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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 8.9.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Anspruch und Realität


Sachsen-Anhalt. Konsequen-
zen aus der Zunahme ausländerfeindli-
cher Straftaten hat die tourismus-politi-
sche Sprecherin der SPD-Fraktion in
Sachsen-Anhalt, Bianka Kachel, gefor- Berlin. Weil ein Antifa-Treffpunkt im Die „Antifaschistische Linke Berlin“
dert. Im weltoffenen Europa des 21. Internet dazu aufgerufen hatte, Plakate kritisierte den Polizeieinsatz als „völlig
Jahrhunderts dürfen rechtsradikale der NPD abzureißen, und außerdem noch unverhältnismäßig“ und „aktive Wahl-
Übergriffe keinen Platz haben. Weg- ein Freigetränk pro abgerissenem Plakat kampfunterstützung für die NPD“.
schauer und Dulder leisteten ausländer- bei einer Party angeboten wurde, hat die Auch die Grünen kritisierten die Akti-
feindlichen Taten einen Bärendienst. Berliner Polizei in der Nacht zum Sonn- on. „Man muss sich das mal vor Augen
„Touristen meiden diese Orte und kom- tag, dem 28. August, eine großangelegte halten: Wenn man im Internet einen
men nicht wieder“, ist Kachel über- Polizeirazzia durchgeführt. Wegen „öf- Cocktail für die Abgabe eines NPD-
zeugt. Das im Mai unter der Schirm- fentlicher Aufforderung zu Straftaten“ Wahlplakates verspricht, kommt die Po-
herrschaft von Ministerpräsident Böh- durchsuchten etwa 300 zum Teil schwer lizei! Da gab es eine Riesenrazzia mit ge-
mer und Landtagspräsident Spotka ge- bewaffnete Beamte sieben Wohnungen, zogener Waffe und schusssicheren
gründete „Netzwerk für Demokratie Büros und Lokale in Mitte, Wedding und Schutzschilden. Es ist einfach absurd, so
und Toleranz“ müsse nun mit Leben er- Kreuzberg. In einem Lokal in der Brun- gegen Antifaschisten vorzugehen“, kriti-
füllt werden. nenstraße wurden 53 Plakate beschlag- sierte der Grüne Fraktionschef im Abge-
Unterdessen nehmen die rechten nahmt und die Personalien von 153 Per- ordnetenhaus, Volker Ratzmann.
„Propagandadelikte“ besonders im sonen überprüft, das Lokal selbst wurde Die VVN/BdA forderte die sofortige
Harz stark zu. In Wernigerode wurden geschlossen. Insgesamt wurden bei der Einstellung dieser Verfolgungsmaßnah-
Ende August ein Asia-Imbiss beschä- Aktion sechs Anzeigen wegen Verstoß men, die Herausgabe der beschlagnahm-
digt. Zuvor waren ein Musik-Geschäft gegen das Betäubungsmittelgesetz, das ten Gegenstände und Aufklärung über
und ein Döner-Imbiss Ziel von Neona- Waffen- und Versammlungsgesetz von die Hintergründe der nächtlichen Groß-
zis gewesen. In Tanne war eine Ferien- der Polizei erstattet. Verhaftungen gab es aktion der Polizei.
anlage mit rassistischen Parolen be- keine. rül ■
schmiert worden. Nach dem Verbot des
Naziaufmarschs in Wunsiedel hatten
am 20. August etwa 50 Neonazis in
Burg (Jerichower Land) demonstriert.
Als die Polizei die Versammlung auflö-
sen wollte, seien die Neonazis sofort
gewalttätig geworden. Gegen 30 der
Teilnehmer werde nun ermittelt.
Ob sie die juristischen Folgen nun
fürchten müssen, ist fraglich. So zog
die Staatsanwaltschaft Halle jetzt einen
Revisionsantrag gegen ein D4sprurschä-

Inhalt:
Naziladen in der Talstraße
dichtmachen! . . . . . . . . . . . . . . . 5
60 Jahre Kampf um Würde
und Anerkennung . . . . . . . . . . 6
Protest in Polen: „Eine
Geschichtsrevision, der wir
nicht zustimmen können“. . . . 14
: meldungen, aktionen

Statue aufgestellt Thüne referierte in der Vergangenheit


Rom/Köln. An der Außenmauer des Pe- u.a. vor Burschenschaftlern und wurde
tersdoms wurde jetzt eine fünf Meter 2002 auch als Referent bei den „Die
hohe Marmor-Statue des Gründers der Deutschen Konservativen“ angekündigt.
umstrittenen katholischen Laienorgani- In einem Beitrag für das 1995 erschiene-
sation „Opus Dei“, Josemaria Escriva, ne Buch „50 Jahre Vertreibung“, das im
aufgestellt. Diese wird nun bald von rechtsextremen „Hohenrain“-Verlag er-
Papst Benedikt XVI. eingesegnet wer- schienen war, schrieb Thüne u.a.: „Die
den. Über geringen Zulauf konnte sich Vertreibung währt so lange, wie den ge-
„Opus Dei“ auf dem katholischen „Welt- waltsam Vertriebenen nicht das Recht stellt. Demnach soll die geltende Abtrei-
jugendtag“ in Köln nicht beschweren. auf Rückkehr, das Recht auf Heimat, das bungsregelung „überprüft und revidiert“
Der Prälat des „Opus Dei“, Bischof Ja- Recht auf Selbstbestimmung und Min- werden, „nichteheliche Lebensgemein-
vier Echevarria Rodriguez, traf dort mit derheitenschutz gewährt wird“. In einem schaften“ sollen der Ehe „nicht gleichge-
rund 5000 Jugendlichen aus aller Welt Grußwort wünscht der Ministerpräsident stellt werden“ und homosexuelle Partner
zusammen. In seiner Katechese, gehalten von NRW, Jürgen Rüttgers (CDU), den „dürfen kein Adoptionsrecht für Kinder
in der Pfarrei St. Nikolaus in Bergisch- Veranstaltungen zum „Tag der Heimat“ erhalten“. Auch die „Verspottung religiö-
Gladbach, zitierte er auch aus dem Werk in NRW einen „guten Verlauf“. hma ■ ser Symbole, Handlungen und Religi-
des „Opus Dei“-Gründers Escriva, für onsdiener“ soll künftig „unter Strafe ge-
den es „auf Erden“ nur „zwei Möglich- „TPG“ in Auflösung stellt“ werden und der „Gottesläste-
keiten“ gab: „Entweder ein übernatürli- rungsparagraph“ wieder „voll in Kraft
ches oder ein animalisches Leben zu le- Potsdam. Die „Traditionsgemeinschaft treten“. Für die Verankerung des „Got-
ben“. Potsdamer Glockenspiel“ (TPG) um den tesbezugs“ in der EU-Verfassung sollen
Besonders erfreut hat die Organisati- Bundeswehroffizier Max Klaar („Ver- sich die potentiellen Abgeordneten eben-
on, dass der Papst die von dem „Opus band Deutscher Soldaten“) will sich An- so einsetzen wie gegen eine EU-Mit-
Dei“-Angehörigen Dr. Peter von Steinitz fang September auflösen. Die TPG hatte gliedschaft der Türkei, denn die Türkei
geleitete St. Pantaleon-Kirche in Köln nach eigenen Angaben 6,7 Millionen sei „kein europäisches Land“. hma ■
besucht hatte. Dort traf er Priesteramts- Euro für den Wiederaufbau der im 2.
kandidaten aus aller Welt. Das Treffen Weltkrieg zerstörten und in der DDR NPD „Sommeruniversität“
habe „auf ausdrücklichen Wunsch des dann gänzlich abgerissenen Kirche ge-
Papstes“ stattgefunden. In einem dpa-In- sammelt. Nachdem die Synode der evan- in der Pfalz
terview mit dem „Opus Dei“-Prälaten gelischen Kirche zu Beginn des Jahres Rhld.-Pfalz. Die NPD „Sommeruni-
Rodriguez macht dieser auch Andeutun- beschlossen hatte, in der Kirche ein versität“ fand nicht, wie angkündigt im
gen über die Stellung des Papstes zu der „Zentrum für Frieden und Versöhnung“ Dahner Felsenland, sondern im „Wasgau
Laienorganisation. Benedikt XVI. kenne einzurichten, hatte die TPG sich aus der Landhotel“ im nahe gelegenen Hauen-
das „Opus Dei“ „besser“ als Johannes Finanzierung des Kirchenbaus zurückge- stein statt; NPD und Polizei versuchten
Paul II. „zu Beginn seines Pontifikates zogen. Das Geld soll nun einer Stiftung den Tagungsort im Vorfeld geheim zu
im Jahre 1978“. hma ■ übergeben werden. hma ■ halten. Referenten aus Kreisen der NPD
(Peter Marx, Sascha Wagner, Jürgen
„Tag der Heimat“ in NRW NBP-Verbot aufgehoben Gansel MdL, Karl Richter u.a.), aber
auch aus Frankreich und Spanien, propa-
NRW. Unter dem Motto „Vertreibung Rußland/Moskau. Die „Nationalbol- gierten die so genannte Dresdner Schule.
ächten – Erbe wahren“ führt der „Bund schewistische Partei Rußlands“ (NBP) Ziel der Dresdner Schule ist es die NPD
der Vertriebenen“ (BDV) auch in NRW wird nicht verboten. Das hat das Oberste auch für Intellektuelle attraktiv zu ma-
eine Veranstaltungsreihe zum diesjähri- Gericht der Russischen Föderation be- chen. Was die „Vordenker“ der NPD in
gen „Tag der Heimat“ durch. Am 4. Sep- schlossen. Damit wurde ein Beschluss Sachsen zu bieten haben, ist so neu nicht.
tember führt der BDV Kreisverband Lip- des Moskauer Gebietsgerichtes aufgeho- Gansels Elaborat über „Wesen und Wol-
pe im „Haus Senne“ in Augustdorf eine ben, die Partei aufzulösen. „Ich beginne len der ,Dresdner Schule‘“ bietet, wenn
Veranstaltung durch, auf der der General allmählich an unseren Staat zu glauben“, auch in einem Tonfall, dem der gewöhn-
a.D. Gerd-Helmut Komossa die Festrede äußerte der NBP-Chef Eduard Limonow liche Stiefelneonazi wohl nur mit Mühe
halten soll. Der im damaligen Ostpreu- aus Anlass des Gerichtsbeschlusses. folgen kann, eine Ansammlung der alten
ßen geborene ehemalige MAD-Chef ist Die NBP um Limonow war in den ver- Feind- und Zerrbilder. Auf Anfrage, ob
für die „Gesellschaft für die Einheit gangenen Jahren mehrmals in den die Hotelleitung über die Art der bei ihr
Deutschlands“ aktiv und gab unlängst Schlagzeilen. So besetzten Anhänger der im Hause stattfindenden Veranstaltung
der „Deutschen Nationalzeitung“ des NBP den Empfangsraum des Präsiden- informiert sei, wurde eine Stellungnah-
DVU-Chefs Gerhard Frey ein Interview. tenamtes. 2001 wurde Limonow wegen me verweigert. Am Tag vor der Veran-
Der Aufsichtsratsvorsitzende der um- Waffenkaufs und Waffenbesitzes zu vier staltung fand eine Flugblatt-Aktion in
strittenen „Preußischen Treuhand“, Rudi Jahren Gefängnis verurteilt. 2003 wurde Dahn statt. Es wurde über die Veranstal-
Pawelka aus Leverkusen, zugleich Bun- der ehemalige Dissident auf Bewährung tung, die Person Sascha Wagner und über
desvorsitzender der „Landsmannschaft entlassen. hma ■ die Pläne der NPD, eine Geschäftsstelle
Schlesien“ und Interviewpartner der in Dahn einzurichten, informiert. So ver-
„Jungen Freiheit“, soll beim BDV in Weitgehende Forderungen sammelten sich am Samstag Vormittag
Dortmund (10.9.), Herne (11.9.) und ca. 150 Personen in Dahn, um gegen die
Gummersbach (11.9.) sprechen. Der Me- Kaufering. Das „Forum Deutscher Ka- NPD zu demonstrieren. Darüber hinaus
terologe Dr. Wolfgang Thüne, Landes- tholiken“ hat in einem Wahlaufruf, der wurde das Anwesen, welches sich in Be-
vorsitzender des BDV in Rheinland- u.a. in der „FAZ“ als Anzeige erschien, sitz der Familie Marx befand und für die
Pfalz, wird in Düren (24.9.) und Biele- „Wahlprüfsteine“ für die Bundestags- Einrichtung einer Geschäftsstelle der
feld (25.9.) als Hauptredner erwartet. kandidatinnen und -kandidaten aufge- rheinland-pfälzischen NPD vorgesehen

2 : antifaschistische nachrichten 18-2005


war, von der Stadt aufgekauft, diese
machte hierbei von ihrem Vorkaufsrecht
Gebrauch. Somit ist auch Sascha Wag-
Polizei dringt unrecht-
ner, der unter dieser Adresse gemeldet
war, um in dem Wahlkreis zu kandidie-
ren, wohl erneut auf Wohnungssuche.
mäßig im „apabiz“ ein
Laut Marx könne ein geeigneter Ort für Am Samstag, den 27.8. gegen gesamte Einsatz war unangemessen und
eine Geschäftsstelle weiterhin in der 23.00 Uhr drang die Polizei im steht in keinem Verhältnis zu den vorge-
Pfalz, aber auch in Mainz sein. Rahmen einer berlinweiten worfenen Straftaten. Der Polizeieinsatz
Antifa Landau Razzia gegen antifaschistische Struktu- hinterlässt den Eindruck, dass hier mit
www.antifalandau.de.vu ■ ren auch in die Räume des Antifaschisti- jedem Mittel die Kriminalisierung des
schen Presse-Archivs und Bildungszen- gesamten antifaschistischen Spektrums
Naziaufmarsch in Alzey trums Berlin e.V. (apabiz) in der Lausit- erreicht werden soll. Die Details lassen
zerstr. 10 ein. Vorwand war ein Durch- sich in der Presse nachlesen.
Mainz. Für Samstag, den 1. Oktober ha- suchungsbeschluss für Räumlichkeiten Wir solidarisieren uns daher aus-
ben Nazis einen Aufmarsch im rheinhes- an verschiedenen Orten in Berlin. Die drücklich mit allen Betroffenen.
sischen Alzey bei Mainz unter dem Mot- Antifaschistische Linke Berlin (ALB) Wir erwarten auch eine politische
to „Stoppt die Ausplünderung des Deut- hätte angeblich auf ihrer Internetseite zu Stellungnahme der rot-roten Regierung
schen Volkes! – Wir sind nicht das Sozi- Straftaten aufgerufen. zu diesem Einsatz, der kein Einzelfall
alamt der Welt!“ angemeldet. Für den 2. Das apabiz erklärt dazu: ist, sondern der vorläufige Höhepunkt
Oktober planen die Nazis zudem eine einer ganzen Kette von fragwürdigen
Demonstration im südhessischen Lam- Die Durchsuchung des apabiz war ille- Einsätzen der Berliner Polizei.
pertheim. Damit wollen sie an ihre Dop- gal. Festzuhalten ist, dass das apabiz in So wurden im Juli diesen Jahres meh-
peldemonstration am 1. Mai 2005 in keiner Verbindung zur Internetseite der rere Wohnungen von AntifaschistInnen
Worms und Frankenthal anknüpfen. Ob- ALB steht und zu keiner Zeit ein Durch- in ganz Berlin mittels Sondereinsatz-
wohl sie damals v.a. in Worms mit massi- suchungsbeschluss für die Räume des kommandos gestürmt und durchsucht.
ver antifaschistischer Gegenwehr zu apabiz vorlag. Wir bewerten daher das Auch hier wurden Unbeteiligte in Mit-
kämpfen hatten, feiern die Nazis ihre Ak- Eindringen in unsere Büroräume als il- leidenschaft gezogen und massiv die
tion als „durchschlagenden Erfolg“, den legal und werden juristisch dagegen Grundrechte der Betroffenen verletzt.
sie mit den Aufmärschen in Alzey und vorgehen. Die Einsatzleitung hielt trotz Vor einer Woche stürmten wiederum
Lampertheim wiederholen wollen. der Hinweise eines anwesenden Mitar- SEK-Beamte in einem umstrittenen
Aufgerufen wird zum Aufmarsch in beiters des apabiz an ihren falschen und Einsatz die Diskothek Jeton, um gegen
Alzey von der „Bürgerinitiative für so- willkürlichen Begründungen fest. Auch angeblich gewalttätige Hooligans vor-
ziale Gerechtigkeit“ bzw. der „Bürgerini- wenn die Durchsuchung im apabiz ab- zugehen.
tiative für Rheinhessen“. Bei der „Bür- gebrochen wurde, stellt dieser unrecht- Auch hierbei wurden Grundrechte
gerinitiative für soziale Gerechtigkeit“ mäßige Einsatz einen erheblichen Ein- verletzt und Lügen zur Rechtfertigung
handelt es sich um ein Label zur Anmel- griff in unsere Rechte dar. Es wurden des Einsatzes verbreitet.
dung von Demonstrationen, die von Na- Fotos von unseren Räumen gefertigt Antifaschismus, wie wir ihn verste-
zis aus dem Spektrum des „Aktionsbüros und Papiere in Augenschein genommen. hen, bedeutet auch den unbedingten
Rhein-Neckar“ organisiert werden. Das Außerdem wurde uns das Herbeiziehen Einsatz für die Wahrung der Menschen-
Aktionsbüro Rhein-Neckar ist ein Zu- eines Anwaltes und die Aushändigung rechte. Illegale und fragwürdige Polizei-
sammenschluss so genannter „freier Ka- eines Durchsuchungsbeschlusses durch einsätze sowie eine selbstherrliche Ein-
meradschaften“ und „freier Nationalis- den leitenden Beamten Stoevhase vom satzführung, die sich um die Rechte der
ten“. Vertreten sind im AB Rhein-Neckar LKA5 (Polizeilicher Staatsschutz) ver- Betroffenen nicht schert, müssen ein
Nazi-Kameradschaften aus Südhessen, wehrt. Ende haben.
der Vorderpfalz und aus Rheinhessen, so- Der gesamte Einsatz war unange-
wie der „Freundeskreis Rhein-Neckar“. messen Wir sind für Nachfragen unter der
Im Juni 2004 demonstrierten Nazis Telefonnummer 030/6116249
aus dem gleichen Spektrum schon ein- Doch nicht nur das Eindringen in unsere oder unter
mal in Alzey, dabei blieben sie von anti- Räume hinterlässt offene Fragen. Der mail@apabiz.de zu erreichen ■
faschistischem Protest weitgehend ver-
schont. Und Ende September 2004 hat
die „Bürgerinitiative für soziale Gerech- Die Antifaschistische Linke Berlin ruft für den 16.
tigkeit“ eine Demonstration im pfälzi- oder 17. September (der genaue Termin stand bei Re-
schen Bad Dürkheim durchgeführt. An- daktionsschluss noch nicht fest) zu einer Solidaritäts-
gemeldet wurde die Demonstration von Anti-Nazi-Gala in Berlin auf: Den Versuchen, Men-
Mario Matthes, einem der agilsten Nach- schen zu kriminalisieren, die Nazipropaganda fanta-
wuchskader aus de m Spektrum der be- sievoll entgegentreten – in der Schule, am Arbeits-
kennenden und militanten Nationalsozia- platz und auf der Straße – muss entschieden begegnet
listen im südwestdeutschen Raum. Mat- werden. Bei der Gala werden alle nachgewiesenen
thes, der aus Otterstadt bei Speyer Anti-Nazi-Aktivitäten mit einem Cocktail prämiert.
stammt, lebt und studiert mittlerweile in Die Liste der EinladerInnen ist bereits lang und
Mainz kann unter www.antifa.de
Der AK Antifaschismus an der Uni nachgelesen werden, Rückmeldungen zur weiteren
Mainz wird zu Gegenaktivitäten mobili- Unterstützung an:
sieren. Nähere Infos gibt’s demnächst gala@antifaschistische-aktion.com ■
unter www.kein-ruhiges-hinterland.tk
AK Antifaschismus an der Uni Mainz
http://www.ak-antifa-mainz.de.vu
Mail: ak_antifa_mz@antic-eye.de ■

: antifaschistische nachrichten 18-2005 3


Aufmarsch am 8. Oktober Menschen die ihre Ablehnung der völki- aktive AntifaschistInnen den Straßenrand
Arnstadt. Für den 8. Oktober 2005 or- schen Hetze ausdrückten, wurden bedroht und drückten ihren Unmut mit Trillerpfei-
ganisieren Neonazis aus dem Umfeld der und eingeschüchtert. fen, Sprechchören und Transparenten aus.
„Kameradschaft Ilmkreis“ und deren Der brutale Überfall auf der Adenauer- Dabei erhielten mehrere Personen Platz-
Verein „Nationalisten für Kinderrechte“ Brücke in der Nacht auf den 22.7. wurde verweise, da bei ihrer Durchsuchung laut
einen rechtsextremen Aufmarsch in Ei- erst durch einen Artikel der Rheinpfalz Polizeiangaben „Kleidungsstücke, die zur
senach (Motto: „Unsere Kinder – Unse- vom 20.8. der Öffentlichkeit bekannt. Er Vermummung geeignet seien“ gefunden
re Zukunft – Gemeinsam für härtere zeigt eindrücklich die unmittelbare Ge- wurden. Auch Delegierte des Parteitages
Strafen gegen Kinderschänder!“). Unter- fahr, die von Rechtsextremisten ausgeht. der SPD protestierten vereinzelt vor dem
stützung erhält die Demonstration von Das Opfer erlitt unter anderem einen Tagungsort gegen den Aufmarsch.
dem mehrfach vorbestraften NPD-Vor- Schädelbasisbruch und Hirnblutungen, art.famos@web.de ■
standsmitglied Thorsten Heise, welcher der Angriff wäre um ein Haar tödlich ver-
als Redner in Eisenach auftreten will. Als laufen. Auch ein Begleiter des Opfers, der Neonazis distanzieren sich
Unterstützer werden auch die rechten diesem zu Hilfe eilen wollte, wurde mit
Propagandablätter Ratatösk (Eisenach) einer Gürtelschnalle verprügelt. von NPD
und Ilmkreis National (Arnstadt) ge- Ein Sprecher des Ak Antifa dazu: In Neonazi-Kreisen wird zum Boykott bei
nannt. Neue Hintergrundinformationen „Welch Geistes Kind sie sind, fällt den so- der Bundestagswahl aufgerufen; denn:
zur IKN gibt es hier: http://lra.antifa.net genannten „Nationalen Jugendlichen“ „Ja zum Wahlboykott heißt nein zum
/index.php?show=news&readmore=51 vom Aktionsbüro offenbar schwer zu ver- BRD-System“. In dem anonym im Inter-
Der Verein „Nationalisten für Kinder- bergen. ... Es ist skandalös, dass die Poli- net verbreiteten „Wahlboykott der Natio-
rechte“ wurde seit September 2004 in zeibehörden den offensichtlich rassistisch nalen Sozialisten Deutschlands“ wird er-
Arnstadt vorbereitet und begann im März motivierten Überfall Ende Juli verschwie- klärt: „Entziehen wir diesem System die
2005 mit der Arbeitsaufnahme. Dahinter gen haben. Wie hoch die Dunkelziffer bei Legitimität, stellen wir uns auf die Seite
verbergen sich AktivistInnen aus dem solchen Delikten liegen mag, kann nur unseres Volkes ...“ Weiter heißt es: „Wir
Umfeld Kameradschaft Ilmkreis, u.a. spekuliert werden. Sie dürfte aber un- Nationale Sozialisten können nicht ernst-
auch der Internetdienstleister Jens Geyer, gleich höher liegen.“ haft annehmen, dass unser Zukunftsent-
welcher vor nicht allzu langer Zeit ins Quelle: Presseerklärung des Ak Antifa wurf Wirklichkeit wird, wenn wir ernst-
nahe gelegene Osthausen umgezogen ist. Mannheim vom 25.8.2005 ■ haft für Figuren wie Frey, Schwerdt,
Left Resistance Arnstadt (LRA)) Marx, Cremer, Voigt, Eigenfeld, Neubau-
left-resistance@gmx.de ■ Neonazis marschieren er und den Abschaum von der DVU Wahl-
kampf machen.“ Hinter dem Aufruf zum
gegen SPD Wahlboykott steckt Insiderangaben zufol-
Häufung rechtsextremer
Berlin. Unter dem Motto „Wer hat uns ge der „Schutzbund Deutschland“ (Post-
Übergriffe verraten? Sozialdemokraten!“ marschier- fachadresse Halle). An Flugblattverteilak-
Mannheim. Am Samstagabend, 21.8. ten am Mittwoch, 31.8. 100 Rechtsextre- tionen des „Schutzbundes“ zum 8. Mai
wurde in Mannheim ein Jugendlicher bru- 2005 („60 Jahre Besatzung“) sollen auch
tal zusammengeschlagen, weil er rassisti- Mitglieder der am 12. April dieses Jahres
sches Gegröle in der Straßenbahn nicht verbotenen Neonazi-Truppe „Sturm 27“
kommentarlos hinnahm. Etwa 30 Rechts- beteiligt gewesen sein. Wegen Verun-
extremisten störten am vergangenen Mitt- glimpfung des Staates in den Flugblättern
woch, 17. August eine Wahlkampfveran- wird zwischenzeitlich von der Staatsan-
staltung der SPD in Ludwigshafen. Be- waltschaft gegen den „Schutzbund“ er-
reits am 22.7. wurde ein 25-Jähriger Op- mittelt.
fer eines Überfalls, der beinahe tödlich Führender Kopf des „Schutzbund
verlaufen wäre. Deutschland“ ist der frühere NPD-Lan-
Weil er als einziger seinen Widerspruch me durch den Berliner Stadtteil Neukölln. desvorsitzende Berlin-Brandenburg Ma-
gegen rassistisches Gegröle in der Stra- Die Anhänger der NPD und sogenannter rio Schulz, zugleich Inhaber eines Spen-
ßenbahn äußerte, wurde ein 17-Jähriger freier Kameradschaften forderten „soziale denkontos des „Schutzbundes“. Landwirt
am vergangenen Samstag dort von drei Gerechtigkeit“ für das „deutsche Volk“. Schulz zog als NPD-Kandidat 2003 in
Rechtsextremisten zusammengeschlagen. Mit Fahnen, Transparenten und Schildern den Prignitzer Kreistag ein, verließ dann
Die Täter schlugen ihn mehrfach ins Ge- der NPD zogen sie vor das Hotel „Estrel“, die Partei, da sie ihm nicht mehr völkisch
sicht und hielten das Bein ihres Opfers wo am selben Tage der Parteitag der SPD genug war. Schulz ist Gründungsmitglied
fest, um es gezielt am Knie verletzen zu stattfand. Dort kritisierten sie die Politik der am 1. Februar 2004 in Anwesenheit
können. Couragiertes Eingreifen von an- der Regierung als unsozial und ungerecht von 100 Rechtsextremisten in Vetschau
deren Fahrgästen blieb in der vollbesetz- und stellten die NPD als „nationale Oppo- ins Leben gerufenen NPD-Abspaltung
ten Straßenbahn auch dann noch aus. Die sition“ dar. „Bewegung Neue Ordnung“ (BNO). Dem
Störung der Wahlkampfveranstaltung vor Begleitet wurden die Rechtsextremen, brandenburgischen Verfassungsschutz zu-
dem Pfalzbau, an der auch Gerhard unter denen sich auch Neonazikader wie folge gehört es zu den „Eigenheiten der
Schröder teilnahm, verlief verhältnismä- Thomas Wulff, NPD-Vorsitzender Udo BNO, unter verschiedenen Namen, wie
ßig friedlich. Seit etwa einem halben Jahr Voigt und der NPD-Fraktionsvorsitzende zum Beispiel ,Schutzbund Deutschland‘,
gehört es zur Taktik des Regionalen Ka- im Sächsischen Landtag Holger Apfel be- aufzutreten.“
meradschafts-Spektrums um das soge- fanden, von einem Großaufgebot der Ber- Die Programmatik der BNO, so der
nannte „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ bei liner Polizei. Mehrere Wasserwerfer be- Verfassungsschutz, „zeuge von national-
öffentlichkeitswirksamen Aktionen mög- gleiteten den Aufmarsch, um befürchtete sozialistischer Blut-und-Boden-Rheto-
lichst ohne direkte körperliche Gewalt zu Blockaden auflösen zu können. Am Ran- rik.“ Unter dem Namen „Ja zu Branden-
agieren. Dahinter steht die Absicht, sich de der Demonstration musste ein Café auf burg“ kandidierte die Neonazi-Gruppe bei
als friedliche und entrechtete Minderheit Anweisung der Polizei seine Außensitz- den Landtagswahlen im September 2004
zu inszenieren. Allerdings versuchten die plätze räumen und abbauen. und erzielte ein Ergebnis von 0,4 Prozent
Rechtsextremisten auch hier brutal einem Auf der gesamten Aufmarschstrecke der Stimmen.
Fotografen den Fotoapparat zu entreißen, säumten protestierende BürgerInnen und www.de.indymedia.org ■
: antifaschistische nachrichten 18-2005
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Hamburg. Anfang Juli informier-
te die Antifa die Nachbarschaft
über einen Laden, der auf St. Pau-
Naziladen in der Tal-
li Naziklamotten verkauft und als rechter
Szenetreff dient. In dem zweiseitigen
Flugblatt, welches auf Deutsch und Tür-
straße 17 dichtmachen
kisch verfasst ist, heißt es: „Anfang Mai
Wir sagen Nein zu Rassismus und Rechtsradikalismus,
2005 eröffnete in der Talstraße 17, direkt Nein zu rechtem Lifestyle!
neben der Heilsarmee, der Klamottenla-
den ,elite-style‘.Hier werden neben Pro- ruf von Fanclubs, Gruppen, Einrichtun- cher. Von einer rechten „Dominanzkul-
dukten rund um die nordische Mytholo- gen, Kneipen, Läden und Einzelpersonen tur“, wie sie in einigen Gegenden in
gie die Marken ,Thor Steinar‘, ,Walhall‘, sowie der Mannschaft des FC St. Pauli Sachsen und Thüringen bereits bittere
,Pro Violence‘ und ,Sportfrei‘ verkauft. wird nach dem Spiel am 10. September Realität ist, kann man in keinem der
Alle vier Marken werden von Neonazis jetzt demonstriert. Hamburger Stadtteile, und wohl auch
für Neonazis produziert“. Zudem berich- In der Beschreibung des Lagers der nicht auf der Ebene einzelner Schulen,
tete die Anwohnerinformation, die mit ei- extremen Rechten unterscheiden sozial- sprechen. Trotzdem geht es bei der Aus-
ner Auflage von 1500 Exemplaren im wissenschaftliche Untersuchungen zwi- einandersetzung um den Vertrieb von
Stadtteil verteilt und in die Briefkästen schen parteipolitisch orientierten Forma- Nazimode um mehr als um schlechte
gesteckt wurde, über die Einbindung der tionen auf der einen und einer rechten Pullis und blöde Typen. Denn nicht nur
Alltagskultur auf der anderen Seite. die Betreiber, sondern auch die Kunden
Während sich soziale Gruppen zumeist sind das Problem. „Es handelt sich eben
über kulturelle Zugehörigkeit definieren, nicht um eine interkulturelle Verirrung
sind beim Parteiaufbau vor allem die junger, erst noch nach politischer Orien-
ideologischen Orientierungen ausschlag- tierung suchender Jugendlicher, sondern
gebend. In der Wirklichkeit ist das Wech- um das eigene Selbstverständnis, um Le-
selverhältnis von Weltanschauungs-und bensstile um tief greifende identitätsbil-
Kulturbewegung natürlich komplizierter dende Prozesse.“(2) Deshalb ist die linke
als das Modell. Wertorientierung, die das Fanprojekt des
Anhand der Auseinandersetzung um FC. St.-Pauli nicht zuletzt mit der Initia-
den Naziladen „elite-style“ in der Tal- tive für die Demo am 10. September auf
straße haben Antifaschisten im besagten die Anhänger abstrahlt, und die sich in
Anwohnerflugblatt das Zusammenwir- der Unterstützung der Demonstration
ken der beiden Momente konkret heraus- durch Clubs, Bars, Musikprojekte, Kla-
gearbeitet. Denn, ob Rechtsrockvertrieb mottenläden und Gewerbetreibende aus-
oder die Herstellung und der Vertrieb drückt, wichtig.
von Nazimode, die meisten der Initiato- Im Aufruf, der beispielsweise von den
ren und Produzenten kommen aus der Alten Herren des FC St. Pauli, dem Ar-
Naziszene. Zum anderen bedienen sich gument Verlag, Da Ruffneck Streetwear
die Freien Kameradschaften – zuneh- und dem Karolinengrill unterzeichnet
mend auch die NPD – der kulturellen wurde, heißt es: „St. Pauli ist unser Vier-
Ansprache. Erinnert sei hier an die bei- tel und wir dulden hier keine Nazis. Es
den so genannten „Schulhof-CD’s“, mit muss unser aller Anliegen sein, aktiv zu
Betreiber in die Naziszene und schließ- denen die Nazis ihre faschistische Welt- werden und vehement gegen Nazistruk-
lich spricht deren „Verhalten PassantIn- anschauung über Freizeitgestaltung, Mu- turen vorzugehen. Ein Anfang ist ge-
nen gegenüber deutliche Worte. Seit der sik und kulturelle Codes an die Zielgrup- macht, so ging zum Beispiel der FC St.
Eröffnung kam es wiederholt zu Über- pe der 13- bis 16-Jährigen transportieren. Pauli mit gutem Beispiel voran und
griffen und Androhung von Gewalt ge- Der Sozialwissenschaftler Bernd Wagner nahm das Tragen von „Thor Steinar“ in
genüber Menschen, die dem linken Spek- (1) spricht in diesem Zusammenhang von seine Stadionordnung auf, wo es gleich-
trum zuzuordnen seien.“ „kultureller Subversion“, mit der die Na- berechtigt neben sexistischen, rassisti-
Johannes Kahrst, Spitzenkandidat der zis vor allem in den neuen Bundeslän- schen und anderen diskriminierenden
SPD im Bezirk und Mitglied im rechten dern sehr erfolgreich agieren. Deswegen Äußerungen mit einem Stadionverbot
Seeheimer Kreis, griff das Thema im hält er den modernen Rechtsextremis- geahndet wird. Doch damit ist noch lan-
profilarmen Vorwahlkampf auf. In einer mus als „erweitert reproduktionsfähig, ge nicht Schluss. Lasst uns laut und ent-
– in Tonlage der Antifa entlehnten – weil er eine Kulturbewegung mit der schlossen sein und unseren Protest auf
Postkartenaktion („St. Pauli wehrt Tendenz zum sozialen Bewegungsmilieu die Straße tragen. Wolfram Siede ■
sich!“) fordert Kahrst CDU-Justizsenator und politischer Implikation und nicht po-
Roger Kusch und den parteilosen Innen- litische Bewegung mit kultureller Impli- Demonstration: Samstag,
senator Udo Nagel auf „etwas gegen den kation ist.“ Ob man dabei seiner Ein- 10. September, 16.30 Uhr nach dem
Klamottenladen [zu] unternehmen.“ schätzung der Dominanz des Kulturellen St. Pauli-Spiel (Budapester Str.)
Da aber der Laden weder juristisch, folgt, oder aber ein Wechselverhältnis Abschlusskundgebung: Bühne
noch verwaltungsrechtlich „dicht ge- ideologischer und kultureller Orientie- Straßenfest Brigittenstraße
macht“ werden kann, setzt die Kampa- rungsprozesse ausmacht, ist an dieser
gne zur Schließung des Ladens, die von Stelle erst einmal uninteressant. Wichtig (1) Bernd Wagner: Rechtsextremismus und kultu-
Fanprojekten des FC-St. Pauli zusam- wäre die Bedeutung „kultureller Codes relle Subversion in den neuen Ländern, 1998,
men mit dem Antifaschistischen Bündnis und Orientierungen“ für die Herausbil- Berlin;
Hamburg getragen wird auf das politi- dung von politischen Weltanschauungen (2) Mathias Brodkorb: Metamorphosen von
sche Klima im Stadtteil und die Ent- und Werten überhaupt wahrzunehmen. rechts, 2003, Münster
schlossenheit seiner Anwohner. Zusam- Noch ist in Hamburg die Naziszene – (3) Der vollständige Aufruftext, die Unterstützer-
men mit der beachtlichen Zahl von was schlimm genug ist – eins unter meh- liste und weitere Informationen finden sich unter:
http://www.antifainfo.de/elitestyle.htm
knapp 200 Unterstützern unter den Auf- reren Angeboten an jugendliche Sinnsu-

: antifaschistische nachrichten 18-2005 5


Ludwig Baumann desertierte Zeitzeuge Ludwig Baumann beim Friedensplenum Mannheim:
im 2. Weltkrieg und gehört zu
den wenigen, die das überleb-
ten. Mehr als 30000 Soldaten wur-
60 Jahre Kampf um
den wegen „Fahnenflucht oder
„Wehrkraftzersetzung“ zum Tode Anerkennung und Würde
verurteilt, mehr als 20 000 Urteile
wurden vollstreckt. Das Grauen in Berlin zu verantworten haben. Nehmen für, dass Menschen sich nicht als „Be-
den KZs und Strafbataillonen haben Sie vorher Zyankali…“ fehlsempfänger“ missbrauchen lassen,
keine 4000 überlebt. Aber nicht nur Einzelne, auch die Sol- um Menschen anderer Völker und sich
datenverbände wenden sich noch bis selbst umzubringen. Es ist ein langer
Ludwig Baumann wurde 1921 als Sohn zum heutigen Tag gegen jede Rehabili- Kampf, der bis heute andauert.
eines Tabakgroßhändlers in Hamburg tierung von Deserteuren. Ein erster Schritt zur Rehabilitierung
geboren. Mit 14 Jahren begann er eine Sie haben immerhin 400.000 Mitglie- war ein Grundsatzurteil des Bundessozi-
Maurerlehre. Als er 15 war, starb seine der, die alle eine andere Auffassung von algerichts vom 11. September 1991. Da-
Mutter bei einem Verkehrsunfall. Lud- Ehre, Pflicht- rin wurde endlich auch den Hinterblie-
wig Baumann, dadurch haltlos, wurde gefühl und benen der hingerichteten Soldaten eine
renitent und war nicht mehr bereit, ir- Heldentum ha- Entschädigung zugesprochen. Zu ent-
gendetwas zu tun, was ihm sinnlos er- ben. Sie fühlen schädigen seien „gleichermaßen Wider-
schien. Auch der Hitlerjugend verwei- sich von ei- standskämpfer, unpolitische Menschen,
gerte er sich. nem wie Bau- auch „Feiglinge“ und treue Gefolgsleute
1940 musste er zur Wehrmacht, bock- mann ange- in einem völkerrechtswidrigen Krieg.“
te auch dort, wurde geschliffen und schi- griffen. In der Rentenversicherung wurden künf-
kaniert. Er kam zur Hafenkompanie 1947 starb tig auch die Strafzeiten der Deserteure,
nach Bordeaux. Dahin kamen viele Sol- sein Vater. „Wehrkraftzersetzer“, Selbstverstümm-
daten, die wie er als Versager galten. In Ludwig Bau- ler und Kriegsdienstverweigerer aner-
der Wochenschau sah er Berichte über mann kam mit kannt. Aber „Kriegsverrat“ war davon
Hitlers Ostfront und den russischen dem Leben ausgenommen. „Kriegsverrat“ wurde als
Winter. Er wollte nicht mehr mitmachen Ludwig Baumann in der nicht mehr zu- Strafbestand in einem Kontext mit den
bei diesem verbrecherischen Krieg. Ge- Gedenkstätte Deutscher recht. Er ver- kriminellen Delikten der Plünderung,
meinsam mit seinem Freund Kurt Ol- Widerstand suchte, das Misshandlung von Untergebenen und
denberg, beschloss er, ins unbesetzte Grauen aus Leichenfledderei genannt.
Frankreich zu desertieren. Durch einen
Zufall wurden sie entdeckt. Obwohl sie
einen geladenen Revolver in der Tasche
hatten, brachten sie es nicht fertig, die
Streife zu erschießen, im Bewusstsein,
dass ihnen das Todesurteil bevorstand. Gedenktafel
in Buchenwald
Im Juni 1942 wurde Ludwig Bau-
mann zum Tode verurteilt. 10 Monate
verbrachte er, an Händen und Füßen ge-
fesselt, in der Todeszelle. Trotz Folter
hat er seine Fluchthelfer nicht verraten.
Was der Verurteilte damals nicht wusste:
die Todesstrafe war schon nach 7 Wo-
chen zu 12 Jahren Zuchthaus umgewan-
delt worden. Erst nach 300 Tagen tägli-
cher Todesangst wurde es ihm mitge-
teilt. Über das KZ Esterwegen kam er
nach Torgau ins Militärgefängnis. Kurz der Todeszelle und seine Erlebnisse an Erst 2002 wurden sie endlich rehabili-
vor Kriegsende wurde er mit einem der Front zu verdrängen, und verfiel tiert, obwohl der Verteidigungsausschuss
Strafbataillon an die Ostfront geschickt. dem Alkohol. Erst als seine Frau bei der im Bundestag immer versucht hat, dies
Er hatte „Glück“, denn durch eine Ver- Geburt des sechsten Kindes starb, brach- zu verhindern. Von den Wehrmachtsrich-
letzung, die ein wohlmeinender Arzt nur te ihn dieser Schicksalsschlag zur Um- tern wurde kein einziger nach dem Krieg
langsam heilen ließ, hat er den Krieg kehr in seiner Lebensführung. Er befrei- zur Rechenschaft gezogen. Im Gegen-
überlebt. te sich von seiner Sucht und kümmerte teil: noch immer werden in Deutschland
Zurück in Deutschland war es schwer, sich um seine Kinder. ehemalige Nazis geehrt anstatt verur-
in einer Gesellschaft zu leben, in der In den 80er Jahren engagierte er sich teilt. Zum Beispiel der ehemalige Minis-
Deserteure noch immer als „Verräter“, in der Friedensbewegung und forderte terpräsident von Baden-Württemberg
„Feigling“ und „Drecksack“ beschimpft junge Rekruten auf: „Lasst euch nicht Hans Filbinger, einer der NS-Marine-
wurden. Auch Vater und Schwester missbrauchen! Beruft euch auf das richter, der Wehrmachtsdeserteure noch
mussten unter dem „Vaterlandsverrat“ Grundgesetz. Leistet Widerstand, wenn kurz vor Kriegsende mit Todesurteilen
leiden. ihr Befehle bekommt, denen ihr im zivi- und Hinrichtungen verfolgte. Er ist einer
Beleidigungen und Drohbriefe sind len Leben nicht folgen würdet.“ dieser Blutrichter, …aber außerdem
bis heute noch immer an der Tagesord- 1990 gründete er mit 37 anderen, teil- auch Ehrenvorsitzender der CDU in Ba-
nung. Der ehemalige Oberstleutnant weise schon gebrechlichen alten Män- den-Württemberg.
Alois G. aus München schrieb ihm nern, die Bundesvereinigung „Opfer der Deshalb existiert für die Deserteure
1994: „Seien Sie versichert, Volksschäd- NS-Militärjustiz“. Seit dieser Zeit ist er noch immer keine offizielle Gedenkstät-
ling Baumann, dass Sie für alles alsbald unterwegs, hält Vorträge und kämpft um te! In Torgau (Sachsen) gibt es zwar eine
sich vor dem Reichskriegsgericht in Anerkennung, Recht und Würde und da- Gedenkstätte für die nach 1945 Verfolg-

6 : antifaschistische nachrichten 18-2005


ten. Aber unterschiedslos sollte dort
aller Verfolgten gedacht werden, ob-
wohl nachweislich nach 1945 in Tor-
Keine Entwarnung!
gau Nazis inhaftiert waren. Keinen Anlass zur Entwarnung auf populistische Anleihen aus dem
In einer 2004 von Dr. Joachim beim Thema Rechtsextremis- rechtsextremen Gedankengut zu ver-
Gauck eröffneten Dauerausstellung im mus sehen das Anne-Frank- zichten.
Torgauer Schloss werden diese Gesta- Zentrum sowie die Vereine Gegen In den letzten Jahren hat sich mit Un-
po- und SD-Schergen pauschal als un- Vergessen – Für Demokratie und Ge- terstützung durch Bundes- und Landes-
schuldige Opfer dargestellt. Nach sicht Zeigen! Aktion Weltoffenes programme ein breites bürgerschaftli-
Meinung der sächsischen Regierung Deutschland. Sie fordern, dass die ches Engagement für Demokratie und
sollte den verurteilten Deserteuren vom Bund finanzierten Programme Toleranz entwickelt.
und Widerstandskämpfern zusammen gegen Rechtsextremismus weiterge- Die Programme gegen Rechtsextre-
mit denen, die sie zum Tod verurteilt führt und ausgebaut werden müssen. mismus – wie z. B. entimon und CIVI-
und gefoltert haben, gedacht werden. Gemeinsam haben die drei Organisa- TAS – sind eine wertvolle Investition in
Aus Protest gegen dieses Verhalten tionen deshalb einen Aufruf verfasst, unsere demokratische Zukunft. Unab-
sind die Bundesvereinigung „Opfer der am 22. August in Berlin vorge- hängig vom Ausgang der Bundestags-
der NS-Militärjustiz“, der Zentralrat stellt wurde und inzwischen von über wahlen fordern die Unterzeichnerinnen
der Juden und der Verband der Sinti 720 Personen unterstützt wird. und Unterzeichner ihre Weiterführung
und Roma aus der Stiftung „Sächsi- und ihren Ausbau. Wir brauchen lang-
sche Gedenkstätten“ ausgetreten, weil Bundesweiter Aufruf : fristige und übergreifende Präventions-
sie die Gleichsetzung der NS-Verfol- Keine Entwarnung! Aktiv gegen strategien.
gung mit der Verfolgung nach 1945 Rechtsextremismus – Für eine Denn Demokratie- und Menschen-
nicht mehr hinnehmen wollten. vielfältige, demokratische Gesell- rechtserziehung, politische Bildung, his-
Immer noch wird versucht, Solda- schaft torisches Wissen und interkulturelle
ten als Befehlsempfänger zu miss-
brauchen. Zum Beispiel Major Florian Rechtsextremismus – von
Pfaff, der sich erfolgreich dagegen rechtsextremer Jugendge-
wehrte, den Irakkrieg zu unterstützen, walt bis zu rechtsextremen
oder die Bundeswehrsoldaten, die in Parteien in Landtagen –,
Afghanistan, im Kosovo und in Ku- Fremdenfeindlichkeit und
weit eingesetzt werden. Auch der Ein- Antisemitismus sind eine
satz von Bundeswehrsoldaten zum Herausforderung für unsere
Schutz amerikanischer Militäreinrich- Demokratie.
tungen dauert noch immer an und ist Der Verfassungsschutz-
äußerst fragwürdig. bericht weist es aus, die
In Mannheim steht in der Uhland- Wahlerfolge in Branden-
straße vor dem Neckarstadt-Buchla- burg und Sachsen, die täg-
den auf privatem Gelände ein Denk- lichen Meldungen über
mal für Deserteure. Es sollte 1993 der rechtsextreme Gewalt- und
Stadt Mannheim geschenkt werden. Straftaten sowie aktuelle
Das Geschenk wurde abgelehnt. Die Studien zeigen: Es gibt Ursela Monn, Uwe-Karsten Heye, Astrid Frohloff, Rainer Hunold,
Begründung von OB Widder: es be- keinen Anlass zur Ent- Hanna-Renate Laurien, Thomas Heppener (v. links) bei der Pres-
steht keine Notwendigkeit für die Auf- warnung! Rechtsextre- sekonferenz in Berlin
stellung eines Denkmals für Deserteu- mismus und gewaltbereite
re. anti-demokratische Jugendbewegungen Kompetenz fördern die Bereitschaft zur
Gerade in einer Zeit, in der deut- haben Zulauf. Sie fordern die Wachsam- aktiven politischen Mitarbeit. Sie sind
sche Soldaten wieder im Kriegseinsatz keit aller Demokratinnen und Demokra- Grundvoraussetzung für eine vielfältige,
sind und Deserteure der aktuell statt- ten. Das heißt nicht ignorieren, nicht demokratische Zivilgesellschaft.
findenden Kriege kein Bleiberecht in wegschauen, nicht verschweigen.
Deutschland bekommen, ist die öf- Wir brauchen die kritische, demokra- Rechtsextremismus, Fremdenfeind-
fentliche Auseinandersetzung mit die- tische, politische Auseinandersetzung lichkeit und Antisemitismus bedrohen
sem Thema wichtiger denn je. Zeit- mit rechtsextremen Ansichten und Aus- unser Gemeinwesen – es gibt nach
zeugen wie Ludwig Baumann gibt es sagen. Der Wahlkampf ist eine Bewäh- unserer Überzeugung keinen Anlass
nur noch wenige. Gerade deshalb dür- rungsprobe für alle Politikerinnen und zur Entwarnung!
fen wir die Geschichte nicht verges- Politiker der demokratischen Parteien, www.gesichtzeigen.de ■
sen. Die politische Tendenz in unse-
rem Land geht eindeutig nach rechts. Brüske Weise
Menschen wie Ludwig Baumann Berlin/Paris/Wien. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, will die Reise-
sollten uns Vorbild sein, selber Mut zu bahnhöfe für das Gedenken an die NS-Kinderdeportationen definitiv sperren und hat das Vermittlungs-
haben, einzugreifen und zu kämpfen angebot einer hochrangigen Delegation zurückgewiesen. Der entsprechende Schriftwechsel liegt german-
foreign-policy vor. Demnach lehnt es Mehdorn ab, mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, dem DGB-
gegen Krieg, Ausgrenzung, Abschie- Vorsitzenden der Bezirke Hessen und Thüringen sowie mehreren Überlebenden der KZ-Haft in Auschwitz
bung, Rassismus und Neofaschismus. und Theresienstadt zusammenzutreffen. Die Abgewiesenen hatten vorgeschlagen, bei einer persönlichen
ukari Begegnung nach einvernehmlichen Lösungen für eine Ausstellung über die auf dem deutschen Schienen-
netz nach Auschwitz deportierten Kinder zu suchen. Die Ausstellung war der Bahn AG von der französi-
Am Sonntag, den 25. September schen Organisation „Fils et Filles des Déportés Juifs de France“ angeboten worden. Unter den mehr als
wird im ASV, Mannheim, Beilstras- 10.000 Opfern, die in Viehwaggons der „Deutschen Reichsbahn“ u.a. nach Auschwitz geschleust wurden,
se 12 um 21 Uhr ein Film gezeigt befinden sich über 500 Kinder aus Deutschland und mehr als 100 aus Österreich. Die Abweisung der
Delegation hat in mehreren jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik und bei der Initiative „Elftausend
werden über Ludwig Baumanns
Kinder“ Bestürzung ausgelöst.
Vortrag am 4. Mai 2005 beim Frie- mehr unter http://www.german-foreign-policy.com/de/news/art/2005/55941.php ■
densplenum Mannheim.

: antifaschistische nachrichten 18-2005 7


Strafanzeige gegen
NPD und REP
„Fremdenfeindlichkeit“
Bonn. Am Freitag, den 26. August 2005
wurde in Bonn Strafantrag gestellt gemäß
ausgeschlossen?
Voreilige und unsachgemäße Schlüsse nach Schändung von NS-Opfer-Gräbern
§ 130 StGB (Volksverhetzung)
a) gegen den presserechtlich verantwort- Weimar. In der Nacht vom 13. einem „immensen Kraftaufwand“ (TA,
lich zeichnenden Bundesvorstand der auf den 14. August 2005 verwüs- 16.8.05) die Rede? War er also wirklich
rechtsextremen „Republikaner“ (REP) teten zunächst unbekannte Täter alleine? Auch wenn zu dem jungen Ver-
und den zu ermittelnden Verteiler von im in Blankenhain nahe Weimar auf dem dächtigen nach Auskunft der PD Jena kei-
Stadtbereich Bonn positionierten Plakaten städtischen Friedhof 15 Gräber von Op- ne einschlägige Vorstrafe verzeichnet ist,
mit der Aufschrift „Arbeit für Wojciech – fern des NS-Regimes, darunter auch sie- müsste angesichts der Tat nicht doch noch
Hartz IV für Deutsche?“. ben mit einem Davidstern versehene Stei- einmal intensiv der geistige Hintergrund,
b) gegen den presserechtlich verant- ne, welche die Grabstätten ehemaliger jü- die Tatumstände und
wortlich zeichnenden Bundesvorstand der discher Häftlinge des KZ Buchenwald das soziale Umfeld
rechtsextremistischen Nationaldemokrati- markieren. der Friedhofsschän- Grab
schen Partei Deutschlands (NPD) und den Als eine Woche später ein 18-jähriger dung untersucht wer- eines
jüdischen
zu ermittelnden Verteiler von im Stadtbe- Blankenhainer als Täter ermittelt wird, den? Sollte sich die er- KZ-Häft-
reich Bornheim (Rheinl.) positionierten meldet die zuständige Polizeidirektion mittelnde Behörde lings
Plakaten mit der Aufschrift „Gute Heim- Jena, die Kriminalpolizei Weimar könne nicht angesichts dieser auf dem
reise!“. „in der derzeitigen Phase der Ermittlung“ Tatsachen mit voreili- Friedhof
In der Begründung zur Anzeige heißt einen „fremdenfeindlichen“ Hintergrund gen und unsachgemä- in
es: „Auf den genannten Plakaten der REP der Tat ausschließen. Der geständige Tat- ßen Bewertungen et- Blanken-
wird in einer Weise, die geeignet ist, den verdächtige habe als Grund für die Fried- was zurückhalten? hain
öffentlichen Frieden zu stören, zum Hass hofsschändung „Alkoholmissbrauch und Kann 60 Jahre nach
gegen Teile der Bevölkerung – hier denen persönliche Frustration“ angegeben. In Ende des Krieges und
mit slawischen, insbesondere polnischen dieser Phase der Ermittlungen jedoch lag der Befreiung des KZ
Namens beziehungsweise polnischer Her- den Beamten nichts vor als eben diese Buchenwald nicht et-
kunft – aufgestachelt und deren Men- Aussage des mutmaßlichen Täters. Trotz- was mehr Sorgfalt bei
schenwürde angegriffen, indem suggeriert dem wird flugs ein „fremdenfeindliches“ der Bewertung derar-
wird, diese Menschen nähmen „Deut- Motiv ausgeschlossen, was dann auch un- tiger Untaten erwartet
schen“ die Arbeitsplätze weg und sie sei- gebremst in der Presse durchschlägt. So werden?
en durchgängig sozial und wirtschaftlich heißt es etwa in der „Frankfurter Rund- Was man wissen sollte: Auf den Fried-
besser gestellt beziehungsweise bevor- schau“ vom 20.8.05 bereits zweifelsfrei: höfen Blankenhains wurden 328 Opfer
zugt. .... Angesichts der unvorstellbaren „…,Fremdenfeindlichkeit sei ausge- der Zwangsarbeit aus 14 Nationen bestat-
Verbrechen, die dem polnischen Volk von schlossen.“ tet. Unter den 328 Opfern sind 265 KZ-
den Ideologen und den Vollstreckern der Tatsache jedoch ist, dass weder „Frem- Häftlinge, unter ihnen 68 Juden, aus dem
nationalsozialistischen Gewalt- und Will- denfeindlichkeit“ eine geeignete Katego- KZ Buchenwald, die unmittelbar nach der
kürherrschaft angetan wurden, ist dies zu- rie für die Bewertung der Tat darstellt, Befreiung durch die US-Armee in das
dem ein besonders abscheulicher Angriff noch tatsächlich bei näherer Betrachtung American Protected Hospital of Blanken-
auf die Bestrebungen nach Völkerfreund- ein antisemitischer oder rechtsextremer hain eingeliefert worden waren und deren
schaft zwischen der Bundesrepublik Hintergrund wirklich ausgeschlossen Leben nicht mehr gerettet werden konnte.
Deutschland und Polen mit all ihren Be- werden kann. Warum begab sich der mut- (Vgl. Heimatgeschichtlicher Wegweiser
mühungen um Aussöhnung und Wieder- maßliche Täter, so könnte man fragen, zu Stätten des Widerstandes und der Ver-
gutmachung. ausgerechnet auf den Friedhof und schän- folgung 1933 – 1945, Band 8: Thüringen,
Die Plakataufschrift „Gute Heimreise!“ dete hier nicht etwa wahllos die Gräber 2003, S. 358)
der NPD wird ergänzt durch ein Bild, auf von NS-Opfern und normalen Blanken- Wer den Friedhof je besuchte, weiß,
dem weggehende muslimische Frauen mit hainer Bürgern, sondern ganz gezielt 15 wie es einem das Herz zusammen zieht,
vollen Tüten und ein Moscheeturm abge- Steine ausschließlich von NS-Opfern? wenn man Namen, Alter und Herkunfts-
bildet sind. Bild und Text vermitteln eine Welcher gesellschaftliche Kontext könnte land derer auf den Grabsteinen liest, die
besonders zynische Variante der Parole es ihn als probat erscheinen lassen, ausge- die Befreiung von der deutschen Barbarei
„Ausländer raus!“: Ausländische Mitbür- rechnet diese Gräber für sein schändliches nur um wenige Tage oder Wochen über-
gerInnen sollen sozusagen mit Sack und Tun auszuwählen? Welcher Hass muss lebten. Fritz Burschel
Pack unter unwürdigen Bedingungen aus ihn getrieben haben, diese sehr schweren Netzwerkstelle gegen Rechtsextre-
der Bundesrepublik Deutschland vertrie- Steine aus dem Fundament zu hebeln und mismus, weimar-gegen-rechts@web.de
ben werden. Besonders abscheulich wird umzukippen – in der Lokalpresse ist von www.weimar-gegen-rechts@web.de ■
diese Volksverhetzung dadurch, dass das
Fotomotiv nicht nur Aufnahmen aus dem
polnischen Drohobycz des Jahres 1942 NPD nicht nur die unter der nationalsozia- nen im direkten Straßenverlauf. Dies
ähnelt, auf denen ebenfalls Menschen mit listischen Gewalt- und Willkürherrschaft muss als ein gezielter Affront gegen Born-
schweren Bündeln abgebildet sind: Jüdin- begangenen Gräueltaten, sondern fordert heimer BürgerInnen aufgefasst werden,
nen und Juden, die von den Nationalso- geradezu dazu auf, diese hier und jetzt zu der nicht geduldet werden darf.“
zialisten in das nahe Konzentrationslager wiederholen. Eine eigene Brisanz erhält Der Bürgermeister der Stadt Bornheim
Belzec deportiert wurden, wo die meisten diese Propaganda noch durch die Positio- (Rheinl.), Wolfgang Henseler (SPD), hat
der 40.000 Deportierten ermordet wur- nierung dieser Plakate in unmittelbarer den Antragstellern der Anzeige aus Krei-
den. Nähe eines von Kroaten betrieben Restau- sen der VVN-BdA bereits zugesichert, die
Es gleicht aber auch auf erschreckende rants in Bornheim-Merten, Bonn-Brühler- Möglichkeiten zu prüfen, diese volksver-
Weise Bildern aus dem KZ Auschwitz (s. Str. 39, den nach Auskunft eines Anwoh- hetzende Propaganda entfernen zu lassen.
Anl.). Damit billigt und verharmlost die ners einzigen ausländischen MitbürgerIn- rew ■

8 : antifaschistische nachrichten 18-2005


Nichts hat sich jedoch 24 Tote in Paris – denn nach den ersten Ergebnissen
seitdem an der Gefahrensi- der polizeilichen Ermittlungen steht
tuation geändert, in der viele Der Staat bekämpft die Opfer mittlerweile fest, dass der Feuer
„mal logés“ (Schlecht Be- Fortsetzung von Seite 1 wahrscheinlich absichtlich gelegt
hauste) – deren Zahl frank- worden ist. Der Brandherd ging von
reichweit auf annähernd 2 Kinderwägen, die im Erdgeschoss
Millionen geschätzt wird – im Treppenhaus abgestellt waren,
leben. aus – und der ursprüngliche Ver-
In der Nacht vom 25. auf dacht, dass defekte elektrische Lei-
den 26. August brannte ein tungen das Feuer verursacht haben
Wohnhaus am Boulevard könnten, ist ausgeräumt, denn es
Vincent-Auriol im südlichen befanden sich gar keine Leitungen
Zentrum von Paris. Der in der Nähe der Kinderwägen. Er-
Brand forderte 17 Tote, da- härtet sich die Vermutung, so ist im
runter 14 Kinder; Es handel- Moment aber weniger an einen
te sich um ein sechsstöcki- ideologisch-rassistisch motivierten
ges Wohnhaus, in dem die Anschlag zu denken, sondern wohl
Stadt Paris rund 150 Perso- eher an einen „warmen Abbruch“,
nen, überwiegend afrikani- der käme mächtigen Interessen äu-
scher Herkunft, „proviso- ßerst gelegen: In der Nachbarschaft
risch“ untergebracht hatte. des abgebrannten Hauses kostet der
Das Provisorium dauerte für Quadratmeter in den zahlreichen
viele der betroffenen Familien seit – 1991. Handwerkern, zu 35 Prozent aus Unter- (Büro-)Neubauten im Augenblick 4.000
Damals hatten, beginnend am 13. Juli, nehmern, Freiberuflern und leitenden An- Euro.
dem Vorabend des französischen Natio- gestellten. Bereits 1990 hatten sich diese Ein zweiter Brand wenige Tage später,
nalfeiertags, rund 300 vorwiegend Proportionen umgekehrt. Und derzeit der in der Nacht zum 30. August erneut 7
maghrebinische und schwarzafrikanische spitzt sich diese Tendenz weiterhin dras- Todesopfer (darunter 4 Kinder) forderte,
Einwanderer die Riesenbaustelle der jet- tisch zu: In den Jahren 2001 bis 2004 klet- traf erneut afrikanische Immigranten.
zigen Bibliothèque Nationale de France – terten die Mieten in Frankreich im Durch- Dieses Mal brannte ein besetztes Haus,
der größten Bibliothek Europas – besetzt. schnitt um 14,22 Prozent (laut „Le Pari- das seit Anfang der 90er Jahre durch seine
Vier Monate lang lebten sie dort in Zel- sien“ vom 14. März 2005), für das laufen- früheren Eigentümer aufgegeben und
ten auf dem Gelände, unterstützt von de Jahr wird ein Anstieg um weitere 4,7 1999 durch ivoirische (d.h. aus der Côte
Wohnrauminitiativen wie dem kämpferi- Prozent prognostiziert. Wer arm ist, hat d’Ivoire, oder Elfenbeinküste, stammen-
schen DAL (gesprochen „Dall“; von also schlechte Karten in Paris, wo die Eli- de) Familien besetzt worden war. Die
„Droit au logement“, der Name bedeutet ten der halben Welt mittlerweile um die Mehrheit der „HausbesetzerInnen“ in Pa-
„Recht auf eine Wohnung“). Am Ende prestigereichsten Quadratmeter konkur- ris sind keine Junganarchisten, sondern –
waren die Leute „vorübergehend“ in Not- rieren – und wer noch dazu beispielsweise wie in diesem Fall – afrikanische Famili-
unterkünften, die der Stadt Paris gehörten, schwarz ist, hat doppelt schlechte Karten. en, die auf dem so genannten „freien
untergebracht worden. Ein Jahr später Bisher waren einzelne ärmere innerstädti- Wohnungsmarkt“ keine Chance haben
fand erneut eine noch größere Besetzung sche Wohnviertel, die seit langem von Im- und auch keine Sozialwohnung erhalten.
statt, 1.400 Menschen – meistens afrika- migranten bewohnt waren, davon ausge- Eine zehnjährige Aufenthaltserlaubnis ge-
nische Familien – campierten in ausran- nommen – doch in diesen machen sich in- hört zu den gesetzlichen Mindestvoraus-
gierten US-Armeezelten vor dem Schloss zwischen die „Bobos“ (Bourgeois-Bohè- setzungen, um überhaupt Anspruch auf
von Vincennes, vor den Toren von Paris. mes) breit, jüngere Besserverdienende mit eine Sozialwohnung (HLM) erheben zu
Dieses Mal ließ der Pariser Polizeipräfekt linksliberalem Touch und einem Hang zur können. Das ausgebrannte Gebäude in der
die Zeltstadt jedoch, Ende Oktober 1992, Sozialromantik. Letztere schätzen diese rue du Roi-Doré, in der Altstadt von Paris,
gewaltsam auflösen. Viertel und lassen gleichzeitig die Mieten gehörte zu den baufälligsten Häusern der
Die Protestierenden waren in beiden auch dort explodieren. französischen Hauptstadt und war bereits
Fällen fast ausschließlich „legale“ Immig- Das – „provisorisch“ belegte – Wohn- als besonders gefährlich eingestuft. Eine
ranten, die seit Jahren mit Aufenthaltstitel haus am Boulevard Vincent-Auriol, nur städtische Gesellschaft zur Renovierung
in der französischen Hauptstadt lebten einige hundert Meter von der 1996 eröff- risikobehafteter Gebäude hatte das Haus
und beispielsweise bei der öffentlichen neten Nationalbibliothek entfernt, hatte vor einem halben Jahr aufgekauft. Von 22
Müllabfuhr beschäftigt waren. Sie waren lockere Bretter und teilweise löcherige Familien waren 12 in eine andere Woh-
jedoch, wegen Mietrückständen oder we- Decken. Bei Regen tropfte das Wasser in nung vermittelt worden – alles Familien,
gen Abriss ihrer bisherigen Wohnungen, das Gebäude hinein. Elektrische Drähte die Aufenthaltsdokumente besaßen. Die
aus ihren Häusern geflogen. Und sie fan- hingen lose in der Gegend herum. Anläss- anderen 10 Familien, die keine gültigen
den schlicht keine neuen Vermieter: Weil lich der Bauarbeiten in der unmittelbaren Aufenthaltstitel (mehr) aufwiesen, blie-
sie schwarz sind und aufgrund flagranter Nachbarschaft, wo rund um die Biblio- ben in dem Haus mit defekten elektri-
Diskriminierungen auf dem Wohnungs- thek in den letzten Jahren ein neues, „hy- schen Leitungen – letztere haben nach
markt, oder auch einfach deswegen, weil permodernes“ und extrem hässliches bisherigen Ermittlungen in diesem Fall
sie „zu arm“ waren. Diese Ausschlussme- Büro- und Geschäftsviertel entstanden ist möglicherweise den Brand verursacht.
chanismen haben sich seitdem nur noch und weiter wächst, vibrierte und erzitterte Diese zehn Familien waren es, die am 30.
drastisch verschärft: Potenzielle Vermie- das gesamte Haus. Es war also eher August bei lebendigem Leib zu verbren-
ter verlangen oftmals als „Sicherheit“, glücklichen Umständen zu verdanken, nen drohten.
dass ihre MieterInnen vier oder fünf mal dass es nicht schon lange zu gravierenden Der Innenminister im Einsatz gegen
die Summe der Monatsmiete als Gehalt Unfällen gekommen ist. Der Brand von die Opfer
verdienen. Die Konsequenzen liegen auf Ende August war jedoch kein Unfall. Am
der Hand: 1954 bestand die Bevölkerung vorigen Freitag hat die Pariser Staatsan- Der französische Innenminister Nicolas
von Paris noch zu 65 Prozent aus Arbei- waltschaft ein Strafverfahren gegen Un- Sarkozy hat es erkannt: Das Problem rührt
tern und Angestellten sowie kleinen bekannt wegen Brandstiftung eröffnet, daher, dass so viele Leute mit akuten

: antifaschistische nachrichten 18-2005 9


Wohnraumproblemen „sich in Paris zu- schlicht und einfach nicht anwenden. Im haben. Diese sollen nunmehr rasch ge-
sammen ballen“, erklärte er in den letzten Großraum Paris, wo der sozialdemokrati- räumt werden.
Augusttagen, „von denen einige sich ille- sche Regionalpräsident Jean-Paul Huchon Und den Worten folgten Taten: Am ver-
gal in Frankreich aufhalten“ und deshalb ein wenig auf die Einhaltung der Vor- gangenen Freitag um 7 Uhr morgens rück-
angeblich nicht registriert seien. schrift drängt, liefert unter anderem der ten Großaufgebote der Pariser Polizei im
Letztere Behauptung ist freilich Bürgermeister des Pariser Nobelvororts nordöstlichen 19. Arrondissement sowie
Mummpitz, denn den Polizeidiensten ist Neuilly-sur- Seine, ein gewisser Nicolas im südlichen 14. Bezirk der Hauptstadt an.
sehr wohl die – ungefähre – Anzahl so ge- Sarkozy..., einen anhaltenden Kleinkrieg Im Norden räumten sie ein ehemaliges
nannt „illegaler“ Einwanderer und ihre gegen jede Verpflichtung zum sozialen Zentrum für Behinderte, das seit vier Jah-
räumliche Verteilung bekannt. Die Staats- Wohnungsbau. Auch die Hauptstadt Paris, ren aufgegeben und durch afrikanische Fa-
organe sind sehr genau darüber unterrich- seit 2001 unter einem sozialdemokrati- milien besetzt worden war. Ausgerechnet
tet, dass bestimmte Wirtschaftszweige schen Stadtoberhaupt (Bertrand Delanoë), im Dreieck der Straßen, die „rue de la Fra-
(Gebäudereinigung, Teile des Baugewer- leistet zumindest passive Widerstände; al- ternité“, „rue de la Liberté » und „rue de la
bes usw.) in weiten Teilen auf „illegalen“ lerdings hat die Stadtverwaltung tatsäch- Solidarité“ heißen – das besetzte Gebâude
und deshalb besonders prekarisierten und lich Mühe, innerhalb von Paris Neubauten lag in der erstgenannten, der „Straße der
billigen Arbeitskräften basieren, ohne die anzusetzen, und zeigt sich teilweise um Brüderlichkeit“ – rissen die Beamten die
sie in ihrer jetzigen Form zusammenbre- die Umwandlung bisherigen gehobenen in Familien aus ihren Betten, es kam zu ge-
chen würden. Der Staat interveniert in der Sozialwohnraum bemüht. Dagegen leisten waltsamen Übergriffen. Es wäre der erste
Regel, wenn ein „Überangebot“ an illega- aber wieder bürgerliche Bezirkspolitiker Schultag für die Kinder gewesen, der da-
lisierten Arbeitskräften besteht, um einen erbitterte Widerstände...
Teil der „Überflüssigen“ abzuräumen und In der jetzigen Krise, die durch die
in ihre Herkunftsländer zurückzuverfrach- Katastrophen von Ende August ausge-
ten. löst wurde, reagieren die Stadt Paris
Am vorigen Dienstag erklärte Sarkozy und der französische Staat auf unter-
in diesem Kontext, er habe die ihm unter- schiedliche Weise. Das Rathaus der
gebenen Polizeidienste angewiesen, „all Hauptstadt hat angekündigt, allen von
diese besetzten Häuser und all diese Ge- Brandkatastrophen Betroffenen –
bäude zu räumen, um weitere Dramen zu demnach also auch jenen ohne gültige
verhindern“. Angeblich, um die potenziell Aufenthaltspapieren, wie implizit aus
gefährdeten Menschen darin zu schützen. der Ankündigung hervor geht, neuen
Der brisante Punkt liegt freilich in der Fra- Wohnraum zu beschaffen. Die 133
ge, ob den von Räumungen betroffenen Überlebenden des Hauses am Boule-
Personen oder Familien Ersatzwohnraum vard Vincent-Auriol waren am ver-
angeboten wird oder nicht. Darin liegt die gangenen Wochenende tatsächlich
Crux so mancher (pseudo-)humanitärer alle untergebracht, sie sind aber über-
Politik, die sich darauf beruft, man wolle wiegend „legale“ Einwanderer. Für
doch endlich den schrecklichen Wohn- die ehemaligen Bewohner der rue du
raumbedingungen an manchen Orten ein Roi-Doré, die hingegen in „illegaler“ Si- mit ausfallen musste. Der offizielle Vor-
Ende bereiten. Beispielsweise in der Poli- tuation sind, bleibt die Regelung abzuwar- wand, es habe sich um ein gefährliches
tik des aktuellen Arbeits- und Sozialminis- ten. Die Stadt hat einige Unterbringungen Objekt gehandelt, ist in diesem Fall offen-
ters Jean-Louis Borloo: Er möchte in den an den Rändern von Paris angeboten, aber kundig fadenscheinig: Im vorigen Jahr wa-
kommenden fünf Jahren erklärtermaßen die Familien bestehen darauf, in ihrem bis- ren, im Einvernehmen mit dem sozialde-
25.000 Wohnungen im sozialen Woh- herigen Wohnviertel zu bleiben. Sie wol- mokratisch regierten Bezirksrathaus, eini-
nungsbau (HLM) abreißen und zerstören, len vermeiden, dass ihre Kinder künftig in ge Arbeiten an dem Gebäude durchgeführt
um den schlechten Konditionen in den „Ghettoschulen“ gehen müssen und damit worden, um Risiken etwa im Hinblick auf
Wohnblöcken und Plattenbauen mancher keine wirkliche Zukunft haben. Einige elektrische Leitungen auszuschalten. Für
Pariser Trabantenstädte ein Ende zu berei- Schulen in den Randbezirken von Paris das Frühjahr 2006 war – so die Vereinba-
ten. Rein theoretisch ein löbliches Vorha- sind als „Ghettoschulen“ abgestempelt, rung zwischen Bezirksrathaus und Solida-
ben – aber die entscheidende Frage lautet, und wer dort einen Abschluss macht und ritätsorganisationen – geplant gewesen,
wo dann der damit wegfallende Wohn- gleichzeitig schwarz ist, dürfte tatsächlich die rund 70 Personen in andere Wohnun-
raum ersetzt wird. Die Antwort der Regie- relativ geringe Chancen in der Gesell- gen umzusiedeln, um Instandsetzungsar-
rung lautet: Irgendwo, noch weiter drau- schaft haben. „Viele der Frauen aus dem beiten vornehmen zu können. Aber das
ßen aus dem Pariser Ballungszentrum oder Haus arbeiten als Putzfrauen in der Nach- Gebäude war wohl aus anderen Gründen
in der „Provinz“ – aber bitte nicht in Paris barschaft, haben soziale Kontakte im Be- Leuten aus dem Staatsapparat ein Dorn im
und auch nicht vor seinen Toren! zirk geknüpft und kennen Eltern oder Leh- Auge. Einmal wöchentlich traf sich hier,
A propos: Ein Gesetz aus dem Jahr rer“ berichtet etwa „Libération“. und das dürfte bekannt gewesen sein, die
2000, das vom damaligen KP-Minister für Dagegen hat die französische Zentralre- Solidaritätskoordination für die Sans pa-
Verkehr und Wohnungsbau Jean-Claude gierung, und allen voran ihr Law and Or- piers (illegalisierte Einwanderer) des 19.
Gayssot ausgearbeitet worden ist, ver- der-Minister Sarkozy, kein Sterbenswört- Arrondissements. Ferner hatte ein Immo-
pflichtet alle Städte, Bezirke und Kommu- chen über eine mögliche Unterbringung bilienspekulant das Gebäude seit 2003
nen dazu, einen Anteil von mindestens 20 der von Katastrophen oder Räumungen aufgekauft – und der konnte nun seine fi-
Prozent an Sozialwohnungen auf ihrem je- betroffenen Familien verloren. Um den nanziellen Interessen geltend machen, er
weiligen Gebiet zur Verfügung zu stellen – Applaus des rassistischen Teils der Wäh- hatte im übrigen auch die Justiz angerufen.
und notfalls Wohnraum umzuwandeln lerschaft bemüht, betont Sarkozy allein Die afrikanischen Familien wurden
oder Sozialwohnungen nachzubauen. Seit den repressiven Aspekt seiner Ankündi- gezwungen, ihre Sachen in Müllsäcke und
dem Regierungswechsel von 2002 aber gung, Die Polizeipräfektur, die Innenmi- notdürftige Kartons zu verpacken. Je-
lässt die Pariser Regierung, die theoretisch nister Sarkozy unterstellt ist, kündigte am doch erwiesen sich viele Bewohner der
alle Kommunen zur Einhaltung dieser Ver- vorigen Donnerstag bereits an, eine Liste Nachbarschaft solidarisch, einige boten
pflichtung zwingen oder sie sonst mit ei- der 60 gefährdetsten Objekte erstellt zu den Afrikanern etwa an, die Sachen,
ner Geldstrafe belegen könnte, das Gesetz die sie nicht unmittelbar mitnehmen

10 : antifaschistische nachrichten 18-2005


: ausländer- und asylpolitik
könnten, in ihren Garagen abzustellen. Die
70 betroffenen afrikanischen Erwachsenen
und Kinder campieren nunmehr seit Frei-
tagabend in Zelten im Park am nahe gele- Zynische Info-Broschüre des Und wäre nicht auch das Schicksal der
genen Boulevard d’Algérie, am Pariser Thüringer Landesausländer- Familie Sönmez einer von vielen Fällen,
Stadtrand. Unterstützung erhielten sie von wo ein um die Belange von AusländerIn-
Wohnrauminitiativen, Antirassismusgrup- beauftragten nen wirklich bemühter Regierungsbeauf-
pen, KP, Grünen, undogmatischen Trotz- Thüringen. Jahr und Tag hört man tragter tätig werden müsste? Die Familie
kisten. Auch sozialdemokratische Hoch- kaum etwas vom Landesausländerbeauf- soll nach einem Jahrzehnt Leben und In-
schullehrerinnen aus der unmittelbaren tragten. Und dann flattert einem eine tegration in Deutschland, wo auch die
Nachbarschaft engagierten sich aktiv. Die Broschüre für Abschiebehäftlinge ins Kinder aufwuchsen, knallhart in die Tür-
Pariser Stadtverwaltung hat jetzt angekün- Haus, welche einen an der Aufgabe jenes kei abgeschoben werden und flüchtete
digt, jenen 18 Familien unter den Betroffe- Landesbeauftragten verzweifeln lassen nach vergeblichem Appell an die Härte-
nen, die über Aufenthaltserlaubnisse ver- will. fallkommission jetzt in ein Kirchenasyl.
fügen, neuen Wohnraum zu besorgen. Sollte ein solcher Beauftragter für die Seine Abschiebe-Broschüre jedenfalls
Im Süden von Paris handelte es sich um Belange von MigrantInnen, Asylsuchen- kann sich Thüringens Ausländerbeauf-
ein 2.200 Quadratmeter großes Gelände, den und AusländerInnen allgemein nicht tragter Eckehard Peters – mit Verlaub –
auf dem der letzte erhaltene Bauernhof auf eigentlich deren Situation verbessern, für an den Hut stecken!
Pariser Stadtgebiet liegt. Das Areal ist Ihre Rechte und Bedürfnisse eintreten Fritz Burschel
ebenfalls Objekt einer Immobilienspeku- und auch parlamentarisch darauf drin- Netzwerkstelle gegen Rechtsextre-
lation, derentwegen lokale Initiativen seit gen, dass eine als strukturell rassistisch mismus, weimar-gegen-rechts@web.de
Jahren mit den Bezirksbehörden im Kon- noch recht milde bezeichnete Ausländer- www.weimar-zeigt-sich.de ■
flikt lagen, um die geplante Zerstörung zu und Asylpolitik entschärft, liberalisiert
verhindern. Seit circa zwei Jahren wohn- und ihrem Gegenstand gemäß humaner Offener Brief an Ministerin
ten dort ebenfalls 70 bis 80 afrikanische gemacht wird? Es geht doch um Men-
Immigranten, viele unter ihnen ivoirischer schen auf der Flucht, Menschen auf der München. Während der Aktionen zum
Nationalität. Sie wurden am Freitagvor- Suche nach Lebensperspektiven, Men- Essenspakete-Boykott im Flüchtlingsla-
mittag durch ein großes Polizeiaufgebot schen, die Freizügigkeit suchen. ger in der Emma-Ihrer-Str. in München
geräumt. In ihrem Fall hat die Polizeiprä- Stattdessen legt der Ausländerbeauf- wurden zahlreiche Protestfaxe ans Sozi-
fektur angekündigt, ihnen für 14 Tage eine tragte nun eine Art Willkommens-Bro- alministerium geschickt. Darin wurde
Unterkunft in einem möblierten Hotel zur schüre für die Abschiebehaft vor, welche die Versorgung mit Essenspaketen als
Verfügung zu stellen und ihr Hab und – so könnte man zynisch zusammenfas- menschenunwürdig kritisiert und darauf
Gute für einen Monat aufzubewahren. Seit sen – in ihren grundlegenden Rechten hingewiesen, dass Barleistungen billiger
Freitag sind die Familien nun in einem zum Teil existenziell eingeschränkten und weniger aufwändig wären. Ministe-
Hotel in Suresnes, einer Pariser Trabanten- Abschiebehäftlingen den Aufenthalt in rin Stewens wurde zu einer öffentlichen
stadt, untergebracht – weit entfernt von einer Thüringer JVA „möglichst ange- Stellungnahme zu den Protesten und den
den Schulen, in denen ihre Kinder am vo- nehm“ gestalten soll. Forderungen nach Geld- statt Sachleis-
rigen Freitag eingeschult werden oder in Ob es den unglücklichen Abschiebe- tungen aufgefordert. Im Antwortschrei-
eine neue Klasse kommen sollten. gefangenen etwas hilft, zu wissen, dass ben des Ministeriums an die AbsenderIn-
Die nähere Zukunft wird zeigen, ob es sie „weder als Straf- noch Untersu- nen der Protestfaxe hieß es, dass die Ver-
zu größeren Solidaritätsbekundungen chungsgefangene“ gelten, „da sie nicht sorgung einwandfrei sei und die Geset-
kommt. Am vorigen Samstag demonstrier- wegen einer begangenen Straftat oder zeslage keinen Spielraum lasse. Die Pra-
ten 8.000 bis 10.000 Menschen aus der ge- des Verdachts einer Straftat inhaftiert“ xis in anderen Bundesländern beweist al-
samten Linken (links von der Sozialdemo- sind, darf bezweifelt werden. In kaltem lerdings, dass der Ermessensspielraum
kratie), Solidaritätsvereinigungen, Anti- Behördendeutsch wird ihnen von „ihrem des Asylbewerberleistungsgesetzes grö-
rassismus- und Wohnrauminitiativen vom Ausländerbeauftragten“ erklärt, weshalb ßer ist, als es vom Bayerischen Sozialmi-
Boulevard Vincent-Auriol bis zur Place de sie jetzt in der Falle hocken. Der auf- nisterium dargestellt wird.
la République auf der anderen Seine-Seite. grund fragwürdiger Asyl- und Aufent- Daher wenden sich nun verschiedene
Angesichts der Tatsache, dass die De- haltsrechts-Regeln Inhaftierte kann si- Organisationen und Einzelpersonen, die
monstration innerhalb von drei Tagen vor- cher auf diese Art Betreuung verzichten. die Proteste der Flüchtlinge gegen die
bereitet worden war, ein beachtlicher Er- Für einen um Milderung, Integration Verletzung ihres Rechts auf Selbstbe-
folg. Der Versuch eines Teils der Demons- und Menschenwürde bemühten Regie- stimmung unterstützen, mit einem offe-
trantInnen, bis zu dem Park im 19. Arron- rungsbeauftragten sollte derartige Abfer- nen Brief an die Ministerin.
dissement vorzudringen, in dem die tigungshilfe für Betroffene des bundes- Miriam Leitner (Bayerischer Flücht-
zwangsgeräumten Familien campieren, deutschen Abschieberegimes unwürdig lingsrat), bfr@ibu.de■
wurde durch massiven Polizeieinsatz ver- sein: so macht er sich zur Gleitcreme in Offener Brief
eitelt. einem geschmeidig und auf Hochtouren
Post scriptum: Die französische Volks- laufenden Abschiebe-Apparat. Sehr geehrte Frau Stewens, mit Interesse
zählung von 1990 hatte ergeben, dass es Dabei gäbe es, angesichts von wissen- haben wir Ihre durch Herrn Lischke
118.000 leerstehende Wohnungen in Paris schaftlichen Umfrage-Ergebnissen wie übermittelte Antwort auf die Kritik an
(und frankreichweit 1,9 Millionen) gebe. dem Thüringen Monitor (erarbeitet an der Versorgung von Flüchtlingen mit
Die letzte Statistik aus dem Jahr 2001 der Friedrich-Schiller-Universität im Sachleistungen zur Kenntnis genommen.
weist allein für das Pariser Stadtgebiet Auftrage des Landtages) wahrhaftig Diese lässt jedoch einige Fragen offen.
136.000 leer stehende Wohnungen aus. wichtigeres für den Ausländerbeauftrag- Sie halten das Asylbewerberleistungs-
Nach einer Verordnung aus dem Jahr 1945 ten zu tun, als der Abschiebebehörde zur gesetz nicht für menschenunwürdig, da
könnte die Regierung – theoretisch – Hand zu gehen: Rund 56 Prozent der es auf die „notwendigen Bedürfnisse der
Wohnraum, der etwa zu Spekulationszwe- ThüringerInnen pflegen – so heißt es im Leistungsempfänger“ abstelle. Ein Ge-
cken durch seine Eigentümer leer gelassen Monitor 2004 – dezidiert ausländerfeind- setz, das die Grundversorgung einer be-
wird, legal beschlagnahmen. liche, rund 22 Prozent gar rechtsextreme stimmten gesellschaftlichen Gruppe re-
Bernhard Schmid, Paris ■ Einstellungen. gelt und sie damit aus dem für alle ande-

: antifaschistische nachrichten 18-2005 11


ren geltenden Sozialsystem ausschließt, missachten Sie unter anderem das Grund- Dezentraler Aktionstag
ist jedoch an sich diskriminierend. Die recht auf Wahrung der Menschenwürde gegen Abschiebungen
Unterbringung in sogenannten Gemein- (Art. 1 GG), das Grundrecht auf freie
schaftsunterkünften und die Versorgung Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Greifswald. Mit einem Aktions-
mit Essenspaketen, Hygienepaketen, GG), den Gleichheitsgrundsatz (Art 3 tag gegen Abschiebung und Ab-
Kleidung und der allernötigsten medizi- GG), das Grundrecht auf Informations- schiebehaft machten am
nischen Versorgung hat nichts mehr mit freiheit (Art. 5 GG) und das Grundrecht 30.8.2005 Flüchtlingsinitiativen in mehre-
Menschlichkeit zu tun, da mit dieser Pra- auf Religionsfreiheit (Art. 4 GG). Die 40 ren deutschen Städten auf die Situation
xis Menschen zu verwalteten Objekten Euro Taschengeld, die neben Sachleistun- abgelehnter Asylbewerber aufmerksam.
degradiert werden und ihnen ihre Würde gen gewährt werden, lassen den Men- Der Aktionstag soll an das Schicksal meh-
und ihr Recht auf Selbstbestimmung ge- schen keinerlei Spielraum, diese Grund- rerer Flüchtlinge erinnern, die während
nommen werden. Dass dies, wie Sie an- rechte konkret umzusetzen. Sie haben oder in unmittelbarem Zusammenhang
führen, auch in anderen Bundesländern nicht nur keine Möglichkeit, ihren mate- mit ihrer Abschiebung in den letzten Jah-
passiert, ist keine Rechtfertigung dafür, riellen Grundbedarf nach ihren eigenen ren zu Tode gekommen sind.
dass auch in Bayern so verfahren wird. Bedürfnissen zu de- „1983 war der
Ebenso könnten Sie sich auf die Länder cken, sondern bleiben 23-jährige türki-
berufen, die den Ermessensspielraum auch vom gesellschaft- sche Oppositionel-
des Asylbewerberleistungsgesetzes aus- lichen und kulturellen le Kemal Altun aus
schöpfen und durch die Vergabe von Leben aus-geschlossen. Angst vor seiner
Geldleistungen den Betroffenen ein Mi- Die anhaltenden Pro- Auslieferung an
nimum an Selbstbestimmung ermögli- teste von Flüchtlingen die Türkei aus dem
chen. gegen Essenspakete wi- Fenster eines Ber-
Ihr Verweis auf den „Asylkompro- dersprechen Ihrer Aus- liner Gerichtssaals
miss“ von 1991 als Grundlage für das sage, dass es sich um in den Tod ge-
derzeit geltende Gesetz ist außerdem eine „einwandfreie Ver- sprungen. 1999 er-
nicht ganz aktuell. Es wird Ihnen bekannt sorgung“ handelt. stickte der Nigeria-
sein, dass mit der Novellierung des Asyl- Im Übrigen möchten ner Kola Bankole
bewerberleistungsgesetzes von 1997 der wir Sie darauf hinwei- während der Ab-
Ermessensspielraum für die Auszahlung sen, dass nach der ge- schiebung. Er war
von Geldleistungen erheblich erweitert setzlichen Konzeption gefesselt, der
wurde, und zwar aus der Erkenntnis he- der Bezug von einge- Mund mit Paket-
raus, dass Sachleistungen teurer als Geld- schränkten Leis- klebeband ver-
leistungen sind. tungen nach dem klebt, zuvor mit ei-
Sie begründen die Ausreichung von AsylblG auf 36 ner Beruhigungsspritze ruhig ge-
Essenspaketen mit § 3 AsylbLg, in dem, Monate be- stellt ins Flugzeug verfrachtet wor-
wie Sie schreiben, die Vergabe von Sach- schränkt sein soll. den.“(aus dem Kalender „Flucht-
leistungen gesetzlich festgelegt sei. § 3 Die bayerische wege freihalten“, 2005)
Abs. 2 S. 1 AsylbLG lautet aber wörtlich: Praxis, landesweit In diesem Zusammenhang wur-
„Bei einer Unterbringung außerhalb von nur Essenspakete de von einer örtlichen Initiative auf
Aufnahmeeinrichtungen im Sinne des § auszugeben, wenn dem Greifswalder Fischmarkt ein
44 des Asylverfahrensgesetzes können, Leistungsbezieher Straßentheater inszeniert: eine Ab-
soweit es nach den Umständen erforder- in Gemeinschafts- schiebung von togoschen Flücht-
lich ist, anstelle von vorrangig zu gewäh- unterkünften woh- lingen von Deutschland nach
renden Sachleistungen nach Absatz 1 nen, widerspricht Togo. Dabei wurde auf mögliche
Satz 1 Leistungen in Form von Wertgut- der Gesetzeslage. Folgen wie staatliche Beugemaß-
scheinen, von anderen unbaren Abrech- Wir verweisen da- nahmen, Eingriffe in die persönli-
nungen oder von Geldleistungen im glei- bei auf die Ent- che Freiheit, die Verletzung der
chen Wert gewährt werden.“ Außerhalb scheidungen des Menschenrechte sowie das mögli-
von Erstaufnahmeeinrichtungen kann OVG Sachsen che „Ankommen“ in Togo auf-
also kein Sachleistungszwang festgestellt vom 11.9.2002 und des BayVGH vom merksam gemacht. Die Situation in Togo
werden. „Nach den Umständen erforder- 6.10.03 - 12 C 03.1544 und die ständige ist, insbesondere nach der manipulierten
lich“ sind Essenspakete sicherlich nicht, Rechtsprechung des BayVG München. Wahl vom 24. April dramatisch, berichtet
wenn man bedenkt, dass der Verwal- Wir fordern Sie noch einmal dazu auf, die Antirassistische Initiative Rostock.
tungsaufwand für diese Praxis Kosten mit öffentlich zu den Protesten und den For- Damit einher gehen massive Menschen-
sich bringt, die durch die Ausgabe von derungen nach einer Änderung Ihrer Poli- rechtsverletzungen durch Paramilitärs
Bargeld vermieden werden können. Zu tik Stellung zu nehmen. und Flüchtlingswellen nach Benin oder
den Umständen, die eine Entscheidung Unterzeichnet von: AK Asyl Maxhütte; Inge Am- Ghana. Weiterhin erklärt die Initiative,
zugunsten von Geldleistungen erforder- mon; Dr. Philip Anderson, freier Migrationsfor- dass „die durch das Auswärtige Amt di-
lich machen, gehört auch die Unmöglich- scher; Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte agnostizierte „stabile Lage“ Ausdruck
Bayerns (AGABY); Arikan Memo, Mitglied des
keit, den individuellen und kulturellen Ausländerbeirates der LH-München; AstA der ignoranter Haltung gegenüber alltägli-
Bedürfnissen der Betroffenen mit einem Universität München; Ausländerbeirat der Lan- cher, also „stabiler“, Gewalt- und Will-
Paketesystem gerecht zu werden, vor al- deshauptstadt München; Bayerischer Flüchtlings- kürherrschaft ist. Mit dem Aktionstag
lem, da in der Realität nicht einmal die rat; Florian Fritz; Franz Ganster, Caritasverband wollten wir hier und anderswo gegen
Fürth, Flüchtlingsberatung; Handicap Internatio-
von Ihnen angeführten Wahl- und nal; Rüdiger Heid, buntkicktgut - interkulturelle menschenverachtende Abschiebungen
Tauschmöglichkeiten genutzt werden strassenfussballliga münchen; Luísa Costa Hölzl, im Allgemeinen und Abschiebepraktiken
können, weil Anfragen und Beschwerden Mitglied des Sachaus-schusses Migration im Di- demonstrieren und uns mit den Asylbe-
der Betroffenen einfach ignoriert werden. özesanrat der Diözese München und Freising; werbern solidarisieren, die zu unseren
Robert Hösle, Augsburger Flüchtlingsrat; Kara-
Mit zu berücksichtigen sind außerdem wane für die Rechte der Flüchtlinge und Migran- Freunden wurden.“
die Grundrechte als höherrangiges Recht. tInnen; Münchner Flüchtlingsrat; Res publica; Antirassistische Gruppe Greifswald,
Mit der Vergabe von Sachleistungen Veronica Taskhiri; Robert Villwock ■ 31.8.2005, www.nolager.de ■

12 : antifaschistische nachrichten 18-2005


Am 9. August, dem Nagasaki-Ge-
denktag, haben wir, die Friedens- Spektakuläres Zeichen gegen
aktivisten Martin Otto (51), Jo-
hannes Mader (22) und Hanna Jaskolski
(70), auf dem Terrain der US-Komman-
Krieg und nuklearen Wahnsinn
dozentrale EUCOM* erneut ein deutli- Gewaltfreie Aktion auf dem Gelände des EUCOM in Stuttgart-Vaihingen
ches Zeichen gesetzt.
Unsere Aktion kündigte Martin vorher gen und leisen Flötentönen. Danach gin- zu gewähren; denn das ist eine ihrer Auf-
dem Kommandanten des EUCOM, der gen wir drei – noch unentdeckt – in eini- gaben. Wir gingen auf den Wagen zu und
US-Botschaft, der Bundesregierung und ger Entfernung ungehindert durch ein un- erzählten den Beamten, was wir in den
der Stuttgarter Polizei an. Darin heißt es verschlossenes Tor mitten in das EU- letzten beiden Stunden auf dem Gelände
unter anderem: Bei unserer gewaltfreien COM-Gelände hinein. Wir kamen auch der US-Kommandozentrale getan und er-
Aktion wollen wir den Zaun des EUCOM an dem Gebäude der eigentlichen Kom- lebt und welche Motive wir für diesen Be-
an einer Stelle öffnen und dahinter ein mandozentrale vorbei, von der im sog. such hatten. Sie begriffen nur langsam.
paar Quadratmeter des EUCOM-Gelän- Ernstfall auch die in Deutschland statio- Dann aber erwachten sie aus ihrer Läh-
des unsererseits einzäunen. nierten Atomwaffen zum Einsatz gebracht mung und gerieten in forcierte amtliche
Dieses kleine Stück des EUCOM kau- werden, und an dem hohen Sendemast, Aktivität, unterstützt von den aufmerksam
fen wir mit diesem Brief der gewordenen ame-
US-Army zum Preis von ei- rikanischen Mili-
nem Euro ab. Zu diesem tärs: Leibesvisita-
Zweck ist hier eine 1-Euro- tion auf offener
Münze eingeklebt. Wir kaufen Straße – erken-
das Stück EUCOM-Gelände nungsdienstliche
auf ähnliche Art und Weise, Maßnahmen –
wie die US-Regierung einst eindringliche Be-
eine riesige Fläche Land den fragungen – heiß
Western-ShoshoneIndianerIn- laufende Handys
nen in Nevada abgekauft hat, in beiden Lagern.
um das Gebiet anschließend Ein chaotischer
mit Atomtests zu zerbomben. Auflauf, Hektik
Nach der Weigerung der In- allerorten – und
dianerInnen, ihr Land zu ver- wir friedlichen
kaufen, wurde kurzerhand ein Menschen mitten-
Geldbetrag auf das Konto des drin. Nichts für
„Bureau für indianische An- uns! Melodrama-
gelegenheiten“ überwiesen, tischer Höhe-
und die US-Regierung erklär- punkt: Verwar-
te sich damit zum Eigentümer nung mit Platz-
dieses Landes. verweis!
Unsere Aktion soll gleich- Postskriptum
zeitig symbolisch und konkret sein. Im über den Befehle zu Kriegseinsätzen in al-
EUCOM werden Kriegseinsätze gesteu- ler Welt übertragen werden. Das alles in Wir wollten nicht die Sicherheitsmängel
ert, möglicherweise in der Zukunft auch einem sauberen, mit Rosen und anderen des EUCOM aufdecken, wie sie die Stutt-
Atomwaffeneinsätze. Wir wollen die vom Blumen geschmückten Ambiente. Men- garter Presse hochgespielt hat. Wir wollen
EUCOM ausgehende Gefahr symbolisch schen, Kinder und Erwachsene, grüßten das EUCOM weghaben, auch die Atom-
verringern, indem wir das EUCOM-Ge- uns freundlich. Fast hätten wir uns im waffen aus Deutschland und der ganzen
lände konkret verkleinern. Wir sehen die tiefsten Frieden gewähnt, wenn nicht die Welt. Sicherheit lässt sich nicht herbei-
Aktion als einen Schritt, auf dem Weg hin vielen uniformierten Soldaten uns an die bomben, schon gar nicht mit Atomwaffen.
zu politischen und juristischen Entschei- Wirklichkeit erinnert hätten. Auch sie Sicherheit wird nur ermöglicht durch
dungen, die irgendwann für die konkrete grüßten uns freundlich. mehr Gerechtigkeit, Solidarität und Ver-
Schließung des EUCOM sorgen werden. Im Krieg – so ging es uns durch den trauen.
Um solche Entscheidungen zu erreichen, Kopf – steht diese idyllische Welt mit ih- Erftstadt, den 13. August 2005
ist politischer Druck notwendig. Unsere ren menschlichen Werten auf dem Kopf. Hanna Jaskolski ■
Aktion ist ein Beitrag dazu. Um dagegen etwas zu tun, auch wenn nur
Zu dritt schnitten wir den Zaun auf und zeichenhaft, und Sand im Getriebe zu sein * Die Wiener Zeitung „Der Standard“ berichtete
betraten das Gelände. Unterstützt wurden – dafür waren wir hier. am 10. August über die Aktion. Der Artikel ende-
te mit folgenden Worten: „Vom Hauptquartier
wir von vier Mitstreitern. Mit Bändern Niemand beachtete unsere einfache ‚European Command’ (EUCOM) aus koordinie-
und 12 Dreiecksschildern grenzten wir Kleidung und die von dem langen Weg ren die Amerikaner Truppenbewegungen, Einsät-
ein circa 10 x 15 Meter großes Feld ab. durch den Wald verdreckten Schuhe. ze und Übungen von 120.000 US-Soldaten in 91
Auf den Schildern stand „Menschen- Auch Martins Rucksack störte keinen. So Ländern in Europa, Afrika und einem Teil des Na-
hen Ostens. EUCOM untersteht direkt dem US-
schutzgebiet statt EUCOM“ und „Men- kamen wir nach zwei Stunden unerkannt Verteidigungsministerium und ist der strategisch
schenschutzgebiet – No more Nagasakis“. bis zum Haupteingang, durch den wir un- wichtigste Standort der US-Armee außerhalb der
Außerdem hängten wir ein langes weißes gehindert nach draußen gelangten. Zuvor USA. Die Militärzentrale wird von der Polizei ge-
Band in die Bäume, auf dem in großen legten wir noch ein Transparent mitten auf schützt.“ Und die „Stuttgarter Nachrichten“ vom
gleichen Tag erklärten: „Das EUCOM hat seit
Buchstaben zu lesen war: „NON VIO- die Hauptstraße. Seine Aufschrift: EU- 1967 seinen Sitz in den Patch Barracks. Derzeit
LENT ACTION“. Anschließend säten wir COM SCHLIESSEN – ATOMWAFFEN arbeiten dort rund 1900 hoch spezialisierte US-
Sonnenblumensamen als Zeichen des Le- ABSCHAFFEN!“ Draußen stand ein Soldaten und wohnen nochmals so viele Angehö-
rige. Das weitläufige, von Wald umgebene Areal
bens. Um 11.13 Uhr, der Zeit des Atom- Streifenwagen der Stuttgarter Polizei mit zwischen Vaihingen und Büsnau ist formal ein
waffenabwurfs auf Nagasaki vor 60 Jah- zwei jungen PolizistInnen, die gerade da- Territorium der USA. Die Überwachung im Inne-
ren, gedachten wir der Opfer mit Schwei- bei waren, dem EUCOM „Objektschutz“ ren ist Aufgabe der US-Armee.“

: antifaschistische nachrichten 18-2005 13


Protest in Polen und neuer Rückschlag in Berlin für das „Zentrum gegen Vertreibungen“

„Eine Geschichtsrevision, der wir


nicht zustimmen können“
Bei ihrem Kurzbesuch in Polen zeitweise Flüchtlingsunterkunft, zu er- Ablehnung zudem, die dem BdV auch
Mitte August wurde Kanzler- werben. Den Antrag des BdV hatte der andere katholische Einrichtungen in Ber-
kandidatin Angela Merkel von zuständige Bezirksausschuss damals gar lin und Umgebung für sein Vorhaben
polnischer Seite mit scharfer Kritik an nicht erst zur Beratung angenommen. verschließen dürfte.
dem von ihr unterstützten „Zentrum Solange keine Entscheidung der Bundes- St. Michael ist die zweitälteste katho-
gegen Vertreibungen“ des „Bundes- regierung vorläge, gebe es keinen Bera- lische Kirche, die nach der Reformation
verbands der Vertriebenen“ (BdV) tungs-, geschweige denn Entscheidungs- in Berlin gegründet wurde. Deren Dom-
konfrontiert. Die Initiative des BdV sei bedarf, entschied er. pfarrer Alfons Klick soll sich vor der ab-
in der geplanten Form „unannehm- Letzte Woche scheiterte nun der BdV lehnenden Entscheidung des Kardinals
bar“, so Polens Ministerpräsident mit einem zweiten Plan. Offenbar hat der offenbar mehrfach mit BdV-Präsidentin
Kwasniewski, weil sie den Schwer- Verband ebenfalls seit 2003 in Berlin Erika Steinbach getroffen haben, um
punkt auf deutsches Leid setze. „Das auch mit der katholischen Kirche ver- über das Projekt zu beraten und den ge-
würde den Polen, Tschechen und an- handelt, um die katholische St. Michae- planten Erbbaupachtvertrag auszuhan-
deren Nationen, die unter dem Natio- liskirche für sein „Zentrum“ zu erhalten. deln. (Berliner Zeitung, 13./14.8.) Ir-
nalsozialismus gelitten haben, den
Eindruck geben, dass es sich um eine
Art Geschichtsrevision handelt, den
Versuch einer Änderung oder ande-
ren Interpretation der Geschichte, der
wir nicht zustimmen können“, beton-
te Kwasniewski in einem Rundfunkin-
terview. Außerdem befürchteten vie-
le in Polen, dass die Vertriebenen-
funktionäre Ansprüche auf ihr Eigen-
tum aus der NS-Zeit gelten machen
wollten.

Auch Politiker anderer Parteien in Polen


kritisierten das Vorhaben erneut. Lech
Kaczynski, Warschauer Bürgermeister
und Präsidentschaftskandidat der natio-
nalkonservativen Partei „Recht und Ge-
rechtigkeit“ (PiS), forderte den Bau eines Beim diesjährigen Tag der Heimat am 6. August 2005 in Berlin
Museums in Warschau, das die deut-
schen Verbrechen im zweiten Weltkrieg Die katholische Kirche will diese Kir- gendwie waren diese vertraulichen Ver-
dokumentiere. Von einer Partnerschaft che wegen ihrer Finanzprobleme in Ber- handlungen durchgesickert, und es hatte
zwischen Deutschland und Polen in der lin verkaufen. Sechs Sakralbauten in Krach gegeben – unter anderem aus dem
EU könne keine Rede sein, wenn Berlin sind schon verkauft oder aufgege- benachbarten katholischen Polen. Die
CDU/CSU und der „Vertriebenenver- ben. Der BdV hatte offenbar versucht, ei- „Vereinigung polnische Treuhand“ for-
band“ an dem Plan festhielten. nen „Erbbaupachtvertrag“ für die Kirche derte alle polnischen Katholiken auf, in
Der Vorsitzende der sozialdemokrati- zu schließen, der ihm ermöglichen sollte, den Pfarreien eine Kollekte abzuhalten,
schen Regierungspartei SLD, Wojciech im Herbst 2006 mit einer Ausstellung um den Aufkauf der St. Michaelskirche
Olejniczak, nannte das Vorhaben der „Das Jahrhundert der Vertreibungen“ in durch den BdV abzuwehren.
Union einen „schweren Fehler“, für den der Kirche zu beginnen und sie anschlie- Auch der zuständige Kirchenvorstand
polnischen Botschafter in Berlin, ßend für sein geplantes Zentrum dauer- von St. Michael opponierte gegen das
Andrzeij Byrt, trägt das Projekt „nicht haft nutzen zu können. Diese Verhand- Vorhaben. Thomas Motter, Mitglied im
zur Versöhnung zwischen Polen und lungen sind nun gescheitert. Kardinal Kirchenvorstand der Domgemeinde, er-
Deutschland bei“. Selbst die Bürger- Georg Sterzinsky verkündete öffentlich, klärte öffentlich, er lehne das Vorhaben
plattform (PO), eine Art polnische „solange nicht hinreichend klar ist, was des BdV grundsätzlich ab und erst recht
„Schwesterpartei“ der CDU, kritisiert mit dem Zentrum gegen Vertreibungen in der Michaelskirche. „Ich halte es für
das Vorhaben. „Der Kampf um die Erin- gemeint ist, und solange über ein solches übertrieben, 60 Jahre nach Kriegsende
nerung ist noch nicht beendet“, so PO- Zentrum kein gesellschaftlicher Konsens solche Wellen zu schlagen.“
Parteichef Donald Tusk. besteht“, könne man einer Nutzung SPD-Außenpolitiker Markus Meckel
Berlin: Keine Kirche für das BdV- durch den BdV nicht zustimmen. Ähn- hatte zudem die Wahl des Gebäudes kri-
Projekt lich äußerte sich Prälat Karl Jüsten vom tisiert. „Der sakrale Charakter eines Kir-
Katholischen Büro Berlin. Über den In- chenbaus verstärke nur Befürchtungen
In Berlin scheiterte derweil der BdV er- halt einer solchen Dokumentationsstätte Polens und Tschechiens vor einer ‚natio-
neut bei dem Versuch, eine Immobilie für müsse es einen Konsens zwischen den nalen Gedenkstätte‘ für deutsche Vertrie-
sein geplantes Zentrum aufzutreiben. Ländern geben. „Es darf kein Ort des Re- bene“. (Tagesspiegel, 14.8.05)
2003 hatte der BdV versucht, in Kreuz- vanchismus sein.“ („Spiegel Online, Nach der öffentlichen Absage durch
berg ein früheres Gasometer, während 16.8.) Das ist zwar keine grundsätzliche den Kardinal reagierte BdV-Präsidenten
der NS-Zeit zwischenzeitlich als Luft- Ablehnung eines solchen Zentrums, aber Erika Steinbach heftig. Das Verhalten
schutzbunker genutzt und nach 1945 eine konkrete für St. Michael und eine Kardinal Sterzinskys sei „empörend“.

14 : antifaschistische nachrichten 18-2005


: ostritt
Mit so einem Mann wolle sie nicht mehr weiterer prominenter Kritiker des Pro-
verhandeln. Der BdV habe sein Vorha- jekts zu Wort. Dr. Hermann Freiherr von
ben 2003 dem Kardinal persönlich vor-
gestellt. Seitdem habe der BdV andere
reizvolle Angebote abgelehnt und „Zig-
tausende Euro“ in das Kirchenprojekt in-
Richthofen, Botschafter a.D., erklärte in
einem Leserbrief an die Zeitung, Frau
Steinbach lasse „die notwendige Empa-
thie mit den Leiden des polnischen Vol-
D er Bund der Vertriebenen
(BdV) frohlockt. „Zum Tag der
Heimat“, berichtet der Ver-
band, „hat Seine Heiligkeit, Papst Be-
vestiert. Nun sucht der BdV neue Räum- kes von 1939 bis 1945 vermissen ... Im nedikt XVI., den deutschen Heimatver-
lichkeiten für seine geplante Ausstellung. deutsch-polnischen Jahr hätten beide triebenen eine Grußbotschaft gesandt“.
(Berliner Zeitung, 19.8.05) Völker eine andere Haltung verdient ... Eine hohe Ehrung für die Umgesiedel-
FDP und Ex-Botschafter auf Distanz Als Schlesier und Vertriebener distanzie- ten und ihre Nachkommen, und nicht
re ich mich ausdrücklich von dem Vorha- nur das: Joseph Ratzinger bezieht ein-
Auch die FDP distanzierte sich erneut ben, das den Bemühungen der vielen ..., deutig Position für ihre Anliegen.
von dem Vorhaben der Unionsparteien die sich über Jahre für die deutsch-polni- „Heimat“ und „Vaterland“: Die
und des BdV. Bundestags-Fraktionsvize sche Aussöhnung eingesetzt haben, zu- deutschtümelnden Begriffe hat Bene-
Werner Hoyer warnte im „Tagesspiegel“, widerläuft. Ich kann nur hoffen, dass sich dikt XVI. wenig später bei seiner An-
durch das Zentrum könne das „überaus das Vorhaben von Frau Steinbach so kunft zum Weltjugendtag medienwirk-
sensible“ deutsch-polnische Verhältnis nicht durchsetzen wird.“ sam hervorgehoben. „Heimat“, heißt es
Schaden nehmen. Hoyer, der unter Kanz- Der Freiherr war unter anderem deut- schon in der Grußbotschaft zum 6. Au-
ler Helmut Kohl Staatsminister im Aus- scher Botschafter in Großbritannien, gust, die von Erzbischof Leonardo San-
wärtigen Amt war, forderte, die deutsch- Ständiger Vertreter der Bundesrepublik dri unterzeichnet ist, „hat geographi-
polnische Vergangenheit „nur gemein- im NATO-Rat und zuvor unter den Kanz- sche, kulturelle, geistliche und religiö-
sam und nicht gegen Polen auf(zu)arbei- lern Helmut Schmidt und Helmut Kohl se Dimensionen. Sie gehört zum Men-
ten“. (Spiegel Online, a.a.O.) Im Berliner mehrere Jahre lang im Kanzleramt für die schen und seiner Geschichte und darf
„Tagesspiegel“ meldete sich am 21.8. ein Deutschlandpolitik zuständig. rül ■ daher niemandem gewaltsam genom-
men werden.“ Denn „aus gesunder hei-
Zum 25. Jahrestag: Aufklärung gefordert matlicher Verwurzelung“, so tönt der
Vatikan, „schöpfen Menschen Lebens-
Am 26. September 1980 wurde am Haupteingang des Oktoberfests eine Splitterbombe ge- freude, soziale Gestaltungskraft und
zündet. 13 Menschen starben und über 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Zukunftshoffnung“. Joseph Ratzinger
Die blutige Spur führte zu den Neonazis. Doch die Ermittler haben diese Spur zu den Akten wünscht daher „allen Teilnehmern des
gelegt und stattdessen die Theorie vom Einzeltäter in die Welt gesetzt und festgeschrieben. diesjährigen Tages der Heimat von
So ist der größte Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte bis heute nicht aufge- Herzen Gottes beständigen Schutz und
klärt. Wir rufen am 25. Jahrestag des Wies’n-Attentats zu gemeinsamen Aktionen für die reichen Segen.“
Wiederaufnahme der Ermittlungen auf. Erst kürzlich haben neue Enthüllungen um die rechts- „Vertreibungen weltweit ächten“:
extreme Geheimorganisation „Gladio“ und deren Verbindungen zu staatlichen Stellen die Das Motto zum diesjährigen Tag der
Einzeltätertheorie erneut in Frage gestellt. Doch wieder wird den Spuren nicht nachgegan- Heimat lobt Benedikt XVI. entspre-
gen. Die Akten des Wies‘n-Attentats sind seit 1982 geschlossen, neue Erkenntnisse und offe- chend als „ein Gebot der Menschlich-
ne Fragen sind offensichtlich unerwünscht. Lernen wir von Bologna, wo seit 25 Jahren am 2. keit“. „Ideologien, die Vertreibungen
August, dem Jahrestag des dortigen Bombenanschlags im Bahnhof, Zehntausende unter der fordern oder rechtfertigen, richten sich
Losung „Per non dimenticare“ auf die Straße gehen und nicht locker lassen, um die Aufde- gegen die Würde des Menschen“, de-
ckung aller Hintergründe zu erreichen! Die Initiative haben ergriffen: Die Initiatoren der kretiert der Vatikan – auch mit Bezug
Mahn und Schutzwache, ver.di München, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ auf die Umsiedlung der Deutschen,
Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) ohne deren konkrete historisch-politi-
Unterstützer: schen Ursachen auch nur ansatzweise
Name der Organisation/Person: ......................................................................................... zu berücksichtigen.
Anschrift: ......................................................................................... Die Heimattümelei, von Joseph Rat-
Tel/Fax/Email:.............................................................Finanzieller Beitrag: ........................ zinger stark hervorgehoben, ist im Vati-
Konto: Martin Löwenberg, Postbank München, Konto-Nr.: 28264-802, BLZ: 700 100 80, kan beileibe nicht neu. Auch der polni-
Stichwort: 26.09.05 Bitte zurücksenden an: Michaela Ostermeier, ver.di München, Schwantha- sche Amtsvorgänger des Papstes hat
lerstr. 64, 80336 München, Fax: 089/59977-7129, email: michaela.ostermeier@verdi.de Grußworte an den „Tag der Heimat“
gerichtet, der katholische Klerus in Po-
len und in Tschechien hat schon relativ
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. früh Fühler zu den „Vertriebenen“-Ver-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de bänden ausgestreckt. Der katholische
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Bischof Alfons Nossol etwa rief 1988
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, große Proteste hervor, als er den deut-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, schen Kanzler zu einem Gottesdienst in
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. Gora Swietej Anny einlud, dem ehe-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. maligen „Annaberg“, einem Sym-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind bol deutsch-polnischer „Volkstums“-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Kämpfe. Die Sudetendeutsche Lands-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- mannschaft hat ihren diesjährigen
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Karlspreis an den ehemaligen tsche-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. chischen Bischof Josef Koukl verlie-
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
hen. Und der diesjährige Franz-Werfel-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Menschenrechtspreis der Stiftung Zen-
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- trum gegen Vertreibungen ging an den
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
bosnischen Bischof Franjo Komarica.
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di jk ■
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 18-2005 15


: aus der faschistischen presse
muss Vorschläge machen, wie man die
nicht zu knappen Probleme auf dem Weg
dorthin bewältigen will.“ So weit, so
Die Migranten – ein Tabu- der chancenlosen, unqualifizierten Inte- noch verständlich. Auf die Frage „Also
thema? grationsverweigerer auch von außen per- ist ,Multikulti‘ doch möglich?“ antwortet
manent Nachschub erhält. Nur eine sie dann jedoch: „Es gibt Menschen aus
Junge Freiheit Nr. 35/05 vom 26. 8. 2005 selbstbewusste Nation kann sich Ein- allen Kulturkreisen, die so aufgeklärt
Das Blatt behauptet: „Der Wahlkampf wanderung überhaupt leisten. Nur sie sind, dass mit ihnen eine multikulturelle
der Bundestagsparteien belegt die Pro- strahlt eine Attraktivität aus, die über den Gesellschaft möglich ist. Deshalb gilt für
bleme Einwanderung und Integration mit materiellen Vorteil hinaus geht und hat uns weiterhin die multikulturelle Gesell-
Denkverboten“. Und so behauptet der die Kraft, andere zu assimilieren ... Dop- schaft als unsere politische Zielvorstel-
Autor Kurt Zach, er könne dem Denkver- pelpass und Staatsangehörigkeit im lung. Aber die Realität in Marxloh zeigt,
bot entgegentreten und bringt doch nur Schlussverkauf schaffen keine loyalen dass es auch viele Menschen gibt, mit
allzu Bekanntes vor: „Worüber dringend Staatsbürger – sie legen vielmehr den denen das nicht möglich ist. Die Ironie
gesprochen werden muss, ergibt sich aus Keim der Auflösung, weil sie integrati- der Geschichte ist, dass es bei uns nicht
den akkumulierten Fehlleistungen sämt- onsunwillige Bevölkerungsgruppen mit die Deutschen, sondern ausgerechnet die
licher Bundesregierungen der letzten erweiterten Rechten ausstatten.“ Migranten sind, die ihre Probleme mit
Jahrzehnte. ,Wer darf kommen‘ und ,wer Das Asylrecht existiert kaum noch: Im der multikulturellen Gesellschaft haben.
darf wie bleiben‘, lauteten die Fragen der letzten Jahr haben nur einige Hundert Solche Tatsachen sind im idealen grünen
Neubesinnung. An der Fähigkeit, nein zu Flüchtlinge in der BRD Asyl erhalten. Weltbild nicht vorgesehen, deshalb müs-
sagen, entscheidet sich, ob das deutsche Und die „unqualifizierten Integrations- sen die Grünen lernen, mit diesen Fakten
Staatsvolk seine Souveränität behält oder verweigerer“ waren in ihren Ursprungs- umzugehen.“ Und begeistert stimmt sie
ausgewechselt wird. Das nationale Inte- ländern in der Mehrheit qualifizierte der JF bei der Frage zu: „Warum gibt es
resse muss dabei die Richtschnur sein.“ Handwerker. Die mangelnde Qualifikati- keine Initiative rot-grüner Kommunalpo-
Die Behauptung, das „deutsche Staats- on der nachwachsenden Generation ist litiker, die den Parteioberen mal vor Au-
volk“ werde ausgewechselt, suggeriert, dem unfähigen bundesdeutschen Bil- gen führt, wie es im Alltag an der ,multi-
dass die Bundesregierungen seit 1949 dungssystem anzulasten und nicht den kulturellen Basis‘ in Wirklichkeit aus-
(sämtliche) dafür tätig gewesen sind. Schülerinnen und Schülern. Doch dem sieht?“ – Janicki: „Das ist eine gute Idee,
Wie? Weil sie den Migranten erlaubt ha- Blatt geht es in dieser Frage nur um Het- ich wäre dabei!“
ben, sich in der Bundesrepublik fortzu- ze und darum, Druck auf einige konser- Von sozialer Diskriminierung hat diese
pflanzen. Weil die einige Hunderttau- vative Politiker auszuüben, damit Frem- Dame noch nichts gehört, von Ghetto-
send Migranten inzwischen auch die denfeindlichkeit und Ausländerhetze Be- Bildung, Brutalität und Rückzug aus ei-
deutsche Staatsbürgerschaft angenom- standteil des Wahlkampfes wird. ner Gesellschaft, die Migranten nicht
men haben – wie andere Migranten im uld ■ gleichberechtigt und als Bereicherung
19. und 20. Jahrhundert zuvor auch. Der aufnimmt, sondern ausgrenzt und in die
deutsche Imperialismus ist Ende des Duisburger grüne Bürger- Armut treibt auch nicht. Solche Positio-
19./Anfang des 20. Jahrhunderts ohne nen lassen für die grüne Politik Schlim-
seine Kohle- und Stahlbarone nicht vor- meisterin gibt Interview mes befürchten, die doch in der Migrati-
stellbar. Doch der Aufbau des Ruhrge- Junge Freiheit Nr. 36/05 vom 2.9.2005 onsfrage bislang auf der Seite der Men-
biets ist zu erheblichen Teilen mit Arbei- Mit Doris Janicki, Bürgermeisterin in schenrechte und der Menschenwürde
tern aus Polen und Italien vorangetrieben Duisburg, hat das Blatt die erste Funkti- stand und hoffentlich auch weiter steht.
worden. Die Ausbeutung von Migranten onsträgerin von Bündnis 90/Die Grünen uld ■
ist eine Basis des preußischen Imperiums als Interviewpartnerin gewonnen. Anlass
gewesen. Das lässt den Autor völlig kalt, ist die Situation im Duisburger Stadtteil REP hätten mitmachen
er behauptet einfach: „Das Asylrecht Marxloh. Sie wendet sich über das Blatt
muss daher ebenso rigoros eingeschränkt an Claudia Roth: „Ich möchte die Grü- sollen...
werden wie die Praxis der ,Heiratsmigra- nen in Berlin daran erinnern, dass es Nationalzeitung 36-05 vom 2.9.05
tion’ und Familienzusammenführung, nichts nützt, die multikulturelle Gesell- Das Blatt lobt den mit der NPD ge-
die dafür sorgen, dass das Millionenheer schaft nur zu postulieren, sondern man schlossenen Deutschland-Pakt, der dazu
geführt habe, dass in sämtlichen Bundes-
ländern die NPD/DVU-Listen antreten
können, ohne dass Unterschriften ge-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
sammelt werden mussten. Auch in Ba-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: den-Württemberg wurde nach Einspruch
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich beim Bundeswahlleiter die Liste noch
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
zugelassen. Verschwiegen wird, dass da-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
für die NPD sechs Kandidaten zurück-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
ziehen musste, darunter Landeschef
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Günter Deckert. Spitzenkandidat ist jetzt
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Sven Eggers von der DVU (Quelle: bnr
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) 18-05, www.bnr.de). Für das „patrioti-
sche Lager sei es unbegreiflich“, so die
Name: Adresse: NaZe, „dass die Republikaner zum Nut-
zen des etablierten Parteienkartells ge-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts gen die Kooperation der nationalen Kräf-
te ... Widerstand leisten.“ Zumal sie in
Unterschrift sieben Bundesländern die Unterschriften
nicht zusammenbekommen hätten und
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
so nur in neun Bundesländern auf dem
Wahlzettel stehen. u.b. ■

16 : antifaschistische nachrichten 18-2005