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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 7.9.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Weimar. Der Direktor der Ge-


denkstätte Buchenwald, Volk-
hard Knigge, hat die Bundesre-
gierung zu einer Klarstellung ihres Ge-
schichtsbildes aufgefordert. Er bezog
sich dabei auf die Rede des Abteilungs-
leiters im Kulturstaatsministerium,
Hermann Schäfer, der damit bei der Er-
öffnung des Kunstfestes in Weimar am
Freitag für einen Eklat gesorgt hatte.
Schäfer hatte in seiner Ansprache die
Holocaust-Opfer Buchenwalds unbe-
rücksichtigt gelassen und dafür die Op-
fer von Flucht und Vertreibung in den
Mittelpunkt gerückt. Gäste des Kon-
zerts „Gedenken Buchenwald“ hatten
Schäfer mit Zwischenrufen und stören-
dem Beifall zum Abbruch seines Gruß-
wortes gezwungen.
„Schon seit einigen Jahren steht mit dem Thema Zum Antikriegstag gab es Kundgebungen und Demonstrationen in vielen Städten, Bild Köln, p.b.
Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem östli-

Eklat bei der Eröffnung


chen Europa ein historisches Problem im Mittelpunkt
einer Diskussion, an der sich viele Seiten auf breiter
Grundlage beteiligen, gerade auch Politiker aller
Parteien. Ich bin froh, dass wir heute in der Lage
sind, über ein solch sensibles Thema unserer jüngs-
ten Vergangenheit weitgehend sachlich und unauf-
des Weimarer Kunstfest
geregt zu sprechen (...) Es ist keine Erinnerungstäu- 30. August 2006 on in Anwesenheit unserer Kameraden
schung und keine Umdeutung von Geschichte, wenn aus dem In- und Ausland.
wir feststellen, dass die deutschen Vertriebenen Op- Erklärung Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass
fer waren. Sie waren es, und sechzig Jahre nach
dem Ende des zweiten Weltkriege können wir es
Wir haben das Konzentrationslager Bu- offiziell Opfer und Überlebende beleidigt
offen und ohne Scheu sagen.“(...) chenwald-Dora, die Nebenlager überlebt. werden. Wir empfinden das verwerfliche
aus dem Grußwort Schäfers nach ND, 30.8.06 Gemeinsam mit 21.000 befreiten Buchen- Auftreten als vorsätzlich, weil es sich in
walder Häftlingen schworen wir am 19. eine Vielzahl ähnlicher Erscheinungen
Gegenüber der Thüringischen Lan- April 1945: „Die Vernichtung des Nazis- einordnet.
deszeitung sagte Knigge, Schäfers Ent- mus mit seinen Wurzeln ist unsere Lo- Nach klaren Aussagen der Bundesre-
schuldigung habe „Verschlimmbesse- sung. Der Aufbau einer neuen Welt des gierung anlässlich der Feierlichkeiten
rungen“ enthalten. Seine Formulierung, Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. zum 60. Jahrestag der Selbstbefreiung des
er hätte anders geredet, wenn er ge- Das sind wir unseren gemordeten Kame- KZ Buchenwald im April 2005 stellen wir
wusst hätte, dass KZ-Überlebende im raden, ihren Angehörigen schuldig.“ besorgt fest, dass sich die Position der
Raum gesessen hätten, habe die Über- Nachdem der Vertreter des Beauftrag- Bundesregierung gegenüber der Erinne-
lebenden noch mehr getroffen. Knigge: ten der Bundesregierung für Kultur und rung an die Opfer des deutschen Faschis-
„Wird dann, wenn wir nicht mehr da Medien für das Kulturfest Weimar eine mus offenbar verändert hat. In diesem Zu-
sind und nicht mehr protestieren kön- nicht misszuverstehende Rede hielt, müs- sammenhang ist an einen ähnlichen Vor-
nen, im Namen der Opfer des National- sen wir feststellen, dass wir von der Er- gang wie in Weimar zu erinnern, hervor-
sozialismus nur noch über die Kriegs- füllung des Schwures von Buchenwald gerufen durch den Vertreter der Branden-
folgen für die Deutschen gesprochen?“ weiter entfernt sind denn je. burger Landesregierung in der Gedenk-
(Quelle: Zeit online 28.8.06, FR 2.9.06) Einer Persönlichkeit, die den Beauf- stätte Sachsenhausen im April 2006.
Wir dokumentieren nebenstehend tragten der Bundesregierung vertritt und Wir verwahren uns gegen haltlose
die Protesterklärung der Lagergemein- die dem Stiftungsrat der Gedenkstätten Rechtfertigungsversuche.
schaft Buchenwald-Dora und eine Stel- Buchenwald und Mittelbau Dora ange- Es ist an der Zeit, sich eindeutig zu den
lungnahme der Abgeordneten Ulla Jep- hört, ist zuzutrauen, dass sie den Unter- Opfern des deutschen Faschismus und zur
ke, MdB Die Linke, auf Seite 3. ■ schied zwischen der Eröffnung eines Erinnerungskultur in der Bundesrepublik,
Konzerts „Gedenken Buchenwald“ und die Zeit des Faschismus betreffend, zu po-
der Versammlung eines Vertriebenenver- sitionieren.
Aus dem Inhalt: bandes zu erkennen vermag, zumal von Im Namen der Lagerarbeitsgemein-
dieser Persönlichkeit Geschichte an einer schaft Buchenwald-Dora Günter Pap-
Das Ulrichsbergtreffen – soldatische Universität studiert wurde. penheim, ehemaliger Häftling in Buchen-
Traditionspflege in Österreich . . . . . 8 Mit dem gebotenen Nachdruck protes- wald, 1. Vizepräsident des Internationa-
tieren wir gegen diese maßlose Provokati- len Komitees Buchenwald-Dora ■
: meldungen, aktionen
gen seiner militaristischen Ausprägung,
zum anderen weil die Stadt 30 Millionen
ohne jedes Mitspracherecht über die Mu-
Erneut verurteilt Film „Die Passion Christi“ hatte jede seumsgestaltung verschleudert. Der Vor-
Chile. Der Gründer der berüchtigten Menge Kritik zur Folge. Der Streifen sei sitzende des DSD, Bernhard Servatius,
Siedlung „Colonia Dignidad“ im Süden „massiv antisemitisch“ und Antisemiten konnte im Interview mit der taz (22.8.)
Chiles, Paul Schäfer (84), ist wegen Ver- würden durch den Film nur in ihrer An- „bezüglich der Museumsinhalte … keine
stoßes gegen das Waffengesetz zu sieben schauung bestätigt, wurde von verschie- Schwierigkeiten“ sehen. Warum auch?
Jahren Gefängnis verurteilt worden. denen Seiten gewarnt. Nun hat Gibson Man kennt sich. Wie Tamm hatte Ser-
Die ehemaligen Führungsmitglieder erneut einen Skandal provoziert. Bei ei- vatius lange Zeit Führungspositionen
der „Colonia Dignidad“, Karl van den ner Polizeikontrolle war er mit einem beim Axel Springer Verlag inne, war Tes-
Berg und Kurt Schnellenkamp wurden Beamten aneinander geraten und hatte tamentvollstrecker von Axel Springer
zu je fünf Jahren, der Arzt Hartmut Hopp gesagt: „Juden sind für alle Kriege in der und langjähriger Aufsichtsratsvorsitzen-
zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Be- Welt verantwortlich. Sind Sie Jude?“ Be- der. Als er das Amt 2002 niederlegte, be-
reits im Mai war Schäfer, ein ehemaliger reits 2003 hatte Mel Gibson in einem In- scheinigte ihm Friedel Springer „Treue
Unteroffizier der Wehrmacht, wegen terview mit „Readers Digest“ seinen Va- zu Axel Springer, zu seinem Unterneh-
Kindesmissbrauch in 25 Fällen zu 20 ter, Hutton Gibson, in Schutz genom- men, zu seinen Ideen“. Dass Tamm und
Jahren Haft verurteilt worden. Hervorge- men. Der ist Gründer der rechten religiö- Servatius in ihren Springer-Zeiten mehr
gangen war die „Colonia Digniad“, der sen „Alliance for Catholic Tradition“ Konkurrenten als Freunde waren –
mehrere hundert Deutsche angehörten, und hatte kurz zuvor das Ausmaß des Tamms „Abscheu Servatius gegenüber
aus einer Abspaltung vom „Bund evan- Holocaust bezweifelt und Holocaust- (ist) ungebrochen“, weiß der Springer-
gelisch-freikirchlicher Gemeinden in Museen als „Tricks zur Geldmacherei“ Biograf Jürgs in seinem 1995 erschiene-
Deutschland“ (Baptisten). Ende der 50er bezeichnet. Mel Gibson hatte der religiö- nen Buch zu berichten –, was tut’s. Im
Jahre war die rechte religiöse Gemein- sen Gruppe in der Vergangenheit mit ei- Zweifelsfall hilft man sich. scc ■
schaft nach Chile ausgewandert und hat- nem Millionenbeitrag den Bau einer Kir-
te dort ein eigene Siedlung gegründet. che ermöglicht und Veröffentlichungen Zeichen gegen Rassismus
hma ■ seines Vaters gefördert, der u.a. die
Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Der in der Oberliga Nordost Südstaffel
Abgetreten Konzils ablehnt und an der lateinischen spielende Amateurverein ZFC Meusel-
Messe festhält. Als Reaktion auf Mel witz aus dem Altenburger Land machte
Berlin. Ulrich de Maiziere, ehemals Gibsons neuesten Skandal hat der TV- Ende Juli folgende Mitteilung:
Generalinspekteur der Bundeswehr, ist Sender „ABC“ die Produktion einer ge- „Der ZFC Meuselwitz wird in der
im Alter von 94 Jahren gestorben. Der planten Fernsehserie mit Gibson abge- kommenden Saison ein sichtbares Zei-
Vier-Sterne-General der Bundeswehr, sagt. Auch Rufe nach einem Boykott des chen gegen Rechts setzen. Die neuen
1912 in Stade geboren, erlernte sein nächsten Gibson-Films, „Apocalypto“, Mannschaftstrikots sind neben Sponsor
„Handwerk“ in Hitlers Wehrmacht. 1939 der im Dezember in die Kinos kommen Altenburger Brauerei mit dem Schrift-
war de Maiziere am Überfall auf Polen soll, wurden laut. hma ■ zug: ,Gegen Rassismus‘ versehen. Nach-
beteiligt. 1942/43 referierte er seine dem es nicht nur in der NOFV-Oberliga
„Osterfahrungen“ in der Organisations- „Ruhm und Ehre“ … Süd immer wieder in den Stadien rassis-
abteilung des Generalstabes des Heeres, tische Vorfälle gegeben hatte, ist dies ein
die unter der Leitung des späteren Bun- … sei der Kaispeicher B „im Begriff, konsequentes Zeichen des Vereins und
deswehr-Generals Mueller-Hillebrand über seine Geschichte hinaus, … für die der Mannschaft für ein friedvolles und
stand. 1943 war de Maiziere 1. General- Hansestadt einzufahren“, sagte die Ham- faires Miteinander auf und neben dem
stabsoffizier der 10. Panzergrenadierdi- burger Kultursenatorin von Welck an- Fußballplatz. Nachahmung empfohlen.“
vision, die von Mai bis Juni im Raum lässlich einer kleinen Feier am 21. Au- www.zfc.de, scc ■
Orel im Rahmen einer Großaktion Jagd gust (Welt, 22.8.). Der militaristische,
auf russische Partisanen machte. Dabei bei Neonazis eher geläufige „Ruhm-und- Einzigartiger Beleg für NS-
gingen die Einheiten mit äußerster Bru- Ehre“-Jargon war nicht so unpassend,
talität gegen die Partisanengebiete vor, wie es scheinen mag, galt die Preisung ,Euthanasie‘-Verbrechen.
„umstellten Dörfer und Waldgebiete, doch weniger dem Kaispeicher als viel- Hessen. Mit dem Wiederaufbau der Bus-
vertrieben die Einwohner, machten die mehr dem neuen Hausherrn Peter Tamm garage in der Gedenkstätte Hadamar hat
Orte dem Erdboden gleich“, so H. Kühn- und seinem Maritimen Museum. die Gedenkstätte einen einzigartigen Be-
rich in seinem Buch „Der Partisanen- Hintergrund der kleinen Feier war die leg für die NS-“Euthanasie“-Verbrechen
krieg“. Zum Oberst ernannt, erlebte de Übergabe eines Fördervertrags über geschaffen. In einer Gedenkveranstaltung,
Maiziere das Kriegsende im Stab des 200.000 Euro an Peter Tamm: Mit die- die an den Beginn des II. Weltkrieges vor
Großadmirals Dönitz. sem Betrag unterstützt die Deutsche Stif- 67 Jahren erinnerte, ist am 1.9. auch der
Bereits 1951 wird er ins „Amt Blank“, tung Denkmalschutz (DSD) die Fassa- Wiederaufbau der ehemaligen „T4“-Bus-
dem Vorläufer des Bundesverteidungs- deninstandsetzung des Kaispeichers. garage in der Gedenkstätte Hadamar ge-
ministerium, berufen und kann seine Ausdrücklich hob DSD-Generalsekretär würdigt worden. Der Landeswohlfahrts-
Karriere fortsetzen. Viele Jahre war der Knüppel hervor, dass die DSD „mit der verband Hessen, der das Gedenken an die
Bundeswehr-General Präsident der Unterstützung des Museumsprojekts etwa 15.000 Opfer der „Euthanasie“-
„Clausewitz-Gesellschaft“. 2002 gab er auch die denkmalpflegerische Qualität Morde des NS-Regimes in der damaligen
der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ein der Umnutzung dieses wichtigen Hafen- nassauischen Tötungsanstalt wach halten
Interview. hma ■ gebäudes würdigt“, so die Pressemittei- will, konnte die einzige noch erhaltene
lung der DSD. Busgarage vor dem endgültigen Verfall
Unten durch Ebenso wichtig wie die 200.000 Euro retten. „Dieses Zeugnis der NS-,Euthana-
dürfte für Peter Tamm die Legitimation sie‘-Morde sollte erhalten bleiben“, sagte
USA. Die Kritik an dem Schauspieler sein, die diese Förderung stiftet. Die Er- LWV-Beigeordneter Dr. Peter Barkey bei
und Regisseur Mel Gibson reißt nicht ab. richtung des Marinemuseums ist nach der Veranstaltung. Insgesamt wurden
Schon sein schwülstig-religiöser Jesus- wie vor heftig umstritten, zum einen we- mehr als 100.000 Euro für die Wiederer-

2 : antifaschistische nachrichten 18/2006


richtung beigetragen. Nur so konnte das
Gebäude restauriert und am ursprüngli-
Kulturstaatsministerium als Speerspitze
chen Standort wieder errichtet werden. des Geschichtsrevisionismus?
Die Gedenkstätte Hadamar erhält durch
die wiedererrichtete Busgarage eine au- Die skandalöse Rede des stellvertreten- Staatsminister Bernd Neumann war
thentische Ergänzung zu den Originalräu- den Kulturstaatsministers Hermann schon in den siebziger Jahren im Bremer
men und dem Friedhof, wie der Leiter der Schäfer erfordert eine klare Distanzie- Senat durch seinen unverantwortlichen
Gedenkstätte, Dr. Georg Lilienthal, dar- rung der Bundesregierung meint Ulla Umgang mit NS-Bezügen aufgefallen:
stellte. Diese „gegenständlichen Zeugnis- Jelpke, innpolitische Sprecherin der Damals äußerte er zu einem Buch von
se“ bringen für die pädagogische Arbeit Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bun- Erich Fried, „Ja, so etwas würde ich lie-
eine neue Qualität. Sie helfen, die durch destag: „Das Kulturstaatsministerium ber verbrannt sehen.“ Heute hat er es sich
den zeitlichen Abstand und Fehlen von entwickelt sich mehr und mehr zur offensichtlich zur Aufgabe gemacht, das
Zeitzeugen wachsende Distanz zur Ver- Speerspitze eines neuen Geschichtsrevi- vom Bund der Vertriebenen angestrebte
gangenheit zu überbrücken. sionismus. Während der Stellvertreter Zentrum gegen Vertreibung in Berlin vo-
In ähnlich hölzernen Busgaragen waren des Staatsministers, Hermann Schäfer, ranzubringen und damit einen weiteren
nach Informationen des LWV Hessen bei einer Feierstunde mit Buchenwald- Baustein in eine Geschichtssicht zu set-
während der ersten Mordphase im Jahr überlebenden in Weimar nur von deut- zen, die Deutschland und die Deutschen
1941 in den insgesamt sechs „Euthana- schen Opfern spricht und die Opfer des vor allem als Opfer der NS-Vergangen-
sie“-Tötungsanstalten die berüchtigten deutschen Faschismus einfach „vergisst“, heit begreift. Völlig unkritisch wird dabei
grauen Busse der „Gemeinnützigen Kran- empfiehlt zur selben Zeit sein vorgesetz- die Sicht der Vertriebenen übernommen,
kentransport-GmbH“ (Gekrat) stationiert. ter Staatsminister Bernd Neumann bei ei- die sich selbst als Hauptleidtragende der
Die Garage in Hadamar konnte drei dieser ner Ausstellungseröffnung das heilige rö- Vergangenheit sehen.
Busse aufnehmen, mit denen Patientinnen mische Reich deutscher Nation zum Vor- Eine solche Sichtweise ist ein Schlag
und Patienten aus den sogenannten Zwi- bild der EU. Dass er hiermit eine beliebte ins Gesicht für alle Opfer der faschisti-
schenanstalten abgeholt und nach Hada- Idee der extremen Rechten zur histori- schen Gewaltherrschaft.
mar gebracht wurden. Die Patienten durf- schen Legitimierung einer deutschen Während die Bundesregierung alle
ten die Busse nur im Innern des abge- Führungsrolle in Europa aufgreift, Anfragen der Fraktion DIE LINKE nach
schlossenen Gebäudes verlassen, damit scheint ihn nicht zu stören. Entschädigungen für vergessene Opfer
sie vor fremden Blicken abgeschirmt wa- Es wird höchste Zeit, dass die Bundes- des Faschismus im Geiste der Schluss-
ren und keine Gelegenheit zur Flucht hat- regierung eine klare Position zum Um- strichmentalität abschmettert, werden die
ten. Ins Hauptgebäude führte ein Schleu- gang mit der NS-Vergangenheit bezieht Vertriebenen Jahr für Jahr aus dem Bun-
sengang. Nur wenige Stunden nach der und nicht durch eine Gleichstellung von deshaushalt alimentiert. Ein Ergebnis
Ankunft wurden die Menschen auf grau- Vertriebenen und NS-Opfern Ursache dieser Politik ist die verquere Geschichts-
same Weise in der Gaskammer ermordet. und Wirkung der Vergangenheit zuguns- sicht, die sich dieser Tage auch in der Re-
Die sog „T4-Aktion“, benannt nach dem ten einer undifferenzierten Opfersicht gierung offenbart.
Sitz der Verwaltungszentrale der Gas- verwischt. Teile der Union scheinen hier Pressemitteilung, Di., 29.8.2006:
mordaktion in der Berliner Tiergartenstra- an die unselige Geschichtspolitik eines Ulla Jelpke (MdB)
ße 4, war nach Informationen des LWV Helmut Kohl anknüpfen zu wollen.
Hessen der erste vom NS-Regime organi-
sierte Massenmord, dem zwischen 1940
und 1941 rund 70.000 Menschen zum ermittele gegen den Beamten. Eine Spre- mismus: Am 30.8. wollten die Jusos
Opfer fielen, davon über 10.000 allein in cherin des Justizministeriums betonte je- Steglitz-Zehlendorf eine Veranstaltung
der Tötungsanstalt Hadamar. doch, es sei nicht klar, ob hinter dem Vor- im AWO-Haus an der Osdorfer Straße in
Der 1. September ist nicht allein der fall ein fremdenfeindliches Motiv stecke. Berlin-Lichterfelde mit dem TItel: „Bür-
Tag der Wiederkehr des Kriegsbeginns: Aus eigener Anschauung (in westdeut- gerlicher Rassismus und Staatsantifa:
Auch datierte Hitler seine Ermächtigung schen Knästen) kann ich berichten, dass Möglichkeiten staatlicher Interventionen
zum „T4“-Krankenmord auf diesen Ter- solch ein Vorgang keineswegs die Aus- zur Bekämpfung von Rechtsextremis-
min. An der wiedererrichteten Busgarage nahme darstellt. mus“ abhalten. Nachdem es bereits vor
informieren sechs Informationstafeln über Da sind beispielsweise Wärter, die Beginn der Veranstaltungen in Einzelge-
die NS-“Euthanasie“-Verbrechen und die nicht-deutsche Gefangene prinzipiell du- sprächen zu Provokationen von Altnazis
Bedeutung der Busgarage. Jeweils eine zen. Oder der Beamte im Krankenrevier kam, („Die Juden sind selbst schuld am
Tafel ist in englischer, russischer und in der JVA Bruchsal, der von mir auf rassis- Holocaust“) und wir bereits die erste
leichter Sprache für Menschen mit Lern- tische Parolen angesprochen, die im Person zusammen mit der Polizei des
schwierigkeiten verfasst. Damit sind In- Wartebereich des Reviers an der Wand Raumes verweisen mussten, mussten wir
formationen für Gedenkstättenbesucher standen, erwiderte, dies habe mich nichts um kurz nach sieben mit ansehen, wie
verfügbar, die außerhalb der Öffnungszei- anzugehen. ca. 20 organisierte Kameradschaftsnazis
ten kommen. omp, kobinet ■ Oder Hakenkreuze in Fluren, auf Na- den Raum betraten. Unter ihnen waren
mensschildern an Haftraumtüren – und auch Anführer der im letzten Jahr verbo-
Rassistischer Vorfall in Wärter gehen wochenlang daran vorbei. tenen Kameradschaft BASO und andere
Erst als ich darüber einen Artikel schrieb, stadtbekannte Nazieliten. Wir sahen uns
Halle? übertünchte man sie. daraufhin nicht mehr imstande, die Podi-
Wie das Neue Deutschland am 7.8.2006 Thomas Meyer-Falk, umsdiskussion noch durchzuführen, da
berichtete, gab es in der Justizvollzugs- www.freedom-for-thomas.de ■ wir nicht für die körperliche Unversehrt-
anstalt (JVA) Halle mutmaßlich einen heit unserer Gäste, ReferentInnen oder
rassistischen Vorfall. Ein Wärter soll ei- Naziübergriff auf Juso- auch unsere eigene garantieren konnten.
nen afrikanischen Untersuchungsgefan- Mit Hilfe der Polizei gelang es uns, die
genen beleidigt und misshandelt haben. veranstaltung Nazis aus den Räumen der AWO zu be-
Unter anderem habe er ihn als „Nigger“ Berlin. 20 Kameradschaftsnazis sorgten wegen, worauf diese sich vor dem Haus
beschimpft und ihm die Zellentüre in den für einen Abbruch einer Podiumsdiskus- versammelten und auf wegen eines S-
Rücken gerammt. Die Staatsanwaltschaft sion zur Bekämpfung von Rechtsextre- Bahndefektes zu spät gekommene Nach-

: antifaschistische nachrichten 18/2006 3


zügler warteten. Deshalb wuchs die Spontandemo vom S-Bhf Osdorfer Str. seiten der Nazis erdulden mussten. Das
Menge noch auf ca. 40 Nazis an. Richtung Lichterfelde Ost. Dies war un- werden wir uns nicht bieten lassen! Wir
Zusammen mit den ReferentInnen und seren Informationen nach die erste Neo- werden deshalb möglichst zeitnah eine
unseren Gästen beschlossen wir, uns zu nazidemo in Berlin-Lichterfelde seit dem kundgebungsähnliche Veranstaltung in
einem anderen Ort zu begeben, um ge- 2. Weltkrieg. Lichterfelde an einem historisch symbo-
meinsam eine Antwort auf diese Bedro- Diese Vorfälle reihen sich ein in eine lischen Ort organisieren und ein kraftvol-
hung und Provokation zu finden. Nach Menge anderer Pöbeleien, Beschädigun- les Zeichen setzen, dass Nazitum weder
längerem Warten marschierten die Neo- gen und Bedrohungen, die Jusos und an- hier noch woanders in Berlin, einen Platz
nazis unter lauten Sprechchören als dere Linke in diesem Wahlkampf von hat. http://www.jusos-suedwest.org ■

Kreisverwaltungsreferat
(KVR) in der Kritik
München. Obwohl die Mehrheit des
Stadtrats ein Verbot des Hess-Geden-
kens durch Neonazis gefordert hatte,
erlaubte das KVR den Naziaufmarsch
am 19.8. in München und es wurde auch
nicht eingeschritten, als Parolen gerufen
wurden wie „Rudolf Hess – von den
Besatzern ermordet“. Die Abgeordnete
der Linkspartei, Brigitte Wulf, hat des-
halb in einer Anfrage nachgehakt, wel-
che Maßnahmen gegen das KVR ergrif-
fen werden können, damit deren Sach-
verstand erhöht wird und Nazi-Kult in
Zukunft auch in München verboten
wird. ■

Kirchheim. Nach Informationen


aus Grünstadt ist die NPD am 22. Neonazis machen beim
August aus dem Kaufvertrag für
die „Alte Leininger Mühle“ in Grünstadt-
Kirchheim ausgestiegen. Auf den Notar-
Häuserkauf Rückzieher
kosten wird sie sitzen bleiben, da der Ver- Laut Spiegel wurde die Verwaltung von ist der vielfältige örtliche Widerstand, der
käufer, mit dem sie sich die Kosten teilen Grünstadt bei ihrem Vorgehen vom rhein- sich doch regt, ein positiver Ansatzpunkt.
wollte, pleite zu sein scheint – ebenso wie land-pfälzischen Innenministerium bera- Denn die Inflation neonazistischer Auf-
der als Käufer auftretende Neonazi Mee- ten, das mit Erkenntnissen des Verfas- marsch-Ankündigungen und auch Nie-
nen (Spiegel 34/06). Es scheint sich zu be- sungsschutzes auf die Erpressungsgefahr derlassungsdrohungen gerade in der „Pro-
stätigen, was schon mehrfach vermutet hinwies. Entscheidend war jedoch auch vinz“ stellen für die Antifa in den „Zen-
wurde: Die Neonazis sammeln zurzeit der Druck einer örtlichen Bürgerinitiative tren“ ein grundlegendes Problem dar: Am
Geld, indem sie den Widerstand gegen gegen das drohende Nazizentrum. Ende wird die Antifa, getrieben von ihrem
ihre drohende Dauerpräsenz in aufzukau- In diesem Fall kann man nun mit Be- Grundsatz „Keinen Fußbreit den Faschis-
fenden Häusern zu einem für sie vorteil- friedigung feststellen, dass der öffentliche ten – nirgendwo!“, von den Nazis regel-
haften Faktor in der Grundstücksspekula- Widerstand gegen das geplante Nazizen- recht in der Gegend herumgescheucht.
tion machen. In Zusammenarbeit mit fi- trum in der Mühle Erfolg hatte und nicht Die Nazis haben dies längst begriffen;
nanziell meist maroden Immobilieneigen- für erpresserische Spekulation miss- viele Ankündigungen erweisen sich im
tümern versuchen sie, überhöhte Fantasie- braucht werden konnte. Freilich ist die Nachhinein als offensichtliche Finten.
preise für deren meist auch marode Im- Region das Problem noch nicht ganz los: Dass auch hartgesottene Nazis nicht
mobilien in die Welt zu setzen. Wenn Erstens besteht für die „Alte Mühle“ ein immun sind gegen überall stattfindende
dann die erschreckte Bürgerschaft ihre je- zunächst bis Oktober befristeter Mietver- Proteste, zeigen da und dort bröckelnde
weilige Kommunalverwaltung auffordert, trag und zweitens gibt es auch in Altleini- Teilnehmerzahlen. Für den antifaschisti-
den Nazis durch Nutzung von Vorkaufs- gen Bestrebungen der Neonaziszene, das schen Widerstand empfiehlt sich daher,
rechten und/ oder durch Überbieten des alte Gasthaus „Zur Burg“ zu kaufen. diese örtlichen Initiativen zu unterstützen
lancierten Fantasiepreises zuvorzukom- Ein für den Widerstand gegen die beispielsweise mit den vorhandenen pro-
men, teilen sich im Erfolgsfalle Neonazis Neonazis interessanter Vorgang funden Kenntnissen über die Naziszene,
und Immobilienbesitzer die Einnahmen. ihr Vorgehen, ihre Untaten und ihre Ideo-
So schon mehrfach geschehen und in Del- Dass sich in den meisten Orten, wo Neo- logie. Das setzt allerdings auch mehr Be-
menhorst scheint die Situation ähnlich zu nazis mit Niederlassungsabsichten auftau- reitschaft voraus, mit solchen spontanen
sein. chen, örtlicher Widerstand regt, ist ein po- Widerstandsformen unterschiedlicher
In Grünstadt hat der Gemeinderat nun sitives Zeichen. Die Motive mögen im Färbung in Zusammenarbeit zu treten.
also das Vorkaufsrecht nicht gezogen, einzelnen oft mehr mit Furcht vor Image- Da die Neonazis in unserer Region im-
sondern stattdessen das Anwesen auch verlust zu tun haben als mit antifaschisti- mer mehr in die Fläche gehen („fünfmal
noch unter Denkmalschutz gestellt. Mit scher Grundüberzeugung. Aber es ist ja Odenwald an einem Samstag“), sollten
dem Fantasiepreis war nichts, stattdessen durchaus begrüßenswert, dass Naziprä- die Chancen einer besseren Zusammenar-
verbleibende Kosten für die NPD aus ei- senz offenkundig nicht der Imagepflege beit derer genutzt werden, die gegen die
nem gescheiterten Grundstückspoker. dient. Für die antifaschistische Bewegung Naziumtriebe eingestellt sind. tht ■

4 : antifaschistische nachrichten 18/2006


Im aktuellen Newsletter der Die Wahlen in Berlin – zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordneten-
AGRechtsextremismus/Antifa- versammlungen – am17.9.:
schismus der Linkspartei hat
Chr. Oberthür das NPD-Wahl-
programm für Berlin kommentiert.
Wir dokumentieren diesen Beitrag:
Zum Wahlprogramm der
Die NPD hat ihr Wahlprogramm für die NPD in Berlin
Wahl am 17. September als „Aktionspro-
gramm“ deklariert. Auf 20 Seiten teilt sie „fremde und dekadente“ Kunst und Kul- erhöhen würde. „Nichtdeutsche“ hätten
ihre „Ideen“ für ein deutsches Berlin mit. tur verschandelten das Stadtbild. Dieses natürlich im deutschen Sozialversiche-
Das Deckblatt ist in den Parteifarben müsse sich sowieso mehr an der Historie rungssystem nichts zu suchen und den
schwarz – rot – weiß gehalten und das – also am preußischen Baustil orientieren. Anspruch auf Asyl nach dem Grundgesetz
Programm in alter Rechtschreibung for- Warum? Weil man ja Preußen auch in ei- würde die NPD selbstverständlich beseiti-
muliert. ner Länderfusion zwischen Berlin und gen.
In der Präambel wird Deutschlands Un- Brandenburg wieder auferstehen lassen Die Polizei dagegen liegt der NPD be-
tergang, von außen verursacht, skizziert. will. Dazu werden dann all die Werte und sonders am Herzen. Diese muss überall
Gegen diesen und vor allem gegen die preußischen Tugenden aufgezählt sein und überall sein dürfen und dafür al-
Ausländer muss man Widerstand leisten (,‚Fleiß, Genügsamkeit, Sparsamkeit, les Gerät und Geld dieser Welt bekom-
und die bestehende Ordnung überwinden, Wehrhaftigkeit, Wagemut; Geistesfrei- men. Die Kriminellen bekommen auch et-
um sich hinterher als dienendes Glied in heit, Wahrhaftigkeit, Anständigkeit, – Ver- was, nicht nur höhere Strafen, sondern mit
eine Volksgemeinschaft einzufügen. lässlichkeit, Recht und Ordnung“), die etwas Pech vielleicht sogar die Todesstra-
Wie das gehen soll, erklärt dann das Berlin und ganz Deutschland brauchen, fe, die man sich populistisch nicht nur für
Notstandsprogramm eines nationalen Se- „um die verheerenden Schäden, welche Kindermörder sondern auch für Drogen-
nats für die Wiederherstellung einer deut- Marxismus und händler vorstellen kann. Grob fahrlässige
schen Ordnung für Berlin in einem natio- Liberalismus an- Entscheidungen von Politikern sollen
nalen Deutschland in vier Hauptpunkten. gerichtet haben, ebenfalls Straftatbestände werden. (Ob
Man hört förmlich das Hacken- Zusam- sich da nicht jemand sein eigenes Grab
menschlagen der braunen Marschierer bei schaufelt?)
der Verkündung. 5. „Schlussbetrachtungen“
1. „Auftrag Berlin“
Da NDP- Wahlprogramme zu wesentli-
Dieser besteht nach der NPD darin, dass chen Teilen zentral gefertigt werden,
Berlin als Hauptstadt, noch dazu als preu- überrascht es nicht, dass die „Schlussbe-
ßische, Deutschland führen muss. Dabei trachtungen“ wortwörtlich mit denen im
stören zu allererst die ganzen Ausländer, Wahlprogramm der NPD für die Land-
die das Stadtbild mit ihrer Kultur und was tagswahl in Mecklenburg - Vorpommern
sie sonst noch haben, verunstalten. Der übereinstimmen. Da werden dann – abge-
Deutsche ist also aufgerufen, sich Berlin kupfert bei den Linken – die Abschaffung
wieder neu zu gestalten. von Hartz IV gefordert, mehr Bürgerent-
2. „Arbeitsplatz Berlin“ Plakate und scheide und natürlich auch der Mindest-
Wahlkampfzei- lohn.
„Arbeit zuerst für Deutsche“ ist ja eine tung der NPD Schließlich dürfen im Programm die
altbekannte Forderung der NPD. Neu ist, für Berin Attacken gegen die Globalisierung, gegen
dass die NPD jetzt auch von Enteignung einen EU-Beitritt der Türkei und das
der Unternehmen und Mitbeteiligung der zu beseitigen und dem deutschen Volk Angstmachen vor einem neuen Auslän-
Arbeitnehmer spricht. Dann soll es wieder eine Zukunft zu sichern“. derzustrom nicht fehlen.
Zölle für ausländische Waren geben und 4. „Solidargemeinschaft Berlin“
die Wirtschaft sich dem Staat unterord- Zum Wahlkampf der NPD
nen. Der Mittelstand soll besonders geför- Unter „Gemeinschaft“ versteht die NPD
dert werden, vorrangig durch Gelder, die die „Volksgemeinschaft“, wie sie von den Mit erheblichem Aufwand ist inzwischen
bisher in den Kampf gegen Rechts und für Nazis gepredigt wurde, und in die sich der die Wahlkampagne der NPD angelaufen.
„antideutsche Gedenkstätten“ ausgegeben Einzelne einfügen muss. Dafür macht sich Im Berliner Straßenbild sind die Tausende
wurden. die Forderung nach größerer Förderung Plakate der Partei nicht zu übersehen. Ent-
3. „Heimat Berlin“ der Familie als kleinster Zelle dieser sprechend dem vor zwei Jahren getroffe-
„Volksgemeinschaft“ gut. Lebenspartner- nen Kooperationsabkommen mit der
Heimat kann Berlin nach den Auffassun- schaften dagegen haben nichts im veralte- DVU sind nicht nur Manuela Tönhardt
gen der NPD natürlich nur für Deutsche ten Weltbild der NPD zu suchen. Dafür und zwei weitere DVU-Vertreter auf der
sein. Integration ist für sie Schwindel und aber Kinder, viele deutsche Kinder, und Kandidatenliste für das Abgeordneten-
Integrationsgelder sind für sie hinausge- die sollen am besten schon in der Schule, haus, auch alle Plakate sind neben dem
schmissenes Geld. Ausländer werden abgetrennt von schwächeren und auslän- NPD-Logo zusätzlich mit dem DVU-Zei-
schrittweise ausgewiesen und Asylbewer- dischen Schülern mit dem ideologischen chen markiert. Den Kern der Plakataussa-
ber werden gnadenlos abgeschoben. Mief der NPD vollgepumpt und zur Her- gen bilden auch hier die Ausländerfeind-
„Multikultur“ bedeute Einheitsbrei. Hier renrasse herangezüchtet werden. lichkeit (Bild mit Kindergesichtern und
offenbart die NPD erneut ihren wahren Für alle Deutschen würde die NPD dem Text „Wir oder Zuwanderung“? ;
nationalistischen und fremdenfeindlichen dann auch die „Volksversicherung“ schaf- Bild mit Muslimen und deren Gepäck –
Charakter. fen, die unsere Krankenkassen ersetzen Text:““Gute Heimreise“). Daneben will
Sie erinnert hinsichtlich der Kultur soll (über die Privatversicherten wird eine die NPD die „Rote Karte für Rot-Rot“,
vielmehr an ihre Wesensverwandtschaft Aussage verweigert). Die Partei ver- plakatiert Bilder der Spitzenkandidaten
mit der Nazipartei, wenn sie unter Förde- spricht auch eine Grundrente von 900 mit allgemeinem Text (,‚Weiterdenken!“
rung der deutschen Kultur behauptet Euro, die sich mit wachsender Kinderzahl Udo Voigt). Sie hat eine Wahlkampfzei-

: antifaschistische nachrichten 18/2006 5


Fortsetzung von Seite 5
tung als Postwurf herausgegeben (eben-
falls unter „Weiterdenken!“ und mit Zu-
schnitt auf soziale Fragen, vor allem „Ar-
„Hoyerswerda – 15 Jahre
beit für Deutsche in Berlin!“), ferner ei-
nen „Hartz IV-Ratgeber“ mit der Über-
später“
schrift „Arbeitslos – aber nicht wehrlos!“ Demonstration am 23.9. zum Jahrestag der rassistischen Pogrome
und ein Nichtwählerflugblatt unter dem
Titel „Nicht meckern – Handeln!“. Im 15 Jahre ist es her, dass im säch- Dorffesten als alternativ aussehende Ju-
Fernsehen ist ein Werbespot der NPD mit sischen Hoyerswerda rassisti- gendliche Pöbeleien oder gewalttätige
gleichem Tenor zu sehen. Die Materialien sche Pogrome stattfanden, sich Angriffe fürchten.
werden auch an Infoständen der NPD an- von hier aus weiter ausbreiteten und In den vergangenen beiden Jahren wur-
geboten, wobei dort eine Reihe Wahlhel- weitgehenden Einschränkung des den zudem NPD- und JN-Strukturen auf-
fer aus anderen Bundesländern aufge- Asylrechts führten. Das regionale Anti- gebaut. Im Januar 2006 wurde der NPD
taucht sind. fabündnis ruft zu einer Demonstration Kreisverband Kamenz/Hoyerswerda in
Großen Wert legt die NPD darauf, in am 23.9. auf. Wir dokumentieren den Kamenz gegründet. Zum Kreisvorsitzen-
öffentliche Räume zu gelangen und so (sehr langen) Aufruf in kurzen Auszü- den wurde der selbstständige Handwerks-
ihre Gleichberechtigung mit den demo- gen, weitere Infos auf http://aag-hoy- meister Mario Ertel (Kamenz) gewählt.
kratischen Parteien zu demonstrieren. So erswerda.sytes.net Sein Stellvertreter ist der erst Anfang 20-
fanden Saalveranstaltungen in den Rat- jährige Robert Engler aus Hoyerswerda.
häusern von Tempelhof und Schöneberg Im Jahr 1991 kam es in Hoyerswerda, ei- Darüber hinaus gründete Robert Engler
statt (bei gleichzeitigem Bürgerprotest). ner Stadt im Osten Sachsens, zu den ers- im März einen JN-Stützpunkt in Hoyers-
Die Abschlusskundgebung der NPD ist ten rassistischen Pogromen der Nach- werda. Die Strukturen der JN und des
für den 12.9. im Rathaus Charlottenburg kriegszeit. ... 15 Jahre nach diesen Ereig- LAB sind inzwischen eng verflochten. Sie
geplant. Das Bezirksamt Friedrichshain- nissen ist es um so wichtiger daran zu er- beteiligen sich vor allem an Themenkom-
Kreuzberg hat zur Vorbeugung gegen die innern, zu mahnen und aktiven Protest in plexen, die für „Neunazis“ interessant
Begehren der NPD für die Zeit bis zur die Region zu bringen. Noch heute nimmt sind.
Wahl gleich alle öffentlichen Säle für Ver- Hoyerswerda keine AsylbewerberInnen Kommunale Politik
anstaltungen politischer Parteien gesperrt, mehr auf und rassistische Hetze ist an der
was nicht ohne Protest auch in den demo- Tagesordnung. Bei der Wahl 2005 wurde der gebürtige
kratischen Kreisen bleibt. Hoyerswerda - Die aktuelle Situation Kamenzer Henry Nietzsche (Ex-CDU) im
Erwartet wird, dass die NPD sich vor Wahlkreis Kamenz-Hoyerswerda-Gro-
allem noch einmal an die Jungwähler Einst eine blühende Arbeiterstadt der ßenhein trotz oder gerade wegen seinen
wenden wird, um mit Hilfe der sog. Lausitzer Braunkohle mit bis zu 70.000 untragbaren und antidemokratischen Äu-
„Schulhof -CD“ diese für die Stimmenab- Einwohner/innen, ereilte auch Hoyers- ßerungen, wie z.B. „In Deutschland kann
gabe zu Gunsten der NPD (vor allem für werda in den 90ern das Schicksal ostdeut- der Ali aus der letzten Moschee Zuflucht
die BVV-Kandidaten) zu gewinnen. scher Industriestädte. Die Arbeitslosigkeit nehmen“, die ihn bundesweit in die
stieg und mit ihr die Abwanderung in die Schlagzeilen brachten, als Direktkandidat
Zum Wahlkampf der westlichen Bundesländer. Verstärkt wurde mit 34,5% in den Bundestag gewählt. Mit
diese Entwicklung, neben den bundeswei- dem umstrittenen Slogan „Arbeit, Fami-
Republikaner ten Schlagzeilen über die Anschläge auf lie, Vaterland“ versuchte er ganz offen-
Trotz der Rivalitäten zwischen NPD und die AsylbewerberInnenheime 1991, durch sichtlich am rechten Rand auf Stimmen-
Republikanern scheint es eine Absprache den fast völligen Zusammenbruch der In- fang zu gehen. Doch das Konzept ging
zwischen beiden Parteien zu geben, um dustrielandschaft. nur teilweise auf, denn auch die NPD
die 3-Prozent-Hürde für den Einzug in die Seit Anfang des Jahres 2005 hat sich (6,5%) konnte 1,5% im Vergleich zur letz-
Bezirksparlamente zu überspringen. So die ohnehin schon schwierige Situation ten Wahl gutmachen.
tritt für die BVV die NPD nur in Neu- besorgniserregend verschlechtert. Sowohl Nicht verwunderlich ist, dass es bei
kölln, Tempelhof-Schöneberg, Treptow- NPD/ JN Strukturen, als auch Neonazis Veranstaltungen, wie zum Beispiel dem
Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und aus der Kameradschaftsszene sind, beflü- Konzert von Konstantin Wecker, zu Kom-
Lichtenberg an. Die ohnehin geschwäch- gelt durch die Ergebnisse der Landtags- plikationen kommt, denn jede/r will „die
ten Republikaner „bescheiden“ sich dafür wahlen 2004, an die Öffentlichkeit getre- Geschichte ruhen lassen“.
auf das Antreten in Berlin-Mitte, Pankow, ten und versuchen zunehmend an Einfluss Wir fordern, dass antifaschistische In-
Reinickendorf; Steglitz-Zehlendorf; zu gewinnen. Doch auch über politisch halte und Arbeit in Zukunft wieder stärker
Spandau und Friedrichshain-Kreuzberg. organisierte Neonaziaktivitäten hinaus ist gefördert werden und dass vor allem anti-
Auch die Wahlplakate der REP sind mensch in Hoyerswerda z.B. in der loka- faschistische Aufklärungsarbeit ein fester
von Nationalismus und Ausländerfeind- len Einkaufspassage „Lausitz Center“ mit Bestandteil von Jugend-, Kultur- und poli-
lichkeit geprägt (,‚Unser Volk zuerst!“). einem breit gefächertem Angebot an tischer Arbeit in Hoyerswerda wird.
In einer Presseerklärung tönt der stell- „Thor Steiner“-Produkten im Jeansge- AAG Hoyerswerda, Antifa Lausitz, Au-
vertretende Bundesvorsitzende der REP, schäft „Blue Dreams“ konfrontiert, findet tonome Antifa Finsterwalde, LeA - Leip-
Björn Clemens (Kandidat in Friedrichs- gelegentlich eine „Deutsche Stimme“ im ziger Antifa, AG Dresden,Antifa Dresden
hain-Kreuzberg): „Für uns hat Kreuzberg Briefkasten, oder muss auf Stadt- und http://antifa-hoyerswerda.sytes.net ■
einen hohen Symbolwert. Kreuzberg ist
zum Synonym der Überfremdung gewor-
den. Deshalb muss gerade dort der Kampf
aufgenommen werden. Wir wollen errei-
chen, dass Friedrichshain ein deutscher
Bezirk bleibt und Kreuzberg wieder einer
wird.“
aus dem Newsletter der AG Rechtsex-
tremismus/Antifaschismus der Linkspar-
tei.PDS, Antifa aktuell 8/2006 ■

6 : antifaschistische nachrichten 18/2006


Die rechtsextreme „Bürgerbe-
wegung pro Köln, die seit den
Kommunalwahlen 2004 mit
„Kein Bock“ auf die „Jugend-
Fraktionsstärke im Kölner Stadtrat
vertreten ist, versucht seit einigen
offensive“ von „Pro Köln“
Monaten verstärkt Jugendliche in die Gedankengut entspringt aus der „Mitte“ Für uns ist das Abschneiden von „pro
Partei zu integrieren. Hierfür wurde der Gesellschaft und ist auch unter Kölner Köln“ bei der nächsten Kommunalwahl
ein „Jugendarbeitskreis“ gegründet, SchülerInnen vorhanden. Darum ist es un- im Jahr 2009 entscheidend, deshalb ist
der in den letzten Wochen 3000 seres Erachtens wichtig, neben einer ent- unsere Aktion auch langfristig angelegt.
Exemplare seiner rassistischen und schlossenen Ausgrenzung von Rechtsex- Man wird gegen „Pro Köln“ aber nur
nationalistischen Schülerzeitung „Ob- tremen auch gegen ihren inhaltlichen dann effektiv vorgehen können, wenn
jektiv“ an Kölner Schulen verteilte. Schwachsinn vorzugehen. neben konkreten Aktionen auch eine
Als Reaktion darauf hat sich eine anti- kontinuierliche inhaltliche Aufklärungs-
faschistische Kampagne gegründet. Wie waren die Reaktionen von Schüle- arbeit geleistet wird. Deshalb haben wir
Hierzu ein Interview mit Lisa M., Pres- rInnen auf eure Verteilaktionen? gerade mit der Arbeit an einer Infobro-
sesprecherin der Kampagne „Kein schüre über den rechten Rand in Köln
Bock auf Pro Köln“ Die meisten SchülerInnen fanden es gut, begonnen und werden auch unsere Inter-
dass von antifaschistischer Seite auf sie netseite zu einem umfassenden Informa-
Ihr habt zeitgleich zu der rechten Vertei- zugegangen wird. Besonders dort, wo tionsportal ausbauen. Außerdem bereiten
laktion die Schülerzeitung „Kein Bock Pro Köln bereits verteilt hatte, gab es ein wir gerade einige Infoveranstaltungen
auf Nazis“ und Infobroschüren über reges Interesse. Einige vertraten aller- für Schulen und Jugendzentren vor.
„pro Köln“ an Schulen verteilt. Was war dings auch die Auffassung, dass die
das Ziel eurer Aktion? Schule ein „politisch neutraler Raum“ Wie kann man euch unterstützen?
sei und sie deswegen weder von Rechten
Pro Köln hatte versucht, sich ein Bild der noch von Linken Infomaterial annehmen Zum einen, indem man auf unsere Kam-
Seriosität mit bürgerlichen Anzeigenkun- würden. pagne in den verschiedensten Zusam-
den zu verschaffen und ihre rassistische In den Diskussionen mit diesen Schü- menhängen aufmerksam macht und im
Hetze in dem Blättchen zwischen harmlo- lerInnen zeigt sich leider auch sehr häu- Internet unsere Homepage fleißig ver-
sen Artikeln über Freizeitthemen zu ver- fig, dass genau diese so „neutralen“ linkt. Zum anderen, freuen wir uns natür-
stecken. In unserem Infomaterial haben Menschen dazu tendieren, rassistische lich über Einladungen von Organisatio-
wir neben einer grundsätzlichen Erklä- und nationalistische Auffassungen zu tei- nen und Gruppen, die gerne etwas über
rung, wer Pro Köln ist, zu den einzelnen len. Positiv überrascht hat uns aller- „Pro Köln“ und unsere Arbeit erfahren
rassistischen und nationalistischen Arti- dings, dass es bei vielen Jugendlichen In- würden. Außerdem wird es in Zukunft
keln inhaltliche Gegenartikel angeboten. teresse an linker Politik gibt. sicher noch viele Aktionen geben, an de-
Uns war wichtig, dass es nicht nur bei ei- nen man sich auch aktiv beteiligen kann.
ner Skandalisierung und Nichttolerierung Wie will die Kampagne „Kein Bock auf Wenn ihr Kontakt mit uns aufnehmen
der rassistischen Hetze von Pro Köln Pro Köln“ weitermachen, was sind eure wollt, mailt einfach an
bleibt. Rassistisches und nationalistisches Ziele für die Zukunft? keinbockaufprokoeln@gmx.net.

„Pro Köln“ Allerdings


wirbt mit haben sie diese
tschechischem Bildrechte nicht
an die geilen
Erotikmodell Deutschen aus
Wie aus obigem In- Köln abgetreten
terview deutlich und waren auch
wird, sorgt die rech- nicht besonders
te „Bürgerbewe- entzückt, als sie
gung pro Köln“ darauf aufmerk-
momentan bundesweit mit ihrer rassistischen und nationalisti- sam gemacht wurden, für wen mit ihrem Bildmaterial gewor-
schen Schülerzeitung „Objektiv“ für Schlagzeilen. Der men- ben wird.
schenverachtende Inhalt dieses Blattes zeigt sich zum Beispiel http://de.indymedia.org/2006/08/155564.shtml
an einem Artikel, der eine fiktive Szene beschreibt, in der http://www.2spreeblick.com ■
Hauptschüler Ali, beispielhaft für alle Türken, als abstoßendes
Sexmonster dargestellt wird und die arme deutsche Jessica ver- Juristische Unterstützung
gewaltigen will. Zitat: „Oh Mann, scheiße Alter: geile Braut –,
die einmal ficken, man, das wäre geil: Ihr Arsch, die dicken Tit- Die vom Brandenburger Innenministerium verbotene Neona-
ten, die Haare, – das geht ab ... Sie ist allein ..., – also ran Alter, ziorganisation „Schutzbund Deutschland“ klagt gegen ihr Ver-
worauf wartest du noch.“ Zwei Seiten vorher findet sich eine bot vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Ju-
ganzseitige Anzeige, in welcher der „pro Köln“-Nachwuchs ristisch vertreten wird er dabei von dem Rechtsanwalt Markus
mit dem Foto einer jungen blonden Frau im kurzen Minirock Beisicht aus Leverkusen, dem Vorsitzenden von „Pro Köln“.
und dem Slogan „Deutsch ist Geil“ um Mitstreiter wirbt. Der Schutzbund Deutschland wurde am 4. Juli verboten. In-
Wie sich der „Jugendarbeitskreis“ zu diesen perversen Phan- nenminister Schönbohm betonte, dass der Schutzbund pro-
tasien inspirieren ließ, wurde nun bekannt. Denn bei der jungen grammatisch an das 25-Punkte-Programm der NSDAP an-
Frau auf dem Bild handelt es sich keineswegs um eine deutsche knüpfe. Im Internet hatte der Verein für die Aufstellung von
Pro-Kölnerin, sondern um ein tschechisches Erotikmodell, Schildern mit der Aufschrift „Stop – No Go Area“ als „War-
welches einen Exklusivvertrag mit den Betreibern einer nieder- nung für ausländische Gäste“„ geworben.
ländischen Website besitzt. Diese haben auch das alleinige Quelle: Berliner Morgenpost, 18.8.06;
Copyright für die Bilder inne. Die Welt 5.7.06 ■

: antifaschistische nachrichten 18/2006 7


Das Ulrichsbergtreffen –
Rechtsextremes Gedenken und soldatische Traditionspflege in Österreich
AK gegen den Kärntner Konsens

Seit 1958 treffen sich jedes Jahr SS-Angehöriger aus Deutschland, Nor- hauers Arno Breker, dass dieser in den
im Herbst Veteranen der Wehr- wegen, Belgien, Finnland, Frankreich, 1960er Jahren der Ulrichsberggemein-
macht und (Waffen-) SS, Ange- Schweden, Dänemark, Italien und den schaft geschenkt hatte, findet seinen
hörige des Bundesheers, sowie Politiker Niederlanden an. Aus Deutschland kom- Platz im „Ehrenhain“.
(nahezu) aller Parteien bei der „Europa- men für gewöhnlich Mitglieder der „Or- Im Jahr 2005 veranstaltete der „AK
Heimkehrergedenkstätte“ am Ulrichs- densgemeinschaft der Ritterkreuzträ- gegen den Kärntner Konsens“ – ein loser
berg in Kärnten/Koroska, dem südlichs- ger“, der „Hilfsgemeinschaft auf Gegen- Zusammenschluss von antifaschistischen
ten Bundesland in Österreich. Bei die- seitigkeit ehemaliger Angehöriger der Gruppen und Einzelpersonen – erstmals
sem, vermutlich größten Treffen ehema- Waffen-SS“ (HIAG) oder der „Stillen in und um Klagenfurt/Celovec Antifa-
liger „Freiwilliger“ im deutschsprachi- Hilfe“. Zu den regelmäßigen Gästen schistische Aktionstage gegen das Ul-
gen Raum, wird gefallenen Kameraden zählten dementsprechend in der Vergan- richsbergtreffen. Seit einigen Jahren wa-
und ihrer „anständigen Pflichterfüllung“ genheit die Nazi-Ikone Florentine Rost ren dies wieder die ersten öffentlichen
im Kampf für ein „freies Europa“ ge- van Tonningen und deren enge Freundin, Proteste gegen das Ulrichsbergtreffen, an
dacht. In der antislowenischen Tradition Himmler-Tochter Gudrun Burwitz, oder denen rund 150 AntifaschistInnen teil-
Kärntens wird auch der vermeintlichen aber auch der in Dänemark wegen Mor- nahmen. Während der 3-tägigen Akti-
„Opfer“ der slowenischen PartisanInnen des an einem Antifaschsiten zum Tode onstage gab es mitten in der Klagenfurter
gedacht, ihr antifaschistischer Beitrag verurteilte Obersturmbannführer und Innenstadt einen Infopoint, der den Ul-
zur Befreiung vom Nationalsozialismus Ritterkreuzträger Sören Kam. Das Tref- richsbergfahrerInnen natürlich ein Dorn
sowie die „Aussied- im Auge war und von Neona-
lung“, die Deportation zis, die für das Ulrichsberg-
der Kärntner SlowenIn- treffen angereist waren, atta-
nen in Konzentrationsla- ckiert wurde. Neben einem
ger jedoch völlig negiert. Filmabend war ein zentraler
Organisiert werden Programmpunkt eine Zeit-
die Feierlichkeiten am zeuginnen-Veranstaltung mit
Ulrichsberg vom „Verein Ana Zablatnik, einer Kärnt-
für die Heimkehrerge- ner Slowenin, die 1944 we-
denkstätte Ulrichsberg“ gen Unterstützung der Parti-
(kurz Ulrichsbergge- sanInnen von der Gestapo
meinschaft), der einen verhaftet wurde und einem
Zusammenschluss aus Gedenktafeln für den „Abwehrkämpferbund“ und die „Kameradschaft IV“ Zeithistoriker von der Univer-
Kameradschaftsverbänden ehemaliger fen zieht jedoch nicht nur die alte Gene- sität Klagenfurt/Celovec.
Gebirgsjäger und SS-Angehöriger, ration an, sondern soll auch als Brücken- Nicht ganz unberührt von den Protes-
deutschnationalen Heimatschützern und schlag für junge Neonazis dienen. So ten verlief die Ulrichsbergfeier selbst. So
rechtsextremen Landsmannschaften dar- wurde letztes Jahr der Saalschutz bei der distanzierte sich der Parteiobmann der
stellt. Eine zentrale Rolle in der Gemein- Veranstaltung u.a. von deutschen Nazi- ÖVP Kärnten, Josef Martinz, in seiner
schaft nimmt bis heute die Kamerad- skinheads übernommen. Weitere Neona- Festrede klar von der Waffen-SS. Dies
schaft IV (K IV), die österreichische Ve- zis dürften aus Österreich, Deutschland, stellte zumindest am Ulrichsberg eine
teranenorganisation ehemaliger Angehö- den Niederlanden und Frankreich ange- Premiere dar, die unter den Anwesenden
riger der Waffen-SS, ein. Der selbstge- reist sein. Prominenters Teilnehmer am Kameraden dementsprechend auch für
wählte Name K IV beruht auf dem Ver- Treffen in Krumpendorf war in der Ver- hör- und sichtbare Entrüstung sorgte.
such, die Waffen-SS, die vom Nürnber- gangenheit aber wohl der Kärntner Lan- Selbst der Präsident der Ulrichsberg-
ger Gerichtshof als verbrecherische Or- deshauptmann Jörg Haider, der 1995 den gemeinschaft, der ehemalige sozialde-
ganisation verurteilt wurde, als vierten anwesenden SS-Freiwilligen seine Aner- mokratische Vizelandeshauptmann, sah
Teil der Wehrmacht und somit als „harm- kennung dafür aussprach, dass sie ihrer sich nach Abschluss der Festrede genö-
los“, hinzustellen. „Überzeugung bis heute treu geblieben“ tigt spontan das Wort zu ergreifen, sich
Obwohl gegen diese Kameradschaft wären. von seinem Festredner zu distanzieren
bereits 1992 eine Überprüfung durch das Jörg Haider selbst war darüber hinaus und den Anwesenden zu versichern, dass
österreichische Innenministerium einge- auch schon mehrmals Festredner bei der auch weiterhin ehemalige SS-Angehöri-
leitet wurde und sie einem Verbot durch zentralen Gedenkfeier am Ulrichsberg ge am Ulrichsberg willkommen wären.
freiwillige Selbstauflösung des Bundes- selbst. Die sogenannte „Heimkehrerge- Vom 15. bis zum 17. September 2006
verbandes zuvorkam, existieren in ganz denkstätte“ am Ulrichsberg besteht dabei finden daher wieder Gegenaktivitäten
Österreich nach wie vor aktive Ortsgrup- im Wesentlichen aus einem rund 30 Me- gegen das traditionelle Ulrichsbergtref-
pen. ter hohen Stahlkreuz und einer Kirchen- fen statt. Auf dem Programm stehen ein
Einen Tag vor dem Ulrichsbergtreffen ruine, die einen „Ehrenhain“ beherbergt. ZeitzeugInnen-Gespräch, Kundgebun-
wird traditionell von der K IV in Krum- Darin befinden sich vor allem Tafeln in gen und ein Stadtspaziergang in Klagen-
pendorf bei Klagenfurt/Celovec eine in- Gedenken an den „Kärntner Abwehr- furt/Celovec, der uns zu Orten der Täte-
offizielle Auftaktveranstaltung zu den kampf“, diverse „vertriebene Volksdeut- rInnen und an Stellen, an denen noch
Feierlichkeiten unter Ausschluss der Öf- sche“, sowie verschiedene Gebirgsjäger- heute positiv an die NS-Zeit erinnert
fentlichkeit organisiert. Bei diesem Tref- und SS-Einheiten und Kameradschaften wird, führen soll.
fen reisen nicht nur Gäste aus ganz Ös- – darunter auch Tafeln, die polizeilich Nähere Informationen gibt es unter:
terreich sondern auch Delegationen und verboten, aber bis heute nicht entfernt www.u-berg.at
Kameradschaften ehemaliger freiwilliger wurden. Auch ein Relief des NS-Bild- AK gegen den Kärntner Konsens ■

8 : antifaschistische nachrichten 18/2006


Kommt es zur Wiedervereini- Wähler bemühen, sondern eher um bürger- vom 3./4. September). Das dürfte nicht ge-
gung der französischen extre- lich-konservative Milieus; Peltier nannte nügen. Deswegen überlegt die Partei be-
men Rechten? Zumindest in den konkret Mittelständler, die Jägerlobby reits, einen Brief an die Bürgermeister und
Wahlurnen zeichnet sich dies, zu An-
fang des Wahlkampfs für das „Super- „und allgemein die Landbevölkerung“. die Öffentlichkeit aufzusetzen – in dem ex-
wahljahr“ 2007 (mit den Präsident- (Vgl. ,Le Monde‘ vom 12. Juli: „De Vil- plizit festgehalten würde, dass jene, die
schaftswahlen im April, und den Parla- liers erntet nicht die Früchte seiner Radika- „im Namen der Demokratie“ ihre Unter-
mentswahlen im Juni), zur Zeit ab. Or- lisierung.“) Das hinderte de Villiers freilich schrift abgeben, damit auf keinen Fall die
ganisatorisch dürfte es erheblich nicht daran, am Wochenende des 8./9. Juli Ideen des FN unterstützen.
schwieriger, wenn nicht gar ausge-
schlossen sein.
FRANKREICH:
Voraussichtlich Ende September 2006
wird es zu einem Treffen zwischen den bis- Vor einem Bündnis
lang verfeindeten und einander abgrundtief
hassenden rechtsextremen Parteien FN
(Front national) und MNR (Mouvement
Le Pen/Mégret?
national républicain, „Nationale und repu-
blikanische Bewegung“) kommen. Dies auf Sympathiewerbe-Tournee durch bishe- Bruno Mégret behauptet seinerseits, 150
kündigte die Tageszeitung ,Le Figaro‘ in rige Hochburgen des FN zu ziehen (in Aix- Versprechen von Unterstützungsunter-
ihrer Ausgabe vom 26./27. August an. en-Provence und Perpignan bemühte er schriften in die Waagschale werfen zu kön-
Bei dem Treffen wird es um die Frage sich um die Stimmen ehemaliger Algerien- nen. Aber beim größeren Bruder, dem FN,
eines Bündnisses für die kommenden Prä- franzosen; vgl. ‘Libération’ vom selben ist man diesbezüglich skeptisch. Vor allem
sidentschafts- und Parlamentswahlen im Datum). Und in einem Interview mit der Marine Le Pen (die Tochter des Chefs und
Frühjahr 2007 gehen. Gegenüber ,Libérati- Boulevardzeitung ‘France Soir’ den politi- nicht unwahrscheinliche Nachfolgerin)
on‘ (vom 1.9.06) wie schon zuvor anläss- schen Unterschied zum FN-Chef so zu be- und ihre Umgebung machen geltend, dass
lich der Abschlussrede bei der Sommeruni- nennen: „Le Pen ist (d.h. verkörpert, Anm. viele der Unterschriften, die Mégret 2002
versität des MNR, in Castelsarrasin am 27. AN) die Vergangenheit, ich bin die Zu- gehabt habe und die ihm damals die Kan-
August kündigte Bruno Mégret ein Ab- kunft“ (Ausgabe vom 8. Juli). didatur erlaubten, just von Leuten stamm-
kommen „bis im Oktober“ dieses Jahres Philippe de Villiers möchte auf jeden ten, „die Le Pen auf keinen Fall im zweiten
an. Bei der heutzutage mit Abstand größ- Fall zur Präsidentschaftswahl kandidieren, Wahlgang sehen mochten“. Die also, durch
ren Partei, dem Front National, hingegen und erklärte sich klar nicht interessiert am ihre Unterstützung für Mégret, gerade den
reagierte man reservierter. Angebot Le Pens für eine politische Alli- mit Abstand aussichtsreicheren rechtsex-
Die mögliche, aber noch nicht gesicher- anz. Zumal die Ausgangsbedingung, die tremen Kandidaten hätten schwächen wol-
te Einigung zwischen den beiden Parteien der FN-Chef aufstellte, lautete, dass es eine len. Im Hintergrund steht allerdings auch
wäre eine Folge des Angebots von Jean- „Einheitskandidatur“ – natürlich die seini- die Tatsache, dass gerade die „Modernisie-
Marie Le Pen vom April 2006, für die ge – der „Union der Patrioten“ zur Präsi- rer“ der rechtsextremen Partei – Marine Le
kommenden Präsidentschafts- und Parla- dentschaftswahl geben könne. Hinterher Pen und ihr Umfeld, dazu zählt der 36-jäh-
mentswahlen eine „Union patriotique“ zu könne man dann über die Aufteilung der rige Generalsekretär des FN Louis Aliot –
formen. Damals hatte Le Pen ein Bündnis- Wahlkreise zur Parlamentswahl miteinan- keinen Bedarf an den „Rassialisten“ (racia-
angebot lanciert, das sich sowohl an die der reden... listes) verspüren, deren Ideologien ihnen
kleineren rechtsextremen Parteien als auch Bruno Mégret dagegen zeigte sich an Le ihr schönes Projekt einer „zeitgemäßen“
– und wohl vor allem – an die Anhänger Pens Bündnisangebot interessiert. Er dürf- und durch die Wirtschaft freundlich be-
des Rechtskatholiken Philippe de Villiers te auch keinerlei andere Wahl haben: An- trachteten Partei zerstören könnten. Der
vom MPF (Mouvement pour la France, gesichts des Schuldenbergs, auf dem das MNR schleppt aber wohl immer noch sol-
„Bewegung für Frankreich“) richtete. gescheiterte Parteigründungsprojekt MNR che Anhänger eines unzweideutigen biolo-
De Villiers steht zwar ideenmäßig der sitzt, kann der Mann sich Pläne für eine gischen Rassismus mit sich herum, die dort
klassischen extremen Rechten ferner als Le Präsidentschaftskandidatur definitiv ab- zumindest in der Anfangsphase seiner
Pen und Mégret, aber bricht seit circa an- schminken. Bei der vorigen Präsident- Gründung durch Abspaltung vom FN
derthalb Jahren in ihr Wählerpotenzial ein. schaftswahl hatte Mégret auch nur 2,3 Pro- (1999) in größerer Anzahl waren als beim
Und er versucht seit Sommer 2005 auch zent der abgegebenen Stimmen (im ersten „klassischen“ FN.
explizit, dem FN seine Anhänger, Mitglie- Wahlgang) erhalten. Marine Le Pen (laut „Le Monde“, 1.9.)
der und auch Kader abzuwerben; circa Hingegen kann der MNR geltend ma- und Louis Aliot („Libération“ vom 1.9.)
3.000 Mitglieder soll er auf diesem Wege chen, dass es Le Pen an einigen der erfor- predigen deshalb eine Bündnispolitik, die
auch für den MPF gewonnen haben. (Wir derlichen Unterstützungsunterschriften für lediglich ein „Rückzugsabkommen zu-
berichteten ausführlich in AN.) Deshalb, eine Präsidentschaftskandidatur mangeln gunsten des bestplatzierten Kandidaten“
weil de Villiers ihm also potenziell gefähr- könne. Um antreten zu können, muss ein für den zweiten Wahlgang vorsieht. Also
lich zu werden drohte, richtete Le Pen Kandidat – circa 14 Tage vor der Wahl – einen Rückzug des schlechter platzierten
wohl auch das Bündnisangebot an ihn. mindestens 500 Unterschriften von Man- Kandidaten der extremen Rechten zwi-
Im Moment hat sich dieses Problem al- datsträgern (vom Bürgermeister bzw. Ab- schen dem ersten Wahlgang und der Stich-
lerdings tendenziell erledigt: Laut aller- geordneten in einem Bezirksparlament an wahl. Um aber in die Stichwahl zu gelan-
jüngsten Umfragen dümpelt Philippe de aufwärts) hinterlegen können. Aufgrund gen, muss man die Stimmen von mindes-
Villiers bei nur 2 Prozent der Stimmabsich- des in Frankreich bei den meisten Urnen- tens 12,5 Prozent der Wahlberechtigten
ten in der Wählergunst dahin, während Le gängen geltenden Mehrheitswahlrechts ha- (nicht der abgegebenen Stimmen) in der
Pen irgendwo zwischen 10 und 15 Prozent ben kleinere, aber auch mittelgroße Partei- ersten Runde auf sich vereinigen. Diese
steht. Deshalb verkündete der Rechtska- en damit u.U. bedeutende Schwierigkeiten. Bedingung erfüllte der FN bei der letzten
tholik und Graf de Villiers (bzw. sein Ge- Le Pens Kandidatur im Jahr 2002 wäre Parlamentswahl 2002 nur in circa 50 Wahl-
neralsekretär Guillaume Peltier, der selbst beinahe an diesem Erfordernis gescheitert. kreisen von insgesamt 577 – der MNR er-
von 1998 bis 2001 der Jugendorganisation Zur Zeit hat Le Pen, nach den zur Verfü- füllte sie gar nirgendwo. Die Frage, auf die
des FN angehörte) Anfang Juli auch, nun- gung stehenden Informationen, „über 300 dieses „Angebot“ antworten soll, wird sich
mehr werde er sich nicht mehr vorrangig Versprechen“ für zukünftige Unterstüt- also mutmaßlich überhaupt nicht stellen.
um die Stimmen ehemals rechtsextremer zungsunterschriften (vgl. „Le Monde“ Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 18/2006 9


Entschädigung für sche Militärinternierte und sowjetische die Strafbarkeit der Mitgliedschaft in der
griechische NS-Opfer Kriegsgefangene entschädigt werden. Wehrmacht behauptet, sondern auf über-
Diese Opfergruppen, die mehrere hun- lebende mutmaßliche Täter hingewiesen,
Am 28. September 2006 wird vor dem derttausend Menschen umfassen, waren die an ganz bestimmten Tagen bestimm-
Europäischen Gerichtshof in Luxemburg bei der Entschädigung durch die Stiftung ten Einheiten angehörten und mutmaß-
eine Verhandlung stattfinden, die für alle „Erinnerung, Verantwortung und Zu- lich an bestimmten Untaten beteiligt wa-
europäischen NS-Opfer von größter kunft“ bewusst ausgeschlossen worden. ren, wenn sie nicht gerade allesamt im
Wichtigkeit ist. Der Bundesverband fordert außerdem Lazarett oder im Urlaub weilten, womit
Worum geht es? Das Oberlandesge- eine Härtefallregelung für diejenigen, die nicht zu rechnen ist. Es bleibt also erfor-
richt Patras/Griechenland hat über die zwar sachlich entschädigungsberechtigt derlich, auf Ludwigsburg, die Justizmi-
Entschädigung der Opfer und Hinterblie- wären, aber aus formalen Gründen abge- nister der Länder und die Staatsanwalt-
benenen des Massakers von Kalavryta zu lehnt wurden. schaften vor Ort weiter zu drängen: Be-
entscheiden, des folgenschwersten Mas- In weiteren Anträgen beschloss die Mit- strafung der Täter, Entschädigung der
sakers der Deutschen im besetzten Grie- gliederversammlung des Bundesverban- Opfer. Ulrich Sander ■
chenland. Der Prozess in Patras ist eines des die Forderung, dass die Interessen Hier der Antwortbrief des Leiters
der vielen in Griechenland derzeit noch der Überlebenden auch weiterhin im der Zentralstelle im Lande Nord-
anhängigen Verfahren, in denen NS-Op- Vordergrund der Tätigkeit der Stiftung rhein-Westfalen für die Bearbeitung
fer auf Entschädigung klagen. In Grie- „Erinnerung, Verantwortung und Zu- von nationalsozialistischen Massen-
chenland wird eine positve Entscheidung kunft“ stehen müssen sowie eine Kampa- verbrechen bei der Staatsanwalt-
schaft Dortmund
derzeit durch ein Urteil des obersten gne zur Unterstützung der NS-Opfer in
Sondergerichts blockiert, welches Osteuropa. Die Neufassung des so ge- Az.: 45 AR 37 /06
Deutschland bei Prozessen von NS-Op- nannten „Ghetto-Rentengesetzes“, des- Ermittlungsverfahren 45 Js 34/64 StA
fern in Griechenland Staatenimmunität sen Anwendung Zehntausende von einer Dortmund wegen Kriegsverbrechen auf
gewährt, daher ruhen viele der Verfahren. Rentenzahlung ausschließt, war ebenso der Insel Kefalonia/Griechenland im
Auf Antrag der Kläger hat das Gericht eine Forderung wie das Verlangen nach September 1943
in Patras im letzten Jahr dem EuGH die regelmäßigen Kurmaßnahmen für alle Ihr Schreiben vom 9. 8. 2006
Frage vorgelegt, ob sich Deutschland in NS-Opfer. Sehr geehrter Herr Sander,
Fällen von Kriegsverbrechen tatsächlich Die wieder- seit der Wiederaufnahme der Ermittlun-
auf Staatenimmunität stützen darf und ob gewählte Vor- gen am 12.09.2001 sind hier über 3 500
die griechischen Gerichte entscheidungs- sitzende Regina Personen, darunter auch die von Ihnen
befugt sind. Sollte sich der EuGH der Suderland zog benannten, überprüft und – soweit sie
Auffassung der Kläger anschließen, dass in ihrem Sach- noch leben – vernommen worden.
nämlich im Fall von Kriegsverbrechen bericht ein po- Die Darstellung der übrigen in dem
der Grundsatz der Staatenimmunität sitives Fazit der oben genannten Ermittlungsverfahren
nicht anwendbar ist, dann wäre der Weg Verbandsarbeit: durchgeführten sehr umfangreichen Er-
für alle NS-Opfer aus EU-Ländern frei, sehr gut entwi- hebungen würde den Rahmen dieser
Deutschland auf Schadensersatz zu ver- ckelt sich das Mitteilung sprengen.
klagen. Umgekehrt, wenn der EuGH Erzähl- und Be- Zur Frage der Anklageerhebung: Die-
Deutschland Staatenimmunität zubilli- gegnungscafé se erfolgt, wenn die Ermittlungen dazu
gen würde, wären Klagen im Ausland für NS-Verfolg- genügenden Anlass bieten. Tatsächlich
praktisch nicht mehr möglich. te in Köln, das mittlerweile zu einer fes- liegen zureichende tatsächliche Anhalts-
Mit der zu erwartenden Entscheidung ten und intensiv nachgefragten Einrich- punkte für heute noch verfolgbare Straf-
steht also eine Weichenstellung an, die tung geworden ist. Auch das seit gut ei- taten vor. Es fehlt nur – mit einer Aus-
äußerst weitreichend ist. Ein Urteil, dass nem Jahr laufende Projekt „Anpassung nahme – an bestimmten noch lebenden
die Staatenimmunität einschränkt, hätte der Versorgungssysteme der Altenhilfe Personen, denen die konkrete Beteili-
natürlich auch Auswirkungen für aktuel- an die Erfordernisse älterer NS-Verfolg- gung an konkreten mordqualifizierten
le und zukünftige Kriege und Verbre- ter“ ist ein großer Erfolg, an den sich Tötungshandlungen mit der zur Anklage-
chen. Der EuGH hat diese Bedeutung of- Folgeprojekte anschließen werden. erhebung erforderlichen Sicherheit nach-
fenbar erkannt und relativ früh eine öf- Weitere Informationen: gewiesen werden kann.
fentliche Verhandlung angesetzt. BUNDESVERBAND INFORMATION & Hinsichtlich der zitierten Ausnahme
Außerdem wurde mehreren europäi- BERATUNG FÜR NS-VERFOLGTE e.V. ist allerdings die bayerische Justiz zu-
schen Ländern Gelegenheit zur Stellung- Mailto: info@nsberatung.de ■ ständig, an die die Vorgänge insoweit ab-
nahme geboten, nicht nur Deutschland. gegeben worden sind.
AntifaschistInnen wollen auch öffent- Im Übrigen bemerke ich, dass die Zu-
lich vor Ort präsent zu sein und evtl. eine Staatsanwaltschaft Dort- gehörigkeit zu Wehrmachtseinheiten, die
kleine Kundgebung in Gerichtsnähe an Kriegsverbrechen beteiligt waren, für
durchführen. Näheres zu Ort, Beginn mund findet keine Täter einen strafrechtlichen Schuldvorwurf
und Ablauf über AK-Distomo Hamburg. mehr nicht ausreicht. Das Strafgesetzbuch be-
ak-distomo@nadir.org ■ Die VVN-BdA NRW erhielt jetzt eine straft die schuldhafte Tat. Das heißt, dass
Antwort von der Staatsanwaltschaft dem einzelnen Täter durch ein Bewer-
Bundesverband fordert Dortmund in Sachen Bestrafung von tungsurteil über ihn eine Tat zum Vor-
Kriegsverbrechen der Gebirgstruppe. wurf gemacht werden muss. Zum Begriff
Entschädigung für ausge- Diese Antwort (siehe unten) stellt fak- der Täterschaft darf ich auf § 25 StGB,
schlossene NS-Opfer tisch eine Absage an eine weitere Straf- zum Begriff der Beihilfe auf § 27 StGB
Köln. Die Mitgliederversammlung des verfolgung der von der VVN und dem verweisen.
Bundesverbandes Information & Bera- AK Angreifbare Traditionspflege be- Die Zugehörigkeit zur ehemaligen
tung für NS-Verfolgte e.V. hat Regierung nannten mutmaßlichen Kriegsverbrecher deutsche Wehrmacht jedenfalls stellt
und Parlament aufgefordert dafür zu sor- dar. eine Straftat nicht dar.
gen, dass die bisher nicht berücksichtig- Anders als OStA Maaß es in seinem Mit freundlichen Grüßen
ten Opfergruppen wie ehemalige italieni- Schreiben darstellt, hatte die VVN nicht (Maaß) Oberstaatsanwalt

10 : antifaschistische nachrichten 18/2006


: ausländer- und asylpolitik
verrichteter Dinge wieder abziehen. Ein
Sprecher des niedersächsischen Innen-
ministeriums erklärte, die Familie werde
jetzt „zur Fahndung ausgeschrieben“.
Flüchtlingsrat Niedersach- und als grausam empfunden wird, ist in Quelle: Nds. Flüchtlingsrat, TAZ
sen fordert Abschiebungs- letzter Zeit immer deutlicher geworden. 29.08.06 - bee ■
stopp In Niedersachsen fordern Kirchen,
Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften Menschenwürdige Arbeits-
Hildesheim. Der Flüchtlingsrat Nieder- und zahlreiche weitere Organisationen
sachsen hat in einem offenen Brief vom zusammen mit dem Flüchtlingsrat in ei- bedingungen auch für Pa-
17. August Niedersachsens Innenminis- nem Flüchtlingspolitischen Aufruf ein pierlose: EGB zur Debatte
ter Schünemann aufgefordert, für lang- Bleiberecht. um illegale Zuwanderung
jährig geduldete Flüchtlinge in Nieder- Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
sachsen einen Abschiebestopp zu erlas- haben bereits in Erwartung einer Bleibe- Brüssel. Grundlegende Arbeitnehmer-
sen, bis über eine endgültige Bleibe- rechtsregelung einen Abschiebestopp für rechte und menschenwürdige Arbeitsbe-
rechtsregelung für diese Menschen ent- Personen erlassen, die von solch einer dingungen hat der Europäische Gewerk-
schieden ist. Anlass für diesen Appell Regelung begünstigt sein könnten. Der schaftsbund (EGB) Ende Juli 2006 für
stellt die drohende Abschiebung von Flüchtlingsrat Niedersachsen fordert in alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-
Hunderten langjährig geduldeten Flücht- dem Offenen Brief von Innenminister mer unabhängig von ihrer Nationalität
lingen in den nächsten Wochen dar. Über Schünemann, dass er diesen Beispielen und ihrem rechtlichen Status gefordert
Parteigrenzen hinweg befürwortet eine folgt.“ Quelle: Nds. Flüchtlingsrat ■ und ausdrücklich auch so genannte Ille-
breite Mehrheit in Politiker/innen und gale darin einbezogen.
Gesellschaft inzwischen eine Bleibe- Angesichts der Aufdeckung eines La-
rechtsregelung für langjährig Geduldete, Kirche gewährt Flüchtlings- gers in Süditalien, in dem polnische Be-
und auch die Innenminister streiten nicht schäftigte wie Zwangsarbeiter gehalten
mehr über das Ob, sondern nur noch über familie Asyl in Hoya wurden, erklärte der EGB Generalsekre-
das Wie einer solchen Schlussstrichrege- Hannover. Die Martin-Luther-Kirche tär John Monks: „Wir sind schockiert,
lung, über die voraussichtlich die nächste in Hoya (Kreis Nienburg) hat am Frei- dass solche Ereignisse sich auf dem Bo-
Innenministerkonferenz im November tagabend (25.8) die fünfköpfige Familie den der EU zutragen können. Das sollte
entscheiden wird. Von dieser Regelung Nguyen, die aus Vietnam stammt, bei ein Weckruf ebenso für die Regierenden
könnten rund 15.000 in Niedersachsen sich aufgenommen. Die Gemeinde ge- in den Mitgliedstaaten und der EU als
geduldete Flüchtlinge profitieren. Sie le- währt der Familie, die seit 14 Jahren in auch für Arbeitgeber und Gewerkschaf-
ben bereits seit etlichen Jahren in Hoya lebt und eigentlich am 29.8. nach ten auf allen Ebenen sein, der zeigt, dass
Deutschland und sind hier bestens inte- Vietnam abgeschoben werden soll, das die gegenwärtigen Politiken und Maß-
griert. Die Kinder und Jugendlichen sind sogenannte Kirchenasyl. ‚Wir werden nahmen auf die falschen Themen zielen
zumeist in diesem Land geboren oder am heutigen Montag, mit dem Landkreis und weitgehend wirkungslos sind, um
seit frühester Kindheit hier aufgewach- klären, was nun geschieht’, meinte am Menschen vor Ausbeutung zu schützen.“
sen. Der Flüchtlingsrat befürchtet, dass Sonntag der Gemeindepastor Andreas Mit Bezug auf die Mitteilung der Eu-
noch vor dem Beschluss einer Bleibe- Ruh. So sei etwa ungeklärt, ob die ältere ropäischen Kommission zur Bekämp-
rechtsregelung zahlreiche Flüchtlinge, Tochter, die das örtliche Gymnasium be- fung illegaler Migration ergänzte Monks:
die unter die Regelung fallen würden, sucht, weiter zur Schule gehen könne „Wir stimmen mit der Kommission über-
zuvor abschoben werden. Gegenwärtig oder nur mit Begleitung. Der Landkreis ein, dass die Mitgliedstaaten härter mit
sind Hunderte Flüchtlinge akut von Ab- sei über das Kirchenasyl in Kenntnis ge- Arbeitgebern und anderen, die von aus-
schiebung bedroht, deren zwangsweise setzt worden, berichtete der Vater. „Die beuterischen Arbeitsbedingungen profi-
Ausreise aber eine unerträgliche Härte Familie N. ist christlichen Glaubens“, so tieren, umgehen sollen. In dem Herange-
bedeuten würde. Familien laufen Gefahr, die Berichterstattung der „Hannover- hen der Kommission vermissen wir aber
auseinander gerissen zu werden. Die schen Allgemeinen Zeitung“. Die TAZ jeglichen Hinweis auf die Wichtigkeit,
Menschen sollen in Länder zurückkeh- scheibt: „Das Schicksal der Vietnamesen menschenwürdige Arbeitsbedingungen
ren, in denen sie eine ungewisse Zukunft beschäftigt mittlerweile die Landespoli- und Menschenrechte von Wanderarbei-
in Armut und nicht selten Verfolgung er- tik. Der Fraktionschef der FDP, Philipp tern zu überprüfen und durchzusetzen.
wartet. Nicht wenige von ihnen sind Rösler, bat Innenminister Uwe Schüne- Dies ebenso wie die Aufforderung an die
krank oder traumatisiert. Es ist vollkom- mann um einen Aufschub der Abschie- Arbeitgeber und ihre Verbände, eine un-
men unverständlich und inakzeptabel, bung. Hoffentlich verschaffe das Kir- zweideutigere Haltung in dieser Frage an
wenn Menschen abgeschoben werden chenasyl „den Beteiligten eine Atempau- den Tag zu legen.“
sollen, die alle erdenklichen Integrati- se“, bis die Härtefallkommission, die Laut EGB ist es eine Illusion der Mit-
onsleistungen erbracht haben, wenn Kin- Mitte September ihre Arbeit aufnimmt, gliedstaaten zu glauben, das Problem der
der und Jugendliche, die oftmals hier ge- oder eine Bleiberechtsregelung den illegalen Zuwanderung könne durch
boren wurden und hier zu Hause sind, in Nguyens ein Leben in Deutschland er- Schließung der Grenzen und Durchset-
ein Land abgeschoben werden sollen, möglicht. Das Innenministerium betonte, zung repressiver Maßnahmen gelöst wer-
das sie nicht kennen und dessen Sprache wegen der terminierten Abschiebung den.
sie oft nicht sprechen. Selbst wenn Fami- könne sich die Härtefallkommission der Stattdessen fordert der EGB eine akti-
lien für ihren eigenen Unterhalt seit Jah- Familie nicht annehmen. ‚Wo ein Wille vere Sozialpolitik und ihre Durchsetzung
ren sorgen können, werden sie mit Ab- ist, ist auch ein Weg’, entgegnet Jörg in der EU, damit eine unfaire Konkur-
schiebung bedroht. Bode, Innenexperte der Landes-FDP. renz zwischen Unternehmen und Mit-
Dem Flüchtlingsrat sind zahlreiche ‚Wenn man wirklich will, dass die Härte- gliedstaaten auf Kosten der Arbeitneh-
solcher Fälle in Niedersachsen bekannt. fallkommission drüberguckt, geht das merrechte verhindert werden kann.
Dass diese rigorose Abschiebepolitik auch.‘ Gleichzeitig müsse anerkannt werden,
von vielen Menschen – und nicht zuletzt In der Nacht zum 29.8.kam die Poli- dass jeder Mensch – mit regulären Papie-
von etlichen Politikern sämtlicher Partei- zei zur Kirche, um die Familie zur Ab- ren oder nicht – als Mensch geachtet und
en – nicht nachvollzogen werden kann schiebung abzuholen, musste jedoch un- respektiert werden muss und ihnen die-

: antifaschistische nachrichten 18/2006 11


selben grundlegenden Schutzrechte zu- zig-Kreis. Putsche und seine Mitstrei- “Al Kaida meldet sich zurück“ (21.8.);
stehen wie allen anderen Bürgerinnen ter/innen rufen nun Funktionsträger in „Außenminister Steinmeier nach Afgha-
und Bürgern auch, etwa menschenwürdi- der hessischen Politik und Gesellschaft nistan gereist, um sich über neu ausge-
ge Arbeitsbedingungen, Vereinigungs- dazu auf, auf das Regierungspräsidium brochene Gewalt zu informieren“
freiheit, Schutz vor Zwangsarbeit. sowie das Innenministerium mäßigend (20.8.); „Auswärtiges Amt warnt vor
Quelle: DGB Bildungswerk „Europa- einzuwirken und „diesen Irrsinn“ endlich Reisen nach Afghanistan“ (17.8.);
Mobil 2006“ ■ zu stoppen. „Überfall auf Arzt und Krankenschwes-
Zusätzlich seien 20.000 Postkarten ge- tern in Südafghanistan“ (17.8.) „Gewalt
Regierungspräsidium will druckt worden, von denen die Hälfte be- in Afghanistan kostet mehr als 15 Men-
reits verteilt sei. Adressat: der hessische schen das Leben“ (14.8.); „UN-Beauf-
Serif Akbulut mit Privatjet Innenminister. Er wird gebeten, „dafür tragter: Lage in Afghanistan bleibt kri-
abschieben zu sorgen, dass der 20jährige Kurde Serif tisch“ (7.8.); „Bundeswehr in Afghanis-
Hanau/Main-Kinzig-Kreis. Das Re- Akbulut aus der Abschiebehaft entlassen tan darf zwei Monate keinen Besuch
gierungspräsidium Darmstadt (RP) wird.“ Und: „Stoppen Sie die Abschie- empfangen“ (7.8.); „Kinder sterben bei
scheut offenbar keine Kosten, wenn es bung geduldeter Flüchtlinge bis zur an- Angriff auf ISAF-Soldaten in Afghanis-
um die Durchsetzung der Abschiebung gekündigten Bleiberechtsregelung!“ tan“ (5.8.)... – So oder ähnlich lauten seit
von Serif Akbulut aus Schlüchtern geht. Abschiebungen per Privatjet Monaten die Schlagzeilen über Af-gha-
Herr Akbulut hatte bisher drei Abschie- nistan, und dies war nur eine kleine Aus-
beversuche durch verbalen Widerstand Zu diesem kostenintensiven Mittel wird wahl aus über 40 ähnlichen Meldungen
verhindert. (siehe AN 17-06) Bei der in der Regel nur dann gegriffen, wenn allein der letzten zwei Wochen!
Verhandlung am vergangenen Montag den Behörden eine Abschiebung mit Pas- Die deutschen Innenminister und -se-
über die Fortdauer der Abschiebehaft des sagiermaschinen auch nach mehreren natoren ficht das nicht an: Seit über ei-
20-jährigen Kurden vor dem Hanauer Versuchen nicht gelingt. Ein Vorreiter nem Jahr werden jede Woche afghani-
Landgericht erklärten die Richter, sie war die Stadt Hamburg. So schob die sche Flüchtlinge – oftmals Menschen,
hielten die vom Amtsgericht erlassene dortige Ausländerbehörde im Jahr 2000 die seit Jahren hier leben und voll inte-
Haftverlängerung von drei Monaten für einen Liberianer ab, die eigens für ihn griert sind – von Frankfurt nach Kabul
unverhältnismäßig. Daraufhin kündigte und die begleitenden Polizisten gechar- abgeschoben und sind dann auf sich al-
das RP an, die Abschiebung innerhalb terte Maschine kostete damals 71.000 lein gestellt, in einem kriegszerstörten
von zweieinhalb Wochen mit einem Pri- DM. Zuvor waren bereits drei Flüchtlin- Land ohne Haus, ohne Wohnung, bei 80
vatjet durchführen zu wollen. Kosten: ge aus Gambia mit einem Privatjet für – 90 % Arbeitslosigkeit, ihr Überleben
etwa 25.000 Euro. 108.000 DM abgeschoben worden, es zu organisieren.
„Das Regierungspräsidium scheut of- folgten Flüge nach Afrika für 115.000 Hamburgs Innensenator Nagel spielte
fenbar keine Kosten, wenn es um die Ab- und 83.500 DM. Als Rechtfertigung für dabei den Vorreiter und will jetzt noch
schiebung von Flüchtlingen geht. Das ist diese immens teuren Maßnahmen dienen eins draufsetzen, indem er (nach allein
Abschiebung um jeden Preis,“ kommen- meist Hinweise auf Straftaten der Abge- stehenden Männern und kinderlosen
tiert Herwig Putsche, Sprecher des Ha- schobenen. Ehepaaren, die bisher von den Abschie-
nauer Bündnisses für Bleiberecht diese Das Land Hessen hatte vor einigen bungen betroffen waren) auch Familien
Entwicklung, „und ein schon grotesk an- Jahren zwei Kleinmaschinen geordert, mit Kindern nach Afghanistan abschie-
mutendes Machtspiel auf Kosten der die zwei Familien von Staatenlosen aus ben will! – Kinder, die hier zur Schule
Menschlichkeit: kurz vor einer kommen- Rumänien vom Flughafen Kassel-Cal- oder in den Kindergarten gehen, die
den Bleiberechtsregelung wird ein gut den befördern sollten. Kostenpunkt deutsche Freundinnen und Freunde ha-
integrierter junger Mann mit einem Pri- 15.000 DM pro Maschine. Aufgrund der ben, werden von der Polizei abgeholt
vatjet noch schnell außer Landes ge- großen Unterstützung der Familien und in ein Land verfrachtet, dessen Spra-
schafft.“ durch die Bevölkerung wurde das Vorha- che sie nicht oder kaum sprechen, in
Verantwortlich sei letztlich der hessi- ben in letzter Minute gestoppt. elende und kaum beschreibbare Lebens-
sche Innenminister Volker Bouffier, der Im bisher spektakulärsten Fall einer umstände.
einerseits eine Bleiberechtsregelung für Abschiebung mit Learjet wurde der isla- Die Zukunftsperspektiven der abge-
langjährig geduldete Flüchtlingsfamilien mische Sektenführer Metin Kaplan 2004 schobenen Familien, beschränken sich
fordere, die ihm unterstellten Behörden für 26.000 Euro über den Flughafen Düs- ausschließlich aufs nackte Überleben.
aber angewiesen habe, diese Menschen seldorf in die Türkei abgeschoben. Ihm Bildungschancen oder berufliche Aus-
„gnadenlos abzuschieben.“ waren Morddrohungen und „Hasspredig- sichten für jetzt noch hier in Hamburg
Im Fall Akbuluts und seiner kranken ten“ vorgeworfen worden. Heranwachsende, sind illusorisch ange-
Eltern ist eine Petition beim Hessischen Die Abschiebung Serif Akbuluts mit sichts des in Afghanistan immer drasti-
Landtag anhängig. Diese wird mittler- einer Chartermaschine dürfte ebenfalls scheren, von Jahr zu Jahr wachsenden,
weile von so vielen Menschen unter- rund 25.000 Euro kosten. Straftaten wer- unglaublichen Elends der Bevölkerung.
stützt, dass auf der Webseite des Petiti- den ihm nicht vorgeworfen. Er gilt als (Das Motto der vergangenen Jahre „Af-
onsausschusses eigens eine „Information gut integriert. ghanistan braucht Rückkehrer zum Auf-
zur Petition für Familie Akbulut“ veröf- Bündnis für Bleiberecht Hanau bau des Landes“, ist mittlerweile ange-
fentlicht wurde. In der Regel werden Ab- Email: df.hanau@gmx.de sichts riesiger Flüchtlingslager und Mil-
schiebungen während einer laufenden www.bleiberecht.info lionen von RückkehrerInnen längst ad
Petition ausgesetzt. Nicht so im Fall von www.freiheit-fuer-serif.tk absurdum geführt.)
Serif Akbulut: auf Antrag des hessischen Kampagne “Hier geblieben!” Die gesellschaftliche und gesetzliche
Innenministeriums auf Durchführung ei- www.hier.geblieben.net ■ Situation von Mädchen und Frauen in
nes „Eilverfahrens“ entschied der Petiti- Afghanistan hat sich seit dem Sturz der
onsausschuss mit den Stimmen von Keine Abschiebungen nach Taliban kaum geändert: Gesellschaftlich
CDU und FDP, dass Akbulut dennoch gilt für Mädchen und Frauen nach wie
abgeschoben werden könne. Afghanistan! vor der Eigentumsanspruch des Mannes.
Das Bündnis für Bleiberecht kämpft „Tote und Verletzte bei Kämpfen in Süd- Mädchen, die hier aufgewachsen sind,
weiter für die Familie Akbulut und 17 afghanistan“ (22.8.); „Neuer Anschlag finden sich in einer archaisch-islamisti-
andere geduldete Familien im Main-Kin- auf Bundeswehr in Afghanistan“ (22.8.); schen Gesellschaftsordnung wieder, in

12 : antifaschistische nachrichten 18/2006


Die Einwanderung ist in diesen Online-Aktion:
Tagen eines der Hauptthemen auf
der Agenda der Europäischen „Machen Sie mit bei der Kampagne für die
Union. Bald wird das Europäische Parla- Schließung der Aufnahmelager für Migranten
ment die Debatte über einen Vorschlag
für eine Richtlinie über ,gemeinsame in Europa! Unterzeichnen Sie diese Petition!“
Normen und Verfahren in den Mitglied-
staaten zur Rückführung illegal aufhälti- ■ Die Bedingungen in Aufnahmela- In den 25 Mitgliedstaaten gibt es 174
ger Drittstaatsangehöriger‘ aufnehmen. gern für Migranten sind denen in Ge- Aufnahmelager, weitere Lager sind in
Die vorgeschlagene Richtlinie gilt fängnissen sehr ähnlich, manchmal sogar Bewerberländern oder angrenzenden
für sämtliche Drittstaatsangehörigen, die noch schlechter. Nach Besichtigungen Ländern errichtet worden.
sich illegal in einem der Mitgliedstaaten von Aufnahmelagern haben nichtstaatli- Mit Blick auf die Debatte im Parla-
aufhalten, und lässt die Gründe für ihren che Organisationen, internationale Ein- ment, die in wenigen Monaten beginnen
vorschriftswidrigen Status völlig außer richtungen, parlamentarische Delegatio- soll, möchten wir ,zusammen mit den auf
nen und Journalisten die widerrechtli- diese Frage spezialisierten Organisatio-
chen, unmenschlichen und erniedrigen- nen‘ eine europaweite Kampagne für die
den Zustände an diesen Orten beklagt, Schließung aller Aufnahmelager für
wo vielfach Menschenrechte und Grund- Migranten in Europa durchführen.
freiheiten verletzt werden und gegen Um an der Kampagne mitzuwirken
Migranten Gewalt angewandt wird. oder sie einfach zu unterstützen (Organi-
■ Verwaltungsgewahrsam ist rechtlich sationen oder Einzelpersonen), füllen Sie
absurd, denn er beinhaltet strafrechtliche auf unserer Website die entsprechenden
Sanktionen (Haft) für Ordnungswidrig- Felder aus. Die auf dieser Website ge-
keiten wie die illegale Einreise in ein sammelten Unterschriften werden an die
Staatsgebiet oder das bloße Ablaufen der Europäische Kommission und die Regie-
Gültigkeit von Visa und Aufenthaltser- rungen der Mitgliedstaaten weitergelei-
laubnissen. Da die Dauer des ,vorläufi- tet. Sie sollen zeigen, dass Einzelperso-
gen Gewahrsams‘ auf bis zu sechs Mo- nen und die Zivilgesellschaft damit ein
Acht. Aus dem Inhalt des Vorschlags nate verlängert werden kann, darf er starkes Signal an die Verantwortlichen in
geht eindeutig hervor, dass die Kommis- nicht mehr als ,vorläufig0145 gelten. der EU senden, indem sie die Schlies-
sion zur Regelung des ,Migrationphäno- Dieses Instrument ist nicht geeignet, die sung der „Auffanglager für Flüchtlinge“
mens‘ einen repressiven Ansatz verfolgt illegale Einwanderung einzudämmen, wie Lampedusa und Melilla fordern.
und sich dabei auf die ,Bekämpfung der und auch für die Identifizierung von Ihre Unterschrift wird der Liste der
illegalen Einwanderung‘ konzentriert. Migranten ineffektiv. Unterzeichner auf der Seite „View cur-
Der Vorschlag enthält viele zu bean- ■ Aufnahmelager sind häufig auf un- rent signtories“ auf dieser Webseite hin-
standende Punkte. Insbesondere möch- durchsichtige Weise betriebene Anlagen, zugefügt. Ihre Email-Adresse wird auf
ten wir auf die Institutionalisierung des zu denen Menschenrechts- und Migran- dieser Seite weder vermerkt, noch wei-
Verwaltungsgewahrsams in Aufnahmela- tenorganisationen oft keinen Zutritt er- tergeleitet noch in irgendeiner anderen
gern hinweisen. Mit dieser Rechtsvor- halten. Der Richtlinie zufolge sollen Be- Art und Weise verteilt .
schrift dürfte diese Form der Haft auf bis sichtigungen von den Mitgliedstaaten http://www.keine-festung-
zu sechs Monate ausgedehnt werden. genehmigt werden. europa.eu/

der Zwangsverheiratungen von Minder- Gegen Abschiebungen, gegen Lager- Iran einen Ehemann, seine Ehefrau zum
jährigen nicht die Ausnahme sondern die unterbringung, für Bleiberecht, Bewe- Tode verurteilen zu lassen durch Steini-
Regel sind, wo vergewaltigte Frauen als gungsfreiheit und gleiche Rechte für gung. Frau Bachari blieb, um ihr Leben zu
Schuldige statt als Opfer gelten, wo nach alle! Unter diesen und anderen Forderun- retten, kein anderer Ausweg, als das Land
wie vor zuerst der Mann Anspruch auf gen findet am 7.10.06 in vielen Ländern zu verlassen. Ihr Ehemann lässt sie bis heu-
medizinische Behandlung (wenn über- Europas und Afrikas ein Internationaler te durch die Polizei suchen.
haupt möglich), Bildung etc. vor „weib- Migrations-Aktiontag statt, beschlossen Frau Bachari und ihre Töchter sind Mit-
lichen Wesen“ hat, usw., usf. auf dem Weltsozialforum in Bamako und glied der „Constitutionalist Party of Iran,
Es liegt an jedem Einzelnen von uns, dem Europäischen Sozialforum in Athen CPI“. Die CPI setzt sich ein für eine föde-
ob wir uns heute für das Leben unserer im Mai 2006. In Hamburg soll an diesem rale Republik Iran, in der durch ein Volks-
afghanischen MitschülerInnen, Freunde, Tag, 7.10.,14.00 Uhr, Hauptbahnhof eine referendum über eine neue iranische Ver-
Nachbarn und MitbürgerInnen einsetzen große Demonstration für die Rechte aller fassung entschieden wird. Die CPI ist im
oder nicht. Jedes Protestschreiben an den Flüchtlinge u. MigrantInnen stattfinden. Iran verboten. Vor kurzem erhielt Frau Ba-
Innensenator hilft ein Stückchen. Flüchtlingsrat HH ■ chari für sich und ihre drei Kinder einen
Infos unter: Abschiebebescheid für den 22. September
www.netzwerk-afghanistan.info ■ Asylrecht für Samine Bacha- 2006. Sie hat sich an unseren Frauenver-
Die inhumane deutsche Abschiebepo- band Courage gewandt mit der Bitte um
litik trifft aber nicht nur Afghaninnen ri und ihre 3 Kinder! Hilfe. Uneingeschränktes Asylrecht für
und Afghanen, ebenso und schon lange Ludwigshafen. Frau Samine Bachari, Frau Bachari und ihre Kinder! Aufhebung
auch Flüchtlinge aus Afrika, aus Kurdis- Iranerin, ist 47 Jahre alt und lebt als allein- des Abschiebebescheids für den 22. Sep-
tan, aus Ex-Jugoslawien, Osteuropa und erziehende Mutter mit ihren drei Kindern tember 2006 – Abschiebung bedeutet in
Asien. Menschen, die hier unter uns le- seit April 2001 in Deutschland. In 17 Jah- diesem Fall Folter und Tod. Anerkennung
ben, werden nachts aus den Betten geholt ren Ehe waren Frau Bachari und ihre Kin- frauenspezifischer Verfolgung als Asyl-
und in Länder verfrachtet, wo sie nur der regelmäßig Schlägen und körperlicher grund!
Not, Elend und Tod erwartet! – Es wird Gewalt durch den Ehemann ausgesetzt. Solidaritätserklärungen, Hilfsangebote an:
Zeit, sich gemeinsam dagegen zur Wehr Frau Bachari freundete sich mit einem an- Frauenverband Courage e.V.,
zu setzen! deren Mann an. Ehebruch berechtigt im courage-ma@freenet.de ■

: antifaschistische nachrichten 18/2006 13


Naher Osten – Waffenruhe, aber
kein Frieden in Sicht
Wenige Tage nach Verabschie- Israels litt bis zum letzten Tag der Kämpfe schen Sicherheitspolitik enormen Scha-
dung der UN-Resolution 1701 gab unter den Raketenangriffen der Hisbollah. den zugefügt. Noch ein Knall-auf-Fall-
US-Präsident eine Grundsatzer- Auch wenn die Opfer unter den libanesi- Sieg hätte für uns eine Katastrophe bedeu-
klärung zur Außenpolitik ab, die sich aus- schen Kombattanten und der Zivilbevöl- tet. Macht- und siegestrunken würden wir
schließlich mit dem Nahen und Mittleren kerung weit höher sind und die Verhee- versucht haben, unsere Erfolge in anderen
Osten befasste, und zwar unter den Stich- rungen im Libanon weitaus schlimmer Arenen fortzusetzen. Ein gefährliches
worten des „globalen Kriegs gegen den ausfallen: Es kamen auch über 150 Israe- Feuer würde die Region gefährden, und
Terror“ und seinen „drei Fronten“ Irak, lis ums Leben, 6000 Häuser wurden be- keiner weiß, wie das enden mag. (…) Der
Afghanistan und aktuell vor allem Liba- schädigt oder zerstört, über 1,5 Millionen Erfolg hätte uns wahnsinnig gemacht. Die
non.1 Israelis lebten zeitweise in Schutzräumen USA würde uns in eine militärische Kolli-
Die Rede ist in mehrfacher Hinsicht oder auf der Flucht. sion mit Syrien getrieben haben, und sie-
aufschlussreich. Erstens legte Bush die Unterschiedlichen Berichten zufolge gestrunken wären wir in großer Versu-
UN-Resolution 1701 in einer Weise aus, nimmt die Kritik in Israel am Krieg, an chung gewesen. Der Iran wäre das nächs-
als ginge es dabei lediglich um die Durch- der Kriegsführung und an der Waffenruhe te Ziel gewesen. (…) Israel wird jetzt hof-
setzung der Ziele, die militärisch nicht zu. Die Rechte, die sich zunächst vorbe- fentlich zweimal darüber nachdenken, be-
durchgesetzt wurden, vor allem um die haltlos hinter die Regierung gestellt hatte, vor es in ein noch gefährlicheres militäri-
Entwaffnung der Hisbollah und die Sta- sieht „Verrat“ am Werk. Uri Avnery sches Abenteuer schliddert.“5
tionierung einer „schlagkräftigen interna- schreibt in einem Kommentar von einem Eu-/Nato-Grenzkrieg droht
tionalen Truppe“.2 Zweitens bekräftigte Zustand des „Schocks und der Desorien-
er die Fortsetzung der, wie er es nannte, tierung“, in dem sich die israelische Öf- Aufgrund des Kriegsverlaufs ist es nicht
„zukunftsorientierte[n] Strategie der Frei- fentlichkeit befinde. „Gerechtfertigte und gelungen, die Nato direkt im Libanon zu
heit“ im Nahen und Mittleren Osten. Drit- ungerechtfertigte Anklagen kommen aus stationieren und damit im Nahen Osten in
tens brandmarkte er Iran und Syrien als allen Richtungen, und man kann nicht vo- Stellung zu bringen. Aber bei dem Ver-
die eigentlich Verantwortlichen des Liba- raussehen, wie sich die Sache weiter ent- such, eine „schlagkräftige internationale
non-Konflikts – angesichts der Ankündi- wickeln wird.“4 Truppe“ auf die Beine zu stellen, zeichnet
gung, in der „Offensive“ bleiben zu wol- Gideon Levy bringt in der Zeitung sich inzwischen Folgendes ab: Die UN-
len, eine unverhohlene Drohung. Schließ- Ha‘aretz die Hoffnung und Warnung lin- Truppe im Libanon (Unifil) wird auf
lich stellte er den Krieg im Libanon in ge- ker israelischer Kriegsgegner zum Aus- 15.000 Soldaten aufgestockt und mit ei-
nau diesen strategischen Zusammenhang druck: „Wenn Israel die Schlachten mit nem „robusten Mandat“ ausgerüstet. Da-
und bestätigte damit die Kritik, die USA einem leichten, überwältigenden Sieg ge- von werden voraussichtlich um die 8000
und die großen EU-Staaten hätten Israel wonnen hätte, um den die Israelis so sehr Soldaten von EU-Mitgliedstaaten gestellt.
förmlich in den Krieg gestoßen.3 gebetet hatten, so hätte dies der israeli- Nicht Frankreich, sondern Italien wird vo-
Unerwarteter Kriegsverlauf
Der Krieg hat die USA und die anderen
Nato-Mächte auf dem Weg zu einem
„Greater Middel East“ nicht vorange-
bracht, sondern eine unerwartete Ver-
schiebung der Kräfteverhältnisse zu
Tage treten lassen. Israel war in diesem
asymmetrischen Krieg weit davon ent-
fernt, die gesteckten Ziele zu erreichen.
Weder durch die Bombardements bei
drückender Luftüberlegenheit noch
durch den massiven Einsatz von Land-
streitkräften ist es der modernsten und
am besten ausgerüsteten Armee des
Mittleren Ostens gelungen, die Waffen-
stellungen, die Führung und die Infra-
struktur der Hisbollah auszuschalten.
Im Gegenteil, Israel hat herbe Verluste
erlitten. Einige Orte konnte die Armee
nur nach manchmal tagelangen verlust-
reichen Gefechten erobern, andere gar
nicht. Obwohl die Armee Soldaten mit
Hubschraubern absetzen ließ, hat sie
den Litani-Fluss, hinter den sie die His-
bollah treiben wollte, nicht erreicht. Bei
Eintreten des Waffenstillstandes befan-
den sich viele Trupps in einer prekären
Situation, auf vorgeschobenem Posten,
ohne sichere Nachschubverbindungen,
umzingelt von zäh kämpfenden Geg-
nern. Die Zivilbevölkerung im Norden

14 : antifaschistische nachrichten 18-2005


raussichtlich die Führung übernehmen, len, um eine möglichst große Zahl von len und die anderen als Kollateralschäden
unter der Bedingung, dass sich die EU be- Menschen zu töten, oder Regionalzüge in billigend ein Kauf genommen und abge-
teiligt. Das italienische Kabinett hatte vor Brand zu setzen versuchen, bedarf der Er- tan werden, spricht dem Gleichheits-
dieser Wendung bereits die Beteiligung an klärung, wenn man sich nicht von der grundsatz Hohn, auf den sich die Moder-
der Truppe einstimmig beschlossen, von Propaganda der Schlacht der zivilisierten ne beruft. Nichts macht die Zurückwei-
ca. 3000 Soldaten ist die Rede (FAZ, Welt gegen die Achse des Bösen und den sung, die Ausschließung deutlicher. Die
18.8.). Nimmt man hinzu, dass vor allem rassistischen Feindbildern mitreißen las- kühle Antwort der britischen Regierung
Spanien ein größeres Kontingent schicken sen will.7 auf den offenen Brief, die den Zusam-
will, dass die griechische Regierung die Die jetzt in Großbritannien unter An- menhang zwischen Außenpolitik und Ter-
Bereitstellung von Soldaten wohlwollend klage gestellten Tatverdächtigen sind rorismusproblem als „größtmöglichen Irr-
prüft, dass sich die EU ganz besonders um ganz überwiegend junge Einwanderer tum“ abtat, und die hetzerischen Kom-
die Beteiligung der Türkei bemüht6, die zwischen 17 und 35 mit guter Schulbil- mentare in westlichen Medien, die seinen
1.500 Soldaten zu entsenden erwägt, und dung und in materiell gesicherten Verhält- Unterzeichnern „Erpressung“ vorwarfen,
dass die deutsche Bundesregierung eine nissen lebend, sie kommen aus, wie es setzen der verblendeten Arroganz der
„bedeutende maritime Komponente“ zur heißt, „integrierten Einwandererfamili- Macht ein Denkmal. Auf diesem Boden
Kontrolle der gesamten libanesischen en“. Der seit letztem Jahr in der BRD le- gedeiht der Hass.
Küstenlinie, also der Seeseite angeboten bende und in Kiel verhaftete junge Liba- Dass das tief verletzte Gerechtigkeits-
hat, dass darüber hinaus Israel alle Ent- nese war nicht, wie zunächst berichtet, gefühl junger Muslime in Fundamentalis-
sendungsangebote von Staaten aus dem Student der Mechatronik, sondern hat ge- mus und Terror umschlägt, ist nicht
islamischem Kulturkreis mit Ausnahme rade das Studienkolleg zur Vorbereitung zwangsläufig, und letztlich hat jeder die
der Türkei ablehnt, werden die Konturen seines Studiums erfolgreich abgeschlos- Wahl. Aber das gilt für alle, und es liegt an
der Nato-Strategie deutlich: Mit der Ent- sen und hätte mit dem Studium beginnen uns, an der Linken, der Friedensbewe-
sendung einer solchen UN-Truppe droht können. Es handelt sich hier wie dort – gung, den Organisationen der Zivilgesell-
der Libanon-Konflikt, laut Bush „Teil ei- und Entsprechendes lässt sich auch von schaft, die Entfesselung des „globalen
nes umfassenderen Kampfes zwischen den Attentätern des 11.9. sagen, die zuvor Kriegs“ und die Mitwirkung der BRD zu
Freiheit und Terror“ und dritte „Front des in Hamburg lebten – nicht um Marginali- verhindern. scc ■
globalen Kriegs“, zu einem lang andau- sierte, nicht um Opfer der Modernisie-
ernden EU- bzw. Nato-Grenzkrieg auszu- rung, sondern um Menschen, die sich of- Anmerkungen
weiten, dessen Ausgang ungewiss ist. fensichtlich auf die Moderne eingelassen,
1 George W. Bush erörtert amerikanische Außen-
Tiefe Krise ihr Regelwerk adaptiert hatten und ihre politik, dokumentiert in einer Übersetzung des
Erwartungen entsprechend ausrichteten – Amerika-Dienstes der US-Botschaft in Deutsch-
Auch wenn von „globalem Krieg“, genau- und sich brutal zurückgewiesen sahen. land unter: www.friedensratschlag.de
er einem Weltkrieg (noch) nicht gespro- Auf ein Schlüsselproblem wiesen kürz- 2 Die Resolution, die in deutscher Sprache unter
chen werden kann, ist kaum zu bestreiten, lich in einem offenen Brief an die briti- www.friedensratschlag.de dokumentiert ist, spie-
dass das Zusammenleben auf der Welt sche Regierung zahlreiche islamische Or- gelt dagegen durchaus einerseits den Kriegsver-
lauf, andererseits widersprüchliche Auffassungen
von einer tiefen und sich verschärfenden ganisationen (die seit über einem Jahr mit der Veto-Mächte zum Nahost-Konflikt wider. Bei
Krise ganz erheblich gestört ist. Von die- der Regierung in einem Dialog stehen) so- aller Einseitigkeit hebt sie schließlich auch ab
ser Krise bleiben die Gesellschaften nicht wie drei der vier islamischen Unterhaus- auf einen „umfassenden, gerechten und dauerhaf-
unberührt, von denen die Störung maß- abgeordneten und drei der vier islami- ten Frieden im Nahen Osten auf der Grundlage
aller seiner einschlägigen Resolutionen …, na-
geblich mit ausgeht. schen Lords des Oberhauses hin: Die Un- mentlich der Resolutionen 242 (1967) … 338
Die jüngsten Ereignisse in Großbritan- terzeichnenden forderten die Regierung (1973) … und 1515 (2003) …“, das heißt auf die
nien und der BR Deutschland stehen in unter Hinweis auf den Irakkrieg und die gesicherte Existenz eines palästinensischen Staa-
tes und Israels in den Grenzen von 1967.
engem Zusammenhang mit der Entwick- ausbleibenden Anstrengungen zur Been-
lung an den „drei Fronten“ im Nahen und digung der Bombardierung der Zivilisten 3 Fanny-Michaela Reisin, israelische Friedensak-
tivistin und Mitglied der Jüdischen Stimme für
Mittleren Osten und mit dem, was der im Libanon auf, ihre Außenpolitik zu än- gerechten Frieden in Nahost, erklärte am 3.8. im
US-Präsident die „zukunftsorientierte dern, um deutlich zu machen, dass sie das Deutschlandfunk zu den Ursachen des Krieges:
Strategie der Freiheit“ nennt. Leben von Zivilisten wertschätzt, egal wo „Ich selber habe jetzt seit längerer Zeit – ich
Dass junge Männer so vollständig die sie leben. Dass die zivilen Opfer der ver- glaube seit zwei Jahren, gut zwei Jahren – das
Projekt der USA und auch natürlich der großen
Orientierung verlieren, dass sie Flugzeuge schiedenen Gesellschaften verschieden Länder der EU – namentlich Bundesregierung,
über Großstädten explodieren lassen wol- gezählt werden, die einen ins Gewicht fal- Großbritannien und Frankreich – verfolgt, das
eine neue Weltordnung zum Ziel hat. Und Teil
dieser neuen Weltordnung ist ein Projekt mit dem
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über: Namen ,Greater Middle East‘, und da geht es
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. doch nicht nur um Stabilität, sondern schon um
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Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, 4 Uri Avnery, Vom Wahn zur Depression, ZNet
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0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. 5 Gideon Levy, Die positive Seite des Scheiterns,
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Ha‘aretz, ZNet 13.8.06
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind 6 Siehe u.a. Tagesspiegel, 21.8., NZZ, 22.8.
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. 7 Dabei kommt es zu furchtbaren Erscheinungen.
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- In der vergangenen Woche weigerten sich mehre-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung re Familien, in das Flugzeug einzusteigen, das
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. 150 Urlauber von Malaga nach Manchester zu-
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun- rückbringen sollte, bevor nicht zwei junge Män-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf- ner „asiatischen Aussehens“ aus dem Flugzeug
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- entfernt würden, die verdächtig aussähen. Die
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Arbeits- Fluggesellschaft gab nach, die beiden wurden
gruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes aus dem Flugzeug geholt, stundenlang von der
der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisverei- spanischen Polizei verhört und konnten erst da-
nigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di nach mit einem späteren Flug die Heimreise an-
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. treten.

: antifaschistische nachrichten 18/2006 15


: aus der faschistischen Presse
Vorstandsposten inne hat, wirft ein klares
Licht auf den Verband.
Hupka: „Gardemaß, Pawelka ist auch der Aufsichtsratsvor- Zu wenig Patriotismus
gertenschlank ...“ sitzende der sogenannten „Preußischen
Treuhand“, die eine Entschädigung für Junge Freiheit Nr. 36/06, 1.9.06
Junge Freiheit Nr. 36/06, 1.9.06 deutsche Kriegsgefangene fordert. Auf Das rechte Kampfblatt schwelgte wäh-
Da wir keinen Nachruf auf Herbert Hup- sein „persönliches Zerwürfnis“, so die rend der WM und sah den „neuen Patrio-
ka schreiben möchten, sei vielleicht da- Junge Freiheit, mit der Vorsitzenden des tismus“. Jetzt sind sie unzufrieden: „Mit
rauf verwiesen, wie die rechtsextreme Bundesverbandes der Vertriebenen, Eri- der Sommerhitze sind auch die letzten
Junge Freiheit diesen Rechtsaußen in ka Steinbach, angesprochen, erklärt Pa- Relikte der Deutschlandbegeisterung aus
höchsten Tönen lobt: welka: den Tagen der WM-Euphorie gewichen.
„Gardemaß, gertenschlank, mit „Die von Frau Steinbach gegen mich Die Halbwertzeit von schwarz-rot-golde-
schneeweißem Haar, knapp gestutztem angestrengte Klage ist am 23. Mai vor nen Hemden erwies sich – vorhersehbar
Schnurrbart und meist eiligem, federn- dem Hanseatischen Oberlandesgericht – als kurz ...“
dem Schritt – so war er über viele Legis- abgewiesen worden. Der Gegensatz zu Und dann kommt Publikumsbe-
laturperioden auf den Fluren des Bun- Frau Steinbach ergibt sich gegenwärtig schimpfung: „Das Deutschlandgefühl
destages anzutreffen. Daß er ein Lebens- aus der unterschiedlichen Schwerpunkt- unserer Tage gleicht dem Affekt spielen-
jahrzehnt zum nächsten fügte, sah man setzung. Während sie die Erinnerungs- der Kinder. Das Bewußtsein, dem es ent-
ihm nicht an. Wenn Anpassungsbereit- kultur – Stichwort ZgV – in den Mittel- springt, ist keine Verpflichtung, keiner
schaft Politiker kennzeichnet – dann war punkt stellt, möchte ich gerne die unge- Verantwortungsbereitschaft geschuldet,
Herbert Hupka keiner. Er konnte für sich lösten Fragen angehen – eben wie vorste- sondern erwächst aus einem Bedürfnis,
das Motto der Garde in Anspruch neh- hend genannt: Eigentumsfrage, Beute- einem Mangel. Insofern steht es auf
men: Semper talis – immer der gleiche. kunst, Zwangsarbeit und deutsche Volks- denkbar tönernen Füßen ... Deutscher
Ob er noch der SPD-Fraktion oder schon gruppen in der Heimat ...“ Wimpel am Ballermann: Mancher mag
der CDU-Fraktion angehörte, war dafür Auf die Aussstellung „Erzwungene auch dies als patriotischen Ausdruck ver-
belanglos. Zu den Themen, die ihm Wege“ der Stiftung des Zentrums gegen stehen.“ jöd ■
wichtig waren, das Schicksal des geteil- Vertreibung angesprochen, erklärt Pa-
ten Deutschland, dass der Vertriebenen, welka: „Offenbar wird die Schau den „Reinwaschung der
insbesondere aber das der Schlesier, war Ansprüchen an die historische Wahrheit
sein Standpunkt unverrückbar. Hupka gerecht. Es finden sich zum Beispiel Waffen-SS“
hielt am Anspruch auf die nationale Ein- wohl keine der sonst üblichen Verkür- Dass Grass bei der Waffen-SS war, nutzen
heit und auf Heimat fest. Am 24. August zungen auf die ,Ursache Hitler‘ als die Nazis zu einer Kampagne zur Reinwa-
ist er nach einem Sturz im Alter von 91 Grund für die Vertreibung. Dass die schung der Waffen-SS. Die Nationalzei-
Jahren gestorben.“ Wahrheit kompliziert ist, wird unter an- tung startet eine Serie „Grass und seine
Auf einer der folgenden Seiten inter- derem auch durch die Erwähnung der SS-Kameraden“. Die Deutsche Militär-
viewt Moritz Schwarz den jahrelangen Vertreibung der finnischen Ostkarelier zeitschrift bringt
Weggefährten und heutigen Bundesvor- 1939/40 und 1945 bis 1947 durch die eine Extraausgabe
sitzenden der Landsmannschaft Schle- Sowjetunion deutlich. Dank dieses Bei- heraus, wo Grass
siens, Rudi Pawelka. Zu den finanziellen spiels wird klar, dass die Ostdeutschen und Schönhuber
Fördermitteln durch die Bundesregie- eben nicht als Reaktion auf Hitlers Krieg gemeinsam auf
rung erklärt er: vertrieben worden sind. Denn Finnland dem Titel pran-
„Wir bemerken immerhin ein freundli- hat Rußland nicht angegriffen, sondern gen „Wir waren
cheres Klima seit dem Regierungswech- ist von ihm 1939 überfallen worden, den- dabei“.
sel. Entscheidend aber wird sein, ob zum noch ist es den Kareliern ergangen wie Die VVN-BdA
Beispiel die Streichung auf dem Sektor 1945 den Deutschen.“ Aachen schreibt
der Kulturförderung der Vertriebenen in Pawelka leugnet die Kriegsschuld in dazu: „Wir behar-
den sieben Jahren Rot-Grün rückgängig Wendungen und Irrungen aber mit klarer ren weiter darauf, dass der Versuch, über
gemacht wird. Auch das läßt sich noch Zielsetzung. Dass so eine Person im die Grass-Debatte eine Reinwaschung
nicht abschließend beurteilen ...“ Bundesverband der Vertriebenen einen des Treffens von Helmut Kohl und Ro-
nald Reagan an den Gräbern der SS in
Bitburg 1985 zu versuchen, scheitert.
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Das Treffen in Bitburg knüpfte historisch
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: an die Verhandlungen (Schweiz 1944/45)
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich des Naziverbrechers Himmler an, die SS
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
nach der sicheren Niederlage Deutsch-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
lands im Osten über einen Seperatfrieden
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
mit den USA als Kampftruppe gegen den
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Bolschewismus anzubieten und so deren
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Überleben zu sichern. Das Treffen Kohl-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Reagan war ein Affront gegen die ehe-
maligen Alliierten im Kampf gegen den
Name: Adresse: Faschismus, besonders die Sowjetunion
und ein Schlag ins Gesicht aller Opfer
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts der verbrecherischen Waffen-SS.
Die Kritik von Grass an Bitburg ist
Unterschrift und bleibt richtig. Für ihn spricht, dass er
viel weniger Ausreden nötig hat als die
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
meisten seiner heutigen „Verteidiger“.
VVN-BdA Aachen ■

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