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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 9.3.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Razzia im Onlineshop Nazi„aufmarsch“ in Köln blieb übersichtlich


Wurzen. Ende Februar wurden bei ei-
ner Hausdurchsuchung in den Räumen
des Internet-Versandhandels „Front Re-
cords“ von Thomas Persdorf 177 T-
Shirts mit volksverhetzenden Aufdru-
cken, fünf Tonträger und Geschäftsun-
terlagen beschlagnahmt. Es bestehe der
Anfangsverdacht auf den Tatbestand
der Volksverhetzung und der Verun-
glimpfung des Staates und seiner Sym-
bole, teilte die Leipziger Staatsanwalt-
schaft mit. Zuletzt war es im vergange-
nen Juni zu einer Hausdurchsuchung
bei „Front Records“ gekommen. Da-
mals waren u.a. 192 CD-Booklets be-
schlagnahmt worden, auf denen u.a. ein
Hakenkreuz abgebildet war. hma ■

So titelte der Kölner Sonntagsex-


press und traf damit ganz gut den
Eindruck, den der „Aufmarsch“,
„1000 Polizisten für’n
von Christian Worch angemeldet und
von der Kameradschaft Köln um Axel
Reitz organisiert, auf die zahlreich er-
Haufen Elend“
schienenen Kölnerinnen und Kölnern de Uellenberg-van Dawen hatte viele un- Beispiel an der erfolgreichen Kommunal-
machte. Nur ca. 60 Neonazis waren dem terschiedliche politische Kräfte zur Zu- politik von „Pro Köln“ nehmen. Markus
Aufruf „gegen Multikulti und Moschee- sammenarbeit bewogen, Parteien, Kir- Beisicht, einer der führenden Köpfe der
bau“ gefolgt. Die Auflagen waren chen, die jüdische Gemeinde und DITIB, sogenannten ,Bürgerbewegung pro Köln‘
streng. Rechte Symbole, Markenzeichen die den Moscheebau in Ehrenfeld planen, war der Verteidiger des Nazis Axel Reitz,
auf der Kleidung mussten unter Klebe- Mitglieder der verschiedensten politi- als dieser unlängst vor Gericht stand und
band verschwinden, Reitz den Mantel schen Organisationen und Initiativen und zu zwei Jahren und neun Monaten Ge-
wechseln. Vergeblich hatte Polizeipräsi- viele Ehrenfelder Bürger und Bürgerin- fängnis verurteilt wurde. So sieht deren
dent Steffenhagen versucht, am OVG nen. Die Polizei ließ sogar „Zigeuner“ Distanzierung aus!
Münster noch ein Demonstrationsverbot durch, wie Sänger Rolly Brings ironisch Einig sind sich die Rechten alle darin,
durchzusetzen, nachdem das Kölner Ver- anmerkte und so jamten auf der Bühne dass sie in den Kategorien von „Völkern“
waltungsgericht sein Verbot aufhob. Rolly Brings & Bänd, Klaus der Geiger denken und behaupten, diese Völker wä-
Der kurze Weg durch Ehrenfeld, es- und das Markus-Reinhardt-Ensemble. ren so unterschiedlich wie verschiedene
kortiert von Polizei, wurde zum Spießru- Auf der Kundgebung am Neptunplatz, Tierarten es wären. Durch diesen Rassis-
tenlaufen. Die Ehrenfelder zeigten deut- die ab 9.30 Uhr schon parallel zu der am mus gelangen sie zu menschenfeindlichen
lich, was sie davon hielten. Von Balko- Bahnhof Ehrenfeld begonnen hatte, gab Parolen wie „Multikultur abschaffen“ oder
nen flogen Eier und Gemüse. Die Ge- es vor allem lateinamerikanische Rhyth- „Deutschland den Deutschen“ und von
gendemonstranten fanden allerdings kei- men. Der Redner der VVN-BdA, Peter diesen Parolen zu brennenden Häusern
ne Lücke in den hermetisch abgeriegel- Trinogga wies darauf hin, dass das Motto und ermordeten Menschen. In Solingen
ten Querstraßen, ihnen blieb nur lautstar- von Reitz und Worch nicht von diesen er- war diese Saat aufgegangen! Wir lehnen
ker Protest an den Absperrungen. funden wurde, sondern von Leuten, die deshalb jeglichen Rassismus und Nationa-
Beeindruckend allerdings, wie viele seit der letzten Kommunalwahl im Rat lismus ab: Deutschland gehört nicht den
sich schon um 8 Uhr morgens zur Mahn- und den Bezirksvertretungen sitzen: „Ich Deutschen, Frankreich nicht den Franzo-
wache an der Gedenktafel für die hinge- meine die Saubermänner und -frauen von sen, die Türkei nicht den Türken sondern
richteten Zwangsarbeiter und Edelweiß- ,Pro Köln‘, die den Naziaufmarsch heuch- all denen, die in diesen Ländern leben.“
piraten einfanden. Der DGB-Vorsitzen- lerisch verurteilen, obwohl die rassisti- Den Platz vor dem Islamischen Zen-
schen Slogans von ihnen selbst stammen. trum von DITIB hatten die NazigegnerIn-
Manfred Rouhs und seine Freunde sam- nen belegt. Die Kundgebung der Nazis
Aus dem Inhalt: melten zuerst Unterschriften gegen den fand abseits davon statt. „Express“: „Nach
geplanten Neubau der Moschee. (...) Und ein paar Reden war der Nazi-Spuk vorbei,
Entsetzen über antisemitischen
Mord in Frankreich . . . . . . . . . . . 8
die offenen Nazis wissen das genau und zumindest in Ehrenfeld. Die Nazi-Kara-
Gegen die Enttabuisierung des weisen sogar im Internet darauf hin: Sie wane zog mit der S-Bahn samt Polizei
Rechtsextremismus . . . . . . . . . . 11 schrieben an die NPD Köln, mit der sie weiter nach Porz. Dort gab’s das gleiche
sich zur Zeit streiten, sie solle sich ein Trauerspiel noch mal“. u.b. ■
: meldungen, aktionen
61. Jahrestag der
Selbstbefreiung
des KZ Buchen- Anzeige gegen „Irden- te einschränken müssen. Derzeit gibt es
wald: nur noch ein Büro in Gotha.
Wachsam und werk“
Die Mobit-Teams waren ins Leben ge-
aktiv bleiben: Österreich/Wels. Der Onlineverkauf rufen worden, um direkt vor Ort mobile
Öffentliche Gedenktage von Rechtsrock-Musik boomt. Auch in Beratung gegen Rechts anbieten zu kön-
für die Opfer des deut- Österreich. Immer öfter weichen deut- nen und auch gezielt Opferhilfe leisten
schen Faschismus und ein aktives Erinnern an sche Nazi-Bands für ihre Konzerte nach zu können. Quelle: TLZ. 27.2.06 ■
den vielfältigen antifaschistischen Widerstand Österreich aus. Parallel dazu schießen
sind richtige und wichtige „Markenzeichen“ ei-
ner Demokratie. Beides nicht zu einem bloßen
nun auch dort einschlägige Online-Shops NPD mietet Kirchheimer
„Ritual“ oder zu einer institutionalisierten Veran- wie Pilze aus dem Boden. Die Welser
staltung werden zu lassen, das ist eine Heraus- „Initiative gegen Faschismus“ will dem Gaststätte an
forderung für alle Antifaschist/i nn/en und eine nun etwas entgegen setzen. Bei der Wel- Kirchheim. Die rechtsextreme NPD
tagtägliche Aufgabe für jeden demokratisch ser Staatsanwaltschaft wurde Anzeige versucht offenbar erneut, eine Immobilie
denkenden und handelnden Menschen. Denn gegen den in Oberösterreich angesiedel- in der Pfalz zu erwerben. Dabei handelt
nur durch das persönliche Engagement vieler ten Musikversand „Irdenwerk“ wegen es sich um eine überwiegend leer stehen-
Einzelner gemeinsam in Gruppen und Organi-
des Verdachts der Wiederbetätigung nach de Gaststätte in Kirchheim bei Grün-
sationen wird es gelingen, (neo)faschistische
Aktivitäten und Propaganda zu unterbinden dem NS-Verbotsgesetz erstattet. Das stadt, die sie bis Mitte April gemietet hat
und/oder politisch wirkungslos zu machen. Programm von „Irdenwerk“ liest sich mit der Option, sie später für 900.000
Gleichzeitig müssen die sozialen Wurzeln des wie ein Who’s who rechtsextremer und Euro kaufen zu können.
Nazismus – die aus den ökonomischen Verhält- neonazistischer Musikgruppen, so die Entsprechende Informationen lieferte
nissen erwachsende Perspektivlosigkeit, die Welser Initiative. Nach dem Bekannt- Innenminister Karl Peter Bruch in der
häufig erlebte politische Ohnmacht und die werden der Anzeige gegen den Online- Sitzung des Landtags auf Anfrage der
nicht selten erduldeten Demütigungen – aktiv shop, gerichtliche Vorerhebungen des Grünen. Demnach läuft der Pachtvertrag
bekämpft und Alternativen einer solidarischen
Gesellschaft aufgezeigt werden. Die Chancen
Landeskriminalamtes sind bereits ange- mit dem NPD-Landesverband seit Januar
für eine Welt des Friedens und der Freiheit, wie laufen, verhinderten „technische Proble- 2006 und sieht im Wesentlichen die Nut-
sie im Schwur von Buchenwald gefordert wird, me“ den Zugriff auf dessen Angebot. zung der Gaststätte für Veranstaltungen
wachsen mit dem Eintreten von mehr Menschen hma ■ wie Vorträge, Konzerte und Buchpräsen-
für ihre Rechte, ihre Interessen und ihre berech- tationen vor. Nach Kenntnis Bruchs war
tigten Forderungen nach der Schaffung von Ar- die Gaststätte bereits fünfmal Tagungsort
beitsplätzen sowie der Garantie von sozialer NPD-Funktionär vor Gericht
für Veranstaltungen zur Landtagswahl
Sicherheit, einem ausreichenden Einkommen Itzehoe. Der Landesvorsitzende der am 26. März. Ob die NPD finanziell in
und einer allseitigen Bildung. Heute kann das
Vermächtnis der politischen Häftlinge des Kon- NPD in Mecklenburg-Vorpommern, Ste- der Lage sein wird, das Gebäude tatsäch-
zentrationslagers Buchenwald nicht besser als fan Köster, muss sich ab 19. April vor lich zu kaufen, könne derzeit nicht ab-
auf diese Weise wachgehalten und verwirklicht dem Amtsgericht Itzehoe in Schleswig- schließend beurteilt werden.
werden. Denn die Schuldigen an den Verbre- Holstein wegen gefährlicher Körperver- NPD-Landesvorsitzender Peter Marx
chen des Hitler-Faschismus können nur noch in letzung verantworten. Köster, der auf bestätigte gegenüber „Rheinpfalz“ ein
seltenen Fällen zur Rechenschaft gezogen wer- Platz 4 der NPD-Liste zur Landtagswahl „grundsätzliches Interesse“ an dem alten
den. Doch es bleibt das Ziel, allen (neo)faschis- am 17. September kandidiert, hatte im Mühlenanwesen; geplant sei ein „Ju-
tischen, rassistischen und militaristischen Bestre-
bungen den sozialen und politischen Boden zu
Dezember 2004 bei einer Wahlveranstal- gendzentrum für die Vorderpfalz“. Nach
entziehen. In diesem Sinne rufen wir alle Antifa- tung der NPD in Steinburg bei Itzehoe der Landtagswahl würde diese Idee wei-
schistinnen und Antifaschisten auf: Demonstrie- auf eine am Boden liegende Frau einge- ter konkretisiert.
ren wir auf der Gedenkveranstaltung zum 61. schlagen und getreten. hma ■ Das Grünstadter Projekt wäre der seit
Jahrestag der Selbstbefreiung am 9. April dem Jahr 2000 sechste Versuch der
2006 in Buchenwald unsere Bereitschaft und rechtsextremen Partei, in der Pfalz sess-
Entschlossenheit zum Kampf für eine solidari- Projekt gegen Rechts vor
haft zu werden. Bisherige Unternehmun-
sche Welt des Friedens und der Freiheit! Aus gen scheiterten in vier von fünf Fällen
Veranstaltungen am 9. April 2006 Erfurt. Einem der erfolgreichsten Pro- daran, dass kommunale Kreditinstitute
in der Gedenkstätte Buchenwald jekte gegen Rechts in Thüringen droht in beziehungsweise Kommune und Land-
10 Uhr: Gedenkveranstaltung zum 120. Ge- diesem Jahr das Aus. Die Mobilen Bera- kreis die Immobilie zuvor kauften, um
burtstag und zur Ermordung des KPD-Vorsit- tungsteams in Thüringen (Mobit) können den Einzug der Rechtsextremen zu ver-
zenden Ernst Thälmann im KZ Buchenwald. ihre Arbeit nicht fortsetzen, wenn die hindern. So geschehen im Fall des Land-
Politische Würdigung durch den 100-jährigen
ehemaligen Buchenwald-Häftling Willi Kir- Bundesregierung, wie vorgesehen, die gasthofs Lochmühle im Donnersber-
schey. Ort: an der Gedenkplakette im Hof des Mittel dafür kürzt. „Das wäre das prakti- kreis, bei zwei Objekten im Kreis Kusel
Krematoriums sche Ende“, so der Vorsitzende des Trä- und einem Gebäude im südwestpfälzi-
13 Uhr: Kundgebung zum 61. Jahrestag der gervereins, Wolfgang M. Nossen, zur schen Dahn.
Selbstbefreiung des KZ Buchenwald Thüringer Landeszeitung. Quelle: Rheinpfalz 17.2.2006
Ort: Appellplatz. Es sprechen: Bertrand Hertz, Der Vorsitzende der Jüdischen Lan- VVN-BdA Kaiserslautern ■
Internationales Komitee Buchenwald-Dora und desgemeinde ist entsetzt über die jetzt
Kommandos (IKBD), Günter Pappenheim, bekannt gewordenen Pläne der Bundes-
Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, Kontakt mit Antifa Saar ver-
regierung. Denn die will zwar die För-
ein Widerstandskämpfer aus Österreich dersumme konstant halten, die Förderin- fassungswidrig?
Anschließend gemeinsamer Gang zum Mahn-
mal Kranzniederlegung im Glockenturm halte aber um den Bereich Linksextre- Saarbrücken. Die CDU-Landesregie-
Es spricht: Gert Schramm, Lagerarbeitsgemein- mismus und Islamismus erweitern. Nos- rung des Saarlandes nervt immer wieder
chaft Buchenwald-Dora sen verweist darauf, dass wegen der seit Vereine und Initiativen, die sich mit der
15 Uhr Aussprache mit ehemaligen Häftlin- Jahren vergeblich angemahnten Landes- Antifa Saar/Projekt AK einlassen. Jüngs-
gen, Ort: Jugendbegegnungsstätte förderung Mobit bereits seine Arbeit hat- tes Beispiel ist die Ausladung des VVN-
BdA. Zuerst wurde die „Vereinigung der

2 : antifaschistische nachrichten 5/2006


Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) in dung seit Jahren mit den Antifaschisten Zahlen, Fakten zu Rechts-
den saarländischen Landtag eingeladen, zusammen. Bemerkenswert ist auch, rock in Deutschland
um ihre Expertenmeinung zum Schutz dass die VVN/BdA im „Kurzüberblick“
der Gedenkstätte Ehemaliges Gestapo- des Landesamtes für Verfassungsschutz Berlin. In Deutschland hat im letzten
Lager Neue Bremm zu hören, dann aber 2004 mit keiner Silbe erwähnt wird. Ei- Jahr die Zahl neonazistischer Konzerte
von CDU-Mann Günter Becker kurzer- nen Verfassungsschutzbericht gibt der stark zugenommen. Mindestens 255 der-
hand wieder ausgeladen. Die fadenschei- saarländische Dienst als einziges der 16 artige Konzerte wurden durchgeführt,
nige Begründung: die VVN werde wo- Landesämter für Verfassungsschutz oh- was eine Steigerung von 65% im Ver-
möglich vom saarländischen Verfas- nehin nicht heraus. gleich zum Vorjahr (155 Konzerte) be-
sungsschutz beobachtet. So beruft sich Becker hauptsächlich deutet. Schwerpunkte der Konzertaktivi-
Nachdem unter anderem der Landes- auf Kontakte der VVN/BdA zum „ge- täten lagen in Sachsen (78 Konzerte), wo
jugendring, der DGB und die französi- waltbereiten autonomen Spektrum“ – ge- sich die Zahl im Vergleich zum Jahr 2004
sche F.N.D.I.R.P. (Fédération Nationale meint sein dürfte damit vor allem die An- verdreifacht hat, Thüringen (31), Bayern
des Désportés et Internés, Résistants et tifa Saar/Projekt AK. Derartige Kontakte (31) und Baden-Württemberg (26). Der
Patriotes) gegen die Ausladung der unterhalten allerdings auch andere saar- unmittelbare Zusammenhang zwischen
VVN/BdA protestierten, hat der Vorgang ländische Organisationen, die nicht vom der Schaffung von Freiräumen, der
nun das erweiterte Landtagspräsidium Verfassungsschutz beobachtet werden. Durchführung von Konzerten und der
beschäftigt. SPD-Fraktionsgeschäftsfüh- Selbst Vertreter von SPD, Bündnisgrü- Etablierung neonazistischer Bands und
rer Stefan Pauluhn kritisierte nach einem nen oder Synagogengemeinde haben Kameradschaften kann durch aktuelle
Gespräch mit Vertretern der VVN-BdA schon gemeinsam mit den Antifas zu De- Beobachtungen in diesen Bundesländern
das Vorgehen des Innenausschuss-Vorsit- monstrationen aufgerufen oder Aufrufe nachdrücklich bestätigt werden.
zenden Günter Becker. Thema der Anhö- unterzeichnet. DGB-Landeschef Eugen
rung am 3. November 2005 war das Ge- Roth, der auch SPD-Vize und MdL im beschlagnahmtes Material bei Rechtsrock-
setz zum Schutz der Gedenkstätte „Ehe- Saarland ist, stellt denn auch die Beob- Konzert in Karlsruhe
maliges Gestapo-Lager Neue Bremm“, achtung der VVN/BdA generell in Frage.
das rassistische und antisemitische Ver- Er bezweifle, „ob es tatsächlich – aktuell
sammlungen in der Nähe des Lagers un- und im Saarland – harte Fakten gibt, die
terbinden soll. Die Wiederherstellung der eine Beobachtung der Organisation VVN
Gedenkstätte ist maßgeblich auf das En- rechtfertigen“, so Roth in einem Brief an
gagement der VVN zurückzuführen, ihr Becker. Solch kritische Töne gegenüber
Vorsitzender Horst Bernard hat mehrere dem Verfassungsschutz waren von SPD-
Bücher zum Thema verfasst. Umso mehr Politikern bisher selten zu hören – Hel-
erstaunt die Brüskierung des Historikers mut Albert, der Direktor des Landesam-
durch den Vorsitzenden des Innenaus- tes, ist SPD-Parteimitglied.
schusses, Günter Becker, der Bernard Neben der VVN/BdA Saar bekam
eine Woche nach der erfolgten Einladung auch der Landesjugendring den „All- Die gestiegene Anzahl neonazistischer
schriftlich mitteilte, diese sei gegen- machtsanspruch“ der CDU (so ein Kom- Konzerte ist insbesondere darauf zurück-
standslos. Zur Begründung heißt es: „Da mentar des Online-Magazins Saar-Echo) zuführen, dass die Koppelung von „poli-
Ihre Organisation jedoch unter Beobach- zu spüren: Der Landesjugendring, der tischen“ und „kulturellen“ Aktivitäten
tung des Verfassungsschutzes steht, hal- durch ehrenamtlichen Arbeitseinsatz an für neonazistische Gruppen zum Stan-
ten wir es mit dem Selbstverständnis ei- der Umgestaltung der Neuen Bremm dard geworden ist. Gleichzeitig findet
nes Landtagsausschusses, der Teil der mitgewirkt hatte, wurde ermahnt, sich eine Entkoppelung neonazistischer Cli-
verfassungsmäßigen Ordnung ist, für un- politischer Kommentare künftig zu ent- quen und Freundeskreise von Führungs-
vereinbar, diese Einladung aufrecht zu halten, schließlich stünde er als Zu- systemen der Szene statt. Diese organi-
erhalten.“ schussempfänger des Landes in einem sieren „ihre“ Konzerte zunehmend
Die SPD-Fraktion kritisiert nun, die Abhängigkeitsverhältnis. Keine leeren selbst, stets im privat deklarierten Rah-
Ausladung sei ohne einen Beschluss des Worte: Bei den Haushaltsberatungen men und bisweilen nur durch Mund-zu-
Ausschusses eigenmächtig durch den 2006 wurde der Zuschuss für den Lan- Mund-Propaganda beworben. In einer
Vorsitzenden Günter Becker (CDU) er- desjugendring um 7.600 Euro gekürzt, wachsenden Anzahl von Orten konnten
folgt. Die Fraktionen seien über den Vor- auf Antrag der CDU-Mehrheitsfraktion. Neonazis neue Freiräume erschließen,
gang lediglich in Kenntnis gesetzt wor- Ein Zusammenhang zwischen den die als „Clubhäuser“ oder Kamerad-
den. Becker erklärte daraufhin der Saar- Kürzungen und der Stellungnahme des schaftstreffpunkte dienen und u. a. zur
brücker Zeitung, von einer Sondersit- Landesjugendrings zum „Neue-Bremm- Durchführung von Konzerten genutzt
zung habe er abgesehen, da die Position Gesetz“, in dem die Behandlung der werden.
der CDU-Mehrheit klar gewesen sei. Bei VVN/BdA scharf kritisiert worden war, Deutsche Neonazibands veröffentlich-
der Sitzung des Landtagspräsidiums darf vermutet werden. Kein Wunder, ten letztes Jahr 124 CDs, die Zahl der in
konnte offenbar keine Einigung in der dass die Maßregelung von VVN und Deutschland herausgegebenen CDs aus-
Sache erzielt werden: Während Pauluhn Landesjugendring für die Rechten im ländischer Neonazibands ist mit 38 deut-
sich in seiner Auffassung bestätigt sah, Saarland ein innerer Vorbeimarsch ist. So lich höher als 2004 (20). Erkenntnisse
Becker hätte einen erneuten Beschluss kommentiert die NPD Saar in einer Pres- über Produktionszahlen lassen die bisher
des Ausschusses abwarten müssen, be- seerklärung hämisch: „Landesjugendring angenommene durchschnittliche Aufla-
tonte Landtagspräsident Ley, das Präsidi- lernt unsere Demokratie kennen“. Die genhöhe von 3.000 pro CD zu niedrig er-
um habe keinen Verstoß gegen die Ge- Bloßstellung von Rechtsextremismus- scheinen. Die Marktführer im Geschäft
schäftsordnung festgestellt. Gegnern wird ihnen das Demoverbot an mit neonazistischer Musik, Bekleidung
Andere öffentliche Einrichtungen, die der Neuen Bremm, mittlerweile einstim- und Accessoires erzielten 2005 Jahres-
„Teil der verfassungsmäßigen Ordnung“ mig vom Landtag beschlossen, gewiss umsätze von jeweils mehr als 500.000
sind, hat die Beobachtung durch den VS erträglicher machen. Antifa Saar ■ Euro.
übrigens nicht von einer Kooperation mit http://www.antifasaar.de.vu, Landtags- Signifikant ist der Zusammenhang
der VVN/BdA abgehalten. So arbeitet debatte zum Thema: http://www.landtag- zwischen neonazistischem Strukturauf-
die Landeszentrale für politische Bil- saar.de/aboservice/getpdf.php?id=1237 bau und den Handlungsdefiziten politi-

: antifaschistische nachrichten 5/2006 3


scher Entscheidungsträger. Dort, wo das vor Beginn der Infotische in Leonberg Taktik konsequenter gewesen als die
Problem nicht erkannt oder verschwie- noch antifaschistische Anstecker. merkwürdigen Selbstbezichtigungen Ir-
gen wird, wo kein zivilgesellschaftlicher Ab Beginn des Infotisches in Leon- vings in der Hauptverhandlung. Mögli-
Widerstand und keine Gegenkultur un- berg, der diesmal nicht nur von etwa 40 cherweise hat Irving in Unkenntnis der
terstützt wird, können die Neonazis fast AntifaschistInnen, sondern auch von österreichischen Verhältnisse Dr. Schal-
ungehindert Freiräume schaffen. mehreren Pressevertretern besucht wur- ler abgelehnt."
Die Zahlen des Jahres 2005 zeigen de, änderte sich die Strategie der Polizei Strenger gehen die Neonazis von ,sto-
deutlich: Die Neonazis haben sich in Pa- jedoch. Die anwesenden Beamten schrit- ertebeker‘ mit Irving ins Gericht: Dieser
rallelwelten eingerichtet, in denen es ih- ten weder gegen das Verteilen der Bro- habe sich mit seinem „Verhalten in der
nen möglich ist, eine kontinuierliche Er- schüren ein, die bei den vorangegange- Untersuchungshaft und vor Gericht wohl
lebniswelt anzubieten und den steten nen Infotischen noch zu hunderten be- nunmehr zwischen alle Stühle gesetzt
Nachschub an musikalischer Propaganda schlagnahmt wurden, trat nicht provoka- [...]. Verachtet von seinen früheren Le-
zu organisieren. Die Integration und Ver- tiv auf und gab selbst die beschlagnahm- sern und Anhängern, brachte ihm sein
sorgung des Umfelds ist darüber flächen- ten antifaschistischen Anstecker wieder reumütiges Verhalten auch nicht die ge-
deckend gewährleistet. zurück. Der Infotisch in Leonberg konn- ringste Sympathie auf der Gegenseite.
Eine ausführlichere Fassung des Jah- te so ohne Probleme durchgeführt und Übrig blieb ein Mensch, der ein höchst
resrückblicks als pdf-Dokument (156 zahlreiche Broschüren und Flugblätter interessanter Historiker mit mutigen
KB), erstellt vom apabiz, der Zeitung verteilt werden. Im Anschluss daran wur- Thesen war, jedoch unfähig sie in der
Der Rechte Rand und von Argumente de auch in Ditzingen, trotz Verbot, an der Stunde der Bewährung zu verteidigen,
und Kultur gegen Rechts e.V., findet sich geplanten Stelle in der Innenstadt eben- um auf diese Weise eine ähnliche Größe
unter http://www.apabiz.de/publikati- falls ein Informationsstand aufgebaut. zu zeigen, wie man sie gegenwärtig in
on/pressemitteilungen/Etablierte_Paral- Auch hier schritt die Polizei nicht ein. Mannheim bei einem Mann wie Ernst
lelwelten.pdf (154 kB) Zum Verlauf des Tages kann sicher ein Zündel bewundern kann. Muss man sei-
antifaschistisches presse-archiv und positives Fazit gezogen werden: Die ne Bücher nun wegwerfen? Keineswegs.
bildungszentrum berlin e.v. (apabiz) staatliche Repression wurde nicht fortge- Über die Erbärmlichkeit und Rückgratlo-
http://www.apabiz.de/ ■ führt. Die Tatsache dass das Antifaschis- sigkeit des Menschen Irving sollte man
tische Aktionsbündnis sich nicht ein- nicht vergessen, dass eben nicht jeder
Infotische der antifaschisti- schüchtern hat lassen, hat sich als richtig Mensch fähig ist, im Unglück Größe zu
erwiesen. Zahlreiche kritische Pressear- zeigen, und man es nicht von jedem ver-
schen Kehrwochen diesmal tikel waren die Folge. langen kann, in brisanten Fällen zum
ohne Störung Dennoch darf nicht vergessen werden, Helden zu werden. Das ändert nichts an
Stuttgart. Die Stuttgarter Staatsan- dass immer noch Dutzende Verfahren ge- der Tatsache, dass Irvings Bekenntnisse
waltschaft hat es vorerst aufgegeben, die gen Menschen laufen, die die Broschü- vor Gericht nichts weiter als Lippenbe-
Polizei loszuschicken, wenn Antifaschis- ren und Flugblätter verteilt haben sollen. kenntnisse sind, die dazu dienten, das
ten durchgestrichene oder sonst wie ver- Zum bisherigen Verlauf der gesamten Gericht zur Milde zu bewegen."
fremdete Hakenkreuze verwenden, um Antifaschistischen Kehrwochen kann Neues von ganz rechts - Februar 2006
ihre Ablehnung nationalsozialistischer ebenfalls ein positives Fazit gezogen www.doew.at ■
Symbolik zum Ausdruck zu bringen. werden. Tausende Broschüren und Flug-
Durch die Verfolgung wurde ein Punk- blätter wurden verteilt, in mehreren Or- NPD scheitert in Freiburg
Versand beinahe in den wirtschaftlichen ten die bisher von den Aktivitäten der
Ruin getrieben, Anstecker bei zahlrei- Nazis geprägt waren, wurde antifaschis- an 150 UnterstützerInnen-
chen Personen beschlagnahmt und das tische Präsenz gezeigt und viele Men- Unterschriften
Verteilen von Infomaterial von Antifa- schen über die Aktivitäten der Nazis und Freiburg. „Auch so mancher, der zuvor
schisten massiv behindert. Die Staatsan- die Notwendigkeit dagegen aktiv zu wer- erhebliche Vorbehalte gegenüber den
waltschaft wurde dafür auch in den gro- den informiert. Bei keiner der antifa- „Nazis“ hatte, verließ nach einem Ge-
ßen Medien der Region kritisiert. Die schistischen Aktivitäten kam es, trotz spräch zumindest sichtlich nachdenklich
Antifa-Kehrwochen konnten nach dem großmäuligen vorherigen Drohungen, zu unsere Stände“, schreibt der Vorstand der
Zurückrudern erstmals wieder ohne poli- ernsthaften Gegenaktionen der Nazis. örtlichen NPD. Sehr nachdenklich dürfte
zeiliche Störung stattfinden, wie der fol- Siehe auch: derzeit auch Andreas Storr, ehemaliger
gende Bericht zeigt: www.antifa-kehrwochen.de.am ■ Berliner NPD-Führer, sein. Zuerst wurde
Am Samstag, den 18. Februar, organi- er von den eigenen „Kameraden“ am
sierte das Antifaschistische Aktions- Erste Reaktionen auf Irving- Gundelfinger Marktplatz allein zurück-
bündnis Stuttgart und Region im Rah- gelassen, als der nationale Infotisch
men der Antifaschistischen Kehrwochen Prozess überstürzt abgebrochen werden musste.
zwei Informationsstände. Nach Welz- Wien. Nach der (nicht rechtskräftigen) Dann erwiesen sich die Freiburger Ka-
heim, Alfdorf, Schorndorf und Backnang Verurteilung des britischen „Revisionis- meraden auch noch als von der Aufgabe
waren diesmal Leonberg und Ditzingen ten“ David Irving zu einer dreijährigen überfordert, die für eine Teilnahme an
an der Reihe. Nachdem die vorangegan- unbedingten Haftstrafe sprechen die den Landtagswahlen nötigen 150 Unter-
genen Infotische massiver staatlicher Re- rechtsextremen Wiener Nachrichten On- stützungsunterschriften pro Wahlkreis zu
pression ausgesetzt waren (Verbote, line (WNO) von einem „Skandalurteil“. sammeln.
Festnahmen, Beschlagnahmungen, Straf- Dass bei der WNO-Meldung von letzter Erfreulich daran ist, dass der NPD da-
anzeigen etc.) schien zunächst einiges Woche, wonach der prominente Nazi- mit potentielle Wahlkampfzuschüsse ent-
darauf hinzudeuten, dass dieses staatli- Anwalt Herbert Schaller die Verteidi- gehen und dass sie ihre eigene Unfähig-
che Vorgehen gegen aktive Antifaschis- gung übernommen habe („Neuer Irving- keit bestens dokumentierte. Daran, dass
tInnen auch an diesem Tag fortgesetzt Verteidiger?“), der Wunsch Vater des Ge- die Nazipartei in allen drei Freiburger
werden sollte. So wurde erst wenige danken war, muss man kleinlaut einge- Wahlkreisen nicht kandidieren darf,
Tage vor dem 18.2. von der Stadt Ditzin- stehen: „In der Nationalzeitung wurde konnten auch alle Alt- und Neonazis, die
gen die Durchführung des dortigen Info- Dr. Schaller als Verteidiger Irvings ge- durch ihre Unterschrift „Deutschland
tisches verboten, am Tag selbst beschlag- nannt, dieser ist aber nicht in Erschei- und der nationalen Bewegung einen gro-
nahmte die Polizei am frühen Morgen, nung getreten. Zweifellos wäre seine
: antifaschistische nachrichten 5/2006
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ßen Dienst erwiesen“ haben, nichts än-
dern. Mehr rechtsextreme Gewalt-
Letztlich bleibt festzuhalten, dass das
antifaschistische Engagement zahlrei-
cher Menschen, welche die NPD überall
taten – nur nicht in Thüringen?
dort, wo sie auf Stimmenfang ging, zum Der Berliner Tagesspiegel berichte- Januar schlugen Rechtsextreme auf einen
manchmal mehr, manchmal minder ge- te am 13. Februar über einen weite- 31-jährigen irakischen Flüchtling in Er-
ordneten Rückzug überredeten, unmittel- ren Anstieg der rechtsextremen Ge- furt ein.
bare Wirkung gezeigt hat. Daran gilt es walttaten in Ostdeutschland (siehe auch Zu mehr als zehn derartigen rechtsex-
künftig anzuknüpfen. Antifa Freiburg AN 4-06). So sei die Zahl der entspre- tremen oder rassistischen Angriffen aus
www.antifa-freiburg.de ■ chenden Taten nach Auskunft der fünf den letzten Wochen fragt die Linkspar-
Opferberatungsstellen in den neuen Län- tei.PDS-Fraktion derzeit mit einer Klei-
Protest gegen Nazi-Aktion dern in 2005 auf insgesamt 614 angestie- nen Anfrage bei der Landesregierung
gen. Thüringen vermeldete allerdings mit nach. Wie auch andere im Bereich der Mi-
Augsburg. Wie bereits in den Jahren zu- 38 Fällen die mit großem Abstand ge- grationspolitik oder des Antifaschismus
vor, veranstaltete ein lokales Nazi-Bünd- ringste Zahl von rechtsextremen Gewalt- Engagierte geht sie davon aus, dass die
nis am 24.2.2005 eine Kundgebung auf taten für das letzte Jahr. Diese Ausnahme- Anzahl und Intensität der rechtsextremen
dem Willy-Brandt-Platz, um der Opfer stellung von Thüringen ist verwunderlich. Gewalttaten seit einigen Monaten erheb-
der Bombardierung Augsburgs durch al- Ein Blick auf die Entwicklung der gesam- lich zugenommen hat. Ein Indiz für die
liierte Truppen am 25.2.1945 zu geden- ten rechtsextremen Straftaten zeigt, dass gestiegene Bereitschaft in der rechtsextre-
ken. Dagegen protestierten 100 Antifa- sich der bundesweite Anstieg auch in den men Szene, mit Gewalt ihre ideologischen
schistInnen. Landeszahlen wieder und kulturellen Vorstel-
Initiiert wurde die Veranstaltung von findet. Obwohl das lungen durchzusetzen,
dem lokalen Bündnis „Nationale Oppo- Innenministerium ist das an mehreren Or-
sition – Bündnis für Augsburg“. An der bisher keine Anga- ten zu beobachtende ge-
Kundgebung der Neonazis nahmen ca. ben zu den Fallzah- zielte und organisierte
40 Personen teil. Darunter befanden sich len der politisch mo- Vorgehen. Neonazis stel-
AnhängerInnen der rechtsextremen Par- tivierten Kriminalität len eigene Patrouillen
teien NPD und DVU, VertreterInnen der von Rechts gemacht hat, geht auch z.B. auf und greifen meist nachts ihre Opfer
„Kameradschaft Augsburg“, der „Kame- die Thüringer Allgemeine vom 6. Januar an.
radschaft München“, sowie einige Perso- von einem deutlichen Anstieg in 2005 Der Thüringer Hilfsdienst für Opfer
nen der selbsternannten „Autonomen aus. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt rechtsextremer Gewalt (THO) ist verant-
Nationalisten“ aus München. Stattfinden die chronologische Auflistung der Neona- wortlich für die im Vergleich mit den öst-
konnte die rechtsextreme Kundgebung ziaktivitäten der Mobilen Beratung für lichen Nachbarländern sehr niedrige Zahl
vor der City-Galerie nur unter massiver Demokratie gegen Rechtsextremismus registrierter rechtsextremer Gewalttaten.
Polizeipräsenz, da ca. 100 Antifaschis- (Mobit e.V.). Er macht seine schlechte Personalsituati-
tInnen lautstark gegen die Veranstaltung Allein in den letzten Wochen ereignete on für das unzureichende Rechercheer-
protestierten. Die Rede des oberbayeri- sich eine ganze Reihe von rechtsextremen gebnis verantwortlich. Der Landesregie-
schen NPD-Vorsitzenden Roland Wuttke Gewalttaten in Thüringen. Dabei zeigt rung werden die Zahlen gefallen. Sie hatte
ging in einem Pfeifkonzert und lauten sich hier eine Entwicklung, die auch in die Vorgängerinstitution der THO, dem in
Zwischenrufen der anwesenden Antifas anderen östlichen Bundesländern beob- Gera und Erfurt ansässigen Team der An-
unter. achtet wird. Immer mehr geraten junge lauf- und Beratungsstelle für Betroffene
Leider wirft schon das nächste rechte Menschen, die tatsächlich oder vermeint- rechtsextremer und rassistischer Gewalt,
Großereignis seine Schatten voraus. Es lich Neofaschismus ablehnen, in den Fo- so lange einem politischen wie finanziel-
ist davon auszugehen, dass der zentrale kus der rechten Schläger. Diese Angriffe len Druck ausgesetzt, bis diese keine För-
Aufmarsch der NPD am 1. Mai dieses finden überwiegend im ländlichen oder derung durch das CIVITAS-Programm
Jahr in Augsburg stattfinden wird. In ei- kleinstädtischen Raum statt. Schwerpunk- mehr erhielt.
nem ersten Vorbereitungstreffen haben te der Neonaziaktivitäten lagen dabei im Dem Träger der THO, dem erlebnispä-
linke Gruppen aus Augsburg sich schon Ilmkreis und im Saale-Orla-Kreis. Nicht- dagogisch orientierten Verein Drudel 11.
über gemeinsame Gegenaktivitäten ver- rechte Jugendliche und antifaschistisch e.V, der auch Bildungs- und Trainings-
ständigt. Es bleibt zu hoffen, dass sich engagierte junge Menschen wurden ge- maßnahmen mit rechtsextremen Tätern
möglichst viele Gruppen und Einzelper- zielt überfallen, verprügelt und teilweise durchführt, wurde da mehr Vertrauen ent-
sonen den Protesten anschließen werden. erheblich verletzt. Andere bekamen Droh- gegengebracht. Hier wurden sogar Lan-
Nur so kann der Nazi-Großaufmarsch anrufe und -SMS, auch wurden die Eltern desmittel zur Verfügung gestellt. Ein No-
am 1. Mai in Augsburg verhindert wer- der Betroffenen von Rechten belästigt. vum in Thüringen, bisher erhalten die lan-
den. AK Antifa der Gruppe Contra Real ■ In den Städten liegt der Schwerpunkt desweiten CIVITAS-Projekte, so auch das
der rechtsextremen Kriminalität im Be- Mobile Beratungsteam in Gotha, keinen
reich rassistischer Übergriffe. In Erfurt Cent.
Demonstration gegen NPD- wurde im November ein 50-jähriger Die von der THO nun für 2005 veröf-
Landeszentrale in Pirmasens Mann aus Togo von Neonazis angegrif- fentlichte Zahl von 38 rechtsextremen Ge-
Samstag, 18.3., Hauptbahnhof fen, im Dezember wurde ein kurdischer walttaten in Thüringen (im Vergleich: in
13.30 Uhr Gewerbetreibender überfallen, in Gotha Sachsen wurden 154, in Sachsen-Anhalt
Sascha Wagner, Wahlkampfleiter der wurde am 23. Dezember ein Mann aus 129 gezählt), muss daher mit einiger
NPD-Rheinland-Pfalz hat in Pirmasens Kamerun Opfer eines rassistischen An- Skepsis betrachtet werden.
ein Hausbezogen, das als Wahlkampf-
griffs. In Gera traktieren Neonazis seit Für Thüringen kann entgegen dem
zentrale fungiert. Die Region ist zum
Knotenpunkt neonazistischer Aktivitä-
längerem eine farbige Bürgerin, die ein oberflächlichen Eindruck, der durch diese
ten geworden, der landesweit Bedeu- Stehcafé führt, so z.B. in der Silvester- Zahl erweckt wird, eben keine Entwar-
tung hat.Infobroschüre und Details zur nacht. Anfang Januar wurde ein farbiger nung gegeben werden.
Demo unter www.seek-and-delete.tk Jugendlicher in der Goldberghalle in Ohr- Martina Renner
druf von Neonazis attackiert und am 11. antira-kalender@verdi-web.de ■

: antifaschistische nachrichten 5/2006 5


„Das ist das, was uns gerettet hat.
Dass wir nicht alleine waren.“
Zwei Schwestern in den Neuengammer Außenlagern Dessauer Ufer, Wedel und Eidelstedt
Hédi Szmuk wurde im Juni 1924, ihre waren so eng und wir sind auch heute Fried, geb. Szmuk, erzählt: „Mein Mann
Schwester Livia im Dezember noch in enger Verbindung miteinander. hat auch denselben Background wie ich.
1928 geboren. Gemeinsam mit ih- Das ist das, was uns gerettet hat. Dass Er kommt aus Sighet, aus derselben
ren jüdischen Eltern Frieda und wir nicht alleine waren.“ Stadt wie ich. Er war viel älter und ei-
Ignatz, die eine Fabrik für Verpackungs- Im Sommer 1944 wurden beide gentlich traf ich ihn, weil ich meinen Va-
material besaßen, lebten die Mädchen im Schwestern von Auschwitz-Birkenau zur ter gesucht habe. Er hat mir erzählt, dass
transsylvanischen Sighet, das zu Rumä- Arbeit in das Neuengammer Außenlager mein Vater nicht lebt, und dann hab ich
nien gehörte. Sie wuchsen behütet auf, Dessauer Ufer im Hamburger Freihafen ihn wieder in Stockholm getroffen und
die Eltern hatten viele Geschwister, und überstellt. Auch hier mussten sie so langsam haben wir uns entschlossen
man traf sich häufig in der Großfamilie. schwerste Arbeit leisten, wurden schika- zu heiraten. Da sagte ich ihm: Ich habe
Nach der Besetzung Transsylvaniens niert und geschlagen. Über die Außenla- meinen Vater gesucht und ich habe mei-
durch Ungarn im September 1940 wur- ger Wedel und Eidelstedt wurden sie nen Mann gefunden.“
den dort nach und nach antijüdische Ge- dann Anfang April 1945 ins KZ Bergen- Hédi Fried und Livia Fränkel leben
setze eingeführt: Vermögen wurde kon- Belsen deportiert und hier - krank und beide heute noch in Stockholm. Sie ha-
fisziert, Juden durften kein Radio mehr völlig entkräftet - am 15. April von briti- ben je drei erwachsene Kinder und sind
mittlerweile verwitwet. Und beide kämp-
fen gegen das Vergessen. Hédi Fried ist
Psychologin und leitet bis heute das
„Café 84“, einen Ort in Stockholm, an
dem Shoah-Überlebende zusammen
kommen können. Ihre Memoiren er-
schienen 1992. Livia Fränkel gehört dem
Vorstand der „Holocaust Association“ an
und engagiert sich als Zeitzeugin der
Konzentrationslager, vor allem in Schu-
len.

Das Schicksal von Hédi Fried, Livia


Fränkel und anderen weiblichen KZ-
Überlebenden ist das Thema einer of-
fenen Rundfahrt, die der Landesju-
gendring Hamburg am Sonntag, dem
12. März 2006, veranstaltet. Die Al-
ternative Stadtrundfahrt mit dem Titel
Frieda Szmuk mit ihren Töchtern Hédi (hinten) Livia (links) und Hédi Szmuk in Stockhom, 1946 „Die besondere Situation von Frauen
und Livia, Mitte der 1930er Jahre
schen Truppen
hören, kein Auto oder Fahrrad besitzen. befreit. „Ich
Nichtjuden durften nicht mehr bei ihnen kann nicht sa-
kaufen. Die finanzielle Situation der Fa- gen, ob ich über-
milie Szmuk verschlechterte sich. Am haupt damals
19. März 1944 besetzte dann die Deut- was gefühlt
sche Wehrmacht das Land, und bereits habe“, sagt Li-
einen Monat später musste die vierköpfi- via Fränkel heu-
ge Familie Szmuk ins Ghetto von Sighet te über diesen
im ehemaligen Armenviertel der Stadt in Moment.
ein einziges Zimmer umsiedeln. Am 15. Zur Rekonva-
Mai 1944 wurden alle vier nach Ausch- leszenz nach
witz-Birkenau deportiert. Frieda und Schweden ge-
Ignatz wurden an der Rampe von ihren bracht und dort
Töchtern getrennt und – wie diese erst gesund gepflegt,
nach dem Krieg erfuhren – noch am sel- entschieden sich
ben Tag ermordet. Hédi war 20 Jahre alt, Hédi und Livia
Livia erst 15. Sie erinnert sich bis heute Szmuk, nicht
an die Trennung von ihrer Mutter: „Sie wieder in ihre
Hédi Fried und Livia Fränkel beim Besuch des ehemaligen Außenlagers
hat uns losgelassen und ihre letzten Wor- Heimat zurück- Wedel, 2002
te an uns waren: ‚Ihr sollt aufeinander zukehren und
aufpassen‘.“ sich ein neues Leben in Stockholm auf- im Konzentrationslager“ beginnt um
Die Schwestern hatten Glück und zubauen. Beide heirateten sehr bald – 14 Uhr und startet am ZOB.
konnten zusammen bleiben. Noch heute wie viele KZ-Überlebende. Livia Frän- Anmeldungen bitte an den Landesju-
ist sich Livia Fränkel, geb. Szmuk, ganz kel: „Die Familie hatte man verloren und gendring Hamburg, Tel. 317 96 114
sicher: „Die alleine waren, die haben es da wollte man eine neue Familie schaf- oder per e-Mail an info@ljr-hh.de
nicht geschafft. Und Hédi und ich, wir fen, so schnell wie möglich.“ Und Hédi Ulrike Jensen ■

6 : antifaschistische nachrichten 5/2006


BVG entscheidet: Geschädig-
te des SS-Massakers in Disto- Nazi-Onlineshop „Aufruhr
mo gehen leer aus
Lapidar heißt es in der Pressemitteilung
Versand“ aus Gera gehackt
des BVG von vergangener Woche: „Die GERA, 25. Februar. Mit einem Nach außen gibt sich die Naziszene
Verfassungsbeschwerde der vier Be- Hackangriff auf den Onlineshop weiterhin unberührt und Jörg Krautheim,
schwerdeführer betrifft die Frage der des „Aufruhr Versand“ aus Gera, legten Betreiber des „Aufruhr Versand“ und
Schadensersatz- und Entschädigungs- Unbekannte letzten Donnerstag dessen langjähriger NPD-Kader aus Gera, stell-
pflicht der Bundesrepublik Deutschland Website lahm und veröffentlichten über te den Onlineshop nach einem Tag ohne
für während der Besetzung Griechenlands 7500 Kundendaten von Nazis. Der Mit- Kommentar wieder online, ganz so als
im Zweiten Weltkrieg von Angehörigen teldeutsche Rundfunk (MDR) und die sei nichts gewesen. Doch hinter den Ku-
der deutschen Streitkräfte verübte „Vergel- Tageszeitung (taz) berichteten über das lissen steigt die Aufregung.
tungsmaßnahmen“. Die 1. Kammer des Geschehen, der Verfassungsschutz will In Naziforen wird über nun folgende
Zweiten Senats des Bundesverfassungsge- Daten zur Strafverfolgung nutzen und antifaschistische Aktionen spekuliert und
richts nahm die Verfassungsbeschwerde die Naziszene ist verärgert. sogar dazu aufgerufen nicht mehr bei ge-
nicht zur Entscheidung an.“ Seit der Nacht zum 23. Februar konn- hackten, unsicheren Versänden zu kau-
Die sog. „Beschwerdeführer“ sind grie- ten Besucher des „Aufruhr Versand“ le- fen.
chische Staatsangehörige. Ihre Eltern wur- diglich noch die Botschaft der Hacker „Es müssen nun Aktionen folgen, wel-
den am 10. Juni 1944 im Zuge einer an vernehmen, die den Onlineshop über- che die Nazistrukturen weiter aufdecken
den Einwohnern der griechischen Ort- nommen hatten. Die veröffentlichten und klar stellen, das Nazis sich nirgend-
schaft Distomo verübten „Vergeltungsak- Kundendaten von über 7500 Nazis aus wo sicher fühlen können. Das betrifft
tion“ von Angehörigen einer SS-Einheit Deutschland, Österreich, der Schweiz auch andere Naziversände und -geschäf-
erschossen, nachdem es zuvor zu einer be- und anderen Ländern, bedeutet einen der te, Nazis auf der Straße und um die
waffneten Auseinandersetzung mit Parti- größten Recherche-erfolge für die Antifa Ecke“, so die Pressesprecherin der
sanen gekommen war. Insgesamt töteten seit Beginn einer ganzen Reihe von [AAG] abschließend.
die Soldaten zwischen 200 und 300 der – Hacks im Frühjahr letzten Jahres. Mitt- Bereits im November 2005 wurde der
an den Partisanenkämpfen unbeteiligten – lerweile haben auch deutsche Repressi- von Ralf Wohlleben betriebene „Mittel-
Dorfbewohner, darunter vor allem alte onsorgane die Möglichkeiten solcher deutsche Gesprächskreis“, ein Nazifo-
Menschen, Frauen und Kinder. Das Dorf Hacks entdeckt und nutzen die Daten zur rum der NPD Thüringen gehackt, wobei
wurde niedergebrannt. Die damals min- Strafverfolgung. Ein Sprecher des Ver- AntifaschistInnen weitere Peinlichkeiten
derjährigen vier Geschwister erlitten in fassungsschutzes bestätigte gegenüber veröffentlichten. Seit Beginn letzten Jah-
Folge des Verlustes ihrer Eltern – von ma- dem MDR: „man werde mit den Infor- res sind nach Informationen der taz nun
teriellen Schäden abgesehen – psychische mationen arbeiten“. Der „Aufruhr Ver- über 50 einschlägige Naziwebsites, von
Schäden sowie Nachteile in ihrer berufli- sand“ wurde wegen Volksverhetzung und den Datenantifa angegriffen worden.
chen Ausbildung und ihrem Fortkommen. Verbreitung verfassungsfeindlicher Sym- Antifaschistische Aktion Gera [AAG]
Trotzdem blieb eine gegen die Bundesre- bole bereits mehrmals durch die Polizei aag@systemli.org [web]
publik Deutschland im September 1995 durchsucht. http://aag.antifa.net ■
eingereichte Klage auf Schadensersatz vor
dem Landgericht, dem Oberlandesgericht
und dem Bundesgerichtshof erfolglos, ob-
wohl das Landgericht Livadeia (Griechen- „Die im Rahmen des Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht und der SS be-
land) im Oktober 1997 entschied, dass die gangenen Kriegsverbrechen werden mit dem Spruch des Bundesverfassungsgerichts ih-
wegen desselben Sachverhalts geltend ge- rer Singularität entkleidet. Angesichts der Tatsache, dass auch zahlreiche Massaker im
machten Schadensersatzansprüche be- Rahmen des Holocaust nicht als Mas-
gründet seien. sentötungen in Vernichtungslagern,
Das BVG begründet die Nichtannahme sondern als nazistischer Völkermord
damit, dass die Forderungen nach dem in Form von Massenerschießungen
1944 geltenden Völkerrecht verworfen durch SS, Einsatzgruppen, aber auch
werden müssten. Danach gebe es bei Wehrmachtseinheiten wie die Ge-
Kriegsverbrechen nur einen Anspruch birgstruppe erfolgten, stellt der
zwischen beteiligten Staaten. Das gelte Spruch des BVG ein himmelschrei-
auch im Zusammenhang mit der Verlet- endes Unrecht und Reinwaschung
zung von Menschenrechten. Deutschland des NS-Regimes dar.“ sagte der Spre-
habe Reparationsleistungen von knapp 60 cher der VVN-BdA, Ulrich Sander in
Millionen Euro an die griechische Regie- einer ersten Stellungnahme.
rung überwiesen. Zynisch wird es bei der „Gegen eine diesem Spruch zu-
Formulierung, das Massaker der SS lasse grundeliegende Politik und Bundes-
sich als „Sachverhalt des Kriegsvölker- wehrtradition werden Antifaschistin-
rechts“ verstehen, dem „kein spezifisch nen und Antifaschisten am 27. Mai in
nationalsozialistisches Unrecht eigen“ sei. Mittenwald, anlässlich der Kriegsver-
Spezifisch dafür seien vielmehr rassen- brecherehrung durch Bundeswehr
ideologische Motive. Mit diesen Antriebs- und Gebirgsjäger-Kameradschaft,
kräften würden Gewaltaktionen – histo- und bei anderer Gelegenheit protes-
risch gesehen – erst zu NS-Unrecht. tieren. Daran werden sich auch Opfer
Mit den gleichen Argumenten haben die aus den Opfergemeinden in Grie-
Gerichte bisher auch die Ansprüche italie- chenland und aus anderen Ländern
nischer Militärinternierter abgeschmettert, beteiligen.“
obwohl sie nachweislich Zwangsarbeit u.b. (Quellen: PM des BVG,
leisten mussten. FR 4.3.2006) ■

: antifaschistische nachrichten 5/2006 7


Antifaschistische Aktivitäten
Halle. Auf entschiedenen Widerstand Entsetzen über antisemitischen
treffen die Pläne der Neonazis (organi-
siert von Christian Worch), am 11. März
in Halbe erneut mit zwei Demonstrati-
Mord in Frankreich
onszügen zum Waldfriedhof zu mar- „Ach, wenn ich doch reich wäre!“ Brandwunden oder anderen Verletzungen
schieren, wo 23000 Tote des zweiten steht auf dem linken Schild, auf auf. Die Ermittler vermuten, das Zusam-
Weltkrieges begraben liegen – Wehr- dem rechten wird ergänzt: „Jude, menwirken der Verletzungen und des Er-
machtssoldaten, aber auch Deserteure aber – Sozialhilfeempfänger!“ Mit seinen schöpfungszustands von Ilan Halimi habe
und Zwangsarbeiter. Während die Neo- beiden Pappschildern ging Philippe am zu seinem Tod geführt.
nazis provokativ wieder ein „Heldenge- Sonntag (26. Februar) auf die Pariser Einem Bericht des Online-Nachrichten-
denken“ veranstalten wollen (,‚Tag der Demo für das Andenken an Ilan Halimi, zu dienstes des französischen Internetprovi-
Ehre), plant das lokale Aktionsbündnis der rund 50.000 Menschen kamen, und ders Wanadoo vom 25.2. zufolge sollen
sich dem mit „kreativen und witzigen wurde dabei dutzendfach fotographiert die Entführer den Entschluss gefasst ha-
Ideen“ entgegenzustellen Nach den Wor- und aufgenommen. Einem ideologischen ben, ihr Opfer zu töten, nachdem dieser
ten der SPD Landtagsabgeordneten Syl- Stereotyp, das sich offenbar in Teilen der seine Wächter durch eine gelockerte Au-
via Lehmann kommt es nicht in Frage, Gesellschaft tief eingefressen hat, versucht genbinde erkannt habe. Vieles deutet da-
den Aufmarsch der Neonazis einfach zu der 42-Jährige so mit Ironie beizukom- rauf hin, dass Halimi unmittelbar vor sei-
ignorieren, wie es der brandenburgische men. „Getötet 2006 in Frankreich, weil er nem Tod stundenlang durch ein Waldstück
Innenminister Schönbohm vorgeschla- Jude war“, verkündet die
gen hatte. Der Protest des Aktionsbünd- Union der jüdischen Stu-
nisses steht unter dem Motto „Wider- denten in Frankreich
stand hat viele Gesichter“. In einem Auf- (UEJF) – neben SOS Ra-
ruf hat der Landesvorstand der Linkspar- cisme und dem jüdischen
tei.PDS Brandenburg angekündigt, sich Zentralrat CRIF Haupt-
den Aktionen des örtlichen Aktionsbünd- veranstalter der Demo –
nisses anzuschließen. Die Staatsanwalt- über Ilan Halimi, und auf
schaft Potsdam hat es inzwischen abge- einem anderen ihrer Schil-
lehnt, nach Anzeigen der Neonazis gegen der ist zu lesen: „Ein Kli-
die Gegendemonstranten vom 12. No- schee hat getötet“. Ge-
vember (unter denen sich zahlreiche pro- meint ist damit die Vor-
minente Landespolitiker befanden) zu stellung, dass Juden Men-
ermitteln. Es gebe keine Anhaltspunkte schen mit viel Geld seien.
für eine Straftat. ■ Eine fixe Idee, die – nach
allem, was man bisher da-
Wahlen rüber wissen kann – beim
Tod des 23-jährigen Ilan Halimi eine marschieren musste, durch das seine Be-
Stuttgart. In Baden-Württemberg wichtige Rolle gespielt hat. wacher ihn führten, wohl um ihn zu des-
kann die NPD nicht flächendeckend an- Der Sterbende war am 13. Februar in orientieren. Möglicherweise hat man das
treten. Sie konnte nur für 52 der 70 der Nähe eines Vorstadtbahnhofs rund 30 Opfer für tot oder nahezu tot gehalten, als
Wahlkreise Kandidaten und Unterstüt- Kilometer südlich von Paris durch Passan- man es liegen ließ.
zerunterschriften vorlegen. Da sie ohne- ten aufgefunden worden. Bis der Kranken- Die Bande, die ihn festhielt, äußerte zu-
hin nicht an einen Einzug in den Landtag wagen ihn in die Notaufnahme bringen nächst finanzielle Motive, wobei ihre an
denken kann, hofft sie durch einen offen- konnte, war er bereits tot. Halimi, der bis die Familie erhobenen Lösegeldforderun-
siven Wahlkampf wenigstens die Repu- dahin als Verkäufer in einem Handyge- gen im Laufe der Zeit stark variierten, zu-
blikaner überflügeln und in den Genuss schäft im 11. Pariser Bezirk arbeitete, war nächst zwischen 50 000 und 450 000 Euro
der Wahlkampfkostenerstattung kommen am 21. Januar entführt worden: Eine junge – später forderte die Gang plötzlich nur
zu können. Hauptschwäche und Fiasko Frau hatte ein Date mit ihm vereinbart und noch 5000 Euro, um dann aber wieder auf
bei der Vorbereitung der NPD ist die wei- ihn so in eine Falle gelockt. Diese knapp 450 000 zu erhöhen. Zur konkreten Anbe-
ter andauernde Schlammschlacht zwi- 17-Jährige, die im Auftrag einer Bande raumung einer Geldübergabe seitens der
schen den beiden Flügeln um den ehe- agierte, wurde am 24.2. im Reihenhaus ih- Bande kam es jedoch nie.
maligen NPD-Vorsitzenden Deckert und rer Mutter in Aulnay-sous-Bois festge- Technisch erwiesen sich die Mitglieder
den neuen Landeschef Schützinger. Un- nommen. der Bande als kompetent: Die benutzten
ter dessen Vorsitz beschloss der Landes- 24 Tage lang wurde das Opfer zunächst Handys waren im Ausland – allem An-
vorstand eine enorme Steigerung der in einer Hochhauswohnung in der südli- schein nach in dem westafrikanischen
Wahlkampfmittel. So sollen landesweit chen Pariser Vorstadt Bagneux, später Bürgerkriegsland Côte d’Ivoire, dem Her-
zusätzlich 500000 themenbezogene dann in einem Heizungskeller im selben kunftsland der Eltern von Bandenchef
Wahlzeitungen verteilt und 200000 ge- Gebäude festgehalten. Im Laufe der Ge- Youssouf Fofana – gekauft worden und
gen die „Islamisierungsgefahr“ gerichte- fangenschaft, bei der Halimi anscheinend ließen sich nicht räumlich orten, da die Te-
te thematische Flugblätter verteilt wer- kaum ernährt wurde, fügten seine Bewa- lefonate über eine Kette von Anbietern ge-
den, darüber hinaus 20 000 DIN Al Vier- cher ihm zahlreiche Verletzungen zu. Zum führt wurden. Ihre Emails sandten die Er-
farbplakate und 60 000 Aufkleber einge- Schluss wurden ihm zwei Messerstiche im presser von Internetcafés aus, die direkt an
setzt werden. In die Gesamtmehrkosten Halsbereich zugefügt, und sein Körper einer Metrostation lagen und ein schnelles
von 150.000 Euro sind auch eine zusätz- wurde mit einer brennbaren und ätzenden Entkommen ermöglichten. Gleichzeitig
liche Rundfunk- und Fernsehwerbung Flüssigkeit überschüttet – möglicherwei- erschien das Vorgehen der Bande an ande-
und eine themenbezogene Musik- und se, wie die Presse vermutet, um DNA- ren Punkten recht amateurhaft. Nach An-
Text- Schulhof-CD (Startauflage 10000) Spuren seiner Wächter und Misshandler gaben der Ermittler machte die Bande im-
einbezogen. Start der Sonderaktion zu löschen. Dies sollen die Täter aus Fil- mer dann, wenn es darum ging, eine kon-
(,‚Jetzt hilft nur noch NPD !“) soll in men „gelernt“ haben. 80 Prozent seiner krete Geldübergabe vorzuschlagen und
weiter Seite 10 Körperfläche wiesen infolgedessen sich so „aufzudecken“, einen Rückzieher.

8 : antifaschistische nachrichten 5/2006


möglicherweise bei Der Soziologe Marwan Mohammed,
der psychischen der sich auf Jugendgewalt spezialisiert hat,
Enthemmung ge- unterscheidet in einem Interview mit Libé-
genüber dem wehr- ration zwischen unterschiedlichen Gang-
losen Opfer ge- formen. Zum einen seien da jene jüngerer
spielt haben. Wie Jugendlicher, die bis etwa um die Volljäh-
Le Monde berichte- rigkeit aktiv sind, und deren Mitglieder
te, sollen bei den dann irgendwann mehrheitlich ins „nor-
Telefonaten von male Leben“ finden. Zum anderen gebe es
Gangchef Youssouf Gangs und Individuen, die dieses „Um-
Fofana mit den An- schwenken“ nicht schafften. Manche von
gehörigen des Op- ihnen rutschten dann in die organisierte
fers auch mehrfach Kriminalität ab. Andere, und darum
antijüdische Be- scheint es sich im vorliegenden Fall zu
schimpfungen ge- handeln, kombinieren eine amateurhafte
äußert worden sein, Kriminalität mit dem Versuch, ebenso hart
es habe auch gehei- wie eine strukturierte Mafiagruppe aufzu-
Derzeit gehen Polizei und Untersu- ßen: „Geht in Euren Synagogen betteln“. treten und sich dadurch „Respekt“ zu ver-
chungsrichter davon aus, dass die Bande In allen Fällen wurden „verführerisch schaffen.
oder einige ihrer Mitglieder bereits bei frü- aussehende“ junge Frauen, in einem Fall Am 20. Februar entschieden sich die
heren Serien von Erpressungsversuchen auch ein „schöner Junge“, als Lockvögel beiden die Ermittlungen leitenden Unter-
ihre Hände mit im Spiel hatten, so bei ei- eingesetzt. Sie versprachen ihren Opfern suchungsrichter Corinne Goetzmann und
ner Serie von Drohungen mit Erpressungs- ein Date, an dessen Ort dann jedoch nicht Baudoin Thouvenot, das vermutete antise-
hintergrund gegen Notare und andere Ho- nur die erwartete Schönheit, sondern mas- mitische Hintergrundmotiv in die Begrün-
noratioren in mehreren südlich an Paris kierte Bandenmitglieder warteten. Dieses dung für das von ihnen gegen Fofana ein-
angrenzenden Vorstädten im Jahr 2004, Szenario scheint dem Film L’Appât (Der geleitete Strafverfahren aufzunehmen.
und gegen Ärzte im März 2005. Damals Köder) entlehnt zu sein. Dieses Verfahren läuft jetzt unter dem Tat-
hatte sich die Gruppe um Youssouf Fofana, Dabei ging die Gang eher unprofessio- vorwurf „Bildung einer kriminellen Verei-
wenn sie tatsächlich dahinter stecken soll- nell vor, denn die Lockvögel scheinen eher nigung, um gemeinschaftlich einen vor-
te, zunächst noch als bewaffnete korsische außen stehende Personen gewesen zu sein, sätzlichen Mord aufgrund der tatsächli-
Separatistengruppe ausgegeben, die Geld die nicht oder nur grob in die näheren Zie- chen oder vermeintlichen Zugehörigkeit
für ihren Kampf erpressen wolle. Die ein- le der Gangster eingeweiht waren. Wohl des Opfers zu einer Bevölkerungs- oder
gesetzte Email-Technik und die dafür be- deshalb erwiesen sie sich auch als Religionsgruppe zu begehen“, so ist der
nutzten Internetcafés weisen, den Ermitt- Schwachstelle. Es war die Aussage der Straftatbestand im französischen Code Pé-
lern zufolge, Überschneidungen zu der jungen Audrey L., die bei früheren Entfüh- nal formuliert. Das mutmaßliche antisemi-
jüngsten Entführungsserie der Bande um rungsversuchen als Lockvogel benutzt tische Tatmotiv wirkt juristisch Schuld er-
Youssouf Fofana auf, die im Dezember worden war, die die Ermittler auf die Spur schwerend. Gleichzeitig können vor die-
2005 begann. Vor Ilan Halimi hatte die der Bande brachte. Die 24-Jährige hatte sem Hintergrund die Befugnisse der ermit-
Gang bereits sechs andere Opfer zu ent- ihr Portrait in den Medien wiedererkannt. telnden Beamten ausgedehnt werden.
führen versucht, bis dahin allerdings er- Am 16. Februar stellte sie sich der Polizei, Innenminister Nicolas Sarkozy erklärte
folglos. In vier oder fünf von insgesamt dem folgte dann die Festnahmen in den am 21. Februar vor der französischen Na-
sieben Fällen handelte es sich dabei um darauf folgenden beiden Tagen. Nur der tionalversammlung: „Die Wahrheit lautet,
Juden. Bei den vorangegangenen Serien Chef der Gang, Fofana, konnte zunächst dass diese Gangster zuerst aus kriminellen
von Erpressungsversuchen waren rund ein flüchten und setzte sich in die Côte d’Ivoi- Motiven, aus Geldgier gehandelt haben.
Viertel der Betroffenen französische Juden re ab. Zwei französische Ermittler reisten Aber sie waren der Überzeugung, dass, in
oder jüdischer Herkunft, wie Libération ihm am 20. Februar hinterher. Zwei Tage Anführungszeichen, „Juden Geld haben“,
am 25. Februar feststellte. Es ging der später wurde Fofana durch die ivoirische und dass im Falle, dass die Entführten
Bande vermutlich nicht primär darum, Ju- Kriminalpolizei festgesetzt. Das von Paris selbst keines hätten, die Familie und die
den zu treffen. Wohl aber ging die Assozi- beantragte Auslieferungsverfahren läuft jüdische Gemeinschaft zusammenhalten
ierung von „Juden“ mit „Geld“ in das Tat- derzeit und dürfte zu seiner baldigen Über- würden. Das nennt sich Antisemitismus
motiv mit ein. stellung nach Frankreich führen. Inzwi- durch Amalgambildung.“
Der ermittelnde Staatsanwalt Jean- schen sitzen 18 Mitglieder der Bande und Diesen klaren Worten kann kaum wi-
Claude Marin bestritt zunächst eine primär Komplizen in Haft; fast alle sind arbeits- dersprochen werden. Zweifelhafter war
antisemitische Motivation der Tat. Er sieht los, aus Familien unterschiedlichster Her- hingegen der in Sarkozys Rede am Rande
das Hauptmotiv vor allem in finanzieller kunft und zwischen 16 und 32 Jahre alt enthaltene Hinweis, bei einem der Tatver-
Habgier. Während der ersten Vernehmun- In den Pariser und anderen französi- dächtigen seien Unterlagen muslimischer
gen sollen die Bandenmitglieder die Über- schen Trabantenstädten, die durch ein ho- Wohlfahrtsorganisationen gefunden wor-
legung geäußert haben, „die jüdische hes Maß an Zusammenballung gesell- den. Einer der Ermittler erklärte, diese Un-
Community hätte sich ja zusammentun schaftlicher Probleme, durch soziale Zer- terlagen hätten mit den Tätern und dem
können, um die 450 000 Euro gemeinsam rüttung und teilweise Ghettoisierung dort Verbrechen nichts zu tun, sondern gehör-
aufzubringen“, so die Sonntagszeitung lebender Migrantengruppen geprägt sind, ten den Eltern eines der jugendlichen Tat-
JDD. Nach bisherigen Darstellungen wa- existieren zahlreiche Jugendbanden. Nur verdächtigen und seien darüber hinaus
ren die Gang oder jedenfalls einige ihrer die allerwenigsten Jugendbanden legen je- ziemlich banaler Natur. Eine frühe Aussa-
Mitglieder der Auffassung, Juden müssten doch ein derartiges Maß an Gewalttätig- ge Sarkozys, wonach auch „salafistisches“
ja Geld haben und sie würden alle zusam- keit und hemmungsloser Brutalität an den Material sichergestellt worden sei, wurden
menhalten. Hass auf Juden als leitendes Tag wie jene um Youssouf Fofana. Dieser durch die Polizei als Falschmeldung de-
Motiv der Entführung wird durch die hat allem Anschein nach als eine Art cha- mentiert. Dagegen zitiert die israelische
Staatsanwaltschaft nicht angenommen, rismatische Führungsfigur fungiert und Tageszeitung Haaretz einen Onkel Ilan
scheint jedoch zumindest eine sekundäre durch besonders hartes, skrupelloses Auf- Halimis, wonach einer der „Verhandler“
Rolle bei der Auswahl der Opfer, und treten zu beeindrucken versucht. der Gruppe bei einem Telefonat mit Ilans

: antifaschistische nachrichten 5/2006 9


Fortsetzung von Seite 8
Stuttgart bei einer Großkundgebung am Eltern auch Koranverse zitiert
Aschermittwoch sein. habe. Inwiefern einige der Täter,
In Sachsen-Anhalt gehen die Exper- die auf jeden Fall sehr unter-
tenmeinungen über die Aussichten der schiedlicher Abstammung waren,
DVU bei der kommenden Landtagswahl tatsächlich einen konfessionnali-
weit auseinander. Während mancher Par- sierten ideologischen Background
teienforscher die Chancen eher gering hatten, müssen die weiteren Er-
einschätzt und dabei vor allem auf die mittlungen ergeben.
schwachen kommunalpolitischen Struk- Offizielle französische Stellen Die jüdisch-moslemische Freundschaftsgesellschaft
turen verweist, betonen andere, dass sprechen, ebenso wie die Presse,
durch die Hilfe der NPD solche gerade inzwischen deutlich von antisemitischen keit war die Gang aber „ethnisch ge-
im Süden des Bundeslandes aktiviert Beweggründen der Tat. Anfänglich hatten mischt“, die Mitglieder waren unterschied-
werden können. Auch der DVU-Spitzen- sie sich in dieser Hinsicht zurückhaltend licher Hautfarbe und Herkunft – von Fran-
mann Ingmar Kopp, ein Intellektueller gezeigt. Dies hatte mehrere Gründe: Ers- zosen westafrikanischer und maghrebini-
mit einem geschlossenen rechtsextremen tens hatte es in jüngerer Vergangenheit scher Abstammung bis zu „Weißen“ fran-
Weltbild, müsse durchaus ernst genom- mehrfach „Fehlalarm“ über Taten mit ver- zösisch-christlicher oder portugiesischer
men werden. Die eigentliche Wahlent- meintlichem antisemitischem Hintergrund Herkunft. Dies ist im übrigen in vielen Vor-
scheidung werde ohnehin erst kurz vor gegeben. Besonders im Gedächtnis geblie- stadtbanden üblich, die meist keine „ ethni-
dem Wahltag getroffen. Aufgefallen ist, ben ist die „Affäre des (Vorortzugs) RER schen“, sondern territorial strukturierte
dass sich die Rechtsextremen intensiv D“ vom Juli 2004, bei der eine junge Frau Gruppen sind. Youssouf Fofana, den die
bemühen, an die Jungwählerverzeichnis- angab, aus antisemitischen Motiven atta- Ermittler als Psychopathen und „Perver-
se der Städte und Kommunen heranzu- ckiert und verletzt worden zu sein. Die Be- sen“ beschreiben – und der sogar noch die
kommen. In etwa 40 Prozent der Wahl- troffene war jedoch eine – nicht jüdische – ihn vernehmenden Kriminalpolizisten be-
kreise, so verlautete aus Magdeburg, sei Mythomanin und hatte nur die öffentliche drohte –, dürfte das zentrale „Gehirn“ der
dies auch gelungen. Die Grünen in Sach- Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen. Gruppe gewesen sein. In der hierarchisch
sen-Anhalt haben für den Wahlkampf ein Solche Vorfälle tragen dazu bei, dass die strukturierten Bande gab es noch weitere
spezielles Plakat ihrer Partei gegen Öffentlichkeit beim nächsten oder über- Zentralfiguren, darunter einen „Liebling
Rechtsextremismus vorgestellt und for- nächsten Alarm nur noch müde abwinkt. des Chefs“, den Chefinformatiker und ei-
dern ein spezielles Landesprogramm ge- Zum Zweiten befürchteten die Behör- nen 17-Jährigen, der sich durch besondere
gen den Rechtsextremismus. ■ den, die „interkommunitären“ Spannungen Brutalität – etwa gegenüber der Geisel –
zwischen Bevölkerungsgruppen anzuhei- ausgezeichnet haben soll.
Prozess zen. Dazu trug die Überlegung bei, es kön- Die Veranstalter der Großdemonstration
ne möglicherweise zu ungewollten Solida- achteten darauf, nicht zu Spannungen zwi-
Vor dem Amtsgericht Stendal stand im risierungseffekten kommen, wenn von An- schen „ethnisch“ oder konfessionell defi-
Januar erstmals ein Hintermann der um- fang an „zu deutlich“ auf den antijüdischen nierten Gruppen beizutragen. Das riesige
strittenen Schulhof-CD unter Anklage. Hintergrund der Tat hingewiesen werde. Fronttransparent, das von Menschen aller
Der rechtsextreme Musikproduzent Wil- Das allgemeine Entsetzen über die Brutali- Herkunft getragen wurde, trug die Auf-
lert soll 50000 derartige Tonträger be- tät des Verbrechens, das sich seit dem Be- schrift: „Das Frankreich der Schwarzen,
stellt und geliefert haben. Die Anklage kanntwerden der näheren Umstände der Weißen und Arabischstämmigen gegen
lautete aber nur auf „schwere Jugendge- Tat ausbreitete, hat diese Befürchtung je- Rassismus und gegen Antisemitismus“. Im
fährdung“ und nicht auf „Volksverhet- doch gegenstandslos werden lassen. Ferner offiziellen Aufruf beschworen SOS Racis-
zung“. Da die Texte strittig sind (es gibt war die Furcht vor einem Anstieg „eth- me und die Union der jüdischen Studenten
viel üblere CD‘s) konnte sich die Ankla- nisch-religiös“ motivierter Spannungen die „republikanische Einheit, die durch die
ge gegen die bekannten Anwälte der Na- aber auch mit Ereignissen vom vorletzten kommunitaristischen Tendenzen bedroht
ziszene Wolfram Narath (letzter Bundes- Sonntag verbunden: Am Rande eines wird“. Von der konservativen Regierungs-
führer der 1992 verbotenen „Wiking-Ju- Schweigemarschs für Ilan Halimi im Pari- partei UMP bis zur französischen KP rie-
gend“) und Gisa Pahl nicht durchsetzen, ser Zentrum am 19. Februar hatten sich fen alle großen Parteien zur Teilnahme auf,
der Angeklagte wurde frei gesprochen. junge Anhänger einer rechtsextremen jüdi- nachdem die gesamte politische Klasse die
Aus dem Newsletter der schen Bewegung – der Jüdischen Verteidi- Tat verurteilt und auch auf ihren antisemiti-
AG Rechtsextremmus / Antifaschismus gungsliga LDJ, eines Ablegers der in den schen Hintergrund – der als Anschlag auf
der Linkspartei.PDS USA und Israel verbotenen rassistischen Grundwerte der universalistischen Repu-
Antifa - aktuell 2/2006 ■ Kach-Bewegung – hervorgetan. Sie hatten blik gewertet wurde – hingewiesen hatte.
die Auslagen „arabischer“ Geschäfte ver- Dagegen wurde das Ansinnen zweier
Überregionale Anti-Repres- wüstet und einen schwarzen Passanten rechtsextremer französischer Parteien, FN
durch die Straßen gejagt. Auch am Rande und MPF, die Demonstration als Tribüne
sionsdemonstration der Pariser Großdemo von 50.000 Men- für Hetze gegen Banlieuebewohner oder
18.3.06, Hbf Potsdam 14 Uhr schen wurden die Extremisten der LDJ ak- moslemische Einwanderer zu nutzen, nach
tiv, die den offiziellen Slogan „Gerechtig- einer Polemik über ihre Teilnahme im Vor-
keit für Ilan“ mit eigenen Sprechchören feld dann schnell vereitelt. Der ultrarechte
„Rache für Ilan“ und „Fofana, die Juden Nationalkatholik Philippe de Villiers, Chef
kriegen Deinen Kopf“ zu überlagern ver- des MPF, wurde nach kürzester Zeit aus
suchten. Sie griffen einen Fotografen an dem Spitzenblock der Großdemo hinaus-
und jagten eine kleine Gruppe von Ban- geworfen. Über drei Viertel der Demons-
lieuejugendlichen, die sich in einem Café tranten gehörten zur jüdischen Communi-
am Boulevard Voltaire verschanzten, wäh- ty. Aber die Präsenz eines Blocks von
rend Polizisten Schlimmeres verhinderten. „Schwarzen gegen den Antisemitismus“
In ihren Augen reduziert sich die Mord- oder der „jüdisch-moslemischen Freund-
tat der „Gang der Barbaren“ auf folgende schaftsgesellschaft“ aus einer südlichen
Komponente: „Junge Araber und Schwar- Pariser Vorstadt wurden sehr begrüßt.
ze haben einen Juden getötet.“ In Wirklich- Bernhard Schmid, Paris ■

10 : antifaschistische nachrichten 5/2006


Lage-Hörste. Einen Überblick
über das gesamte Spektrum der
Rechten gibt die Ausstellung „Neo-
Fließende Grenzen
faschismus in Deutschland“, die am Mon- Ausstellung „Neofaschismus“ im ver.di-Institut
tagabend, 20.2. im ver.di-Institut für Bil- Aussagen, die wir hier auf 28 Tafeln lesen deshalb sei der Sozialstaat in Frage zu stel-
dung Medien und Kunst in Lage-Hörste er- können, vom Bundesverfassungsgericht in len. Zu dieser scharfen These Götz Alys
öffnet wurde. Die Lippische Zeitung vom Karlsruhe nur als „missliebige Meinun- fand kürzlich eine bedeutende, aber leider
22.2. berichtete darüber ausführlich. Ein- gen“ angesehen werden, die zu dulden sei- nicht stark beachtete wissenschaftliche
führende Worte sprach Ulrich Sander, Lan- en, bei Märschen zum Beispiel. Konferenz an der Ruhruniversität Bochum
desvorsitzender der Vereinigung der Ver- Über das Bundesverfassungsgericht hat- statt. Unter dem Titel „Faschismus und so-
folgten des Naziregimes - Bund der Antifa- te ich mich als Bundessprecher der VVN- ziale Ungleichheit“ wurde zwei Tage lang
schistinnen und Antifaschisten (VVN- BdA 2002 so geäußert: „Die Ministerprä- beraten, wobei Dr. Gabriele Metzler (Tü-
BdA). Wir dokumentieren Auszüge. sidenten der deutschen Bundesländer ha- bingen) nachwies, dass der Sozialstaat auf
„Gegen die Enttabuierung des Rechts- ben eine gute Gelegenheit, etwas Wirksa- 1918, wenn nicht gar die Bismarckzeit zu-
extremismus aus der Mitte der Gesell- mes gegen den Neonazismus zu unterneh- rückgeht und nach 1945 einen Auf-
schaft heraus“ men: Sie können auf der nächsten Bundes- schwung erhielt. Prof. Thomas Kuczinski
ratssitzung dagegen stimmen, dass Prof. und Prof. Kurt Pätzold (beide Berlin) sa-
Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Hans-Jürgen Papier zum Präsidenten des hen eine erhebliche Verschlechterung der
Ausstellung zum Neofaschismus gibt ein BVG ernannt wird.“ Ich schrieb, Papier sozialen Lage der Massen infolge Faschis-
erschreckendes Bild der Gefahr, mit der habe mit seinen einstweiligen Verfügun- mus und Krieg und einen Aufschwung der
wir es zu tun haben, aber auch einen star- gen zugunsten der Neonazis immer wieder Profite wie nie in der Geschichte. Dabei
ken Eindruck von den Möglichkeiten, un- Neonaziaufmärsche ermöglicht. habe zu- sah Thomas Kuczinski eine bestimmte Art
sere Demokratie zu verteidigen. Sie zeigt gelassen, dass antinazistische Gerichtsur- von Sozialpolitik als notwendigen Be-
fast alle Facetten des Neonazismus. Eine teile höchster Landesverwaltungsgerichte standteil nazifaschistischer Wirtschaftspo-
Tafel der Ausstellung ist der Grauzone, missachtet werden, die wie das Oberver- litik an, und Kurt Pätzold konkretisierte:
dem Scharnier zwischen Mitte und Rechts- waltungsgericht für NRW in einer um- Faschismus an der Macht herrscht über die
außen gewidmet. Ich möchte über diesen fangreichen Rechtssprechung festgestellt Werktätigen des eigenen Landes mittels
Aspekt unserer Ausstellung etwas mehr sa- hatten, dass sich eine rechtsextremistische Terror und Demagogie aber auch mittels
gen als über die anderen, denn wir erleben Ideologie auch nicht mit Mitteln des De- „Erfolgsbestechung“ und „Erfolgsverspre-
sehr bedenkliche Entwicklungen auf die- monstrationsrechts legitimieren lässt. (...) chen“. Die „Legende vom üppigen Leben
sem Gebiet. Denn unser Kamerad Peter Ich schloss: „Die VVN-BdA hält einen der Deutschen an der Heimatfront“ (Pät-
Gingold pflegt auf seinen legendären Aus- Präsidenten des Bundesverfassungsgerich- zold) sei nicht neu, hinzugekommen ist der
sprachen mit Jugendlichen zu sagen: Das tes für untragbar, der zugunsten der Neo- Versuch, mögliche Verbindungen der sozi-
schlimmste ist nicht, dass es Nazis gibt, nazis, die mit ihrem Terror wie mit ihren alpolitischen Orientierung der NS-Dikta-
sondern die Verhältnisse sind das Aufmärschen die Menschen im Lande tur mit den Modellen moderner Sozial-
schlimmste, die sie möglich machen. ängstigen, das Grundgesetz beugt.“ (...) staatlichkeit schon während, insbesondere
Waren bisher schon häufig rechte Lo- Dies trug der VVN-BdA und mir persön- aber nach dem Zweiten Weltkrieg nachzu-
sungen bis in die Mitte vorgedrungen: ich lich einen dicken Eintrag im „Verfassungs- weisen, um überkommene Sozialstaats-
nenne die Gestaltung des Asylrechtes nach schutzbericht 2002“ ein. (...) konzeptionen noch besser abwickeln zu
den Formulierungsmustern der Reps, die Ein kleiner Bochumer Amtsrichter, Dr. können.
Übernahme der T-Shirt-Losung der Neo- Ralph Feldmann, Verdi-Mitglied, gab ei- Nachdem NS-System und Sozialismus
nazis „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ nen mutigen Kommentar zum Verhältnis seit längerem auf eine Stufe gestellt wer-
durch prominente Leitkultur-Politiker, und des BVG zu den Rechten ab. In einem Le- den, wird nun in Teilen der Geschichts-
dann die durchrasste und durchmischte serbrief in der WAZ schilderte er den Weg schreibung jegliche Sozialstaatlichkeit als
Gesellschaft, die zeitweilig die Wortwahl des BVG-Präsidenten H.J. Papier vom en- dem NS ähnlich diffamiert. Solche Thesen
eines bekannten ehemaligen Kanzlerkan- gen Mitarbeiter des Ex-Nazis und Grund- sind zwar absurd. Aber sie drängen aus
didaten prägte, aber auch die „Enttabuie- gesetzkommentators Theodor Maunz zwei Gründen in den Vordergrund: Es soll
rung des Krieges als Mittel der Politik“, (Ratgeber der DVU) nach Karlsruhe. Feld- im Mainstream endlich Schluss gemacht
der sich die Regierenden auch von Rot- mann schrieb: „Wer sich offenbar ohne werden mit der Behauptung von der
Grün rühmten, so haben wir es heute mit Berührungsangst und ohne staatsrechtsge- Schuld und Nutznießerschaft der Wirt-
der Enttabuierung des ultrarechten Gedan- schichtlichen Ekel in solche wissenschaft- schaft am Faschismus, – und es soll eine
kengutes aus der Mitte heraus zu tun. liche Gesellschaft begibt, bietet kaum Ge- historische Begründung her, und sei sie
Da ist die Forderung nach Beendigung währ dafür, dass er die Beschränkung neo- noch so unsinnig, dass der Sozialstaat, wie
der Geschichtsdiskussion durch Abschaf- nazistischer Hetze verfassungsrechtlich als er im Grundgesetz definiert ist und wie er
fung der „Auschwitzkeule“, die angeblich ein Grundanliegen im Erbe unseres gegenwärtig demontiert wird, ein Resultat
die freie Diskussion behindere. Und da Grundgesetzes entdeckt.“ (...) des Faschismus und damit entbehrlich ist.
sind die nie ganz aufgearbeiteten Vorfälle Vor einem Forum von Gewerkschaftern Und entbehrlich, weil letztlich rückwärts-
des Rechtsextremismus in der Bundeswehr sei mir gestattet, noch einen weiteren gewandt, sei auch der Klassenkampf für
und die Tatsache dass die Erörterung die- Komplex anzusprechen, den der Verbin- den Erhalt sozialstaatlicher Errungen-
ses Problems mit der vorletzten Bundes- dung reaktionärer Geschichtspolitik mit schaften.
tagswahl plötzlich abbrach. Die Bundes- der Sozialpolitik. Mit Götz Alys Buch Wir dürfen gespannt sein auf die Veröf-
wehr wurde ja für den Krieg gebraucht, da „Hitlers Volksstaat“ soll von der Schuld fentlichung der Konferenzunterlagen
durfte sie nicht länger kritisch betrachtet der ökonomisch und politisch herrschen- durch PD Dr. Christoph J. Bauer (Uni Bo-
werden. (...) den Klasse am Faschismus abgelenkt und chum), der die Konferenz leitete. Und wir
Wir sind tief beunruhigt über das die pauschal die Arbeiterklasse als Profiteur dürfen gespannt sein, auf die Antwort auf
Nazi begünstigende Verhalten von Politi- an NS-Massenverbrechen und am Krieg den im Plenum gemachten Vorschlag, nun
kern, von Polizei und Justiz. Sie tun nicht ausgewiesen werden, bis hin zu der Be- eine wissenschaftliche Konferenz zum
genug gegen die Rechten. Das ist noch hauptung, der Nutzen des von Hitler ge- Thema „Verbrechen der Wirtschaft im
vorsichtig ausgedrückt. Oder was soll man schaffenen Sozialstaates für die „Sozial- deutschen Faschismus“ folgen zu lassen.
dazu sagen, dass all die schlimmen rechten schmarotzer“ wirke bis heute, und auch ■

: antifaschistische nachrichten 5/2006 11


: ausländer- und asylpolitik
13 Monate nach dem Tod Oury Jallohs
gibt es immer noch keine Klarheit über
die Umstände und die Verantwortungen.
Härtefallkommission löst Trotz massiver, mittlerweile der Öffent-
kann. Auch solche wirklichen Härtefälle lichkeit bekannter Unregelmäßigkeiten
nicht alle Probleme sollten in der Kommission Berücksichti- und Widersprüche wird kein Gerichts-
Stuttgart. Die Härtefallkommission, gung finden. prozess angestrengt. Die verantwortli-
die im vergangenen September ihre kon- Diese Einwände zeigen, dass die Här- chen Polizeibeamten und der Arzt, der
stituierende Sitzung hatte, legte kürzlich tefallkommission allein keine menschli- den Todesschein ausstellte, sind immer
einen Bericht über die ersten drei Mona- che und gerechte Lösung für die vielen noch im Dienst.
te (Oktober bis Dezember) ihrer Tätig- langjährig hier lebenden Flüchtlinge Die Dessauer Staatsanwaltschaft hat
keit vor. Das Ergebnis in Zahlen lautet: bringen kann. Ca. 16.000 Geduldete zwar Anklage wegen Körperverletzung
820 Eingaben, die 3300 Personen umfas- (Stand März 2005) leben seit mehr als mit Todesfolge und wegen fahrlässiger
sen, davon wurden 197 bearbeitet, 42 fünf Jahren, ca. 10.000 schon seit mehr Tötung gegen zwei Polizisten erhoben.
Eingaben führten zu einem Härtefaller- als zehn Jahren in Baden-Württemberg. Mit immer neuen Einwänden wird aber
suchen an das Innenministerium, das in Für diese Flüchtlinge kann es nur eine versucht, die Verfahren einzustellen – bis
37 Fällen die Erteilung einer Aufent- Lösung geben: eine „Altfallregelung“, ins Absurdum. Jetzt heißt es, die Anklage
haltserlaubnis anordnete. wie sie nicht nur von Flüchtlingsorgani- der Rechtsanwälte der Familie Jalloh sei
Diese Zahlen und „Fälle“ stehen für sationen, sondern von vielen Politikern nicht gültig, denn es beständen nicht ge-
Menschen, die von der Entscheidung der aller Parteien, u.a. auch der Migrations- nügend Beweise, dass es sich tatsächlich
Härtefallkommission existenziell betrof- beauftragten Frau Böhmer, und von der um die Familie Jalloh handele. Die Zeit
fen sind, deren weiterer Lebensweg sich Mehrzahl des Landesregierungen emp- vergeht. Bestimmte Verbrechen vergisst
zum Positiven oder zum Negativen radi- fohlen wird. Der Flüchtlingsrat plädiert man.
kal verändern wird. Die Einen sind am deshalb an die Landesregierung, sich bei Die Geschehnisse in Dessau sind nur
Ziel all ihrer Träume – und wie beschei- der nächsten Innenministerkonferenz im der Gipfel des Eisbergs. Die Realität von
den sind ihre Träume im Vergleich zu de- Mai für ein Bleiberecht langjährig hier Flüchtlingen und MigrantInnen in ganz
nen der meisten Einheimischen – und lebender Flüchtlinge einzusetzen. Europa wird von Tag zu Tag dramati-
können sich nun endlich ein selbstbe- Ulrike Duchrow, Flüchtlingsrat scher. Zunehmende Verfolgung und Kri-
stimmtes Leben aufbauen; den anderen Baden-Württemberg e. V ■ minalisierung kennzeichnen den Alltag
bleibt nach vielen Jahren des Hoffens von nicht-Europäern in Form von immer
und Bangens nur die Rückkehr in ein Bundesweite Demo am 1. mehr Gewalt, Kontrollen, Abschiebun-
Land, aus dem sie geflohen sind, das gen. Damit werden Hass und Ausgren-
nicht mehr das ihre ist, in dem ihre Dör- April in Dessau zung noch tiefer in der Gesellschaft ver-
fer, Häuser etc. zerstört sind, in denen Kann sich ein Mensch selbst verbrennen, ankert. Allein zwischen 1990 und 2004
sich die Gefährdung kaum verringert hat: wenn er an Händen und Füßen fixiert starben in Deutschland elf MigrantInnen
Kosovo, Afghanistan, die Kurdengebiete worden ist? Wie ist es möglich, dass ein im Zuge polizeilicher Maßnahmen,
der Türkei usw. Mensch ausgerechnet in einer Gefäng- zwölf wurden durch rassistische Angriffe
Der Flüchtlingsrat Baden-Württem- niszelle im sogenannten „Sicherheitsge- auf der Straße umgebracht.
berg hat die Einrichtung einer Härtefall- wahrsam“ verbrennt und die Todesum- Nun wird auch Mouctar Bah, der
kommission begrüßt. Kann so doch eini- stände über ein Jahr lang ungeklärt blei- Mensch, der im Mordfall Oury Jalloh am
gen Wenigen ein Bleiberecht erteilt wer- ben? Oury Jalloh, ein 21-jähriger Flücht- Entschiedensten für Wahrheit und Ge-
den. Er ist sich der Schwierigkeiten der linge aus Sierra Leone, starb am 7. Janu- rechtigkeit gekämpft hat, kriminalisiert
Entscheidungen bewusst, die ein solches ar 2005 in Polizeigewahrsam, mit Hand- und verfolgt. Am 7. Februar schlossen
Gremium zu fällen hat. Die Häufigkeit schellen an Händen und Füßen auf das die Behörden sein Telecafe – im „öffent-
der Sitzungen und die Gründlichkeit der Zellenbett gefesselt. Todesursache: Hit- lichen Interesse“, so hieß es, da er angeb-
Beratungen jedes einzelnen Falles, die zeschock. Die offizielle Version: Das lich Drogendealer in seinem Laden tole-
aus dem Bericht hervorgehen, zeigen, Opfer habe die Matratze mit einem Feu- rierte. Das Cafe war Bahs finanzielle
dass die Kommission es sich wahrlich erzeug angezündet, Feuer gefangen und Grundlage und ein zentraler Treffpunkt
nicht leicht macht. sei verbrannt. Also Selbstmord? für die Initiative in Gedenken an Oury
Schaut man allerdings auf die Krite- Diese Version warf vor einem Jahr Jalloh.
rien der Entscheidung, so fragt man sich, schon schwerwiegende Zweifel auf, die Obwohl Presse und Fernsehen ver-
ob es menschlich verantwortbar ist, bis jetzt nicht entkräftet worden sind, schiedentlich auf die rassistischen Hin-
wenn vor allem die in den Genuss einer sondern sich erhärtet und ausgeweitet ha- tergründe des Todes aufmerksam mach-
Härtefallregelung kommen, die ihren ei- ben. Das Feuer brach, den Ermittlungen ten (z. B. Spiegel, ARD) und einige Ini-
genen Lebensunterhalt verdienen und zufolge, gegen Mittag in der Zelle aus. tiativen eine rückhaltlose Aufklärung der
„deutlich über den Durchschnitt heraus- Der Rauchmelder in der Zelle schlug Widersprüche forderten, bleibt die Nei-
ragende Integrationsleistungen“ aufwei- zweimal Alarm. Geräusche und Hilferu- gung zum Verschweigen und Vergessen
sen. Der Flüchtlingsrat befürchtet, dass fe, von einer Gegensprechanlage übertra- in dieser Gesellschaft bis heute stärker.
hier zu stark das Interesse des Staates gen, wurden von den diensthabenden Be- Es bedarf JETZT eines entschiedenen
und nicht genug das der Flüchtlinge im amten registriert, aber ignoriert. Angeb- öffentlichen Drucks, damit der Prozess
Vordergrund steht. Viele Flüchtlinge lich hatte der Dienstgruppenleiter die tatsächlich eröffnet wird. Wir fordern
konnten unverschuldet bisher nicht oder Anlage kurz vor zwölf Uhr leise gestellt, Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschä-
nicht genug arbeiten wegen fehlender weil er ein Telefongespräch nicht verste- digung gegen Rassismus und staatliche
Arbeitserlaubnis oder wegen ihres nach- hen konnte. Erst als auch der Lüftungs- Gewalt
rangigen Zugangs zum Arbeitsmarkt. schalter Alarm schlug, ging er in den Initiative in Gedenken an Oury Jalloh,
Sehr hart ist auch das Schicksal von Keller. Zu spät. Oury Jalloh lag auf einer unterstützt von ARI, Plataforma,
Traumatisierten, bei denen nach der brennenden Matratze, sein Körper quasi THE VOICE
Rückkehr in ihr Land eine Retraumati- verkohlt. Reste eines Feuerzeugs wurden http://plataforma-berlin.de /
sierung droht, die im Herkunftsland erst bei späteren „Ermittlungen“ in der http://thevoiceforum.org
kaum je angemessen behandelt werden Zelle gefunden. Mehr Information: 0176 - 254 33750 ■

12 : antifaschistische nachrichten 5/2006


„Ich habe keine Angst, der ersten Mal eine derartige Bleibe- und rum mit den Grund- und Menschenrech-
Buhmann zu sein“ Wiederkehroption in das Ausländerrecht ten unvereinbar. Sie gehören abgeschafft!
übernommen wurde, sei ein solcher Vor- Wir rufen deshalb mit auf zur Demons-
Niedersachsen. Seit Wochen häuft sich stoß begrüßt worden. Denn richtig ver- tration der Lagerinsassen am 2. März um
die Kritik von Kirchen und auch Wohl- standen verbessere er doch die Lage von 13.00 Uhr in Hannover am Kröpcke (In-
fahrtsverbänden an der Flüchtlingspolitik Familien, die auch Mitglieder hätten, die nenstadt).
des Landes und an Innenminister Uwe ein selbstständiges Leben außerhalb des Thomas Hohlfeld, Komitee für
Schünemann (CDU). Von ihm wünscht Elternhauses führen könnten. bee ■ Grundrechte und Demokratie,
sich Landesbischöfin Margot Käßmann info@grundrechtekomitee.de ■
eine „kreativere“ Flüchtlingspolitik. Und Menschen in Lagern in
auch Käßmanns katholischer Amtsbruder Skandalöser Einbürgerungs-
Norbert Trelle, der künftige Bischof von Deutschland: erniedrigt,
Hildesheim, hat sich für eine weiterge- abhängig und rechtlos! Fragebogen in Bayern ab 1.
hende Bleiberechtsregelung für lange in Bramsche. Das Komitee für Grundrechte März
Deutschland lebende und gut integrierte und Demokratie unterstützt die Forderun- München. Die Vereinigung der Verfolg-
Flüchtlinge ausgesprochen. „Wir suchen gen der über 180 Flüchtlinge aus dem ten des Naziregimes – Bund der Antifa-
durchaus das Gespräch mit den Kirchen“, Rückführungs- und Abschiebelager in schistinnen und Antifaschisten (VVN-
sagt der Innenminister. Er will aber trotz Bramsche-Hesepe nach Schließung des BdA) ist entsetzt über den Fragebogen,
der Kritik bei seiner Position bleiben. „Ich Lagers und nach einer dezentralen Unter- den nun auch die Bayerische Staatsregie-
habe keine Angst, als Buhmann dazuste- bringung. Konkret fordern sie mehr Auto- rung künftig im Rahmen des Zuwande-
hen.“ nomie, die Möglichkeit einer selbstbe- rungsgesetzes einbürgerungswilligen
Es werde keinen Schwenk in der stimmten Alltagsgestaltung (vor allem bei Menschen vorlegen will.
Flüchtlingspolitik des Landes geben, be- der Ernährung) und die Wahrung grundle- Unter den darin aufgelisteten nahezu
tont der Innenminister, dem Flüchtlings- gender Menschenrechte wie z.B. das 200 als „extremistisch“ oder „extremis-
verbände vorwerfen, auf der letzten In- Recht auf Bildung, auf angemessene me- tisch beeinflusst“ genannten Organisatio-
nenministerkonferenz eine großzügigere dizinische Behandlung, auf sprachliche nen findet sich auch die VVN-BdA. Die
Bleiberechtsregelung per Veto verhindert Teilhabe und das Recht auf Bewegungs- älteste und mitgliederstärkste Vereinigung
zu haben. „Ein generelles Bleiberecht freiheit. ehemaliger Verfolgter des Naziregimes,
kommt für uns nicht in Frage – es würde, Der offene Brief der Menschen, die in ihrer Nachkommen und jüngerer Antifa-
ich habe das oft betont, eine zu große Sog- Bramsche-Hesepe festgesetzt worden schisten wird in diesem Fragebogen nicht
wirkung entfalten.“ Nur durch die Konse- sind, verdeutlicht eindringlich ihre syste- nur in einer Reihe mit neofaschistischen
quenz, die man in dieser Frage bewiesen matische und alltägliche Erniedrigung Parteien und Gruppen genannt, sondern
habe, seien letztlich die Zahlen von Asyl- und Entrechtung im staatlichen Auftrag. auch mit terroristischen Gruppierungen
bewerbern abgebaut worden. Das Lager dient vor allem dazu, Men- wie Al-Qaida. Neben der VVN-BdA sind
„Es wird in Zukunft nicht mehr Proble- schen in einer bewusst subhuman ausge- von dieser – vom Verfassungsschutz er-
me mit Menschen geben, die mehr als stalteten Umgebung in Perspektivlosig- stellten – Auflistung eine Reihe weiterer
zehn Jahre hier im Ungewissen leben. Wir keit und Verzweiflung zu treiben, damit antifaschistisch und demokratisch enga-
streben an, dass alle Asylverfahren in ei- sie ihrer „freiwilligen Ausreise“ (gezwun- gierter Organisationen und Parteien be-
nem kurzen Zeitraum von höchstens drei genermaßen) zustimmen. troffen.
Jahren abgeschlossen werden“, sagt der Das ist das beschämende Programm Die bereits in Baden-Württemberg mit-
Innenminister. Dass seine Haltung „un- des Lagers und dagegen wehren sich die tels des Zuwanderungsgesetzes eingelei-
christlich“ sein soll, kann er nicht verste- BewohnerInnen – oder sollte man von tete Diskriminierung von Bewerberinnen
hen. Schließlich habe er auf der letzten In- „Insassen“ sprechen? – mit ihrem ver- und Bewerbern um die deutsche Staatsan-
nenministerkonferenz ein gesetzliches zweifelten Appell zu Recht. Die für die gehörigkeit wird durch den Vorstoß aus
Bleibe- und Wiederkehrrecht für Jugend- skandalösen Zustände verantwortliche Bayern noch verschärft. Ausländerinnen
liche im Alter von 15 bis 21 Jahren vorge- Landesregierung ist allerdings nicht ein- und Ausländer, die sich um einen deut-
schlagen, das an Lösungen für türkische mal dazu bereit, mit den Menschen zu schen Pass bewerben, müssen in dem Fra-
Jugendliche aus den achtziger Jahren an- sprechen. Wozu auch? Man will sie – die gebogen, den sie vor den Augen der zu-
knüpft, die mit ihren Eltern zur Ausreise Unerwünschten, die entwurzelten Habe- ständigen Beamten ausfüllen sollen, nicht
gezwungen waren, obwohl sie hier blei- nichtse – ohnehin so schnell wie möglich nur Auskunft über etwaige aktuelle Mit-
ben wollten. Der Caritas-Verband schätzt, wieder loswerden. gliedschaften in den aufgeführten Grup-
dass in Niedersachsen 12000 Flüchtlinge, Die Einrichtung des Rückführungs- pierungen erteilen. Darüber hinaus wird
die mehr als fünf Jahre in Deutschland le- und Abschiebelagers in Bramsche-Hese- von ihnen verlangt, anzugeben, ob sie ir-
ben, von der Abschiebung bedroht sind. In pe ist nur ein, wenn auch wesentlicher gendwann früher einmal solchen Organi-
ausführlichen Schreiben an die Caritas Baustein der niedersächsischen Abschie- sationen angehört haben und ob sie diese
wie auch an andere kirchliche Verbände bemaschinerie, die aktuell Hunderte von durch Spenden oder den Bezug von Pres-
haben Schünemanns Flüchtlingsexperten Menschen bürokratisch-rechtstaatlich in seorganen „unterstützen“. Damit werden
inzwischen um Verständnis für die Positi- die nackte Verzweiflung treibt. Einbürgerwilligen von vorneherein
on des Innenministers geworben. Der Vor- Verschärfte Abschiebungen, restriktive Grundrechte und Menschenwürde abge-
wurf, der Minister reiße mit seinem Plan Rechtsauslegungen und die Verweigerung sprochen, werden Informations- und Mei-
Familien auseinander, wenn er nur gut in- einer Bleiberechtsregelung für bereits seit nungsfreiheit und Koalitionsrechte annul-
tegrierten Jugendlichen ein Bleiberecht Jahren im Land lebende Flüchtlinge er- liert und die Privatsphäre der Antragsstel-
ermögliche, fällt im Innenministerium auf gänzen die brutale Lagerrealität. ler aufs Gröbste verletzt. Die VVN-BdA
blankes Unverständnis. Man verkenne die Nur weil Gesetze eine solche staatliche fordert: 1) Der skandalöse Fragebogen
Intention des Vorschlages. Praxis decken, muss sie noch lange nicht muss von der Bayerischen Staatsregie-
„Es ist uns unverständlich, wie man mit den Menschenrechten konform ge- rung ersatzlos zurückgezogen werden. 2)
dieses zusätzliche Angebot für ein Bleibe- hen. Denn wer Menschen in Lager steckt, Einstellung der Bespitzelung und Diskri-
recht für Jugendliche auch von abgelehn- erniedrigt sie als Menschen und kappt ihre minierung der VVN-BdA durch die Ver-
ten Asylbewerbern als familienfeindlich Chancen, menschlich zu leben. Lager in fassungsschutz-Behörden.
diffamieren kann“, heißt es. 1990, als zum all ihren verschiedenen Gestalten sind da- Bundesausschuss der VVN-BdA ■

: antifaschistische nachrichten 5/2006 13


freiburg-postkolonial.de

Konzept für ein lokalpolitisches


Projekt der Erinnerungsarbeit
freiburg-postkolonial.de ist ein neues Pro- ankert, welche zeitgenössischen – auch
jekt des informationszentrums 3. welt oppositionellen – Debatten wurden vor
(iz3w) und informiert über die Kolonial- und während der Zeit der formalen Kolo-
vergangenheit der Stadt Freiburg im nialherrschaft geführt? Welche Wechsel-
Breisgau (und ihrer näheren Umgebung). beziehungen mit den Kolonisierten gab es
Dieses Thema ist bislang weitestgehend bzw. welche Rückwirkungen hatte die ko-
verdrängt und entsprechend auch nicht loniale Erfahrung auf die direkt oder indi-
aufgearbeitet worden. In Freiburg fand rekt Beteiligten? Wie setzte sich der „ko-
sich jedoch die ganze Palette wissen- loniale Phantomschmerz“ dann nach dem
schaftlicher Institutionen, wirtschaftlicher endgültigen „Verlust“ der Kolonien im
Interessen, persönlicher Motivationen und Jahre 1919 (Versailler Vertrag) fort? Diese
auch öffentlicher Debatte und Agitation, Fragen zielen weit über die im Vergleich
die den deutschen Kolonialismus kenn- zu anderen Kolonialmächten kurze Phase
zeichnete. Das Projekt freiburg-postkolo- formaler Herrschaft hinaus. Es geht viel-
nial.de untersucht diese Zusammenhänge mehr um grundlegende Fragen des Um-
und damit auch die Rückwirkungen, die gangs mit Menschen anderer Kulturen
der deutsche Kolonialismus auf das Den- bzw. Gesellschaften, um eigene Zivilisati-
ken in dieser Stadt gehabt hat. ons- und Entwicklungsvorstellungen.
Das folgende Zitat dokumentiert exem- Dies ist zu betonen, weil derzeitig lei-
plarisch, wie in Freiburg auch lange nach der auch eine zunehmende Kolonialnos-
1919 Kolonialpropaganda verbreitet wur- talgie zu verzeichnen ist und revisionisti-
de: „Deutschland kann ohne Kolonialbe- sche Vereine wie der Traditionsverband
sitz nicht leben. Das haben die letzten 18 Zulauf erhalten und mit aufwändigen
Jahre zur Genüge bewiesen. Die Raumnot Webseiten äußerst präsent im Internet
fordert gebieterische Erweiterung der hei- sind.
mischen Grenzen. Gebiete, vielfach so Bei der Thematisierung der genannten
groß wie unser Vaterland, gehörten uns, Fragen, also auch der kritischen Überprü-
waren durch Verträge mit den eingesesse- fung eigener Denkmuster, wird deutlich,
nen Bewohnern in unseren Besitz gekom- dass es sich bei den Problemen von sog.
Die Admiral-Spee-Straße wurde bereits zu Be-
men und in knapp drei Jahrzehnten in ginn der NS-Zeit nach Maximilian Reichsgraf
Entwicklungsländern nicht um eine reine
mustergültiger Weise erschlossen und von Spee benannt. Der Vizeadmiral hatte das „Fernproblematik“ handelt. Um Ge-
dem deutschen Volke dienstbar gemacht Kommando über das koloniale Ostasienge- schichte „erfahrbar“ zu machen und ein
worden. (...) In eigenen Kolonien muss schwader, das zuständig für die militärische besonderes Interesse von BürgerInnen zu
die heranwachsende deutsche Jugend sich Herrschaftssicherung in Kiautschou (China) wecken, bietet es sich an, sie wörtlich
den Wind um die Nase wehen lassen, dort und den diversen Südseeinseln in deutschem „dort abzuholen, wo sie stehen“, nämlich
soll sie sich stählen können für den Besitz war. Nach verschiedenen kleineren ko- in ihrer eigenen Stadt.
lonialen Experimenten deutscher Fürsten im
Kampf des Lebens.“ Maximilian Knecht, Laufe der Jahrhunderte war Kaiser Wilhelm I. Fokus Freiburg
Oberstleutnant a. D., Vorsitzender der derjenige, der das größte deutsche Kolonisie-
Oberbadischen Abteilung der Deutschen rungsprojekt protegierte bzw. durchführte. Gemäß der Analyse des Kolonialismus als
Kolonialgesellschaft mit Sitz in Freiburg Unter seiner Herrschaft wurden Togo, Kame- „kollektive mentale Struktur“ war dieser
zu deren 50. Jubiläum, Breisgauer Zei- run, „Deutsch-Südwestafrika“, „Deutsch-Ost- kein Randphänomen oder auf wenige Me-
tung, 24. 11. 1932 afrika“, Kaiser-Wilhelmsland (Neu-Guinea) tropolen beschränkt. Er spiegelt sich wi-
und die vielen pazifischen Inseln annektiert. der in den Berichten und Debatten der lo-
Die deutsche Kolonialvergangenheit Sein Nachfolger Wilhelm II. fügte noch Kiaut- kalen Zeitungen der Zeit, in der massiven
schou in China hinzu. Auf dem städischen Zen-
Die deutsche Kolonialvergangenheit ist in tralfriedhof liegt das Grab eines der promi-
Verbreitung von Kolonialliteratur oder
der Öffentlichkeit der Bundesrepublik nentesten deutschen Kolonialisten, Theodor weil die aufgrund des Streits um die wei-
Deutschland lange Zeit kaum präsent ge- Leutwein, dem langjährigen Gouverneur von tere Kriegsfinanzierung in „Deutsch-Süd-
wesen. Etwa seit Ende 2003 ist jedoch ein „Deutsch-Südwestafrika“ west“ angesetzte Reichstagswahl von
wachsendes Interesse an der Aufarbeitung 1907 (die sogenannte „Hottentotten-
zu verzeichnen. Dies drückt sich in einer dersetzungen in der südwestlichen Kolo- Wahl“) eben das ganze Reich betraf. Mit
ganzen Reihe von Buchpublikationen, nie des deutschen Reiches). dem Projekt freiburg-postkolonial.de soll
Presseartikeln, Fernsehbeiträgen, Tagun- Ein wesentliches Element der Erinne- die koloniale Verwicklung am Beispiel
gen und Gedenkveranstaltungen aus, die rungsarbeit besteht darin, historische Fak- Freiburgs und seiner näheren Umgebung
die Kolonialkriege vor 100 Jahren erst in ten wieder zugänglich zu machen und aufgearbeitet werden. Dabei wäre die Be-
„Deutsch-Südwestafrika“ und dann in aufzubereiten sowie durch Angebote zu zeichnung „koloniale Provinz“ im Falle
„Deutsch-Ostafrika“ thematisierten. deren Interpretation das Verständnis der Freiburgs nicht einmal richtig, denn es hat
Von staatlicher Seite aus gab es in 2004 Bevölkerung in Deutschland für die ge- die ganze Palette kolonialer Interessen
z. B. die viel beachtete Entschuldigungs- meinsame Geschichte mit den betroffenen und Motivationen, Institutionen und Per-
rede von Bundesministerin Wieczorek- Ländern zu fördern. Als „Betroffene“ sonen zu bieten, von der Wissenschaft bis
Zeul in Namibia und erstmals wieder wird dabei auch zunehmend die koloni- zu Militärs.
nach 15 Jahren einen – wenn auch völlig sierende Gesellschaft selbst thematisiert. Obwohl es an der Freiburger Universi-
unverbindlichen – Bundestagsbeschluss Welches Gedankengut führte überhaupt tät verschiedene HistorikerInnen gab und
(ebenfalls zu den kriegerischen Auseinan- zum Kolonialismus, wie breit war es ver- gibt, die sich mit dem deutschen Kolonia-

14 : antifaschistische nachrichten 5/2006


: ostritt
lismus beschäftigten bzw. dies aktuell tun, schers Studie und er war z.B. 1937 per-
ist die Stadtgeschichte in der Hinsicht bis- sönlich als Gutachter für die Gestapo an
lang fast gar nicht aufgearbeitet worden Zwangssterilisationen von Kindern wei- ochrangigen Besuch hatte der
und es herrscht ein entsprechend äußerst
geringes Problembewusstsein.
Die Ausnahme bildet eine Jubiläums-
ßer deutscher Frauen und farbiger franzö-
sischer Soldaten, den sog. „Rheinlandbas-
tarden“ beteiligt. 1939 erhielt Fischer zu
H Bund der Vertriebenen (BdV) An-
fang Februar bei seinem Jahres-
empfang im Berliner Opernpalais. Rund
schrift des Adelhauser Museums für Völ- seinem 65. Geburtstag den medizinischen 400 Gäste aus Politik und öffentlichem
kerkunde von 1995. Darin wird themati- Ehrendoktor von seiner geliebten Heimat- Leben vermeldete die Organisation, da-
siert, dass das Museum nicht nur im Kon- universität Freiburg, samt der Goetheme- runter Abgeordnete aller im Bundestag
text kolonialen (Forschungs-)Interesses daille für Kunst und Wissenschaft des vertretenen Parteien mit Ausnahme der
gegründet wurde, sondern auch wesentli- ‚Führers‘. Linkspartei.PDS. Anwesend waren darü-
che Teile der Ausstellungsstücke von mit Noch im Jahr 1961 wurde sein Buch ber hinaus Funktionsträger der christli-
Freiburg verbundenen Offizieren, For- über das Bastardisierungsproblem in einer chen Kirchen und nicht zuletzt Diploma-
schern und Händlern unter im jeweiligen leicht gesäuberten Fassung neu aufgelegt. ten aus insgesamt 18 Staaten – ein symbo-
Fall mehr oder weniger fragwürdigen Be- Das Projekt lisch wichtiger Akt internationaler Aner-
dingungen aus den Kolonien herange- kennung für den BdV.
schafft wurden (z.B. vom Gouverneur von Im Zentrum von freiburg-postkolonial.de BdV-Präsidentin Erika Steinbach kün-
„Deutsch-Südwestafrika“, Theodor Leut- soll als Informations- und Vernetzungs- digte auf dem Empfang ihre wichtigsten
wein, dessen Grab auch in Freiburg liegt). plattform die gleichnamige Internetprä- diesjährigen Vorhaben an. Vom 10. Au-
Damit begegnen MuseumsbesucherInnen senz stehen. Als work in progress soll sie gust bis zum 29. Oktober soll im bundes-
hier derselben Problematik wie in Berli- einerseits neue Texte, Dokumente und Er- eigenen Berliner Kronprinzenpalais die
ner Museen. kenntnisse immer zeitnah und frei zu- Ausstellung „Erzwungene Wege“ gezeigt
Entgegen der weitläufig verbreiteten gänglich machen und andererseits zur ak- werden, die von der BdV-Stiftung Zen-
Meinung gibt es aber auch darüber hinaus tiven Mitarbeit aufrufen. trum gegen Vertreibungen verantwortet
eine Vielzahl an engen Verbindungslinien Auf der Grundlage der gesammelten wird (vgl. AN 3/06). Beim diesjährigen
in Form von Personen, Institutionen, Lite- Informationen, Texte und daraus entste- Tag der Heimat wird am 2. September
ratur, Orten und Ereignissen, die ihrer Er- henden Debatten sollen mittelfristig ein Bundespräsident Horst Köhler als Fest-
forschung, sachgerechten Aufarbeitung Buch und weitere Materialien im Verlag redner auftreten – ein Höhepunkt, der
und Präsentation für die Freiburger Bür- des informationszentrums 3. welt erschei- dem Auftritt des damaligen Bundespräsi-
gerInnen harren. nen. denten Johannes Rau auf dem Tag der
Für einen Typus steht der bis zu seinem In Ergänzung dazu sollen regelmäßig Heimat im September 2003 gleicht.
Tode sehr angesehene Freiburger Profes- Veranstaltungen zu Aspekten des deut- Raus Festrede hatte damals hohe diplo-
sor Eugen Fischer, der seine Reputation schen Kolonialismus allgemein und spe- matische Wellen geschlagen. „Hitlers ver-
durch die in „Deutsch-Südwest“ durchge- ziell zu Freiburger Themen stattfinden. brecherische Politik entlastet niemanden,
führte rassenbiologische Studie „Die Re- Eine besondere Veranstaltungsform wä- der furchtbares Unrecht mit furchtbarem
hobother Baster und das Bastardisie- ren antikoloniale Stadtführungen, die z.B. Unrecht beantwortet hat“, griff der Bun-
rungsproblem beim Menschen“ (1908) er- für Schulklassen angeboten werden könn- despräsident damals die Weltkriegs-Alli-
warb. Fischer stand mit seiner Rassenfor- ten. ierten wegen der Potsdamer Beschlüsse
schung keineswegs alleine, konnte er Um all diese Informationen anbieten zu über die Umsiedlung der Deutschen an.
doch in der Freiburger Ortsgruppe der können, ist zunächst ein großes Maß an Keine zwei Wochen später warnte der pol-
Deutschen Gesellschaft für Rassenhygie- Recherchearbeit nötig. Deshalb möchten nische Staatspräsident Kwasniewski vor
ne eine ganze Reihe weiterer prominenter wir zur Unterstützung des Projektes einla- einer weiteren Aushöhlung der Nach-
Professoren (wie den Direktor der inneren den: Wer nützliche Hinweise geben kriegsordnung: „Es muss daran erinnert
Klinik und Freiburger Ehrenbürger Chris- möchte oder gar eigene Texte, Bilder oder werden“, schrieb er in der polnischen Ta-
tian Bäumler) versammeln. Er war nicht Dokumente beisteuern kann, ist ganz geszeitung Rzeczpospolita, „womit die
nur der Mentor des Naziarztes Dr. Josef herzlich dazu eingeladen. Auch finanziel- Schwierigkeiten auf unserem Kontinent
Mengele; die NS-Kommentatoren der le Unterstützung ist herzlich willkommen begonnen haben, die letztlich zum Aus-
Nürnberger Rassegesetze vom September Kontakt: Heiko Wegmann bruch des Zweiten Weltkrieges führten:
1935 bezogen sich ausdrücklich auf Fi- webmaster@iz3w.org ■ mit der Untergrabung des Versailler Ver-
trages.“
An das Ende des Konfliktes erinnerte
Bundeskanzlerin Merkel in ihrem Rede-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. beitrag beim diesjährigen BdV-Jahres-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de empfang. Unter „maßgeblicher Einwir-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach kung“ von Rau sei im Oktober 2003
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, schließlich die „Danziger Erklärung“ zu-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, stande gekommen, in der sich die Präsi-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. denten Deutschlands und Polens ver-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. pflichteten, alle Umsiedlungen im Europa
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind des 20. Jahrhunderts „neu (zu) bewerten
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. und (zu) dokumentieren“. Kulturstaatsmi-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- nister Bernd Neumann führe darüber jetzt
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung „intensive Gespräche“, berichtete Merkel.
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Eine neue Offensive zur Errichtung des
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
Zentrums gegen Vertreibungen scheint
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., bevorzustehen: „Wenn es um das sichtba-
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Ar- re Zeichen in Berlin geht“, erklärte die
beitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vor-
standes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten);
Bundeskanzlerin, „dann ist das nicht nur
Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter die Aufgabe des BdV, dann ist das unser
hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. aller Aufgabe“. jk (nach DOD 2/2006) ■

: antifaschistische nachrichten 5/2006 15


: aus der faschistischen presse
rum, fragt man sich. Um deren Zukunft
genauso verheerend zu vernichten, wie
dies der deutsche Imperialismus bereits
Kampf der Kulturen Teil I – splitten, sonst tritt sie die Menschenwür- in zwei Weltkriegen mit seinen jungen
die Menschenwürde soll de mit Füßen. „Zukunfts-Machern“ getan hat, und da-
antastbar sein bei Millionen Menschen anderer Staaten
vernichtete?
Junge Freiheit Nr. 8/06
Kampf der Kulturen Teil II –
vom 17. Februar 2006
Mit Unterstützung des Verlegers Herbert die „Söhne“ als „Zukunfts- Die Tradition der Wehr-
Fleissner, des ehemaligen Bundesminis- Macher“
ters Carl-Dieter Spranger und etwa 1500 Junge Freiheit Nr. 9/06 macht wach halten
Unterschriften ist es dem Blatt doch vom 24. Februar 2006 Junge Freiheit Nr. 10/06
noch gelungen, einen Stand auf der Blatt-Autor Götz Kubitschek verlangt die vom 3. März 2006
Buchmesse in Leipzig zu erhalten. Am Wiederbelebung der Nation als kollekti- Dieter Stein entdeckt einen geschichts-
10. Februar teilte die Messeleitung dem ves „Wir“ und kündigt einen erneuten politischen „Skandal“ bei der Bundes-
Blatt mit, der Stand sei genehmigt. Die Versuch eines nationalen Roll-Backs an: wehr. Anlass ist ein Beschluss des Bun-
JF feiert dieses Zugeständnis als „Sieg „Wir müssen die Ideologen der multikul- destages vom 24. April 1998, der auf An-
für die Pressefreiheit“. turellen Gesellschaft stellen. Bereits jetzt trag der damaligen PDS-Fraktion in Er-
In derselben Ausgabe verbreitet sich hört ihnen kaum einer mehr gläubig zu. innerung an die Bombardierung der spa-
der JF-Redakteur Thorsten Hinz über Aber das darf uns nicht genügen. Wir nischen Stadt Guernica zustande kam
den „Kampf der Kulturen“, der anläss- müssen eine zweite Vergangenheitsbe- und zum Inhalt hat, dass die Benennung
lich der Mohammed-Karikaturen nun of- wältigung anstoßen ... Die meisten mein- von Kasernen nach ehemaligen Mitglie-
fen ausgebrochen sei und greift dabei ten es nicht gut ... sie wollten die Bun- dern der Legion Condor rück-
sehr direkt das Grundgesetz an: desrepublik umgründen und aus gängig zu machen ist. Die
„Das informelle Gesetz, das die Pres- unserem Volk eine Bevölkerung Bundeswehr setzt diesen
se- und Meinungsfreiheit am schlimms- machen. Mit diesen Leuten kann Parlamentsbeschluss zu
ten verhunzt und das Land in eine ge- man nicht an einem Strang zie- Steins Entsetzen um:
fährliche Lage gebracht hat, ist der Hu- hen ... Wir müssen die Realität „Statt die Resolution
manitarismus, der den Satz ,Die Würde der multikulturellen Gesellschaft einfach zu ignorieren, säu-
des Menschen ist unantastbar‘ als Einla- in Deutschland aktuell und gründ- bert die Bundeswehr in vo-
dung an eine schrankenlose Völkerfami- lich dokumentieren und das Aus- rauseilendem Gehorsam und
lie interpretierte, sich unter die Fittiche maß der Verheerung für jeden nachvoll- mit der wohlwollenden Beglei-
des deutschen Sozialstaats zu begeben. ziehbar zugänglich machen ... Die Inter- tung durch das Bundesverteidigungsmi-
Die herzerwärmende Familienmoral, der netseite www.migrationwatch.com leis- nisterium seitdem ihre Liegenschaften
familiäre Solidaritätskomplex wurde auf tet diese notwendige Arbeit für England bis in den letzten Winkel.“ Dagegen for-
die ,Menschheit‘ ausgedehnt, und jeder bereits seit einigen Jahren, sie muss in dert Stein: „Gibt es überhaupt einen legi-
Einspruch, der auf dem Primat des Staa- Deutschland Nachahmer finden ... Wir timen Weg der deutschen Nation im Sin-
tes und der Interessen des Staatsvolkes müssen damit aufhören, eine alternde ne kollektiver Selbstbehauptung? Wenn
bestand, als nationalistisch, rassistisch, Gesellschaft für charmant oder interes- man diese Frage bejaht, dann muss man
ausländerfeindlich oder rechts gebrand- sant oder lebenswert zu halten. Dass die auch der deutschen Geschichte Positives
markt.“ jungen Männer die Zukunfts-Macher ei- abgewinnen ... dann treten aber auch die
Es ist so, dass die Unantastbarkeit der ner Nation sind, schlicht die Anzahl der Heerführer und Soldaten hervor, die
Menschenwürde Vorrang hat gegenüber ,Söhne‘ also etwas über die Dynamik ei- durch ihre Heldentaten (inzwischen ein
dem von Faschisten, Nationalisten und nes Volkes aussagt, ist eine im kinderar- Fremdwort in Deutschland) dafür sorg-
Konservativen geforderten Vorrang des men Deutschland verdrängte Wahrheit. ten, dass Reiche und Staaten nicht zerfie-
Staates. Jeder Staat und jede Gesell- Wir brauchen mehr Kinder.“ len, sondern verteidigt und zusammenge-
schaft, die sich diesem Grundsatz ver- Der Schluss zeigt die Richtung an. schlossen wurden. Vielen dieser vorbild-
pflichtet, kann seine Gültigkeit nicht auf- Kubitschek will mehr junge Männer. Wa- lichen Soldaten und Offiziere, Heeresre-
former und Strategen aus der Zeit Preu-
ßens, des Kaiserreichs, aber auch von
Reichswehr und Wehrmacht, setzte die
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Bundeswehr ein Denkmal, indem sie Ka-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: sernen, Straßen, Kriegsschiffe und Trup-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich penteile nach ihnen benannte. Sie bot
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
jungen Soldaten damit lebendige Identi-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
fikation mit der eigenen Geschichte an.
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
An diese Tradition wird jetzt im Rahmen
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). einer fortgesetzten Kulturrevolution die
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Axt gelegt – ein Akt nationaler Schan-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) de.“
Nun könnte man sich darüber streiten,
Name: Adresse: ob die Namen von preußischen Heerfüh-
ren geeignet sind als Kasernen-Namen.
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts Inhalt der Resolution und der bestehen-
den Erlasse ist jedoch, dass die erbärmli-
Unterschrift chen „Helden“ der faschistischen Wehr-
macht nicht als Namensgeber für Kaser-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
nen und andere Einrichtungen der Bun-
deswehr dienen sollen. uld ■

16 : antifaschistische nachrichten 5/2006