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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 22.9.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Schönhuber kandidiert – Hartz-VI-Parteien ohne Mehrheit –


für die NPD in Dresden
– Linkspartei mit starker Fraktion
Dresden. Für die Nachwahl in Dresden
am Wochenende 2. Oktober kandidiert
im Bundestag – NPD sichert sich mit
für die NPD nun Franz Schönhuber als
Ersatz für die verstorbene Kandi-
1,6 % Wahlkampfkostenerstattung –
datin Kerstin Lorenz. Schönhuber, „Wenn auch zur Stunde ordneten in den Landtag einziehen konn-
ehemaliger Vorsitzender der Re- noch kein abschließen- te, ihr mit Abstand bestes Ergebnis: 4,9 %
publikaner und Ex-Europaabge- des bundesweites Er- (122.716 Stimmen) gegenüber 1,5 % im
ordneter, schreibt regelmäßig gebnis vorliegt, so kön- Jahr 2002 (35545 Stimmen), der Erststim-
Kolumnen für das rechtsextreme nen wir dennoch stolz menanteil liegt noch höher: 5,1 % =
Monatsmagazin „Nation& auf unser Ergebnis sein. 127977 Stimmen. In einzelnen Orten der
Europa“, über Jahre auch für die Wir haben auf Bundes- sächsischen Schweiz etwa liegen die
„National-Zeitung“ des DVU- ebene das beste Wahler- Stimmergebnisse für die Kandidaten über
Chefs Gerhard Frey. Seit Anfang gebnis der NPD seit 10 %, aber auch der Zweitstimmenanteil
des Jahres berät er die sächsische 1969 erzielt“, – ist seit bei 7,8%.
NPD-Landtagsfraktion im Be- gestern Abend, 18.9. auf In Thüringen kam die NPD auf beacht-
reich Medien und Europafragen. der Homepage der NPD liche 3,7 %, in Mecklenburg-Vorpom-
In einem Interview, das er der zu lesen. Das vorläufige mern auf 3,5 %, in Brandenburg auf 3,2
NaZe vom 16. September 2005 Endergebnis ist jetzt da, %, in Sachsen-Anhalt auf 2,5 %, im Saar-
gibt, erklärt Schönhuber, die Kan- und richtig, die NPD hat land auf 1,8 und in Berlin auf 1,6 %.
didatur sei für ihn eine Frage der mit 1,6 % ihr bestes Er- Nordrhein-Westfalen bildet mit 0,8 % das
Solidarität gegenüber der verstor- gebnis seit 1969, aber Schlusslicht, aber auch hier kommt die
benen „Aktivistin“, die sich „stets das reicht nicht für den NPD in einzelnen Städten wie Aachen,
für ein Zusammenwirken aller pa- nach der Sachsenwahl Duisburg, Mönchengladbach, Essen, Bo-
triotischen Kräfte“ eingesetzt schon fast sicher ge- chum und Dortmund wie schon bei der
habe. Lorenz war zunächst wie glaubten Einzug in den Landtagswahl auf bessere Ergebnisse.
Schönhuber auch Mitglied der Bundestag. Und auch Die REP konnten sich von vornherein
„Republikaner“. NPD-Vorsitzen- das Ziel, eventuell in der kein gutes Ergebnis ausrechnen, traten sie
der Udo Voigt habe ihn gefragt Sächsischen Schweiz doch nur in 9 Bundesländern an, 0,6 % ist
und er habe sich „in die Pflicht genom- Direktkandidaturen zu gewinnen, hat exakt der Prozentsatz, den sie auch 2002
men“ gefühlt. nicht funktioniert. erreichen konnten, selbst in ihrer einsti-
Gefragt, was er im Wahlkampf fordern „Wären wir gleichberechtigt in den gen Hochburg Baden-Württemberg sind
werde, antwortet Schönhuber: „Erstens: Medien zu Wort gekommen, wären wir es nur 1,1 %. Der Druck von Seiten der
Schluss mit der Volksverdummung in den zweifellos auch im Reichstag“, beschö- Mitgliedschaft auf die Parteiführung, sich
Medien! Zweitens: Statt Politiker-Quas- nigt Parteivorsitzender Udo Voigt das Er- dem „Deutschland-Pakt“ von NPD und
selrunden in Funk und Fernsehen mehr gebnis, um das Parteivolk gleich auch auf DVU anzunähern, wird durch dieses Er-
Einsatz für deutsche Arbeitsplätze! Drit- die im Herbst 2006 stattfindende Land- gebnis sicher noch zunehmen.
tens: Für Recht und Ordnung – gegen tagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Der ehemalige CDU-Rechtsaußen
Korruption und Gewalt! Viertens: Mehr zu orientieren. Dort habe man beste Vo- Hohmann, der als Einzelkandidat antrat,
Mitmenschlichkeit – gegen Ausbeutung raussetzungen nun den Einzug in den hat den Einzug in den Bundestag nicht ge-
und Raffgier! Und jetzt kommt ein mir Landtag zu schaffen. schafft. Er holte 22,2 % der Stimmen in
besonders wichtiger Punkt: Ende der Betrachtet man die Ergebnisse in den seinem Wahlkreis, in seiner Heimatstadt
Verteufelung der Kriegsgeneration! Kei- Bundesländern im Einzelnen wird deut- Neuhof wählten ihn 47,6 %.
ne andere deutsche Stadt ist derart autori- lich, dass tatsächlich kein Grund zur Ent- Bleibt festzuhalten, dass die Aufgabe,
siert, dies zu verlangen, wie die Opfer- warnung besteht. Die NPD konnte in Faschismus, Rassismus und Antisemitis-
stadt Dresden.“ Den sog. „Trauer- sämtlichen Bundesländern ihr Ergebnis mus im Alltag entgegenzutreten, nicht nur
marsch“ zum 60. Jahrestag der Bombar- verbessern, sowohl bei den Erststimmen, aktuell bleibt, sondern verstärkt werden
dierung Dresdens am 13.2. dieses Jahres dort wo sie KandidatInnen aufgestellt hat- muss, damit Parteien wie die NPD nicht
hatte Schönhuber mit Frey und Voigt te, als auch bei den Zweitstimmen. Ein- noch weiter Fuß fassen können. Auf par-
angeführt. u.b. ■ mal dadurch, dass sie diesmal flächende- lamentarischer Ebene könnte die neu er-
ckend antrat, zum anderen aber, weil sie starkte Fraktion der Linkspartei mit dafür
offensichtlich sich in einigen Regionen sorgen, dass Gelder für Projekte gegen
Inhalt: inzwischen dauerhaft verankern konnte, Rechtsextremismus, für Opferberatungs-
Rechten Lifestyle sich auf Strukturen vor Ort stützen kann, stellen, für Jugendprojekte gegen Rechts
abschalten! . . . . . . . . . . . . . . . 5 die dann auch bessere Wahlergebnisse zu- nicht gestrichen sondern erhöht werden.
21.9.: Bundeswehreinsatz folge haben. Und dass das Antidiskriminierungsgesetz,
am Kölner Dom . . . . . . . . . . . 8 So erzielte sie in Sachsen, dem Bundes- das auf Eis gelegt wurde, endlich auf den
land, wo sie im letzten Jahr mit 12 Abge- Weg gebracht wird. u.b. ■
: meldungen, aktionen
Strafrechtlich nicht relevant
Sachsen. Die NPD hat während des
Wahlkampfs in etlichen Orten CDs mit
ÖLM will erweitern In die Glaskugel geschaut? rechtsextremistischer Musik an Schulen
Österreich/Wien. Die deutschtümeln- München. Die bayerische Staatsregie- verteilt. Auch Sachsen war Schauplatz
de „Österreichische Landsmannschaft“ rung wird die rechte Berliner Wochen- der Aktion. Nach Eigenangaben der NPD
(ÖLM) will ihren Vereinssitz in der Wie- zeitung „Junge Freiheit“ auch weiterhin wurden Exemplare einer so genannten
ner Fuhrmannsgasse ausbauen. Künftig nicht von ihrem „Verfassungsschutz“ be- „Schulhof-CD“ in Lohmen in der Säch-
sollen dort auch Vorträge, Ausstellungen, obachten lassen. Schriftlich angefragt sischen Schweiz ausgegeben. In Hoyers-
Musikveranstaltungen und private Feste hatte dort der SPD-Landtagsabgeordnete werda habe sich NPD-Fraktionschef
möglich werden. Der „Begegnungsort“ Florian Ritter. Ritter wollte wissen, ob Holger Apfel persönlich an der Verteilak-
ÖLM soll „die persönliche und emotio- die Staatsregierung angesichts der „gro- tion vor einer Berufsschule beteiligt. Ziel
nale Bindung zur Landsmannschaft und ßen Anzahl“ von JF-Autoren „mit rechts- sei es, insbesondere um Jung- und Erst-
unter den Mitglieder verstärken helfen“, extremistischer Gesinnung“ ihre bisheri- wähler zu werben.
heißt es in einem Schreiben an die Mit- gen Aussagen zu der Zeitung nicht revi- Wie das Landesamt für Verfassungs-
glieder des Vereins und der Leser des dieren wolle. schutz Sachsen auf Nachfragen mitteilte,
Vereinsorgan „Der Eckart“. Zur Finan- Das Innenministerium verwies in sei- können Schulen die Verteilung der CD
zierung dieses Bauprojekts bietet der nem Antwortschreiben auf das Urteil des nur auf dem eigenen Gelände untersa-
Verein nun Spendenbausteine an. hma ■ Bundesverfassungsgerichtes vom 24. gen. Sollten Verteiler das Schulgelände
Mai 2005 zur Beobachtung der „Jungen betreten, können die Schulleiter von ih-
Abgesegnet Freiheit“ durch den „Verfassungsschutz“ rem Hausrecht Gebrauch machen. Poli-
in NRW. Die „Anhaltspunkte für rechts- zeilich könne gegen die Aktion nicht vor-
Rom/Vatikan. Papst Benedikt XVI. hat extremistische Bestrebungen der Schrift gegangen werden. Die Inhalte der CD
die erst kürzlich am Petersdom aufge- reichen nichts aus, um die JF insgesamt seien strafrechtlich nicht relevant. Dies
stellte fünf Meter hohe Marmor-Statue als rechtsextremistische Publikation ein- habe die Generalstaatsanwaltschaft in
des Gründers der umstrittenen katholi- stufen zu können“, schreibt das Innenmi- Dresden geprüft. Allerdings sei noch
schen Laienorganisation „Opus Dei“, Jo- nisterium. Als Interviewpartner oder Au- eine zweite Variante dieser „Schulhof
semaria Escriva de Balaguer, gesegnet. toren würden „fast ausschließlich Perso- CDs“ im Umlauf, mit dem Titel „Anpas-
Zuvor hatte u.a. der Bischof Javier Eche- nen aus dem demokratischen Spektrum sung ist Feigheit – Lieder aus dem Un-
varria von „Opus Dei“ eine Ansprache fungieren“. Wie man zu einer solchen tergrund“. Diese könne beschlagnahmt
gehalten. Einschätzung kommen kann, wenn man werden, da sie wegen Verunglimpfung
Ende August hatte sich der Papst in die Zeitung gar nicht beobachtet, ist des Staates und seiner Symbole sowie
Castelgandolfo mit dem „Generaloberer“ wohl das Geheimnis des bayerischen Mi- wegen schwerer Jugendgefährdung als
der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“, nisteriums. strafrechtlich relevant eingestuft worden
Bernhard Fellay, getroffen. Der oberste Oder hat die Entscheidung vielleicht sei.
Vertreter der Anhänger des exkommuni- etwas mit den zahlreichen CSU-Politi- Quelle: http://www.mdr.de/nachrichten/
zierten Bischofs Marcel Lefebvre (1905- kern zu tun, die sich in der Vergangenheit sachsen/2153172.html ■
1991), der noch 1991 wegen „rassisti- dem rechten Blatt als Autor oder Ge-
scher Äußerungen und Anstiftungen zum sprächspartner zur Verfügung gestellt ha- DGB organisiert Rückruf-
Rassismus“ zu einer Geldstrafe verurteilt ben ?
wurde, zeigte sich erfreut über das „gute Ganz anders sieht es da mit der Aktion für rechte CDs
Klima“ des Treffens. Man „stimme darin „Linkspartei“ aus. Der „neu angenom- Berlin. Die DGB-Jugend Berlin-Bran-
überein, schrittweise vorzugehen im Ver- mene Name“ ändere nichts daran, dass es denburg reagierte mit Protesten und ei-
such, die Probleme zu lösen“. Unterdes- sich bei der PDS um die SED-Nach- ner Rückruf-Aktion auf den Schulhof-
sen hat die „Priesterbruderschaft“ ihre folgeorganisation“ handele, die der „Ver- wahlkampf der NPD. Bezirksjugendse-
47. Kapelle in der Stadt Bamberg eröff- fassungsschutz“ weiterhin „sorgfältig kretär Daniel Wucherpfennig erklärte
net. Den wöchentlichen Gottesdienst beobachten“ werde, äußerte Innenminis- dazu: „Wir werden es nicht hinnehmen,
wird dort künftig der Distriktoberer Nik- ter Beckstein (CSU) unlängst in Mün- dass die NPD auf Berliner und Branden-
laus Pfluger halten. Pfluger hatte noch chen. hma ■ burger Schulhöfen mit ihrer menschen-
im Frühjahr diesen Jahres der rechten verachtenden Propaganda auf Stimmen-
Berliner Wochenzeitung „Junge Frei- NPD scheitert mit Klage in fang geht! Gerade weil wir auf unserer
heit“ ein Interview gegeben. Die zustän- Berufsschultour Tag für Tag mit den Pro-
dige Bistumsleitung der katholischen Weimar blemen und Herausforderungen junger
Kirche bedauerte die Einweihung der Die NPD in Thüringen ist mit einer Kla- ArbeitnehmerInnen konfrontiert sind, sa-
Kapelle durch die „Priesterbruder- ge gegen Vorträge der Landeszentrale für gen wir deutlich: Für Neonazis und Ras-
schaft“. Auch die Erzdiözese Bamberg politische Bildung zum Thema Rechts- sisten ist in unseren Reihen kein Platz!
ging auf Distanz. In der neuesten Ausga- extremismus, die auch die NPD behan- Die Solidarität unter ArbeitnehmerInnen
be des „Mitteilungsblattes“ der Le- delten, gescheitert. gilt nicht nur für Deutsche. Ausländer-
febvre-Anhänger wird es verschwö- Das Verwaltungsgericht Weimar ent- feindlichkeit ist kein Kavaliersdelikt,
rungstheoretisch. In einem Beitrag unter schied, die Vorträge zur Zusammenarbeit sondern menschenverachtend!“
dem Titel „War Henry Truman Freimau- von NPD und Neonazi-Kameradschaften Die DGB-Jugend lässt ihrem Protest
rer?“ wird die Frage aufgeworfen, ob der seien keine unzulässige Wahlbeeinflus- Taten folgen: Sie startet mit sofortiger
frühere US-Präsident Truman die Atom- sung. Gruppierungen mit weltanschauli- Wirkung eine Rückruf-Aktion für die
bomben über Japan habe abwerfen las- chen Zielen müssten es hinnehmen, dass von der NPD auf den Schulhöfen verteil-
sen, um in den „33. Ehrengrad“ einer sich der Staat kritisch mit ihnen beschäf- ten CDs.
Freimaurer-Loge aufsteigen zu können. tige. Die gesetzlichen Grenzen zur Wahl- „Wer uns bis zum 30. September 2005
Immerhin seien doch Hiroshima und Na- beeinflussung würden durch die Lesun- eine der von der NPD ausgeteilten CDs
gasaki die Städte „mit dem größten Ka- gen nicht überschritten. zuschickt, nimmt automatisch an einem
tholikenanteil in Japan“ gewesen. Quelle: http://www.mdr.de/nachrichten/ Gewinnspiel der DGB-Jugend teil. Auch
hma ■ thueringen/2155195.html ■ auf den Einsätzen unserer Berufsschul-

2 : antifaschistische nachrichten 19-2005


tour nehmen wir die CDs entgegen“, er- Haftstrafe für Neonazi Axel nehmen. Zwei der Angreifer sind na-
klärte Wucherpfennig dazu. „Wir verlo- Reitz mentlich bekannt und dem Umfeld der
sen einen iPod, Tankgutscheine und Jah- „Kameradschaft Northeim“ zuzuordnen.
resmitgliedschaften im Autoclub Bochum. Das Bochumer Landgericht Die Gegend um Einbeck bildet einen der
Europa“. hat den Neonazi-Kader Axel Reitz Rekrutierungs- und Rückzugsräume der
Die Auslosung der Preise erfolgt auf (KDS, Kameradschaft Köln) zu einer Neonazikameradschaft unter Führung
der Eröffnungsveranstaltung der Berliner Gefängnisstrafe von einem Jahr und von Thorsten Heise. So veranstaltete
Berufsschultour am 17.10.2005 im Ober- neun Monaten verurteilt. Gleichzeitig hat Heise beispielsweise gemeinsam mit
stufenzentrum KfZ - Technik (Gierke- das Gericht verfügt, dass eine einjährige etwa 30 Neonazis am 14.11.2003, dem
platz 1-3, 10585 Berlin). Haftstrafe, die bisher zur Bewährung so genannten Volkstrauertag, einen Fa-
Die CDs können an folgende Adresse ausgesetzt war, hinzukommt und Reitz ckelumzug durch Einbeck-Salzderhel-
geschickt werden: DGB-Jugend Berlin- nun für fast drei Jahre ins Gefängnis den. Bereits im Frühjahr 2005 wurde ein
Brandenburg, Keithstraße 1/3, 10787 wandern soll. Gegen das Urteil ist aller- russlanddeutscher Jugendlicher in Ein-
Berlin, Stichwort: Hau weg den Scheiß! dings Revision möglich. beck von einem Neonazi aus demselben
Alle Infos zu der Aktion Angeklagt war Reitz wegen Volksver- Umfeld durch einen Schlag mit einer
„Hau weg den Scheiß“ finden hetzung aufgrund seiner Eröffnungsrede Flasche auf den Kopf schwer verletzt.
Interessierte unter bei der Demonstration gegen den Bau Antifaschistische Jugendliche aus Ein-
http://hauwegdenscheiss. der Synagoge am 26.6.2004 in Bochum. beck berichteten nach dem Vorfall, dass
berufsschultour.de ■ Mit dem NPD-Funktionär Cremer ist sie bereits am Freitagabend von Faschis-
Reitz nun der zweite Redner des Nazi- ten bedroht wurden: Beim Versuch Neo-
„aufmucken gegen rechts“ Aufmarsches, der wegen Volksverhet- nazipropaganda zu entfernen, seien
zung verurteilt wurde. Die Urteile des plötzlich 7 Faschisten brüllend und be-
tauscht Schulhof-CD Landgerichts gegen Cremer und Reitz waffnet aus einer Kneipe auf sie zuge-
Bereits im letzten Jahr hat der bundes- sind auch eine Ohrfeige für Polizei und stürmt.
weite Jugendverband [‘solid] – die sozia- Staatsanwaltschaft, die während des Die Antifaschistische Linke Interna-
listische jugend in Kooperation mit den Nazi-Marsches immer wieder von vie- tional (A.L.I.) aus Göttingen ruft zu er-
Gewerkschaftsjugenden das Projekt len BürgerInnen aufgefordert worden höhter Wachsamkeit gegenüber der re-
„aufmucken gegen rechts“ als Antwort waren, die Versammlung wegen der of- gionalen Neonaziszene, insbesondere in
auf das rechtsextreme „Projekt Schul- fenkundigen Straftaten zu beenden. Bezug auf den für den 29. Oktober ange-
hof“ gestartet. Bekannte Künstlerinnen www.bo-alternativ.de ■ kündigten Naziaufmarsch auf. Gerade
und Künstler wie „Die Fantastischen vor und nach Neonaziaufmärschen ist es
Vier“, „Seed“, Jan Delay, „Virginia „Thor Steinar“-Firma prüft in der Vergangenheit zu Provokationen
jetzt!“, „Die Sterne“ oder Ferris MC und Übergriffen gekommen, erläuterte
stellten kostenlos einen Song zur Verfü- Schadenersatzklage eine Sprecherin der Göttinger Antifa-
gung. Neben der Produktion und Vertei- Potsdam. Nach der Aufhebung des Ver- gruppe: „Die regionale Neonaziszene
lung von 50.000 kostenlosen CDs mit bots von „Thor-Steinar“-Produkten er- fühlt sich offenbar bestärkt, gegen ver-
antifaschistischen Liedern fanden bun- wägt die Brandenburger Herstellerfirma meintliche GegnerInnen vorzugehen.
desweit bereits weit über 100 Informati- Mediatex GmbH nun eine Schadener- Wir solidarisieren uns mit den antifa-
onsveranstaltungen über Rechtsextre- satzklage gegen das Land in Millionen- schistischen Jugendlichen in Einbeck
mismus und rechte Musik sowie eine höhe. Das teilte der Berliner Anwalt des und rufen zu entschlossenem Widerstand
Vielzahl von Konzerten statt. Unternehmens am Mittwoch der Presse auf!“
Zur neuen Offensive der NPD bietet mit. Das Oberlandesgericht Brandenburg Antifaschistsiche Linke International
[‘solid] Schülerinnen und Schülern einen hatte zu Wochenbeginn entschieden, dass ali@puk.de, www.puk.de/ali ■
Tausch an: das ehemalige Runen-Logo nicht verfas-
„Für jede Schulhof-CD der NPD ge- sungswidrig sei. Seit November 2004 Carlo Bleichert, Kandidat der Linkspar-
ben wir ein antifaschistisches Aktionspa- waren Träger des Logos strafrechtlich tei forderte das Verbot der Kamerad-
ket ab – statt nationalistischer Propagan- verfolgt worden. schaft Northeim. Das Verhaltem der Po-
da bringen wir unsere „aufmucken gegen nach Presseberichten 14.9.05 ■ lizeikräfte sei nicht hinnehmbar. Sie sei-
rechts“-CDs, Broschüren und Aufkleber en erst 30 Minuten nach dem Notruf am
auf die Schulhöfe“, erklärt Helke Diers, Neonaziübergriff am 10. Ort des Geschehens erschienen, zugleich
Sprecherin des Arbeitskreises Antifa- sei es fatal, wenn erst die Adressen von
schismus bei [‘solid]. September 2005 in Einbeck AntifaschistInnen aufgenommen wer-
Von der Bundesregierung fordern die Einbeck. Nach einem Konzert am den, anstatt eine umgehende Suche und
Jugendlichen nicht nur finanzielle Unter- Abend des 10. September 2005, das von Festnahme der gewalttätigen Neonazis
stützung für zivilgesellschaftliche Pro- der Linkspartei und der Jugendgruppe einzuleiten. Das Verhalten der Neonazis
jekte, sondern vor allem ein Ende der /‘solid/ organisiert wurde, beschimpften sollte doch endlich die Polizei in Ein-
Kriminalisierung. „Vor kurzem wurden und provozierten vier stadtbekannte beck und im Landkreis Northeim dazu
in Berlin zahlreiche Räume und Woh- Neonazis alternative Jugendliche in der bewegen, entschieden gegen die vorhan-
nungen antifaschistischer Gruppen von Nähe des Veranstaltungsortes am Einbe- denen rechtsextremistischen Strukturen
der Polizei durchsucht, die man des cker Marktplatz. Unerwartet zog einer in der Region vorzugehen.
,übersteigerten Hasses auf die NPD‘ be- der Neonazis eine Gaspistole und schoss „Ebenfalls ist auf Grundlage der bis-
schuldigte. Wer den Kampf gegen Neo- direkt auf BesucherInnen des Konzertes. herigen Vorkommnisse der rechtsextre-
nazis so behindert und verfolgt, kann Dabei wurden mindestens zwei Personen mistischen Szene im Landkreis Nort-
nicht auf ein Zurückdrängen ihrer Ideen verletzt. Die Neonazis flohen daraufhin heim ein dringendes Handeln des nieder-
hoffen“, kritisiert Ann Schomburg. vom Marktplatz. Die herbeigerufene Po- sächsischen Innenministeriums, insbe-
Wer eine Schulhof-CD der NPD ein- lizei traf erst nach halbstündiger Verspä- sondere des niedersächsischen Innenmi-
tauschen, sich weiter informieren oder tung ein. Anstatt sofort nach den Schüt- nisters Schünemann erforderlich“, so
selbst aktiv werden möchte, findet unter zen zu suchen, begnügten sich die Beam- Bleichert, „damit meine ich ein umge-
www.aufmucken-gegen-rechts.de alle ten offenbar zunächst damit, die Perso- hendes Verbot der sog. ,Nationalen Ka-
Kontakte. PM solid ■ nalien von KonzertbesucherInnen aufzu- meradschaften‘, da dieser Gewaltakt hin-

: antifaschistische nachrichten 19-2005 3


länglich zeigt, wieviel Gewaltpotential Zerschlagung des NS-Regimes wird bei Betrunkene Kontrolleure
von der sogenannten „Kameradschaft ihm zu einem „völkerrechtswidrigen bedrohten Afrikaner
Northeim“ ausgeht. Krieg“. Wie ausgeprägt demgegenüber
PM Carl O. Bleichert ■ seine Identifikation mit den Kriegsgeg- Halle. Außerhalb ihrer Dienstzeit ha-
nern der Alliierten ist, macht Haas ab- ben Fahrkartenkontrolleure aus Halle ei-
FIR Exekutivausschuss tagte schließend deutlich: „Das Ehrengrab des nen Afrikaner beschimpft, bedroht und
österreichischen Fliegerasses Major Wal- geschlagen. Ein 30-jähriger Afrikaner,
Berlin. Am Vorabend des „Tages der ter Nowotny wurde aufgelassen und ge- der mit seiner Frau in Halle lebt, bestieg
Mahnung und Begegnung“ tagte der schändet, unserer vor dem Feind geblie- am Wasserturm eine Straßenbahn der Li-
Exekutivausschuss der Internationalen benen Väter und Großväter sollen wir nie 1 in Richtung Innenstadt. Nach An-
Föderation der Widerstandskämpfer nicht gedenken dürfen, aber den Ameri- gaben der Polizei forderten vier Kontrol-
(FIR) in Berlin. Der ehemalige belgische kanern, die nach wie vor Kriege führen, leure, die sich nicht im Dienst befanden
Widerstandskämpfer Michel Vander- sollen wir Denkmäler errichten?“ und betrunken waren, den Mann auf, sei-
borght, Präsident der FIR, gratulierte den Neues von ganz rechts - Sept. 2005 nen Fahrschein zu zeigen. Es kam zum
Teilnehmern zu den großartigen Erinne- www.doew.at ■ Streit, dann fielen Schläge.
rungsfeiern aus Anlass des 60. Jahresta- Ein Zeuge beobachtete den Vorfall, als
ges der Befreiung von Faschismus und NPD-Wahlkampfabschluss- er an der am Steintor haltenden Bahn mit
Krieg in den verschiedenen Ländern dem Rad vorüberfuhr. „Da bin ich einge-
Europas. Gerade die Teilnahme von vie- Kundgebung auf dem stiegen und habe versucht, einen der vier
len jungen Menschen habe deutlich ge- Münchner Marienplatz Männer wegzuziehen, der gerade auf den
macht, dass das politische Vermächtnis München. Als Höhepunkt des Wahl- Afrikaner einschlug“, beschrieb der 25-
der Überlebenden und Kämpfer von den kampfs der NPD war am 14.9.05 eine Jährige gegenüber der Mitteldeutschen
heutigen Generationen weitergetragen Kundgebung auf dem Marienplatz ange- Zeitung die gewalttätige Szene, in die
wird. Die Erweiterung der FIR zum kündigt. Wie die Süddeutsche
„Bund der Antifaschisten“ sei daher der Zeitung meldete, standen ca.
politisch richtige Schritt zum richtigen 40 Neonazis 300 Gegende-
Zeitpunkt gewesen. Die hierin gezeigte monstranten gegenüber. Die
Anerkennung der Leistungen der ehema- Reden gingen im lautstarken
ligen Kämpfer, die Würdigung der Ver- Protest unter. Der Wahlkampf
folgten und Deportierten stehe im Wider- der NPD in München bestand
spruch zu der skandalösen Erwähnung hauptsächlich aus kaum be-
der FIR im jüngsten bundesdeutschen achteten Infoständen. Diese
Verfassungsschutzbericht. Mit Zufrie- waren vielfach von antifa-
denheit habe man jedoch die breite Soli- schistischen Protesten beglei-
darität mit der FIR von Venezuela bis tet und von der Polizei meist
Russland, von Griechenland bis Däne- gut abgegittert.
mark erfahren. Nun warte man auf eine Mit tumben ausländerfeind-
ernst zu nehmende Stellungnahme des lichen Parolen, pseudokriti-
Bundesinnenministers. schen Phrasen gegen Globalisierung, Ka- sich zwei weitere junge Männern zu-
Dr. Ulrich Schneider, Generalsekretär pitalismus und Sozialabbau versucht die gunsten des Afrikaners eingemischt hat-
der FIR, kündigte an, dass die FIR im NPD sich als angeblich einzig verbliebe- ten. Dadurch sei es dem Opfer gelungen,
Frühjahr 2006 in Belgien eine internatio- ne „Oppositionspartei“ und Alternative aus der stehenden Bahn zu springen.
nale Konferenz zum Thema „Neofa- zu den „Systemparteien“ zu präsentie- Draußen habe der Schläger gebrüllt, dass
schismus in Europa“ durchführen werde. ren. Was die Neonazi-KandidatInnen der er „den Nigger“ umbringen wolle.
Teilnehmer aus über 20 Ländern werden NPD wirklich wollen, zeigt ganz offen Die Polizei vernahm drei stark ange-
erwartet. Nähere Information finde man die „Wahlkampfausgabe“ der NPD-Pu- trunkene Täter zwischen 36 und 41 Jah-
demnächst auf der überarbeiteten Inter- blikation „Münchner Stimme“: Der Di- ren noch am Tatort, der vierte flüchtete.
netpräsentation der FIR. (www.fir.at) rektkandidat Norman Bordin macht dort Die Männer gehören zur Service-Gesell-
Am Sonntag waren die Mitglieder des mit der Parole „Auch München braucht schaft Saale (SGS), einer Tochterfirma
Exekutivausschusses der FIR, Wider- national befreite Zonen“ für sich Wer- des Verkehrsunternehmens Havag. SGS-
standskämpfer und Antifaschisten aus bung. „Volksfront von rechts“, „Deutsch- Mitarbeiter kontrollieren in den Fahrzeu-
Belgien, Griechenland, Russland, Un- landpakt“ und „Münchner Bekenntnis“, gen der Havag die Tickets.
garn und Deutschland gefragte Gäste hinter diesen Schlagwörtern verbirgt sich Die SGS-Geschäftsführung erklärte,
beim „Tag der Mahnung und Begeg- auf den Landeslisten der NPD zur Bun- man sei bestürzt über den Vorfall. An-
nung“. Dr. Ulrich Schneider destagswahl 2005 ein Sammelsurium an griffe von Kontrolleuren auf Fahrgäste
Generalsekretär der FIR ■ Mitgliedern, Führungskräften und Ka- habe es noch nie gegeben. Die Männer
dern verschiedener rechtsextremistischer seien vom Dienst suspendiert. Über eine
Geschichtsbild eines frei- Parteien wie Deutsche Volksunion Entlassung werde noch entschieden. Sie
(DVU), Republikaner (REP) und Deut- seien bislang nicht als ausländerfeindlich
heitlichen Funktionärs sche Partei(DP) sowie dem Spektrum der aufgefallen. Von ihren kurzen Haaren auf
Österreich. Der FPÖ-Bezirksparteiob- so genannten „Freie Kameradschaften/ die Gesinnung zu schließen, halte man
mann von Kitzbühel, Michael Haas, em- Freie Nationalisten“. für gewagt.
pörte sich in einer APA-Aussendung am Informationen des A.I.D.A.-Archivs Die Polizei ermittelt auch in Richtung
2. September über die geplante Aufstel- zu den Münchner und oberbayerischen rechtsradikaler Szene. Beteiligte und
lung einer Gedenktafel für die Besatzung NPD-KandidatInnen: „Mit Schlägern Zeugen sollen nochmals vernommen
eines US-Fliegers, die bei einem Absturz und Hetzern auf Stimmenfang - die Kan- werden. Erst danach will die Havag über
in der Region ums Leben kam. Dabei didatInnen der NPD in München und mögliche Konsequenzen gegenüber ihrer
handle es sich, so Haas, um einen „wür- Oberbayern zur Bundestagswahl 2005“ Tochterfirma nachdenken.
delosen Akt der Anbiederung an die bei www.aida-archiv.de Quelle: Mitteldeutsche Zeitung,
Kriegsnation USA“. Die militärische nach A.I.D.A.-Pressemitteilung 14.9.2005 Halle ■
: antifaschistische nachrichten 19-2005
4
In der Regel ist die Verbindung
von Fußball und Politik proble-
matisch. In den Fußballverbän-
Rechten Lifestyle
den und Vereinsvorständen regiert das
Geld und der heimische Fernsehsessel
verkörpert geradezu das gesellschaftli-
abschalten
2000 Demonstranten fordern die Schließung des
che Ressentiment. Dass es auch anders
geht, beweist der FC St. Pauli. Naziladens auf St. Pauli
Gut 2000 Teilnehmer zogen nach Zäh-
lung der Veranstalter am 10. September
nach der gewonnenen Partie gegen Bayer
04 Leverkusen Amateure über den Ham-
burger Kiez. Vor dem St. Pauli-Spiel
wurde über den Lautsprecher auf die
Demo hingewiesen, und auch Transpa-
rente „Kommt zur Demo“ gezeigt. Der
Protest der antifaschistischen Fans rich-
tet sich gegen einen Laden in unmittelba-

Anfang des Jahres wird das Sortiment von Bauwagenplätzen und „Bambule“
nun mit neuer Rune vertrieben, die der aus. Besonders bemerkenswert ist das
Verfassungsschutz als „unbedenklich“ Angebot der „Ultras St. Pauli“ an Flücht-
bezeichnet. Die Rednerin von Avanti - linge auf dem Aufnahmelagerschiff
Projekt undogmatische Linke erklärte in „Bibi Altona“. Bei Heimspielen laden
Ruf- und Sichtweite zu dem Laden in der die Ultras, die sich an der proletarischen
Talstraße 17 das strategische Vorhaben italienischen Fankultur orientieren und
von Kleidungsmarken wie Thor Steinar jede Kooperation mit der Polizei ableh-
damit, „vom traditionellen Skinheadlook nen, eine Gruppe von bis zu zehn Flücht-
rer Nähe zur Reeperbahn. Neben der wegzukommen und das ramponierte lingen zum gemeinsamen Besuch des
Heilsarmee, umgeben von schwulen Image der Naziszene aufzubessern.“ Spiels ein und setzen der gesellschaftli-
Bars und diversen Kneipen hat sich seit Das, was diese Marken so gefährlich ma- chen Isolation und Langeweile in den
Mai dieses Jahres ein kleines Ladenge- che, sei ihre starke Codierung, weshalb Unterkünften gelebte Solidarität entge-
schäft mit dem Namen „elite-style“ fest- die Klamotten für Außenstehende nur gen. Ganz toll auch die Initiative „U16“,
gesetzt. Der Naziladen, der Anfang Sep- schwer als Nazimarken zu erkennen die beim Auswärtsspiel gegen die Ama-
tember nach dem obersten germanischen sind. In der Stadienordnung des FC. St. teure von Hertha mit den unter 16-Jähri-
Kriegsgott und der „schönen“ Anführe- Pauli wird übrigens das Tragen von Thor gen (ohne Tabak und Alkohol) bereits
rin der Walküren in „Odin & Freya“ um- Steinar wie auch sexistische, rassistische um 6.15 Uhr in Hamburg losfahren, um
benannt wurde, verkauft Produkte rund und andere diskriminierenden Äußerun- das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu be-
um die nordische Mythologie und ge- gen mit einem Stadionverbot geahndet. suchen.
waltverherrlichende Marken wie „Pro Von der Kritik an seinem Laden und Im November letzten Jahres weihte
Violence“ und „Sportfrei“. dessen Sortiment unbeeindruckt zeigen der FC St. Pauli, Fanclubs und die VVN-
In der rechten Hooliganszene, als auch sich die beiden Inhaber von „Odin & BdA eine Gedenktafel für die Opfer der
unter Neonazis besonders beliebt ist al- Freyer“. Deshalb, so Roger Hasenbein, Nazidiktatur im Millerntorstadion ein. In
lerdings die Marke „Thor Steinar“, wel- der Sprecher der Fanprojekte beim FC der Pressemitteilung hieß es, man wolle
che das Rechtsrockmagazin „RockNord“ St. Pauli, ist die Demonstration als Auf- mit dieser Aktion den Opfern der Nazi-
als „Bekleidungsartikel mit patriotischer takt und Signal zu verstehen, dass das diktatur gedenken, aber auch aktuell ein
Auslegung“ und „nordischer Attitüde“ „Bündnis gegen Naziläden“ weiter ge- deutliches Zeichen gegen Rassismus und
beschreibt. Im November 2004 erklärte fragt bleibt, bis der Laden für den rech- Diskriminierung setzen. „Der FC St.
das Landgericht Neuruppin das Tragen ten Lifestyle dicht macht. Eine gute Aus- Pauli und seine Fans engagieren sich seit
des Logos von Thor Steinar zu einem gangsbasis dafür liefert die Unterstüt- Ende der 80er Jahre gegen Rassismus
Straftatbestand, weil es in der Kombina- zung der Demonstration durch 200 na- und Diskriminierung im Fußball. Als
tion zweier Runen dem von der Füh- mentlich genannte Unterstützer, vor- einziger Verein in Deutschland hat der
rungsakademie der Hitlerjugend im Na- nehmlich Fangruppen und Gewerbetrei- FC St. Pauli eine dauerhafte Bande im
tionalsozialismus getragenen Symbol bende auf St. Pauli. Stadion mit dem Text ,Faschismus ist
zum Verwechseln ähnlich sieht. Daraus Nach den Zeiten der Hafenstraßensoli- keine Meinung sondern ein Verbrechen‘
resultierte eine bundesweite Beschlag- darität Anfang der 80er Jahre war es in installiert und sich am Fonds für die Ent-
nahmung des Warenbestandes. Nachdem den 90er Jahren um die linken Fanpro- schädigung der NS-Zwangsarbeiter be-
die Marke derart eingeführt ist, funktio- jekte vergleichsweise ruhig geworden. teiligt. Mit Errichtung der Gedenktafel
niert das Zurschaustellen rassistischer Seit geraumer Zeit aber ist wieder eine ist der FC St. Pauli wieder einmal der
und faschistischer Identität und Zugehö- stärkere Politisierung zu beobachten. erste Verein, der öffentlich und in seinem
rigkeit inzwischen auch ohne die sicht- Diese drückt sich in Demonstrationen Stadion den Verfolgten und Opfern der
bare Anlehnung an NS-Symbolik. Seit zur dritten Halbzeit zur Unterstützung Nazizeit gedenkt. Wolfram Siede ■

: antifaschistische nachrichten 19-2005 5


Die Ankündigung löste nur mäßi- Frankreich:
ge Begeisterung in seiner Partei
aus: Jean-Marie Le Pen möchte,
koste es, was es wolle, in anderthalb Jah-
Gedrängel im rechten
ren noch ein – letztes – Mal zur französi-
schen Präsidentschaftswahl antreten. Es
wäre seine vierte Teilnahme an der Wahl,
Spektrum
die Le Pen, in Übereinstimmung mit sei- Vor der Präsidentschaftswahl in anderthalb Jahren wetteifern Le Pen,
ner auf den „starken Mann“ zugeschnit- de Villiers und Sarkozy um Rechtsaußenstimmen
tenen Politikkonzeption, als „Königin al-
ler Schlachten“ betrachtet und als den steht und ihre Basis eher passiv gehalten ten der beiden nationalen Parlaments-
einzigen Wahlgang, der ihn im Grunde denn mobilisiert wird – nicht voll aus- kammern – vorweisen können. Bei der
je interessiert hat. schöpfen könnte. Der FN-Kandidat wür- letzten Wahl im April 2002 hatte Le Pen
Erstmalige „positive“ Wahlempfeh- de im Moment wohl eher 10 Prozent als, bereits die allergrößte Not, die 500 Un-
lung von Le Pen? wie in der Vergangenheit, 15 Prozent der terschriften zusammen zu bekommen;
Stimmen anziehen können; es sei denn, wochenlang hatten seine vergeblichen
Dabei will der rechtsextreme Politiker es kommt ihm erneut die Konjunktur ei- Bemühungen darum die Medien im
übrigens – erstmals, seitdem er 1988 nes mobilisierungsträchtigen Themas Atem gehalten, was ihm freilich im End-
erstmals zur Präsidentschaftswahl kandi- (wie im Jahr 2002 der „Unsicherheit“) zu effekt damals eine gewisse Publicity ver-
dieren konnte –, beim nächsten Mal nicht Hilfe. schaffte. Beim nächsten Mal könnte es
ausschließen, eine positive Empfehlung Kongress verschoben aber nun wirklich extrem eng werden:
für den entscheidenden zweiten Wahl- Zum ersten Mal haben hohe Parteifunk-
gang auszusprechen. Sein konkretes Ver- Im Jahr 2007, in dessen erster Hälfte so- tionäre des FN in der bürgerlichen Presse
halten vor der Stichwahl wird er davon wohl der Präsident als auch die National- – etwa in „Libération“ und „Le Monde“
abhängig machen, wie er Ende August versammlung neu gewählt werden, wird –, wenngleich meist ohne Namensnen-
ankündigte, wer dann die bürgerliche Jean-Marie Le Pen 79 Jahre alt. In den nung, klar erkennen lassen, dass viele
Rechte vertritt. Falls ihr Kandidat im meisten Fällen bedeu-
zweiten Wahlgang wieder Jacques Chi- tet das für einen Politi- FN-Aufmarsch in Paris am 1. Mai 2005
rac wäre (wie 1988, 1995 und 2002) und ker: Zeit, abzutreten
damit ein Mann, den Le Pen persönlich und eventuell seine
hasst wie kaum einen zweiten, „dann Nachfolge zu regeln.
würde es mir schwer fallen“, eine Wahl- Nicht so für den Chef
empfehlung auszusprechen. Bisher hat des rechtsextremen
Le Pen tatsächlich bei den letzten Malen Front National (FN),
noch nie zur Stimmabgabe zugunsten der bestrebt ist, alle in-
Chiracs aufgerufen – 1995 erklärte er öf- nerparteilichen Ent-
fentlich, Chirac, sei „dasselbe wie (sein scheidungsstränge in
sozialistischer Gegenkandidat Lionel) seinen eigenen Händen
Jospin auf die schlimmere Tour“, 2002 zusammenlaufen zu
konnte er ihn gar selbst als Gegenkandi- lassen. Die Entschei-
dat herausfordern. dung über eine mögli-
Wenn jedoch nicht mehr Chirac, son- che Nachfolge wird
dern – wie von vielen Beobachtern er- nach wie vor durch ihn
wartet wird – dessen derzeitiger Innen- blockiert. Ursprüng-
minister Nicolas Sarkozy in der Stich- lich hätte, nach dem
wahl gegen einen Vertreter oder eine Ver- Kalender der bisher im
treterin der Linksparteien antreten wird, dreijährigen Rhythmus
dann könne er sich eine Wahlempfehlung stattfindenden Parteitage, im Frühjahr der eigenen Parteikollegen 2007 nicht
sehr wohl vorstellen, verkündete Le Pen. 2006 ein Kongress des FN stattfinden mehr für Le Pen senior unterschreiben
Sarkozy wirbt seit Monaten offen mit au- müssen. würden. Der FN verfügt über rund 150
toritären Parolen um das Publikum des Damit aber nur ja die heikle Erbfolge- Regionalparlamentarier, und wenn selbst
FN, am 30. Juni verkündete er gegenüber frage nicht vor der kommenden Präsi- die nicht alle für die Kandidatur ihres
Journalisten: „Ich ziele nicht auf die dentschaftswahl aufgeworfen werden Spitzenmanns unterschreiben, dann wird
Wählerschaft des FN ab, ich habe sie be- kann, hat der Chef des FN nunmehr ent- es wirklich kritisch. Denn wie die fran-
reits“. Immerhin drei Viertel der rechts- schieden, dass der nächste Kongress auf zösischen Medien bereits jetzt berichten
extremen Sympathisanten geben an, von Ende 2007 verschoben wird. Dann ist (vgl. „Le Parisien“ vom 13.9.2005,
seiner Politik zur Inneren Sicherheit an- das „Superwahljahr“ vorüber. Und falls Schlagzeile: „Die Bürgermeister zeigen
getan zu sein. er es sich bis dahin nicht noch einmal an- Le Pen die kalte Schulter“), zeigen sich
Nicht so sehr bei einer Parlaments- ders überlegt, gedenkt Le Pen dann viel- die Bürgermeister auch kleinerer Kom-
wahl (bei der das persönliche Profil des leicht auch abzutreten. Bis dahin bleiben munen im Hinblick auf die kommende
ehrgeizigen Ministers hinter dem allge- aber noch ein paar größere Steine aus Wahl nunmehr äußerst zurückhaltend,
meinen Image der Regierungspartei dem Weg zu räumen, vor allem der aller- was eine Unterschrift für Le Pen betrifft:
UMP zurücktreten würde), wohl aber bei dickste Brocken: das Problem der 500 Erstens hat dessen ausdrückliche Relati-
einer Personenwahl wie dem Rennen um Unterstützungsunterschriften. vierung der mit der deutschen Besatzung
die französische Präsidentschaft könnte Um als Kandidat zur Präsidentschafts- in Frankreich verbundenen Verbrechen
Sarkozy derzeit durchaus einen Teil der wahl antreten zu können, muss ein Be- (in einem Interview für die offen pro-na-
FN-Wählerschaft anziehen. Im Umkehr- werber 500 Unterschriften von Mandats- zistische Zeitung „Rivarol“ im Januar
schluss bedeutet das, dass der FN sein trägern der Republik – Bürgermeistern, 2005) viele von ihnen definitiv abgesto-
theoretisches Potenzial sicherlich im Angehörigen eines Bezirks-, Regional- ßen. Und zweitens werden im Jahr 2008,
Moment - wo die Partei zerstritten da- oder des Europaparlaments, Abgeordne- das auf die nächste Präsidentschaftswahl

6 : antifaschistische nachrichten 19-2005


folgt, frankreichweit die Kommunalwah- Villiers inhaltlich „auf das Terrain des Ermittlungsverfahren been-
len stattfinden. Und dann werden die Front National“. Seine Kampagne nährt det – Kopie der VVN-BdA-
kommunalen AmtsträgerInnen sich vor er zur Zeit vor allem mit Ressentiments,
ihren WählerInnen verantworten müs- die er durch Parolen gegen den EU-Bei- Dateien gelöscht
sen. Eine Unterschrift für Jean-Marie Le tritt der Türkei, gegen Immigration und Dortmund. Mit Schreiben vom 6.Sep-
Pen erscheint dabei zur Zeit nicht eben gegen die „zunehmende Islamisierung tember Az 27.4.0 - 527/04 teilte die
als positives Werbeargument, um eine Frankreichs in allen gesellschaftlichen Landesbeauftragte für Datenschutz und
Mehrheit unter ihnen anzusprechen. Bereichen“ mobilisiert. Informationsfreiheit Nordrhein-Westfa-
Bei der letzten Präsidentschaftswahl Rechtsdissidenten des FN im Kontakt len dem Journalisten und Sprecher der
im April 2002 fielen solcherart Bedenken mit den Nationalkatholiken VVN-BdA Ulrich Sander mit:
noch geringer aus: Die letzten Kommu- Betr. Beschlagnahme eines Compu-
nalwahlen (März 2001) waren soeben Der derzeit einzige FN-Bürgermeister ei- ters samt Dateien im Ermittlungsverfah-
vorüber, die nächsten würden erst einige ner Kommune von mehr als 10.000 Ein- ren / Vernichtung der Festplattenkopie
Jahre später stattfinden (turnusmäßig ei- wohnern – Jacques Bompard, Stadtober- „Mittlerweile hat mir die Staatsan-
gentlich 2007, aufgrund des „Superwahl- haupt im südfranzösischen Orange – hat waltschaft Dortmund mitgeteilt, dass
jahrs“ wurden sie gleich auf 2008 ver- nach Informationen von „Libération“ die Auswertung der Festplattenkopie
schoben). Doch dieses Mal muss Le Pen (10.9.2005) den Grafen de Villiers jüngst nicht zur Feststellung beweisrelevanter
wirklich ernsthaft um seine Unterschrif- getroffen. Bompard steht seit längerem Daten geführt habe. Aufgrund der feh-
ten bangen. Deshalb suchte er bereits mit Le Pen im Konflikt, der sich ver- lenden Verfahrensrelevanz hätten die
Ende August, anlässlich der Sommeraka- schärft hat, nachdem der Bürgermeister auf der Festplatte befindlichen Daten
demie des FN, moralischen Druck auf von Orange es wagte, der FN-Sektion im auch keinen Eingang in die Ermitt-
die Bürgermeister auszuüben: Diejeni- Département Vaucluse – und damit der lungsakten gefunden. Schließlich sei
gen Amtsträger, die „Mut“ bewiesen, eigenen Partei – im Mai einen Geldstraf- die Festplattenkopie nach Abschluss
„ihrer staatsbürgerlichen Aufgabe nach- befehl wegen illegalen Plakatierens in des Verfahrens in Absprache mit Ihrem
kommen“ und sich nicht von Druck be- seiner Kommune auszustellen. Am 9. damaligen Verteidiger im Beisein des
einflussen ließen, würden „in die Ge- September 05 wurde Bompard aus den zuständigen Dezernenten in den Räum-
schichte eingehen“, tönte Le Pen. Führungsgremien des FN ausgeschlos- lichkeiten der Staatsanwaltschaft Dort-
Rechtskatholik Philippe de Villiers sen; er hat bereits angekündigt, der Partei mund vernichtet worden.
nicht als einfaches Mitglied angehören Eine Weitergabe Ihrer Daten an Drit-
Neben Jean-Marie Le Pen selbst und In- zu wollen. te (z.B. Behörden) oder die Übermitt-
nenminister Sarkozy kommt noch ein Ende August ließ Bompard erneut, wie lung der Daten im Wege der Aktenein-
weiterer Bewerber um die Stimmen des bereits im Vorjahr, in Orange eine Som- sicht habe zu keinem Zeitpunkt stattge-
rechten bis rechtsextremen Wählerpoten- meruniversität seines Clubs „Esprit Pu- funden.
zials in Betracht: Der nationalkonservati- blic“ (Staatsmännischer Geist) beinahe Diese Mitteilung zugrundegelegt, gehe
ve, rechtskatholische Graf Philippe de zeitgleich – ihr Beginn war um zwei ich davon aus, dass Ihrem datenschutz-
Villiers, der am 11. September bereits Tage versetzt – zur „offiziellen“ Som- rechtlichen Anliegen genüge getan ist.
seine eigene Präsidentschaftskandidatur meruniversität des FN stattfinden. Letz- Ich habe den Vorgang daher nunmehr
anmeldete. An jenem Wochenende hielt tere fand dieses Jahr in Bordeaux statt abgeschlossen.“
seine Partei, das „Mouvement pour la und hatte die „globalen Probleme“ wie Ulrich Sander
France“ (MPF), im südostfranzösischen Erderwärmung, Ökologie und Hunger Weitere Informationen unter
Grasse ihre Sommerakademie mit rund zum Thema – freilich nur, um zu verkün- www.nrw.vvn-bda.de ■
500 Teilnehmern ab. den, dass lediglich eine Rückkehr zum
Seine, bisher noch im Aufbaustadium Nationalstaat als Politikrahmen Abhilfe Bordeaux vor der Presse. Hintergrund
steckende, „Bewegung für Frankreich“ verschaffen könne. In Orange hielt man ist, dass dieser Teil der „alten Garde“
(MPF) konnte im Abstimmungskampf sich dagegen nicht damit auf, sich auf sich von einer Annäherung an die Natio-
vor dem Referendum zur EU-Verfassung diese Weise als pseudo-moderne und nalkatholiken verspricht, einer „moder-
vom 29. Mai dieses Jahres Aufmerksam- aufgeschlossene Kraft zu präsentieren, nistischen Aufweichung der Werte“ vor-
keit gewinnen. Das MPF hat in den letz- sondern widmete sich gleich viel „klassi- beugen zu können – denn diese Gefahr
ten Monaten auch viele enttäuschte ehe- scheren“ rechtsextremen Themen, wie ist in ihren Augen mit dem möglichen
malige FN-Funktionäre gewonnen (da- dem Problem der „Meinungsfreiheit“ für späteren Aufstieg der Le Pen-Tochter,
runter den jetzigen MPF-Generalsekretär Geschichtsrevisionismus. Teile des ka- Marine, an die Parteispitze verbunden.
Guillaume Peltier, früher Chef der Ju- tholisch-fundamentalistischen Parteiflü- Dagegen plädierte die innerparteiliche
gendorganisation des FN), die hier einen gels und militante rechtsradikale Aktivis- „Nummer drei“, FN-Generalsekretär
neuen, vom Verdacht auf Naziparolen tenkreise fanden sich in Orange ein. Carl Lang, gegen eine solche Annähe-
und anderen Anrüchigkeiten „unbelaste- Aber auch in Bordeaux, wo der „offi- rung, da Philippe de Villiers nicht mit
ten“, eher konservativen Rahmen für zielle“ FN tagte, war die Haltung zu den dem bürgerlichen Konservativismus und
„nationale Politik“ entdeckten. Tatsäch- Nationalkatholiken um Philippe de Vil- der Regierungspartei UMP gebrochen
lich steht das MPF nicht in einer offen liers ein Thema. Denn ein Teil des Hard- habe.
faschistischen Tradition, wohl aber in je- linerflügels und der „alten Garde“, der Befürchtet wird von den Gegnern einer
ner der rechtskatholischen Republikgeg- zwischen der Unterstützung für die in- solchen Annäherung vor allem, dass der
ner der ersten Jahrzehnte nach 1789, von nerparteiliche „Nummer zwei“ Bruno sozial schwächere, vor allem von den
denen einige auch – neben Kreisen aus Gollnisch und jener für Jacques Bom- „Protest“aspekten des FN-Parteidiskur-
der Armee und der Kirche – am Vichy- pard schwankt, machte sich am Rande ses angezogene Teil der Wählerschaft ihr
Regime teilnahmen. Philippe de Villiers der Tagung von Bordeaux für eine „An- nicht folgen würde. Tatsächlich ist das
hat Ende August auch offen erklärt, die näherung“ an die neue Partei des rechts- Publikum des Grafen de Villiers mehr-
Türen seiner Partei stünden ehemaligen konservativen Grafen stark. „Schon seit heitlich materiell weitaus besser situiert,
FN-Leuten offen. Und, wie etwa die libe- dem Referendum (Ende Mai) hätten wir und in anderen Wohngegenden ansässig,
rale Pariser Abendzeitung „Le Monde“ uns an diese Leute annähern sollen“ for- als zumindest ein Teil der Wählerbasis
(u.a. in ihrer Ausgabe vom 16. Septem- derte etwa Marie-France Stirbois, die der des FN.
ber) feststellt, begibt sich Philippe de Partei seit den 70er Jahren angehörte, in Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 19-2005 7


Köln ist nicht die einzige Stadt,
die die Truppe im Rahmen der
Feiern zu „50 Jahre Bundes-
21. September:
wehr“ besetzen will. Bundesweit
werden seit Juli bis noch zum Stichtag Bundeswehr-Einsatz
12. November, an dem im Jahr 1955
die ersten Rekruten in die Bonner Er-
mekeilkaserne marschierten, mehr
am Kölner Dom
als 50 Jubelfeiern abgehalten. In gemeldet. Zusätzlich auch vorm Dom- Soldaten einstellen, folgt der Um- und
manchen Orten wird „nur“ die aktu- portal zum Soldatengottesdienst ab 10 Aufrüstung für Kriegsbeteiligungen ein
elle Bundeswehr-Ausstellung präsen- Uhr. Um 17 Uhr folgt ein Ökumenischer nicht hinnehmbarer „Werbefeldzug an
tiert, Köln gehört zu den vier Städten, Friedens-Gottesdienst auf dem Wallraf- der Heimatfront“. Next step: die schon
in denen die Teilstreitkräfte ihr volles
Programm abziehen.

Aber im Rheinland regt sich Widerstand.


Friedensgruppen wollen der Bundeswehr
den Zapfenstreich am Kölner Dom ver-
miesen. Die in Köln von der Luftwaffe
ausgerichtete Show mit Soldatengottes-
dienst im Dom (10 Uhr), anschließen-
dem Rekrutengelöbnis (12 Uhr), Platz-
konzert am Rathaus (14 Uhr), Rathaus-
Empfang für Bundeswehr und Ehrengäs-
te (18 Uhr) sowie abschließendem „Gro-
ßen Zapfenstreich“ (20 Uhr) auf dem
Roncalliplatz startet am 21. September
ausgerechnet am durch die UNO seit
2001 für den 21. September ausgerufe-
nen „Internationalen Friedenstag“, an
dem „weltweit die Waffen schweigen
sollen“.
Uniformiert und bewaffnet zelebriert
die „Friedensarmee“ in der Kölner In- Platz. Schwerpunktaktion ist die De- begonnene Diskussion um künftige Bun-
nenstadt ein religiös überhöhtes Militär- monstration vom Alter Markt zum Ron- deswehreinsätze im Innern.
ritual, dass spätestens durch die exzessi- calliplatz ab 18.30 Uhr. Der Zapfen- Die Aussichten für akustische Störun-
ve Ausübung durch die NS-Wehrmacht streich soll ab 20 Uhr sowohl von der gen der militärischen Zeremonien gelten
völlig diskreditiert sein sollte. Die Bun- Ecke Domplatte aus wie von der anderen als günstig. Die Bundeswehr hat in einer
deswehr begibt sich „Gewehr über“ und Seite („Am Hof“) kommentiert werden. umstrittenen Ratsentscheidung zwar den
„Helm ab zum Gebet“ offenbar bewusst Wenn er denn überhaupt stattfindet: Die Roncalliplatz für den Tag als Privatge-
in diese unselige Tradition. Christen aus der Friedensbewegung wol- lände pachten können, in dem Feldjäger
Das Kölner Gegenmittel: Spott und len den Zapfenstreich wegen der Verlet- die „herzlich eingeladene“ Kölner Be-
lautstarker Protest, kurzum: „Karnevalis- zung religiöser Gefühle verbieten lassen. völkerung nach Gutdünken (aus)sortie-
tische Verhältnisse“, beginnend mit ei- Protestiert wird auch gegen die massi- ren können, aber ringsum ist „öffentli-
nem „warming-up“ und „Friedens-Früh- ven Änderungen des Auftrags und die cher Raum“. Keine ehrfürchtige Stille
Stück“ morgens um 6.00 Uhr auf dem zweifelhaften Einsätze der Bundeswehr bei „Helm ab zum Gebet“. Der erste
von soldatischem Missbrauch bedrohten in aller Welt. Mit den öffentlichen Ritua- Zapfenstreich am Kölner Dom wird hof-
Roncalliplatz. Das frühe Aufstehen lohnt len und den offensiven Äußerungen des fentlich auch der letzte bleiben.
sich: Die Organisatoren des antimilitaris- obersten Dienstherrn Peter Struck über Die aktuellen Infos finden sich unter
tischen Protestes haben der Truppe durch „Verteidigung am Hindukusch“, Solda- www.friedenskooperative.de
frühe Anmeldung schon einen kleinen ten der Zukunft „mit Gewehr und Lap- Der Autor Mani Stenner ist
Strich durch die Rechnung gemacht. Bis top“ sowie seiner Forderung, die Öffent- Geschäftsführer des Netzwerk
7 Uhr ist der Platz versammlungsrecht- lichkeit solle sich auch auf tote deutsche Friedenskooperative ■
lich blockiert und die Hundertschaften
Feldjäger müssen draußen bleiben. Da-
durch verzögern sich auch die Aufbauar- Friedensgruppen klagen gegen massive
beiten für die Truppe. Außerdem ist da-
mit zu rechnen, dass zunächst Hoch-
Demonstrationseinschränkungen der
druckreiniger eingesetzt werden müssen, Kölner Polizei
um das Zeremoniell konterkarierende
Friedensbotschaften auf dem Platz zu Der Klage christlicher Friedensgruppen gegen den Zapfenstreich wegen Verletzung
entfernen. PflastermalerInnen jedenfalls religiöser Gefühle hat das Verwaltungsgericht nicht stattgegeben. Ein Revisionsver-
sind dem antimilitaristischem Bündnis fahren dagegen läuft zur Zeit.
herzlich willkommen. Anhängig ist auch noch ein weiteres Verfahren, in dem die Friedensgruppen die
Das „Kölner Bündnis gegen öffentli- Rechtsgrundlage der Sondernutzungsgenehmigung des Ordnungsamtes für die Bun-
che Militärspektakel“ will die Propagan- deswehr bestreiten. Hilfsweise wurde die 20. Kammer des Verwaltungsgerichtes an-
daaktionen der Bundeswehr ganztägig gerufen, überhaupt sicht- und hörbaren Protest gegen das Militärspektakel zu ermög-
begleiten. Auf der Domplatte und rund lichen. Denn die Kölner Polizei will die Demonstration auf einen entfernten Teil der
um den Roncalliplatz sind von 7.00 bis Domplatte abdrängen.
22 Uhr durchgehende Mahnwachen an- Aktuelle Infos unter www.friedenskooperative.de

8 : antifaschistische nachrichten 19-2005


Der Zeithistoriker Detlef Bald
verfolgt in diesem im Format ei-
nes Taschenbuchs pünktlich zum
Dr. Detlef Bald: 50 Jahre
50. Geburtstag der Bundeswehr erschie-
nenen Band zwei Wege: Zum einen
Bundeswehr: 1955-2005 Buchbesprechung
zeichnet er auf knappem Raum die Ent-
wicklung der Bundeswehr von ihren An- ligen Nazi-Wehrmacht. Mit kurzen macht bis hin zu denen der Waffen-SS
fängen bis zur Gegenwart nach, zum an- Rückverweisen auf die Stein-Harden- glorifizierte.
deren verfolgt er ein politisches Anlie- bergschen Reformen, auf Scharnhorsts Die menschenverachtende Schinderei,
gen: Die Eingliederung dieser Armee in Versuche zur Übertragung bürgerlicher die in den jüngsten Folterungen als Teil
den bürgerlich-demokratischen Rechts- Rechte in das Militär zeigt Bald, dass ein einer „kriegsnahen“ Ausbildung ihren
staat, was für ihn nichts Anderes heißen anderes Traditionsverständnis von Mili- vorläufigen Höhepunkt fand, erscheint
kann als die Orientierung dieser Armee tär möglich wäre. so nicht als „Ausrutscher“ und Norm-
an den Maßstäben der von General von An diese Traditionslinie knüpfte Ge- überschreitung Einzelner, sondern als
Baudissin konzipierten Inneren Führung neral Baudissin mit seinem Konzept vom Teil eines Systems, das noch immer –
– einfacher ausgedrückt: Die Veranke- Staatsbürger in Uniform an – ein Kon- oder schon wieder – den „archaischen
rung eines demokratischen Selbstver- zept, das sich allerdings in der Bundes- Kämpfer“ als Ausbildungsziel vor Augen
ständnisses in der Bundeswehr selbst. wehr nie durchsetzen sollte, denn Wie- hat.
Somit folgt die Untersuchung dem zeit- deraufrüstung und Kalter Krieg verzahn- Die Bilanz dieser fundierten und auf
ten sich mit der Vorstel- eine Vielzahl von Quellen gestützten Un-
lungswelt der ehemaligen tersuchung muss nicht nur diejenigen
Wehrmachtsgeneräle: „Ein schaudern lassen, die aus pazifistischer
einzigartiges Panorama Grundhaltung Militär grundsätzlich ab-
tauchte wieder auf. Die lehnen, sondern auch all jene, die zwar
operativen Maximen des das Militär als Instrument der Politik be-
Generalstabs der vierziger jahen, die es aber als Teil einer demokra-
Jahre standen erneut im tischen, sich zu Rechtsstaatlichkeit und
Zentrum einer europawei- Pluralismus bekennenden Gesellschaft
ten ‚Gesamtverteidigung verstanden wissen wollen.
von den Dardanellen bis Werner Ruf
nach Skandinavien’.“ (S. AG Friedensforschung an der Uni
29). Gegen die Traditiona- Kassel, bis 2003 Professor für Int. Be-
listen in der Bundeswehr ziehungen an der Universität Kassel.
gab es jedoch zu Anfang Die Rezension erscheint in Heft 3/2005
der 70er Jahre unter Kanz- der Zeitschrift „Wissenschaft &
ler Brandt und Verteidi- Frieden“. Entnommen aus Berichte aus
geschichtlichen Ablauf seit 1955. Die gungsminister Schmidt Reformversuche, Augsburg und Schwaben 19-05
Streitkräfte selbst werden an den Nor- die vor allem auf die Eingliederung des
men gemessen, die für sie als bewaffne- Militärs in die Gesellschaft zielten. Im Detlef Bald: Die Bundeswehr. Eine kri-
ter Arm eines demokratischen Rechts- Scheitern dieser Reformen sieht Bald tische Geschichte 1955–2005. Verlag
staats Gültigkeit haben sollten. eine Art Weichenstellung für die dann C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-
Diese Normen implizieren nach Auf- folgende Entwicklung der Bundeswehr. 406-52792-2, 232 S. 12,90 Euro.
fassung des Verfassers den endgültigen Offen bleibt, ob der roll back der Tradi-
Abschied der bundesdeutschen Streit- tionalisten gelingen konnte, weil Lesung
kräfte von den militaristischen Traditio- Schmidt deren politische Kraft unter- in der
nen des Preußentums, der Weimarer Re- schätzte, oder ob er schrittweise vor poli- Universi-
publik und vor allem der Nazi-Wehr- tischem Druck kapitulierte. tät Augs-
macht. Damit gerät dieser Band zugleich Bei allen Zögerlichkeiten und Unsi- burg am
zu einer Streitschrift gegen unselige Tra- cherheiten, die den Umgang sozialdemo- 17. No-
ditionspflege und rückwärtsgewandtes kratischer Verteidigungsminister mit der vember
Selbstverständnis der Bundeswehr. Dabei Bundeswehrführung und insbesondere 2005 mit
stützt sich Bald auf eine ungeheure Fülle mit dem dornigen Thema der Traditions- Dr. Detlef
zeitgeschichtlichen Materials, das bisher pflege charakterisieren, ist doch die poli- Bald: 50
nicht systematisch aufgearbeitet wurde. tische Großwetterlage in der Republik Jahre
Die Bilanz eines halben Jahrhunderts von entscheidender Bedeutung für die Bundes-
Bundeswehr gerät so zu einer spannen- Entwicklung von Geist und Identität der wehr:
den und zugleich über weite Strecken be- Bundeswehr gewesen: Mit dem Amtsan- 1955-
ängstigenden Lektüre. Hilfreich und tritt des CDU-Ministers Wörner nach 2005
nützlich sind eine knappe Chronologie den Wahlen von 1982 gab es für das Wir- Die Ini-
und ein Personenregister. ken des restaurativen Geistes in der Bun- tiative „Friedens- und Konfliktfor-
Schon die Symbolik der gleich zu Be- deswehr keine Grenzen mehr: Das „Sol- schung“ (IFK), die Augsburger Frie-
ginn eindrücklich beschriebenen Grün- datische“ im traditionellen Sinne wurde densinitiative (AFI) und die DFG-VK
dungsfeier der Bundeswehr mutet düster – anstelle des den meisten Militärs ver- haben Dr. Detlef Bald eingeladen. Die
an und gerät gewissermaßen zum Mene- hassten Konzepts der Inneren Führung – Lesung findet am Donnerstag, 17.11.
tekel: Unter einem fast fünf Meter gro- zum Selbstverständnis und Ausbildungs- 2005, um 19.00 Uhr im Hörsaalzentrum
ßen eisernen Kreuz haben sich unter dem ziel zugleich. Physik, Raum 1004, Universitätsstr. 1,
ersten Verteidigungsminister Theodor Möglich wurde dies durch personelle statt.
Blank fast einhundert Träger dieser preu- Kontinuitäten, die bereits den Aufbau der
ßisch-deutschen Kriegsauszeichnung Bundeswehr bestimmten, und durch eine
versammelt – hohe Soldaten der ehema- Traditionspflege, die die Taten der Wehr-

: antifaschistische nachrichten 19-2005 9


NPD-Kundgebung am Richtigstellung zum Artikel
10. September in Ohrdruf „Fischleder im National-
gestört sozialismus“, AN 2-05:
Ohrdruf. Am 10. September blies die Anne Sudrow vom Zentralinstitut für Ge-
NPD zur „Großkundgebung“ nach Ohr- schichte der Technik, Technische Universität
druf. Gefolgt waren dem Aufruf 38 Neo- München schrieb uns dazu:
nazis. Die Veranstaltung wurde gestört „Durch Zufall bin ich auf Ihren Artikel über
durch engagierte BürgerInnen, Punks, Herrn Stempel und das Fischleder im Natio-
Alternative und antifaschistisch aktive nalsozialismus in den Antifaschistischen
Menschen. Im als „braunste Stadt Nachrichten gestoßen, in der Sie auch mei-
Deutschlands“ propagierten Ohrdruf po- ne Arbeiten zitieren. Leider muss ich feststel-
sitioniert sich endlich Widerstand gegen len, dass Ihnen dabei einige, wie ich finde
den faschistischen Alltag. So störten schwerwiegende, Fehler unterlaufen sind:
mehr als 30 AntifaschistInnen die NPD- ufer Stadtzentrum ein. Rita Hoffmann 1. Die Aussage, die Fischhautverwertung
Kundgebung mit Transparenten, Plaka- (Listenplatz 1) versetzte die Kameraden stünde in unmittelbarem Zusammenhang mit
ten und teils auch lautstark. und blieb der Kundgebung fern. den von mir dargestellten Versuchen auf
BeiVeranstaltungsbeginn um 11 Uhr. An PassantInnen verteilten die „Natio- der „Schuhprüfstrecke“ (nicht „Schuhver-
fanden sich ganze 38 RechtsextremistIn- naldemokraten“ reichlich Propaganda, suchsstrecke“) im KZ Sachsenhausen (da-
rauf, dass dort Fischhaut-Produkte getestet
nen zur – als Großkundgebung propa- von NPD-Pamphleten bis hin zur „Schul-
wurden, habe ich keinerlei Hinweise gefun-
gierten – Versammlung ein. Den Markt- hof-CD“. Für die Entsorgung des Mülls
den, und dies auch nie behauptet)
platz schändeten nun 2 NPD-Transparen- war diesmal allerdings gesorgt.
2. Die Aussage, das Kaiser-Wilhelm-Institut
te und Lautsprecherwagen aus Weimar. Antifaschistischer Protest in der für Lederforschung habe „1938 viel Geld
Die Veranstaltung wurde laut Auflagen- „braunsten Stadt Deutschlands“ für die Fischlederproduktion bereitgestellt“:
Das KWI erhielt von der Industrie und vom
Nach der Enttäuschung vom 21. Mai die- Staat Gelder, um die Produktionsmethoden
sen Jahres, als 55 Nazis ungestört ganz für die Unternehmen zu entwickeln und zu
Ohrdruf beschallen konnten, fand sich verbessern.
diesmal antifaschistischer Protest vorm 3. Um diesen Punkt geht es mir vor allem:
Marktplatz ein. Und das wider den Auf- Ihre Behauptung, dass den Schuhprüfun-
ruf der Parteien der Stadt, welche das gen im KZ 5.000 Häftlinge zum Opfer ge-
Problem durch Wegschauen/Ignorieren fallen seien. Diese Zahl, die auch schon in
lösen wollten. Glücklicherweise gab es der „jungen welt“ veröffentlicht wurde,
doch noch Menschen, die die Logik „Au- stimmt auf keinen Fall. Es ist, wie ich in mei-
gen zu, dann ist das Naziproblem ver- nen Veröffentlichungen dazu ausführlich er-
schwunden“ nicht teilen. Von Seiten der klärt habe, aus verschiedenen Gründen
Stadt gab es nur ein Transparent, mit der derzeit überhaupt nicht möglich, konkrete
Aufschrift: „RECHTE RAUS – Fordern Angaben zur Zahl der Opfer zu machen.“
bescheid mit Beiwohnen von 2 Ordnern die Bürger der Stadt Ohrdruf“, welches
Unser Autor Thomas Klaus hatte seinerzeit
genehmigt und durch hohe Polizeiprä- am Marktplatz über der Kundgebung
von Herrn Stempel umfangreiche Materia-
senz durchgesetzt. Für einen geregelten aufgehängt wurde.
lien zum Thema „Fischhaut“ bekommen und
Ablauf von Seiten der Neonazis sorgten Ca. 30 BürgerInnen, Punks und Anti-
auch einen seiner Vorträge besucht. Sein
also THS-Kopf Sebastian Reiche und faschistInnen versammelten sich vorm
Artikel stützte sich auf diese Informationen,
Ex-Knasti Patrick Wieschke, letzterer je- NPD-Kundgebungsplatz und störten die die im Einzelnen leider nicht weiter über-
doch nicht auf Dauer. Erst nach antifa- Neonazis mit Transparenten, Plakaten, prüft wurden. Insofern danken wir Frau Su-
schistischem Engagement bemerkte Po- teils auch lautstark. Applaudieren muss- drow für diese Richtigstellung. red ■
lizeieinsatzleiter Raymond Walk, dass ten sich die Neonazis diesmal selbst, po-
Wieschke mehrfach vorbestraft ist und sitive Resonanz zeigte die Aktion keine.
erst kürzlich aus dem Gefängnis entlas- Nazipropaganda wurde in eigens dafür
sen wurde. Kurzerhand durfte Patrick vorgesehene Mülleimer entsorgt (siehe rektkandidaten der NPD (Gotha-Ilm-
seine Binde einem Kameraden überlas- Foto). kreis) Michael Burkert aufgeklärt wurde.
sen. Schon im Vorfeld der NPD-Kundge- Gegen 13 Uhr endete die Veranstal-
Die von der NPD angekündigte Pro- bung klebten AntifaschistInnen in Ohr- tung. Die NPD packte ein, die Polizei
minenz fand sich jedoch nicht im Ohrdr- druf Plakate, auf denen u.a. über den Di- rückte ab. Kein Grund jedoch für die an-
wesenden NeofaschistInnen ihre Ver-
sammlung aufzulösen. Ungehindert ver-
weilten die Kameraden noch eine Weile
auf dem Marktplatz.
Resümee: Ein wichtiger Schritt in der
„braunsten Stadt Deutschlands“, eine
Stadt mit einer grausamen Geschichte,
an einem Ort, wo Stadt, PolitikerInnen
und Polizei den Neonazis seit jeher Platz
machen, formierte sich unerwartet Pro-
test, welcher hoffentlich ein Signal setz-
ten konnte, welches über den Tag hinaus
geht und den Beginn einer positiven Ent-
wicklung in Ohrdruf manifestiert.
Bilder auf www.left-resistance.tk
Quelle: Freie Presse 6.9.2005 ■

10 : antifaschistische nachrichten 19-2005


: ausländer- und asylpolitik
in eine lebensbedrohliche, menschenun-
würdige Lage zu geraten“.
bee - Quelle: Nds. Flüchtlingsrat ■
Landesweite Kundgebung Nach eigenen Angaben drohe der Fami-
zum Tag des Flüchtlings lie, die einer bestimmten islamistischen EU-Kommission will illegale
Gemeinde angehöre, die Verfolgung im
Der Flüchtlingsrat Niedersachsen ruft ehemaligen Heimatland. Einwanderung effizienter
u.a. zu einer landesweiten Kundgebung Inzwischen ist die Familie heimisch bekämpfen
am Freitag, 30. September, 16.00 bis geworden in Hannover. Neben der nun Brüssel. Die EU-Kommission will die
18.00 Uhr, in Hannover (Kröpcke) auf. 16-Jährigen Tochter Schagufta sind auch Abschiebe-Standards der einzelnen EU-
Im Aufruf dazu heißt es: der Sohn Rameez (15) und die kleine Länder vereinheitlichen, um die illegale
Am Tag des Flüchtlings wollen wir ge- Tochter Tayyaba (10) voll in das deut- Einwanderung effizienter zu bekämpfen.
gen die unmenschliche Asyl- und Flücht- sche Leben integriert. Die 16-Jährige „Jeder irreguläre Einwanderer muss in
lingspolitik der Bundesrepublik glänzt auf dem Langenhagener Gymna- sein Land zurückkehren“, erklärte EU-
Deutschland und der Europäischen Uni- sium sogar mit einer 2 in Deutsch. Nun Justizkommissar Franco Frattini am Don-
on protestieren. Die letzte Innenminister- kam die endgültige Endscheidung der nerstag in Brüssel bei der Vorstellung ei-
konferenz im Juni dieses Jahres hat Ausländerbehörde: Asylantrag abge- nes entsprechenden Richtlinienentwurfs.
nicht, wie von vielen gefordert, ein Blei- lehnt, es soll in Kürze die Abschiebung Auf Zwangsmaßnahmen solle allerdings
berecht für langjährig geduldete Flücht- folgen. Schock für Familie Abdul und nach Möglichkeit verzichtet werden. Die
linge zum Ergebnis gehabt. Statt dessen besonders die Mitschüler und Freunde Abschiebehaft solle prinzipiell auf sechs
finden Abschiebungen weiterhin statt, der Kinder. Spontan organisierten sie Monate begrenzt werden.
und etliche Menschen sind von Deporta- eine Demonstration: Über 500 Schüler „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der
tionen bedroht. So sind z.B. aktuell be- forderten die Aufhebung des Abschie- Einwanderungsdruck in den nächsten
stimmte Flüchtlinge aus Afghanistan und bungs-Bescheides. Nun bekommen die Jahrzehnten zunimmt“, hieß es in dem
aus dem Kosovo besonders bedroht. Freunde sogar Rückenwind von offiziel- Kommissionstext. Es sei daher wichtig,
Während die Außengrenzen Europas für ler Stelle: Durch die Demonstration und die Anreize zu steigern, dass Ausländer in
Flüchtlinge immer weiter abgeschottet eine Unterschriftenliste auf den Fall auf- ihren Heimatländern blieben oder rasch
und Auffanglager in Krisen nahen Gebie- merksam geworden, will sich nun die dorthin zurückkehrten. Jedem illegalen
ten eingerichtet werden, damit möglichst Bürgermeisterin von Langenhagen per- Einwanderer oder abgelehnten Asylbe-
kein Flüchtling mehr die EU erreicht, sönlich darum kümmern, dass die Fami- werber werde zunächst eine Frist zur frei-
sind in Deutschland die Behörden dabei, lie bleiben kann. Und dies wäre kein Ein- willigen Ausreise garantiert, erläuterte
den Abschiebewillen der Regierungen zelfall, denn anderen Familien aus ihrer Frattini. Erst im Anschluss komme es zur
der Länder und des Bundes rigoros um- Gemeinde mit ähnlicher Situationen Ausweisung. Habe ein Mitgliedsstaat al-
zusetzen. Und das heißt, Menschen wer- wurde der Antrag stattgegeben. lerdings ein Wiedereinreiseverbot erlas-
den in von Krieg zerstörte, Krisen ge- Neben der unklaren Lage in ihrer ei- sen, gelte dieses im Gegensatz zu bisheri-
schüttelte Gebiete abgeschoben. Jugend- gentlichen Heimat Pakistan, die die Ver- gen Regelungen für alle 25 EU-Staaten.
liche, die z.T. in Deutschland geboren folgung von islamistischen Randgruppen Zudem seien umfassende Maßnahmen
wurden, werden in Länder deportiert, die betrifft, hat die Familie auch Angst um zur Datensammlung geplant. Kirchliche
sie nicht kennen, wo sie keinerlei soziale die jüngste Tochter, die zuckerkrank ist. Organisationen kritisierten, der Kommis-
Anbindung haben und deren Sprache sie Doch die Ausländerbehörde der Region sionsentwurf lege zu wenig Gewicht auf
oftmals nicht sprechen. Und wer nicht Hannover ist sicher, dass alle Angaben den Schutz von Menschenrechten. „Der
abgeschoben werden kann, wird durch sorgfältig geprüft wurden: Die medizini- Vorschlag stellt die Effizienz und die tech-
rassistische Maßnahmen drangsaliert. sche Versorgung in Pakistan sei nischen Aspekte der Abschiebung in den
Die betroffenen Menschen leben zumeist gesichert. Die Gründe des Antrages seien Vordergrund“, erklärte Caroline Intrand
schon seit vielen Jahren in Deutschland, nicht ausreichend gewesen, die Anträge vom Netzwerk „Kommission der Kirchen
nicht wenige von ihnen sind hier gebo- seien immer wieder herausgezögert wor- zur Migration in Europa“. Gemeinsam
ren. Sie können NachbarInnen, Bekann- den. Nun bleibt abzuwarten, was aus mit Caritas Europa und anderen Gruppen
te, FreundInnen, KollegInnen Teilnahme dem Schicksal der Familie wird, die Mit- legte das Netzwerk eine Reihe von Emp-
an der Kundgebung am Tag des Flücht- schüler und Freunde wollen jedoch wei- fehlungen vor, darunter die Einrichtung
lings sein. Wir fordern, dass die Abschie- terkämpfen.... unabhängiger Kontrollgremien. Frattini
bungen gestoppt werden und die Men- Quelle: www.nonstopnews.de/flucht- versicherte dagegen, auf eine humane Be-
schen ein Bleiberecht erhalten! liste, flucht@nds-fluerat.org ■ handlung werde großer Wert gelegt. Die
Quelle: Nds. Flüchtlingsrat ■ EU-Kommission werde die internationa-
Kirchenasyl in Emden len Abkommen – insbesondere die Euro-
Seit 16 Jahren in Deutsch- päische Menschenrechtskonvention und
erfolgreich die Genfer Flüchtlingskonvention - bei ih-
land zu Hause: Emden. Nach viereinhalb Jahren ist das rer Abschiebepolitik in jedem Fall respek-
Hannover. Am Mittoch, 14. September Kirchenasyl in der Martin-Luther-Ge- tieren. Erst im August hatte der UN-Son-
demonstrierten in Hannover-Langenha- meinde in Emden (Ringstr.) für die 7- derberichterstatter gegen Folter, Manfred
gen Schüler und Freunde gegen die Ab- köpfige kurdische Familie Aldemir Nowak, vor Menschenrechtsverletzungen
schiebung der Familie Abdul nach Pakis- glücklich zu Ende gegangen. Der 1989 bei EU-Abschiebungen gewarnt. Es gebe
tan. eingereisten Familie wurde mit einer eine „Tendenz in Europa, internationale
Vor mehr als 16 Jahren kam das Ehe- Entscheidung des VG Oldenburg vom Verpflichtungen zu umgehen, gemäß de-
paar Abdul nach Deutschland und bat um 7.7.2005 Abschiebungsschutz zugebil- nen niemand abgeschoben werden darf,
Asyl. Das Verfahren dauerte an, eine ligt. Das Gericht zeigte sich überzeugt, für den eine ernsthafte Gefahr der Folter
Tochter wurde geboren. Immer wieder dass die Mutter Gülhan Aldemir im Fall besteht“, hatte er in einer Stellungnahme
wurden neue Anträge gestellt. Doch die einer Rückkehr in die Türkei „wegen der erklärt. EU-Ministerrat und -Parlament
Familie wartete vergeblich auf den posi- fehlenden Möglichkeit einer ausreichen- müssen dem Richtlinienentwurf jetzt zu-
tiven Entscheid, der ihnen zusichern soll- den und sachgerechten Behandlung ihrer stimmen. bee-Quelle: epd/flucht-liste,
te, in Deutschland bleiben zu können. Krankheit damit rechnen muss, alsbald flucht@nds-fluerat.org ■

: antifaschistische nachrichten 19-2005 11


Jetzt auch noch Kopftuch- tens sei die öffentliche Fürsorge, dafür deutschen Presserechts ihrer journalisti-
verbot für Kindergärtnerin- wäre der Bund zuständig. schen Arbeit nachgegangen. Sie haben
Inzwischen aber hat die CDU aus den anhand von Fakten über internationale
nen? eigenen Reihen Widerspruch erhalten. Ereignisse, im Besonderen über die poli-
Stuttgart. Das Land Baden-Württem- Der Stuttgarter Oberbürgermeisters tische Situation in der Türkei sowie dem
berg war Vorreiter beim Verbot des Kopf- Wolfgang Schuster (CDU) hat mitgeteilt, Mittleren Osten berichtet. In den Musik-
tuchtragens für Lehrerinnen, die von dass er gegen ein gesetzliches Verbot sei. und Buchverlagen wurden u.a. Bücher
Merkel als Wissenschaftsministerin aus- Die persönliche Referentin des OB sagte, und Musik veröffentlicht, die sich kri-
geguckte Kultusministerin Anette Scha- die Stadt Stuttgart habe gute Erfahrun- tisch mit der Situation der kurdischen
van hat als erste ein Gesetz durch den gen gemacht mit einer pragmatischen Bevölkerung im Mittleren Osten ausei-
Landtag gebracht. Inzwischen ist eine Lösung, die nicht äußerliche Merkmale nandersetzen. Ein derartiges Vorgehen
ganze Reihe von Bundesländern gefolgt. in den Vordergrund stellt. In jedem Fall stellt einen massiven Angriff auf die
Schon damals hatten viele kritisch darauf werde individuell geprüft, ob eine Erzie- Presse- und Meinungsfreiheit dar. Auch
hingewiesen, dass die Gefahr besteht, herin die gebotene Neutralität beachte. In die Bundesstaatsanwaltschaft versucht
dass in weiteren öffentlichen Bereichen Stuttgart würden etwa 30 von 2000 Er- auf diese Weise jegliche kritische Öffent-
eine explizite Ausgrenzung islamischer zieherinnen Kopftuch tragen. In einer lichkeit über die politischen Ereignisse
persönlicher Glaubenssymbole zu be- städtischen Richtlinie werden lediglich in der Türkei zu verhindern. Wir rufen
fürchten sei. Genau das tritt jetzt ein. die Ganzkörperverhüllung und der Ge- alle demokratischen Kräfte auf, sich zu
Die Stadt Ebersbach/Fils im Landkreis sichtsschleier abgelehnt, auch religiöse solidarisieren und stellvertretend die
Göppingen hat eine muslimische Erzie- Rituale während der Dienstzeit seien Stimme der KurdInnen zu sein.
herin am städtischen Kindergarten ge- nicht erwünscht. Ansonsten zähle die Kurdistan Nationalkongress, Deutsch-
kündigt, weil sie bei der Arbeit ein Kopf- fachliche und persönliche Kompetenz landvertretung, 5.9.
tuch tragen wollte. Die Frau, die schon und die Haltung gegenüber demokrati- Proteste gegen das Verbot
lange im städtischen Kindergarten be- schen Bildungs- und Erziehungszielen.
schäftigt ist, hatte bei der Rückkehr aus Auch andere baden-württembergische Der Republikanische Anwaltsverein
einer Erziehungspause ihre Entschei- Städte wie Karlsruhe, Tübingen oder äußert sich zum Verbot der kurdischen
dung, ein Kopftuch tragen zu wollen, mit Konstanz würden ähnlich verfahren. Tageszeitung Özgür Politika: Im Zuge
einem persönlichen Erlebnis begründet, Allerdings kam bei dieser Gelegenheit der Annäherung der Türkei an die Euro-
das ihre Religiosität bestärkt habe. Die heraus, dass Heidelberg, Ludwigsburg, päische Union schickt sich das Bundes-
Anwältin der Entlassenen hat eine Kün- Heilbronn und Esslingen bereits jetzt innenministerium nunmehr offenbar an,
digungsschutzklage angekündigt. Soweit keine Kopftuch tragenden Erzieherinnen den türkischen Umgang mit kurdischer
wäre das eine, wenn auch unerfreuliche, einstellen. Und auch in der Stuttgarter Öffentlichkeit auf die Bundesrepublik
lokale Auseinandersetzung. Und die CDU-Fraktion gibt es Scharfmacher: Deutschland zu übertragen. Diese Annä-
Chancen vor Gericht sind vielleicht gar Stadtrat Roland Schmid sieht in den 30 herung in die falsche Richtung übergeht
nicht so schlecht, denn es fehlt, anders Fällen ein Problem und für die Stadt die Bemühungen um eine demokratische
als an den Schulen für Beamte, eine werde dies noch „ein großes Thema“. kurdische Öffentlichkeit im Exil, wie sie
rechtliche Grundlage für die Entschei- alk ■ auch in der Özgür Politika stattfanden.
dung der Stadt Ebersbach. Sie vergeht sich zugleich an der Presse-
Nun hat sich die CDU-Fraktion im Kurdische Zeitung verboten freiheit, indem sie eine Zeitung mundtot
Landtag auf das Thema gestürzt, einmal macht, die in Europa für Kurdinnen und
weil es jetzt gut in den Wahlkampf passt Am Morgen des 5. September wurden Kurden unersetzlich ist. Und sie liefert in
und zum andern, weil wie erwähnt, die gleichzeitig die Tageszeitung Özgür Po- ihrer Härte der türkischen Regierung ein
Aussichten vor Gericht durchzukommen, litika, die MHA (Mezopotamische Nach- Beispiel, welche Vorgehensweise aus eu-
eher gering sind. Mit der Begründung: richtenagentur) in Frankfurt am Main, ropäischer Sicht tolerabel ist. Der RAV
„Was für Schulen gilt, muss auch für der Musikverlag MIR in Düsseldorf und fordert den Bundesminister des Innern
Kindergärten gelten“, hat sich der Vorsit- der Mezopotamia Verlag in Köln von auf, die Verbotsverfügung zurückzuneh-
zende der CDU-Landtagsfraktion, Stefan Einheiten der Polizei gestürmt. Insge- men, die beschlagnahmten Materialien
Mappus, für ein gesetzliches Kopftuch- samt waren mehr als 300 Beamten im und Unterlagen zurückzugeben und die
verbot an Kindergärten ausgesprochen. Einsatz. Grundlage der Stürmungen wa- Betroffenen zu entschädigen.
Die CDU-Fraktion habe sich in einer ren Schließungsverfahren gegen die In- dju-Hessen in ver.di zum Verbot der
Klausursitzung auch für ein Verbot aus- stitutionen, die seitens des Innenministe- Zeitung Özgür Politika in Neu-Isenburg:
gesprochen. Der Justizminister Goll von riums, wegen vermeintlicher Unterstüt- Der Redaktion wird vorgeworfen, sie
der FDP ist ebenfalls für ein Verbot – na- zung einer kriminellen Vereinigung ein- habe die Anhänger der PKK in Europa
tionale Argumente gehen bei diesen Li- geleitet wurden. Bei der Polizeiaktion mit Informationen und Vorgaben der
beralen vor Freiheitsrechten. Die SPD wurden JournalistInnen,
hält sich noch bedeckt; tendiert aber eher SchriftstellerInnen und
für ein Verbot. Der SPD-Sprecher ver- Angestellte verhaftet, so-
stieg sich zu Interpretationen, wann eine wie Computer und
Muslima Kopftuch tragen dürfe und Schriftstücke beschlag-
wann nicht: Vor Kindern sei das nicht nö- nahmt. Den Drohungen
tig, allenfalls vor erwachsenen Männern. der Polizei zufolge soll
Einzig die Landtags-Grünen, die schon die Herausgabe der Öz-
das Kopftuchverbot für Lehrerinnen ab- gür Politika eingestellt
gelehnt hatten, sind strikt gegen ein Ver- und eine weitere Arbeit
bot. Kinder müssten die Erfahrung ma- der Nachrichtenagentur
chen können, dass es unterschiedliche sowie der Buch- und Mu-
Religionen gebe, das sei ein Gewinn. Au- sikverlage verhindert
ßerdem bestünden rechtliche Bedenken, werden. MHA und Öz-
ob der Landtag überhaupt zuständig sei. gur Politika sind jahre-
Denn die Hauptaufgabe des Kindergar- lang auf Grundlage des

12 : antifaschistische nachrichten 19-2005


Führung der in Deutschland verbotenen re medizinische Behandlung oder Reha- Ein menschenwürdiges Leben wird
Kurdenpartei versorgt. Für die Deutsche bilitation nicht ohne richterlichen Be- den MigrantInnen und Flüchtlingen sys-
Journalistinnen- und Journalisten-Union schluss oder gegen ärztlichen Rat tematisch verweigert; denn die „westli-
(dju) in ver.di ist das eine fragwürdige zwangsweise beenden zu lassen. Ärztli- che Zivilisation“ braucht ihre Feindbil-
Begründung. Die Zeitung habe zwar po- che Behandlungskompetenz darf durch der, um sie für soziale Missstände, Bil-
litische Grundsatzpositionen der kurdi- solche behördlichen Maßnahmen nicht dungsdefizite, Kriminalität, Terrorismus
schen PKK dokumentiert. „Dies ist nicht in Zweifel gezogen oder wirkungslos ge- etc. verantwortlich zu machen. Sie sind
gleichzusetzen mit der Einbindung in macht werden. Begründung: Patienten in die ausgewählten Objekte, an denen die
eine Befehls- und Kommandostruktur“, stationärer Behandlung müssen vor sol- soziale Degradierung und die verschie-
sagte der hessische dju-Geschäftsführer chen Schritten der Exekutive sicher sein densten Formen der Repression des Ka-
Manfred Moos. Es dränge sich vielmehr können, denn solche Maßnahmen gegen pitalismus zuerst angewendet werden.
die Frage auf, ob der Bundesinnenminis- ärztlichen Rat stellen möglicherweise Hartz IV in gravierenderer Form gehört
ter zwei Wochen vor der Bundestagswahl eine lebensbedrohliche Gefährdung des seit zwölf Jahren zum Alltag der Flücht-
noch einmal seinen Ruf als sicherheits- Flüchtlings dar. Dem Antragsteller liegen linge.
politischer Hardliner festigen wolle. Po- mehrere dokumentierte Fälle dieser Art Seit Jahrzehnten gehören
lizeiliche Aktionen gegen eine Redaktion vor. ◗ Sondergesetze (Zuwanderungsge-
sind aus Sicht der dju besonders schwer- Quelle : Ärzteblatt Baden-Württemberg, setz, Asylbewerberleistungsgesetz)
wiegend. Sie gefährden den Vertrauens- 08.2005, Seite 323 / flucht-liste ◗ Residenzpflicht (Beschränkung der
schutz von Informanten gegenüber der flucht@nds-fluerat.org ■ Bewegungsfreiheit auf einen Landkreis)
Presse und zugleich den grundgesetzlich ◗ Demütigung durch Lebensmittelgut-
garantierten Schutz der Presse. Die dju Wahl 2005: Flüchtlinge scheine und 40 Euro Taschengeld im
hält die angeordnete Schließung der Zei- Monat
tung für völlig überzogen und fordert das demonstrieren vor Berliner ◗ Gefangennahme in Sammellager und
Bundesinnenministerium auf, bei allen Parteizentralen Abschiebehaft
Maßnahmen den hohen Rang der Presse- Berlin. Am Freitag, den 9. September ◗ Ständige Drohung mit Abschiebun-
freiheit zu beachten. 2005 demonstrierten Flüchtlingsorgani- gen (Zirka 50 000 Abschiebungen im
Der Völker- und Verfassungsrecht- sationen und antirassistische Initiativen Jahr)
ler Prof. Dr. Norman Paech (Spitzen- vor den Berliner Parteizentralen. Rund
kandidat Die Linke. in Hamburg) erklär- 100 TeilnehmerInnen forderten von den
te: „Die Erstürmungen, Verhaftungen politischen Parteien die Aufhebung ras-
und Beschlagnahmungen stellen einen sistischer Sondergesetze und einen Ab-
nicht zu vertretenen Eingriff in das schiebestopp für Flüchtlinge. Die Redne-
Grundrecht auf Meinungs- und Presse- rInnen berichteten von den Einschrän-
freiheit dar. Die betroffenen Kultur- und kungen und Diskriminierungen, die in
Medieneinrichtungen der in der Türkei Deutschland lebende Flüchtlinge und
unter Verfolgung lebenden Kurdinnen MigrantInnen erfahren und machten da-
und Kurden haben das Recht, auf ihre für alle zur Wahl stehenden Parteien mit
Lage aufmerksam zu machen und sich
gegen die Unterdrückung öffentlich zur ◗ Ausschluss von der politischen Parti-
Wehr zu setzen. Der Widerstand gegen zipation
und die kritische Berichterstattung über ◗ Aberkennung der ohnehin sehr ge-
die Lage der Kurdinnen und Kurden, ringen Anzahl der Asylanerkennungen
kann in keinem Falle die Unterstützung ◗ Ständiger Unsicherheitsstatus mit
einer kriminellen Vereinigung sein, wie Kettenduldungen
dies die Bundesanwaltschaft den betrof- ◗ Einteilung in „nützliche“ und „un-
fenen Einrichtungen vorwirft. Tatsäch- nützliche“ MigrantInnen und Flüchtlinge
lich dient das Vorgehen der Staatsorgane ◗ Einhämmerung der als Integration
nur der Regierung in Ankara, der die kri- verpackten deutschen „Leitkultur“
tische Berichterstattung z.B. der Zeitung ◗ Körperverletzung und Tod durch ras-
Özgür Politika mehr als ein Ärgernis ist. verantwortlich. Flüchtlinge haben keine sistische Angriffe der Polizei und Neona-
Bundesinnenminister Schily und die Wahl, aber eine Stimme. In diesem Sinne zis
Bundesanwaltschaft, brechen damit riefen sie zur weiteren Selbstorganisie- zum Alltag der MigrantInnen und
nicht nur die Verfassung, sondern ma- rung von Flüchtlingen und MigrantInnen Flüchtlingen in Deutschland. ...
chen sich damit zum Handlanger der tür- auf. Im Aufruf zum Aktionstag hieß es: Wir appellieren an die MigrantInnen
kischen Regierung.“ ■ In Deutschland leben offiziell zirka und Flüchtlingen: Wir dürfen es nicht
sieben Millionen MigrantInnen und länger zulassen, dass wir als Menschen
Landesärztekammer BaWü Flüchtlinge. Und etwa eine halbe Millio- 2. oder 3. Klasse behandelt werden. Kei-
nen Menschen leben ohne Papier unter ner außer uns ist die Kraft, die mit diesen
gegen zwangsweises Been- prekärsten Bedingungen. Selbst die Ein- Zuständen Schluss machen kann.
den von Behandlungen gebürgerten haben keinen sicheren Sta- Schluss mit entwürdigenden Lebens-
Stuttgart. Bezug nehmend auf einen tus, da ihnen der deutsche Pass jederzeit zuständen in Deutschland, rassistischen
Entschließungsantrag an den 108. deut- entzogen werden kann, wie es im Mo- Sondergesetzen und Abschiebungen!
schen Ärztetag (Drucksache VIII-72) ment bei zirka 100 000 Menschen aus Bleiberecht für alle – jetzt sofort! Unsere
und aus gegebenen Anlass auf Grund der Türkei der Fall ist. Trotz der verbal Agenda heißt: Kampf um alle Rechte!
mehrer Abschiebungen aus stationärer anerkannten Realität der Migration, vor UnterstützerInnen: Alliance of Struggle, Allmen-
Behandlung in Krankenhäusern in Ba- allem wegen der konsumierbaren Multi- de, Anti-Colonial Africa Conference, ARI, BBZ,
den-Württemberg ersucht die Vertreter- kultivielfalt, wird das Leben der Migran- Dest-dan, FIB, Flüchtlingsrat-Berlin, Frauen-
RechtsBüro e.V., Initiative gegen Abschiebehaft,
versammlung der Landesärztekammer tInnen und Flüchtlinge in Deutschland Initiative gegen Chipkartensystem, Karavane,
Baden-Württemberg den Innenminister durch Rassismus, Ausgrenzung und Ge- Navenda Kurda, Plataforma, Respect, The Voice
des Landes künftig notwendige stationä- neralverdacht bestimmt. Fotos: Umbruch Bildarchiv ■

: antifaschistische nachrichten 19-2005 13


: neuerscheinungen, ankündigungen
U. Büttner über Hamburger im
Eintopfsonntag
Exil. F. Littmann legt die Er-
Hamburg im „Dritten Bürgermeister und auf dessen gebnisse ihrer Forschung über
Reich“ Vorschlag die Senatoren. Eine Zwangsarbeit in Hamburg vor.
Eine der Lücken in der Verantwortung des Senats ge- Besonders zynisch wirkt der
umfangreichen Litera- genüber der Bürgerschaft be- Kongress „Europäische Arbei-
tur zum deutschen Fa- steht nicht mehr.“ (Bürger- ter in Hamburg schaffen für
schismus ist ein wissenschaftli- meister Carl Vincent Krog- den Sieg“, der im Juni 1943 als
chen Ansprüchen genügender mann) Teil des Versuchs stattfand,
Gesamtüberblick über Ham- Die hamburgische Wirt- Zwangsarbeiter unter der Prä-
burg im „Dritten Reich“. Der schaft wird von K. Weinhauer misse des vorrangigen Kampfs
vorliegende Sammelband der untersucht. Aufgrund der gegen den Bolschewismus für
Forschungsstelle für Zeitge- Struktur als Handelsstadt deutsche Interessen einzuspan-
schichte in Hamburg stellt sich währte die Wirtschaftskrise nen. Ein Erfolg dieser Kampa-
dieser Aufgabe. Unangenehm hier länger als in Industriere- gne war unter den gegebenen
stößt allerdings der Anspruch gionen, und die Arbeitslosig- Verhältnissen von vornherein
auf, etwas Einmaliges vorge- keit lag deutlich über dem chern können. Charakteristisch ausgeschlossen.
legt zu haben, wenn es in der Reichsdurchschnitt. Bis 1938 sind die zahlreichen Spenden- Spannend wird’s beim The-
Verlagsmitteilung heißt, die galt Hamburg als wirtschaftli- kampagnen, deren bekannteste ma „Bombenkrieg“, weil auch
Publikation „beschäftigt sich ches Notstandsgebiet. Außen- das Winterhilfswerk (WHW) die aktuellen öffentlichen De-
nun erstmals ausführlich mit handelsbeschränkungen und und die „Eintopfsonntage“ wa- batten darum kreisen. U. Bütt-
der Geschichte Hamburgs im Devisenbewirtschaftung, die ren: Während der Anteil der ner lässt zunächst einmal die
,Dritten Reich’“. Gegen diese durch den „Neuen Plan“ von Löhne und Gehälter am Volks- deutschen Bombenangriffe auf
Vermessenheit ist beispielswei- Reichswirtschaftsminister einkommen sank und Ausga- Guernica, Warschau, Rotter-
se der Sammelband „Kein ab- Hjalmar Schacht im September ben für Gesundheit, Arbeitslo- dam, Coventry und London
geschlossenes Kapitel: Ham- 1934 eingeführt wurden, muss- senunterstützung und Wohl- Revue passieren. Laut einer
burg im ,Dritten Reich‘“ (hrsg. ten eine Hafenstadt beeinträch- fahrt gekürzt wurden, sollten deutschen Denkschrift von
von A. Ebbinghaus und K. Lin- tigen. Hinzu traten Boykott- die Sammlungen das nicht nur 1937 ging es weniger darum,
ne) in Erinnerung zu bringen, und Abwertungsmaßnahmen kompensieren, sondern v.a. den „die Arsenale der wirtschaftli-
in dem aktuelle Forschungser- des Auslands gegen deutsche Eindruck erwecken, dass im chen Technik zu zerstören, als
gebnisse veröffentlicht wurden. Waren. Als Ausgleich wurden Faschismus alle Bevölkerungs- vielmehr (die Städte) zu entvöl-
Trotz dieser Kritik liegt ein Hamburg überdurchschnittlich schichten zusammenhielten. kern. (...) Die rücksichtslose
empfehlenswertes Buch vor, in viele Rüstungsaufträge zuge- Die Spendenaktionen wurden Durchführung der Bombenan-
dessen 20 Einzelbeiträgen vor- wiesen. Gefördert wurde damit „als Propagandaschlacht zur griffe (wird) in der Bevölke-
handenes Wissen zusammen- in erster Linie die Großindus- Schaffung der ,Volksgemein- rung den Schrecken bis zur Pa-
gestellt und etliches Neues ge- trie – besonders die Werften. schaft’“ inszeniert. Vier Fünftel nik steigern können.“
boten wird. Nach den Bombenangriffen der WHW-Mittel stammten al- Die alliierten Bombardierun-
U. Büttner befasst sich mit wurden die Reorganisations- lerdings aus direkten Lohnab- gen hatten entgegen landläufi-
der bislang wenig untersuchten maßnahmen „in die Hände der zügen. ger Meinung durchaus einen
Frühgeschichte der Hamburger Industrie“ gelegt, die dadurch F. Bajohr beschäftigt sich militärischen Effekt, denn an-
NSDAP. Die Hansestadt war „endgültig und umfassend ton- mit dem Phänomen, es beim ders als im „Reich“ gelang es
eine „Hochburg des organisier- angebend im Wirtschaftsleben deutschen Faschismus einer- Hamburg nicht, den Rüstungs-
ten Antisemitismus“, nicht zu- Hamburgs“ geworden war. seits mit einer zunehmend brei- stand von vor 1943 wieder zu
fällig wurde hier mit dem Mehrere Autoren schreiben ter werdenden Zustimmung erreichen. Einer der Gründe da-
Deutschvölkischen Schutz- über das Alltagsleben im fa- durch die Bevölkerung zu tun für war die Flucht eines Teils
und Trutzbund die „erste() schistischen Deutschland, und zu haben, andererseits aber der Belegschaften der Werften
rechtsradikale() Massenorgani- damit zusammenhängend wird auch mit einer Diktatur. Weite- aus der Stadt. „Die Wirkungen
sation“ gegründet. Ein paar dem Mitmachen weiter Bevöl- re Artikel behandeln Schule der anglo-amerikanischen
Vertiefungen wären allerdings kerungskreise nachgegangen (U. Schmidt und P. Weide- Bomberoffensive waren in
wünschenswert gewesen, z.B. sowie die Bindekraft analy- mann) und Universität (R. Ni- Hamburg weit größer, als ihre
über den innerparteilichen siert, die die NS-Politik entfal- colaysen), Öffentlichen Dienst Kritiker später meinten; aber
Streit mit der nationalrevolu- tete. A. Schildt befasst sich u.a. (U. Lohalm) und Kirchen (R. sie waren nicht kriegsentschei-
tionären Strömung. Der Ver- mit dem Wirken der National- Hering). U. Lohalm beschreibt dend.“
such, sich der Arbeiterklasse sozialistischen Volkswohlfahrt die Steuerung der Bevölke- Außerdem hätten die alliier-
anzubiedern, endete in Ham- (NSV) und der Deutschen Ar- rungsentwicklung und die re- ten Luftangriffe zu einem „Au-
burg erst mit der Übernahme beitsfront (DAF), deren Leis- pressive und kontrollierende toritätsverlust des Staates“ ge-
der Parteileitung durch Karl tungen und Angebote den Fürsorgepolitik. Unterstützung führt, denn die Hamburger hat-
Kaufmann 1929. „kleinen Volksgenossen“ sug- wurde Familien verweigert we- ten „am eigenen Leib (...) die
U. Lohalm beschreibt die ra- gerierten, für sie werde etwas gen einer Vorstrafe oder „Ar- menschenverachtende Brutali-
sche Durchsetzung des „Füh- getan. Solche Instrumente wur- beitsscheu“, schlechtem Leu- tät ihrer Führung“ erlebt. Eine
rerprinzips“ und der dazugehö- den von Regierung und Partei mund, „geistiger Beschrän- „Bereitschaft zum politischen
rigen hierarchischen Strukturen ganz bewusst aus der Erkennt- kung“ eines Elternteils oder Umsturz“ habe es hingegen
in den städtischen Entschei- nis heraus eingesetzt, dass „Minderbegabung“ eines Kin- nicht gegeben, denn „dafür wa-
dungsgremien. Politische „Terrorapparat, Propaganda- des. Ein weiterer Schwerpunkt ren die Überlebenden des
Funktionen wurden von oben maschinerie und ideologische ist Verfolgung und Widerstand Großangriffs zu sehr von Ent-
nach unten eingesetzt, die Re- Angebote allein (...) die politi- gewidmet. Es schreiben F. Ba- setzen gelähmt und zu apa-
chenschaftspflicht lag umge- sche Stabilisierung und einen johr über den Holocaust in thisch“. Darüber lässt sich treff-
kehrt. „Der Reichspräsident er- Kern von Loyalität und Zu- Hamburg, D. Garbe über das lich streiten. Büttner ist zuzu-
nennt die Reichsstatthalter, der stimmung der Bevölkerung“ KZ-System und den antifa- stimmen, dass „sich zuneh-
Statthalter den Regierenden nicht hätten herstellen und si- schistischen Widerstand sowie mend die Ansicht durch(setzte),

14 : antifaschistische nachrichten 19-2005


: ostritt
dass ,der Krieg verloren sei’“ und die nennt das Munzinger Archiv deshalb den
„staatliche Nachrichten- und Stimmungs- im Jahr 2001 verstorbenen Professor.
manipulation (...) an eine Grenze“ geriet Oeckls Karriere verkörpert beispielhaft
und mindestens Teile der Bevölkerung auf die Kontinuität, die Peer Heinelt der „Ent- ach jahrelangen Auseinanderset-
staatliche Anordnungen nicht mehr hörten.
Insofern darf von einem Autoritätsverlust
von Staat und Partei gesprochen werden.
wicklung der PR in Deutschland vor und
nach 1945“ insgesamt attestiert.
Oeckl, 1909 geboren, tritt 1933 der
N zungen hat das von der rot-grü-
nen Bundesregierung geforderte
„Netzwerk gegen Vertreibungen“ An-
Daraus folgt m.E. aber nicht zwingend, NSDAP bei und wird wenig später Mitar- fang September die Arbeit aufgenom-
dass die NS-Ideologie, der ganze Staat, beiter des Propagandaministeriums. Ab men. Es heißt seit seiner offiziellen
schlagartig in Misskredit geraten wäre. 1936 arbeitet er in der Berliner Zentrale Gründung im Februar „Europäisches
Verzweiflung über die eigene Lage war des IG Farben-Konzerns. Während des Netzwerk Erinnerung und Solidarität“
fraglos verbreitet, eine sichtbare Abwen- Zweiten Weltkriegs ist er zunächst für die und befasst sich auf Drängen der polni-
dung von Staat und Partei ist nicht zu be- Psychologische Kriegführung der Wehr- schen Regierung nicht nur mit der Um-
obachten. Das kann, wie Büttner sagt, an macht tätig, 1941 geht er zum Reichsamt siedlung der Deutschen und anderen als
der Apathie der Bevölkerung, aber auch an für Wirtschaftsaufbau und ist dort mit der „Vertreibung“ klassifizierten Ereignis-
einer weiterhin bestehenden ideologischen Nutzung eroberter Rohstoffressourcen be- sen, sondern auch mit der ehemaligen
Bindung an den NS-Staat liegen. Auch J. fasst. Auch die Rekrutierung von Zwangs- sowjetischen Hegemonie über Osteuro-
Szodrzynski meint, dass die wachsende arbeitern gehört zum Repertoire seiner Ab- pa. Es richtet sich also, zugespitzt for-
Distanz zwischen Bevölkerung und Partei teilung. Nach 1945 schlägt Oeckl sich zu- muliert, nicht nur „gegen Potsdam“,
„keine grundsätzliche Abkehr vom Re- nächst als „freier Wirtschaftsberater“ sondern auch „gegen Jalta“.
gime, sondern eher eine wachsende Ent- durch, übernimmt aber schon 1951 die Ge- Das Netzwerk verfügt über ein Sekre-
täuschung über die betrogenen Hoffnun- schäftsführung und die Leitung der Presse- tariat in Warschau, ihm gehören Wissen-
gen und ein Zweifeln an der bis dahin von stelle des Deutschen Industrie- und Han- schaftlerinnen und Wissenschaftler aus
den meisten ,Volksgenossen‘ als positiv delstages (DIHT). 1958 ist er an der Grün- Deutschland, Polen, der Slowakei und
beurteilten ,Kosten-Nutzen-Rechnung‘“ dung der Deutschen Public Relations Ge- Ungarn an. Die deutsche Seite wird von
zur Ursache hatte. Beide Thesen können sellschaft (DPRG) beteiligt, bis heute die Mitarbeitern des Bundesinstituts für
anhand der bestehenden Quellenlage em- berufsständische Organisation deutscher Kultur und Geschichte der Deutschen im
pirisch kaum bewiesen werden. Unbe- PR-Berater. 1961 kehrt Oeckl in die Che- östlichen Europa (Oldenburg) vertreten,
streitbar ist allerdings, dass die Loyalität mie-Industrie zurück: Er wird PR-Chef der die in Warschau auch für die Umsetzung
zum Regime mit der Niederlage erlosch, Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF). des gesamten Netzwerk-Konzepts zu-
war der NS-Faschismus doch gleichsam Am Beispiel der Biographie von Oeckl ständig sind.
militärisch widerlegt worden und bestand sowie der deutschen PR-Größen Carl Zu den ersten Projekten, die unter
die einzige Zukunftschance für die deut- Hundhausen und Franz Ronneberger tritt dem Dach des Netzwerks durchgeführt
sche Bevölkerung in einer Zusammenar- Heinelt dem Mythos entgegen, dem zufol- werden, gehört die Erarbeitung eines
beit mit den Besatzungstruppen. F■ ge das Jahr 1945 die „Stunde Null“ der Lexikons über „Deportation, Zwangs-
deutschen PR sei. Das Gegenteil war der aussiedlung und ethnische Säuberung in
Hamburg im „Dritten Reich“, hrsg. von der Fall. Ohne Probleme, schreibt Heinelt, Europa 1912-1999“. Erste Entwürfe
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Ham- konnte die Nachkriegs-PR bestimmte im stellen die NS-Vernichtungspolitik in
burg, Wallstein Verlag, Göttingen 2005,
792 S., 29,90 Euro
Nationalsozialismus entwickelte Vorstel- Ost- und Südosteuropa sowie die darauf
lungen und Überlegungen in ihre Theorien folgende Umsiedlung der Deutschen als
integrieren. Die Ursache: Durch ihre Ori- zwei „zeitlich-räumliche Komplexe von
entierung auf gesellschaftlichen Konsens Flucht, Vertreibung, Zwangsaussiedlung
PR-Päpste und „Gemeinwohl“ bot sich der PR-Theo- und Integration“ umstandslos nebenein-
„Wie kein anderer“, liest man im Lexikon, rie eine Schnittfläche mit der Gemeinnutz- ander und erklären beides zu Elementen
hat Albert Oeckl „ein halbes Jahrhundert und Volksgemeinschaftsrhetorik der NS- eines angeblichen „Jahrhunderts der
lang die deutsche Berufs- und Standesge- Ideologie. jk ■ Vertreibungen“. Eine maßgebliche Rolle
schichte der Presse- und Öffentlichkeitsar- Peer Heinelt: „PR-Päpste“. Die kontinuierlichen
bei dem Publikationsvorhaben, das mit
beit (Public Relations, PR) geprägt und an Karrieren von Carl Hundhausen, Albert Oeckl Bundesmitteln gefördert wird, hat das
der Entwicklung der europäischen PR-Ar- und Franz Ronneberger, Rosa-Luxemburg-Stif- Düsseldorfer Institut für Kultur und Ge-
beit maßgeblich mitgewirkt.“ „PR-Papst“ tung Manuskripte 37, Karl Dietz Verlag, Berlin schichte der Deutschen im östlichen
Europa inne. Es wurde von 1991 bis
1996 mit einer Anschubfinanzierung des
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Berliner Bundesinnenministeriums aus-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de gestattet und wird inzwischen von der
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universi-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, tät weitergeführt.
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Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. auch die Übersetzung eines Begleitbu-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. ches zu der Ausstellung „Flucht, Vertrei-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind bung, Integration“, die noch in diesem
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Jahr im Bonner Haus der Geschichte er-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- öffnet wird. Damit lässt sich die staats-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung offizielle Berliner Sicht auf die Thema-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. tik auch den Bürgerinnen und Bürgern
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
der von deutschen Ansprüchen betroffe-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., nen Nachbarstaaten nahebringen. Die
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- Realisierung der Übersetzung soll vom
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
Warschauer Sekretariat des „europäi-
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di schen“ Netzwerkes organisiert werden.
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. jk ■

: antifaschistische nachrichten 19-2005 15


: aus der faschistischen presse
len Ernstes, Angela Merkel zu wählen?
Gauweiler: Bingo! Ich kann mich ja
nicht aufspalten. Und ich traue Angela
Droht eine Währungs- ve zu SPD und Grünen ist die Linkspar- Merkel die notwendige Festigkeit des
reform? tei dann ,etabliert‘, wenn sie das Zuwan- Herzens zu. Es ist auch nicht unspan-
derungsproblem von links als das Pro- nend, wenn die Deutschen – zum ersten
Junge Freiheit Nr. 37/05 vom blem gerade der kleinen Leute auf den Mal seit Maria Theresia – wieder von ei-
9. September 2005 Punkt bringt.“ Auf die Frage: „Dafür gibt ner Frau regiert werden.“ uld ■
JF-Autor Bernd-Thomas Ramb kündigt es allerdings keine Anhaltspunkte. Die
an, wie die Rechte den Euro wieder los Linkspartei hat sich für Lafontaines Asylamts-Leiter im „DNZ“-
werden kann: Nachdem er aufzeigt, dass ,Fremdarbeiter‘-Äußerungen entschul-
aus seiner Sicht in absehbarer Zeit mit digt und vertritt in ihrem Programm ge- Interview
einer Währungsreform zu rechnen ist, nau die gegenteilige Politik.“ antwortet Österreich/Salzburg. Im vergange-
weil anders die Staatsverschuldung nicht der CSU-Politiker: „Das stimmt. Aber nen Jahr hatte der stellvertretende Leiter
abgebaut werden könne, kündigt er an: der Anhaltspunkt liegt in der Person des der Außenstelle Salzburg des österrei-
„Wie schnell die Abschaffung des Euro früheren SPD-Vorsitzenden, und Sie fra- chischen Bundesasylamtes, Hermann
mit massiver Staatsentschuldung eintre- gen mich ja nach der Zukunft dieses Winkler, ein Buch mit dem Titel „Asyl-
ten wird, hängt nicht zuletzt von der Ge- ,Phänomens0145. Doch den Hauptteil connection – Es ist fünf nach zwölf“ ver-
duld der Jungen ab, für die von Alten des Interviews widmet Gauweiler und öffentlicht, das in rechten Kreisen begie-
verursachten Schulden geradezustehen. das Blatt der Frage, ob die Unionspartei- rig aufgenommen wurde. Erst kürzlich
Verbunden mit der steigenden Belastung en konservativ und rechts genug sind, um wurde Winkler zu einem Vortrag in den
immer weniger junger Erwerbstätiger, für das Leserpublikum des Blattes wähl- rechten Wiener „Club3“ eingeladen. Nun
für immer mehr Rentner den Lebensun- bar zu sein. Das Blatt fragt: „Wird die hat der Mitarbeiter des Österreichischen
terhalt zu erwirtschaften, dürfte sehr Etablierung der Linkspartei nicht auch Bundesamtes der „Deutschen National-
schnell ein revolutionäres Widerstands- fast zwangsläufig die Frage der fehlen- Zeitung“ des Verlegers und DVU-Chefs
niveau erreicht sein.“ In derselben Aus- den parlamentarischen ,Rechtspartei‘ ne- Gerhard Frey ein Interview gegeben.
gabe veröffentlicht der Bund der Konser- ben CDU und CSU aufwerfen?“ und Pe- Dort spricht er sich u.a. gegen eine Ar-
vativen, dem Ramb angehört, eine ganz- ter Gauweiler erklärt: „Wie soll diese beitserlaubnis für Asylbewerber und für
seitige Anzeige zum selben Thema und Partei denn aussehen? Wie die NPD? die Verringerung von Sozialleistungen
fordert in der Anzeige auf, CDU oder Oder wie die Leute von Le Pen? Oder aus. Auch die Inanspruchnahme von
CSU zu wählen – gar nicht oder NPD zu wie die Südstaaten-Republikaner, die an- „teuren medizinischen Leistungen“ stellt
wählen, sei falsch. uld ■ geblich gleichzeitig beten und hassen Winkler dort in Frage. hma ■
können? Ihre Frage wird ja seit Jahr-
zehnten ,aufgeworfen‘. Dass die Antwor- Neo-Nazi-Aufmarsch in
Gauweiler trommelt für die ten bisher immer unbrauchbar waren,
liegt daran, dass das, was ,Rechts-sein’ Athen
Unionsparteien im Kern ausmacht – Ordnung, Differenz, Ca. 80 Faschisten versuchten am
Junge Freiheit Nr. 38/05 vom Distanz – durch die christlichen Unions- Abend des 17.9.05 in der Innenstadt
16. September 2005 parteien, trotz all ihrer Schwächen, im Athens zu demonstrieren. Das wurde
Nach der Anzeige in der letzten Ausgabe Prinzip dargestellt wird. Nicht durch ein- durch eine massive Kampagne von An-
erhält in dieser Ausgabe der CSU-Bun- zelne ,Stahlhelmer‘, sondern als Be- tifas und Anarchisten/innen erfolgreich
destagsabgeordnete Peter Gauweiler Ge- standteil ihrer Gesamtidee. Das ist in unterbunden.
legenheit, in einem zweiseitigen Inter- Europa eigentlich sonst nur der französi- Als Reaktion auf das Verbot der grie-
view kurz vor der Bundestagswahl dar- schen RPR des General de Gaulle gelun- chischen Behörden und den massiven
zustellen, warum die Unionsparteien gen. Allerdings hatte diese als Partei Protesten der ganzen Bevölkerung in
auch für die Rechte wählbar ist, nachdem nicht so lange Bestand wie die der Region bzgl. des Hate-Festivals
er erst erläutert hat, was die zukünftige CDU/CSU. ...JF: Sie empfehlen also incl. Camp im Süden Griechenlands,
Aufgabe der „Linkspartei.“ aus seiner nicht nur als Unionspolitiker, sondern hatte der Veranstalter des Hate-Festi-
Sicht sein soll: „Als wirkliche Alternati- auch als Rechter oder Konservativer al- vals Chrisi Avgi (griechische Neonazi-
Gruppe, Übersetzung: Goldener Son-
nenaufgang) für den Samstag 17.9. eine
Protestdemo in der Innenstadt Athens
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
anberaumt.
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: Stattfinden sollte das Ganze in der
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich Nähe des Polytechnikums (von hier
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
ging in den 70er Jahren der Widerstand
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
gegen die Diktatur los) und des Exar-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
chia-Platzes (das Kreuzberg Athens!),
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). also beides Orte aus der griechischen
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Widerstandsgeschichte.
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Nach letzten Infos aus Griechenland
hatten sich nur 70 Neonazis (auch
Name: Adresse: NPD- und Fuerza Nueva-Leute) ge-
sammelt, aber wurden von der Polizei
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts daran gehindert loszulaufen, da alle
Straßen und Plätze drum herum durch
Unterschrift antirassistische und anarchistische
Gruppen blockiert wurden.
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
www.de.indymedia.org ■

16 : antifaschistische nachrichten 19-2005

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