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Handelskonzerne in Entwicklungsländern

Hauptsache,
ernstgemeint
Westliche Handelskonzerne kaufen in Entwicklungsländern nicht nur Waren ein,
sondern expandieren dort auch mit ihren Supermärkten. Globalisierungskritiker
prangern die Zerstörung örtlicher Agrar- und Handelsstrukturen an – und stempeln
soziale Projekte oft als Feigenblatt-Aktionen ab. Eine Chance hat nur, wer eine
durchdachte CSR-Strategie vorweisen kann – und den Dialog mit NGOs sucht.

E
igentlich stimmte alles: Eck- Genau das jedoch wurde in der Händler, mit der Branche befasste
hard Cordes, Vorstandschef Berichterstattung über das Metro- PR-Experten und NGOs, wird klar:
des Düsseldorfer Handelskon- Projekt zum Problem: „Hilfsorgani- Das Verhalten von Handelskonzer-
zerns Metro, reiste eigens nach sationen sind skeptisch“, kommen- nen in Entwicklungsländern birgt
Wien. Er hielt eine Rede vor Mitar- tierte die Süddeutsche Zeitung – und ähnlichen Zündstoff wie die Klima-
beitern der UN Industrial Develop- zitierte ausführlich Marita Wigger- debatte. Davor warnt etwa Peter
ment Organization (UNIDO) und thale, Handelsexpertin von Oxfam Engel, Aufsichtsratschef von Engel
vereinbarte mit deren Generaldirek- Deutschland. Die Kritikerin der Ex- & Zimmermann. Die Agentur berät
tor Kandeh Yumkella eine Koopera- pansion europäischer Handelskon- unter anderem Edeka, KiK, Euro-
tion – vor den Kameras der interna- zerne in Entwicklungsländer ist Au- nics und Hornbach – und war vor
tionalen Presse. torin einer kurz zuvor erschienenen einigen Jahren der erste PR-Dienst-
Oxfam-Studie, die die Metro-Aktivi- leister des umstrittenen Discounters
Metro und UNIDO wollen Bau- täten in Indien hinterfragt. Lidl.
ern und Lebensmittelherstellern in Metro verfolge mit seiner CSR-
Entwicklungsländern zeigen, wie Initiative ausschließlich eigene Inte- Hiesige Konsumenten interessie-
sie internationale Qualitätsmaß- ressen, es gehe um Marktanteile, warf ren sich zunehmend für die Lieferket-
stäbe erreichen – sprich: alles zum Wiggerthale den Düsseldorfern in ten internationaler Handelsimperien.
Thema Kühlkette und hygienische der Süddeutschen vor. Der Konzern Glaubt man Kritikern, drohen den
Lagerung. „Ein erster, wichtiger bringe Agrarkooperativen und Le- Entwicklungsländern nämlich dra-
Schritt, tausenden Menschen eine bensmittelhersteller in Ägypten, Ka- matische soziale und ökologische Fol-
gesunde und geregelte Ernährung sachstan, Pakistan und Indien bloß gen: Unternehmen wie Metro, Wal-
zu ermöglichen“, so Cordes. Yum- auf Linie, um sie später in seine mart, Tesco und Carrefour bauen
kella lobte den Partner als Unter- Beschaffungsorganisation einzuglie- alle gleichzeitig Filialnetze in Wachs-
nehmen mit „langjähriger Erfah- dern – mit UN-Unterstützung. tumsmärkten auf – und krempeln so
rung in der Qualifikation von Für Metro waren die Berichte ein
Lieferanten“. Vor allem sei Metro kleines Ärgernis an der Peripherie Aus Sicht von Kritikern expandieren
auch „ein verlässlicher Abnehmer der öffentlichen Wahrnehmung – westliche Handelskonzerne etwa in
für die Waren“. sollte man meinen. Doch fragt man Indien auf Kosten kleiner Läden.

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Handelskonzerne in Entwicklungsländern

Fotos (2): Thomas Imo/photothek.net

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Handelskonzerne in Entwicklungsländern

Die Ankläger die traditionellen Agrar- und Han-


delssysteme der Kleinbauern, Tante-
Emma-Läden und Wochenmärkte
der Herstellung seiner Waren ab.“
Kritiker bezweifeln das: Im April
klagten Verbraucherschützer und
um. „Die Branche läuft unweigerlich Bürgerrechtler erfolgreich vorm
auf eine Konfrontation zu – in den Landgericht Heilbronn – gegen an-
Entwicklungsländern selbst, aber geblich unlautere Lidl-Werbung mit
auch hierzulande“, sagt Engel. fairen Arbeitsbedingungen bei Zu-
lieferern in der Dritten Welt. Die
Starten Handelskonzerne nun Medienwelle folgte prompt – ein

I m Jahr 1942 gegründet, 1995 als Oxfam Inter-


national neu aufgestellt. Die unabhängige Hilfs-
und Entwicklungsorganisation mit Hauptsitz im
CSR-Projekte, die mehr Schein als
Sein sind, ist das für die Unterneh-
weiterer Beleg für das öffentliche
Interesse an dem Thema.
men extrem gefährlich. Die Öffent- Oxfam-Expertin Wiggerthale hält
britischen Oxford kämpft für gerechtere Welthan-
lichkeit ist sensibilisiert, Meldungen die meisten CSR-Projekte von Han-
delsregeln und gegen Armut in Entwicklungs-
über Missstände bei einem Zuliefe- delsfirmen in Entwicklungsländern
ländern. Handelsunternehmen hat Oxfam schon
rer in Asien oder Afrika verbreiten für Leuchtturmprojekte: „Für sich
oft für ihren Umgang mit Bauern und Lieferanten
sich durch den Brandbeschleuniger genommen sicher gut. Aber die Un-
vor Ort kritisiert. Ende 2009 legte sich die NGO in
Internet wie ein Lauffeuer. ternehmen ändern ihre Geschäfts-
der Studie „Zur Kasse bitte“ unter anderem mit
„Schlimmstenfalls ruft eine NGO politik eben nicht grundsätzlich – sie
Metro wegen deren Geschäftspolitik in Indien an.
zum Boykott auf“, sagt Engel. nehmen keinen Kurswechsel vor.“
www.oxfam.de
„Wenn zehn Leute im Netz ihre Be- Glaubt man ihr und anderen NGO-
kannten bitten, bei bestimmten Vertretern, hat es vielmehr System,
Handelsketten nicht mehr zu kau- dass westliche Konzerne soziale Pro-
fen, und das setzt sich im Schnee- bleme erst verursachen: „Sie wollen
ballsystem nur fünfmal fort, gibt es möglichst niedrige Preise. Und sie
schon eine Million Kaufverweigerer. verfügen über eine enorme Nachfra-
Und so ein Boykott ist in ein paar gemacht. Also diktieren sie ihren

A uf Initiative niederländischer Organisationen


1989 entstanden, gehören der Clean Clothes
Stunden zu organisieren.“
Dass sich die Konzerne über-
Lieferanten die Konditionen.“

Campaign (CCC) heute 300 Partner in zwölf euro- haupt in Entwicklungsländern sozial Die Folgen schildern NGOs wie
päischen Ländern an. Ihr Ziel: bessere Arbeits- engagieren, zeigt für Engel immer- Oxfam oder die Clean Clothes Cam-
bedingungen in der weltweiten Bekleidungs- und hin, dass die Wirtschaft sensibler paign (CCC) in Reports: Textilpro-
Sportartikelindustrie. Im Februar 2009 veröffent- wird. Versandhändler Otto baut dem- duzenten in Asien und Bananenfar-
lichte CCC eine Studie über die Geschäftspraktiken nächst gemeinsam mit Friedens- mer in Afrika beuten Mitarbeiter
von Discountern wie Walmart, Carrefour, Lidl und nobelpreisträger Muhammad Yunus und Umwelt demnach aufs Übelste
Aldi (Titel: „Kassensturz“). Sie werfen den Händ- in Bangladesch eine Textilfabrik aus – trotz Sozial- und Ökostan-
lern vor, Arbeitnehmer in Entwicklungsländern nach sozialen und ökologischen dards westlicher Händler. CCC zi-
systematisch auszubeuten. Standards auf. Lidl führt seit 2006 tiert einen indischen Walmart-Zulie-
www.cleanclothes.org fair gehandelte Produkte und unter- ferer: „Natürlich hat der Einkäufer
stützt Projekte der bundeseigenen einen Verhaltenskodex. Wenn wir
Gesellschaft für technische Zusam- versuchen, den einzuhalten, können
menarbeit (GTZ). wir auch zu Hause bleiben. Keine
Produktion würde mehr stattfinden.“
Zudem ist der Discounter, wie Solche Kritik findet ihren Weg
Konkurrent Aldi, Mitglied der Busi- schon jetzt in die Medien. Und die

I m Jahr 2008 schlossen sich 23 NGOs und ness Social Compliance Initiative NGOs sind auf dem Sprung: „Wir
Gewerkschaften zur Supermarktinitiative zusam- (BSCI), einer vom europäischen werden uns 2010 auf das Thema Ein-
men. Oxfam hat eine Führungsrolle. Die Initiative, Außenhandelsverband gegründeten kaufsmacht konzentrieren“, kündigt
die hauptsächlich aus einer aufwendigen Internet- Organisation, die einheitliche soziale Oxfam an. Man will Selbstverpflich-
plattform besteht, prangert unfaire Einkaufsprakti- Mindeststandards in Entwicklungs- tungen erzwingen, einen Verhal-
ken von Lebensmittelhändlern an und fordert die ländern umsetzen und Lieferanten tenskodex für den Handel, notfalls
Einhaltung sozialer und ökologischer Standards in vor Ort kontrollieren soll. Presse- gesetzliche Regeln. In der so genann-
der gesamten Lieferkette, auch in Entwicklungslän- chefin Petra Trabert unterstreicht: ten Supermarktinitiative haben sich
dern. Aus ihrer Sicht sind unfaire Praktiken un- „Lidl ist sich seiner sozialen Verant- 24 NGOs zusammengetan, um gegen
trennbar mit dem Geschäftsmodell vor allem der wortung bewusst und lehnt jegliche „unfaire Einkaufspraktiken“ vorzuge-
Discounter verbunden. Form von Kinderarbeit oder Men- hen (siehe „Die Ankläger“, links).
www.supermarktmacht.de schen- und Arbeitsrechtsverletzun- Die Aktivisten arbeiten schon am
gen in den Produktionsstätten bei nächsten Thema: Was passiert, wenn

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Tesco, Carrefour und Metro die Ent- Für Cornelia Arras-Hoch, bei der fen, um den Kritikern die Metro-
wicklungsländer sogar mit Super- Agentur Johanssen + Ketschmer für Sicht zu erläutern. Aus einem ein-
märkten erobern? Wiggerthale, die CSR zuständig, ist es sinnvoll, wenn fachen Grund: „Die Globalisierung
auch in der Supermarktinitiative Konzerne ihr soziales und ökologi- könnte nach der Nachhaltigkeit das
eine führende Rolle spielt, verfasste sches Engagement direkt an ihr Ge- nächste große Thema der öffent-
schon 2007 im Auftrag des Evange- schäftsmodell anbinden. Denn die lichen Debatte werden“, sagt er. Als
lischen Entwicklungsdiensts (EED) Vorwürfe der NGOs
eine Studie zu den Folgen einer sol- zielten meist nicht
chen Expansion. Darin attackierte auf die Kommunika- „Die Handelsbranche läuft auf eine
sie Metro und andere scharf. 2009 tion, sondern auf Konfrontation zu – in den Entwicklungs-
folgte die Oxfam-Studie zu Indien, in die CSR-Strategie. ländern, aber auch hierzulande.“
der Metro erneut sein Fett abbekam. Diese muss aus
ihrer Sicht erstens Peter Engel,
Engel & Zimmermann
Metro-Kommunikator Michael das Denken und
Inacker nimmt die Aktivisten ernst. Handeln der Verant-
Zwar sei die Presseresonanz auf die wortlichen vor Ort
Oxfam-Kritik am Indien-Engage- bestimmen. Zweitens müsse das Un- Erfolg für Metro kann man werten,
ment nicht groß. „Aber so etwas ternehmen bereit sein dazuzulernen. dass sich Oxfam für eine weitere
bleibt im Archiv. Und wenn dem- Und drittens müssten die Zulieferer Handelsstudie über den Konzern
nächst ein Journalist die Stichwörter in der CSR-Strategie verankert sein auch Informationen von Inacker
,Metro + Indien‘ googelt, dann stößt – „ist das nicht der Fall, sollte man und seinen Leuten geholt hat.
er schnell auf diese Studie“, sagt er. die Strategie überdenken“, so Arras- Inacker sieht einen „generellen
Inacker versucht, mit Argumen- Hoch. Trend, die Nachfragemacht interna-
ten gegenzuhalten: „Es waren einige „Wer sich ernsthaft seiner um- tionaler Konzerne zu thematisieren“.
inhaltliche Fehler in dem Oxfam- fassenden Verantwortung stellt, be- Gegen die drohende Entrüstungs-
Papier“, sagt der frühere Vizechef- treibt keine Feigenblatt-Aktionen“, welle empfiehlt PR-Berater Peter
redakteur der WirtschaftsWoche. Vor sagt die Beraterin. „Rein selbstloses Engel, Verbündete in den Entwick-
allem habe Oxfam nicht deutlich ge- Handeln ist unglaubwürdig.“ Unter- lungsländern zu suchen. „Unter-
macht, dass Metro ein Großhändler nehmen müssten ihre Motive für nehmen sollten enge Kontakte zu
sei, der seinerseits Läden in Indien CSR-Aktionen erklären – wie Metro lokalen Behörden pflegen, zu Wirt-
beliefere. „Wenn es für kleine und bei seinem UNIDO-Projekt. „Das schaftsverbänden und Gewerkschaf-
mittlere Händler in Indien eine Eigeninteresse des Unternehmens ten.“ Und natürlich zu NGOs.
Chance gibt, dann sind wir das.“ muss deutlich werden.“
Metro beziehe 70 bis 80 Prozent Arras-Hoch rät Konzernen drin- Wie Versandhändler Otto. „Der
seiner Waren vor Ort. „Wir sind auf gend, den Dialog mit NGOs zu su- Bereich Corporate Responsibility
die Kräfte und Betriebe dort ange- chen und Kritiker ernstzunehmen: führt den Dialog mit NGOs und Ver-
wiesen – wir bilden sie aus, damit „Es lohnt sich oft, die Argumente bänden“, sagt PR-Chef Thomas
Voigt. Die Kommunikation vor Ort
übernehmen so genannte CR Mana-
ger Buying Markets. Im Herbst 2009
„Die Globalisierung könnte nach der
gründete Otto in Bangladesch ein
Nachhaltigkeit das nächste große Thema
Jointventure mit der Firmengruppe
der öffentlichen Debatte werden.“
von Friedensnobelpreisträger Mu-
Michael Inacker, hammad Yunus. Die Otto Grameen
Metro
Textile Company soll ab 2011 in der
Hauptstadt Dhaka Kleidung für den
Export produzieren: in einem CO2-
ihre Produkte das nötige Qualitäts- und Ansinnen der Gegenseite in neutralen Gebäude, mit wasserscho-
niveau erreichen.“ UNIDO unter- einem persönlichen Gespräch ge- nenden und energieeffizienten Ma-
stütze das Projekt, weil Landwirte nauer kennenzulernen, die Vorwürfe schinen. Von den Gewinnen sollen
und Lebensmittelfabriken ihre nun- auf den Tisch zu legen und darauf vor allem die Angestellten profitieren.
mehr konkurrenzfähigen Produkte hinzuarbeiten, dass Wissensstände Das Thema Sozialverantwortung
nicht nur im lokalen Umfeld, son- gemeinsam abgeglichen werden.“ in Zuliefererländern zwinge Unter-
dern landesweit verkaufen können, Metro-Sprecher Inacker geht die- nehmen, sich für die Einhaltung von
im nächsten Schritt sogar auf dem sen Weg. Er hat sich vor kurzem mit Sozialstandards in der Lieferkette
Weltmarkt. „Das ist für alle gut, Wiggerthale und ihren Kollegen von einzusetzen, so Voigt: „Verbraucher
nicht nur für uns“, sagt Inacker. Oxfam Deutschland in Berlin getrof- erwarten das.“ David Selbach ■

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