/BdA ten die Jugendlichen auf Initiative der
Russenfriedhöfen, die zu Bergen-Belsen zur Gedenkfeier am Freitag 15.4.05, dem Teilnehmenden aus den Ländern der ehe-
gehören, starben wie im KZ Zehntausen- eigentlichen Jahrestag der Befreiung in maligen Sowjetunion (Weißrussland, Li-
de an Hunger, Seuchen und Mord. Bergen-Belsen, ein. Unter dem Motto tauen, Russland) auf dem sog. Russen-
Die Ausgrenzungen am Gedenktag ent- „Dialog der Generationen“ berichtete Ma- friedhof eine eigene eindrucksvolle Ge-
sprechen der Ausgrenzung in den Gre- rion Blumenthal-Lazan vor vielen Schüle- denkfeier veranstaltet.
mien der neuen niedersächsischen Ge- rInnen wie sie als Kind Ausgrenzung und ch.b ■

: antifaschistische nachrichten 9-2005 7


Fortsetzung von Seite 6
tonten sie in der Vergangenheit nicht nur
Gedichte des SS-Brigadeführers Karl Ma-
Neonazis dürfen am 8. Mai
ria Willigut – Mitglied inHimmlers per-
sönlichem Stab – sondern setzten gezielt
in Münchens gute Stube
nationalsozialistisch besetzte Symbolik Ausgerechnet am Jahrestag der Be- der ehemalige
wie die „Schwarze Sonne“ ein. Petak ver- freiung vom Hitlerfaschismus, dem Ostfrontkämp-
öffentlichte bereits mehrfach in rechtsex- 8. Mai, dürfen Neonazis auf dem fer in der Feld-
tremen Zeitschriften wie der „Jungen Münchner Marienplatz aufmarschie- herrenhalle
Freiheit“ oder den „Staatsbriefen“. Erst ren. Offensichtlich wurde im Kreis- verbrannt, um
vor einem Monat strich Petak in einem verwaltungsreferat niemand stutzig, ein Fanal ge-
Interview mit dem „Obliveon“ wieder sei- als der bekannte NPD-Aktivist Nor- gen die angeb-
ne Bewunderung für den rumänischen Fa- man Bordin im November vergange- liche „Ver-
schisten Corneliu Codreanu und dessen nen Jahres zu diesem Datum eine leumdung und
ultranationalistische und antisemitische achtstündige Kundgebung zum „Tag Verteufelung
Organisation „Legion Erzengel Michael“ der Ehre“ anmeldete. des deutschen
heraus. Volkes“ zu
Unbeeindruckt davon wurde das Kon- Als Anfang April mehrere Hundert Neo- setzten.
zert durchgeführt, was nicht nur politisch nazis durch München demonstrierten, Eine „Spezi-
Interessierten abwegig erschien, sondern war Oberbürgermeister Christian Ude alität“ von
auch bei Teilen der Stammgäste und des noch stolz darauf, dass seine Stadtver- Norman Bor-
Personals des veranstaltenden Clubs für waltung den braunen Marschierern nicht din ist die
massive Irritationen sorgte. Neben der ge- die „gute Stube“ überlassen hatte. Auf Anti-Antifa-
wöhnlichen Kundschaft kamen am ver- dem Marienplatz konnte stattdessen der Arbeit. Syste-
gangenem Samstag suspekte Personen in DGB eine antifaschistische Kundgebung matisch wur-
braunen Hemden, „Fans“ in SS-Uniform veranstalten. den so auch am Montag mehrere Dut-
und Menschen mit auffällig kurzen Haa- Ein Verbot der Nazikundgebung am 8. zend Antifaschisten, die lautstark gegen
ren. Rechte Skinheads, die auf Industrial Mai wäre jetzt nur möglich, wenn die das unheimliche Spektakel protestierten,
und New-Wave Konzerten als absolut un- Polizei sich außerstande sähe, die Auf- abphotographiert. Um an deren Namen
typisch gelten, machten dabei etwa 10% rechterhaltung der öffentlichen Sicher- und Adressen zu kommen, zeigen die
des Publikums aus. heit und Ordnung zu garantieren. Da Neonazis am Rande ihrer Kundgebun-
An zwei von Jusos angemeldeten Stän- eine solche Argumentation in der Regel gen immer wieder Antifaschisten wegen
den wurden die Besucher/innen nochmals vor Gericht scheitert, wollen Vertreter angeblicher Beleidigung bei der Polizei
über den Hintergrund der Band „Allersee- der Stadt München stattdessen die Neo- an. Einzelne Antifaschisten und Presse-
len“ und Gerhard Petaks informiert. Die nazis bitten, freiwillig auf den symbol- vertreter wurden bereits am folgenden
teilnehmenden Aktivist/innen, darunter trächtigen Ort zu verzichten. Tag namentlich auf der Internetseite des
auch Junge Grüne, trafen dabei auf eine „Die Münchner müssen die Sache Nationalen Widerstands genannt.
heterogene Zielgruppe. Einige ließen sich wieder mal selbst in Ordnung bringen. Weil er einen Griechen halb tot ge-
teilweise auf die Argumente der „Aller- Auf sie war in den letzen Jahren immer schlagen hatte, verbüßte Bordin bis letz-
seelen“-Kritiker/innen ein, andere gaben Verlass, wenn es darum ging, Neonazis tes Jahr eine Haftstrafe. Anschließend
von vornherein an, nationalistisch, anti- in unsrer Stadt die rote Karte zu zeigen“, rückte er zum Führer der Kameradschaft
amerikanisch oder rechtsextrem einge- kommentiert die linksliberale Abendzei- München auf, deren bisheriger Führer
stellt zu sein. Wiederum andere behaupte- tung die Hilflosigkeit der Stadtverwal- Martin Wiese sich augenblicklich wegen
ten – wie Petak selbst - „nicht rechts“ zu tung. eines mutmaßlich geplanten Spreng-
sein, stützten sich in ihrer Argumentation 40 Neonazis waren bereits am Mon- stoffanschlags auf das jüdische Zentrum
durchgängig auf Persönlichkeiten wie die tag in München zu einer Gedenkkundge- vor Gericht verantworten muss.
antisemitische Okkultistin Helena Bla- bung für den Altnazi Reinhold Elstner Nikolaus Brauns, München ■
vatzky (1831-1891) und die Thule Gesell- aufmarschiert. Vor 10 Jahren hatte sich
schaft, aus der später die NSDAP hervor-
ging. Grüne fordern Verbot der Neonazi-Kundgebung
Einige Interessenten an dem schwarz-
braunen Spektakel, die keine Karten mehr Der Vorsitzende der Stadtratsfraktion Die Grünen – rosa liste, Siegfried Benker:
bekommen hatten, ließen anschließend ih- „Schon seit Wochen ist bekannt, dass der bekannte Neonazi Norman Bordin eine
ren Aggressionen freien Lauf. Es wurden Kundgebung auf dem Marienplatz für Sonntag, den 8. Mai 2005 angemeldet hat.
nicht nur Aktivist/innen beschimpft, son- Schon vor Wochen ist die grün-rosa Stadtratsfraktion deshalb mit der Frage an das
dern ihnen auch die Parole „Sieg Heil“ Kreisverwaltungsreferat herangetreten, ob angesichts des Datums, dem 60. Jahrestag
aus einem Auto entgegengebrüllt. Ein Un- des Kriegsendes, und des Mottos „Tag der Ehre“ aufgrund der neuen Rechtslage
bekannter aus einer mehrköpfigen Gruppe nicht ein Verbot dringend geboten ist. ... der 8. Mai wird bundesweit als Tag der Be-
warf einen der Infostände um und belei- freiung vom Nationalsozialismus und Ende des II. Weltkrieges gefeiert. Wer an ei-
digte anschließend ein Vorstandsmitglied nem solchen Tag einen „Tag der Ehre“ ausruft und damit den angeblich ehrenhaften
von „Gesicht zeigen e.V.“. Verteidigungskampf der deutschen Wehrmacht offensichtlich verherrlichen will, der
Die Frage bleibt offen, ob durch ein verhöhnt die Opfer des Krieges und des nationalsozialistischen Terrors – besonders
entschlosseneres Agieren von „Erwachse- die der Widerstandsgruppen, sei es die Weiße Rose, sei es die Freiheitsaktion Bayern.
nen“-Verbänden und Gewerkschaften Ro- ... Wenn die Kundgebung am 8. Mai auf dem Marienplatz nicht verboten werden
senheim diese beschämenden Ereignisse kann, werden die Münchnerinnen und Münchner ihr eine eigene Befreiungsfeier ent-
erspart geblieben wären. Die Solidarität gegensetzen. Schon jetzt haben viele Gruppen – so auch die Grünen – verschiedenste
unter den Jugendverbänden hingegen be- Plätze in der Innenstadt angemeldet. Am 8. Mai wurden die letzten Nazis vertrieben.
trachten die Jusos Rosenheim als vorbild- Die MünchnerInnen werden an diesem Tag den Neonazis nicht den zentralen Platz in
lich. München überlassen.“
infogruppe-rosenheim@web.de ■ www.gruene-muenchen-stadtrat.de ■

8 : antifaschistische nachrichten 9-2005


Frankreich: Die extreme Rechte versucht
EU-Referendum als Sprungbrett zu nutzen
Alles, was rechts ist, wird wach: unter dem Motto: „Für unser Europa, Nein chauvinistisch-religiösen Ressentiments
Im Vorfeld des französischen Re- zur Verfassung, Nein zur Türkei“ steht. weit entgegen.
ferendums über den EU-Verfas- Der Chef des MNR kritisierte dabei, dass Der Front National: Sozialdemagogie
sungsvertrags, das am 29. Mai 05 stattfin- die Verfassung „weder die Grenzen Euro- und Profilierung als „Protestpartei“
den wird, macht auch die nationalistische, pas noch seine kulturelle Identität, die auf
rassistische und extreme Rechte aller christlichen Wurzeln beruht“ festlege. Am Andere Akzente setzt der Front National.
Schattierungen mobil. Einige Kräfte die- 8. April in Lyon vollzog Mégret jedoch Im Unterschied zum MNR, der neben der
ses Spektrums sehen in der Abstim- eine Kehrtwende und machte Präsident Nation auch die „europäische Zivilisa-
mungskampagne sogar eine Gelegenheit, Chirac das „Angebot“, dieser solle sich tion“ und „regionale Identitäten“ positiv
ihre Organisationen zu neuem Leben zu jetzt verbindlich auf eine Ablehnung des besetzt, ist der FN ideologisch weitge-
erwecken oder vor dem bis dahin sicheren türkischen EU-Beitritts festlegen – und der hend auf die Verteidigung des klassischen
Niedergang zu erretten. MNR werde zur Annahme des Verfas- Nationalstaats festgelegt. Und anders als
Um Missverständnisse auszuschließen: sungsvertrags aufrufen. der MNR, der immer wieder – bisher ver-
Es ist keineswegs das nationalistische bis Doch nicht nur die faschismusähnliche geblich – an potenzielle Bündnispartner
rechtsextreme Spektrum allein, das sich extreme Rechte, sondern auch die Natio- im konservativen Spektrum anzuknüpfen
an der Debatte um den Verfassungsvertag nalkonservativen und rechtsbürgerlichen
beteiligt, bei der seit circa einem Monat EU-Skeptiker rund um Graf Philippe de
das „Nein“ klar in Führung liegt (derzeit Villiers versuchen derzeit die Debatte um
würden 55 Prozent den Vertragstext ab- den Verfassungsvertrag weitgehend auf
lehnen). Und die Gegenstimmen, die dazu die „Türkei-Frage“ zuzuspitzen und zu
aufrufen, bei der Abstimmung mit Nein polarisieren.
zu votieren, kommen zahlenmäßig mehr- Dadurch wurde auf der Rechten ein
heitlich aus dem linken und gewerkschaft- derartiger Wirbel verursacht, dass auch
lichen Bereich; der mit Abstand größte die konservative Regierungspartei UMP versucht, strebt der FN eher nach einer
Gewerkschaftsverband des Landes (die unter ihrem neuen Parteichef Nicolas Sar- Profilierung als „Protestpartei“. So stellt
CGT) beschloss etwa am 2. Februar mit kozy jetzt in ihrer Abstimmungskampag- der Front National seine Abstimmungs-
über 82prozentiger Mehrheit, eine ne explizit das Ja zum Verfassungsvertrag kampagne in das Zeichen des „dreifachen
„Nein“-Kampagne zu führen. Deren Mo- mit einem Nein zur Aufnahme der Türkei Nein“. Das bedeutet erstens: „Nein zur
tive sind völlig anderer Natur als jene der verbindet. (Siehe dazu ausführlich: Auflösung der Nationen“, also die Ableh-
Rechtsextremen. Dennoch ist die Abstim- http://www.blaetter-online.de/artikel. nung des supranationalen Prinzips. Dann
mungskampagne auch für letztere eine php?pr=2012). kommt natürlich: „Nein zur Türkei“. Und
günstige Gelegenheit, erneut an das Licht Dem entgegen steht jedoch die bisher schließlich „Nein zu Chirac“, da der Prä-
der Öffentlichkeit zu treten. Dabei ver- explizit geäußerte Zustimmung von sident das Referendum einberuft und ver-
sucht die extreme Rechte, dem Referen- Staatspräsident Jacques Chirac (UMP) dächtigt wird, es im Falle eines positiven
dums-Wahlkampf inhaltlich ihren eigenen zugunsten eines Beitritts der Türkei. Die Ausgangs zum Plebiszit zugunsten seiner
Stempel zu verpassen. Denn die Themen, nationalistische und extreme Rechte sucht Führung umdeuten zu wollen.
an denen sie ihre Ablehnung des Verfas- daher dieses künstlich hochgepuschte Die sozialen und wirtschaftlichen Fra-
sungsvertrags festmacht, sind schwer- Thema weiterhin auszuweiden. In seinem gen, die ansonsten die Referendumskam-
punktmäßig andere als die der sonstigen Fernsehauftritt vom Donnerstagabend, pagne beherrschen, da die linke und ge-
Gegner des Verfassungsvertrags. 14. April ging Präsident Chirac darum so- werkschaftliche Kritik vor allem das im
Die Frage des türkischen EU-Beitritts: gar ausführlich auf dieses Thema ein und Verfassungstext festgeschriebene „neoli-
Brennglas für Ressentiments kam den Ressentimentträgern dabei weit berale Wirtschaftsmodell“ betrifft, spielen
entgegen: Einerseits erklärte er, es sei bei der extremen Rechten im allgemeinen
Vollkommen im Vordergrund steht dabei „nicht das Problem, dass die Türkei ein eine untergeordnete Rolle. Doch darf man
die Frage eines zukünftigen türkischen moslemisches Land“ ist, und begründete ihre Fähigkeit, auch solche konkreten Fra-
EU-Beitritts. Diese Frage steht in Wirk- ihre mögliche künftige Aufnahme damit, gen aufzugreifen und zu seinen Gunsten
lichkeit überhaupt nicht zur Abstimmung, „dass Europa bevölkerungsreicher und zu instrumentalisieren, nicht unterschät-
doch lässt sie sich besonders gut instru- größer“ werden müsse. Andererseits emp- zen. Bislang führt der FN eine weitgehend
mentalisieren, um Ressentiments zu ent- fahl er aber auch „den Türken“: „Es liegt auf einzelne Regionen konzentrierte
fachen und zu mobilisieren. an Euch, Europäer zu werden, Euch zu re- Kampagne, da die Partei derzeit auf natio-
Besonders deutlich wird dies beim formieren“. Und er setzte ausdrücklich naler Ebene – wo sich die Frage der Nach-
Mouvement national républicain (MNR, hinzu: „Heute sind die Werte, die Lebens- folge Jean-Marie Le Pens stellt – zerstrit-
National-republikanische Bewegung) un- weise und die Funktionsweise der Türkei ten und weitgehend handlungsunfähig ist.
ter Bruno Mégret. Der MNR, der aus der mit unseren Werten unvereinbar.“ Auf regionaler Ebene sticht dabei bisher
Spaltung des Front National von 1999 Dieser Hinweis auf die „Lebensweise“ die Kampagne in der Krisenregion Nord-
hervorging und damals die Mehrzahl in dem Land am Bosporus hat eine klar Pas de Calais, dem ehemaligen Kohlere-
der Parteifunktionäre und Intellektuellen kulturelle Komponente. Und sie hat nichts vier nahe der belgischen Grenze, ins
mitnahm, ist in der Folgezeit aufgrund mit einer (nur zu berechtigten) Kritik an Auge. Der FN hat diese von sozialen Pro-
schlechter Wahlergebnisse in die Bedeu- der dort noch immer verbreiteten Folter blemen geprägte Region seit längerem
tungslosigkeit abgerutscht. Zur Zeit ver- oder den jüngsten pogromartigen Massen- zum „Labor“ für eine auch gesellschaftli-
sucht er, die Aufmerksamkeit während der ausschreitungen gegen Kurden und Linke che Themen aufgreifende, demagogische
Abstimmungskampagne zu nutzen, um in verschiedenen Landesteilen zu tun, Politik erkoren. Hier führt FN-Generalse-
ein Comeback einzuläuten. Am 18. März nachdem 12-Jährige in der kurdischen kretär Carl Lang eine Kampagne, die auch
stellte Bruno Mégret bei einer Pressekon- Stadt Mersin eine Nationalfahne angezün- die sozialen und ökonomischen Aspekte
ferenz die Kampagne seiner Partei vor, die det hatten. Damit kommt Chirac den einzubinden versucht. So rief Carl Lang

: antifaschistische nachrichten 9-2005 9


am 4. April in der Regionalhauptstadt Lil- die Abstimmung zu drucken. Dabei ist In Wirklichkeit hat die Raffarin-Regie-
le dazu auf, eine „Stimme der sozialen aber höchst pikant bzw. brisant, wie die rung jedoch einen höchst willkürlich er-
Notwehr“ abzugeben gegen einen Verfas- Regierung sich „ihre“ Gegner der EU- scheinenden Mix beider Kriterien ange-
sungsentwurf, der den multinationalen Verfassung ausgewählt hat. Denn von vier wendet, so dass sowohl der rechtsextreme
Konzernen nutze und „der Arbeit, dem Parteien, die auf diesem Wege offiziell das FN als auch der nationalkonservative RPF
Mittelstand, dem Handwerk“ schade. „Nein“ vertreten sollen, sind drei rechts in die offizielle Kampagne aufgenommen
Ausblick: Vorsicht vor falschen bis rechtsextrem: Der RPF („Sammlung werden konnten. (Letztgenannte Partei ist
Freunden! für Frankreich“) des ehemaligen Innenmi- mit 6 Abgeordneten in der Pariser Natio-
nisters Charles Pasqua, der MPF („Bewe- nalversammlung vertreten –die aber nicht
Wenn sich am 29. Mai eine Mehrheit für gung für Frankreich“) des rechtskatholi- im Namen des RPF gewählt worden sind,
die Ablehnung ausspricht, dann wird das schen Grafen und Nationalliberalen Phil- sondern auf Listen der konservativen Ein-
keineswegs nur an der extremen Rechten ippe de Villiers und der rassistische Front heitspartei UMP, um sich erst später mit
liegen. Sehr viele „Nein“-Stimmen wer- National (FN) von Jean-Marie Le Pen. ihrem Mandat den rechten EU-Skeptikern
den aus ganz anderen Richtungen kom- Nur die vierte Partei kann man als fort- unter Pasqua anzuschließen. Insofern
men, und dafür gibt es im Ubrigen gute schrittlich bezeichnen, die französische würde es nahe liegen, diese parlamentari-
Gründe. Beispielsweise den Artikel I-41, KP. sche Vertretung nicht als solche zu wer-
der eine Militarisierung der EU vorsieht Auf der anderen Seite wird die „Ja“- ten.)
(er schreibt die Verpflichtung der Mit- Kampagne auf alle wichtigen staatstra- Das Resultat des ganzen Vorgang ist je-
gliedsstaaten fest, ihre Rüstungsausgaben genden Parteien des Establishments ver- denfalls, dass das sozial motivierte (und
zu erhöhen) und zudem noch die Union teilt: die konservative Regierungspartei nicht nationalistische) „linke Nein“ zur
an die NATO ankoppelt. Im wirtschaft- UMP, die christdemokratische (und mit EU-Verfassung im offiziellen Abstim-
lichen Bereich sind die Bestimmungen einem Bein dem Regierungslager angehö- mungskampf allein durch die KP vertre-
des Vertragstexts (aus dem dritten Kapi- rende) UDF, die französische Sozialde- ten wird, die aber in einem Drei-zu-Eins-
tel), die von progressiver Seite angepran- mokratie und die Grünen. Dabei hatten in Verhältnis durch die rechten bis rechtsex-
gert werden, Legion. den beiden letztgenannten Parteien bei tremen Vertragsgegner übertönt werden
Doch umgekehrt wird die extreme den innerparteilichen Mitglieder-Abstim- wird. Die französische KP hat nun ihrer-
Rechte versuchen, dieses Resultat als ih- mungen jeweils bedeutende Minderheiten seits ihre Absicht erklärt, von ihren 10 Mi-
ren Erfolg auszugeben und auf diesem (42 Prozent bei den „Sozialisten“, 41 Pro- nuten Fernsehwahlkampf immerhin 6 Mi-
„Verdienst“ aufzubauen – zu ihren eige- zent bei den Grünen) für das „Nein“ zum nuten an andere linke Gegner des Verfas-
nen Gunsten. EU-Verfassungsvertrag votiert. Diese sungsvertrags – von den undogmatischen
Bereits im Februar 05 (als freilich noch Minderheitsblöcke werden jedoch in der Trotzkisten bis zur sozialdemokratischen
kaum die Vorgeplänkel des Abstim- offiziellen Abstimmungskampagne unter Parteilinken – abzutreten. Dadurch soll
mungskampfs begonnen hatten) wurde den Tisch fallen. der Fernseh-Abstimmungskampf dann
eine Umfrage durchgeführt, in der die Dabei zwang nichts und niemand die doch noch etwas pluralistischer ausfallen.
Wahlbürger erklären sollten, welche poli- Regierung zu einer solchen Aufteilung. Deswegen gilt es, einerseits nicht die
tischen Persönlichkeiten in ihren Augen Man hätte im Prinzip zwei unterschiedli- falsche Alternative, welche die konserva-
am besten die Ablehnung des Verfas- che Kriterien festhalten können: Entwe- tive Regierung aufbauen will („Entweder
sungsvertrags verkörpern. An erster Stel- der die Frage, ob eine Partei im nationalen seid Ihr für den Verfassungsvertrag, oder
le wurde der sozialdemokratische Ex- Parlament (das nach dem Mehrheitswahl- Ihr müsst auf der Seite Le Pens stehen“)
Premierminister Laurent Fabius (23 %) recht bestimmt wird) vertreten ist oder zu akzeptieren und sich darin einschlie-
genannt, der aber dicht von Jean-Marie nicht; oder aber die Wahlergebnisse beim ßen zu lassen. Die Raffarin-Regierung
Le Pen (21 %) gefolgt wurde. Erst an letzten Urnengang, das wären die Europa- versucht, Le Pen als Schreckgespenst für
dritter Stelle folgte der nationalkonserva- parlamentswahlen, die noch dazu auch ein ihre Zwecke zu instrumentalisieren – und
tive Rechtskatholik Graf Philippe de Vil- „europäisches“ Thema betrafen. Nach droht ihm dabei nochmals eine Bedeutung
liers (14 %), der freilich bisher real auf dem ersten Kriterium wäre jedenfalls der zu verleihen, die er in jüngster Zeit (auf-
der Rechten am aktivsten gegen die EU- Front National nicht dabei gewesen, denn grund seines nunmehr vorrückenden Al-
Verfassung gewesen ist. Dabei hatte Le er ist aufgrund des Mehrheitswahlrechts ters und der Zerstrittenheit in der Partei-
Pen sich in der Öffentlichkeit fast gar seit 1993 nicht mehr in der französischen führung über seine Nachfolge) gar nicht
nicht zur bevorstehenden Abstimmung Nationalversammlung vertreten. Im zwei- mehr hatte. Andererseits darf auf keinen
geäußert, zumal er im Februar 2005 meh- ten Falle wäre zumindest der RPF unter Fall das Risiko, das die extreme Rechte
rere Wochen lang im Krankenhaus lag. dem national-autoritären ehemaligen noch immer für Demokratie und Aufklä-
Aber gegebenenfalls wird er sich sicher- Innenminister Charles Pasqua herausge- rung darstellt, sträflich unterschätzt wer-
lich ohne Zögern auch mit fremden Fe- fallen: Er erhielt bei den EP-Wahlen am den.
dern schmücken. 13. Juni 2004 nur 1,6 Prozent. Bernhard Schmid (Paris) ■
Die konservative Regierung versucht
im Übrigen, die Debatte in den letzten
Wochen vor der Abstimmung in einer Le Pen am 1. Mai:
Weise zu kanalisieren, die es quasi erlau- Hauptstoß gegen „die
ben soll, die nationalistisch motivierte Türkei in Europa“
Ablehnung von rechts zur einzigen Op-
position aufzubauen: In der 14-tägigen Wie alljährlich seit 1988, marschier-
offiziellen Referendumskampagne (sozu- te auch in diesem Jahr der rechtsex-
sagen dem „Wahlkampf“) vor dem ent- treme Front National am Vormittag
scheidenden Sonntag im Mai sollen im des 1. Mai in Paris auf, wie immer zu
Fernsehen jeweils vier Parteien für das Ehren der „Nationalheiligen“ Jeanne
„Ja“ und vier Parteien für das „Nein“ zu d’Arc (der so genannten Jungfrau
ra-
Wort kommen. Dieselben acht politi- Mai-Demonst von Orléans, die im 15. Jahrhundert
Aufruf zur 1. s FN
schen Parteien werden dafür auch eine ebsite de die Engländer aus dem Land trieb
tion auf der W
öffentliche Subvention (800.000 Euro pro und dem hundertjährigen Krieg da-
Partei) erhalten, um ihr Werbematerial für durch eine Wendung gab). In diesem

10 : antifaschistische nachrichten 9-2005


Jahr stand die inhaltliche Ausrichtung der
Parade, die jeweils einen thematischen
Schwerpunkt hat und mit einer gut ein-
stündigen Rede von Jean-Marie Le Pen
vor der Pariser Oper abgeschlossen wird,
natürlich im Zeichen des Referendums
über den EU-Verfassungsvertrag. Ent-
sprechend trug die riesige Graphik, die
wie jedes Mal das Operngebäude bedeck-
te und hinter der Rednertribüne aufge-
hängt war, in diesem Jahr die Aufschrift:
„Jeanne, diejenige, die NEIN sagte“. Das
sollte eine Parallele zwischen dem Nein
zur damaligen Besetzung Frankreichs im
hundertjährigen Krieg und dem heutigen
Nein zum EU-Verfassungsvertrag nahe
legen. Im Vorfeld hatte Le Pen in der Öf-
fentlichkeit und im Fernsehen die Be-
hauptung verbreitet, dabei werde es sich
um „die größte Veranstaltung der Gegner
des Verfassungsvertrags“ handeln. Das
war genauso Mumpitz, wie es in mehre-
ren Vorjahren seine Behauptung war, die
Teilnehmerzahl an dem rechtsextremen
Aufmarsch werde jene an der nachmittäg-
lichen Demo von Gewerkschaften und
Linken überflügeln. Das hat noch nie Ausgrenzen – Abschieben – Totschlagen...
funktioniert, letztere blieben stets zahlen- ...wollen Rechtsextreme all’ diejenigen, die nicht ins rechte Weltbild passen.
mäßig bei weitem in der Überzahl. So
auch in diesem Jahr. Über einhundert Menschen wurden in Deutschland seit 1990 Opfer von rechtsex-
An der Jeanne d’Arc-Parade nahmen trem und rassistisch motivierten Morden.
rund 3.000 Personen teil, das waren noch Statistisch gesehen werden jeden Tag in Deutschland drei rechtsextrem oder ras-
weniger als in den Vorjahren: Nach der sistisch motivierte Straftaten begangen. Die Opfer sind Flüchtlinge, Migrantinnen
Parteispaltung von 1999 brachte der FN und Migranten, Obdachlose, Homosexuelle, ,linke‘ Jugendliche und Gewerkschaf-
jeweils rund 3.500 bis 4.000 Anhänger auf ter.
die Straße, und damit halb so viel wie in Überall da, wo rechte Parteien gewählt werden, können sich Ungleichheit, Gewalt
den neunziger Jahren. (Eine Ausnahme und Ungerechtigkeit ein Stück Raum erkämpfen. Das wollen wir nicht zulassen.
bildete 2002, wo aufgrund der Präsident- Deshalb müssen möglichst viele Menschen wählen gehen. Rechte Parteien profitie-
schaftswahl kostenlose Busse für Anhän- ren von den Nichtwählern, weil dadurch ihr prozentualer Stimmenanteil steigt.
ger zur Verfügung gestellt worden waren Deshalb: Wer nicht wählt, wählt rechts!
und die Teilnehmerzahl an die 10.000 her-
an reichte.) Die Rechtsextremen mar- Wählen gehen! – Gegen Nazis! www.dgb-jugend-nrw.de
schierten nach regionalen Parteisektionen Am 22. Mai wird in NRW ein neuer Landtag gewählt. Die DGB-Jugend NRW nutzte die
sortiert auf. Dabei fiel auf, dass viele re- Kundgebungen zum 1. Mai, um das oben dokumentierte Flugblatt zu verteilen.
gionale Sektionen des FN mit weniger In NRW kandidieren NPD und REP flächendeckend in fast allen Wahlkreisen.
Teilnehmern präsent waren, als sie in ih-
ren Reihen an Mandatsträgern (vor allem bitionen auf die Nachfolge an der Partei- „große weiche Qualle, die zu ihrer Vertei-
Kommunalparlamentarier) zählen. spitze hat, wieder in der Öffentlichkeit digung unfähig ist“, dar. Stattdessen solle
Zum Vergleich: Am Nachmittag de- auf. Sie saß neben Bruno Gollnisch auf ein europäischer Staatenbund souveräner
monstrierten 15.000 Leute auf der ge- dem Podium. Nationalstaaten angestrebt werden. Fer-
werkschaftlichen Demo, wo allerdings die Inhaltlich stand bei der rechtsextremen ner tönte er: „Niemand hat das Recht,
Mobilisierung in diesem Jahr eben- Ablehnung des EU-Verfassungsvertrags Frankreich zu veräußern, da es nicht im
falls unterdurchschnittlich bzw. relativ sehr stark die (angebliche) Frage eines Besitz der heute auf seinem Boden leben-
schwach ausfiel. Dort war das (nicht na- EU-Beitritts der Türkei im Vordergrund. den Generation steht“, sondern auch den
tionalistische!) „Nein“ zur EU-Verfas- Auf zahlreich mitgeführten Plakaten sah Generationen der Vorfahren und Nach-
sung äußerst präsent, auch wenn es nicht man eine russische Puppe mit der Auf- kommen gehöre – ganz im Sinne einer Vi-
im offiziellen 1. Mai-Aufruf stand. schrift „Verfassung“ und den EU-Sternen, sion von der Nation als Blutsgemein-
Die Mobilisierungsdynamik der rechts- die sich öffnete und aus deren Innerem ein schaft.
extremen Partei bleibt nach wie vor bärtiger Türke mit der Aufschrift „Islam“ Neben Le Pen und den höchsten FN-
schwach, aufgrund der Übergangskrise, zum Vorschein kam. Während des Auf- Parteifunktionären saßen auch Vertreter
die mit dem Herannahen des altersbeding- marschs riefen die Anhänger „Islam raus anderer rechtsextremer Parteien aus Euro-
ten Ausscheidens von Le Pen (Parteivor- aus Europa“ und „Chirac, Türkei, Hoch- pa mit auf dem Podium: Nick Griffin,
sitzender seit der Gründung von 1972) verrat“, der Jugendblock auch „Terroris- Chef der britischen BNP (British National
verbunden ist. Die Frage der Nachfolge ist ten hinrichten, Immigranten raus“. Party), Vertreter der beiden italienischen
nach wie vor nicht explizit gelöst, auch Jean-Marie Le Pen malte in seiner Rechtsoppositionsparteien MSI-Fiamma
wenn der langjährige Parteifunktionär Rede die Vision eines „überdehnten, der tricolore und Fuerza Nazionale-Alternati-
Bruno Gollnisch nunmehr ziemlich gute Sowjetunion ähnlichen, kosmopoliti- va Sociale, ein Repräsentant der polni-
Aussichten haben dürfte. Erstmals trat an- schen, von seinen christlichen Wurzeln schen nationalkatholischen Partei KPN
lässlich der 1. Mai-Parade die Tochter des abgeschnittenen und vom Islam über- und spanische Franco-Anhänger.
Chefs, Marine Le Pen, die ebenfalls Am- schwemmten Europa“. Dieses stelle eine BhS, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 9-2005 11


1. Mai: Weimarer Bündnis der BürgerInnen ge- Ausstellung „Jacques Barrau: Zeitzeuge,
Neonazis blockiert gen Rechtsextremismus, kurz BgR, schon Zeichner, Zivilisationsbiologe“ eröffnet.
seit dem Jahr 2000 überregional bekannt. Der Mosbacher Oberbürgermeister
Nürnberg. Aufgrund schikanöser Vor- Immer wieder hat es mit sympathischen Gerhard Lauth und die ehemalige Ge-
kontrollen der Polizei begann die revolu- Aktionen gezeigt, dass rechtsextreme Par- schichtsstudentin Kattrin Rautnig würdig-
tionäre 1. Mai-Demonstration in Nürn- teien oder freie Kameradschaften in Wei- ten in ihren Ansprachen das Wirken der
berg mit etwas Verspätung. Unter dem mar nicht willkommen sind. beiden Ärzte: Als Kommunist wurde Dr.
Motto „Kapitalismus abschaffen! Fa- Einmal mehr wendet sich das Weimarer Werner Vogl (geboren 1889) 1941 verhaf-
schismus bekämpfen! – Das alles und Bündnis der BürgerInnen gegen Rechts- tet und 1944 in die KZ Dachau und Ne-
noch viel mehr... für die soziale Revolu- extremismus (BgR) nun an die Menschen ckarelz eingeliefert. Schon zuvor hatte er
tion!“ setzte sich die Demonstration ge- in Weimar. Denn am Samstag, dem 28. sich geweigert, sich von seiner jüdischen
gen 11.30 Uhr im Nürnberger Stadtteil Mai wollen Thüringer Neonazis auf Thea- Frau scheiden zu lassen. Der Häftlingsarzt
Gostenhof in Bewegung. Auf der Hälfte terplatz, mitten in Weimar, den „4. Thü- trat als Fürsprecher für die kranken und
ringentag der Nationalen Jugend“ zele- anderen Häftlinge mutig gegenüber der
brieren. Vor dem Deutschen Nationalthea- SS auf und richtete die Krankenversor-
ter, in dem 1919 die Weimarer Republik gung im KZ Neckarelz ein, unter anderem
ausgerufen wurde, sind an diesem Tag dämmte er eine Fleckfieberepidemie ein.
völkisches Geschwätz, Nazi-Musik und Nach dem Krieg engagierte sich Dr.
nationalistisches Machtgehabe zu erwar- Vogl in Wiesbaden als Antifaschist,
ten. Deshalb ruft das BgR, ein breites Kriegsgegner und Arzt am Aufbau einer
Bündnis von Bürgerinnen und Bürgern al- besseren Gesellschaft, weshalb er bald
ler Altersgruppen mit dem Oberbürger- mit dem Staat in Konflikt geriet und in die
meister an der Spitze, zu vielfältigen und DDR zog.
kreativen Gegenaktionen auf. „Weimar Völlig anders kam Dr. Hans Wey (ge-
sagt Nein!“, auch wenn die Nazi-Anmel- boren 1903) mit dem KZ Neckarelz in
der Strecke reihten sich noch mehrere dung vermutlich gerichtsfest und nicht zu Berührung: Der Neckarelzer Arzt war
Hundert AntifaschistInnen in die Demo verbieten ist. 1933 der NSDAP beigetreten. 1944 be-
ein, die einem Aufruf des Nürnberger Am 28. Mai geht es nicht um die direk- stimmte die SS ihn zum Lagerarzt. Im di-
Bündnisses gegen Rechts gefolgt waren. te Konfrontation mit den rechtsextremen rekten Kontakt mit den KZ-Häftlingen än-
Insgesamt mögen es knapp 3000 Men- Demonstranten oder der Polizei, schon derte er jedoch seine Einstellung gegenü-
schen gewesen sein, die in die Südstadt gar nicht mit Gewalt. Vielmehr ist die Be- ber dem NS-Regime, zeigte Zivilcourage
zogen. In der Südstadt kam es zu ersten völkerung aufgefordert, auf einer Strecke und übernahm Verantwortung.
Auseinandersetzungen mit der Polizei, als rund um den Theaterplatz durch körperli- Nach der Befreiung versicherte Dr.
die Demospitze versuchte, weg von der che Anwesenheit und kreative Ideen ein Vogl in einer eidesstattlichen Erklärung:
angemeldeten Strecke auf die Nazi-Route deutliches, lautes und buntes Zeichen ge- Dr. Wey trat sehr energisch für uns ein. Er
zu gelangen. Ihren Abschluss fand die gen Rechtsextremismus, Antisemitismus, beschwerte sich wiederholt über unsere
Demo dann im Südstadtpark, wo direkt rassistische Gewalt und die Verherrli- unzureichende Bekleidung, über das Es-
im Anschluss eine Kundgebung des chung der deutschen NS-Vergangenheit sen und erreichte, dass die Kranken Zula-
Bündnisses gegen Rechts begann. zu setzen. Treffpunkt ist um 12.00 Uhr auf gen und Decken bekamen und uns zur
Etwa 50 Fürther GewerkschafterInnen dem Goetheplatz. Unter dem Motto „Wir Unterbringung weitere Räume zugewie-
gelang es am Hauptbahnhof auf die Nazi- kreisen das Problem ein“, wird sich ein sen wurden.
Route zu kommen, nach kurzer Zeit bunter Demonstrationszug über zentrale Durch die Ausstellung zu Jacques Bar-
wuchs die Blockade auf mehr als 500 Plätze rund um den Theaterplatz durch die rau (1925-1997) in der KZ-Gedenkstätte
TeilnehmerInnen aus den unterschiedlich- Stadt bewegen. Neckarelz (geöffnet an den Sonntagen bis
sten Spektren an. Trotz massiven Polizei- In seinem Aufruf ermuntert das Bürger- zum 15. Mai 2005 jeweils von 15 bis 18
einsatzes konnte die Blockade nicht auf- bündnis dazu, der organisierten Un- Uhr, Mosbacher Straße 39 im Anbau der
gelöst werden. So wurde der Naziauf- menschlichkeit von Rechtsextremen ein Clemens-Brentano-Grundschule) führt
marsch schließlich mitten durch den buntes und weltoffenes Weimar entgegen- ein rotes Seil, an dem Faksimiles von
Hauptbahnhof umgeleitet und konnte da- zusetzen. Dazu verpflichtet – kurz nach Zeichnungen des französischen Häftlings
durch doch noch zum Abschlusskundge- dem 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Jacques Barrau aufgereiht sind. Sie sind
bungsplatz an der Lorenzkirche gelangen. Buchenwald – das Andenken an die Milli- die einzigen Bilder, welche der Gedenk-
Auch dort wurden die etwa 250 Nazis von onen in deutschen Konzentrationslagern stätte aus dem KZ Neckarelz vorliegen
mehreren Tausend AntifaschistInnen Ermordeten und das Vermächtnis der und den Häftlingsalltag im Lager und bei
empfangen. Überlebenden. Pressesprecherin des BgR: der Zwangsarbeit anschaulich und ein-
Die Nazikundgebung ging im Lärm der Tanja Brill, Jugend- und Kulturzentrum drucksvoll festhalten.
GegendemonstrantInnen unter. mon ami. Weitere Informationen: Ein weiterer Ausstellungsraum widmet
www.redside.tk ■ BgR, c/o Netzwerkstelle gegen Rechts- sich der Arbeit Barraus nach dem Krieg.
extremismus bei Radio Lotte Weimar, In Neukaledonien forschte er über Nutz-
Weimar sagt Nein! Internet: www.weimar-zeigt-sich.de. pflanzen. Bald gewann er ein kritisches
e-mail: bgr-weimar@web.de ■ Verhältnis zum französischen Kolonia-
Weimar. Am Samstag, dem 28. Mai wol- lismus angesichts der Zerstörung kulturel-
len Thüringer Neonazis auf dem Weima- Aktivitäten des Gedenkstät- ler und biologischer Vielfalt und der Er-
rer Theaterplatz den „4. Thüringentag der nährungsgrundlagen der einheimischen
Nationalen Jugend“ abhalten. Das Wei- tenvereins Neckarelz Bevölkerung. 1994 wurde dem Botanik-
marer Bündnis der BürgerInnen gegen Knapp hundert Besucher wohnten am 2. professor in Osaka/Japan der Kosmos-
Rechtsextremismus (BgR) ruft zu vielfäl- April 2005 einer Doppelveranstaltung der preis verliehen. Ein Begleitheft zur Aus-
tigen und kreativen Gegenaktionen auf. KZ-Gedenkstätte Neckarelz bei: Zum ei- stellung und ein deutsch-französisches
Für seine kreativen und ideenreichen nen wurden offiziell der Dr.-Werner-Vogl- Buch mit den Bildern Jacques Barraus
Aktionstage und Demonstrationen gegen Weg und die Dr.-Hans-Wey-Brücke über sind in der Gedenkstätte erhältlich.
rechtsextremistische Aufmärsche ist das die Elz getauft, zum anderen wurde die Arno Huth ■

12 : antifaschistische nachrichten 9-2005


: ausländer- und asylpolitik
jedoch nicht die überfällige Abkehr von
der Strategie, Flüchtlinge zur sog. „frei-
willigen“ Ausreise zu nötigen. Die dafür
Jetzt auf CD-ROM: Bundes- Dokumentation 2002/2004 zuständigen ZRS bleiben in vollem Um-

gegen Gewalt
fang erhalten, die MitarbeiterInnen üben
deutsche Flüchtlingspolitik ihren psychischen Druck nur an anderer
und ihre tödlichen Folgen A nti- Stelle aus. Nach dem Bericht aus dem

Öffentlichkeit
12 aktualisierte Auflage – 1993 bis D iskriminierungs- Hause Beckstein sind folgende Änderun-
2004 B üro (ADB) gen in der Arbeit der ZRS vorgesehen:
Die Dokumentation umfasst Todesfälle Köln Flüchtlinge, die ohne gültige Ausweis-
und Verletzungen bei Grenzüberquerun- papiere in Deutschland um Asyl nachsu-
gen; Selbsttötungen, Selbsttötungsversu- chen, durchlaufen nach wie vor das nor-
che und Verletzungen von Flüchtlingen male Asylverfahren in den zentralen
aus Angst und auf der Flucht vor Ab- Erstaufnahmeeinrichtungen in München
schiebungen; Todesfälle und Verletzun- und Zirndorf. Nach spätestens drei Mo-
gen vor und während Abschiebungen. naten werden sie auf die bayerischen
Misshandlungen und Folter nach Ab- Kommunen verteilt und dort in Unter-
schiebungen. Die Zusammenstellung künften untergebracht. Doch im Gegen-
umfasst auch Brände und Anschläge auf satz zu allen anderen Flüchtlingen blei-
Flüchtlingssammellager. Die beschriebe- ben sie dem Zugriff der ZRS ausgesetzt,
nen über 3800 Einzelschicksale machen die für diese Flüchtlinge die Aufgaben
deutlich, dass die Chance, in der BRD einer Ausländerbehörde übernehmen.
Schutz und Sicherheit zu finden, gegen Die Angestellten der ZRS konzentrieren
Null läuft. Die Lebensbedingungen für damit ihre Verhöre nicht mehr nur auf
Flüchtlinge sind heute brutaler denn je. extra ausgewiesene Ausreisezentren,
(siehe auch: www.anti-rar.de). „Fälle“ dargestellt. Anhand von konkre- sondern können überall in Bayern mit ih-
Zusätzlich zum GESAMT-TEXT der ten „Fällen“ wird das Ausmaß an Un- ren Befragungen und Verhören psychi-
auch in Heftform erscheinenden Chrono- gleichbehandlung sowie der Umgang mit schen Druck ausüben, um die Betroffe-
logie sind auf dieser CD-ROM Einzel- Diskriminierungserfahrungen und nen zur Beschaffung von Heimreisepa-
themen herausgegriffen, um das Arbeiten Gegenstrategien verdeutlicht. pieren, zur Ausreise und/oder zum
mit dem Inhalt entsprechend der Ziel- Was bedeutet Antidiskriminierungsar- Untertauchen in die Illegalität zu nöti-
thematik zu erleichtern. Alle Themen lie- beit bzw. -beratung, welche Strategien gen.
gen in pdf-, rtf- und html-Formaten vor. zur Überwindung von Ungleichbehand- res publica und der Bayerische Flücht-
EINZEL-THEMEN sind u.a.: Die lungen werden angewandt, welche Alter- lingsrat sind sehr besorgt über die ange-
Grenzen, Abschiebegefängnisse, Selbst- nativen für deren Vermeidung werden kündigten Änderungen. „Zwar ist die
tötungen Selbstverletzungen von Flücht- entwickelt, wie trägt ein Antidiskriminie- Schließung der ,bestimmte Gemein-
lingen, Misshandlungen bei Abschiebun- rungsgesetz dazu bei? Mit diesen Fragen schaftsunterkünfte‘ genannten Abschie-
gen, Folter nach Abschiebungen, Kurdi- setzt sich das 2. Kapitel „Hintergrund & belager ein beachtenswerter Erfolg der
sche Flüchtlinge, Togoische Flüchtlinge, Analysen“ auseinander. Proteste gegen die Zermürbung von
Minderjährige Flüchtlinge, Getötete und Auf Wunsch senden wir gern die Flüchtlingen in isolierten Lagern“, kom-
misshandelte Flüchtlinge in Flugzeugen Druckversion der Dokumentation zu. mentiert Alexander Thal, Sprecher der
und auf Flughäfen oder durch Betreu- Rufen Sie uns unter 0221 - 5101847 an Menschenrechtsorganisation res publica
ungs- oder Bewachungspersonal. oder mailen Sie an oegg@netcologne.de. die Schließung der bestimmten Gemein-
Susanne Laaroussi ■ schaftsunterkünfte. „Doch damit ver-
Die CD-ROM kostet 12 Euro (plus 1,60 sucht Beckstein lediglich, die Proteste
Euro Porto und Verpackung). res publica: Bayern wird gegen seine inhumane Lagerpolitik zu
Zum gleichen Preis ist das Heft (DIN zerstreuen, indem er sich weigert, die
A4 - 318 Seiten; Ringbindung) erhält- zum Lagerland Lager zu benennen, in denen die Zermür-
lich bei: Antirassistische Initiative e.V. Bericht der Staatsregierung zu bung stattfindet“. Stephan Dünnwald,
- Yorckstr. 59 - 10965 Berlin Fon Bayerns „Ausreisezentren“ Sprecher des Bayerischen Flüchtlings-
7857281 - Fax 7869984 - eMail: ari- Bayerns Innenminister Günther Beck- rats moniert deshalb, dass „Bayern auch
berlin@gmx.de, www.anti-rar.de ■ stein legte jetzt auf Antrag der Grünen im weiterhin versuchen wird, Flüchtlinge
Bayerischen Landtag einen Bericht über ohne Papiere durch die Schaffung einer
Falldokumentation die Zukunft der „bestimmten Gemein- Stimmung der Hoffnungs- und Orientie-
schaftsunterkünfte“ genannten Ausreise- rungslosigkeit zur Aufgabe ihres Vorha-
2002/2004 des ADB Köln zentren und der Zentralen Rückfüh- bens, Schutz in Deutschland zu suchen,
erschienen rungsstellen (ZRS) vor. Darin teilt Innen- zu zwingen. Zudem bringt er die Wohl-
Das AntiDiskriminierungsBüro (ADB) minister Beckstein mit, dass die bayeri- fahrtsverbände in große Gewissensnöte.
Köln von Öffentlichkeit gegen Gewalt sche Staatsregierung das Konzept der Denn sie weigern sich bisher, in Ausrei-
e.V. stellt in seiner neu erschienenen Do- „bestimmten Gemeinschaftsunterkünfte“ sezentren, also in der Ausreiseeinrich-
kumentation 2002/2004 die verschiede- aufgeben wird. Flüchtlinge, die zur Aus- tung in Fürth und den bestimmten Ge-
nen Gesichter der Diskriminierung von reise gezwungen werden sollen, in „sog. meinschaftsunterkünften, eine psycho-
Migrantinnen und Migranten in Köln bestimmte Gemeinschaftsunterkünfte[n] soziale Beratung anzubieten. Jetzt wer-
dar. Auf der Grundlage eines computer- zu konzentrieren, [habe] zu gewissen den die Verbände trotzdem vom Innen-
gestützten Dokumentationsprogrammes Akzeptanzproblemen in der jeweiligen ministerium vereinnahmt“.
wurden über 160 Beschwerden, die in Nachbarschaft“ geführt. Weitere Informationen, insb. den Be-
der Beratung des ADB Köln eingegan- Das Abschiebelager in Fürth bleibt richt des Bayerischen Innenministers
gen waren, ausgewertet und im 1. Kapi- von dieser Regelung jedoch unberührt. Günther Beckstein, finden Sie auf der
tel „Dokumentation & Fallbeispiele“ in Die Abschaffung der Mehrheit der Dokumentationsseite Ausreisezentren
statistischer Form und anhand einzelner bayerischen Abschiebelager beinhaltet unter www.ausreisezentren.de ■

: antifaschistische nachrichten 9-2005 13


Die Lage der papierlosen
Menschen verbessern! Gegen Sudetendeutsche
Köln. Die Initiative gegen Illegalisie-
rung in Köln hat konkrete Vorschläge für
einen Beschluss des Rates der Stadt Köln
Tage in Augsburg
zur Verbesserung der humanitären Lage Am 14./15. Mai findet in Augs- her regional agierenden Verbände wie die
von Menschen „ohne Papiere“ entwi- burg der 56. „Sudetendeut- Sudetendeutsche Landsmannschaft oder
ckelt und die im Rat vertretenen demo- sche Tag“ statt. Der Infoladen die Landmannschaften Ostpreußen und
kratischen Parteien mit Anschreiben vom Augsburg, Contra Real [Ak Antifa], Fo- Schlesien ein gemeinsames Forum, wo-
18.4. gebeten, die vorgeschlagenen lega- rum Augsburg und die VVN-BdA mit sie ihren Einfluss auf die Innen- und
lisierungsfördernden Maßnahmen aufzu- Augsburg führen dagegen am 11. Mai Außenpolitik der Regierungen der BRD
greifen. „Gerade in der letzten Zeit be- um 19.30 Uhr eine Info- und Diskus- wesentlich verstärken konnten.
wegt sich viel in Deutschland. Zahlrei- sions-Veranstaltung durch. Hier ihre Mensch könnte meinen, dass sich
che Initiativen, die sich für den betroffe- Einladung zur Teilnahme. jetzt, 60 Jahre nach der Befreiung vom
nen Personenkreis einsetzen sowie Ver- Faschismus, die „Vertriebenenfrage“
öffentlichungen zum Thema sind be- Am Pfingstwochenende findet in Augs- aufgrund des natürlichen Alterungspro-
kannt geworden. Die Stadt Köln aber burg zum dritten Mal der traditionelle all- zesses ihrer Mitglieder langsam aber si-
schweigt sich immer noch aus!“ so jährliche „Sudetendeutsche Tag“ statt. cher erledigt habe. Leider ist dem nicht
Claus-Ulrich Prölß vom Förderverein Tausende frühere BewohnerInnen der so. Denn ein Spezifikum der „Heimat-
Kölner Flüchtlingsrat e.V. ehemaligen deutschen Ostgebiete und vertriebenen“ ist, dass der Vertriebenen-
Die Initiative wandte sich bereits im Okt- ihre Kinder und Kindeskinder werden an status an kommende Generationen ver-
ober 2004 mit einem Appell an die Rats- diesem Wochenende in der Stadt unter- erbt wird.
parteien, um auf die Beispiele der Städte wegs sein und bei kulturellen und politi- Dies hat mit dem besonders reaktionä-
München und Freiburg hinzuweisen, zu schen Veranstaltungen im Messezentrum ren Heimatbegriff der „Vertriebenen“ zu
einer öffentlichen Debatte über die Lage ein großes Wiedersehen feiern. tun. Heimat stellt demnach eine „Synthe-
der sog. Papierlosen in Köln anzuregen Nach der militärischen Niederlage des se aus Verwurzelung, Recht, Freiheit und
und um Vorschläge für die Verbesserung Nationalsozialismus und der Befreiung Kultur dar“, die an die „Jugend, die ja die
der humanitären Lage illegalisierter Deutschlands wurden durch das Potsda- Heimat als Landschaft nicht kennt“ (Pe-
Menschen anzubieten. Bewegt hat sich mer Abkommen die Außengrenzen ter-Paul Nahm/ehemaliger Staatssekretär
allerdings nichts. Folgende Maßnahmen Deutschlands neu definiert. Im Zuge des- im Bundesvertriebenenministerium)
werden vorgeschlagen: sen wurden die außerhalb der neuen wei-tergegeben werden muss. Verbunden
◗ Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis Grenzen lebenden deutschen Bevölke- mit einem deutschen Opfermythos stellt
für alle langjährig Geduldeten in Köln rungsgruppen in die „neue“ BRD umge- der politische Kampfbegriff „Heimat“
◗ Großzügige Erteilung von Arbeitser- siedelt. Dies stellte eine politische Not- das generationenübergreifende ideologi-
laubnissen für Geduldete in Köln wendigkeit dar, die sich u.a. daraus ergab, sche Futter dar, das für die ungebrochene
◗ Selbstverpflichtung der Ordnungs- dass die Anhänger- und Mitgliedschaft in völkische Tradition innerhalb der Ver-
und Polizeibehörden, illegalisierte Men- nationalsozialistischen Massenorganisa- triebenenverbände verantwortlich ist.
schen nicht zu observieren, die humani- tionen und der NSDAP innerhalb des Es wäre politisch verkürzt zu behaup-
täre, karitative oder Gesundheitseinrich- deutschen Bevölkerungsteils, die sich ten, das sich hier ein Einfallstor für rech-
tungen in Köln aufsuchen auch heute noch „Vertriebene“ nennen, te Organisationen bieten würde, denn
◗ Kommunale Übereinkunft, um öf- im Vergleich zu anderen „Gauen“ des rechtsextreme Vereinigungen und Grup-
fentliche Stellen von der Pflicht zu ent- ehemaligen Reichs eklatant höher war. pen waren von Anfang an Teil der Ver-
binden, Illegalisierte dem Ausländeramt Eine Anhängerschaft, die für „nicht-ari- triebenenverbände. Ein typischer Vetre-
zu melden sche“ Menschen oft tödliche Folgen hatte ter einer solchen Organisation stellt der
◗ Gewährleistung der Gesundheitsver- – der systematische Einsatz von Kriegs- „Witikobund“ dar. Dieser ist zwar inner-
sorgung für illegalisierte Menschen in gefangenen, ein besonders aggressiver halb der Vertriebenenszene und ihrer po-
Köln Drang imperialistischer Ausdehnung litischen Führung ein ungeliebtes Kind,
◗ Gewährleistung eines ungehinderten nach Osten und dass sudetendeutsche eine öffentliche Distanzierung von der
Zugangs von Kindern und Jugendlichen Dörfer und Städte besonders schnell „ju- rechtsextremen Vereinigung findet je-
zu Bildungseinrichtungen denfrei“ waren, sind nur wenige Beispie- doch nicht statt. Waren es bis Mitte der
◗ Erstellung einer Studie zur humani- le hierfür. Bereits kurz nach Kriegsende 90er Jahre meist konservative Politike-
tären Situation von Illegalisierten in begannen sich die „Heimatvertriebenen“ rInnen aus den Reihen der C-Parteien,
Köln. PM Kölner Flüchtlingsrat e.V., politisch zu reorganisieren. Verbunden die sich mit den „Heimatvertriebenen“
20.4.05 ■ durch den ideologischen Mythos, kollek- verbunden fühlten, bewegt sich seit eini-
Die Initative gegen Illegalisierung ist ein Zu- tives Opfer eines „Vertreibungsterrors“ gen Jahren auch die Sozialdemokratie
sammenschluss von Kölner Appell gegen Ras- gewesen zu sein, entstanden aus Gruppie- auf sie zu und sucht den Dialog.
sismus, Kölner Flüchtlingsrat, Netzwerk „kanak rungen wie der „Notgemeinschaft der Welche Auswirkungen dies auf die Po-
attak“, Netzwerk „kein mensch ist illegal“, Öffent-
lichkeit gegen Gewalt e.V. und Einzelpersonen. Ostdeutschen“ und „Treckgemeinschaf- litik der Bundesregierung hat und welche
ten von Nachbarn“ im Laufe weniger Rolle die extreme Rechte innerhalb der
Jahre politische Massenorganisationen. Vertriebenenverbände spielt sind Fragen,
Diese schlossen sich 1957 zum Bund der denen wir in einer Info- und Diskussions-
Vertriebenen (BdV) zusammen. veranstaltung am Mittwoch, den
Für die geschichtsrevisionistischen 11.5.2005 um 19.30 Uhr im Selbstver-
Forderungen der sog. Vertriebenen, wie walteten Zentrum (Reitmayrgäßchen 4)
die Wiederherstellung der deutschen auf den Grund gehen wollen. Als Refe-
Reichsgrenzen oder Entschädigungen für rentInnen sprechen Jörg Kronauer
begangenes Unrecht, war dieser Zu- (u.a. Jungle World, Antifa Infoblatt)
sammenschluss von großer Bedeutung. Renate Hennecke (Deutsch-Tschechi-
Denn ab diesem Zeitpunkt hatten die vor- sche Nachrichten). ■

14 : antifaschistische nachrichten 9-2005


: Neuerscheinungen : ostritt

Neuerscheinungen im Ver- tischen Keimzelle zwischen Weser und


lag der Arbeitsstelle Rechts- Elbe in Niedersachsen. Der besondere
Aktionismus dieser rechtsextremistischen
„Konferenz der
extremismus und Gewalt Gruppe und ihre Versuche sich im länd-
lichen Raum zu etablieren, bilden den
Versöhnung“
Broschüre:Andreas Speit: Mythos Kamerad-
schaft - Gruppeninterne Gewalt im neonazisti- Hintergrund dieser Dokumentation. Der Eine „Konferenz der Versöhnung zwi-
schen Spektrum ISBN: 3-932082; 72 Seiten; Film ist Realität und Fiktion zugleich. schen Tschechen und Sudetendeut-
Schutzgebühr: 5 Euro Tatsächlich geraten Jugendliche ins Visier schen“ fand Mitte April in der tsche-
Echten Zusammenhalt und wahre Ge- der braunen Rattenfänger. Die sogenannte chischen Hauptstadt statt. Sie wurde
meinschaft: Keine neonazistische Struk- Schuloffensive der Neonazis in durchgeführt vom Kirchenverband
tur die nicht „Kameradschaft, die mehr als Verden/Aller ist leider allzu real, ebenso Krestanska misijni spolecnost (KMS),
Freundschaft ist“ verspricht. Vor allem die wie das neue Zentrum der Rechtsradika- dem verschiedene evangelische und
„Freien Kameradschaften“ und die NPD len in Dörverden. Die Videoaufnahmen evangelikale Glaubensgemeinschaften
beschwören den „festen Zusammenhalt“. sind authentisch und dokumentieren einen in der Tschechischen Republik angehö-
Nur in ihren Reihen könnte ehrliche Ka- kritischen Einblick in die vielfältigen Ak- ren.
meradschaft gelebt und erlebt werden. tivitäten der rechten Szene. Sven, Prota- An der Konferenz nahmen neben
Mit dem Versprechen des Erlebens einer gonist des Filmes, dagegen ist ein fiktiver Vertreterinnen und Vertretern der KMS
„verschworenen Gesinnungsgemein- Neonazi, kurz vor dem Ausstieg aus der auch der Präsident der Bundesver-
schaft“ werben Kader gezielt um Jugend- Szene. Seine Kommentare setzen sich aus sammlung der Sudetendeutschen
liche und junge Erwachsene. „Die erzäh- tatsächlichen Aussagen ehemaliger Neo- Landsmannschaft, Werner Nowak, und
len immer, dass Kameradschaft wesent- nazis zusammen. Eintritt in die Szene, Er- der Leiter des Büros der Sudetendeut-
lich mehr als Freundschaft ist“, berichtet lebnisse und Verlauf sind szenetypisch. schen Landsmannschaft in Prag „Sude-
ein Aussteiger. „Das war aber nur eine Gewalt, Bedrohung und Einschüchterung tendeutsche Botschaft“, Peter Barton,
hohle Phrase“, erfuhr nicht nur er. gehören zur neonazistischen Szene auch teil. Anwesend war auch der Vize-Prä-
Noch weitere Aussteiger berichten über in Niedersachsen. Um so wichtiger sind sident der Landesversammlung der
das Leben in der rechten Szene und dem die Gegenstrukturen. Engagierte Jugend- Deutschen in Böhmen, Mähren und
Erleben von gruppeninterner Gewalt. liche, die sich den Neonazis in den Weg Schlesien, der Organisation der
Denn wo Gewaltfähigkeit und Gewaltbe- stellen. Sie kommen in dieser Dokumen- deutschsprachigen Bürgerinnen und
reitschaft zur Politik und Selbstinszenie- tation ebenso zu Wort wie ein betroffener Bürger der Tschechischen Republik.
rung einer Gruppe gehören, bedroht sie Schulleiter und die Mutter eines Neona- Wie die Sudetendeutsche Zeitung
nicht nur die ideologisch ausgemachten zis. zufrieden berichtet, sprach auf der Re-
Feinde. Sie richtet sich auch gegen die ei- Der Film eignet sich gut als Grundlage visionsversammlung auch der tschechi-
genen „Kameraden“. für die Diskussion mit Schülerinnen und sche Politikwissenschaftler Emanuel-
Andreas Speit schildert in der Broschü- Schülern, Auszubildenden und Jugend- Mandler. Mandler sei „ein Mann klarer
re ausgewählte „Fälle“ gruppeninterner gruppen über rechtsextremistische Versu- Worte“, lobt das Blatt: „Den ,Abschub‘
Gewalt in der rechten Szene: von Miss- che, unter Jugendlichen an Einfluss zu ge- der Sudetendeutschen bezeichnet er als
handlungen, Vergewaltigungen bis hin zu winnen. Genozid (Völkermord), und diese
Morden. Ausführlich wird die Konstruk- Beide Neuerscheinungen wurden im Rahmen des Wortwahl vertritt er ebenso mutig in
tion des „Mythos Kameradschaft“ im Aktionsprogramms „Jugend für Toleranz und De- der tschechischen Öffentlichkeit.
Rechtsrock, bei Aktionen und in Magazi- mokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremden- „Die Vertreibung war eine ethnische
feindlichkeit und Antisemitismus“ / entimon - ge-
nen aufgezeigt. meinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus Säuberung“, behauptete Mandler auf
des Bundesministeriums für Familie, Senioren, der so genannten „Prager Versöhnungs-
DVD: „Wir erobern die Städte vom Land aus!“ Frauen und Jugend gefördert. Die DVD und die konferenz“: „Das Maß an Haß, das die
– Portrait einer neonazistischen Keimzelle zwi- Broschüre können im Online-Shop der Arbeits- tschechische Gesellschaft in sich birgt,
schen Weser und Elbe. DVD-Video; Laufzeit: stelle Rechtsextremismus und Gewalt c/o Bil-
40 Minuten; Schutzgebühr 5 Euro dungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersach- ist nur deren peinliches Relikt.“
sen e.V. Bohlweg 55 - 38100 Braunschweig Tel.: „An die Sudetendeutschen“ lautet
Der Film „Wir erobern die Städte vom 0531-12336-42 Fax: 12336-55 auf www.arug.de der Titel einer Erklärung, in der sich
Land aus!“ ist das Portrait einer neonazis- erworben werden. die tschechische Versammlung mit der
Anrede „Unsere lieben Landsleute“ an
die Umgesiedelten „Bürgerinnen und
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Bürger Deutschlands“ wendet. „Die
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de schreckliche Wahrheit über die grausa-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach me Rache der Nachkriegszeit an der
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, deutschen Bevölkerung von Böhmen,
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Mähren und Schlesien (...) ist zu uns
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. durchgedrungen“, heißt es in dem Do-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. kument: „Unser Volk hat damals (...)
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind für Sie Konzentrationslager vorbereitet,
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. die mit den nationalsozialistischen ver-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- gleichbar waren“.
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung „Wir wollen uns nicht nur entschul-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. digen“, heißt es weiter: „wir bitten Sie
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
um Vergebung“.
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V.,
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- jk (nach: Sudetendeutsche Zeitung
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
16/2005) ■
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 9-2005 15


: aus der faschistischen presse
Nach der Beschreibung der Situation
folgt die Strategie:
„Patriotischen Parteien haben die
„Kerneuropäischer Wirt- sches Erfolgsrezept für die neofaschisti- Wähler in den letzten Jahrzehnten nur
schaftsraum“: Alte Parole schen Parteien. Dabei geht er von den auf einem einzigen Gebiet die Führungs-
im neuen Gewand unterschiedlichen Wahlergebnissen in position zugestanden: bei der Ausländer-
den Ländern der alten Bundesrepublik politik. Wurden die Nationalen, gleich
Nation & Europa April 2005 und den neuen Bundesländern aus, die unter welchem Firmenschild sie auftra-
Auf dem Titelblatt des Aprilheftes von für die NPD bei 1,9 % in Schleswig-Hol- ten – DVU, NPD, REP etc. – (soviel zu
„Nation & Europa“ blickt auf einem stein und 9,2% in Sachsen lagen. Seine den angeblichen Unterschieden im brau-
grau-braun gehaltenen Hintergrund ein Erklärung: „Da die 1989er Revolution nen Lager - tri) nicht nur protestweise
Mann, der vage an Lenin erinnert aber unvollendet blieb, ist die Masse der zur Abstrafung der Herrschenden ge-
den deutschen Reichskanzler und Mitteldeutschen in dem Staat, den man wählt, so um auf dem Politikfeld ,Über-
Außenminister Gustav Stresemann dar- ihnen übergestülpt hat, nicht angekom- fremdung‘ Wandel zu schaffen. Der
stellen soll, mit vor der Brust ver- men. Die Alt-Bundesrepublik ist zu we- Wähler sieht patriotische Formationen
schränkten Armen den Betrachter skep- nig deutsch, dafür zu stark westlich-at- weitgehend als Parteien mit einem zen-
tisch an. Rechts neben dem Bild ein Zitat lantisch geprägt. Viele tralen Programmpunkt: Be-
des Politikers gegen Parteiverbote: „Ist der Neubürger sind po- kämpfung des Asylmiß-
es nicht vielmehr so, daß wir nur verbie- litisch unbehaust ge- brauchs, Verhinderung weite-
ten, was wir durch schlechtes Handeln blieben.... rer Masseneinwanderung.
und durch eigenes Versäumnis hervorge- Zunächst wurden Man muß diese einseitige Fi-
rufen haben?... Machen wir eine Politik die Bonner Blockpar- xierung auf Dauer überwin-
für Deutschland, die den Deutschen teien in Mitteldeutsch- den, man kann sie aber auch
wirklich nützt, nicht dieser oder jener land akzeptiert, weil nach wie vor nutzen... Kultu-
Gruppe. Deutschland zuerst!“ Darunter man sich eine Wieder- relle Eigenart und Fortbe-
für die Begriffsstutzigen unter den Le- holung des westdeut- stand unseres Volkes sind
ser(inne)n in Signalrot der Satz um den schen Wirtschaftswun- massenhaft bedroht. Dieser
es der Redaktion geht: „Otto Schily ins ders erhoffte. Aber die Gefahr mit aller Macht ent-
Stammbuch“. versprochenen blühen- gegenzutreten ist nationale
Der skeptische Blick Stresemanns den Landschaften ent- Pflicht der patriotischen Kräf-
scheint in mehrfacher Hinsicht berech- standen nur an weni- te. Gleichzeitig können sie
tigt: Zum ersten wurde unter seiner gen Stellen. Statt des- damit ihre Kampagnenfähig-
Reichskanzlerschaft 1923 die KPD ver- sen sorgte die ,Treu- keit unter Beweis stellen und
boten – so viel zum Thema Parteiverbo- hand‘ als Erfüllungsgehilfin der West- sich von der Union deutlich abheben
te. Zum zweiten wurde der großbürgerli- konzerne für eine deprimierende Indus- (was auf anderen Gebieten offenbar
che Politiker von den Rechtskräften er- triebrache zwischen Elbe und Oder.“ kaum möglich ist – tri). Denn diese wird
bittert angegriffen – so viel zum Thema Dann schildert Schrembs realistisch aus Gründen der ,political correctness‘
Heuchelei. Und zum dritten ist der Inhalt die geschickte Politik der NPD in Sach- dieses Feld weitgehend meiden.... Hier
des vorliegenden N&E-Heftes so öde sen, u.a. die Zusammenarbeit mit neona- kann und muß das patriotische Bündnis
und langweilig, dass jegliche Skepsis be- zistischen Terrorgruppen: „Da der einspringen“.
rechtigt ist. Bundesvorsitzende seit Mitte der 1990er Aber Schrembs konstatiert auch poli-
Ein einziger Beitrag verdient wegen Jahre zielstrebig die Kooperation mit tische Schwächen: „Wirtschaftskompe-
seiner strategischen Überlegungen Be- Gruppierungen junger nationaler Akti- tenz wird den nationalen Parteien bislang
achtung: Rüdiger Schrembs, der „wie visten ansteuerte und die Partei für diese nicht eingeräumt. Gerade deswegen
kaum ein zweiter das patriotische Spek- öffnete, verfügt die NPD heute über ein müssen sie sich in den kommenden Jah-
trum in Deutschland kennt, hat bei Repu- beachtliches Reservoir an politisch akti- ren stetig und zäh darum bemühen, den
blikanern und Nationaldemokraten Füh- vem Nachwuchs... In vielen westdeut- Zusammenhang von Masseneinwande-
rungsaufgaben erfüllt und...als Vortrags- schen Regionen ist den Nationaldemo- rung und Massenarbeitslosigkeit darzu-
redner bundesweit im Einsatz“ ist, macht kraten die Restrukturierung bislang nicht stellen und der irrigen Meinung ent-
sich Gedanken über ein (wahl-)politi- gelungen...“. gegenzutreten, daß Vollbeschäftigung
nicht mehr erreicht werden kann....
Durch den Einsatz bewährter volkswirt-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
schaftlicher Instrumentarien... und durch
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: die Schaffung eines geschlossenen kern-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich europäischen Wirtschaftsraumes sind
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
wirtschaftlicher Neubeginn und Vollbe-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
schäftigung möglich“.
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
„Kerneuropäischer Wirtschaftsraum“:
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Sehr viel anders haben weder die Nazis
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
noch ihr Vorläufer, der „Alldeutsche Ver-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) ein“ im Kaiserreich, ihre expansionisti-
schen Ziele ausgedrückt. Das Mittel hieß
Name: Adresse: in beiden Fällen Krieg, der Preis waren
Millionen Toter. Die soziale Demagogie
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts der Neofaschisten aufzudecken und ihre
Ziele zu entlarven, ist Aufgabe aller anti-
Unterschrift faschistischen Kräfte. Schrembs Aufsatz
macht die Inhalte rechter Politik und da-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
mit demokratischer Aufklärung darüber
klarer. tri ■

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