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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 19.10.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

NPD gratuliert FPÖ


Österreich. Der NPD-Fraktionsvorsit-
zende Holger Apfel gratulierte am 2. Ok-
tober „im Namen der NPD-Fraktion im
Sächsischen Landtag dem Bundespartei-
obmann der Freiheitlichen Partei Öster-
reichs Heinz-Christian Strache zum Er-
folg bei der gestrigen Nationalratswahl“.
Apfel, der am 21. Oktober bei der „41.
Politischen Akademie“ der Arbeitsge-
meinschaft für demokratische Politik re-
ferieren soll, sieht im FPÖ-Erfolg „ein
deutliches Signal für das Erstarken der
nationalen Kräfte in Europa“. Der Wahl-
ausgang freue ihn auch, „weil damit nach
dem Verrat eines Teils der Parteiführung
endlich wieder eine authentisch nationa-
le Kraft in Klubstärke im Nationalrat Naziaufmarsch durch Hamburg auf verkürzter Route.
vertreten ist“. Schließlich wünscht Apfel 3000 Demonstranten fordern:
„Herrn Strache und seiner Mannschaft
alles Gute und viel Kraft im Kampf um
die Bewahrung der deutschen Identität Schluss mit der Duldung
www.doew.at ■
Österreichs“.
faschistischer Umtriebe!
„Wir wollen eine solidarische markt lautstark, friedlich und ohne Zwi- niert wurden diejenigen, die die Faschis-
Stadt, in der antisemitische schenfälle und Übergriffe der Polizei ten bekämpften, geschützt wurden von
und rassistische Angriffe von durch die Hamburger Innenstadt. staatlichen Organen die Nazis.“
Neonazis entschieden zurückgewie- Zeitgleich startete an dem Gerhard- Vier Haltestellen mit der Linie U1 ent-
sen werden – klar und eindeutig“, er- Hauptmann-Platz ein „Fest für Toleranz fernt, nutzten Anwohner und Antifas eine
klärte der Hamburger Bundestagsab- und gegen die braunen Parolen“, auf dem von der Linkspartei angemeldete „Eil-
geordnete der Linkspartei, Dr. Nor- sich im Laufe des Tages viele hundert versammlung gegen Ausgrenzung, Ras-
man Paech, auf der Auftaktkundge- Menschen beteiligten und informierten. sismus und Gewalt“, um sich von der
bung des „Bündnis gegen Rechts“ am Für die GAL sprach Christoph Whyl dort Ritterstraße kommend, den Nazis auf ih-
14. Oktober und charakterisierte die von der notwendigen „Selbstverpflich- rer Route entgegen zu stellen. An den
verschiedenen Aktivitäten des Ham- tung für Demokraten und Antifaschisten, friedlichen Protesten und Straßenblocka-
burger Bündnis gegen Rechts als „so- gegen rechtsradikale Umtriebe künftig den beteiligten sich nach Angaben der
lidarisches Miteinander von Gewerk- enger zusammenzustehen“. Als Anmel- Hamburger Polizei „bis zu 2.000 Perso-
schaften, politischer Linken und Kul- der der Kundgebung dankte er den Betei- nen aus dem linken Spektrum.“
turinitiativen“. ligten, insbesondere der „künstlerischen Gegen 16.00 Uhr setzte die Polizei ins-
Unterstützung durch Mitglieder aus dem gesamt 5 Wasserwerfer gegen, als „Stö-
Ver.di-Landesbezirksleiter Wolfgang Ensemble vom Thalia-Theater und dem rer“ denunzierte Antifaschisten und Anti-
Rose ging in seiner Rede auf den Zusam- Deutschem Schauspielhaus“. faschistinnen ein. Der Anmelder der
menhang von Massenarbeitslosigkeit Ilse Jacob, die Tochter des antifaschisti- Spontandemonstration sprach von einem
und Sozialabbau ein, der den „Braunen schen Widerstandskämpfers Franz Jacob, „zunächst unsortierten“, später „unver-
Demagogen ermöglicht, mit populisti- die in Folge ihres Engagements für die hältnismäßig und teilweise brutalen Vor-
schen Schlagwörtern die wachsende Ver- Vereinigung der Verfolgten des Nazire- gehen der Polizei“, um den Aufmarsch
unsicherung von Menschen auf ihre gimes (VVN) Anfang der 70er mit Be- der 170 Neonazis gegen den Protest über-
Mühlen zu lenken“. rufsverbot belegt worden war, hinterfragte wiegend jugendlicher Anwohner und An-
Im Anschluss zogen 3000 Antifaschis- die Rolle des Verfassungsschutzes: „Auch tifaschisten zu ermöglichen. Trotzdem
ten und Antifaschistinnen vom Gänse- Anfang der 70er musste die Route der Nazide-
Jahre war der Wi- monstration mehrfach geän-
derstand gegen neo- dert werden, bevor die Rech-
faschistische Akti- ten gegen 17.00 Uhr am S-
Aus dem Inhalt: vitäten aktuell. Und Bahnhof Hasselbrook mit ei-
Boykott der Bahn AG auch hier spielte der nem Sonderzug der Linie S1
durchbrechen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Verfassungsschutz zu ihren Fahrzeugen ge-
Le Pen in Valmy und in Korsika . . . . . 7 eine unrühmliche bracht wurden.
Rolle. Diskrimi- kun ■
: meldungen, aktionen

Schlappe für Priesterbrüder riert und findet sich auch unter den Auto-
Göffingen. Der Versuch der Lefebvre- ren der „Deutschen Nationalzeitung“.
Anhänger von der „Priesterbruderschaft hma ■
St. Pius X“, in der oberschwäbischen
Gemeinde Göffingen eine Schule im Siegerist gründet neue
Dorfzentrum zu eröffnen, ist gescheitert.
Auf einer turbulenten Bürgerversamm- rechte Partei in Bremen
lung hatten die Bewohner des Dorfes Bremen. Rund 250 Menschen kamen am
massiv gegen einen geplanten Verkauf Freitag, 6. Oktober auf Einladung von Joa-
der alten Schule an die „Priesterbruder- chim Siegerist, Chef der „Deutschen Kon-
schaft“ protestiert. Eine eigens gegrün- servativen“, ins Hilton Hotel in Bremen.
dete Bürger-initiative wandte sich gegen Siegerist, wegen Aufstachelung zum Ras-
den Verkauf der alten Schule an eine pri- senhass und Volksverhetzung einschlägig
vate Einrichtung. In einer Umfrage spra- vorbestraft wollte herauszufinden, ob es
chen sich 190 der 280 Wahlberechtigten „ein Bedürfnis nach Veränderung in der
dagegen aus. Der Rest enthielt sich. Die Parteienlandschaft“ gibt. Für diesen Fall
Mehrheit der Göffinger BürgerInnen will er sich im Mai mit einem Wähler-
wolle keine Schule „dieser fundamenta- bündnis „Bremen muss leben“ zur Bürger-
listischen kirchlichen Gruppierung“, so schaftswahl stellen. Das Bündnis soll das
der Tenor. Mittlerweile hat die „Priester- Vakuum füllen, das Siegerist in der rech-
bruderschaft“, deren Vertreter während ten politischen Mitte ausgemacht haben
der Versammlung heftig angegangen will. Ursprünglich wollten die „Deutschen
wurden, ihr Kaufangebot zurückgezogen Konservativen“ im Marmorsaal des Hotel
und droht nun in einer Sonderbeilage zu ÜberFluss tagen. Als die Hotelleitung er-
ihrem „Mitteilungsblatt“: „Wenn der fuhr, wen sie sich da ins Haus geholt hatte,
christliche Wiederaufbau in Deutsch- stieg sie aus dem Vertrag aus.
land, den die Priesterbruderschaft in An- Aufgrund der Absprachen zwischen
griff genommen hat, in solcher Weise DVU und NPD wird am 13. Mai 2007 al-
verhindert wird, dann braucht es nieman- lein die DVU zur Bürgerschaftswahl in
den zu wundern, wenn statt dessen Is- Bremen antreten. Jetzt erwächst ihr mit reich. Weitere 4 Jahre, die unserem ge-
lamschulen Einzug halten. Vielleicht ge- „Bremen muss leben“ wohl noch rechte burtenschwachen Volk schwer zusetzen
hen statt junger Christen eines Tages ja Konkurrenz. Quellen: Weser-Kurier werden.“
vollverschleierte Mädchen durch das 7.10., taz Nord 5.10. ■ Als „gute Nachricht“ wird das Come-
kleine Dorf am Bussenhang. Das ist die back der FPÖ bezeichnet: „Eine halbe
Folge, wenn man katholische Schulen Naziaufmärsche in Göttin- Million Wähler haben das Bekenntnis
verbietet...“. hma ■ ‘deutsch statt nix verstehen’ mit ihrer
gen und Celle angekündigt Unterschrift unterstützt und damit ge-
Kreuz mit Haken Am 28. Oktober wollen Faschisten nicht zeigt, dass das deutsche Österreich nicht
nur in Göttingen aufmarschieren, sondern tot zu kriegen ist! 0,5 Millionen Österrei-
Österreich. Die am rechten Rand des im Anschluss an ihre Kundgebung in Göt- cher, die erkannt haben, dass nur eine
Katholizismus angesiedelte „Initiative tingen es auch noch in Celle versuchen. Heimreise anstatt weiterer Einreise die
katholischer Laien und Priester (IK). Pro Ab 16 Uhr wollen sie sich am Celler Völker Europas vor dem drohenden
Sancta Ecclesia“ mit Sitz im bayrischen Bahnhof treffen. Mit der Kundgebung in Volkstod bewahren wird können.“
Siebnach sieht in ihren aktuellen „IK- Göttingen, die von 12 bis 14 Uhr dauern Bei der FPÖ-Abschlusskundgebung in
Nachrichten“ eine „Bedrohung durch soll, sind diese Pläne der Nazis nur Wien-Favoriten am 29. September wurde
den Islam“. Der Islam wolle keinen Dia- schwer kompatibel. übrigens das BfJ-Blatt Jugend Echo ver-
log, sondern „Weltherrschaft und Kapi- Sollte Adolf Dammann und Christian teilt; mehrere Neonazis – mehrheitlich
tulation“. In ihrem Kampf gegen Frauen- Worch die Demo in Göttingen genehmigt aus dem Skinheadmilieu – konnten dort
ordination, Homosexualität und Abtrei- werden, ist davon auszugehen, dass der auch ungehindert ihre Gesinnung zur
bung erhalten die christlichen Funda- Aufmarsch in Celle ausfällt oder zeitlich Schau stellen, etwa durch das Tragen von
mentalisten Unterstützung auch aus an- nach hinten geschoben wird. Antifaschis- T-Shirts mit Aufdrucken wie „Odin statt
deren Spektren des rechten Randes. tische Aktionen in Celle sind ebenfalls in Jesus“ oder „Heimreise statt Einreise“.
So soll der langjährige FPÖ-Funktio- Vorbereitung. Einer bekannte sich offen zum militanten
när Ewald Stadler, im Jahr 2004 Inter- Infos auf: www.kein-naziaufmarsch.tk bis terroristischen Neonazi-Netzwerk
viewpartner des Parteiorgans der bundes- www.antifaschistischeaktioncelle.tk ■ Blood & Honour, das seit 1998 auch in
deutschen „Republikaner“, am 31. Okto- Österreich aktiv ist. Ein anderer trug
ber beim IK Innsbruck zum Thema „Der Neonazistische Wahlnach- stolz ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Hate
Untergang des Abendlandes auf österrei- Society“. So hieß eine deutsche NS-
chisch“ referieren. Der IK Linz will am lese Band im Blood & Honour-Umfeld, die
5. November in Wels eine Veranstaltung Wien. Der Bund freier Jugend (BfJ) hat 1999 eine CD mit dem bezeichnenden
mit Dr. Walter Marinovic zum Thema auf stoertebeker einen Kommentar zur Titel „Sounds of Racial Hatred“ in Um-
„Der gesteuerte Kulturverfall – Wie weh- Nationalratswahl veröffentlicht. Dieser lauf brachte. Ein Bandmitglied gründete
ren wir uns ?“ durchführen. Marinovic beginnt mit einer „schlechte[n] Nach- Ende der 90er Jahre den Versand Hate
hatte in den vergangenen Jahren schon richt“: „Weitere 4 Jahre ungebremste Society Records, bei welchem sich auch
bei der neofaschistischen NPD und der Masseneinwanderung von Fremden aus heimische Neonazis mit Propagandama-
„Gesellschaft für freie Publizistik“ refe- allen Winkeln der Erde in unser Öster- terial und Devotionalien eindecken.

2 : antifaschistische nachrichten 21/2006


Auf der FPÖ-Abschlusskundgebung nierungsgebiet
wurde auf einem Sweater auch Ian Stu- liegt). Dazu kä-
arts gedacht. Der britische Neonazi und men die inzwi-
Mitbegründer von Blood & Honour gilt schen rund
als Kultfigur in der Szene: Er war bis zu 925000 Euro
seinem Unfalltod 1993 Bandleader von auf dem Treu-
Screwdriver, der wohl bekanntesten NS- handkonto der
Band. Die alljährlich stattfindenden „Ian Aktion „Hotel
Stuart-Memorial“-Konzerte gelten als am Stadtpark“
wichtiger Treffpunkt für die internatio- und knapp
nale Neonaziszene. 500000 Euro,
www.doew.at ■ die die GSG aus
eigenen Mitteln
Mehr RechtsRock-Konzerte beisteuern
müsste.
in Thüringen 2005 Die GSG würde damit Eigentümerin tration in Gröpelingen. Es ist bereits das
Erfurt. In Thüringen haben im letzten und Verwalterin des Hotelkomplexes dritte Mal, dass diese Scheibe zerstört
Jahr mehr Konzerte der rechtsradikalen werden, über dessen Nutzung erst nach wurde und die Täter sind klar im neofa-
Szene stattgefunden als bisher bekannt. dem Kauf entschieden werden soll. Da- schistischen Lager zu suchen. Die Täter
Das berichtete das MDR Thüringen- bei sollen sich die Bürger, die maßgeb- benutzten einen Gullydeckel, dies war
Journal. Die Redaktion der Fernsehsen- lich am Spendenaufkommen mitgewirkt auch beim ersten Anschlag, in der Nacht
dung bezieht sich dabei auf ein ihr vor- haben, in angemessener Weise über ei- 19./20. Januar 2000, der Fall. Drei Tage
liegendes vertrauliches Dokument des nen neu zu gründenden Beirat einbringen vorher waren an die Außenflächen des Bü-
Verfassungsschutzes. Danach gehen die können. ros Signets wie die Wolfsangel geschmiert
Verfassungsschützer entgegen eigener Inzwischen sind fast 4000 Spenden worden. In der Nacht 18./19. April 2000
Meldungen von 32 Veranstaltungen mit auf dem städtischen Treuhandkonto der wurde die Scheibe erneut, mit einem klei-
Live-Musik aus. Bisher war von 19 Kon- Aktion „Hotel am Stadtpark“ eingegan- neren Gegenstand, zerstört und die im
zerten die Rede. MOBIT hatte im ver- gen. Die Zahl der Menschen, die die Ak- Fenster hängende Fahne der VVN-BdA
gangenen Jahr 31 RechtsRock-Konzerte tion bislang unterstützten, liegt aller- gestohlen. In der Nacht 4./5. September
in Thüringen gezählt. http://www.mo- dings deutlich höher. Denn die Erlöse 2000 wurden auf die Scheibe Plakate der
bit.org/Materialien/2005_Chronik_Rech etwa aus verschiedenen Verkaufsaktio- NPD geklebt, auf das in der Nähe befindli-
tsRock_Th%FCringen.p nen sind mit nur einer Summe verbucht, che Denkmal für die Bücherverbrennung
Außerdem soll es weitere rechtsradi- obwohl viele Leute etwas beigesteuert ebenfalls ein NPD-Plakat sowie Aufkleber
kale Veranstaltungen gegeben haben, die haben. Zum Beispiel haben im Anschluss zu Ehren von Rudolf Hess.
der Verfassungsschutz aus Gründen des an das „Delmenhorst sagt Nein!“-Kon- Es ist offensichtlich, dass die Täter bei
Quellenschutzes in dem Dokument nicht zert in der Aula des Gymnasiums an der diesem erneuten Anschlag auch ohne dass
näher benennt. Die Behörde kommt au- Willmsstraße die Besucher 920 Euro für entsprechende deutliche Spuren hinterlas-
ßerdem zu der Einschätzung, dass sich das städtische Treuhandkonto der Aktion sen wurden, im neofaschistischen Lager
Thüringen aufgrund seiner geografi- „Hotel am Stadtpark“ gespendet. zu suchen sind und sich in die Bemühun-
schen Lage als bundesweit wichtiger Rathaussprecher Timo Frers sagte, gen der NPD einreiht, im Bremer Westen
Veranstaltungsort der rechtsradikalen stärkster Tag sei mit 411 Spendeneingän- Fuß zu fassen und den politischen Gegner
Szene etabliert hat. gen der 14. August gewesen. Einen Tag durch gewaltsame Aktionen einzuschüch-
Freies Wort vom 10.10.2006 , MDR später seien es noch 395 gewesen. Eine tern. Wir fordern alle Organisationen und
Thür.-Journal ■ Spende ging aus Kanada ein, und in Einzelpersonen, die in einer nazifreien
jüngster Zeit seien Überweisungen aus Stadt leben wollen, auf, ihre Ablehnung
Delmenhorster Hotel geht Österreich, Großbritannien, Belgien und durch Plakate, Aufkleber, Transparente,
Luxemburg gefolgt. Innerhalb Deutsch- Anstecker oder andere öffentlich sichtbare
wahrscheinlich doch nicht lands reichte die Spendenbereitschaft bis Mittel deutlich zu machen, damit jedem,
an Rieger Freiburg, Stuttgart und München. Aller- der durch die Straßen geht, klar wird, dass
Delmenhorst. Nicht die Stadt Delmen- dings seien Delmenhorst und die Region Neofaschismus hier nicht erwünscht ist.
horst selbst sondern die Gemeinnützige am meisten vertreten. Quelle: Außerdem rufen wir auf, die antifaschis-
Siedlungsgesellschaft Delmenhorst www.delmenhorst-sagt-nein.de ■ tische Demonstration am 4. November in
(GSG) verhandelt jetzt mit Hotelbesitzer
Günter Mergel über einen Ankauf des Anschlag auf
Hotels am Stadtpark. In einem Gespräch
zwischen GSG-Geschäftsführer Stefan das Büro
Ludwig und Mergel hat dieser seine Be- der VVN-BdA
reitschaft erklärt, das Hotel für drei Mil- Bremen
lionen Euro zu veräußern.
Der Stadtrat hatte in einer Sondersit- Bremen. In der Nacht
zung mit großer Mehrheit beschlossen, vom 10. zum 11. Okto-
Mergel die Drei-Millionen-Offerte zu ber wurde erneut die
machen. Dabei setzt das Rathaus auf das Schaufensterscheibe
so genannte GSG-Modell, das vom Nie- des Büros der VVN-
dersächsischen Innenministerium als BdA in Bremen-Walle
rechtlich einzig einwandfreier Weg ge- eingeworfen. Die Poli-
billigt wurde. Es sieht vor, dass die Stadt zei sieht einen klaren
über die GSG 1,596 Millionen Euro auf- Bezug zu der für den 4.
bringt (Verkehrswert plus 20-prozentiger November angekün-
Zuschlag, da das Gebäude in einem Sa- digten NPD-Demons-

: antifaschistische nachrichten 21/2006 3


Gröpelingen, Beginn um 10 Uhr an der nisterium in dieser Frage noch zu über- Polen und Russland. Für den 21. Oktober
Straßenbahn-Endhaltestelle Gröpelin- treffen. Zwangsmaßnahmen haben noch hat der BJO nun als „hervorragende Re-
gen, durch die persönliche Teilnahme nie bei den Betroffenen positive Identifi- ferenten“ über die „Rolle Ostdeutsch-
Vieler zu einem deutlichen Zeichen ge- kationen bewirkt. ... lands und Ostpreußens in der aktuellen
gen Neofaschismus zu machen. Hilmi Kaya Turan, stv. Bundesvorsit- bundesdeutschen Geschichtspolitik“ mit
VVN-BdA Landesvorstand Bremen ■ zender der Türkischen Gemeinde Albrecht Laue und Gerd Schultze-Rhon-
Deutschland (TGD) sagte, der CDU/ hof zwei Personen eingeladen, die wei-
Kritik an Stuttgarter FWG-Antrag befördere „die Stigmatisie- terhin für das rechte Geschichtsbild sor-
rung der Kinder mit Migrationshinter- gen werden.
Hakenkreuz-Urteil grund und bediene Ressentiments in der Der Hamburger Albrecht Laue, Vorsit-
Berlin. Die Berliner Staatsanwaltschaft Mehrheitsbevölkerung“. Es werde außer zender des VBGO, spricht über die „Su-
hat sich von dem umstrittenen Urteil des Acht gelassen, dass das deutsche Bil- che und Bergung vermißter Kriegstoter
Stuttgarter Landgerichts, das am 29. Sep- dungssystem „eines der selektivsten Bil- in den ehemaligen Ostgebieten.“ Der
tember einen Versandhändler, der Anti- dungssysteme der Welt im Hinblick auf Verein dient seine Hilfe regelmäßig der
Nazi-Symbole verkauft, wegen „verbote- sozial- und bildungsschwache Familien HIAG, einer Hilfsorganisation von ehe-
ner Verwendung von Kennzeichen verfas- ist“. Schichten, Sprachen und Kulturen maligen Waffen-SS-Angehörigen an und
sungswidriger Organisationen“ zu 3.600 zu akzeptieren sei ein zentraler Schritt inseriert dazu in deren Blättchen „Der
Euro Geldstrafe verurteilt hatte, sofort hin zu „gleichen Bildungschancen für Freiwillige“. Die ehemaligen SS-Solda-
distanziert. Die Berliner Staatsanwalt- alle Kinder“. ten bedanken sich dafür mit begeisterten
schaft werde auch in Zukunft verfremdete Eine Deutschpflicht in Kindergärten ist Artikeln wie „Reichssendeleiter Eugen
Hakenkreuzabbildungen, die ausdrück- nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft Hadamovsky mit 15 vermißten Soldaten
lich zum Kampf gegen Neonazis dienten, der Ausländerbeiräte Hessens (AGAH) der 4. SS-Polizei-Panzergrenadierdivisi-
nicht strafrechtlich verfolgen, erklärte der ein massiver Eingriff in die Tätigkeit der on geborgen“ bei Laues Verein. Der
für politische Delikte zuständige Berliner Erzieherinnen. „Die Erzieherinnen wis- Dank ist aber nicht nur immateriell: Die
Oberstaatsanwalt Jörg Raupach. sen, wie man mit Kindern umgeht, und SS-Kriegsgräberstiftung „Wenn alle
In Berlin hatten bekannte Neonazis sie kennen das Ziel, dass am Ende alle Brüder schweigen“ spendete dem VBGO
schon vor Wochen versucht, Anti-Nazi- Deutsch können müssen. Und sie machen 2005 einen Bagger und beträchtliche
Symbole durch Strafanzeigen verbieten ihre Arbeit sehr gut“, sagte der AGAH- Summen für seine Arbeit.
zu lassen. René Bethage etwa, Gründer Vorsitzende Yilmaz Memisoglu am Mon- Der ehemalige General Schultze-
der 2005 verbotenen Kameradschaft tag. Das Deutsch-Diktat widerspreche Rhonhof referiert beim BJO über „1939
„Berliner Alternative Südost“, hatte sich den neuesten wissenschaftlichen Er- – Der Krieg der viele Väter hatte. Zur
während des Wahlkampfs an einem Wahl- kenntnisse, nach denen nur ein gefestig- Vorgeschichte von Flucht und Vertrei-
stand der Grünen Jugend eine Anti-Nazi- ter Muttersprachenerwerb das Erlernen bung.“ Er sieht jedoch nicht die Verbre-
Karte besorgt und persönlich dem Justizi- einer Zweitsprache ermöglicht. chen der deutschen Wehrmacht und der
ar der Berliner Polizei übergeben mit der Der durch die zahlreichen Proteste in SS in Osteuropa als Ursache der von den
Aufforderung, dagegen strafrechtlich vor- die Enge getriebene CDU-Fraktionsvor- Alliierten beschlossenen Umsiedlung der
zugehen. Das hat die Polizei nach Rück- sitzende Helmut Butterweck verteidigte Deutschen, beschlossen weil ein friedli-
sprache mit Oberstaatsanwalt Raupach den Beschluss damit, dass auf keinen Fall ches Zusammenleben nach 1945 in Ost-
jetzt formell abgelehnt. Auch ein weiterer andere Nationen diskriminiert werden europa unmöglich war. Der Ex-General
Versuch von Neonazis, die Justiz gegen sollten. Wenn die Kinder täglich die Na- leugnet vielmehr die Kriegsschuld und
solche Antifa Symbole einzuschalten, ist tionalfahne und das Bild des Bundesprä- Expansionspolitik Deutschlands und be-
nach Berichten der Grünen Jugend in Ber- sidenten sähen, würden sie aber eines Ta- hauptet, das Deutsche Reich sei von den
lin gescheitert. ges selbst anfangen, Fragen danach zu Nachstaaten quasi in den Krieg getrieben
Der Tagesspiegel, 1.10. – rül ■ stellen. Schließlich habe die schwarz-rot- worden. Mit seinem Buch „Der Krieg
goldene Fahne ja nichts mit dem Dritten der viele Väter hatte“, tourt Schultz-
Eindeutschung im Kinder- Reich zu tun. es gelte, an die Begeiste- Rhonhof seit Jahren durch diverse Verei-
rung während der Fußball-Weltmeister- ne und Gruppierungen der extremen
garten schaft anzuknüpfen. rst ■ Rechten, in Hamburg referierte er 2004
Dietzenbach. In 11 städtischen Kinder- bei der berüchtigten Burschenschaft Ger-
tagesstätten von Dietzenbach, (ca. 37 000 Geschichtsrevisionisten mania. Der Nationalzeitung der rechtsex-
EW im Kreis Offenbach - Migrantenan- tremistischen DVU gab er 2005 ein In-
teil ca. 27 %) muss künftig an zentraler und SS-Sympathisanten terview.
Stelle die deutsche Fahne und ein Bild im „Hamburg-Haus“ Das Hamburg-Haus in Eimsbüttel ist
des Bundespräsidenten aufgehängt wer- Hamburg. Am 21. Oktober 2006 will eine Institution, die Menschen aller Reli-
den. Deutsch wird als einzige Umgangs- der Regionalverband Nord des revan- gionen, Kulturen und Länder offen steht.
sprache festgelegt und den Kindern sol- chistischen „Bund Junges Ostpreußen“ Hier treffen sich Gruppen von ehemali-
len die gesetzlichen Feiertage nahe ge- (BJO) im Eimsbüttler Hamburg-Haus gen Verfolgten des Naziregimes und Ini-
bracht und erläutert werden. Dies lt. Be- seinen „Herbstdiskurs im Norden“ ab- tiativen aus dem Stadtteil. In diesem
schluss der Stadtverordnetenversamm- halten. Haus sollte kein Platz sein für ewiggest-
lung vom 6. 10. auf Antrag der CDU und Dazu hat er Gerd Schultze-Rhonhof, rige Organisationen, die Geschichtsklit-
der Freien Wähler mit Unterstützung der einen Referenten der extremen Rechten terung betreiben und eine Aussöhnung
Vertreterin der Republikaner. und den „Verein zur Bergung Gefallener mit unseren osteuropäischen Nachbarn
Der Vorsitzende der GEW Hessen, Jo- in Osteuropa e.V.“ (VBGO), eine Orga- hintertreiben. Vor wenigen Wochen wur-
chen Nagel. kritisiert diesen Beschluss nisation die eng mit ehemaligen SS-Sol- de eine Veranstaltung der Vertriebenen
wie folgt: Unlängst hat sich Professor Ba- daten zusammenarbeitet, eingeladen. im Rathaus von Soest mit Gerd Schultze-
ring vor der CDU-Landtagsfraktion - un- Der BJO ist die offizielle Jugendorgani- Rhonhof abgesagt. Das Gleiche fordern
widersprochen – für die Eindeutschung sation der Vertriebenenorganisation wir von den Verantwortlichen des Ham-
von Migranten ausgesprochen. Die CDU „Landsmannschaft Ostpreußen“ (LO) burg-Hauses.
in Dietzenbach hat nun diesen Ball aufge- und erhebt wie die Mutterorganisation Hamburger Bündnis gegen Rechts,
nommen und sich bemüht, das Kultusmi- revanchistische Ansprüche gegenüber 16. Oktober 2006 ■

4 : antifaschistische nachrichten 21/2006


Berlin/Karlsruhe/Jena/Paris.
Auf einer Aktionskonferenz haben
deutsche Initiativgruppen Ge-
Boykott durchbrechen!
denkveranstaltungen für die Deportati- waren. Sie wurden von der Reichsbahn in das namentlich bekannte Schicksal der
onsopfer der Deutschen Reichsbahn be- Konzentrationslager verbracht. Verschleppten zu erinnern.
schlossen. Insgesamt drei Millionen Men- In Viehwaggons Umwidmung
schen aus fast sämtlichen Staaten Europas
waren während der deutschen NS-Herr- Auf die Deportationserfahrungen des No- Die bereits tätigen Initiativen haben ange-
schaft auf dem Schienenweg in Konzen- vember 1938 konnte die Deutsche kündigt, zu unterschiedlichen Aktionsfor-
trations- und Vernichtungslager ver- Reichsbahn zurückgreifen, als sie wenige men zu greifen, die ihren jeweiligen Mög-
schleppt worden. Unter ihnen befanden Jahre später zum größten Logistiker der lichkeiten entsprechen. So werden an ei-
sich auch elftausend jüdische Kinder aus NS-Massenverbrechen wurde. Beispiel- nigen Orten Führungen stattfinden, um
Frankreich. Bis heute weigert sich die haft und für die Skrupellosigkeit der deut- die Deportationslogistik der früheren
Berliner Bahn AG, das Nachfolgeunter- schen Politik kennzeichnend sind die Reichsbahn an weiter bestehenden Ein-
nehmen der Deutschen Reichsbahn, auf Bahn-Deportationen jüdischer Kinder aus richtungen der heutigen Bahn AG nachzu-
den Bahnhöfen der früheren Todestrans- Frankreich. Ihre letzte Reise führte über vollziehen. Andere Initiativen wollen Rei-
porte Gedenkausstellungen zuzulassen. das zentrale deutsche Schienennetz. Für sende durch Filmvorführungen informie-
Wie das milliardenschwere Unternehmen die Todesfahrten ließ sich die Deutsche ren oder planen die Umwidmung heutiger
behauptet, fehlten ihm dafür die finanziel- Reichsbahn Personenentgelte zahlen. Un- Bahnbezeichnungen, um Namen der De-
len Mittel. Die Teilnehmer der Frankfurter ter den etwa elftausend Deportierten wa- portationsopfer zu ehren. Da die Todeszü-
Aktionskonferenz rufen zu bundesweiten ren über 600 Kinder deutscher und öster- ge grenzüberschreitend verkehrten, wer-
Veranstaltungen im Umfeld des 9. No- reichischer Emigranten. Auf dem Weg in den die Ehrungen auch benachbarte Re-
vember (Reichspogromnacht) auf. Dabei die Vernichtungslager fuhren viele von ih- gionen einbeziehen, heißt es bei der Ini-
werde man die Bahnreisenden nicht nur nen durch die Bahnhöfe ihrer Heimatorte tiative Elftausend Kinder. Bündnisse, die
an den Knotenpunkten der früheren To- - in Viehwaggons. im Umkreis des diesjährigen 9. November
destransporte, sondern auch auf den De- Bündnisse erstmalig an die Ermordeten erinnern
portationsstrecken umfassend informie- wollen, werden aufgerufen, mit Fotos der
ren, teilen die Initiatoren mit. Auch an Deportationsprotokolle, die der französi- Kinder oder Kunstinstallationen in den je-
grenzüberschreitende Zugläufe sei ge- sche Historiker Serge Klarsfeld in mehr- weiligen Bahnhofsbereichen zu informie-
dacht. jähriger Arbeit rekonstruierte, erlauben ren.
Aktionen zu Ehren der verschleppten eine genaue Identifizierung der Opfer. Die Exponate
Reichsbahn-Opfer kündigen Initiativen in Initiativgruppen halten entsprechende Na-
den Regionen Hamburg, Köln, Frankfurt menslisten bereit, aus denen die deutsche Die von der Deutschen Bahn AG verwei-
am Main, Mannheim, Karlsruhe, Weimar Herkunft der verschleppten Kinder her- gerten Ausstellungen auf den Personen-
und Leipzig an. Demonstrationen und vorgeht. Neben großstädtischen Zentren bahnhöfen werden inzwischen von städti-
Veranstaltungen sollen im Umfeld des 9. (Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig u.a.) schen Einrichtungen in der gesamten Bun-
November stattfinden und an die ersten werden auch Mittel- und Kleinstädte als desrepublik eingeladen - in einer reduzier-
Massendeportationen auf dem deutschen Ausgangspunkte der Todesodyssee ge- ten und mit Eigenmitteln ausgestalteten
Schienennetz im Jahr 1938 erinnern. Da- nannt, so Bonn, Darmstadt, Duisburg, Ha- Version. Neben Leipzig haben Veranstal-
mals folgten den Brandschatzungen jüdi- chenburg, Plauen, Rust, Tiengen oder ter in Potsdam, Pforzheim, Eutin und Del-
schen Eigentums Verhaftungen und Inter- Worms. Die Initiativgruppen rufen dazu menhorst angefragt, ob eine leihweise Prä-
nierungen hunderter Deutscher, die der auf, in diesen und anderen Orten lokale sentation der Exponate möglich ist. Bei
Ethno-Ordnung der Berliner Regierung Bündnisse einzugehen, um die Bahn-Rei- den Ausstellungsgegenständen handelt es
anheim fielen oder politisch missliebig senden im Umfeld des 9. November an sich vor allem um Fotos und letzte Briefe
der Kinder, die sie auf die Gleise der Deut-
schen Reichsbahn warfen. Wegen der Kos-
Bahn AG muss sich historischer Verantwortung stellen ten für die inhaltliche Aktualisierung und
Ulla Jelpke begrüßt Engagement von Initiativen zum Gedenken an Deportationen den Transport der Ausstellung ist eine
durch die Reichsbahn ab 1938 Ausweitung des bundesweiten Umlaufs
gegenwärtig unmöglich. Die Initiativen
Verschiedene lokale Initiativen haben beschlossen, im Vorfeld des 9. November hoffen, dass die reduzierte Ausstellungs-
(Jahrestag der Reichspogromnacht 1938) mit Aktionen und Veranstaltungen an die version die eigentliche Bahnhofsausstel-
Beteiligung der Deutschen Reichsbahn an der Deportation von drei Millionen Jü- lung flankieren und überall dort zu sehen
dinnen und Juden aus ganz Europa zu erinnern. Sie reagieren damit auf die fortge- sein wird, wo die Bahnhofsausstellung
setzte Weigerung der Deutschen Bahn AG, eine Ausstellung über 11.000 Kinder, die nicht aufgebaut werden kann.
Opfer dieser Deportationen geworden sind, auf ihren Bahnhöfen zu zeigen.
Vorbereitet
Zuletzt war ein Vertreter der Bahn AG zu einem mehrfach verschobenen Treffen
im Bundesverkehrsministerium am 26. September nicht erschienen. Zwischen Ab- Ob es zur Erinnerung an die elftausend
geordneten aller Fraktionen und dem Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee Kinder und alle anderen Bahndeportierten
(SPD) besteht große Einigkeit, dass die Bahn die Ausstellung endlich in ihren durch einvernehmliche Absprachen mit
Bahnhöfen zeigt. „Das Verhalten der Bahn AG in diesem Zusammenhang ist nicht der Bahn AG kommt, ist weiter unge-
nachvollziehbar“ erklärt dazu Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Fraktion wiss.[3] Entsprechende Bemühungen des
DIE LINKE. im Bundestag. „Die Deutsche Reichsbahn hat die Deportationen von Bundesministers für Verkehr gingen bis-
Jüdinnen und Juden logistisch möglich gemacht. Für die Todesfahrten hat sie sich her ins Leere. „Wir sind darauf vorberei-
Personenentgelte zahlen lassen. Die Bahn AG als Rechtsnachfolgerin der Reichs- tet, den Erinnerungsboykott zu durchbre-
bahn steht in der Pflicht, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen und das chen und die Kinder im November zu eh-
Gedenken an die Opfer der Deportationen wach zu halten. Ich fordere die Bahn AG ren“, heißt es bei den bundesweiten Initia-
auf, endlich ihre Blockadehaltung aufzugeben und die Ausstellung über die 11.000 tiven auf Anfrage dieser Redaktion.
deportierten Kinder in ihren Bahnhöfen zu zeigen.“ Berlin, den 06. Oktober 2006 ■ 6.10.2006
www.german-foreign-policy.com ■

: antifaschistische nachrichten 21/2006 5


380 Paten eines Bausteins
für das Deserteur-Denkmal Naumburg 1933 – 1945
in Stuttgart gesucht Der Interessenverband der Ver- Burgenlandkreis hatte die Erarbeitung
An die Opfer der Kriege – Zivilisten und folgten des Naziregimes Sachsen- öffentlich unterstützt.
Soldaten – erinnern Dutzende Denkma- Anhalt, Basisgruppe Naumburg, Was geschah vor unserer Haustür?
le. Doch an diejenigen, die sich dem hat mit anderen Bürgern Naumburgs eine Wie verhielten sich die Bürger der
Krieg entzogen haben bzw. sich heute Ausstellung zum Thema „Naumburg Stadt Naumburg unter der nationalsozia-
entziehen, wird gewöhnlich im negativen 1933 – 1945“ erstellt, die vom 4. bis 23. listischen Herrschaft?
Sinn gedacht – sie gelten meist als „Ver- September im Jugendzentrum Naumburg Warum entschieden sich so viele
räter“ und „Feiglinge“; gemeint sind die gezeigt wurde. Sie war gut besucht von Naumburger aus allen sozialen Schichten
Deserteure. Die Deserteure des Zweiten Schulklassen und anderen Bürgern aus für das NS-System, andere aber für Op-
Weltkriegs sind erst 2002 durch den Naumburg und umliegenden Orten. Die position oder Widerstand?
Deutschen Bundestag rehabilitiert wor- Landeszentrale für politische Bildung Diesen Fragen geht die Ausstellung
den. Auch heute gibt es Deserteure und Sachsen-Anhalt hat eine Teilfinanzie- nach. Sie wäre nicht möglich gewesen
totale Kriegsdienstverweigerer in vielen rung versprochen und der Landrat vom ohne die vielen Erinnerungsberichte von
Ländern. Wegen „Fahnenflucht“ und Zeitzeugen.
„Befehlsverweigerung“ werden sie be- Die vom Grafiker
straft, zum Teil mit Gefängnis, manche Steffen Schumer ge-
gar mit dem Tod. staltete Ausstellung
ist als Wanderaus-
stellung gedacht
und kann verliehen
werden. Im Novem-
ber wird sie im
Landratsamt des
Burgenlandkreises
zu sehen sein.
IVVdN Naumburg ■
Kontakt für die
Verleihung über
Telefon 03445-77
97 74 oder 03445-
77 73 61.

Landesregierung Niedersachsen auf Antifakurs


Hannover. Der Präsident des Nieder- Seine“ und „Arbeit macht frei“ im Stile
Seit fast 10 Jahren setzt sich die Initia- sächsischen Landtages, Jürgen Gansäuer, eines Kurzreferates erahnbar gemacht.
tive Deserteur-Denkmal dafür ein, dass hat ein Zeichen gegen Rechtsradikalis- Und das muss man dem Anschreiben las-
auch in Stuttgart – wie 2005 auch in Ulm mus, Intoleranz und Fremdenfeindlich- sen: Jedem Sechstklässler wäre dafür ein
– ein solches Denkmal errichtet wird. keit gesetzt. An alle Schulen des Landes „gut“ sicher gewesen.
Alle Anfragen an die Stadt Stuttgart, ei- Niedersachsen ließ er ein Plakat verschi- Jürgen Gansäuer befindet sich mit sei-
nen Platz für das Denkmal zur Verfügung cken, das unter dem Titel „Parolen des nen historischen Erkenntnissen auf der
zu stellen, sind bis jetzt ablehnend be- Grauens“ und der Bitte um Aushang eine Höhe der Zeit der Adenauer Ära. Parolen
schieden worden. Die Begründung des Fotokollage der Eingangstore verschie- des Grauens: Intoleranz, Fremdenfeind-
Oberbürgermeisters, Stuttgart habe be- dener Konzentrations- und Vernichtungs- lichkeit, Rassenwahn – so fing es an.
reits ein Denkmal für die Kriegsopfer, lager des Nationalsozialismus darstellt. Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Ester-
kann uns nicht überzeugen. Wir haben Das im künstlerischen Ausdruck an die wegen, Bergen-Belsen ... da führte es
weiter die öffentliche Diskussion ge- Halbjahresarbeit des Wahlpflichtkurses hin.
sucht und den Kontakt zu Ludwig Bau- „Kunst“ der achten Klasse einer Haupt- 70 Jahre historische Forschung über
mann, einem der letzten noch lebenden schule gemahnende Plakat mit der Foto- Hintergründe der Machtübertragung an
Wehrmacht-Deserteure, gepflegt. kollage der Eingangstore KZ Groß-Rosen, die Nazis auf den Punkt gebracht: Die
Es gibt die Zusage vom Theaterhaus Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Ester- KZ-Parolen sind es gewesen! Da hätte
am Pragsattel, das Denkmal dort für eini- wegen und Bergen-Belsen wird durch ein man ja auch früher drauf kommen kön-
ge Monate aufzustellen. In einem ersten zweiseitiges Schreiben begleitet. nen.
Schritte benötigen wir zunächst bis Mitte Das in Abstimmung mit dem Kultus- Mit diesen Zeilen wäre Herrn Gansäu-
Oktober 2006 eine Zusage über 15.000 minister des Landes Niedersachsen, ers äußerst schlicht gestricktes histori-
Euro, um die Erstellung des Denkmals Herrn Busemann hergestellte Plakat soll sches Wissen von pisamäßigen Ausma-
auf den Weg zu bringen. nach Worten des Landtagspräsidenten ßen und sein Parolen des Grauens wider-
Übernehmen auch Sie eine oder meh- Gansäuer „insbesondere junge“ Men- gebendes Anschreiben eigentlich erle-
rere von insgesamt 380 Patenschaften für schen an die Problematik des National- digt, wenn er nicht unschuldige Kinder
einen Baustein im Wert von 50 Euro. sozialismus mit seinem Schrecken und mit seinem – ähem – Geschichtsbild be-
Überweisen Sie Ihren Beitrag auf un- seinen grauenvollen Konsequenzen he- helligen wollte: „Bei Bedarf bin ich gern
ser Spendenkonto: PAX AN e.V., Konto- ran(zu)führen und damit zugleich ein bereit, Ihnen weitere Exemplare zur Ver-
Nummer 361349705, Postbank Stuttgart, Zeichen (zu) setzen gegen Rechtsradika- fügung zu stellen.“
BLZ 60010070, Stichwort: Patenschaft lismus, Intoleranz und Fremdenfeind- Dafür ist Geld da. Die Mittel für poli-
Denkmal lichkeit“. tische Bildung sind in Niedersachsen
Alle weiteren Informationen: Im zweiten Teil des Anschreibens wird drastisch gekürzt worden.
www.deserteurdenkmal-stuttgart.de ■ die Herkunft der Inschriften „Jedem das d.h ■

6 : antifaschistische nachrichten 19/2006


Handeln! Le Pen in Valmy, Le Pen in Korsika:
y

Wegschauen Sündenbockideologie,
Statt
Statt Sozialneid und
Würde aller Menschen
achten!
Allgemeines ideologisches
"Wo U
Nationalismus,
Antisemitismus
und Rassismus Vereinnahmungsprogramm
zu Re nrecht
nicht dulden!

wird cht wird, Bereits in der Vergangenheit hat Koblenz möchten das junge bürgerliche
Wid
zur P erstand die extreme Rechte im Allgemei- Regime plattwalzen, um den „revolutio-
flich nen, und Jean-Marie Le Pen (Par- nären Brandherd“ auf dem Kontinent ein-
t”
teichef des Front National, FN) im Beson- zudämmen. Bei der Schlacht von Valmy
deren eine gewisse ideologische Wand- rücken die französischen Freiwilligen vor,
16. Antira/Antifa lungsfähigkeit bewiesen. Einem Chamä-
leon ähnlich, schlüpf(t)en sie in unter-
indem sie ihre Hüte auf die Gewehre auf-
spießten und „Vive la Nation“ riefen. Das
Ratschlag Thüringen schiedliche ideologische Aufzüge, sofern ist im damaligen Kontext nicht als chauvi-
11. November 2006 Pößneck es nur dem einen Zweck diente: mittels nistischer Schlachtruf gegen andere Völ-
10
44, Uhr Antifaschistisches Plenum. immer wieder erneuerter Provokation das ker gemeint, sondern als Bekenntnis zur
Shedhalle, Karl-Gustav-Vogel-Str. 3
12 Uhr „Großer Spaziergang“ durch die Stadt
ideologische Gift von der „natürlich Un- Volkssouveränität im bürgerlich-demo-
t.
13 Uhr Workshops im Gymnasium gleichheit der Menschen“, von der Höher- kratischen Verständnis.
17 Uhr Mahnwache gegen Antisemitismus
Opfer der Judenverfolgung in Pößneck wertigkeit des „Eigenen“ gegenüber dem Am Ort des Schlacht-Geschehens
18 Uhr Friedensgebet, Kultur/Musik
Stadtkirche ViSdP: LAG, LAF, Schillerstr.44, 9909
w w w .lag-antifa.de
www
Fremden zu verbreiten. Das ist geschicht- selbst passiert konkret nicht allzu viel:
lich betrachtet keine Überraschung, hat Die französischen Soldaten – großenteils
PROGRAMM doch auch der historische Faschismus Freiwillige, die für den Fortbestand ihrer
10 Uhr: Antifaschistisches Plenum, eine ähnliche Anpassungsfähigkeit bewie- (bürgerlichen) Revolution kämpfen – er-
Shedhalle, Karl-Gustav-Vogel-Str. 3 sen. Hier wollte er Kampfpartei in den ringen einen relativ leichten Sieg, weil im
12 Uhr: „Großer Spaziergang“ - Mahn- Augen der sozial Unzufriedenen und nach Lager der Preußen die Diphterie ausge-
gang durch die Stadt zum Gymnasium Umwälzung Trachtenden sein, dort bilde- brochen ist. Insgesamt werden 300 Tote
13 Uhr: Workshops und Foren, Gymna- te er die Ordnungspartei für die Besitzen- auf französischer Seite und 184 bei den
sium, Schillerplatz den und Mächtigen. Preußen verzeichnet, das ist, nun ja, für
◗ Auseinandersetzung mit rechtsextre- Le Pen und die Schlacht von Valmy damalige Verhältnisse und relativ betrach-
mistischen Parolen/Stammtischparolen tet „nicht sehr viel“. Durchschlagend da-
(Argumentationstraining) Am 20. September 2O06 eröffnete Jean- gegen sind die politische Auswirkungen
◗ Erfahrungen des ABC bei der Arbeit Marie Le Pen seinen Präsidentschafts- von „Valmy“, nachdem der Beweis er-
gegen Rechts in Pößneck wahlkampf für die Wahl, die am 22. April bracht worden ist, dass das sich (mehr
◗ Zivilcourage leben! Courage lernen kommenden Jahres (erste Runde) stattfin- oder weniger) selbst regierende und unter
durch Aktionstheater den wird. Den Wahlkampfauftakt legte er, Waffen mobilisierte Volk auch ohne bzw.
◗ „Opfer rechter Gewalt“ – ein Work- wie oft, an einen symbolischen Ort. In gegen die Monarchen gewinnen kann. Am
shop mit Besuch der Ausstellung „Op- diesem Jahr allerdings sorgte die Orts- Tag nach der Schlacht wird der König ab-
fer rechter Gewalt“ wahl bzw. das damit verbundene Symbol gesetzt und zum ersten Mal die Republik
◗ Nie wieder Auschwitz – nie wieder für einiges Zähneknirschen unter den Ka- ausgerufen. Vier Monate später wird der
Antisemitismus dern des FN. frühere Monarch, Louis XVI., dann um
◗ Die Codes, Zeichen und Symbole des Es war die Tochter des Parteichefs, Ma- eine Kopflänge verkürzt. Am 21. Januar
Neonazismus rine Le Pen, die für die Ortswahl verant- 1793...
◗ Die „Artgemeinschaft“ – nazistische wortlich zeichnet. Die 38jährige, die um Einwände innerhalb der extremen
Religion? Immobilienprojekte der „Modernisierung“ der französischen ex- Rechten
rechtsextremen Protagonisten tremen Rechten und ansatzweise um bür-
◗ Prävention im Sport gerliche Salonfähigkeit bemüht ist und die Aus all diesen Gründen war „Valmy“
◗ Umgang mit Übergriffen: Ziviler Un- möglicherweise ihrem Vater an der Partei- bei der extremen Rechten bisher nie po-
gehorsam! Rechtsextreme Gewalt - ge- spitze nachfolgen soll, hatte dafür plä- pulär. Die politischen Vorläufer der heu-
ringe und falsche Reaktion des Staates diert, ein Symbol der (angeblichen) Repu- tigen Rechtsextremen standen damals,
und der Polizei bliktreue der rechtsextremen Partei zu set- 1792, nämlich überwiegend auf der an-
◗ Geheimdienste zen. Daher fiel die Wahl auf Valmy. deren Seite. Zu den besonderen Charak-
Die kleine Örtlichkeit im ostfranzösi- termerkmalen der französischen extre-
17 Uhr: Mahnwache gegen Antisemitis- schen Département Marne (Bezirk um men Rechten gehört die hohe Bedeutung
mus - Opfer der Judenverfolgung in Pöß- Reims und Chalons-en-Champagne) liegt der historischen Zäsur, die die Jahre
neck, in der Nähe des Schlachtfelds, auf dem 1789 ff. darstellen (die Zerstörung der alt
18 Uhr: Friedensgebet, Kultur/Musik, am 20. September 1792 die französische hergebrachten Ordnung auf gewaltsa-
Stadtkirche. Kirchplatz Armee ihren ersten Sieg gegen die Mo- mem Wege durch das aufstrebende Bür-
GestalterInnen: LAG AntiRa/Antifa Thüringen;
narchien Europas davontrug. Konkret gertum), und das vergleichweise hohe
Aktionsbündnis Courage Pößneck; Kontaktstelle standen 47.000 Soldaten der Armee von Gewicht der Monarchisten in ihrem In-
für Demokratie und Zivilcourage; Initiative für Dumouriez den 35.000 Preußen unter neren. Denn der französische Monar-
Toleranz und Aufklärung; Evangelische Kirche Führung des Herzogs von Braunschweig chismus ist nicht nur pure apolitische
Pößneck; Ev. Jugend Kirchenkreis Schleiz und
unterstützt von: IG Metall Jena-Saalfeld; Ge- gegenüber. Wir sind im Kontext der Fran- Nostalgie, im Sinne einer folgenlosen
werkschaft ver.di Ostthüringen; ver.di FB Handel zösischen Revolution: In Paris ist der Kö- Sehnsucht nach dem weit zurückliegen-
und Besondere Dienstleistungen Thüringen; Na- nig nach einem Fluchtversuch durch das den „Glanz“ früherer Zeiten, sondern ba-
turfreundejugend Gotha; DGB Thüringen; Young Volk gefangen gesetzt worden und hat siert auf einem politischen Grundsatzent-
Socialists Gotha; Linkspartei. PDS Pößneck und
Landtagsfraktion Thüringen; VVN-BdA Thürin- real nicht mehr viel zu melden. Die ver- scheid: der Ablehnung der 1789 ff. er-
ger, Verband der Verfolgten des Naziregimes/ sammelten europäischen Monarchien folgten Umwälzung der „natürlichen
Bund der AntifaschistInnen e.V.; WKB Linkspar- (Preußen, Österreich-Ungarn...) und die Ordnung“ durch die Bourgeoisie, unter
tei.PDS Schmieritz royalistischen französischen Exilanten in Anrufung der Vernunft und unter Beru-

: antifaschistische nachrichten 21/2006 7


fung auf die allgemeine Gleichheit der schiedlichen Epochen in Gegensatz zu-
Menschen. Freilich besteht die französi- einander zu stellen, gehöre ich zu de-
sche extreme Rechte nicht ausschließ- nen, die meinen, dass ein gewisser Zen-
lich aus pro-monarchistischen Elemen- tralismus der Republik seine Wurzel in
ten, sondern bildet (was ihre eigenen po- der (Zeit der Monarchie) hat“. Damit
litischen Visionen von einer anzustre- rückte er eine Vision in den Mittel-
benden Staatsform betrifft) ein ideolo- punkt, die die Kontinuität des Staates
gisch heterogenes Konglomerat aus Mo- und „der Nation“ als Absolutes heraus-
narchisten, autoritären Republikanern stellt und die (bürgerliche) Revolution
und aus Nacheiferern des historischen – die dadurch jeglichen politischen In-
Faschismus. halts beraubt wird – irgendwo in der
Bei seinem diesjährigen Auftritt Mitte dieser langen Kontinuitätskette
musste Jean-Marie Le Pen, der Vorgabe einreiht.
seiner Tochter im Sinne einer „Moderni- „Die Soldaten, die hier siegten, taten
sierung“ der Partei folgend, sich also es mit dem Ruf ‘Vive la nation!’ (Anm.:
Le Pen auf Wahlkampftour in Korsika
auch über anhaltende offene wie passive vgl. oben) Das ist der Ruf, den wir seit 30
Widerstände innerhalb des FN hinweg Das fing bei der derzeitigen „Nummer Jahren ausstoben. (...) Wir sind die wah-
setzen. Während die Cheftochter Marine Zwei“ der Partei an, ihrem Generalbeauf- ren, die einzigen Verteidiger der Republik,
Le Pen programmatisch davon sprach, es tragten (délégué général) Bruno Goll- denn die Republik kann nur national sein,“
gehe darum, „die Republik und die Nation nisch. Dieser Rivale von Marine Le Pen erklärte er ferner. Hinzu fügend, dass es
zu versöhnen“ (und damit die Nation im im Ringen um die Nachfolge des 78-jähri- (so Le Pen zumindest implizit) doch eine
Blut-und-Boden-Sinne der extremen gen alternden Chefs lieb in seiner Stel- Hierarchie zwischen beiden Konzepten
Rechten im Sinne hatte, nicht im Sinne lungnahme die Republik und die Revolu- gebe, denn „die Nation kann auch nicht re-
der universalistischen Republik, die in tion gar völlig unerwähnt. Er wollte im publikanisch verfasst sein, die Republik
den Gründerjahren 1789 ff. vorherrschend Geschehen von Valmy nur „den Ruck, dagegen kann nur national sein.“ Und
war), setzten andere FN-Funktionäre (der) gegen die ausländische Invasion schwuppdiwupp!, findet sich das Beson-
ziemlich unterschiedliche Akzente. durch die Nation (ging)“ erblicken – eine dere der französischen (ursprünglich als
Vision, die ihm durchaus in den Kram universalistische konzipierten) Republik
passt und in seinem Sinne auch auf andere weg definiert... und die vorgebliche Vertei-
Dieudonné wird nicht kandidieren Kontexte leicht übertragbar ist. Der örtli- digung der Republik umdefiniert in die
Paris. Der französische schwarze Komiker und che Bezirkssekretär des FN im Départe- Unterstützung der Vision eines völkische
Theatermacher Dieudonné M’bala M’bala, be-
kannt unter seinem Vornamen als Künstlerna-
ment Marne, Pascal Erre, äußerte sich sei- Homogenisierung betreibenden National-
me, hat seinen Plan aufgegeben, als Kandidat nerseits in seinem Blog im Internet. Dabei staats. – Dass es gerade in Frankreich noch
bei der französischen Präsidentschaftswahl an- definierte er die Staatsform der Republik eine andere Vision der (universalistischen,
zutreten. Dies gab er in einem längeren Inter- mal kurzerhand unter den Tisch. Der Be- auf das Ius Soli aufbauende) Republik gab
view mit der Boulevardzeitung ,France Soir‘ griff komme vom lateinischen Ausdruck und gibt, konnte Le Pen freilich nicht völ-
(Ausgabe vom 11. Oktober) bekannt. Er habe Res publica (die öffentliche Sache) – was lig unerwähnt lassen. Er klagte ein solches
nicht genügend finanzielle Mittel, um sich um soweit tatsächlich zutrifft, denn so be- Konzept mit den Worten an, dass es ein
die Unterstützungsunterschriften von Mandats- zeichneten die alten Römer schon über Unding sei, „eine universelle, abstrakte,
trägern der Republik (Bürgermeistern, Abge-
ordneten...) zu bemühen. Ein Bewerber muss,
zwei Jahrhunderte vor der christlichen un-fleischliche Republik zu feiern, die
um zur Präsidentschaftswahl antreten zu kön- Zeitrechnung ihr Staatswesen, nachdem morgen durch eine Bevölkerung weltwei-
nen, über 500 solcher Unterschriften vorwei- sie ihre Monarchie gestürzt hatten. Inso- ter Herkunft gebildet werden könnte und
sen. Dies stellt eine bedeutende Hürde für Kan- fern bezeichnete der Begriff also schon (es) sogar soll.“
didaturen außerhalb der großen Parteien dar. damals durchaus eine bestimmte politi- Bleibt hinzuzufügen, dass Le Pen in
Die Kandidaten kleinerer und mittlerer politi- sche Ordnung, und nicht eine beliebige. Valmy von GegendemonstrantInnen emp-
scher Kräfte schicken deshalb zur Zeit Anhän- Nicht so in den Augen von Pascal Erre, fangen wurde, u.a. von den örtlichen Jung-
ger/innen quer über Land, um bei den Bürger-
der dazu weiter schrieb, die so bestimmte sozialisten und von der Lehrergewerk-
meistern der kleinen und sehr kleinen Kommu-
nen (Frankreich hat 36.000 Kommunen, davon „öffentliche Sache“ bedeute ungefähr so schaft FSU. Diese verwahrten sich strikt
30.000 kleine bis winzige im ländlichen Raum) viel wie „Gemeinwohl“, und „es ent- dagegen, dass der Chef des FN die repbli-
um Unterschriften «im Namen des demokrati- springt daraus keinerlei besondere Regie- kanischen Symbole besetze. Die liberale
schen Pluralismus» anzuklopfen. Das kostet rungsform“. Also könnte sich auch eine Pariser Abendzeitung ,Le Monde‘ (Ausga-
Zeit, Geld (für Benzin!) und Nerven. Dieudon- Diktatur durchaus so nennen... be vom Abend des 21. September) notiert
né behauptet in dem Interview selbst, von 200 in diesem Sinne, dass die antifaschisti-
Mandatsträgern das Versprechen auf eine Un- Ideologisches Kompromissangebot
ans eigene Lager schen Demonstranten die republikanische
terschrift zu haben, was aber nicht genügt. Und
selbst das dürfte wohl noch pure Großspreche-
Nationalhymne – La Marseillaise – gesun-
rei sein... Jean-Marie Le Pen wäre nicht er selbst, gen, das FN-Publikum dagegen in dem
Dieudonné, der in den 90er Jahren als Re- hätte er es nicht vermocht, eine ideologi- Moment nur „Le Pen, président“ skandiert
präsentant des Antirassismus galt, hat in den sche „Synthese“ zusammenzubrauen, die habe. Die FN-Wochenzeitung ,National
letzten 2 bis 3 Jahren vor allem durch antijüdi- allen unterschiedlichen Sichtweisen in- Hebdo‘ (vom 28. September) hält dage-
sche Ausfälle auf sich aufmerksam gemacht. Im nerhalb der extremen Rechten etwas zu gen, dass beide Seiten die Nationalhymne
April dieses Jahres gab er der ersten Nummer bieten haben soll. So führte er in seiner gesungen hätten... Auf der Ebene der Na-
der (nach 13-jähriger Pause wieder erscheinen- Ansprache in Valmy u.a. aus: „Von Ger- tionalsymbole, selbst wenn sie eine repu-
den) nationalrevolutionären Zeitschrift ,Le Choc
du mois‘ ein Interview. In den letzten Augustta- govia (Anm.: Schlacht der Gallier gegen blikanische Geschichte haben, die der FN
gen reiste er u.a. zusammen mit neofaschisti- die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr.) über zu Unrecht für sich beansprucht, sollte
schen, FN-nahen Journalisten nach Beirut (AN die Kapetianer (Anm.: die Frankreich man die extreme Rechte wohl nicht gerade
berichteten ausführlich). Dass dem französi- über Jahrhunderte hinweg regierende Dy- zu schlagen versuchen. (Die Jusos hatten
schen Publikum seine Präsidentschaftskandida- nastie, die 1792/93 endgültig gestürzt neben ein paar französischen auch ein paar
tur erspart bleibt, ist also verschärft zu begrü- wurde) und die napoléonische Heldensa- EU-Flaggen dabei. Weshalb man wieder-
ben. BhS ■ ga bis zur Résistance: Ich nehme alles. Ja, um nicht die EU toll finden muss...)
alles. Weit davon entfernt, die unter- Bernhard Schmid, Paris ■

8 : antifaschistische nachrichten 21/2006


Am 20. September 2006 stimmte
der Bundestag in Berlin mehrheit-
lich für das was längst schon fest-
Der Libanonkrieg und das
stand, die Bundeswehr wird sich an der
UN-Truppe im Libanon (UNIFIL) mit bis
Schweigen der Komplizen
zu 2400 Soldatinnen und Soldaten beteili- Auszüge aus einer Analyse von Claudia Haydt, IMI Thüringen
www.imi-online.de
gen. Diese hatten bereits die Koffer ge-
packt und schon am nächsten Tag brachen Kosten dieser zwei Länder sind somit hö- unbedingt. Am meisten diskreditiert ha-
zwei Fregatten, vier Schnellboote und her als die für den Wiederaufbau verspro- ben sich wesentliche Truppensteller der
zwei Versorgungsschiffe mit 1000 Solda- chenen Gelder der Geberkonferenz. Ti- UNIFIL-Truppe aber durch ihr langes Zö-
ten an Bord von Wilhelmshaven Richtung mur Goksel, ein ehemaliger Blauhelm- gern, einen sofortigen Waffenstillstand zu
Mittelmeer auf. Politische Entscheidun- Sprecher, spricht das aus was viele zivile fordern.
gen des Parlaments verkommen zur rei- Organisationen bewegt, er bezweifelt den Schweigen macht zu Komplizen
nen Formalie, wenn ein Tag nach der Ent- Sinn des großen Marineeinsatzes, den die
scheidung Schiffe vollbesetzt auslaufen. Deutschen leiten werden. Viel dringender Das Leid der Bevölkerung im Libanon
Die Medienberichterstattung des 21. Sep- sei es die „Minen und Streubomben weg- und in Israel während des Libanonkriegs
tembers konzentrierte sich auf anrührende zuräumen. ... Da brauchen wir umfangrei- war von Anfang an nicht zu übersehen.
Bilder von zurückbleibenden Partnerin- che Hilfe. Was derzeit in diesem Bereich Die Hisbollah-Milizen haben während
nen und Kindern der Soldaten und Kanz- passiert, ist längst nicht genug, es ist eine des Libanonkriegs vorsätzlich Zivilperso-
lerin Merkel, die vor diesem Hintergrund sehr mühselige Arbeit. Dies hätte nen und zivile Objekte in Israel unter Be-
erklärte, dass die finanzielle Ausstattung Deutschland übernehmen können, ohne schuss genommen und in anderen Fällen
der Bundeswehr für deren gewachsene nicht zwischen militärischen und
Aufgabengebiete nicht mehr ausreiche. zivilen Zielen unterschieden. Völ-
Die Einstimmung der Bevölkerung auf kerrechtlich ist beides als Kriegs-
höhere Militärausgabe mit der Fürsorge verbrechen zu beurteilen. Ein Be-
für Soldaten und ihre Angehörigen zu be- richt von amnesty international (ai)
gründen ist nicht neu, aber dennoch emo- kommt zu dieser eindeutigen Ein-
tional effektiv. Wenn Merkel davon redet, schätzung.(3) Katyuschas töteten
die Mittel, die Deutschland derzeit für sei- 43 Menschen (sieben davon Kin-
ne Verteidigung aufwende, seien „auf der) und verletzten über 4.000 Zi-
mittlere und längere Sicht nicht ausrei- vilisten im Norden Israels. 19 der
chend“, dann meint sie damit jedoch we- Opfer waren arabische Israelis.
niger das Wohl der Soldaten, es geht ihr Auch zwölf Soldaten wurden Op-
wohl eher um die Möglichkeit, militäri- fer von Katyuscha-Angriffen. Et-
sche Machtpolitik auszuüben. „Es müss- was mehr als hundert weitere Sol-
ten die militärischen Fähigkeiten mit den daten starben in Kampfhandlungen
Notwendigkeiten in Einklang gebracht mit der Hisbollah, durch Unfälle
werden, um politische Verantwortung zu und in einem Fall durch eine israe-
übernehmen.“(1) lische Mine aus dem letzten Liba-
Die Frage, ob es überhaupt nötig oder Soldaten zu schicken. In diesem Bereich nonkrieg.
gar sinnvoll ist, deutsche Soldaten in alle den Menschen technische Hilfe zu geben, Über tausend Zivilisten starben im Li-
Welt zu schicken, gerät zur Nebensache. wäre etwas gewesen, das den Libanesen banon, ein Drittel davon waren Kinder.
Am 11. August verabschiedete der UN- viel mehr bedeutet hätte.“ (Tagesschau, Die libanesische Armee war keine Kriegs-
Sicherheitsrat die Resolution 1701. In ih- 20.9.2006) partei, dennoch starben ca. 30 Soldaten.
rem Rahmen sollen die deutschen Solda- Die deutsche Beteiligung am UNIFIL- Die Hisbollah gibt 80 unter ihren Kämp-
ten Unterstützung bei der Absicherung Einsatz und besonders ihre Begründung fern an, während die israelische Armee
der seeseitigen Grenzen leisten. Waffen- lässt in der Region erhebliche Zweifel an von über 500 getöteten Hisbollahkämp-
schmuggel fand allerdings bisher vorwie- der Neutralität des Einsatzes aufkommen. fern berichtete. Fest steht, dass der größte
gend über den Landweg statt. Es ist einer- „Die Deutschen haben erklärt, dass sie Teil der Opfer im Libanon Zivilisten wa-
seits sehr unwahrscheinlich, dass sich dies mit ihrer Mission das Ziel verfolgten, Is- ren. Die Kampfhandlungen zwangen in
ändern wird, andererseits ist Waffen- rael zu schützen“, erklärte der syrische Israel bis zu 500.000 und im Libanon eine
schmuggel insgesamt schwer zu stoppen, Staatschef Assad in einem Interview mit Million Menschen in die Flucht.
wenn die entsprechenden Akteure die Un- der spanischen Zeitung El País. „Damit Warum fiel es den meisten westlichen
terstützung der Bevölkerung haben. disqualifizieren sie ihren Einsatz Staaten so schwer angesichts des unsägli-
Der militärische Sinn einer deutschen selbst.“(2) chen Leids der betroffenen Menschen im
Präsenz vor dem Libanon ist also mehr als Assad fürchtet offensichtlich auch um Libanon und in Israel von beiden Kon-
zweifelhaft. Erreicht wird durch den Ein- den syrischen Einfluss auf die Innenpoli- fliktparteien einen bedingungslosen und
satz der Bundeswehr in der Region Naher tik und die Ökonomie des Libanon. Gera- sofortigen Waffenstillstand zu verlangen?
Osten aber auf jeden Fall eine völlige Ent- de letztere könnte durch die UN-Truppen Ein zentraler Punkt ist wohl die starke
tabuisierung deutscher Militäreinsätze. tatsächlich beeinträchtig werden. Es ist Kompromittierung der USA und vieler
Nach diesem Einsatz ist weltweit keine davon auszugehen, dass Warenlieferun- EU-Staaten durch ihre eigene Interventi-
Region mehr denkbar in der aus welchen gen zwischen dem Libanon und Syrien onspolitik. Die „Logik“ des „Krieges ge-
moralischen Gründen auch immer deut- auf dem Land- oder auf dem Seeweg ge- gen den Terror“ ist in ihrer brachialen
sche Soldaten NICHT eingesetzt werden nau kontrolliert werden. Verzögerungen Machtausübung und Ignoranz gegenüber
können. und Störungen auch der zivilen Transpor- völkerrechtlichen Bestimmungen nicht
Die Kosten für den deutschen Einsatz te sind dabei sehr wahrscheinlich. Dass grundlegend vom Vorgehen der israeli-
werden auf 200 Millionen angesetzt, die Frankreich, Deutschland und Italien so- schen Armee zu unterscheiden. Auch die
italienische Regierung setzt ihre Kosten wohl maßgebliche Truppensteller als auch Systematik der Kriegsführung, die unten
bis August 2007 mit ca. 800 Millionen an maßgebliche Handelspartner des Libanon anhand der Luftkriegskonzepte genauer
(NZZ, 31.8.2006). Allein die Einsatz- sind, stärkt ihre Glaubwürdigkeit nicht ausgeführt wird, unterscheidet sich kaum.

: antifaschistische nachrichten 21/2006 9


Neue Studie: Weder die israelische Regierung noch davon entfernt wirklich umgesetzt zu
Verdeckter Rassismus in die „Anti-Terror-Allianz“ stellen die werden. Die zwei entführten israelischen
Tauglichkeit von Militäreinsätzen zur Soldaten sind immer noch nicht befreit
deutschen Stadien nimmt zu Herstellung von „Sicherheit“ in Frage. und die israelische Armee ist noch nicht
Berlin. Eine neue Studie im Auftrag des Die US-Regierung, aber auch die Ver- vollständig aus dem Libanon abgezogen.
Bundesinstituts für Sportwissenschaft antwortlichen in Berlin und London er- Auch wenn die meisten Soldaten wieder
(BISp) belegt, dass Rassismus zum Fuß- hofften mehr oder weniger offen, dass die in Israel sind, so sind doch entgegen der
ballalltag gehört. Vor allem in den unte- israelische Armee im Libanon eine „Lö- meisten Medienberichte israelische Sol-
ren Ligen und im Osten der Republik hat sung des Problems Hisbollah“ herbeifüh- daten nicht nur in den Schebaa-Farmen
der Rassismus die Fangemeinden unter- ren könne. Erst wenn Hisbollah als nach wie vor präsent, auch im Dorf Gha-
wandert. Laut der Studie, die jetzt von ei- Machtfaktor ausgeschaltet wäre, könnte jar an der syrisch/libanesischen Grenze
nem Forscherteam unter Leitung von man einen „nachthaltigen Waffenstill- stehen „noch einige Dutzend israelische
Gunther Pilz in Berlin vorgestellt wurde, stand“ fordern, hieß es noch Anfang Au- Soldaten und Offiziere“ (NZZ,
sei der Rassismus im deutschen Fußball gust nach gut drei Wochen Krieg. „Die 2.10.2006). Doch weder die Befreiung
in den letzten Jahren nicht verschwunden Bundesregierung gibt einer dauerhaften der Entführten oder der Abzug der Sol-
– er werde nur zunehmend verdeckt Lösung im Nahen Osten weiter den Vor- daten, noch die Entwaffnung der Hisbol-
praktiziert. „Der offene Rassismus ist zur zug vor einem sofortigen Waffenstill- lah sind Aufgaben, die von einer UNIFIL
Ausnahme geworden. Durch intensivere stand.“ (afp/dpa 2.8.2006) Eine solche (oder auch jeder anderen) Truppe gewalt-
Gegenmaßnahmen hat eine Verlagerung Haltung kann wohl nicht isoliert aus dem sam umgesetzt werden könnten.
des verbalen Rassismus in das Umfeld Libanonkrieg heraus verstanden werden. Ohne einen umfassenden politischen
der Stadien und in die unteren Ligen Möglicherweise ging es auch um den Ver- Prozess wird es keinen dauerhaften Frie-
stattgefunden“, fasst Pilz die Kernaussa- such mit Hilfe der israelischen Armee den den und keine Sicherheit in der Region
ge der Ergebnisse zusammen. Iran zu isolieren. Wenn Hisbollah als geben, weder für die Menschen in Israel,
Im Stadion – dort wo die Medien über Machtfaktor ausgeschaltet wird, dann ver- noch in den anderen Staaten der Region.
Fußball als Event berichten – herrsche ändert dies die Ausgangslage für einen Eine tragfähige Lösung muss die Demo-
meist trügerische Ruhe. Wesentlich offe- möglichen Iran-Krieg. Seymour Hersh zi- kratisierung des Libanon genauso ein-
ner werde rassistisches Verhalten dage- tierte im April 2006 in einem Artikel im schließen, wie die Schaffung eines le-
gen im Stadionumfeld – etwa bei der An- ,New Yorker‘ Analysen, dass bei einem bensfähigen Palästinenserstaates sowie
reise der Fans – ausgelebt. Irankrieg Hisbollah „nicht beiseite stehen Sicherheitsgarantien und Abrüstungsver-
Die jüngsten Fälle von Gewalt und werde. Wenn die Israelis diese nicht aus- einbarungen für den gesamten Mittleren
Rassismus im Fußball, die durch die Me- schalten, werden sie gegen uns mobilisie- Osten. Weitere Waffenlieferungen oder
dien gingen, zeigen das Ausmaß des Pro- ren.“ Hersh vermerkte weiter: „Als ich den einseitige Parteinahmen sind hierfür
blems: In Aachen skandierten Fußball- Regierungsberater über diese Möglichkeit Gift. ...
fans rassistische Gesänge, in Rostock befragte, sagte er, für den Fall, dass Hisbollah Aufgrund ihrer großen moralischen
wurde Nationalspieler Gerald Asamoah ins nördliche Israel schieße, würden ,Israel Verantwortung für die Entstehung und
aufgrund seiner Hautfarbe von den Zu- und die neue libanesische Regierung diese die Aufrechterhaltung der Kriege und
schauern mit Affenrufen beleidigt. Beim ausschalten („finish them off“)‘“.(4) Die Ko- Krisen im Nahen Osten, sind deutsche
EM- Qualifikationsspiel der deutschen operationswilligkeit der Beiruter Regierung Soldaten das denkbar schlechteste und
Nationalelf am 11.10. hängten einige wurde offensichtlich falsch eingeschätzt, unglaubwürdigste Mittel zur Deeskalati-
mitgereiste Anhänger die Reichskriegs- dennoch wird so klar, warum die Aktionen on. Ein wesentlicher Schritt zur Vorbe-
der israelischen Armee von der US-Regie- reitung einer Lösung könnte ein umfas-
rung und ihren Verbündeten nicht sofort ab- sendes ziviles Wiederaufbauprogramm
gelehnt wurden. Auch wenn die Hisbollah für alle Opfer des Libanonkrieges sein,
sich nun nach Ende des Krieges als Sieger das weit über die Zusagen der Geberkon-
feiert, ist auch klar, dass sie in nächster Zeit ferenz hinausgeht und direkt bei den Be-
(auch wenn sie nicht abgerüstet wird – wie troffenen ankommt. Die Menschen im
auch immer dies umgesetzt werden soll) sehr Süden des Libanon erleben bis jetzt fast
zögerlich sein wird, nochmals israelisches ausschließlich die Hisbollah als Helfer.
Territorium anzugreifen. Am 28. August er- So wird kaum Akzeptanz geschweige
klärte Sayyid Hassan Nasrallah in einem In- denn Unterstützung für eine Schwä-
flagge auf und skandierten Parolen wie terview im libanesischen Fernsehen, „dass chung der Hisbollah zu mobilisieren
„Zick- Zack- Zigeunerpack“. Das Kreis- seine Organisation am 12. Juli die israeli- sein. Wichtig ist deswegen eine glaubwürdi-
ligaspiel zwischen TuS Makkabi II und schen Soldaten nicht gefangen genommen ge Politik mit einer generellen Abkehr von
VSG Altglienicke II wurde vorzeitig ab- hätte, wenn er die Folgen vorausgesehen hät- doppelten Standards. Dazu gehört auch eine
gebrochen, die Kicker des jüdischen TuS te. ... Er versucht damit auch Kritikern den Abkehr von selektiven Sicherheitskonzepten
Makkabi verließen aus Protest den Platz Wind aus den Segeln zu nehmen, die den und selektiver Menschenrechtsauslegung.
wegen andauernder Sprechchöre vom Hizbullah des Abenteurertums bezichtigt hat- Der Protest darf sich dabei nicht allein gegen
Spielfeldrand wie „Synagogen müssen ten.“ (NZZ 29.8.2006) Mit dieser eher defen- die israelische Militärpolitik richten sondern
brennen“, „Wir bau’n euch eine U-Bahn siven Haltung versucht der Hisbollah-Chef gegen die gesamte westliche Militär- und An-
bis nach Auschwitz“. die Macht seiner Organisation im Libanon zu titerrorpolitik.
Jetzt soll die deutsche Nationalmann- sichern, es ist aber auch klar, dass damit die Claudia Haydt ■
schaft in einem Fernsehspot Farbe im israelische Armee (und ihre mehr oder weni- (1) Financial Times Deutschland Online
Kampf gegen Rassismus bekennen und ger offenen Unterstützer) die Hisbollah zwar 20.9.2006, http://www.ftd.de/politik/deutsch-
für den 8. Spieltag der laufenden Bun- nicht ausgeschaltet, aber doch für absehbare land/114777.html?zid=82973
(2) Der Standard 1.10.2006
desligasaison plant der DFB einen Akti- Zeit als möglicher Verbündeter des Iran ge- http://derstandard.at/?url=/?id=2607262
onstag: Unter dem Motto „Zeig dem schwächt haben. (...) (3) Vgl.: http://web.amnesty.org/library/Index/
Rassismus die Rote Karte“. Das wird Glaubwürdige Politik? ENGMDE020252006
nicht reichen! (4) Seymour Hersh, THE IRAN PLANS, New
Yorker 17.4.2006 (Übersetzung C.H.).
Quellen: ND, 12. u. 16.10, Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Ar-
Spiegel Online ■ tikels ist die UNO-Resolution noch weit http://www.imi-online.de und
http://www.militarisierung.de ■
10 : antifaschistische nachrichten 21/2006
: ausländer- und asylpolitik
Wohnungen für alle. Auf der Zwischen-
kundgebung am Gänsemarkt stellte eine
Frau aus Afghanistan ihre Situation als
Starke Demonstration in durch Ausbeutung der dortigen Ressour- Flüchtling und die Bedrohung durch die
Augsburg für Bleiberecht cen. – Da zeitgleich mit dieser Aktion die Hamburger Abschiebepolitik dar. Eine
NPD und DVU in der Fußgängerzone ei- Organisation iranischer Flüchtlinge erhob
Augsburg. An den Kundgebungen und nen Stand betrieben, gab es ein paar Anti- Forderungen nach einer anderen Flücht-
an der Demonstration durch die Augsbur- faschisten, die mittels antifaschistischem lings- und Außenpolitik. In einem weite-
ger Innenstadt gegen Lagerzwang und Papierkorb die Einkaufenden aufforder- ren Redebeitrag wurde gefragt, wie es in
rassistische Ausgrenzung und für ein un- ten, die Faschisten-Flugblätter gleich als Deutschland aussähe, wenn es auch hier
eingeschränktes Bleiberecht für hier le- Müll zu entsorgen. Ein Polizist, der die eine Legalisierung für Menschen ohne Pa-
bende Flüchtlinge nahmen am 7.10. zwi- Antifas dabei behindern wollte, musste piere, Gesundheitsversorgung für alle und
schen 150 und 200 Menschen teil. Zwar erst einmal von seinem Einsatzleiter zu- keine Abschiebungen gäbe und wenn die
konnte noch in der Woche davor die Grü- recht gewiesen werden. Zäune um Europa fallen würden. Bewe-
ne Landtagsabgeordnete Kamm begrü- jol ■ gungsfreiheit nicht nur für einige wenige
ßen, dass endlich das beson- sondern für alle – eine wünschenwerte
ders unmenschliche Flücht- Utopie!
lingslager bei Lagerlechfeld Vor dem Untersuchungsfängnis an der
geschlossen wird, aber es war Holstenglacis, das auch als Abschiebehaft-
auch da schon klar: Hier gibt anstalt dient, wurde auf die Hamburger
es noch sehr viel rassistische Ausgrenzungs- und Abschiebepolitik hin-
Praxis und ebensolche Vorha- gewiesen und insbesondere die AusLage-
ben seitens der Innenminister rung der Flüchtlingserstaufnahmeeinrich-
zu beklagen (am 16. und 17. tung nach Nostorf/Horst in Mecklenburg-
November will die Innenmi- Vorpommern sowie das neue Hamburger
nisterkonferenz in Nürnberg Schülerregister kritisiert. Bei der Ab-
über weitere Zwangsmaßnah- schlusskundgebung am Schulterblatt for-
men gegen Flüchtlinge be- derten Flüchtlinge aus Mecklenburg-Vor-
schließen) und damit viele pommern eine Verlängerung des Abschie-
Gründe, nicht vom Protest ab- bestopps nach Togo, da dort weiter die
zulassen. Die Demonstration, Diktatur eines Familienclans herrscht. Die
die im Rahmen des europaweiten Akti- MigrationsAktionTag Karawane für die Rechte der Flüchtlinge
onstags stattfand, sollte auch in Augsburg Hamburg. Am transnationalen Migrati- stellte sich vor. Abschließend wurde zur
an die Ereignisse vom Oktober 2005 erin- ons-Aktions-Tag demonstrierten in Ham- Demonstration zur Innenministerkonfe-
nern, als bei der Erstürmung spanischer burg 6-700 Menschen aus Norddeutsch- renz am 16.11.06 in Nürnberg aufgerufen,
Außengrenzen durch afrikanische Flücht- land, darunter viele Flüchtlinge, für Be- um dort für ein bedingungsloses Bleibe-
linge einige Hundert Verletzte und mehre- wegungsfreiheit, gegen Lager und Ab- recht und Papiere für alle einzutreten.
re Tote an den Grenzzäunen zu beklagen schiebungen, für Bleiberecht und gleiche Ziemlich exakt mit dem Ende der De-
waren. Zu der Demonstration in Augsburg Rechte für alle. Trotz strömendem Regen monstration, als die TeilnehmerInnen
hatten neben Flüchtlingsräten, antirassis- war die Stimmung gut. Passende Musik noch zu einem Imbiss in die Rote Flora
tischen AKs, Bündnissen gegen Lager, vom Lautsprecherwagen und Informatio- gingen, hörte der Regen auf und die Son-
der Karawane für die Rechte der Flücht- nen über einen neuen globalen Pass, der ne kam heraus – ein Zeichen der Hoff-
linge und den Grünen auch die VVN, das auf der Demo zu haben war, trugen ge- nung und der neuen Perspektiven, die die-
Forum solidarisches und friedliches nauso dazu bei wie zahlreiche Redebeiträ- ser transnationale Aktionstag eröffnet hat?
Augsburg, die AFI und der Literaturkreis ge, in denen von Kämpfen hier und an- Der Aufruf und weitere Informationen
Treffpunkt Zunge und weitere Gruppen derswo berichtetet wurde. Auf der Auf- zur Hamburger Demonstration sowie zu
aufgerufen. Sie verlief trotz schlechten taktkundgebung wurde dargestellt, wie es den Aktionen in anderen Städten und Län-
Wetters in sehr motivierter Stimmung – zu dem transnationalen Aktionstag kam, dern sind auf www.fluechtlingsrat-ham-
nach dem Motto: Mit uns muss man auch der im Mai 2006 vom Europäischen Sozi- burg.de zu finden
in Zukunft rechnen! Zum Beispiel bei der alforum beschlossen und von über 200 Quelle: www.fluechtlingsrat-ham-
Demonstration gegen die Innenminister- Gruppen in ganz Europa und Afrika un- burg.de - flucht mailing list flucht@
konferenz. terschrieben wurde. Aktionen in neun nds-fluerat.org
Bei den Kundgebungen kamen auch deutschen Städten, acht europäischen und
anwesende Asylbewerber zu Wort, die vier afrikanischen Ländern wurden er- Gegen die europäische Fes-
über die menschenunwürdigen Zustände wähnt, Widerstand gegen die EU-Migrati-
in den Aufnahmelagern berichteten: So onspolitik auch und gerade in Afrika be- tung – Bleiberecht für alle !
werden z. B. bis zu vier Personen in ei- kannt gemacht und Zusammenhänge zur Köln. Am Samstag, den 7. Oktober, ha-
nen Raum von ca. 14 qm untergebracht, Hamburger Situation hergestellt. ben auch in Köln etwa 500 Menschen
oft ohne Möglichkeit selbst zu kochen, Dann berichteten Flüchtlinge aus dem friedlich gegen die Abschiebepolitik der
die Verpflegung aus den Zwangsessenspa- Lager Blankenburg bei Oldenburg von ih- BRD und der EU demonstriert. Dabei ka-
keten ist meist vitaminarm, d.h. krank- rem Streik, den sie seit dem 4.10.06 gegen men auf der Abschlusskundgebung auf
heitsfördernd, oft sind die Räume Be- die menschenunwürdigen Bedingungen der Domplatte auch betroffene Flüchtlin-
standteile von eingezäunten Containern ... dort führen, und riefen zur Unterstützung ge selbst zu Wort. Verschiedene regionale
Es wurde von Vertretern der antirassisti- ihrer Forderungen nach besserem Essen, und auch landesweite Organisationen wie
schen Gruppen als Fluchtursache die Poli- medizinischer Versorgung und einem Flüchtlingsverbände oder „Kein Mensch
tik des Westens gegenüber den Herkunfts- Ende der Schikanen und Beleidigungen ist illegal“ hatten zu dieser Aktion in Köln
ländern benannt. Da wurden die Waffen- durch das Lagerpersonal auf. Grundsätz- unter dem Motto „Hier geblieben! Bleibe-
lieferungen aus Deutschland in die diver- lich fordern sie eine Beendigung der Iso- recht!“ mobilisiert.
sen Kriegsgebiete angeprangert, aber lationspolitik und damit der Lagerunter- Die Demonstration war Teil eines inter-
auch die ökonomische Unterdrückung bringung und stattdessen das Recht auf nationalen Aktionstages, zu dem das Sozi-

: antifaschistische nachrichten 21/2006 11


alforum in Athen aufgerufen hatte, um Foto: www.arbeiterfotografie.com
überall die Stimme gegen die derzeitige
Asylpolitik zu erheben. Weltweit waren
Tausende von Menschen auf der Straße, in
Deutschland, in anderen europäischen
Ländern, sogar in Mexiko.
In der Domstadt waren dem Aufruf
etwa 500 Demonstrantinnen und De-
monstranten aus ganz NRW gefolgt und
zogen, begleitet von exotischen Percussi-
on-Klängen und Sprechchören, friedlich
durch die Innenstadt. Auf der Domplatte
fand dann die Abschlusskundgebung statt.
Für die kulturelle Unterhaltung sorgten
verschiedene Bands wie die Kölner Rap-
per von der Microphone Mafia, die in ih-
ren Texten auch oft über die Lebenssitua-
tion von Menschen mit Migrationshinter-
grund in Köln berichten. Natürlich gab es
auch zahlreiche Redebeiträge zum The-
ma. Sehr bewegend war es, dass auch be-
troffene AsylbewerberInnen zu Wort ka-
men und den Zuschauern sehr lebensnah
erzählen konnten, wie sie in Deutschland
etwa beim Arztbesuch dem täglichen Ras-
sismus aus der Gesellschaft begegnen und Bundesregierung will elek- fung nur bei deutschen Staatsbürgern
mit der ständigen Angst der Abschiebung tronische Ausländerkarte möglich sei
leben müssen, die für viele Menschen Auszug aus einer Meldung bei heise.de
schlicht den Tod bedeutet. einführen www.heise.de/newsticker/meldung/ 7884
Denn die Abschiebebehörden zeigen Berlin. Die Bundesregierung plant, ana- flucht-liste <flucht@nds-fluerat.org ■
wenig Interesse dafür, was die Opfer ihrer log zum kommenden elektronischen Per-
grausamen Politik in ihren Heimatländern sonalausweis eine elektronische Auslän- Eine Schule wehrt sich gegen
erwartet. Viele werden dort verfolgt, ge- derkarte einzuführen. Dies hat August
foltert oder sogar getötet. Oft werden Hanning, Staatssekretär im Bundesinnen- Abschiebung.
auch schwer Kranke abgeschoben, deren ministerium in einer Rede über die Bio-
medizinische Versorgung in ihren Hei- metriestrategie des Bundes auf dem ach-
matländern nicht gewährleistet wird. ten E12-Gipfel in Hamburg bekannt gege-
Sofortiger Abschiebestopp ist nötig. ben.
Für die Asylbewerber, die hier leben, Während das geplante europaweite bio-
müssen die Lebensumstände besser wer- metrische EU-Visum im Pass ein daten-
den. Die Forderung nach einem dauerhaf- bankorientierter Ansatz sei, der mit dem
ten Bleiberecht für alle ist die einzige Al- Visa-Informationssystem der Schengen-
ternative und die Forderung danach muss Staaten allein die Ein- und Ausreise kon-
immer wieder laut werden. Immer noch trolliere, solle die Ausländerkarte vor al-
leben Tausende von ihnen nur mit einer lem die Identifizierung ermöglichen.
Duldung, was für sie zahlreiche Ein- „Wir wollen mit der elektronischen
schränkungen im täglichen Leben und die Ausländerkarte eine Identifizierungsmög-
ständige Gefahr der Abschiebung bedeu- lichkeit schaffen, wie sie der elektroni-
tet. Es gilt, der Festung Europa entgegen- sche Personalausweis für unsere Bürger
zutreten. In den letzten Jahren sind laut bietet, ein schneller 1:1-Vergleich ohne
Schätzungen des Roten Kreuzes Tausende Rückgriff auf eine Datenbank“, erklärte
von Flüchtlingen beim Versuch, nach Hanning das Vorhaben gegenüber der
Europa – ihrer letzten Hoffnung auf ein Presse.
besseres Leben oder einfach nur Überle- Mit einer elektronischen Ausländerkar-
ben – zu gelangen, im Mittelmeer ertrun- te, die vom Umfang her einer digitalen
ken oder – wie letztes Jahr geschehen – Aufentshaltsgenehmigung entspricht, Hamburg. Dieses Transparent hängt der-
von der Polizei an den Grenzzäunen er- aber auch biometrische Merkmale wie zeit an der Ida-Ehre-Gesamtschule. Trotz
schossen worden. Bild und Fingerabdruck enthalten soll, der immer schwierigeren Situation in Af-
Im November wird die Bundesinnen- würde Deutschland innerhalb der EU eine ghanistan hält Innensenator Nagel an der
ministerkonferenz in Nürnberg tagen. Bei Vorreiterrolle spielen. Denn eine solche Absicht fest, auch Familien mit Kindern
diesem Zusammentreffen gilt es, die For- Karte ist innerhalb der EU-Konsultatio- in die Kriegs- und Krisenregion abzu-
derungen deutlich zu machen, damit dann nen noch nicht über das Entwurfsstadium schieben. Hier stehen die Abgeschobenen
hoffentlich erste Schritte in die richtige hinausgekommen. „Industriepolitisch er- vor dem Nichts. Akut betroffen ist u.a. die
Richtung eingeleitet werden. Denn die gibt die Karte eine Menge Sinn. Derjeni- Familie Ahmad, deren Tochter die Ober-
Politik muss endlich handeln, damit nicht ge, der zuerst kommt, setzt die Standards. stufe der Ida-Ehre-Gesamtschule besucht.
noch mehr Menschen durch die un- Und der Sicherheitsbereich ist eine große Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler or-
menschlichen Praktiken den Tod finden. Wachstumsindustrie“, führte Hanning ganisieren Protest, unter anderem riefen
Mögen die Aktionen dieses Tages nicht weiter aus. Außerdem sei dem Bürger sie für Mittwoch, den 4.10., zu einer De-
unerhört bleiben! nicht vermittelbar, wenn im Kampf gegen monstration auf: „Wir müssen dieser Fa-
Benjamin Wernigk ■ den Terror die schnelle Identitätsüberprü- milie helfen und dürfen sie nicht ihrem

12 : antifaschistische nachrichten 21/2006


Schicksal in ihrer zerstörten Heimat über- kein Bargeld mehr. Sie fordern unter an- ◗ Flüchtlinge, die aus menschenrechtli-
lassen.“ so die MitschülerInnen. derem Geldleistungen, um sich ihre Le- chen Gründen nach der Europäischen
iegs ■ bensmittel selber kaufen zu können und Menschenrechtskonvention (EMRK) oder
die Möglichkeit selber zu kochen. die wegen konkreter Gefahr für Leib und
Geduldete Flüchtlinge nicht Die Lagerleitung reagierte auf die Leben eine Aufenthaltserlaubnis besitzen
friedliche Demonstration mit einem mas- (§ 25 Abs. 3 AufenthG),
an ihrer Nützlichkeit messen siven Polizeiaufgebot. Eine schwangere ◗Menschen, die eine Aufenthaltserlaubnis
Berlin. Bei einem Treffen der Landesin- Frau wurde mit Pfefferspray angegriffen aus sonstigen humanitären Gründen besit-
nenminister/innen und -Senatoren am und musste ärztlich behandelt werden. zen (§ 25 Abs. 4 AufenthG),
Montag zeichnete sich ein Kompromiss in Die Flüchtlinge boten dem Lagerleiter ◗ Ausländer, die eine Aufenthaltserlaubnis
der Frage des Bleiberechts für langjährig Herr Lüttgau an, die Demonstration zu besitzen, weil aus rechtlichen oder tatsäch-
geduldete Flüchtlinge ab. Selbst Bayerns beenden, wenn er bereit sei, von dem Es- lichen Gründen eine Rückkehr dauerhaft
Innenminister Beckstein, der bisher jede sen zu kosten. Dies tat er nicht. unmöglich ist (§ 25 Abs. 5 AufenthG).
Bleiberechtsregelung abgelehnt hat, sig- Des weiteren fordern die Menschen aus Besondere Absurditäten ergeben sich
nalisierte seine Zustimmung zu einem Blankenburg eine medizinische Versor- beim Elterngeld. Zählen die Ausländer zu
sehr eng begrenzten Bleiberecht. Der in- gung, die Krankheiten auch behandelt. den o.g. Personengruppen, dann ist Voraus-
nenpolitischen Sprecherin der Fraktion Bisher bekommen die Flüchtlinge zumeist setzung für den Bezug des Elterngeldes,
DIE LINKE., Ulla Jelpke, genügt dies das Schmerzmittel Paracetamol, egal um dass der betreuende Elternteil in Teilzeit
nicht: „Der nun vorgeschlagene ‚Kompro- welche Krankheit es sich handelt. bis zu 30 Stunden erwerbstätig ist oder ihm
miss‘ schließt einen Großteil der gedulde- Die Flüchtlinge protestieren ebenso ge- der Arbeitgeber Erziehungsurlaub gewährt
ten Flüchtlinge faktisch aus. Das Problem gen die unmenschliche Behandlung der hat. Ist jedoch ein Elternteil voll erwerbstä-
der Kettenduldungen bleibt also ungelöst. Lagerbehörden, die häufig mit rassisti- tig und der andere gar nicht, soll auch der
Wir bleiben bei unserer Forderung nach schen Äußerungen und bürokratischen Grundbetrag für nicht erwerbstätig Erzie-
einem Bleiberecht, dass sich allein an der Maßnahmen die Lagerbewohner schika- hende von 300 Euro monatlich verweigert
Aufenthaltsdauer festmacht.“ nieren. Gegen diese unwürdigen Lagerbe- werden. Und wer als Ausländer mit einem
Grundsätzlich begrüßt die Innenpoliti- dingungen sind die Flüchtlinge nun in humanitärem Aufenthaltstitel weniger als 3
kerin der Fraktion DIE LINKE. die For- Streik getreten und riefen zu einer De- Jahre in Deutschland lebt, soll überhaupt
derung nach einer Erleichterung beim Zu- monstration am Freitag, den 6.10.06 auf. keine Familienleistungen erhalten. „Es gibt
gang zum Arbeitsmarkt. Ulla Jelpke warnt 3 Menschen, die sich von außerhalb mit keine sachlichen Gründe für den Aus-
aber vor einem Kuhhandel zwischen SPD den Hungerstreikenden solidarisierten, schluss von Ansprüchen auf Familienleis-
und Union: sind mit Hausverbot bestraft worden, wo- tungen. Vielmehr führt dieser zu einer
„Offensichtlich wollen die Unionspoli- rauf eine Anzeige wegen Hausfriedens- Schwächung von Familien und stellt eine
tiker für ihr kleines Zugeständnis beim bruch folgen soll. Andere Besucher sind eklatante Diskriminierung dar“, so Corne-
Bleiberecht, dass Flüchtlinge und Asylsu- gar nicht in die ZAAB hereingelassen lia Spohn vom Verband binationaler Fami-
chende nicht nur für die ersten drei Jahre, worden. Die Lagerleitung scheut sich vor lien und Partnerschaften. „Die Sonntags-
sondern auch darüber hinaus nur die er- der Öffentlichkeit, die die unhaltbaren Zu- sprüche über die Förderung von Kindern
heblich eingeschränkten Sozialleistungen stände im Lager offen legen könnte. und Familien gelten offenbar nichts, wenn
nach dem Asylbewerberleistungsgesetz Quelle: Pressemitteilung Antirassisti- es das Bundesinnenministerium so will“,
erhalten sollen, selbst wenn sie nicht da- sches Plenum Oldenburg ■ so Bernd Mesovic von PRO ASYL.
für verantwortlich sind, dass ihr Aufent- Bernd Mesovic, Referent Pro Asyl, Corne-
halt länger andauert. Dies wäre offen ver- Kein Eltern-, Kinder- und lia Spohn, Verband binationaler Familien
fassungswidrig und ein klarer Verstoß ge- und Partnerschaften, iaf e.V ■
gen die Menschenwürde und das Gleich- Erziehungsgeld für bleibe-
behandlungs, Rechts- und Sozialstaatsge- berechtigte Ausländer? Kein Sonderrecht für junge
bot. Die Union muss aufhören, Menschen Berlin. Mit einem Gesetzgebungscoup in
nur nach ihrer ökonomischen Nützlichkeit allerletzter Minute will die Koalition jetzt Flüchtlinge ohne Begleitung
zu bewerten und Zuwanderung und Inte- dafür sorgen, dass Ausländer, die aus hu- Berlin. Die Gesetze zur Kinder- und Ju-
gration im Wesentlichen als ordnungspo- manitären Gründen ein auf Dauer angeleg- gendhilfe sind keine Ausnahme vom Asyl-
litisches Problem zu begreifen.“ tes Aufenthaltsrecht haben, nur in wenigen und Ausländerrecht. Das schreibt die Bun-
PM Ulla Jelpke ■ Ausnahmefällen einen Anspruch auf El- desregierung in ihrer Antwort (16/2633)
terngeld, Kindergeld oder Erziehungsgeld auf eine Kleine Anfrage von Bündnis
Flüchtlinge im Lager Blan- haben sollen. 90/Die Grünen (16/2539). Wie die Regie-
Das Bundesverfassungsgericht hatte rung mitteilte, hat die Bundespolizei 75
kenburg sind am 4.10.06 in den Gesetzgeber bereits Ende 2004 aufge- minderjährige Flüchtlinge ohne Beglei-
Streik getreten fordert, bis zum 1. Januar 2006 eine ge- tung vom 1. Oktober 2005 bis 30. Juni
Oldenburg. Am Morgen des 4. Oktober setzliche Neuregelung zu schaffen. Mit 2006 aufgegriffen. 41 Flüchtlinge seien
haben in der ZAAB Oldenburg 200 Men- dieser sollte aus Gründen der Gleichbe- jünger als 16 Jahre gewesen. Allein im
schen vor dem Sozialamt und der Essens- handlung mit anderen Ausländern das Bundesland Hessen seien 43 unbegleitete
ausgabestelle gegen ihre unwürdigen La- Kinder- und Erziehungsgeld für Ausländer Minderjährige gestellt worden. Nach Aus-
gerbedingungen protestiert. Sie sind jetzt mit einem aus humanitären Gründen er- kunft der Bundesregierung prüfen die
in den Streik getreten und verweigern das teilten Aufenthaltstitel gesichert werden. Grenzbehörden in solchen Fällen, ob sie
schlechte Lageressen, sowie die Ausfüh- Die jetzt gewählte Taktik und ihr gesetzge- die Jugendlichen in ihre Heimat zurück-
rung der Ein-Euro-Jobs. berisches Ergebnis ist ein massiver Affront schicken können. Das Jugendamt werde
Das Lager-Essen ist vitaminarm, was gegen das Bundesverfassungsgericht. eingeschaltet, wenn eine Abschiebung
zu Krankheiten und Mangelerscheinun- Weitgehend ausgeschlossen von Familien- nicht möglich sei, oder wenn Minderjähri-
gen führt. Viele Menschen im Lager ge- leistungen sollen zukünftig sein: ge in Abschiebehaft genommen würden.
hen schon lange nicht mehr in die Kanti- ◗ Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis auf- Bei einer sofortigen Abschiebung werde
ne, sie haben im Monat nur 38,18 Euro grund der Entscheidung einer Härtefall- das Jugendamt normalerweise nicht infor-
zur Verfügung um sich eigene Lebensmit- kommission (§ 23 a AufenthG), miert. Aus: Heute im Bundestag –
tel zu kaufen. Viele erhalten überhaupt ◗ Kriegsflüchtlinge (§ 24 AufenthG), Pressedienst des deutschen Bundestages ■

: antifaschistische nachrichten 21/2006 13


: neuerscheinungen, ankündigungen

nicht erstmals statt, sondern Angst, gar Panik der Soldaten


hatte einen Vorläufer. die treibende Kraft gewesen
Auch Böhler stellt die Fra- sein, wäre zu erwarten, dass
ge, warum sich deutsche Sol- sich die Gewaltausbrüche zu
daten zu diesen Massenmor- aller erst gegen tatsächliche
den bereit fanden. Seine The- oder nur angenommene Kom-
se lautet, dass nicht allein battanten richtete. Dem war
ideologische Momente (Anti- nicht so, wie Böhler selbst
semitismus und Antislawis- schreibt: Die Landser ermor-
mus, die im Heer wie in der deten „wissentlich Menschen,
deutschen Bevölkerung tief die ihnen eigentlich am un-
verwurzelt waren) eine Rolle verdächtigsten hätten erschei-
spielten, sondern mindestens nen müssen: Säuglinge, Kin-
genauso „situative Momen- der, Frauen sowie alte und
te“. Das deutsche Heer war gebrechliche Menschen“. Schlechte Filme –
der Situation psychisch nicht Ferner gab es durchaus Be- gute Nazis
gewachsen, weil es kampfun- fehle, die diese Verbrechen
Auftakt zum Ver- erfahren und dadurch unsi- anordneten; sie ereigneten Hitler & Co zur Primetime
cher war. Viele der Schuss- sich also zumindestens teil- bescheren den Sendern
nichtungskrieg wechsel, für die polnische Zi- weise keineswegs „spontan“: hohe Quoten und den Zu-
Eine neue Studie über den vilisten verantwortlich ge- „Wird aus einem Dorf hinter schauern ein gutes Gefühl
Feldzug gegen Polen macht und bestraft wurden, der Front geschossen, und ist
erweisen sich als Schießerei- das Haus, aus dem das Feuer Nach dem Fräuleinwunder,
Der Polenfeldzug und damit en zwischen deutschen Sol- kam, nicht festzustellen, sodem Wirtschaftswunder und
der Beginn des 2. Weltkriegs daten, die in ihrer Nervosität wird das ganze Dorf nieder- dem Wunder von Bern nun
ist in der deutschsprachigen den Überblick verloren hat- gebrannt.“ auch noch das Deutsche Film-
Geschichtswissenschaft un- ten. Der Deutschen „Zorn Und die gesonderte Be- wunder: Die Nazis werden
terrepräsentiert, insbesondere entlud sich in Brandstiftun- handlung der jüdischen Be- immer besser. Gut 60 Jahre
was die Frage anlangt, inwie- gen und Massenerschießun- völkerung weist auf das Ge- nach Ende des deutschen Fa-
fern in diesem relativ kurzen gen von Zivilisten in polni- wicht der rassistischen Fakto-
schismus hat Hitlers „mildes
Krieg bereits Grundlagen schen Ortschaften sowie in ren für die Brutalität der Antlitz“ (Welt) in den Traum-
späterer Vernichtungskriege der Tötung polnischer Solda- Wehrmacht hin. Juden wur- fabriken Hochkonjunktur -
und des Holocaust gelegt ten unmittelbar nach der Ge- den gedemütigt, gequält und der kollektive Verzicht auf
wurden. Die Kernthese Jo- fangennahme“. Die „verübten geschlagen, gefangen genom- historische Verantwortung
chen Böhlers, der den Krieg Gewalttaten (entluden) sich mene jüdische Soldaten der auch. Im Film wie im wahren
in Polen minutiös untersucht in den ersten Tagen und Wo- polnischen Armee wurden Leben. Dass das zusammen-
hat, lautet, dass tatsächlich chen des Krieges vor Ort ausgesondert und erschossen.hängt, belegt der Hamburger
bereits wesentliche Elemente spontan“. Auch Böhler gelangt an die- Filmkritiker und ehemalige
der künftigen deutschen Die „Eindrücke (...) des ser Stelle zu dem Ergebnis, Staatsanwalt Dietrich Kuhl-
Kriegs- und Mordmaschine- Vormarsches und der unge- dass den „situativen Aspekten
brodt anhand seiner Ausfüh-
rie zu Tage getreten seien: wohnten Situation des ersten hier allenfalls eine unterge-
rungen zur deutschen Filmge-
willkürliche Liquidierungen Einsatzes (verbanden sich) zu ordnete Rolle zuzurechnen schichte nach 1945. „Mit dem
und eine brutale Kriegsfüh- einer gefährlichen Mixtur (...) ist“. ,Untergang’ haben wir den
rung, die nicht zwischen Sol- Ein Großteil der Erschießun- Dennoch ist unzweifelhaft,
besten Hitler, den wir je hat-
daten und Zivilisten unter- gen polnischer Zivilisten (...) dass die deutschen Verbre- ten“, schreibt der Autor. Des-
schied. Daher sei „die her- ist darauf zurückzuführen, chen in Polen 1939 eine der sen Geburt „in der Weimarer
kömmliche Sichtweise zu dass die Truppe die Einwoh- Vorbedingungen der Ereig- Republik“ folgte die Erfah-
hinterfragen, nach der der ner von Ortschaften an der nisse zwei Jahre später in der
rung einer Kindheit und Ju-
Vernichtungskrieg im Som- Vormarschstraße verdächtig- Sowjetunion waren. Das sehr gend zu Zeiten des Faschis-
mer 1941 in einer Art Urknall te, sich an den Kampfhand- detailreich und auf einem mus, dann der ernsthafte Ver-
über Ost- und Südosteuropa lungen zu beteiligen.“ In je- enormen Quellenfundus ba- such eines aufrechten Antifa-
hereinbrach: (...) im Septem- dem Polen sah man einen sierend herausgearbeitet zu schisten, als Staatsanwalt die
ber 1939 (fanden) überall im Freischärler, der die Deut- haben, ist ein erhebliches Mörder und ihre Helfershelfer
Lande Erschießungen durch schen aus dem Hinterhalt an- Verdienst von Böhlers Arbeit.
ihrer gerechten Strafe zuzu-
reguläre Einheiten des deut- zugreifen bereit war – wobei F■
führen. Dieses Unterfangen
schen Heeres statt, denen tau- es sich nachweislich um eine scheiterte bekanntermaßen an
sende polnischer und jüdi- „Schimäre“ handelte. Hinter Jochen Böhler: Auftakt der Tatsache, dass diejenigen,
scher Zivilisten und Kriegs- der schnell vorstoßenden zum Vernichtungskrieg. die vor 1945 Kraft ihres Am-
gefangener zum Opfer fie- Frontlinie blieben viele polni- Die Wehrmacht in Polen tes Unrecht zu Recht gemacht
len.“ Parallel zur Wehrmacht sche Soldaten zurück, die von 1939, hrsg. von der Bun- hatten, im Westen diese Äm-
agierten die Einsatzgruppen, der Wehrmacht als Partisanen deszentrale für politische ter auch danach weiter aus-
die auf Himmlers Anordnung behandelt wurden. Bildung, Bonn 2006, 279 üben konnten. Der Staatsan-
„polnische Aufständische (...) Ohne die Unsicherheit un- S., 2 Euro (Ersterscheinung walt interessierte sich indes
auf der Stelle erschießen“ erfahrener Soldaten in Abre- bei Fischer Taschenbuch nicht nur für das Wirken alter
sollten. de stellen zu wollen, fragt Verlag, Frankfurt/M. 2006) und neuer Nazis, sondern
Die Entgrenzung kriegeri- sich, ob Böhler diesen Aspekt auch für deren Darstellung im
schen Handels fand 1941 nicht überbewertet. Würde Film. Seit mehr als fünfzig

14 antifaschistische nachrichten 19-2005


Jahren beschäftigt er sich mit dem The- chen Ein- und Aussichten, seiner subjek- darum, den nach und nach aufkeimen-
ma Filmgeschichte und schreibt darüber. tiven Auseinandersetzug mit dem Thema den Nationalsozialismus und seine Wur-
Sein jüngstes Buch „Deutsches Film- „Nazis im Film“. Das „Filmwunder“ zeln zu rekonstruieren. Alle Morde er-
wunder - Nazis immer besser“ ist kürz- rückt die Bilder in unserem Kopf zu- eignen sich im politischen Milieu. Nie
lich im Hamburger Konkret-Verlag er- recht. Kuhlbrodt bietet ein intelligentes, ist es der einfache Arbeiter oder der
schienen. Laut Kuhlbrodt machte der zum Nachdenken anregendes, gleich- Halbwelt-Strizi, der bei Hültner einen
Film in Bezug auf den Faschismus er- wohl unterhaltsames, vor allem aber oder mehrere Menschen auf dem Gewis-
staunliche Wandlungen durch. In der dringend notwendiges Kontrastpro- sen hat. Es sind rechtsradikale Majore,
Adenauerzeit wurden die Nazis in aus- gramm zum gängigen „Hitler-Hype“. Generäle, Politiker, Mitglieder der Bour-
ländischen Filmen wegzensiert. „Ende Birgit Gärtner geoisie oder gewissenlose Parvenüs, die
der fünfziger Jahre schien die Selbst- sich bereichern oder frühere Verbrechen
Entnazifizierung des deutschen Volkes, Kuhlbrodt, Dietrich, Deutsches Film- vertuschen wollen.
der Wehrmacht eingeschlossen, gelun- wunder – Nazis immer besser, Ham- Zudem entwirft Hültner, der mehrfach
gen“, schreibt er. Doch Pustekuchen, es burg 2006, 200 Seiten, 15.- Euro mit dem Deutschen Krimipreis ausge-
kam die Studentenrevolte und damit be- zeichnet wurde und auch Tatort-Drehbü-
gann die (filmische) Auseinandersetzung cher schreibt, in den Inspektor-Kajetan-
mit der Vergangenheit, die Nazis waren Robert Hültner: Krimis eine kleine Kulturgeschichte
wieder da - und die unbequemen Fragen Münchens der 1920er Jahre. In den zahl-
auch. Dann, Anfang der achtziger Jahre, Die Inspektor- reichen Dialogen finden sich eine Men-
kam Hitler abhanden, Ende der achtzi- Kajetan-Reihe ge Dialektausdrücke, die schon fast ver-
ger Jahre war auch der wieder da: z.B. Er deckt die Zusammenhänge des Mor- gessen sind, die einschlägigen Kneipen,
in Christoph Schlingensiefs „100 Jahre des an Kurt Eisner auf, rekonstruiert bei Bierkeller und Varietés der damaligen
Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Füh- jedem der Fälle, an denen er arbeitet, Zeit sind wichtige Schauplätze der
rerbunker“, in dem Kuhlbrodt den Goeb- Verbindungen zu nationalistischen Frei- Handlung und Kajetan kommt mit den
bels spielte. In den neunziger Jahren korps und in die obersten Ränge von Po- verschiedenen Subkulturen der Zeit wie
folgten Dokumentationen mit „schäbi- litik und Militär. Deswegen entkommen zum Beispiel der alternativen Siedlerbe-
gen Nazis“. Unterdessen werden die Na- die Täter meist dem Gesetz. Stattdessen wegung in Berührung. Der Inspektor
zis jedoch immer besser. Jedenfalls im wird Inspektor Kajetan wegen seiner streift durch ein München, in dem Haid-
Film.„Wir schauen in ein Antlitz, das Unbestechlichkeit und Wahrheitsliebe hausen noch Vorstadt war und die Au
vor Milde schimmert“, lobhudelt Sprin- sogar aus dem Polizeidienst suspendiert das Glasscherbenviertel, in dem der
gers Welt über Bruno Ganz als „Führer“ und muss sich als Privatdetektiv durch- Matthäser-Keller noch ein wichtiger
im „Untergang“. Solche Zitate geben schlagen. Treffpunkt für politische Versammlun-
Kuhlbrodt Recht: der beste Hitler, den Robert Hültners Krimis um den sym- gen war und die Marktleute am Viktua-
wir je hatten. Der Autor kommt in sei- pathischen Polizisten spielen lienmarkt die Sperr-
nem „Erlebnisund Lesebuch“ etwas im München der Weimarer stunde missachteten
selbstverliebt daher, was ihm offenbar Republik und entwerfen ein und bis in die frühen
auch aufgefallen ist: „Das Wort ,ich‘ detailreiches Bild der politi- Morgenstunden zu-
kommt voraussichtlich in dreistelliger schen und kulturellen Zusam- sammen mit Prostitu-
Größe vor“, warnt er im Vorwort. Zu- menhänge dieser Zeit. Hült- ierten und Lumpen-
dem jongliert er leicht arrogant mit sei- ners Stil und auch seine The- proletariern in ihren
nem Fachwissen. Außerdem geizt er men erinnern an Oskar Maria engen Buden ihr Bier
nicht mit Lob für Christoph Schlingen- Graf oder Lion Feuchtwanger, tranken und eine
sief. Warum eigentlich? Lady Di mit er erzählt in einer schlichten Schlägerei mit einem
Hitler zu kombinieren, ist noch keine und doch poetischen Sprache, Polizisten anfingen,
notwendigerweise gelungene Vergan- seine Naturbeschreibungen wenn der sie zum
genheitsbewältigung, sondern wirkt eher und Charakterstudien sind von Heimgehen ermahnte.
etwas zwanghaft. Für den Autor spricht, realistischer Tiefe. Dazu begegnet Kaje-
dass er sich nicht anmaßt, eine umfas- Es geht nicht nur um Mord tan auch Figuren, die
sende Analyse vorgelegt zu haben. Er in Hültners mittlerweile vier in die Kriminalge-
lässt uns teilhaben an seinen persönli- Kajetan-Krimis, sondern auch schichte Münchens
eingeschrieben sind,
wie zum Beispiel Joseph Apfelböck, der
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. als 16jähriger seine Eltern ermordet und
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de anschließend im Schlafzimmer der
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Haidhausener Eineinhalbzimmer-Woh-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, nung versteckt hat.
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Die Inspektor-Kajetan-Krimis rekon-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel.
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. struieren ein München, das es nicht
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. mehr gibt und sind ein spannendes Lese-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind vergnügen. Hat man sie alle vier gele-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. sen, hofft man darauf, dass der Fünfte
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- bereits in Arbeit ist.
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Katrin Sorko, Mitarbeiterin der Basis
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Buchhandlung München ■
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf-
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- Inspektor Kajetan und die Sache Kos-
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Arbeits- lowski, btb Taschenbuch, Euro 7,-
gruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes
der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisverei-
ISBN 3-442-72144-X. Die Godin, Wal-
nigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di ching sowie Inspektor Kajetan und
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. die Betrüger ebenfalls btb Tb

: antifaschistische nachrichten 21/2006 15


: aus der faschistischen Presse
Zwei Jahre NPD im sächsi-
schen Landtag –
Deutsche Dichter bot u.a. in der „Jungen Freiheit“ und in Broschüre erschienen
Grevenbroich. In der aktuellen Ausga- der „Deutschen Sprachwelt“. Dresden. Anlässlich des zweijährigen
be der neofaschistischen Zeitschrift „Na- hma ■ Jubiläums auf Landesebene veröffent-
tion & Europa“ rezensiert der ehemalige licht NIP nun eine Broschüre über zwei
Neusser NPD-Funktionär Manfred Mül- Nazi-Rede nachgedruckt Jahre NPD im sächsischen Landtag.
ler ein Buch von Guido Karutz, das im Nachdem im Juni 2004 zur sächsi-
Grevenbroicher „Bernardus-Verlag“ er- Straelen. Unter dem Namen Ralf Wit- schen Kommunalwahl insgesamt 52
schienen ist. Karutz, Germanist und trich ist im „Milan-Verlag“ in Straelen MandatsträgerInnen für verschiedene
evangelischer Theologe mit einer lang- eine Broschüre unter dem Titel „Die Be- extrem rechte Parteien in kommunale
jährigen Erfahrung aus gymnasialer seitigung der Arbeitslosigkeit im Dritten Parlamente eingezogen waren, entstand
Lehrtätigkeit, Lehrerausbildung und Er- Reich / Das Sofortprogramm 1933/34“ das Projekt NIP – Nazis im Parlament.
wachsenenbildung veröffentlichte in veröffentlicht worden. Als ein Viertel Jahr später dann die
dem Verlag ein „Hebbel-Lesebuch“ unter Das Heft besteht im Wesentlichen aus NPD mit damals 12 Abgeordneten auch
dem Titel „Funken, die Sonnen entstam- einer Rede, die der damalige Staatssekre- noch in den Sächsischen Landtag ein-
men“ über den Dichter Friedrich Hebbel. tär im Reichsfinanzministerium der Na- zog, wurde das selbst gesteckte Aufga-
Schon 1966 erschien ein Aufsatz von zis, Fritz Reinhardt (1895-1969), im Ok- benfeld deutlich größer. Seither sind die
Karutz über die „Metaphorik Goethe- tober 1933 vor dem „Industrie-Club“ in MacherInnen von NIP bemüht,kontinu-
scher Gedichte“ in den „Klüter Blättern“ Düsseldorf und im „Klub zu Bremen“ ierlich und sachkundig die Aktivitäten
des neofaschistischen „Deutschen Kul- gehalten hatte. Der war bereits vor dem der NPD im Sächsischen Landtag zu
turwerk europäischen Geistes“ (DKEG). 1.Weltkrieg Mitglied des „Deutsch-Völ- dokumentieren, genauso wie die Akti-
Den hatte er als Referat im Germanisti- kischen Bundes“ und trat 1923 der vitäten der NPD und anderer extrem
schen Seminar der Universität Köln ge- NSDAP bei. Hier stieg Reinhardt bis rechter Abgeordneter auf kommunaler
halten. 1994 wurde ein Text von Karutz zum Gauleiter und Reichspropagandalei- Ebene.
über eine „Familienchronik der Goethe- ter II der NSDAP auf. Über den Tisch Das AutorInnenkollektiv schreibt in
zeit“ in der Zeitschrift „Deutschland in des für Steuern und den Reichshaushalt seiner Einleitung: „2 Jahre eine Frakti-
Geschichte und Gegenwart“ (DGG) ab- zuständigen NS-Staatssekretärs liefen im on der NPD im sächsischen Landtag
gedruckt, die im extrem rechten „Gra- Jahr 1942/43 auch die Abrechnungen der das bedeutet auch 2-jährige Aufbauar-
bert-Verlag“ erscheint. von der SS an die Reichsbank abgeliefer- beit an einem organisatorischen Zen-
Im „Deutschen Almanach“ (Verlags- ten Wertgegenstände, einschließlich des trum der deutschen Neonaziszene. Es
gesellschaft Berg) des Jahres 1995, he- Zahngoldes, die in dem NS-Vernich- ist kein Geheimnis, dass der Einfluss
rausgegeben von Andreas Molau, im ver- tungslager der „Aktion Reinhardt“ de- der Fraktion weit über den Parlaments-
gangenen Jahr noch Bundestagskandidat portierten Jüdinnen und Juden bei ihrer saal hinausreicht. Ein aktueller Beleg
der neofaschistischen NPD, findet man Ermordung abgenommen wurden. dafür war etwa das Engagement des
ein Gedicht von Karutz mit dem Titel Von den Alliierten verhaftet trat Rein- Fraktionsvorsitzenden Apfel als Wahl-
„8.Mai 1985“ in dem das „Vaterland“ be- hardt als Zeuge bei den Nürnberger Pro- kampfleiter in Mecklenburg-Vorpom-
klagt wird, dessen „Standarten im Staub“ zessen auf. Er selbst wurde 1950 von ei- mern.
liegen und wo auf dem Markt „die Frem- ner Spruchkammer in München als Die Sympathie für menschenfeindli-
den das Wort führen“. Das Gedicht endet „Hauptbeschuldigter“ eingestuft. ches Denken kann allerdings nicht ein-
mit den Zeilen „Noch dauert das Dunkel. Vertrieben wird die Broschüre u.a. gedämmt werden, indem ähnliche Ideo-
Deutschland! Dein Morgen wird kom- vom „Regin-Verlag“ (Wachtendonk bei logeme mit blumigeren Worten für sich
men“. Straelen) von Markus Fernbach. Der gibt besetzt werden, um der NPD die Wäh-
Bereits 2003 hatte Rezensent Müller die extrem rechte Zeitschrift „Hagal“ he- lerInnen abspenstig zu machen, ver-
ein Buch in dem zum Zisterzienserkon- raus und trat unlängst als Gastreferent meintliche Tabus zu brechen und „Ver-
vent Langwaden gehörenden Verlag ver- bei der neofaschistischen „Deutschen klemmtheiten“ zu lösen. Stellvertretend
öffentlicht. Der bewirbt sein Buchange- Akademie“ auf. hma ■ seien hier die jeweiligen „Patriotismus“
-Initiativen der sächsischen CDU und
ihrer Jugendorganisation genannt, die
anschaulich zeigen, wie Themen der
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt) Neonazis als Themen der „Mitte“ eine
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro Hochkonjunktur erlebten. ... Ein Pro-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro Erscheinungsweise: blem ist eben nicht nur die Anwesenheit
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
14-täglich einer 9-köpfigen NPD-Fraktion, son-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro dern auch der Rechtsschwenk, den Tei-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro le großer konservativer Parteien und
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell Organisationen der „Mitte“ vollführen,
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro).
um das WählerInnenklientel der NPD
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten (wieder) für sich zu gewinnen.
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung)
Wir wünschen allen LeserInnen eine
interessante Lektüre, freuen uns über
Name: Adresse:
Anregungen und Kritik und hoffen, mit
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts
der vorliegenden Broschüre etwas zu
einer offensiven Auseinandersetzung
Unterschrift
mit Neonazis beitragen zu können.“
http://nip.systemli.org
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de download der Brochüre von der
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507 Website möglich ■

16 : antifaschistische nachrichten 21/2006