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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 2.11.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Fraktion in Gründung
Brüssel/Straßburg. Der Zusam-
Ein antifaschistischer
menschluss extrem rechter Parteien im
Europäischen Parlament zu einer Frak-
tion steht kurz bevor. Eine Gründung ist
Kämpfer lebt nicht mehr
Peter Gingold, antifaschistischer Widerstandskämpfer, Kommunist aus
für Dezember oder Januar geplant. Als jüdischem Elternhaus, Internationalist starb am 28.
mögliche Mitglieder werden die „Front Oktober in Frankfurt/M. im Alter von 90 Jahren.
National“ (F), „Vlaams Belang“ (B),
„Lega Nord“ (I), „Familienpartei“ (PL) Für Peter Gingold steht ein Motto All das hat
und FPÖ (A) genannt. „Résistance = Widerstand – ein ihn nicht abge-
Eine Fraktion im EU-Parlament Leben lang!“ Geboren am 8. März halten, sich für
muss aus mindestens 19 Abgeordneten im Kriegsjahr 1916 erlebte er in der Wei- seine Vision
aus fünf verschiedenen Ländern beste- marer Zeit die Realität der sozialen Not von einer so-
hen. Der für die FPÖ im EU-Parlament und des Antisemitismus. Politische Über- zialen und
sitzende Andreas Mölzer war bereits in zeugung und Handeln war für ihn eines. menschenwür-
der Vergangenheit für eine „Nationalis- So organisierte er sich schon früh in der digen Gesell-
tische Internationale“ eingetreten und sozialistischen Arbeiterjugendbewegung schaft, frei von
hatte ein „Kontaktforum der europäi- und engagierte sich vor 1933 und nach der Krieg und Aus-
schen patriotischen und nationalen Par- Machtübertragung an die NSDAP im an- beutung einzu-
teien und Bewegungen“ initiiert. tifaschistischen Kampf. setzen. Dass man dazu einen sehr langen
hma ■ Verhaftet im Juni 1933 wurde er von Atem brauche, auch Rückschläge verkraf-
den Nazis zur Emigration gezwungen. Er ten müsse, vermittelte er in zahllosen Ge-
Zeitung eingestellt ging nach Paris, wo bereits seine Eltern sprächen und Vorträgen, besonders gegen-
und Geschwister lebten. Dort setzte er sei- über jungen Zuhörern. Und er forderte die
Berlin. Die sogenannten „Republika- nen antifaschistischen Kampf fort. Er ge- jungen Leute auf, selber aktiv zu werden
ner“ haben das Erscheinen ihres Partei- hörte zu den Gründern der überparteili- gegen Neofaschismus, Rassismus, soziale
organs eingestellt. Die zuletzt unter chen „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Dabei
dem Titel „Zeit für Protest“ erscheinen- und wurde Mitglied der KPD. Hier lernte ging er mit gutem Beispiel voran bei zahl-
de Zeitung muss aus „Kostengründen“ er auch Ettie Stein-Haller kennen, die er losen Aktionen gegen alte und neue Na-
abgewickelt werden. Künftig soll es le- 1940 heiratete. Über sechzig Jahre lebten zis, ob in Mittenwald, in Wunsiedel, in
diglich noch ein Informationsblatt für sie zusammen und haben sich gegenseitig Frankfurt oder Berlin.
die Parteimitglieder geben. in ihrer politischen Arbeit und Überzeu- Peter Gingold war ein viel gefragter
In den Hochzeiten der „Republika- gung gestützt und gestärkt. Redner, Gesprächspartner und Zeitzeuge,
ner“ wurde die Zeitung unter dem da- Nach dem faschistischen Überfall auf der politisch reflektiert, engagiert und per-
maligen Titel „Der Republikaner“ noch Frankreich arbeiteten beide in der franzö- sönlich authentisch historische Zusam-
in Massenauflage in Wahlkämpfen ein- sischen Résistance. 1943 geriet Peter in menhänge vermitteln konnte. Er wurde
gesetzt. Ihr Interesse an den Überresten die Fänge der Gestapo. Ihm gelang jedoch eingeladen von Gewerkschaften oder der
der Partei hat unterdessen auch schon die Flucht. Im August 1944 nahm er am autonomen Antifa, von Universitäten oder
die NPD angekündigt. hma ■ Aufstand zur Befreiung von Paris teil. der DKP und natürlich von der VVN-
Den 8. Mai 1945, „das Morgenrot der BdA, für die er in den letzten Jahren als
Menschheit“, erlebte er bei den italieni- Bundessprecher politisch aktiv war. Nicht
schen Partisanen in Turin. zu vergessen seine Aktivitäten im Ausch-
Zurückgekehrt nach Frankfurt gehör- witz-Komitee der BRD, gegen die Profi-
ten Peter und Ettie zu den Gründern der teure der Kriegsverbrechen – die IG-Far-
hessischen VVN und wirkten politisch in ben in Abwicklung oder für den Verband
der KPD. Doch während Peter für seine Deutscher in der Résistance, in den Streit-
60 Jahre VVN NRW antifaschistische Arbeit in Frankreich kräften der Antihitlerkoalition und der Be-
und Italien geehrt wurde, erlebte er in wegung ‚Freies Deutschland‘ e.V.
Am 28.10. feierte die Vereinigung der Deutschland lange Jahre gesellschaftli- (DRAFD).
Verfolgten des Naziregimes - Bund der che Ausgrenzung. Als Widerstands- Hier – und das zeigte eindrucksvoll die
Antifaschistinnen und Antifaschisten kämpfer und Kommunist wurden ihm Feier zu seinem 90. Geburtstag im Frank-
NRW den 60. Jahrestag ihrer Grün- und seiner Frau viele Jahre die deutsche furter DGB-Haus – erlebte er die Aner-
dung. Siehe auch Seite 7 Staatsbürgerschaft verweigert. In Gefol- kennung, die ihm die bundesdeutsche Ge-
ge des KPD-Verbots musste Peter zeit- sellschaft verweigert hatte.
weilig wieder in die Illegalität gehen. Ulrich Schneider ■
Aus dem Inhalt: Später musste er erleben, dass man sei-
Ehrung mit schalem Beigeschmack 6 ne Tochter Sylvia wegen ihrer politi- Die Trauerfeier zu Ehren von Peter Gingold soll
im November in Frankfurt/M. stattfinden. Er
Flüchtlingsstreik in Blankenburg . . 12 schen Überzeugung mit Berufsverbot be- selbst wird in Paris, im Familiengrab bei seiner
legte. Frau Ettie beigesetzt werden.
: meldungen, aktionen

Aussiedler im Visier Lektüre für


Berlin. An den jüngsten Wahlen in Ber- Militaristen
lin hat sich auch der „Konvent der Ruß-
landdeutschen“ um seinen Vorsitzenden Berchtesgaden.
Dr. Heinrich Groth beteiligt. Dieser war Dem „Abwehr-
in der Vergangenheit Funktionär der rus- kampf im Osten“
sischen „Wiedergeburt“, der „Allunions- widmet sich die
gesellschaft der Sowjetdeutschen“. Im aktuelle Ausgabe
Jahr 2003 trat er in Berlin der extrem der „Deutschen
rechten „Deutschen Partei“ (DP) bei und Militärzeitschrift“,
sammelte dort rund hundert weitere Aus- die auch an zahlrei-
siedler in einem eigenen Arbeitskreis, chen Kiosken beworben wird. In der von Wahl, denn Baier hatte ja selbst betont,
wie er 2005 in einem Interview mit der dem ehemaligen „Junge Freiheit“-Redak- dass er weiter für „nationale Politik“ ste-
NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ mit- teur Manuel Ochsenreiter herausgegebe- he. Und das tut die FPD wahrlich auch.
teilte. Bei den jüngsten Wahlen zu den nen Zeitschrift finden sich wieder zahlrei- Der Vorsitzende, Dr. Johannes Hertrampf
Bezirksvertretungen versuchte Groth mit che Anzeigen extrem rechter Verlage, wie (Thiendorf), gehörte früher dem Landes-
einer komplett mit Aussiedlern aus Ruß- des „Deutsche Stimme“-Verlags der vorstand der DVU an und ist Autor in di-
land besetzten Wahlliste der extrem rech- NPD, „Arndt-Verlag“, „Grabert-Verlag“ versen Zeitschriften der extremen Rech-
ten „Offensive D“ in die Bezirksvertre- und „Pour le Merite-Verlag“ sowie für ten von „Nation + Europa“ bis hin zu
tung in Marzahn-Hellersdorf einzuzie- einschlägige Publikationen wie „Der „Recht + Wahrheit“. Und der Wechsel zu
hen. Hier, wo Aussiedler aus Rußland Schlesier“, „Der Eckart“ oder „Die Aula“. FPD war auch eine weise Wahl von Baier,
mehr als zehn Prozent der Bevölkerung Mehrere Beiträge stammen aus der Feder denn trotz aller öffentlich zugänglichen
stellen, erhoffte sich Groth ein Wahler- von Autoren des „Ostpreußenblatt/PAZ“ einschlägigen Informationen über die
gebnis von mehr als 3 Prozent. In einem und der „Jungen Freiheit“. FPD behauptet der sächsische Verfas-
Leserbrief im „Ostpreußenblatt/PAZ“ Gelesen wird die Zeitschrift auch von sungsschutz, man habe keinerlei „Er-
musste er nun allerdings eingestehen, aktiven Bundeswehrsoldaten. Glaubt man kenntnisse“ über die Miniaturpartei. Ein
dass die „theoretisch realistische Progno- den Äußerungen des Chefredakteurs die- Schelm, wer Böses dabei denkt.
se“ sich habe „leider nicht verwirklichen ses Blattes, haben sich im abgelaufenen Man kann nur spekulieren, was Baier
lassen“. Nach dem offiziellen Wahler- Jahr von diesen zahlreiche bei ihm „für bewogen hat, seine neue politische Hei-
gebnis vom 18. September 2006 erzielte die objektive und schonungslose Bericht- mat bereits wieder aufzugeben. Jedenfalls
die „Offensive D“ im Bezirk Marzahn- erstattung über die Konzeptionslosigkeit brauchte es bei ihm neun Monate bis der
Hellersdorf nur 550 Stimmen (0,5%). der deutschen Sicherheits- und Verteidi- Entschluss herangereift war, mal wieder
Die auf soziale Demagogie und Nationa- gungspolitik“ bedankt. etwas Neues zu versuchen. Der gelernte
lismus setzende Partei hatte während des hma ■ Krankenpfleger Baier ist der siechen DSU
Wahlkampfes in Berlin dutzende Infor- beigetreten. Der frühere Ost-Ableger der
mationsstände und zahlreiche „Politische Baier, Baier, wechsle dich bayerischen CSU kann sich also, nach-
Abende“ u.a. in Neukölln, Spandau, dem die Mutterpartei vor etlichen Jahren
Steglitz-Zehlendorf, Charlottenburg, Sachsen. 1998 trat Klaus Baier in die die Nabelschnur abgeschnitten hatte, über
Tempelhof, Reinickendorf und Pankow NPD ein, kurz vor Weihnachten 2005 ver- Zuwachs wenigstens durch einen Baier
durchgeführt. hma ■ ließ er sie. In der Zwischenzeit hatte es freuen. Nötig hat sie es. Bitter nötig sogar.
der Annaberger Baier zum Kreisvorsit- Die Westausdehnung der DSU missglück-
Rassismus-Strafnorm vor zenden der NPD und zum Landesvor- te, die Mitglieder liefen in Scharen davon.
standsmitglied, zum Stadtrat und zum Heute hört man von der DSU auf Landes-
dem Aus? Landtagsabgeordneten gebracht. Nur ebene eigentlich nur noch dann etwas,
Schweiz. Während die neofaschisti- knapp acht Jahre hatte er also gebraucht wenn sich Funktionäre wieder einmal im
schen Aktivitäten in der Schweiz immer um zu bemerken, wo er da gelandet war: engen Umfeld der NPD tummeln. Womit
weiter zunehmen, hat die rechtskonser- in einer neonazistischen Partei nämlich. Baier in der Nähe seiner früheren politi-
vative „Schweizer Volkspartei“ (SVP) Die beklagte er in seinem Austrittsschrei- schen Freunde gelandet wäre. Ein
um Justizminister Christoph Blocher den ben ebenso lauthals wie die Dominanz Schelm, wer Böses dabei denkt… vow ■
Kampf gegen die Rassismus-Strafnorm von Wessis in der Landtagsfraktion seiner
aufgenommen. Blocher will die Strei- nunmehr ehemaligen Partei. Sein Austritt Proteste gegen Volkstrauer-
chung oder zumindest die Revision des war – ebenso wie der seines Fraktionskol-
Gesetzes, das sich gegen Diskriminie- legen Mirko Schmidt (Meißen) vom tag geplant
rung und Rassismus in der Gesellschaft Sächsischen Landesamt für Verfassungs- Augsburg. Antifaschistische und linke
wendet. Das Gesetz sei, so Blocher, zu schutz „begleitet“ worden. Ein Schelm, Gruppen aus Augsburg planen Proteste
einem „Maulkorb-Gesetz“ gegen den wer Böses dabei denkt. gegen den Volkstrauertag am 19. Novem-
kleinen Mann geworden und richte sich Wollte Baier ursprünglich gemeinsam ber. Seit mittlerweile mehreren Jahren
gegen die Meinungsfreiheit. Unterdessen mit Schmidt Anfang 2006 die „Sächsische nehmen an den öffentlichen Trauerfeier-
führt der extrem rechte Flügel seiner Par- Volkspartei“ gründen, wählte er schnell lichkeiten am Kriegerdenkmal an der
tei eine Kampagne gegen den Bau von einen bequemeren Weg. Warum etwas Blauen Kappe Rechtsextremisten aus dem
Minaretten in der Schweiz und schürt da- Neues gründen, wenn es bereits etwas Spektrum der Neonaziorganisation „Na-
mit Vorurteile gegen die in der Schweiz Passendes gibt? Baier wurde bei seiner tionale Opposition – Bündnis für Augs-
lebenden Muslime. In den vergangenen Suche schnell fündig. Er wechselte umge- burg“ teil. Dies führte dazu, dass NPD-
Jahren waren neben Neonazis auch An- hend zur Freiheitlichen Partei Deutsch- AnhängerInnen zusammen mit Bundes-
hänger der SVP wegen Zuwiderhand- lands (FPD), einer Kleingruppe, die vor wehrangehörigen und offiziellen Vertrete-
lung gegen die Rassismus-Strafnorm allem im Raum Riesa-Großenhain und rInnen der Stadt Augsburg gemeinsam vor
verurteilt worden. hma ■ Hoyerswerda aktiv ist. Eine konsequente dem Denkmal standen, Kränze ablegten

2 : antifaschistische nachrichten 22/2006


und zusammen das Deutschlandlied san-
gen. Dass die Präsenz der FaschistInnen
Gebirgsjäger machen Schlagzeilen
bei der Gedenkveranstaltung nicht zufäl- Totenschändung hat Tradition
lig ist, wird sehr schnell deutlich, wenn
man sich etwas näher mit den Inhalten der Es ist seit den Protesten gegen die und dem Küchenwagen nach Kommeno.
Trauerveranstaltung beschäftigt. Maßgeb- Brendtenfeier 2002 kein Geheim- Die Soldaten töteten alles, was sich be-
lich geht es hier nicht um die Opfer aller nis mehr, in welchem Umfeld die wegte, und brannten das Dorf nieder. 317
Kriege oder gar um die Opfer des Nazire- Gebirgsjäger der Bundeswehr seit 50 Menschen wurden in Kommeno ermor-
gimes, sondern um die deutschen Opfer. Jahren in Mittenwald ausgebildet, trai- det, 172 Frauen und 145 Männer. 97 wa-
Hier wird ganz bewusst der Mythos auf- niert und seit 1999 in alle Welt zum Aus- ren jünger als 15 Jahre, 14 älter als 65. 13
rechterhalten, dass die Hauptleidtragen- landseinsatz geschickt werden. Noch waren ein Jahr alt. 38 Menschen ver-
den der NS-Herrschaft und des 2. Welt- heute treffen sich in so genannten Tradi- brannten in den Häusern, von denen 181
krieges die Deutschen selbst waren. Dass tionskameradschaften die Mörder von zerstört wurden. Einer der Täter berichtete
sich Neonazis diesem Konsens inhaltlich Kommeno, Kephalonia und die Gebirgs- 1970 der Staatsanwaltschaft: „Was mich
problemlos anschließen können, versteht jäger, die die Deportationen der Athener furchtbar abgestoßen hat, das war, dass ei-
sich von selbst. Nachdem sich im letzten Juden zu verantworten haben. nige Angehörige der 12. Kompanie sich in
Jahr schon einige AntifaschistInnen an der Die alljährliche Heldenverehrung an schändlicher Weise an den Leichen zu
Trauerfeier eingefunden hatten, um mit- Pfingsten geht einher mit Hakenkreuzor- schaffen machten. So habe ich selbst ge-
tels Transparenten gegen den geschichts- den, Hitlergruß und antisemitischen Aus- sehen, wie einige Soldaten den weibli-
revisionistischen Opfermythos zu protes- fällen gegen Holocaust-Überlebende. chen Leichen Bierflaschen in den Ge-
tieren, sollen dieses Jahr die Proteste grö- Den greisen Tätern des Vernichtungs- schlechtsteil einführten. Ich glaube, ich
ßer organisiert angegangen werden. krieges ist seit jeher die Unterstützung habe auch Leichen gesehen, denen die
Wer Näheres zu der geplanten Veran- der Bundeswehr sicher. Augen ausgestochen waren. (…) (Ich)
staltung erfahren will, kann sich auf Die widerliche Totenschändung der möchte noch ergänzend anführen, weil
www.contra-real.tk informieren. jc ■ Mittenwalder Gebirgsjäger in Afghanis- dies auch vielleicht ein bezeichnendes
tan geht einher mit den hinreichend be- Licht auf die Sache wirft, dass nach dem
Holländischer Antifaschist kannten Formen von sexualisierter Ge- Einsatz im Zeltlager ein Besäufnis statt-
walt, die wir in zahlreichen Kriegsaus- fand. Es war Wein und auch Lebensmittel
inhaftiert! einandersetzungen nachweisen können. erbeutet worden. Dieser Wein wurde aus-
Hamburg. Am Freitag nahmen 200 Krieg ist ohne Morden, Vergewaltigen, getrunken, und es ging bei einigen Kame-
Menschen an einer Solidaritätskundge- Plündern und Schänden nicht zu denken raden hoch her. Allerdings, und dies
bung für den holländischen Antifaschis- und sie gedeihen erst in patriarchalen möchte ich auch feststellen, war den
ten Kaweh Kazrounian vor dem Ham- männerbündischen Strukturen. meisten nicht zum Feiern.“ (Aus den Er-
burger Gefängnis am Holstenglacis, teil. Der breiten Öffentlichkeit unbekannt, mittlungsakten gegen Salminger und Un-
Kazrounian wurde bereits am letzten ist hingegen, dass auch die Schändung bekannte - Staatsanwaltschaft München I
Sonnabend, den 14.10.2006 festgenom- von Toten durch Mittenwalder Gebirgs- 117 Js 49-50/68)
men, als in Hamburg-Wandsbek ca. jäger eine widerliche Tradition hat. Die namentlich bekannten Täter trafen
2.000 Menschen gegen einen Aufmarsch „Es ist ein Schlag ins Gesicht“, „Das sich bereits Pfingsten 1947 wieder mit al-
von 200 Nazis demonstrierten. Er befin- sind Nestbeschmutzer“, „Diese Soldaten len überlebenden Kompanie-Angehörigen
det sich seitdem in Untersuchungshaft. können keine geborenen Mittenwalder und schlossen sich zu einer der aktivsten
Nachdem die Demonstration zunächst sein“, „Hier würde niemand die Totenru- Kompaniekameradschaften im Kamera-
friedlich verlief, setzte die Polizei im he mit Füßen treten.“ So tönt es aus Mit- denkreis der Gebirgsjäger zusammen.
weiteren Verlauf neben Wasserwerfern tenwalds Wohnzimmern. Besonders der Sie sind jedes Jahr willkommener Be-
auch Schlagstöcke ein, um den Rechtsra- Bürgermeister Salminger kämpft für die standteil der Brendtenfeier.
dikalen einen Weg zu bahnen. Hierbei Ehre von Mittenwald und seiner Ge- Keiner der Täter ist für das Massaker je
wurden 28 AntifaschistInnen vorläufig birgsjäger: „Wir sind nicht die Gemeinde verurteilt worden. Das in den Jahren 1968
fest- bzw. in Gewahrsam genommen. der Totenschänder. Das waren Idioten, bis 1972 angestrengte Ermittlungsverfah-
Währenddessen hielten Beamte einigen die nichts mit unserem Ort gemein ha- ren gegen 162 Beteiligte wurde von der
Betroffenen die Münder zu, damit sie ben.“ Bürgermeister Salminger muss in Staatsanwaltschaft München I aus „Be-
Umstehenden nicht ihre Namen sagen beiden Punkten deutlich widersprochen weismangel“ eingestellt. Die Morde und
konnten, um anwaltliche Hilfe zu be- werden: die Schändungen der 12. Kompanie blie-
kommen. Schon während eines Polizei- 1. Es gibt in Mittenwald ganz offen- ben bis heute ungesühnt.
einsatzes, bei einem Fest im Hamburger sichtlich eine Tradition der Totenschän- Auch anderenorts sind die Massaker
Schanzenviertel, Anfang September, dung. 1943 ermordeten die Soldaten der der Gebirgsjäger wie die Ermordung von
wurden Festgenommene mit Dunkelbril- 12. Kompanie des Gebirgsjäger-Regi- etwa 4000 italienischen Soldaten auf Ke-
len versehen. Von Anwälten und Krimi- ments 98 im nordgriechischen Kommeno phalonia, die sich bereits ergeben hatten,
nologen wird ein derartiges Vorgehen als nicht nur 317 Zivilisten, sondern einzelne für die Täter ohne strafrechtliche Konse-
Form der Folter gewertet. Nachdem die Soldaten schändeten nach dem Massaker quenzen geblieben.
Betroffenen Strafverfahren in die Wege auch Frauenleichen. Das werden wir nicht hinnehmen.
leiteten, die sie nach Angaben ihrer 2. Diese Totenschänder von Kommeno Wir rufen auch für das Jahr 2007 zu
Rechtsanwälte, wenn es sein muss bis waren Gebirgsjäger aus Mittenwald, Der phantasievollen Protesten gegen die alten
vor den Europäischen Menschenrechtge- verantwortliche Regimentskommandeur und neuen Gebirgsjäger in Mittenwald
richtshof bringen wollen, ist das „Mund- am 16. August 1943 war ein gewisser Jo- und anderswo auf.
zuhalten“ ein weiteres menschenunwür- sef Salminger, Ritterkreuzträger, NS- Wir fordern: Bestrafung der NS- Tä-
diges und strafwürdiges Vergehen seitens Kriegsverbrecher und Vater von Mitten- ter! Entschädigung der Opfer! Wie-
der Hamburger Polizei. Unter den im walds Bürgermeister Hermann Salminger. derentwaffnung der Bundeswehr!
Verlauf der antifaschistischen Demons- Auf Befehl von Josef Salminger fuhren AK Angreifbare Traditionspflege NRW
tration Festgenommenen befand sich am 16. August 1943 ca.120 Angehörige www.nadir.org/mittenwald
auch Kaweh Kazrounian. Im Gegensatz der 12. Kompanie/Gebirgsjägerregiment angreifbare.tradition@freenet.de
zu den anderen Festgenommenen nahm 98 „feldmarschmäßig“ mit Maultieren Pressemitteilung 27.10.2006 ■
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: antifaschistische nachrichten 22/2006 3
der Abend für den holländischen Antifa-
schisten einen Verlauf, den es so in Ham-
burg bei Demonstrationen der Linken
Vom Pfeifen im Walde
seit über 5 Jahren nicht mehr gegeben Sachsen. Fast auf halbem Weg Landtagswahl antreten konnten und trat
hat. Er wurde nicht in der gleichen Nacht zwischen Stollberg und Annaberg- anschließend selbst zur NPD über. Ihr
freigelassen, sondern am nächsten Tag Buchholz liegt Thum. Auch folgte im Amt Martin Kohlmann nach,
dem Haftrichter vorgeführt. Kazrounian Chemnitz ist nicht weit. Man will ja Mitglied des Parteivorstands und Frakti-
befindet sich noch in Haft. Ein erster schließlich nicht, dass die Mitglieder zu onsvorsitzender im Chemnitzer Stadtrat.
Haftprüfungstermin wird voraussichtlich weite Anreisewege haben. Eigentlich han- Der Jurist war selbst in Konflikt mit der
erst in dieser Woche stattfinden. Der An- delte es sich am 22. Oktober ja um einen Staatsanwaltschaft geraten, die gegen ihn
tifaschist soll angeblich eine gefährliche Landesparteitag der sächsischen REPubli- wegen Verdachts der Urkundenfälschung
Körperverletzung begangen haben. Sei- kaner, doch konzentriert sich das Gros der ermittelte. Kohlmann verließ die Partei.
ner Anwältin wurde allerdings bisher wenigen verbliebenen Mitglieder in Sach- Angezeigt hatte ihn ausgerechnet sein
keine Akteneinsicht gewährt, so dass sen auf den Chemnitzer Raum. In der Nachfolger als Landesvorsitzender, der
nicht geklärt ist, worauf diese Vorwürfe Stadt selbst ist die zur extremen Rechten Zwickauer Mario Heinz, der von Kohl-
beruhen. zu zählende Partei mit Fraktionsstärke im mann im Gegenzug indirekt verdächtigt
Die Linke. in Hamburg, sowie die Rat vertreten, in Burkhardtsdorf im Nach- wurde, für das Landesamt für Verfas-
Rote Hilfe und weitere Solidaritätsgrup- barkreis Stollberg sitzt sie im Gemeinde- sungsschutz tätig zu sein. Inzwischen hat
pen, bezeichnen das Vorgehen der Be- rat. Knapp 20 Getreue dürften sich noch es Mario Heinz selbst erwischt. Wegen
hörden als nicht hinnehmbar und völlig dem einstmals stärksten ostdeutschen „nationalistischer und ausländerfeindli-
unverhältnismäßig und fordern die sofor- Landesverband der REPs zugehörig füh- cher Tendenzen“ ist er gemeinsam mit
tige Freilassung Kazrounians. „Immer len. Der Kreisverband Kamenz hat sich dem Schriftführer im Landesvorstand, Pe-
wieder werden bei antifaschistischen De- unlängst aufgelöst. ter Grüning (Chemnitz), aus der Partei
monstrationen diejenigen kriminalisiert, Doch trotzig tönt es aus Thum: „Repu- ausgetreten.
die sich gegen die menschenverachtende blikaner geben niemals auf!“ Auch dann Das „Fanal aus Chemnitz“ sollte es an-
Praxis der Nazis wehren. Die Hamburger nicht, wenn zur Durchführung eines Lan- geblich sein, die Farce aus Thum wurde es
,Sicherheitsbehörden‘ profilieren sich in desparteitages das Hinterzimmer einer stattdessen. Doch welche andere Partei
letzter Zeit durch, aus menschenrechtli- Vereinskneipe völlig ausreicht. Es habe kann schon von sich behaupten, dass die
cher Sicht, immer besorgniserregendere sich gar, so die REPs in eitler Selbstüber- Hälfte des Landesverbandes zugleich dem
Vorgehensweisen“, kommentiert Dirk schätzung, um ein „Fanal aus Chemnitz“ Landesvorstand angehört. Neun Personen
Prösdorf vom Vorstand der gehandelt. Nun, das Fanal wurde jeden- sind es, die den „Neuanfang“ mit dem
Linkspartei.PDS Hamburg den Vorfall. falls öffentlich kaum registriert. Dass die „Ziel der Restrukturierung und Reorgani-
Kaweh Kazrounian, z.Zt. Untersu- Partei ankündigt, bei den Landtagswahlen sation“ wagen wollen. An der Spitze steht
chungsgefängnis, Holstenglacis 3, 20355 2009 „wieder dem Bürger als Wahl-alter- nunmehr Matthias Seifert, ein Fliesenle-
Hamburg freut sich über Post in Englisch native zur Verfügung“ stehen zu wollen, ger aus Burkhardtsdorf. Sein Stellvertre-
oder Holländisch. kun ■ wird wohl keinem politischen Gegner ter ist Michael Haubold, ein Friedhofsver-
Kopfschmerzen bereiten. Vielmehr wer- walter aus Chemnitz. Ihn hatten die Ab-
Bundeswehrverband wirbt den diese sich wohl fragen, wer denn der trünnigen Heinz und Grüning eigentlich
eine Bürger sein mag, den die REPs errei- als neuen Landeschef gesehen. Im Aus-
für rechtsextreme Bücher chen wollen. Die sächsischen REPs sind trittschreiben hieß es gallig: „Der nun si-
Berlin. Der Deutsche Bundeswehrver- optimistischer, denn selbstbewusst ver- cher zum Landesvorsitzenden mutierende
band wirbt in der Oktober-Ausgabe seiner künden sie: „Keine der im Landtag vertre- Haubold als Marionette des DSU-Bur-
Zeitschrift „Die Bundeswehr“ für zwei tenen Parteien hat das Programm und die schenschaftlers und rechten Politclowns
Bücher rechtsextremer Autoren: das von Kompetenz, die Dinge anzupacken, die Kohlmann ist im vaterländischen, leeren
Ex-General Reinhard Günzel mitheraus- den Bürgern wirklich wichtig sind.“ Das Phrasendreschen ein gelehriger Schüler
gegebene Buch „Geheime Krieger. Drei nach außen zur Schau gestellte Selbstbe- seines Meisters Schlierer.“ Auch das hat
deutsche Kommandoverbände im Bild. wusstsein dürfte in Wirklichkeit das be- Tradition bei den REPs. Denen, die ge-
KSK – Brandenburger – GSG 9“ sowie rühmte Pfeifen im Walde sein. gangen sind, schmeißt man den Dreck in
das von Heinz Magenheimer herausgege- Ein Trost allerdings bleibt den REPs in Kübeln hinterher. Wäre man wohlmei-
bene Buch „Kriegsziele und Strategien Sachsen: tiefer können sie nicht mehr sin- nend zu dieser Persiflage einer Partei,
der großen Mächte 1939-45.“ ken. Fehlschlag folgte in den vergangenen müsste man dem Führungspersonal auch
Reinhard Günzel war Kommandeur des Jahren auf Fehlschlag. Die langjährige in dieser Hinsicht Zurückhaltung empfeh-
Kommandos Spezialkräfte und hatte von Landesvorsitzende Kerstin Lorenz verhin- len. Die Halbwertzeit der Landesvorsit-
seiner Truppe „Disziplin wie bei der Waf- derte zunächst, dass die REPs zur letzten zenden in Sachsen ist kurz. vow ■
fen-SS“ gefordert. Weil er die antisemiti-
sche „Tätervolk“-Rede des damaligen
CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Heinz Magenheimer ist bekannt als An- verband hat über 200.000 Mitglieder und
Hohmann gelobt hatte, wurde er im Jahr hänger „revisionistischer“ Kriegsschuld- erfreut sich guter Kontakte zu Bundes-
2003 entlassen. Seither schreibt er für thesen und bestreitet die deutsche Allein- wehr und Bundesregierung. Es ist uner-
neofaschistische Blätter wie die „Deut- schuld am Zweiten Weltkrieg. „Die Bun- träglich, dass der Verband eine solche
sche Militärzeitschrift“ und „Soldat im deswehr“ macht sich seine Sicht zu eigen Werbung für rechtsextreme Positionen zu-
Volk.“ In seinem Buch, das er zusammen und schreibt, Deutschland habe vor einem lässt. Damit widerspricht er auch den gel-
mit zwei anderen Autoren veröffentlicht „Dilemma“ gestanden: „Im Westen warte- tenden Traditionsrichtlinien. Ich erwarte,
hat, fordert er, Wehrmachtseinheiten soll- te Großbritannien mit der Schutzmacht dass der Verbandsvorstand sich eindeutig
ten der Bundeswehr als Vorbild dienen. USA im Rücken, im Osten lauerte die un- von den verantwortlichen Mitarbeitern
„Das Buch ist als erste Information über berechenbare Sowjetunion.“ Beide Werke distanziert. Ansonsten muss die Bundes-
die drei Kommandoverbände gut geeig- stammen aus rechtsextremen Verlagen: regierung Konsequenzen ziehen. Die
net“, wirbt „Die Bundeswehr“ für das Günzels Buch vertreibt der „Pour-le-Mé- Linksfraktion wird eine Kleine Anfrage in
rechte Machwerk. Günzel sei ein „kriti- rite“-Verlag, Magenheims Buch der Os- den Bundestag einbringen.
scher Geist“. ning-Verlag. Der Deutsche Bundeswehr- Pressemitteilung Ulla Jelpke, MdB ■

4 : antifaschistische nachrichten 22/2006


Köln. Am 21. Oktober haben
ca. 300 bis 400 Menschen aus
Kalk und Humboldt-Gremberg
„Pro Köln“ versucht
für die Schließung der Junkie-Bund-
Vereinsräume in der Taunusstraße de-
monstriert. Aufgerufen hatte der Bür-
mitzumischen
Demonstration gegen den Junkie-Bund in Köln-Humboldt-Gremberg
gerverein Humboldt-Gremberg.
● Wir fordern die sofortige Schließung Flyer des Antifa AK gegen „Pro Köln“
Der Bürgerverein ist im Stadtteil unter eines Betriebes des Junkie-Bundes in der im Viertel verteilt.
der deutschstämmigen Bevölkerung Taunusstraße.“ Um die 50 zum großen Teil schon äu-
recht gut verankert. Politisch ist er bür- Die „Bürgerbewegung“ Pro Köln hatte ßerlich als aus der Linken erkennbare
gerlich-rechts dominiert (CDU/FDP- in üblicher Praxis auf ihrer Webseite zu Menschen (Dresscode) waren gekom-
Spektrum). Gute Verbindungen gibt es der Demo aufgerufen und ausführlich men. Die Auftaktkundgebung wurde be-
zu einigen Schulen und Kindergärten im berichtet. Es ist unklar, inwieweit Sym- sucht, um das Gespräch zu suchen und
Viertel. So hat die Schulpflegschaft (eine pathisanten oder Mitglieder von „Pro einen eigenen Flyer zu verteilen. Dieser
Organisation der Eltern an der Schule) Köln“ im Bürgerverein oder dessen Um- klärt über die Arbeit des Junkie-Bundes
der Grundschule Westerwaldstraße die feld aktiv sind. Deutlich war, dass die auf und schließt mit den Worten: „Die
Demonstration unterstützt und den Kin- LeiterInnen der Demonstration sich sehr Herangehensweise der ‚Bürgerinitiative
dern einen Aufruf für die Eltern mit nach bestimmt von Rassismus und „Pro Köln“ Humboldt-Gremberg‘ und ‚pro Köln‘ ist
Hause mitgegeben, inklusive Formular abgrenzen wollten. Es wurden die Gelbe- nicht an einer Lösung im Stadtviertel in-
Hand-Aufkleber teressiert, sondern will Probleme ab-
„Mach meinen schieben. Nach dem Motto: Aus den Au-
Kumpel nicht an“ gen aus dem Sinn‘. Lassen Sie sich nicht
verteilt. Auch von rechtsextremen und reaktionären
wurde versucht, Kräften, die jeden Dialog ablehnen, in-

für die Rückmeldung der Teilnahme. die anwesenden ca.


Weiterhin haben die Leitungen der 10 „Pro-Köln“-
Hauptschule Hachenburger Straße und Leute (mit kom-
des Kindergartens Burgenlandstraße die pletter Ratsfrakti-
Demonstration unterstützt. on) von der De-
„Pro Köln“mischt sich unter die Demonstrierenden
Nach unseren Gesprächen in den letz- monstration auszuschließen. Die Aus-
ten Tagen ist uns klar geworden, dass das kunft der Polizei, dass dies rechtlich strumentalisieren! Nehmen Sie nicht an
Problem der in Parks und auf Spielplät- nicht möglich sei, wurde aber hingenom- der Demonstration von ‚pro Köln‘ und
zen herumliegenden gebrauchten Sprit- men und Manfred Rouhs und Co. liefen der Bürgerinitiative teil, sondern solida-
zen wirklich massiv ist – trotz der Bemü- dann „in Zivil“ mitten in der Menge mit. risieren Sie sich mit dem Junkie Bund
hungen des Junkiebundes mit Spritzen- Die äußerliche Abgrenzung des Bür- Köln e.V.! Lassen Sie uns im Gespräch
tausch und täglichen Einsammeltouren. gervereins von „Pro Köln“ habe ich hier bleiben!“
So ist zu erklären, dass sich an dem Frei- betont. Genauso wichtig ist jedoch die Anschließend gab es eine symbolische
tag um 15 Uhr vor der Grundschule Wes- Betonung der inhaltlichen Nähe. Der Schutzwache vor den Räumen des (an
terwaldstraße neben älteren deutschen Aufruf des Bürgervereins ist in Sprache dem Nachmittag geschlossenen) Junkie-
EinwohnerInnen und Vertretern von Par- und Inhalt dem von „Pro Köln“ sehr nahe Bundes und lautstarke Kritik bei der Ab-
teien vor allem viele Eltern mit ihren in seinem kämpferischen Rechtspopulis- schlusskundgebung an Kalk-Post – be-
kleinen Kindern eingefunden hatten – mus. Das gemeinsame zentrale Nahziel gleitet von einem deutlichen Polizeiauf-
darunter viele MigrantInnnen türkischer, ist trotz aller Verständnisrhetorik die Ver- gebot.
arabischer und italienischer Herkunft. treibung des Junkie-Bundes und damit In der breiteren Masse haben die Ge-
Die Stimmung war sehr aufgeheizt und der Junkies aus dem Stadtteil – egal wo- gendemonstrantInnen wenig Gehör mit
kämpferisch. Auf einem Flugblatt haben hin. ihren Forderungen für eine menschliche
die VeranstalterInnen ihre Forderungen Kritische Menschen hatten zu einer Drogenpolitik und gegen Vertreibung
zusammengefasst: Solidarisierung mit dem Junkie-Bund und Ausgrenzung der Junkies gefunden.
● „Das Maß ist voll, Humboldt-Grem- und zum Protest gegen die Demonstrati- Es gab aber am Rande des Spektakels
berg soll kein Ghetto werden. on aufgerufen. eine ganze Reihe guter Gespräche mit
● Wir wollen keine Drogen, wir wol- In den Tagen vorher wurden bereits kritischen Menschen aus dem Viertel –
len keine Dealer, wir wollen keine Heh- ein Gegenaufklärungsflugblatt der Rats- darunter auch einige Eltern mit kleinen
ler. fraktion „Die Linke.PDS“ („Gemeinsa- Kindern, die sich trotz eigener Betroffen-
● Wir wollen keine Spritzen. Die Stadt me Lösungswege zur Drogenproblema- heit durch das Spritzenproblem nicht vor
Köln und die Politik muss endlich han- tik suchen – Rassistische Hetze nicht zu- den Karren des Bürgervereins spannen
deln. lassen und aktiv verhindern!“) sowie ein lassen. Ulf Petersen ■

: antifaschistische nachrichten 22/2006 5


Eine modernere Verwaltung und
der gestoppte Marsch in den Schul-
den-Staat – so begründet der Bund
Wulff-Ehrung mit äußerst
der Selbstständigen (BDS) Nordrhein-
Westfalen, warum sein diesjähriger Mittel- schalem Beigeschmack
standspreis an Niedersachsens Minister- Mittelstandspreis wurde dem Regierungschef von Organisation mit Rechts-
präsident Christian Wulff gegangen ist. Kontakten verliehen/Auch Wulffs Finanzminister pflegt bedenkliche Kontakte
Doch diese Auszeichnung, die im ostfrie- von Peter Riggers
sischen Norddeich verliehen wurde, rückt
den Regierungschef und stellvertretenden ratoriums Professor Dr. Bernhard Fried- und der Österreicher Gerhoch Reisegger
CDU-Bundesvorsitzenden in ein dubioses mann. Parallel zu Wulff erhielt der konser- zur Tastatur. Der eine, Uhle-Wettler, ver-
Licht. Schließlich steht der BDS Nord- vative Journalist Hugo Müller-Vogg, unter fasste 1998 für den rechtsradikalen Arndt-
rhein-Westfalen immer wieder in der Kri- anderem Kolumnist der „Bild“-Zeitung, Verlag eine Festschrift zu Ehren des be-
tik: Seine Grenzen zu ultrarechten Kreisen den Mittelstandspreis. Für die Lobworte rüchtigten Holocaust-Leugners David Ir-
sind allzu durchlässig. auf ihn war BVMU-Kuratoriumssprecher ving. Heute führt Uhle-Wettler die weit
Den angeblich mittlerweile zurückge- Friedhelm Ost, ehemaliger Staatssekretär rechts angesiedelte „Staats- und Wirt-
tretenen stellvertretenden BDS-Landes- und Regierungssprecher unter Helmot schaftspolitische Gesellschaft“ (SWG).
vorsitzenden Martin Hohmann kennt man Kohl, zuständig. Früher saß Ost für die Den anderen Autor, Gerhoch Reisegger,
eher als CDU-Bundestagsabgeordneten, CDU im Bundestag, war Vorsitzender des nennt das deutsche Bundesamt für Verfas-
der 2003 aus seiner Fraktion und später Wirtschaftsausschusses. sungsschutz „einen der bekanntesten Ver-
auch aus der Wulff-Partei ausgeschlossen Den Ministerpräsidenten lassen die Ul- treter rechtsextremistischer Verschwö-
worden war. Während einer Rede zum Tag trarechts-Kontakte des BDS Nordrhein- rungstherorien“. Unternehmensberater
der Deutschen Einheit hatte der Politiker Westfalen recht kalt. In einem Statement Reisegger beschränkt sich jedoch nicht auf
Juden indirekt „Tätervolk“ genannt. der Staatskanzlei hieß es im Vorfeld, er das Schreiben. Nach Informationen des
Gegen den drohenden Ausschluss aus fühle sich „sehr geehrt, den Mittelstands- Dokumentationsarchivs des österrei-
Fraktion und Partei hatten zahlreiche poli- preis verliehen zu bekommen – das bedeu- chischen Widerstandes (DÖW) in Wien
tische Freunde des Abgeordneten protes- tet, dass die Anstrengungen, die wir in trat er 2002 auf einer internationalen Kon-
tiert - so etwa in Form von Solidaritäts- Niedersachsen für die kleinen und mittle- ferenz von Holocaust-Leugnern in Mos-
adressen, die in überregionalen Tageszei- ren Betriebe unternehmen, auch gesehen kau auf. Zweieinhalb Jahre später kam er
tungen wie der „Frankfurter Allgemeine werden“. Die „antisemitischen Äußerun- mit Vertretern des rechtsterroristischen
Zeitung“ abgedruckt worden waren. Zu gen“ von Martin Hohmann lehne er „ein- „Kampfbundes Deutscher Sozialisten“ zu-
den Unterzeichnern zählten unter anderem deutig“ ab und habe sich von ihnen „im- sammen, so das DÖW.
der BDS-Landesvorsitzende Hans Peter mer klar distanziert“. Von diesem Hintergrund Reiseggers
Murmann und der Verleger des nordrhein- BDS-Mitarbeiter Hamer kooperiert habe er nichts gewusst, beteuert Professor
westfälischen BDS-Magazins „Der mit Holocaust-Leugner Hamer auf Anfrage. Er habe den Österrei-
Selbstständige/DS-Magazin“, Wolfgang cher lediglich um einen Aufsatz zu einem
Reschke. Der – undotierte – Mittelstandspreis wird bestimmten Thema gebeten; das sei alles
1996 hatte der derartig verteidigte Mar- alle drei Jahre vom BDS Nordrhein-West- gewesen.
tin Hohmann im Schulterschluss mit einer falen und seiner Tochterorganisation, der Ahnungslos zeigt sich auch der nieder-
Reihe von Gleichgesinnten das rechte Bundesvereinigung mittelständischer Un- sächsische Finanzminister Hartmut Möll-
Netzwerk „Stimme der Mehrheit“ ins Le- ternehmer (BVMU) verliehen. Vorherige ring, als er mit Hamers Mitarbeitern kon-
ben gerufen. Das war ursprünglich direkt Preisträger waren zum Beispiel der bayeri- frontiert wird. Die müssten ihn interessie-
beim BDS in Nordrhein-Westfalen ange- sche Ministerpräsident Dr. Edmund Stoi- ren, denn das Kabinettsmitglied pflegt
siedelt. Hier tummelten und tummeln sich ber und die ehemaligen Länderregierung- ebenfalls Verbindungen zu dem mittel-
manche Herrschaften, die in der rechten schefs Dr. Lothar Späth und Professor Dr. standsfreundlichen Professor aus Hanno-
Szene Rang und Namen haben. Professor Kurt Biedenkopf. ver. 2002 moderierte Minister Möllring,
Wolfgang Gessenharter von der Universi- Um ein Haar wäre Christian Wulff bei damals noch stellvertretender Vorsitzender
tät der Bundeswehr in Hamburg sprach der feierlichen Preisübergabe dem be- der CDU-Landtagsfraktion, eine Arbeits-
deshalb von einem „Scharnier zwischen kannten Mittelstandsforscher Professor gruppe zum Thema „öffentliche Finan-
Konservativismus und Rechtsextremis- Dr. Eberhard Hamer über den Weg gelau- zen“ - eine von mehreren AGs, deren Er-
mus“. fen, der früher gleichermaßen mit dem gebnisse das Buch „Was passiert, wenn
Einer der Gründungsväter des Netzwer- Mittelstandspreis dekoriert wurde. Hamer der Crash kommt?“ füllen (Herausgeber:
kes: BDS-Landeschef Murmann. Maß- wirkt als Fachredakteur des Organs „Der Professor Hamer). Dieses Werk ist in mitt-
geblich beteiligt war ebenso der BDS- Selbstständige/DS-Magazin“. Im Haupt- lerweile achter Auflage im Olzog-Verlag
Landesgeschäftsführer Joachim Schäfer, beruf leitet Hamer das Mittelstandsinstitut erschienen, in dem auch die aktuelle
ein gelegentlicher Autor der weit rechts Niedersachsen, in dem auch der nord- Wulff-Biographie „Der Marathon-Mann“
angesiedelten Wochenzeitung „Junge rhein-westfälische BDS Mitglied ist, und verlegt wurde.
Freiheit“. Auf die hatte lange Zeit der Ver- er präsidiert bei der Deutschen Mittel- Für Ex-Generalmajor Gerd Schultze-
fassungsschutz seines Bundeslandes ein standsstiftung. Rhonhof ist der Olzog-Verlag ebenfalls
Auge geworfen. Viele andere Autoren der Was sich auf den ersten Blick so hono- die publizistische Heimat: Von dort wird
„Jungen Freiheit“ waren oder sind übri- rig anhört, ist nicht frei von Makel: Bun- sein umstrittenes Buch „1939 – Der Krieg,
gens Mitarbeiter des nordrhein-westfäl- desverdienstkreuz-Träger Hamer - übri- der viele Väter hatte“ verbreitet. 1996 war
schen BDS-Periodikums „Der Selbststän- gens auch einer der Begründer der „Stim- der ranghohe Militär, zuletzt Territorialer
dige/DS-Magazin“, als dessen Chefredak- me der Mehrheit“ - veröffentlichte 2005 Befehlshaber für Niedersachsen und Bre-
teur Joachim Schäfer fungiert. Sowohl das Buch „Wie kann der Mittelstand die men, in den einstweiligen Ruhestand ver-
Murmann als auch Schäfer waren bei der Globalisierung bestehen?“ Für dieses setzt worden: Er hatte heftige Schelte an
Preisübergabe in Norddeich dabei. Die Werk, das im Magazin „Der „Selbstständi- einem Urteil des Bundesverfassungsge-
Laudatio auf Christian Wulff hielt der ehe- ge/DS-Magazin“ erst unlängst positiv be- richts geübt und es mit dem Volksgerichts-
malige Präsident des Europäischen Rech- sprochen wurde, griffen als Co-Autoren hof der Nazis verglichen. Neben Hartmut
nungshofes und Mitglied des BVMU-Ku- Ex-Brigadegeneral Reinhard Uhle-Wettler Möllring, Reinhard Uhle-Wettler und an-

6 : antifaschistische nachrichten 19/2006


Düsseldorf. 350 Gäste begrüßte
der Landessprecher der VVN-
BdA NRW Jupp Angenfort zur
VVN-BdA NRW feierte 60.
Geburtstagsfeier des Verbandes am
28.10.06 im Savoy-Theater in Düssel-
Jahrestag ihrer Gründung
dorf. Unter den vielen Gästen konnte
auch eine Vertretung des Verdi-Bezirks-
vorstandes, Karl Stiffel von der Initiativ-
gruppe für die Rehabilitierung der Opfer
des Kalten Krieges und die Linksfrakti-
ons-Bundestagsabgeordnete Sevim Dag-
delen (Duisburg) begrüßt werden.
Zum Thema „Von der Zukunft des An-
tifaschismus“ fand zunächst eine Diskus-
sion zwischen Jupp Angenfort, ehemals
Nationalkomitee Freies Deutschland,
Landessprecher VVN-BdA NRW, Dr.

www.arbeiterfotografie.com
Hans Coppi, Hinterbliebener der „Roten
Kapelle“, Historiker, Vorsitzender VVN-
BdA Berlin, Henny Dreifuss, ehemalige
Résistance-Kämpferin, Düsseldorf, Ger-
hard Leo, ehemaliger Résistance-Kämp-
fer, VVN-Mitglied seit der Gründung,
Publizist, Dr. Ulrich Schneider, Histori-
ker, Generalsekretär der Föderation des
Internationalen Widerstandes FIR, und 500 Delegierte der 50.000 überlebenden Frieden und Völkerverständigung, gegen
Annika Roland (Essen), Sozialistische Naziopfer aus NRW waren dabei. Die Rassismus, für die Entschädigung und so-
Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) statt. Überlieferung besagt, sie hätten ursprüng- ziale Betreuung der NS-Opfer und für
Im sich anschließenden Kulturprogramm lich einen ‚Kampfbund gegen den Fa- eine antifaschistische Gedenk- und Erin-
rezitierte der Schauspieler Andreas Wei- schismus‘ gründen wollen. Der bekam nerungsarbeit.
ßert aus Dortmund aus Flugblättern der dann aber auf westalliiertes Geheiß den Ihre antifaschistischen und antimilita-
Weißen Rose und des jungen Antifa- Namen VVN. Längst wissen wir, dass die ristischen Aktivitäten sind Bestandteil der
schisten Hüblein, begleitet von Frank VVN immer ein Kampfbund gegen den politischen Kultur des Landes geworden.
Baier (Duisburg), der danach noch vor Faschismus war und blieb – und als sol- … Wie wir wissen, wurde dem deut-
allem mit einem Rap von seiner neuen cher für lange Zeit notwendig bleibt. Da- schen Faschismus vor über 75 Jahren der
CD „März 1920“ begeisterte. Rolly her wollen wir bei der Geburtstagsfeier Weg an die Macht bereitet vom reaktionä-
Brings und Freunde (Köln) beschlossen über das Thema „Von der Zukunft des An- ren Konservatismus und Militarismus so-
das Programm mit Liedern aus den vie- tifaschismus“ sprechen. wie von bestimmten ökonomischen Eli-
len Jahren ihres Engagements gegen Man könnte sagen, dass das eine zwie- ten. Diese drei politischen Strömungen
Rassismus und neue Nazis. spältige Formulierung ist. Denn wo der sind noch immer sehr mächtig. Und daher
Hier Ausschnitte aus der Rede von Jupp Antifaschismus eine Zukunft hat, da gibt gilt: Der antifaschistische Kampf geht
Angenfort: es auch den Faschismus. Es ist wahr, die weiter. Er muss vor allem weitergehen in
„Vor 60 Jahren, am 26. 10. 1946, wurde Nazis und Neonazis werden uns noch lan- gemeinsamem Handeln aller Antifaschis-
hier in Düsseldorf die erste Gründung ei- ge beschäftigen, die Demokratie wird ten und Demokraten. Er wird besser wei-
nes Landesverbandes der Vereinigung der noch viele Kämpfe zu ihrer Verteidigung tergehen, wenn mehr Menschen Mitglie-
Verfolgten des Naziregimes vollzogen. erfordern. Dennoch beinhaltet die Zu- der der VVN-BdA werden und den orga-
kunft des Antifaschismus auch ein – wie nisierten Antifaschismus stärken.
deren arbeitete auch Gerd Schultze-Rhon- man heute so sagt – konstruktives positi- 1945 schworen die befreiten Häftlinge
hof an dem Hamer-Buch „Was passiert, ves Projekt. Der Entwurf für die Zukunft des KZ Buchenwald auf dem Appellplatz:
wenn der Crash kommt?“ mit. muss anknüpfen an das antifaschistische „Die Vernichtung des Nazismus mit sei-
Er habe einmal eine Arbeitsgruppe für Vermächtnis des Widerstandes sowie der nen Wurzeln ist unsere Losung. Der Auf-
das „Crash“-Buch geleitet, räumt Minister Männer und Frauen der ersten Stunde. Bei bau einer neuen Welt des Friedens und der
Möllring ein. Ansonsten habe er nicht viel Gründung der VVN waren sie sich einig: Freiheit ist unser Ziel.“ Aber der Nazis-
mit Professor Hamer zu tun. Von einer Sie haben damals die »vier Ds« zu ih- mus wurde nicht mit seinen Wurzeln aus-
Mitarbeit an dem Buch mag er sich jedoch rem Sofortprogramm gemacht, und daran gerottet. Hitlers Schatten verdunkelt unse-
nicht distanzieren. wollen wir anknüpfen: Sie forderten re Gegenwart und Zukunft, wenn wir
Das alles findet der SPD-Landtagsabge- ◗ Denazifizierung, Verbot der Nazipartei- nicht auch diesen Satz des Schwurs von
ordnete Hans-Dieter Haase „mehr als du- en und -organisationen für alle Zeit. Buchenwald beherzigen: „Wir stellen den
bios und aufklärungsbedürftig“. Gerade ◗ Demilitarisierung, Abrüstung, Frieden. Kampf erst ein, wenn auch der letzte
angesichts jüngster Erfolge rechtsradikaler ◗ Demonopolisierung – also Enteignung Schuldige vor den Richtern der Völker
Parteien bei Wahlen müsse sich der Minis- und Vergesellschaften des großen ökono- steht.“
terpräsident deutlich von solchen Kreisen mischen Eigentums und schließlich Und wenn die Mörder nicht mehr le-
abgrenzen, „die offensichtlich am rechten ◗ die Demokratisierung der Gesellschaft. ben, dann gilt es, die Strukturen anzukla-
Rand stehen“. Er sehe verstärkten Aufklä- Die vier Ds waren für sie untrennbar, gen und anzugreifen, die Reaktion und
rungsbedarf auch im Hinblick auf die dafür haben sie gewirkt. Dafür stand auch Krieg immer wieder gebären. Das sind
langjährigen Kontakte von Finanzminister die Gewerkschaftsbewegung. Und dafür wir den Opfern des Faschismus schuldig.
Hartmut Möllring, so das Vorstandsmit- stehen wir heute und in Zukunft. Das sind wir aber auch unseren Kindern
glied seiner Fraktion. Ein parlamentari- Seit 60 Jahren führt die VVN NRW die und Enkelkindern schuldig, denen wir
sches Nachspiel schließt der Sozialdemo- Auseinandersetzung mit Alt- und Neofa- eine friedliche freundliche Welt bereiten
krat aus Emden nicht aus. ■ schisten, setzt sie sich ein für Demokratie, wollen.“ ■

: antifaschistische nachrichten 22/2006 7


Düren. Am 21. Oktober demons-
trierten in Düren 180 besorgte
Bürgerinnen und Bürger gegen ein
Brauner Erntedank
Erntedankfest der rechtsextremen Kame- Ländern und von mehreren Religionen kneipe „Gütershop“ NPD-Fahnen
radschaft Aachener Land und der NPD in gefeiert, um sich bei Gott für die Ernte zu schwenkenden „Erntedankfest-Besu-
der Gaststätte „Gütershop“ in Düren. Das bedanken.) und keinesfalls ein Heidni- cher“. Auf den Mauern standen Skinheads
jährlich stattfindende Erntedankfest zählt sches Fest ist, gilt es bei den Boneheads in betont bedrohlicher Pose und filmten
neben dem „Heldengedenken“ auf dem und ihren Kameraden einfach nur als alt- die Kundgebung des Bündnisses gegen
Soldatenfriedhof in Düren-Vossenack zu germanischer Brauch. Das Erntedankfest Rechts: sammelten ungestört Material für
den regelmäßigen Veranstaltungen der der KAL führt die Tradition und die Akti- ihre Anti-Antifa Datei. Das Lokal wurde
vereinigten Naziszene. Ständiger Veran- vitäten der 1994 verbotenen Wiking-Ju- weiträumig mit Absperrgittern umzäunt
staltungsort für die Feste der Nazis ist das gend in direkter Folge fort. Das darf einen und von einem massiven Polizeiaufgebot
Lokal „Gütershop“ in der Arnoldsweiler- nicht wundern, wurde die KAL doch auf geschützt.
straße. Im „Gütershop“ fand Ende Juli ein dem Anwesen des ehemaligen Bundes- Auf der einstündigen Kundgebung vor
Sommerfest der NPD mit ca. 130 Perso- führers der Wiking-Jugend, Wolfgang dem Lokal wurde von den Rednern vor al-
nen statt und Anfang September ein Balla- Nahrath in Stolberg-Büsbach gegründet. lem betont, dass die Sicherheitsbehörden
denabend gleicher Größe mit neonazisti- Das Privathaus der Familie Nahrath war und die Politik das Problem unter den
schen Liedermachern aus Sachsen und lange Jahre Sitz der Bundeszentrale der Tisch kehren wollen und das ernste Pro-
Wilhelmshaven. Gleichzeitig organisierte Wiking-Jugend. blem der immer offener und aggressiver
die NPD in diesem Zeitraum an mindes- Damit es den Nazis in Düren nicht zu agierenden Nazis in Düren zu lange ver-
tens drei Samstagen einen Informations- gut gefällt, schloss sich kurzfristig ein harmlost haben.
stand mit großem Aufgebot im Dürener breites politisches Bündnis gegen Rechts- Während des Verlaufs der Kundgebung
Stadtzentrum. extremismus zusammen, um den braunen kam es zu einem Eklat. Als Ingo Haller,
Zum diesjährigen Erntedankfest, das Spuk im „Gütershop“ zu beenden und den Vorsitzender der örtlichen NPD, durch die
beim Ordnungsamt der Stadt Düren unter dort anwesenden 100 Kameraden zu zei- Demonstranten in den Versammlungsort
der Firmierung „Oktoberfest“ und „ge- gen, dass die ruhige Zeit nun endgültig geführt wurde, kam es zu Tumulten zwi-
schlossene Veranstaltung angemeldet vorbei ist. schen Teilen der Kundgebung und der Po-
wurde, erwarteten die KAL und die NPD, Um 18:15 Uhr setzte sich der Demons- lizei. Die Polizei sicherte dem kahl ge-
wie auf allen vorangegangenen Festen trationszug vom Bahnhofsvorplatz in schorenen Anzugträger den Zugang zum
auch, tatkräftige Unterstützung aus ganz Richtung Arnoldsweilerstraße in Bewe- Lokal, indem sie die etwa 20 Antifaschis-
NRW und einigen befreundeten faschisti- gung. Neben der Dürener Antifa beteilig- tinnen und Antifaschisten abdrängte, die
schen Gruppen aus Belgien, den Nieder- ten sich empörte Bürgerinnen und Bür- den Zugang blockierten. Im Zuge dieser
landen und England. gern, örtliche Politiker aus DGB, „Abdrängung“ kam es zu Auseinanderset-
In der Zeit, in der die Wiking-Jugend Linke.PDS, SPD, Grüne, DKP sowie die zungen mit der Polizei, sie endeten in der
noch legal war, organisierte sie diese Fes- VVN-BdA und zogen vor den Versamm- Auflösung der Demonstration durch die
te, die zwar einen kirchlichen Ursprung lungsort der Faschisten. Von weitem sah Veranstalter.
haben (Das Erntedankfest wird in vielen man die hinter den Hofmauern der Eck- jew ■

Es soll kein Gras darüber wachsen!


Mahnwache zur Reichspogromnacht und praktizierte Erinnerungsarbeit am Joseph-Carlebach-Platz
Hamburg. Am 23.10.2003 ging es los. Hamburger Abendblatt berichtete über len Ausgrenzung aus dem bürgerlichen
Schülerinnen und Schüler der Schule den unwürdigen Zustand des Platzes und Leben, sondern besonders der in Abstän-
Charlottenburger trafen sich am Bahnhof der Arbeiter-Samariter-Bund mit dem den folgenden Aktionen ihrer Ermordung.
Stephansplatz, um gemeinsam zum Jo- Projekt „Sozial macht Schule“ übernahm Dazu gehören die Deportationen in die
seph-Carlebach-Platz zu gehen. Hier – nach Rücksprache mit dem ehemaligen Vernichtungslager in den Waggons der
stand bis zum 9./10. November 1938 die Schulleiter der Schule Charlottenburger deutschen Reichsbahn zuerst in Personen-
Synagoge der Hamburger jüdischen Ge- Straße sowie den Schülerinnen der dama- wagen, später in Viehwaggons. Es sind in
meinde. Fast 65 Jahre später stehen die ligen zehnten Klasse – die Patenschaft etwa 8000 Hamburger Juden nach Lodz,
Jugendlichen auf dem Platz, um ein über die regelmäßige sorgfältige Pflege. Minsk, Riga, Auschwitz und Theresien-
Mahnmal zu pflegen. Das Mahnmal steht Eine seltene Konstellation, in welcher der stadt von Hamburger Bahnhöfen depor-
zum Gedenken an die Pogromnacht, in Ausfall kommunaler Verantwortung in Ei- tiert und ermordet worden. Darunter wa-
der vom 9. bis 10. November 1938 die geninitiative tatsächlich „besser“ aufge- ren Hunderte Kinder – allein 350 nament-
Nationalsozialisten diese geweihte Stätte hoben werden konnte. Seitdem wird die lich bekannte Schulkinder. In Hamburg
zu einem Schauplatz der Judenverfolgung „symbolische Schaufel“ immer im Früh- erinnern wir den grausamen Transport der
machten. Die Synagoge wurde in Brand jahr an die nachfolgende Klasse überge- bekannten 20 „Kinder vom Bullenhuser-
gesteckt und schwer beschädigt. Die Mit- ben und ermöglicht vielen Menschen, ei- damm“, die 1944 von Auschwitz nach
bürger jüdischen Glaubens mussten den nen persönlichen Bezug zum Gedenken Hamburg in das KZ Neuengamme depor-
Abbau der Ruine selbst bezahlen. Heute zu entwickeln. tiert und am 20. April 1945 in der Schule
ist auf dem Platz nur noch der Umriss der Dort, wo früher die Synagoge stand, am Bullenhuserdamm ermordet wurden.
Synagoge zu erkennen. gedenkt die Vereinigung der Verfolgten Diese Todestransporte gingen alle über
Die Stadt hatte schon vor Jahren die des Naziregimes auf ihrer Mahnwache das Schienennetz der deutschen Reichs-
Kosten für die Reinigung des Platzes anlässlich des 68. Jahrestages der Reichs- bahn. Darüber, so die Initiatorin der
nicht mehr übernommen, der Platz war pogromnacht diesmal nicht nur der staat- Kundgebung, Steffi Wittenberg vom Lan-
daraufhin zusehends verkommen. Den lich angeordneten Verhaftungen der jüdi- desvorstand der VVN-BdA, schließe sich
Anstoß, den Platz angemessen zu pflegen, schen Bevölkerung, der Zerstörung ihrer der Bogen zum Schicksal der insgesamt
gab die Bürgerinitiative Grindelhof. Das Gebetsstätten, ihrer Geschäfte, ihrer tota- drei Millionen Opfer, die die Deutsche

8 : antifaschistische nachrichten 22/2006


Reichsbahn deportierte und die aus fast Nach „Le Pen in Valmy...“ jetzt die Fortsetzung:
sämtlichen Staaten Europas während der
deutschen NS-Herrschaft in Konzentrations-
und Vernichtungslager verschleppt wurden –
Jean-Marie Le Pen in
darunter elftausend jüdische Kinder aus
Frankreich. Einige von ihnen stammten auch
aus Hamburg.
Korsika
Die VVN-BdA unterstützt die Initiative, In der vorigen Ausgabe der AN www.nadir.org/nadir/periodika/jung-
die die französische Ausstellung zu diesem begingen wir eine unfreiwillige le_world/_2001/44/15a.htm)
Thema nach Hamburg holen und auch auf ,Hochstapelei‘: Die Überschrift Die ,Clandestini Corsi‘ hatten sich
dem Hamburger Hauptbahnhof zeigen des Artikels kündigte Ausführungen vielmehr ausschließlich Angehörige
möchte, dem Bahnhof, der in der Nähe des über „Le Pen in Valmy, Le Pen in Kor- der maghrebinischstämmigen Minder-
ehemaligen Hannöverischen Bahnhof liegt, sika“ an. Im Nachfolgenden war dann heit auf der Insel zum Ziel ihrer An-
der Aus- aber nur Jean-Marie Le Pens Versuch, schläge auserkoren.
gangspunkt am Ort der Schlacht von Valmy (1792) Zwar hat es auch bei den korsischen
vieler Ham- ein Symbol der Republik für sich ideo- Nationalisten, die sich lange Zeit (je-
burger De- logisch zu vereinnahmen, die Rede. Im denfalls von 1970er Jahren bis hinein
portationen folgenden soll es nunmehr über den in die 1990er) mehrheitlich als progres-
war. Leider ebenfalls viel beachteten Korsika-Be- siv und Vorkämpfer für die Rechte ei-
gibt es dage- such des Chefs des französischen Front nes vom Staat vernachlässigten Territo-
gen hartnä- National (FN) gehen. Auch er steht im riums verstanden, immer wieder auch
ckigen Wi- Zeichen neuer ideologischer Signale, eine rassistische Komponente gegeben.
derstand der die durch den FN-Chef abgegeben wur- 1987 zum Beispiel brachten korsische
Bundesbahn- den, ähnlich dem anlässlich des Be- Nationalisten maghrebinische Einwan-
leitung, die suchs in Valmy neu entdeckten „blika- derer als angebliche Dealer um, im Na-
als Rechts- nismus“ des rechtsextremen Politikers. men eines ominösen „Kampfs gegen
nachfolger Le Pen unterstützt die ,Clandestini Drogen“.
der Deut- Corsi‘ Zum korsischen Nationalismus, der
schen Reichs- auf einer Abwehrhaltung gegen den die
bahn für die Am 2. Oktober begann vor einem Son- Insel politisch dominierenden und seit
Genehmi- dergericht in Paris der Prozess gegen Jahrhunderten ökonomisch vernachläs-
gung zustän- 12 männliche junge Erwachsene aus sigenden französischen Staat basiert,
dig ist. Korsika. Die Inselbewohner waren des- gehörte immer auch eine Komponente
Erinnern halb in der französischen Hauptstadt der Verhinderung der Übervölkerung
an die Verbrechen der Nazizeit heißt, sie angeklagt worden, weil die Strafsache Korsikas mit von außen stammenden
auch den Orten zu zeigen, wo sie begangen unter die Terrorismusdelikte eingeord- Bevölkerungsgruppen (vor allem auch
worden sind. Am 9. November stehen wir auf net worden war. Deshalb konnte die Pa- Festlandfranzosen). Die rassistische
dem Platz der 1838/39 zerstörten Synagoge, riser Justiz, die für Terrorismus-Tatbe- Komponente stand aber nie im Mittel-
die ersten Deportationen der jüdischen Ham- stände (mit und ohne Anführungsstri- punkt oder im Vordergrund, und die
burger über den Hannöverischen Bahnhof che) zuständig ist, die Angelegenheit seit den 1970er dominierenden kor-
fanden 1941 am 25. Oktober, am 8. und 18. an sich ziehen. Da die Mehrheit der sisch-nationalistischen Strömungen –
November und am 6. Dezember statt, ganz in Angeklagten zum Tatzeitpunkt der je- die heute zersplittert sind – begriffen
der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. weils vorgeworfenen Handlung noch sich selbst als „antikolonial“ und be-
Das wäre der richtige Ort für die Ausstellung minderjährig waren, wurde ein Sonder- tonten das Bündnis mit Befreiungsbe-
und das Gedenken an die Deportationen, so Jugendgericht unter Ausschluss der Öf- wegungen in französischen Kolonien
wie die SNCF in Frankreich es auf ihren fentlichkeit eingesetzt. Der älteste An- und der „Dritten Welt“. Das verhinder-
Bahnhöfen gehandhabt hat. geklagte ist aktuell 31-jährig, die übri- te jedoch nie, dass auch eher rechte
Auf der Mahnwache in Hamburg wird der gen sind zwischen 19 und 26 Jahre alt. Kräfte dort aktiv wurden wie Alain Or-
Vize-Präsident der Hamburger Uni, Prof. Dr. Die männlichen Heranwachsenden soni, der vor dem Beginn seiner Aktivi-
Holger Fischer sprechen sowie Dr. Erika hatten eine bis dahin unbekannte Grup- täten auf der Insel an der Universität
Hirsch, Leiterin der Gedenk- und Bildungs- pe namens „Clandestini Corsi“ (unge- Nizza in rechten bis rechtsextremen
stätte Israelitische Töchterschule Karolinen- fähr: korsische Illegale, korsische Un- Kreisen verkehrt hatte. Und eine gewis-
straße. Zum Ausklang spricht Rabbiner Bi- tergrundkämpfer) gebildet. Ihr harter se Abwehrhaltung gegen andere
stritzky in deutscher Sprache und ein hebräi- Kern bestand aus circa 6 Personen, als „Fremde“, und nicht nur gegen den po-
sches Gebet. Allen ans Herz gelegt sei auch ihre Führungsmitglieder galten insbe- litischen Einfluss des französischen
die anschließende Veranstaltung des Ausch- sondere Patrick Baldacci (heute 21 Jah- Zentralstaats, war immer unterschwel-
witz-Komitees mit Esther und Edna Bejara- re alt), Loïc Breschi (20) und Rémy Fe- lig vorhanden. Das hat auch mit der In-
no und der Gruppe Coincidence. In diesem liceli (derzeit 20-jährig). sellage und der Erinnerung an den Ab-
Jahr ist als besonderer Gast Alice Riccardi- Die terroristisch agierende Klein- wehrkampf (im Mittelalter) gegen ara-
von Platen dabei, Ärztin und Psychoanalyti- gruppe gehörte nicht zu jenen zahlrei- bische Piraten vom Südufer des Mittel-
kerin, die 1946 zusammen mit Alexander chen bewaffneten Gruppen und Grüpp- meers zu tun.
Mitscherlich den Prozess beobachtete und chen, die in den letzten 30 Jahren auf Die ,Clandestini corsi‘, die ohne or-
jetzt über „60 Jahre nach dem Nürnberger der Mittelmeerinsel agiert haben und ganisatorische Verbindung zu den kor-
Ärzteprozess“ spricht. für die Unabhängigkeit oder Autono- sisch-nationalistischen Gruppen und
Wolfram Siede ■ mie Korsikas von Frankreich kämpften, Grüppchen als eigenständige Unter-
teilweise aber auch klar mafiösen Inte- grundformation entstanden, kämpften
Donnerstag, 9. November, 15.30 - bis 16.30 Uhr,
Mahnwache auf dem Joseph-Carlebach-Platz
ressen dienten und etwa zu Zwecken fast ausschließlich gegen maghrebini-
(Grindelhof), 19.30 Uhr, „Gegen das Vergessen - der Eintreibung von „Revolutionssteu- sche Einwanderer.
Veranstaltung des Auschwitz-Komitees“, Hörsaal ern“ agierten. (Vgl. zu einer ausführli- Die Gruppe begann ihre Aktionen
1 des DWP [frühere HWP], Von Melle-Park 9 cheren Darstellung und Kritik: http:// am 19. März 2004 mit dem Deponieren

: antifaschistische nachrichten 22/2006 9


einer Bombe im Eingang eines Wohnge- rend mehrerer Stunden sprach er zu rund spürt man an hoher Stelle den unge-
bäudes in Bastia, der Hauptstadt des Be- 50 versammelten Parteigängern auf dem zähmten und instinktiven Widerstand der
zirks Nordkorsika. Diese explodierte ge- Landgut des Bezirkssekretärs des FN in Insel gegen die herrschende Ideologie
gen 2.25 Uhr in der Nacht, ohne jedoch Nordkorsika, Robert Jacob-di-Luzie – (...), jene, die die Traditionen, die Identi-
die 8 Butangasflaschen, die in ihrer Nähe vergewisserten er und seine Anhänger täten und Kulturen abschaffen will im
angebracht worden waren, in die Luft sich, dass es zu keinen Zwischenfällen Namen der Vermischung, der Freizügig-
fliegen zu lassen. Deshalb richtete die oder Reibereien kommen konnte. Jean- keit und des allmächtigen Konsumenten.
Detonation nur Sachschäden an, aber die Marie Le Pen reiste über einen kleinen Diese Ideologie, das ist auch, bei wei-
Sache hätte ungleich dramatischer aus- Regionalflughafen ein, der in Calvi und tem, die jakobinische Ideologie, die die
gehen können. Der Ort des rassistisch nur rund zwei Kilomter entfernt vom Republik pervertiert, indem sie den Men-
motivierten Attentats war ein Stadtteil, Veranstaltungsort (dem Landgut) liegt. schen jeder bodenbezogenen oder kultu-
der mehrheitlich einer maghrebinisch- Und was er zu sagen hatte, war in die- rellen Referenz beraubt, indem sie ihn
stämmigen Bevölkerung als Wohnbezirk sem Fall nicht von Feindschaft gegen be- von seinen lokalen, regionalen oder na-
dient. Am 30. März traf ein Schreiben waffnet bzw. terroristisch agierende Kor- tionalen Bindungen abschneidet.“
mit mehreren französischen Recht- sen geprägt, wie in anderen Fällen, wenn Anders als in der Vergangenheit hat Le
schreibfehlern beim Kommissariat von es in der Vergangenheit um „Separatis- Pen damit die lokale oder regionale «ei-
Bastia ein. Darin wird „das Verhalten ei- ten“ ging. Anlässlich des Mittagessens genständige Kultur» und Identitätsbe-
ner bestimmten maghrebinischen Min- mit seinen Parteigängern auf Korsika, zu strebungen nicht als bedrohlich für den
derheit, die eine Form von (groß)städti- dem auch einzelne lokale Journalisten Nationalstaat, als im Gegensatz zu ihm
scher Gewalt auf unserer Insel einrich- und ein Kamerateam des französischen und zur staatlichen Einheit stehend be-
tet“ angeprangert. Ferner kündigen die ersten Fernsehsenders TF1 zugelassen griffen. Vielmehr begreift er beide als, im
,Clandestini Corsi‘ darin an, „alle äuße- worden waren, lancierte Jean-Marie Le Sinne eines Baukastenprinzips, ineinan-
ren Gemeinschaften (d.h. alle von außer- Pen „einen Appell an die Richter, die der greifende und aufeinander aufbauen-
halb Korsikas stammenden Bevölke- über die jungen Clandestini Corsi zu ur- de Elemente. Die FN-Spitze hatte in den
rungsgruppen, Anm. BhS)“ zu attackie- teilen haben“. Ihnen gegenüber ersuchte vergangenen Jahrzehnten häufig die Ein-
ren, „die versuchen, sich durchzusetzen, er um Milde für ihre Taten. „Man hat die heit des französischen Nationalstaats ge-
statt sich anzupassen“. Plasticages (Anm.: Kosewort in rechten gen alle regionalen Bestrebungen vertei-
In den folgenden Monaten, von April Kreisen für Anschläge, der Name rührt digt. Die intellektuelle Nouvelle Droite
bis September 2004, verübten die ,Clan- vom Plastiksprengstoff her) der Clan- (Neue Rechte) hatte aber in den 1990er
destini Corsi‘ weitere Attentate. Sie tra- destini Corsi mit Rassismus gleichge- Jahren begonnen, auch andere Ansätze,
fen das marokkanische Konsulat in setzt, während es sich nur um eine Reak- die den „regionalen Identitäten“ freund-
Nordkorsika, ein marokkanisches Bank- tion aus Verzweiflung handelte (...) von licher und mit mehr Sympathie entge-
institut und die Wohnungen von Privat- jungen Leuten, die sich weigern, ihre genblickten, einzubringen. (Vgl. dazu
leuten. Am 15. und 16. November 2004 Kultur verschwinden zu sehen.“ Le Pen folgende Analyse von 1997: http://www.
konnte eine spezielle Antiterror-Einheit fügte hinzu, die Justiz müsse „jenseits nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/3
der französischen Polizei einen Großteil der Staatsideologie stehen (...) der Ideo- 5/26a.htm)
der Gruppe in Bastia und Umgebung logie des antirassistischen Staates, der Ferner hat Jean-Marie Le Pen durch
ausheben. Weitere Verhaftungen in die- antirassistischen Medien, dieser oder je- seinen Auftritt in Korsika sein Unterneh-
ser Sache erfolgten bis im Mai 2005. Ihr ner antirassistischen Vereinigung.“ men der ideologischen Umdeutung der
Prozess begann, wie oben ausgeführt, am Ideologische Wende? „Republik“, die er in Valmy begonnen
2. Oktober dieses Jahres in Paris. hatte (siehe vorige Ausgabe der AN),
Nun kommt Jean-Marie Le Pen ins Politisch und ideologisch interessant ist fortgesetzt.
Spiel. Bis dahin war der Chef des franzö- daran aber auch, dass Le Pen anschei- Nachtrag:
sischen Front National (FN) allem, was nend eine Wende zur „korsischen Frage“ Und das Ende vom Lied
nach korsischem (Abwehr-)Nationalis- eingelegt hat. Es handele sich um eine
mus roch, eher eindeutig abhold. Im Na- „identitätspolitische Wende“ unter Ein- Nachträglich lässt sich feststellen, was
men des Kampfes für den Erhalt des fluss seines Kabinettsdirektors Olivier bei dem Prozess gegen die jungen korsi-
französischen Nationalstaats und gegen Martinelli (dem Namen nach ein Korse schen Rassisten herausgekommen ist, die
den die staatliche Einheit bedrohenden oder korsischstämmiger Franzose), gibt Le Pen unterstützt hatte. (Übrigens ge-
„Separatismus“ sprach er sich für eine die Pariser Abendzeitung ,Le Monde‘ gen den Willen und sogar die Widerstän-
Politik der harten Hand auf der Mittel- vom 10. Oktober an. de ihrer Familien. Diese hatten erklärt:
meereinsel aus. Die korsischen Nationa- Laut den Auszügen aus Le Pens Rede, „Wir unterstützen unsere Kinder, aber
listen ihrerseits schätzten den Chef des die durch die FN-Wochenzeitung ,Natio- nicht die Taten, die sie begangen haben“,
FN wirklich nicht, obwohl sie ihrerseits nal Hebdo‘ vom 12. Oktober 06 publi- und den „groben politischen Vereinnah-
nicht immer alle und ausschließlich frei ziert wurden, führte der rechtsextreme mungsversuch“ zurückgewiesen.)
von (manchen) rassistischen Ideen wa- Politiker dazu u.a. aus: „Das (die laut Le Am Abend des 17. Oktober fiel das
ren, ohne pauschalisieren zu wollen. Pen beklagenswerte Haltung des Staates Urteil. Das Gericht war weitgehend den
In der Regel erwarteten Le Pen bei gegenüber der Einwanderung, Anm. Forderungen der Staatsanwaltschaft ge-
Ausflügen auf die Insel dort „Empfangs- BhS) belegt auch das Misstrauen und so- folgt. Drei der Angeklagten erhielten 7
komitees“, die von korsischen Nationa- gar die Feindseligkeit der amtierenden Jahre Haft (die Staatsanwaltschaft hatte
listen (unter anderem jedenfalls, in ande- Eliten gegenüber der korsischen Identi- bis zu 8 Jahre gefordert, bei einem
ren Fällen auch von Linkskräften) gebil- tät, wie übrigens gegenüber allen festge- Höchststrafmaß von 20 Jahren). Drei
det wurden und ihm ausdrücklich feind- fügten Identitäten. Sie hebt schließlich weitere Angeklagte erhielten je 6 Jahre,
lich gesonnen waren. auch die Konzeption hervor, die die füh- und drei mal wurden 5-jährige Haftstra-
Dieses Mal war alles anders. Nicht nur rende Oligarchie sich von der Republik fen verhängt. Gegen die übrigen drei An-
weil es um Rassisten ging. Auch hatte Le macht, welche (als) notwendig wurzel- geklagten wurden Strafen von je 6 Mo-
Pen eventuellen Demonstrationen und los, kosmopolitisch, globalisiert er- naten Haft ohne Bewährung zuzüglich
Protesten gegen seinen Besuch auf der scheint, im Gegensatz übrigens zu den 18 Monate auf Bewährung ausgespro-
Insel vorgebeugt. Bevor er am Samstag, ewigen republikanischen Idealen.“ Der chen.
7. Oktober seinen Auftritt hatte – wäh- FN-Chef erklärte ferner: „Seit langem Bernhard Schmid, Paris ■

10 : antifaschistische nachrichten 22/2006


: ausländer- und asylpolitik
wenn gleichzeitig für Flüchtlinge die Mög-
lichkeit zu arbeiten seit Jahren immer mehr
eingeschränkt wird. Vor allem Familien mit
Flüchtlinge – neue EU-Richt- Leistungskürzungen für Kindern, die angeblich bevorzugt behan-
linie bringt Hoffnung Flüchtlinge delt werden sollen, haben in der Regel kei-
Flüchtlinge in Deutschland haben seit die- Berlin. In den aktuellen Verhandlungen ne Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt aus-
ser Woche mehr Rechte. Das ist Folge ei- um eine Bleiberechtsregelung und eine schließlich aus eigenen Mitteln zu bestrei-
ner EU-Richtlinie. Sie ist bisher zwar Ergänzung des Zuwanderungsgesetzes ten, da sie weder Kindergeld noch Erzie-
nicht in nationales Recht umgesetzt, ent- will die Union Sozialleistungen für hungsgeld oder Kinderzuschlag erhalten.
faltet aber seit dem Stichtag 10. Oktober Flüchtlinge drastisch kürzen. Geduldete, ... Aber nicht genug der Einschränkun-
volle Rechtskraft. Die Richtlinie schreibt Asylsuchende und sogar Menschen, die gen, die dazu führen werden, dass ohnehin
zum ersten Mal verbindlich fest, dass eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitä- nur wenige, sehr privilegierte Flüchtlinge
auch bedrohten Menschen, die bisher ren Gründen haben, sollen auf Dauer nur eine Aufenthaltserlaubnis erhalten können,
nicht von der Genfer Flüchtlingskonventi- noch Leistungen nach dem Asylbewerber- soll unter dem Deckmantel der „Terroris-
on erfasst wurden, Schutz einzuräumen leistungsgesetz erhalten. Dieses Leis- tenbekämpfung“ die Anwendbarkeit auf
ist. Droht „ernsthafter Schaden“ für Leib tungsniveau liegt fast 35 Prozent unter der Personen aus dem Irak von Beckstein
und Leben müssen die Betroffenen ein Sozialhilfe. Den Vorschlag kritisiert PRO grundsätzlich ausgeschlossen werden. Ira-
Bleiberecht bekommen, auch wenn die ASYL als inhuman und unnötig. „Es ver- ker, die in großer Zahl vor dem Diktator
Gefahr nicht wie bisher definiert vom stößt gegen die Menschenwürde, wenn Saddam Hussein und auch vor dem Bür-
Staat ausgeht, sondern zum Beispiel von ohne sachlichen Grund ein dauerhaftes gerkrieg im Irak, den täglichen Terroran-
Milizen. Asyl erhalten nun auch Men- Leben unter dem Existenzminimum er- schlägen, Entführungen und Erpressungen
schen, die wegen ihres Geschlechtes, ihrer zwungen werden soll“, so PRO ASYL- nach Deutschland geflohen sind, sollen,
sexuellen Ausrichtung oder ihres Glau- Geschäftsführer Günter Burkhardt. Der wenn es nach dem Willen Becksteins geht,
bens verfolgt werden. Frauen, die von Ge- Widerstand gegen die unbefristeten Min- leer ausgehen.
schlechtsverstümmelung bedroht sind, derleistungen aus der SPD-Fraktion sei Viele Iraker sind als Minderjährige und
hilft dies ebenso wie Homosexuellen, die vollauf gerechtfertigt. sehr junge Erwachsene nach Deutschland
in den Iran ausgewiesen werden sollen, Problematisch ist nicht nur die Absicht, gekommen, halten sich schon seit vielen
oder Christen. Der Stichtag 10. Oktober die Kürzung des Leistungsniveaus zur Jahren hier auf und sind hervorragend inte-
beendet zudem ein Durcheinander in der Dauerregelung zu machen. Nach dem griert. Eine Perspektive im Irak gibt es für
deutschen Rechtsprechung. Denn in den Asylbewerberleistungsgesetz können die sie nicht. Tägliche Terroranschläge, Ent-
vergangenen Jahren fällten die deutschen Betroffenen auch auf unabsehbare Zeit führungen, Lösegelderpressungen und
Verwaltungsgerichte Dutzende gegensätz- mit Sachleistungen anstelle von Geldleis- mindestens 100.000 tote Zivilisten seit
liche Urteile. Während das VG Lüneburg tungen abgespeist und in Lagern unterge- Einmarsch der Amerikaner, ohne Aussicht
etwa am 8. Februar eine Bindungswir- bracht werden. auf Verbesserung der Lage, machen eine
kung der EU-Richtlinie bejahte, urteilte Finanzielle Zwänge für die von der Rückkehr unmöglich.
der Hessische Verwaltungsgerichtshof nur Union geforderte Änderung sind nicht er- Dennoch wird mit allen Mitteln verhin-
einen Tag später, religiös Verfolgte könn- kennbar. Seit Jahren sinken die Ausgaben dert, dass Iraker hier in Deutschland Si-
ten vor Umsetzung der Richtlinie nicht für Leistungen nach dem Asylbewerber- cherheit finden. So wird den Irakern, die
mit deren Schutz rechnen. leistungsgesetz – insbesondere durch den hier seit langem als Flüchtlinge anerkannt
Das Bundesinnenministerium in Berlin Rückgang von Asylneuantragstellungen. waren, durch das Bundesamt der Flücht-
zieht als Begründung dafür, dass die Nach einer vor Kurzem veröffentlichten lingsstatus wieder entzogen. Sie werden
Richtlinie noch nicht in deutsches Recht Statistik liegen sie auf dem tiefsten Stand von den wenigen Errungenschaften des
umgesetzt ist, die vorgezogene Bundes- seit Beginn der statistischen Aufzeichnun- Zuwanderungsgesetzes ausgeschlossen, da
tagswahl heran, die zu einer Pause in der gen. die Gerichte und Ausländerbehörden ein-
Gesetzgebung geführt habe. Ein Schaden Günter Burkhardt: „Die Union zielt mütig der Meinung sind, dass eine Rück-
für die Flüchtlinge entstehe jedoch nicht, nicht primär auf Einsparungen, sie will kehr in den Irak möglich und zumutbar ist.
weil die Richtlinie seit dem Stichtag ohne die sichtbare Ausgrenzung. Sie will zei- Nun sollen alle Iraker, unabhängig von ih-
Einschränkung angewendet werde. Das gen: Das Leben unter dem Existenzmini- rer Aufenthaltsdauer und ihrer Integrati-
bestätigt auch das Amt für Migration in mum und die Sachleistungen drohen auch onsleistung grundsätzlich von der Bleibe-
Nürnberg, das bei Asylanträgen nun ge- den inländischen Armen.“ rechtsregelung ausgeschlossen werden.
mäß der EU-Richtlinie verfährt. Presseerklärung Pro Asyl, 24.10.06 ■ Begründet wird dies von Innenminister
Ein entsprechender Referentenentwurf Beckstein damit, dass man sich kein Si-
zur Änderung des Zuwanderungsgesetzes Beckstein stellt alle Iraker cherheitsproblem nach Deutschland holen
sei bereits auf gutem Weg, heißt es in Ber- will. Damit stellt Beckstein alle Iraker pau-
lin. Intern wird allerdings zugegeben, dass unter Terrorismusverdacht schal unter Terrorismusverdacht! Gleich-
es weiterhin Probleme bei Details gibt, Bei der seit Jahren geplanten Bleiberechts- zeitig suggeriert er, wenn man Iraker von
etwa bei der Regelung von Altfällen. Als regelung, die endgültig im November 2006 der Bleiberechtsregelung ausschließt, wäre
problematisch sehen Menschenrechtsor- auf der Innenministerkonferenz beschlos- ein Sicherheitsproblem gelöst.
ganisationen auch eine Bestimmung der sen werden soll, ist eine Regelung in der ... Es darf nicht sein, dass pauschal alle
Richtlinie an, die eine Anerkennung als Diskussion, mit der die Probleme der aller- Iraker auf diese unglaubliche Weise als po-
Flüchtling in Frage stellt, „wenn die Ver- meisten AusländerInnen, die sich mit einer tentielle Terroristen diffamiert und unter
folgungsgefahr auf Umständen beruht, die Duldung in Deutschland aufhalten, nicht Generalverdacht gestellt werden.
der Antragsteller nach Verlassen des Her- im Ansatz gelöst würden. So wird voraus- Wer dies tut, betreibt das Gegenteil von
kunftslandes selbst geschaffen hat“. Wer sichtlich eine Aufenthaltsdauer von 6 – 8 Integration – Kriminalisierung, Diffamie-
sich nach seiner Flucht zu deutlich zu sei- Jahren oder evtl. noch länger erforderlich rung und Hetze. Das allerdings ist nichts
nem Glauben oder seiner sexuellen Orien- sein, um in den Genuss einer Aufenthalts- Neues bei der Bayerischen Staatsregie-
tierung bekennt, könnte bei enger Ausle- erlaubnis zu kommen. Außerdem ist die rung.
gung das Recht auf Asyl verlieren. Forderung, dass der Lebensunterhalt durch Angelika Lex, für den Vorstand der
Quelle: FR vom 12.10.2006 - flucht- eigene Erwerbstätigkeit gesichert sein Deutsch Kurdischen
liste <flucht@nds-fluerat.org ■ muss, verlogen und kaum zu erfüllen, Gesellschaft e.V. ■

: antifaschistische nachrichten 22/2006 11


Oldenburg. Seit Mittwoch, den
4. Oktober, befinden sich die Be-
wohnerInnen des sieben Kilome-
Flüchtlingsstreik in
ter von Oldenburg entfernten Flücht-
lingslagers „Blankenburg“ im unbefriste- Blankenburg
ten Streik. Konkret heißt das: Sowohl das
Kantinenessen als auch die lagerinternen Flüchtlingen üblicherweise in ihren Her- afrikanischen Ländern verstärkt zu Bot-
1-Euro-Jobs werden boykottiert. Mit ih- kunftsländern zur Verfügung stünde. schaftsvorführungen vorgeladen werden;
rem Streik setzen sich die Flüchtlinge Auch zur Gesundheitsversorgung fiel sie sollen dort mit den für die Abschie-
gegen eine Lagerrealität zur Wehr, die im Lagerleiter Lüttgau ein vielsagender Ver- bung erforderlichen Ersatzreisepapieren
Kern auf Kontrolle, Entwürdigung und gleich ein: Die Flüchtlinge sollten doch ausgestattet werden. Hinzu kommt (ne-
Zermürbung zielt. froh sein: Während in Blankenburg me- ben einer Vielzahl ‚am Rande‘ ausgesto-
Statt Zwangsverpflegung durch unaus- dizinisches Pflegepersonal nahezu täg- ßener Androhungen seitens des Lager-
gewogenes und ungenießbares Einheits- lich ansprechbar sei, käme in der Zentra- personals und der Polizei), dass gestern
essen in der Lagerkantine fordern die len Aufnahmestelle in Braunschweig ge- zwei am Streik beteiligte Flüchtlinge
Streikenden das Recht, ihre Nahrung rade ein Mal pro Woche ein Arzt zwei nach Bramsche und Blankenburg
selbstbestimmt, d.h. gemäß individueller Stunden lang ins Lager. Die Ungeheuer- zwangsumverteilt wurden. Der eine von
bzw. kultureller Vorlieben und Gewohn- lichkeit dieser und ähnlicher Aussagen ihnen war zuvor während einer Demo
heiten zubereiten zu können. Das wie- keiner weiteren Kommentierung bedarf. auf dem Lagergelände von der Polizei
derum ist nur möglich, so denn ih-
nen die hierfür erforderlichen Geld-
mittel bar ausgezahlt werden. Des
Weiteren fordern die Flüchtlinge
eine angemessene und hiesigen
Standards angepasste medizinische
Versorgung. Die auch aus anderen
Lagern wie z.B. dem Abschiebelager
Bramsche-Hesepe hinlänglich be-
kannte Standardbehandlung durch
Paracetamol muss endlich abge-
schafft werden.
Gleichfalls abgeschafft, so die
Flüchtlinge, gehören die systemati-
schen Schikanen und Beleidigungen
durch das Lagerpersonal im Alltag.
Zu diesen gehört unter anderem die
Streichung des monatlichen Ta-
schengelds (38 Euro) für all die
Flüchtlinge, welche sich weigern,
trotz abgelehnter Asylverfahren
„freiwillig“ auszureisen. Grundsätz-
lich fordern die BewohnerInnen des
Ein- und Ausreiselagers Blankenburg ein Stichwort „Undurchsichtige Repressi- brutal festgenommen und zusammenge-
Ende der Isolationspolitik: Nach maxi- onsmanöver“: Nachdem es am Mittwoch schlagen worden. Insgesamt hat dies zu
mal 3 Monaten sollten alle Flüchtlinge auf der Buslinie, die unter anderem das einer deutlichen Verunsicherung geführt,
dezentral in eigenen Wohnungen unter- Lager Blankenburg mit der Stadt Olden- nicht zuletzt innerhalb der afrikanischen
gebracht werden und darüber hinaus eine burg verbindet, zu einem Zwischenfall Community.
Arbeitserlaubnis erhalten. zwischen 4 Fahrgästen (mutmaßlich Politisch heißt dies, dass die Pro-
Die immer wieder praktizierten Um- Flüchtlingen) und einem Busfahrer ge- grammatik des Streiks ab sofort erweitert
verteilungen von Blankenburg in das Ab- kommen ist, wurde der reguläre Linien- werden muss: Neben dem Protest gegen
schiebelager Bramsche-Hesepe stellen betrieb eingestellt, zumindest wird das das Lager müssen auch die Repressionen
mit anderen Worten keine Alternative Lager nicht mehr angefahren. Lagerleiter seitens der Lagerleitung, der Polizei und
dar! Auch am zweiten Streiktag beteilig- Lüttgau ließ die Flüchtlinge wissen, dass der Ausländerbehörden auf die politische
ten sich über 200 LagerbewohnerInnen der Busbetrieb erst wieder aufgenommen Tagesordnung gesetzt werden. Denn
an den Protesten, und das obwohl die La- würde, sobald der Streik beendet sei. Es Botschaftsvorführungen spielen bereits
gerleitung versucht, den Streik durch ur- bleibt die Frage, was das eine mit dem seit geraumer Zeit eine immer zentralere
plötzlich aufgetischte Festessen zu bre- anderen zu tun hat?! Rolle im EU-Abschieberegime. Hinter-
chen. Die Flüchtlinge müssen auch während grund ist, dass die EU-Regierungen vor
Von Beginn an versucht die Lagerlei- des Streiks essen. Es ergeht deshalb der allem afrikanische Länder immer stärker
tung, die Proteste kleinzureden. Sie ver- Aufruf an die Öffentlichkeit, reichhaltig unter Druck setzen (durch eine Mi-
breitet das Gerücht, wonach allenfalls 50 Nahrungsmittel zu spenden. (...) schung aus Zuckerbrot und Peitsche),
Leute – vor allem Flüchtlinge aus Afrika PM 12.10. 2006 Passersatzpapiere zum Zwecke der Ab-
– an den Protesten beteiligt wären, ob- schiebung auszustellen. Bislang haben
wohl bereits der bloße Augenschein Die Situation in Blankenburg spitzt sich das viele Botschaften nur sehr schlep-
zeigt, dass dies nicht den Tatsachen ent- zu: Einerseits wird der Streik fortgesetzt pend getan, oft einfach deshalb, weil die
sprechen kann. Darüber hinaus lobte La- – einschließlich neuer Aktionen gestern betroffenen Länder dringend auf die fi-
gerleiter Lüttgau in einem Gespräch mit und heute. Andererseits schlagen die La- nanziellen Rücküberweisungen ‚ihrer‘
VertreterInnen der Flüchtlinge das Kanti- gerbehörden zunehmend zurück. Kon- Flüchtlinge und MigrantInnen angewie-
nenessen über den grünen Klee: Dieses kret heißt das, dass seit Beginn des sen sind. Mit anderen Worten: Der
sei besser als die Nahrung, welche den Streiks insbesondere Flüchtlinge aus Flüchtlingsstreik in Bramsche führt mit-

12 : antifaschistische nachrichten 22/2006


ten in all die Fragen, die bereits seit Mo- Die Lagerbehörden reagieren zuneh- „Anstatt ein Sicherheitsproblem her-
naten intensiv in der Öffentlichkeit ver- mend mit Repression gegen die streiken- beizureden, sollte die Auseinanderset-
handelt werden: Vor den Kanarischen In- den Flüchtlinge. Es werden Fotos auf zung um Lagerpolitik in Niedersachsen
seln und im Mittelmeer sterben täglich den Protestaktionen gemacht, um die Ak- politisch geführt werden“, betont Ronald
Bootsflüchtlinge; dem wiederum versu- tivistInnen zu ermitteln und diese gezielt Sperling vom Antirassismusplenum Ol-
chen die Regierungen in Europa unter mit Repression, Umverteilung in ein an- denburg. „Knackpunkt ist“, so Sperling
anderem durch verstärkte Abschiebungs- deres Lager und Abschiebung zu bedro- weiter, „dass Niedersachsen ausdrück-
bemühungen Einhalt zu gebieten. Da hen. lich auf Lagerpolitik setzt“. Nur so kön-
bietet es sich natürlich an, die entspre- PM 17. Oktober 2006 ne der erforderliche Druck aufgebaut
chenden Maßnahmen auch gegen die an- werden, Flüchtlinge zur so genannten
zuwenden, die in Europa für ihre Rechte In mehreren Tageszeitungen (u.a. „Die „Freiwilligen Ausreise“ zu drängen, so
kämpfen. Welt“, „Neue Presse“ und „Weserku- denn sie nicht gleich abgeschoben oder
PM 13. Oktober 2006 rier“) wird am heutigen Montag von in die Illegalität getrieben würden. Das
schweren Vorwürfen gegen die Beteilig- sei auch der Grund, weshalb Niedersach-
Auch heute sind die streikenden Flücht- ten des seit fast 2 Wochen andauernden sen zur Minderheit der 6 Bundesländer
linge und viele Unterstützer mit einer Flüchtlingsstreiks im Ein- und Ausreise- gehöre, die Flüchtlingen kein Bargeld
Demonstration durch die Innenstadt Ol- lager Blankenburg berichtet. Der Boy- auszahlten.
denburgs gezogen. Es waren mehr De- kott der Kantine und der lagerinternen 1- PM 19. Oktober 2006
monstrationsteilnehmerInnen als letzten Eurojobs sei ferngesteuert, einige weni-
Freitag, ca. 300 Menschen solidarisierten ge Aufwiegler innerhalb und außerhalb Obwohl der Streik in keinster Form ge-
sich mit dem Protest der Flüchtlinge oder des Lagers erzeugten ein Klima der gen geltendes Recht verstößt, bemühen
waren selber streikende Flüchtlinge. Es Angst“, so unter anderem Niedersach- sich Lagerleitung und Ausländerbehörde
wurden mehrere Reden gehalten, die sens Innenminister Uwe Schünemann. von Beginn an, die Streikenden durch ge-
noch mal die Verhältnisse im Lager Unmittelbarer Anlass der Berichte war zielte Desinformationen und exemplari-
Blankenburg zum Thema machten. Viele eine kurze Handgreiflichkeit zwischen sche Bestrafungen einzuschüchtern bzw.
Flüchtlinge berichteten über die Miss- Christian Lüttgau, dem Leiter der Zen- mundtot zu machen. Dieses Vorgehen ist
stände in der Gesundheits- und Essens- tralen Aufnahme- und Ausländerbehörde leider gängige Praxis, bestätigt Olaf Ber-
versorgung, sowie die diskriminierende in Blankenburg, und ca. 20 Demonstran- nau vom bundesweiten NoLager-Netz-
Behandlung im Lager. Auch Flüchtlinge tInnen, die am Sonntag vor Lüttgaus Pri- werk. Als im Frühjahr Flüchtlinge im
aus dem Abschiebelager Bramsche spra- vathaus einen symbolischen Zaun errich- Abschiebelager Bramsche demonstrier-
chen auf der Demonstration. tet hatten. „Die Absicht ist offensicht- ten, wurden drei ihrer Vertreter in andere
In den Reden wurde auch der heutige lich. Die Proteste sollen diffamiert wer- Lager umverteilt. Gleiches geschieht
Artikel der Nordwestzeitung themati- den“, entgegnet Olaf Bernau vom bun- nunmehr auch in Blankenburg. Bereits
siert, der ein großes Foto vom angeblich desweiten NoLager-Netzwerk. „Es soll vergangene Woche wurden zwei als Rä-
guten Essen in der Lagerkantine und den davon abgelenkt werden, dass die Forde- delsführer gebrandmarkte Flüchtlinge
Speiseplan dieser Woche abgedruckt hat- rungen der streikenden Flüchtlinge un- aus Afrika in die Landesgemeinschafts-
te. Die Flüchtlinge sagten, sie hätten ein mittelbar mit dem übereinstimmen, was unterkünfte nach Braunschweig bzw.
solches Essen noch nie in der Lagerkan- in Niedersachsen nicht nur Menschen- Bramsche strafverlegt. Heute morgen ist
tine gesehen. Sie sagten, vielleicht glau- rechtsorganisationen und Träger der frei- ein aus der Türkei stammender Aktivist
be der Autor des Artikels, man könne das en Wohlfahrtspflege, sondern auch um 6.30 Uhr ... abgeholt und nach
Zeitungsbild essen. Die NWZ beteiligt Bündnis90/Die Grünen bereits seit Jah- Schnega, einem kleinem Dorf im Wendt-
sich dabei offensichtlich an der Kampa- ren fordern“. land, zwangsverbracht worden. „Das
gne gegen den Streik und verlässt jedes 2004 veröffentlichte der Niedersächsi- Vorgehen der Behörden ist nicht weniger
Gebot einer objektiven Berichterstat- sche Flüchtlingsrat, die AWO, das deut- als ein Anschlag auf die Meinungs- und
tung. Sie präsentiert das jetzt aufgetisch- sche Rote Kreuz, die Caritas, das Diako- Vereinigungsfreiheit“, kommentiert Ro-
te Festessen der Lagerleitung als Norma- nische Werk, die Jüdische Wohlfahrt und nald Sperling vom Antirassistischen Ple-
lität. Dieser Boulevard-Journalismus der paritätische Verband Niedersachsen num Oldenburg. ...
überzeugt aber niemanden, sondern ein gemeinsames „Memorandum zur PM 23. Oktober 2006
schürt lediglich rassistische Ressenti- Asyl- und Flüchtlingspolitik der Nieder-
ments. sächsischen Landesregierung“. Unter an- Seit dem Beginn des Streiks der Flücht-
Der Streik der Flüchtlinge ist gegen derem wird dort eine dezentrale Unter- linge in der ZAAB Oldenburg hat der
das Sachleistungsprinzip des Asylbewer- bringungen in eigenen Wohnungen nach Leiter des Lagers, Herr Lüttgau, ver-
berleisungsgesetz gerichtet. Die Forde- spätestens 3 Monaten und die Auszah- schiedene Behauptungen in der Presse
rung ist, sich selbstbestimmt mit eigenen lung von Bargeld an Flüchtlinge gefor- erhoben, um den berechtigten Protest der
Lebensmitteln nach eigenen kulturellen dert. Auch die niedersächsischen Grünen Flüchtlinge zu delegitimieren. Wir (das
Bedürfnissen zu versorgen. Die NWZ haben sich diese Forderungen längst zu Streikbündnis) möchten hiermit seinen
will aber offensichtlich die Zusammen- eigen gemacht. So erklärte die Landtags- öffentlich in der Presse getätigten Aussa-
hänge gar nicht sehen, sondern den abgeordnete Georgia Langhans im März gen unsere Sichtweise gegenüberstellen.
Streik als unberechtigt und unbegründet 2006 anlässlich einer Demonstration von Bei seinen öffentlichen Aussagen han-
erscheinen lassen. Flüchtlingen aus dem Abschiebelager delt es sich um eine gezielte Desinforma-
Gestern zog eine kleine Demonstrati- Bramsche: „Es gibt kein Argument, diese tion. Die Öffentlichkeit hat jedoch ein
on von 40-50 Leuten durch die Innen- Art der Unterbringung von Flüchtlingen Recht darauf, die Antworten von Seiten
stadt und warb bei verschiedenen Institu- weiter aufrecht zu erhalten. Niedersach- der betroffenen Flüchtlinge zu erhalten.
tionen für die Unterstützung des Streiks. sen sollte seine Vorreiterrolle in dieser Die erste Behauptung, die Herr Lüttgau
Ziel war es außerdem, verschiedene Par- inhumanen Praxis aufgeben. Die Men- stereotyp in der Presse wiederholt, ist,
teien (SPD und Bündnis90/Die Grünen), schen sollten nach wenigen Tagen aus dass es nur eine Minderheit von ca. 50
Institutionen (Rathaus), Vereine Kir- der Einrichtung raus und dezentral in den Menschen wäre, die sich am Streik betei-
chengemeinden zu besuchen und mit den Städten und Gemeinden untergebracht ligt. Hierzu stellen wir klar, dass die ers-
Forderungen der Streikenden bekannt zu werden, wie es auch der Gesetzgeber te große Demonstration im Lager am
machen. vorsieht.“ Mittwoch, den 4.10.06, von der absolu-

: antifaschistische nachrichten 22/2006 13


ten Mehrheit der anwesenden Bewohne- sachsen nicht nur Menschenrechtsorga- von Flüchtlingen aus den Lagern Bram-
rInnen der ZAAB getragen wurde. Daran nisationen und Träger der freien Wohl- sche und Braunschweig.
haben sich ca. 200 Menschen beteiligt. fahrtspflege, sondern auch Die Niedersächsische Landesregie-
Im Folgenden wurde der Streik beschlos- Bündnis90/Die Grünen bereits seit Jah- rung setzt auf eine Lagerpolitik, die
sen und von der überwiegenden Mehr- ren fordern“. Gleichzeitig wird in den Flüchtlinge in drei Großlagern interniert.
heit der Flüchtlinge auch getragen. Erst Presseartikeln von Lagerleiter Lüttgau Erklärtes Ziel dieser Politik ist es, die
durch die massive Präsenz der Polizei immer wieder an Bilder von angeblich Flüchtlinge aus der Gesellschaft auszu-
und die Einschüchterung von Flüchtlin- brutalen und kriminellen Machenschaf- schließen und sie möglichst schnell wie-
gen durch Botschaftsvorführungen und ten der Flüchtlinge angeknüpft. So be- der aus dem Land zu vertreiben. Wir kri-
Umverteilung von Aktivisten in andere hauptete er im Interview mit der NWZ tisieren diese Politik, die auf die nahezu
Lager haben einige Flüchtlinge Angst vom 13.10., dass „vor allem Schwarze“ ausschließliche Unterbringung von
bekommen, sich öffentlich zu zeigen. hierher kommen, um „in kurzer Zeit Flüchtlingen in Lagern setzt. Lagerleben
Zudem wurden auf Demonstratio- bedeutet einen erhöhten psy-
nen Fotos durch das Lager-Personal chischen Druck für die Flüchtlin-
gemacht und diese dann mit den ge, die hierher gekommen sind,
Ausweisen im Lager verglichen. um Schutz zu suchen.
Der passive Boykott der Lagerkanti- Flüchtlinge werden in Lagern
ne und der Streik gegen die Ein- einer strikten Reglementierung
Euro-Jobs werden weiterhin von der und Kontrolle ausgesetzt, die ge-
Mehrheit der Flüchtlinge getragen. sundheitliche Versorgung ist den
Lagerleiter Lüttgau und auch In- Erfordernissen nicht angemessen,
nenminister Schünemann behaup- die Ernährungssituation negiert
ten immer wieder, dass die Proteste die kulturellen Bedürfnisse sowie
von außen gesteuert werden, durch das Bedürfnis, individuelle Koch-
das Antirassistische Plenum und das gewohnheiten anzuwenden sowie
No-Lager Netzwerk. Hierzu stellen die Möglichkeit einer selbstbe-
wir klar: Die Anti-Lager-Tage Ende stimmten Lebensführung. Wir for-
September stellten den Flüchtlingen dern demgegenüber ein Recht auf
eine Plattform zur Verfügung, um Selbstbestimmung, die den Flücht-
über ihre Lebensbedingungen im Lager möglichst viel Geld (zu) verdienen, zur lingen auch für die Dauer des Asylver-
zu reden sowie sich über ihre Rechte zu Bezahlung ihrer Schlepper.“ Mit solchen fahrens Perspektiven eröffnet und eine
informieren. Dieses Angebot haben die Behauptungen wird Rassismus geschürt. Integration in die Gesellschaft ermög-
Flüchtlinge genutzt. Auch das Gerücht, Dies geht damit einher, die Flüchtlinge licht.
es würden „aggressive Chaoten vor das nicht als gleichwertige Gesprächspartner Flüchtlinge brauchen einen Ort, der
Lager ziehen, die gefährlich wären“, zu akzeptieren, sondern deren Forderun- sie aufnimmt, an dem sie ankommen. Sie
hielt die Flüchtlinge nicht davon ab, sich gen als überzogen und inakzeptabel zu brauchen Unterstützung und Beratung
zahlreich an den Anti-Lagertagen zu be- diffamieren. Es ist das Recht der Flücht- und wollen ihre alltäglichen Lebensbe-
teiligen. Auf den Anti-Lager-Tagen ist linge, ihr Grundrecht auf Versammlungs- züge, wie jeder Mensch, selbst bestim-
die Protestform des Streiks nicht disku- freiheit und Meinungsfreiheit wahrzu- men und gestalten. Das Leben im Lager
tiert worden. „Die Streikentscheidung nehmen und für die Verbesserung ihrer setzt die Menschen unter permanenten
ging allein von den Flüchtlingen aus“, so Situation zu kämpfen. Eine demokrati- Psychostress und hält sie im Schwebezu-
Ronald Sperling, ein Sprecher des Anti- sche Auseinandersetzung zu führen, stand des „Nichtangekommenseins“. Ge-
rassistischen Plenums Oldenburg. „Sie heißt auch die Forderungen der Flücht- gen diese Politik der Lagerunterbringung
waren froh, Bündnispartner in ihrem linge anzuhören und bereit zu sein, Miss- werden wir am Mittwoch, den 25.10.06
Kampf um ihre Rechte zu haben.“ Der stände abzustellen. in Hannover demonstrieren.
Streik und die Demonstration am 4.10. PM 24. Oktober 2006
im Lager ist allein von den Flüchtlingen Zusammenstellungaus den Pressemit-
beschlossen worden. Die AktivistInnen Am Mittwoch, den 25.10.06 wird es in teilungen des Streikbündnisses: bee
des antirassistischen Plenums und des Hannover eine Demonstration gegen die Quelle: flucht@nds-fluerat.org,
No-Lager Netzwerkes waren daran nicht Niedersächsische Lagerpolitik der Lan- antira-ol@web.de ■
beteiligt. Sie unterstützen die Flüchtlinge desregierung geben. Das Streikbündnis
in ihrem Protest und in ihrem Kampf für zur Unterstützung der Flüchtlinge des
ihre Rechte. „Die Forderungen haben die Lagers Blankenburg und der niedersäch-
Flüchtlinge selbst aufgestellt. Wir brin- sische Flüchtlingsrat rufen zu dieser De- Elf Abschiebehäftlinge in
gen sie in die Öffentlichkeit“, so Olaf monstration auf. Die Demonstration
Bernau vom Streikbündnis. wird die Forderungen der Flüchtlinge Thüringen im Hungerstreik
Eine weitere Behauptung zur Diffa- aus Blankenburg bei Parteien, Verbänden Erfurt/Suhl. Elf Abschiebehäftlinge
mierung des Streikes ist, es würde Druck und auch dem Innenministerium abge- aus mehreren Ländern sind am Montag
auf andere Flüchtlinge ausgeübt, so dass ben. Die Landesregierung steht in der in der Thüringer Haftanstalt Suhl-Gold-
diese sich an dem Streik beteiligen. Die- Verantwortung, ihre Desintegrationspoli- lauter in den Hungerstreik getreten. Mit
ses Argument soll suggerieren, dass der tik gegenüber den Flüchtlinge aufzuge- der Aktion wollten sie die Rückführung
Streik mit Gewalt gegen die Mehrheit ben und ist daher der geeignete Adressat in ihre jeweiligen Heimatländer verhin-
der Bewohner durchgesetzt werden für die Forderungen der streikenden dern, teilte das Justizministerium am
musste. „Die Absicht ist offensichtlich. Flüchtlinge aus der ZAAB Oldenburg/ Mittwoch in Erfurt mit. Nach Gesprä-
Die Proteste sollen diffamiert werden“, Blankenburg. Wir rufen alle Antirassisti- chen mit Vertretern des Justizministeri-
so Olaf Bernau vom bundesweiten No- schen Gruppen, Menschenrechtsorgani- ums hätten sieben Häftlinge ihren Streik
Lager-Netzwerk. „Es soll davon abge- sationen, kirchlichen Verbände und abgebrochen. Die restlichen vier werden
lenkt werden, dass die Forderungen der Flüchtlingsorganisationen auf, sich an ärztlich und psychologisch betreut.
streikenden Flüchtlinge unmittelbar mit dieser Demonstration zu beteiligen. Au- ■
dem übereinstimmen, was in Nieder- ßerdem rechnen wir mit der Teilnahme

14 antifaschistische nachrichten 19-2005


: neuerscheinungen, ankündigungen
NEUERSCHEINUNG
dietz berlin, Rosa Luxemburg
„Lebenslage illegal“– Wie eine Öffentlichkeit, die für eine Stiftung,Texte 29: Peter Bathke/
Susanne Spindler (Hrsg.):
sieht das Leben im Schatten Legalisierung eintritt, nur
Neoliberalismus und Rechts-
schwach ist, bewegt sich die vor-
aus? handene Unterstützung überwie-
extremismus in Europa.
Zusammenhänge – Wider-
Frankfurt. Im Club Voltaire referierte gend pragmatisch. Obwohl das sprüche – Gegenstrategien.
der Soziologe Diether Heesemann über 2004 in Kraft getretene deutsche Sind Neoliberalismus und Rechtsex-
die soeben erschienene Studie „Lebensla- Aufenthaltsgesetz für die Men- tremismus kompatibel oder schlie-
ge ,illegal‘ – Menschen ohne Aufenthalts- schen ohne Papiere ausschließlich ßen sie einander aus? Auf den ers-
status in Frankfurt am Main“. „Die Auto- aus repressiven Normen und ten Blick stehen sich eine globali-
rinnen und Autoren geben mit Auszügen Strafvorschriften besteht, sind die sierte Weltwirtschaft mit der ge-
aus Interviews, die sie mit statuslosen MigrantInnen aber nicht rechtlos. wünschten Migration von Kapital und Arbeitskräften und die
Menschen geführt haben, einen Einblick Ihnen stehen Grund- und Men- Zunahme von rechtsextremem Denken diametral gegenüber.
Tatsächlich aber sorgen die Unterwerfung aller Lebensberei-
in deren Lebenswirklichkeit. Ihre Lebens- schenrechte zu. Es gibt Richtlini- che unter die Profitlogik und die Propagierung von Standort-
situation, die Motive, die sie zur Migrati- en und Konventionen der EU und nationalismus für ein gesellschaftliches Klima, an das rechts-
on veranlasst haben, ihre Erfahrungen, der UN, für deren Anerkennung extremes Gedankengut anschlussfähig ist.
Probleme, Perspektiven werden ausge- und Umsetzung in Deutschland Ideologeme rechtsextremen und neoliberal-etablierten Den-
wertet. Zugleich untersucht die Studie die gekämpft werden muss. kens werden in diesem Band ebenso hinterfragt wie das Inei-
Arbeit und die Probleme der Hilfe- und Politische Forderungen, die die nandergreifen staatlichen Handelns und rechter Argumentati-
Beratungseinrichtungen und Kontrollbe- Forderung nach Legalisierung onsmuster. Rechtsextreme Antworten bezüglich neuer Unsi-
hörden in Frankfurt am Main. Dabei wird und Entkriminalisierung konkreti- cherheiten in Arbeit und Alltag erscheinen in medialen Dis-
kursen. Sie finden sich nicht nur am Rand, sondern mitten in
u.a. deutlich, dass die restriktive Rechts- sieren, konnte Heesemann in der der Gesellschaft.
auslegung nicht nur den Bewegungsradius Kürze der Zeit nur andeuten. Es In verschiedenen europäischen Ländern zeigen sich unter-
so genannter Illegaler einschränkt, son- geht darum, den Zugriff von Poli- schiedliche Entwicklungen, aber auch Gemeinsamkeiten. Sie
dern auch die Arbeit der Beratungsstellen zei und Ausländerbehörde einzu- werfen die Frage auf, wie diesen Prozessen ein solidarisches
beeinträchtigt. ... Außerdem geben die schränken, indem in bestimmten politisches Handeln entgegengesetzt werden kann.
Verfasser praxisrelevante Empfehlungen Bereichen Anonymität und Ver- Mit der Thematik setzen sich auseinander: Gabrielle Balazs,
zur Verbesserung der Hilfen für Men- trauensverhältnisse geschaffen Dirk Burczyk, Christoph Butterwegge, Jean-Yves Camus,
schen ohne legalen Aufenthaltsstatus und werden, etwa in der Gesundheits- Klaus Dörre, Wolfgang Dreßen, Hermann Dworczak, Jörg
Flecker, Michael Fichter, Jonas Frykman, Gudrun Hentges,
entwickeln schließlich Handlungsoptio- versorgung. Das im Hessischen Christina Kaindl, Olga Schell, Vincent Scheltiens, Herbert
nen auf legislativer und politischer Ebe- Schulgesetz enthaltene Einschul- Schui, Richard Stöss, Ineke Van der Valk, LoÏc Wacquant,
ne.“ (aus der Verlagsankündigung) verbot für Kinder ohne Aufent- Gerd Wiegel und Bodo Zeuner.
Heesemann, der seit vielen Jahren auch haltsstatus muss gestrichen wer-
für das Frankfurter Rechtshilfekomitee tä- den. Die „Kettenduldungen“ sind ISBN 3-320-02086-2; 14,90 ; 230 Seiten; Bestellung über:
tig ist, geht davon aus, dass in Frankfurt abzuschaffen. Das Recht auf Fa- Buchhandel oder Karl Dietz Verlag Berlin, k-dietzverlag@
zwischen 25 und 50 Tausend Menschen miliennachzug muss ausgeweitet t-online.de, Rosa-Luxemburg-Stiftung, info@rosalux.de,
tel.: 030-443 0- 23
ohne gültige Papiere leben. Sie sehen sich werden. Die illegalen Beschäfti-
überwiegend nicht als Opfer sondern ver- gungsverhältnisse in bestimmten
suchen, der Armut ihrer Herkunftsländer Branchen, etwa im Pflegebereich, müssen Mussolinis Überfall auf
zu entkommen und in Europa ein besseres entkriminalisiert werden. Die Kommunen Äthiopien
Leben zu erreichen. Da die meisten keine müssen die wenigen Spielräume, die das Eine Aggression am Vorabend des
staatlichen Transferleistungen erhalten, Aufenthaltsgesetz zulässt, nutzen. ola ■ Zweiten Weltkrieges
müssen sie sich in der Schattenwirtschaft Vor 70 Jahren, am 5. Mai 1936, zogen Pa-
durchschlagen und sind damit zwangsläu- Wolfgang Krieger, Monika Ludwig, radetruppen der Kolonialarmee Mussoli-
fig Erpressung und extremer Ausbeutung Patrick Schupp, Annegret Will: Le- nis zu Pferd mit Marschall Pietro Badoglio
ausgesetzt. Anders als in einigen anderen benslage „illegal“, Menschen ohne an der Spitze in der äthiopischen Haupt-
europäischen Staaten und z.T. auch in den Aufenthaltsstatus in Frankfurt am stadt ein. Ein barbarischer Eroberungs-
USA besteht in Deutschland so gut wie Main, 260 S., 19,90 Euro, Bestell-Nr.: feldzug, der 275.000 Äthiopiern das Le-
keine Chance auf Legalisierung. Da hier 3-86059-413-3 ben kostete, ging vorerst zu Ende. Der Wi-
derstand hielt an. Der Überfall bildete ein
Vorspiel in den Abgrund des drei Jahre
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. später beginnenden Zweiten Weltkrieges.
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de Diese Ereignisse haben in der Gegenwart
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach erstaunlich wenig Aufmerksamkeit gefun-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, den. Dabei gibt es aktuelle Parallelen, die
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, dazu herausfordern müssten. Die Be-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel.
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. schwichtigung der Öffentlichkeit, die
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Großbritannien und Frankreich 1935 an-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind gesichts der Aggressionsvorbereitung
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. Mussolini-Italiens gegen Äthiopien betrie-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- ben, ging als Appeasement in die Ge-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung schichte ein. Heute beruhigen die deutsche
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. wie andere europäische Regierungen die
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf-
Bevölkerung über den Charakter des
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- USA-Überfalls auf Irak als eines völker-
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Arbeits- rechtswidrigen Aggressionskrieges.
gruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes
der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisverei-
Autor: Gerhard Feldbauer, Pahl Rugen-
nigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di stein Nachf., Bonn 2006. 98 Seiten,
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. 8,90 Euro, ISBN 3-89144-372-2

: antifaschistische nachrichten 22/2006 15


: aus der faschistischen Presse
antwortet: „Der Feminismus trieb das
Postulat der ,Emanzipation‘ auf die Spit-
ze. Es handelt sich um den Zentralbegriff
Das Schatten werfende Feminismus kann historisch als die kon- schlechthin im ideologischen Arsenal der
Geburtsdefizit und seine sequente Verselbständigung des marxis- selbsternannten ,Aufklärer‘. Folgt man
tisch-emanzipatorischen Theoriegebräus Adorno, Habermas und Konsorten, soll
Verursacher-Ideologie betrachtet werden, das seit Ende der sich möglichst jeder von jedem ,emanzi-
Nation & Europa Oktober 2006-10-30 1950er, Anfang der 60er Jahre die Köpfe pieren‘, womit gemeint war: gewachsene,
Die Ergebnisse der Landtags- bzw. Se- vergiftete. Caspar von Schrenck-Notzing überkommene, von Autorität und Hierar-
natswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hat in seinem berühmten Werk über die chie strukturierte Beziehungen kappen.
und Berlin scheinen im Mittelpunkt der ,Charakterwäsche‘ der Deutschen nach Lange vor Alice Schwarzer war das Dog-
Oktoberausgabe von „Nation & Europa“ 1945 mit Recht auf den Beitrag US-ame- ma der Emanzipation der ideologische
zu stehen, betrachtet man das Titelbild des rikanischer Umerzieher an der Linkswen- Wurzelkeim zur schleichenden Zerset-
Heftes. Da wird ein NPD-Wahlplakat de der sogenannten ,Intellektuellen‘ hin- zung der abendländischen Gesellschaften.
(„Quittung für Hartz IV - Jetzt NPD“) ein- gewiesen“. Die USA haben die Deutschen Es galt, die tausend gewachsenen, histo-
gerahmt von Portraitfotos der Wahlverlie- nach der Befreiung vom Faschismus also risch begründeten Wechselwirkungen und
rer aus SPD, CDU und Linkspartei, die mit Hilfe des Marxismus einer Gehirnwä- Abhängigkeitsverhältnisse im gesell-
alle mehr oder weniger ratlos und be- sche unterzogen, die folgendermaßen schaftlichen Binnenorganismus zu zerstö-
drückt aussehen. Der Titel des Politstille- funktionierte: ren. Dazu mußte nur die marxistische Mär
bens: „Wer nicht hören will, muß fühlen“ „Die Ära der ,Moralpolitik‘ begann. ein wenig aufpoliert werden. Statt zum
(den Sinn der Unterstreichung kennt ganz Der von Adorno postulierte ,autoritäre ,Klassenkampf‘ wurde jetzt zur ,Emanzi-
allein die N&E-Redaktion). Beiträge zum Charakter‘, eine Ansammlung negativer - pation‘ aufgerufen – der Arbeiter von den
Titel sucht man im Heft jedoch fast ver- und spezifisch deutscher! – Eigenschaften, Unternehmern, der Bürger vom Staat, der
geblich: Der Triumph der NPD in wurde zur Kampfvokabel, nachdem es ge- Schüler und Studenten von den Lehrern
Deutsch-Nordost wird von Herausgeber lungen war, ihn in der Medienberichter- und Professoren. Und zu guter Letzt: der
HARALD NEUBAUER im Editorial ein- stattung mit dem damaligen Bundesvertei- Frauen von den Männern“.
mal erwähnt und taucht dann erst wieder, digungsminister Franz Josef Strauß zu Endlich ist damit die Katze aus dem
recht lustlos abgehandelt, in der ständigen identifizieren. ,Emanzipation‘ und ,Ko- Sack. Es geht im Kern um die alte Nazivo-
Rubrik „Eurorechte im Blickpunkt“ auf. existenz‘, Vergangenheitsbewältigung, kabel von der Volksgemeinschaft, um
Stattdessen widmet sich KARL RICH- ,Betroffenheit‘ und die ,Unfähigkeit zu Aufklärung und Marxismus. Bekämpft
TER dem beliebtesten Talkshow- und trauern‘ waren fortan die Versatzstücke werden alle Gesellschaftserklärungen, die
Boulevardthema des Herbstes und be- des angeblich ,herrschaftsfreien Diskur- auf unterschiedlichen Interessen der ein-
schäftigt sich ausführlich mit den literari- ses‘. In Wirklichkeit begann der Marsch zelnen Gesellschaftsteile beruhen. Sie
schen Hervorbringungen der Ex-Tages- der Linken durch die Institutionen“. werden verdammt, um zu suggerieren,
schausprecherin Eva Herman. Unter dem Was da wie ein ideologischer Fieber- Arbeiter und Unternehmer (und es ist kein
Titel „TV-Moderatorin legt sich mit Femi- traum klingt, hat doch eine gewisse Me- Zufall, dass Richter dieses Gegensatzpaar
nistinnen an: Eva Hermann – politisch un- thode: Man nehme lauter Begriffe, die zuerst genannt hat) hätten gleiche Interes-
korrekt“ geht es dann allerdings weniger nicht das Geringste miteinander zu tun ha- sen. Ist es falsch, in diesem Zusammen-
um das blonde Mutterwunder (deren ben und aus völlig unterschiedlichen hang an Betriebsführer und Gefolgschaft
Buch „Das Prinzip Eva – für eine neue Quellen stammen, werfe alles in einen zu denken? tri ■
Weiblichkeit“ rechtsaußen so beliebt ist, Topf, rühre kräftig um und fertige so ei-
dass es über den „Buchdienst Nation nen Popanz, der den eigenen politischen Siegerist versucht Schill-
Europa“ vertrieben wird) als vielmehr um Interessen entspricht. Wenn das geschaf-
eine politische Abrechnung mit dem Fe- fene Bild der Wirklichkeit nicht ent- Partei in Bremen
minismus und den angeblich hinter ihm spricht, hat die Wirklichkeit eben Pech ge- Junge Freiheit Nr. 42/06
stehenden ideologischen Machenschaf- habt. Die Hauptsache ist, in den Köpfen vom 13. Oktober 2006
ten. „Wenn nicht alles täuscht, erleben der Leser(innen) bleibt etwas hängen. Der Vorsitzende des Vereins „Die Deut-
wir, während die Schatten des Geburtsde- Bleibt noch die Frage nach dem tiefe- schen Konservativen“, Joachim Siegerist,
fizits länger werden, die längst fällige De- ren Sinn der US-amerikanischen Umer- versucht auch in Bremen eine rechtspopu-
montage der Verursacher-Ideologie. Der ziehung. Auch die wird von Richter be- listische Partei für die Bürgerschaftswahl
im Mai 2007 zu gründen. Er lud zu einer
Versammlung ein, an der laut JF ca. 300
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Menschen teilnahmen, die sich mehrheit-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: lich für eine Kandidatur unter dem Na-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich men „Bremen muss leben“ ausgespro-
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
chen haben. Referenten waren neben Sie-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
gerist der Klubdirektor der Kärntner
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
BZÖ, Andreas Skorianz, der auch im
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Blatt regelmäßig schreibende Wirtschafts-
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
wissenschaftler Bernd-Thomas Ramb und
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) der aus der FDP stammende Vorsitzende
der „Deutschen Partei“ Heiner Kappel.
Name: Adresse: Siegerist zerriss auf der Veranstaltung
ein Exemplar des Weser-Kurier, weil die
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts Zeitung nicht „unabhängig“ sei. Er rech-
net mit Stimmergebnissen ab 20% – man
Unterschrift wird sehen, ob das nicht ziemlich hoch
gegriffen ist – er hat jedenfalls seinen Ur-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
laub im März, April schon mal abgesagt.
uld ■

16 : antifaschistische nachrichten 22/2006