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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 16.6.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

50 Jahre Bundeswehr –
Gelöbnix bundesweit! Kein Vorrang für
50 Jahre Bundeswehr sind für uns
eher Anlass, die gesellschaftliche
neofaschistische Demos
Diskussion um die Aufgaben der
im Übrigen dazu verleiten, Versammlungen an
(Interventions-)Armee neu zu beginnen, Das Bundesverfassungsgericht hat
bestimmten Tagen und Orten frühzeitig - gege-
die Umverteilung von Finanzen und den Antrag der Jugendorganisation benfalls auf Jahre hinaus auf Vorrat - anzumel-
Ressourcen zu ziviler Konfliktbearbei- der NPD auf Erlass einer einstwei- den und damit anderen potentiellen Veranstal-
tung zu propagieren und die Legitimati- ligen Anordnung abgelehnt. Diese hatte tern die Durchführung von Versammlungen am
on der Bundeswehr insgesamt in Frage sich anlässlich einer für den 8. Mai 2005 gleichen Tag und Ort unmöglich zu machen.
zu stellen. Wir ermuntern zu Veranstal- in Berlin geplanten Demonstration gegen Dies widerspräche dem Anliegen, die Ausübung
tungen zum Thema und zu Protestaktio- eine ihr erteilte versammlungsrechtliche der Versammlungsfreiheit grundsätzlich allen
nen gegen Waffenschauen, Gelöbnisse Auflage gewandt. Grundrechtsträgern zu ermöglichen.
und Zapfenstreiche. Wir dokumentieren die Entscheidung, Der Prioritätsgrundsatz wird aber maßge-
„50 Jahre Bundeswehr“ gibt außer- weil das Gericht den Grundsatz, wer zu bend, wenn die spätere Anmeldung allein oder
dem dem Thema Verteidigungs- vs. erst anmeldet, bekommt auch den Platz, überwiegend zu dem Zweck erfolgt, die zuerst
Friedenspolitik im Bundestagswahl- aufgehoben hat. Mit diesem Problem wa- angemeldete Versammlung an diesem Ort zu
kampf einen besonderen Stellenwert – ren sehr oft Anmelder von antifaschisti- verhindern. Die zeitlich nachrangig angemelde-
te Veranstaltung hat allerdings nicht schon des-
zumindest können wir das gewaltige re- schen Gegendemonstrationen konfron-
halb zurückzutreten, weil die geplante Ver-
gierungsamtliche Brimborium um die tiert. Ob die Entscheidung hier mehr sammlung des Erstanmelders einen Anstoß zur
„Friedensarmee“ dazu nutzen, die au- Spielraum schafft bleibt abzuwarten. Zu Durchführung der später angemeldeten Ver-
ßen- bzw. verteidigungspolitischen Posi- kritisieren bleibt aber, dass das Gericht sammlung gegeben hat. Aufrufe zu Versamm-
tionen der Kandidaten stärker zu hinter- der NPD das Demonstrationsrecht erneut lungen reagieren häufig auf aktuelle Anstöße.
fragen. Die örtliche Diskussion, ob ein zugestanden hat. jöd ■ Kommt es zu konkurrierenden Nutzungwün-
Stadtrat den Marktplatz für das preußi- schen, ist eine praktische Konkordanz bei der
sche Ritual Zapfenstreich zur Verfügung Die Ausrichtung allein am Prioritätsgrundsatz Ausübung der Grundrechte unterschiedlicher
stellt, können wir mit der Frage an die würde es allerdings ausschließen, gegenläufige Grundrechtsträger herzustellen. Dabei kann die
Bundestagskandidaten verbinden, wohin Erwägungen zu berücksichtigen. So können Behörde aus hinreichend gewichtigen Gründen
sie denn die Bundeswehr zu welchem wichtige Gründe, etwa die besondere Bedeu- unter strikter Berücksichtigung des Grundsatzes
Zweck zu schicken gedenken. tung des Ortes und Zeitpunktes für die Verfol- inhaltlicher Neutralität von der zeitlichen Rei-
gung des jeweiligen Versammlungszwecks, für henfolge der Anmeldung einer Versammlung
Lasst uns die Aktionsideeen und In-
eine andere Vorgehensweise sprechen. Die Aus- abweichen.
formationen zu Gegenveranstaltungen richtung allein am Prioritätsgrundsatz könnte Aktenzeichen: 1 BvR 961/05
vernetzen und austauschen! Erste Akti-
vitäten gibt es in Bochum, Köln, Berlin. i http://www.bundesverfassungsgericht.de/cgi-bin/link.pl?presse
Wir sind überzeugt, dass es etliche
Dutzend werden.
Wir richten auf der Website der
Friedenskooperative ein Infosystem zu
„50 Jahre Bundeswehr“ ein. ■
http://www.friedenskooperative.de/50bwterm.htm
www.arbeiterfotografie.com

Inhalt:
Waffen-SS-Treffen . . . . . . . . . . . 3
Info:

Zum Ostpreußen-Anführer von


Gottberg (CDU) . . . . . . . . . . . . . . 4
Buchbesprechungen . . . . . . . . . 12
: meldungen, aktionen
Beginn der Veranstaltung ist Samstag
um 11 Uhr, das Ende am Sonntag um 16
Uhr. Die Übernachtungen auf Luftmat-
Antifaschisten lehnen Neben den Vorsitzenden Prof. Dr. ratzen sei kostenlos möglich. Es gebe
EU-Verfassung ab Heinrich Fink (Berlin) und Werner Pfen- aber auch Jugendherbergen und Gasthö-
nig (Stuttgart) sowie den Schatzmeistern fe in der Umgebung, heißt es in einer
Frankfurt. Das Erbe des Widerstandes Regina Elsner (Hoyerswerda) und Heinz Werbeanzeige für den „Sommerkon-
bewahren, das war der leidenschaftliche A. Siefritz (Freiburg) wurden zu Bundes- greß“ in der rechten Berliner Wochenzei-
Appell des 89jährigen Widerstands- sprecherinnen und Bundessprechern ge- tung „Junge Freiheit“.
kämpfers Peter Gingold auf dem Bun- wählt: Paul Bauer (Baden-Württem- hma ■
deskongress der Vereinigung der Ver- berg), Prof. Dr. Gerhard Fischer (Berlin),
folgten des Naziregimes – Bund der An- Peter Gingold (Hessen), Dr. Regina Gi- Der Einfluß wächst
tifaschisten am Wochenende in Frank- rod (Berlin), Richard Häsler (Thürin-
furt/Main. 180 Delegierte aus allen Tei- gen), Cornelia Kerth (Hamburg), Ulrich Vatikan. Der neue Papst Benedikt XVI.
len der Bundesrepublik diskutierten über Sander (Nordrhein-Westfalen) und Dr. hat seinen engsten Mitarbeiter, den aus
die Gefahr des Neofaschismus und über Ulrich Schneider (Hessen). dem Schwarzwald stammenden Kleriker
Handlungsschritte und Perspektiven für Der Bundeskongreß verabschiedete Georg Gänswein (48), zu seinem Sekre-
ein friedliches, soziales Europa. Der Thesen zu Aufgaben und Politik der tär ernannt. Gänswein, der 2003 für Kar-
Kongress wählte mit großen Mehrheiten VVN-BdA unter der Überschrift: „Für dinal Ratzinger tätig wurde, lehrte fünf
den Theologen Prof. Dr. Heinrich Fink ein antifaschistisches, friedliches und so- Jahre lang nebenamtlich kanonisches
und das ehemalige Vorstandsmitglied der ziales Europa – das Erbe des Widerstan- Recht an der zur Laienorganisation
IG Medien Werner Pfennig als gleichbe- des bewahren – gemeinsam gegen Neo- „Opus Dei“ gehörenden Universität
rechtigte Vorsitzende der größten antifa- faschismus und Geschichtsfälschung!“ „Santa Croce“. Der Publizist Robert Hut-
schistischen Organisation in Deutsch- jöd ■ chison bezeichnet „Opus Dei“ in seinem
land. Buch „Die heilige Mafia des Papstes“ als
In einem Grußwort betonte Romani Rechter „Sommerkongreß“ „ultrakonservativen Stoßtrupp des Vati-
Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deut- kans“ und sieht durch die Zunahme fun-
scher Sinti und Roma, die Notwendigkeit in Mainz ? damentalistischer Kräfte sowohl im
des gemeinsamen Kampfs gegen den Mainz-Kostheim. Am 18. und 19.Juni Christentum als auch im Islam die Ge-
Neofaschismus in allen seinen Ausprä- wollen die Jugendverbände der „Repu- fahr eines „neuen Kreuzzuges“.
gungen. Dr. Jürgen Richter, Vorsitzender blikaner“, der DSU, der FPÖ und des Unterdessen wurden in Anwesenheit
der jüdischen Gemeinden in Hessen und „Vlaams Belang“ (der mittlerweile um- von 3000 Gästen in Rom weitere 42
Hans-Jürgen Urban für den Vorstand der benannte rassistische „Vlaams Blok“) im Neupriester des „Opus Dei“ geweiht.
IG Metall unterstützten in Grußworten Bürgerhaus von Mainz-Kostheim einen Darunter auch Klaus Zelaya, langjähri-
die Anliegen des Kongresses. In einem gemeinsamen „Sommerkongreß der frei- ger Leiter des „Jugendclub Feuerstein“
einmütig angenommenen Leitantrag be- heitlichen Jugend in Europa“ durchfüh- in Köln-Braunsfeld.
tont die VVN-BdA u.a. die Ablehnung ren. Zu den aktuellen Schwerpunkten des
des EU-Verfassungsvertrags mit seiner Dort soll ein Signal gesetzt werden für „Opus Dei“ in Deutschland äußerte sich
Aufrüstungsverpflichtung und sprach ein „gemeinsames Europa der Vaterlän- jüngst der Regionalvikar des „Opus Dei“
sich für ein Verbot von Angriffskriegen der“, gemeint ist damit ein Nationalis- in Deutschland, Prälat Dr. Christoph
und Gewaltandrohung in der Verfassung mus auf Gegenseitigkeit, und für die Bockamp, in einem Interview. So seien
aus. „Einheit aller freiheitlichen und konser- Mitglieder professionell in der Entwick-
vativen demokratischen Parteien lungshilfe tätig. Eine Gruppe Studenten
in Deutschland“. Als Teilnehmer bauten Grundschulen in Nicaragua auf.
der Veranstaltung werden u.a. Ansonsten spezialisiere man sich auf
angekündigt: den Alltag. So würden „Kollegen und
Die FPÖ-Bundesfunktionäre Freundinnen in kleinen Grundkursen mit
Karlheinz Klement und Ute ein bis fünf Teilnehmern“ geschult. Der
Klitsch, der Fraktionsvorsitzen- katholische „Weltjugendtag“ im August
de des „Vlaams Belang“ Werner in Köln, wo die Prälatur des „Opus Dei“
Marginet, in der Vergangenheit auch ihren Sitz hat, sei „eine einmalige
auch schon Interviewpartner der Chance!“. Die Frage, ob Benedikt XVI.
DVU-nahen „Deutschen Wo- ein „Papst von Opus Dei Gnaden“ sei,
chenzeitung“, „Republikaner“- bezeichnete Bockamp als „Quatsch“.
Chef Rolf Schlierer, DSU-Bun- Aber der neue Papst kenne „die Prälatur
desvorsitzender Roberto Rink sicher recht gut“. hma ■
und Götz Kubitschek von dem
um die „Junge Freiheit“ ange- Alte Kameraden
siedelten „Institut für Staatspoli-
tik“. Bonn. Der militärische Traditionsver-
Angefragt worden ist auch band „Verband deutscher Soldaten e.V.“
Andreas Mölzer, Herausgeber (VdS) hat eine Broschüre zum 8. Mai un-
der rechten Wochenzeitung „Zur ter dem Titel „Erlöst und vernichtet zu-
Zeit“ und einziger Abgeordneter gleich“ herausgegeben. Unter den Auto-
der FPÖ im Europaparlament. ren befinden sich auch Prof. Dr. Emil
Mölzer hatte bereits 2002 ein Schlee („Wessen Krieg war es denn nun
Positionspapier europäischer eigentlich?“), ehemals Abgeordneter der
Nationalisten verfaßt, das auch sog. „Republikaner“ im Europaparla-
von der neofaschistischen NPD ment und Autor in zahlreichen Publika-
begrüßt worden war. tionen der extremen Rechten, sowie der

2 : antifaschistische nachrichten 12-2005


Waffen-SS-Treffen bei Hamburg
Am Samstag, dem 28. Mai
Wer ist die HIAG? sellschaftlichen und rechtlichen Aner-
2005, fand das wohl letzte Die HIAG wurde 1948/49 als Traditions- kennung hätte die HIAG eigentlich ihre
große Treffen der „Hilfsge- verband der ehemaligen Waffen-SS in Gründungsziele erreicht, die „Hilfsge-
meinschaft auf Gegenseitigkeit der Hamburg von SS-Brigadeführer Otto meinschaft“ sich also auflösen müssen.
Soldaten der ehemaligen Waffen-SS“ Kumm (gest. 2004) gegründet, die bun- Statt dessen entwickelte sich der Verband
(HIAG) anlässlich des Kriegsendes desweite Gründung fand 1950 statt. konsequent weiter nach rechts-außen.
vor 60 Jahren und des 55-jährigen Ju- Schon die Gründung ist ein Skandal ge- Erst in den 80er Jahren schwand der Ein-
biläums dieses Alt-Nazi-Verbandes in wesen, denn in den Nürnberger Prozes- fluss der HIAG und die SPD fällte einen
Büchen/Schleswig-Hostein statt. sen wurde die SS, einschließlich der Unvereinbarkeitsbeschluss.
Waffen-SS zur verbrecherischen Organi-
Der Landesverband Hamburg der HIAG sation erklärt, verboten und die Bildung Die Hamburger HIAG
feierte mit über 300 ehemalige Angehö- jeglicher Nachfolgeorganisation unter 1992 fand die Auflösung des Bundesver-
rige der Waffen-SS, auch aus den auslän- Strafe gestellt. Grundlage des Urteils war bandes der HIAG mit seinen ehemals
dischen Freiwilligen-Verbänden der SS die Teilnahme der SS an: „Kriegsverbre- mehreren zehntausend Mitgliedern statt,
und Burschenschaftern zum wiederhol- chen und Verbrechen gegen die Mensch- und damit auch die Überwachung durch
ten Male in der „Waldhalle“. Die alten lichkeit ... Verfolgung und Ausrottung den Verfassungsschutz, obwohl einzelne
Kämpfer erwiesen sich zum Teil als äu- der Juden, Brutalitäten und Tötungen in Landesverbände weiter machten. So ist
ßerst rüstig, sie schlugen und traten auf den Konzentrationslagern, Übergriffe bei der Hamburger Landesverband der ehe-
die wenigen anwesenden Journalisten der Verwaltung besetzter Gebiete, maligen Waffen-SSler besonders rührig,
ein, ein alter Recke spuckte gar auf die Durchführung des Zwangsarbeiterpro- macht monatliche Treffen mit 80 „Kame-
Kamera. Auch die hohe Konspirativität, gramms und Misshandlung und Ermor- raden“, hält Gedenkveranstaltungen auf
strenge Geheimhaltung des Treffpunktes dung von Kriegsgefangenen“ (Urteils- „ihrem Ehrenfriedhof in Vahrendorf“ ab
und Schleusung der TeilnehmerInnen, verkündung vom 30.09.1946) In den ers- und veranstaltet Reisen ins Ausland um
welche man sonst nur von geheimen ten Jahrzehnten der BRD hatte die HIAG ausländische SS-Veteranen zu besuchen.
Rechts-Rock-Konzerten kennt, passt großes Gewicht im Netzwerk der Solda- Man unterhält gute Kontakte zu den
nicht so recht in das Bild eines angeblich ten- und Traditionsverbände, bis Mitte „Freien Kameradschaften“ um Thomas
harmlosen Traditionsverbandes. Der der 60er Jahre saßen ihre Vertreter in al- Wulff und das ehemalig verbandseigene
Hinweis eines ehemaligen Angehörigen len maßgeblichen Parteien. Publikationsorgan „Der Freiwillige“ er-
der SS-Totenkopfdivision: „Auf das Die Lobbyarbeit der Altnazis war so fuhr in den letzten Jahren eine Umstruktu-
Reich, nicht auf den Führer waren wir erfolgreich, dass es spätestens mit der rierung, hier kommen jetzt immer öfter
eingeschworen. Wir kämpften, wo man Gründung der Bundeswehr 1955 zur Neofaschisten zu Wort. Die neofaschisti-
uns hinstellte“, mag auch nicht so recht weitgehenden Rehabilitierung der SS schen Hamburger Burschenschaften
als Entlastung gelten. Während die ver- kam und von den SS-Verbrechern fast „Chattia Friedberg“ und Germania Ham-
bandseigene Kapelle spielte, standen vor niemand mehr verurteilt wurde. 1962 burg warben hier mit Anzeigen. Dass hier
der Bühne Burschenschafter der Penna- konnten sie normale Renten und andere eine revisionistische, kriegsverherrlichen-
lie Chattia Friedberg zu Hamburg in vol- Versorgungsleistungen rechtlich durch- de Geschichtsbetrachtung gepflegt wird,
lem Wichs. Ihre Burschenschaft wird in- setzen, sogar ehemalige baltische SS- versteht sich von selbst. Und es verwun-
zwischen vom Hamburger Verfassungs- Freiwillige beziehen inzwischen Renten dert auch nicht, dass das SS-Blättchen
schutz überwacht. Letzterer war übrigens vom deutschen Staat, während die Opfer 2002 um sachdienliche Hinweise bat, um
vollkommen ahnungslos, weder über den der SS oftmals leer ausgehen, z.b. die zur die Verurteilung des Hamburger SS-Ver-
Hamburger Landesverband der HIAG, Zwangsarbeit gezwungenen Kriegsge- brechers Friedrich Engelke abzuwenden.
noch über die Feier war man informiert. fangenen der Roten Armee. Mit der ge- erk´■

Generalmajor a.D. Gerd Schultze- deutschtümelnden „Österreichischen geordneten, staatstragenden Elite: der
Rhonhof („8. Mai 1945: Befreiung oder Landsmanschaft“. Dies sei „ein anderes Körperschaft der seelischen Staatsfüh-
Niederlage oder was?“), beliebter Fest- Bild als jenes, das uns von den Medien rung“. Diese wird als ein „naturnotwen-
redner bei Burschenschaften und Traditi- und Gutmenschen gerne gezeichnet“ wer- diger Ersatz für Adel und Aristokratie“
onsverbänden der ehemaligen Waffen- de. „Als einer, der noch mit dem preu- bezeichnet, die „schon seit langem nicht
SS und jüngst auch Interviewpartner der ßisch-deutschen Soldatenethos in Berüh- mehr funktionstüchtig“ seien. Aufgabe
„Deutschen National-Zeitung“ des rung“ gekommen sei, schmerze Reichardt der GfS müsse es sein, „sich um die Be-
DVU-Chefs Gerhard Frey. „die unehrenhafte Behandlung des ehe- lange der darnieder liegenden Gemein-
Ebenfalls als Publizist versucht sich der maligen Wehrmachtssoldaten durch schaftsethik und Kultur zu kümmern“.
Generalmajor a.D. Jürgen Reichardt. Der Nachgeborene“, so der Rezensent. Er- Sie stehe „allen Bürgern“ offen, die „da-
Präsident des „Bayerischen Soldatenbun- schienen ist Reichardts Schrift im „Verlag für die speziellen Voraussetzungen“ er-
des“ und Träger des Bundesverdienst- Kienesberger“ in Nürnberg. hma ■ füllten. Als Kontaktadresse wird ein
kreuzes hat kürzlich eine Schrift mit dem Heinrich Bömken aus Herten angegeben.
Titel „Soldat in der Nachkriegszeit – Zwi- Betont elitär hma ■
schen Kriegsgeneration und Friedensbe-
wegung“ veröffentlicht. Der Autor berich- Herten. Mit einer Anzeige in der rech- Neugründung New Right
te dort „in vorurteilsloser und unbefange- ten Berliner Wochenzeitung „Junge Frei-
ner Art und Weise über den deutschen heit“ wirbt eine „Gesellschaft für Staats- in Großbritanien
Soldaten der Wehrmacht wie den der ethik“ (GfS) für sich. Die in Gründung London. Am 28. Mai 2005 fand in Lon-
Bundeswehr“, heißt es in einer Rezension befindliche GfS versteht sich als „vorläu- don das bereits dritte Treffen einer For-
in der Zeitschrift „Der Eckart“ der fige Vorstufe einer neuen hierarchisch mation namens New Right l Seite 6

: antifaschistische nachrichten 12-2005 3


Christian Wulf, niedersächsi- Ostpreußen-Anführer von Gottberg (CDU):
scher Ministerpräsident, wird
sich mit einem Antisemitismus-
Skandal in seiner Partei beschäftigen
Der Holocaust –
müssen. Wilhelm von Gottberg, CDU-
Mitglied, Bürgermeister der Gemeinde
Schnega, Mitglied des Kreistages von
„Mythos“, „Dogma“,
Lüchow Dannenberg, Sprecher der
Ostpreußischen Landsmannschaft und
„jüdische ,Wahrheit’“
als solcher Stiftungsratsvorsitzender
der Ostpreußischen Kulturstiftung, despräsident v. Weizsäcker und auch seine bei- Diese Formulierungen geben Anlass,
muss es sich nicht nur gefallen lassen, den Nachfolger. Nach unserer Meinung ist dies die Herkunft des Zitates genauer zu verfol-
dass man von ihm behauptet, er habe eine intellektuelle Verbrämung der Kollektiv- gen – diese Spurensuche führt tatsächlich,
in der Preußischen Allgemeinen Zei- schuld-These. Eine Kollektivschuld aber gibt es wie einige Formulierungen bereits ahnen
nicht. Schuld sind nur die Schuldigen. Als wirk-
tung die antisemitische Rede Hoh- lassen, ins Milieu der Auschwitz-Leugner.
sames Instrument zur Kriminalisierung der
manns öffentlich verteidigt. Deutschen und ihrer Geschichte wird immer
An der angegebenen Stelle in den Bur-
noch – auch 56 Jahre nach Ende des Dritten Rei- schenschaftlichen Blättern findet sich tat-
Nachdem von Gottberg zunächst im März ches – der Völkermord am europäischen Juden- sächlich besagtes Zitat. Es steht dort in ei-
2005 beim Landgericht Lüneburg eine tum herangezogen. Mario Consoli schreibt in nem Artikel von Rudolf Großkopf, der
Verfügung gegen die Tageszeitung „Neues ,L‘uomo libero‘ Nr. 41/96: ,Sechs Millionen eine „Kommentar zur Tagung des AfbA über
Deutschland“ erbeutet hatte, zog er An- runde schreckenerregende Zahl. Männer, Frau- das Strafrecht und die Freiheit der Wissen-
fang Mai seinen Antrag zurück, da das en, Greise und Kinder – alle wurden sie ausge- schaft“ überschrieben ist. Großkopf, ein
Oberlandesgericht Celle ihm signalisierte, rottet, nur weil sie Juden waren! Der Holocaust Mitstreiter des Holocaustleugners Germar
dass er in einem Verfahren keine Chance ist heute ein Bleigewicht, das für alle Zeiten am Rudolf, überliefert den Text des italieni-
haben werde. Fuß Deutschlands und Europas hängen bleiben schen Rechtsradikalen Consoli etwas aus-
Der niedersächsischen Landesregierung soll (...). Jeder noch so fadenscheinige Vorwand führlicher als von Gottberg dies tut:
ist von Gottbergs Verteidigung der antise- (...) ist gut genug, um den Holocaust in Erinne-
rung zu rufen. Die Propaganda-Dampfwalze
mitischen Rede Hohmanns bekannt. Laut „Die Begriffe ,Faschist‘ und ,Nazi‘ sind heute
wird mit den Jahren nicht etwa schwächer, son- jeglichen politischen Inhalts entleert und zu Tot-
Statement des zuständigen Ministers, Lutz dern stärker, und in immer mehr Staaten wird
Stratmann, hielt sie sie für „nicht akzepta- schlagvokabeln geworden, mit denen man jeden
die jüdische ,Wahrheit‘ über den Holocaust un- Gegner niederknüppelt, also jeden, der sich der
bel“. „Ich sage das“, so der Minister in der ter gesetzlichen Schutz gestellt (...). Der Holo-
Sitzung des niedersächsischen Landtags internationalen und multikulturellen Demokratie
caust muß ein Mythos bleiben, ein Dogma, das entgegenzustellen wagt (...). Mit Hilfe unglaubli-
am 27. Januar 2005, dem Jahrestag der jeder freien Geschichtsforschung entzogen cher Manipulationstechniken haben es die Sie-
Befreiung des Vernichtungslagers Ausch- bleibt. Bricht dieses Dogma zusammen, gerät ger des Zweiten Weltkriegs fertiggebracht, nicht
witz, „ganz besonders heute. Antisemiti- nämlich die ganze heutige Deutung des Zweiten nur eine Wiedergeburt des Faschismus und des
sche Grundeinstellungen müssen in jedem Weltkrieges ins Wanken (...). Damit kämen jene Nationalsozialismus zu verhindern, sondern
Fall in aller Schärfe zurückgewiesen wer- Werte wieder zu Ehren, die im Gegensatz zum auch der traditionellen kulturellen Werte, welche
den.“ Internationalismus das Recht der Völker auf das Leben Europas unzählige Jahre hindurch
Bei Recherchen im Archiv des Duisbur- Wahrung ihrer Identität und auf Unabhängigkeit geprägt haben. Dabei bediente man sich folgen-
ger Instituts für Sprach- und Sozialfor- gewährleisten.‘ (Zitiert nach Burschenschaftli- der Methode: Man verknüpfte traditionelle Wer-
che Blätter 2/99, S. 118.)
schung (DISS) fanden sich weitere Aussa- te wie Liebe zur Heimaterde und zur Familie,
Wir haben dem nichts hinzuzufügen“ (Wil- Heroismus, Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein und
gen von Gottbergs, mit denen sich die
helm von Gottberg: Zum Geleit: ... und der Zu- Spiritualismus mit dem Faschismus und dem Na-
Landesregierung, die niedersächsische kunft zugewandt. In: Das Ostpreußenblatt
CDU und die Bundespartei längst hätten zismus, mit Mussolini und Hitler. Nachdem diese
1/2001, S. 1-2). Gleichsetzung erst im Unterbewußtein der Mas-
beschäftigen müssen. Darunter ein ge-
schichtspolitischer Text, in dem sich von sen verankert war, reichte eine Steigerung der
antifaschistischen Propaganda vollkommen aus,

F
Gottberg auch Argumentationen aus der estzuhalten ist zuerst, dass sich von
um eine Wiedergeburt der für die Machthaber
Publizistik von Holocaust-Leugnern be- Gottberg positiv und zustimmend gefährlichen Werte im Keim zu ersticken. Indem
diente und den Holocaust mit Begriffen auf Mario Consoli bezieht. Dafür man das im 2. Weltkrieg besiegte Europa mit
wie „Mythos“, „Dogma“ und (man beach- spricht erstens, dass er das Consoli-Zitat dem Bösen gleichsetzte, erreichte man weit mehr
te die Anführungszeichen) „jüdische distanzlos mit der neutralen Formulierung als die bloße Ächtung des Faschismus und des
,Wahrheit‘“ belegte – Begriffe, die die his- „Mario Consoli schreibt“ einführt. Zwei- Nationalsozialismus. Man setzte zugleich das
torische Tatsache der Vernichtung der eu- tens muss die Kommentierung, er habe ganze Wertesystem außer Kraft, das jahrtausen-
ropäischen Juden in Zweifel ziehen. „dem nichts hinzuzufügen“, als Zustim- delang eine Zivilisation von weltgeschichtlich
Wilhelm von Gottberg bediente sich ih- mung verstanden werden. einzigartiger Großartigkeit aufrechterhalten
rer im Leitartikel des Ostpreußenblatts, in In diesem Zitat Consolis fallen schon hatte.
dem er die Lage der Nation im neuen Jahr- bei der ersten Lektüre einige Formulierun- Mit Mussolini und Hitler wurden auch Plato
tausend beleuchtete. Hier ein längeres Zi- gen ins Auge: Da ist, mit abfälligen An- und Dante, Macchiavelli [sic] und Nietzsche,
tat aus von Gottbergs Text, mit Zitat im Zi- führungszeichen versehen, von einer „jü- Rom und das Heilige Römische Reich an den
Pranger gestellt (...). Als wirksames Instrument
tat – so kann man von Gottberg bei seiner dischen ,Wahrheit‘ über den Holocaust“
zur Kriminalisierung des Faschismus und des
Arbeit am Text über die Schulter schauen. die Rede. Der Holocaust sei „ein Mythos“, Nationalsozialismus erweist sich aber seit dem
Die Passage weist einige Merkwürdigkei- „ein Dogma, das jeder freien Geschichts- Nürnberger Prozess die Anklage des Völkermor-
ten und Tücken auf, die geduldige Lektüre forschung entzogen“ bleibe. Die Gegen- des an den Juden (...). [Ab hier zitiert von Gott-
erfordern: überstellung vom Holocaust als „Mythos“ berg im Ostpreußenblatt: AS] Sechs Millionen –
„Bedeutsam für die Zukunft der Deutschen ist und sogenannter „freier Geschichtsfor- eine runde, schreckenerregende Zahl. Männer,
die Frage, wie lange noch die nachwachsende schung“ entstammt dem Argumentations- Frauen, Greise und Kinder – alle wurden sie
Generation mit dem Makel der Schuld für zwölf arsenal der Holocaustleugner, die ihre ob- ausgerottet, nur weil sie Juden waren! Der Ho-
Jahre NS-Diktatur belastet wird. Man müsse skuren Darlegungen mit dem Euphemis- locaust ist heute ein Bleigewicht, das für alle
auch heute tiefe Scham wegen der Ereignisse im mus „freie Geschichtsforschung“ bezeich- Zeiten am Fuß Deutschlands und Europas hän-
Dritten Reich empfingen, so der ehemalige Bun- gen bleiben soll (...). Jeder noch so fadenscheini-
nen.
: antifaschistische nachrichten 12-2005
4
ge Vorwand (...) ist gut genug, um den Holocaust tionellen Geschichtsfiktion der Bundesre- Zudem zielt sein Text ja auf die Reetab-
in Erinnerung zu rufen. Die Propaganda- publik Deutschlands sei und zur institutio- lierung der Werte, die „wieder zu Ehren“
Dampfwalze wird mit den Jahren nicht etwa
nellen Gründungserzählung, („Mythos“ kämen, wenn das „Dogma“ zusammen-
schwächer, sondern stärker, und in immer mehr
Staaten wird die jüdische ,Wahrheit‘ über den
im übertragenen Sinn) der Bundesrepublik brechen würde:
Holocaust unter gesetzlichen Schutz gestellt (...). Deutschland gehöre. „Mythos“ steht im „Der Holocaust muss ein Mythos bleiben, ein
vorliegenden Text deutlich als Gegenbe- Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung
Der Holocaust muss ein Mythos bleiben, ein
griff zu „historischer Wahrheit“; der entzogen bleibt. Bricht dieses Dogma zusam-
Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung
nächste Satz macht dies deutlich, denn men, dann gerät nämlich die ganze heutige Deu-
entzogen bleibt. Bricht dieses Dogma zusam-
eine historische Wahrheit bedarf nicht der tung des 2. Weltkriegs ins Wanken (...) Damit kä-
men, dann gerät nämlich die ganze heutige Deu-
men jene Werte wieder zu Ehren, die im Gegen-
tung des 2. Weltkriegs ins Wanken (...). Damit kä- Erhebung zum Dogma, sie braucht keinen
satz zum Internationalismus das Recht der Völ-
men jene Werte wieder zu Ehren, die im Gegen- Schutz vor seriöser historischer For- ker auf Wahrung ihrer Identität und auf Unab-
satz zum Internationalismus das Recht der Völ- schung: „Der Holocaust muss ein Mythos hängigkeit gewährleisten.“
ker auf Wahrung ihrer Identität und auf Unab- bleiben, ein Dogma, das jeder freien Ge-
hängigkeit gewährleisten“ (Burschenschaftliche schichtsforschung entzogen bleibt.“ Die-
Blätter 2/1999, S. 118).

W
ser Satz kann nicht mehr als verunglückte ie gesehen, kommentierte von
Formulierung jenes institutionenanalyti- Gottberg sein ausführliches Zi-

C
onsolis Text, der in leicht abwei- schen Grundgedankens über institutionelle tat mit der zustimmenden For-
chender deutscher Übersetzung Gründungserzählungen gelten, der Text mel „Wir haben dem nichts hinzuzufü-
auch vom Schweizer Holocaust- schließt sich nicht der normativen Forde- gen.“ Man mag ihm angesichts dieses Sat-
Leugner Jürgen Graf überliefert ist, ist rung an, die Erinnerung an die Shoah müs- zes fast einen Sinn für Ironie zugestehen,
deutlich erkennbar im Blick auf die ja se bleiben, sondern referiert, was er als denn die harte Eingangspassage im Con-
auch explizit erwähnte herrschende Geset- herrschende Meinung versteht und kriti- soli-Zitat in den Burschenschaftlichen
zeslage hin formuliert. Entsprechend fal- siert; die herrschende Meinung und ihr Blättern ließ er weg. Es blieb dennoch ge-
len Sätze, die man bei flüchtiger Lektüre Niederschlag in der Gesetzgebung fixier- nug übrig: von Gottberg würzt seinen Aus-
dahingehend missverstehen könnte, als er- ten dem Text zufolge nämlich ein „Dog- blick auf die deutsche Nation im neuen
kenne der Text die historische Tatsache der ma, das jeder freien Geschichtsforschung Jahrtausend mit einer ganz kräftigen Prise
6 Millionen ermordeten Juden an. Schaut entzogen bleibt“ – eine äußerst merkwür- vom Salz des harten Geschichts-„Revisio-
man genauer hin, erkennt man im Aus- dige Interpretation der Gesetzeslage und nismus“. Einem Leser des Ostpreußen-
gangstext den betreffenden Satz allerdings der Rechtssprechung, die keineswegs se- blatts war dies ein großes Lob wert: Prof.
als bloßes Referat der „Anklage [Hrvh. riöse und in ihren Interpretationen der Tat- Dr. h.c. Hans Rothe aus Bonn sprach in ei-
v.A.S.] des Völkermordes an den Juden“ sachen pluralistischen Forschung über die nem Leserbrief von einem „großen Leitar-
„seit dem Nürnberger Prozess“, d.h. als Vernichtung der europäischen Juden ver- tikel [...], in dem Wilhelm v. Gottberg die
„wirksames Instrument der Kriminalisie- bietet, sondern lediglich die mit wissen- Analyse der Zukunft ganz unverhüllt gibt,
rung des Faschismus und des Nationalso- schaftsförmig aufbereiten Pseudobestrei- dazu mit dem lesenswerten Zitat von Ma-
zialismus“. Faschismus und Nationalso- tungen historischer Tatsachen arbeitende rio Consoli über Wahrheitsfindung“.
zialismus gelten dem Text nicht als per se antisemitische Propaganda von Scharlata- Trotz dieses geschichtspolitischen
kriminell, sondern ihre Kriminalität sei nen und Amateurhistorikern unter Strafe Ausfalls und manch anderer politischer
erst von den Siegern des 2. Weltkrieges stellt. Positionen von Gottbergs, die geeignet
mittels „unglaublicher Manipulationstech- Gewiss würde von Gottberg empört be- sind, das gute nachbarliche Verhältnis zu
niken“ durchgesetzt werden. Bei von Gott- streiten, dass er sich mit diesem Text auf Polen und die Beziehungen zu Russland
berg wird dies leicht abgemildert, er para- die Seite der Holocaust-Leugner stelle zu stören und das friedliche Zusammen-
phrasiert den betreffenden Satz Consolis. und dabei vermutlich darauf verweisen, leben in Europa zu gefährden, gilt von
Entsprechend rollt dem Text zufolge bis dass in seinem Text doch vom „Völker- Gottberg prominenten Christdemokraten
heute eine „Propaganda-Dampfwalze“. mord“ (als Tatsache) und nicht bloß, wie bisher als guter Umgang. So hielt der
Die habe dafür gesorgt, dass in „immer bei Consoli, von der „Anklage des Völ- brandenburgische Innenminister Jörg
mehr Staaten“ Holocaust-Leugnung be- kermordes“ die Rede ist, dass in seinem Schönbohm am 22. April 2005 beim
straft werde. Spätestens an dieser Stelle ge- Text – im Zitat Consolis – die sechs Mil- „Königsberg-Kommers“, der von der
winnt der Text deutliche Schlagseite, und lionen Opfern angesprochen werden, und Deutschen Burschenschaft und der Ost-
dies gilt auch für von Gottbergs durch Zi- dass eingangs des Textes auch vom „un- preußischen Landsmannschaft unter Vor-
tatschnitt und Paraphrase eines Satzes begreiflichen Holocaust“ die Rede ist. sitz Wilhelm von Gottbergs veranstaltet
leicht abgemilderte Version. Denn er Nur stehen diese Aussagen, versteht man wurde, trotz vorheriger deutlicher Hin-
spricht nicht von der juristischen Sanktio- sie wohlwollend als Anerkennung der his- weise auf die Verstrickungen der Veran-
nierung von Holocaust-Leugnung, sondern torischen Tatsachen, in krassem Wider- stalter ins rechtsextreme Milieu die Fest-
davon, dass – und hier müssen die diskri- spruch zum dann folgenden: Wenn von rede. Und Sachsen Ministerpräsident
minierenden Anführungszeichen Beach- Gottbergs Text die Vernichtung von sechs Georg Milbradt war Festredner beim
tung finden – „die jüdische ,Wahrheit‘ über Millionen Juden als eine historische Tat- jüngsten Ostpreußen-Treffen in Berlin,
den Holocaust unter gesetzlichen Schutz sache ansieht, dann kann diese Wahrheit bei dem die Landsmannschaft ihren Spre-
gestellt“ werde. Die historische Tatsache nicht wenige Zeilen später zur „jüdischen cher von Gottberg mit dem Preußenschild
der Judenvernichtung wäre demzufolge le- ,Wahrheit‘“, zum „Mythos“ und zum auszeichnete. Wer auf die Stimmen der
diglich eine „jüdische ,Wahrheit‘“, also – „Dogma“ heruntergeredet werden, denen organisierten Vertriebenen zählt, muss
wenn Wahrheit, wie dies allgemein ge- Ergebnisse der „freien Geschichtsfor- wohl die Rede eines Ostpreußen-Hardli-
schieht, als universelle (und nicht ethnisch schung“ entgegengestellt werden. Da der ners vom Holocaust als „Mythos“ überse-
partikulare) Geltung einer Behauptung ver- Text die Vernichtung der europäischen Ju- hen oder in Kauf nehmen.
standen wird – keine Wahrheit. den zu einer „jüdischen ,Wahrheit‘“, ei- Alfred Schobert ■
Damit gewinnen auch die folgenden nem „Mythos“ und einem „Dogma, das Der Autor ist Mitarbeiter beim
Sätze in von Gottbergs Text ihren Sinn: jeder freien Geschichtsforschung entzo- Duisburger Institut für Sprach- und
Die Behauptung, der Holocaust müsse gen“ bleibe, erklärt, bleibt der Verdacht, Sozialforschung (DISS)
„ein Mythos bleiben“, ist keineswegs eine dass die knappen Hinweise auf den Völ-
bloß ungeschickte Formulierung, dass die kermord und die Opferzahl als bloße zuerst auf www.hagalil.com, hier redak-
Erinnerung an die Shoah Kern der institu- Schutzbehauptungen fungieren. tionell bearbeitet und stark gekürzt

: antifaschistische nachrichten 12-2005 5


VVN-BdA NRW wendet sich an die
Landesdatenschutzbeauftragte
Das Bundesverfassungsgericht hat die Beschlagnahmung oder das Ko- Der Paragraph bedeutet: Die Staatsan-
pieren von Computern untersagt, soweit damit Daten von Anwälten, waltschaft muss das Verfahren einstellen,
Steuerberatern, Journalisten und Ärzten erfasst sind, die für die Ermitt- wenn es keinen die Anklage rechtfertigen-
lungen nicht relevant sind. Die VVN-BdA hat diesen am 8. Juni 2005 bekannt- den Verdacht gibt.
gegebenen Beschluß des 2. Senats in Karlsruhe begrüßt. Wir stellen fest:
Sie forderte die Gerichte und Staatsanwälte, die das computergestützte Archiv 1. Es hat offenbar nie einen handfesten
des nordrhein-westfälischen Landessprechers der VVN-BdA, des Journalisten Ul- Verdacht wegen „Amtsanmaßung“ ge-
rich Sander, beschlagnahmt haben, zur unverzüglichen Rückgabe aller dieser geben, weshalb plötzlich – und davon
Daten auf. Dies wurde auch in einem Brief der VVN-BdA NRW an den Landesda- war nie die Rede – auf „Verleumdung“
tenschutzbeauftragten gefordert, der bisher die nun als verfassungswidrig er- umgestellt wurde. Aber hätte „Ver-
kannte Praxis der nordrhein-westfälischen Justiz nicht beanstandet hatte. Zu- leumdung“ die Maßnahmen gegen San-
gleich wurde von der VVN-BdA die Aufhebung des § 18 des Bundesverfassungs- der und die VVN-BdA gerechtfertigt?
schutzgesetzes aus dem Jahre 1997 verlangt, der es der Justiz auferlegt, Daten Und ist es eine Verleumdung, gut be-
„von sich aus“ an die Geheimdienste weiterzugeben. U.S. ■ gründete Anzeigen gegen mutmaßliche
Täter zu erstatten?
Sehr geehrte Frau Ulrich Sander erheblich verletzt. Inzwi- 2. Noch immer halten die Staatsanwalt-
Landesdatenschutzbeauftragte! schen wurde das Verfahren, das unter schaft und der Staatsschutz der nord-
Erneut möchten wir uns an Sie wenden, „Amtsanmaßung“ (begangen angeblich rhein-westfälischen Polizei, und damit
um Hilfe gegenüber der Vorgehensweise durch Ulrich Sander) begann und später das Landesinnenministerium, die Fest-
der Justiz und des Staatsschutzes mit den klammheimlich in „Verleumdung“ umge- plattenkopie mit Ulrich Sanders gesam-
Daten unserer Organisation und des Jour- widmet wurde, eingestellt. ten Archiv und mit den Informationen
nalisten Ulrich Sander aus Dortmund, Denn jetzt – nach über zwei Jahren – der VVN-BdA zurück. Auf Ulrich San-
Landessprecher unserer Organisation, zu erhielt Ulrich Sanders Anwalt folgendes ders Forderung, diese Kopie zurückzu-
erlangen. Schreiben der Staatsanwaltschaft: (Staats- geben und zu erklären, dass es keine
Die Justiz hatte eine Strafanzeige unse- anwaltschaft Dortmund, Gerichtsplatz 1, weiteren Kopien mehr gibt, reagiert die
rer Organisation gegen 200 mutmaßliche 44135 Dortmund) Staatsanwaltschaft auch nach 20 Mona-
Kriegsverbrecher nicht etwa zum Anlass ten mit Ausweichen.
für Ermittlungen gegen die Mordverdäch- Ermittlungsverfahren gegen Ulrich San- Jetzt wurde noch eins draufgesetzt. Die
tigen genommen, sondern es wurde ab der wegen Verleumdung. 155 Js 261/03 RUHRNACHRICHTEN, Dortmund, be-
Frühjahr 2003 gegen uns, gegen diejeni- Es wird mitgeteilt, dass das Verfahren richteten am 31. Mai 2005 „,Wir haben
gen ermittelt, die Anzeige erstattet hatten. gemäß § 170 Absatz 2 der Strafprozess- wegen Verleumdung und Amtsanmaßung
Die Justiz und das Innenministerium ha- ordnung eingestellt worden ist. Wegen der ermittelt’, stellt Oberstaatsanwältin Dr.
ben sich unter einem Vorwand am 3. De- weiteren Behandlung der hier gefertigten Ina Holznagel klar. Weil die Gefahr be-
zember 2003 die Daten unserer Vereini- Festplattenkopie ergeht eine gesonderte stand, dass der Briefkopf der Behörde
gung angeeignet und bisher nicht wieder Mitteilung. weiterhin missbräuchlich genutzt wird,
herausgegeben. Zudem wurde das Zeug- Hochachtungsvoll - Bittner, Staatsanwalt seien die Durchsuchungen angemessen
nisverweigerungsrecht des Journalisten Beglaubigt ... gewesen. Die Staatsanwaltschaft ging so-

l statt, die sich ideologisch einerseits an den kanntheitsgrad erhalten hat, zu der Fra- Jünger als Konservativen Revolutionär
früheren Arbeiten der französischen Nou- ge, ob wirklich eine islamische Gefahr vorstellte. Zwar bewegt die Neugrün-
velle Droite orientiert, andererseits deut- bestünde. Baron gehört zu jener Fraktion dung New Right bisher keineswegs Mas-
lich nationalrevolutionär geprägt ist. Frü- der extremen Rechten, die ein Bündnis sen, doch ist dies wohl auch nicht die
here Versuche in dieser Richtung waren in mit dem politischen Islam befürwortet, Absicht und die Teilnahmezahlen sind
Großbritannien stets erfolglos geblieben, da der Gegner der gemeinsamen Doppel- mit ca. 50 Personen bisher konstant. Ob
wenn man von dem kurzlebigen und we- feinde Israel/USA automatisch ein sich die New Right etablieren kann oder
nig einflussreichen Ansatz der Gruppe Freund sei. ob ihr ein ähnlich klägliches Ende wie
„IONA“ um Michael Walker, den Heraus- In deutlicher Anlehnung an den ehe- IONA beschieden sein wird, muss sich
geber der bis heute erscheinenden Zeit- maligen GRECE-Ideologen Guillaume erst noch erweisen. Jean Cremet ■
schrift „Scorpion“, absieht. Kopf und trei- Faye referierte Alisdair Clarke über „Ari-
bende Kraft der aktuellen Unternehmung schen Futurismus“. Mit weniger dick München und Dorfen:
ist Troy Southgate, der aus der Third Posi- aufgetragenem Rassenbezug nennt sich
tion, einem Spaltprodukt der National der Ansatz bei Faye in seinem gleichna- Schwere Zeiten
Front, stammt, später die Kleingruppe migen Buch „Archäofuturismus“. Einen für NazigegnerInnen
National Revolutionary Faction ins Leben weiteren historischen Referenzpunkt München/Drofen. In Dorfen kam es
rief und sich aktuell als „National-Anar- wählte der Malteke Norman Lowell mit heute zu zahlreichen Protesten gegen
chist“ definiert. Zudem wird eine gleich- seinem Beitrag „Imperium Europa: Eine eine NPD-Kundgebung. Ein großes Poli-
namige Mailingliste durch Southgate, zu- einigende Idee“. Er bezog sich auf den zeiaufgebot setzte die rechtsextremisti-
gleich Mitglied der Neofolk-Band US-Amerikaner Francis Parker Yockey, sche Versammlung gegen die Proteste
„H.E.R.R.“, moderiert. der bereits früh ein Reich Europa forder- mehrere hundert GegendemonstrantIn-
Bei dem aktuellen Treffen sprach der te und dabei nationalbolschewistische nen durch. Es kam zu bis zum späten
Schriftsteller Alexander Baron, der mehr Positionen vertrat. Die letzte Ansprache Nachmittag zu mindestens neun Verhaf-
durch antisemitische Pamphlete denn kam von Jonathan Bowden, einem Vor- tungen. Schon am Donnerstag, den
durch seine Sonette einen gewissen Be- standsmitglied der New Right, der Ernst 2.6.05, kam es in München vor mehreren

6 : antifaschistische nachrichten 12-2005


gar noch weiter: Die gefälschten Briefe fe. Das heißt: Einmal „Amtsanma- Oberstaatsanwalts Ulrich Maaß an die
ließ die Behörde beim Landeskriminalamt ßung“ und mal „Verleumdung“ als Be- VVN-BdA vom 3.2.2003, der sowohl in-
auf DNA-Spuren untersuchen und bean- gründung für den „schwerwiegenden“ haltlich wie auch gestalterisch die Grund-
tragte beim Amtsgericht eine Speichel- Eingriff in die „grundgesetzlich ge- lage für die Fälschung von Briefen des
probe von Ulrich Sander. Das Gericht schützte Lebenssphäre“ des mit Haus- Staatsanwaltes an Beschuldigte abgege-
lehnte ab, die LKA-Kontrolle schlug fehl: durchsuchung Überzogenen zu nennen, ben haben soll, ist von uns ins Internet ge-
Die Briefmarken waren selbstklebend. weist auf die Beliebigkeit hin, mit der stellt und als Kopie in Pressemitteilungen
Sander ärgert weiterhin, dass er die be- Amtsgericht und Staatsanwaltschaft verbreitet worden. Viele konnten daher
schlagnahmten Computerdaten nicht zu- gegen Sander und die VVN-BdA vor- Urheber der Fälschung sein – Ulrich San-
rückbekommt. Holznagel: ‚Wir haben sie gegangen sind. Es ist anzunehmen: der und ein anderer Vertreter der VVN-
legal erhoben. Man kann ja auch nicht Man wollte sich nur den Computerin- BdA waren es jedenfalls nicht.
verlangen, dass eine Ermittlungsakte ver- halt erschleichen, alles andere ist Im übrigen verweisen wir
nichtet wird.’“ schmückendes Beiwerk. auf den jetzt vorliegenden
4. Die Beschlagnahmen erfolg- Beschluss des Bundes-
Daraus ist abzuleiten: ten in einem Ausmaß, das mit verfassungsgerichtes
1. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft hat der kompletten Beschlag- vom 12. April 2005 (2
vermutlich von sich aus nach § 18 des nahme eines ganzen Archivs BvR 1027/02), der die
Bundesverfassungsschutzgesetz dem und fast aller Akten einer Or- Beschlagnahme des
Bundesamt für Verfassungsschutz und ganisation und eines Journa- gesamten Datenbestan-
anderen Geheimdiensten, so Verfas- listen vergleichbar ist. Das des eines Anwalts – und
sungsschutz NRW, die Daten aus San- Bundesverfassungsgericht teilte das muss ja wohl auch für
ders Computer übermittelt. Damit sind nämlich ferner mit: Die Beamten Journalisten und gemeinnützi-
Mitgliedslisten, Buchführung der hätten die „Durchführung der Eingriffs- gen Organisationen gelten – in sehr engen
VVN-BdA und andere Informationen, maßnahme messbar und kontrollierbar Grenzen neu regelt. (Pressemitteilung
die alle mit dem Fall nichts zu tun ha- zu gestalten“, und es muss zu einer „an- vom 8.6.05 Nr. 47/2005) (siehe dazu An-
ben, nun in den Händen von Behörden, gemessenen rechtsstaatlichen Begren- merkung)
die sie zum Schaden unserer Organisa- zung der Durchsuchung“ kommen. Das
tion und ihrer Mitglieder verwenden war nicht der Fall. Einen Computer mit Seinerzeit haben Sie, sehr geehrter Herr
können. (zu § 18 siehe Anmerkung) gesamten Inhalt zu beschlagnahmen, Datenschutzbeauftragter, mitgeteilt, Sie
2. Der Computerinhalt wurde der Ermitt- bedeutet auch, dass ins Blaue hinein er- könnten und wollten uns nicht helfen. Im
lungsakte beigefügt. Damit steht er den mittelt wird nach dem Motto: Irgend et- Lichte der neuen Entwicklung in Dort-
Anwälten aller Beteiligten zur Verfü- was Brauchbares, das zur Anklage füh- mund und Karlsruhe, dürfte diese Ihre
gung. Somit bekommen die Anwälte ren kann oder das den Geheimdiensten Auskunft nicht mehr zutreffen.
von Nazis und Neonazis das Material, nützlich ist, wird schon herausspringen. Bitte schützen Sie die Rechte unserer Or-
das ihnen für ihren Anti-Antifa-Terror ganisation und unseres Landessprechers.
dienen kann. Es wird noch immer behauptet, der Brief- Helfen Sie dabei, die Daten an uns zu-
3. Mit dem Material von Sanders Compu- kopf der „Zentralstelle“ für die Verfol- rückzugeben und jede Kopie zu vernich-
ter wurde nicht verhältnismäßig umge- gung von NS-Verbrechen sei nur durch ten.
gangen. Das Bundesverfassungsgericht uns einem möglichen Fälscher zugänglich
hat unserem Anwalt schriftlich (2 BvR zu machen gewesen. Das ist falsch. Wenn Mit freundlichen Grüßen
941/04 vom 23. 9. 04) mitgeteilt, dass man uns einmal vor der Hausdurchsu- Uli Sander,
„die richterliche Durchsuchungsanord- chung gefragt hätte, so hätten wir die kor- Geschäftsführer des Landesausschusses
nung keine bloße Formsache“ sein dür- rekte Auskunft gegeben: Der Brief des der VVN-BdA NRW.

Gaststätten zu Protesten gegen Naziver- zen und Festnahmen. Den ganzen Tag – Für den vergangenen Donnerstag
sammmlungen. Nach einer Auseinander- über mussten sich vermeintliche Nazi- abend hatte der rechtsextreme „Politi-
setzung zwischen NazigegenerInnen und gegnerInnen den übliche Polizeimaßnah- sche Informations Club“ eine Veranstal-
NeofaschistInnen kam es zu insgesamt men wie Personenkontrollen und Ta- tung in der Giesinger Gaststätte „Zur
15 Festnahmen durch die Polizei. Ein schendurchsuchungen unterziehen. Zahl- Freundschaft“ geplant. Diese wurde –
Journalist wurde verhaftet, nachdem der reiche auf die Protestveranstaltungen ge- mehrere Dutzend AntifaschistInnen hiel-
Münchner Neonazi Normand Bordin in richtete Polizeikameras rundeten das ten vor dem Lokal eine Protestkundge-
einer Internet-Veröffentlichung als Rä- Bild ab. Angriffsziel der Nazipropaganda bung ab – vom Wirt abgesagt. Der „PIC“
delsführer diffamierte. ist das selbstverwaltete Dorfener Jugend- verlegte seine Versammlung daraufhin in
zentrum. Im Gegensatz zu vielen ande- ein Lokal am Münchner Ostbahnhof.
Dorfen: Polizei setzt Nazipropaganda ren ländlichen Regionen ist es in Dorfen Zeitgleich trafen sich Neonazis in der
durch – Für den heutigen Samstag hat- bisher nicht gelungen, eine rechte Ju- Laimer Gaststätte „Waldfrieden“, darun-
ten Neonazis der NPD sowie aus dem gendkultur zu etablieren. ter der Anführer der Kameradschaft
Umfeld der Kameradschaft München ei- Das größte Hindernis sehen die München, Norman Bordin. Als mehrere
nen Aufmarsch unter dem Motto „Krimi- RechtsextremistInnen wohl im Jugend- AntifaschistInnen unter „Nazis raus“-
nellen keine Plattform bieten! JZ Dorfen zentrum Dorfen (www.jz-dorfen.de). Rufen das Lokal betraten, kam es zu
schließen!“ angekündigt. Circa hundert Schon die Tage zuvor gab die Stadt Dor- Handgreiflichkeiten zwischen den Nazi-
RechtsextremistInnen sahen sich dabei fen den Neonazis inhaltlich Rückende- gegnerInnen und anwesenden Neonazis.
mehreren hundert Gegendemonstranten ckung, indem sie dem Jugendzentrum Die später eintreffende Polizei nahm im
gegenüber. Nachdem der Abmarsch der untersagte, einen „antifaschistischen weiteren Umfeld des Lokals elf Personen
rechten Versammlung eine Stunde verzö- Biergarten“ sowie ein „Konzert gegen fest, am Ostbahnhof wurden drei weitere
gert wurde, setzten mehrere hundert Rechts“ zu veranstalten. Menschen festgenommen. (Nach Poli-
PolizistInnen den Aufmarsch durch. Bei zeiangaben wurde auch gegen zwei Per-
Straßenräumungen kam es immer wieder München: Proteste gegen Naziver- sonen Untersuchungshaft verhängt, diese
zu Polizeiübergriffen, Schlagstockeinsät- sammlungen führen zu Verhaftungen Information kann vom Er- l Seite 8

: antifaschistische nachrichten 12-2005 7


l mittlungsausschuss der Roten Hilfe bis nazis, deren Vorläuferorganisation Bom- Mitte der Gesellschaft betriebene Um-
zum Samstag abend nicht bestätigt wer- benanschläge vorbereitete, sondern bei deutung der deutschen Geschichte. Diese
den.) NazigegnerInnen, die dem braunen Trei- bereitet erst den Boden für die Aktivitä-
ben Einhalt gebieten wollen.“ ten der rechtsextremen NPD und deren
Polizei sieht Nazis offenbar als Hilfs- Die Rote Hilfe e.V. fordert die Einstel- Gerede vom „Bombenholocaust“.“
polizisten – Die Polizei übernahm da- lung aller Verfahren, die Herausgabe der pm ■
nach einfach die Darstellung der Neona- beschlagnahmten Gegenstände sowie die
zis: Nach deren Informationen hätten die Löschung der angefertigten Daten! Stadt Jena und Polizei wer-
eindringenden NazigegnerInnen mit http://de.indymedia.org/2005/06/118885
Stühlen und Aschenbechern geworfen .shtml fen der NPD das Versamm-
(vgl. Pressebericht der Polizei vom Rote Hilfe e.V. – Ortsgruppe München, lungsrecht zum Fraß vor
3.6.05). Die Darstellung der Antifaschis- Spendenkonto: Nr. 220 16-803, Jena. Ordnungs- und Rechtsamt der
tInnen sieht anders aus: Sie selbst seien Postbank München, BLZ 700 100 80 ■ Stadt Jena gebärden sich wie die Opfer
kurz nach Betreten der Lokals „Waldfrie- von Gesetz und Justiz, sind aber in Wirk-
den“ mit Reizgas, Stühlen und Wurfge- Köln: Rechte Mahnwache lichkeit selbst bereit, den Ausverkauf
schossen attackiert worden. Auch genügt grundgesetzlich geschützte Güter wie
der Polizei offenbar die bloße Einord- vor Polizeipräsidium des Demonstrationsrechts mit leichter
nung als Nazigegner, um auch am ande- Köln. Zwei Großraumtaxen reichten aus Hand einzuläuten.
ren Ende der Stadt Festnahmen zu recht- um die 19 Teilnehmer(innen) einer Mahn- Wenn die Stadt Jena jetzt behauptet,
fertigen, und diese dann im Nachhinein wache der rechtspopulistischen Gruppie- sie sei vom Oberverwaltungsgericht
in Zusammenhang mit den Ereignissen rung Pro Köln nach Beendigung ihrer Ak- Thüringen (OVG) gezwungen worden,
in Laim zu stellen. tion abzutransportieren. Mit Tafeln auf de- die Nazi-Veranstaltung „Fest der Völker“
Noch dreister ging die Münchner Poli- nen zur „Solidarität mit Dieter Klinger“ auf dem Gries zu genehmigen, obwohl
zei unter Führung des Staatsschutzdezer- aufgerufen wurde hatten sie sich vor dem dort bereits zwei antifaschistische Veran-
nates im Laufe der Nacht vor. Der Kölner Polizeipräsidium aufgebaut um staltungen angemeldet waren, so ist das
Rechtsextremist Norman Bordin veröf- den Skandal um den stellvertretenden Po- schlicht gelogen!
fentlichte in einem Internet-Beitrag die lizeipräsidenten auszuschlachten. Klinger, Vertreter der Stadt Jena haben selber
Aussage, „,Dr.‘ Nikolaus Brauns scheint der einer fundametalistisch-christlichen am Donnerstag, 9.6.05, den Gries als
Drahtzieher dieses Überfalles zu sein“. Freikirche angehört, war vor einigen Wo- Ausweich-Standort für das umstrittene
Der Journalist und Antifaschist Dr. chen in die Kritik geraten, weil er sich in Nazifest in mündlicher Verhandlung vor
Brauns war in der Vergangenheit schon einer Rede rassistisch geäußert hatte. dem OVG vorgeschlagen. Sie wussten,
mehrfach Opfer rechter Diffamierungen Vergeblich hatte die Führung der Köl- dass sie damit gegen das Erstanmelder-
und Bedrohungen. Diese bloße Diffa- ner Polizei versucht, die peinliche Soli- Privileg gleich zweier gegen die Nazi-
mierung eines bekannten Neonazis daritätsaktion zu verbieten. Ihre Begrün- Veranstaltung gerichteter Veranstalter
reichte der Polizei als Beweismittel, um dung war allerdings so an den Haaren verstießen! Mehr noch, das nicht orts-
Herrn Brauns in seiner Wohnung zu ver- herbeigezogen, dass das Verwaltungsge- kundige OVG war guten Glaubens, dass
haften, diese zu durchsuchen und zahl- richt das Verbot aufhob. Zu ihrem Schutz – nach Einschätzung der in der Verhand-
reiche Dinge zu beschlagnahmen, darun- hatte die Polizei allerdings zehn Mann- lung vertretenen Polizei und Ordnungs-
ter Computer, Notebook, Handy, Termin- schaftswagen in Stellung gebracht. Ein behörde – beide rivalisierenden Veran-
kalender und zahlreiche journalistische Bündnis antifaschistische Organisatio- staltungen auf dem Gries mit entspre-
und private Notizen. Juristisch begründet nen und Personen hatte zu einer Kundge- chender räumlicher Trennung möglich
wurden die Durchsuchung und Be- bung einige hundert Meter entfernt auf- sein könnten. (Zitat aus OVG-Entscheid
schlagnahmungen mit „Gefahr im Ver- gerufen und protestierte sowohl gegen siehe unten.) Welcher Art diese, im Eil-
zug“. Fünf(!) Stunden nach dem ursäch- die Provokation der Rechten als auch ge- verfahren höchst unübliche Anhörung
lichem Vorfall wurde kein richterlicher gen die Law-und-Order-Politik der Ord- auch gewesen ist und wer daran teilge-
Beschluss eingeholt. Dass diese Vorge- nungshüter, an die Pro Köln argumenta- nommen hat (etwa auch das Innenminis-
hensweise der Polizei höchstrichterli- tiv anknüpfen kann. Dort wies u.a. Öz- terium?), im Ergebnis sind in Gutsher-
chen Urteilen widerspricht, scheint im lem Demirel, Ratsvertreterin der PDS, renmanier die Rechte der betroffenen
Münchner Polizeipräsidium niemanden Klingers rassistische Positionen zurück. Anmelder missachtet worden.
zu stören. tri ■ Tatsache ist, dass auf dem Gries seit
Offensichtlich sind sich Münchner Po- langem (18.2.05) eine Kundgebung zum
lizei und Neonazis einig über den ge- Protest gegen Gedenken an die Massaker von Wehr-
meinsamen Feind: In Zukunft könnten macht und SS (u.a. in Distomo, Oradour
also willkürliche Beschuldigungen durch Preisverleihung für Gauck sur Glane, Lidice) für den 11. Juni 05 an-
Neonazis ausreichen, um zu Verhaftun- Frankfurt. Etwa 25 AntifaschistInnen gemeldet war und dass am 3.6.05 in Ab-
gen, Durchsuchungen, Beschlagnahmun- haben am Mittwoch abend vor dem Frank- sprache mit den „ersten Erstanmeldern“
gen und Gerichtsverfahren gegen Nazi- furter Rathaus gegen die Ehrung für den die Auftaktkundgebung einer antifa-
gegnerInnen zu führen. Bedrohlich ehemaligen Leiter der Bundesbeauftragten schistischen Demonstration „Gegen Ge-
schient dies auch, nach dem Münchner für Stasiunterlagen, Joachim Gauck pro- schichtsrevisionismus und die Verherrli-
Nazis schon seit längerem gezielt Fotos testiert. In Redebeiträgen warfen sie ihm chung des Nationalsozialismus“ dort
und persönliche Daten von Nazigegne- vor, eine Relativierung des Nationalsozia- noch zusätzlich von der Netzwerkstelle
rInnen sammeln. lismus zu betreiben. Ausserdem diffamiere gegen Rechtsextremismus Weimar ange-
Paula Schreiber, Pressesprecherin der er den Verband der Verfolgten des Nazire- meldet worden ist.
Roten Hilfe: „Wir protestieren aufs gimes (VVN). Die Demonstranten verteil- Wenn die Stadt nach der OVG-Ent-
Schärfste, dass die Münchner Polizei ten Flugblätter und hielten ein Transparent scheidung in Absprache mit der Polizei-
mittlerweile Nazis als Hilfspolizisten mit der Aufschritt „Opa war ein Nazi - direktion ausgerechnet den Gegende-
sieht und deren willkürliche Beschuldi- Deutsche Täter sind keine Opfer!“ monstrantInnen unter Missachtung ihrer
gungen zu Verhaftungen und Hausdurch- Die Sprecherin der antifa [f], Sahra Grundrechte die Nazis vor die Nase
suchungen führen. Offensichtlich sieht Brechtel, erklärte zu der Aktion: „Joachim setzt, so ist das als zynische Provokation
die Polizei die Gefahr nicht bei den Neo- Gauck steht beispielhaft für die aus der und Aufkündigung jeglicher Kooperation

8 : antifaschistische nachrichten 12-2005


Frankreich – Neue Immigrations- und Integrationspolitik

Zuckerbrot und Peitsche


Die regierende konservative Ein- Zunächst zum repressiven Flügel des sistische Antwort auf die laut geworde-
heitspartei UMP (gegründet Regierungsprogramm:. Wie der damali- nen Ängste zu geben, die sich vor allem
2002 neue Sammlungsbewe- ge Innen- und jetzige Premierminister gegen die „illegalen“ Einwanderer aus
gung von Neogaullisten, Liberalen und Dominique de Villepin bereits Anfang Afrika und Asien richten soll, da mit dem
Marktradikalen) bereitet sich darauf Mai dieses Jahres verkündete, schätzt die Osten der EU eine Neuzusammenset-
vor, das Thema „Immigration“ in den französische Regierung der derzeit „ille- zung des Arbeitskräftereservoirs ansteht.
kommenden Monaten erneut in den gal“ sich im Lande aufhaltenden Ein- Entsprechend verspricht Innenminis-
Mittelpunkt zu rücken. Premierminister wanderer (oder Sans papiers, also Ein- ter Sarkozy eine drastische Erhöhung der
Dominique de Villepin, der sich „100 wanderer „ohne Dokumente“, d.h. ohne „effektiv vorgenommenen Abschiebun-
Tage Zeit, um zu überzeugen“ gegeben Aufenthaltstitel) auf „200.000 bis gen. Nach vorliegenden offiziellen Zah-
hat und möglicherweise nur eine Über- 400.000“. Diese Schätzung ist wahr- len wurden 2001 insgesamt 9.227 uner-
gangsregierung anführt, hat die ersten scheinlich ziemlich realistisch. Diese il- wünschte, „illegale“ Einwanderer tat-
Tage seiner Amtszeit vor allem zu An- legalisierten und entsprechend prekari- sächlich abgeschoben. In den folgenden
kündigungen in den beiden Problembe- sierten Einwanderer bilden ein fest in Jahren stieg ihre Zahl auf 10.067 (2002),
reichen „Beschäftigungspolitik“ und den Bedarf der Wirtschaft eingeplantes dann 11.692 (2003) und später auf bisher
„Einwanderung“ gewidmet. Nach der Potenzial an „flexibel“ einsetzbaren Ar- geschätzte 16.000 im Jahr 2004. Das ist
Regierungserklärung vom Mittwoch, 8. beitskräften für bestimmte Sektoren wie u.a. auf den Druck von Nicolas Sarkozy,
Juni folgte am Donnerstag, 9. Juni ein die Bauindustrie, das Reinigungsgewer- der von Mai 2002 bis April 2004 bereits
Seminar der Regierungspartei UMP be (v.a. Gebäudereinigung, Putzen von einmal als Innenminister amtierte, auf
zum Thema „Immigration“. Ton ange- Glasfassaden usw.) und die Gastrono- die untergebenen Polizeiorgane zurück-
bend war hier sein große Rivale, der mie. Im Gegensatz zur jüngsten Maßnah- zuführen.
amtierende Innenminister und gleich- me der spanischen Regierung, die Für das laufenden Jahr 2005 verspricht
zeitige UMP-Chef Nicolas Sarkozy. 700.000 Einwanderer betrat, schloss der Sarkozy, der einem großen „Effektivi-
französische Regierungschef Villepin täts“kult (wobei „Effektivität“ sich bei ihm
Die französischen Sozialdemokraten jede „massenhafte Legalisierung“ aus. stets in Zahlen ausdrückt) anhängt, 25.000
sind der Ansicht, dass die bürgerliche tatsächlich erfolgte Abschiebungen.
Rechte es wahrscheinlich sogar zu einem Mehr Abschiebungen
der zentralen Wahlkampfthemen für das Die Position der grundsätzlich äußerst Quoten für erwünschte
„Superwahljahr“ 2007 machen wolle. Im wirtschaftsnahen, konservativen Regie- Neueinwanderer
übernächsten Jahr finden in Frankreich rung lautet, dass die Zahl der „illegalen“ Gleichzeitig spricht Sarkozy sich, unter
die kommenden Präsidentschafts- und Einwanderer heute jene der nützlicher- dem Begriff der „ausgewählten Zuwan-
wenige Wochen später die Parlaments- weise „vorrätig zu haltenden“ Arbeits- derung“ (immigration choisie), sich für
wahlen statt, in einem knapp Jahr Ab- kräfte tendenziell übersteige. Gleichzei- jährlich vorab festzulegende Quoten von
stand gefolgt von den frankreichweiten tig erwartet die bürgerliche Rechte von Neuzuwanderern aus. Dabei soll nach
Rathauswahlen. den Auswirkungen der EU-Osterweite- Kriterien, zu denen vor allem das Alter
rung, dass eine neue innereuropäische und die berufliche Qualifikation zählen
Die Grundlagen der künftigen Ein- „Billiglohnkonkurrenz“ auf den Arbeits- sollen, jedes Jahr neu das Ausmaß der er-
wanderungspolitik märkten entstehe. Sie bildete auch eines wünschten Neueinwanderer festgelegt
Der neue „Superstar“ der konservativen der zentralen Themen im jüngsten Ab- werden. Sarkozy denkt dabei vor allem
Rechten, Nicolas Sarkozy, will die Zu- stimmungskampf über die EU-Verfas- an „Facharbeitskräfte, Unternehmens-
wanderungspolitik nach zwei Seiten hin sung. (Die Mehrheit der linken Vertrags- gründer, Wissenschaftler und Universi-
kräftig weiterentwickeln. Also sowohl in gegner antwortete darauf freilich nicht tätsprofessoren“. Zum Vorbild hat er sich
den repressiven Bereich (gegen uner- durch Forderungen nach Hinauswurf das kanadische System erkoren, wobei in
wünschte Einwanderer) hinein, als auch dieser Arbeitnehmer, sondern nach ver- dem nordamerikanischen Land (das ei-
in integrativer Richtung bzw. im Sinne bindlichen Mindestlöhnen und EU-wei- nen sehr aufnahmefähigen Arbeitsmarkt
der Herausbildung einer (schmalen) ter Vereinheitlichung der Sozialstan- hat) allerdings deutlich großzügigere
„Elite“ aus der Einwanderungsbevölke- dards.) Die regierende Rechte versucht Quoten bestehen, als sie in Frankreich in
rung. nun, eine repressive und tendenziell ras- näherer Zukunft zu erwarten sind.

zu werten, die gespielte Betroffenheit als mit einem windigen Zeitargument die höhnung der Opfer des Holocaust ge-
reine Heuchelei. Grundrechte der Erstanmelder in ekla- prüft hat. Das ist der Beginn einer ver-
Auf den Widerspruch des Anmelders tanter Weise übergangen. Die Erstanmel- heerenden Normalität nazistischer Ver-
vor dem Verwaltungsgericht Gera am der sind gegen diesen haarsträubenden anstaltungen mitten unter uns.
Freitagnachmittag, erhielt man mit der Umgang mit gesondert geschützten Dankenswerterweise ist der Gries in
Ablehnung den lapidaren Hinweis, in der Grundrechten in Beschwerde gegangen den frühen Morgenstunden des Samstag
Kürze der Zeit lasse sich nicht mehr er- und erwägen im Nachgang eine Fortset- von rund 500 AntifaschistInnen friedlich
mitteln, wer nun Erstanmelder auf dem zungsfeststellungsklage. blockiert worden, so dass die Nazis auf
Gries gewesen sei. Da es jedoch niemals Im übrigen sei auch die Feststellung ein Grundstück außerhalb der Stadt aus-
eine Anmeldung von Wohlleben/NPD gestattet, dass offenbar niemand zu kei- weichen mussten.
für den Gries gegeben hat (sondern die nem Zeitpunkt ernsthaft die Inhalte der
Stadt Jena den Platz trotz Erstanmeldun- Nazi-Veranstaltung als möglichen Ver- Fritz Burschel, Netzwerkstelle gegen
gen ins Spiel brachte), hat auch das VG botsgrund wegen § 130 StGB und Ver- Rechtsextremismus ■

: antifaschistische nachrichten 12-2005 9


Im Februar 2005 hatte es noch eine öf- dener Wohnraum, Einkommen der ver- Unternehmen oder Universitäten“ orien-
fentliche Polemik zwischen Sarkozys da- sorgungspflichtigen Angehörigen in tierten Zuwanderungsregelung das Wort.
maligem Nachfolger im Innenministeri- Frankreich) gewacht werden. Auch solle Demnach sollen Betriebe und Hochschu-
um, Dominique de Villepin, und UMP- das Kriterium der „Integration“ der be- le jeweils „ihre“ Einwanderungskandida-
Chef Sarkozy gegeben. Damals hatte reits in Frankreich lebenden Familie ten schon bezeichnen dürfen, beispiels-
Sarkozy sich erstmals offen für Zuwan- schärfer geprüft werden. weise ehemalige ausländische Studen-
derungsquoten Ferner soll laut ten, die anlässlich ihres Berufsprakti-
eingesetzt. Vil- Sarkozy scharf kums oder Studienaufenthalts positiv
lepin hatte ihm gegen die „Umge- aufgefallen sind. Diese konkret bezeich-
widersprochen: hung der Regeln“ neten Kandidaten sollen dann Visa erhal-
Solche Quoten etwa durch ten.
widersprächen „Scheinheiraten“
der „republika- vorgegangen wer- Integrationsversprechen
nischen Traditi- den; die „ver- Der dritte Aspekt von Sarkozys Politik
on“ Frankreichs, dächtigen“ Ehe- ist die „gelungene Integration“. Zu ihr
die sich dadurch schlüsse mit Mig- soll beispielsweise die Einrichtung von
auszeichne, dass ranten können Aufnahmequoten für Kandidaten aus
alle Individuen aufgrund eines Einwanderer- und Unterschichtsvierteln
vor dem Gesetz von Sarkozy vor- (etwa in den Trabantenstädten) an den
gleich seien, bereiteten Geset- französischen Elitehochschulen beitra-
also durch den zes von 2004 nun- gen. Eine solche Quotenregelung exis-
Universalitäts- mehr systema- tiert bereits am Institut d¹Etudes Politi-
anspruch ihrer tisch durch die ques (IEP) in Paris, wo eine Elite aus den
Regeln. Domini- Staatsanwalt- allerbesten Absolventen der in „sozialen
que de Villepin schaft aufgescho- Problemvierteln“ gelegenen Schulen
trat durchaus Abschiebungen in Frankreich ben und überprüft aufgenommen wird, ohne dass diese das
auch für eine werden. Daneben normalerweise erforderliche und sehr se-
(am „Bedarf“ soll die Inan- lektive Aufnahmeverfahren bestehen
oder Nutzen für Frankreich) orientierte spruchnahme der medizinischen Nothilfe müssten. Sarkozy will so Kontingente
Steuerung der Einwanderung ein, aber AME, die auch „illegalen“ Einwanderern von 5 bis 10 Prozent der Plätze an Elite-
durch die Festlegung allgemeingültiger bei medizinischen Ernstfällen offen hochschulen für die Herausbildung einer
Spielregeln. So würden die Regeln etwa steht, beschränkt und kontrolliert wer- (Wissens-)Elite aus der Nachkommen-
für den Familiennachzug, die man je den. schaft der in Frankreich lebenden Ein-
nach Bedarf verschärfen oder abmildern wandererfamilien reserviert wissen.
kann, über das Ausmaß des Neuzuzugs Debatte um die Quote Bei diesem Programmpunkt des Semi-
entscheiden. Sarkozy trat dagegen dafür Die Idee der Quoten-Einwanderung hat nars der Regierungspartei vom 9. Juni
ein, dass der französische Staat vorab im übrigen bereits breitete Kreise gezo- kam es jedoch zu Unruhe im Publikum.
nach Zahlen bemessene Kontingente gen: Ein innerparteilicher „Untersu- Ein Teilnehmer griff etwa wutentbrannt
festlegen solle. chungsbericht“ des sozialdemokrati- zum Saalmikrophon und meinte, es be-
Nunmehr hat Sarkozy sich allem An- schen Parteivorstandsmitglieds Malek stehe „eine Unvereinbarkeit zwischen
schein nach durchgesetzt: In seiner Re- Boutih (ein Nachwuchspolitiker mit Kar- der christlichen und der muslimischen
gierungserklärung benutzte Villepin riereaussichten und Ex-Chef der sozial- Religion“, weshalb es eine unsinnige
selbst den Begriff der „ausgewählten Zu- demokratischen Sattelitenorganisation Vorstellung sei, „die Moslems integrie-
wanderung“, was der alt-neue Innenmi- „SOS Racisme“) spricht sich seinerseits ren zu können“. Das veranlasste den auf
nister Sarkozy als Triumph seiner Ideen für die Quotenidee bei der Zuwanderung dem Podium sitzenden Medizinprofessor
auffasste. Dabei vermeidet die neue Re- aus. Vergangene Woche wurde der „Rap- und Kardiologie-Experten Salem Kacet
gierung jedoch bisher die explizite Be- port“ von Malek Boutih jedoch durch die von der Universitätsklinik Lille (der über
nutzung des Begriffs „Quoten“, was auf französischen Sozialisten in die Schubla- seine eigene Erfahrung sagt: „Seitdem
den zurückliegenden Streit zwischen den de verbannt, da es stärkere innerparteili- ich Professor bin, höre ich mich nicht
beiden führende Köpfen der Regierung – che Widerstände gegen die Festlegung mehr als ,Araber‘ bezeichnen“) zu der
Villepin und Sarkozy – zurückzuführen der Einwanderung nach zahlenmäßig be- Unmutsäußerung: „Bei welcher Partei
ist. In der Sache scheinen die Dinge je- messenene Kontingenten gibt. bin ich hier eigentlich?“, offenkundig auf
doch klar darauf hinauszulaufen. Gegen die Quoten in der durch Sarko- die extreme Rechte anspielend. Ein an-
Dabei hat Sarkozy keinen Zweifel da- zy geplanten Form spricht sich der So- derer Teilnehmer aus dem UMP-Publi-
ran gelassen, dass die Einwanderung, die ziologe Patrick Weil aus, der 1997 die kum hielt der Forderung eines Podiums-
auf der Grundlage einer an Berufsbildern Grundlagen für die gesteuerte Einwande- diskutanten nach besser Vertretung der
bemessenen Bedarfsabschätzung erfol- rungspolitik des damaligen sozialdemo- Minderheiten in den Medien und vor al-
gen soll, auf Kosten der Zuwanderung kratischen Premierministers Lionel Jo- lem im Fernsehen entgegen: „Ich bin
durch Familiennachzug sowie aus huma- spin lieferte. Weil machte geltend, nach auch eine Minderheit, ich bin blond und
nitären Gründen gehen soll. Zwar möch- dem kanadischen System (das Sarkozy blauäugig!“ (Worauf der Podiumsteil-
te er die drei Kategorien (Einwanderung offiziell zum Vorbild erkor) würde nur nehmer Amirouche Laïdi antwortete:
aus wirtschaftlichem Bedarf, aus familiä- die Qualifikation der Neuzuwanderer „Ja, aber Sie erleiden keine gewalttätigen
ren Gründen, Duldung aus humanitären festgelegt; dies garantiere jedoch nicht, Polizeikontrollen!“)
Motiven) im Prinzip beibehalten. Doch dass für diese auch ein konkreter Ar- Bis die reaktionäre Parteibasis also mit
kündigte der Innenminister gleichzeitig beitsplatz vorhanden sei. So könnte in den Erfordernissen einer, am Bedarf der
eine Verschärfung der Regeln bzw. der Kanada ein Hochschullehrer, der auf- modernen Ökonomie orientierten Zu-
Praxis beim Familiennachzug an: Künf- grund seiner Qualifikation einwandern wanderungspolitik versöhnt sein wird,
tig solle „rigoroser“ auf die Einhaltung durfte, auch im Endeffekt als Taxifahrer hat die Regierung also anscheinend noch
der Bedingungen für den Familiennach- arbeiten. Patrick Weil spricht deswegen zu tun.
zug (dabei gelten Kriterien wie vorhan- einer stärker am konkreten Bedarf „von Bernhard Schmid, Paris ■

10 : antifaschistische nachrichten 12-2005


: ausländer- und asylpolitik
Na Mahlzeit, Frau Stewens! Grenzenlos begrenzt? Migranten in ihrem Landkreis zu verblei-
München. Ein Monat Boykott von Es- Migrationspolitik in Jena ben haben, solange ihr Asylverfahren nicht
senspaketen. – Seit genau einem Monat abgeschlossen wurde, ist nach Ansicht von
wird in einer Münchner Asylunterkunft Jena. Sie werden in Menschenrechten be- Herrn Rüdiger Strosche sicher eine Schi-
die Zwangsversorgung mit Essenspake- schnitten. Sie werden auf strikt festgeleg- kane, sollte jedoch nicht als Menschen-
ten boykottiert. Immer mehr Menschen tem Terrain gefangen gehalten und unter rechtsverletzung bewertet werden.
und Gruppen unterstützen den Kampf Kontrolle gestellt. Wer raus will, muss das Nichtsdestotrotz, das Thema Migration
gegen Bevormundung und Mangelver- beantragen. Aber meist besteht die Mög- ist ein ausgegrenztes. Der Ausgrenzung
sorgung. Ehrenamtliche sammeln Es- lichkeit gar nicht dazu – unter anderem aus entgegen zu wirken heißt auch, denjenigen
sensspenden und stellen Autos zur Verfü- finanziellen Gründen. Und das, obwohl sie Gehör zu schenken, die betroffen sind.
gung, Studenten machen ein Filmprojekt sich keiner Straftat schuldig gemacht ha- Das fällt jedoch schwer, wenn man nur
und Kinder werden ehrenamtlich betreut. ben. – So zumindest mutet das Bild an, zweifelhafte Einzelfallbeispiele und emo-
Mehr als 2000 Euro wurden für die Not- welches von einigen betroffenen Migran- tionsmachende Propaganda vermittelt be-
versorgung schon gespendet. Mit einer ten in der Selbstdarstellung und in ihren kommt.
Postkartenaktion soll Sozialministerin Publikationen vermittelt wird: Versteht man den Film als das, wozu ihn
Stewens nun zum einlenken gebracht Die Filmtour „Menschen unter Land- die Organisatoren verwenden, nämlich als
werden. SPD, Grüne und der Ausländer- kreisarrest“, organisiert von THE VOICE politisches Instrument, versteht man ihn
beirat bezogen öffentlich Stellung gegen – Refugee Forum Jena; der JAPS (=Ju- falsch. In einer Rezension von Amon
die teure Schikane. gend-Aktions-und Projektwerkstatt) und Brandt heißt es: „Forst will scheinbar nicht
„Na Mahlzeit, Frau Stewens“ steht auf dem Internationalen Stundentennetzwerk verhandeln, noch will er Dialog, ist weder
den Protestpostkarten, die bald das Post- Weimar in Zusammenarbeit mit der Ger- reflexiv noch kritisch gegenüber seiner ei-
fach der bayerischen Sozialministerin berstr. 1, ist Anlass zur Erinnerung und genen Botschaft und Position” – so lässt
Stewens füllen sollen. 2 000 Karten sol- gleichzeitig ein Versuch von Vermittlungs- sich keine Politik machen. So lässt sich
len die Ministerin daran erinnern, dass es arbeit. Ziel der Tour sollte es sein, für die aber zweifelsohne künstlerisch die Augen
nach geltender Gesetzeslage jederzeit Lage der Migranten in Thüringen zu sensi- öffnen. Augen für eine neue Richtung.
möglich wäre, Bargeld statt Sachleistun- bilisieren und aufmerksam zu machen. Zeichen dahingehend gibt es bereits:
gen auszuzahlen, wie es in den meisten Der künstlerische Dokumentarfilm das neue Asylbewerberheim befindet sich
anderen Bundesländern üblich ist. „Forst” war von Mitte bis Ende Mai in heute, seit nunmehr fast anderthalb Jahren,
Dies fordern auch 56 Flüchtlinge in Jena, Weimar, Erfurt und Eisenberg zu se- mitten in Lobeda in einem alten Kinder-
dem Barackenlager in der Emma-Ihrer- hen. Drumherum gab‘s Informationen, garten in der Carolinenstraße. Und zeigt,
Str. 8 in München, die seit dem 3. Mai Dokumentationen, Gespräche. dass man scheinbar trotz der Befürchtun-
die Annahme der Pakete verweigern. Ei- Das Flüchtlingsheim Forst ist geschlos- gen der Anwohner bisher sehr friedlich zu-
gentlich sollen Flüchtlinge von der Pa- sen. Die Gründe sind einfach: Die Zustän- sammenleben kann.
ketversorgung leben können. „Wir müs- de waren nicht mehr haltbar, die Unter- Katja ■
sen trotzdem einkaufen gehen, weil in bringungsmöglichkeiten nicht mehr men-
den Paketen nichts drin ist, was wir brau- schenwürdig. Eine Renovierung oder Res-
chen können. Ich muss noch Brot, Tee, taurierung wäre zu teuer geworden. Die
Joghurt kaufen, etwas zu kochen.“ er- Schließung folgte. Bis dahin jedoch war
klärt eine Frau aus Syrien, die den Boy- der Forst, als einzige Erstaufnahmestelle
kott mitorganisiert. „Das Brot zum Bei- in Thüringen, über einen Zeitraum von fast
spiel langt nur für einen Tag, ich mag es zehn Jahren hinweg Unterkunft für teil-
eigentlich gar nicht.“ Das „Brot“ ist eine weise bis zu 500 Flüchtlinge. Im Gespräch
Plastikpackung mit Semmeln. mit Herrn Rüdiger Strosche, Mitglied bei
Damit die Boykottierenden nicht hun- Amnesty International Jena und langjähri-
gern müssen, wurde eine Notversorgung ger Berater im Forst, ergab sich jedoch
organisiert. Jeden Dienstag, Freitag und eine etwas differenziertere Lage der Mig-
Samstag sammeln Ehrenamtliche Le- ranten in Jena. Der Forst war Inbegriff der
bensmittelspenden. Münchner Lebens- Ausgrenzung. Ohne Zweifel. Aber Jena
mittelläden und die Gemüsehändler am nimmt da keine Sonderstellung ein, son-
Großmarkt spenden gerne. Vom türki- dern ist vielmehr konkret gewordener Pro-
schen Bäcker bis zum Dorfener Bio-An- totyp. Es ist kein Zufall, dass der Ort ge-
bau werden Lebensmittel zur Verfügung wählt wurde. Geografisch ausgegrenzt am
gestellt. Von den Spenden können äußersten Stadtrand, mitten im Wald, ohne
Flüchtlinge selbst das übrige kaufen. öffentliche Verkehrsanbindung – das alles
2300 Euro wurden bisher gespendet. Ob- lässt nicht darauf schließen, dass die Mi-
wohl es nur eine Notversorgung ist, sind grationspolitik auf Integration ausgerichtet
die Flüchtlinge zufriedener als mit den war. Dennoch darf man hier nicht vor-
Essenspaketen, da ausreichend Obst und schnell urteilen: Die Erstaufnahme ist, wie ab 14.30 Uhr bis ca. 20 Uhr
Gemüse sowie frisches Brot in die der Name bereits vermuten lässt, nur die Veranstalter: Humba e.V., Jugendzen-
Emma-Ihrer-Str. kommt. erste Anlaufstelle für Asylbewerber und trum „Bauspielplatz Friedenspark“
Pressekontakt: nur für einen begrenzten Zeitraum bis zum e.V. und engagierte Einzelpersonen,
Karawane für die Rechte der Flüchtlinge Bescheid über das Asylverfahren. Danach in Kooperation mit dem NS-Doku-
und MigrantInnen: Tobias Klaus, können die Asylbewerber, so sie lückenlos men-
Tel.:0178-2121927, nachweisen können, dass sie nicht auf dem tationszentrum der Stadt Köln
E-mail: kara-m@gmx.de Landweg nach Deutschland gekommen Info:
Bayerischer Flüchtlingsrat: sind, ganz normal leben. www.edelweisspiratenfestival.de, Tel.
Matthias Weinzierl, Tel.: 089-762234, Die von der Gegenpartei viel beschwo- 0221-9 32 22 11
E-mail: bfr@ibu.de ■ rene Residenzpflicht, die besagt, dass die

: antifaschistische nachrichten 12-2005 11


: neuerscheinungen, rezensionen

Neues Buch bauen wollte. Gegenwärtig fasst. Ihr Appell: „Wir müssen witz, Buchenwald und Mittel-
„Sie marschieren liegen diese Pläne aus juristi- die Erinnerung an die Vergan- bau-Dora wie durch ein Wun-
schen Gründen auf Eis. Prota- genheit wach halten und die der überlebt.
wieder ...“: gonisten dieser Heisenhof- Auseinandersetzung anneh- Seine furchtbaren Erlebnis-
Bremer Tageszeitung ver- Nutzung werden porträtiert, men mit allen, die auch heute se in der Nazizeit haben den
stärkt ihre Offensive gegen etwa der stellvertretende noch die Verbrechen des Na- jetzigen Bremer Landesvorsit-
Rechts NPD-Landesvorsitzende tionalsozialismus verharmlo- zenden des Verbandes deut-
Adolf Dammann, der „braune sen, verklären oder gar ver- scher Sinti und Roma ver-
Bei der Beschäftigung Chirurg“ Rigolf Hennig aus herrlichen und Hass gegen ständlicherweise bis heute
mit rechtsextremisti- Verden und verschiedene Ver- Fremde und Minderheiten nicht losgelassen. Er schreibt:
schen Aktivitäten in treter der nachwachsenden säen.“ Notwendig seien „Manchmal liege ich abends
ihrem Verbreitungsgebiet ge- Nazigeneration. Nicht zuletzt Wachsamkeit, Zivilcourage im Bett und sehe ihre Gesich-
hen die Bremer Tageszeitun- wird aber auch dargestellt, und engagiertes Einstehen für ter deutlich vor mir: das mei-
gen AG und ihr Flaggschiff wie sich in Dörverden und die demokratischen Grundla- ner Mutter Maria, meines Va-
„Weser-Kurier“ vorbildlich Umgebung der Widerstand gen der Gesellschaft. ters Peter, der Schwestern
voran. Sie suchten und suchen gegen die Nazis formiert und Einen Gastbeitrag zu dem Gertrud, Elisabeth, Lydia und
die offensive Auseinanderset- wie er in Hetendorf bereits er- Buch hat auch der ehemalige Ramona, meines Bruders Gre-
zung in Form von zahlrei- folgreich war; dort wurde ein bremische Bürgermeister gor, das von Großmutter und
chen, bewusst parteiisch ge- rechtsextremistisches Schu- Hans Koschnick, bis Novem- all den anderen. Niemand von
haltenen Artikeln. lungszentrum geschlossen. ber 2004 Vorsitzender der ihnen hat Auschwitz überlebt,
Nun intensiviert der Verlag Besonderen Reiz erhält Vereinigung „Gegen Verges- selbst die Fotos haben mir die
diese Auseinandersetzung mit „Sie marschieren wieder ...“ sen – für Demokratie“ erstellt. Nazis genommen – und doch
den Ultrarechten weiter – durch bestimmte Bezüge zur Der SPD-Politiker betont da- erinnere ich mich genau an
durch ein 107-seitiges Buch nationalsozialistischen Ver- rin: „Der Rechtsextremismus sie. Ich wundere mich, dass
mit dem Titel „Sie marschie- gangenheit, die gerne „verges- bezieht einen großen Teil sei- ich noch lebe. Warum gerade
ren wieder ...“. sen“ werden. Dazu gehören ner Kraft aus der stillen Zu- ich?“
Darin werden diverse Bei- NS-Kultstätten im Bremer stimmung weiter Teile der Be-
träge im „Weser-Kurier“ do- Umland wie der Sachsenhain völkerung und aus der Gleich- „Erinnerung muss in den
kumentiert. Unter anderem in Verden, der Niedersachsen- gültigkeit anderer Teile der Viehwaggons mitfahren“
wird unter dem Titel „Spinnen stein in Worpswede und das Bevölkerung. Wo der Rechts- Diese Frage des „Warum ge-
an braunen Netzen“ geschil- Schlageter-Denkmal bei Vis- extremismus stark ist, ist die rade ich?“ beschäftigt den in
dert, wie Bremer Neonazis im selhövede. Auf „Ahnenstät- Demokratie schwach.“ Bremen lebenden Hanstein
Untergrund an einer „Volks- ten“ in Conneforde und in Das Buch schon ein Leben lang. Sie hat
front von rechts“ arbeiten. Ei- Hilligenloh werden auch heu- „Sie marschieren wieder..“ ihn ähnlich geprägt wie die
nes der Paradebeispiele für te noch bekennende Nazis zur (ISBN 3-938795-00-X) Erfahrung, dass die Nazis sei-
das weitere Verschwimmen letzten Ruhe gebettet. Eine kostet 2,50 Euro. ne Menschenwürde und Sen-
von sowieso nicht besonders nazistische Vergangenheit hat Thomas Klaus ■ sibilität für andere schwer er-
stabilen Grenzen gibt der ehe- aber zum Beispiel auch die schüttern konnten. Ewald
malige NPD-Landesvorsitzen- weltberühmte Böttcherstraße Hanstein schildert: „Ich war
de Jörg Hendrik Wrieden ab, in Bremen. Nach 1945 Häftling Z 8181. Ein eigenes
der heute den NPD-Ortsver- Das Vorwort zu der Publi- Leben gab es nicht. Die SS
band Bremen-Nord leitet. kation stammt von „Weser- verschwand der leistete ganze Arbeit. Ihre
Wrieden wurde wegen Volks- Kurier“-Verleger Herbert C. Schrecken nicht Gleichgültigkeit färbte auf
verhetzung rechtskräftig ver- Ordemann. Er schreibt: „Die Biographie des KZ-Überle- uns ab. Nach kurzer Zeit
urteilt, nachdem er per NPD- konsequente Unterdrückung benden und Sinto Ewald schon waren einem die Mit-
Fax eine Mitteilung der Skin- des freien Wortes war eine Hanstein erschienen menschen egal. Man dachte
head-Organisation „Blood & wesentliche Ursache für den nur noch an sein eigenes Le-
Honour“ verbreitet hatte. In Erfolg der Nationalsozialis- „Meine hundert Leben“ ben: Wie komme ich hier
ihr war unter anderem zum ten. Die demokratischen Sie- (Untertitel: „Erinnerun- raus, wie überlebe ich das?“
Schießen auf Polizisten aufge- germächte hielten deshalb zu gen eines deutschen Und weiter: „Nicht nur das
rufen worden. Recht die Errichtung einer Sinto“) hat Ewald Hanstein Leben nahm man uns, man
Der braune Rand der Ju- freien Presse für unverzicht- sein Buch genannt. Und in der beraubte uns auch der Men-
gendszenen Dark Wave und bar.“ Wer als Zeitzeuge da- Tat: Er hat ein bewegtes Le- schenwürde. Das geschah be-
Black Metal wird ebenso be- mals die Entwicklung des Na- ben mit vielen Stationen hin- sonders durch die Art, wie wir
leuchtet wie der destruktive tionalsozialismus miterleben ter sich, unter anderem als unsere Notdurft verrichten
Einfluss von Rechtsrock, den musste – so Ordemann –, der Volkspolizist in der DDR und mussten. Die Latrine war eine
Neonazi-Kameradschaften erfahre heute mit der Ent- Musiker in Bremen, als Baracke mit einem langen
und die NPD beispielsweise wicklung des Neofaschismus Schlosser beim Automobilun- Balken und einem Graben da-
über Gratis-CDs in Umlauf „eine unheimliche Duplizität ternehmen Borgward und In- runter. Frauen, Männer und
bringen; diese werden bevor- der Ereignisse“ und erkenne haber eines Bekleidungsge- Kinder saßen eng beieinander,
zugt auf Schulgeländen ver- die daraus entstehende Gefahr schäftes im Harz, als Gastwirt ob sie sich kannten oder
teilt. Einen breiten Raum in für unser Land. Bremens Bür- und als Scherenschleifer, als fremd waren. Es gab keine
dem Buch der Bremer Tages- germeister und Senatspräsi- Tanzlehrer und als Gebraucht- Scham, für uns eine besonde-
zeitungen AG nimmt der Hei- dent Dr. Henning Scherf zum wagenhändler. re Erniedrigung. Gerade bei
senhof in Dörverden ein, den einen und Niedersachsens Mi- Vor allem aber hat Ewald uns Sinti und Roma ist der
der bekannte Rechtsextremist nisterpräsident Christian Hanstein (Jahrgang 1924) sei- Respekt des Mannes vor der
Jürgen Rieger offenbar zu ei- Wulff zum anderen haben das nen Leidensweg durch die Frau so wichtig. Wehe dem,
nem Schulungszentrum aus- Geleitwort zu dem Buch ver- Konzentrationslager Ausch- der woanders hinging – den

12 : antifaschistische nachrichten 12-2005


schlugen sie auf der Stelle über den Ermordeten und ih-erst recht nicht auf die Rolle salsmächten, Entkontextuali-
tot.“ ren Angehörigen, gegenüber der Deutschen in der Nazi- sierung, Entkausalisierung,
Beklemmend wird das 168- den Überlebenden.“ Das Erin-
Diktatur Bezug nahm, sich da- Segmentierung und Parzellie-
seitige Buch nicht zuletzt nern appelliere an unsere Ver-
für aber um so häufiger in kon- rung von Geschichte“ eine
durch die Tatsache, dass die antwortung. Es schärfe unser
textarmen persönlichen Erleb- Wahrnehmung der Kinobesu-
Verfolgung nach der Befrei- moralisches Empfinden und nisberichten und Einschätzun- cher bewirkt, „wonach alle
ung vom Naziregime nicht zu unsere demokratische Wach- gen erging. Ein Trend, der bis ein bisschen Opfer und ein
Ende war. Der Schrecken sei samkeit. zum Jahrestag selbst unter bisschen Täter waren“.
nach 1945 ebenso wenig aus Das Buch „Meine hundert massiver Verstärkung fortbe- Die in den vergangenen
unserem Leben verschwunden Leben“ entstand mit Hilfe des
stand. Wochen masssenhaft zu le-
wie die Nazis aus den deut- Freien Journalisten Ralf Lo- Diesem spezifischen Aus- senden, zu hörenden und zu
schen Amtsstuben, legt Ewald renzen. Das Geleitwort bruch von Gedenkkultur ist sehenden Berichte unter Ti-
Hanstein dar. Denn: „Im Wes- stammt von Bremens Bürger- das im Frühjahr erschienene teln wie „Mein Kriegsende“
ten wie im Osten wurden wir meister und SenatspräsidentBuch „Ein Untergang als Be- belegen, dass der „Unter-
weiter als Menschen zweiter Dr. Henning Scherf. freiung – Der 8. Mai 1945 und gang“-Produzent mit dieser
Klasse behandelt und mussten die Folgen“ gewidmet, das der Darstellungsweise in einem
uns die Bürgerrechte mühsam Ewald Hanstein, Meine hun- Kölner Politikwissenschaft-ler breiten Strom mitschwimmt.
erkämpfen.“ Ein Beispiel da- dert Leben – Erinnerungen Michael Klundt herausgege- Dessen Richtung ist eher ge-
für: Im August 1949 wurden eines deutschen Sinto –, ben hat. In dreizehn Aufsätzen prägt vom „Legitimationsbe-
die so genannten Zigeunerla- Donat-Verlag, ISBN und Interviews beleuchten ver- dürfnis einer Politik, die bald
ger im Bremer Stadtgebiet 3-934836-94-1, 168 Seiten, schiedene Autoren vielfach nach 1945 beim Aufbau des
aufgelöst und die Bewohner 51 Abbildungen, 12,80 Euro vernachlässigte Aspekte der Staatsapparates lieber auf alte
unter Polizeiaufsicht zum neu Diskussion um den 60. Jahres- Nazis setzte als auf Antifa-
eingerichteten Sammellager tag und stellen ausge- schisten“. Günther Judick,der
Riespott gebracht. Erst in den blendete Zusammenhän- diese Feststellung in seinem
siebziger Jahren kam heraus, ge her. Aufsatz über „Faschismus,
dass der Riespott ein Neben- Anpassung und Widerstand“
lager des KZ Neuengamme Geschichtsrevisionis- trifft, stellt dagegen den
gewesen war. Dabei sind Orte, mus Schwur der befreiten Häftlin-
an denen Menschen umge- In der Einleitung warnt ge des KZ Buchenwald: „Der
kommen sind, für Sinti als Klundt vor einem Ge- Aufbau einer neuen Welt des
Wohnort absolut tabu. schichtsrevisionismus, Friedens und der Freiheit ist
Voller Zorn kommentiert der auf eine Verharmlo- unser Ziel.“ Und er urteilt:
Hanstein das Verhalten der sung der Rolle der „Die Lösung dieser Aufga-
Behörden: „Wie krank müs- Deutschen vor und im ben steht noch immer aus.“
sen die Köpfe der Verantwort- zweiten Weltkrieg und Der Historiker Kurt Pätzold
lichen im demokratischen einen geschichtspoliti- stellt fest, dass „die deutsche
Bremen gewesen sein, Dut- schen Paradigmenwech- Gedenkkultur ... weitestge-
zende Auschwitz-Überleben- sel hinausläuft. hend auf dem Hund“ ist, und
de auf dem Grund eines ehe- Zwar kann heute im macht dies ebenfalls am Film
maligen Konzentrationslagers Rückblick auf den Jah- „Der Untergang“ fest. Er sieht
zusammenzupferchen, nur um restag nicht behauptet in diesem Film den Ausdruck
sie aus den Augen ihrer Be- werden, dass es in gro- eines „Anspruch(s) auf ein
völkerung zu haben.“ ßem Um-fang zu offe- 'nicht schuldig' „und „äußers-
Trotz solcher Erfahrungen ner und öffentlicher Ge- te(r) intellektuelle(r) Genüg-
ließ sich Ewald Hanstein schichtsfälschung, zu explizi- samkeit“.
nicht entmutigen. Seit fast 30
Ein deutsches ter Leugnung von Schuld und
Jahren engagiert er sich für Gedenken Täterschaft der Deutschen ge- Selbstgefällige
die Rechte seiner Minderheit Michael Klundts kommen sei. Trotzdem haben Deutschtümelei
und tritt in Schulen oder ande- Aufsatzsammlung sich in viel-facher Weise die Den 60. Jahrestag der Befrei-
ren Stätten als Zeitzeuge auf. „Ein Untergang als Befürchtungen des Herausge- ung sah Pätzold als Anlass,
Zum Thema „Erinnerungs- Befreiung“ vor dem Hinter- bers bestätigt. „kritisch zu prüfen, was aus
pflege“ macht er sich in sei- grund des 60. Jahrestags den seinerzeitigen Entwürfen
nem Buch ebenfalls Gedan- des 8. Mai 1945 Das Filmbeispiel für ein anderes, ein neues
ken: „Wir brauchen keine Er- Ausführlich macht Klundt Deutschland geworden ist“.
innerung, die zum toten Ritual dies fest am Film „Der Unter- Für die tatsächliche Gestal-
geworden ist. Wir brauchen „So viel Hitler gang“. Er weist auf, wie in tung der öffentlichen Gedenk-
keine Erinnerung, die die war nie“... diesem heftig bejubelten Film feiern sah er allerdings mehr
Konfrontation mit den Opfern ... stellte der Histori- aus der Mitläuferperspektive die „Gefahr ..., sich selbstge-
und Tätern scheut, die das Ge- ker Norbert Frei im Oktober „psychodynamische Abwehr- fällig zu versichern, wie herr-
wissen entlastet. Wir brau- letzten Jahres in der „Zeit“ mechanismen wie Abspal- lich weit wir es doch gebracht
chen eine Erinnerung, die mit- fest. Er markierte damit einen tung und Verleugnung“ akti- haben“. Und die Berliner
fährt in den Viehwaggons, die Trend der Medienberichte und viert werden, auf „Mitleidsef- Rede des Bundespräsidenten
an der Rampe steht, die die -Kommentare, der sich schon fekte und eine vorbewusste Köhler zum 8. Mai hat Pät-
Gesichter sieht und die seit längerem im Vorfeld des Mythisierung der Nazi-Eli- zolds Vermutung mit dem in-
Schreie hört. Wir brauchen 60. Jahrestags des Kriegsen- ten“ gesetzt wird. Er wirft zwischen schon zum Mar-
eine Erinnerung, die Ausch- des am 8. Mai 1945 abzeich- dem Produzenten die bewusst kenzeichen gewordenen Mix
witz in unser Gewissen ein- nete: eine Form des Geden- inszenierte „Abwesenheit von aus neoliberalen Glaubenssät-
brennt. Das Erinnern ist zuerst kens, die selten auf histori- Ge-schichte“ vor, die durch zen und hohler Deutschtüme-
ein moralisches Gebot gegen- sche Zusammenhänge, und „die Be-mühung von Schick- lei vollauf bestätigt.

: antifaschistische nachrichten 12-2005 13


Keine Selbstbefreiung trin, die die Sowjetunion und vor einem „geschichtspoliti- Hitlers Volksstaat –
die DDR locker mit dem deut- schen Paradigmenwechsel“ eine hoch-
Peter Gingold sieht im Rah- schen Faschismus gleichsetzt. rechtfertigen.
men seines Beitrags die „ei- Einen entsprechend breiten interessante These
gentlich große Tragik in jüngs- Raum nahmen vor diesem Lücken Götz Aly ist Historiker, aber
ter deutscher Geschichte“ da- Hintergrund auch die persön- Einen von den erwähnten Tota- keiner von der etablierten
rin, dass die Hauptverantwort- lichen Berichte vom Kriegs- litarismustheoretikern im Vor- Sorte. Derzeit ist er unter-
lichen für Faschismus und ende ein, die immer wieder feld des 60. Jahrestages eben- wegs, um sein Buch „Hitlers
Krieg nicht durch Widerstand Übergriffe des sowje-tischen falls vielfach bemühten The- Volksstaat“ vorzustellen.
aus der Bevölkerung, sondern Militärs im Zuge des Vorrü- menkomplex hat Klundt leider
von außen zur Strecke ge- ckens auf deutsches Territori- außen vor gelassen: das Pro-In seinem Vortrag betonte Aly,
bracht wurden. So wurden ent- um schilderten. blemfeld der Vertreibungen. dass die Voraussetzung für
sprechend das Kriegsende und seine Arbeit in den letzten
Gerade weil sich die deutsche
die Entmachtung des Nazi-Re- Totalitarismusdoktrin Jahren eine Art Tabubruch
Linke traditionell schwer tut,
gimes nur von einem kleinen Der Herausgeber Michael war. Bisher hatten deutsche
zu diesem Komplex eine diffe-
Teil der deutschen Bevölke- Klundt stellt in seinem Artikel renzierte Positon zu entwi- Historiker die Kollaboration
rung tatsächlich als Befreiung „Vom Antifaschismus zur To- in den vom Hitlerfaschismus
ckeln, ist hier gründliche Nach-
empfunden. Und bis heute ist talitarismusdoktrin“ klar, dass eroberten europäischen Län-
arbeit erforderlich, damit nicht
eher die Rede vom „Zusam- es in der Tat vielfach zu sol- weiterhin die zweifelhaften dern nicht untersucht, weil sie
menbruch“, vom besagten chen Übergriffen kam, dass vertreibungspolitischen My- sich nicht dem Verdacht aus-
„Untergang“ oder von der Sie aber „nicht etwa – wie oft setzen wollten, Teile der
then konservativer Landsmann-
„Stunde Null“. Offiziell wurde behaptet – zugelassen oder schaftler das Thema dominie-Schuld für die Naziverbre-
in der Bundesrepublik der Be- gar angeordnet“ waren. Noch ren. chen andern anzuhängen. Nun
griff „Befreiung“ für den 8. vor Kriegsende, am 20. April Gerade das Fehlen solcheraber sei die Situation in eini-
Mai 1945, wie der Artikel von 1945 hatte Stalin in einem ge- gen Ländern erfreulich an-
Präzisierung aus demokratisch-
Stefan Doernberg aufzeigt, sonderten Befehl auf das historischer Sicht machte esders, insofern dortige Histori-
erstmals vierzig Jahre später strikte Verbot von Mißhand- mög-lich, dass die FAZ es zur
ker selbst mit der Aufarbei-
durch den damaligen Bundes- lungen, Plünderungen und Aufgabe des 60. Jahrestages tung dieses Themas begonnen
präsidenten von Weizsäcker Vergewaltigungen hingewie- erklären konnte, „den eigenen
haben. Aly hat sich dabei auf
verwandt. Aber weitere zwan- sen und gegen zuwider Han- Gefallenen, Vermißten, zur die finanziellen Aspekte kon-
zig Jahre später wird „der 8. delnde wurde „seitens des Zwangsarbeit Verschleppten zentriert und ist zu bemer-
Mai 1945 ... meist absichtlich sowjetischen Oberkomman- und bei der Vertreibung Umge-
kenswerten Thesen gekom-
wert-neutral als Tag des dos wie der einzelnen Trup- kommenen ein würdiges An- men.
Kriegsendes“ bezeichnet. penkommandeure ... oftmals denken zu bereiten.“ Im Fall von Ungarn bei-
hart durchgegriffen“. Und ein weiterer Aspekt spielsweise betrugen die Be-
Gefährliche Das in der Berichterstattung hätte anlässlich des Gedenkta-
satzungskosten, die von
Wertneutralität dominierende und auch zum ges der Erwähnung bedurft: Deutschland gefordert wur-
Wie gefährlich diese Wertneu- 60. Jahrestag immer wieder Die Tatsache nämlich, dass den, 100% des ungarischen
tralität ist, zeigt Ester Bejrano nachgezeichnete Bild ist aber sich Deutschland wieder tat-Staatshaushalts. Wie sollte
mit der Feststellung, dass heu- nach wie vor das einer grausam kräftig von der Losung „Nie man so viel Geld aufbringen?
te wieder mit größter Dreis- und unmensch-lich marodie- wieder Krieg!“ entfernt – be-
Durch Enteignung der Juden.
tigkeit „Neonazis in vielen renden Sowjetsolda-teska. Und ginnend mit der Remilitarisie-
In der Tat wurden die Juden in
Städten aufmarschieren, ge- auch dieses Bild hat seinen rung der 50er Jahre und mit Ungarn in wenigen Monaten
schützt von der Polizei, wäh- Stellenwert in der offenen oder dem vorläufigen Höhepunkt enteignet, deportiert und er-
rend Gegendemonstrantinnen schleichenden Geschichtsrevi- der gewollten und aktiven mi-
mordet. Dieses Modell funk-
und -demonstranten von der sion der letzten Jahre, die für litärischen Teilhabe an völker-
tionierte in allen unterworfe-
Polizei verprügelt und festge- das Kriegsende „von Westen rechtswidriger Kriegsführungnen Ländern außer Belgien –
nommen werden“. die Befreier, von Osten die Be- im Kosovo. Belgien weigerte sich, die Ju-
Dies war wohlkalkulierter- satzer“ kommen sieht. Gerade diese Entwicklung den zu enteignen.
weise am 60. Jahrestag in Vor diesem Hintergrund und vor allem ihre Institutio- Eine weitere Einnahme-
Berlin ausnahmsweise nicht konnte es sich folgerichtrig nalisierung in nationalem, eu-
quelle für den Staat waren die
der Fall. Da sollte stattdessen zum 60. Jahrestag des 8. Mai ropäischem und transatlanti-Zwangsarbeiter. Sie mussten
der Welt demonstriert werden, die FAZ leisten, die unsägli- schem Maßstab, macht mah- hohe Steuern und Sozialbei-
wie entschlossen die deutsche che Formulierung von einer nende Stellungnahmen wie träge abführen. Darüber hi-
Bevölkerung sich gegen ihre „kurzen Rede von der Befrei- die von Michael Klundt vor- naus wurden die Gelder, die
Neonazis zur Wehr setzt. ung“ zu prägen – einer Befrei- gelegte so wichtig und unver-
sie an ihre Familien zu Hause
Diese deklamatorische Ver- ung „nur für die vom Natio- zichtbar. transferieren wollten, vom
scho-nung der Gegendemons- nalsozialismus Verfolgten, für deutschen Staat einbehalten,
tranten passt in ein andere die Juden“. Michael Klundt (Hg.) und die besetzten Länder
Sicht, die Jörg Wollenberg im Michael Klundt ist zu dan- Ein Untergang als mussten diese Mittel zusätz-
Artikel „Der Mythos von der ken für die geschichtsbildbe- Befreiung. lich aufbringen. Auf diese
Stunde Null“ aufzeigt: den zogenen Klarstellungen und Der 8. Mai 1945 Weise kann und muss man
Versuch bestimmter Histori- Korrekturen, die er und die und die Folgen wohl von einem „Gemeinnut-
kerkreise, die deutsche Ent- Autoren seines Buches vor- PapyRossa Verlag zen“ der Zwangsarbeit spre-
wicklung der letzten Jahr- nehmen, und für das an vielen Neue kleine Bibliothek 102, chen – es ist nicht so, dass nur
zehnte als „nachholende Beispielen verdeutlichte Auf- 268 Seiten die Großindustrie aus ihnen
Selbstbefreiung“ zu interpre- zeigen konkreter Fälle und EUR 16,80; SFR 29,90 Profit zog, sondern die ge-
tieren. Tendenzen von Geschichts- ISBN 3-89438-321-6 samte Gesellschaft lebte zu
Zur Hilfe genommen wird beugung, die in ihrer Gesam- einem beträchtlichen Teil auf
dazu die Totalitarismusdok- heit durchaus seine War-nung Oswald Pannes ■ ihre Kosten.

14 : antifaschistische nachrichten 12-2005


: ostritt
Aus diesem Grund hatte Aly, wie er verhungerten, war das im Zweiten Welt-
erzählte, die Idee, dass auch Rentner, krieg nicht der Fall. Ein Element dabei

„U
ebenso wie Unternehmen, in den Solida- war die Großzügigkeit, mit der den Sol- ngarn rührt sich“, titelt die
ritätsfonds für die Zwangsarbeiter ein- daten an der Front erlaubt wurde, Feld- Sudetendeutsche Zeitung.
zahlen sollten. Als er diesen Gedanken postpäckchen heimzuschicken und bei Es geht – was könnte es bei
in einem Leitartikel einer Heimaturlaub bis zu ei- dem „Vertriebenen“-Pamphlet auch an-
Berliner Zeitung entwickelte, nem Zentner Lebensmittel deres sein – um den tschechoslowaki-
kam es nach seinen usw. mitzunehmen (sog. schen Nachkriegspräsidenten Edvard
Worten zu einer Art „Schlepp-Erlass“). Selbst Benes und seine Gesetzgebung. „Auch
Pogromstimmung von der Leningrad-Front die in der Südslowakei beheimateten
gegen ihn. 1943 schickten die deut- Ungarn“, weiß das Blatt zu berichten,
schen Soldaten noch mehr wurden nach dem Zweiten Weltkrieg
Warum erst Päckchen nach Hause, als „Opfer der rassistischen Benes-Dekre-
jetzt? sie von dort empfingen. te“. „Die tschechoslowakische Politik
Aly legt Wert da- Dagegen ließ die deutsche Ar- der Nachkriegszeit“, heißt es weiter,
rauf, dass durch mee 2 Mio. russische Kriegs- „strebte in bezug auf die ungarische
seine Untersuchung gefangene verhungern – alle Minderheit nach einer Endlösung“.
die bisherigen Ana- verfügbaren Lebensmittel Die ungarischsprachige Minderheit in
lysen nicht ersetzt, wurden für die deutsche Be- der Slowakei – „mehr als zehn Prozent
sondern ergänzt völkerung beansprucht. der Bevölkerung“ – wende sich klar ge-
werden. Auch den Ehefrauen von gen die Benes-Dekrete, schreibt die Su-
Er sieht sich Frontsoldaten ging es besser detendeutsche Zeitung über den poten-
nicht als „zweiter als vor dem Krieg, da sie 85% tiellen Bündnispartner ihrer „Volksgrup-
Goldhagen“, son- des früheren Nettolohns des pe“. „Eine Bürgerinitiative, die eine Wie-
dern als Wissen- Mannes erhielten – also weit dergutmachung für das Unrecht der
schaftler, der einen mehr als ihren üblichen Anteil Nachkriegszeit fordert, ist in der Slowa-
Beitrag zur Aufklärung leistet. Warum aus der Lohntüte –, und obendrein Raten- kei bereits aktiv geworden“, liest man
kommt man erst jetzt auf diese von ihm zahlungen usw. vom Staat übernommen weiter. Und sie hat eine starke Lobby:
entwickelte Betrachtungsweise? Aly wurden. Die Sozialleistungen wurden von Die Strana Madarskej Koalicie (SMK,
meint, dass die Zeit dafür erst kommen 1939 auf 1940 verdoppelt und stiegen im Partei der Ungarischen Koalition) gehört
musste. Zunächst mussten offenbar die nächsten Jahr noch einmal um 50%. seit 1998 der Regierungskoalition in
Verbrechen selbst untersucht werden, ehe Dieses System konnte nur solange Bratislava an. Kürzlich verlangte sie, die
man daran denken konnte, sie in ihren funktionieren, wie es immer wieder neue slowakische Staatsspitze müsse sich für
ökonomischen Zusammenhang zu stel- Eroberungen gab, die frische Raubzüge das so genannte „Kaschauer Regierungs-
len. ermöglichten. Aly nannte das Finanzsys- programm“ vom April 1945 entschuldi-
Im Verlauf der Untersuchung stellte tem des Nationalsozialismus ein betrüge- gen. In dem Dokument wurden Grundla-
Aly fest, dass viele Einrichtungen, die risches Schneeballsystem; ein auffallen- gen für die Umsiedlung festgelegt.
wir für Errungenschaften des Sozialstaa- des Beispiel war bereits das Eintreiben Nicht nur die ungarischsprachige
tes halten, tatsächlich aus der Kriegszeit von 1 Mrd. Reichsmark als sog. Buße Minderheit in der Slowakei, auch die
des Nationalsozialismus stammen. So die von den Juden im Jahre 1938 – die ungarische Regierung in Budapest ist in
Krankenversicherung für Rentner, die Reichsbank war zu diesem Zeitpunkt puncto Geschichtsrevision und „Volks-
1941 eingeführt wurde, oder das Kinder- nicht mehr liquide. gruppen“-Politik höchst aktiv. Sie hat
geld. Auch, dass Sonntags- und Über- jetzt eine Gesetzesänderung beschlos-
stundenarbeit sozialabgabenfrei wurden, Götz Aly: Hitlers Volksstaat sen, die den ungarischsprachigen Min-
stammt aus dieser Zeit. Die Faschisten Raub, Rassenkrieg und nationaler derheiten insbesondere in Rumänien, in
waren sich darüber im Klaren, dass sie Sozialismus der Ukraine und in Serbien neue Vortei-
die Zustimmung oder Duldung breiter Verlag: S. Fischer Verlag GmbH le verschafft. Angehörige dieser Min-
Volksmassen durch wirtschaftliche Maß- Preis: 22,90 Euro derheiten können ab dem 1. Januar
nahmen sichern mussten – während im ISBN: 3-10-000420-5 2006 ein so genanntes „Nationalvisum“
ersten Weltkrieg viele in Deutschland mif ■ für Ungarn erhalten, erhalten leichteren
Zugang zu Aufenthaltsgenehmigungen
und verbesserte Einbürgerungsbedin-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. gungen. Die Budapester Regierung
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de setzt damit eine Politik fort, die auch
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach der deutschen „Volksgruppen“-Politik
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, zugute kommt: Eine Politik der Begüns-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, tigung von „Auslandsungarn“, wie sie
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. Deutschland gegenüber den „Auslands-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. deutschen“ betreibt.
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind Nationalistische Verbände fordern in
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Ungarn inzwischen ganz offen die Re-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- vision der Pariser Friedensverträge der
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Jahre 1919 und 1920. Erst vor wenigen
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Tagen demonstrierten in Budapest rund
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
5.000 Nationalisten gegen den Vertrag
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., von Trianon, der im Jahr 1920 Teile des
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- ehemaligen Ungarn an Rumänien, die
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
Slowakei und Jugoslawien übertrug.
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di jk ■
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 12-2005 15


: aus der faschistischen presse
Mölzer schlägt einen europäischen
Staatenbund vor, der durchaus eine ge-
meinsame Verfassung brauche. Seine Vor-
Das Nein zur EU-Verfassung der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüder- stellungen über den Zweck dieses Bundes
aus rechter Sicht lichkeit“ eine Verfassung geschaffen hat, knüpfen an die deutsch-österreichischen
in der das Staatsbürgerrecht alles andere Vorstellungen eines imperialistischen
Junge Freiheit Nr. 22/05 vom 27. Mai 2005 als national war, berührt Dupont-Aignan Europas aus den letzten 150 Jahren an:
Noch vor dem französischen Referendum nicht. Seine Argumentation für die Volks- „Denn eines ist klar, europäische Integrati-
führt das Blatt ein Interview mit Nicolas souveränität betrachtet den Staatsbürger on als Projekt der Friedenssicherung, als
Dupont-Aignan, Mitglied der französi- als Menschen, der der Nation untertan ist Projekt des Ausgleichs zwischen den ein-
schen Regierungspartei UMP, der ankün- und nicht etwa für sein „Privatvergnügen“ zelnen nationalen Interessen und auch als
digt: „Das Volk stoppt die Verfassung.“ Er lebt. Diese Argumentation wendet sich Projekt, die Europäer gemeinsam auf der
legt dar, warum die französische Rechte gegen ein internationalistisches, interkul- Bühne der Welt und in der Geopolitik mit
gegen die EU-Verfassung auftritt: „Sie un- turelles Europa, in dem die sozialen Inte- einer starken Stimme auftreten zu lassen,
terschätzen die Gefahr, wenn Sie glauben, ressen Vorrang vor den angeblich nationa- dies ist eine Sache, die massiv weiterbe-
es ginge nur um die französische Souverä- len haben. trieben werden muss. Das Kunststück al-
nität – es geht um die Volkssouveränität an lerdings, eine gemeinsame Außen- und Si-
sich! Es geht um den Transfer der Souverä- Junge Freiheit Nr. 23/05 vom 3. Juni 2005 cherheitspolitik zu entwickeln ... will be-
nität vom Volk – wie sie in Gestalt der Na- Das Blatt titelt mit „Merci beaucoup! Die wältigt werden.“ Friedenssicherung nach
tionalstaaten in den letzten zweihundert Ablehnung der EU-Verfassung in Frank- innen und „Geopolitik“ nach außen – das
Jahren garantiert war – an eine Bürokratie. reich ist die Chance für ein anderes, besse- ist in der Konsequenz ein europäisches
Es geht also um Grunde um nichts anderes res Europa“. Der Österreicher Andreas Völkergefängnis, das antritt, die Welt-
als um die Rückkehr eines Ancien Régime. Mölzer, für die FPÖ im Europaparlament, macht zu erringen. Gefährlich an Mölzers
Was entsteht, ist eine nominelle Demokra- legt dar, wie die Vorstellungen der Nationa- Argumentation ist, dass er offensichtlich
tie, die das Volk verwaltet, statt ihm zu die- listen für eine europäische Verfassung sind hofft, in dieser Frage in ein Bündnis mit
nen. Wir werden wieder Untertanen! ... Po- und sucht dafür Bündnispartner: „Statt des- der Linken zu kommen.
litische Freiheit muss auch gelebt werden, sen wäre es hoch an der Zeit, dass nunmehr In derselben Ausgabe gelingt es dem
wer nur seinem Privatvergnügen nachgeht, die Vorkämpfer und Verfechter des bereits Blatt, ein Interview mit Ernst Benda, dem
der mag keinen Unterschied bemerken, zitierten anderen Europas ihre Strategie ehemaligen Präsidenten des Bundesverfas-
aber dafür ist Europa 1789 nicht aufgebro- entwickeln und als Alternative für das of- sungsgerichts zu veröffentlichen, der so zu
chen ... 1789 bedeutet Freiheit für die Völ- fensichtlich gescheiterte bundesstaatliche Reputation des Blattes beiträgt.
ker durch Nationalstaatlichkeit, jetzt wird Europa der abgelehnten Verfassung auf den
Nationalstaatlichkeit und damit Freiheit Tisch legen. Da sind die Europapolitiker Junge Freiheit Nr. 24/05 vom 10. Juni 2005
abgebaut ... Was bedeutet das: vereintes der Linken mit ihrer Gegnerschaft zur In dieser Ausgabe begründet Bernd-Tho-
Europa? Gibt es etwa ein europäisches schrankenlosen Globalisierung und zum mas Ramb die Ablehnung der europäi-
Volk, das in den Grenzen eines gemeinsa- entfesselten Neoliberalismus mit ihrer nur schen Verfassung noch mal vom nationalis-
men Staates zusammengeführt werden zu berechtigten Kapitalismuskritik genau- tischen Standpunkt: „Bezüglich der euro-
müsste, wie etwa einmal das französische so gefragt wie die Euroskeptiker und Euro- päischen Entwicklung sind diese klar er-
Volk oder das deutsche Volk? ... Denn so kritiker von rechts, die einen europäischen kennbar: keine grenzenlose Erweiterung
ein nur behauptetes Volk widerspricht na- melting pot befürchten und nunmehr die und keine identitätsraubende Vertiefung.
türlich nie ... Tatsache aber ist, Europa ist Chance sehen, die nationalen Identitäten Das heißt insbesondere Beibehaltung der
kein Volk. Europa, das sind die Völker! Die der europäischen Völker zu erhalten. Jene, nationalen Verfassungen, Option auf eine
Epoche der Nationenbildung ist in Europa die nach dem französischen Nein zur Ver- Rückkehr zur nationalen Währung, Ab-
abgeschlossen ... Den Prozess der „Völker- fassung die Chance erhoffen, den Einfluss wehr des Beitritts außereuropäischer Staa-
bildung“ hin zur Fiktion eines „europäi- der multinationalen Konzerne in Europa ten, Bewahrung der nationalen Identität,
schen Volkes“ weiter zu treiben, wäre eine zurückdrängen zu können ... müssten dabei Verhinderung der finanziellen Ausbeutung
Geschichtsverfehlung.“ allerdings die Fähigkeit haben ... zu erken- und Abschaffung der bürokratischen
Dass die Herausbildung Frankreichs zu nen, dass eine Renationalisierung der Wirt- Monstrosität. Unübersehbar ist auch der
einem Staat 1789 längst abgeschlossen schaft auch eine politisch-kulturelle Rena- Wunsch der Bevölkerung, am Abstim-
war, dass die französische Revolution mit tionalisierung bedeuten müsste.“ mungsprozess häufiger, stärker und direkt
beteiligt zu sein. Das gilt vornehmlich für
das größte Volk der EU, die Deutschen ...
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Ein Festhalten an der alten EU-Politik mit
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: den überzogenen Inhalten und den demo-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich kratiefeindlichen Verfahren kann jedoch
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
nur zum endgültigen Scheitern der Euro-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
päischen Union führen.“
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Heinrich Wilhelm Ronsöhr, Mitglied des
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Bundesvorstandes der CDU, und Gegner
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
der EU-Verfassung, der stolz auf den Vor-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) marsch der Konservativen ist, erklärt in der
Ausgabe: „Heute ist es doch zum Beispiel
Name: Adresse: wieder möglich, zu sagen, dass man stolz
darauf ist, ein Deutscher zu sein. Oder den-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts ken Sie an den von der Union aufgestellten
Bundespräsidenten Horst Köhler, der an
Unterschrift seiner patriotischen Motivation keinen
Zweifel lässt. Ich fühle mich als Konserva-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
tiver in der heutigen Zeit besser aufgeho-
ben als noch vor 25 Jahren.“ uld ■

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