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riSS

Zeitschrift für Psychoanalyse Freud . Lacan

Das soziale Band/lien social

25. Jahrgang Heft 77 (2012/I)

Herausgegeben von Andreas Cremonini, Christoph Keul, Michael Schmid

V e r l a g

T u r i a

+

K a n T

W i e n - B e r l i n

riSS

Psychoanalytische Interventionen Freud Lacan 25. Jahrgang Heft 77 (2012/I)

ISBN 978-3-85132-663-5

Impressum:

RISS Psychoanalytische Interventionen Freud Lacan

Hammerstr. 11, CH-4058 Basel

begründet von Dieter Sträuli und Peter Widmer

Herausgeber und Redaktion:

Andreas Cremonini, Christoph Keul, Michael Schmid

VERLAG TURIA + KANT

A-1010 Wien, Schottengasse 3A/5/DG 1 D-10827 Berlin, Crellestraße 14 / Remise Website: www.turia. cc E-Mail: info@turia. cc

D a s

s o z i a l e

B a n D / l i e n

s o c i a l

Inhalt

M I C H A E L

S C H M I D

 

Einleitung: Das soziale Band ist a-sozial

 

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7

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N N E

L E

B I H A N

Diskurs und soziales

Band

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14

J

o S E P H

R o U z E L

Letztlich, es gibt nur das, das soziale

 

29

J

A C q U E S - A L A I N

M I L L E R

 

Psychoanalyse in engem Kontakt mit dem Sozialen

 

44

H

E I D R U N

H E R z B E R G

 

Psychoanalytisch arbeiten in der Familienhilfe – ist das möglich?

 

54

B

E AT M A N z

Von der Psychoanalyse in der Schule zur institutionellen Pädagogik

 

95

B

U c H B e s P R e c H U n G e n

 

WoLFRAM BERGANDE: Das Blinzeln der letzten Menschen Ein Rezensionsessay zu Robert Pfallers Die Illusion der anderen

 

110

RoBERT PFALLER: Über das Blinzeln und dessen Unterscheid zur Theorie Erwiderung auf Wolfram Bergande

125

ToVE SoILAND: Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz.

 
 

Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Historisten

 

(Insa Härtel)

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ERIC L. SANTNER: zur Psychotheologie des Alltagslebens. Betrachtungen zu Freud und Rosenzweig (Daniel Loick)

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A

U T o R E N ,

R E D A K T I o N E L L E

H I N W E I S E

 

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Einleitung Das soziale Band ist a-sozial

Michael Schmid

Das zitat, das die Herausgeber diesem Heft als Motto vorangestellt haben, beginnt mit dem Satz: »Letzlich gibt es nur das, das soziale Band«. Es taucht in einer Nebenbemerkung Lacans über die Unterscheidung von Gesellschaft und Kultur im Kontext seiner Frage auf, die das gesamte Seminar beherrscht: die in anderer Form wieder aufgenommene Ethik der Psychoanalyse, die sich an der »anderen Befriedigung« entzündet. »Die andere Befriedigung«, sagt er an dieser Stelle, »Sie sollten es hören, ist das, was sich befriedigt auf der Ebene des Unbewussten – und zwar inso- fern sich dort etwas sagt und nicht sich dort sagt, wenn es wahr ist, dass es strukturiert ist wie eine Sprache.« 1 Was Lacan dazu gebracht hat, einen Begriff der Soziologie übergangs- los in das zu transferieren, was er das Freudsche Feld genannt hat, bleibt von seiner Seite ohne Aufklärung. Dass der Begriff aber durch diese »Übertragung« eine eigenständige Bedeutung angenommen hat, zeigt sich an der Funktion, die er im Denken Lacans einnimmt. Er sagt, »wenn man einmal bemerkt hat, dass das soziale Band sich nur so einrichtet, dass es sich in der Art und Weise verankert, in der die Sprache sich situiert und sich einprägt, sich situiert auf dem, was grummelt, nämlich das spre- chende Sein«, dann kommt man nicht umhin, anzuerkennen, dass das soziale Band nicht allein unter dem Gesichtspunkt des Gefühls, der Emo- tion, dem zwang der Gruppe betrachtet werden kann, sondern in sei- ner Verankerung im Unbewussten des sprechenden Sein erkannt werden muss. Damit nimmt Lacan den Faden wieder auf, den Freud in »Totem und Tabu« gesponnen hat. Freuds Mythos von der Vorzeit der Gemein- schaft legt die Fäden bloß, die Lacan mithilfe der modernen Linguistik zu einem Band verarbeitet, das er mit dem Diskurs identifiziert: Das soziale Band steht daher nicht einfach in einer Beziehung zum Diskurs, der Dis- kurs ist das soziale Band. Diskurs verstanden in der Form, wie Lacan spätestens seit der Ausformulierung des Begriffs in Seminar XVII davon

1 J. Lacan Seminar XX, Encore, quadriga Verlag, Weinheim 1986, S. 57

spricht. »Ich kann gut sagen, dass dieser Begriff von Diskurs zu nehmen ist als soziales Band, gegründet auf die Sprache, und also nicht ohne Ver- hältnis zu sein scheint mit dem, was in der Linguistik sich spezifiziert als Grammatik [… ]« 2 Der Vater der Vorzeit der Gemeinschaft, der allen Genuss und jedes Recht auf sich vereinigt, ist ein »asozialer« Vater. Erst seine Tötung bringt den »sozialen Vater« der Gemeinschaft hervor, der die Söhne sozialisiert, indem er als toter Vater ein Band stiftet zwischen den Brüdern. Das heißt für Freud nicht, dass es keinen Vater gibt, sondern bedeutet im Gegen- teil, dass der Vater unbewusst und als unbewusste Vorstellung Garant des sozialen Bandes ist, insofern er das »Gesetz der Brüder« schützt. Gemein- schaft geht demnach aus dem Pakt der Brüder hervor, den »Vater« zu töten, um in den Genuss seines Genusses zu kommen bzw. den zugang zum Genießen des Ur-Vaters zu regeln. An die Stelle der Herrschaft des absoluten Genießens des Ur-Vaters tritt ein symbolisches Gesetz, das einerseits an den toten Vater erinnert und andererseits die Söhne befrie- det. Der zentrale Begriff bei Freud ist hier das Schuldgefühl, das zum Regulator für die auf den toten Vater folgende Gemeinschaft wird. Er hätte es nicht in den Begriffen sagen können, die Lacan dafür gefunden hat, die letztlich auch das Freud‘sche Feld überschreiten. Es ist in dem zusammenhang nicht unerheblich darauf hinzuweisen, dass das Kapitel, in dem Lacan folgenden Satz sagt, mit dem Titel überschrieben ist: Das Lacansche Feld: »Nichtsdestoweniger ist klar, dass nichts brennender ist als das, was den Bezug des Diskurses zum Genießen herstellt.« 3 Erst die Einschreibung der Psychoanalyse in die moderne Wissenschaft, in der für Lacan die strukturale Linguistik eine leitende Rolle spielt, erlaubt es, den Mythos Freuds auf die Struktur der Sprache zu beziehen. Auf dem »ver- lorenen Genuss des Vaters« errichten die Brüder eine Gemeinschaftsord- nung, die nichts anderes ist, als eine sprachlich/symbolische ordnung, die das Verhältnis zum Genießen betrifft. Sie regelt den zugang zum Genie- ßen ebenso wie das Verhältnis der Brüder untereinander angesichts des Genießens. Das absolute Genießen des Vaters ist verloren, an seine Stelle tritt das geteilte Genießen der Brüder. Freud hat den Akzent anders gesetzt als wir das hier unter dem Eindruck der Lektüre Lacans tun. Freud legt das ganze Gewicht des Mythos in die Waagschale des Vaters und seine

2 Ibid. , S. 22

3 J. Lacan, Le séminaire XVII, L’envers de la psychanalyse, Éditions du Seuil, Paris 1991,

p. 80. zit. n. einer deutschen Übersetzung von Gerhard Schmitz, unveröffentlicht, Lacan- Archiv Bregenz

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Stellung als toter Vater im Unbewussten des Subjekts und der Kultur. Was er weniger beachtet ist der Stellenwert des verlorenen unmöglichen Genie- ßens des Ur-Vaters, das dem objekt a des Lacanschen Feldes gegenüber- gestellt werden kann mit der Frage, ob es sich hierin wiederkennt. »Dass der tote Vater das Genießen sei, stellt sich uns dar als das zeichen des Unmöglichen schlechthin«, heißt es bei Lacan. 4 Das Band, das die Brüder eint, wäre von dieser Hypothese aus gedacht, ein »a-soziales« Band. a-sozial, weil es im eigentlichen Sinne als soziales Band nur funktioniert, solange es im Subjekt den Bezug zum Verlust herstellt und aufrecht hält. Das sprechende Sein, das »parlêtre« Lacans ist ein Sprechwesen, dessen Konstituierung und Konstitution für Freud wie für Lacan im zusammenhang mit dem toten Vater bzw. dem Namen-des-Vaters gedacht werden muss. »Im Namen des Vaters müssen wir die Grundlage der Symbolfunktion erkennen, die seit Anbruch der historischen zeit seine Person mit der Figur des Gesetzes identifiziert« 5 , heißt es bei Lacan. Unter dem Gesichtspunkt einer Struktur, eines sym- bolischen Gesetzes gedacht, bedeutet dies, dass das Subjekt einer beson- deren Art von Vaterlosigkeit ausgesetzt ist, die zugleich einen Perspekti- venwechsel in das Denken einführt. Der Vater existiert nicht, er ist eine Metapher, der die Beziehung der Geschlechter und der Kinder zu ihren Eltern herstellt und reguliert. Die »zumutung« der Struktur stimuliert für Freud wie für Lacan die Sehnsucht nach dem Vater, die sich seit Jahr- tausenden in den Religionen im Namen Gottes manifestiert. Gott ist aus dieser Perspektive betrachtet eine Antwort auf die Erfahrung der Struktur und auf dieser Ebene Ausdruck einer Vatersehnsucht. Das Bild des großen allmächtigen Vaters, der das Subjekt aus seiner Hilflosigkeit befreit, ver- dankt sich einer Regression in der Struktur: Der Vater als Retter ist der Vater, den das Symbolische tötet. Gott/Vater ist zugleich auch die Vorstel- lung von einem Anderen als einem absoluten Anderen, der weiß. Schon früh taucht in der Lehre Lacans die Formulierung auf, »das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen« 6 , verbunden mit der Einschränkung, dass es keinen Anderen des Anderen gibt. Das soziale Band als Diskurs gründet auf der Sprache, sagt Lacan im oben angeführten zitat, in einer Weise, die in der Linguistik Grammatik genannt wird. Halten wir also fest, dass die »Grammatik« des Diskurses

4 J. Lacan, Seminar XVII, cit. op, p. 143

5 J. Lacan, »Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse«, in:

Schriften I, Walter Verlag, Freiburg/olten 1973, S. 119

6 Vgl. J. Lacan, ibid.

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das soziale Band ist. Lipowatz sagt dasselbe, wenn er schreibt, »der Dis- kurs ist die symbolische Form, in der sich das Unbewusste in den sozialen Beziehungen manifestiert; […] Man kann die sozialen Verhältnisse nicht verstehen, ohne nach dem Begehren der implizierten Subjekte zu fragen. Man kann aber auch ebenso wenig diese Verhältnisse erklären, wenn man auf der imaginären Ebene der individuellen oder kollektiven manifesten Wünsche stehen bleibt.« 7 Das Vorbild für dieses Verständnis des Diskurses liefert die psy- choanalytische Praxis. Die Kehrseite der natürlichen Sprache, in welcher auch immer die Psychoanalyse stattfindet, ist der Diskurs als Grammatik des Sozialen. Ein schönes Beispiel dafür, wie diese Grammatik die Gefühle organisieren kann, das auch als eine frühe Studie zu den »elementaren Verwandtschaftsstrukturen« gelesen werden könnte, führt uns Goethe in den Wahlverwandtschaften vor. Die Art und Weise, wie Eduard, Char- lotte, ottilie und otto zu einander ins Verhältnis gesetzt werden, lässt sich vom unterdrückten Namen otto, dem eigentlichen Vornamen Edu- ards aus, als Mathem des Diskurses lesen. Die vier (mit dem »Diskurs des Kapitalisten« fünf) Diskurse, die Lacan aufstellt, sind als »Grundformen« der Art und Weise zu betrachten, in der das Verhältnis des Subjekts zu sich selbst, und zum Anderen sich herstellt. Das Prinzip der Rotation stellt klar, dass das soziale Band sich genau in dem Maße realisiert, wie die Erfahrung des Sprechens bzw. das Sein als parlêtre wirkt. Mit all den Implikationen, die Lacan in seiner späteren Begriffsarbeit mit dem bor- romäischen Knoten gezeigt hat, wo der »Knoten« des parlêtre und die darin liegenden Beschränkungen ins zentrum seines Interesses treten. Es stellt sich die Frage, in welcher Beziehung die Konzeption des sozialen Bandes zum Namen-des-Vaters und zum Sinthome steht. Die Vatermeta- pher gewinnt einerseits an Stärke, da der »tote Vater« und an seiner Stelle die Metapher des Vaters das soziale Band schützt. Der tote Vater wäre so gesehen das »Binde-Glied« des sozialen Bandes. Das Mathem des Dis- kurses besteht aus vier Plätzen (Agent/Wahrheit, Anderer/Produktion) und vier Termen ( , S 1 -S 2 und a), wobei die Plätze konstant sind, die Terme rotieren. Je nach Stellung der Terme zueinander lassen sich die Diskurse unterscheiden. Dass es vier Terme sind, weist bereits in eine Richtung, die Lacan mit dem borromäischen Knoten weiter verfolgt hat. Es braucht die Vier, um die zusammengehörigkeit der drei Dimensionen des Vaters als ein »Ein« zu denken. Diese Möglichkeit der Vier wird für Lacan zur Möglichkeit (des Subjekts?), die drei Dimensionen real, symbolisch und

7 T. Lipowatz, Diskurs und Macht. Guttandin & Hoppe, Marburg 1982, S. 123

imaginär, die sich durch die Vatermetapher zusammenfügen, zu binden, wenn ihre Konsistenz prekär wird, bzw. die Vatermetapher versagt. Diese vierte Stelle, die die Formulierung des Sinthome möglich macht, ist das Element, das im analytischen Diskurs aktiv ist. oder anderes gesagt: in der Position des Agenten befindet sich das objekt a. Gehen wir dem noch von einem anderen Konstrukt aus nach, das Lacan zur Demonstration der »Assertion« des Subjekts anwendet. Das Sophisma der drei Gefangenen, die, um ihre Freilassung zu erwirken, eine Wette gewinnen müssen, wird von Lacan unter dem Gesichtspunkt der drei logischen zeiten des Subjekts diskutiert. Er kann zeigen, unter welchen Umständen es den drei Gefangenen gelingen kann, zum rich- tigen Ergebnis zu kommen. Jeder der drei konstruiert die Lösung unter Berücksichtigung der Tatsache, dass er die Tafeln mit den Punkten auf dem Rücken von zwei Mitgefangenen sehen kann und unter Einbezie- hung der Tatsache, dass die Lösung erfordert, durch eine Tür zu gehen, die über Freiheit oder Gefangenschaft entscheidet. In diesem Sophisma gibt es jedoch auch noch einen Vierten, nämlich den Gefängnisdirektor, der die Wette aufstellt und die Tafeln auf dem Rücken der Gefangenen anbringen lässt, ohne dass diese sehen könnten, welche Tafel ihnen ange- heftet wird. Der Vierte stellt also durch die Spielanordnung den Bezug der Drei aufeinander erst her. Sie werden durch die Spielanordnung so mitei- nander verknotet, dass keiner die Lösung finden kann, ohne die beiden anderen mitzudenken. Man kann sagen, der Vierte sei der Platz des Wis- sens oder der Macht. Es ist aber auch der Platz, an dem die symbolische ordnung ihre Stütze findet. Der große Andere, das sujet supposé savoir. Der Gefängnisdirektor ist gewissermaßen als »toter Mann« mit im Spiel und als solcher der Spielmacher. Unter welchen Umständen ist es möglich, dass sich das Subjekt an diesem Platz produziert? Der Diskurs des Analy- tikers zeigt zumindest, dass keiner der Plätze für immer vergeben ist und dass das soziale Band, um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren, eine Formulierung für genau den Vorgang der Verknüpfung, das heißt, den Platzwechsel, darstellt.

Askofaré stellt die These auf, dass es im Werk Lacans einen Übergang gibt von der »Wissenschaft zum analytischen Diskurs« einerseits und vom »Nom-du-Père zum Sinthome« andererseits. 8 Diese These ist inter- essant im Hinblick auf die Frage, die er sich stellt, ob durch diesen Schritt

8 S. Askofaré, »Du Nom-du-Père au sinthome: Lacan et la religion«, in: w3.erc.univ-tlse2. fr

Lacans tatsächlich etwas Neues in die Psychoanalyse gekommen ist. Seine Behauptung ist, dass sich die Psychoanalyse erst durch die Wende zum Sinthome neben der Religion und der Wissenschaft als eigenständiges Feld behaupten kann. Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen ist die Konzeption des Vaters und der Vatermetapher in der Theorie Freuds und deren Kommentierung durch Lacan. Hat Lacan mit dem Begriff des Dis- kurses (und des sozialen Bandes) und der Konzeption des »Sinthome« einen Punkt konstruieren können, von dem aus man der Frage nach dem Vater eine neue Wendung geben kann? Für Lacan ist unzweifelhaft, und er wird nicht müde, es zu wiederholen, dass Freud den Vater rettet; er vergleicht ihn in diesem Punkt mit Jesus Christus. 9 Für Freud ist der Vater eine Antwort des Neurotikers, die ihm hilft, das Leben erträglich zu hal- ten. ob der Vater tot ist oder nicht, scheint für den Neurotiker allerdings eine unentschiedene Frage zu sein. Erinnern wir uns an den Traum eines Patienten, von dem Freud berichtet, der seinem toten Vater im Traum begegnet und der mit Verwunderung feststellte, dass der Vater nicht wus- ste, dass er tot war. 10 Wie lautet also die Frage, und von wo aus wird sie gestellt, deren Antwort die Vatermetapher darstellt? Jede mögliche Ant- wort – und sei sie von der Art, die der Träumer gibt, wenn er sagt, »und er wusste nicht, dass er tot war« – befindet sich aufdieser Ebene. Man könnte argumentieren, dass sich die Frage nicht stellt, solange man sich innerhalb des Kraftzentrums der Vatermetapher bewegt. Die Frage (deren Antwort der Vater ist), kann daher nur stellen, wer nicht aufhört, die Frage zu stellen. Ist es der Psychoanalytische Akt (Diskurs des Analytikers), der die Ermöglichungsbedingung dafür liefert, in dem er in die Tatsache einführt, dass der Agent des Sprechens nicht das Sub- jekt ist, sondern das, was mit dem objekt a sich figuriert? Die Frage ver- schiebt sich dann von der Metapher des Vaters als Garant der Struktur zur Frage des Subjekts, das sich in seiner Realsierung, im Akt, im Ereig- nis des Sagens erfasst und das sich um den leeren Signifikanten seines Namens dreht. Die Frage, die zur Konzeption dieses Bandes geführt hat, beschäftigt die Psychoanalyse seit ihren Anfängen, prominent vertreten durch den Namen August Aichhorn, der bereits 1925 mit einem Buch an die Öffent- lichkeit getreten ist, in dem er für die »Anwendung« der Psychoanalyse

9 J. Lacan, Seminar XX, Encore, cit. op. , S. 118 10 S. Freud, »Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens«, in: GW, Bd VIII, S. Fischer Frankfurt 1969, S. 238

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in der Erziehung verwahrloster Jugendlicher eingetreten ist. 11 Der große Respekt, den Freud vor der Arbeit Aichhorns hatte, dürfte ihn zu dem Understatement veranlasst haben, mit dem er das Geleitwort zur ersten Auflage beschließt: »Die Psychoanalyse konnte ihn praktisch wenig Neues lehren, aber sie brachte ihm die klare theoretische Einsicht in die Berechtigung seines Handels und setzte ihn in Stand, es vor anderen zu begründen.« 12 Seither haben Pädagogen und Sozialarbeiter nicht aufge- hört, den Dialog mit der Psychoanalyse zu führen. Lebhaften Ausdruck dieser Auseinandersetzung geben die zahlreichen Projekte, Tagungen und Publikationen, die dieses Feld bis heute stimulieren. Der Anstoß zu der vorliegenden Textsammlung verdankt sich einer Publikation, die vor einiger zeit in Frankreich erschienen ist und den Titel trägt: Que serait un travail social qui ne serait ni théologique, ni politique 13 . Darin fin- det sich die programmatische Aussage, dass die gegenwärtige Gesellschaft mit ihrer Fokussierung auf das kapitalistische Subjekt dazu tendiere, das Subjekt einer Jouissance ohne Grenzen zu überlassen. Daher bestehe die Herausforderung, sich erneut zu fragen, ob und in welcher Weise sich die soziale Arbeit als Profession auf die These des Unbewussten stützen könne, und in welchen Formen. Mit dem vorliegenden RISS-Band wollen wir einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten. Die Autorinnen und Autoren, die darin zu Wort kom- men, nähern sich dieser Frage auf unterschiedliche Weise. Mit den ersten beiden Beiträgen wollen wir die Theorie des sozialen Bandes beleuch- ten. Dann folgt ein Beitrag, der ein engagiertes Plädoyer für die Anwen- dung der Psychoanalyse im sozialen Feld darstellt und in dem der Akzent darauf gelegt wird, wie sehr diese Anwendung die Psychoanalyse insge- samt bereichert. Mit den beiden letzten Beiträgen zeigen wir einen Ein- blick in die Praxis der sozialen Arbeit anhand der »psychoanalytischen Familienhilfe« und eine Würdigung der »psychoanalytischen Pädagogik«, als deren Begründer Hans zulliger gilt.

11 A. Aichhorn, Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Heimerziehung, Hans

Huber, Bern 1957

12 S. Freud, Geleitwort, in: A. Aichhorn, ibid. , S. 7

13 Éditions de l’Associations Lacanienne Internationale (Hg), que serait un travail social

qui ne serait ni théologiquen, ni politique, Paris 2006

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