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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 1.6.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

NPD-Aufmarsch zum WM-


Auftakt zunächst verboten
Gelsenkirchen. Fünf WM-Spiele fin-
den in Gelsenkirchen statt, u.a. mit den
USA. Unter dem Motto „Arbeit für
Millionen statt Profit für Millionäre! –
Volksgemeinschaft statt Globalisie-
rungswahn!“ hatte die rechtsextreme
NPD schon im Februar eine „Kampa-
gnendemonstration im Rheinland und
Westfalen“ für die Zeit der WM ange-
meldet, die am Sonnabend, den 10.5.
um 12 Uhr in Gelsenkirchen starten
sollte. Dies hat der Polizeipräsident
Proteste gegen
nun verboten. In seiner am 24.5. veröf-
fentlichten Pressemeldung heißt es
dazu: „Die Gelsenkirchener Polizei
rechte Traditionspflege
nimmt die Gefahr sehr ernst, die vom Mittenwald. Mehr als 300 Men- tionspflege der Wehrmacht. Den Füh-
Rechtsextremismus ausgeht. Das Anse- schen beteiligten sich an den dies- rungskader der Bundeswehr kritisierte er,
hen der Bundesrepublik Deutschland jährigen Protesten gegen das Ge- weil auf der Gedenkfeier der Gebirgsjä-
wird durch den Aufmarsch der NPD in birgsjägertreffen in Mittenwald. Polizei- ger am Hohen Brendten auch Kriegsver-
Gelsenkirchen während der WM 2006 maßnahmen behinderten schon die Anrei- brecher geehrt werden. Für ihn ein Zei-
nachhaltig geschädigt. Deshalb schöpfe se von DemonstrantInnen nach Mitten- chen, dass sich am Umgang mit der Ge-
ich alle rechtsstaatlichen Mittel aus, um wald am 26./27. Mai. Reisebusse wurden schichte nichts geändert hat.
Aufmärsche von Rechtsextremisten auf der Autobahn abgefangen, die Perso- Die Bundeswehr allerdings wird sich
während der WM zu verhindern!“ Das nalien geprüft sowie mitgeführtes Gepäck von den Feierlichkeiten nicht zurückzie-
Verbot gilt auch für jede Form einer Er- untersucht. Opfer dieser Maßnahme war hen, das geht aus der Antwort der Bundes-
satzveranstaltung, so Polizeipräsident auch der „AK Angreifbare Traditionspfle- regierung auf eine Kleine Anfrage der Ab-
von Schoenfeldt. Man wolle damit ver- ge NRW“. Seine für den 26.5. geplante geordneten Ulla Jelpke (Fraktion Die Lin-
hindern, dass vor den Augen der Welt- Kundgebung in Wolfratshausen, dem ke) hervor. Es sei „bekannt, dass auch An-
öffentlichkeit während der WM 2006 Wohnort des bayrischen Ministerpräsi- gehörige der Gebirgstruppen der Wehr-
Rechtsextremisten durch die Straßen denten Edmund Stoiber, verzögerte sich macht und der Waffen-SS an Massakern
Gelsenkirchens ziehen, um ihre rassis- um zwei Stunden. Die Forderung der De- beteiligt waren“, räumt die Bundesregie-
tischen und ausländerfeindlichen Paro- monstranten war wie bereits im letzten rung ein. Es sei aber „nicht Aufgabe der
len zu verbreiten. Dagegen müsse sich Jahr: „Edmund Stoibers Austritt aus dem Bundesregierung, die historische Aufar-
ein demokratischer Staat schützen kön- Kameradschaftskreis der Gebirgsjäger“. beitung von Kriegsverbrechen durch ei-
nen. Von Schoenfeldt hatte „den deutli- Am Samstag fand eine Veranstaltung nen eingetragenen Verein zu kommentie-
chen Eindruck gewonnen, dass es der als Gegenaktion zu der traditionellen Hel- ren.“ Die Bundeswehr werde deshalb die
NPD allein auf die Provokation an- denehrung statt, auf der Zeitzeugen aus Feier „personell und materiell“ weiter un-
kommt.“ Der Aufmarsch stehe in indi- dem Widerstand gegen das Dritte Reich terstützen.
rektem Zusammenhang mit der bundes- berichteten. Max Tzwangue aus Frank- Bei der Feier der Gebirgsjägerkame-
weiten Kampagne der NPD zur WM reich, Sohn polnischer Juden Jahrgang radschaft am Hohem Brendten gelang es
2006, mit der sie dunkelhäutige Sport- 1925, fand früh zur Resistance. Er berich- DemonstrantInnen sich trotz massiver Po-
ler verunglimpften. Die Neonazis hät- tete über Flugblattaktionen sowie über Sa- lizeipräsenz unter die Teilnehmer zu mi-
ten gerade Gelsenkirchen für ihre Ver- botageakte gegen Betriebe, die Rüstungs- schen. Im Polizeibericht heißt es dazu:
sammlung gewählt, um sich und ihre güter produzierten. Der emeritierte Pro- „Während des Gottesdienstes am Ehren-
braune Propaganda der Weltöffentlich- fessor und slowenische Partisan Iwan mal wurden zwei Demonstranten aus
keit zu präsentieren. Ob das Verbot vor Kristan, führte dezidiert in die Geschichte München, 24 und 30 Jahre alt, in Gewahr-
den Gerichten, die sicher angerufen der Vertreibung und ihre Hintergründe sam genommen, da sie ein Transparent
werden, standhalten wird, bleibt abzu- ein. „Die Slowenen wurden als rassisch mit der Aufschrift: ,Mörder hinter Gitter,
warten. u.b. ■ wertvoll, aber national unzuverlässig be- volle Reparationszahlungen für die deut-
wertet. Sie wurden nach Grobauslese und schen Kriegsverbrechen in Griechenland‘
Feinprüfung auf rassische Nutzbarkeit se- deutlich sichtbar in die Höhe hielten.“
Aus dem Inhalt: lektiert.“ Solange diese Forderungen nicht erfüllt
Extreme Rechte zu Gast Der Münchner Ernst Grube von der sind, werden die antifaschistischen Pro-
bei Tamm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Vereinigung der Verfolgten des Nazire- teste gegen das braune Treiben auf dem
Le Pen und de Villiers bereiten gimes, Bund der Antifaschisten, forderte Hohen Brendten weitergehen.
Präsidentschaftswahlen vor . . . . 9 die klare Distanzierung der Bundeswehr Quelle: Linkszeitung, 28.5.06,
von der blutigen Vergangenheit und Tradi- ND 29.5.06, PM Ulla Jelpke - u.b. ■
: meldungen, aktionen
nicht und so standen die Neonazis auf
dem mit großen Gittern zugestellten
Franziskusplatz wortlos und fast ohne
Burschen heraus – aus der sen. Damit ist das Urteil des Landge- Zuschauer im Nieselregen. Die wenigen
SPD richts Bochum vom 9. September 2005 Dutzend GegendemonstrantInnen, von
rechtskräftig, das den Aktivisten des der Polizei auf große Distanz gehalten,
Schon am 24. April 2006 hat der Partei- „Kampfbund Deutsche Sozialisten“ gaben mit Sprechchören ihren Protest
rat der SPD beschlossen: „Die Mitglied- (KDS) und des neonazistischen „Akti- gegen den Naziaufmarsch zum Aus-
schaft in einer Burschenschaft, die Mit- onsbüro Westdeutschland“ wegen einer druck. Es hätten durchaus mehr sein kön-
glied in der ,Burschenschaftlichen Ge- antisemitischen Hetzrede zu einer Haft- nen, hätten nicht der Oberbürgermeister
meinschaft‘ innerhalb der ,Deutschen strafe verurteilt hatte. Zusammen mit ei- und das städtische „Bündnis für Toleranz
Burschenschaft‘ ist, ist mit der Mitglied- ner früheren, zur Bewährung ausgesetz- und Demokratie“ dafür geworben, die re-
schaft in der SPD unvereinbar.“ Die Bur- ten Strafe muss Reitz nun für insgesamt lativ kurzfristig angemeldete Veranstal-
schenschaftliche Gemeinschaft (BG) 21 Monate ins Gefängnis. peb ■ tung der Neonazis zu „ignorieren“.
wird im Anschluss durch die SPD fol- Schon nach kurzer Zeit zogen die
gendermaßen charakterisiert: „Die BG, Debatte im Gemeinderat durchnässten Neonazis zum Bahnhof,
ein völkischer Kampfverband, dominiert um spontane Kundgebungen in Mecken-
seit Anfang der achtziger Jahre die Deut- Burladingen. Die zunehmenden Akti- beuren, Überlingen, Wangen, Aulendorf,
sche Burschenschaft und kommt die zen- vitäten jugendlicher Neonazis in der Ge- Lindau und Biberach durchführen zu
trale Rolle im Gesamtverband zu. Die meinde Burladingen (Schwäbische Alb) wollen. Diese wurden jedoch von der Po-
Dominanz der Burschenschaftlichen Ge- haben nun auch den Gemeinderat der lizei untersagt. Insgesamt kein erfolgrei-
meinschaft schlägt sich nicht zuletzt in Stadt beschäftigt. Seit geraumer Zeit sind cher Tag für die Neonazis, von denen nur
der Programmatik der DB nieder. Diese Neonazis und rechte Skinheads im Ort ein Teil aus Friedrichshafen selbst kam.
ist eindeutig biologistisch, völkisch und aktiv. In Jugendclubs und an der Grill- Die Polizei war mit einem Riesenaufge-
großdeutsch ausgerichtet. Nahezu sämt- stelle am Albvereinsbrunnen wurden sie bot vor Ort vertreten. Auf 800 bis 1000
liche Bestandteile eines rechtsextremen gesichtet und auch in den Schulen brei- wurde die Zahl der Polizisten geschätzt.
Weltbildes finden sich in der burschen- ten sie sich aus. Schüler tragen einschlä- Auch Wasserwerfer hatten bereitgestan-
schaftlichen Weltanschauung....“ gige Klamotten der rechten Szene und den. hma ■
Angefügt ist dem Unvereinbarkeitsbe- verbreiten Rechtsrock-CDs. Nach einem
schluss eine leider unvollständige Liste kürzlich stattgefundenen gewaltsamen Befreiungsdenkmal
(22 statt 46) der Mitgliedsbünde der Übergriff seien nun die Gerichte an der
BG.Der Einschätzung von DB und BG Reihe, teilte Bürgermeister Ebert mit und unerwünscht
durch die SPD ist zuzustimmen und wird zeigte sich sichtlich genervt angesichts Estland/Tallin. Der estnische Pre-
in den zukünftigen Auseinandersetzun- des Themas. Dies sei „ein gesamtgesell- mierminister Andrus Ansip hat sich dafür
gen mit dem Korporations-(Un)wesen si- schaftliches Problem, das lösen wir hier ausgesprochen, dass im Zentrum der
cher brauchbar sein. Umso bedauerlicher in Burladingen nicht“, meinte Ebert. Im Stadt Tallin stehende Denkmal zur Erin-
ist es, dass eine Ausdehnung des Be- übrigen wehre er sich dagegen, wenn nerung an die Befreiung der Stadt von
schlusses auf die gesamte Deutsche Bur- versucht werde „wegen vereinzelter Vor- den Nazis abreißen zu lassen. Das Monu-
schenschaft am Widerstand einiger pro- fälle“ die Stadt „braun anstreichen“ zu ment sei „ein Symbol der Besatzung“
minenter SPD-Funktionäre, sowie am wollen. Dies sahen andere Gemeindever- und hätte schon längst an einen anderen
Protest vieler Alter Herren der DB und treter nicht so. Es wurde gefordert, gegen Ort verbracht werden müssen, so Ansip
aus anderen Studentenverbindungen die zunehmenden Umtriebe der extre- in einem Rundfunkinterview. Ginge es
scheiterte. Die übrigen Korporationsver- men Rechten vorzugehen. Diese Gruppe nach Ansip, soll das Denkmal künftig auf
bände, welche ein großes Geschrei ange- terrorisiere alle anderen, so Gemeinderat einem sowjetischen Soldatenfriedhof am
stimmt hatten, als man in der SPD einen Debis und es müsse doch möglich sein, Rande der Stadt stehen. Sollte sich ein
Unvereinbarkeitsbeschluss diskutierte, diese Bande in die Schranken zu weisen. Massengrab unter dem Denkmal befin-
und sich blindlings mit der DB solidari- Mit einer öffentlichen Diskussion in den den, sollen die sterblichen Überreste der
sierten, haben übrigens bisher noch keine Jugendclubs solle diesen der Rücken ge- dort bestatteten Soldaten umgebettet
Stellung zu dem endgültigen Unverein- stärkt und anfällige Jugendliche sensibi- werden. Erst kürzlich hatten estnische
barkeitsbeschluss bezogen. An den Uni- lisiert werden, regte Gemeindevertreter Nationalisten das Denkmal geschändet
versitäten und in der Öffentlichkeit wer- Conradi an. Die bisherigen Maßnahmen und die Figur eines sowjetischen Solda-
den demokratische und antifaschistische seien jedenfalls nicht ausreichend, stell- ten mit den Farben der estnischen Natio-
Kräfte genau dieses einfordern müssen. ten mehrere Gemeindevertreter fest. Es nalflagge übermalt. Vertreter der russi-
Denn die DB arbeitet bundesweit im sei Pflicht und Aufgabe von Demokra- schen Minderheit der Stadt feiern vor
„Convent Deutscher Akademikerverbän- ten, gegen das „Gesinnungsgesindel“ dem Denkmal traditionell jedes Jahr am
de“ und im „Convent Deutscher Korpo- vorzugehen: „Wehret den Anfängen“, so 9. Mai den Sieg über die Nazis. hma ■
rationsverbände“ (CDA/CDK), sowie lo- ein Gemeinderat.
kal in Waffenringen, Uni-Listen u.ä. eng „Schwarzwälder Bote“ 20.5.06 - hma ■ Nazikonzert in Tostedt
mit den Burschen zusammen. erk ■
Durchweicht in Friedrichs- Tostedt. Am Samstag, den 20. Mai,
Gesiebte Luft in Sicht fand ein RechtsRock-Konzert im nieder-
hafen sächsischen Tostedt statt. Dieses Konzert
Pulheim. Viele Demotermine wird der Friedrichshafen. Etwa 60 Neonazis wurde zunächst als Grillfeier angekün-
Pulheimer Neonazi Axel Reitz (23) nun sind am 20. Mai in Friedrichshafen unter digt und sollte in der Gegend um Gifhorn
nicht mehr wahrnehmen können. Reitz dem Motto „Gegen Überwachung, Re- stattfinden. Auf Grund des schlechten
muss in absehbarer Zeit eine 21-monati- pression und Bespitzelung“ aufmar- Wetters wurde es dann in die Bahnhofs-
ge Gefängnisstrafe antreten. schiert. Eine Rede des Versammlungslei- gaststätte nach Tostedt verlegt. Konzert-
Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe ters Hayo Klettenhofer aus München, veranstalter waren vermutlich Nazis aus
hat die Revision des einschlägig vorbe- Funktionär der NPD-Jugendorganisation Sachsen-Anhalt, die auch immer wieder
straften Reitz als unbegründet abgewie- „Junge Nationaldemokraten“, gab es Konzerte in Niedersachsen durchführen.

2 : antifaschistische nachrichten 11/2006


Wie im Dezember 2004 in Bösel im türkischer „Nationalisten“ zu in-
Wendland, im März 2005 in Bröckel bei tensivieren. Es wäre also durch-
Celle und im Januar 2006 in Tespe bei aus denkbar, das die Stolberger
Lüneburg. NPD bei der ADÜTDF auftau-
Am Nachmittag tauchten die Konzert- chen könnte ...
veranstalter am Bahnhof auf und began- Antifa Stolberg ■
nen mit ihren Vorbereitungen. Am frühen
Abend erschienen auch Polizeikräfte vor 8. Mai – NPD-Auf-
Ort, die die Zufahrtsstraßen zum Bahn-
hof absperrten. Zu diesem Zeitpunkt be- marsch verhindert
fanden sich ungefähr 70 Nazis im Bahn- Berlin. Rund 10.000 antifa-
hof. Die Polizei verhinderte eine weitere schistische DemonstrantInnen
Anreise von Nazis und sprach nach eige- zogen am 8. Mai 2005, dem 60.
nen Angaben 62 Platzweise gegen Nazis Jahrestag der Befreiung vom Faschis- Landesbeschäftigten gegen Einkom-
aus. Trotz allem konnten zwei Bands mus, vom Bertold-Brecht-Platz zum Ale- mensverluste und die Verlängerung ihrer
spielen. Dabei handelte sich es um „Pre- xanderplatz, um den von dort angesetz- Arbeitszeit auf 42 Stunden. Die Dienst-
serve White Aryans“ und „Words of An- ten Aufmarsch von etwa 2200 Neofa- leistungsgewerkschaft ver.di fordert vom
ger“. „Preserve White Aryans“ kommen schisten zu verhindern. Am ursprünglich Freistaat die Annahme des Tarifvertrages
aus Estland und deren CD „Nordic geplanten Versammlungstreffpunkt der für den Öffentlichen Dienst.
Blood“ wurde im Februar 2006 in der Mehrere Hundertschaften Polizei hat-
BRD indiziert. Die aus Schleswig-Hol- ten die Münchner Innenstadt in ein Heer-
stein stammende Band „Words of An- lager verwandelt. Sie schützten knapp
ger“ tritt bei fast jedem Konzert in Nord- zwei Dutzend Mitglieder der NPD und
deutschland auf und gehört zum Umfeld der Kameradschaft München, die sich
des Blood & Honour Aktivisten Torben um ein Transparent mit der Aufschrift „8.
Klebe aus Hamburg. Mai: Besiegt und besetzt – wir feiern
Antifaschistische Aktion Lüneburg / nicht“ versammelt hatten. Die Neonazis,
Uelzen ■ darunter der oberbayerische NPD-Vorsit-
zende Roland Wuttke und der wegen
„Graue Wölfe“ in Stolberg Körperverletzung vorbestrafte Kamerad-
schaftsführer Norman Bordin, schwenk-
am 4.6. ten unter anderem preußische und irani-
Stolberg. ADÜTDF will am 4. Juni sche Fahnen und spielten Wehrmachts-
2006 eine Veranstaltung in der Stolber- berichte vom Band. Vor den Polizeigit-
ger Stadthalle durchführen (siehe auch tern protestierten mehrere Hundert Anti-
www.turkfederasyon.com/aciklama.php faschisten, dabei auch Mitglieder der
?kod=21&islem=konser). In dem Buch NPD am Brandenburger Tor veranstalte- ver.di-Jugend mit ihren Fahnen, lautstark
„Die Pseudodemokraten“ von Murat Ca- te der Berliner Senat einen „Tag der De- gegen den Naziaufmarsch.
kir heißt es zu ADTÜDF: mokratie“. Nick Brauns ■
„Der Verband unterliegt der strengen Der Alexanderplatz war weiträumig
Kontrolle der MHP. Die Funktionäre des durch Polizei mit Wasserwerfern und Erneute Pleite für Nazis in
Verbandes werden von der Parteizentrale Räumpanzern abgesperrt. Ein Durch-
in Ankara ernannt. Die ADÜTDF fun- dringen zur Kundgebung der Nazis war Göttingen
giert als inoffizielle Auslandsorganisati- unmöglich, jedoch blockierten Tausende Göttingen. Nach dem Desaster vom
on der MHP in Europa. An allen zentra- die geplante Route der NPD-Demo und 29.10.05 erlebten am 13. Mai 2006
len Veranstaltungen nehmen hohe Partei- die umliegenden Straßen. Es war offen- NPD-Anhänger und „Freie“ Kamerad-
funktionäre, Minister und Abgeordnete sichtlich, dass die Polizeiführung dies- schaften erneut eine herbe Niederlage.
der MHP teil. Bis zu seinem Tod war Al- mal keinen politischen Auftrag hatte, den Der antifaschistische Widerstand konnte
parslan Türkes bei den jährlichen Kon- Weg für die Nazis freizumachen. Nach dagegen noch einmal deutlich zulegen.
gressen des Verbandes anwesend. Die stundenlangem Warten kapitulierten die Dem Aufruf von u.a. Christian Worch
Aktivitäten des Verbandes sind daher Faschisten und verschwanden unter Poli- folgten lediglich 100 bis 200 Neofaschis-
i.d.R. politisch ausgerichtet.“ Und wei- zeischutz mit der S-Bahn. ten. Polizei und Stadt scheuten keine
ter: „Die Türk Föderation unterhält seit Umbrucharchiv ■ Kosten und Mühen, diesen jämmerlichen
ihrer Gründung enge Beziehungen zu Haufen von mehr als 6.000 Polizeibeam-
rechtsextremen und neofaschistischen Antifaschistischer Streikpos- ten und Sondereinheiten aus dem gesam-
Organisationen. Schon 1970 hatte der ten Bundesgebiet schützen zu lassen –
NPD-Chef A. von Thadden den MHP ten gegen Naziaufmarsch pro Nazi also zwischen 30 und 60 Poli-
Führer Türkes in die Bundesrepublik ein- München. Deutliche Stellung gegen ei- zeibeamte. Zu der breit angelegten
geladen. Die inzwischen verbotenen Or- nen Neonaziaufmarsch bezogen strei- Bündnisdemonstrationkamen wesentlich
ganisationen wie FAP, Aktionsfront Na- kende Beschäftigte der vier staatlichen mehr TeilnehmerInnen als noch am
tionaler Sozialisten, Wehrsportgruppe Theater in München am 8. Mai 2006. Als 29.10. Trotz des anfangs schlechten Wet-
Hoffmann und andere hatten engen Kon- die Rechtsextremen den Max-Joseph- ters machte sich die Demonstration um
takt mit den führenden Vorstandsmitglie- Platz vor der Oper betraten, entrollten kurz nach 11 Uhr auf den Weg und
der der Türk Föderation.“ die Gewerkschafter auf den Stufen des wuchs bei ihrem Weg durch die Innen-
Dass der Pächter der Stolberger Stadt- Opernhauses ein 20 Meter langes stadt kontinuierlich bis auf 7–10.000
halle an die „Grauen Wölfe“ vermietet, Spruchband mit der Aufschrift „Antifa- TeilnehmerInnen an. So weit man schau-
erklärt vielleicht auch, warum er die schistische Streikposten“. Die Theater- en konnte – die Göttinger Fußgängerzo-
NPD zum 40zigsten beherbergte. In der leute des Residenztheaters, Gärtnerplatz- ne war auf ihrer gesamten Länge von der
Neonazi-Szene gibt es derzeit Diskussio- theaters, Prinzregententheaters und der Demonstration gefüllt. Die Stimmung
nen, die Zusammenarbeit deutscher und Oper streiken zusammen mit anderen auf der Demonstration war sehr gut und

: antifaschistische nachrichten 11/2006 3


von Solidarität und gegenseitigem Res- Mehrere ebenfalls am Überfall beteiligte „Alte Herr“ der rechtsextremen „Bur-
pekt geprägt – die Strategie der Stadt und NeoNazis sagten als „Zeugen“ aus. Die schenschaft Olympia“ und Vorsitzende
der Polizeiführung, den Widerstand in als Entlastungszeugen für ihre Kamera- des ebenfalls rechtsextremen „Ringes
„gute“ und „böse“ Demonstranten zu den vorgesehenen NeoNazis, verhedder- volkstreuer Verbände“ warnte dort am 6.
spalten, ging damit nicht auf. Und es ten sich jedoch angesichts zahlreicher Mai vor einer Verleugnung des „deut-
zeigte sich auch, dass 6.000 martialisch Belege für ihre gemeinsamen Aktivitäten schen Volkstums“ und rief zu dessen
ausgerüstete Polizeibeamte mit Wasser- in ein großes Durcheinander von Lügen. Schutz auf. Weiter sprach Sucher von der
werfern, Räumpanzern, Hubschraubern Einige erwartet nach ihren Aussagen nun zu erhaltenden Wortwahl der Deutsch-
und zum Teil vermummten Sonderein- wohl ein Verfahren wegen Falschaussa- völkischen. Man lasse es sich nicht neh-
heiten, die die Demo im Spalier begleite- ge. PM antifa (f) ■ men, Lieder wie die SS-Hymne „Wenn
ten, nicht ausgereicht haben, den Wider- alle untreu werden“ auch heute noch zu
stand gegen den Naziaufmarsch zu NeoNazis wollen am 17. Juni singen. Schließlich beendete Sucher sei-
schwächen und zu spalten. Im Gegenteil. ne Rede mit einem Gruß, „der wirklich
Dieser Tag dürfte erneut dazu geführt ha- in Frankfurt demonstrieren unser alter Gruß ist […]. Ich grüße euch
ben, dass die antifaschistische Linke Frankfurt/Main. Das „Aktionsbüro alle mit einem kräftigen Heil!“ Ange-
Sympathien gewonnen hat und gestärkt Widerstand Nord“ hat für den 17. Juni in sichts der Nähe dieses „200 Jahre alten
aus diesem Tag geht. Ein wichtiges Er- Frankfurt eine Demonstration angekün- Grußes“ (Sucher) zu dem der National-
gebnis, auch für zukünftige Bündnisse. digt. Hinter den als Veranstaltern fungie- sozialisten und vor allem des politischen
www.puk.de ■ renden „regionalen freien Nationalisten“ Hintergrundes Suchers und vieler seiner
verbirgt sich niemand anders als die Zuhörer leitete die Staatsanwaltschaft
„Freien Nationalisten Rhein-Main“, von Ermittlungen wegen des Verdachts des
denen einige vor wenigen Tagen wegen Verstoßes gegen das NS-Verbotsgesetz
Körperverletzung zu Arrest- bzw. Haft- ein. Sucher, der 2002 „Grußworte“ an
strafen verurteilt wurden und deren Füh- das neonazistische „Deutsche Kultur-
rungskader Wöll, Müller und Elser in werk Europäischen Geistes“ schickte,
Butzbach-Hochweisel leben. (siehe vo- sieht sich und seine Partei als Opfer einer
ranstehende Meldung) Bei der Sitzung „Hetze“. www.doew.at ■
des Haupt- und Finanzausschusses der
Stadt wurde bekannt, dass Anmelder der FPÖ dichtet Bundeshymne um
Demonstration wohl Marcel Wöll, zen-
Bild: Transparent von Kollegium und Schülerrat der
trale Figur der „Freien Nationalisten Österreich. Die als militante „Öster-
Albanischule Göttingen. Sie hatten erst kürzlich Rhein-Main“ ist. reich-Partei“ auftretende FPÖ sieht sich
eine Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung Gegen die Freien Natioalisten hatte es mit einer Anzeige wegen des Verdachtes
durchgeführt. www.goest.de im vergangenen Jahr und am 28. Januar der „Verächtlichmachung/Herabwürdi-
diesen Jahres Informationsveranstaltun- gung“ der österreichischen Bundeshym-
Nazis wegen Überfall gen und eine Demonstration mit breiter ne konfrontiert. Die Ortsgruppe Bruck an
Beteiligung gegeben gegen ihr Schu- der Mur hat in ihrem Schaukasten näm-
verurteilt lungs- und Rückzugszentrum in Butz- lich eine umgedichtete Version der Hym-
Frankfurt. Am 15.5. sind vor dem Ju- bach-Hochweisel. Die unauffälligen ne angebracht. Dort heißt es unter ande-
gendschöffengericht in Frankfurt drei „freundlichen Nachbarn“, als die die rem: „Land der Türken und Araber, Land
NeoNazis zu Haft- bzw. Arreststrafen Nazi-Aktivisten in Butzbach-Hochwei- der Slawen und auch Neger, Land der
verurteilt worden. Das Gericht sah es als sel bislang weitgehend wahrgenommen Moslems, fundamentalistenreich. Hei-
erwiesen an, dass die aus dem Umfeld werden, zeigen inzwischen in der ganzen mat, hast du wenig Kinder, brauchst da-
der „Freien Nationalisten Rhein-Main“ Region, wer sie wirklich sind. her auch noch die Inder. Multikulturelles
stammenden Angeklagten R. Altensen, Beim Prozess gegen die „Kameraden“ Österreich!“ Neues von ganz rechts,
D. Embs und V. Dahl am 24. April 2005 Wölls, Altensen, Embs und Dahl wurde Mai 2006-05-26 www.doew.at ■
an einem gewalttätigen Angriff auf vier deutlich: obwohl Polizei und Ordnungs-
Antifaschisten in Sachsenhausen maß- dezernat in Frankfurt das Gegenteil be- „Wohlfühldiktatur“
geblich beteiligt waren. haupten: es gibt organisierte Nazi-Struk-
Der – zumindest polizeilich – noch turen in dieser Stadt und der Region. Da- Dresden. Der NPD-Lamdtagsabgeord-
nicht einschlägig in Erscheinung getrete- rüber verharmlosend hinwegzureden, nete Uwe Leichsenring hat in einem In-
ne Embs wurde zu zwei Wochen Jugend- stärkt genau diese Strukturen. terview mit dem Plauener Vogtlandanzei-
arrest ohne Bewährung, der mehrfach Anti-Nazi-Koordination ■ ger erklärt: „Das Dritte Reich war eine
auch polizeilich aufgefallene Altensen zu Laut DGB-Vorsitzendem Harald Fiedler Wohlfühldiktatur mit 95 Prozent Zustim-
vier Wochen Arrest ohne Bewährung und ist aus Sicht der Frankfurter Gewerk- mung.“ Der SPD-Landtagsfraktionschef
50 Sozialstunden, der einschlägig vorbe- schaften die geplante Nazi-Demonstrati- Cornelius Weiss sagte dazu, Leichsen-
strafte Dahl zu 1 Jahr und 6 Monaten Ge- on am 17.6. eine ungeheuerliche Provo- ring verdrehe die Geschichte und versu-
fängnis ohne Bewährung verurteilt. kation. Politik und Wirtschaft seien dazu che, die Nazi-Diktatur zu verharmlosen.
Die Sprecherin der antifa [f] sagte: aufgerufen, die multikulturelle Vielfalt, In dem Interview wiegelte Leichsenring
„Das Urteil ist auch ein Ergebnis der an- die Internationalität und Weltoffenheit fremdenfeindliche Gewalt ab und ließ
tifaschistischen Aufklärungsarbeit über Frankfurts unter Beweis zu stellen. Der laut FR vom 23.5. durchblicken, er wür-
die Zustände in Frankfurt-Sachsenhau- Deutsche Gewerkschaftsbund, Region de den Holocaust öffentlich leugnen,
sen. es kann trotzdem nicht darüber hin- Frankfurt-Rhein-Main werde sich ent- wenn dies nicht unter Strafe gestellt
wegtäuschen, dass die Behörden in sprechend beteiligen.“ PM, 19.5.06 ■ wäre. Der NPD-Mann, der vor Kurzem
Frankfurt Naziübergriffe verschweigen erst „Sonderzüge“ zum Abtransport von
und die im heutigen Verfahren wieder Suchers „Heil“ Linken im sächsischen Landesparlament
deutlich gewordene Existenz einer orga- forderte, ist wegen Volksverhetzung in-
nisierten Naziszene leugnen.“ Österreich/Wien. Für Aufregung sorg- zwischen bereits mehrfach von Parla-
Beim Prozess war eine handvoll Neo- te der Auftritt von Walter Sucher beim mentssitzungen ausgeschlossen worden.
Nazis im Zuschauerraum anwesend. Landesparteitag der FPÖ-Wien. Der Quelle: FR 23.5.06 – u.b. ■
: antifaschistische nachrichten 11/2006
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Befürchtungen, dass das ge-
plante Internationale Maritime
Museum von Peter Tamm zu ei-
Extreme Rechte zu Gast
ner Pilgerstätte von Militaristen, Ewig-
gestrigen und Neonazis werden könn-
te, bestätigten sich am 15. Mai 2006,
bei Tamm
als ca. 60 Personen aus der extrem Manfred Murck „personelle Überschnei- zeichnung, als „Anerkennung für bewie-
rechten „Staats- und Wirtschaftspoliti- dungen zu rechtsextremistischen Organi- sene vaterländische Gesinnung“. Dass
schen Gesellschaft (SWG)“ und dem sationen bekannt.“ zwei Jahre zuvor „Der Spiegel“ zu berich-
„Bismarckbund (BB) in Tamms Wissen- Beim Besuch der Tamm’schen Samm- ten wusste, dass auch Mitglieder verbote-
schaftlichem Institut für Marinege- lung führte der Regioleiter der SWG ner rechtsextremistischer Organisationen,
schichte an der Elbchaussee zu Gast Manfred Backerra seine Truppe im Kom- ehemalige NS-Funktionäre und der ehe-
waren. mando-Ton durch die Ausstellung und malige Europaabgeordnete der Republi-
sorgte gelegentlich mit Ergänzungen für kaner Emil Schlee Bismarck-Orden tra-
Gleich zu Beginn der Führung wurde ein das „rechte“ Geschichtsbild. So wusste er gen, scheint Tamm bis heute nicht zu tan-
Prospekt über das Hörbuch „Der Krieg zu berichten, dass Tirpitz keine Hochrüs- gieren. Alljährlich lädt der Ehrenvorsit-
der viele Väter hatte“ von Generalmajor tung der deutschen Kriegsflotte betrieben zende des BB Ferdinand Fürst von Bis-
a.D. Gerd Schultze-Rohnhof als Einstim- hätte, die Kaiserliche Marine hätte nur marck zum 3. Oktober zu einem preus-
mung ins Thema verteilt. Das Buch ist ein sisch-nationalistischem
Bestseller in rechtsextremistischen Krei- Mummenschanz auf sein
sen, weil darin die deutsche Schuld am II. Schloss in Friedrichsruh,
Weltkrieg relativiert wird. Tamm, den um feierlich die Medaillen
Axel Springer einst als Rechtsradikalen zu verleihen. 2004 bekam
bezeichnete, konnte seine Gesinnungsge- der rechte Multifunktionär
nossen zwar nicht persönlich empfangen, Albrecht Jebens den Bis-
er dürfte aber wissen wer SWG und BB marckorden in Gold, er
sind, schließlich ist er mit beiden Organi- war zu dieser Zeit im Vor-
sationen bzw. ihren Funktionären be- stand der „Gesellschaft für
kannt. NS-Militärorden in Tamms Sammlung: Spanienkreuze (links) und Freie Publizistik“, laut
Deutsche Kreuze (Bildquelle: Friedrich Möwe, Tamm-Tamm) VS-Berichten die „bedeu-
Die SWG – Militaristen kämpfen für
die Ehre der Wehrmacht tendste rechtsextremisti-
eine Abschreckungsstrategie verfolgt. Be- sche Kulturvereinigung“ der BRD. „Sei-
Gegründet wurde die SWG von den ehe- züglich des II. Weltkrieges wusste er, die ne Durchlaucht“ wie Ferdinand von Bis-
maligen NS-Funktionären Karl-Friedrich Weltmachtpläne Hitlers wären völliger marck in diesen Kreisen untertänigst an-
Grau, Arthur Mißbach und Hugo Wel- Unsinn gewesen. Und Kameraden Ba- geredet wird, verfügt über gute Kontakte
lems. Letzterer war bis zu seinem Tode ckerras ergänzten, dass „Churchill und zu Rechtsextremisten z.B. zu dem VS-be-
1995 Vorsitzender und konnte auf eine Roosevelt unsere Kultur kaputtgemacht kannten Verleger Dietmar Munier. Mitbe-
lange NS-Karriere zurückblicken: Mit- haben, unter dem Deckmantel Hitler zu gründer des BB war der o.g. ehemalige
glied der Legion Condor im spanischen bekämpfen.“ Der ehemalige Chefdozent NS-Propagandist Hugo Wellems.
Bürgerkrieg, Referent im Ministerium für für Militärisches Nachrichtenwesen an Bei dem Besuch der Tamm’schen
Volksaufklärung und Propaganda sowie der „Führungsakademie der Bundeswehr Sammlung war der Vorsitzende des LV-
Leiter des Propagandaamtes in Kauen. In (FÜAK)“ gehört zu jenen Militärs, wel- Hamburg des BB Roger Zörb dabei. Der
den 80er Jahren stand Prof. Emil Schlee, che zwar immer von den Heldentaten der Rechtsanwalt und Vorsitzende des Alther-
Spitzenfunktionär der REP, als stellvertre- Wehrmacht schwärmen, aber erst mit der renverbandes der schlagenden Verbin-
tender Vorsitzender Wellems zur Seite. An gesicherten Pension im Rücken so richtig dung „Corps Irminsul“ hat eine lange
Wellems Stelle bei der SWG trat 1995 offen zeigten, wes Geistes Kind sie sind: rechte Karriere hinter sich. 1991 fand er
Brigadegeneral a.D. Reinhard Uhle-Wett- 2001 und endgültig 2004 bekam seine sich im Adressbuch des Neonazi-Führers
ler, ein Militarist, der schon immer für Hamburger SWG Hausverbot bei Backer- Michael Kühnen. Über sein Engagement
eine Entlastung der deutschen Wehrmacht ras ehemaligem Arbeitgeber FÜAK für mit Mitgliedern der neofaschistischen
eintrat. Er war Herausgeber einer Fest- Veranstaltungen. Bereits 1999 wurde dem „Burschenschaft Germania Hamburg“ in
schrift für den verurteilten Holocaust- Oberst a.D. die Durchführung einer Pro- der Liste „Uni aktiv“, gelangte er schließ-
Leugner David Irving und kokettiert auch paganda-Veranstaltung gegen die Wehr- lich 2003 in den Vorstand der SWG. Letz-
selbst schon mal mit der Auschwitz-Lüge, machtsausstellung im Hamburger Vertei- tes Jahr glückte ihm ein besonderer Coup:
wenn er behauptet: „Wir haben zwar bis digungskommando 10 der Bundeswehr Seine Verbindung veranstaltete trotz Pro-
heute – anders als für die Vertreibung und verboten. Damals agierte Backerra als test der Hamburger Bürgerschaft einen
die Kriegsgefangenen – noch keine amtli- Sektionsleiter Hamburg der „Gesellschaft Festkommers mit dem Antisemiten Kon-
chen Dokumente über den Massenmord für Wehr- und Sicherheitspolitik“, in de- rad Löw im Ratsweinkeller des Hambur-
an den Juden.“ ren bundesweitem Kuratorium Peter ger Rathauses. Dass Zörb stellvertreten-
Die nun schon seit 40 Jahren stattfin- Tamm sitzt. Wahrscheinlich für solche der Vorsitzender der „Wirtschaft- und
denden Vorträge der SWG werden gele- Verdienste bekam Backerra im Oktober Mittelstandvereinigung“ der CDU ist,
gentlich von mehr als 100 Personen des letzten Jahres den goldenen Bismarckor- störte diese bisher nicht.
konservativen bis neofaschistischen Spek- den des Bismarckbundes. Nicht nur SWG und BB begeistern sich
trums besucht. Die Themenpalette der Preussisches Soldatentum und für die Militaria-Sammlung von Peter
Vorträge umfasst Geschichtsrevisionis- Untertanengeist Tamm, auch Alt- und Neonazis sind hier
mus, Revanchismus, Nationalismus und gerne zu Gast. So schrieb der „Freundes-
Rassismus. Laut Rechtsextremismus-Ex- Diese „Vereinigung zur Wahrung deut- kreis Filmkunst e.V. (FFK)“ 1999 in dem
perten Prof. Wolfgang Gessenharter ist schen Geschichtsbewußtseins“, dürfte Pe- Bericht seiner Hauptversammlung: „Meh-
die SWG ein wichtiges Scharnier zwi- ter Tamm auch bekannt sein. Schließlich rere Male wurde das Maritime Museum
schen Konservativen und Rechtsextremis- erhielt er 1999 von den extrem rechten an der Elbchaussee besucht.“
ten. 2001 waren dem Hamburger VS-Vize Preußenfans ebenfalls jene höchste Aus- Fortsetzung Seite 6

: antifaschistische nachrichten 11/2006 5


Fortsetzung: Extreme Rechte zu
Gast bei Tamm FIR-Kongress in Belgien
Auch 2002 besuchten die Nazis um den Erfolgreiche Konferenz der internationalen
berüchtigten Anwalt Jürgen Rieger, jetzt antifaschistischen Bewegung
umbenannt in „Norddeutscher Kulturkreis
e.V.“ die Militaria-Sammlung. Die Film- Brüssel. Die rassistischen Morde von Auseinandersetzungen der
freunde veranstalten seit über 40 Jahren Antwerpen, begangen von einem 18 jäh- Gegenwart, die Auseinander-
Filmvorführungen mit indizierten Filmen rigen Anhänger der extremen Rechten an setzung mit Neofaschismus,
aus dem Dritten Reich und mieten dafür zwei ausländischen Frauen und einem Rechtspopulismus und faschistischer
gelegentlich Kinos in Hamburg. Der dreijährigen Kind, unterstrichen einmal Gewalt in den verschiedenen Ländern
Gründergeneration gehörten zum Teil mehr die Aktualität und Notwendigkeit und natürlich um die Gewinnung heuti-
noch Mitglieder von NS-Organisationen einer Konferenz der Internationalen Fö- ger Generationen zur Übernahme des
oder deren verbotenen Nachfolgeorgani- deration der Widerstandskämpfer (FIR), Staffelstabes der Erinnerungsarbeit.
sationen an. 1979 erwarb der FFK für Jür- die unter dem Titel „60+1 Jahre Antifa- „Hier wurde nicht über die Jugend,
gen Rieger das Nazi-Zentrum Hetendorf schismus in Europa“ vom 10. bis 13. Mai sondern mit der Jugend gesprochen. Die
13 in Niedersachsen, welches inzwischen in Brüssel stattfand. Das Thema bezog jüngste Teilnehmerin war 20 Jahre alt,“
von den Behörden geschlossen wurde. sich zwar auf den 8./9. Mai, den Tag der betonte der Generalsekretär der FIR, Dr.
Auch von den Filmfreunden gibt es Befreiung vom Faschismus, der in man- Ulrich Schneider.
eine Verbindung zu Peter Tamm. In des- chen Ländern zurecht als „Tag des Sie- Am Vortag der Beratung im Parlament
sen pseudowissenschaftlicher Verlags- ges“ begangen wird, die Konferenz sel- besuchten die Delegierten die Gedenk-
gruppe Köhler/Mittler veröffentlichte das ber beschäftigte sich gleichermaßen mit stätten des Fort Breendonk und das Mu-
FFK-Gründungsmitglied Hans-Georg Erinnern und Handeln gegen Neofa- seum des jüdischen Widerstandes in Me-
Prager. schismus und rassistische Gewalt heute. chelen und legten Kränze zum Gedenken
Extreme Rechte publizieren bei Tamm Mehr als 60 Delegierte aus 17 Ländern der Kämpfer und Opfer nieder. Vilmos
Europas, Israel und den USA, unter ih- Hanti, Vizepräsident der FIR, war beein-
Dass bei Köhler/Mittler viele kriegsver- nen Partisanen aus Ost und West, ein Ge- druckt von der großen Zahl junger Besu-
herrlichende und teilweise geschichtsrevi- neral der Roten Armee, Verfolgte des Fa- cher: „Das ist ein eindrucksvoller Beleg
sionistische Literatur veröffentlicht wird, schismus und Angehörige heutiger Ge- für die antifaschistische Erziehung in
wurde schon häufig kritisiert und auch, nerationen, nahmen an der Konferenz Belgien.“
dass der Mittler-Verlag eine eindeutige teil. Auf Einladung der parlamentari- Am Abend wurde in einer festlichen
Vergangenheit hat. schen Gruppe GUE/NGL tagte die Kon- Atmosphäre der 55. Jahrestag der Grün-
Weniger bekannt dürfte sein, dass sich ferenz im Europaparlament. dung der FIR begangen. „Der politische
neben Prager, auch aktuell Autoren im Begrüßt durch die Abgeordneten des Gehalt dieser Konferenz belegt die Be-
Verlagsprogramm finden lassen, die aus Europäischen Parlaments Helmuth Mar- deutung und Lebendigkeit unserer inter-
der extremen Rechten kommen, dort pu- kow (GUE/NGL) und Gyula Hegi (So- nationalen Vereinigung“, unterstrich Mi-
blizieren oder referieren: zialistische Fraktion) traten die Delegier- chel Vanderborght, Präsident der FIR.
◗ Alfred M. de Zayas – reaktionärer ten in einen intensiven Meinungsaus- Daher sollen die Ergebnisse der Konfe-
Völkerrechtler, Revanchist, häufiger Au- tausch. Die Bandbreite der Themen war renz als Buch und in anderen Medien pu-
tor im Ostpreußenblatt (jetzt Preussische so vielfältig wie die internationale antifa- bliziert werden. Die Teilnehmer verabre-
Allgemeine Zeitung) und 2004 Referent schistische Bewegung selber. Es ging um deten darüber hinaus konkrete Schritte
bei einer SWG-Veranstaltung gegen die die Bewahrung der Erinnerung an den zur Weiterarbeit, z.B. eine Tagung Ende
Wehrmachtsausstellung. antifaschistischen Kampf und die Zu- September in Moskau, eine Beratung zur
◗ Wjatscheslaw Daschitschew – russi- rückweisung aller geschichtsrevisionisti- antifaschistischen Jugendarbeit gemein-
scher Historiker und häufiger Autor und schen Verfälschungen, die Fortsetzung sam mit Vertretern des Europaparlaments
Interviewpartner in der „Nationalzei- der Arbeit in den Gedenkstätten, wenn und die Unterstützung eines internatio-
tung“, der größten rechtsextremistischen die Überlebenden nicht mehr als Zeit- nalen Jugendtreffens in der KZ Gedenk-
Zeitung der BRD, sowie dieses Jahr Refe- zeugen zur Verfügung stehen, die Verbin- stätte Buchenwald im Frühjahr 2007.
rent bei der o.g. „Gesellschaft für freie dung des historischen Vermächtnisses nähere Informationen unter
Publizistik“. mit den sozialen und gesellschaftlichen www.fir.at ■
◗ Walter Post – wurde mit seinem Mitt-
ler-Buch „Unternehmen Barbarossa“ zu Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR)
einem Hauptagitator der extremem Rech-
ten gegen die Wehrmachtsausstellung.
begrüßt Archiv-Öffnung
Der Kriegsschuldleugner rechtfertigte Mit großer Zufriedenheit hat der Generalsekretär der FIR, Dr. Ulrich Schneider, auf
1995 in einem Vortrag bei der SWG Ge- die Ankündigung reagiert, dass das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad
fangenen- und Geiselerschießungen und Arolsen endlich für die wissenschaftliche Forschung geöffnet werden soll. „Damit ist
äußerte Verständnis für Massakker an den unser langjähriges politisches Bestreben endlich Realität geworden. In dem Archiv la-
osteuropäischen Juden im Rahmen der gern die Dokumente von Millionen Verfolgter und Opfer des faschistischen Terrors.
Kriegsführung. Ihr Schicksal kann nun angemessen erforscht und dokumentiert werden.“
◗ Franz Uhle-Wettler – war 1992 im Die FIR hatte an die Tagung der Signatarstaaten in Luxemburg appelliert, ihre Blocka-
Kuratorium der damals geplanten „Franz- depolitik gegenüber einer Öffnung des Archivs für wissenschaftliche Zwecke aufzuge-
Schönhuber-Stiftung“ der rechtsextremis- ben. Immer wieder wurden seitens der Archivleitung Bedenken vorgeschoben, die
tischen Republikaner. Er referiert seit Jah- eine Nutzung der Bestände für die geschichtliche Aufklärungsarbeit behinderten. Die
ren bei rechtsextremistischen Veranstal- jüngste Entscheidung kann nun dazu beitragen, den Opfern nun wieder einen Namen
tungen, 1998 dozierte er bei der SWG und eine Identität zu geben. Auch die Forschungen zu einzelnen Orten des faschisti-
über „Gedanken zur Traditionswürdigeit schen Terrors, z.B. dem KZ Buchenwald, können auf dieser Grundlage intensiviert
der Wehrmacht.“ erk ■ werden, lagert doch in Arolsen die komplette Häftlingskartei des KZ und große Be-
stände der Transportlisten in die Außenkommandos. ■

6 : antifaschistische nachrichten 11/2006


133 Todesopfer rechtsextremer Gewalt:
26 Menschen in Brandenburg ermordet!
Angesichts der vielen aktuellen Nachfragen zur Äu- Liste der Todesopfer rechtsextremer Gewalt (Todesdatum,
ßerung von Herrn Heye und der „Reisewarnung für Vorname, Name, Ort des Übergriffs, Bundesland)
den Osten“ hat die Antonio-Amadeu-Stiftung noch 1) 07.10.1990 Andrzej Fratczak, Lübbenau (Brandenburg)
einmal eine aktuelle Aufstellung der Todesopfer rechter Ge- 2) 25.11.1990 Amadeu Antonio Kiowa, 28 Jahre, Eberswalde (Brandenburg)
walt veröffentlicht. Dabei sind im Verhältnis zur Bevölke- 3) 11.12.1990 Klaus-Dieter Reichert, 24 Jahre, Berlin-Lichtenberg
rungszahl deutlich mehr Menschen in Ostdeutschland (60), 4) 28.12.1990 Nihad Yusufoglu, 17 Jahre, Hachenburg (Rheinland-Pfalz)
als in Westdeutschland (71) umgebracht worden. Insbeson- 5) 31.12.1990 Obdachloser, 31 Jahre, Flensburg (Schleswig-Holstein)
dere in Brandenburg (26) sind überdurchschnittlich viele 6) 01.01.1991 Alexander Selchow, 21 Jahre, Göttingen (Niedersachsen)
7) 06.04.1991 Jorge João Gomondai, 28 Jahre, Dresden (Sachsen)
Menschen zu Tode gekommen! Die hohen Zahlen in Schles-
8) 04.06.1991 Helmut Leja, 39 Jahre, Kästorf (Niedersachsen)
wig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sind u. a. dem 9) 16.06.1991 Agostinho Comboio, Friedrichshafen (Baden-Württemberg)
Brandanschlag in der Nacht zum 18. Januar 1996 auf ein 10) 19.09.1991 Samuel Kofi Yeboah, 27 Jahre, Saarlouis (Saarland)
Flüchtlingsheim in Lübeck, wo zehn Personen verbrannten, 11) 03.12.1991 Gerd Himmstädt, 30 Jahre, Hohenselchow (Brandenburg)
sowie dem Brandanschlag in Solingen, bei dem fünf Mit- 12) 12.12.1991 Timo Kählke, 29 Jahre, Meuro (Brandenburg)
glieder der Familie Genc starben, geschuldet. Heraus sticht 13) 31.01.1992 dreiköpfige Familie aus Sri Lanka, Lampertheim (Hessen)
ebenfalls noch die Hauptstadt Berlin, in der elf Menschen 14) 04.03.1992 Matthias Knabe, 23 Jahre, Gifhorn (Niedersachsen)
umkamen. 15) 15.03.1992 Dragomir Christinel, 18 Jahre, Saal (Mecklenburg-Vorpommern)
16) 18.03.1992 Gustav Schneeclaus, 53 Jahre, Buxtehude (Niedersachsen)
Zur Zählung: Aufgenommen wurden Fälle, bei denen die 17) 19.03.1992 Ingo Finnern, 31 Jahre, Flensburg (Schleswig-Holstein)
Tat nachgewiesenermaßen aus rechtsextremen, antisemiti- 18) 04.04.1992 Erich Bosse, Hörstel (Nordrhein-Westfahlen)
schen und rassistischen Motiven (dazu zählt auch der Hass 19) 24.04.1992 Nguyen Van Tu, 29 Jahre, Berlin
auf ,Andersartige‘, ,Fremde‘ oder ,Minderwertige‘) began- 20) 09.05.1992 Thorsten Lamprecht, 23 Jahre, Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
gen wurde oder dafür plausible Anhaltspunkte bestehen. 21) 01.07.1992 Emil Wendtland, 50 Jahre, Neuruppin (Brandenburg)
Dazu kommen solche, in denen der oder die Täter nachweis- 22) 08.07.1992 Sadri Berisha, 56 Jahre, Ostfildern-Kemnat (Baden-Württemberg)
lich einem entsprechend eingestellten Milieu zuzurechnen 23) 01.08.1992 Dieter Klaus Klein, 49 Jahre, Bad Breisig (Rheinland-Pfalz)
24) 03.08.1992 Ireneusz Szyderski, 24 Jahre, Stotternheim (Thüringen)
sind und ein anderes Tatmotiv nicht erkennbar ist. Weiterhin
25) 24.08.1992 Frank Bönisch, 35 Jahre, Koblenz (Rheinland-Pfalz)
wurden Fälle hinzugenommen, bei denen die Täter zwar 26) 05.09.1992 Günter Schwannecke, 58 Jahre, Berlin-Charlottenburg
nicht der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind, die Moti- 27) 24.10.1992 Waldtraud Scheffler, Geierswalde (Sachsen)
vation für die Tat jedoch von einer rassistischen Einstellung 28) 07.11.1992 Rolf Schulze, 52 Jahre, Lehnin (Brandenburg)
und einem rechtsradikalen Weltbild zeugt. 29) 13.11.1992 Karl Hans Rohn, 53 Jahre, Wuppertal (Nordrhein-Westfahlen)
Dieser Recherche liegen u.a. zugrunde: die Chroniken der 30) 21.11.1992 Silvio Meier, 27 Jahre, Berlin
,Frankfurter Rundschau‘, des ,Tagesspiegel‘, die ,Wander- 31) 23.11.1992 Bahide Arsaln, 51 Jahre, Mölln (Schleswig-Holstein)
ausstellung Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland‘, 32) 23.11.1992 Yeliz Arslan, 10 Jahre, Mölln (Schleswig-Holstein)
33) 23.11.1992 Ayse Yilmaz, 14 Jahre, Mölln (Schleswig-Holstein)
die Recherchen des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK) 34) 18.12.1992 Hans-Jochen Lommatsch, 51 Jahre, Oranienburg (Brandenburg)
und des Internetportals www.mut-gegen-rechte-gewalt.de. 35) 27.12.1992 Sahin Calisir, 20 Jahre, Meerbusch (Nordrhein-Westfalen)
Zudem wurden die Fälle in den folgenden weiteren Zeitun- 36) 18.01.1993 Karl Sidon, 45 Jahre, Arnstadt (Thüringen)
gen recherchiert: Die Zeit, Der Spiegel, Die Welt , FAZ, 37) 24.01.1993 Mario Jödecke, Schlotheim (Thüringen)
Süddeutsche Zeitung (überregional) und Berliner Morgen- 38) 25.02.1993 Mike Zerna, 22 Jahre, Hoyerswerda (Sachsen)
post, Junge Welt Berlin, Der Tagesspiegel Berlin, Berliner 39) 09.03.1993 Mustafa Demiral, Mülheim/Ruhr (Nordrhein-Westfalen)
Zeitung, Bremer Nachrichten, Sächsische Zeitung, Hambur- 40) 12.03.1993 Hans-Peter Zarse, 18 Jahre, Uelzen (Niedersachsen)
ger Morgenpost, Kieler Nachrichten, Leipziger Volkszeitung 41) 26.04.1993 Matthias Lüders, 23 Jahre, Obhausen (Sachsen-Anhalt)
42) 26.05.1993 Jeff Dominiak, 25 Jahre, Waldeck (Hessen)
und die tageszeitung (taz). In Zweifelsfällen wurden auch 43) 29.05.1993 Gürsün Ince, 27 Jahre, Solingen (Nordrhein-Westfalen)
die Gerichtsurteile und die Auskünfte von Gerichtspresse- 44) 29. 05.1993 Hatice Genc, 18 Jahre, Solingen (Nordrhein-Westfalen)
stellen berücksichtigt. Die Recherchen wurden von Anna Fi- 45) 29. 05.1993 Gülüstan Öztürk, 12 Jahre, Solingen (Nordrhein-Westfalen)
scher, Holger Kulick und Timo Reinfrank durchgeführt. 46) 29. 05.1993 Hülya Genc, 9 Jahre, Solingen (Nordrhein-Westfalen)
47) 29. 05.1993 Saime Genc, 4 Jahre, Solingen (Nordrhein-Westfalen)
48) 05.06.1993 Horst Hennersdorf, 37 Jahre, Fürstenwalde (Brandenburg)
Nationale Beobachtungsstelle schaffen 49) Oktober 1993 Obdachloser, 33 Jahre, Marl (Nordrhein-Westfalen)
50) 28.07.1993 Hans-Georg Jakobson, 35 Jahre, Strausberg (Brandenburg)
Berlin. Nach dem rassistisch motivierten Überfall auf
51) 19.11.1993 Michael Gäbler, 18 Jahre, Zittau (Sachsen)
den Berliner Abgeordneten der Linkspartei.PDS Giyaset- 52) 07.12.1993 Kolong Jamba, 19 Jahre, Buchholz (Niedersachsen)
tin Sayan hat die stellv. Vorsitzende der Fraktion DIE 53) 28.05.1994 Klaus R., 43 Jahre, Leipzig (Sachsen)
LINKE im Bundestag, Petra Pau die Forderung erneuert, 54) 23.07.1994 Beate Fischer, 32 Jahre, Berlin-Reinikendorf
eine „nationale Beobachtungsstelle Rechtsextremismus, 55) 26.07.1994 Jan W., 45 Jahre, Berlin
Rassismus, Antisemitismus“ einzurichten. „Die rechtsex- 56) 06.08.1994 Gunter Marx, 42 Jahre, Velten (Brandenburg)
tremistischen Straf- und Gewalttaten nehmen zu. Das be- 57) 06.11.1994 Piotr Kania, 18 Jahre, Rotenburg/Fulda (Hessen)
legt die offizielle Statistik für 2005 und das erhärten die 58) 05.02.1995 Horst Pulter, 65 Jahre, Velbert (Nordrhein-Westfalen)
59) 03.04.1995 Peter T., 24 Jahre, Hohenstein/Ernstthal (Sachsen)
aktuellen Überfälle aus rassistischen Gründen, in Pots- 60) Juli 1995 Dagmar Kohlmann, 25 Jahre
dam, Berlin und anderswo“, so die Abgeordnete. „Zu- 61) 07.09.1995 Klaus Peter Beer, 48 Jahre, Amberg (Bayern)
gleich zeigen Quervergleiche: Die realen Zahlen über 62) 18.01.1996 Maiamba Bunga, Lübeck (Schleswig-Holstein)
rechtsextremistische und rassistisch motivierte Straf- und 63) 18.01.1996 Nsuzana Bunga, Lübeck (Schleswig-Holstein)
Gewalttaten liegen noch weit über den offiziell angegebe- 64) 18.01.1996 Françoise Makodila, Lübeck (Schleswig-Holstein)
nen Zahlen.“ Eine Beobachtungsstelle könne das Ausmaß 65) 18.01.1996 Christine Makodila, Lübeck (Schleswig-Holstein)
rassistischer und Gewalt in Deutschland unabhängig er- 66) 18.01.1996 Miya Makodila, Lübeck (Schleswig-Holstein)
67) 18.01.1996 Christelle Makodila, Lübeck (Schleswig-Holstein)
mitteln und endlich ein realistisches Bild über die Gefahr
68) 18.01.1996 Legrand Makodila, Lübeck (Schleswig-Holstein)
von Rechts zeigen. Die Fraktion hat eine Anhörung zum 69) 18.01.1996 Jean-Daniel Makodila, Lübeck (Schleswig-Holstein)
Thema beantragt. PM Petra Pau ■ 70) 18.01.1996 Rabia El Omari, Lübeck (Schleswig-Holstein)

: antifaschistische nachrichten 11/2006 7


71) 18.01.1996 Sylvio Amoussou, Lübeck (Schleswig-Holstein) Die rechtsextremen und rassistischen Morde verteilen
72) Februar 1996 Patricia Wright, 23 Jahre, Bergisch Gladbach (Nordrhein-Westfalen)
sich wie folgt auf die Bundesländer:
73) 20.02.1996 Sven Beuter, 23 Jahre, Brandenburg/Havel (Brandenburg)
74) 15.03.1996 Martin Kemming, 26 Jahre, Dorsten-Rhade (Nordrhein-Westfalen)
75) 08.05.1996 Bernd G., 43 Jahre, Leipzig-Wahren (Sachsen) Ostdeutschland:
76) 13.07.1996 Boris Morawek, 26 Jahre, Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern) Brandenburg 26
77) 19.07.1996 Werner Weickum, 44 Jahre, Eppingen (Baden-Württemberg) Mecklenburg-Vorpommern 10
78) 01.08.1996 Andreas Götz, 34 Jahre, Eisenhüttenstadt (Brandenburg) Sachsen 11
79) 23.10.1996 Achmed Bachir, 30 Jahre, Leipzig (Sachsen) Sachsen-Anhalt 7
80) 02.05.1997 Phan Van Toau, 42 Jahre, Fredersdorf (Brandenburg) Thüringen 6
81) 08.02.1997 Frank Böttcher, 17 Jahre, Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
82) 13.02.1997 Antonio Melis, 37 Jahre, Caputh (Brandenburg)
Ostdeutschland gesamt 60
83) 23.02.1997 Stefan Grage, Autobahn-Parkplatz Roseburg (Schleswig-Holstein)
84) 17.04.1997 Olaf Schmidke, Berlin-Treptow Westdeutschland:
85) 17.04.1997 Chris Danneil, Berlin-Treptow Baden-Württemberg 7
86) 22.04.1997 Horst Gens, 50 Jahre, Sassnitz (Mecklenburg-Vorpommern) Bayern 6
87) 08.05.1997 Augustin Blotzki, 59 Jahre, Königs Wusterhausen (Brandenburg) Berlin 11
88) 23.09.1997 Mathias Sch., 39 Jahre, Cottbus (Brandenburg) Bremen 0
89) 27.09.1997 Georg V., 46 Jahre, Cottbus (Brandenburg)
Hamburg0
90) 17.10.1997 Josef Anton Gera, 59 Jahre
91) 26.03.1998 Jana Georgi, 14 Jahre, Saalfeld (Thüringen) Hessen 3
92) 29.12.1998 Nuno Lourenco, Leipzig (Sachsen) Niedersachsen 7
93) 13.02.1999 Farid Guendoul (alias Omar Ben Noui), 28 Jahre, Guben (Brb.) Nordrhein-Westfalen 15
94) 17.03.1999 Egon Effertz, Duisburg (Nordrhein-Westfalen) Rheinland-Pfalz 3
95) 09.08.1999 44-jähriger Mann, Eschede (Niedersachsen) Saarland 2
96) 15.08.1999 Carlos Fernando, 35 Jahre, Kolbermoor (Bayern) Schleswig-Holstein 17
97) 03.10.1999 Patrick Thümer, 17 Jahre, Hohenstein-Ernstthal (Sachsen) Westdeutschland gesamt 71
98) 06.10.1999 Kurt Schneider, 38 Jahre, Berlin-Lichtenberg
99) 01.11.1999 Daniela Peyerl, 18 Jahre, Bad Reichenhall (Bayern)
100) 01.11.1999 Karl-Heinz Lietz, 54 Jahre, Bad Reichenhall (Bayern) Die Amadeu Antonio Stiftung und der Opferfonds
101) 01.11.1999 Horst Zillenbiller, 60 Jahre, Bad Reichenhall (Bayern) CURA der Amadeu Antonio Stiftung sind auf Spen-
102) 01.11.1999 Ruth Zillenbiller, 59 Jahre, Bad Reichenhall (Bayern) den für ihre Arbeit angewiesen. Jede kleine Spende
103) 31.01.2000 Bernd Schmidt, 52 Jahre, Weißwasser (Sachsen) hilft. Spenden sind steuerlich absetzbar: Kontoverbin-
104) 29.04.2000 Helmut Sackers, 60 Jahre, Halberstadt (Sachsen-Anhalt) dung der Amadeu Antonio Stiftung: Deutsche Bank
105) 25.05.2000 Dieter Eich, 60 Jahre, Berlin-Pankow Bensheim, BLZ 50970004, Konto 030331300
106) 31.05.2000 Falko Lüdtke, 22 Jahre, Eberswalde (Brandenburg)
Der Opferfonds CURA der Amadeu Antonio Stiftung
107) 11.06.2000 Alberto Adriano, 39 Jahre, Dessau (Sachsen-Anhalt)
108) 24.06.2000 Klaus-Dieter Gerecke, Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern)
ist online: www.opferfonds-cura.de. Eine Website, die
109) 09.07.2000 Jürgen S., 52 Jahre, Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) Opfern rechter Gewalt zur Seite stehen will.
110) 27.07.2000 Norbert Plath, 51 Jahre, Ahlbeck (Mecklenburg-Vorpommern) Informationen zu den Themen Rechtsextremismus
111) 12.09.2000 Malte Lerch, 45 Jahre, Schleswig (Schleswig-Holstein) und mögliche Gegenstrategien sind auf dem Internet-
112) 04.11.2000 Belaid Baylal, 42 Jahre, Belzig (Brandenburg) portal: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de und der
113) 25.11.2000 Eckhardt Rütz, 38 Jahre, Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) Homepage der Amadeu Antonio Stiftung unter
114) 28.03.2001 Willi Worg, 38 Jahre, Milzau (Sachsen-Anhalt) www.amadeu-antonio-stiftung.de zu finden. Der
115) 22.04.2001 Mohammed Belhadj, 31 Jahre, Jarmen (Mecklenburg-Vorp.)
Newsletter der Stiftung kann auch abonniert werden:
116) 26.03.2001 Fred Blanke, 51 Jahre, Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern)
117) 09.08.2001 Klaus-Dieter Harms, Wittenberge (Brandenburg) info@amadeu-antonio-stiftung.de ■
118) 09.08.2001 Dieter Manzke, 61 Jahre, Dahlewitz (Brandenburg)
119) 09.09.2001 Arthur Lampel, 18 Jahre, Bräunlingen (Baden-Württemberg)
120) 06.11.2001 Ingo B., 36 Jahre, Berlin
121) 15.05.2002 Klaus Dieter Lehmann, 19 Jahre, Neubrandenburg (MV) Unterstützung von Projekten
Schwerpunkt der AmadeuAntonio Stiftung ist die finanzielle und - fach
122) 25.05.2002 Kajrat Batesov, 24 Jahre, Wittstock (Brandenburg) liche Unterstützung einerVielzahl von lokalen Initiativen und Projekten
in den Bereichen Jugend und, SchuleOpferschutz und -hilfe
, alternative
123) 01.06.2002 Roland Masch, 29 Jahre, nahe des Ortes Neu Mahlisch (Brb.) Jugendkultur undommunale
k Netzwerk
e, die demokratisches Handeln
stärken und die Zusammenarbeit öffentlicher und ater priv
aPrtner
124) 12.07.2002 Marinus Schöberl, 17 Jahre, Potzlow (Brandenburg) suchen.
Überdies fördert die AmadeuAntonio Stiftung das bundesweit -einzig
125) 09.08.2002 Ahmet Sarlak, 19 Jahre, Sulzbach (Saarland) artige Aussteigerprojekt für rechtsextreme
Zentrum Demokratische
Aktivisten »EXIT«,sowie das
ulturK, das rechtsextremistische Erscheinungs
-
126) 27.01.2003 Hartmut Balzke, 48 Jahre, Erfurt (Thüringen) formen analysiert und Gegenstrategien entwick elt. Unterstützung bei
der Gründung erhält auch die Bürgerstiftung Barnim-Uck ermark (B US)
mit dem Ziel, die demokratische ultur
K in der Region zu fördern.
127) 29.03.2003 Enrico Schreiber, 25 Jahre, Frankfurt/Oder (Brandenburg) Die Stiftung fördert unkompliziert – wie und nach welchen Kriterien
gefördert wird, ist auf der Internetseite der Stiftung zu finden.
Die Stif
-
128) 20.12.2003 Viktor F., 15 Jahre, Heidenheim (Baden-Württemberg) tung verteilt das Geld gezielt dort, wo es am dringendsten gebraucht
wird, zum Beispiel an eine kleine Opferberatungsstelle , eine Flücht-
129) 20.12.2003 Aleksander S., 17 Jahre, Heidenheim (Baden-Württemberg) lingsinitiative
, die mit Schulen zusammenarbeiten will oder an - Jugend
liche, die Demokratieprojekte selbst initiieren.
130) 20.12.2003 Waldemar I., 16 Jahre, Heidenheim (Baden-Württemberg) Die Stiftung
131) 21.01.2004 Oleg V., 27 Jahre, Gera/Bieblach-Ost (Thüringen) Der Namensgeber der Stiftung,
Antonio Kiow
Amadeu
a,wurde1990 in einer bran-
132) 07.01.2005 Oury Jalloh, 21 Jahre, Dessau (Sachsen-Anhalt) denburgischen Kleinstadt von rechtsex
tremen JugendlichenTode
-
zu geprügelt.
133) 28.03.2005 Thomas Schulz, 32 Jahre, Dortmund (Nordrhein-Westfalen) Er war eines der ersten
tischer Gew
Todesopfer rassis
-
alt nach demallF der Mauer
.
tung, ein weiterer das Magazin »stern«.
rechte Gew
Dessen Kampagne »Mut g
alt« hat der Stiftung zu großer Öffentlichk
eit verholfen.
Leser
Die gemeinnützige Stiftung steht unter der ZEIT spendeten nach einem
Artikel über das rechtsextreme Klima
der Schirmherrschaft des Präsidenten des deutschen ,Bundestages der Kleinstadt
Wurzen Geld für ein unabhängiges Jugendzentrum
W lf Thi V i d dV d iA K h S d I R h dAG N k R h i i

„Himmelfahrt“ 2006:
In Sömmerda lieferten sich Rechte am Donnerstagabend eine Straßen-
schlacht mit der Polizei +++ Fünf Rechtsradidkale misshandelten am
gleichen Tag in Wismar einen 36-jährigen Inder +++ Ein Libanese,
ein Mann aus Guinea und ein Türke wurden in verschiedenen Berliner
Stadtbezirken geschlagen, beleidigt und gedemütigt +++ In Lübeck
bedrohten Skinheads einen farbigen Ausländer und überfielen türki-
sche Mitbürger. +++ In Weimar überfielen in der Nacht zum Freitag
15 rechtsradikale Schläger eine private Feier von Ausländern und
schlugen einen Mann aus Mosambik und zwei Kubaner zusammen,
der 46-jährige Afrikaner erlitt schwere Verletzungen.

8 : antifaschistische nachrichten 11/2006


Am 11. April 2006 bot Le Pen erst- Frankreichs Rechtsaußen, Teil 2 – Bündnisdebatte:
mals Philippe de Villiers ein offe-
nes Bündnis an. Um den neuen Ri-
valen im Rechtsaußenspektrum nicht un-
Le Pen und de Villiers bereiten
nötig aufzuwerten, adressierte Le Pen sein
„Angebot“ zunächst auch noch, pro forma,
die kommenden Wahlen vor
an andere „kleinere“ Präsidentschaftskan- kandidat im Rechtsaußenspektrum (er kan- manitäre Interessen begründet. Man denke
didaten auf der politischen Rechten, einer didierte zum ersten Mal 1974...) kann Le an die Intervention in Somalia 1992/94,
davon der Christdemokrat François Bay- Pen auch einen entsprechenden Anspruch und später jene im ehemaligen Jugosla-
rou, der Chef der konservativ-liberalen untermauern. wien. (Mit dem 11. September 2001 ende-
UDF. Da konnte freilich inhaltlich über- Anlässlich seiner Rede vom 1. Mai, an te diese Ära, und ihr Diskurs wurde durch
haupt nichts zusammenpassen, denn Bay- dem der Front National alljährlich zu Eh- den „Antiterrorismus“ als wichtigste Dok-
rou ist ein großer Fan der Integration ren der von ihm wieder ausgegrabenen trin abgelöst.) Dagegen wandte sich eine
Frankreichs in die Europäische Union, „Nationalheiligen“ Jeanne d’Arc aufmar- Opposition von Rechts, indem sie die offi-
während sowohl Le Pen als auch de Vil- schiert, erneuerte Le Pen das Angebot. Er zielle Begründung für bare Münze nahm
liers die supranationale Integration (in ihrer schlug eine „Union patriotique“, ein prag- und einfach umdrehte, nach dem Motto:
heutigen Form) kritisieren und im Namen matisch ausgelegtes Bündnis mit seinem „Wir wollen uns lieber um unsere eigene
der Rettung des Nationalstaats ablehnen. Rivalen Philippe de Villiers vor. Interessen – zu Hause – kümmern, und
Bayrou reagierte überhaupt nicht auf die De Villiers schlug das Angebot jedoch nicht unser wertvolles Blut für fremde In-
alsbald aus. Am 13. April teressen und abstrakte, utopische Men-
erklärte er im Fernsehen schenrechte vergieben lassen.“ Jean-Marie
als Reaktion auf denVor- Le Pen war ein wichtiger Wortführer einer
stoß Le Pens vom 11.4.: solchen „Opposition von Rechts“ gegen
Eine Allianz setze voraus, (bestimmte!) Kriege, deren politische
dass man sich erst einmal Grundlage keineswegs pazifistisch oder
„über gemeinsame Ideen“ antimilitaristisch, sondern nationalistisch
einig werden könne. An ist. Denn gleichzeitig forderte Le Pen im-
diesem Punkt meldete de mer auch eine Erhöhung der nationalen
Villiers jedoch Bedenken Rüstungsausgaben.
an. Aber er machte sie Diese Linie hat Le Pen zwar nicht im-
nicht am Rassismus des mer stringent durchgehalten. Sie prägte
FN-Chefs fest, sondern aber beispielsweise seine Stellungnahmen
daran, dass dieser noch zu den beiden Kriegen im Irak, 1991 und
„vor wenigen Tagen für 2003, in denen er, sehr zum Missfallen ei-
das Recht des Iran auf die nesTeils seiner Wählerschaft, erstmals für
Atombombe“ eingetreten einen arabischen Diktator Partei ergriff. Es
sei. Tatsächlich hatte Le trifft ferner auch zu, dass Le Pen in der Ver-
„Le Pen – Präsident 2007“ verkündeten die Ballons über der Pen sich nicht explizit so gangenheit gewisse momentane Annähe-
bombastischen Bühne der 1. Mai-Kundgebung des FN in Paris
geäußert (in seiner An- rungen an Vertreter des iranischen Re-
„Offerte“ Le Pens, und dieser erwähnte ihn sprache vom 1. Mai dementierte er eine gimes vollzog. So nahm Jean-Marie Le
dann auch nicht weiter. Ab diesem Zeit- solche Ansicht gar), wohl aber in der März- Pen anlässlich der vorletzten Fußball-Welt-
punkt waren seine Bündnisangebote expli- ausgabe der FN-Mitgliederzeitschrift meisterschaft, im Juni 1998 in Lyon, am
zit an de Villiers adressiert. Français d’abord festgestellt: „Warum Spiel Iran/USA teil – auf der Ehrentribüne
Konkret beinhaltet der Vorschlag des wirft man Ahmedinedjad vor, was man An- des Iran...
FN-Chefs eine „Einheitskandidatur der Pa- deren vor ihm nicht vorgeworfen hat? Man In seinem o.g. Beitrag für die FN-Mit-
trioten“ bei den kommenden Präsident- hat nicht Krieg gegen Indien, Pakistan oder gliederzeitschrift warnt Le Pen davor, die
schaftswahlen im April 2007, und ein Israel geführt, als diese Länder militärische USA wollten die Welt auf einen Krieg ge-
Wahlbündnis oder eine Listenverbindung Atomtechnologie erworben haben.“ gen den Iran vorbereiten. Philippe de Vil-
bei den Parlamentswahlen einige Wochen Diese Positionierung ist ganz im Sinne liers nutzte diese Positionierung des FN-
später. Am 11. April sprach sich Le Pen im des Nationalneutralismus, den Le Pen seit Chefs als Vorlage, um sich selbst im richti-
Fernsehkanal i-télévision dafür aus, „eine dem Ausbruch der Golfkrise im August gen Lichte zu positionieren: „Ich, ich
aktive Koalition für die Parlamentswahlen“ 1990 predigt. Damals vollzog er einen möchte die Banlieues entwaffnen, und Le
zu formieren. Ansonsten nebulös bleibend, Bruch mit der traditionellen pro-atlanti- Pen möchte die Bärtigen bewaffnen“, stell-
sprach Le Pen von „konvergierenden Kräf- schen, antikommunistisch begründeten te er einen ziemlich gewagten Zusammen-
ten“. Dies aber konnte nur bedeuten: Erst Doktrin des FN in Sachen Weltpolitik: hang zwischen der französischen Innenpo-
unterstützen die Anderen „meine“ (Le Nach dem Ende des Kalten Krieges und litik und den internationalen Ereignissen
Pens) Bewerbung zur Präsidentschafts- der „kommunistischen Bedrohung“ gelte her.
wahl – an seiner Absicht zur Kandidatur es nunmehr, den liberalen Kapitalismus Jean-Marie Le Pen erwiderte darauf in
ließ Le Pen nicht den geringsten Zweifel – zum neuen Hauptfeind zu erwählen und seiner Ansprache vom 1. Mai 2006, Origi-
und dann lässt sich etwas Gemeinsames sich vom US-Imperium abzugrenzen. In nalton: „Der Graf wiederholt in allen Ton-
für die hinterher stattfindenden Wahlen zur jener Zeit, und vor allem in der (1992/93 lagen: ,Ich, ich schaffe Ruhe in den Ban-
Nationalversammlung auf die Beine stel- beginnenden) Clinton-Ära, war es in den lieues, und Le Pen bewaffnet die Bärtigen‘.
len. Traditionell interessiert Le Pen sich westlichen Hauptstädten einige Jahre lang Ich, ich habe die Bärtigen bekämpft, als
fast nur für die Präsidentschaftswahl, die er üblich, nicht mehr offen von Kriegen und der Graf sich damit begnügte, Tennisbälle
als „Königin aller Schlachten“ betrachtet, machtpolitischen Interessen, sondern nur (Anm.: statt Kugeln) um seine Ohren pfei-
während ihm die Parlamentswahlen – zu noch von „humanitären Interventionen“ zu fen zu lassen.“ In dieser Passage spielt Le
denen er bei den letzten beiden Malen sprechen: Viele ihrer Kriege in den neunzi- Pen auf seine Vergangenheit als Offizier im
nicht persönlich kandidierte – eher als eine ger Jahren wurden durch die Großmächte französischen Kolonialkrieg in Algerien
lästige Pflichtübung erscheinen. Als mit unter Berufung auf „Menschenrechte“, an. Dort hat er im ersten Halbjahr 1957,
Abstand „dienstältester“ Präsidentschafts- „die Herstellung von Demokratie“ und hu- wie inzwischen in Frankreich gerichtlich

: antifaschistische nachrichten 11/2006 9


nachgewiesen worden ist, eigenhändig ge- nicht riskieren, erneut auf Schwierigkeiten
foltert. Die Gegner der französischen Ko- bei der Sammlung der 500 Unterstützungs-
lonialarmee damals waren keine Islamis- unterschriften von „Mandatsträgern der
ten, sondern eine linksnationalistische und Republik“ (Bürgermeistern, Regional-,
z.T. marxistisch beeinflusste Befreiungs- National- und Europaparlamentariern) zu
bewegung, die einem konfessionnel dra- stoßen, eine zwingende rechtliche Voraus-
pierten Apartheidsystem in ,Französisch- setzung für eine Kandidatur zu den Präsi-
Algerien‘ ein Ende bereitete. Le Pen weiter dentschaftswahlen. Im April 2002 wäre Le
im Originalton: „Er (der Graf) behauptet, Pen beinahe an dieser Hürde gescheitert.
ohne die Lächerlichkeit zu fürchten, dass Also kann er nicht riskieren, dass Mégret
ich dem Iran die Bombe geben möchte. ihm solche Unterschriften wegschnappt.
Diese Anklage ist irrsinnig. Ein Krieg mit Der MNR dagegen könnte es sich – perso-
dem Iran hätte derart tragische Auswirkun- nell und vor allem finanziell ausgeblutet –
gen, dass es heute unsinnig ist, die Verant- gar nicht mehr leisten, eine Präsident-
wortungslosen Öl ins Feuer gießen zu las- schaftskandidatur bis zum Ende „durchzu-
sen.“ ziehen“. 2002 erhielt Bruno Mégret 2,3
Bruno Mégret meldet sich zurück: Prozent der Stimmen. und für sich sowie die Wertarbeit französi-
Auch andere Spaltproprodukte des FN scher Unternehmer und Mittelständler ver-
Ein stärkeres Echo fand Le Pen dagegen melden sich zur Zeit zurück. So Franck teidigte. An gleicher Stelle forderte Le Pen
bei seinem ehemaligen Chefideologen und Timmermans, der in den frühen 1970er freilich auch seinerseits eine Deregulie-
späteren „Dissidenten“, Bruno Mégret, Jahren zu den Gründungsmitgliedern des rung der Ökonomie (das Sozialsystem sei
der sich sofort für ein Bündnis zu interes- Front National zählte und später Bruno unbezahlbar geworden, wegen der „großen
sieren begann. Das ist aber auch kein Mégret zum MNR folgte, bevor er eine ei- Zahl der Einwanderer“, und: „Man muss
Wunder: Mégret hat kaum noch Parteigän- gene Splitterpartei gründete (unter dem die Ökonomie befreien. Es kommt ein Mo-
ger mit seinem MNR (Mouvement natio- Namen: Parti populiste français). Auch er ment, wo die Reglementierungen zu Ket-
nal républicain, „National-republikanische kündigte an, sich der neuerdings durch Le ten der Knechtschaft werden“). Aber eben
Bewegung“) übrig und verwaltet dafür ei- Pen propagierten „Union patriotique“ an- nicht im Sinne der multinationalen Unter-
nen Schuldenberg in Höhe von 4 bis 5 zuschließen. nehmen, sondern des „guten“ nationalen
Millionen Euro. Anfang April 2006 wurde FN und MPF beklagen den Kapitals... Die hohe Arbeitslosigkeit, so Le
zudem noch ein Strafprozess gegen Mé- „Autoritätsverlust“ des Staates Pen, sei „die Frucht der weltweiten Kon-
gret eröffnet wegen Missbrauchs öffentli- kurrenz ohne nationalen Schutz“. Nationa-
cher Gelder: Im Jahr 2002, als seine Gattin Zurück zu Le Pen und de Villiers: Beide le Ausbeutung – möglichst ohne „Fesseln
Catherine Mégret noch Bürgermeisterin rechten Politiker und „ihre“ Parteien ma- und Begrenzungen“ – ist also gut, aber
im südfranzösischen Vitrolles war (einige chen sich für einen autoritären Staat stark, Ausbeutung unter internationalen Vorzei-
Monate später sollte sie abgewählt wer- wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß. chen von Übel.
den), hatte sie 75.000 Euro aus städtischen Jüngst nahmen etwa (am Samstag, 20. Mai Wahrscheinlich dürften die beiden
Geldern dazu benutzt, um MNR-Propa- 2006) rund 200 Mitglieder beider Parteien, Rechtsaußen sich durch ihre Position im
ganda zu verbreiten. des FN und des MPF, an einer Kundge- CPE-Konflikt einige Sympathien bei der
In der zweiten Aprilwoche erklärte Bru- bung vor der französischen Nationalver- Jugend verscherzt haben. Der FN etwa
no Mégret großspurig, er nehme das Bünd- sammlung für die Wiedereinführung der sank im März in der Altersgruppe der 18-
nisangebot Le Pens an. Er denke an eine Todesstrafe teil. Hintergrund sind zwei bis 24-Jährigen von 10 auf 7 Prozent an
Koalition aus dem FN, dem MPF, dem Kindermorde, die die Emotionen hoch Sympathiewerten. Aber bei denen, die das
„souveränistischen“ (EU-skeptischen und schwappen lassen, für die rechten Dema- Geschehen weitab von ihrem Fernseher
nationalistischen) Flügel der konservativen gogen ein Vorwand, um Propaganda für die aus verfolgten und dort vor allem „Gewalt“
Regierungspartei UMP „und natürlich dem Todesstrafe und den starken Staat zu be- und Ausschreitungen serviert bekamen,
MNR“, also seiner eigenen Partei. Darauf- treiben. dürften sie im Nachhinein dagegen tat-
hin erntete er zunächst kaum ein Echo. FN und MPF gleichermaßen betrachten sächlich punkten.
Aber am Dienstag, den 23. Mai 2006 be- sich selbst als gestärkt, seitdem die bürger- Konservativer Innenminister über-
richtet die Tageszeitung Libération über lich-konservative Regierung am 10. April nimmt Parolen von de Villiers/Le Pen
Bündnisgespräche zwischen dem FN und 2006 einen Rückzieher im sozialen Kon-
Mégrets MNR, die anscheinend hinter den flikt um den „Ersteinstellungsvertrag“ Innenminister Nicolas Sarkozy seinerseits,
Kulissen geführt worden sind. Der Front CPE machen musste. Beide kritisierten in der Wirtschaftsliberalismus mit autoritä-
National will allerdings offiziell nur vom heftigen Worten die Schwäche des Staates, rem Populismus verknüpft, zeigt sich er-
Wirken eines „Unterhändlers“ wissen, der unbedingt auf seinem Autoritätsan- neut explizit und öffentlich darum bemüht,
während seitens des MNR öffentlich be- spruch hätte beharren müssen und nicht rechtsextreme Wähler einzubinden und für
hauptet wird, es gäbe „Gespräche auf hätte nachgeben dürfen. De Villiers sprach die Konservativen zurückzugewinnen. Am
höchster Ebene“. Klar ist, dass der auf ei- vom „Kapitulantentum“ von Innenminister 22. April 2006 machte er öffentlich Furore,
nen winzigen Kern zusammengeschrumpf- Nicolas Sarkozy, „der Frankreich im Fern- indem er vor neu beigetretenen Mitglie-
te MNR eher ein Interesse daran hat, die sehstudio reformiert, aber kneift, sobald dern der konservativen Regierungspartei
Dinge zu übertreiben als der FN. Dass es ihm der erste Pflasterstein um die Ohren UMP (deren Vorsitz er inne hat) in Paris
Gespräche auf Spitzenebene geben soll, er- pfeift“. Le Pen mokierte sich in seiner 1. ausrief: „Wenn bestimmte Leute Frank-
scheint jedoch unwahrscheinlich: Ein tiefer Mai-Ansprache seinerseits darüber, dass reich nicht lieben, dann sollen sie sich
Graben aus Hassgefühlen trennt Le Pen „Schulkinder die Regierung zum Nachge- nicht davon abhalten lassen, es zu verlas-
und Mégret nach wie vor. Dennoch ist in ben zwingen“, wobei er die Studierenden sen.“ Ein Slogan, den sowohl Le Pen als
dem Artikel konkret die Rede von einer meinte. Erstmals seit Ausbruch des Kon- auch de Villiers in ähnlicher Weise, aber
Aufteilung der Wahlkreise bei den kom- flikts um den CPE kritisierte er am 1. Mai griffiger formuliert, benutzt hatten.
menden Parlamentswahlen, im Juni 2007. 2006 allerdings auch die Deregulierung im In den 80er Jahren hatte zunächst Le
An möglichen Absprachen vor den Arbeitsrecht, die im Interesse „multinatio- Pen, während der Reagan-Ära, den – ur-
Wahlen könnten beide Seiten ein gewisses naler Konzerne“ betrieben werde – wäh- sprünglich seit dem Vietnamkrieg durch
Interesse haben: Jean-Marie Le Pen darf rend er zugleich das Leistungsprinzip an die US-amerikanische konservative Rechte

10 : antifaschistische nachrichten 11/2006


benutzten – Slogan (America, love it oder oder Du verlässt es. Man könnte von einer Anhänger trugen auf der 1. Mai-Demons-
leave it!) übernommen und auf französi- Art „affektiver Erpressung“ sprechen. Es tration ein Schild mit dem ,Hexagone‘,
sche Verhältnisse adaptiert mit klarer ras- geht der (extremen) Rechten darum, die also dem achteckigen Umriss Frankreichs,
sistischer Komponente: Das Ergebnis der Gesellschaft auf eine Vorstellung von der und dem altbekannten Spruch vor sich her.
„Übersetzung“ lautete dann: Le France, Nation als fest zusammengeschweißter (s. Fotos.)
aime-la ou quitte-la! Der Slogan sollte die Schicksals-, wenn nicht Blutsgemeinschaft Aber damit war die Geschichte wieder-
Einwanderer und ihre Nachfahren darauf einzuschwören: Eine Nation ist wie eine um nicht zu Ende. Am Sonntag, 21. Mai
hinweisen, dass sie nicht ihren Platz in Familie, also eine (möglichst biologisch klagte nunmehr der Rechtskatholik Philip-
Frankreich hätten, falls sie dort nicht mit begründete) Affinitätsgemeinschaft, aus pe de Villiers, anlässlich eines Interviews
ihrem Platz am unteren Rand der sozialen der man sich nicht ausklinken kann – nicht mit dem Sender ,Radio J‘, das politische
Hierarchie zufrieden seien. Die Jugendor- ohne „Verrat an den Seinen“ zu begehen, Urheberrecht für den Slogan ein. Er be-
ganisation FNJ, Front national de la jeu- infolge dessen man sich nicht mehr länger schuldigte Innenminister Nicolas Sarkozy,
nesse, machte aus dem Slogan zeitweise blicken lassen kann. Für die Idee einer ra- „ihn zu kopieren“, so fasst es die Pariser
sogar ihr Hauptmotto. tional, und freiwillig begründeten Zugehö- Abendzeitung Le Monde in ihrer Ausgabe
Vor nunmehr sechs Monaten war es rigkeit zu einer Gesellschaft, in der es auch vom 24. Mai zusammen.
dann Philippe de Villiers, der die ältere FN- (legitime) abweichende Interessen geben Man darf gespannt sein, wie sich das bis
Parole fast wortidentisch übernahm und kann, bleibt da kein Platz. zu den Wahlen – die ja erst im nächsten
plakatieren ließ: La France, tu l’aimes ou te Doch Le Pen ließ sich nicht die Butter Jahr stattfinden – noch steigert.
la quittes. Entweder Du liebst Frankreich, vom Brot nehmen, und seine jugendlichen Bernhard Schmid, Paris ■

Der Landesvorstand der IVVdN


e.V. Sachsen-Anhalt bittet um
Unterstützung bei der Öffentlich-
Ehrung auch für NS-Täter?
machung eines Skandals um den Ehren- die Amerikaner verhaftet und den sowje- Stadtrat, bis auf die Linkspartei. PDS,
hain Torgau, der sich nun schon einige tischen Behörden zur Verurteilung über- und von der Bürgermeisterin nicht zur
Jahre hinzieht. Ein offener Brief an die geben Kenntnis genommen. Im Gegenteil, die
Oberbürgermeisterin von Halle soll von Brake, Bruno: Mitglied der NSDAP seit von ihr zugesagte Prüfung unserer Argu-
möglichst vielen Menschen unterstützt 1933. Ebenfalls Teilnahme an der Er- mente und Tatbestände durch eine unab-
werden, um den Druck auf die Politik zu schießung von fliehenden KZ-Häftlingen hängige Historikerkommission wurde
erhöhen. Zu den Erstunterzeichnern ge- in der Stadt Gardelegen nicht eingehalten. Es wurde eine Ent-
hören Peter Gingold, Kämpfer bei den Essel, Friedrich: Mitglied der NSDAP scheidung der Stadtverwaltung herbeige-
französischen Partisanen, Sprecher des seit 1934, Polizeiangehöriger, Lager- führt, mit der wir uns niemals einverstan-
Bundesausschuss VVN-BdA, Gerhard kommandant Gefangenenlager Schöne- den erklären können.
Zwerenz, Schriftsteller, Hannes Konop- beck, Misshandlung von Gefangenen Wir brauchen Hilfe und Unterstüt-
ka, zum Toder verurteilter Deserteur und Seidel, Paul: SA-Rottenführer. Verant- zung, um der Gerechtigkeit statt zu ge-
Literat und Josef Gerats, Landesvorsit- wortlich für die Verschleppung von 20 ben. Selbstverständlich stehen alle unse-
zender der IVVdN Sachsen-Anhalt. 000 sowjetischen Bürgern nach Deutsch- re nachweisbaren Untersuchungsergeb-
In seinem Schreiben heißt es: Was sich land zur Zwangsarbeit. nisse zur Einsichtnahme zur Verfügung.
in den letzten Jahren in Halle an der Saa- Trotz der eindeutigen Untersuchungser- Aus unserer gemeinsamen antifaschisti-
le zugetragen hat, ist nicht nur in unseren gebnisse unsererseits, des Zentralrates schen Grundüberzeugung bitten wir um
Augen ein einmaliger Skandal. Für nach der Juden in Deutschland und der Land- Unterzeichnung des Protestbriefes an die
alliiertem Recht verurteilte Kriegsver- tagsfraktion der Linkspartei. PDS sowie Oberbürgermeisterin der Stadt Halle.
brecher und Naziaktivisten wurde auf der Jüdischen Gemeinde zu Halle, wur- IVVdN e.V. Landesvorstand Sachsen-
dem Gertraudenfriedhof in Halle unter den unsere Argumente und Gesprächsan- Anhalt, Philipp-Müller-Str. 57, 06110
der Bezeichnung „Torgauer Urnen“ ein gebote von Vertretern der Fraktionen im Halle (Saale) ■
Ehrenhain errichtet. Darunter befinden
sich, neben unschuldig Verurteilten, auch An die
SD-Mitarbeiter, SS-Angehörige, Lager- Protestbrief an die
Oberbürgermeisterin der Stadt Halle, Frau Ingrid Häußler,
kommandanten und Teilnehmer an Er- Marktplatz 1, 06100 Halle /Saale Stadt Halle
schießungskommandos in Polen, der Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
ehemaligen Sowjetunion und Deutsch- in Sorge um das Ansehen der Stadt Halle, die in diesem Jahr ihr 1200-jähriges Bestehen begeht, wenden
lands.Sie werden hier trotz unseres Ein- wie uns an Sie, Frau Oberbürgermeisterin Häußler. Wir fordern Sie auf; Ihre Verantwortung für die Stadt
Halle wahrzunehmen und nicht zuzulassen, dass 61 Jahre nach Kriegsende aktive Teilnehmer an den
spruchs geehrt und damit nachträglich
Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, Verurteilte, die an den Verbrechen des NS-Re-
von ihrer schweren Schuld freigespro- gimes beteiligt waren und Naziaktivisten nachträglich geehrt werden.
chen. Zu ihnen gehören z.B.: Das Anbringen einer „Informationstafel“ an den Gräbern von in Torgau-Fort-Zinna verstorbenen Haftun-
Dobis, Emil: Mitarbeiter des SD und der gen, auf der verschwiegen wird, dass es sich größtenteils um verurteilte und bei einer erneuten Überprü-
Gestapo in Stettin, 1944-1945 Schutzpo- fung nicht rehabilitierte Kriegsverbrecher und Naziaktivisten handelt und auf der sie als Opfer bezeichnet
lizei in Osterreich und in Italien Verhaf- und unter Schutz des Gräbergesetzes gestellt werden, bedeutet ihre Ehrung und nachträgliche Rehabili-
tung und Misshandlung von Gefangenen tierung. Damit werden sie den wirklichen Opfern und den unschuldig Verurteilten gleich gesetzt. Men-
Blum, Fritz: Angehöriger des 307. schen, die an Erschießungen aktiv beteiligt waren, Gestapo- ‚SD- und SS-Angehörige werden hier als Op-
fer von Krieg und Gewalt dargestellt, Es ist für uns nicht nachvollziehbar, dass Sie als verantwortliche und
Schutzbat. KVK2, Einsatz 1942-1944 gewählte Oberbürgermeisterin dazu Ihre Zustimmung gegeben haben. Dafür haben wir und große Teile
Lettland, Litauen im Strafvollzug und der Öffentlichkeit kein Verständnis und wird leider dem Ansehen der Stadt Halle, die von den alliierten
Teilnahme an Partisanenbekämpfung Truppen und antifaschistischen Männern der Stadt vor ihrer vollständigen Zerstörung bewahrt geblieben
und Verhaftung sowjetischer Bürger ist, großer Schaden zugeführt.
Biermann, Wilhelm: Mitglied der Wir fordern Sie, entsprechend Ihrer Verantwortung auf; das Anbringen einer solchen „Informationstafel zu
NSDAP seit 1937, Volkssturm April verhindern. Sowohl der Zentralrat der Juden in Deutschland, wie auch der Interessenverband ehemaliger
1945, Teilnehmer an der Erschießung Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand haben für einen zutreffenden und dokumentarisch belegten
Text entsprechende Vorschläge gemacht.
von fliehenden KZ-Häftlingen und
Titel Name Vorname Wohnort Funktion/Tätigkeit
Zwangsarbeitern bei Gardelegen. Durch

: antifaschistische nachrichten 11/2006 11


: ausländer- und asylpolitik
chend eingesetzt. Die Frage der Haft-
und Reisefähigkeit müsse von unabhän-
gigen Gutachtern und nicht vom Polizei-
Stadtrat gegen men ungebrochen fest. Die Vorsitzende ärztlichen Dienst vorgenommen werden,
Abschiebung der Menschenrechtsausschusses, Herta und das Sanitätspersonal sollte stärker
Däubler-Gmelin (SPD), hatte eingangs auf den Etagen präsent sein. Außerdem
Dannenberg. In der Stadt Dannenberg darauf hingewiesen, man wolle „neue fehlten Arbeits- und Beschäftigungs-
stehen die Zeichen auf Sturm: Alle Frak- Wege“ in der Arbeit des Ausschusses be- möglichkeiten in der Haft.
tionen im Stadtrat wehren sich gegen die schreiten, indem man verschiedene Or- Vom Senat fordert der Aktionskreis
Abschiebung langjährig geduldeter ganisationen, die mit Menschenrechten eine Überprüfung der Berechnung und
Flüchtlinge. Im Fall der seit 12 Jahren in befasst seien und die wüssten, was „vor Rückforderung der Haftkosten sowie
Dannenberg lebenden Familie Apaydin Ort“ los sei, zu einem Gespräch einlade. eine Unterstützung der rechtlichen Bera-
hat sich der Stadtrat unter Führung des Auf dieser Grundlage schreibe man eine tung und Vertretung von Abschiebungs-
Bürgermeisters Peter Selber (CDU) be- Beschlussempfehlung an das Plenum des häftlingen.
reits demonstrativ gegen eine Abschie- Bundestages und initiiere eine Men- Das komplette Positionspapier ist auf
bung ausgesprochen, wie sie von der schenrechtsdebatte. Das wiederum solle den Seiten des Jesuiten-Flüchtlings-
Ausländerbehörde des Landkreises Lü- eine Grundlage für den neuen Men- dienstes www.jesuiten-fluechtlings-
chow-Dannenberg angedroht wurde. schenrechtsbericht der Bundesregierung dienst.de unter „Aktuell“ zu finden.
Medienwirksam pflanzte der Bürger- werden. Zu den Unterzeichnern des Positions-
meister gemeinsam mit der Familie und Quelle: Heute im Bundestag, 17.5.06/ papieres gehören die Arbeiterwohlfahrt
Unterstützerinnen einen „Baum der Stefan_Kessler_02@yahoo.de ■ Landesverband Berlin e.V., der Caritas-
Hoffnung“. Weitere Initiativen wurden verband für das Erzbistum Berlin e.V.,
angekündigt. „Situation von Abschie- das Diakonische Werk Berlin-Branden-
Niedersächsischer Flüchtlingsrat – burg-schlesische Oberlausitz e.V., der
18.05.06 ■ bungshäftlingen bleibt Diözesanrat der Katholiken im Erzbis-
verbesserungswürdig“ tum Berlin, der Erzbischof von Berlin,
Menschenrechtsbericht Berlin. „Zwar ist sowohl bei der Ver- der Ausländerbeauftragte der Evangeli-
meidung von Abschiebungshaft als auch schen Kirche Berlin-Brandenburg-schle-
der Regierung fehlt es an bei den Haftbedingungen in den letzten sische Oberlausitz, der Flüchtlingsrat
Positionsbeschreibungen Jahren eine positive Entwicklung in Berlin e.V., Jesuiten-Flüchtlingsdienst
Berlin. Einig waren sich das Deutsche Gang gekommen. Dennoch bleibt die Si- Deutschland, die Kammer für Psycholo-
Institut für Menschenrechte und amnesty tuation von Abschiebungshäftlingen gische Psychotherapeuten und Kinder-
international in ihrer Bewertung, der noch in vielen Punkten verbesserungs- und Jugendlichenpsychotherapeuten im
neueste Menschenrechtsbericht der Bun- würdig.“ Zu diesem Schluss kommt ein Land Berlin, die Ökumenische Bundes-
desregierung sei zwar stellenweise aus- Aktionskreis von zwölf Organisationen arbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche
gezeichnet, es fehle ihm jedoch an Erläu- und kirchlichen Stellen, die eine kriti- e.V., Pax Christi im Erzbistum Berlin
terungen, welche Position die Regierung sche Bilanz ihrer Initiative von vor vier und der Republikanische Anwältinnen-
selbst eingenommen und welche Vor- Jahren gezogen haben. und Anwälteverein e.V.
schläge sie unterbreitet habe. „Zu de- Der in den letzten Jahren zu beobach- Pressemitteilung vom 16.05.06 Jesui-
skriptiv“ falle der Bericht der Regierung tende Rückgang der Zahl von Inhaftier- ten-Flüchtlingsdienst (JRS) / Nieder-
aus, so die beiden Organisationen, die zu ten sei zwar zu begrüßen; dem stünde sächsischer Flüchtlingsrat ■
einem öffentlichen Expertengespräch aber ein Anstieg der durchschnittlichen
des Menschenrechtsausschusses am Verweildauer gegenüber. Der Aktions- Rote Karte für Deutschland
Mittwochnachmittag geladen waren. kreis macht dafür die noch nicht ausrei-
Silke Voß-Kyeck von amnesty interna- chend auf Haftvermeidung ausgerichtete Unter diesem Motto startet PRO ASYL
tional nannte als Beispiel Usbekistan. In Praxis der Ausländerbehörde verantwort- eine bundesweite Plakat- und Unter-
diesem Fall beschreibe die Regierung le- lich. Nach wie vor blieben Personen und schriften-Kampagne. Zur Kampagne ge-
diglich die Entwicklung, ohne zu sagen, Gruppen über längere Zeit in Haft, ob- hört der Aufruf „Rote Karte für Deutsch-
wie sie sich für eine Verbesserung der Si- wohl ihre Abschiebung von vornherein lands Abschiebetaktik“.
tuation eingesetzt habe. Im Mai vergan- aussichtslos sei (z.B. nach China, Kame- Zum Hintergrund: Etwa 140.000 lang-
genen Jahres waren mehrere hundert run, Liberia, Sierra Leone, Elfenbeinküs- jährig in Deutschland mit Duldung Le-
Menschen in Andischan getötet und Tau- te); von Alternativen zur Haft würde zu bende – viele von ihnen längst integriert
sende verletzt worden. wenig Gebrauch gemacht. und faktisch Inländer – sind von Ab-
Frauke Seidensticker vom Institut für Mit Nachdruck fordert der Aktions- schiebung bedroht. Die letzte Konferenz
Menschenrechte sprach sich im Übrigen kreis, dass Frauen während einer der Innenminister von Bund und Län-
dafür aus, den Status des so genannten Schwangerschaft, Eltern von minderjäh- dern hat eine Beschlussfassung über ein
„Nationalen Aktionsplan“ der Bundesre- rigen Kindern und Menschen mit be- Bleiberecht erneut vertagt. Zurzeit gehen
gierung zu klären. Zu fragen sei, ob er handlungsbedürftigen psychischen oder Abschiebungen mit gnadenloser Härte
verbindlich ist und wer innerhalb der Re- physischen Krankheiten nicht inhaftiert weiter. PRO ASYL will mit der jetzt be-
gierung seine Umsetzung koordiniert. werden dürfen. Statt einer angemessenen ginnenden Kampagne zur Fußballwelt-
Günter Burkhardt von der Organisation Prüfung der Minderjährigkeit würden die meisterschaft die Tatsache in den Blick-
pro asyl fand es gut, dass der Menschen- Betroffenen meist lediglich einer Inau- punkt rücken, dass Deutschland mit die-
rechtsbericht der Regierung Ziele be- genscheinnahme oder der umstrittenen sem Vorgehen zu den Favoriten in einem
schreibt. Schlecht sei aber, dass die Re- medizinischen Altersfeststellung unter- makabren Wettbewerb gehört. Mit dem
gierung diese Ziele in ihrer praktischen zogen. Geplante Verbesserungen wie die Aufruf „Rote Karte für Deutschlands
Politik nicht umsetze. Als Beispiel nann- Entfernung der Innengitter auf einem Abschiebetaktik“ soll der Anstoß dafür
te Burkhardt den Flüchtlingsschutz. größeren Teil der Etagen seien noch gegeben werden, dass der Deutsche Bun-
Deutschland und die EU hielten seiner nicht abgeschlossen. Dolmetscher wür- destag endlich eine großzügige Bleibe-
Meinung nach an der Politik der Flücht- den bei Behörden-, Anwalts- und Arztge- rechtsregelung gesetzlich verankert.
lingsabwehr und Abschottungsmaßnah- sprächen gar nicht oder nicht ausrei- Pro Asyl, 22.05.06 ■

12 : antifaschistische nachrichten 11/2006


Hannover. Nach § 23a Aufent-
haltsgesetz (AufenthG) besteht Härtefallkomission Nieder-
sachsen wird eingerichtet
die Möglichkeit Härtefallkommis-
sionen einzurichten. Dies haben viele
Bundesländer umgesetzt. Niedersachsen
hatte dies bisher vehement abgelehnt. und nur ungenügende Bemühungen zum soll, werden automatisch zwei Drittel al-
Auf dem Landesparteitag der FDP am Erwerb der Sprache festzustellen sind; ler Betroffenen ausgeschlossen.
18./19. März wurde dann der Beschluss Überprüfung, Feststellung und Bewer- Inzwischen wurde in der Presse ver-
gefasst, dass die niedersächsische Landes- tung unterliegen der Ausländerbehörde); meldet, dass die zum Sommer geplante
regierung eine eigenständige Härtefall- ● fehlende Arbeitsbemühungen (der Härtefallkommission ohne Politiker be-
kommission einrichtet.Nun haben auch Betroffene muss sich nachweislich um setzt wird und aus neun Persönlichkeiten
die CDU-Landtagsabgeordneten einen Arbeit bemüht und unter Nachweis eines bestehen soll. Sie soll möglichst zum 1.
Beschluss zur Einrichtung einer Härtefall- gefundenen Arbeitsplatzes eine Arbeitser- Juli ihre Arbeit aufnehmen. Am Dienstag
kommission gefasst, die bis zum 31. De- laubnis beantragt haben); hat Innenminister Uwe Schünemann
zember 2009 befristet sein soll. Der Be- ● Weigerung des Betroffenen, im Falle (CDU) dem Kabinett seine Pläne vorge-
schluss sieht vor, dass der Innenminister der Bleiberechtsgewährung eine Verfas- stellt. „Es werden Vertreter der Kirchen,
die Mitglieder der Härtefallkommission sungstreueerklärung abzuleisten; der kommunalen Spitzenverbände, der
nach § 23a Aufenthaltsgesetz (AufenthG) ● es werden lediglich Gründe vorgetra- Kirchen und der Unternehmerverbände in
beruft und eine Geschäftsordnung erlässt. gen, die im Asylverfahren durch das Bun- die Kommission kommen“, so der Innen-
Die stimmberechtigten Mitglieder der desamt für Migration und Flüchtlinge minister.
Härtefallkommission sollen mit 2/3- (BAMF) zu prüfen sind; Schünemanns Vorschlag für die Härte-
Mehrheit dem Innenminister ● Termin der Rückfüh- fallkommission fußt im Wesentlichen auf
eine Annahme als Härtefall rung steht bereits fest den Beschlüssen, die die CDU und FDP
empfehlen. oder es wurde bereits Ab- im Landtag gefasst haben. Er ist aller-
Gleichzeitig bestätigte die schiebungshaft angeord- dings in einigen Fällen leicht korrigiert
CDU-Landtagsfraktion fol- net; worden. Dies ist den Widersprüchen von
gende von der Arbeitsgruppe ● es liegt eine Eingabe Kirche und Verbänden geschuldet, die die
vorgelegten Ausschlusskrite- im Petitionsausschuss Hürden als zu hoch bezeichnet haben.
rien für die Annahme eines vor (vor Erlass der Ver- Deshalb werden gute deutsche Sprach-
Härtefallersuchens: ordnung eingelegte Peti- kenntnisse der Antragsteller nicht mehr
● Straftaten von erheblicher tionen können zugunsten vorausgesetzt. Auch ist die Bedingung,
Bedeutung im Sinne des § 23a von Härtefallverfahren dass Härtefälle selbst für ihren Lebensun-
AufenthG; zurückgenommen wer- terhalt aufkommen und keine Sozialleis-
● Sozialhilfebetrug (in er- den); tungen empfangen dürfen, präzisiert wor-
heblichem Umfang) als spe- ● es liegen Gründe den. „Wenn die Ausländerbehörde eines
zielle Form der Straffälligkeit vor, die eine Ausweisung Landkreises oder einer kreisfreien Stadt
seitens des Betroffenen; nach §§ 53, 54 oder 55 beschließt, den Sozialhilfebezug zu über-
● Der Lebensunterhalt, einschließlich Abs. 2 Nrn. 1, 8 Buchst. a oder b Auf- nehmen, geht das in Ordnung.“
eines ausreichenden Krankenversiche- enthG, eine Abschiebungsanordnung Auch wenn sich private Sponsoren zur
rungsschutzes, für den Ausländer und sei- nach § 58 a AufenthG oder die Versagung Übernahme solcher Kosten erklären,
ne Familie wird nicht aus eigenen Mitteln, eines Aufenthaltstitels nach § 5 Abs. 4 könnten Härtefälle zugelassen werden.
Kindergeld oder Erziehungsgeld bestrit- AufenthG rechtfertigen; Der Entwurf für die Kommission geht
ten, sondern es werden auch Leistungen ● es liegt ein Einreise- oder Aufent- jetzt in die Anhörung bei den Verbänden.
nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haltsverbot oder ein zwingendes Ertei- Der CDU-Fraktionsvorsitzende David
oder nach dem Zweiten oder Zwölften lungsverbot vor; McAllister begründete den Beschluss der
Buch des Sozialgesetzbuches in Anspruch ● die Ausländerin oder der Ausländer Fraktion damit, dass einige Mitglieder des
genommen. Wenn die eigenen Mittel des hält sich nicht im Bundesgebiet auf und Petitionsausschusses mehrmals ihre Ver-
Ausländers und seiner Familienangehöri- ● die Zuständigkeit liegt nicht bei einer schwiegenheitspflicht gebrochen hätten.
gen nicht ausreichen, besteht für Dritte niedersächsischen Ausländerbehörde. Das Dadurch seien Einzelfälle teilweise für
die Möglichkeit, nach § 68 AufenthG eine Letztentscheidungsrecht über ein Härte- parteipolitische Zwecke instrumentalisiert
Verpflichtungserklärung zur dauerhaften fallersuchen liegt entsprechend § 23a Auf- worden. Eine sachliche Arbeit sei daher
Übernahme der Lebensunterhaltskosten enthG bei der obersten Landesbehörde, im Petitionsausschuss nicht mehr möglich
abzugeben. Dritter kann z.B. eine Kir- dem Innenministerium. gewesen.
chengemeinde sein; in Ausnahmefällen Diese hohen Hürden bei der nieder- Was immer die CDU jetzt als Begrün-
auch Privatpersonen, wenn sie eine Ver- sächsischen Härtefallkommission für dung für ihren ziemlich plötzlichen Sin-
pflichtungserklärung abgeben, dass sie Flüchtlinge beklagt der Hildesheimer Bi- neswandel hervorbringt, für die betroffe-
die Unterhaltskosten für die Dauer des schof Norbert Trelle. Eine lange Aus- nen Flüchtlinge hat dies große Bedeutung.
Aufenthalts gesichert sind; schlussliste für die zu behandelnden Fälle Gerade in Niedersachsen sind Abschie-
● Falsche Angaben über Herkunft und sei das Gegenteil von Humanität, sagt der bungen mit dramatischen Folgen für die
Identität, gröbliche Verletzung der Mit- Bischof in einem Interview mit der Kir- Flüchtlinge bisher an der Tagesordnung
wirkungspflichten und vorsätzliche Hi- chen-Zeitung „Die Woche im Bistum Hil- gewesen. Die Proteste, von Politikern,
nauszögerung oder Behinderung aufent- desheim“ vom 9. April. Ein Dilemma Flüchtlingsinitiativen, sozialen Verbän-
haltsbeendender Maßnahmen, soweit die sieht Trelle beim Bezug öffentlicher Leis- den, Gemeinden, Schulen, Einzelperso-
Betroffenen zum Zeitpunkt der Angaben tungen. Nur ganz wenige Flüchtlinge nen dagegen waren laut und hörbar.
oder Handlungen volljährig waren und könnten dieses Kriterium erfüllen, bedau- Dies ist ein großer Erfolg aller, die sich
deshalb dafür die volle Verantwortung tra- ert der Bischof. Wenn sie überhaupt arbei- seit Jahren für eine Härtefallkommission
gen; ten dürften, bekämen sie nur gering be- eingesetzt haben und keine Ruhe gegeben
● fehlende deutsche Sprachkenntnisse zahlte Jobs. Und mit Kindern kämen sie haben, zur Erreichung ihrer Forderung.
(liegen vor, wenn z.B. bei der Antragstel- dann kaum ohne finanzielle Hilfen aus. Quelle: flucht mailing list
lung ein Dolmetscher zugegen sein muss Wenn das ein Ausschlusskriterium sein flucht@nds-fluerat.org ■

: antifaschistische nachrichten 11/2006 13


Bleiberecht für Roma-Flüchtlinge als
Konsequenz aus der deutschen Geschichte
In Hamburg wurde am 16. Mai Zerschlagung des hitlerschen National- dass in fast allen Gaststätten die Pferde-
der Hunderttausenden von sozialismus ist unser Volk wie eh und je wurst zwar angeboten wurde, in kaum ei-
deutschen Faschisten ver- der Willkür und den Vorurteilen von Be- ner jedoch wirklich erhältlich war.
schleppten und ermordeten Sinti und hörden und Gesellschaft ausgesetzt“, „Polizeiliche Erfassung, Razzien und
Roma gedacht. Die Rom und Sinti Uni- konstatierte Kawcynski. Vertreibungen gehören für uns zum All-
on forderte aus diesem Anlass die ge- Das Phänomen der Zuschreibung be- tag“, stellte Kawcynski in seiner Rede bei
sellschaftliche Anerkennung sowie stimmter Eigenschaften auf eine be- der Gedenkveranstaltung bitter fest. „Je-
ein dauerhaftes, gesichertes und un- stimmte ethnische, kulturelle oder reli- den Tag finden Abschiebungen von Roma
eingeschränktes Bleiberecht für alle giöse Gruppe, durch das auch der Antise- statt – auch in unserer Stadt. Mit welchem
Roma-Flüchtlinge. mitismus geprägt ist, registrierte das Maß soll man eine Gesellschaft messen,
Duisburger Institut für Sozial- und die durch Vorurteile und irrationales Kas-
„Eine der wenigen Aufgaben, bei der Sprachforschung (DISS) auch in Bezug tendenken Begriffe wie Toleranz und Hu-
quer durch alle Gesellschaftsschichten auf Roma und Sinti: den Antiziganismus. manität vergewaltigt und die ihre Vergan-
eine gewisse Einigkeit bestand, war die Laut DISS bedeutet der Begriff „Zigeu- genheit durch fortgesetztes Unrecht be-
Bekämpfung der ,Zigeunerplage‘, schil- ner“ im deutschen Wortschatz soviel wie wältigt?“
derte Rudko Kawcynski, 2002 beschloss die
Vorsitzender der Rom und damalige Bundesregie-
Sinti Union Hamburg, die rung unter Innenminis-
politische Situation im fa- ter Schily, Roma-
schistischen Deutschland Flüchtlinge aus dem
Ende der 30er, Anfang der ehemaligen Jugosla-
40er Jahre. „Zigeunern und wien in das kriegszer-
Zigeunermischlingen ist störte Land abzuschie-
das Betreten der Spielplätze ben, da sich dort die
verboten“ – Schilder mit politische Situation an-
dieser Aufschrift „zierten“ geblich stabilisiert
beispielsweise Spielplätze habe. Mehrere hundert
im ostwestfälischen Min- Roma aus dem Ruhr-
den. gebiet protestierten da-
1940 begannen die Mas- raufhin zunächst mit
sendeportationen und An- einer Karawane quer
fang 1943 wurde in Ausch- durch die Bundesrepu-
witz das Lager Birkenau B blik, anschließend mit
II, das ,Zigeunerlager‘, er- einem monatelangen
öffnet. Dorthin wurden Dauerprotestcamp in
etwa 230.000 Sinti und Düsseldorf, gegen ihre
Roma aus ganz Europa ver- drohende Abschie-
schleppt, die Hälfte davon bung.
waren nicht älter als 14 Jah- Der harte Winter
re. 90% der Deportierten 2002/2003 zwang die
verhungerten, starben an Roma schließlich zur
Krankheiten oder wurden Aufgabe ihres Protes-
umgebracht. In der Nacht tes. Viele von ihnen
des 2. August 1944 wurde wurden inzwischen ab-
das Lager Birkenau B II komplett ausge- Vagabund und Asozialer. Als sinnver- geschoben, andere kämpfen bis heute um
löscht: Alle Gefangenen wurden in die- wandte Wörter gelten Landstreicher, ihr Bleiberecht. Eine Befragung unter den
ser Nacht vergast und ihre Leichen ver- Gauner oder Schelm. Sinti und Roma Roma im Protestcamp ergab, dass die
brannt. Insgesamt fielen rund 500.000 werden wahlweise als eine Bande von überwiegende Mehrzahl der Familien
Sinti und Roma dem Vernichtungsfeld- streunenden Dieben oder als lustiges fah- während der Besatzung der deutschen Fa-
zug der deutschen Faschisten zum Opfer. rendes Völkchen dargestellt. Aufgrund schisten Opfer zu beklagen hatten. Ein
In Hamburg begannen die Deportatio- dieser rassistischen Vorurteile sind Sinti Teil der Befragten hatte sogar selbst als
nen am 16. Mai 1940. Emil Weiß (Bild), und Roma bis heute – ebenso wie Jüdin- Kind die faschistische Besatzung miterle-
einer der letzten überlebenden Roma in nen und Juden – vielfältigen Anfeindun- ben müssen, viele berichteten von ermor-
Hamburg, erinnerte bei der Gedenkkund- gen ausgesetzt. deten oder verschwundenen Familienan-
gebung daran. Er erzählte von seinen El- Beispielsweise im niedersächsischen gehörigen.
tern und seinem kranken kleinen Bruder, Stade versuchten Gastwirte, die dort an- Dieses Land müsse sich endlich seiner
der seiner Mutter von den Faschisten aus sässigen Roma aus ihren Kneipen zu ver- Vergangenheit stellen, forderte Kawcyns-
dem Arm gerissen und verscharrt wurde, graulen, in dem sie bild- und wortreich ki. Es gelte, die zweite Schuld an den eu-
obwohl niemand wusste, ob er wirklich Pferdewurst zum Verzehr anboten. Das ropäischen Roma und Sinti zu verhindern,
schon gestorben war oder nur einen Fie- deckte der Spiegel Ende der 90er Jahre deshalb dürfe es keine Deportationen aus
beranfall hatte. auf. Hintergrund: Aus kulturellen Grün- Deutschland geben.
Die Sinti und Roma blicken indes den würden Roma niemals Pferdefleisch Dieser Appell wird von namhaften Per-
nicht nur auf eine leidvolle Vergangen- zu sich nehmen und folglich deshalb sol- sönlichkeiten unterstützt, u. a. dem Litera-
heit zurück, auch die Gegenwart ist für che Gaststätten meiden. Eine Recherche tur-Nobelpreisträger Günther Grass.
viele beklagenswert. „60 Jahre nach der des Stadtmagazins HH 19 ergab damals, Birgit Gärtner ■

14 : antifaschistische nachrichten 11/2006


: ostritt
VVN-BdA fordert Verbot
der NPD un ist sie in Berlin angelangt:

Anlässlich des gestern veröf-


fentlichten Verfassungsschutz-
3. Ein zweiter Anlauf für ein Verbots-
verfahren ist juristisch möglich.
N Die Ausstellung „Flucht, Vertrei-
bung, Integration“, die von De-
zember 2005 bis April 2006 im Bonner
berichtes 2005 erklärte der Die Bundesverfassungsrichter Hans-Jür- Haus der Geschichte zu sehen war (vgl.
Vorsitzende der Vereinigung der Ver- gen Papier und AN 1/2006). Am 17. Mai ist sie im Deut-
folgten des Naziregimes-Bund der Winfried Has- schen Historischen Museum eröffnet
Antifaschisten (VVN-BdA) Werner semer haben worden – mit einer Rede von Kultur-
Pfennig: am 29. Januar staatsminister Bernd Neumann. „Schon
2005 aus- in Bonn auf ihrer ersten Station hat sie
Rechte Gewalttaten haben in den letzten drücklich da- sich eines ungewöhnlichen Besucherzu-
Jahren in einem erschreckenden Ausmaß rauf hingewie- stroms erfreut und eines so positiven
zugenommen. Der rassistische Überfall sen, dass ein Presseechos, das seinesgleichen sucht“,
in Potsdam und auf den Linkspartei-Poli- neues Verbots- erklärte Neumann in seiner Ansprache.
tiker Giyasettin Sayan in Berlin sind nur verfahren juristisch möglich ist. Entge- Geht es nach ihm, soll die Ausstellung
die jüngsten Beispiele für diese Entwick- gen weit verbreiteter Annahmen fällte jetzt in Berlin genauso stark frequentiert
lung. Aus diesem Anlass fordert die das Gericht keine Sach-, sondern eine werden.
VVN-Bund der Antifaschisten das Ver- Prozessentscheidung. In dem Beschluss Neumann hielt in seiner Rede fest, wer
botsverfahren gegen die NPD wieder vom 18. März 2003 wird dazu erklärt, sich letztlich rühmen darf, Stichwortge-
aufzunehmen. Dafür sprechen folgende dass die Beobachtung eine politischen berin für die Darbietung zu sein. „Die
Fakten: Partei durch V-Leute des Verfassungs- Initialzündung zu dieser Ausstellung
schutzes, die als Mitglieder des Bundes- kam im übrigen von meiner Kollegin
1. Die NPD hat keinen Anspruch auf vorstandes oder eines Landesvorstandes Erika Steinbach, die 1999 in einem von
Legalität. Das Grundgesetz ist nach fungieren, unmittelbar vor und während mir vermittelten Gespräch mit dem da-
Geist und Buchstaben eine antifaschisti- eines Verfahrens unvereinbar mit den maligen Kulturstaatsminister Naumann
sche Verfassung. Es wurde als ein Ge- Anforderungen an ein rechtsstaatliches ,Flucht und Vertreibung‘ thematisierte –
genentwurf zum nazistischen Verbre- Verfahren sind. Das Verhalten der Verfas- mit dem Ergebnis, dass Naumann dann
cherstaat geschaffen. Politisch, histo- sungsschutz-Behörden, die angeblich beim Haus der Geschichte eine Ausstel-
risch und moralisch ist Faschismus keine den Rechtsextremismus bekämpfen, bil- lung anregte“, berichtet der gegenwärti-
Meinung unter vielen, sondern ein politi- dete also das tatsächliche Hindernis. ge Kulturstaatsminister. Freilich hätte
sches Verbrechen. Naumann Steinbach einfach abblitzen
4. Eine gesellschaftliche Mehrheit ist lassen, wenn die damalige rot-grüne
2. Die NPD ist die gefährlichste neofa- für ein Verbot der NPD. Bundesregierung mit den Ausstellungs-
schistische Organisation. Die Fraktionen von SPD, CDU und plänen nicht einverstanden gewesen
Sie steht nicht nur als Hauptträgerin der Linkspartei.PDS im Landtag von Meck- wäre.
Kontinuitätslinie zum historischen Fa- lenburg-Vorpommern forderten im März Die Ausstellung, behauptete Neumann
schismus da, sondern hat sich in den letz- diesen Jahres ihre Landesregierung über- am 17. Mai in Berlin, „ist Teil einer zu-
ten Jahren zum gefährlichen Kristallisa- einstimmend auf, alle Möglichkeiten ei- kunftsorientierten Form des Umgangs
tionskern des gesamten Neofaschismus nes Verbotsverfahrens gegen die NPD zu mit deutscher und europäischer Ge-
entwickelt. Die NPD-Führung hat ein prüfen und dieses auf den Weg zu brin- schichte“. Sie soll, bekräftigte er, „ein
Bündnis mit gewaltbereiten Gruppen, gen. Dies zeigt, ebenso wie Stellungnah- Herzstück einer künftigen Dauerausstel-
den sogenannten Kameradschaften, ge- men von Ministerpräsidenten und Ge- lung sein“, die „im Zentrum Berlins“
schlossen. Ein solches Bündnis gab es in werkschaften, u.a. der Gewerkschaft der realisiert werden wird. Über die Dauer-
der Geschichte der Bundesrepublik bis- Polizei, dass es bezüglich eines NPD- ausstellung führen Neumann und sein
lang noch nie. Die soziale und wirt- Verbots einen breiten gesellschaftlichen Team Gespräche „mit Fachleuten im In-
schaftliche Verelendung in der Gesell- Konsens gibt. und Ausland, mit Kollegen aus der Poli-
schaft wirkt dabei fördernd für die NPD. PM der VVN-BdA, Berlin, 23.5.06 ■ tik, aber auch mit Betroffenen selbst, d.h.
mit den Vertriebenen“. Sie erhalten also
auch auf die weitere Gestaltung der
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. künftigen Dauerausstellung Einfluss,
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de wie sie auch schon auf die jetzige Aus-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach stellung Einfluss nehmen konnten.
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, „Wir laden“, sagte Neumann schließ-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, lich, „unsere Partner im Europäischen
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. Netzwerk zur Mitarbeit recht herzlich
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. ein.“ Das Europäische Netzwerk gegen
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind Vertreibungen wird gerade in Warszawa
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. als Stiftung polnischen Rechts auf die
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- Beine gestellt und soll dann endlich auch
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung seine Arbeit aufnehmen. Beteiligt sind
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. nach wie vor (außer Deutschland) Polen,
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
die Slowakei und Ungarn – für ein Netz-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., werk, das sich „europäisch“ nennt, ist
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Ar- das ziemlich dürftig, zumal kein einziger
beitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vor-
standes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten);
westeuropäischer Staat an dem Projekt
Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter beteiligt wird.
hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. jk ■

: antifaschistische nachrichten 11/2006 15


: aus der faschistischen Presse
Wenn sie nicht zu einer sektoralen
Brauchtumsgruppe schrumpfen, sondern
Der Not gehorchend: weiter gesamtstaatlichen Gestaltungsan-
schen oder auch nur des Christlich- spruch erheben will, muß sie sich auf
Ausländer rein? Abendländischen. Es geht allgemein um Sicht auch jenen anbieten, die zwar aus-
Nation & Europa Mai 2006 die Menschenwürde, inklusive beispiels- ländischer Herkunft sind, sich aber mit
Wenn die deutsche Rechte die Vorlage, weise des Rechts ,ungestörter Religions- Deutschland identifizieren.... Wenn das
die ihnen die vom Brandbrief der Lehr- ausübung‘“. Der Autor macht mit diesen patriotische Element in der Vergangenheit
kräfte der Rütli-Schule in Berlin ausgelös- Worten noch einmal kurz und knapp deut- zu schwach war, unerwünschte Entwick-
te Debatte um die Erfolg versprechendste lich, dass Faschisten aller Art die Konzep- lungen zu verhindern, dann muß es we-
Form der Integration von Migrant(inn)en, tion der Menschenrechte gerade wegen nigstens für die Zukunft stark genug sein,
nicht auszunutzen versuchte, wäre sie ihres Anspruches auf Universalität ableh- sich im ,multikulturellen‘ Umfeld zu be-
dümmer als die Polizei erlaubt. Deshalb nen: Sie gelten für alle Menschen und (in haupten“. Auch wenn der Autor mit Recht
zeigt das Titelbild der Maiausgabe von unserem Fall) nicht nur für Deutsche. Be- darauf hinweist, dass eine solche Öffnung
„Nation & Europa“ eine Collage aus di- dauernd stellt der Autor fest, was das be- der Rechtsparteien vom „Front National“
versen Photos finster blickender, braun- deutet: „Zahlreiche Menschenrechtsklau- in Frankreich bereits vorgemacht worden
häutiger männlicher Jugendlicher (von seln, von Roten und Schwarzen auf inter- sei und auch in Deutschland bereits Ein-
denen zumindest eines dem letzten Hark- nationaler Ebene eingeführt, verhindern zelfälle von Migranten auf Kandidatenlis-
Bohm-Film zu entstammen scheint), die zuverlässig eine Wahrnehmung nationaler ten von Rechtsparteien zu finden seien,
dem Betrachter das Gefühl von Bedro- Interessen. Spätestens mit der Verleihung werden seine Forderungen in der Szene
hung vermitteln sollen. Damit die des deutschen Passes erhält jeder Fremd- kaum ungeteilte Zustimmung finden.
Leser(innen) aber auch wirklich verste- stämmige einen wasserdichten Auswei- Im Zusammenhang mit den Ausführun-
hen, woran angeknüpft wird, gibt es auch sungsschutz“. Bereits die Begrifflichkeit gen KARL RICHTERs in der letzten
noch das Schild der Rütli-Oberschule zu („fremdstämmig“) verrät, welcher Zeit N&E-Ausgabe, in der er türkischen Na-
sehen und außerdem eine gezeichnete dieses rassistische Denken entstammt. tionalismus als Vorbild herausstellte,
Bombe mit brennender Lunte. Titel des Es folgen Forderungen, die ebenfalls scheint es, als ob die Zeitschrift eine De-
Politstilllebens: Zeitbombe Multikulti – nichts Neues bieten: „...keine weitere Ein- batte mit dem Ziel einer Anpassung an die
das Wort „Zeitbombe“ in schwarzer, wanderung, auch keine ,qualifizierte‘. Realität beginnen wollte. Wir dürfen da-
„Multi“ in roter und „kulti“ in grüner Grenzen so dicht wie möglich. Abgelehn- rauf gespannt sein, wie ihre Leser(innen)
Schrift. Holzhammeragitation zwar, aber te Asylbewerber, die ihre Herkunft ver- den Kurswechsel aufnehmen. Antifaschist
inhaltlich nichts Neues. schleiern, sollen in Gemeinschaftsunter- (inn)en sollten sich vor der Illusion hüten,
Wer meint, diese wenig überraschende künften untergebracht und zu gemeinnüt- damit sei eine Abkehr vom völkischen
Linie setze sich auch in den Beiträgen ziger Arbeit herangezogen werden. Der Denken, das nach wie vor eine der tragen-
fort, wird vorerst nicht enttäuscht: „Multi- Aufenthalt in Deutschland darf für Illega- den Säulen faschistischer Ideologie blei-
kulti gewollt, Multikulti bekommen: Kat- le nicht länger bequem sein“. ben wird, verbunden.
zenjammer“ nennt BERND SEIFERT den Die folgenden Absätze aber zeigen ei- Bei CHRISTA KETELSEN ist das
ersten Artikel des Heftes. „Wer unter den nen überraschenden und neuen Realis- „neue Denken“ allerdings noch nicht an-
Bedingungen des westlichen ,Wertesys- mus: „Leider wird sich nicht jede Fehlent- gekommen. Unter dem Titel „Untergangs-
tems‘ Einwanderung duldet, stellt sich wicklung rückgängig machen lassen. Die visionen helfen den Deutschen nicht:
und seine Identität in Frage. Zunächst millionenfache Einbürgerung des Islam Aussterben? Nein danke?“ beschäftigt sie
sind die Ausländer eine Minderheit – als hat die religiös-kulturelle Landkarte im sich mit einer rechten Horrorvorstellung
solche aber gegen ,Diskriminierung‘ ge- Herzen Europas verändert.... Auch die und frönt einer alt-rechten Verschwö-
schützt. Werden sie gar zur Mehrheit, deutschen Rechtsparteien werden sich rungstheorie: „Die ,Vergangenheitsbewäl-
steht es ihnen nach den Grundregeln der wohl oder übel umstellen müssen. Die tigung‘ hatte immer auch eine demogra-
Demokratie frei, das Gemeinwesen nach Zahl der Einwanderer und ihrer Nach- phische Komponente. Das vermeintliche
ihren Wünschen zu gestalten. Sich auch kommen ist mittlerweile wahlentschei- ,Tätervolk‘ sollte Fortpflanzungsverzicht
eine neue Verfassung zu geben“. Schuld dend hoch, und sie wird nicht kleiner wer- üben – als Sühne für geschichtliche Ver-
daran trägt das Grundgesetz: „...dort fin- den....Glücklicherweise hat sich die deut- fehlungen, aber auch zur Vermeidung
den Ausländer keine Präferenz des Deut- sche Rechte nie religiös ausgerichtet. künftiger Konflikte.... Daß sich dennoch
zwei Drittel der Deutschen zur Erhaltung
ihres Volkes bekennen, zeigt, daß die
1945 begonnene Umerziehung nicht
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
gänzlich geglückt ist und daß noch Anlaß
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: zur Hoffnung besteht“. Es folgt ein dezen-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich ter Hinweis zur Rehabilitation der Nazi-
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
diktatur („Manchmal betreiben Kinderlo-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
se – siehe Hitler – sogar die engagierteste
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
und effektivste Bevölkerungspolitik“.) be-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). vor die Autorin zum Wesentlichen, der al-
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
ten biologistisch-völkischen Ideologie
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) kommt: „Ohne den Überfremdungseffekt
der Zuwanderung könnten die Deutschen
Name: Adresse: einen Rückgang ihrer Kopfzahl durchaus
verkraften. Nationale Wohlfahrt hängt
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts von anderen Faktoren ab....Um so wichti-
ger ist es, die politischen Verhältnisse da-
Unterschrift hingehend zu ändern, daß sich der Le-
benswille dieses Volkes auch gegen de-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
mographische Widrigkeiten durchsetzen
kann“. tri ■

16 : antifaschistische nachrichten 11/2006