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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 4.5.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Rassistischer Mord-
versuch in Potsdam Die neue braune Mitte im
Potsdam. Ein 37-jähriger Deutscher ist
nach einem rassistischen Angriff in der
Schatten des Ettersberg
Potsdamer Innenstadt immer noch nicht Thüringen wird zum „Rückzugsort für Neonazis“
wieder bei Bewusstsein. Durch die
Schläge und Tritte, die der aus Äthopien Seit einiger Zeit häufen sich Be- aus jener Zeit sind darüber hinaus auch
stammende dunkelhäutige Ermyas M. richte über rechtsextremisti- die nachgewiesenen Kontakte und das
unter anderem gegen den Kopf erlitt, ist sche Umtriebe aus thüringi- Finanzierungsgebaren des Thüringer
er so schwer verletzt, das er zunächst in schen Regionen. Der Fokus der Auf- Verfassungsschutzes in die rechtsextre-
ein künstliches Koma versetzt werden merksamkeit hat sich seit dem Herbst me Szene. 1999 hatte der damals amtie-
musste. Dass die Tat einen rassistischen 2004 (Rechter Aufbau Ost – NPD im rende thüringische Verfassungsschutz-
Hintergrund hat, kann als gesichert gel- Sächsischen Landtag) stärker auf den präsident Helmuth Roewer seine eigene
ten, weil auf der Handymailbox des Op- westlich benachbarten Freistaat ge- Auffassung zur NS-Geschichte durchbli-
fers Fragmente des Tatgeschehens doku- richtet, den die Landesregierung als cken lassen.
mentiert sind. Ermyas M. wurde unter ‘Deutschlands starke Mitte’ bewirbt. Wegen seiner geografischen Lage gilt
anderem als „Scheiß-Nigger“ be- der Freistaat als „Rückzugsort für Neo-
schimpft. Um sich öffentlich gegen die- Die Bestrebungen von Neonazis, sich in nazis, der zugleich Basis für weitere Ex-
sen neuerlichen Fall rassistischer Gewalt Thüringen etablieren zu wollen, sind pansionen sein kann“. So dokumentierte
in Potsdam zu wenden, demonstrierten nicht neu. Das Bundesland weist schließ- Andrea Röpke 2004 in „Braune Kame-
am Ostermontag zeitweise bis zu 550 lich eine geografisch taktisch günstige radschaften – Die neuen Netzwerke der
Antifaschisten in der Innenstadt von Zentrumslage auf. In dem 2001 erschie- militanten Neonazis“ beispielsweise ei-
Potsdam. nenen Buch „Das braune Herz Deutsch- nige entsprechende Immobilienkäufe
In den letzten Monaten hat es über 20 lands? – Rechtsextremismus in Thürin- von nicht gerade unbekannten Rechtsex-
rechte Angriffe in Potsdam gegeben. gen“ beschrieben Jens-F. Dwars und Ma- tremisten. In Fretterode, Landkreis
Wie der Tagesspiegel vom 28.4. be- thias Günther die sich damals bereits an- Eichsfeld, ließ sich einige Zeit zuvor
richtete, hat der politische Streit um das deutenden Entwicklungen. Thüringen Thorsten Heise in einem alten Gutshaus
Motiv für den Überfall im Potsdamer werde „mit festem Platz in der Oberliga nieder – das lediglich als unpolitischer
Stadtparlament zu einem Eklat geführt: der rechtsextremen Statistiken“ geführt. „Jugendraum“ und für familiäre Zwecke
Die CDU-Fraktion verweigerte ihre Un- Als Beleg dafür galten 92 rechtsextreme genutzt werden sollte. Das Stadthaus in
terschrift unter einen Brief an die Familie Gewalttaten im Jahr 2000, so viel wie in der Jenaer Schleidenstraße ging 2002 in
von Ermyas M., in dem die Fraktionen keinem anderen ostdeutschen Bundes- den Besitz des ,Republikaner‘-Funktio-
ihr Mitgefühl und ihr Bedauern ausspre- land. Beim rein statistischen Abgleich närs Wilhelm Tell über. Dieser stellte es
chen. CDU-Fraktionschef Steeven Bretz von rechtsextremen Straftaten pro dann umgehend dem Verein Jenaische
und andere Abgeordnete störten sich an 100.000 Einwohner war das Bundesland Busse e.V. zur weiteren Nutzung zur Ver-
der Passage, es handle sich um eine „von im gleichen Zeitraum mit 1.846 Delikten fügung.
Rassismus geprägte Gewalttat“. „Wir bundesweit unübertroffen. Erinnerlich Fortsetzung Seite 3
kennen das Tatmotiv aber nicht“, so
Bretz. Ähnlich wie schon der Branden- Aktionstag gegen Abschiebung – für Bleiberecht
burger Innenminister Jörg Schönbohm
und der Bundesinnenminister Wolfgang
Schäuble (beide CDU) warnte Bretz da-
vor, vor Abschluss der Ermittlungen über
das Tatmotiv zu spekulieren.
Der Verein „Brandenburg gegen
rechts“ hat auf einem Spendenkonto be-
reits mehr als 25 000 Euro für die Fami-
lie von Ermyas M. gesammelt. Damit
sollen unter anderem Kosten für Behand-
lung und Rechtsbeistand bezahlt werden.
Quellen: solid-brandenburg
Tagesspiel online, 28.4.06 ■

Aus dem Inhalt:


Aktionstag für Anklageerhebung
gegen NS-Tätern . . . . . . . . . . . . . . . 5 Am 22.4. fanden in vielen Städten Kundgebungen und Demonstrationen statt,
Berlusconi knapp abgewählt . . . . 8 um im Vorfeld der Innenministerkonferenz am 4./5. Mai in Garmisch-Parten-
kirchen Druck zu machen für ein Bleiberecht von Flüchtlingen. Bild: Wiesbaden
: meldungen, aktionen
in dem Buch „Europa ja – aber was wird
aus Deutschland?“ des Anti-Antifa-Ex-
perten Hans-Helmuth Knütter, das im ex-
Hetze geht weiter in der Vergangenheit auch in der Wochen- trem rechten „Hohenrain-Verlag“ er-
Dormagen/Kreis Neuss. Nachdem be- zeitung „Junge Freiheit“. schien. Dort zählten neben Radnitzky
reits Mitglieder der NPD und der soge- hma ■ und Baader auch der neurechte französi-
nannten „Freien Nationalisten“ am 1. sche Publizist Alain de Benoist und der
April eine Mahnwache vor dem alten Symposium in Fulda frühere NPD-Bundesfunktionär Felix
Rathaus in Dormagen durchgeführt hat- Buck zu den Mitautoren. In dem von dem
ten (s. AN 8/06), hat sich nun auch die Fulda/Dortmund. Die Arbeitsgemein- ehemaligen DVU-Mitglied Rolf-Josef Ei-
„Bürgerbewegung pro Deutschland“ in schaft „Stimme der Mehrheit“ beim bicht herausgegebenen Buch „Jörg Hai-
die Dormagener Diskussion um den Bau „Bund der Selbstständigen“ in NRW will der – Patriot im Zwielicht“ findet man
einer neuen Moschee eingeschaltet. Die am 10. Juni in Fulda ein Symposium un- Radnitzky nebst Jean Marie Le Pen und
Parteien im Dormagener Stadtrat stehen ter dem Titel „Die deutsche Leitkultur dem österreichischen Alt-Nazi Otto
dem Wunsch der Dormagener Muslime und gemeinsame Werte in Deutschland?“ Scrinzi.
grundsätzlich positiv gegenüber. Ein altes veranstalten. Als Referenten werden die Beiträge von Radnitzky erschienen
Fabrikgebäude wird derzeit als Provisori- ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete auch in der „Jungen Freiheit“, der „Epo-
um genutzt und genügt den Ansprüchen Vera Lengsfeld („Gedanken zur deut- che“ und der „Criticon“.
des Kulturvereins längst nicht mehr. schen Leitkultur“), der Vorsitzende des In letzterer beklagte er sich u.a. über
Mit Parolen wie „Dormagen sagt nein deutschtümelnden „Verein Deutsche die „Macht der Gewerkschaften“, die der
zum Bau einer Großmoschee“ neben ei- Sprache“ Prof. Dr. Walter Krämer („Die rechte Professor als „Hauptursache der
nem Foto der Blauen Moschee in Istanbul deutsche Sprache als Medium für ge- Inflation und der Arbeitslosigkeit“ be-
wird die ausländerfeindliche Stimmung meinsame Wertvorstellungen“) und der zeichnete. hma ■
eines Teils der Dormagener Bevölkerung christdemokratische italienische Kultur-
geschürt. Mit 25 000 Flugblättern und ei- minister Rocco Buttiglione („Das geistig- Verspäteter Ausschluss
ner Unterschriftenaktion will die selbster- kulturelle Leitbild in der EU“) angekün-
nannte „Bürgerbewegung“ den Bauplan digt. hma ■ München. Sascha Jung, seit 1990 Mit-
kippen. Dabei soll der Dormagener Bau glied der SPD, droht nun der Parteiaus-
keineswegs die Ausmaße der Istanbuler Ein echtes Vorbild schluss. 1992 war das Juso-Mitglied Mit-
Moschee erreichen, wie von den extre- gründer des nationalistischen „Hofgeis-
men Rechten suggeriert wird. Von diesen Grevenbroich. Der kürzlich verstorbe- marer Kreises“ im Raum Leipzig, der in
„Dimensionen kann hier überhaupt keine ne Prof. Dr. Gerard Radnitzky steht im der Tradition seines nationalrevolutionä-
Rede sein“, so der SPD-Bürgermeister Mittelpunkt der April-Ausgabe der in ren Vorgängers in der Weimarer Republik
Heinz Hilgers gegenüber der „NGZ“. Für Grevenbroich verlegten Zeitschrift „ei- stand.
die „Bürgerbewegung pro Deutschland“ gentümlich frei“. Der als „Individualist Nach zahlreichen Protesten aus ver-
um Manfred Rouhs, Ratsvertreter der ex- im kollektivistischen Zeitalter“, als schiedenen Gremien von Jusos und SPD
trem rechten „Bürgerbewegung pro „Großvater der Bewegung“ und „Logiker sprach die Partei gegen den Juso-Funk-
Köln“, ist der Anlass jedenfalls groß ge- der Freiheit“ gefeierte Professor, der dem tionär ein einjähriges Funktionsverbot
nug, um den Versuch zu starten, sich nun Redaktionsbeirat der Zeitschrift und dem aus. Jung wurde Mitglied der einschlägig
auch in einer Nachbarstadt Kölns zu ver- wissenschaftlichen Beirat der „Liberalen rechten „Burschenschaft Danubia“ und
ankern. hma ■ Akademie“ angehörte, verfügte über begann 1997 ein Studium in München.
zahlreiche Verbindungen zur extremen Nach vielen Jahre teilte nun Ende Januar
Solidarisch mit Priebke Rechten. 2006 der bayerische SPD-Landesvor-
Texte Radnitzkys erschienen u.a. in der stand dem aktiven Burschenschafter mit,
Stolberg. In einem Leserbrief an die geschichtsrevisionistischen Zeitschrift das dessen Rechte aus der Mitgliedschaft
Zeitschrift „ACP Information“ des „Deutschland in Geschichte und Gegen- ab sofort ruhen. „Durch die Mitglied-
rechtskonservativen „Arbeitskreis Christ- wart“ des extrem rechten „Grabert-Verla- schaft in der Danubia und die herausge-
licher Publizisten“ hat sich der Stolberger ges“, wo er mit Blick auf die Historiker- hobene Tätigkeit für sie“ habe Jung „der
Hans Rantz für den in italienischer Haft debatte „Tabus“ und „Frageverbote“ in SPD schweren Schaden zugefügt“.
befindlichen NS-Kriegsverbrecher Erich der Geschichtswissenschaft kritisierte. hma ■
Priebke eingesetzt. Der „habe am we- Auch in der neofaschistischen Zeitschrift
nigsten Schuld auf sich geladen, wenn „Recht und Wahrheit“, damals noch von Thor Steinar wieder mit
davon überhaupt die Rede sein kann“, so dem wegen „Volksverhetzung“ verurteil-
Rantz. Die „Verantwortlichen“ von Mar- ten Georg-Albert Bosse herausgegeben, Nazisymbol
zabotto und Rom habe er „persönlich ge- wurden Texte Radnitzkys abgedruckt. Berlin. Wieder einmal sorgt die Beklei-
kannt, wobei Major Walter Reder“ in sei- Unter der Überschrift „Politische Kor- dungsmarke Thor Steinar, die mit Vorlie-
nem „Hause Gast war“ und er „Oberst- rektheit“ gefährdet die Meinungsfreiheit“ be von Neonazis getragen wird, für Auf-
leutnant Herbert Kappler bis zu seinem bedauert Radnitzky dort, das es „zur Zeit sehen. Wie das Antifaschistische Info
Tode betreut habe“, so Rantz. Der 1926 nicht möglich zu sein“ scheint, „die Prä- Blatt (AIB) aus Berlin am Dienstag mit-
geborene Rantz war Kriegsfreiwilliger ventivschlagthese in Deutschland rational teilte, vertreibe der Brandenburger Be-
der Waffen-SS. Laut einem seiner Leser- zu diskutieren“. „Wenn es ihnen gelingt trieb in seiner aktuellen Kollektion eine
briefe in der Zeitschrift „Soldat im Volk“ zu zeigen, daß sie die PC-Neusprache be- Kapuzenjacke mit dem Titel »No Inquisi-
des „Verband Deutscher Soldaten“ war er herrschen und kein Rückgrat haben, dann tion«. Auf dem Rückenbild greife ein Ad-
während des Krieges in der Normandie, können Sie es mit etwas Glück zum gro- ler mit seinen Klauen einen Fisch. Dieses
in Arnheim und in Oberschlesien einge- ßen Talkmaster oder zum Bundespräsi- Motiv hat sich nach Informationen des
setzt. Mitte der 80er Jahre gehörte Rantz denten bringen“, so Radnitzky. In dem AIB die rechte Vereinigung „Die Artge-
dem Landesvorstand der „HIAG“, der von Roland Baader 1995 im „Resch-Ver- meinschaft – Germanische Glaubensge-
„Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ lag“ herausgegebenen Buch mit dem Ti- meinschaft wesensgemäßer Lebensge-
der „Soldaten der ehemaligen Waffen- tel „Wider die Wohlfahrtsdiktatur“ gehör- staltung e.V.“ im Januar 2003 durch ihren
SS“ an. Leserbriefe von Rantz fand man te Radnitzky ebenso zu den Autoren wie Vorsitzenden, den Neonazianwalt Jürgen

2 : antifaschistische nachrichten 9/2006


Fortsetzung von Seite 1 chung eher in den Hintergrund zu treten. keinen Etikettenschwindel (...) sie lassen
Die neue braune Mitte... Die Auftaktkundgebung zur aktuellen sich halt nur von Pseudo-,Nationalen So-
bundesweiten rechtsextremistischen An- zialisten‘ (...) an der Nase herumführen.
Im Vorstand jenes Vereins waren damals tikapitalismus-Kampagne erfolgte – ört- (...) Ein anderes Staatsmodell? Ein ande-
wiederum keine Unbekannten tätig: Pe- lich wohl nicht gerade zufällig – am 1. res Wirtschaftsmodell? Fehlanzeige.“
ter Dehoust und Heinz-Joachim Schnei- April im mittelthüringischen Arnstadt. Und sogleich fabuliert Schwab in diesen
der, Landesvorsitzender der ‘Republika- Weiterführend kann der versuchte Zusammenhängen weiter vor sich hin:
ner’. Kampagnen-Auftakt in Arnstadt durch- „Die Erfolge der Vergangenheit (Adolf
Dass diese exemplarisch thüringischen aus als erweiterter inhaltlicher Trend Hitler und Ludwig Erhard) sind künftig –
Beispiele für Immobilienerwerb durch „Antikapitalismus und Antiglobalisie- ohne Strukturänderung – nicht mehr
Rechtsextremisten nicht allein als zu- rung“ im rechtsextremen Spektrum gese- möglich, weil die Macht des Kapitals
sammenhanglose Einzelfälle zu sehen hen werden. Eine Fortsetzung wird be- durch Eigentumskonzentration heute we-
sind, ist nur zu offensichtlich. Deren zen- reits zum „Thüringentag der nationalen sentlich größer ist als 1933. Das Primat
trale Bedeutung in einem bundesweiten Jugend“ am 20. Mai in Altenburg
Konzept wurde von Steffen Hupka be- folgen, federführend organisiert
reits im November 1999 – damals noch von Thomas Gerlach. Im Aufruf
in der NPD-Postille Deutsche Stimme – zur nunmehr bereits fünften Auf-
unter der Überschrift „Befreite Zonen – lage des thüringischen National-
aber wie?“ dargelegt: „Sie [die Immobi- Jugendtages heißt es – dem An-
lie] muss unsere Nachschubbasis und un- satz der Kampagne stringent fol-
sere Heimatfront sein. Aus ihr heraus gend – unter anderem: „Die BRD
müssen wir die eigentliche Front weiter ist gesellschaftlich und wirt-
vorschieben, müssen wir neue Neben- schaftlich bankrott! (...) Wir wer-
kriegsschauplätze, sprich Befreite Zonen den dieses zerstörerische Szena-
eröffnen. (...) Steht das Objekt auf relativ rio nicht weiter hinnehmen und
sicheren Füßen, kann man daran gehen, wehren uns gegen Kapitalismus,
weitere Freiräume zu erobern. Wer be- Globalisierung und die damit
reits ein Haus hat, erhält von der Bank einhergehende Meinungsdiktatur
auch meist einen Kredit für ein zweites. einer Clique von Politikern, Wirt-
Ist der erste und schwerste Schritt einmal schafts- und Medienbossen! (...)
getan, dann sind die weiteren Schritte National- und Sozialrevolutio-
wesentlich einfacher umzusetzen.“ Zu- när! Deutsche Jugend voran!
sammenfassend postulierte Hupka da- Nieder mit Kapitalismus und
mals ein solches Netzwerk von Immobi- Globalisierung! Für einen Deut-
lien zur zentralen Aufgabe des „gesam- schen Sozialismus!“
ten nationalen Widerstandes“. Ebenso ist abzusehen, dass bei
Ethnopluralismus“ und dem für den 10. Juni geplanten
Antikapitalismus europaweiten und von der NPD
organisierten so genannten „Fest
Mittlerweile ist in Thüringen auch eine der Völker“ das Thema Antikapi-
rechtsextremistische Strategie-Erweite- talismus noch deutlicher als bereits im der Politik (...) ist heute ein reines Luft-
rung zu beobachten. Zudem erfolgten – Vorjahr im Vordergrund stehen dürfte, schloß. Denn wer für seinen Befehl Ge-
über weiterhin aktive so genannte Freie wie bereits der Aufruf für diesen Tag horsam ernten möchte, benötigt Macht.
Kameradschaften in nicht geringem Um- nach Jena erkennen lässt: Und gesellschaftliche Macht ist immer
fang hinaus – in relativ geringen Zeitab- „(...) Mit dem Fortschreiten der Ent- eine Frage des Eigentums. Aber das Ei-
ständen Neu- beziehungsweise Wieder- wurzelung und Vermarktung der Völker gentum ist das Tabu der Rechten. Daran
gründungen von Stützpunkten Junger und Menschen wächst allerorten auch erkennt man die systemkonforme Rech-
Nationaldemokraten (JN) unter teilwei- ein gesunder Nationalismus. Wir setzen te: Hände weg vom Kapital! Aber den
ser Verquickung von NPD- und Kame- an Stelle der volksfremden und raumlo- Kapitalismus wollen wir schon irgend-
radschaftsstrukturen, so beispielsweise sen kapitalistischen Ideologie auf souve- wie abschaffen“. Allerdings sollte man
in Jena (10. Juli 2005), Ammelstädt (14. räne Nationalstaaten, die mit raumorien- wiederum, so Schwab nach dem Arn-
Januar 2006 – JN Thüringen) und Erfurt tierten nationalen Volkswirtschaften auf städter Kampagnen-Auftakt, „die gute
(25. Februar 2006). Ebenso konnte eine ein Europa der Vaterländer, ein friedli- Absicht der Thüringer freien Nationalis-
deutliche Zunahme bundesweiter JN- ches Miteinander und gleichberechtigte ten nicht verkennen“.
Treffen mit thüringischen Veranstal- Partnerschaften zur Sicherung der eige- Über ein Jahr benötigten die Gremien
tungsorten beobachtet werden. nen Autarkie bauen. Die Idee der Zu- des Landtages in Erfurt, um schließlich
Im Zusammenhang mit den verstärk- kunft spricht die Sprache der Völker und am 31. März 2006 formal einen Antrag
ten JN-Aktivitäten in Thüringen kann nicht die einer ‘One World’! Europa wird gegen Extremismus und Gewalt zu be-
auch die mittlerweile erfolgte Etablie- leben oder mit uns untergehen!“ Auch schließen. Dieser beinhaltet unter ande-
rung des so bezeichneten Ethnopluralis- beim von der NPD Gera für den 15. Juli rem einen jährlich zu erstellenden Be-
mus über neonazistische Diskussions- organisierten Neonazi-Open-Air „Rock richt der thüringischen Landesregierung
kreise hinaus gesehen werden. Daran an- für Deutschland“ sind von den angekün- über Rechtsextremismus und Gewalt.
schließend versuchen NPD, JN und Ka- digten Gastrednern Frank Schwerdt und Die fast völlig fehlende Finanzierung für
meradschaften besonders auch bei Ver- Udo Voigt wiederum polemische Kapita- entsprechende Präventionsarbeit wurde
anstaltungen in Thüringen eigens Anti- lismus-von-Rechts-Beiträge zu erwarten. allerdings kaum nachhaltig thematisiert.
kapitalismus und Antiglobalisierung in Unwidersprochen bleiben diese Stra- In CDU-Kreisen war man sich aber zu-
den Vordergrund zu rücken. Dabei schei- tegie-Ansätze auch in den eigenen mindest in einer Hinsicht sicher: „Einige
nen gegenwärtig klassisch rechtsextre- rechtsextremistischen Reihen nicht. „Na- Antifa-Gruppen sind nicht Teil der Lö-
mistische Themen wie Revisionismus, türlich“ unterstellt Jürgen Schwab in ei- sung, sondern Teil des Problems.“
Holocaustleugnung und NS-Verherrli- ner aktuellen Kolumne „den Thüringern Olaf Meyer ■

: antifaschistische nachrichten 9/2006 3


Rieger, beim Deutschen Patent- und Mar- hang mit dem Versuch mehrerer CDU- Thema berichten. Eine Dokumentation
kenamt sichern lassen. „Thor Steinar hat Politiker, unter ihnen Bundesinnenminis- bietet darüber hinaus Einblicke in die
sich somit – bis auf minimale Unterschie- ter Wolfgang Schäuble, nach dem Mord- rechte Szene. Keinen Bock auf Nazis ha-
de in der Darstellung des Adlers – eines versuch an Ermyas M. am vergangenen ben: Die Ärzte, Die Toten Hosen, Donots,
nachweislich neonazistisch geprägten Osterwochenende die Gefahr des Rassis- ZSK, Muff Potter, Lulia Hummer, Culcha
Motivs bedient“, so Markus Ragusch mus in Deutschland leugnen zu wollen. Candela und Madsen.
vom AIB. Erst vor einigen Wochen hat 21.4.2006 ■ Infos: http://www.keinbockaufnazis.de ■
das Blatt gemeinsam mit dem schwedi-
schen Antifamagazin EXPO aufgedeckt, Vor Nazi- und Bundeswehr- Nazi-Angriff auf alternative
dass ein ehemaliger Mitarbeiter der Mo-
demarke Kontakte zur militanten Neona- aufmarsch bei der WM Kneipe
ziszene Schwedens hatte. Die Agentur dpa meldete am 3.4.06: „Die Dortmund. Am 29.4. kam es gegen 23
junge welt v. 26.4.06 ■ rechtsextreme NPD plant zur Fußball- Uhr zu einem Angriff von ca. 20 Neona-
Weltmeisterschaft einen Aufzug im Spiel- zis gegen die alternative Kneipe „Hirsch
Arbeitsgemeinschaft Neuen- ort Gelsenkirchen und hat damit Sorge bei Q“ auf der Brückstraße in Dortmund.
der Polizei um das Ansehen von Deutsch- Dort fand ein Konzert statt und der La-
gamme zu Schönbohm- land und der Stadt ausgelöst. Der Aufzug den war sehr gut besucht. Gegen 23 Uhr
Provokation ist für den 10. Juni angemeldet, einen Tag kam eine Gruppe von ca. 20 teilweise
nach dem WM-Spiel Polen gegen Ecua- vermummten Personen auf die „Hirsch
Hamburg. Die Arbeitsgemeinschaft dor in Gelsenkirchen.“ Polizeipräsident Q“ zu. Sie bewarfen die große Fenster-
Neuengamme e.V., der Verband der deut- Rüdiger von Schönfeldt will in Gesprä- fläche der Kneipe mit Pflastersteinen
schen Überlebenden des KZ Neuengam- chen mit den Nazis offenbar an deren Pa- und schlugen bzw. traten andere Schei-
me, hat ihre Solidarität mit den Überle- triotismus appellieren: „Wir werden dar- ben ein. Darüber hinaus attackierten sie
benden des KZ Sachsenhausen erklärt. In legen, dass wir als Polizei Gelsenkirchen mehrere Personen, die sich im Eingangs-
der Erklärung heißt es: „Ausdrücklich eine große Verantwortung für das Anse- bereich der Kneipe aufhielten massiv.
verurteilen wir jegliche Gleichsetzung hen von Deutschland haben.“ Sie sprühten einen Reizstoff, vermutlich
der Verhältnisse in sowjetischen Spezial- Bundesinnenminister Schäuble denkt CS-Gas, in größeren Mengen in die
lagern mit der planmäßigen Vernichtung über ein Verbot von Naziaufmärschen in Kneipe. Danach teilte sich die große
in den nationalsozialistischen Konzentra- der WM-Zeit nach. Davor wird aber wohl Gruppe in mehrere Kleingruppen, die in
tionslagern. Der Innenminister von Bran- das Bundesverfassungsgericht stehen. verschiedene Richtungen flüchteten. Bei
denburg Jörg Schönbohm (CDU) hatte Also werden die Nazis aufmarschieren, den Tätern handelte es sich tlw. um „Na-
am 23. April 2006 dazu aufgerufen, im nationalistische polnische Hooligans tionale Nationalisten“ bzw. „Anti-Anti-
Rahmen der Gedenkfeier zum 61. Jahres- ebenfalls – und die Uniformträger auch. fa“-Aktivisten und tlw. um rechte Skin-
tag der Befreiung des KZ Sachsenhausen Es sind 7.000 Bundeswehrsoldaten im heads. Mehrere KneipenbesucherInnen
der Opfer des sowjetischen Speziallagers Fall von „Großschadensereignissen“ für verständigten die Polizei, die mit 8 Strei-
auf dem gleichen Gelände ebenfalls zu die Spielstätten aufgeboten worden – ne- fenwagen auftauchte und damit begann
gedenken. Dies von den Überlebenden ei- ben der gewaltigen Polizeipräsenz. Man von allen Kneipenbesuchern die Perso-
nes nationalsozialistischen KZ zu for- darf damit rechnen, dass Schäuble an ein nalien festzustellen und zu überprüfen.
dern, ist eine unverschämte Provokation. Szenario denkt, in dem die Polizei nicht Darüber hinaus wurde eine Fahndung
Laut Tagesspiegel sagte Schönbohm in Herr der Lage sein wird angesichts des nach den Tätern eingeleitet. Auch die
der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen vor „Großschadensereignisses“ mit Nazi- Presse ließ nicht lange auf sich warten
den Überlebenden folgendes: „Es wäre Provokateuren und antifaschistischen Ge- und erschien mit 2 Kameramännern und
ungerecht, hier in Sachsenhausen aber gendemonstranten; sodann werden die einem Journalistenteam. Das Ergebnis
nicht auch der Menschen zu gedenken, Bundeswehrsoldaten als Hilfspolizisten des Naziüberfalls: Mehrere durch CS-
die nach 1945 hier eingesperrt waren, angefordert werden. Und schon hat Gas leicht verletzte KneipenbesucherIn-
ebenso rechtlos wie die KZ-Opfer. Auch Schäuble den Präzedenzfall, den er seit nen. Mehrere durch Schläge und Tritte
nach 1945 wurde hier weiter gefoltert seinem Amtsantritt anstrebt: Das Eingrei- leicht verletzte BesucherInnen. Mindes-
und getötet, starben Menschen an den fen der Bundeswehr im Innern. tens ein schwer verletzter Besucher, der
furchtbaren Verhältnissen im sowjeti- Die Antifaschisten sind gefordert, so- mit massiven Verletzungen im Gesicht
schen Speziallager. (...) An sie muss des- wohl auf die Provokationen der Nazis als (vermutlich Nasen- und Kieferfraktur)
halb um so nachdrücklicher erinnert wer- auch auf die Verfassungsbruchspläne des ins Krankenhaus musste. Vier zerstörte
den, da ihrer über 40 Jahre lang an die- Innenministers zu reagieren. Denn der Scheiben und massig Scherben vor und
sem Ort überhaupt nicht gedacht wurde. Einsatz der Bundeswehr ist im Innern in der Q.
(...) Sie als Überlebende des Konzentrati- nach dem Grundgesetz nicht erlaubt. Der WDR filmte die Szenerie und in-
onslagers werden sicherlich besonders Ulrich Sander terviewte einige Kneipenbesucher über
gut empfinden können, was dies bedeu- den Tathergang und die Hintergründe.
tet, nämlich eine andauernde Verhöhnung Kein Bock auf Nazis Dabei war interessant, dass ein Zeuge
der Opfer über ihr körperliches und seeli- wenige Stunden zuvor beobachtet hatte,
sches Leiden, ja über ihren Tod hinaus.“ Am 28. April erscheint in Zuammenar- wie sich mehrere Neonazis vor dem La-
(Tagesspiegel, 26. April 2006) beit von ZSK und Turn it down! die DVD den „Donnerschlag“ sammelten, was
Die Arbeitsgemeinschaft Neuengam- „Kein Bock auf Nazis“. Durch die Vertei- dazu passt, dass mehrere Zeugen beton-
me hat sich immer gegen eine Gleichset- lung der „Schulhof-CD“ der NPD bei der ten, Personen aus dem Donnerschlag-
zung von Nationalsozialismus und Stali- wurde die rechte Partei unter Jugendli- Umfeld erkannt zu haben. Die klaffen-
nismus ausgesprochen. Zu den in den chen bekannt gemacht. Mit der DVD den Löcher in der Scheibenfront blieben
Speziallagern Inhaftierten gehörten auch „Kein Bock auf Nazis“ sollen nun Ju- nicht lang bestehen, sie wurden durch ei-
ehemalige Mitglieder der SS-Wachmann- gendliche in Bezug auf das Thema nen Glaser provisorisch geschlossen. Der
schaften, die für die Folter und Morde in Rechtsextremismus sensibilisiert werden. Polizei gelang es 15 tatverdächtige Per-
den Konzentrationslagern verantwortlich Prominente Unterstützung erhält das Pro- sonen in Gewahrsam zu nehmen.
waren. Wir sehen Schönbohms provoka- jekt von verschiedenen Künstlern, die in Dortmunder AntifaschistInnen
tive Äußerungen auch im Zusammen- Interviews von ihren Erfahrungen zum 29.04.2006, http://de.indymedia.org ■
: antifaschistische nachrichten 9/2006
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Am Samstag vor dem 8. Mai,
dem Tag der Befreiung vom Fa-
schismus, planen regionale
Täter verurteilen –
Gruppen und Initiativen einen ge-
meinsamen Aktionstag in Hamburg,
Wollin/Brandenburg, Düsseldorf,
Opfer entschädigen!
Bundesweiter Aktionstag für die sofortige Anklageerhebung gegen NS-Täter
Krefeld, Freiberg, Ortenberg/Frank-
furt und Rümmingen/Freiburg. In all men oder erschossen sie gleich in ihren haben einen ganzen Patronengurt leerge-
diesen Orten leben ehemalige Ange- Häusern und brannten diese nieder. Vor feuert.“ (Ludwig Göring, damals SS-
hörige der 16. SS-Panzergrenadier- der Dorfkirche wurde die größte Gruppe Rottenführer)
Division, die 2005 in Italien als Kriegs- zusammengetrieben und erschossen. Die In wenigen Situationen siegte bei ein-
verbrecher zu lebenslangen Haftstra- Menschen beteten, als sie im Maschinen- zelnen Soldaten das menschliche Mitge-
fen verurteilt worden sind. Am 8. Mai gewehrfeuer getötet wurden. Nach dem fühl über die nationalsozialistische
soll zudem vor der zuständigen Blutrausch wurden die Leichen samt Pflichterfüllung. Sie ließen einige der
Staatsanwaltschaft in Stuttgart einge- Kirchgestühl mit Flammenwerfern in zum Tod Bestimmten in den Wald ent-
fordert werden, dass die längst über- Brand gesetzt. Insgesamt 560 Menschen kommen, schossen in die Luft. Die Kin-
fälligen Strafverfahren gegen Kriegs- wurden in Sant’Anna di Stazzema von der und Frauen, die dem Massaker ent-
verbrecher schleunigst eröffnet wer- der SS-Division ermordet. kommen konnten, verdanken ihr Leben
den, solange die damaligen Mörder „Da saßen sie vor ihren kleinen Häus- denjenigen, die den Befehl zum Mord
noch belangt werden können. Die chen. Sie waren ganz still. Ich habe ge- unterliefen. Am 12. August 1944 in
Massaker und die hierfür Verantwort- schossen. Alle haben geschossen. Wir Sant’Anna waren die meisten Tatbeteili-
lichen sind nicht vergessen. gen jedoch gehorsam bis zum Mord. Und
sie haben bis heute kein Unrechtsbe-
Das kleine Bergdorf Sant’Anna di Staz- wusstsein entwickelt.
zema liegt in 600 Metern Höhe am Süd- Strafverfolgung in Deutschland wird
rand der Apuanischen Alpen. Von der weiter verschleppt
Dorfkirche aus blickt man auf das Mit-
telmeer bei Viareggio, 25 Kilometer Fast 60 Jahre hat es gedauert, bis gegen
nördlich von Pisa. Im Sommer 1944 wa- einige dieser Täter endlich Anklage er-
ren die Alliierten von Süden her auf dem hoben wurde. Nach dem zweiten Welt-
Vormarsch und die deutschen Besat- krieg waren die Akten der von den Alli-
zungstruppen bezogen quer über den ierten sofort eingeleiteten Ermittlungen
schmalen Küstenstreifen und über die schon bald aus Rücksichtnahme auf den
Berge eine neue Frontlinie. NATO-Partner Deutschland zurückge-
Die ganze italienische Bevölkerung halten worden. Nach dem Ende des Kal-
vom Säugling bis zum Greis wurde von ten Krieges wurde von der italienischen
den Wehrmachtsstellen zu dieser Zeit all- Protest in Mittenwald 2003 Militärstaatsanwaltschaft das Verfahren
gemein als Feind betrachtet, in der Spra-
che der Nationalsozialisten hieß das: Ge-
gen diese „Banditen und Bandenhelfer“ Beteiligt euch an den Mobilisierungen in Hamburg, Wollin/Brandenburg,
sei „die Truppe daher berechtigt und ver- Düsseldorf, Krefeld, Ortenberg/Frankfurt, Freiberg, Rümmingen/Freiburg
pflichtet auch gegen Frauen und Kinder und Stuttgart.
jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur Am 6. Mai 2006 demonstrieren wir vor den Wohnhäusern der in Italien verurteilten Kriegs-
zum Erfolg führt.“ Anfang August 1944 verbrecher und am 8. Mai 2006, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, vor der Staatsan-
hatten sich die vorher in der Gegend ope- waltschaft in Stuttgart, um der Forderung nach einer umgehenden Eröffnung der Verfahren
rierenden Partisanenverbände wegen der Nachdruck zu verleihen. Treffpunkte am 6. Mai 06 sind u.a. :
deutschen Militäroperationen bereits zu- Krefeld: 11.00 Uhr, Dionysiusplatz, an der Kirche vor dem Brunnen
rückgezogen. In Sant’Anna hielten sich Dortmund: 11.00 Uhr, Metzerstr/ Kuithanstraße
jedoch weit mehr als die zu Friedenszei- Düsseldorf: 12.00 Uhr, Markuskirche
ten etwa 300 Bewohner auf. Viele Men- Düsseldorf-Vennhausen: Sandträgerweg 101(zu erreichen vom HBF mit dem Bus 721 Ri
schen aus den Küstenstädten suchten Zu- Gothaer Weg oder 736 Ri Gerresheim Morperstr. bis Haltestelle „In den Kotten“)
flucht vor Krieg, Bombardements und Wolin (Brandenburg): 14.00 Abfahrt 77 A2
Hunger. Zudem waren die Männer dort Hamburg-Volksdorf, 11.30 Uhr Weiße Rose/Claus-Ferck-Straße
vor Rekrutierung zu Wehrdienst und Stuttgart: 8. Mai 17.00 Uhr, Kundgebung vor der Staatsanwaltschaft
Zwangsarbeit sicher. Daher flohen auch UnterstützerInnen des bundesweiten Aktionstags zu Sant’Anna: Regionale Bündnisse aus Hamburg (AK
die meisten Männer, als sich am frühen Sant’Anna, AK Distomo, Avanti - Projekt undogmatische Linke, Libertäre Harburg, VVN-Bund der Antifa-
Morgen des 12. August 1944 Truppen schisten Hamburg), Wollin-Berlin/Brandenburg (Gruppe Gegenschlussstrich Berlin, VVN-Bund der Anti-
auf Sant’Anna zu bewegten. Die vier faschisten Berlin), Dortmund-Düsseldorf-Krefeld/Nordrhein-Westfalen (Antifaschistische Initiative Wup-
Kompanien der 16. SS-Panzergrenadier- pertal, AK Angreifbare Traditionspflege NRW, Autonomes Zentrum Wuppertal, Jugendclub Courage e.V.
Division „Reichsführer SS“ marschier- Köln, Antifa-KOK Koordinierungskreis Düsseldorf, Antirassismustelefon Essen, Sant’Anna-UnterstützerIn-
ten auf allen drei Zuwegen hinauf zum nen Ruhrgebiet, VVN-Bund der Antifaschisten NRW), Ortenberg-Frankfurt/Hessen (Antifa Action Noir,
AntiFa R4 Giessen, Autonome Antifa [f], Bündnis gegen Antisemitismus Rhein/Main, Infoladen Giessen,
entlegenen Bergort. Bei den weiträumi- Jugend Antifa Frankfurt sinistra! [ffm]), Freiberg-Chemnitz-Dresden/Sachsen (Alternative Stadtzeitung
gen Absperrung des bergigen Geländes „FreibÄrger“, Alternatives Kultur- und Bildungszentrum e.V. Pirna, Antifaschistische Gruppe Freiberg-
leisteten nach neuen Erkenntnissen wei- Brand-Erbisdurf, Antifaschistische Hochschulgruppe Dresden, Antifaschistisches Rechercheteam Dresden,
tere Wehrmachtstruppen u.a. auch aus Antifaschistisches Rechercheteam Ostsachsen, Antifa 2005, AG Christen in der Antifa, Freiberger Ju-
der Mittenwalder Gebirgsjägerschule gendinitiative „Buntes Leben“, Linkspartei.PDS Kreisverband Freiberg, Schule ohne Rassismus-Schule mit
Hilfe. Courage (Rüleingymnasium Freiberg), Antifa Dresden), Karlsruhe-Stuttgart-Freiburg/Baden-Württemberg
Die etwa 300 Soldaten der SS-Divisi- (VVN-Bund der Antifaschisten Karlsruhe, Antifaschistische Initiative Gegen das Vergessen Stuttgart, VVN-
Bund der Antifaschisten Kreisvereinigung Stuttgart, AG Partigiani Freiburg) sowie Verein zur Förderung
on trieben die Menschen, vor allem Kin-
alternativer Medien Erlangen.
der, Frauen und alten Menschen zusam-

: antifaschistische nachrichten 9/2006 5


1994 wieder aufgenommen. Im April
2004 wurde dann endlich der Prozess in
diesem umfangreichen Verfahren vor
Wunsiedel und kein Ende
dem Militärgericht von La Spezia eröff-
Wunsiedels Bürgermeister Beck auf Antifa-Veranstal-
net. Im Juni 2005 verurteilte das Gericht tung unter Beschuss: Bekommen örtliche Nazis noch
alle zehn angeklagten ehemaligen SS- größeren Treffpunkt?
Offiziere zu lebenslangen Haftstrafen
und Entschädigungszahlungen. Das Ur- Zu einem für Wunsiedels 1.Bür- Jugendliche aus Wunsiedel berichteten
teil stellt fest: Das Massaker von germeister Kurt-Willi Beck ziem- über zahlreiche, zum Teil schwere
Sant’Anna war eine geplante Mordakti- lich peinlichen Moment ist es bei rechtsextreme Angriffe und die unter
on. Die Verurteilten verfügten über Be- einer Veranstaltung des „antifaschisti- jungen WunsiedelerInnen grassierende
fehlsgewalt, sie haben verbrecherische schen rechercheteams nordbayern“ (art – Angst vor den sich in der Stadt an min-
Befehle zum Mord ausgegeben oder nb) am vergangenen Ostersamstag im destens zwei identifizierten Nazi-Treffs
selbst exekutiert. In La Spezia wurde je- Wunsiedeler Jugendzentrum gekommen. tummelnden Gruppen gewaltbereiter
doch in Abwesenheit der Angeklagten Beck war in Begleitung seines Stellver- rechtsextremer Pöbler und Schläger. Die
verhandelt, da die Bundesrepublik treters und Sprechers der Bürgerinitiative Polizei halte die berichteten Vorfälle
Deutschland keine Deutschen ausliefert. „Wunsiedel ist bunt“, Matthias Popp, so- meist nicht für einer Meldung wert, die
Dieser deutsche Täterschutz gilt auch wie einem Mitarbeiter des lokalen Ord- Lokalpresse reagiere überhaupt nicht
nach der Verurteilung wegen Mordes. nungsamtes zu der im Vorfeld öffentlich (und druckt statt dessen diffamierende
Damit die Täter auch vor Gericht er- stark beargwöhnten Veranstaltung des Leserbriefe der Gegenseite) und selbst
scheinen müssen und das Urteil nicht „art – nb“ gekommen und hatte sich in vor Gericht würden überführte Täter mit
wirkungslos bleibt, müsste es einen Pro- überaus positiver Weise einer zum Teil Samthandschuhen angefasst, klagte eine
zess in Deutschland geben. Dieser steht sehr kontroversen Diskussi-
allerdings noch aus. on gestellt.
Seit 2002 ermittelt die Staatsanwalt- Nicht erwartet hatte er je-
schaft in Stuttgart gegen insgesamt 14 doch, dass ein Vertreter des
Beschuldigte. Obwohl den Stuttgarter Juso-Bezirksverbandes ihn
Ermittlern das italienische Urteil und die mit einer höchst unangeneh-
Akten vorliegen, wurde bisher keine An- men Neuigkeit konfrontier-
klage erhoben. Der Stuttgarter Staatsan- te, welche offenbar im Wun-
walt hatte bei einem Besuchstermin in siedeler Stadtrat derzeit hin-
La Spezia noch gegenüber den Opfern ter verschlossenen Türen
versprochen, dass nach einem Urteil in diskutiert wird.
Italien zügig ein Prozess in Deutschland Demnach will die Stadt
eröffnet wird. den überregional bekannten
Für den Opferverein von Sant’Anna rechtsextremen Szenetreff
hat der Vorsitzende Enrico Pieri unmit- „Lokalbahn“ aufkaufen.
telbar nach dem Urteil Nebenklage bean- Nach Angaben des Juso-
tragt. Er selbst hat als Kind das Massaker Vertreters sei als Tauschob-
überlebt und musste zuschauen, wie fast jekt für die alte Bahnhofs-
seine ganze Familie im elterlichen Haus gaststätte ein leer stehendes
ermordet wurde. Doch die deutschen Er- einstiges Möbelhaus im Ge-
mittler in Stuttgart verzögern das Verfah- spräch. Ein solcher deutlich größerer betroffene Jugendliche. „Der Tag ist
ren. So wird seiner Rechtsanwältin Ga- Veranstaltungsraum würde es den Betrei- nicht weit, dass ich mich nachts nicht
briele Heinecke immer noch die Akten- bern aus der rechten Szene erlauben, mehr durch Wunsiedel zu gehen traue“,
einsicht verweigert. Neben der Ver- künftig noch größere monatliche Kon- meinte ein junger Mann.
schleppung des Verfahrens bis zum Tod zert-Veranstaltungen mit Nazi-Bands Zwar gestand 2. Bürgermeister Mat-
der Beschuldigten ist das Standardargu- und deutlich überregionalem Einzugsge- thias Popp ein, selbst „seine liebe Not“
ment zu Verschonung von NS-Tätern: biet zu organisieren. Sei der fragliche mit der Arbeit der lokalen Presse zu ha-
Totschlag: Die deutschen Ermittler stu- Szenetreff „Lokalbahn“ schon jetzt An- ben, 1. Bürgermeister Beck merkte je-
fen die Tötungen nicht als Mord, sondern laufpunkt rechtsextremer Klientel aus doch wenig sensibel an, er habe keine
als Totschlag ein. Diese Tat wäre nach der ganzen Region, würde ein großer Angst des Nachts durch Wunsiedel zu
deutschem Recht verjährt. Dieses Quali- „brauner“ Konzertsaal Wunsiedel voll- gehen. Das „art – nb“ zeigte sich jedoch
fizierung von NS-Verbrechen als Tot- ends zum rechtsextremen Zentrum in sehr zufrieden mit dem Abend im örtli-
schlag wird sogar bei der Tötung von Franken machen, kritisierten Antifa-Ver- chen Juz und freute sich, mit der zustän-
wehrlosen Frauen und Kindern wie in treter. Etwas hilflos zog sich Beck auf digen Stadtspitze und VertreterInnen der
Sant’Anna bemüht. Dazu wird die Tat die Bemerkung zurück, es handele sich Bürgerinitiative ins Gespräch gekommen
zunehmend aus der Sicht der NS-Täter dabei um ein „schwebendes Verfahren“ zu sein.
beurteilt. Diese „Totschlag“-Argumenta- und er werde dazu nicht Stellung neh- Denn bei allen Meinungsverschieden-
tion deutscher Ermittlungsbehörden im men, gab so aber indirekt zu, das an der heiten, was den Umgang mit der drama-
Zusammenspiel mit bewusster Ver- Geschichte etwas dran ist. Die rund 50 tisch wachsenden Nazi-Szene in und um
schleppungspolitik kommt fast durchge- Besucher der Veranstaltung zeigten sich Wunsiedel angehe, sei doch klar gewor-
hend bei allen Strafverfahren gegen NS- über diese widersprüchlichen Haltungen den, dass das Problem als solches von al-
Täter zum Tragen. So musste sich bis der Stadt erstaunt. Zum einen strich Mat- len erkannt werde und man langfristig
heute auch noch keiner der 200 ange- thias Popp heraus, wie stark sich Stadt nicht aneinander vorbei komme, fasste
zeigten Gebirgsjäger der 98. Kompanie und Bürgerschaft gegen Nazis zu enga- ein Sprecher von „art – nb“ zusammen.
für den Mord an 317 Menschen im grie- gieren bemühten, andererseits laufen of-
chischen Kommeno am 16. August 1944 fenbar höchst bedenkliche Geheimver- antifaschistisches rechercheteam -
vor Gericht verantworten. handlungen des Stadtrats mit dem Wirt nordbayern
Lars Reismann ■ der „Lokalbahn“. e-Mail: art-nb@everymail.net ■

6 : antifaschistische nachrichten 9/2006


Berlin/Paris/Karlsruhe. Nach
dem Ende der Obstruktion des
Managements der Deutschen
Taktischer Wechsel
Bahn AG gegen eine bundesweite Wan- Bahn lenkt wegen Ausstellung nur scheinbar ein
derausstellung über die NS-Kinderde-
portationen ist das seit zwei Jahren ge- Wertekanon spricht, sieht die Welt schon anders
forderte Gedenken an die Todeszüge in Mehdorns grundsätzliche Erwägungen, aus.“[8]
die Vernichtungslager noch immer nicht die ihn an vergleichbaren Maßnahmen Schicksale
sichergestellt. „Die Demonstrationen in im Bereich der DB AG hinderten, blie-
über zehn deutschen Städten und der da- ben weitgehend unklar. Mal fehlte dem Die als „fadenscheinig“ und verlogen be-
raufhin wachsende politische Druck ha- milliardenschweren Unternehmen das urteilte Schlussstrich-Politik der Bahn
ben die Bahn AG zum Einlenken ge- Geld, um die geringfügigen Ausstel- AG war in den vergangenen Monaten auf
zwungen“, urteilt die Sprecherin der Ini- lungskosten zu tragen [4], ein anderes heftiger werdende Widerstände gesto-
tiative Elftausend Kinder gegenüber die- Mal sah sich der Bahn-Vorstand durch ßen. Dazu trugen mehrere Demonstratio-
ser Redaktion, aber fügt hinzu: „Zu- Einzahlung eines „hohen Millionenbe- nen und Behelfsausstellungen bei, die
gleich wird weiter versucht, das Geden- trags“ in die Stiftungskasse der deut- von den selbständigen Gruppierungen
ken örtlich einzuschränken und dem schen Industrie von weiteren Verpflich- der bundesweiten Initiative Elftausend
Großteil der Reisenden vorzuenthalten.“ tungen befreit [5]. Als besonders heraus- Kinder ausgingen. Bei den Aktivitäten,
Die Bahn AG hatte am Mittwoch mitge- fordernd war in der deutschen Öffent- so in Weimar, Stuttgart und Köln [9],
teilt, sie werde die geforderte Ausstel- lichkeit eine Stellungnahme des vormali- wirkte unter anderem Beate Klarsfeld
lung nunmehr zulassen und wolle kon- gen Bahnsprechers Klingberg empfun- mit, die „Fils et Filles des Deportés Juifs
zeptionelle Fragen in den kommenden de France“ (FFDJF) in
Wochen klären; allerdings bevorzuge Deutschland vertritt.
man Ausstellungsflächen abseits der zen- FFDJF bietet der Bahn
tralen Publikumsbahnhöfe. AG weiterhin an, die in
Wie german-foreign-policy.com aus Frankreich erfolgreiche
Kreisen der Bundespolizei erfuhr, be- Ausstellung in modifi-
müht sich die Bahn um Stellungnahmen, zierter Form zu überneh-
wonach ihre Bahnhöfe „sicherheitstech- men. Zusätzliche Aus-
nisch gefährdet“ seien und deswegen für stellungselemente hält
die bereitstehenden Fotos der Ermorde- das Mitglied der deut-
ten nicht in Frage kämen. „In Frankreich schen Initiative Chris-
wurde die Ausstellung ,Elftausend Kin- toph Schwarz bereit.
der‘ an den Orten des Geschehens mit Schwarz hat in den ver-
Erfolg gezeigt, warum sollte das in der gangenen Monaten über
Foto: arbeiterfotografie
Bundesrepublik nicht möglich sein?“, aus Frankreich depor-
fragt Prof. Ahlrich Meyer (Oldenburg) in den worden, wonach es in Bahnhöfen an tierte Kinder mit deutschem und österrei-
einem Interview mit german-foreign-po- der nötigen Pietät mangele, die beim Be- chischem Geburtsort gearbeitet – etwa
licy. „Eine Ausstellung inmitten des Pu- trachten von Fotos der deportierten Kin- 150 dieser Schicksale dokumentiert das
blikumsverkehrs auf den Bahnhöfen der erforderlich sei. [6] Zum Zeitpunkt Fotomaterial, das ab dem 14. Mai in
würde deutlich machen, was seinerzeit dieser Einlassung hatte das Unternehmen Karlsruhe zu sehen sein wird. [10]
ein offenes Geheimnis war. Etwa 36 zahlreichen Foto-Ausstellungen zuge- Dichtung und Wahrheit
Stunden fuhren die Deportationszüge aus stimmt, die durch große Publikumsbahn-
Frankreich quer durch Deutschland. (...) höfe wanderten und prämiierte Pressebil- Die Aktivitäten der Initiativgruppen er-
Unter der deutschen Zivilbevölkerung der mit Kriegs- und Hungerszenen zeig- weiterten den ständig größer werdenden
war bekannt, dass viele Juden unterwegs ten – allerdings gegen Bezahlung und Unterstützerkreis [11], dessen internatio-
in den Güterwaggons verhungerten oder ohne Bezug zur dunklen Geschichte des nale Zusammensetzung den expansiven
erstickten.“ heutigen Bahnunternehmens. Sofern his- Interessen des Bahn-Managements zu
Die vorgestern (26.4.06) verbreitete torische Erwägungen die breite Öffent- schaden begann [12]. Als sich der Zen-
Presseerklärung der Bahn AG [1] gesteht lichkeitsarbeit der Bahn AG bestimmen, tralrat der Juden in Deutschland Ende
das Scheitern der bisherigen Manage- scheinen sie in hellem Licht des deut- März zu einer öffentlichen Stellungnah-
ment-Strategie unter Konzernchef Meh- schen Nationalbewusstseins glänzen zu me veranlasst sah [13], kam das Obstruk-
dorn ein, der seit Dezember 2004 ver- müssen. Dies zeigt eine aktuelle PR-Ini- tionsgebäude der Konzernführung end-
sucht hatte, sämtliche deutschen Publi- tiative des Unternehmens, die ein Mehr- gültig ins Wanken. In einer publizisti-
kumsbahnhöfe für die Erinnerung an das faches der benötigten Ausstellungsgelder schen Notoperation verkündete der aus-
NS-Deportationsgeschehen zu sperren. kostet: Statt der Deportationszüge wird gewechselte Unternehmenssprecher am
„Aus grundsätzlichen Erwägungen“, so das Reisepublikum in den kommenden 3. April, man wolle die Ausstellungsini-
Mehdorn damals [2], müsse es die Bahn Wochen jene Bahnwaggons sehen dür- tiative nun doch „unterstützen“. Für un-
ablehnen, den Reisenden Fotos jener fen, mit denen die deutsche Nationalelf informierte Leser hieß es: „Anderweitige
Kinder zu zeigen, die zwischen 1942 und von ihrem Weltmeistereinsatz in Bern Darstellungen entsprächen nicht den
1944 auf dem deutschen Schienennetz anno 1954 zurückkehrte. [7] Anlässlich Fakten“ - eine neuerliche Bahn-Formu-
von Frankreich nach Auschwitz sowie in des Werbe-Events auf dem Stuttgarter lierung zwischen Dichtung und Wahr-
andere Vernichtungslager verbracht wur- Hauptbahnhof am vergangenen Wochen- heit.[14]
den. Entsprechende Dokumente hat die ende schrieb das Schwäbische Tagblatt Leibesvisitationen
Pariser Organisation „Fils et Filles des über den Wertekanon der Konzernfüh-
Deportés Juifs de France“ (FFDJF) ge- rung: „Eine Ausstellung über den Trans- Die bemühten PR-Korrekturen an einem
sammelt [3] und mit Unterstützung der port von Juden nach Auschwitz durch die Kurs, der nicht aufrecht erhalten werden
französischen Staatsbahnen SNCF auf Reichsbahn (...) hatte die Deutsche Bahn konnte, blieben weitgehend erfolglos. Da
18 Stationen, darunter im Pariser Gare AG auf ihren Bahnhöfen vehement abge- man im Berliner DB-Hochhaus weiter
du Nord, der Öffentlichkeit präsentiert. lehnt (...). Wenn aber König Fußball meinte, nur Ausstellungsorte in der

: antifaschistische nachrichten 9/2006 7


„Nähe von Bahnhöfen“ kämen in Be- Profite Profite sind meines Wissens niemals of-
tracht, schlussfolgerte die Saarbrücker „Die Mehdorn-Gruppe handelt nicht aus fengelegt worden.“
Zeitung: „Damit ist klar, dass die Bahn Einsicht, sondern hat nur die Taktik ge- www.german-foreign-policy.com
Fotos deportierter Kinder immer noch wechselt“, urteilt ein Beteiligter der Ver- 28.4.2006 ■
nicht in ihren eigenen Gebäuden haben handlungen vom vergangenen Mittwoch [1] Konzept für Ausstellung über Deportation jü-
möchte (...). Alle anderen Orte sind nicht gegenüber german-foreign-policy.com. discher Kinder wird erstellt; Pressemitteilung der
mehr als ein Abstellgleis.“[15] Diese „Ginge es um die Dimension der began- Deutschen Bahn AG 26.04.2006
[2] Fotos Deportierter sollen in die Nähe von
Einschätzung wird in der am Mittwoch genen Verbrechen, müsste der Bahn-Vor- Bahnhöfen; Saarbrücker Zeitung
veröffentlichten Pressemitteilung der stand längst zugestimmt haben.“ [3] Lesen Sie dazu unser EXTRA-Dossier
Bahn AG bestätigt. Demnach soll bis Über das Ausmaß der Deportationen [4] s. dazu Elftausend Kinder
Ende Mai ein Ausstellungskonzept erar- der Reichsbahn, des Vorgängerunterneh- [5] Deutsche Bahn AG unterstützt Ausstellung,
die an den Transport jüdischer Kinder nach
beitet werden, ohne das Zielpublikum zu mens der heutigen Bahn AG, sagt der Auschwitz erinnert; Pressemitteilung der Deut-
berücksichtigen – ob es sich um die Rei- Oldenburger Historiker Prof. Ahlrich schen Bahn AG 03.04.2006
senden auf den zentralen deutschen Pu- Meyer: [6] s. dazu Armselig
blikumsbahnhöfen handelt oder um spe- Die Gesamtzahl der aus politischen [7] s. dazu Phoenix aus der Asche
[8] WM-Zug von 1954 macht Station; Schwäbi-
ziell interessierte Besucher, die auf mu- Gründen in die Konzentrationslager des sches Tagblatt 19.04.2006
seale Anlagen verwiesen werden, bleibt Reichs deportierten Franzosen betrug [9] Lesen Sie dazu die Veranstaltungsberichte in
unausgesprochen. In welche Richtung etwa 90.000, und 76.000 französische unserem EXTRA-Dossier.
die Bahn-Überlegungen zielen, zeigt der und ausländische Juden – darunter mehr [10] s. auch Weichenstellung
[11] Eine vollständige Übersicht der Zeichner
Applaus für einen Vorschlag des Ver- als 11.000 Kinder unter 18 Jahren – wur- des Offenen Briefes an die Bahn AG finden Sie
kehrsministers. Demnach müssten sich den in die Vernichtungsstätten des Os- auf unserer Website
Berliner Ausstellungs-Interessenten ge- tens transportiert. Dazu bedurfte es eines [12] s. dazu „Verkehrsraum“ - bis nach China,
Demütigende Übernahme und Beispiellos sowie
legentlichen Leibesvisitationen unterzie- modernen Massenverkehrsmittels wie Deutsche Industrienorm (DIN)
hen, um in den Lichthof des Ministeri- der Eisenbahn. (...) Ein Teil der Gebüh- [13] s. dazu Weichenstellung
ums eingelassen zu werden – diese ren wurde von der französischen Eisen- [14] Deutsche Bahn AG unterstützt Ausstellung,
Adresse sieht Wolfgang Tiefensee (SPD) bahngesellschaft SNCF erhoben, aber die an den Transport jüdischer Kinder nach
Auschwitz erinnert; Pressemitteilung der Deut-
allen Ernstes als Premierenort für die von der größere Teil – für die Bahnstrecken schen Bahn AG 03.04.2006
ihm befürwortete Wanderausstellung vor. auf dem Reichsgebiet – floss in die Kas- [15] Immer noch das Abstellgleis; Saarbrücker
se der Deutschen Reichsbahn (...). Diese Zeitung

„Ich erinnere mich an diesen


Deutschen ganz genau ...“
Der Lischka-Prozess: Drei NS-Täter
Berlusconi knapp abgewählt
1979 vor Gericht in Köln. Wie erinnerte Diskussion über Hintergründe und Konsequenzen
man sich in der Bundesrepublik in den erst am Anfang
1970er-Jahren an die Verbrechen des
Nationalsozialismus? Welche Rolle Bis Ostern hatte Berlusconi den Spiel auf Zeit mit erheblichen Risiken. So
spielten die Täter, welche Rolle die Op- Wahlsieg der Opposition und sei- wird der Auftrag zur Regierungsbildung
fer und wie verhielt sich die Justiz? Der ne eigene Niederlage nicht aner- erst nach der Neuwahl des Staatspräsi-
Prozess gegen Lischka, Hagen und kannt. Dabei hatte sein eigener Innenmi- denten am 13. Mai erfolgen, was Berlus-
Heinrichsohn, der von Oktober 1979 nister das Wahlergebnis bekannt gege- coni die Möglichkeit gibt, bis in den Juni
bis Februar 1980 vor dem Schwurge- ben, das auch durch eine Neubewertung im Amt zu bleiben. Mancher hält für
richt beim Kölner Landgericht statt- von ungültigen Stimmen nicht mehr we- möglich, dass politische Erschütterungen
fand, markierte den Beginn eines neuen sentlich verändert werden kann. Danach wie z.B. ein schweres Attentat einen Not-
Denkens über Recht und Unrecht, hatte in der Abgeordnetenkammer das stand herbeiführen könnten, der Berlus-
Schuld und Verantwortung. Dieser Ein- oppositionelle Bündnis Unione unter der coni erlauben könnte, „im nationalen In-
stellungswandel fiel schwer: Auch drei- Führung von Romano Prodi 19.001.684 teresse“ die Regierungsgeschäfte weiter
ßig Jahre nach Kriegsende bedurfte es Stimmen (49,8%) erhalten gegenüber zu führen. Und die italienische Nach-
in der Bundesrepublik noch einer ge- 18.976.460 Stimmen (49,7%) für Berlus- kriegsgeschichte kennt zahlreiche Atten-
wissen Zivilcourage, um öffentlich conis Casa delle Libertà (Haus der Frei- tate, mit denen auch staatliche Stellen in
Stellung gegen die Täter aus der Nazi- heiten). Eine von Berlusconi herbeige- Verbindung gebracht werden …
Zeit zu beziehen. Den hier skizzierten führte Wahlrechtsänderung garantiert der Die Kehrseite von Berlusconis Weige-
Fragen und Themenfeldern wird eine siegreichen Koalition eine Mindestzahl rung, das Wahlergebnis anzuerkennen,
Ausstellung über den Lischka-Prozess von Sitzen. Deshalb hat die Mitte-Links- ist seine Forderung nach einer „Großen
im NS-Dokumentationszentrum in Koalition trotz des äußerst knappen Koalition“ nach deutschem Vorbild. Da-
Köln nachgehen. Ausstellungseröffnung Stimmenergebnisses eine Mehrheit von mit könnte er in der Regierung verblei-
ist am 11. Mai um 19 Uhr, u.a. mit Dr. 348 zu 281 Abgeordneten. In der zweiten ben und faktisch ein Vetorecht gegen un-
Werner Jung, Bürgermeisterin Elfi Kammer, dem Senat, führt Mitte-Links liebsame Gesetzesvorhaben ausüben.
Scho-Antwerpes, Anne Klein (Projekt- mit nur zwei Stimmen (158:156). Prodi und die meisten anderen Kräfte der
gruppe Lischka-Prozess, Jugendclub Entgegen allen Feststellungen des Unione lehnen eine Große Koalition oder
Courage), Beate Klarsfeld, szenische Staatspräsidenten und des für die Wahl größere Vereinbarungen mit der Gegen-
Lesung »Täter - Opfer - Zuschauer«. zuständigen Innenministeriums hat Ber- seite ab. Prodi will mit einer eigenen Re-
lusconi von „Wahlbetrug“ gesprochen gierung das Programm der Unione aus
NS-Dokumentationszentrum im EL-DE und von „zu vielen dunklen Seiten“ des dem Wahlkampf, eine 280-seitige Über-
Haus Köln, Appellhofplatz 23-25, Aus- Wahlergebnisses und gefordert: „Das einkunft, umsetzen. Dazu zählt auch der
stellungsdauer 12.5. bis 16.9. 2006, um- Wahlergebnis muss sich ändern“. Kriti- Rückzug der italienischen Truppen aus
fangreiches Rahmenprogramm von Mai sche Beobachter, z.B. in der Zeitung il dem Irak zum technisch schnellstmögli-
bis September, Öffnungszeiten: Di-Fr manifesto, sehen darin mehr als eine Art chen Zeitpunkt, in jedem Fall in diesem
10-16 Uhr, Sa, So 11-16 Uhr kindische Trotzreaktion. Sie sehen ein Jahr.

8 : antifaschistische nachrichten 9/2006


Die Bedingungen für eine Reformpoli- Um es noch klarer zu sagen: Mit 51% spielte. Die Linke habe keine präzise Vor-
tik sind trotz der deutlichen Mehrheitsver- kannst du die Normen verändern, die die stellung von einer Senkung der Steuern
hältnisse in der Abgeordnetenkammer lebenslange Prekarität einer ganzen Gene- auf Arbeitseinkommen entwickelt und
schwierig. Das Verhältnis der abgegebe- ration etablieren. Aber um das zu verän- fälschlicherweise die Einführung einer
nen Stimmen spiegelt ein politisches Patt dern, wirklich zu reformieren, brauchst du Erbschaftssteuer auf das erste
in der Gesellschaft wider. Kann erfolg- die Zustimmung von 60, 70% des Lan- Haus/Wohneigentum vorgeschlagen – in
reich regiert werden, wenn das rechte La- des“. einem Land, in dem 80% der Bürger
ger so stark und das eigene Bündnis von Gerade erst begonnen hat auch die Dis- Wohneigentum besäßen. Das habe Berlus-
Christdemokraten über Linksdemokraten kussion, welche gesellschaftlichen und coni ermöglicht, mit einer hemmungslo-
bis hin zu Kommunisten so unterschied- politischen Entwicklungen dieses Wahler- sen Steuerpropaganda Punkte zu machen
lich ist? In der Diskussion wird auch an gebnis möglich gemacht haben. Das heißt, von der Art: bei mir braucht ihr keine Steu-
die Position der Kommunistischen Partei nicht nur den hauchdünnen Vorsprung von ern zu zahlen, aber die Kommunisten von
unter Berlinguer Anfang der 70er Jahre er- Mitte-Links, sondern auch das unerwartet Mitte-Links ziehen euch über die Steuern
innert. Damals wurde unter dem Eindruck starke Abschneiden von Mitte-Rechts. noch das letzte Hemd aus.
des Militärputsches in Chile und mit Blick Schließlich hatten die Meinungsforscher Zur Illustration der Diskussion noch-
auf einen Historischen Kompromiss eine Mitte-Links deutlicher vorne. Außerdem mals eine Passage mit ähnlicher Stoßrich-
breitere Mehrheit für eine Regierung vo- hat Berlusconi einen äußerst polemischen, tung aus dem Interview mit Bertinotti von
rausgesetzt. Das hält Fausto Bertinotti, Se- beleidigenden und polarisierenden Wahl- Rifondazione comunista:
kretär von Rifondazione comunista kampf geführt, den viele als widerwärtig „Es ist sicher politisch ein gespaltenes
(PRC), heute nicht für zutreffend. empfunden haben. Auch ein Teil des bür- Land, aber sozial zerklüftet, zerklüftet
Rifondazione hat übrigens innerhalb der gerlichen Lagers wie der Industriellenver- scheint mir die richtige Definition zu sein.
Mitte-Links-Koalition am deutlichsten band, Banken, große Zeitungen hatten sich In dem Sinne, dass die politische Spaltung,
hinzugewonnen und mit 5,8% in der Ab- gegen Berlusconi gewandt, allerdings die klar und unzweideutig ist, keine Spal-
geordnetenkammer ein gutes und mit nicht der Vatikan. Berlusconi hat jede tung im täglichen Leben mit sich bringt.
7,4% im Senat ein ausgezeichnetes Ergeb- Trennungslinie zu den Faschisten aufgege- Man stimmt unterschiedlich ab, man hat
nis erzielt. Bertinotti erklärte also in einem ben, Teil seines Bündnisses waren auch vielleicht zwei gegensätzliche Lebensent-
Interview zur Frage der Regierungsbeteili- die Alternativa sociale der Duce-Enkelin würfe, aber dann trifft man sich wieder bei
gung: „Heute ist die Situation völlig an- Alessandra Mussolini und die faschisti- der Arbeit, in der Bar, im Stadion. Tatsäch-
ders. Jene Parteien (Christdemokratie, PCI sche Fiamma tricolore. Seine Regierungs- lich scheint mir also ein Phänomen vorzu-
– rok), jene Parteiformen gibt es nicht bilanz war schlecht, die Präsenz italieni- herrschen, das ich Lust auf Gemeinschaft
scher Soldaten nennen würde. In diesem Sinn ist die Defi-
stark in der Kritik nition vom gespaltenen Italien nicht sehr
und die wirtschaft- genau. Diese Trennungslinie gilt also für
liche Lage des Lan- die Wahlen, nicht für den ganzen Rest …
des niederschmet- Allerdings sehe ich eine Teilung. … Ich
ternd. Und doch hat würde sie die Teilung zwischen dem Oben
Berlusconi mit sei- und dem Unten der Gesellschaft nennen“.
ner Allianz fast jede Worin besteht das Unten? „Das ist wirk-
zweite Stimme ge- lich schwierig zu beantworten, weil es
holt und seine eige- Bruchstücke der Gesellschaft sind, ich
Berlusconi mit Mussolini-Enkelin Sicherheitsdienst beobachtet das Publikum ne Position in der würde sie vielleicht ,Schwarze Löcher’ der
mehr … Heute wird das Wahlergebnis ein Rechtskoalition eher noch gestärkt. Die Gesellschaft nennen, … wo die Soziologie
Mandat für die Parteien, die an der Koaliti- Rechte hat erneut die entwickeltsten Re- noch nicht angekommen ist. Wir haben
on teilnehmen. Es ist ein Auftrag zu regie- gionen im Norden dominiert, aber auch in nicht die Instrumente, um sie zu erfor-
ren und jedenfalls das Programm umzuset- den zunehmend bedrohten Peripherien im schen. Andere sind darauf nicht neugierig
zen, mit dem du dich zur Wahl gestellt ganzen Land zugelegt. Ein bedrückendes … Ich denke dabei an manche Industrie-
hast. Man kann sagen, was man will, aber Ergebnis und eine harte Nuss auch für die bereiche, gerade am Rand jener Industrie-
der Auftrag scheint mir klar: Die Unione linke Analyse und Kritik, die sich damit zonen des Nordens, wo übrigens die Rech-
muss regieren … Aber Achtung: Was man schwer tut. ten wieder gewinnen konnten, ich denke
auf der parlamentarischen Ebene realisiert, In einzelnen Beiträgen der Zeitung il an manche Fabriken, die wenig oder nicht
ist eine Sache, was in der Gesellschaft pas- manifesto wird etwa vertreten, dass die al- gewerkschaftlich organisiert sind. Die Ge-
siert, ist etwas anderes … Damit will ich ten Kategorien der Analyse von einem rei- nossen haben mir erzählt, dass dort die Ar-
sagen, dass man mit einer Stimme Mehr- chen Oben und einem armen Unten in Ita- beiter unsere Flugblätter ablehnen. Also
heit in der Abgeordnetenkammer regiert, lien so nicht mehr gelten, sondern dass in Leute, die aller Dinge beraubt sind. Sicher
aber mit 51% realisiert man nicht die Re- der gesellschaftlichen Realität die Lebens- ihres letzten Hemds, weil sie nicht einmal
formen in der Gesellschaft. Ich denke frei- verhältnisse häufig von komplizierten Ver- das Recht haben, sich zum Schutz bei der
lich nicht an eine Logik von Volksabstim- flechtungen von Arbeitseinkommen, Ren- Arbeit zu organisieren. Aber noch von
mungen auf Schritt und Tritt. Ich denke ten, kleinen Renditen und kleinen Erspar- mehr beraubt: von ihrem Recht, eine si-
aber, dass das, was im Parlament mit einer nissen geprägt sind. Dass es Berlusconi chere Zukunft zu denken. Und das bringt
knappen Mehrheit durchgehen kann, dann anscheinend gelungen ist, größere gesell- sie dazu, auch dich wie einen Fremden an-
mit einer viel breiteren Zustimmung leben schaftliche Bereiche, die von kleinem und zusehen. Du, der vielleicht eine sichere
muss. Einer Zustimmung, die sich in tau- bedrohtem Eigentum geprägt sind, anzu- Arbeit hat, der vielleicht wie ein Beamter
send Formen von Teilnahme ausdrücken sprechen. Und dabei auch viele Menschen aussieht, der vielleicht redet, aber in politi-
kann: von der Auseinandersetzung bis zu in prekären Verhältnissen, die eine linke scher Hinsicht einige Privilegien genießt.
den Stellungnahmen der örtlichen Verbän- Politik unter dem Motto der Umverteilung Das ist das Unten, von dem ich gespro-
de bis hin zu vielen anderen Formen, die als eine Bedrohung ihrer eigenen Interes- chen habe“. Und ist es dieses Unten, das
man sich ausdenken muss. Jedenfalls wird sen wahrnähmen. Dabei wird vermutet, fast zwei Millionen Stimmen mehr als bei
es gerade im Sozialen sein, wo es um die dass besonders die Steuerpolitik, auf die den letzten Regionalwahlen in die Kassen
Fähigkeit zur Hegemonie geht, darum, sich Berlusconi in der letzten Wahlkampf- der Rechten gebracht hat? „Ja, wenigstens
zum Motor der Veränderung zu werden. phase geworfen hat, eine zentrale Rolle zum Teil“. rok ■

: antifaschistische nachrichten 9/2006 9


Länderübergreifende DGB- wusstseins und ein Aufzeigen der Hand- te sich zu rechtfertigen, indem er behaup-
Initiative gegen Rechtsextre- lungsmöglichkeiten gegen rechts. Eine in- tete, fast jeder wisse, dass das „Dritte
tensive Zusammenarbeit mit Bürgerinnen Reich“ von 1933 bis zum „Anschluss“
mismus und Neofaschismus und Bürgern vor Ort, z. B. bestehenden Österreichs bestand, dann aber „Groß-
Die Vorsitzenden der DGB-Bezirke Hes- Stadtteil- und MigrantInnenintiativen wird deutsches Reich“ hieß. Und er wollte nur
sen-Thüringen, Stefan Körzell, DGB-West angestrebt. Zweifel an der Existenz von Gaskammern
(Rheinland-Pfalz und Saarland), Dietmar Das Münchner Westend gilt weithin als vor 1938 äußern. Demgegenüber folgte
Muscheid, und Baden-Württemberg, Rai- das Viertel, in dem (im Münchner Ver- das Gericht der Meinung der Staatsan-
ner Bliesener, haben anlässlich eines ge- gleich) noch Platz ist für alternative Le- waltschaft, wonach die Bezeichnung
meinsamen Gesprächs in Frankfurt/Main bensweisen, Existenzmöglichkeit für sozi- „Drittes Reich“ bis heute allgemein syno-
die Genehmigungs- und Landesbehörden al Schwächergestellte und Wohnmöglich- nym für das Naziregime bis 1945 verwen-
dazu aufgerufen, entschiedener gegen keit für Menschen mit migrantischem Hin- det werde. Auch habe Gudenus erst reich-
rechtsextreme und neofaschistische Aktivi- tergrund. Aber auch hier gibt es vermehrt lich spät (auch nicht gegenüber der Unter-
täten und Tendenzen in Rheinland-Pfalz, neofaschistische Aktivitäten, u. a. Flug- suchungsrichterin, vor der er die Aussage
Hessen und Baden-Württemberg vorzuge- blattverteilungen der „Deutschen Volks- verweigerte) darauf hingewiesen, dass er
hen. Dem ‚Aufstand der Anständigen‘ union (DVU)“. In der Nacht zum 11. Janu- mit der Bezeichnung „Drittes Reich“ das
müsse nun der ‚Aufstand der Zuständi- ar 2006 verübten Neonazis einen Anschlag NS-Regime bis 1938 gemeint hätte. Laut
gen‘ folgen. Politische Versäumnisse dürf- auf den Kulturladen und besprühten ihn Staatsanwalt Schober wäre ein Freispruch
ten nicht immer wieder auf dem Rücken mit Hakenkreuzen und Doppel-Sig-Runen „ideologischer Nährboden für Neonazis“.
der Polizei ausgetragen werden. der SS. In der Nacht zum 14. Januar 2006 Diese könnten dann künftig mit der Be-
Die Politik sei gefordert, dafür Sorge zu griffen Neonazis das Gebäude des Kultur- hauptung, im „Dritten Reich“ habe es kei-
tragen, dass die geplanten Aufmärsche, ladens Westendend erneut an und warfen ne Gaskammern gegeben, straffrei NS-
z.B. in Heppenheim und Weinheim am 1. mit Steinen Fenster und eine Glastür ein. Propaganda betreiben.
Mai, nicht stattfinden und ein Ausweichen Teile der Münchner Neonaziszene veran- Die acht Geschworenen folgten der An-
nach Rheinland-Pfalz verhindert wird. stalten ihre Neonazi-Stammtische don- klage und sprachen Gudenus einstimmig
Es könne nicht angehen, dass Aufmär- nerstags in Kneipen des Westends. Auch (keine Gaskammern im „Dritten Reich)
sche von NPD und anderen Rechtsextre- im Westend gibt es Wirte, die dies tolerie- und mit einer Gegenstimme (für die For-
misten immer wieder genehmigt würden ren. Vermehrt werfen allerdings Wirte, derung nach „naturwissenschaftlicher“
und aktive Bürgerinnen und Bürger dann nicht zuletzt durch Druck unserer Kampa- Überprüfung) schuldig. Das Strafmaß
dafür sorgen müssten, dass das Bild einer gne, das neonazistische Klientel aus ihren wurde mit einem Jahr bedingt auf drei
demokratischen Bundesrepublik Deutsch- Gaststätten wieder hinaus. Jahre festgelegt. Strafmildernd habe sich
land nach außen sichtbar bleibt. Heike Rotholz, Sprecherin des Antifa- die Unbescholtenheit des Angeklagten
Der Raum Kurpfalz, die Bergstraße, schistischen Plenums München: „Wir ausgewirkt. Anwalt Farid Rifaat meldete
das südliche Rheinland-Pfalz (Ludwigsha- warten nicht, bis es auch hier wieder ein umgehend Nichtigkeit und Berufung an,
fen, Pirmasens) und Teile des Westerwal- Opfer eines neonazistischen Mordan- das Urteil ist somit nicht rechtskräftig.
des (Marienfels) haben sich laut DGB schlags gibt. Wir werden Neonazis zuerst Neues von ganz rechts - April 2006
mittlerweile zu ‚Hochburgen‘ der Neona- ihren Spielraum im Westend nehmen, www.doew.at ■
zi-Szene entwickelt. Nazi-Kameradschaf- dann in den anderen Münchner Stadttei-
ten, rechtsextreme und neofaschistische len. ,Kein Raum für Nazis‘ ist schließlich Nazi-Demo in Koblenz –
Parteien sind in dem Dreieck Baden-Würt- nicht nur symbolisch gemeint.“
temberg, Rheinland-Pfalz und Südhessen In Kürze wird eine homepage einge- DGB macht mobil
eng vernetzt. Neonazi-Aufmärsche, rechts- richtet: http://westend.nonazis.net Koblenz. In Koblenz formiert sich der
extreme Konzerte, die Verwüstung jüdi- Antifaschistisches Plenum München, Widerstand gegen einen Neonazi-Auf-
scher Friedhöfe und die Zunahme von an- AG Westend-Kampagne marsch. Der DGB will am 13. Mai 1000
tisemitischen Schmierereien machen deut- Kontakt: kontakt@nonazis.de ■ bis 1500 Teilnehmer für eine Gegende-
lich, dass es in der Region aktive rechte monstration mobilisieren. Nach RZ-Infor-
Strukturen gibt. Die Bezirksvorsitzenden Gudenus vor Gericht mationen planen die Rechten einen
betonten, dass der DGB für eine weltoffe- Marsch vom Bahnhof zum Schloss. Im
ne und solidarische Gesellschaft eintritt, in Wien. John Gudenus, ehemaliger FPÖ- Rathaus ist man zurückhaltend: „Wir ha-
der Rassismus, Antisemitismus und Neo- Nationalrat und -Bundesrat, Mitherausge- ben die Anmeldung vorliegen, hatten aber
faschismus keinen Platz mehr haben. ber von „Zur Zeit“, musste sich am 26. noch keinen direkten Kontakt zum An-
DGB-Pressestelle ■ April vor einem Wiener Geschworenen- melder“, heißt es beim Koblenzer Ord-
gericht wegen wiederholter mutmaßlicher nungsamt.Der DGB ist da schon weiter;
„Kein Raum für Nazis“ Verstöße gegen das NS-Verbotsgesetz er geht von einem Beginn der rechtsextre-
verantworten. Unter den Zuschauern be- men Kundgebung um 15 Uhr aus und
München. AktivistInnen aus einem Dut- fanden sich u. a. Johann Gudenus (Ring plant von 14.30 Uhr an eine Gegenveran-
zend Münchner antifaschistischen Grup- Freiheitlicher Jugend), Johann Josef staltung – nur der Treffpunkt ist noch of-
pen, Parteien und Initiativen starteten am Dengler (Zur Zeit), Walter Lüftl und fen: „Zeigen wir gemeinsam, dass ,Zu
Donnerstag letzter Woche die Kampagne Friedrich Romig. Gegenstand des Verfah- Gast bei Freunden“ auch in Koblenz gilt
„Kein Raum für Nazis im Westend“ mit rens waren Äußerungen von Gudenus, und dass wir für Demokratie und Men-
einer eindrucksvollen Plakataktion und ei- wonach die Existenz der Gaskammern in schenrechte aufstehen – gegen Ausgren-
nem Infostand an der Schwanthaler Höhe. nationalsozialistischen Lagern noch einer zung und Intoleranz!“, heißt es in einem
Eine Aufklärungs-Tour für Wirtinnen und „physikalischen und wissenschaftlichen Aufruf. Zu dessen Erstunterzeichnern ge-
weitere Infostände sind für diese und die Prüfung“ bedürfe und es im „Dritten hören neben der Koblenzer DGB-Vorsit-
nächsten Wochen angekündigt. Öffentli- Reich“ überhaupt keine gegeben hätte. zenden Gabi Weber Oberbürgermeister
che Aktionen und begleitende Veranstal- Zur Sprache kam im Prozess auch ein Be- Dr. Eberhard Schulte-Wissermann, meh-
tungen sind geplant. Ziele der Kampagne such in ehemaligen KZ Mauthausen: Gu- rere Bundes- und Landtagsgeordnete, die
sind eine Sensibilisierung der Wohnbevöl- denus meinte dort, die auf einem Foto ab- Betriebsratsvorsitzenden großer Betriebe
kerung gegen rechte Umtriebe im Viertel, gebildeten Häftlinge würden „eigentlich und kirchliche Vertreter. Quelle:
eine Verankerung antifaschistischen Be- eh ganz gut aussehen“. Gudenus versuch- Rhein-Zeitung vom 29.04.2006 ■

10 : antifaschistische nachrichten 9/2006


: ausländer- und asylpolitik

NPD vor Gericht im


Fall Oury Jallohs
Dessau. Der Mord an Oury Jal- Kulturkreisen nichts ungewöhnli-
loh am 7. Januar 2005 in einer Po- ches“, so die Faschisten weiter.
lizeizelle in Dessau hätte eine Außerdem stellen sich die Fa-
Welle der Empörung auslösen müssen. schisten schützend vor die Polizei:
Stattdessen erfolgte die übliche Reaktion Auf die Forderungen nach Auf-
in diesem Land: Schweigen. Sein Mord klärung, Gerechtigkeit und Entschädi- rungen nach Aufklärung, Gerechtigkeit
wurde größtenteils ignoriert, im besten gung reagierten die Nazis mit der folgen- und Entschädigung laut zu machen.
Fall zur Kenntnis genommen. den Aussage: „Man darf allerdings schon Nichtsdestotrotz war das Presse-Echo
Monate später – Ende März – fand gespannt sein, wie die Damen und Her- gleich Null (es gab nur einen Artikel in
eine Trauerfeier in Dessau statt. Die ren den heutigen Preis eines Negers da- der lokalen Zeitung und eine Pressemel-
etwa 200 TeilnehmerInnen waren über- bei taxieren!“ dung von dpa). Seitdem ist alles wieder
wiegend Flüchtlinge und MigrantInnen, Daraufhin wurde im Namen Mouctar still, das Schweigen geht weiter, genauso
nur ein minimaler Teil bestand aus Deut- Bahs eine Klage wegen Volksverhetzung wie die Vertuschung, Verschleierung und
schen. und übler Nachrede erhoben. Nun wird menschenachtende Politik des Staates
Am 2. April meldete sich dann die es endlich eine Gerichtsverhandlung in und der Nazis.
NPD zu Wort. Unter dem Titel: „Ein Oschersleben geben. Der Kleinstadt in Wir rufen alle solidarischen Menschen
Afrikaner zündet sich selbst an und Sachsen zugewiesene Flüchtlinge be- dazu auf, sich an dem Prozess als Beob-
schuld ist mal wieder die Polizei“ veröf- schreiben Oschersleben oft als „Nazi- achter zu beteiligen. Dies ist wichtig –
fentlichte/schrieb die NPD (Kreisver- Stadt“. nicht nur weil wir verpflichtet sind,
band Magdeburg) eine volksverhetzende Über 15 Monate nach dem Mord an Mouctar Bah zur Seite zu stehen, son-
Oury Jalloh bleibt anscheinend al- dern auch weil wir unbedingt ein klares
les beim Alten. Die Eltern werden Zeichnen setzen müssen:
nicht anerkannt, weshalb sie nicht Nie Wieder! Stoppt den Polizei- und
als Nebenkläger den Prozess vo- Naziterror gegen Flüchtlinge und Mi-
rantreiben können, die Vertu- grantInnen! Wir fordern: Aufklärung,
schung geht weiter und ein aufklä- Gerechtigkeit, Entschädigung!!!
render Prozess ist nicht in Sicht. Mobilisiert Euch!
Stattdessen wurde Mouctar Initiative in Gedenken an Oury Jalloh
Bahs Laden von staatlicher Seite Für mehr Information:
aus fadenscheinigen Gründen ge- www.plataforma-berlin.de
schlossen. Die Täter laufen immer www.thevoiceforum.org
noch frei herum, besetzen die glei- www.thecaravan.org,
chen Posten und haben wieder ein- Bilder: Umbrucharchiv ■
mal gesehen, dass Justiz und Poli-
tik ihre Verbrechen nicht aufzuklä- BLEIBERECHT
ren gewillt sind – und sie somit
unterstützen. Derweil führen Poli- Aufruf zur internationalen Demons-
Hasstirade über Oury Jalloh, den sie als tik, Gesellschaft und Neo-Nazis ihre ge- tration für ein dauerhaftes Bleibe-
„muslimischen Missetäter“ beschreiben. zielten Hetzkampagnen gegen alle nicht- recht der geduldeten Flüchtlinge und
Über Mouctar Bah (den Menschen, der deutsche Menschen fort. Migrant/innen
sich am aktivsten für die Aufklärung des Als Flüchtlinge und MigrantInnen Mittwoch, 3. Mai 2006 17.00 Uhr Ma-
Falles eingesetzt hatte) schreiben sie: sind wir fest überzeugt, dass „Nie Wie- rienplatz anschließend Demo zum
„Er besitzt einen Telefonladen, ver- der“ viel mehr sein muss als ein leerer Bayerischen Innenministerium
dient am Verkauf von Telefoneinheiten Spruch. „Nie Wieder“ muss wirklich be-
an seine Landsleute und Gebetsbrüder.“ deuten, dass alle Menschen als Men- August 2004, München: angeführt von
Dazu, dass Oury Jalloh am lebendigen schen behandelt werden und dass solche einer Gruppe mutiger afrikanischer Frau-
Leib verbrannt worden ist, äußerten sie menschenverachtenden Verbrechen wie en kämpfen Flüchtlingsfamilien gegen
sich: der Mord an Oury Jalloh, die Volksver- drohende Abschiebungen und für ein
„Kein Mensch konnte damit rechnen, hetzung durch Neo-Nazis und die alltäg- Bleiberecht in Deutschland. Für die Be-
daß der Herr Asylant mittels des am Kör- liche Diskriminierung und rassistische teiligten war der Kampf ein Erfolg: Kei-
per versteckten Feuerzeuges binnen we- Gewalt von Seiten des Staates endlich ne der langjährig in Deutschland leben-
niger Minuten die Matratze auf 350 Grad und endgültig aufhören muss. Leider den Familien wurde abgeschoben, fast
Celsius erhitzt. Und das sind schließlich müssen wir immer wieder feststellen, alle haben inzwischen eine Aufenthalts-
Temperaturen, die selbst für einen an dass nicht allzu viel Deutsche unsere erlaubnis erhalten. Doch nicht alle Fami-
Hitze gewohnten Westafrikaner eindeu- Meinung teilen. lien erfüllten die vom Münchner Auslän-
tig zuviel sind.“ Break the Silence! deramt gestellten Bedingungen. Allein-
Der Mord an Oury Jalloh wird als „fei- stehende, Ehepaare ohne Kinder und
ges Selbstmordattentat auf das eigene Am 1. April organsierten wir eine bun- selbst Jugendliche oder junge Erwachse-
Leben“ bezeichnet. „Das könnte nämlich desweite Demonstration in Dessau. Über ne, die ohne Eltern minderjährig ins
durchaus so gewesen sein, sind doch fei- 1000 Menschen sind dem Aufruf gefolgt Bundesgebiet eingereist waren, wurden
ge Selbstmordaktionen in muslimischen und trafen sich in Dessau, um die Forde- von dieser Regelung gar nicht erst er-

: antifaschistische nachrichten 9/2006 11


fasst. Und weiterhin sind Familien au- litischen Konstellation konnte keine Münchner Ausländerbeirat, Bayerischer Flücht-
lingsrat, Münchner Flüchtlingsrat, Bundesfach-
ßerhalb Münchens von Abschiebung be- Mehrheit zustandekommen. Jetzt sind er- verband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge
droht, selbst wenn sie seit über 10 Jahren neut die Innenminister von Bund und e.V., Karawanegruppe München, Initiative Afrika
in Deutschland leben. Ländern am Zug. Doch diese können Zentrum e.V., buntkicktgut - Interkulturelle Stra-
ßenfußballliga München, amnesty international
August 2004, Berlin: die Polizei holt sich nicht einigen. Manch ein populisti- München - AK Asyl, amnesty international
die 13-jährige Tania Ristic aus dem scher Innenpolitiker verspricht sich gute Schweinfurt, Friedensinitiative Christen in der
Schulunterricht, um sie nach Bosnien ab- Wahlergebnisse durch eine rigorose Ab- Region München, Infogruppe Rosenheim, Osttur-
zuschieben. Tania und ihrer Mutter ge- schiebepolitik. kestanische Union in Europa e.V., Freundeskreis
für ausländische Flüchtlinge Unterfranken, AK
lingt es, in Deutschland zu bleiben, doch Am 4./5. Mai 2006 treffen sich in Gar- Asyl Kitzingen, Jesuiten-Flüchtlingsdienst, Bund
die Familie wird auseinandergerissen: misch-Partenkirchen etwa 100 km süd- der Türkischen und Islamischen Vereine e.V.
der Vater und die 16-jährige Schwester lich von München die Innenminister von München, REFUGIO München, Association des
werden abgeschoben. Dieser Fall, nur Bund und Ländern. Erneut wird das The- femmes togolaises en Allemagne e.V., Aktions-
programm Hier Geblieben!, GRIPS Theater Ber-
ein alltägliches Beispiel für den Umgang ma einer Bleiberechtsregelung auf der lin, Flüchtlingsrat Berlin, Bleiberechtsinitative
der Behörden mit – teils jahrelang – ge- Tagesordnung stehen. Damit die Politi- BBZ Berlin, Jugendliche ohne Grenzen,
duldeten Jugendlichen und ihre Eltern, ker endlich den Forderungen nach einem VVN/BdA Berlin, Ökumenischer Begegnungs-
ist der Beginn der Kampagne „Hierge- sicheren Aufenthalt für die geduldeten kreis Flüchtlingsfrauen - deutscher Frauen,
Schweinfurt, Bündnis 90/Die Grünen KV Mün-
blieben!“. Die Forderungen, die Tanias Flüchtlinge nachkommen, wollen wir chen, Jusos Landesverband Bayern, In Via KOFI-
Schulfreund/innen stellten, finden mitt- schon am Vorabend der Konferenz in ZA, fortsetzung folgt!, Landesvorstand Bayern
lerweile in ganz Deutschland Unterstüt- München demonstrieren. Linkspartei/PDS, TERRE DES FEMMES e.V:
zung: Bleiberecht für die in Deutschland Wir rufen daher alle betroffenen Städtegruppe München, BürgerInnenaktion Soli-
darität statt Rassismus, Schweinfurt, Forum soli-
lebenden Kinder und Jugendlichen und Flüchtlinge und ihre Freund/innen, darisches und friedliches Augsburg, Islamisches
ihre Familien, Bleiberecht für Flüchtlin- Nachbarn, Mitschüler/innen, Kommilito- Zentrum der Exilafghanen in Bayern e.V., Öku-
ge, die als unbegleitete Minderjährige nen, Arbeitgeber und sonstige Unterstüt- menisches Büro für Frieden und gerechtigkeit
e.V., Münchner Bündnis gegen Krieg und Rassis-
eingereist sind, Bleiberecht für Kriegs- zer/innen und auch die Familien, die in mus, Verein Freundschaft zwischen Ausländern
opfer und für Opfer rassistischer Angrif- den Genuss der 2004 erkämpften und Deutschen e.V. mit seinen beiden Projekten
fe (nähere Informationen zur Kampagne: Münchner Bleiberegelung gekommen „Nachbarschaftshilfe deutsche und ausländische
www.hier.geblieben.net). sind, dazu auf, sich solidarisch zu zeigen Familien“ und „Kinderzauberzirkus TrauDich“,
„schlaU-Projekt“, münchner aids-hilfe e.V., GEB
Als zuletzt am 19. Januar 2006 eine und gemeinsam für eine umfassende - Gemeinsamer Elternbeirat für die Grund- und
entsprechende Gesetzesinitiative der Op- Bleiberegelung einzutreten. Das Bleibe- Hauptschulen in München, AStA der Uni Mün-
position im Bundestag verhandelt wurde, recht geht alle etwas an. chen, GEW Stadtverband München, Gewerk-
waren die meisten Abgeordneten der INFORMATIONEN Bayerischer schaftslinke, Marxistische Initiative, Sozialisti-
sche Jugend München - Die Falken, Bündnis
Meinung, dass die Forderungen berech- Flüchtlingsrat 089/ 76 22 34 Münchner 90/Die Grünen, Landesverband Bayern, Land-
tigt sind. Doch wegen der derzeitigen po- Flüchtlingsrat 089/123 900 96 ■ tagsfraktion B’90/Die Grünen

Bundesweiter Aktionstag gegen Abschiebungen


und für ein bedingungsloses Bleiberecht
300 Menschen demonstrie- geplante Sammelabschiebung per Char- Flughafen Fotografierverbot herrsche;
ren in Hamburg terflug vom Hamburger Flughafen nach sie weigerte sich, wurde aus der Halle
Togo und evtl. auch in andere westafrika- geleitet und erhielt Hausverbot. Ein
Hamburg. Unter den Forderungen „Ab- nische Länder. Mann wurde kurzzeitig wegen angebli-
schiebungen stoppen! – Papiere für alle!“ Aufgerufen wurde auch zu weiteren chen Widerstands in Gewahrsam genom-
zogen heute bei Dauerregen und Kälte Aktionen zur Innenministerkonferenz, men.
ca. 300 Menschen, darunter sehr viele die am 4. und 5. Mai in Garmisch-Par- In einer Presseerklärung des Senats –
Flüchtlinge und MigrantInnen aus ver- tenkirchen stattfindet. Die dort auf der dieses Dokument der Unmenschlichkeit
schiedenen Ländern (u.a. Togo, Afgha- Tagesordnung stehenden Anträge für ein soll hier weitgehend wiedergegeben wer-
nistan, Iran, Guinea, Burkina Faso) so- Bleiberecht für bestimmte Flüchtlinge den –heißt es: „Unter Federführung der
wie Mitglieder antirassistischer und anti- unter sehr restriktiven Bedingungen wur- Hamburger Ausländerbehörde wurden ...
faschistischer Gruppen, lautstark und den als Teil einer Selektions- und Aus- in bewährter Zusammenarbeit mit der
bunt durch die Innenstadt. grenzungspolitik kritisiert. Mit der Iso- Bundespolizei und weiteren Bundeslän-
Trotz des wirklich scheußlichen Wet- lierung in Lagern, dem Verbot von Aus- dern insgesamt 24 Personen mit einem
ters war die Stimmung gut, auch deshalb, bildung und Arbeit, dem Ausschluss von Charterflug nach Afrika abgeschoben.
weil im Gegensatz zu früheren Demons- medizinischer Versorgung und Sozial- Zielländer sind Guinea, Togo und Benin.
trationen Flüchtlinge aus so vielen unter- leistungen werde gezielte Des-Integrati- In diesen Fällen sind ... keine Abschiebe-
schiedlichen Ländern gemeinsam auf die on betrieben, während von staatlicher hindernisse festgestellt worden. Ham-
Straße gingen und ihre Situation und Seite von Flüchtlingen und MigrantIn- burgs Innensenator Nagel lobte die Orga-
Forderungen darstellten. nen „Integration“ gefordert wird. nisation des ... Charterfluges nach Afri-
„Wir wollen ein bedingungsloses Blei- Protest gegen Sammelabschiebung ka. Innensenator Udo Nagel: „Dieser von
berecht für alle – egal woher ein Mensch Hamburg aus gestartete Großcharter ist
kommt, egal ob er seit fünf Tagen oder 50 Menschen protestierten am 25.4. in ein erneuter Beweis für die konsequente
seit 50 Jahren hier lebt!“ war eine der der Abflughalle des Flughafens gegen Rückführungspolitik der Innenbehörde
zentralen Aussagen. SprecherInnen ver- die erneute Sammelabschiebung von ins- gegenüber Straftätern und ausreiseunwil-
schiedener Organisationen berichteten gesamt 24 Flüchtlingen. Nach ca. 20 Mi- ligen Personen.“ Beteiligt ... sind neben
von laufenden Abschiebungen nach Af- nuten beendete die Polizei die Aktion. Hamburg mit 20 Personen die Bundes-
ghanistan, Guinea und in andere Länder Da man offensichtlich das Licht der Öf- länder Nordrhein-Westfalen, Rheinland-
und mobilisierten zum Protest gegen fentlichkeit scheut, wurde eine Frau auf- Pfalz und Baden-Württemberg. Es han-
eine für die Nacht vom 24. auf den 25.4. gefordert, ihre Fotos zu vernichten, da im delt sich dabei zum Teil um verurteilte

12 : antifaschistische nachrichten 9/2006


Straftäter, insbesondere aber um Perso- pflicht: www.nolager.de
nen, die aufgrund von Renitenz und Ge- und www.thecaravan.
walttätigkeit nicht per Linienflug in ihre org)
Heimatländer zurückgebracht werden Immer wieder traten
könnten. Die abgeschobenen Afrikaner aber auch Betroffene ans
wurden durch Sicherheitskräfte der Bun- Mikrofon. Darunter Kin-
despolizei begleitet. Dolmetscher sowie der und Jugendliche des
medizinisches Personal sind ebenfalls an im Herbst 2005 gebilde-
Bord.“ ten Bündnisses für Blei-
Nach Angaben des Roten Kreuzes sind berecht im Main-Kinzig-
in den ersten drei Monaten dieses Jahres Kreis (www.bleibe recht.
über 1.200 Menschen bei ihrer Flucht in info). „Wir wollen uns
Richtung Kanarische Inseln zu Tode ge- sicher fühlen“ – so der
kommen, gekentert, ertrunken, verhun- allgemeine Tenor ihrer
gert, verdurstet. Wer es nach Europa, in Beiträge. Auch die
die BRD schafft, dem droht das Schicksal Kundgebung in Köln am 22.4.2006 Fremdheit desjenigen
der 24 abgeschobenen Menschen, deren Landes, das nach Ansicht
verzweifelter Lebenswille als „Renitenz nach 17 Jahren in Deutschland ein dauer- der Behörden ihr „Heimatland“ ist, wur-
und Gewalttätigkeit“ in die Nähe von Kri- haftes Bleiberecht fordert. jöd ■ de wiederholt betont, fremd in Hinblick
minalität gerückt wird. Aber wer ist hier auf Sprache und Kultur. Je nach Land, in
kriminell? scc ■ Wir wollen und werden hier das abgeschoben werden soll, kommen
massive Bedrohungen des Alltagslebens
bleiben! durch Kriegsfolgen hinzu, durch Verfol-
Bleiberecht – Papiere für
Wiesbaden. Unter dem Motto „Hierge- gung politischer AktivistInnen und deren
alle! blieben!“ demonstrierten am Samstag, Familien, durch starke ökonomische Pro-
Köln. Kein mensch ist illegal führte am 22. April, etwa 500 Menschen in Wiesba- bleme oder mangelnde Behandlungs-
Samstag den 22. April auf dem Friesen- den für das „Recht auf Bleiberecht“. und Versorgungsmöglichkeiten für Kran-
platz eine Kundgebung zum Bleiberecht Auch diese Demonstration stand im ke und Behinderte.
durch. Ein anwesender „Innenminister“ Kontext des bundesweiten Aktionstages Das „Heimatland“ der Kinder und Ju-
verteilte „Papiere für alle“. Viele Passan- zur Anfang Mai in Garmisch-Partenkir- gendlichen ist hier. Ein Zehnjähriger
ten blieben stehen, oder waren verblüfft chen stattfindenden Innenministerkonfe- brachte seine Hoffnung zum Ausdruck:
und erkundigten sich nach den Hinter- renz. „Wir wollen und werden hier bleiben,
gründen. In der Bundesrepublik leiden ca. und wenn wir genug Freunde finden,
Kein Mensch ist illegal wies in diesem 200.000 Menschen, in Hessen ca. 15.000 werden wir das auch schaffen.“
Zusammenhang auf den Fall der Familie unter der immensen Unsicherheit als Ge- Einer Bleiberechtsregelung der Innenmi-
Idic hin, die seit dem 9. April in den Räu- duldete. Die meisten von ihnen leben nister muss mit Skepsis entgegensehen
men der katholischen Kirchengemeinde schon seit vielen Jahren hier, oft handelt werden. Die Forderungen sind klar:
St. Lambertus in Düsseldorf Schutz vor es sich um Familien mit Kindern, die ● Eine großzügige Bleiberechtsregelung
Abschiebung gefunden hat. Semra Idic, hier geboren und aufgewachsen sind. für die Geduldeten – ohne wenn und
eine Tochter der Familie, sprach ein- Die Auftaktkundgebung fand vor dem aber!
drucksvoll auf der Kundgebung. Sie ist Hessischen Innenministerium statt. Dort ● Der unwürdige Status der Duldung
in Deutschland geboren, macht gerade sprach u.a. Thomas Aleschewsky vom muss abgeschafft werden und durch si-
ihr Abitur und will in Deutschland blei- Hessischen Flüchtlingsrat – stellvertre- chere Aufenthaltstitel ersetzt werden.
ben. tend für drei Familien, die Kassel wegen ● Wer lange hier lebt, muss bleiben dür-
In ein paar Wochen wird die Härtefall- der Residenzpflicht nicht verlassen durf- fen!
kommission des Landtages über den An- ten und ihre Situation deshalb nicht Und sonst: Bleiberecht für alle – kein
trag der Roma-Familie entscheiden, die selbst darstellen konnten. (Zu Residenz- mensch ist illegal. aqua ■

mmer noch gehört es zum Alltag,


Solidarität mit Eren Keskin
I dass Frauen Opfer von brutaler Ge-
walt und Unterdrückung werden.
Eine, die genau dagegen kämpft, ist die
Landes nicht ins Konzept. Als sie 2002
hier in Köln in einer Ansprache auf die
Das Netzwerk „Frauen in Solidarität
mit Eren Keskin“ hat nun eine Unter-
türkische Menschenrechtsanwältin Eren grausamen Übergriffe auf Frauen auf- schriftensammlung gestartet, die als Pe-
Keskin. Sie hat in ihrer Heimat das merksam machte, wurde ihr in ihrer Hei- tition dem türkischen Justizministerium
„Rechtshilfebüro für Opfer Sexueller mat dafür strafrechtlich der Prozess ge- überreicht werden soll.
Belästigung und Vergewaltigung in der macht. Der Anklagepunkt lautete „Belei- An dieser kann man sich auch online
Haft“ gegründet, welches sich Frauen digung des moralischen Charakters des beteiligen und zwar unter folgendem
annimmt, die sexueller Gewalt oder Fol- Militärs“. Das Urteil wurde nun dieses Link:
ter durch staatliche Instanzen im Krieg Jahr im März auf zehn Monate Haft oder http://www.erenkeskinedestek.org/
oder im Gefängnis ausgesetzt waren. Be- die Zahlung einer Geldstrafe festgesetzt. en_petition.php
reits über 200 Frauen konnte so rechtlich Es ist erschreckend, dass das Militär
geholfen werden. offensichtlich einen so hohen Stellen- Hier zählt jede Stimme. Denn jede
Ebenso setzt sie sich in der Menschen- wert besitzt, dass jegliche Kritik an sei- Stimme ist eine Ermutigung für Eren
rechtsvereinigung der Türkei (IHD) für nen grausamen Taten, die leider nicht nur Keskin weiterzumachen und sich nicht
Minderheitenrechte ein und traute sich Einzeltaten sind, ein Strafvergehen dar- durch die Mächtigen einschüchtern zu
auch, sich öffentlich über den Völker- stellt. Frau Keskin hat Recht, wenn sie lassen, jede Stimme ist eine Stimme für
mord an den Armeniern zu äußern. Doch diesen Prozess als einen Angriff auf ihr Grundrechte nicht nur in der Türkei, son-
offensichtlich passt das den Herrschen- Recht auf freie Meinungsäußerung be- dern überall in der Welt.
den und insbesondere dem Militär ihres trachtet. Benjamin Wernigk ■

: antifaschistische nachrichten 9/2006 13


Dem dürfen wir nicht auf Chef des Bunds Deutscher Industrieller,
den Leim gehen! Wir müssen hier in München bei der Sicherheitskonfe-
also die Lügen enttarnen, mit renz 2005: „Investitionen in Entwick-
denen diese Kriege gerechtfer- lungsländern schaffen Jobs und Einkom-
tigt werden. Auf vier Lügen men. [...] Aber die Wirtschaft braucht si-
möchte ich zu sprechen kom- chere Rahmenbedingungen. Mangelnde
men: Rechtssicherheit und Rechtstaatlichkeit
Lüge 1: Kriegsursachen: Die machen Investitionen schwer verantwort-
Dritte Welt sei selbst Schuld bar. [...] Die Grundhypothese ,ohne Ent-
wicklung keine Sicherheit‘ stellt sich häu-
Derzeit ist viel die Rede von so fig genau anders herum dar. ,Ohne Sicher-
genannten „Neuen Kriegen“, heit keine Entwicklung‘.“
innerstaatlichen Gewaltkon- Was hier gefordert wird, ist nichts an-
Kein Friede mit westlicher flikten, die angeblich völlig neue Merk- deres, als einen militärischen Investitions-
Kriegspolitik, kein Friede mit male aufweisen würden. Erstens hätten schutz für die Realisierung westlicher
sie ihre Ursachen in religiösen, ethnisch- Profitinteressen.
dem neoliberalen System! kulturellen Streitigkeiten, und zweitens Lüge 3: Die Mär von der Legitimität
Rede von Jürgen Wagner (IMI habe der Westen keinerlei Schuld an die- westlicher Kriege
Thüringen) auf dem Oster- sen Konflikten.
marsch in München: Betrachtet man das empirische Materi- Derzeit ist viel die Rede davon, man wol-
al stellt sich aber ein ganz anderes Bild le ja nur militärisch für die Einhaltung
Liebe Freundinnen und Freunde, die dar. Viele Konflikte in der Dritten Welt, „universeller Normen und Werte“ sorgen,
Ostermärsche finden dieses Jahr einmal werden von westlichen Waffenlieferun- wie es im European Defence Paper heißt.
mehr im Vorfeld zweier geplanter Militär- gen maßgeblich angeheizt. Sie entstehen Hierbei handelt es sich um eine unglaubli-
einsätze durch die westlichen Großmäch- vorwiegend dort, wo Rohstoffreichtum che Heuchelei. Wenn Industrielle wie
te statt, die beide auf ihre Weise prototy- zum Fluch wird, weil das westliche Inte- Thumann davon sprechen, man müsse mi-
pisch für Kriege im 21. Jahrhundert sind. resse an deren Ausbeutung maßgeblich litärisch einen Rechtsstaat aufbauen, ist
Angesichts schwindender Weltölvorräte vorhandene Konflikte schürt. damit wohl am ehesten das Recht zum
ist die Eskalation im Iran- ein Vorbote für Der entscheidende Faktor aber, wes- Plündern gemeint.
die sich ankündigende Zunahme so ge- halb Konflikte gewaltsam eskalieren, ist Nirgends zeigt sich dies deutlicher als
nannter Ressourcenkriege. Armut, wie inzwischen selbst Weltbank- anhand der westlichen Eskalation gegen-
Demgegenüber ist der praktisch be- Studien bestätigen. Somit trägt also der über dem Iran. Es kann nicht deutlich ge-
schlossenen Einsatz der Europäischen Westen, der durch die Ausweitung der nug betont werden, dass dieses Land ge-
Union im Kongo Ausdruck dessen, was neoliberalen Weltwirtschaftsordnung gen keinerlei internationales Abkommen
ich als westlichen Globalisierungsinter- maßgeblich für die Verarmung weiter Tei- verstoßen hat. Dennoch überzieht der
ventionismus bezeichne und auf den ich le der Weltbevölkerung gesorgt hat, die Westen den Iran mit Kriegsdrohungen bis
hier zu sprechen kommen möchte. primäre Verantwortung für Kriege und hin zum Einsatz von Atomwaffen.
Es kann dabei nicht deutlich genug be- Konflikte in der Dritten Welt. Was wir derzeit erleben, ist die Rück-
tont werden, dass Globalisierung – das Lüge 2: Die angeblich selbstlose Moti- kehr zum Faustrecht, oder, in den Worten
Codewort für die Ausweitung der neolibe- vation westlicher Kriegseinsätze Robert Coopers, dem Autor der Europäi-
ralen Weltwirtschaftsordnung – und west- schen Sicherheitsstrategie „Doppelter
liche Kriegspolitik zwei Seiten einer Me- Sie wollen uns glauben machen, ihre Standards“:
daille sind. Denn die von diesem Wirt- Kriegseinsätze seien völlig selbstlos, man „Der postmoderne Imperialismus hat
schaftssystem verursachte Verarmung könne ja nicht tatenlos zusehen, wenn zwei Komponenten. Die erste ist der frei-
weiter Teile der Weltbevölkerung, ist ur- sich Menschen die Köpfe einschlagen. willige Imperialismus der globalen Öko-
sächlich für die Eskalation von Konflikten Der Soziologe Ulrich Beck spricht etwa nomie. Er wird normalerweise von einem
in der Dritten Welt verantwortlich. vom „militärischen Humanismus des internationalen Konsortium durch interna-
Da weder die USA, noch die Länder Westens“, der auf einem „Weltmonopol tionale Finanzinstitutionen wie IWF und
der Europäischen Union an einem grund- an Macht und Moralität“ gründe. Weltbank ausgeübt. [...] Die Herausforde-
sätzlichen Richtungswandel interessiert Natürlich ist das genaue Gegenteil der rung der postmodernen Welt ist es, mit der
sind, ist es fast zwangsläufig, dass die Fall. Was das Beispiel Kongo anbelangt, Idee doppelter Standards klarzukommen.
ökonomische Ausbeutung zunehmend um spricht Verteidigungsminister Franz Josef Unter uns gehen wir auf der Basis von
die militärische Knute ergänzt wird und Jung Klartext. „Es geht auch um zentrale Gesetzen und offener kooperativer Si-
Staaten so lange unter westliche Schirm- Sicherheitsinteressen unseres Landes! [...] cherheit um. Aber wenn es um traditionel-
herrschaft gestellt werden sollen, bis sie Stabilität in der rohstoffreichen Region lere Staaten außerhalb des postmodernen
im Rahmen dieser Weltwirtschaftsord- nützt auch der deutschen Wirtschaft.“ Kontinents Europa geht, müssen wir auf
nung halbwegs „funktionieren“. Allgemeiner lässt sich sagen, dass die die raueren Methoden einer vergangenen
Für uns als Friedensbewegung bedeutet Globalisierung den westlichen Großkon- Ära zurückgreifen – Gewalt, präventive
das, dass wir nicht gegen Krieg protestie- zernen neue Profitmöglichkeiten eröffne- Angriffe, Irreführung, was auch immer
ren können, ohne die herrschende kapita- te, sie aber gleichzeitig auch anfälliger für nötig ist, um mit denen klarzukommen,
listische Ordnung grundsätzlich in Frage Krisen und Konflikte in der Dritten Welt die immer noch im 19. Jahrhundert leben,
zu stellen! gemacht hat. in dem jeder Staat für sich selber stand.
Begründet wird diese Kriegspolitik na- Christian Schmidt, CSU-Staatssekretär Unter uns halten wir uns an das Gesetz,
türlich als ein völlig selbstloses Unterfan- im Verteidigungsministerium, schreibt aber wenn wir im Dschungel operieren,
gen. Dabei ist es besonders perfide, dass etwa: „Die Destabilisierung bestimmter müssen wir ebenfalls das Gesetz des
die Herrschenden im Rahmen der so ge- Entwicklungs- und Schwellenländer kann Dschungels anwenden.“ Angesichts sol-
nannten zivil-militärischen Zusammenar- das internationale Wirtschafts- und Fi- cher Sätze fühlt man sich an den alten
beit auch noch versuchen, Friedensbewe- nanzgeschehen und unsere Interessen als Spruch „Legal, Illegal, Scheißegal“ erin-
gung und Entwicklungshilfe vor ihren Exportnation negativ tangieren.“ Noch nert, der die westliche Kriegspolitik wohl
Kriegskarren zu spannen! deutlicher wurde Jürgen Thumann, der am treffendsten beschreibt.

14 : antifaschistische nachrichten 9/2006


Lüge 4: Resultat: Zivil-militärischer
: ostritt
die Rüstung gepumpt werden, während
„Stabilitätsexport“ ist Kolonialismus gleichzeitig die abermillionen Opfer der
Die letzte ist zugleich auch die dickste in unserem Wirtschaftssystem begründe- elche Positionen ein Staats-
Lüge, auf die ich hier zu sprechen kom-
men möchte. Denn sie betrifft uns als
Friedensbewegung auch direkt, da sie ver-
ten strukturellen Gewalt ignoriert werden,
für sie ist kein Geld da.
Die Europäische Sicherheitsstrategie
W oberhaupt Polens zu vertreten
hat, das weiß Jochen-Konrad
Fromme ganz genau. Fromme, Haupt-
sucht uns, für westliche Kriegszwecke zu nennt die Zahl von 45 Millionen Men- mann der Reserve, kooptiertes Mitglied
instrumentalisieren. schen, die jährlich an Hunger und Unter- des CDU-Bundesvorstandes und seit
Mit dem Argument, dies sei eine not- ernährung und Krankheiten sterben. Es ist 1998 Abgeordneter im Deutschen Bun-
wendige Bedingung für die nachhaltige diese soziale Perspektivlosigkeit und die destag, beobachtet den polnischen Präsi-
„Stabilisierung“ von Konfliktregionen, nackte Angst vor dem Überleben, die denten Lech Kaczynski sehr aufmerk-
wird derzeit immer stärker die enge Ver- Menschen in die Gewalt treibt und die sam. Und was muss er hören? Kaczynski
zahnung ziviler Akteure (zivile Konflikt- wiederum – da eine Beendigung der west- sagt von sich selbst, er sei „weder beson-
bearbeitung und Entwicklungshilfe) mit lichen Ausbeutungspolitik nicht in Frage ders antideutsch noch besonders pro-
dem Militär gefordert. kommt – militärisch „befriedet“ wird. deutsch“. So geht das natürlich nicht.
Die operative Führung bleibt dabei aber In diesem Zusammenhang ist es der „Die Distanz, die in dieser Beschreibung
beim Militär, womit vormals rein zivile Gipfel des Zynismus, dass viele der EU- zum Ausdruck kommt, ist nicht förder-
Akteure zu einem integralen Bestandteil Einsätze aus dem Topf des Europäischen lich für das deutsch-polnische Verhält-
der militärischen Logik westlicher Inte- Entwicklungsfonds bezahlt und somit der nis“, doziert Fromme.
ressenspolitik gemacht werden und zu- direkten Armutsbekämpfung entzogen Denn „die deutsch-polnischen Bezie-
dem auch noch als Legitimationselement werden. hungen erfordern das stete Bemühen von
für militärische „Friedensmissionen“ die- Beispielsweise steuerte der Entwick- beiden Seiten“.
nen. lungsfonds ca. 90 Mio. für den EU-Ein- Die deutsche Seite, daran lässt From-
Hierüber soll die westliche Kriegspoli- satz AMIS II im Sudan bei. Gleichzeitig me keinen Zweifel, hat dieses Bemühen
tik erheblich effektiviert werden. Ein tragen deutsche Großkonzerne, unter- selbstverständlich stets geleistet. „Seit
wichtiges EU-Papier, die „Human Securi- stützt von der Bundesregierung, dort mas- Jahrzehnten haben alle Bundesregierun-
ty Doctrine for Europe“, schlägt bereits siv zur Eskalation des Konfliktes bei und gen das deutsch-polnische Verhältnis ge-
den Aufbau einer zivil-militärischen Trup- der UN-Koordinator für Nothilfe im Su- pflegt und gefördert“, berichtet er. Wären
pe aus 10.000 Soldaten und 5.000 Zivilis- dan gibt an, es gäbe keine Gelder für die Bundestagsabgeordnete nicht chronisch
ten (Verwaltern) vor. dringend notwendige humanitäre Hilfe! in Zeitnot, dann hätte Fromme sicherlich
Die Friedensbewegung muss jegliche Hierbei handelt es sich um eine skanda- rühmliche Beispiele erwähnt. Die Regie-
Beteiligung an derartigen westlichen Pro- löse Zweckentfremdung von Entwick- rung Kohl etwa, die den deutsch-polni-
tektoratstruppen ebenso kategorisch ab- lungshilfe. Die Verantwortlichen hierfür schen Nachbarschaftsvertrag ausgehan-
lehnen, wie eine wie auch immer geartete gehören wegen der Veruntreuung von delt hat – inklusive der umfassenden
Kooperation mit dem Militär. Steuergeldern angeklagt! Sonderrechte für die deutschsprachige
Denn wer „Sicherheit“ und „Staatlich- Fazit: Ohne grundsätzliche Änderung Minderheit Polens. Rein formal hat auch
keit“ herbeibomben will, um Länder an- des neoliberalen Wirtschaftssystem wird die polnischsprachige Minderheit in
schließend so lange unter die Schirmherr- es zu immer weiteren Konflikte kommen, Deutschland dieselben Sonderrechte er-
schaft westlicher Protektorate zu stellen, die der Westen dann „befriedet“ um den halten, auch wenn es mit deren Umset-
bis sie neoliberalen Spielregeln gehor- Teufelskreis aus Armut und Gewalt und zung noch ein wenig hapert. Die Regie-
chen, perpetuiert damit lediglich den Teu- damit den Dampfkessel der Globalisie- rung Schröder hätte Fromme sicherlich
felskreis aus Armut und Gewalt. Exakt rungskonflikte halbwegs unter Kontrolle ebenfalls erwähnen können. Schließlich
dies ist aber die traurige Praxis, die sich zu halten. hat der Gazprom-Kanzler verbindlich
hinter dem beschönigenden Begriff des In diesem Sinne, „No Justice, No zugesagt, Entschädigungsklagen deut-
„Stabilitätsexports“ verbirgt. Peace! Kein Friede mit der westlichen scher Umgesiedelter nicht persönlich un-
Diejenigen, die westliche Militäreinsät- Kriegspolitik, kein Friede mit dem kapita- terstützen zu wollen. Ihnen gesetzlich
ze fordern unterschreiben eine moralische listischen System. den Boden zu entziehen – das ist Schrö-
Bankrotterklärung, denn sie legitimieren www.imi-online.de der einfach nur nicht rechtzeitig einge-
hierdurch, dass weiterhin Milliarden in E-Mail: imi@imi-online.de ■ fallen.
Da man sich nicht sicher sein kann, ob
Lech Kaczynski die deutschen Bemü-
hungen so recht zu würdigen weiß, hat
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. die „Gruppe der Vertriebenen, Flüchtlin-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de ge und Aussiedler“ der CDU/CSU-Bun-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach destagsfraktion im März maßgebliche
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, Funktionäre der deutschsprachigen Min-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, derheit Polens in Berlin empfangen. Die
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. beiden Abgeordneten der Minderheit im
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Sejm, Ryszard Galla und Heinrich Kroll,
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind warben dafür – so heißt es in einem von
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Fromme verbreiteten Informationsblatt –
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- , „gerade jetzt in der schwierigen Situati-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung on mit der neuen Regierung die deutsche
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Minderheit verstärkt moralisch zu unter-
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
stützen“. Kroll freute sich besonders da-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., rüber, dass Bundeskanzlerin Merkel
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Ar- schon zweimal während ihrer noch recht
beitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vor-
standes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten);
kurzen Amtszeit Vertreter der deutschen
Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter Minderheit empfangen hat.
hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. jk (nach www.jkf.de) ■

: antifaschistische nachrichten 9/2006 15


: aus der faschistischen Presse
Anzeigenzeitungen mit eigenen Projek-
ten zu begegnen, in denen – möglichst
Braunes Lob für türkischen identifizieren. Das ist der wahre ,Krieg überparteilich – Tagespolitik und lokale
der Kulturen‘. Er wird hierzulande von sowie regionale Politikansätze aus pa-
Nationalismus einer ethnischen Frontstellung überlagert triotischer Sicht vermittelt werden. ... Im
Nation & Europa April 2006 – Einheimische contra Zuwanderer – Idealfall ist eine solche patriotische Zei-
Bei regelmäßiger „Nation&Europa“- doch das ist nur ein Aspekt. Mindestens tung nicht parteigebunden, weil die Ob-
Lektüre kann man sich nicht völlig des ebenso unüberbrückbar ist der Graben jektivität einer überparteilichen Zeitung
Eindrucks erwehren, dass die Leser(in- zwischen Umerzogenen und Volksbe- natürlich wesentlich höher eingestuft
nen) der Monatszeitschrift, die aus uner- wußten. Das Fatale ist, daß die ersteren wird als die einer reinen Parteizeitung.
findlichen Gründen als „Theorieorgan“ weitgehend identisch mit dem deutsch- Außerdem ist der Spielraum größer“.
gilt, auch mit wenig zufrieden zu stellen stämmigen Gastvolk sind und die letzte- Nach Franks Meinung zieht die Veröf-
sind. Wichtig scheint allerdings zu sein, ren mit den vitaleren ausländischen Pa- fentlichung (selbst die einmalige) eines
dass es sich in der Hauptsache um die rallelgesellschaften, vorzugsweise der solchen Blattes praktisch automatisch
Wiederholung alten faschistischen Ge- türkischen. ...Türkischer Nationalismus, kommunale Wahlerfolge nach sich: „Da-
dankenguts handelt: Antisemitismus, der sich gegen fremdherrschaftliche Zu- bei folgten (wahl-)politische Erfolge mit
Antikommunismus, völkisches Denken mutungen wehrt, muß Deutschen nicht Parlamentseinzügen überall dort, wo
und, damit verbunden, Fremdenfeind- unsympathisch sein. Sie könnten sich da- eine solche Zeitung präsent war, so in
lichkeit, Rehabilitation des Naziregimes. von sogar eine Scheibe abschneiden“. Schwelm (NPD), Nürnberg (Bürgerini-
Nur selten überraschen die Autor(inn)en Richters Argumentation scheint eine tiative Ausländerstopp) und Villingen-
mit wirklich neuen Gedanken. Richtungsänderung anzuzeigen, doch Schwenningen (DLVH). In Schwelm
Auf den ersten Blick scheint solche der Schein trügt: Wie im Modell enthält trug eine einzige Ausgabe der ,DS - Der
neuen Gedanken Karl Richter zu äußern, sie alle Bestandteile der traditionellen fa- Schwelmer‘ maßgeblich zum erstmali-
der sich über den türkischen Film „Tal schistischen Ideologie. Völkisches Den- gen Erringen eines kommunalen Man-
der Wölfe“ als einem „Film, der die Ge- ken, Militarismus, die angebliche Umer- dats in NRW für die NPD seit ihrer Par-
müter erregt“ Gedanken macht. Filmisch ziehung der Deutschen durch die Ameri- teigründung bei“.
findet er ihn eher schlecht gemacht und kaner nach der Befreiung von der Nazi- In ihrer Eigendarstellung vertreten die
belanglos (das er sein Urteil vor allem diktatur, und, wenn man genau liest, so- Rechten ausschließlich die Interessen der
mit der mangelnden Authentizität der gar die obligatorische Fremdenfeindlich- „kleinen Leute“. Wenn es konkret wird,
Militärausrüstung begründet, liegt bei keit. Türkischer Nationalismus als Vor- sieht die Sache allerdings ganz anders
N&E auf der Hand), inhaltlich aber ist bild – aber bitte nur in der Türkei. Den- aus: Werner Baumann beschäftigt sich
Richter begeistert. Grund dafür ist die noch darf man gespannt sein, wie viele mit dem Kampf der Nürnberger AEG-
unverhohlen nationalistisch-reaktionäre Protestbriefe wegen Richters Artikel die Belegschaft um ihre Arbeitsplätze und ist
Grundeinstellung des Streifens: „Denn Redaktion erreichen – und ob sie veröf- der Meinung, dass „Fabriken ins Ausland
es sind nicht so sehr ,antiamerikanische‘ fentlicht werden. gestreikt werden“.
oder ,antisemitische‘ Erwartungen, die Wenn es nach Michael Frank geht, „Eigentlich hätte es darum gehen müs-
,Tal der Wölfe‘ bedient, als vielmehr kann sich die Öffentlichkeit in Zukunft sen, die Fabrik im Lande zu erhalten –
ganz grundlegende Identifikationsmus- auf eine größere Anzahl rechter Ortszei- auch für künftige Generationen. Dazu
ter, die bei Türken noch funktionieren, tungen einstellen. Was in der Linken seit wäre auf beiden Seiten ein erhebliches
während sie der domestizierte, bis zur Jahrzehnten mit mehr oder weniger Er- Maß am Kompromißbereitschaft not-
Unkenntlichkeit fremdgesteuerte Nor- folg praktiziert wird, das herrschende wendig gewesen. Doch die IG Metall...
maldeutsche nur noch vom Hörensagen Meinungsmonopol mittels kleiner, auf streikte mit Erfolg für eine bessere Ab-
kennt: Nation, Armee, Ehre, Familie“. örtlicher Basis erscheinender Zeitungen findung der jetzigen Belegschaft. Dazu
Türkischer Nationalismus als Vorbild zwar nicht zu durchbrechen, aber we- bringt der Electrolux-Konzern rund 240
der deutschen Rechten: „Der Fall illus- nigstens stellenweise anzukratzen, pro- Millionen Euro auf – ein Betrag, der
triert, wo die Bruchlinien verlaufen: zwi- pagiert Frank unter der Überschrift „Wa- nachdenklich stimmen muß. Wenn das
schen umerzogenen, US-fixierten ,Bun- rum patriotische Regionalpresse sinnvoll Unternehmen eine solch horrende Sum-
desbürgern‘ auf der einen Seite – und ist: Gegenöffentlichkeit“ als brandneue me gegenleistungslos ausschüttet, anstatt
normalgebliebenen Türken, die ihr Volk Idee: „Es ist daher ein richtiger Ansatz, die gut funktionierende Fabrik zu erhal-
lieben und sich mit seinem Lebensrecht den etablierten Tages-, Regional- und ten, dann muß wirklich Mathäi am letz-
ten sein. ... In Polen, wohin Electrolux
ausweichen will, freut man sich über den
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Planierungskurs des Deutschen Gewerk-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: schaftsbundes ebenso wie über das Ren-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich dite-Streben internationaler Konzerne“.
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Nur waren laut Baumann die streikenden
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Kolleg(inn)en und ihre Gewerkschaft
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
entschieden mehr verantwortlich für die
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Schließung ihrer Fabrik als die Eigentü-
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
mer. Statt eines Streiks hätte Kompro-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) missbereitschaft angesagt sein müssen,
schließlich war offenbar für die Unter-
Name: Adresse: nehmensbosse „Mathäi am letzten“, d.h.
es ging ihnen wirtschaftlich katastrophal
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts schlecht.
Kuscheln statt kämpfen, so stellt sich
Unterschrift N&E eine erfolgreiche Betriebsfamilie
vor. Um ihre Rechte kämpfende Beleg-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
schaften sind für sie der Erzfeind.
tri ■

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