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Ulrich Kobbe

Zahlentafeln
als Psychodiagnosticum

Psychologie und Psychologen


auf dem Entwicklungsweg zur
Attention Diagnostic Method

Tübingen / Hessisch-Oldendorf 1977

Vorbemerkung:
Der Anlass zur Erarbeitung dieser Übersicht er-
gibt sich aus der Forderung Holzkamps (252, S.
30 f.), die Psychologie müsse die historischen
Zusammenhänge mitreflektieren, von denen sie ab-
hängig ist und in die sie hineinwirkt.
- 1-

g 35 U 6 m
i 29 44 1 l
0 43 36 24 u
7 20 5 32 47l
5 41 17 3 m
IIMOTEN
- 2-

1. GRUNDLAGENFORSCHUNG IM 19. JAHRHUNDERT

Tests zur Objektivierung des Umfanges oder der


Störung der Aufmerksamkeit und Konzentration sowie
der Schnelligkeit der Reaktionsgeschwindigkeit
haben einhundert jährige Tradition in der kli-
nischen Psychologie bzw. Psychophysik.

1.1 Frühe Untersuchungen zu Aufmerksamkeitsschwankungen

Am Anfang steht die Peststellung, daß es Aufmerk-


samkeit s Schwankungen überhaupt' gibt; so hält
H. VON HELMHOLTZ (89) 1867 fest, " dass äusseres
Licht von constanter Stärke, welches längere Zeit
ununterbrochen auf die Netzhaut einwirkt, eine im-
mer schwächer und schwächer werdende Erregung der-
selben hervorbringt" (S. 365). Er führt weiter aus,
daß die Erregungsstärke insbesondere bei schwachem
Licht so stark abnehmen kann, daß sie nicht mehr
wahrgenommen wird. Als Beispiel schreibt er:
"wenn man bei hereinsinkender Nacht irgend einen
schwach erkennbaren Gegenstand anhaltend fixiert,
ohne die Richtung der Augen zu verändern, ver-
schwindet derselbe bald vollständig, und erst indem
man die Richtung des Blicks verändert, pflegt das
Obgect wieder im negativen Nachbilde aufzutauchen"
(S. 365).

Daß eine derartige Schwankung der Empfindungsin-


tensität nicht auf den visuellen Wahrnehmungsbereich
beschränkt ist, belegt URBANTSCHITSCH (213) 1875 in
seiner Beschreibung, daß "das Ticken einer Taschen-
uhr, welche sich in einiger Entfernung von dem Ohre
befindet, (...) keineswegs gleichmässig vernommen
(wird), sondern es zeigt sich zeitweise eine Zu-
und Abnahme in der Schallperception" (S. 625). Er
kommt dementsprechend zu der Gsetzmässigkeit, daß
— 3 —

eine Steigerung und Verminderung "bis zur gänz-


lichen Auslöschung des Geräusches nicht immer
allmählich stattfindet, sondern es weise "in an-
deren Fällen eine rasche Hintereinanderfolge auf,
so dass die Schläge der Uhr bald deutlich, im
nächsten Momente dagegen wieder gar nicht perci-
piert werden" (S. 626).

Auf der Suche nach der Ursache dieses Phänomens


schließt URBANTSCHITSCH sukzessiv Unregelmäßig-
keiten des Uhrwerks und die Möglichkeit aus, daß
"die Ursache der Unterbrechung in der Schallper-
ception dem schalleitenden Theile des Gehörorga-
nes zuzusprechen sei" (S. 628), und kommt zu der
Schlußfolgerung, daß kausal "die Perceptionsfähig-
keit des Nv. acusticus (...) für Schallquellen von
sehr geringer Intensität eine ungleichmässige (ist
und) bei fortdauernder Einwirkung derselben vor-
übergehend selbst ganz verloren gehen" kann
(S. 628).

"Der klassische Reaktionsversuch ... hat praktisch nur dort


Bedeutung, wo pathologisches Material vorliegt."
Fritz GIESE, 1952

1.2 Erste Messungen der Reaktionszeit

In der Zwischenzeit hat ein anderer Autor, Dr.


H. OBERSTEINER (152), 1873 eine Arbeit "ueber eine
neue einfache Methode zur Bestimmung der psychi-
schen Leistungsfähigkeit des Gehirnes Geisteskran-
ker" (Titel) publiziert. Hierzu bemerkt PILLON
(161) : "Une des recherches initiales serait celle
d'Obersteiner"(S. 261) !

Zu Anfang seiner Veröffentlichung definiert der


Verfasser den Terminus Reaktionszeit und schafft
_ 4-

so eine Basis für seine weiteren Untersuchungen


und Überlegungen:
"Lässt man einen kurzen, adäquaten Reiz auf ein
peripheres Sinnesorgan einwirken und den Moment
der Wahrnehmung dieses Reizes von dem Untersuch-
ten markiren, so verfliesst "bekanntlich zwischen
dem Augenblick, in welchem dieser Reiz am perci-
pirenden Sinnesorgane anlangt, und dem Zeitpunkte
der Markirung eine genau messbare Zeit, welche man
R e a c t i o n s z e i t + nennt."
(S. 427).

Weiterhin betont er den Einfluß der Aufmerksamkeit


auf das Untersuchungsergebnis sowie die Abhängig-
keit der Aufmerksamkeit von "der Mitwirkung des
Bewusstseins". Definitorisch beschreibt OBERSTEIKER
dieses Problem im folgenden Zitat:
"Die Aufmerksamkeit kommt demnach bei den einfachen
Yersuchen nur in beschränkter Ausdehnung in Betracht,
Sie besteht in der Concentration der psychophysi-
schen Thätigkeit auf eine bestimmte Bahn; und dies
geschieht durch die Unterdrückung, Hemmung aller
übrigen gleichzeitig sich geltend machen wollenden
psychophysischen Thätigkeiten; (...)" (S. 442).

Zusätzlich weist er auf einige Variablen hin, die


unabhängig von der Aufmerksamkeit dazu führen
können, daß die"Schnelligkeit der Reaction durch
verschiedene Umstände alterirt" wird; er nennt an
dieser Stelle - den ermüdeten Zustand des Gehirns
- das Alter des Untersuchten sowie
- dessen Bildungsgrad.

Das von ihm und einem weiteren Kliniker namens


EINER analog konstruierte Gerät basiert auf der
Schwingung einer tongabelähnlichen Feder und deren
Übertragung mittels einer beweglichen Borste auf
eine berußte Glasplatte solange bis der Pb den
Mechanismus bei Wahrnehmung des Tones per Tasten-
druck anhält. Die Borste selbst zeichnet die
Schwingungen der o. g. Feder in Wellenlinien auf,

Hervorhebung im Original
- 5-

so daß sich bei 100 Schwingungen in der Sekunde


eine Zeit von 0,01 Sek. pro ausgezeichneter Welle
ergibt und "auf der Platte 0,001 Sek. mit Leich-
tigkeit abgelesen werden" können.
"Die Borste hat (...) so lange geschrieben, als
Zeit vergehen musste von der Erzeugung des Schal-
les bis zur Markirung mittels eines Fingers des
Untersuchten" (S. 43o).

Im Laufe seiner Experimente arbeitet OBERSTEINER


nach den Versuchen mit akkustischen Stimuli auch
mit optischen Reizen, so z. B. mit 2 verschiedenen
Farben, von denen lediglich die eine die V p zur
Reaktion veranlaßt. Er bemerkt hierzu:
"Es schiebt sich also bei diesen Versuchen in den
Verlauf der Reactionszeit der einfachen Versuche
noch die Zeit ein, welche nöthig ist zur Ueberle-
gung, ob gedrückt werden darf oder nicht" (S. 432).

Die Untersuchungen selbst beziehen sich insbesonde-


re auf die Erstellung von Normwerten für Gesunde
und anschließend das Feststellen differentieller
Charakteristika bei Gesunden und "Geisteskranken"
(Patienten mit "Maniaci", "Wahnsinn", "Melancholie",
partieller Verrücktheit", "paralytischem Irresein").

Wegen der zentralen Stellung seiner Arbeit als


Ausgangspunkt zahlreicher weiterer Untersuchungen
zur Objektivierung von Aufmerksamkeits- und Konzen-
trationsstörungen durch Reaktionszeitmessung möchte
ichOBERSTEINERs Ergebnissen in einem längeren Zi-
tat wiedergeben :
"1) Eine Beschleunigung der Reactionszeit ist nie
nachzuweisen.
2) Eine Verlangsamung der Reactionszeit ist bei
den meisten Kranken mehr oder minder vorhanden,
. und zwar entweder nur als Erhöhung der mittle-
ren Reactionsdauer, oder auch bedingt durch
directe Erhöhung des Minimums, als der kürzes-
ten Zeit, in welcher reagirt werden kann.
3) Erhöhung der Minimalzeit lässt in der Regel auf
einen tiefer greifenden Prozess im Gehirn
schliessen und war demnach bei primären Formen
nicht nachweisbar, wohl aber in den psychischen
Schwächezuständen. -
- 6-

4) Erhöhung der mittleren Reactionszeit, einherge-


hend mit grösseren Differenzen der einzelnen
Reactionswerthe untereinander, sowie auch gegen
das Minimum, ist, wie dasselbe sich auch in den
Versuchen mit geschwächter Aufmerksamkeit an
Gesunden zeigte, ein Zeugnis von Abnahme der
zur Concentrirung der Aufmerksamkeit nöthigen
Willenskraft, oder vom Ueberwiegen anderer Vor-
stellungen.
5) Der Verlauf der Krankheit charakterisirt sich
durch Aenderungen in der Reactionszeit.
6) Sowohl die Verlangsamung der Reactionszeit
überhaupt, als auch die grösseren Differenzen
zwischen den einzelnen Reactionswerthen las-
sen auf eine geringere Leistungsfähigkeit des
Gehirnes schliessen, welche Tüchtigkeitsab-
nahme sich auf einfache Weise leicht in Zahlen
ausdrücken lässt" (S. 458).

1.3 Der gegenwärtige Untersuchungsstand der RT

Es sollte vorab erwähnt v/erden, daß es verschiedene


Arten von Reaktionsexperimenten gibt. Die nachfolgen-
den Versuche beschränken sich ausschließlich auf die
einfache Reaktionszeit (RT), die als das Zeitinter-
vall zwischen der Stimulusvorgabe und der Einleitung der
Responsehandlung definiert ist, unter der Bedingung, daß
instruktionsgemäß auf den Stimulus so schnell wie mög-
lich reagiert werden soll.

Die bei der vorliegenden Arbeit mit der "Attention


Diagnostic Method" geforderte Reaktion erfolgt zwar
unter modifizierten Bedingungen (die Stimuli sind alle
bereits zu Anfang des Tests gegeben, es muß nach der
Instruktion so schnell und so genau wie möglich reagiert
v/erden, usw.), doch behalten die meisten der folgenden
Daten auch hier ihre Gültigkeit.

Generell bleibt die Komplexität des erhobenen Kaßes


zu berücksichtigen. Nach der Stimulusvorgabe entsteht
eine Verzögerung, während der die Rezeptortätigkeit ini-
tiiert und maximal aufgebaut wird; es folgt eine weitere
Latenzperiode infolge der Weiterleitung der sensorischen
Impulse zu den motorischen Fasern, und endlich schließt
sich eine Zeitspanne für die Aktivierung der betreffen-
- 7-

den Muskulatur und der Ausführung der Reaktion an.

1.3.1 Allgemeine Gesetzmäßigkeiten

TEICHNER (277) faßte 1954 in einem Sammelreferat die


wichtigsten der bislang existierenden Ergebnisse zu-
sammen, von denen die folgenden auch, hier Relevanz
haben.

Reaktionszeit ist:
1. eine Punktion der stimulierten Sinnesmodalität;
2. eine Punktion der Anzahl der stimulierten Sinnes-
organe (s. 5.4.8);
3. eine Punktion der Anzahl der stimulierten Rezeptoren;
4. eine Punktion der Stimuluslage im Gesichtsfeld;
5. eine Funktion der Stimulusintensität: bei Tageslicht
oder Beleuchtung nimmt die visuelle Reaktionszeit
mit der Entfernung des Reizes von der Povea zu (s.
7.3);
6. ein Index oder Maß der Empfindungen;
7. eine Punktion der Stimulusdauer: die Reaktionszeit
ist eine negativ beschleunigte, abnehmende Punktion
der Intensität bis zu einem Intensitätsmaximum, nach
dem RT entweder plötzlich länger, die Punktion dis-
kontinuierlich oder bis zu einer physiologischen
Grenze asymptotisch wird (s. 5.4.7.1);
8. eine Punktion des Alters: Reaktionszeit ist bis
etwa 30 Jahren eine langsam abfallende, danach eine
langsam steigende Größenfunktion des Alters (s. 2.19);
9. eine Punktion des Geschlechts: im allgemeinen ist
die RT männlicher Vpn kürzer als die von Prauen.
L'echelle des etats mentaux

NORMAL

Le tableau ci-dessus indique divers etats de l 'activite cerebrale. Si l'on parcourt le cöte
gauche du cercle, l'eveil augmente depuis l'etat correspondant aux occupations quotidiennes
jusqu'ä l'etat d'extase. Du cöte droit, l'eveil di minue depuis la relaxation jusqu'ä la medi-
tation la plus profonde. Nous ne passons pas ne cessairement d'un etat ä un autre en suivant
toutes les etapes intermediaires; par exernple, nous pouvons naturellement passer de la
creativite ä l'anxiete sans emprunter l'etape du sommeil avec reves. Un exemple de chaque
jour, que tous les parents connaissent, est celui du bebe hurlant qui passe brutalement de la
crise de larmes ä un sommeil de plomb.
- 8-

2. LAS SUCHFELD - EIN HISTORISCHER ÜBERBLICK

In der nachfolgenden Darstellung von Methoden zur


Reaktionszeitmeßung werde ich mich auf die Ent-
wicklung und Anwendung verschiedener Such- bzw.
Zahlentafeln konzentrieren.

2.1 Als erster Testkonstrukteur stellt 1912 MÜNSTERBERG


(148) eine Untersuchungsmethode vor, die er bei
Straßenbahnführern anwendet. Seine Überlegung lau-
tet, "jeder Wagenführer müsse eine gute, vertei-
lende Aufmerksamkeit und berechnende Phantasie be-
sitzen" ,+

Zu seinen Untersuchungen benutzte er "ein Blatt,


das 9 cm breit und 26 cm hoch war und teilte es in
Quadrate ein. Die Quadrate, die längs der Karte
liefen, waren mit rotem Stift eingezeichnet und
sollten ein Schienengeleise darstellen. In diese
Quadrate waren Buchstaben des Alphabets von A bis
Z eingetragen. In die anderen Quadrate wurden un-
regelmäßig etwa 100 Ziffern eingedruckt, und zwar
nur die Zahlen 1,2,3. Deren größerer Teil war
schwarz, der kleinere rot gedruckt. Die Zahl 1 soll-
te den Fußgänger, 2 den Wagen und 3 ein Auto dar-
stellen. Alle schwarz gedruckten Ziffern hatten
Menschen und Fahrzeuge zu bezeichnen, die sich pa-
rallel dem Geleise bewegen, also überhaupt für den
Straßenbahnführer nicht in Betracht kamen. Die
roten dagegen bedeuteten Passanten und Wagen, die
sich auf das Geleise zu bewegen und es kreuzen.
Die Versuchsperson wird nun gebeten, sich vorzu-
stellen, daß sie sich z.B. in einem Punkte des Ge-
leises, z.B. dem Quadrat G, befindet, und von hier
aus muß sie die sich bewegenden Fußgänger und
Fahrzeuge überblicken."

Hervorhebung im Original
- 9-

2 A
3 a i
3 1 2 c 1 2
2 D 2 3
2 f £ i 1
3 1F i 3 2
2 6 Z 3 i Abb. 1
3 3 H z 3
3 f 1 f 1 3
2 1 J 3i
3 2 K 3 z
1 1 L i l
3 ff 2 2

"Sie muß ihre Aufmerksamkeit natürlich auf die


roten Zahlen konzentrieren und sich lebhaft vor-
stellen, an welcher Stelle die roten Ziffern ge-
rade auf das Geleise kommen werden. Der Wagenfüh-
rer muß dabei dauernd im Auge behalten, daß die
Schnelligkeit der Fahrzeuge und der Menschen ver-
schieden ist und zwar, daß wenn die Ziffer 1 einen
Schritt macht, d.h. ein Quadrat überquert, die
Ziffer 2 zwei Quadrate und die Ziffer 3 zur glei-
chen Zeit drei Quadrate überschreitet. (...) Die
Zeit der Ausführung der Probe wurde mit der Stopp-
uhr gemessen und die Fehler gezählt." (alle Zita-
te nach STERN (200), S. 728).

Diese Methode hatte epochale Bedeutung für die


experimentelle und angewandte Psychologie : der
MÜNSTERBERGsche Versuch war der erste Test, der
die berufliche Situation 'en miniature1 wieder-
gab.

Die theoretische Grundlage zu diesen und nachfol-


genden Suchaufgaben liefert MÜNSTERBERG 1918 mit
der Darstellung seiner Aktionstheorie. Seiner
Auffaßung nach ist "jedes Element des Bewußtseins-
inhaltes dem tibergang von Erregung zu Entladung
im Rindengebiet zuzuordnen, und zwar derart, daß
- 10 -

die Qualität der Empfindung von der räumlichen


Lage der Erregungsbahn, die Intensität der
Empfindung von der Stärke der Erregung, die Wert-
nuance der Empfindung von der räumlichen Lage der
Entladungsbahn und die Lebhaftigkeit der Empfindung
von der Stärke der Entladung abhängt" (149, S.
525). Unbemerkt bleibt, was die Bedingungen der
motorischen Entladung versperrt findet; bemerkt,
was sie bereits vorfindet. Hemmung ist demnach
"reziproke Versperrung der Bewegungskanäle"
(149, S. 549).

2.2 Im ersten Weltkrieg arbeitet POPPELREUTER mit


Methoden zur Differentialdiagnostik von "psy-
chischen Ausfallerscheinungen nach Hirnverlet-
zungen" (164). Nach dem Kriege erscheint sein
Buch "Die psychischen Schädigungen durch Kopfschuß
im Kriege 1914/16", in dem er erstmals ein Such-
feld zum Nachweis von "spezifischen Störungen des
Suchvorganges" vorstellt:
"Als Objekt diente mir 1 qm große weiße, in
schwarzem Holzrahmen unter Glas eingerahmte Tafel
auf welcher sich in regelloser Änderung, aber doch
gleichmäßig verteilt, befanden: die Zahlen 1 bis
9, die 24 verschiedenen Buchstaben in Antiqua, ver-
schiedene Figuren in den Farben Rot, Grün, Blau,
Gelb, Schwarz, Quadrate, Kreise, Halbkreise, Kreuze,
Dreiecke, im ganzen 24 Stück. - Insgesamt waren es
also 57 verteilte Objekte. Aus diesen wählte ich
30 Objekte zum Suchen aus" (S. 122).

In der Versuchsanordnung saß der Patient mit ge-


schlossenen Augen 1/2 Meter vor der Tafel und hatte
nach Zurufen des Suchobjektes die Augen zu öffnen
und das Zeichen bzw. die Zahl mit einem Stock zu
zeigen. Die Reihenfolge in der Instruktion ergibt
sich aus einem Protokoll S. 126; die Patienten
wurden aufgefordert, folgende Objekte zu suchen:
- 11 -

. Zwei
. Roter Halbkreis
.D
. Grüner Kreis
. Rotes Dreieck
. S
. Grünes Kreuz
. Gelbes Dreieck
.Q
. Grüner Halbkreis
.E
. Eins
. Sechs
.Z
. Sieben
(drei Minuten Pause)
. Grünes Dreieck
. Fünf
. Blaues Kreuz
.J
. Rotes Viereck
.R
.W
. Neun
. Roter Kreis
.Y
. Gelber Kreis
. Vier
.0
. Grünes Viereck
. Drei
Als Durchschnittszeit für "ungeschädigte Normale"
gibt POPPELREUTER 2 bis 7 Sek. an, die Vergleichs-
zahlen für Kopfschüsse "anderer Lokalisationen"
betragen 3,3 bis 9,8 Sek., danach folgen "schwere
Störungen des Suchens" mit mehr als 10,0 Sekunden.

2.3 Als nächster Autor setzt BLUMENFELD (23) 1923


einen Zahlentest ein zur Eignungsprüfung von Lehr-
lingen der Metallindustrie an der Technischen
Hochschule Dresden. Zu den untersuchten "berufs-
wichtigen Funktionen" gehören u.a.:
- Schnelligkeit der optischen Auffassung
- Reaktionsgeschwindigkeit
- Aufmerksamkeitskonzentration.

BLUMENFELD verwendet hierbei ein Quadrat von 36


- 12 -

Feldern (je 6 x 6 cm), auf denen die Zahlen 1 bis


36 unregelmäßig verteilt sind. - Zur Konstruktion
bemerkt er, daß eine Verkleinerung der Tafel bis
zur G-röße 9 x 9 cm keinen erheblichen Einfluß
habe, "da sie durch spontane Veränderungen des
Augenabstandes des Prüflings von der Tafel weit-
gehend kompensiert wird" (S. 886). - Weiterhin
werde der Versuchsfehler durch verlängertes Suchen
bei einzelnen Zahlen um so kleiner, ,je umfangrei-
cher die Zahlentafel sei: "Aus diesem Grunde gingen
wir von der sonst üblichen Anordnung mit 25 Zahlen
auf 36 über ..." (S. 886).

2.4 Auf diese Ergebnisse BLUMENFELDS bezieht sich


1924 SACHSENBERG (186) in einer Veröffentlichung,
bei der "die Zahlentafel zur Untersuchung der Ge-
schwindigkeit der optischen Auffassung und der
Konzentrationsfähigkeit ausgenutzt" wird (S. 439).

Zum Versuchsaufbau und -ablauf gibt er an : "Die


von uns regelmäßig benutzten Tafeln hatten die
Größe 36 x 36 und in den betr. Quadraten 36 unre-
gelmäßig angeordnete Zahlen in der Reihenfolge
von 21 bis 56, Zahlenhöhe war 34 mm ; die Zahlen
waren deutlich zu lesen, anfangend herauszufinden
und zu zeigen ; gemessen wird die hierfür erfor-
derliche Zeit in Sekunden" (S. 439).
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0
- 13 -

Da SACHSENBERG- am Einfluß von verschiedenen Ver-


suchsanordnungen auf die Ergebnisse und Auswertungs-
methoden interessiert ist, variiert er sowohl die
Form der Tafel (36 x 36 cm, 18 x 18 cm und 9 x 9 cm)
als auch die Zahlenanordnungen :
22 56 27 34 48 39
49 38 42 51 3o 25
46 44 54 26 23 41
40 52 21 50 55 36
29 32 45 53 47 28
35 43 37 24. 31 33

II. 44 24 55 28 34 25
40 51 30 42 22 49
36 21 56 47 53 32
48 54 52 33 27 45
26 31 46 38 41 35
43 37 50 23 39 29

III. 42 62 70 45 68 58
53 48 66 72 51 47
46 57 60 64 37 56
65 39 71 54 67 40
43 50 41 63 44 59
52 61 69 55 49 38

Aus den Mittelwerten seiner Versuche geht hervor,


daß alle 3 Tafeln annähernd gleiche Ergebnisse
hervorbringen, d.h., "daß sich eine Bevorzugung
einer Größenklasse auch "bei Berücksichtigung von
Altersklassen nicht herausgestellt hat" (S. 442).

Als weitere Vermutung leitet SACHSENBERG aus schon


zuvor gemachten Beobachtungen ab, "daß nämlich
die Größe der Tafeln gebildete und ungebildete
Personen anders beeinflußt" (S. 443). Ein Ver-
gleich der Mittelwerte von Ober- und Volksschülern
bestätigt diese Hypothese jedoch nicht, "so daß
vorläufig ein Einfluß der Größe der Tafeln weder
auf gebildete noch auf ungebildete Personen an-
- 14 -

genommen werden kann" (S. 443).

Die Untersuchung von "Konzentrationsvermögen,


Ermüdbarkeit und theoretischer Intelligenz" als
Fähigkeiten, die bei der Zahlentafel besonderen
Einfluß haben müßten, bringt bei einem Vergleich
von diesbezüglichen Lehrerurteilen bei Schülern
mit deren erzielten Testwerten keine kongruenten
Ergebnisse. SACHSENBERG schließt daraus, "daß
mindestens für Schulzwecke die Untersuchungen
mit der Zahlentafel zwecklos sind", jedoch an-
dererseits "gerade durch die Zahlentafel eine
Fähigkeit erfaßt wird, die dem betr. Lehrer ver-
borgen bleiben muß, weil sie im Schulverhalten
nicht zum Ausdruck kommt" (S. 445).

2.5 1925 stellt GRÜNBAUM (77) - ein in den Nieder-


landen arbeitender Psychologe - ein Psychodiag-
nostikum vor, das er zur Feststellung der beson-
deren Struktur der Aufmerksamkeitsfunktion ver-
wendet. Die Testmethode selbst geht im Prinzip
auf den oben zitierten Ansatz MÜNSTERBERGs zu-
rück.

Zur Untersuchung der Aufmerksamkeit bei Aphasikern


verwendet er eine schwarze Wandtafel, die in 6 x 9
gleiche Quadrate aufgeteilt- ist. In diesen Vier-
ecken befanden sich die weißen Zahlen von 11-64
in unregelmäßiger Verteilung. Der Patient hatte
die Aufgabe, die Zahlen in ihrer arithmetischen
Reihenfolge auf der Tafel so schnell wie möglich
aufzusuchen und mit einem Stock zu zeigen. Der
Versuchsleiter notierte die Leistung der Vpn, d.h.
die Anzahl der gezeigten Zahlen je 3o Sekunden.
Der Autor schreibt dazu :
"Überblicken wir alle Funktionen, die zum Aussu-
chen der Zahlen in der natürlichen Reihenfolge auf
unserer Tafel nötig sind, dann finden wir a) die
Verfolgung der' natürlichen Reihenfolge der Zahlen
- 15 -

in einem aktiven Hinzuzählen, b) die Dauerkonzen-


tration der inneren Aufmerksamkeit auf die Vor-
stellung der zu suchenden Zahlen, c) die Vertei-
lung der äusseren Aufmerksamkeit und d) die ele-
mentare negative Abstraktion. Ausserdem verlangt
unsere Versuchsanordnung eine DauerSpannung der
Aufmerksamkeit. Auch die Merkfähigkeit wird dabei
"beschäftigt, indem man hier und da die Zahl, die
man nötig haben wird, und ihren Platz im unmittel-
baren Gedächtnis behält" (77, S. 491).
KUTTEN (182) beschreibt 1964 eine Modifikation
des o. g. Tests. Die Technik GRÜNBAUMs bestand
nun in der Anwendung einer schwarzen Tafel,von
der Größe 60 x 9o cm, auf die weisse Zahlen von
1o-64 aufgemalt waren. Diese Ziffern standen in
bunt gestreuter Reihenfolge und waren in 9 Reihen
zu 6 Hummern angeordnet. Unter diesen grossen
Suchobjekten standen kleinere Ziffern in der
arithmetischen Reihenfolge von 1-54. Die Aufgabe
der Vp war wie oben das Auffinden der großen Zah-
len in ihrer 'normalen1 Reihenfolge, was durch
Nennung der darunterstehenden kleinen Ziffer (also
nicht der eigentlich gesuchten Zahl !) dem Ver-
suchsleiter jeweils angezeigt wurde. GRÜNBAUM
notierte bei dieser Methode alle 15 Sekunden die
Anzahl der gefundenen Zahlen und erhielt somit
ein - wenn auch grobes - Maß der Stabilität der
Aufmerksamkeit.

KUTTEN und BLOCK (184) bemerken hierzu :


"GRUNBAUMs approach, concerned with the dynamic
process of field and focus attention within an
attentive process was logically structered, seemed
promising and particulary appealing for a number
of reasons. "First, the instructions were simple,
making it applicable to a wide ränge of subjects.
Second, it specifically provoked an authentic
kind of reflexive attention. Third, it demanded
the dynamic process of alternating concentrated
field and focus attention. Pinally, it required
logical progression not with visual but with men-
tal processes äs the only support to the attentive
task" (S. 3).
KUTTEN stellt dementsprechend fest, daß "de Ver-
dienste van GRÜNBAUM's experimentele Idee ligt in
de eenvoud van provocatie der distribuerende en
- 16 -

focaliserende aandacht" (182, S. 29).

Im historischen Kontext legt GRÜNBAUM hier mit


seinem von VAN DER HORST (99, 1oo) so genannten
'cijferbord' eine Untersuchungsmethode vor, die
der aufkommenden Individualdiagnostik in der kli-
nischen Psychologie jener Jahre einen objektiv
vergleichbaren Test an die Hand gab, der "als
middel kon dienen ter exploratie en taxatie van
de polair-dynamische structuue der beide voor-
noemde bewustzijnsaspecten" (182, S. 28). Diese
beiden Bewußtseinsaspekte konzentrieren sich
"enerzijds op gewaarwording, de klacht, ander-
zijds op waarneming, het Symptom. (...) Met andere
woorden, de sensitieve belevingsinhoulden van de
patient ('conscience engag6e') worden bij de arts
tot ob.ject gemaakt van verstandelijk kennen, war-
van het verstandelijk bewustzijn een geintegreerd
aspekt mitmaakt ('conscience reflechie')" (182,
S. 12).

2.6 Im Jahre 1926 veröffentlicht dann BLUMENPELD (24)


zusätzlich eine Untersuchung, die sich insbeson-
dere auf das "Suchen von Zahlen im begrenzten
ebenen Felde" bezieht. In der Einleitung verweist
er auf POPPELREUTER (164), auf dessen Versuche
sich die Arbeiten von GIESE (58, 59) und SCHULTE
(193) stützen. Das Ziel dieser Untersuchung ist
nun, "den bei dieser Methode auftretenden Vorgang
in seiner Gesetzlichkeit zu erforschen und die Ver-
bindung mit der theoretischen Psychologie herzu-
stellen". Hierbei beschränkt sich der Autor auf
Zahlen als Suchobjekte, "da sie in hinreichend-
großer Menge relativ gleichartiges und seiner na-
türlichen Abfolge nach objektiv festliegendes Ma-
terial" darstellen (S. 59/60).

Mit seinen Versuchen bemüht sich BLUMENPELD, die


Abhängigkeit des Suchvorganges bzw. der hierbei
- 17 -

benötigten Zeit von verschiedenen Variablen zu


klären:
1. Bei der Untersuchung des Einflußes der Ent-
fernung des Suchfeldes von der Vp konstatiert er
eine "allgemeine leichte Tendenz zur Vergrößerung
der Suchzeiten und der Streuung mit wachsender
Entfernung" (S. 63), resümiert jedoch in der Zu-
sammenfassung (S. 93), daß "unter sonst gleichen
Bedingungen die Entfernung des Suchfeldes von der
Vp für die Suchzeit praktisch bedeutungslos" ist.
2. Zum Einfluß der Anzahl der Elemente im Such-
feld mag der Autor anfangs keine eindeutigen Aus-
sagen machen, da ihn "auch die geringe Zahl der
Vpn zu äußerster Reserve zv/ingt" (S. 74). Unter
den Ergebnissen liest man dann jedoch: "Unter
sonst gleichen Verhältnissen ist die Elementar-
suchzeit proportional der Zahl der für das Suchen
in Betracht kommenden Elemente auf dem Suchfeld"
(S. 93/94).
3. Zum Einfluß der Stelle im Quadrat nimmt
BLUMENFELD individuelle Differenzen an, die "ver-
mutlich" auf habituelle Einstellungen zurückzu-
führen seien. "Überwiegend scheint allerdings die
linke Hälfte des Gesichtsfeldes benachteiligt zu
sein" (S. 75), doch dürften "kaum allgemeine Ge-
setze" bestehen.
4. Im Test der Beeinflussung der Suchzeit durch
die Form des Suchfeldes erweist sich die "Suchzeit
bei der vertikalen Anordnung länger als bei der
entsprechenden horizontalen" (S. 76).
5. Eine Veränderung der absoluten Größe des Such-
feldes von 36 x 36 cm über 18 x 18 cm auf 9 x 9 cm
ergibt "keinen erheblichen Einfluß auf die Such-
zeit" (S. 79).
6. Dagegen erweist sich die Größe der Zahlen re-
lativ zum Suchfeld insofern als relevant als es
- 18 -

"einen günstigen Wert (bzw. Bereich.) dieser


Relation" gibt (S. 94).
7. Die Regelmäßigkeit der Anordnung der Such-
objekte im Feld ist nach BLUMENFELD nahezu un-
erheblich: in seinen Untersuchungen bedingt die
unregelmäßige Anordnung "im allgemeinen eine Ver-
längerung der Suchzeit" (S. 84); diese Erschwerung
sei jedoch unerheblich und zudem interindividuell
verschieden.
8. Die Vorgabe verschiedener Helligkeiten des
Untergrundes erschwert das Suchen bis zu 15%, da
"die Erkennbarkeit der Elemente durch geringen
Kontrast gegenüber dem Grunde herabgesetzt wird"
(S. 94).
9. Ebenso üben die Farbigkeit und die Stellenzahl
der Zahlen einen deutlichen Einfluß auf die Such-
zeit aus: "Verschiedene Farbe bedeutet eine Er-
schwerung, verschiedene Stellenzahl eine Erleichte-
rung und zwar ist der Einfluß der Stellenzahl
weitaus überwiegend" (S. 87).-
Diese Tatsache, "dass 2 Momente, die die Unter-
scheidbarkeit von Zahlen erleichtern, entgegenge-
setzten Einfluß auf die Suchzeit haben" (S. 89)
erscheint BLUMENFELD eine ausführlichere Diskus-
sion wert; seine diesbezüglichen Schlußfolgerungen
nehme ich in der Diskussion zu Einführung von far-
bigen Zahlen durch RUTTEN (182) wieder auf.
10. Zur Ermittlung des Einflusses der Umgebung der
Zahlen verwendet der Verfasser Tafeln mit einer
Mischung aus aufrecht stehenden und umgekehrten
Zahlen sowie aufrecht stehenden Buchstaben. Bei
allen Kombinationen erfolgt eine Verlängerung der
Suchzeit. Als Erklärung nimmt er an, daß sie "den
Suchakt merklich 'stören', d. h. daß man irgendwie
bewußt von ihnen 'absehen1 muß" (S. 92).

In seinen anschließenden theoretischen Überle-


- 19 -

gungen behandelt BLUMENFELD im § 14 die


"theoretische Stellung des Suchvorganges im Ver-
hältnis zur Apperzeption und Abstraktion" sowie
"Beziehungen zu den Versuchen GRÜNBAUMs, SEIFERTs u,
a. (§15) - beide Themen werde ich in spätere Aus-
führungen zu denselben Gegenständen einbeziehen.

2.7 Im selben Jahr stellt SCHULTE in einer Einzelaus-


gabe mit dem Titel "Psychotechnik und Polizei"
(193) weitere Suchfelder vor.
Die einfache Zahlenquadratprobe umfaßt die durch-
einander gewürfelten Zahlen 1 bis 25, die von der
Vp gesucht werden müssen.

Abb. 3
lo
b>?«:?

7
§
SCHULTE hebt hierbei besonders auf die Beobach-
tung des Suchverhaltens ab: " Das gute tiberblick-
vermb'gen und die Arbeitsschnelligkeit + wie vor
allen Dingen das Temperament äußern sich hier in
sehr charakteristischer Weise" (S. 49).

Als zweiten Test legt er eine "Große Zahlenquadrat-


probe" mit den verstreut stehenden Zahlen 1 bis 100
vor. Sein Ziel ist die"Prüfung der Dauerkonzentra-
tion und der Verteilung auf ein größeres Aufmerk-
samkeitsfeld", was er durch den bei längerem
Suchen auftretenden Ermüdungsfaktor zu messen ver-
sucht.

Hervorhebung im Original
20 -

5 60 22 85 39 16 4? 64 6 34 |
i
40 98 76 48 68 21 59 SO 42 10
15 54 94 9 92 41 l 55 97 26
49 84 27 03 14 38 86 73 20 62
87 2 67 33 45 90 32 79 70 4
28 93 23 83 72 8 69 91 53 13 Abb. 4
99 36 SS 46 56 78 31 25 35 S2
11 59 05 17 2) 90 52 19 61 51
66 77 44 S9 75 95 43 57 3 ?4
l
IS 100 29 Sl 30 37 12 7l SO i

Dieselbe Tafel verwendet der Autor zusätzlich in


einer sog. "Suchprobe", bei der die Vp zehn Mal
nacheinander eine zugerufene Zahl suchen muß; über
den Mittelwert der benötigten Suchzeiten will er
"Systematiker" vom "fahrigen, unsystematisch vor-
gehenden, leicht aus der Passung gebrachten Prüfling"
unterscheiden (S. 50).

2.8 Über die Anwendung des oben beschriebenen Such-


feldes am Landesamt für Arbeitsvermittlung in
Stuttgart im Winter 1923/24 berichtet bereits LANG
1925 in einer Arbeit zur Methodik psychologischer
Massenprüfung (121).
Untersuchungszweck ist die "Prüfung der Konzentra-
tion bei verteiltem Blickfeld"; zur Auswertung
gibt sie an: "Gesamtzeit bis zur letzten Ziffer
(Suchzeit). Abbruch nach 15. Min., falls noch nicht
fertig. Organisation des Suchaktes beachten!" -
Zusätzlich berichtet LAITG über verschiedene Ver-
suchsabwandlungen:
"a) Heraussuchen bestimmter zugerufener Einzel-
ziffern (Wo ist die 24 ? wo die ? usw.) mit
Messung der Einzelsuchzeit in Zehntelsekunden.
15 derartige Versuche machen, Mittelwert der Zeit
feststellen,
b) Aufsuchen bestimmter gefärbter Zahlen (alle
- 21 -

roten, gelben usw.). -


c) Aufsuchen nur der geraden Ziffern, der Ziffern,
die durch 2 teilbar sind, der Primzahlen usw.
Sonst wie a. -
d) Aufsuchen wie im Hauptversuch unter gleichzei-
tigem Kopfrechnen (Verteilung der Konzentration
auf mehrere gleichzeitige Arbeiten). Zu jeder auf-
gerufenen Ziffer ist z. B. 7 hinzuzuzählenund das
Resultat zum früheren hinzuzuaddieren. Beispiel:
1 + 7 = 8 ; 2 + 7 = 9 + 8 = 17; 3 + 7 = 10+ 1 7 =
27, u.a.m.".

2.9 Exkurs: Der Mensch als Objekt der Eignungsprüfung

Zu einer Eignungsprüfung von Jugendlichen, in der


auch das o. g. Suchfeld zur Anwendung kommt, be-
merkt RÜSSEL (180): "Die Einstellung des Menschen
als Objekt der Eignungsprüfung ist nicht ohne Ein-
fluß auf die Prüfung und ihre Ergebnisse" (S. 53).
Zur Untersuchung dieser Variable läßt er Prüflinge
einen "freien Aufsatz über ihre Erlebnisse und Ein-
drücke" schreiben und faßt später zusammen: "Nach
eigenen Ansichten kommt es auf Ordnung, Schnellig-
keit, Geschicklichkeit, Pünktlichkeit (= Peinlich-
keit) an" (S. 59). - Die den Zahlentest betreffen-
den Äußerungen der Schüler seien kurz zitiert:
- "Da war eine Tafel mit Zahlen bis auf 50 unter-
einander, die man reihenweise aufzählen mußte"
(S. 61).
- "Zuletzt mußten wir noch die Zahlen von 1 - 4 0
raussuchen (S. 62).
- "Die praktische Prüfung war hauptsächlich maßge-
bend, da wurde geprüft z. B. Geschwindigkeit im
Kopfrechnen. Es war eine große Tafel vorhanden auf
der standen Zahlen von eins bis achtundvierzig, und
die mußte man lesen nach der Reihe und zusammen-
zählen" (S. 66).
- 22 -

-"..., denn hier kam viel zum Vorschein, was man


in der Fabrik braucht.
1) ein übersichtliches Auge 2) Pünktlichkeit
3) Schnelligkeit. (...)
Dann wurde ich vor eine Tafel geführt, auf der die
Zahlen von 1 - 4 8 untereinander in verschiedenen
Farben standen, die ich nacheinander aufzählen
mußte" (S. 67).

2.10 1935 führt GIESE (58,59) ein Suchfeld nach


POPPELREUTER als Prüfverfahren in der Wirtsehafts-
psychiogie an; allerdings hat das abgebildete und
beschriebene Suchfeld einen anderen Aufbau als das
von POPPELREUTER in den Jahren 1914 - 16 verwendete
(s. o.).
Der Autor gibt als Untersuchungsziel die "Aufmerk-
samkeitsverteilung bei organisatorisch gerichteten
Suchakt" an.

M ÜN2 4 45
26 16J39 28
<S-

40 35 14 § 30
g 29 44 1 23
50 43 36 24 n
21 20 5 32 47
Abb. 5 23 41 1? 3 33
n 22 48 10 8
2 18 21 31 i
77 49 33 t> 9
•M "•*-;*s**al%

Weiter heißt es: "Versuchsperson hat mittels


Zeigestock in konstant gegebener Distanz von der
Tafel die buntgestreuten Ziffern 1 bis 50 aufzusu-
chen. Quantitativ wird die Messzeit, qualitativ-
symptomatisch der Suchakt nach Typen differenziert."
GIESE arbeitet also mit diesem Ansatz schon wesent-
- 23 -

lieh individualdiagnostischer als POPPELREUTER,


bei dem "der Mittelwert eines Konglomerats von
Einzelteilen"maßgebend ist (SCHLECHTINGER (191),
S. 5). Nun wird der gesamte Versuchsablauf als sol-
cher für eine bestimmte Aussage herangezogen :
"Neben der gemessenen Gesamtzeit findet er in der
Eigenart des Suchaktes etwas für die Aufmerksam-
keitsverteilung der zu prüfenden Person Typisches"
(SCHLECHTINGER (191), S. 5).

In der Folgezeit arbeiten mit dem von GRÜNBAUM


entwickelten Test drei Holländer weiter :

2.11 VAN DER HORST schreibt zu seiner V/eiterarbeit an


der Zahlentafel, er kenne keine Untersuchungsme-
thode, "die zo envoudig is als het cijferbord, dat
ik undertijd met GRÜNBAUM het opgestelt" (Zitat
nach RUTTEN (182), S. 29). Auch er betont abermals
das Untersuchungsprinzip mit den verschiedenen Be-
wußtseinsgraden in einer Instruktion :
"In deze proefopdracht zien we dus steeds verwis-
selen van de distributieve en geconcentreerde op-
merkzaamheid. Wat zoeven in de peripherie lag, de
distributieve opmerkzaamheid, is thans in het cen-
trum getrokken; dat wat zoeven centrale opdracht
was, moet tijdelijk onder de distributieve opmerk-
zaamheid worden vastgehouden" (Zitat nach RUTTEN
(182), S. 30).

Mittlerweile hat er die Protokollierung modifiziert


und notiert die Zeit in 30-Sekunden-Abständen, so-
daß aus den Ergebnissen nun eine Kurve entsteht,
aus der die Aufmerksamkeitsverteilung zu ersehen
ist. VAN DER HORST macht weiterhin auf die "catas-
trophale reacties" von 'Todstellreflexen1 aufmerk-
sam, die ihm bei Item-Zeiten von über 45 Sekunden
auffallen. Die von ihm ermittelte Durchschnitts-
zeit pro Test liegt bei 4,5 Minuten.

Abschließend zitiert RUTTEN (182) eine Feststellung


VAN DER HORSTs, "dat in velerlei opzieht dit onder-
zoek een blik geeft in den psychische toestand van
- 24 -

den persoon" (S. 30). - Die Psychological Abstract


1939 betonen, "this test enables one construct
attention curves for each 30-second-period" (100).

2.12 Als weiterer holländischer Autor arbeitet WATERNIK


(217) um 1946 mit dem GRÜNBAUMschen ' cigferbord':
seine Untersuchungen konzentrieren sich hauptsäch-
lich speziell auf die Konzentration der Aufmerk-
samkeit, einen Teilaspekt der ursprünglichen In-
tention. Für ihn ist die Zahlentafel ein Mittel,
das "het vermögen de opmerkzaamheid te concentreren".
Seine theoretische Ausgangsposition beruht auf der
Annahme, daß in derartigen Tests die Aufmerksam-
keit stark konzentriert (focussiert) werden muß.
Er ändert dementsprechend auch die Auswertungsme-
thodik und beschränkt sich weitgehend auf den o.g.
Teilaspekt der differentialdiagnostischen Möglich-
keiten, die GRÜNBAUM ursprünglich aufzeigte.

Hierzu merkt HÜTTEN (182) an:


"Meer dan specifieke Symptomen heeft WATERNIK ty-
pologische verschillen in de opmerkzaamheidconcen-
tratie uit het onderzoekresulstaat willen destil-
leren" (S. 32).

2.13 Als Dritter urteilt dann 1933 VAN EEKELEN (47)


über die von GRÜNBAUM entwickelte Methode:
"Zowel de geschoolde als de ongeschoolde, de intel-
ligente als de niet intelligente, de gestoorde als
de evenwichtige kunnen de instructie begrijpen en
de opdracht uitvoeren."
In dieser Aussage deutet sich bereits an, daß VAN
EEKELEN den Zahlentest vorwiegend bei Arbeitern an-
wendet; das auffallendste Ergebnis dieser Experi-
mente ist nach RUTTEN (182, S. 33) die Länge der
Bearbeitungszeit des Tests bei Arbeitern: sie be-
trägt durchschnittlich 8 Minuten im Gegensatz zu 4
bis 5 Minuten bei VAN DER HORST und WATERNIK.

Im Endresultat "demonstreerte 31 % van de onder-


- 25 -

zochten een volkomen intact, 59 % een foutloos


en 51 % een inzinkinvrij + onderzoekproces".

Besonders bedeutungsvoll erscheint VAN EEKELEN


die Differenzierung der von den Vpn gemachten
Fehlern, die auch später bei der Modifikation der
Zahlentafel durch KUTTEN in das Auswertungsschema
übernommen wird.

2.14 Zusammenfassung 2.11 - 2.13

Zusammenfassend ist in Anlehnung an HÜTTEN (182,


S. 34-36) festzustellen, daß VAN DER HORST am
ehesten die HauptIntentionen GRÜNBAUMs realisiert
hat, nämlich die Erfassung des dynamischen Zusam-
menspiels von "opmerkzaamheidsbundeling en -sprei-
ding".
Hierzu im Gegensatz stehen die Untersuchungsprak-
tiken WATERNIKs, die durch die einseitige Benennung
des Verfahrens als 'Aufmerksamkeitskonzentrations-
test' deutlich zum Ausdruck kommt; bei ihm werden
die diagnostischen Möglichkeiten betreffs der
"focus and field attention" keineswegs ausgeschöpft.

Einig sind sich alle drei holländischen Autoren


in der Schlußfolgerung des möglichen Zusammenhanges
von Aufmerksamkeitsstörungen und weniger 'günsti-
gen' Momenten in der Charakter- und Persönlichkeits-
struktur.

2.15 In seinem Beitrag zur Analyse der Aufmerksamkeit


(205) verwendet SÜLLWOLD 1954 neben weiteren kon-
zentrativen Testverfahren auch drei verschiedene
Suchtafeln. Ihm geht es primär um die Frage, ob
Begriffe aus dem Bereich der Aufmerksamkeit wie z.B.

"inzinkingen" sind sog. Paralysen, d.h. Item-


Zeiten über 45 Sekunden
- 26 -

"Umfang", "Konzentration", "Tenazität" und "Spal-


tung der Aufmerksamkeit" ihre Berechtigung haben
und welche Merkmale gegebenenfalls "für die Be-
stimmung adäquater Begriffe verwendet werden müs-
sen" .

Sein Ergebnis faßt SÜLLWOLD wie folgt zusammen :


". Faktor I bedeutet die Bedingung, in jedem Au-
genblick möglichst viele sinnliche Objekte
klar zu erfassen, möglichst viele Daten auf
einer hohen Bewußtseinsebene zu haben;
. Faktor II meint die Notwendigkeit, bestimmte
Vorstellungen auf dem höchsten Bewußtheits-
niveau zu halten, bestimmte Erwartungen bzw.
Vorwegnahmen auszubilden und für eine gewisse
Zeit aufrechtzuerhalten;
. Paktor III spielt eine Rolle in Situationen,
in denen mehrere geistige Tätigkeiten neben-
einander bzw. im stetigen unmittelbaren Nach-
einander zu verrichten sind, wobei ähnliche
Eindrücke bzw. Bewußtseinsinhalte gegeneinan-
der isoliert werden müssen; ..." (S. 510/511).
Hierbei ist anzumerken, daß der Faktor I mit den
höchsten Ladungen auf den drei untersuchten Tafeln
erscheint.

Im Versuch Nr. 1 befinden sich auf einer 40 x 32 cm


großen Tafel zahlreiche unregelmäßig angeordnete
Ziffern (s. Abb. 6). "Es ist ersichtlich, daß das
übrige Zahlensystem nicht vollständig vorhanden
ist, sondern daß an beliebigen Stellen Zahlen aus-
gelassen sind" (S. 499).

58 24 93
95 84 88 11 48
16 73 99 7 M 35
vv 7 50 74
52 3 66 D ß7 30
Abb 6 51 42 87
94 6414 90 17 56 63
91 39 43 " 78
54 26 67 86
37 n
A60 82 22Ll. ->A
34
- 27 -

Überspringt die Vp eine Zahl, wird sie per Signal


darauf aufmerksam gemacht und muß solange suchen,
bis die nächstfolgende Ziffer gefunden ist.
"Wir messen also faktisch die Zeit, welche die Vp
"benötigt, um alle vorhandenen Ziffern in der
richtigen Reihenfolge zu nennen und zu zeigen. Wenn
jemand nur flüchtig die Tafel ansucht und dabei
viele Fehler macht, so führt das automatisch zu
einer Verlängerung der Suchzeit" (S. 499).

Für Versuch Nr. 2 verwendet der Autor eine Tafel


derselben Größe wie oben mit sowohl Ziffern als
auch Buchstaben. Hierbei müssen erst sämtliche
Ziffern und anschliessend alle Buchstaben in der
richtigen Abfolge genannt und gezeigt werden.

Versuch Nr. 3 beinhaltet wieder eine reine Zahlen-


tafel, auf der diejenigen Ziffern, die dreimal
vorkommen, zu suchen sind. Der Vp ist bekannt,
dass nur eine Zahl mehrmals vorhanden ist.

38 10 71
77
" 78 45 " 95 36 54
60 46
42 67
51 62 48
" 34 4, '6 72
46 29 21 Abb. 7
58
i 22 16 39
74
30 Oo 5 3 18 2
66 63
5 33
41

In einer Variante dieses Versuchs verwendet SÜLL-


WOLD abermals eine gemischte Tafel mit Zahlen und
Buchstaben. Hierbei soll die Vp den doppelt vor-
handenen Buchstaben suchen; aus den Zeitwerten
beider Tafeln wird anschließend ein gemeinsamer
kombinierter Wert errechnet.
- 28 -

.2.16 Auf die bisher "bekannter Formen der Zahlentafeln


bezieht sich 1957 eine Dissertation von SCHLECH-
TINGER (191), die als Forschungsziel angibt:
. theoretische wie praktische Erschließung des
"charakterologischen Fundaments" bekannter Ver-
fahren ,
. Herausarbeitung "wesentlicher Bestandteile der
Persönlichkeitsstruktur nach typischen Verhaltens-
formen" .

Bei SCHLECHTINGER findet sich die Darstellung


einer Zahlentafel von HERWIG, der unter dem Ge-
sichtspunkt der in die berufliche Leistungs-
fähigkeit eingehenden Willensstruktur eine
strukturelle Aufhellung dieses Problems durch
den Einbau von Hindernissen in den Suchakt er-
wartet. Durch den Aufbau der HERWIGschen Tafel
werde "der normale Suchablauf, wie wir ihn als
Zusammenspiel einzelner seelischer Grundrich-
tungen, der spontanen Wachheit, der inneren Be-
wegtheit und der Gerichtetheit, kennengelernt
haben, mehrmals unterbrochen" (S. 12/13). Die
Folgerung lautet dementsprechend:
"Es wird nun entscheidend an der willentlichen
Steuerungsfunktion und ihrem Verhältnis zu den
eben genannten anderen psychischen Faktoren
liegen, wie die Hemmungserscheinungen überwunden
werden" (S. 13).

i
& 7
13
44
1Z 28 9 3l
M 3

3» 17 27
Z6 34 5 38 26 K

15 10 K 21
20

sr 29
i

W 4 31 13 25 33 23
iS

Abb. 8
- 29 -

Das Suchfeld von HERWIG hat eine Fläche von


55 x 81 cm, auf der die Zahlen von 1 - 38 in
Zeilen, jedoch unregelmäßig und unterschiedlich
groß dargeboten werden. Das Größenverhältnis be-
trägt 1 : 2 : 25 .-
Die Instruktion hierzu lautet:
"Auf dieser Tafel finden Sie alle Zahlen von 1
bis 38. Sie sollen diese der Reihe nach, bei 1
anfangend, heraussuchen, mit einem Stock anzeigen
und auch zugleich ansagen !" (S. 15).
Die Aussagekraft der Untersuchung bezieht sich auf
drei Wesensmerkmale des Probanten: . auf die Fähig-
keit zur Anpassung an Schwierigkeiten des Suchaktes,
. auf das Bemühen um die Überwindung der Schwierig-
keiten
. und die Art und Weise, in der der Wille zur An-
passung zum Ausdruck kommt.

Als Ergebnis wird anhand der Zeit- und Verhaltens-


protokolle eine "dreifache Gruppierung extrahiert
(S. 17, 21):
- Gruppe I: die Anpassungsfähigen (gut und sehr gut
praktisch Begabte)
- Gruppe II: die weniger Anpassungsfähigen (Über-
gangsgruppe)
- Gruppe III: die Schweranpassungsfähigen (durch-
schnittlich und weniger ausreichend
praktisch Begabte)
Nach SCHIECHTINGER bestätigt sich somit die Hypo-
these, daß bestimmte typische Verhaltensweisen in
engem Zusammenhang mit dem Suchverlauf stehen.-
SCHLECHTINGER setzt dann aber mit seiner Kritik
zum einen an der teilweise mangelnden Übereinstim-
mung der Ergebnisse des Zahlentests von HERWIG mit
dem übrigen Testmaterial an und betont weiterhin
die hohe Übereinstimmung geringer Suchzeiten mit
Zahlen in der Tafelmitte sowie der hohen Zeiten bei
Zahlen an der Peripherie.
Er modifiziert daraufhin das Größenverhältnis auf
1 : 4 : 16 und beschränkt sich auf zweistellige
- 30 -

Zahlen. Weiterhin paßt er sein Suchfeld dem


binokularen Suchfeld an und baut seine Zahlen-
tafel in ovaler Form auf. Zusätzlich läßt er das
bei HERWIG zur Abgrenzung der Zahlen gebräuchliche
Gitternetz künftig fort, da sonst "der Eindruck
entsteht, im Fluß des Suchens gehemmt zu sein"
(S. 25). Unter Berücksichtigung der o. g.
Kritikpunkte entsteht folgende Tafel von der
Größe 53 x 81 cm:

30
25
50 "a «
W31. % 13*34
Abb. 9


4l „ 2J
Nach einer ersten Vergleichsuntersuchung resümiert
SCHLECHTINGER: "Als Resultat können wir aufführen,
daß die Zeitverläufe an der Zahlentafel nichts Zu-
fälliges sind, sondern individuelles Gepräge
tragen, das bei Verwendung von Ziffern unterschied-
licher Größe deutlicher in Erscheinung tritt als
bei gleichgroßen Zahlen. Außerdem läßt sich die
enge Abhängigkeit des Suchaktes von der Persönlich-
keit sstruktur (...) erkennen" (S. 31). -
Auch eine zweite Untersuchung schließt er mit dem
Ergebnis ab, daß "sich also auch in diesem Falle
wieder die Kurvengestalt als etwas für die Person
Charakteristisches und Einzigartiges" erweist
(S. 32).

An dieser Stelle hat sich die Zahlentafel von ihrer


- 31 -

ursprünglichen Aufgabe einer Funktionsprobe der


individuellen Art der Aufmerksamkeit zu einem
Diagnosticum entwickelt, das auch Hinweise auf
bestimmte GrundStrukturformen der Persönlichkeit
gibt.

2.17 Zu dieser Entwicklung einer Zahlentafel durch


HERWIG und SCHLECHTINGER kritisiert HEFTSCHEL
1961 (94), daß sich der Proband bei diesem Test
allerdings in einer Suchsituation befindet, "die
von vornherein das Erfassen möglichst vieler
Objekte - was wir als ein wesentliches Kennzeichen
der Aufmerksamkeit kennengelernt haben - einengt"
(S. 61). Die Yp weiß genau, welche nachfolgende
Zahl sie zu suchen hat und wird nur durch die
Größenvarianz der Ziffern verunsichert. HENTSCHEL
meint, das Suchfeld bliebe daher in gewisser Weise
unbelebt, der Proband könne darüber hinweggehen,
da die konkrete Vorstellung der nächsten Zahl
"einen intensiveren inhaltlichen Bezug zu diesem
Feld erübrigt". Er bemängelt, daß nur eine ganz
bestimmte Zahl zu suchen ist und nicht mehrere
"auf einer hohen Bewußtheitsebene" gehalten werden
müssen, was doch gerade eine das Wesen der Aufmerk-
samkeit ausmachende Variable sei.

Aus diesem Ansatz entwickelte HENTSCHEL nun ein


räumlich nahezu gleich aufgebautes Suchfeld mit 40
Zahlen von 11 bis 98, wobei die Reihenfolge ver-
schiedentlich unterbrochen ist.

a*'"iB2j)44 „ " S O "M 1 3


33 15

<s „ Q II /V* 23 /"l " rn 23 \l

Abb. 7. HERWiosche Zahlentafel. Abb. 8. HEurscHELsche Zahlentafel.

Abb. 10
- 32 -

Die Yp weiß, daß die in aufsteigender Reihen-


folge zu nennenden Zahlen nicht lückenlos auf-
einander folgen; bei Auslassen einer Zahl wird
sie sofort darauf hingewiesen.
Neben der "Abschätzung der Kurve für die einzel-
nen Suchzeiten" wird die Leistung nach Gesamt-
zeit und Fehlerzahl bewertet.

Natürlich provoziert hier das Suchfeld einen


intensiveren und differenzierteren Aufmerksam-
keitseinsatz, was auch dem Charakter der tat-
sächlichen Aufmerksamkeitsbeanspruchung bei be-
stimmten realen Aufmerksamkeitsanforderungen,
auf die die Probe abgestimmt ist, besser ent-
spricht" (S. 62).

2.18 Im Jahre 1964 legt RUTTEN (182) eine Dissertation


zur Modifikation des Zahlentests nach GRÜNBAUM
vor. Er geht hierbei von folgenden Gesichtspunk-
ten aus (nach RUTTEN und BLOCK (184), S. 3):
1. Eliminierung der Variable Tageslicht und an-
derer visueller Stimuli, die den Aufmerksam-
keitsprozeß und dessen Messung stören.
2. Einführung von Farben mit der Möglichkeit,
hierdurch emotionale Erfahrungen zu provozie-
ren.
3. Detailliertere Auswertungsmethoden (wie z.B.
Notieren ,1eder einzelnen Item-Zeit), die eine
chronographische Aufzeichnung zur psychodiag-
nostischen Differenzierung beinhalten.
4. Exaktes Erfassen der Vielzahl von "omissive,
abusive and erratic forms of attention defect".
5. Einfache Komplexitätssteigerung der Aufgabe
ohne Erhöhung des Schwierigkeitsgrades mit
dem Ziel, die dynamische Interferenz von "field
and focus attention" zu intensivieren.

Die Zielsetzung RUTTENs verfolgt die Tradition


GRÜNBAUMs et al.: das, was nunmehr durch den neu-
en Test gemessen wird, benennt er mit einem spezi-
fischen Terminus: "Attentivität". Dieses Konstrukt,
entstanden aus der lateinischen Wurzel "attendere",
beinhaltet nun 4 Punktionen, nämlich "bemerken,
opmerkzaamheid, oplettendheid en aandacht".

m i
RED 34 19 42 54 45

YELLOW 26 IG 39 28 57

GREEN 40 35 14 56 30
ADM H
WHITE 12 29 44 51 23
RED 39 15 28 45 18
BLUE 50 43 36 24 11 White 10 11 12 13 14
YELLOW 24 33 46 51 40
RED 37 20 55 32 47 Blue 15 16 17 18 19
GREEN 54 42 10 12 30
YELLOW 25 41 17 53 38 Red 20 2l 22 23 24

WHITE 13 25 48 37 21
GREEN 13 22 48 10 58 Green 25 26 27 28 29
BLUE 19 55 17 59 14
WHITE 52 18 21 31 46 Yellow 30 3l 32 33 34
RED 31 11 26 23 24
BLUE 27 49 33 15 59 White 35 36 36 38 39
YELLOW 38 20 56 49 44
Blue 40 4i 42 43 44 i
GREEN 43 29 52 41 27
Red 45 46 47 48 49
WHITE 47 58 16 32 22
Green 50 5l 52 53 54
BLUE 53 36 50 57 35 1
Yellow 55 56 57 58 59

Abb. 11
- 34 -

Das "bemerken" ist bei KUTTEN als Bewußtseinsan-


teil aufzufassen und dem 'Gewahrwerden' ("gewaar-
wording") zuzuordnen - nicht jedoch dem 'Wahr-
nehmen' ("waarneming"), da dies einen intentiona-
len Akt beinhaltet.
"Bemerken geschiedt in de sfer van een subjectieve
wijze van zijn en (pre)formeert gewaarwording" (S. 184)

Die "opmerkzaamheid" als nächstfolgende Bewußtseins-


stufe hat nun ihrerseits tendenziell intentionalen
Ch^arakter auf dem Niveau des sensitiven Bewußt-
seins :
"Opmerkzaamheid ligt merendels in het overgangsge-
bied van gewaarwordings- naar waarnemingsbewustzijn
(markerende attentivifeit)" (S. 184).

Die "oplettendheid" besteht in einer distanzierten,


auf das Objekt gerichteten intentionalen Aktion,
in der das kognitive Moment gegenüber dem Niveau
des apperzeptiven, praereflexiven Bewußtseins über-
wiegt. Synonym ist dieses Konstrukt damit als 'ziel-
gerichtete Aufmerksamkeit' ("doelgerichte activi-
teit") oder 'Konzentration' zu übersetzen. Auf die
Dauer kann"oplettendheid" auf der Basis des prae-
reflexiven Bewußtseins zu einem "geautomatiseerd tot
stand körnen".

"Aandacht" ist definiert als verstandesmäßig-inten-


tionaler Akt des reflexiven, repräsentativen Bewußt-
seins. Die Übersetzung 'Besinnung' gibt den Aspekt
des 'Denkens-an-etwas' oder 'In-Gedanken-bei-etwas-
verweilen1 wieder.
"Het is de meest gedifferentieerde modaliteit van
attentief bewustzijn" (S. 185).

2.19 In einer Untersuchung zum Einfluß des Lebensalters


auf das Leistungsvermögen von Kraftfahrern verwen-
det WEBER (218) 1973 u.a. auch eine Zahlentafel;
- 35 -

Ziel seiner Versuche ist die Überprüfung der Um-


stellfähigkeit in der Aufmerksamkeit und des
Überblicks.

Auf dem vorgegebenen Suchfeld (60 x 60 cm) sind


die Zahlen von 11 bis 50 unregelmäßig verteilt;
ihre Höhe variiert zwischen 1 1 , 18 und 36 crn.
Aufgabe der Pbn ist es, "so schnell wie möglich
alle Zahlen in ihrer Reihenfolge zu suchen".

Im Untersuchungsergebnis "zeigte sich bei allen


Variablen eine relative Leistungskonstanz (...)
bis zum 45. Lebensjahr. Das nächste LebensJahrzehnt
bringt für die optische Orientierung und das
Reaktionsvermögen eine deutliche und signifikante
Leistungsminderung ..." (S. 216). Im Hinblick auf
den Einfluß des Alters auf den Überblick und die
Umstellungsfähigkeit ergibt sich ein signifikanter
Unterschied zwischen den Gruppen 46-55 Jahre und
56-65 Jahre, wobei die Mindestnorm deutlich über-
schritten wird.
LITERATURVERZEICHNIS

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