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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 6.10.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Mit einem Ergebnis von 2,4 Pro-


zent (3 776 der 156 587 gültigen
Erststimmen) gelang es der NPD
auch kurz vor der Zielgeraden nicht mehr,
den Trend umzukehren und die hoch ge-
steckten Erwartungen bei den Nachwah-
len in Dresden in einen Achtungserfolg zu
verwandeln. Letztlich erzielte der Spit-
zenkandidat Franz Schönhuber mit 4010
der abgegebenen Zweitstimmen (2,6 Pro-
zent) bei der Nachwahl im Bundestags-
wahlkreis Wahlkreis 160 nur etwa die
Hälfte des sächsischen Landesschnittes.
Am Bundestagswahl-Gesamtergebnis än-
dert die Nachwahl in Dresden ohnehin
wenig. Die Union bekommt einen Sitz
mehr, hat also 226 Abgeordnete im neuen
Deutschen Bundestag. Die SPD bleibt mit
222 Abgeordneten zweitstärkste Kraft.
Eigentlich sollte der ganze Zirkus, den
Schönhuber:
sich die NPD in den zwei Wochen noch
mal 20000 Euro kosten ließ, helfen, ihren
Ausgangspunkt für die Landtagswahlen
„Ich war dabei“!
NPD gibt sich trotz schlechtem Abschneiden bei Dresdner Nachwahl optimistisch

se unmöglich, die NPD in ihrer Berichter- tete, bei den nächsten Landtagswahlen im
stattung auszublenden. Außerdem gelang März kommenden Jahres in Sachsen-An-
es, mit Franz Schönhuber einen bekann- halt, Baden-Württemberg und Rheinland-
ten Kandidaten aufzustellen. Doch weder Pfalz einsetzen. Im Herbst folgen Wahlen
der Mitleids- noch der Überraschungsef- in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
fekt und selbst der Prominentenbonus ver- Vor allem aber orientiert die NPD auf ei-
hinderten das unterdurchschnittliche Ab- ne weitere Verankerung in Sachsen und
schneiden der NPD. schreibt in ihrer Wahlauswertung: „In
Zwar steht eine gründliche Wahlaus- Sachsen streben wir jetzt bei der nächsten
wertung noch aus, aber so viel ist sicher, Kommunalwahl mindestens 250 Mandate
die entwarnenden Kommentare am Wahl- an. In den mitteldeutschen Bundesländern
abend liegen in der Sache daneben. Die wurde mit einem Ergebnis von 3,8 Pro-
Gründe, warum die NPD ihr Wählerpo- zent deutlich gemacht, dass bei den kom-
tential nicht ausschöpfen konnte, sind menden Landtagswahlen NPD bzw. DVU
spezifisch. So wird in den kommenden flächendeckend in die Landtage einziehen
Kommunalwahlkämpfen beispielsweise werden.“
die Frage der Konstellationen im Regie- Außerdem soll die NPD im kommen-
rungslager nur eine untergeordnete Rolle den Jahr ihre Aktivitäten in Mecklenburg-
spielen und für eine Wahlentscheidung Vorpommern erhöhen, lässt ,Die Welt‘
möglicher NPD-Wähler ohne Belang Stefan Rochow, den Vorsitzender der Jun-
bleiben. Deshalb ist es mehr als vor- gen Nationaldemokraten und Mitglied des
schnell, die NPD „auf dem absteigenden NPD-Bundesvorstands verlauten. Im
Ast“ (so der sächsische SPD-Vorsitzende Nordosten gebe es „ein rechtes Wählerpo-
Thomas Jurk) zu entlassen. tenzial von sechs Prozent“, das wolle man
Trotz ihres schlechten Abschneidens abschöpfen. Der studierte Betriebswirt
bei der Bundestagswahl kann die NPD selbst hatte schon bei mehreren Wahlen
mit einer saftigen Wahlkampfkostener- kandidiert. Rochow ist 28 und zählt zu
stattung rechnen. Für bundesweit 743 903 den jungen NPD-Technokraten fern des
Wähler – das entsprach 1,6 Prozent – ste- Rampenlichts. Aufgewachsen ist er in
Inhalt: hen rund eine Million Euro in Aussicht. Greifswald, wie die meisten Aktivisten
Massengrab auf dem Echter- Das Geld aus der Staatskasse wird an Par- seiner Partei hält er sich derzeit in Sach-
dinger Flughafen war bekannt . . 5 teien ausgezahlt, die mehr als 0,5 Prozent sen auf.
Bundeswehr sauer: der Stimmen bei Bundestagswahlen er- Unterdessen hat die Schweriner Lan-
Gute Akustik auf dem kämpften. Bei Landtagswahlen liegt die desregierung die Mittel für das Civitas-
Roncalliplatz in Köln . . . . . . . . . 8 Hürde bei der Einprozentgrenze. Das Programm zur Bekämpfung des Rechts-
Geld will die NPD, wie ,Die Welt‘ berich- extremismus gestrichen. Der Haushalts-
: meldungen, aktionen
reichen antisemitischen Maßnahmen im
Sudetenland, die zur Vertreibung der Jü-
dinnen und Juden aus allen Bereichen
„Keine Vorkommnisse“ Popp (Rosenheim) einen „rechtsradika- des gesellschaftlichen Lebens geführt
Schliersee. „Wir haben keine Vor- len Hintergrund“ seiner „Kamerad- und viele in Ghettos und KZ`s gebracht
kommnisse registriert“, äußerte der Ein- schaft“ bestreitet, zeigt doch schon ein hatte, schrieb er im Mai 1939: „Das Su-
satzleiter der Miesbacher Polizei am Blick in das aktuelle Kameradschafts- detenland ist Kulturland geworden. Erst
Ende der diesjährigen „Annaberg-Ge- blatt „Der Oberländer“, dass dies nicht die befreiende Tat des Führers hat unzäh-
denkfeier“ im bayerischen Schliersee. stimmt. Dort wird neben einer Pressemit- lige schlummernde Kräfte aufge-
Ende Mai hatten sich erneut 200-250 teilung der NPD im Sächsischen Landtag weckt....Was unter der Patronanz einer
Menschen an der Gedenkfeier der „Ka- auch ein Text des früheren Kühnen-Ge- volksfremden, von jüdischen Maklern
meradschaft Freikorps Oberland – Bund folgsmanns Thomas Brehl, ehemals Ak- beeinflußten Regierung bewußt totge-
Oberland“ beteiligt. Das „Freikorps“ war tivist der 1983 verbotenen „Aktionsfront schwiegen wurde, kann sich heute dem
1919 von Freiherr Rudolf von Sebotten- Nationaler Sozialisten/Nationale Akti- allgemeinen Urteil stellen“ („Die Zeit“
dorf von der völkischen „Thule-Gesell- visten“ (ANS/NA), aus der neofaschisti- 23.5.1939).
schaft“ aufgestellt worden. Im Vorfeld schen Zeitschrift „Recht und Wahrheit“ Nach Kriegsbeginn wurde Becher
der Feier hatte SPD-Kreisvorsitzender abgedruckt. Auf der vorletzten Seite des „Kriegsberichter“ und Leutnant in einer
Hans Pawlovsky die „fragwürdige Ver- Hefts findet sich der Aufruf: Propaganda-Kompanie der Wehrmacht.
anstaltung“ öffentlich kritisiert. Sollten „SPDCDUFDPGRÜNE/PDS. Nur die Nach dem Krieg gründete er mit anderen
seine Informationen stimmen, sehe er allerdümmsten Kälber wählen ihre Metz- ehemaligen NS-Aktivisten die völkische
hier die nötige Distanz zum Dritten ger selber. Geht zur Wahl. Wählt Natio- Gesinnungsgemeinschaft „Witiko-
Reich nicht. Erstmals wird dabei auch nal!“. Die „polizeilich betreute“ Veran- Bund“, dessen Vorsitzender er auch vie-
angesprochen, dass 1921 bei den Kämp- staltung würde von den Bürgern Schlier- le Jahre war. Nachdem Becher zu Beginn
fen des „Freikorps“ im deutsch-polni- sees gar nicht wahrgenommen, meint der 50er Jahre Landtagsabgeordneter des
schen Grenzgebiet auch zahlreiche Zivil- hingegen Bürgermeister Toni Scherer. revanchistischen „Bund der Heimatver-
personen von deutschen Freiwilligen ge- Unangenehm aufgefallen seien die Teil- triebenen und Entrechteten“ (BHE) war,
foltert und ermordet wurden. Pawlovsky nehmer bislang nie. Es ist zu hoffen, das wechselte er später zur CSU über und
erwägt nun die Durchführung „einer wenigstens die Besucher des Urlaubsor- zog für diese 1965 in den Bundestag ein.
hochkarätig besetzten Veranstaltung“ in tes dies anders sehen. Im kommenden Becher unterhielt zahlreiche Kontakte in
Schliersee „um über die historischen und Jahr soll die „Annaberg-Gedenkfeier“ die extreme Rechte, gehörte einschlägig
politischen Hintergründe“ der „Anna- am 21. Mai stattfinden („Der Oberlän- rechten Studentenverbindungen an und
berg-Feier“ aufzuklären. Auch die Teil- der“ 41-2005/“Miesbacher Merkur“). war u.a. Mitautor der Zeitschrift „Deut-
nahme der Himmler-Tochter Gudrun hma ■ sche Geschichte“ der rechtsextremen
Burwitz an einer früheren Feier wurde „Verlagsgemeinschaft Berg“ und des Bu-
kritisiert. Auf der diesjährigen Veranstal- „Nachhaltig geprägt“ ches „50 Jahre Vertreibung“, das 1995 in
tung wieder dabei: Vertreter der „Ober- Graberts „Hohenrain-Verlag“ erschien.
schlesischen Landsmannschaft“, Orts- Pullach. Im Alter von 93 Jahren ist hma ■
gruppe München. Vorsitzende Gertrud jüngst der ehemalige Sprecher der „Su-
Müller, „die immer bei den Vorbereitun- detendeutschen Landsmannschaft“, Wal- Durchsuchungen bei Anhän-
gen dieser Feier mitwirkt“, sprach wie- ter Becher, gestorben. In der „Kulturpoli-
der einige Grußworte. tischen Korrespondenz“ der „Stiftung gern der rechten Szene
Statt eines Vortrages von Kamerad- Ostdeutscher Kulturrat“ wird in diesem Sachsen. Bereits zum zweiten Mal in
schafts-Mitglied Dirk Pott, der in den Zusammenhang ein Nachruf des CSU- diesem Monat hat die Polizei im Raum
vergangenen Jahren u.a. für die nationa- Europaparlamentsabgeordneten Bernd Pirna und Sächsische Schweiz Wohnun-
listische „Deutschland-Bewegung“, die Posselt, zugleich Bundesvorsitzender der gen von Anhängern der rechten Szene
revanchistische „Junge Landsmann- „Sudetendeutschen Landsmannschaft“
schaft Ostpreußen“ (JLO) und den sude- und Präsident der „Paneuropa-Union“
tendeutschen „Witiko-Bund“ aktiv war, veröffentlicht.
hielt in diesem Jahr Heinrich Rathjen Über Bechers Wirken während des
eine „flammende Rede“. Rathjen Nazi-Regimes liest man dort freilich
(Achim) von der „Bürgerinitiative Eh- nichts. Becher prägte „Bayerns vierten
renmale“ zeichnete sich noch im vergan- Stamm wie kein Zweiter“ wird dort ge-
genen Jahr für eine „Protestaktion gegen lobhudelt, dass er „uns Jüngere stets be-
Kollektivschuld und Sippenhaftung“ ver- eindruckt und nachhaltig geprägt“ habe
antwortlich, die u.a. eine Anzeige in der und dass ihm „falsches Versöhnlertum“
„Jungen Freiheit“ veröffentlichte. Noch ein „Greuel“ waren. Becher gehörte in
am 1. Mai hatte sich die „Kameradschaft den 30er Jahren der „Sudetendeutschen
Freikorps Oberland“ an einer alljährlich Partei“ Henleins an. Nach der Okkupati-
stattfindenden „Gedenkfeier“ auf dem on des Sudetenlandes durch die Wehr-
Münchener Waldfriedhof zur Erinnerung macht wurde Becher Redakteur des
an die „Befreiung Münchens“ von der NSDAP-Organs „Die Zeit“ in Reichen-
Räterepublik 1919 beteiligt. Mitveran- berg (Liberec), in der er den nazistischen
stalter dieser Gedenkfeier waren der Rassenwahn propagierte. So forderte er
„Stahlhelm“, der „Deutsche Block“ und dort nach den antisemitischen Pogromen
der „Treue-Ring“. Organisator der Feier vom 9. November 1938 unter der Über-
war Roland Wuttke (Mering) von „De- schrift „Lieder, auf die wir verzichten“,
mokratie Direkt“. Er verfügt über gute dass alle Lieder „deren Worte von Juden
Kontakte u.a. zur NPD und schreibt für stammen oder die von Juden vertont
deren Organ „Deutsche Stimme“. Auch sind“, nicht mehr gesungen werden sol-
wenn „Kameradschaftsführer“ Jürgen len („Die Zeit“ 17.11.1938). Nach zahl-

2 : antifaschistische nachrichten 20-2005


Fortsetzung von Seite 1
unter die Lupe genommen. Am 27.9. entwurf sieht kein Geld für deren Bera- fragen, wie sie die Jugendarbeit intensi-
durchsuchten rund 100 Beamte vom tungsangebote vor; in diesem Jahr wurden vieren kann. Tun muss sie es. Sicherlich,
Landeskriminalamt (LKA), der Polizei- noch 150 000 Euro für Civitas eingestellt. die Zahlen ändern sich und in einem Jahr
direktion Osterzgebirge-Oberes Elbtal Aus dem Programm, das der Bund zu 80 kann es ganz anders aussehen. Ein gefes-
und der Bereitschaftspolizei 20 Wohnun- Prozent und das Land Mecklenburg-Vor- tigtes Weltbild möchte man einem Ju-
gen. Auch ein Spind in einer Schneeber- pommern zu 20 Prozent tragen, werden gendlichen mit 17 Jahren und darunter
ger Bundeswehrkaserne wurde kontrol- unter anderem zivilgesellschaftliche Pro- nicht zwangsläufig zurechnen, sucht man
liert. jekte und eine mobile Opferberatung fi- doch in dieser Spanne seines Lebens noch
Den 21 Beschuldigten im Alter zwi- nanziert. seinen Weg. Fakt ist jedoch, dass diese
schen 16 und 23 Jahren wird vorgewor- Beflügelt wird die Aussicht in Sachsen Zahlen ein Auftrag für die Partei NPD
fen, am 18. und 19. Juni 2005 bei Über- durch überdurchschnittliche Ergebnisse sein müssen. Die Arbeit der Jungen Natio-
griffen am Bahnhof Pirna dabei gewesen für die Neonazis in jüngsten Umfragen naldemokraten, von denen man nur selten
zu sein. Sie sollen Teilnehmer des unter Nichtvolljährigen. 28,07% stimm- viel zu hören bekommt, sollte dringendst
Dresdner Stadtteilfestes „Bunte Repu- ten bei einer Wahlumfrage von unter 18- intensiviert werden. Strukturen und Frei-
blik Neustadt“ angegriffen haben, die ge- Jährigen durch den Jugendring sächsische räume müssen geschaffen werden. Dazu
rade von dort zurückkamen. Nach den Schweiz für die NPD. Doch nicht nur der gehört vor allem das Schaffen Nationaler
ersten Durchsuchungen am 5. September Landkreis Sächsische Schweiz, auch Jugendzentren in den Hochburgen der
ermittelt die Staatsanwaltschaft Dresden Sachsenweit erhält die NPD bei den unter NPD und später auch darüber hinaus.
nunmehr gegen insgesamt 47 Personen 18-Jährigen beängstigende Sympathie- Man hofft die NPD erkennt die Ergebnis-
wegen Landfriedensbruchs und gefährli- werte. Mit 16,35 % liegt die NPD an drit- se dieser Wahl als eine Verpflichtung, egal
cher Körperverletzung. ter Stelle hinter der Linkspartei und der wie die Bundestagswahl ausgeht, vor al-
„In der Sächsischen Schweiz brodelt SPD und noch vor CDU und FDP. Bun- lem jugendliche Aktivisten, welche sich
es schon länger“, sagte LKA-Sprecherin desweit kommt die NPD unter jugendli- intensiver in die Arbeit der Partei einbrin-
Silke Specht. Allerdings wollte sie nicht chen „Demnächstwählern“ auf 6,69%. gen wollen, besser zu fördern. Auch die
bestätigen, dass ein am 28. Juli vom So dürften nach dem Flopp in Sachsen Arbeit der freien Kameradschaften sollte
ARD-Magazin „Kontraste“ ausgestrahl- fürs Erste die medial inszenierten Erfolgs- nicht außer Acht gelassen werden. Die
ter Beitrag das geballte Vorgehen der Be- erzählungen zugunsten des eigenen Ka- Symbiose zwischen beiden ist wichtig.
hörden gegen die rechte Szene ausgelöst deraufbaus und einer nationalsozialisti- Trennendes muss überwunden und Vorur-
habe. In der Sendung war die Untätigkeit schen Jugendbewegung aufgegeben wer- teile abgebaut werden. Dies ist primär für
der Polizei kritisiert worden. Bei den den. Das Portal der Freien Nationalisten die nächsten Jahre.“
Durchsuchungen wurden vor allem in Sachsen benennt, wie man sich dort Wolfram Siede ■
Computer und Handys sichergestellt, den Parteiaufbau „von unten“ vorstellt: (siehe: http://www.statistik.sachsen.de
aber auch Baseballschläger und Haken- „An dieser Stelle nun sollte sich die NPD sowie www.jugendplatz.de/u18wahl.html)
kreuze wurden gefunden.
Quelle: DNN 28.9.2005 ■ Bundestagswahl 2005 Erststimmen Zweitstimmen
NPD Schleswig-Holstein: 17.497 (1,0) 17.061 (1,0)
Parlamentarier der NPD NPD Meklenburg-Vorpommern: 32.944 (3,3) 34.747 (3,5)
NPD Hamburg: 10.135 (1,1) 9.463 (1,0)
droht Strafverfahren NPD Niedersachsen: 62.313 (1,3) 59.744 (1,3)
Sachsen. Der Zentralrat der Juden will NPD Bremen: 5.513 (1,5) 5.341 (1,5)
die Verherrlichung Adolf Hitlers durch NPD Brandenburg: 51.389 (3,3) 50.280 (3,2)
einen sächsischen NPD-Landtagsabge- NPD Sachsen Anhalt: 40.324 (2,8) 36.970 (2,5)
NPD Berlin: 33.508 (1,8) 29.070 (1,6)
ordneten nicht hinnehmen. „Wir erstat- NPD NRW: 97.166 (0,9) 80.512 (0,8)
ten Strafanzeige“, kündigte am 26.9. der NPD Sachsen: 131.753 (5,0) 126.726 (4,8)
Präsident des Zentralrats, Paul Spiegel, NPD Hessen: 51.499 (1,5) 41.380 (1,2)
gegenüber dem „Tagesspiegel“ an. Der NPD Thüringen: 57.464 (4,0) 52.988 (3,7)
NPD-Abgeordnete Klaus-Jürgen Menzel NPD Reinland-Pfalz: 36.481 (1,5) 31.012 (1,3)
hatte in einem am Donnerstag ausge- NPD BAWÜ: 92.847 (1,6) 66.644 (1,1)
strahlten Beitrag des Fernsehmagazins NPD Bayern: 126.059 (1,8) 95.196 (1,3)
NPD Saarland: 10.920 (1,7) 11.459 (1,8)
„Kontraste“ geäußert, „ich halte den
NPD Bundesweit: 857.812 (1,8%) 748.593 (1,6%)
Führer nach wie vor für einen großen
Staatsmann, vielleicht einen der größten, Bundestagswahl 2005
den wir je gehabt haben“. Menzel be- Sächsische Wahlkreise aufsteigend sortiert nach Erststimmenanteile für die NPD in %
kräftigte, „dazu stehe ich“. Die Sätze lfd. Nr. Wahlkreis Erststimmenanteile für die NPD in %
sind auf der Homepage des RBB-Maga- 1 Leipzig II 2,3
zins nachzulesen. 2 Dresden I 2,4
Was der NPD-Mann von sich gegeben 3 Chemnitz 2,9
4 Leipzig I 3,0
habe, „ist nach unserer Meinung Volks- 5 Zwickauer Land - Zwickau 3,4
verhetzung“, sagte Spiegel. Er bezog 6 Dresden II - Meißen I 4,3
sich auf den im März vom Bundestag er- 7 Leipziger Land - Muldentalkreis 4,5
weiterten Paragrafen 130 des Strafge- 8 Vogtland - Plauen 4,8
setzbuchs. In dem neuen Absatz 4 steht, 9 Chemnitzer Land - Stollberg 5,0
„Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren 10 Delitzsch - Torgau-Oschatz - Riesa 5,3
oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öf- 11 Döbeln - Mittweida - Meißen II 6,1
fentlich oder in einer Versammlung den 12 Freiberg - Mittlerer Erzgebirgskreis 6,1
13 Annaberg - Aue-Schwarzenberg 6,6
öffentlichen Frieden in einer die Würde 14 Kamenz - Hoyerswerda - Großenhain 6,7
der Opfer verletzenden Weise dadurch 15 Löbau-Zittau - Görlitz - Niesky 6,7
stört, dass er die nationalsozialistische 16 Bautzen - Weißwasser 7,0
Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, 17 Sächsische Schweiz - Weißeritzkreis 7,8
verherrlicht oder rechtfertigt“.
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: antifaschistische nachrichten 20-2005 3
Neben seinem Landtagsmandat ist Rabehl als Experte der NPD aller im Land“ ist, bekommt Zivilcoura-
Klaus-Jürgen Menzel außerdem Vize- bei Anhörung ge die verfassungsfeste Basis, die sie
chef der Landes-NPD. Gegenüber „Kon- braucht.
traste“ sagte er auch, er möchte die deut- Sachsen. Bei einer öffentlichen Anhö- Eine konsequente juristische Bekämp-
schen Grenzen vom 1. September 1939 rung des Verfassungs-, Rechts- und Eu- fung des Neonazismus ist nötig, forderte
wiederhaben, „mit Einschluss von Sude- ropaausschusses des Sächsischen Land- auch Prof. Dr. Wolfgang Dreßen aus
tenland und Österreich tages am 26.9., die auf einen Antrag der Düsseldorf und hob den Vorbildcharakter
Quelle: Der Tagesspiegel, 27.9.2005 PDS-Fraktion zur Einfügung einer anti- unserer Gesetzesinitiative hervor.
Die Kontraste-Sendung ist faschistischen Klausel in die Sächsische Zuspruch kam auch vom Vorsitzenden
dokumentiert unter Landesverfassung zurückging, trat Prof. der sächsischen Polizeigewerkschaft
www.mut-gegen-rechte-gewalt.de ■ Dr. Bernd Rabehl als von der NPD be- Matthias Kubitz, der anhand der regel-
nannter Sachverständiger auf. Laut Pres- mäßigen Worch-Aufmärsche in Leipzig
Strafanzeige gegen die semitteilung der NPD-Landtagsfraktion darstellte, dass der massive Polizeischutz
erklärte Rabehl, die von der PDS bean- rechter Aufmärsche weder im Ausland
NPD tragte Klausel trage den Keim in sich, die noch in der Masse der Bevölkerung als
Frankfurt. Die NPD hat während des gesamte Rechtsordnung Sachsens zu rechtstaatlich geboten verstanden wird.
Wahlkampfs Wahlplakate geklebt, die verändern. Kubitz erinnerte daran, dass die Polizei-
nach Auffassung der Anti-Nazi-Koordi- „Es wäre durchaus denkbar, dass mit gewerkschaft sich bereits 1994 als erste
nation den Tatbestand der Volksverhet- dieser ,Klausel‘ ein Ausnahmegesetz ge- Organisation für eine derartige Verfas-
zung erfüllen. „Gute Heimreise – NPD!“ schaffen werden soll, das die demokrati- sungsklausel ausgesprochen hat. Verwal-
heißt es da als Kommentar zu einem sche Verfassung Sachsens aushebeln tungsrechtler Dr. Martin Maslaton aus
Bild, das durch Kopftücher als Muslime könnte“, so Rabehl. „Der Gesetzent- Feiberg erklärte, dass die Einsetzung ei-
gekennzeichnete Frauen darstellt, die mit wurf... trägt den Zuschnitt eines Sonder- ner ,Antifa-Klausel‘ als Staatszielbe-
Säcken und Bündeln auf dem Rücken in paragraphen, der als Grundprinzip au- stimmung durchaus in Übereinstimmung
Richtung eines Minaretts gehen. Ein Bild ßerhalb der demokratischen Verfassung mit dem Grundgesetz steht, der Einma-
und eine Parole, die in zynischer Sprache steht. Er redet indirekt einem Polizei- ligkeit von Auschwitz gerecht wird und
zur Vertreibung von Migrantinnen und und Spitzelstaat zu Munde. Er will alle nicht – wie von Kritikern der Gesetzes-
Migranten auffordert. Der Zynismus demokratischen Parteien seinen ,Direkti- initiative behauptet – das verbriefte
wird noch dadurch gesteigert, dass das ven‘ subsumieren und er spricht von ei- Recht auf Meinungsfreiheit beschneide.
Bild vermutlich absichtlich einem histo- nem abstrakten Feind, von einer ab- Die Expertenanhörung zur Antifa-
rischen Foto nachempfunden ist, das strakten Bedrohung der Gesellschaft, so Klausel bestärkt uns in der Absicht, den
daß viele Strömungen von Opposition entsprechenden Gesetzentwurf noch in
diesem Feindbild entsprechen könnten. diesem Jahr zur zweiten Lesung in den
Der Willkür wäre Tür und Tor geöffnet.“ Landtag einzubringen.“
Prof. Uwe Backes, stellvertretender Di- PM Köditz/Bartl vom 26.9.05,
rektor des Hannah-Arendt-Instituts in www.pds-fraktion-sachsen.de ■
Dresden, ebenfalls als Sachverständiger
geladen, bezeichnete einen reinen „Anti- Brandstifter von Solingen
faschismus“ als fragwürdig, wenn er
nicht mit Antikommunismus verbunden erneut verurteilt
ist. Prof. Eckhard Jesse von der Techni- Dortmund. Einer der Brandstifter von
schen Universität Chemnitz beurteilte Solingen, der wegen fünffachen Mordes
den PDS-Gesetzesentwurf ähnlich. Die und vierzehnfachen Mordversuchs zehn
PDS wolle mit ihm an den DDR-Antifa- Jahre im Gefängnis gesessen hat, ist er-
während des Abtransports von Jüdinnen schismus anknüpfen, der immer nach der neut zu vier Monaten Haft ohne Bewäh-
und Juden aus Drohobycz in das KZ Bel- Devise Faschismus ist keine Meinung, rung verurteilt worden. Der inzwischen
zec im Jahre 1942 entstand. sondern ein Verbrechen verfahren sei. 29-Jährige aus Schwerte hatte im Januar
Besonders perfide finden wir die Pa- Dabei werde allerdings übersehen, dass bei einer Demonstration in Hamm zwei-
rallele einer Synagoge auf dem histori- nur eine Tat, aber keine Meinung ein Ver- mal den „Hitlergruß“ gezeigt. Das Dort-
schen Foto von 1942 hinten rechts, die in brechen sein könne. munder Landgericht verurteilte ihn des-
der NPD-Fotomontage ebenfalls hinten Die Abgeordneten Kerstin Köditz und halb wegen Verwendens von Kennzei-
rechts durch eine Moschee, vertreten der rechtspolitische Sprecher der Frakti- chen verfassungswidriger Organisatio-
durch ein Minarett „ersetzt“ wird. Dies on der Linkspartei.PDS Bartl werten die nen.
im Zusammenhang mit dem zynischen Expertenanhörung als Ermutigung, wei- Fünf Menschen starben und etliche
Slogan „Gute Heimreise“ ist nach unse- ter für die Ergänzung der Landesverfas- weitere Bewohner wurden verletzt bei
rer Auffassung eine sehr klare volksver- sung zu streiten: dem Brandanschlag am 29. Mai 1993 auf
hetzende Botschaft. In Frankfurt hat die „Laut einer Antwort der Staatsregie- das Haus einer türkischen Familie in So-
NPD Plakate dieser üblen Machart ver- rung auf eine Kleine Anfrage aus unserer lingen, an dem Christian R. beteiligt war
mutlich ebenfalls nicht unabsichtlich Fraktion gab es im ersten Halbjahr 2005 und für den er 1995 zehn Jahre Jugend-
z.B. direkt vor einem türkischen Bistro in Sachsen nur zwei Tage ohne Straftaten strafe erhielt. Seine Einstellung hat das
aufgehängt. Die Anti-Nazi-Koordination mit rechtsextremistischem Hintergrund. offensichtlich nicht ändern können.
hat durch Katinka Poensgen bei der Die Erweiterung der Landesverfassung Nachdem er zunächst vom Amtsgericht
Frankfurter Staatsanwaltschaft Strafan- um eine ,Antifa-Klausel‘ ist also drin- Hamm zu 400 Euro Geldstrafe verurteilt
zeige gegen Unbekannt, insbesondere gend geboten. ... Erst wenn in der Verfas- worden war, hatte die Staatsanwaltschaft
die verantwortlichen Personen der NPD sung festgeschrieben ist, dass „rassisti- Dortmund Berufung eingelegt. Die Rich-
wegen § 130 StGB gestellt. sche, fremdenfeindliche und antisemiti- terin bescheinigte dem Angeklagten jetzt
Das NPD-Plakat kann sich jede/r sche Aktivitäten sowie eine Wiederbele- im Berufungsprozess, er habe im Ge-
selbst ansehen (z.B. www.npd-mett- bung und Verbreitung nationalsozialisti- fängnis nichts gelernt und habe sich kei-
mann.de/Bilder/gute_heimreise.JPG) schen Gedankengutes nicht zuzulassen, ne einzige Minute mit seiner Tat ausein-
Anti-Nazi-Koordination Frankfurt ■ die Pflicht des Landes und Verpflichtung ander gesetzt. u.b. ■
: antifaschistische nachrichten 20-2005
4
Massengrab auf dem Echterdinger Flug-
hafen war den Behörden seit 1950 bekannt
VVN-Bund der Antifaschisten fordert Gutmachung der Versäumnisse der
Vergangenheit und einen Gedenkstein am Flughafen

Beim jetzt gefundenen Mas- lung des Hinweises auf ein Massengrab fen forderte. Diese Forderung löste ein
sengrab von KZ-Häftlingen von KZ-Opfern betrachtet worden war. jahrelanges Gerangel zwischen der lan-
auf dem Echterdinger Flugha- Trotz der genauen Hinweise erfolgten desnahen Flughafenverwaltung und den
fen handelt es sich ganz offenkundig seitens der Behörden keinerlei Nachfor- betroffenen Gemeinden Leinfelden-Ech-
um das Grab, das den Behörden be- schungen oder Aktivitäten, den Opfern terdingen, Filderstadt und auch Stuttgart
reits 1950 bekannt gemacht worden eine würdige Ruhestätte zu ermöglichen. aus.
ist. Seit damals wurde nichts unter- Mit einer Information an den kleinen pri- Während sich der Stuttgarter OB Rom-
nommen, um den Opfern eine würdi- vatrechtlichen Verein VVN entsorgten die mel gleichzeitig auch in seiner Eigen-
ge Ruhestätte zu geben. Landesbehörden damals ihre Verantwor- schaft als Aufsichtsratsvorsitzender der
tung für die Opfer. Flughafen AG für eine Gedenkstätte im
Nach den im Archiv der VVN-BdA vor- Eine entsprechende Erfahrung machte Eingangsbereich des Flughafens aus-
handenen Unterlagen hatte ein Flugzeug- offensichtlich auch die Esslinger Histori- sprach, erklärte die Flughafenverwaltung,
schlosser aus Bayern im April sie könne keinen historischen Be-
1950 seinem damaligen Land- zug des KZs, das dem Ausbau der
tagsabgeordneten von seinen (heute vorwiegend zivil genutz-
Beobachtungen berichtet. Er ten) Landebahn diente, zum zivi-
„habe öfters gesehen, wie Tote len Bereich des Flughafens erken-
vor der Halle eingegraben nen. Auch die Gemeinde Leinfel-
wurden.“ Zur Bezeichnung den-Echterdingen fürchtete, in
dieser Stelle hatte der Zeuge den Augen der Fluggäste als „ehe-
seinem Brief eine Skizze bei- malige KZ-Gemeinde“ abgestem-
gelegt. Diese Information pelt zu werden, falls der Gedenk-
wurde vom bayerischen Land- stein nahe dem stark frequentier-
tagsabgeordneten Stöhr an ten Publikumsbereich des Flugha-
den damaligen Landtagspräsi- fens errichtet würde.
denten Auerbach weitergelei- Schließlich wurde zum Ende
tet, der versicherte, er werde des unwürdigen Gezerres 1982
„der Sache selbstverständlich ein Gedenkstein im Bereich des
nachgehen lassen“ und den „Kriegsehrenfeldes“ auf dem
Vorgang tatsächlich an die Echterdinger Friedhof errichtet.
württembergisch-badischen Die jüdischen Opfer der rassisti-
Behörden weiterleitete. schen Massenvernichtung im KZ-
Am 26. Mai 1950 übersand- System der Nazis wurden damit
te die „Landesbezirksstelle für zu Kriegsopfern. Der Ort der Ge-
die Wiedergutmachung Stutt- denkstätte wird nach Ansicht der
gart“ eine entsprechende In- VVN-Bund der Antifaschisten der
formation an die „Vereinigung Dimension des Verbrechens des
der Verfolgten des Nazire- Holocaust und der „Vernichtung
gimes“. Bei der VVN handel- durch Arbeit“ nicht gerecht.
te es sich damals wie heute um Der Gräberfund auf dem Stutt-
einen eingetragenen Verein garter Flughafen ist ein aktueller
ohne jede staatliche Befugnis- Anlass, erneut an die uns von der
se und Kompetenzen. Sie ver- Vergangenheit auferlegte Verant-
fügte über keinerlei Möglich- wortung für Gegenwart und Zu-
Fundstelle des Massengrabs am Echterdinger
keiten, Nachforschungen oder gar Gra- Flughafen
kunft hinzuweisen:
bungen auf dem Gelände des Flughafens Die Pflege der Erinnerung bleibt eine
zu veranlassen. wichtige Aufgabe.
Das damalige Schreiben zum Massen- kerin Gudrun Silberzahn-Jandt, die sich Es wird Zeit, die Versäumnisse der
grab auf dem Stuttgarter Flughafen muss- – nach einem entsprechenden Bericht der Landesbehörden von damals wieder gut
te von der VVN lediglich als hilfreiche Esslinger Zeitung vom 23.9. –, in den zu machen:
Information für ihre Arbeit zur Doku- 90er Jahren vergeblich bemüht hatte, die ● Durch eine verstärkte Förderung der
mentation von Nazi-Opfern und den von Behörden auf das damals angezeigte Gedenkstättenarbeit zur Aufklärung über
der VVN bundesweit organisierten Such- Massengrab aufmerksam zu machen. den verbrecherischen Charakter des Fa-
und Meldedienst verstanden werden. Die Ein ähnlich oberflächlicher Umgang schismus im Allgemeinen
VVN Stuttgart leitete das Schreiben ent- mit den Opfern des Naziregimes offen- ● und der Errichtung einer Gedenk-
sprechend an die bundesweite „For- barte sich Ende der 70er Jahre, als 1979 stätte für die Opfer des Flughafen-KZs an
schungsstelle“ der VVN in Hamburg wei- eine Gruppe Jugendlicher aus Leinfel- einer der Öffentlichkeit zugänglichen
ter. den-Echterdingen in Zusammenarbeit prominenten Stelle im Flughafenbereich
Heute stellt sich heraus, dass diese Mit- mit der VVN-Bund der Antifaschisten die im Besonderen.
teilung an die VVN von den Behörden of- Errichtung eines Gedenksteines zur Erin- PM VVN-BdA,
fensichtlich als abschließende Behand- nerung an die Opfer des KZs am Flugha- Baden-Württemberg ■

: antifaschistische nachrichten 20-2005 5


Trauer um Simon Frankreich:
Wiesenthal
Im Alter von 96 Jahren ist in Wien „das
„Gedrängel im rechten Spektrum“ II
Gewissen des Nachtrag und Korrektur zu AN 19/2005
Holocaust“
Simon Wie- Zu dem Artikel aus der vorigen men, bedeutete also, ihm symbolisch das
senthal ver- Ausgabe der AN sei noch nach- Vertrauen entziehen zu müssen. Den-
storben. getragen, dass der vormalige FN- noch widersetzten sich sowohl Bruno
Dies wurde Bürgermeister im südfranzösischen Gollnisch als auch Carl Lang dem, er-
am 20. Sep- Orange (30.000 Einwohner), Jacques presserisch formulierten, Antrag.
tember 2005 Bompard, die rechtsextreme Partei in- Im Nachhinein bezeichnete der „Ge-
durch das zwischen verlassen hat. Damit hat der neralbeauftragte“ (délégué général) der
Simon-Wie- Front National sein letztes Stadtober- Partei und mögliche Nachfolger Le Pens,
senthal-Cen- haupt verloren; 1995 hatte die rechtsex- Gollnisch, es öffentlich als „persönliche
ter bekannt treme Partei noch drei Bürgermeister be- Niederlage“, die „Aussöhnung“ zwi-
gegeben. sessen, ab 1997 waren es sogar vier. Die schen der Partei und Bompard nicht ge-
„Für unsere Organisation ist sein Tod ein anderen Rathäuser, außer Orange, gingen schafft zu haben. Der Bürgermeister von
schmerzlicher Verlust“, erklärte der Vor- inzwischen an die bürgerliche Rechte Orange und rechte Hardliner-Dissident,
sitzende der VVN-BdA Prof. Dr. Hein- oder an die Sozialdemokratie verloren Jacques Bompard, bedankte sich darauf-
rich Fink. Und weiter: „Wir verneigen (Toulon, Vitrolles) oder das Stadtober- hin – ebenfalls öffentlich – bei Gollnisch
uns vor einem der konsequentesten Anti- haupt trat aus der organisierten extremen und Lang.
faschisten.“ Rechten aus (Marignane). Die Episode dürfte hauptsächlich be-
Simon Wiesenthal wurde am 31. De- Wie durch die Presse ruchbar wurde, legen, wie isoliert der als Alleinherrscher
zember 1908 in Buczacz in der Ukraine haben sich sowohl die „Nummer Zwei“ amtierende Le Pen mittlerweile in seiner
geboren. Er überlebte insgesamt 13 fa- des Front National (hinter Le Pen), der Partei ist. Aber auch, in welchem Maße
schistische Konzentrationslager und „Generalbeauftragte“ Bruno Gollnisch, er aus Sicht des „harten Kerns“ heute
wurde schließlich 1945 aus dem KZ als auch die „Nummer Drei“, Generalse- eine Amoklauf gegen den Parteikader be-
Mauthausen von amerikanischen Trup- kretär Carl Lang, dem durch Le Pen be- treibt.
pen befreit. triebenen Ausschluss Bompards aus sei- Es sei noch eine Richtigstellung vor-
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrie- nen bisherigen Parteiämtern widersetzt. genommen: Die von Le Pen bereits jetzt
ges gründete er Dokumentationszentren Bei der Sitzung des obersten Füh- aktiv vorangetriebene Kandidatur bei der
und sammelte Aussagen von Überleben- rungsgremiums der Partei, des „Exeku- Präsidentschaftswahl 2007 wäre nicht
den und Dokumente, die die Verbrechen tivbüros“, am 9. September hatte Jean- seine vierte, sondern seine fünfte Präsi-
der Nazis belegen. Marie Le Pen es laut Angaben der links- dentschaftsbewerbung. Neben den Präsi-
Während die Alliierten zum Kalten liberalen Tageszeitung „Libération“ un- dentschaftswahlen 1988 (14,4 Prozent),
Krieg übergingen und Überlebende ihr terlassen, erneut die Absetzung Bom- 1995 (15 Prozent) und 2002 (17 Pro-
eigenes Leben neu organisierten, über- pards von allen Parteiämtern zur Abstim- zent), bei denen Le Pen seine größten
nahm Simon Wiesenthal die Rolle des mung zu stellen. Denn sechs Monate zu- Wahltriumphe feierte, war der rechtsex-
Verfolgers und Ermittlers der NS-Ver- vor war Le Pen mit einem solchen An- treme Politiker bereits 1974 angetreten.
brecher in seiner Person. trag innerhalb der Parteispitze unterlegen Damals erhielt er jedoch nur 0,74 Pro-
Durch seine Arbeit hat er mehr als – dass der „Chef“ (wie er im FN-Jargon zent. Im Jahr 1981 hinderte ihn die He-
1.100 NS-Verbrecher ausfindig gemacht, heißt) überhaupt so offen verlieren kann, raufsetzung der Zahl der erforderlichen
auch an der spektakulären Aufspürung ist ein historisches Novum. Unterstützungs-Unterschriften von Man-
Adolf Eichmanns 1960 in Argentinien Dieses Mal forderte Le Pen die neun datsträgern (von vorher 100 auf 500) an
hatte er großen Anteil. Mitglieder der obersten Parteiinstanz der Kandidatur – er blieb bei 434 „hän-
1977 wurde durch ihn das Simon Wie- stattdessen dazu auf, über einen Antrag gen“. Zum Ende seiner langjährigen Kar-
senthal Center mit dem Ziel, weiter abzustimmen, der ihm in dieser Frage riere droht Le Pen nunmehr, jedenfalls
flüchtige NS- und Kriegsverbrecher zu pauschal „das Vertrauen ausspricht“. Ge- nach derzeitigem Stand, ein ähnliches
verfolgen, gegründet. gen die Absetzungspläne Le Pens stim- Schicksal. BhS (Paris) ■
Simon Wiesenthal ging es nicht um
Rache. Er wollte sich nicht damit abfin- Naziaufmarsch verhindert
den, dass der Tod von 6 Millionen Jüdin-
nen und Juden und der zahlreichen wei- Leipzig. Der Hamburger Neonazi Christian Worch hatte für den 1. Oktober mal wieder
teren Opfer der Nazis ungesühnt bleibt einen Aufmarsch in Leipzig angemeldet. Seine 150 Kameraden schafften es gerade mal
und die Welt einfach zur Tagesordnung zum Startpunkt ihrer Demonstrationstrecke. Trotz Kälte und strömendem Regen hielten
übergeht. 800 bis 1.000 Antifaschistinnen und Antifaschisten die Naziroute direkt am Listplatz,
Durch sein Werk hat er als Überleben- dem geplanten Startpunkt der Nazis, für mehrere Stunden besetzt. Die friedliche Blo-
der die Welt mit den faschistischen Ver- ckade führte dazu, dass das traurige Häufchen von etwa 150 Nazis gegen 17.00 Uhr den
brechen konfrontiert. Durch die umfas- Rückweg zum Bahnhof antreten musste, ohne auch nur einen Meter der eigentlichen
senden Angebote leistet das Simon Wie- Marschroute gelaufen zu sein. Bereits am 3.10.2004 und am 1.05.2005 hatten die freien
senthal Center einen großen Beitrag in Kameradschaften versucht, in Leipzig durch den linksalternativen Stadtteil Connewitz
der Auseinandersetzung mit nazistischen zu marschieren. Beide Male wurde dies durch vielfältigen antifaschistischen Widerstand
und neonazistischen Positionen und ge- verhindert. Im Vorfeld des 1.10.2005 drohten Sachsens Innenminister Thomas de Mai-
gen das Aufkeimen des Antisemitismus. ziere und Leipzigs Polizeichef Rolf Müller mit einem harten Durchgreifen gegen alle
Vereinigung der Verfolgten des Nazi- Störungsversuche durch AntifaschistInnen, insbesondere nachdem bekannt worden war,
regimes - Bund der Antifaschistinnen dass ein linkes Bündnis offensiv für eine Blockade des Naziaufmarsches warb. Am Tag
und Antifaschisten(VVN-BdA) des Aufmarsches selbst hielt sich die Polizei dann allerdings zurück und unternahm kei-
e-mail: bundesbuero@vvn-bda.de, nen Versuch, die Blockade auf der Naziroute zu räumen. Dennoch kam es zu einigen
Internet: www.vvn-bda.de ■ Festnahmen. left-action.de/antifa ■

6 : antifaschistische nachrichten 20-2005


Augsburg. Am Maria-Theresia- „Marianne Weil – Spurensuche – Jüdische Mädchen“
Gymnasium (MTG), Gutenberg-
straße 1, hat unter Leitung des am Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg
Lehrers Peter Wolf eine Gruppe von
Schülerinnen und Schülern eine Aus-
stellung über das Schicksal der fast
Schüler erforschen ihre
200 jüdischen Mitschülerinnen erarbei-
tet. Die Ausstellung (im Kollegiatenge-
bäude neben der Schule) ist bis 14. Ok-
NS-Schulgeschichte
tober täglich 14–19 Uhr öffentlich zu- den Schülerinnen 853 (3,06% der Mäd- ert, dass nach 1933 die Juden sich von
gänglich, der Katalog für 10 Euro auch chen). Im November 1938 wurden die den Kunststätten aus freien Stücken fern-
im Buchhandel erhältlich. Hier ein kur- letzten noch verbliebenen entlassen. gehalten haben... Lange Jahre war der In-
zer Auszug aus dem Chronikteil des Aus der Sicht der NSDAP gab es bei tendant des Theaters ein Jude (Lustig-
Katalogs. der Reichstagswahl 1933 in Augsburg Prean). Kapellmeister Frankenburger
kein gutes Ergebnis: NSDAP: 35 230 (nach der Emigration unter dem Namen
Die folgenden Ereignisse und Daten sind Stimmen, SPD: 24 973, Kommunisten: ›Paul Ben-Haim‹ bedeutender Kompo-
den vollständig vorhandenen Jahresbe- 11 011, Bayer. Volkspartei: 29 322. nist) und viele jüdische Kräfte waren un-
richten der Maria-Theresia-Schule, Leh- Freiheitsbeschränkungen für Juden ter dem Theaterpersonal. Es war fast kein
rerkonferenzprotokollen aus den Jahren Verein in Augsburg, der kulturelle oder
zwischen 1933 und 1945, amtlichen ◗ 1.4.1938 Boykott jüdischer Geschäfte. humanitäre Zwecke verfolgte, in dem
Schriftstücken, den zahlreichen Veröffent- ◗ 7.4.1938 Gesetz zur Wiederherstellung nicht Juden Mitglieder und sehr oft auch
lichungen von Gernot Römer, Zeitzeuge- des Berufsbeamtentums: „Beamte, die in der Vorstandschaft waren.“
nerinnerungen und anderen Quellen ent- nicht arischer Abstammung sind, sind in Der Schulleiter Dr. Germann im
nommen. Unsere Spurensuche kann nicht den Ruhestand zu versetzen.“ Jahresbericht 1933/34:
den Anspruch historischer Forschung er- ◗ Verbot des Bezugs von Ehestands-
füllen. Deshalb wurden Beurteilungen darlehen. „Die gewaltigen Geschehnisse des Jahres,
oder Deutungen nicht eingefügt. Die Da- ◗ Verbot der Arbeit als Steuerberater und die nationalsozialistische Revolution, die
ten und Tatsachen sprechen jedoch für weiterhin als Beamte zu amtieren, soweit Schaffung eines neuen Staates und einer
sich. Sie geben ein Panoptikum verschie- sie nicht vor 1914 schon Beamter, Front- neuen deutschen Volksgemeinschaft erleb-
dener Ereignisse und Sichtweisen wieder. kämpfer des 1. Weltkriegs oder Vater ten Lehrer und Schülerinnen in tiefster
Es sind Mosaiksteine, die sich mit dem bzw. Sohn eines Gefallenen waren. seelischer Ergriffenheit mit. Zahlreiche
Wissen von der Zeit des Nationalsozialis- Dr. Albert Dann, Vater von zwei Schü- Feiern und Gedenkstunden vertieften die-
mus und persönlichen Vorstellungen zu lerinnen, die das MTG besuchten, erin- se Erlebnisse und stärkten die Liebe und
einem subjektiven Bild zusammenfügen. nerte sich in Palästina 1944 (Auszüge): Treue zum deutschen Volk und Vaterland
Das tägliche Leben der jüdischen Schüle- „Es bestand in jüdischen Kreisen großes und zu seinem großen Führer Adolf Hitler
rinnen, das Klima an der Schule, im Leh- Kunstverständnis. Man konnte Theater ... Am 26. Mai erinnerten wir durch An-
rerkollegium, in der Stadt, einengende und öffentliche Konzerte unbeanstandet sprachen in den Klassen und durch Teil-
Gesetze und Vorschriften, Berufsverbote, besuchen; ja es wurde sogar sehr bedau- nahme an einer Rundfunkfeier an den
Auswirkungen auf die Familie, all das Freiheitskämpfer Leo Schlage-
lässt sich in diesen Momentaufnahmen er- Die jüdischen Mädchen aus der Klasse IIIb: Margarete ter und seinen Heldentod am 26.
spüren. Bloch, Karola Goldstein, Lisbeth Kaufmann, Marianne Mai 1923. Der 28. Juni 1933
Landauer, Gertrud Loeb, Susette Schwab, Liselotte Stein
Das Schuljahr 1933–34 und Margarete Wassermann.
veranlasste zu eingehenden
Ausführungen über das schänd-
Augsburg hatte im Jahr 1933 ca. 1200 jü- liche Versailler Friedensdiktat
dische Bürger. Davon sind etwa 450 aus- und zu ernster Mahnung. Am
gewandert. Deportiert wurden etwa 450 Samstag, den 24. Juni 1933 fei-
bis 600, von denen fast keiner überlebte. erte unsere Schule auf dem
Antisemitische Tendenzen waren in Rennbahnplatz an der Haunstet-
Augsburg schon vor der „Machtergrei- ter Straße das ›Fest der deut-
fung“ der Nationalsozialisten am 30. Ja- schen Jugend‹, das Wettkämpfe,
nuar 1933 spürbar: Elisabeth Dann und Spiele, turnerische Vorführun-
ihre Schwester Sophie wurden bereits gen und eine Ansprache des Be-
1919 aus antisemitischen Gründen von richterstatters umfasste.“
den „Wandervögeln“ ausgeschlossen (ob- Bek. d. Staatsm. f. Unt. u. Kult. v.
wohl sich der Ortsverband dagegen 11.08.1933 Nr. VIII 33058 über
Jüdische Schülerinnen in Augsburg
sträubte). Beide waren begeisterte Sänge- Schuljahresbeginn 1932/33 1933/34 den Vollzug des Gesetzes gegen
rinnen und hatten die Ausflüge und Auf- Maria-Theresia-Schule: 27 19 die Überfüllung deutscher Schu-
enthalte im Landheim der Wandervögel A.B. von Stetten’sches Institut: 9 12 len und Hochschulen, hier Be-
im Siebentischwald sehr geliebt. Englische Fräulein: - - schränkung des Zuganges nicht-
Der jüdische Friedhof wurde zweimal, Franziskanerinnen St. Maria Stern: - 2 arischer Schüler:
1924 und 1930, geschändet. Jüdische Dominikanerinnen St. Ursula: - 2 „... dürfen vom Schuljahr
Bürger wurden 1924 von Nationalsozia- Städt. Mädchenrealgymnasium: 6 5 1933/34 an in allen öffentlichen
Jüdische Schüler in Augsburg
listen auf offener Straße überfallen, es Schuljahresbeginn 1932/33 1933/34
und privaten Schulen mit Aus-
wurde versucht in die Wohnungen einzu- Städt. Höhere Handelsschule: 10 8 nahme der Pflichtschulen
dringen. St. Anna: 2 2 nichtarische reichsdeutsche
Am Beginn des Schuljahres 1932/33 St. Stephan: 5 6 Schüler nur mehr in beschränk-
waren an den staatlichen, städtischen und Realgymnasium: 19 19 ter Zahl neu aufgenommen
privaten höheren Lehranstalten in Bayern Oberrealschule: 1 - werden. Zuviel aufgenommene
unter den Schülern 1 319 (2,34% der Jun- (Amtsblatt des Bayer.Staatsministeriums Schüler sind sobald als möglich
für Unterricht und Kultus 1933)
gen) als „Israeliten“ verzeichnet, unter zu entlassen ...“

: antifaschistische nachrichten 20-2005 7


Der Bundeswehr-Einsatz am
Kölner Dom hat sich als relati-
ves Desaster für die Truppe er-
Bundeswehr sauer:
wiesen. Die Propaganda-Show an
der Heimatfront mit Soldatengottes- Gute Akustik auf dem
dienst, Rekrutengelöbnis und Gro-
ßem Zapfenstreich ging nicht ohne
antimilitaristische Kommentare über
Roncalliplatz in Köln
die Bühne. Gelöbnis und Zapfen- den Militärs auch im Vorfeld schon zu Köln war ja nicht die einzige Stadt, die
streich wurden durch Trillerpfeifen verdeutlichen versucht. Zu einem unge- die Truppe im Rahmen der Feiern zu „50
und bis in die Mitte des Platzes gut störten Ablauf muss die Truppe in die Jahre Bundeswehr“ heimsucht. Bundes-
hörbare Gesänge der Gegendemons- Kaserne gehen. Ansonsten hört sie den weit werden seit Juli bis noch zum Stich-
trantInnen („rabimmelrabammelra-
bumm“) ins Lächerliche gezerrt.

Zusätzliche heimlich vorbereitete Aktio-


nen offenbarten Sicherheitslücken im
von Bundeswehr, Polizei und Stadt be-
reits seit letztem Jahr vorbereiteten
Spektakel. „Der erste Protest, der auch
auf dem Roncalliplatz deutlich zu sehen
ist, kommt von der Gästetribüne: Die
drei Ratsmitglieder der Linkspartei ent-
rollen eine Pace-Fahne. Nach wenigen
Sekunden sind die Feldjäger da“,
schreibt die taz. Aber es kommt noch di-
cker. Die Eidesformel der Rekruten wird
von einer Tröte auf dem Dom unterbro-
chen. Zwei Aktivisten aus Ostwestfalen
zeigen in lichter Höhe ein Transparent
mit einer provokativen alternativen Ei-
desformel: „Wir geloben zu morden, zu
rauben, zu vergewaltigen“. Die Bundes-
wehr-Oberen schäumen. Die beiden ris-
kieren Strafverfahren wegen Beleidi-
gung sowie wegen Hausfriedensbruchs,
das das mit der Bundeswehr eng verban-
delte Domkapitel anstrengen will. Auf
den Prozess darf man gespannt sein. Be-
suche bei Zwangsprostituierten durch
KFOR-Angehörige auf dem Balkan sind
kein Geheimnis. Um Aktionen der Kom-
mando Spezialkräfte KSK an der Seite
von US-Spezialkräften in Afghanistan
wird zwar ein großes Geheimnis ge-
macht, aber die Ausbildung zu gezielten
Liquidierungen ist offensichtlich. Und
auch zu den Bombenflügen der auf dem
Roncalliplatz versammelten Luftwaffe
gegen Belgrad 1998 sollte eine Tuchol-
sky-Ansicht als freie Meinungsäußerung
gelten können.
In der Presseberichterstattung uner- „Sound der Demokratie“, der nach Ver- tag 12. November, an dem im Jahr 1955
wähnt bleibt eine weitere Einzelaktion sammlungsgesetz hierzulande (noch) er- die ersten Rekruten in die Bonner Erme-
am Abend während des Zapfenstreiches: tönen kann. keilkaserne marschierten, mehr als 50
Aus einem der Luxuszimmer des Dom- Die Bundeswehr nahm das nicht so Jubelfeiern abgehalten. Die Resonanz in
hotels wird plötzlich ein antimilitaristi- sportlich, ihr Pressesprecher beklagte überregionalen Medien war dabei gleich
sches Transparent gehängt („50 Jahre sich in den Nachrichten des WDR-Fern- Null – bis auf die skandalöse Live-Über-
Bundeswehr – kein Grund zum Feiern“). sehens über die unwürdigen Aktionen tragung des Zapfenstreichs von Magde-
Der Tag bestätigte die Prognosen des gegen Soldaten, die ihr Leben für unser burg durch den MDR.
„Kölner Bündnis gegen Militärspekta- Land riskieren. Markus Gross, Sprecher Durch die Klagen von Christen und
kel“. Das Rheinland und besonders der des antimilitaristischen Bündnisses, antimilitaristischem Bündnis, die ganztä-
Platz am Kölner Dom sind für die Erobe- durfte in der Sendung antworten: Wenn gigen Protestaktionen von 6 Uhr mor-
rung des öffentlichen Raumes durch die die Bundeswehr den öffentlichen Raum gens bis nach 21 Uhr ist das Thema 50
Bundeswehr der falsche Platz. Schon die sucht, so muss sie auch die Proteste erlei- Jahre Bundeswehr ins Gerede gekom-
völlig legalen Proteste auf der Domplatte den. men, bis hinein in die „Tagesthemen“.
verhinderten den im Sinne der Bundes- Apropos Presseresonanz: Das intern Da decken sich ja die Ansichten von Ver-
wehr ehrfüchtigen Ablauf der martiali- nicht besonders gut aufgestellte Kölner teidigungsminister Struck mit denen der
schen Zeremonien. Die Kölner Polizei Bündnis kann zufrieden sein, vielleicht Friedensbewegung. Er fordert wie wir
nahm den Ablauf sportlich und hatte das sogar auch der Gegenpart Bundeswehr. immer wieder, dass die Gesellschaft über

8 : antifaschistische nachrichten 20-2005


die Veränderung des Auftrags der Trup- Freispruch des Landgerichts
pe, über „Verteidigung am Hindukusch“ Koblenz bestätigt
und wahrscheinliche tote deutsche Sol-
daten eine innenpolitische Auseinander- Koblenz. Am 8. Juni 2004 hat-
setzung führen müsse. ten Friedensaktivisten am Flie-
Mit Beiträgen von Claudia Haydt (In- gerhorst im rheinland-pfälzi-
formationsstelle Militarisierung IMI) auf schen Büchel an die dort stationierten
der Kundgebung am Alter Markt und An- Bundeswehrsoldaten einen Aufruf zur
sprachen auf der Domplatte (Warum sind Befehlsverweigerung verteilt: „Aufruf
wir eigentlich dagegen) haben wir unse- an alle Bundeswehrsoldaten des Jagd-
ren Teil versucht und beim durchaus ge- bombergeschwaders 33 (Büchel)“. Un-
spaltenen Publikum heftige Diskussio- terschrieben war der Aufruf von über 50
nen ausgelöst. Auch das der „Sound der UnterzeichnerInnen, die ein breites
Demokratie“. Spektrum der bundesdeutschen Frie-
Fortsetzung ist übrigens bei der Kom- densbewegung abdecken.
mandeurstagung der Bundeswehr am Ziel des Aufrufs war, an die in Büchel
10./11. Oktober in Bonn, wo „50 Jahre stationierten Bundeswehrsoldaten zu ap-
Friedensarmee“ von Bundespräsident pellieren, von ihrer Beteiligung an der
Köhler, EU-Beauftragtem Solana und völkerrechts- und grundgesetzwidrigen
Minister Struck gewürdigt werden und nuklearen Teilhabe abzulassen, um da-
bei den zentralen Feierlichkeiten am 26. mit ihrer rechtsstaatlichen Verantwor-
Oktober in Berlin. tung Rechnung zu tragen. Mit der Be-
reithaltung von Kampfflugzeugen, um
Die aktuellen mit diesen im sogenannten Ernstfall die
Infos dazu fin- dort lagernden US-amerikanischen
den sich unter Atombomben einzusetzen, verstößt die
www.friedens- Bundeswehr gegen das Völkerrecht, un-
kooperative.de sere Verfassung sowie den Nichtverbrei-
tungsvertrag. Die Anklage, die folgte,
Der Autor, lautete auf Öffentliche Aufforderung zu
Mani Stenner, Straftaten nach § 111 StGB in Verbin-
ist Geschäfts- dung mit der Aufforderung zur Gehor-
führer des samsverweigerung, Ungehorsam, Meu-
Netzwerk terei, Verabredung zur Unbotmäßigkeit,
Friedens- eigenmächtiger Abwesenheit und Fah-
kooperative ■ nenflucht nach dem Wehrstrafgesetz.
Am 23. November 2004 wurden vier
Fotos: arbei- der Friedensaktivisten vom Amtsgericht
terfotografie Cochem verurteilt. Die Urteile: Her-
mann Theisen (45 Tagessätze à 30
Euro), Martin Otto (40 Tagessätze à 10
Euro ), Hanna Jaskolski (ein Monat
Haft), Dr. Wolfgang Sternstein (zwei
Monate Haft). Bei gleichem Delikt – so
der Richter – ergäbe sich das unter-
schiedliche Strafmaß aus dem Vorstra-
fenregister.
Die Revisionsverhandlung vor dem
Landgericht Koblenz führte zu einem
Kölner CDU empört sich: Freispruch für die Angeklagten.
Bei der Verhandlung vor dem Ober-
„Das ist der Geist, der Deutschland nicht regieren darf!“ landesgericht, das am 28.9.05 über das
In einer Pressemitteilung hat die Kölner treter dieser Linkspartei mit unlauteren Revisionsbegehren der Staatsanwalt-
CDU das Verhalten der PDS-Ratsmit- Auftritten aufwarten. schaft gegen diesen Freispruch des
glieder beim Bundeswehr-Gelöbnis am Die PDS-Vertreter stellten sich damit Landgerichts entscheiden sollte, hat der
Hohen Dom zu Köln als empörend, aber auf eine Stufe mit den streitbaren Randa- 1. Strafsenat des Oberlandesgerichts Ko-
nicht wirklich überraschend bezeichnet. lierern, die mit ihrer angeblich toleranten blenz die Revision verworfen und die
„Das kann nicht das Verhalten eines Weltanschauung die Ehre der Kathedrale Freisprüche bestätigt. Die vorgetragene
demokratischen Ratsherrn sein, ein Ge- störten und vom Balkon des Domes Pro- Begründung des Gerichts geht in der Ar-
löbnis der Bundeswehr stören zu wollen. testplakate entrollten. gumentation über das Landgerichtsurteil
Wer sich so verhält, zeigt unmissver- Schließlich diene die Bundeswehr seit in einigen wichtigen Punkten sogar noch
ständlich, wie intolerant und ablehnend 50 Jahren dem Frieden in Deutschland hinaus und dürfte neue Maßstäbe für
er unserer Demokratie gegenüber gesinnt und in Europa. Als Beispiel dafür fallen Aktionen der Antiatombewegung und
ist.“, macht da Walter Reinarz als Vorsit- Reinarz hier allerdings nur „die Einsätze deren Beurteilung setzen.
zender der Kölner CDU deutlich. der Bundeswehr bei den Hochwassern Sobald das Urteil des Oberlandesge-
Reinarz wolle gar nicht darüber nach- der 90er Jahre gerade in Köln oder Sach- richts schriftlich vorliegt, wird es auf der
denken, welche Auswirkungen die Betei- sen oder an die Hilfeleistungen bei ande- Website von Hanna Jaskolski: www.jas-
ligung der kommunistischen PDS/Links- ren Katastrophen und Notfällen“ ein. kolski.de/prozess.htm zu lesen sein.
partei an einer SPD-Bundesregierung zitiert nach Pressemitteilung Zusammengestellt nach Informa-
habe, wenn schon die kommunalen Ver- der CDU Köln ■ tionen von Hanna Jaskolski ■

: antifaschistische nachrichten 20-2005 9


Linkspartei Bad Ganders-
heim fordert Verbot des NPD Jugendbibliothek – Gera
Aufmarsches in Göttingen
Am 29. Oktober soll in Göttingen
e.V. sagt Dankeschön!
ein NPD-Aufmarsch stattfinden –
über 60 Organisationen wollen Die Jugendbibliothek Gera, die ges Engagement, ohne finanzielle Ge-
dies nicht unwidersprochen hinnehmen. auch von uns durch ein kostenlo- genleistungen. Jeden Mittwoch- und
Die Linkspartei Bad Gandersheim kriti- ses Abo unterstützt wird, hat ihre Samstagnachmittag ist geöffnet. Für je-
siert in einem Offenen Brief an den Arbeit aufgenommen und schrieb uns den 3. Samstag im Monat ist ein Vortrag
Oberbürgermeister, dass die Stadt Göt- dazu: oder eine Lesung mit politischen The-
tingen den geplanten Aufmarsch der „Dank der Spendenbereitschaft vieler men geplant. Aber auch an anderen Wo-
NPD und anderer Neonazis durch Göt- Genossinnen und Genossen, aus nahezu chentagen füllt sich der Terminkalender
tingen am 29. Oktober 2005 nicht mit ei- jeder Ecke von Deutschland bekamen immer mehr an. Diskussionsrunden zum
nem Verbot belegt hat, sondern den ver- wir Sach-, Zweck- und vorwiegend Bü- aktuellen Geschehen, Seminar- und kul-
anstaltern sogar eine Demonstrationsrou- cherspenden. So zahlreich, das wir mo- turelle Veranstaltungen, von malen, mu-
te u.a. durch einen Teil des Universitäts- mentan alle Hände voll zu tun haben, al- sizieren bis hin zu Spielenachmittagen
viertels der Stadt Göttingen zu gewiesen les zu katalogisieren und einzusortieren. und nicht zu vergessen, für die jüngsten
hat. In ihrer Pressemitteilung dazu heißt Für diese Solidarität ein ganz herzliches Gäste: Programm für die Kinder.
es: „Wir, die Linkspartei Bad Ganders- Dankeschön. Jeder sozialen Gruppierung bieten wir
heim, sind einer der über 60 Organisatio- Jedoch ist es noch dringend erforder- an bei uns vorbeizuschauen. Unser
nen, die den Aufruf „29.10.2005 – Göt- lich, um letztlich sämtliche Betriebskos- Hauptziel ist es, diese zu bündeln: „ge-
tingen zeigt Gesicht – Gegen NPD und ten auf Dauer abdecken zu können, auch meinsam streiten – gemeinsam feiern –
andere Nazis“ mit unterzeichnet haben so viel wie möglich Fördermitglieder zu gemeinsam arbeiten“. Unter uns haben
und zu Protesten gegen den Naziauf- gewinnen. Wenn uns viele Menschen wir das längst erreicht. Wir sind Jugend-
marsch aufrufen. Wir finden das Handeln mit einem regelmäßigen kleinen Spen- liche und jung Gebliebene aus den ver-
der Stadt Göttingen fatal. In unseren Au- denbetrag von nur wenigen Euro jeden schiedensten linken Organisationen. Am
gen stellt es ein Signal an die NPD und Monat unterstützen, können wir optimis- Stadtrand von Gera haben wir eine schö-
an die sog. „nationalen Kameradschaf- tischer in die Zukunft der Jugendbiblio- ne, idyllische Räumlichkeit, wo Wiese
ten“ dar, das sie mehr oder minder hoffä- thek – Gera e. V. blicken. und Wald sich anschließen und diese ide-
hig macht. Mit Schrecken denken wir an Regional in Ostthüringen sind wir eine al für größere Veranstaltungen Platz bie-
das nun zu befürchtende Handeln von wirtschaftlich scheintote Zone, ohne ten.
rechtsextremistischen Kräften während nennenswerte Perspektiven, mit enormen Bereits mehr als 5.000 linke Bücher
der Kommunalwahlen im nächsten Jahr. Sozialkahlschlag in allen Schichten der und fast sämtliche aktuellen kapitalis-
Die Linkspartei hat OB Jürgen Danie- Bevölkerung. Ein idealer Nährboden für muskritischen und antifaschistischen
lowski aufgefordert, noch einmal über Fundamentalismus. Die Stadt Gera und Zeitungen und Zeitschriften, stehen inte-
ein Verbot nachzudenken. U.a. aus fol- das Umland haben leider eine sehr extre- ressierten Lesern in unserer Bücherei
genden Gründen: me und straff organisierte Neonaziszene. kostenfrei zur Auswahl. Vorwiegend ha-
1. Die Route soll durch das Universitäts- Schulkinder begeistern sich für rassisti- ben wir DDR-Literatur: von Kinderbü-
viertel der Stadt Göttingen führen, in sche Demagogie, sei es durch das Eltern- chern bis zu schöngeistigen Romanen,
diesem Bereich befinden sich viele al- haus, bzw. dessen Freundeskreis. Es ist von Militärgeschichte bis hin zu den ty-
ternative Wohngemeinschaften. die alte Leier. Restvorkommen an staatli- pischen Vertretern der politischen Klas-
2. Die Route soll am ehemaligen Volks- cher und kommunaler Kinder- und Ju- sik. Besonders liebevoll gestalten wir un-
freundehaus der SPD und der Gewerk- gendarbeit haben sich längst verantwor- sere „Botschaften“ von: Chile, Vietnam,
schaften vorbeiführen. tungslos verkommerzialisiert, erziehen Venezuela, Nordkorea, China, Kuba und
3. Ebenfalls soll der Aufmarsch am ehe- den Menschen eher zu Habgier, Gleich- Sowjetunion. Ganz speziell hierzu su-
maligen Wohnsitz des Verfolgten des gültigkeit und Kanonenfutter. Deswegen chen wir immer etwas, je aktueller, um
Naziregimes, des ehemaligen OBs der haben wir uns als engagierte junge Men- so begeisterter. Idee ist, diese Botschaf-
Stadt Göttingens und des Ehrenbür- schen zusammengeschlossen, um etwas ten mit Andenken und Büchern aus den
gers Göttingens Arthur Levi vorbei- Bewusstsein Schaffendes, was die Bil- jeweiligen Regionen entsprechend aus-
führen. dung fördert, Multiplikatoren motiviert, zustatten. Auch wenn Sie einen bestimm-
4. Ebenso soll der Marsch in der Nähe antifaschistische Kultur aufbaut und ten Wunsch haben, fragen Sie uns nach
des Ortes entlanggeführt werden, an bündelt zu errichten, mittels einer Ju- Thema, Autor oder Titel, und wir helfen
dem die Nationalsozialisten ihre Bü- gendbibliothek. ihnen gerne weiter.“
cherverbrennung durchgeführt haben. Unsere Bücherei ist noch sehr jung. Marco Schaub ■
Der „Kameradschaftsführer“ und Mit- Im Juni dieses Jahres war die Eröff- Kontakt zur Jugendbibliothek Gera e.V.,
glied des NPD Bundesvorstandes, Thors- nungsfeier. Wie schon in den Monaten GP - Keplerstraße 34-36
ten Heise, wird sicherlich in Zukunft die- vor der Einweihung, als auch jetzt kön- 07549 Gera – Thüringen
se Freiräume nicht ungenutzt lassen. nen wir uns über das stetige Wachstum Telefon: 0365 8352065
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister am Interesse seiner Nutzer und Mitglie- E - Mail: buch-gera@web.de
Danielowski, heißt es in dem Offenen der aus Stadt, Umland und Region nur www.jugendbibliothek-gera.7to.de
Brief, „erinnern Sie sich an den Be- freuen. Wir, die jungen Betreiber, das Einige Veranstaltungen 2005:
schluss des Stadtrates der Stadt Göttin- sind: Schüler, Auszubildende, Studenten, 19.10., ab 14.00 Uhr: Kolonialgeschichte Deutsch-
gen, der sich klipp und klar gegen jegli- Arbeitslose und sozial benachteiligte lands; 19.11., ab 14.00 Uhr Das Potsdamer Abkom-
che Aufmärsche von Neonazis gewandt Menschen. Wir haben etwas gemeinsam men und die EU ; 26.11., ab 20.00 Uhr Video-
hat. Wir erwarten von Ihnen, wir appel- aufgebaut, sehr zum Erstaunen mancher abend; 17.12., ab 14.00 Uhr Geschichte des Viet-
lieren an Sie: Handeln Sie, verbieten Sie eingestaubter älterer Genossen. Die ge- namkrieges; 31.12., ab 14.00 Uhr Silvesterparty
umgehend den geplanten Aufmarsch der samte Arbeitsleistung beim Aufbau und Öffnungszeiten:
NPD durch Göttingen.“ nun zum Betrieb unserer Bücherei, er- Mittwochs von: 16.00 – 20.00 Uhr
PM Linkspartei Bad Gandersheim ■ folgt einzig und alleine durch freiwilli- Samstags von: 14.00 – 18.00 Uhr

10 : antifaschistische nachrichten 20-2005


: ausländer- und asylpolitik

Aktionstour schreckung, Hinderung an der Einreise


und Erleichterung der Abschiebung sind
gegen Flücht- die Ziele derjenigen, die diese Lager pla-
nen und betreiben. Während der Rede-
lingslager beiträge kam es durch aggressives Fil-
men der Polizei zu einer angespannten
Stimmung und statt zu deeskalieren, rea-
Mecklenburg-Vorpommern. Am gierte die Polizei mit drei Festnahmen.
Sonntag, den 25. September beteiligten Weitere Verhaftungen wurden angedroht.
sich in Mecklenburg-Vorpommern rund Um eine Eskalation zu verhindern, bra-
300 Menschen an Kundgebungen vor chen die VeranstalterInnen die Kundge-
den Flüchtlingslagern Horst bei Boizen- bung früher als geplant ab. Vier Busse
burg und Schwerin-Görries sowie an der und mehrere PKWs setzten sich in Be-
Abschlussdemonstration in Schwerin. wegung, um nach Schwerin weiter zu
Zu der zweitägigen „Aktionstour gegen fahren.
das europäische Lagersystem“ hatte das Auch die Flüchtlinge, die in Schwerin-
No-Lager-Netzwerk, das Komitee für Görries in einem Containerlager leben
Grundrechte und Demokratie und diver- müssen, wurden zunächst von einem Po-

M
se Flüchtlings- und Menschenrechtsor- lizeiaufgebot mit kläffenden Hunden am ehrere tausend Menschen, weni-
ganisationen aufgerufen. Verlassen des Lagers gehindert und er- ger, als von den Veranstaltern er-
Bereits im Vorfeld und auch am Sonn- neut drohten Festnahmen. Erst nach Pro- wartet, demonstrierten am 17.9.
tag wurden Flüchtlinge in beiden Lagern testen der DemonstrantInnen und Ver- in Amsterdam gegen Fremdenfeindlich-
von den Behörden massiv eingeschüch- handlungen mit der Polizei durften keit und Rassismus. Aufgerufen hatten
tert und mit Repressionen bedroht. Flüchtlinge an der Kundgebung und ei- zahlreiche Migrantenorganisationen, sie
nem Picknick teilnehmen. wurden unterstützt von Kirchen, jüdi-
Mit Verspätung fuhr der Konvoi in die schen Organisationen und linken Parteien.
Schweri- Seit dem 11.9. habe die Konfrontation ge-
ner In- genüber den Migranten im Allgemeinen
nenstadt, und den Muslimen im Besonderen erheb-
wo dann lich zugenommen, heißt es in dem Aufruf.
lautstark In keinem europäischen Land gibt es so
und bunt viele rassistische Angriffe wie in den Nie-
die Ab- derlanden. Vor allem die Regierungspoli-
schluss- tik sei für die grundlegende Klimaver-
demons- schlechterung und die zunehmende antiis-
tration lamische Stimmung verantwortlich, kriti-
Informationsblätter wurden ein- stattfand. siert das Bündnis „Genug ist genug“. So
gesammelt, vor dem Kontakt mit Erst nach werden die Integrationskosten einseitig
BesucherInnen aus dem No-Lager-Netz- Ende der auf die Zuwanderer abgewälzt, die Auf-
werk gewarnt und Strafen angekündigt, Veranstal- enthaltsregelungen z.B. für Frauen ver-
falls Flüchtlinge an den Aktionen teil- tung wur- schärft. In Vorbereitung sind Gesetze ge-
nehmen würden. Bei beiden Flüchtlings- den die gen die Gründung islamischer Schulen
lagern wurden für den gesamten Tag Be- beiden vor oder die Abschiebung von Menschen mit
suchsverbote verhängt. In Horst kam es dem Lager niederländischer Staatsbürgerschaft, die
kurzzeitig zu Auseinandersetzungen zwi- Horst in aus den Antillen stammen. Geplant sind
schen Polizei und Kundgebungsteilneh- Gewahr- auch Freiheitsbeschränkungen ohne kon-
merInnen, nachdem ein Polizist pene- sam ge- kreten Verdachtsgrund. Einige der verab-
trant in die Kundgebung schritt, um Nah- nommenen Demonstrationsteilnehmer schiedeten Gesetze bzw. Gesetzesvorha-
aufnahmen von TeilnahmerInnen zu ma- wieder freigelassen. ben verstoßen eindeutig gegen die Euro-
chen. Dabei gab es drei Festnahmen Das No-Lager-Netzwerk wird, zusam- päische Menschenrechtskonvention.
Trotzdem kamen aus dem Lager Horst men mit einem breiter werdenden Spek- Quelle und Bilder: Indymedia Niederlande,
viele Flüchtlinge vor das verschlossene trum an Flüchtlings- und Menschen- Homepage von Genug ist genug ■
Tor und ca. 15 von ihnen fuhren in Bus- rechtsorganisationen, weiter Lager als
sen mit nach Schwerin. Sie berichteten Nicht-Orte, die der Menschenwürde wi-
von den Bedingungen im bisher als Erst- dersprechen, kritisieren und aufsuchen.
aufnahmeeinrichtung dienenden, jetzt Damit wollen wir versuchen, die Isolati-
aber in eine Art Abschiebezentrum um- on der in den Lagern internierten Men-
gewandelten Lager Horst, in das 2006 schen zu durchbrechen und gemeinsam
auch alle Flüchtlinge, für die Hamburg mit ihnen für Bewegungs- und Nieder-
zuständig ist, verlegt werden sollen. Red- lassungsfreiheit, gegen Abschiebungen,
nerInnen stellten einen Zusammenhang für ein Bleiberecht und menschenwürdi-
her zwischen dieser Aus-Lagerung von ges Wohnen für alle kämpfen.
Flüchtlingen aus den europäischen Me-
tropolen in die Wälder und der geplanten Nähere Infos zum Aktionstag, zu frü-
und z.T. bereits praktizierten Internie- heren Aktionen und zum deutschen, eu-
rung von Flüchtlingen und MigrantInnen ropäischen und globalen Lagersystem
in nordafrikanischen Wüstencamps. Ab- findet ihr unter www.nolager.de ■

: antifaschistische nachrichten 20-2005 11


Flüchtlingsproteste in Neuburg
Lechleiter-
„Wir wollen fair und ge- Gedenkfeier
recht behandelt werden“ 2005
Flüchtlinge aus Neuburg ha-
ben genug von Lageralltag, Mannheim. Zum Entsetzen der etwa 60
Entmündigung und Abschie- Anwesenden war das Lechleiterdenkmal,
bungen. Am 24.9.205 demonstrierten vor dem man sich versammelte, mit ei-
sie zusammen mit Karawane und nem großen Hakenkreuz verschmiert. Vor
Flüchtlingsrat für „Gerechtigkeit und der Veranstaltung – es waren erst ein paar
Fairness“. Anlässlich der Aktionstour wenige Menschen anwesend – fuhr ein
gegen Lager kam es in weiteren Städ- einschlägig bekannter Neonazi vor, ver-
ten zu Protesten. teilte frech Visitenkarten, äußerte sich er-
freut über die Denkmalschändung und
Ca. 100 Menschen nahmen an der De- verschwand wieder. Eine Strafanzeige
monstration teil. Nach etwas müdem Gegen unmenschliche Bedingungen wurde erstattet, das Denkmal ist inzwi-
Auftakt vor dem Lager wurde es immer in der Gemeinschaftsunterkunft für schen wieder gereinigt. Der Vorfall zeigt
lauter und emotionaler, als die Innenstadt Asylbewerber demonstrierten am jedoch drastisch, dass die Nazis in Mann-
der bayerischen Kleinstadt erreicht wur- 24.9.2005 rund 100 Betroffene in heim keineswegs lockerlassen. Die Nie-
de. Während die Frequenz der „Lager – Neuburg/Donau. derlagen der letzen Jahre auf der Straße
Abschaffen“ – Rufe höher wurde, erhiel- versuchen sie offensichtlich mit derlei fei-
ten die NeuburgerInnen die erste Ausga- dern ihnen auch jegliche Selbstbestim- gen Aktionen zu kontern. Sicherlich woll-
be der „Neubürger Nachrichten“ – so- mung nimmt. Die 40 Euro Taschengeld ten sie auch noch wegen der verspäteten
wohl in dem Lokalzeitungsfake als auch im Monat werden ihnen unter verschie- NPD-Kandidatur zur Bundestagswahl auf
in Reden machten die Asylsuchenden der denen Vorwänden häufig gekürzt oder sich aufmerksam machen. Dass die Neo-
Unterkunft Donauwörthstraße auf ihre ganz gestrichen. nazis ihr Publikum haben, zeigt das Wahl-
Probleme aufmerksam. Durch Arbeitsverbote und den Grund- ergebnis: NPD und REP hatten mit zu-
„Weniger als 1% der Asylsuchenden satz des „nachrangigen Zugangs“ zum sammen 3.463 Zweitstimmen gegenüber
in Bayern werden anerkannt. Der Rest Arbeitsmarkt wird es ihnen praktisch un- 2002 eine Steigerung um fast 40% – alles
wird aufs strengste bestraft, indem sie möglich gemacht, selbst für ihren Le- andere als ein Zeichen der Entspannung.
Jahrzente lang in einer Sammelunter- bensunterhalt zu sorgen. Aber auch wer tht ■
kunft für Hunderte wie eine Ware zusam- Arbeit findet, hat keine Chance, dem La- Aus dem Redebeitrag von
mengepfercht werden und Verpflegung gerleben zu entkommen, da es verboten Elke Kammigan (VVN-BdA)
in einer Kiste bekommen“ erklärt Savio ist, aus den Unterkünften auszuziehen.
Debia (Name geändert) den Neuburger Mit der Residenzpflicht werden sie daran Heute vor 63 Jahren wurden 14 Mitglie-
BürgerInnen. gehindert, den Landkreis zu verlassen : der der Lechleiter-Gruppe in Stuttgart
Er selbst ist Bewohner des Lagers in wer ohne Reisegenehmigung erwischt hingerichtet – ermordet. Die Angehörigen
Neuburg – einer der größten „Unterkünf- wird, zahlt hohe Geldstrafen. Zu den erfuhren es durch Plakate, die überall hier
te für Asylsuchende“ in Bayern. 400 menschenunwürdigen Wohnverhältnis- in Mannheim an den Plakatsäulen hingen.
Menschen, deren Staatsangehörigkeiten sen kommt noch die alltägliche Diskri- Diese Gruppe war die größte Wider-
die Kriegs- und Krisenregionen der letz- minierung und Kriminalisierung durch standsgruppe während des Krieges in
ten 20 Jahre auf der ganzen Welt reprä- die Behörden. Süddeutschland. Wie viele ihr wirklich
sentieren, sind in vier zweistöckigen Ba- www.karawane.net angehörten, bekamen die Nazis nicht he-
racken der alten Kaserne untergebracht. raus.
Wie in allen anderen Lagern, sind die Aus einer Erklärung, die 97 Bewohner Was waren das für Menschen? Es wa-
Flüchtlinge in Neuburg auf die staatliche der Gemeinschaftsunterkunft in Neu- ren Frauen und Männer wie wir: Arbeiter
Versorgung mit Essenspaketen angewie- burg/Donau unterschrieben. und Angestellte, Schriftsetzer, Schlosser,
sen, die nicht nur unzureichend ist, son- • Wir protestieren gegen die Betrach- Fräser, Gärtner, Hausfrauen, Dreher,
tung und Behandlung wie einen Gegen- Rentner, Werkmeister, Krankenpfleger,
stand, den es nur auszubeuten gilt und Zimmerleute, Packer, Sie hatten Familien
gegen die ständigen Demütigungen. Wir und Kinder, so u.a. Anton Kurz zwei Söh-
betonen hiermit, dass wir Schutz bedürf- ne von 10 und 12 Jahren, Max Winterhal-
tige Menschen sind, und wir verlangen, ter zwei 15- und 20-jährige Kinder und
dass man uns auch so annimmt. Rudolf Maus drei Kinder zwischen 2 ½
• Wir richten unsere Proteste zunächst und 16 Jahren, Jacob Faulhaber und Da-
an die zuständige UNHCR Stelle in niel Seizinger hatte je zwei Töchter. Ruth,
Deutschland und andere Menschen- Tochter von Emma und Jacob Faulhaber
rechtsorganisationen und erbitten ent- verlor bei MWM nach der Ermordung ih-
sprechende Hilfe, unsere Rechte vertei- res Vaters ihre Lehrstelle. Sie wurde raus-
digen zu können. geschmissen. Sie alle waren Menschen
• Rein vorsorglich möchten wir auch mit Träumen und Wünschen. Es waren
darauf hinweisen, dass wir nunmehr un- mutige Menschen mit viel Zivilcourage.
sere Rechte als Flüchtlinge zu verteidi- Außer diesen 14 Ermordeten wurden
gen entschlossen sind, sollten unsere be- zuvor Hans Heck und Fritz Grund wäh-
scheidenen Wünsche unberücksichtigt rend der Verhöre von der Gestapo erschla-
und unerfüllt bleiben. gen. Albert Fritz, Ludwig Neischwander,
97 BewohnerInnen ■ Richard Jatzek, Bruno Rüffer und Hen-

12 : antifaschistische nachrichten 20-2005


waren gefüllt mit Todesanzeigen von Ludwig Moldrzyk wurde direkt beim
im Krieg Gefallener. Lanz vom Arbeitsplatz weg verhaftet. Da-
In der vierten und zugleich der nach wurde versucht, Hans Heck aus der
letzten Ausgabe des „Vorboten“ vor Spätschicht beim Lanz zu warnen. Jedoch
der Verhaftung der Gruppe, im De- durfte auf Nazianweisung keiner den Be-
zember 1941, hieß es beispielsweise: trieb verlassen. Der Sozialdemokrat Jacob
„Die wahren Herrscher vom Dritten Glaser hatte von der Verhaftung Mol-
Reich, die Herren von Kohle und Ei- drzyks erfahren. Er ließ sofort von ande-
sen mitsamt ihrem willfährigen ren Antifaschisten aus den Spinden der
Schwarm mittlerer und kleinerer beiden alle Papiere herausnehmen und
Ausbeuter haben unter der Naziherr- verbrennen. Frau Ludwig Wacker ließ ei-
schaft geradezu unglaubliche Profite nen „Vorboten“ in einem Härteofen ver-
aus den Knochen der Arbeiter heraus schwinden. Dazu gehörte nicht nur großer
geschunden…“ Es wurde auf die Ka- Mut, sondern auch eine tief empfundene
pitalverdoppelung bei den Firmen Solidarität. Nach den Verhaftungen und
Lanz, Grün und Bilfinger, bei Stein- Hinrichtungen gab es keinen organisierten
zeug und anderen und die damit ver- Widerstand mehr. Aber 1943 und 44 wur-
bundene Verdoppelung der Dividen- de gerade beim Lanz wieder Geld für die
riette Wagner gehörten ebenfalls zur de verweisen. Und das in einer Zeit, in der Familien der Ermordeten gesammelt.
Lechleiter-Gruppe. Sie wurden im Pro- die Arbeiter von Lohnstopp, steigenden Auch das wäre schwer bestraft worden,
zess im Oktober 1942 verurteilt. Mitange- Preisen und ständig knapper werdenden wenn es heraus gekommen wäre.
klagt war auch Willi Probst. Er wurde in Lebensmittelrationen betroffen waren. Und die Täter?
der Nacht vor dem Prozess umgebracht; Das und anderes, vor allem Argumente
ihm wurde der Magen eingetreten. Die gegen den Krieg und die Vision eines so- Was wurde aus den furchtbaren Richtern,
anderen wurden am 24. Februar 1943 hin- zialistischen Deutschlands haben die Ver- aus den Mördern der SS und der Gestapo?
gerichtet. Henriette Wagner lebte in der fasser aufgegriffen. Einige wurden für kurze Zeit interniert
Heinrich-Lanz-Str. und war von einem Diese Inhalte des „Vorboten“, die Ver- und waren dann frei. Kurt Burchardt,
Nachbarn denunziert worden, der sie zu- bindung der Arbeiter untereinander, in Hauptdenunziant, Unterscharführer der
sammen mit Georg Lechleiter auf dem den verschiedensten Betrieben, zu auslän- Waffen-SS: Er hatte das Vertrauen von
Balkon gesehen hatte. Ihr letzter Wunsch, dischen Zwangsarbeitern und Kriegsge- Daniel Seizinger gesucht und brachte den
noch einmal ihren Sohn zu sehen, der im fangenen, einfach die Verbreitung der „Vorboten“ direkt nach Berlin. Er wurde
Krieg war, wurde ihr von der Gestapo ver- Wahrheit, das war für die Nazis zu viel zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt,
weigert. und zu gefährlich. Sie schlugen zu. Be- zwei Jahre davon wurden ihm für die In-
Außer den 19 zum Tod Verurteilen be- fohlen von höchster Stelle, dem Reichssi- ternierung angerechnet. Wie lange und ob
kamen acht der Angeklagten lange Zucht- cherheitshauptamt in Berlin. er in einem Arbeitslager war, ist nicht be-
hausstrafen, andere landeten im KZ oder Die Familien kannt. Sondergerichtsvorsitzender und
kamen in das berüchtigte Strafbataillon Senatspräsident Hermann Cuhorst, der in
999. Zurück blieben Frauen und Kinder in gro- Stuttgart in 16 Verhandlungen Todesurtei-
Was hatten sie getan? ßer Not, Trauer und Zorn auf diese Ver- le fällte, wurde wegen fehlender Beweise
brecher. Die Frauen wussten größtenteils freigesprochen, die Unterlagen waren ver-
Die meisten arbeiteten in Großbetrieben – wenn auch keine Einzelheiten – von der brannt. Er verlor lediglich seine Beamten-
wie MWM, Bopp und Reuther, Lanz, Ka- Tätigkeit ihrer Männer. Sie haben ge- rechte, die er Anfang 1960 wieder zurück
bel und Draht, Brown und Boverie, im schwiegen. Ihren Kindern wurde nun die haben wollte. Das wurde ihm verweigert.
Strebel-Werk, bei Neidig und auf der Ausbildung verweigert oder sie wurden Fast alle blieben im Amt, allenfalls mit ei-
Schiffswerft. Viele kannten sich auch von fristlos entlassen. Die jüngeren Kinder der ner kurzen Unterbrechung. Sie bekamen
vor 1933. Sie waren Kommunisten, Sozi- Ermordeten mussten in der Schule große entweder dicke Pensionen oder fanden
aldemokraten, Parteilose. Viele hatten Qualen erleiden. Ihre Väter wurden als Verwendung in der bundesdeutschen Jus-
schon KZ hinter sich. Trotzdem wehrten Verbrecher diffamiert und die selbst ver- tiz. Und wen wundert es da, dass unsere
sie sich weiter. Zu Beginn des Krieges unglimpft. Wie konnten Kinder das ver- Justiz fast durchgängig – bis auf wenige
1939 sammelten sie Geld für Familien po- stehen? Zumal die Mütter ihnen auch Ausnahmen – auf dem rechten Auge blind
litisch Verfolgter. nicht zu viel sagen konnten. Anette Lan- ist, die jüngeren Beamten beeinflusst
Mit Beginn des Krieges gegen die gendorf wurde zwei Tage nach der Ermor- durch die Älteren?
UdSSR beschlossen sie die Herausgabe dung ihres Mannes für fast fünf Wochen Zivilcourage gegen neonazistische
der Zeitung „Der Vorbote“. Dies war ins Gefängnis gebracht und kam noch Gefahr
schon länger vorbereitet worden. Käthe 1944 in das Frauen-KZ Ravensbrück.
Seitz, Philipp Brunemer, Jacob Faulhaber, Auch die Frau von Richard Jatzek wurde ... Unter furchtbaren Bedingungen haben
Rudolf Langendorf und Georg Lechleiter abgeholt und einige Zeit festgehalten. Hil- die ermordeten Antifaschisten und die
u.a trafen sich auf der Neckarwiese in de Jansen, Tochter von Käthe Seitz, deren Überlebenden Zivilcourage und Mut be-
Heidelberg oder bei den Langendorfs im Großvater und Eltern hingerichtet waren, wiesen. Sie haben sich gegen furchtbare
Garen. Andere fungierten als Kuriere, wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verur- Zustände gewehrt, sind ihrem eigenen
Zeitungsverteiler, hörten Radio Moskau teilt, wegen Abhörens feindlicher Sender. Gewissen gefolgt. Auch wenn heute zum
und London. Ihre aktive Mitarbeit in der Lechleiter- Glück ganz andere Verhältnisse herr-
Diese Informationen wurden über den Gruppe blieb den Nazis unbekannt. Sie schen, brauchen wir noch immer Zivil-
„Vorboten“ unter dem Motto „Hitler hat hatte die Matrizen besorgt, auf denen ihre courage, um ns gegen unsoziale Entwick-
den Krieg begonnen – Hitlers Sturz wird Mutter den „Vorboten“ geschrieben hatte. lungen – ich nenne nur Hartz IV – gegen
ihn beenden“ verbreitet. Der reale Verlauf Hilde kam nach Hagnau im Elsass, wurde Kriegseinsätze, Ausländerhass und Anti-
des Krieges wurde kommentiert, wie das dort von ihrem späteren Ehemann und semitismus zu wehren. Diese Entwicklun-
Kapital am Krieg verdiente, während die Freunden aus dem Zuchthaus befreit. Bei- gen müssen wir stoppen, damit wir alle
Bevölkerung Opfer personell und mate- de waren bis Kriegsende bei Antifaschis- gemeinsam eine Zukunft haben, vor allem
riell bringen musste. Die Tageszeitungen ten im Schwarzwald versteckt. aber unsre Kinder. ■

: antifaschistische nachrichten 20-2005 13


: neuerscheinungen, ankündigungen
Sein Fazit: „Der wirkliche
Kampf gegen die NPD muss
in der Gesellschaft und von
In einigen Regionen „Ignorieren hilft nicht“ der Gesellschaft geführt wer-
den, in Städten und Dörfern,
erodiert längst die Aus mehreren Gründen sei auf Schulhöfen und an Bus-
Demokratie die NPD die modernste wartehäuschen. Wenn sich
Neues Buch über den rechtsextremistische Partei in dort niemand für Demokratie
Aufstieg der NPD in der der Bundesrepublik gewor- und Menschenrechte einsetzt,
ehemaligen DDR den. Ihr Programm habe die haben die Rechtsextremisten
von Thomas Klaus Ideen der Neuen Rechten auf- schon gewonnen.“ ■
gesogen. Schon 1979 machte
Wenn die rechtsextre- sich der NPD-Parteitag die Toralf Staud, Moderne Na-
mistische NPD in Sozialismusthesen der „Jun- zis, 232 Seiten, Kiepenheu-
Landtage einzieht, ist gen Nationaldemokraten“ er & Witsch, Köln, 2005,
das nicht das eigentliche Pro- weitgehend zu eigen. Und ISBN 3-462-03638-6, 8,90
blem. Und wenn sie – wie bei dieser Ideologie-Mix aus So- Euro
der jüngsten Bundestagswahl zialismus und Nationalismus neunziger Jahre einer der
- nicht die Fünf-Prozent-Hür- traf in der ehemaligen DDR wichtigsten rechtsextremisti-
de überspringen kann, sollte auf sehr günstige mentale und schen Musikverleger. „Den Häftlingen
das auf keinen Fall zur Ent- gesellschaftliche Vorausset- Und Drittens „baut“ die
warnung führen. Diese Ge- zungen. („Die NPD hat eine NPD seit einigen Jahren auf das Leben zur Hölle
sichtspunkte unterfüttert To- Vision – eine schlimme zwar, aktuelle Themen wie zum machen“
ralf Staud in seinem Buch aber sie hat wenigstens Beispiel Proteste gegen Neue Biographie über die
„Moderne Nazis – Die neuen eine.“) Zweitens „schwimmt“ den Irak-Krieg oder gegen ersten Kommandanten der
Rechten und der Aufstieg der die NPD inmitten einer vita- Hartz 4. Konzentrationslager im
NPD“. Auf 232 Taschenbuch- len Jugendkultur, die sich aus Architekt des Aufschwungs Emsland
Seiten befasst sich der „Zeit“- der kleinen Skinhead-Szene der NPD ist ihr seit 1996 am- von Thomas Klaus
Redakteur schwerpunktmäßig entwickelt hat. Am Äußeren tierender Bundesvorsitzender
mit den Erfolgen der NPD in seien Nazis nicht mehr Udo Voigt. „Seit Franz Dass im November
den neuen Bundesländern. zwangsläufig erkennbar, und Schönhuber war kein Politi- 1933 Polizei-Hundert-
In einigen Regionen Ost- auf rechtsextremistischen De- ker der extremen Rechten schaften in das Ems-
deutschlands sei die NPD monstrationen werde auch mehr so erfolgreich.“ Autor land ausschwärmten, um in
„auf einem schleichenden schon mal deutsche Popmu- Staud beschreibt ihn als Tak- dortigen Konzentrationsla-
Vormarsch“. Dort erodiere sik oder HipHop gespielt. Ge- tiker und Machtpragmatiker, gern die Ablösung der von
längst die Demokratie, so der rade die rechte Rockmusik der das tut, was im jeweiligen der SS gestellten Wachmann-
Autor. wirkte und wirkt aufstachelnd Moment nützlich erscheint. schaften und Lagerkomman-
Gefährlich sei die NPD – im wahrsten Sinne des Wor- Voigt könne seine Eitelkeit danten zu erzwingen – es war
weniger wegen ihres neuerli- tes. Denn: „Nicht selten hetz- zügeln und sei ein „pragmati- ein einmaliger Vorgang in der
chen Landtags-„Engage- ten die Texte rechte Jugendli- scher Fundamentalist“, der Geschichte des Naziregimes.
ments“. „Gefährlich ist die che direkt zu Mord und Tot- wirklich glaube, dass er das Die Polizisten führten dabei
NPD, weil sie an einer Fa- schlag auf.“ deutsche Volk retten müsse. Befehle von Hermann Göring
schisierung der ostdeutschen Zusammengezählt dürften Der NPD-Chef lässt jedoch und Adolf Hitler aus, die die
Provinz arbeitet. In einigen alle Rechtsrock-Alben der keinen Zweifel daran, dass er Zustände in der Frühzeit der
Gegenden ist sie schon ziem- vergangenen Jahre in die jetzige Gesellschaftsord- so genannten Emslandlager
lich weit gekommen.“ Das Deutschland eine Gesamtauf- nung in der Bundesrepublik nicht mehr hinnehmen woll-
gelte vor allem für Teile lage von zwei Millionen er- nicht verbessern, sondern ten. Trotz der Einmaligkeit
Sachsens, aber auch für Re- reicht haben. Hinzu kommen überwinden wolle. O-Ton: der Ereignisse vom Herbst
gionen in Brandenburg, Thü- Raubkopien und im Internet „Wir empfinden das Gegen- 1933 ist über die ersten Kom-
ringen, Sachsen-Anhalt und frei bereit stehende MP3-Da- wärtige als so negativ, dass mandanten der Konzentrati-
Mecklenburg-Vorpommern. teien. „NPD und Rechtsrock wir nichts daran finden, was onslager in Börgermoor, Es-
Dort müssten beispielsweise sind eine nahezu symbioti- sich lohnen würde, es zu er- terwegen II, Esterwegen III
Punker oder mit Afrikanerin- sche Beziehung eingegan- halten.“ und Neusustrum bislang
nen verheiratete Deutsche gen“, meint Toralf Staud. Er In dem Schlusskapitel sei- kaum etwas bekannt gewor-
sehr tapfer sein, wenn sie den weist unter anderem darauf nes Buches plädiert Toralf den. Nun hat der Oldenburger
Alltag ertragen wollten. hin, dass der Parteiverlag Staud dafür, die Gegner der Historiker Dr. Hans-Peter
Die Nazis arbeiteten an ei- „Deutsche Stimme“ einen NPD sollten sich ernsthaft Klausch ein Buch verfasst,
ner gleichgeschalteten Ge- Versand betreibt, der auch mit Programm und Propagan- dass diese Wissenslücke
sellschaft, strebten die Erfül- Musik anbietet. Im Musikbe- da auseinander setzen. „Igno- schließen soll. „Täterge-
lung des völkischen Ideals an. reich erwirtschaftet die rieren hilft nicht“, und reiße- schichten“ ist in der Edition
Dabei könnten sie sich teil- „Deutsche Stimme“ mittler- rische Illustriertenstorys oder Temmen (Bremen) erschie-
weise auf starke Rückende- weile 15 bis 25 Prozent des empörte Politikerrituale nen.
ckung von „normalen“ Bür- Verlagsumsatzes. Das wären machten die NPD größer, als In erster Linie war der SS-
gern und aus der Mitte der 250.000 Euro pro Jahr. Seit sie sei. Staud stellt fest: „Für Standartenführer Paul Brink-
Gesellschaft verlassen. März 2005 fungiert Jens Püh- das Selbstbild und den Zu- mann (Jahrgang 1891) bei der
Toralf Staud: „Die NPD se als Geschäftsführer des sammenhalt der rechten Sze- Nazi-Führung in Misskredit
und ihre Weltanschauung mö- Verlages. Pühse hatte seine ne ist es ungemein wichtig, geraten. Er amtierte von Au-
gen in den Parlamenten iso- Karriere einst bei der verbote- sich als Märtyrer aufführen gust bis November 1933 als –
liert sein, in der Bevölkerung nen „Nationalistischen Front“ zu können.“ Verbote brächten einziger – KZ-Oberlagerkom-
sind sie es nicht.“ begonnen und war Mitte der praktisch nichts. mandant des Deutschen Rei-

14 : antifaschistische nachrichten 20-2005


ches. Den erwähnten Polizeieinsatz hat- vor. Nach der Funktion im KZ arbeitete als verlangt wurde zu tun; ja, den Häft-
te er maßgeblich herauf beschworen. der gelernte Zimmermann, der ebenfalls lingen das Leben zur Hölle zu machen“.
Ihm unterstellte SS-Männer waren auch 1929 Mitglied der NSDAP geworden Im Dezember 1965 wurde Emil Faust
vor Ausschreitungen gegenüber der ems- war, hauptamtlich bei der Deutschen vorzeitig aus der Haft entlassen. Wenige
ländischen Zivilbevölkerung nicht zu- Arbeitsfront. Später zog er sich aus dem Monate später starb er.
rück geschreckt. aktiven SS-Dienst in das Private zurück. In einer Analyse der Kommandanten-
Noch 55 Jahre später zeigte sich der Aus nationalsozialistischer Sicht stand Biographien stellt Hans-Peter Klausch
damalige Bürgermeister von Papenburg er stets im Schatten seines Bruders Fritz. fest, dass die Ingenieure Brinkmann und
und NSDAP-Kreisgeschäftsführer Ri- Der war als Höherer SS- und Polizeifüh- Fleitmann aus der Mitte der Gesellschaft
chard Janssen empört über das Beneh- rer Weichsel treibende Kraft des Mas- gekommen seien. Demgegenüber waren
men der SS-Leute. „Das waren ausge- senmordes an den Juden Galiziens. der Zimmerer Katzmann und der
sprochene Rabauken“, schimpfte er. Da- Heinrich Katzmann starb 1974 im Alter Schlosser Seehaus Angehörige der Ar-
mals versuchte Janssen, die SS-Männer von 75 Jahren. beiterschicht. Kommandant Faust hinge-
über den Oberlagerkommandanten stop- SS-Sturmführer Ludwig Seehaus gen „war schon früh in lumpenproletari-
pen zu lassen. Doch diese Bemühungen (Jahrgang 1897), Kommandant des sche Kreise abgerutscht“, hatte auch un-
blieben erfolglos. Entweder wollte oder Konzentrationslagers Esterwegen III, ter der Naziherrschaft immer wieder Är-
konnte Paul Brinkmann sich nicht war bereits im Juli 1925 in die NSDAP ger wegen seiner Disziplinlosigkeit und
durchsetzen. eingetreten. Als KZ-Kommandant wollte Temperamentausbrüche. Sämtliche
Weltkriegserfahren und arbeitslos er sich durch eine besondere Grausam- Kommandanten hatten während des Ers-
keit profilieren. So hatte er nach Zeu- ten Weltkrieges als Soldaten oder Offi-
Nach seiner kurzen beruflichen Etappe genaussagen ständig eine Hundepeitsche ziere gekämpft, waren teils schwer ver-
in Papenburg wurde Brinkmann trotz dabei, mit der er wahllos und ohne wundet worden und hatten dafür Orden
des besagten Polizeieinsatzes hauptamt- Rücksicht Häftlinge misshandelte. Von und Ehrenzeichen erhalten. Und alle
licher Mitarbeiter des Reichsluftschutz- Seehaus stammte auch die Idee des Kommandanten hatten das Erlebnis der
bundes, zuletzt als Abteilungsleiter in Häftlings-Sonderkommandos. Das kann Arbeitslosigkeit in der Weimarer Repu-
dessen Präsidium. Im Mai 1941 verun- man als Vorläufer der Strafkompanien blik gemeinsam. Was sie ferner mehr
glückte Paul Brinkmann in Polen tödlich ansehen, die später in fast allen Konzen- oder weniger einte, war der Hang zur
– auf dem Wege zu seinem Kriegsein- trationslagern eingerichtet wurden. Grausamkeit. „Während der Amtszeit
satz in der Sowjetunion. Zuletzt hatte er Im Juli 1934 wurde ihm das Goldene der hier vorgestellten KZ-Kommandan-
in der SS den Rang eines Oberführers. Parteiabzeichen der NSDAP verliehen. ten starben elf Gefangene eines gewalt-
Wenige Monate vor seinem Tode war Neun Jahre darauf wurde Ludwig See- samen Todes“, so Autor Klausch.
dem gelernten Maschinenkonstrukteur haus vermutlich von Partisanen getötet. Das Buch „Tätergeschichten“ ist als
die „Dienstauszeichnung der NSDAP in SS-Obersturmbannführer Emil Faust 13. Band der Schriftenreihe des Papen-
Bronze“ zuerkannt worden. Der NSDAP (Jahrgang 1899) war knapp anderthalb burger Dokumentations- und Informati-
war er bereits 1929 beigetreten. Monate Kommandant des Konzentrati- onszentrums Emslandlager (DIZ) er-
„Ein brutaler Mensch, der rücksichts- onslagers Neusustrum. Vorher wütete er schienen. ■
los und ohne jeglichen Grund auf uns für wenige Wochen als Adjutant des
wehrlose Häftlinge einschlug“ – so lau- Konzentrationslagers Esterwegen II. In Hans-Peter Klausch, Tätergeschichten
tete das Urteil eines ehemaligen Insas- einem 1934 im tschechischen Karlsbad - Die SS-Kommandanten der frühen
sen über SS-Sturmhauptführer Wilhelm publizierten Bericht aus dem Exil hieß Konzentrationslager im Emsland, 320
Fleitmann (Jahrgang 1891), den kurzzei- es: „Im Lager galt er als geistiger Urhe- Seiten, 19,90 Euro, ISBN 3-86108-
tigen Kommandanten des Konzentrati- ber all der verbrecherischen Gemeinhei- 059-1, Edition Temmen (Bremen)
onslagers Börgermoor. Er endete 1944 ten, die in Esterwegen ausgeheckt und
in russischer Kriegsgefangenschaft. durchgeführt wurden.“ Wegen Mordes
SS-Sturmhauptführer Heinrich Katz- und anderer Verbrechen wurde Faust im
mann (Jahrgang 1899) war für kurze November 1950 zu lebenslangem Zucht-
Zeit Kommandant des Konzentrationsla- haus verurteilt. Das Urteil wurde vom
gers Esterwegen II und tat sich dabei Gericht unter anderem damit begründet,
durch Gefangenenmisshandlungen her- dass Faust sich „bemüßigt“ habe, „mehr

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pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
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Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 20-2005 15


: aus der faschistischen presse
Frankreich eingeführt wurde, auch mit
dem Hinweis: „Ein Linksbündnis könnte
es bei Mehrheitswahlrecht nicht geben.“
Das Blatt wartet auf eine oben – eine neue Partei das schaffen soll, Man sollte gut beobachten, was der
neue Partei was die bisherigen nicht geschafft haben „Konvent für Deutschland“ in den nächs-
– sich den Unionsparteien als rechter ten Monaten treibt und genau hinsehen,
Junge Freiheit Nr. 39/05 vom Bündnispartner zu präsentieren. welche Vorhaben die nächste Bundesre-
23. September 2005 gierung angeht. Eine schnelle Wahl-
Chefredakteur Dieter Stein ist höchst un- rechtsänderung ist eher unwahrschein-
zufrieden mit dem Wahlausgang – vor al- Olaf Henkel will anderes lich. uld ■
lem beunruhigt ihn das Abschneiden der
Linkspartei: „Das Wahlergebnis zeigt Wahlrecht
Durchhalteparolen und
weiterhin, dass es eine strategische linke Junge Freiheit Nr. 40/05 vom
Mehrheit gegen Union und FDP gibt. So- 30. September 2005 Querelen
bald die PDS/Linke ... auch auf Bundes- Der frühere BDI-Präsident Olaf Henkel REP-Vorsitzender Schlierer erklärte am
ebene als koalitionsfähig akzeptiert wird, reiht sich die Liste derjenigen ein, die 19.9. zum Wahlergebnis seiner Partei:
gibt es ein neues Linksbündnis. Die SPD dem Blatt mit einem Interview zu Repu- „Wir haben trotz immens erschwerter
hat damit auch in einer möglichen Gro- tation verhelfen. Henkel wehrt zwar alle Bedingungen unser Ergebnis gehalten,
ßen Koalition ein potenzielles Folterin- Versuche des Blattes ab, ihn zu Äußerun- obwohl wir in weniger Bundesländern
strument gegen die Union zur Hand, weil gen gegen die türkische Migrationsbe- antreten konnten als vor drei Jahren. ...
sie mit einem Wechsel des Bündnisses völkerung in der BRD oder gegen den Jetzt fassen wir die Landtagswahlen in
drohen kann. Die Union kann das nicht Türkeibeitritt zu bewegen – im Gegen- Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz
... Bislang hat die Union nicht etwa nur teil, er tritt für den Beitritt der Türkei zur und Sachsen-Anhalt und die hessischen
eindeutig rechtsextreme, sondern auch EU ein und erklärt: „Sie mögen spotten, Kommunalwahlen im kommenden März
bürgerlich-konservative Kleinparteien, aber was wäre, wenn alle Türken plötz- fest und mit ganzer Kraft ins Auge.“
die sich neben ihr zu etablieren versuch- lich nach Hause zurückkehren? Deutsch- So oder so ähnlich wurden die ganzen
ten, fanatisch bekämpft und mit allen land würde stillstehen!“ In seinen Erläu- letzten Wahlniederlagen kommentiert.
Mitteln als Konkurrenten wieder ausge- terungen zur Regierungsbildung und der An der Basis aber rumort es. So findet
schaltet ... Dieses Vakuum ist vorüberge- künftigen Entwicklung vertritt er jedoch sich auf der website des NPD-Kreisver-
hend schon durch Protestparteien wie in äußerst konservative Positionen. Das bandes Heilbronn der Bericht über ein
Baden-Württemberg 1994-2001 oder Blatt stellt fest: „Sie schlagen eine Große Treffen von Mitgliedern der REP am
2001 in Hamburg durch die Schill-Partei Koalition vor.“ Und Henkel führt aus: 19.9. in Dortmund, „aus allen Teilen
gefüllt worden ... Bildet die Union gar „Nicht grundsätzlich, aber in der jetzigen Nordrhein-Westfalens, darunter zahlrei-
eine ,Jamaika‘-Koalition mit FDP und Situation. Unter der Führung von Angela che Kreisvorsitzende, kommunale Man-
Grünen, dann schlägt endgültig die Stun- Merkel und Franz Müntefering ... Diese datsträger sowie Landes- und Bundes-
de parteipolitischer Alternativen für große Koalition muss dann umfangreiche vorstandsmitglieder. Nach einer Lage-
Konservative. Ob sie indes erfolgreich Reformen durchführen, von der Steuer- analyse hätten die Anwesenden die fol-
genutzt wird, steht auf einem anderen über die Föderalismus- bis hin zur Wahl- genden drei Personen zu ihren Sprechern
Blatt.“ rechtsreform. Der Konvent für Deutsch- bestimmt: den stellvertretenden Landes-
Dass die NPD gegenüber 2002 ihr land (eine Gründung Henkels, uld) hat vorsitzenden und Beisitzer im Bundes-
Stimmergebnis vervierfacht hat, aber mit eine Liste der wichtigsten Reformen er- vorstand Daniel M. Schöppe, den Kreis-
1,6% weit vom Einzug in den Bundestag arbeitet ... Wenn die Reformen erfolgt vorsitzenden und Stadtrat von Gelsenkir-
entfernt ist – die Republikaner erhielten sind, die Große Koalition ihre Aufgabe chen, Kevin Gareth Hauer, sowie den
0,6%, die Familienpartei, die mit der erfüllt hat, könnten in zwei Jahren Neu- stellvertretenden Kreisvorsitzenden von
ÖDP fusionieren will, erhielt 0,4% – wahlen stattfinden, um dann mit dem Viersen, Walter Rütten.
macht für das Blatt deutlich, dass auf neuen System neu zu starten.“ Es sei eine Erklärung verabschiedet
dem rechten Parteienflügel keine der be- Henkel wirbt für das Mehrheitswahl- worden, in der das Wahlergebnis als
stehenden Parteien Aussicht auf bundes- recht, wie es in Großbritannien seit lan- „verheerende Niederlage“ gekennzeich-
weite dauerhafte Erfolge hat – und siehe gem existiert und vor einiger Zeit auch in net wird. Gescheitert sei damit „aber
nicht der republikanische Gedanke an
sich. ... Gescheitert ist lediglich eine
kleine Gruppe um die derzeitige Landes-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
vorsitzende, Frau Winkelsett. Ein Neuan-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: fang kann nicht mit jenen Personen ge-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich lingen, welche den Zusammenbruch her-
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
beigeführt haben“, heißt es da. „Daher
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
fordern wir Ursula Winkelsett auf, ... als
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Landesvorsitzende zurückzutreten. Der
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Landesparteitag mit der längst überfälli-
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
gen Neuwahl des Landesvorstandes darf
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) nicht länger verschoben werden, sondern
muß schnellstmöglich einberufen wer-
Name: Adresse: den. Eine neue Mannschaft steht bereit,
um den Wiederaufbau in die Hand zu
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts nehmen.“
Womit vermutlich die Sprechergruppe
Unterschrift gemeint ist. Sollte der Durchmarsch ge-
lingen, ist zu vermuten, dass eine Annä-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
herung an den Deutschlandpakt ange-
strebt wird. u.b. ■

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