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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 25.1.2007 23. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Sie waren gegen die Osterweite- verloren geht. Dies wäre der Fall, wenn
rung der EU und den Beitritt Ru-
mäniens und Bulgariens. Nun-
mehr haben sie unmittelbar davon profi-
tiert: Dank der Präsenz rechtsextremer
Abgeordneter in den Delegationen, die
die beiden neuen Mitgliedsländer seit 1.
Januar 2007 ins Europaparlament (EP)
entsenden, konnten die rechtsextremen
Parteien dort nunmehr erstmals seit 1994

wieder Fraktionsstärke erreichen. Am


Montag, den 15. Januar 2007 konnte der
Chef des neuen transnationalen Zusam-
menschlusses unter dem program-
matisch-ideologischen Namen “Identität,
Tradition, Souveränität“ (IST), der Fran-
zose Bruno Gollnisch, in Strasbourg 20
Unterschriften von Abgeordneten vorle-
gen. Zur Bildung einer Fraktion sind
mindestens 19 Europaparlamentarier er-
forderlich. Gollnisch ist gleichzeitig die
“Nummer zwei“ in der Parteihierarchie
des französischen Front National (FN)
hinter dessen Chef Jean-Marie Le Pen.
5 von 53 Europaparlamentariern aus
den beiden neu beigetretenen Ländern
gehören zur extremen Rechten in Gestalt
der Großrumänienpartei (PRM) und der
bulgarischen Partei Ataka (Angriff). Im
Mai 2007 werden die rumänischen und
bulgarischen Stimmbürger ihre Abgeord-
Inhalt: neten im EP direkt wählen. Aber im Mo-
Führungskrise bei der ment wird eher befürchtet, dass die Prä-
Hamburger NPD . . . . . . . . . . . . . . 8 senz der extremen Rechten dann noch
Französische Rechte und stärker ausfallen könnte. Umgekehrt
das „Recht auf Wohnung“. . . . . . 9 würde ihre Schwächung aber bedeuten,
dass dem neuen Zusammenschluss mög-
licherweise der Fraktionsstatus wieder
tere unter ihrem damaligen Chef Franz Lega Nord ist nun auch nicht dabei. Viel- richtet. Im Interview mit der Springerzei-
Schönhuber den „deutschen Charakter mehr hat sie Kontakt zu den nationalkon- tung ,Die Welt‘ vom 9. Januar 07 erklärt
Südtirols“ betonten. Zudem interessier- servativen „Souveränisten“ – wo unter der FPÖ-Europaparlamentarier Andreas
ten sich die MSI-Parlamentarier, die oft anderem der französische Rechtskatholik Mölzer denn auch zu diesen Fragen, und
aus Süditalien und damit einer Auswan- Philippe de Villiers im EU-Parlament namentlich im Hinblick auf die Differen-
derungsregion kamen, nicht so sehr für sitzt – geknüpft. zen zwischen Jean-Marie Le Pen und der
das „Einwanderungsproblem“ wie REPs Allerdings ist der Absprung der Lega Lega Nord: „Sie müssen bedenken, dass
und FN. Nachdem italienische und west- Nord möglicherweise nicht nur auf die die rechtsdemokratischen Parteien sehr
deutsche Europaparlamentarier sich hef- mangelnde „Salonfähigkeit“ der bulgari- unterschiedlich sind – es gibt Föderalis-
tig beharkten, ergriffen die Franzosen schen Ataka-Partei mit ihren brutalen ten, Separatisten und Nationalisten. Es
schließlich Partei für die „Republika- Anti-Roma-Sprüchen zurückzuführen, gibt da einen Minimalkonsens der Partei-
ner“. Aber die kamen bei der Neuwahl sondern auch auf inhaltliche Profilunter- en über zentrale Themen. Wir sind gegen
1994 nicht wieder ins Europaparlament. schiede zu anderen Teilnehmern. Im Ja- den Beitritt der Türkei, stellen uns gegen
Unterschiede im politischen Profil nuar verlautbarte etwa, die Lega Nord Massenzuwanderung und sind für die
habe auch politische Schwierigkeiten mit Förderung europäischer Familien.“
Noch ist nicht klar, ob der neue Zusam- Jean-Marie Le Pen angemeldet, da dieser Was jedoch gegen einen raschen Wie-
menschluss nicht wieder ein ähnliches eher für einen zentralistischen National- der-Auseinanderfall des neuen Zusam-
„Schicksal“ ereilen könnte, wie die Frak- staat eintritt, die norditalienische „Liga“ menschlusses spricht, ist die Tatsache,
tion von 1994. Im Vorfeld der Konstituie- dagegen für eine maximale Autonomie dass der frisch errungene Fraktionsstatus
rung der neuen Fraktion hatte es noch der Regionen. Vertritt diese Organisation ihnen bedeutende finanzielle und person-
Streit gegeben: Eine österreichische Ta- doch einen rassistisch eingefärbten Parti- nelle Mittel garantiert. Die zusätzlichen
geszeitung hatte Anfang Dezember 2006 kularinteressen-Egoismus im Namen des Zuwendungen für ihre gemeinsame Ar-
gemeldet, dass die Belgier vom Vlaams reicheren Norditalien, der sich ebenso beit im Europaparlament, auf die die
Belang sowie die italienische Lega Nord gegen die „armen Schlucker“ im Süden rechtsextremen Abgeordneten nun ein
Bedenken gegen die Beteiligung der bul- Italiens und das „gefräßige Rom“ („das Anrecht erworben haben, werden auf
garischen rabiat-nationalistischen Ataka uns unsere Steuergelder wegnimmt“) als eine Million Euro geschätzt.
angemeldet hätten. (Wir berichteten) Die auch gegen unerwünschte Einwanderer Bernhard Schmid, Paris ■

Kundgebung vor Neo-


nazi-Praxis
Start in den Kommunal-
Köln. Gut 60, in der Mehrheit junge
Menschen aus dem antifaschistischen
wahlkampf!
Neonazistische Großveranstaltung in München am 28. Januar 2007!
Spektrum hatten sich am Freitag, dem
12. Januar auf dem Neusser Platz in München. Unter dem Titel „9. Nationaldemokraten Bayerns, Norman
Köln-Nippes versammelt, um die Be- politisches Neujahrstreffen“ wol- Bordin.
wohner(innen) des Agnesviertels auf len die „Deutsche Partei“ und die Beim letztjährigen „8. politischen
einen mehr als dubiosen Nachbarn auf- „Bürgerbewegung Pro München“ am Neujahrstreffen“ hatte Carsten Beck,
merksam zu machen: Benedikt Frings, Sonntag den 28. Januar 2007 eine Saal- ehemaliger Münchner Stützpunktleiter
Facharzt für Psychiatrie und Psycho- veranstaltung an einem bislang nicht öf- der JN und aktuelles Vorstands- mitglied
therapie, Geschäftsführer der Kölner fentlich gemachten Ort in München ver- von „Pro München e.V.“ das neueste
NPD und Teilnehmer an der „Holo- anstalten. Laut eigener Ankündigung Sammlungsprojekt der extremen Rech-
caust-Konferenz“ in Teheran. werden „viele Spitzenfunktionäre natio- ten Münchens den Anwesenden vorge-
Der Neonazi, gegen den seit mehr als nal- freiheitlicher Parteien und Organisa- stellt. Vor zwei Jahren (2005) sorgte das
einem Jahr bei der Staatsanwaltschaft tionen“ als Teilnehmer erwartet. Als „7. politische Neujahrstreffen“ mit meh-
Köln eine Anzeige wegen Volksverhet- Redner werden bislang genannt: reren hundert Teilnehmerinnen und Teil-
zung vorliegt, hatte im Fernsehen ver- Harald Neubauer (extrem rechter Mul- nehmern im Hotel-Gasthof zur Post in
raten, eine solche Konferenz, die leider tifunktionär), Ulrich Pätzold (Vorsitzen- München-Pasing für erhebliches Aufse-
in Deutschland nicht stattfinden könne, der der Deutschen Partei), Rüdiger hen. Organisiert vom mittlerweile ver-
habe er sich schon als Kind erträumt. Schrembs (NPD, Pro München) sowie storbenen Münchner Stadtrat Johann
Die Teilnehmer(innen) der Kundge- Thomas S. Fischer (Witikobund, Pro Pius Weinfurtner und behütet von Mit-
bung, die interessierten Anwohner(in- München). gliedern der „Kameradschaft München“,
nen) und die massenhaft anwesenden Fischer wird in der Einladung weiter- die den Saalschutz stellten, unterzeich-
Polizisten wurden in drei Reden über hin als CSU-Mitglied angepriesen, ob- neten Vertreterinnen und Vertreter diver-
Frings und dessen Machenschaften in- wohl laut Zeitungsberichten die CSU be- ser extrem rechter Organisationen und
formiert. Zu tun hatte die Polizei we- hauptet, ihn im Sommer 2006 aus der Parteien das so genannte „Münchner Be-
nig; lediglich einige Neonazis, die pro- Partei ausgeschlossen zu haben. kenntnis“. In diesem erklären sie ihren
vozierend Antifaschist(inn)en fotogra- Als Moderatoren sollen der Deutsche Willen zu einem gemeinsamen Handeln
fieren wollten, suchten immer mal wie- Partei Funktionär Wolfgang Bukow und der „nationalen Opposition“.
der Hilfe bei den Ordnungshütern, der Vorsitzende des NPD-Bezirksver- Eine ähnlich propagandistisch aufge-
wenn sie höflich aber bestimmt des bands Oberbayern, Roland Wuttke, fun- zogene Aktion dürfte auch dieses Mal
Platzes verwiesen werden sollten. gieren. Beide gehören auch zu den Grün- geplant sein. Der Kommunalwahlkampf
Für die Antifaschist(inn)en bildete dungsmitgliedern von „Pro München“. ist eröffnet und „Pro München“ benötigt
die Kundgebung in unmittelbarer Nähe Die „Bürgerbewegung Pro München“ für die Teilnahme an den Wahlen 1000
von Frings‘ Praxis den Auftakt zu einer plant eine Kandidatur bei der Kommu- Unterschriften.
Reihe von Aktivitäten, mit dem Ziel, nalwahl in München im März 2008. aida-Presseinformation vom 19. Janu-
dem Neonazi das Handwerk zu legen. Ebenfalls Mitglied bei „Pro München“ ar 2007, Gregor Lewin
tri ■ ist der Anführer der „Kameradschaft mail: gregor.lewin@aida-archiv.de
München“ und Vorsitzende der Jungen Internet: www.aida-archiv.de ■

2 : antifaschistische nachrichten 2-2007


: meldungen, aktionen
Reichsreferentin Jutta Rüdiger und des
NS-Jagdfliegers Hajo Herrmann.
Geschäftsführer der Firma in Gescher
ist Johannes Haneke. Ihm steht als Pro-
Small-Talk mit Töpfer gruß für den FDP-Politiker Otto Graf kurist Karl Höffkes aus Dorsten zur Sei-
Grevenbroich/Berlin. Erneut kommt Lambsdorff. Geschrieben von Detmar te. Höffkes gehörte in den 80er Jahren
der selbsternannte „Nationalanarchist“ Doering, Leiter des „Liberalen Instituts“ dem Vorstand der neofaschistischen „Ge-
Peter Töpfer in der von Andre F. Licht- der FDP-nahen „Friedrich-Naumann- sellschaft für freie Publizistik“ an, war
schlag aus Grevenbroich herausgegebe- Stiftung“ und zugleich Mitglied des Re- Autor in der aus dem „nationalrevolutio-
nen Zeitschrift „eigentümlich frei“ zu daktionsbeirates der „eigentümlich frei“. nären“ Spektrum kommenden Zeitschrift
Wort. Töpfer hatte als einköpfiges „Na- Neben Werbung für das „Liberale Insti- „Wir Selbst“ und im einschlägig rechten
tionalanarchistisches Kommunikaze- tut“ der FDP-nahen Stiftung, für die „Arndt-Verlag“. Bis 2005 hatte im Fir-
Kommando Germar Rudolf / Internatio- „Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft“ mengebäude von „Polar Film“ auch die
nale Brigade“ an der Holocaustleugner- und das „Liberale Institut“ in Zürich fin- „Dokuvision GmbH“ ihren Sitz, die die
Konferenz in Teheran teilgenommen. den sich in dem Heft auch Anzeigen für Produktion von Bild- und Tonträger als
Das Interview mit dem Querfront-Akti- den Kopp-Verlag (Rottenburg) und den Gegenstand ihrer Tätigkeit ansieht. De-
visten, so die Zeitschrift, sei „gerechfer- Rüggeberg-Verlag (Wuppertal), die ver- ren Geschäftsführer ist Kristof Berking
tigt“, weil „in den Mainstreammedien schwörungstheoretische Schriften aller aus Hamburg. Berking war in den 90er
die Holocaust-Konferenz bewusst falsch Art anbieten. Für den, der eh schon alles Jahren Autor in der „Jungen Freiheit“
dargestellt wurde“. Lobende Worte für hat, gibt es die hauseigene Luxus-Kra- und Landesvorsitzender des extrem rech-
den kürzlich verstorbenen chilenischen watte im „Lightbeat Capitalist’s Fa- ten „Bund Freier Bürger“ (BFB). Im ver-
Ex-Diktator Pinochet findet der Gründer shion“-Style in einer limitierten Auflage gangenen Jahr hatte er den „Junge Frei-
der „Monarchieliga“, Martin Möller. Der von 99 Stück zum Stückpreis von 62 heit“-Appell „für die Pressefreiheit“ un-
blutrünstige Tyrann sei „ein nobler Euro. Um die Zeitschrift gruppieren sich terzeichnet. Bis 2001 waren Haneke und
Mann, ein Ehrenmann und echter Libera- mittlerweile 17 „Libertäre Stammti- Höffkes Prokuristen bei der „Dokuvision
ler“ gewesen, so Möller und „Freiheit sche“, an denen Menschen „inmitten der GmbH“, die nun ihren Sitz in Hamburg
und Wohlstand Chiles waren sein Anlie- neosozialistischen Republik“ nach „libe- hat. hma ■
gen“. Was für Möller Pinochet ist für Re- ralen und libertären Alternativen su-
zensent Thomas Klein der NS-Künstler chen“, so das Blatt. hma ■ Generalmajor a. D. Schultze-
Arno Breker. In seiner Besprechung des
Buches „Arno Breker. Ein Leben für das Rhonhof – ein geachteter
Rechte Geschichte(n) auf
Schöne“ des Franzosen Dominique Egret Rotarier
nimmt er Breker vor antifaschistischer DVD Stade. Die VVN-BdA Kreisvereinigung
Kritik in Schutz. Breker, der 1965 Ehren- Gescher/Hamburg. „In Nürnberg sollte Stade protestierte am 27.12.2006 mit fol-
mitglied der neofaschistischen „Deut- Recht gesprochen werden, doch es war gendem Schreiben an den Rotary Club
schen Kulturgemeinschaft europäischen Siegerjustiz“, so der Pressesprecher der Buxtehude gegen einen geplanten Vor-
Geistes“ (DKEG) wurde, sei „ein edler, „Landsmannschaft Ostpreußen“, Bern- trag von Generalmajor a. D. Gerd Schult-
rechtschaffener und untadeliger hard Knapstein, in einem Beitrag im ze-Rhonhof: „Sehr geehrte Herren, die
Mensch“ gewesen. „Ostpreußenblatt/PAZ“ zum Ende des VVN-Bund der Antifaschisten Kreisver-
EU-Kritik von rechts gibt es u.a. im Jahres 2006. Der „Nürnberger Prozeß einigung Stade protestiert gegen die Ein-
Interview mit Paul Belien und Alexandra taugt jedenfalls nicht als Maßstab für in- ladung von Generalmajor a. D. Gerd
Colen aus Belgien, das Dr. Hardy Bouil- ternationale Strafgerichtshöfe“, so Knap- Schultze-Rhonhof zum 13. Februar 2007
lon führt. Der ehemalige „Criticon“-Au- stein über den DVD-Film „Death by beim Rotary Club Buxtehude. Das The-
tor gehört heute dem Redaktionsbeirat Hanging. Tod durch den Strang. Nürn- ma des Treffens wird in Ihrer Programm-
der „eigentümlich frei“ an. Belien ist He- berger Prozess: Recht oder Rache?“, der vorschau seltsamerweise mit einem „?“
rausgeber des englischsprachigen On- von der Firma „Polar Film + Medien angegeben.
line-Magazins „The Brussels Journal“ GmbH“ im westfälischen Gescher ver- Generalmajor a. D. Gerd Schultze-
mit angeblich 300 000 LeserInnen pro trieben wird. Rhonhof hat 2003 sein Buch „1939 –
Monat. Das sieht Wohlfahrtsstaat und Zu Wort kommen in dem Film „Exper- Der Krieg, der viele Väter hatte“ veröf-
Nationalstaat in Belgien im Niedergang ten“ wie der ehemalige Gorbatschow- fentlicht. In diesem Buch stellt er Nazi-
und befürwortet „eine Rückkehr zum Berater Wjatscheslaw Daschitschew, Deutschland als einen Zufluchtsort für
Rechtsstaat und zu konservativen Wer- heute gern gesehener Referent bei der hunderttausende Juden aus Polen dar. Er
ten“. Belien war auch Mitbegründer der DVU und Autor in der „Deutschen Na- behauptet: „... dass in den Jahren 1933
rechten Brüsseler Denkfabrik „Centre tionalzeitung“, der „Junge Freiheit“-An- bis 557.000 Juden ihr polnisches Hei-
for the New Europe“ (CNE), das er über walt Alexander von Stahl, der Historiker matland verlassen und Zuflucht im be-
viele Jahre leitete. Für Belien ist das Prof. Franz Seidler, 2005 Referent bei nachbarten Deutschland 1938 suchen“.
Schicksal Belgiens und der EU eng mit- der neofaschistischen „Gesellschaft für „Schultze-Rhonhofs dürre Bilanz
einander verbunden: „Wenn Flandern freie Publizistik“ und der Völkerrechtler stellt die Ergebnisse der seriösen For-
und Wallonien sich friedlich trennten“, Alfred Maurice de Zayas, ein häufig ge- schung auf den Kopf“ urteilt die Frank-
so Belien, „würde dies auch zeigen, das sehener Gast beim „Bund der Vertriebe- furter Allgemeine Zeitung am 26.11.
die EU nicht funktioniert“. Beliens Frau, nen“ und seinen Landsmannschaften. 2003 unter der Überschrift „Abstruses
Alexandra Colen, sitzt für die extrem Die DVD-Dokumentation über den zur Vorgeschichte des Zweiten Welt-
rechte „Vlaams Belang“ im belgischen Nürnberger Prozeß ist nur eine von zahl- kriegs“ über das Buch und Die Welt er-
Parlament. Für die steht der Kampf ge- reichen Geschichts-Hörbüchern bei „Po- wähnt das Buch am 20.11.2003 unter der
gen den belgischen Staat und den Zuzug lar Film“. Das Hörbuch „Der zweite Überschrift „Der Stoff, aus dem die My-
von Ausländern ohnehin ganz oben auf Dreißigjährige Krieg“ des rechten Gene- then sind“. Schultze-Rhonhof ist mit sei-
der Liste. In der gleichen Ausgabe der ralmajors a.D. Gerd Schultze-Rhonhof ner Sichtweise allerdings gern gesehener
Zeitschrift, die sich im Untertitel als „in- findet man dort ebenso wie die Erinne- Gast bei einer Vielzahl von Veranstaltun-
dividualistisch kapitalistisch libertär“ be- rungen des ehemaligen NS-Reichsju- gen der extremen Rechten. Er war z.B.
zeichnet, findet man einen Geburtstags- gendführers Artur Axmann, der BDM- am 16.02.2005 Redner bei der „Münch-

: antifaschistische nachrichten 2-2007 3


ner Winterakademie“. Was der General gen die Angeklagten im Alter von 81 bis FN-Vizechef Bruno Gollnisch
über das „Zusammenspiel von kapitalis- 88 Jahren. Sieben Angeklagte wurden wegen Holocaust-Leugnung
tischen und kommunistischen Juden hin- freigesprochen. Der Prozess wegen des
ter Roosevelt und Stalin denke“, wollte Massakers von Marzabotto wird seit ei- verurteilt
ein junger Mann im Publikum wissen. nem Jahr in Abwesenheit gegen 17 ehe- Lyon. Die „Nummer Zwei“ in der Par-
„Ich habe dazu natürlich meine eigene malige SS-Angehörige vor dem Militär- teihierarchie des französischen Front Na-
Meinung, aber wenn ich die äußern wür- gericht in La Spezia geführt. Der Militär- tional (FN), Bruno Gollnisch, ist am
de, hätte ich das ganze Buch nicht veröf- staatsanwalt Marco di Paolis hat für 15 Donnerstag, den 18. Januar 2007 wegen
fentlichen können“, war Schultze-Rhon- Angeklagte eine lebenslängliche Haft- Holocaustleugnung in erster Instanz
hofs Antwort. strafe gefordert, in zwei Fällen hat er für strafrechtlich verurteilt worden. Goll-
Im Jahr 2006 trat Schultze-Rhonhof Freispruch plädiert. nisch, der aufgrund seiner Äußerungen
auf mehreren geschlossenen Veranstal- Die Männer waren an dem Massaker zur Judenvernichtung vom Oktober 2004
tungen des revisionistischen Verlegers der 16. SS-Panzergrenadierdivision bereits für die Dauer von fünf Jahren
Sudholt vom Druffel & Vowinckel-Ver- „Reichsführer SS“ Ende September 1944 vom Hochschuldienst (als Juraprofessor
lag auf. Diese „Zeitgespräche“ mit dem beteiligt, an dem 955 Menschen, über- an der Universität Lyon-III) suspendiert
Titel „Wollte Adolf Hitler den Krieg“ wiegend Frauen, Kinder und alte Men- worden ist, erhält drei Monate Haft, die
sind mittlerweile auf einer DVD erhält- schen in Marzabotto nahe Bologna er- zur Bewährung ausgesetzt werden. Fer-
lich. Laut Verlagsankündigung“... spre- mordet wurden. In Italien wurden ner muss er eine Geldstrafe von 5.000
chen drei renommierte Autoren unzen- 1944/45 über 10.000 Zivilisten durch Euro zahlen. Hinzu kommen Schadens-
siert, hochqualifiziert und ohne Angst NS-Truppen getötet, wobei die 16. Pan- ersatzzahlungen in Höhe von 55.000
vor irgendwelchen Korrektheiten des zergrenadierdivision alleine für über Euro, die er an die neun Nebenkläger
Zeitgeistes über die Kriegsschuldfrage“. 2000 Morde verantwortlich ist. Marza- (Menschenrechts-, antirassistische und
... Wir erwarten von Ihnen, dass der botto steht in Italien als Synonym für jüdische Gruppen) abführen muss.
Rotary Club Buxtehude Generalmajor a. diese NS-Verbrechen an der Zivilbevöl- Am 11. Oktober 2004 hatte Bruno
D. Schultze-Rhonhof kein Forum für sei- kerung. Der Hauptverantwortliche für Gollnisch am Parteisitz des FN in Lyon,
ne abstrusen Sichtweisen gibt, und dass das Blutbad, Walter Reder, war bereits wo er u.a. Regionalparlamentarier und
Sie ihn ausladen.“ 1951 von einem Militärgericht in Bolog- Bezirksvorsitzender des rechtsextremen
Der Präsident vom Rotary Club Bux- na zu lebenslanger Haft verurteilt wor- FN ist, bei einer Pressekonferenz erklärt,
tehude antwortete am 28.12.2006: den und 1985 wieder freigekommen. er stelle nicht in Frage, dass Millionen
„Gerd Schultze-Rhonhof ist ein lang- Das Marzabotto-Verfahren ist das Menschen in den NS-Vernichtungslagern
jähriges und außerordentlich geachtetes größte, aber nicht einzige Verfahren we- gestorben seien. Aber er fügte hinzu:
Mitglied unseres Clubs. Ihre Anschuldi- gen NS-Verbrechen in Italien in den letz- „Was die Art und Weise betrifft, wie die
gungen sind abstrus, ebenso wie Ihre im ten Jahren. Zu zwei dieser Verfahren: Im Leute gestorben sind, muss die Debatte
letzten Absatz geäußerte „Erwartenshal- Juni 2005 wurden zehn ehemalige SS- stattfinden (können)“. Ob es Gaskam-
tung“. ... Als Präsident des Clubs ver- Soldaten der gleichen SS-Division we- mern zum Zwecke der Vernichtung von
wahre ich mich im Namen aller Mitglie- gen des Massakers von Sant’Anna di Menschenleben gegeben habe oder nicht,
der gegen Ihre Unterstellungen und for- Stazzema zu lebenslanger Haft verurteilt. vermöge er nicht zu beantworten, denn
dere Sie auf, uns zukünftig mit Ihren Im Falle des Massakers von Civitella er sei „kein Spezialist für diese Frage“.
Ausführungen zu verschonen.“ wurde zudem die Bundesrepublik Und: „Ich denke, man muss die Histori-
Der Governor im Rotary Distrikt be- Deutschland als Gesamtschuldner zu ei- ker darüber diskutieren lassen. Und diese
ruft sich in einem Schreiben vom 4. Ja- ner Entschädigung von etwa einer Mio. Diskussion sollte frei stattfinden.“ Die
nuar 2007 an die VVN-BdA Stade auf Euro verurteilt. gewählte Formulierung lässt eindeutig
die Eigenständigkeit und Eigenverant- Trotz der verschiedenen Prozesse in die Interpretationsmöglichkeit offen,
wortlichkeit der Clubs und stellt fest: Italien mit Verurteilungen wurde in dass die „Millionen Tote“ beispielsweise
„Ich kann derzeit nicht erkennen, dass Deutschland bisher nicht in einem dieser an einer Epidemie gestorben seien, und
der R.C. Buxtehude unser Regelwerk Fälle Anklage wegen Massakern an der dass die Gaskammern in Wirklichkeit
missachtet. Die von Ihnen erwähnte Ver- Zivilbevölkerung erhoben. dazu gedient hätten, Flöhe (als Überträ-
anstaltung des Clubs am 13. Februar ist Obwohl der ehemalige Bundespräsi- ger der Typhuskrankheit) zu töten. Letz-
ein interner, nicht öffentlicher Termin, dent Johannes Rau im Jahr 2002 in Mar- teres behauptete der Negationist (franzö-
der für Einflussnahme von außerhalb zabotto „Trauer und Scham“ bekundete sische Bezeichnung für Auschwitzleug-
völlig ungeeignet ist.“ und der ehemalige Innenminister Otto ner) Jean Plantin in einer Abschlussar-
Der Verleger Sudholt hat für den 25. Schily 2004 in Sant’Anna von einem un- beit für die Universität Lyon-III im Jahr
März 2007 im Großraum Hamburg ein verzeihlichen Verbrechen sprach, hat 1999, die ihm jedoch inzwischen aber-
„Zeitgespräch“ mit Schultze-Rhonhof sich der Umgang mit NS-Verbrechen in kannt worden ist. Schon wieder die
und anderen Autoren angekündigt. The- Deutschland nicht geändert. Gegenüber Hochschule Lyon-III... Diese bildete
ma der geschlossenen Veranstaltung soll den Opfern von NS-Massakern verwei- noch in jüngerer Vergangenheit einen
sein: „Wer wollte den zweiten Welt- gert die Bundesregierung die zugespro- Hort für Rechtsextremisten und Holo-
krieg? Kriegsursachen 1939/41“. chene Entschädigung, wie im Fall des caustleugner. Inzwischen versucht die
Michael Quelle, VVN-BdA Stade ■ Massakers in griechischen Distomo. Ge- Verwaltung jedoch, diesen Eindruck zu
genüber den verurteilten Kriegsverbre- korrigieren, unter anderem indem sie
Urteil zum Massaker von chern betreiben die deutschen Staatsan- Gollnisch im Frühjahr 2005 für fünf Jah-
wälte Ermittlungen ohne anzuklagen. re vom Dienst entband, bei Kürzung sei-
Marzabotto 1944 Die Initiative zur Anklageerhebung im nes Professorengehalts um die Hälfte.
Rom. Zehn ehemalige SS-Angehörige Fall von Sant’Anna spricht von „ermit- Der Prozess gegen Bruno Gollnisch
sind am Samstag in Italien wegen ihrer telnden Täterschutz“. hatte am 7. und 8. November 2006 statt-
Beteiligung an einem Massaker 1944 zu Vertreterinnen der Initiative beobach- gefunden. Aus taktischen Gründen hatte
lebenslanger Haft verurteilt worden. Wie teten in La Spezia den Prozess. Gollnisch damals die Realität des Holo-
die Nachrichtenagentur Ansa meldete, weitere Informationen über caust – äußerst widerstrebend – aner-
verhängte das Militärgericht im nordita- santanna@gmx.net kannt, da nämlich der Anwalt der bis da-
lienischen La Spezia die Haftstrafen ge- Lars Reissmann ■ hin als Nebenklägerin auftretenden Uni-

4 : antifaschistische nachrichten 2-2007


on der jüdischen Studenten in Frankreich wohner damit, mit Motorsägen ihr rischen Sitzungssaal des Rathauses von
(UEJF) ihm diesen Deal angeboten hatte: Brennholz klein zu sägen. Ordentlicher Köthen in Sachsen-Anhalt ihre überra-
Öffentliche Anerkennung der histori- Lärm verhinderte, dass auch nur ein Wort schende Wahl zum Unwort 2006.
schen Realität der Judenvernichtung ge- der Kundgebungsrede verstanden wer- Mit „Freiwillige Ausreise“ kritisierte
gen seinen Rückzug als Nebenkläger. den konnte. Die Polizei schritt zunächst die Unwort-Jury zum wiederholten Mal
Gollnisch antwortete darauf mit einigen nicht ein. Nachdem die Beamten nach einen Begriff, der sich mit dem Leben
verbalen Windungen: „Meine Antwort ist etwa 10 Minuten dazwischengetreten von Ausländern in der Bundesrepublik
positiv, Herr Vorsitzender...“ Die Staats- und die Holzsägearbeiten beendet hatten, beschäftigt. „Ausländerfrei“ hieß das
anwaltschaft hatte daraufhin die Verhän- begann in einer verschlossenen Scheune, erste Unwort, das 1991 gekürt wurde.
gung einer Geldstrafe in Höhe von einen Steinwurf vom Ort des Aufmar- Mit „Überfremdung“ kritisierten die Ex-
10.000 Euro gegen Gollnisch gefordert. sches entfernt, ein Bürger damit, Holz perten 1993 das Scheinargument gegen
Das jetzt vom Gericht verkündete mit einer Kreissäge, die von einem Trak- den Zuzug von Ausländern. Und mit „na-
Strafmaß liegt jedoch deutlich darüber. tor angetrieben wurde, zu zersägen. Die tional befreite Zone“ wurde 2000 die zy-
Gollnisch muss ferner das Urteil auf ei- Polizei war sichtbar hilflos, weil die nische heroisierende Umschreibung ei-
gene Kosten in sämtlichen Zeitungen Scheune versperrt war und ein Erstürmen ner Region gerügt, die von Rechtsextre-
veröffentlichen, deren JournalistInnen des Gebäudes erheblichen Aufwand ver- misten terrorisiert wird.
damals bei seiner Pressekonferenz vom ursacht hätte. Die Nazis haben dumm aus Unwörter des Jahres waren bisher un-
Oktober 2004 anwesend waren. der Wäsche geschaut, weil sie ihr eige- ter anderem auch „Gotteskrieger“,
In einem am Donnerstag Nachmittag nes Wort nicht mehr verstanden. „Humankapital“, „Ich-AG“ oder „sozial-
auf der Mailingliste des FN verbreiteten Bleibt noch nachzutragen, dass Orts- verträgliches Frühableben“. Im vergan-
Kommuniqué nimmt Bruno Gollnisch zu ansässige bereits vor dem Naziauf- genen Jahr hatte der Begriff „Entlas-
dem am selben Tag verhängten Urteil marsch eine Leinwand im Hintergrund sungsproduktivität“ das Rennen ge-
Stellung. Darin geißelt er unter anderem- des Redners der Rechten postierten. macht.
die „Gedankenpolizei“, die da inquisito- Während der Redeversuche des Nazihet- Das Unwort des Jahres wird seit 1991
risch zugeschlagen habe und „die Mei- zers wurden auf die Leinwand Bilder von gekürt und normalerweise in Frankfurt
nungsfreiheit unterdrückt“. Naziopfern projiziert. Vor der Leinwand am Main verkündet. Köthen wurde in
Bruno Gollnisch ist auch Vorsitzender plapperte der Naziredner kaum verständ- diesem Jahr wegen des 390. Geburtsjah-
der 20-köpfigen neuen Fraktion im Euro- lich davon, dass man wieder nach Grä- res der so genannten Fruchtbringenden
paparlament, die am (Montag, den) 15. fenberg kommen werde und irgendwann Gesellschaft als Veranstaltungsort ausge-
Januar 07 unter dem Titel „Identität, Tra- in der Stadt den Einfluss habe, um den wählt, die einst gegen die Verunstaltung
dition, Souveränität“ gegründet worden Bürgermeister zur Rechenschaft zu zie- der deutschen Sprache kämpfte. Erstes
ist. (Siehe Bericht Seite 1 in dieser Aus- hen. Der Bürgermeister von Gräfenberg Oberhaupt dieser literarischen Gruppe
gabe der AN) BhS, Paris ■ gerät mehr und mehr ins Visier der Rech- der Barockzeit war Fürst Ludwig von
ten. Selbst von Drohungen gegen ihn Anhalt-Köthen.
Motorsäge gegen Nazis wird mittlerweile berichtet. Aus Anlass des Jahrestages gründete
nah, Quelle: indymedia ■ sich in der anhaltischen Stadt eine „Neue
Gräfenberg. Etwa 60 Nazis marschier- Fruchtbringende Gesellschaft zu Kö-
ten am Mittwoch, den 3.10.2006 in Grä- „Freiwillige Ausreise“ ist then/Anhalt - Vereinigung zur Pflege der
fenberg in Mittelfranken auf. Gräfenberg deutschen Sprache“. „Köthen will sich
wird zum Daueraufmarschgebiet der Na- Unwort des Jahres damit zum Zentrum der deutschen Spra-
zis in Franken, allerdings lässt der Hau- Köthen. Mit „Freiwillige Ausreise“ ist che entwickeln“, verkündete Oberbür-
fen in seinem Durchhaltevermögen mitt- zum wiederholten Mal ein Begriff zum germeister Kurt-Jürgen Zander das ehr-
lerweile offensichtlich nach. Mit mehr Unwort des Jahres gewählt worden, der geizige Ziel des Gremiums, zu dem sich
als 150 Rechten rechnete die Szene, ge- sich mit dem Leben von Ausländern in Bürger und Vertreter mehrerer Sprach-
kommen sind die erwähnten 60 rechten der Bundesrepublik befasst. Die Freiwil- pflegevereine aus ganz Deutschland zu-
Hetzer. Im Dezember zogen Nazis erneut ligkeit einer solchen Ausreise von Asyl- sammengeschlossen haben. Unter ande-
durch Gräfenberg. Zumindest versuchten bewerbern aus der Bundesrepublik kön- rem solle ein Haus für die deutsche Spra-
sie es. Doch auch diesmal stellten sich ne in vielen Fällen bezweifelt werden, che entstehen.
Antifaschisten dem Aufzug in den Weg, begründete die Jury am Freitag im histo- antifa-info@linkspartei-sachsen.de ■
so dass die Nazis unverrichteter Dinge
den Ort verlassen mussten.
Mit Fackeln liefen die Nazis an jenem
Mittwochabend durch den Ort. Dabei
D ie verschiedenen Gedenkrituale anlässlich der Bombardierung Dresdens vom 13. / 14. Februar 1945
durch alliierte Streitkräfte haben sich mit dem 60. Jahrestag endgültig zu einer Bezugsgröße im erin-
nerungspolitischen Diskurs entwickelt. Auch im Jahr 2007 wird wieder der jährliche Nazi-„Trauermarsch“
war das übliche Bild zu beschreiben: Am stattfinden. Ihren bisheri-
Bahnhof postierte sich ein großes Poli- gen Höhepunkt erlebte
zeiaufgebot und im Ort waren Nazigeg- die seit 9 Jahren stattfin-
dende Demonstration
nerInnen damit beschäftigt, Nazis unter- im Jahr 2005 mit über
schiedlichen Widerstand entgegen zu 6000 Nazis und ist da-
setzen. Die Strategie der Rechtsextre- mit der bisher größte
men, den Termin kurzfristig anzuberau- Aufmarsch in der Bun-
men und kaum öffentlich weiterzugeben, desrepublik. Gelang es
um antifaschistischen Widerstand zu ver- im Jahr 2006 mittels ei-
hindern, ging nicht auf. Rund 120, vor- ner Blockade den Nazi-
wiegend ortsansässige GegnerInnen der aufmarsch zumindest zu
einer Abkürzung der
Rechten, haben wieder mal verhindert, Route zu zwingen, so ist
dass Naziparolen reibungslos verbreitet unser Ziel 2007 klar:
werden konnten. Am Ort der Kundge- die Nazis sollen keinen
bung begannen nämlich just in dem Au- Meter gehen.
genblick, in dem die Nazis ihre Losun- venceremos.antifa.net
gen verbal verbreiten wollten, drei An-

: antifaschistische nachrichten 2-2007 5


Die Deutsche Presseagentur
dpa veröffentlichte am 27. De-
zember 2006 eine Meldung mit
Lichter aus in Ludwigsburg
dem Titel „Recherchen über NS-Täter des Jahres in Prag, ohne etwas zu finden, lien in Prozessen gegen deutsche Wehr-
fast abgeschlossen – Die Zentrale was uns veranlassen könnte, dort weiter zu machts- und SS-Verbrecher gesühnt wer-
Stelle steht vor dem Abschluss ihrer ermitteln.“ Bei dem gesichteten Material den sollen, während die deutsche Justiz un-
Tätigkeit“. Wir veröffentlichen sie im handelte es sich überwiegend um Unterla- tätig bleibt. ARD-Kontraste am 15. Januar
Wortlaut – mit Kommentaren in Klam- gen der Waffen-SS, die wegen der Bombar- 2004: Unbearbeitet wurden in mindestens
mern. dierung Berlins 1943 ausgelagert worden 25 Fällen gesetzwidrig – weil die Nichtver-
waren. (Weil das Waffen-SS-Archiv ausge- jährbarkeit von Mord unbeachtet blieb –
„Wir werden in absehbarer Zeit unsere Ar- lagert wurde und die Zentralstelle „dort die Akten der Zentralstelle wegen „Fristab-
beit beenden“, sagte der Leiter der Fahn- nicht ermittelt“, brauchen sich auch so lauf“ ans Bundesarchiv übergeben. Noch
dungsstelle Oberstaatsanwalt Kurt manche Leute nicht ihrer Waffen-SS-Zeit immer warten wir auf Antwort zum Fall
Schrimm, in Ludwigsburg. (Gemeint ist: zu erinnern?) 508 AR 1110/02, d.h. zur Anzeige der
Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltun- In der Ukraine sei die Sichtung der Ak- VVN-BdA gegen rund 200 Kriegsverbre-
gen zur Aufklärung von NS-Verbrechen, tenbestände abgeschlossen. Die Unterlagen cher aus der Wehrmachts-Gebirgstruppe.)
gegründet 1958 von den Justizministern der würden derzeit von Spezialisten in Lud- Im kommenden Jahr befassen sich zwei
Länder der BRD) Es sei die weltweit größ- wigsburg übersetzt. Erst begonnen habe Übersetzer der Zentralstelle im Washing-
te Fahndungsstelle. (Zum Vergleich: Die man mit der Sichtung dagegen in Weißruss- toner Holocaust Memorial Museum mit
Stelle hat nur rund 20 Mitarbeiterinnen und land und in Russland. Es handele sich dabei 100 000 Seiten Akten des sowjetischen Ge-
Mitarbeiter, aber auf 3.400 Planstellen ist um mehr als 100 000 Seiten etwa aus dem heimdienstes KGB, hauptsächlich aus Pro-
die Behörde für die Stasihinterlassenschaf- deutschen Reichssicherheitshauptamt, von zessen. „Wir haben schon ein Problem, dies
ten angewachsen. Schon 1998 verlangte die Waffen-SS und Polizei sowie aus Konzen- mengenmäßig zu bewältigen“, sagte
VVN-BdA erfolglos, von dieser Behörde trations- und Kriegsgefangenenlagern. Schrimm. Die Akten seien jedoch zweitran-
Mittel und Personal abzuzweigen, z.B. um „Alle uns interessierenden Unterlagen der gig, da KGB-Unterlagen in einem deut-
den gesetzlich vorgeschriebenen Entzug Russen sind aber auch von den Amerika- schen Gericht nicht als Beweis eingeführt
von Kriegsopferrenten für ausländische SS- nern gesichtet und mikroverfilmt worden.“ werden könnten. (Unterlagen aus der Sow-
Angehörige vorzunehmen.) Die Akten in Italien habe man bereits 2005 jetunion können bekanntlich nicht berück-
2006 habe man die Recherchen im mili- abgehakt. sichtigt werden – weil sie nicht „rechts-
tärhistorischen Archiv in Prag abgeschlos- („Abgehakt“, das geschah sogar mit Ak- staatlich“, sondern „stalinistisch“ zustande
sen, sagte Schrimm. „Wir waren Anfang ten zu Massakern, die gegenwärtig in Ita- kamen.) Ulrich Sander ■

Köln. „Pro Köln“ darf nach ei-


nem Urteil des Verwaltungsge- „nation24“ nicht rechtsextrem?
richts Düsseldorf vom 21. Okto- NRW-Verfassungsschutz unterliegt vor Gericht gegen Herausgeber
ber 2005 als rechtsextremistisch bezeich- Manfred Rouhs – Revision angekündigt
net werden (Az.: 1 K 3189/03) – nicht
aber die Zeitschrift „nation24.de“, die schutzbericht verletze ihn als Verleger in bung han-
von Manfred Rouhs, früher NPD-, „Re- seinen Grundrechten, in seiner Presse- delt, die ge-
publikaner“- und Deutsche Liga für Volk freiheit, seiner Meinungsfreiheit, seiner gen die frei-
und HeimatFunktionär, heute Schatz- Berufsfreiheit und seinem Persönlich- heitliche de-
meister der Gruppierung „Pro Köln“ und keitsrecht. „nation24“ sei ein neues Zeit- mokratische Grundordnung gerichtet
deren Fraktionsgeschäftsführer im Köl- schriftenprojekt, dass mit der vorher he- ist.“ Die vom Verfassungsschutz ange-
ner Rat herausgegeben wird. Das ent- rausgegebenen Zeitschrift „Signal“ führten diversen inhaltlichen Belege für
schied jetzt das Verwaltungsgericht Düs- nichts zu tun habe. Den weiter gehenden rechtxextreme Tendenzen des Blattes be-
seldorf auf Grundlage der mündlichen Antrag ans Gericht, festzustellen, dass wertete das Gericht als Meinungsäuße-
Verhandlung, die bereits am 21. Novem- das Innenministerium nicht befugt sei, in rungen, die nicht „mit hinreichender
ber 2006 stattgefunden hatte. Verfassungsschutzberichten über „nati- Deutlichkeit ein(en) Aufruf des Autors
Laut Urteil, das jetzt den Beteiligten on24“ zu berichten, solange es nicht eine zur Beseitigung der demokratischen
zugestellt wurde und dass die Ratsfrakti- rechtsextremistische Zielsetzung der Ordnung und etwa zur Errichtung einer
on von „Pro Köln“ sofort als großen Er- Zeitschrift nachweise, zog Rouhs aller- Diktatur“ darstellten.
folg auf ihrer Website kommentierte, dings in der mündlichen Verhandlung zu- Nahezu wohlwollend wird ausgeführt:
dürfen die NRW-Verfassungsschutzbe- rück. „Eine ,Politik der nationalen Erneue-
richte der Jahre 2003 und 2004 nur noch Das Land NRW hatte in seiner Klage- rung‘ kann auch auf der Grundlage der
verbreitet werden, wenn entsprechende erwiderung die Auffassung vertreten und bestehenden verfassungsmäßigen Ord-
Stellen zu „nation24“ geschwärzt wer- begründet, die Zeitschrift „nation24“ nung betrieben werden und ,eine breite
den. Im nächsten Bericht muss außerdem stelle sich, wie schon seine Vorgänger Volksbewegung gegen den Multi-Kultu-
eine Richtigstellung erfolgen. (Az.: 22 K „Europa Vorn“ und „Signal“ als Strate- ralismus‘ kann in demokratischen For-
3124/04) Das Innenministerium kündig- gie- und Ideologieorgan der Neuen men entstehen.“ „Die Forderungen nach
te an, beim Oberverwaltungsgericht Rechten dar und biete als solches ein Fo- einer ,Normalisierung des Verhältnisses
Münster eine Zulassung zur Berufung zu rum für Diskussionen im rechtsextremis- der Deutschen zu ihrer Vergangenheit‘,
beantragen. „Durch die Entscheidung tischen Lager. einem ,konstruktiven Umgang mit dem
wird unsere Öffentlichkeitsarbeit erheb- Ob das so wäre, sei mal dahingestellt, eigenen Land‘, einem ,gesunden Patrio-
lich beeinträchtigt“, wird Verfassungs- meinte das Gericht und bezieht sich in tismus‘ und einem ,neuen nationalen Be-
schutzpräsident Hartwig Möller in der seiner Urteilsbegründung im Wesentli- wusstsein‘ sind so allgemein gehalten,
taz vom 10. Januar 2007 zitiert. chen nur auf den Punkt, ob „tatsächliche dass sie nicht notwendig als Verharmlo-
Rouhs, vertreten durch RA Beisicht Anhaltspunkte für den Verdacht (beste- sung des NS-Regimes ... verstanden wer-
u.a., hatte geltend gemacht, die Erwäh- hen), dass es sich bei der Herausgabe der den müssen.“
nung von „nation24“ im Verfassungs- Zeitschrift nation24.de um eine Bestre- Na dann ist ja alles in Ordnung. u.b. ■

6 : antifaschistische nachrichten 2-2007


Werbung mit Haken- Kritische Verwendung
des Hakenkreuzes
kreuz geduldet ... bestraft
David G. aus München wurde heute, am
10.01.2007, vom Amtsgericht Garmisch-
München. Nach einem halben denken kann man im Fall der Military Partenkirchen/ Oberbayern zu 60 Tages-
Jahr stehen die Ermittlungen ge- Air Systems kaum von einer geringen sätzen je 10 Euro verurteilt, weil er ca.
gen die Firma „Military Air Sys- Schuld reden, wie dies der Leiter der po- 150 DinA 6-Flyer in seinem Rucksack
tems“ der EADS wegen Verwendung von litischen Abteilung der Münchner Staats- „vorrätig“ gehalten hatte, auf denen das
Kennzeichen verfassungswidriger Orga- anwaltschaft August Stern gegenüber der Cover des Buches „Feindaufklärung und
nisationen vor dem Aus. Oberstaatsan- SZ tat. Immerhin wurden die Bilder von Reeducation. Kritische Theorie gegen
walt Herrle von der Staatsanwaltschaft Jagdflugzeugen mit Hakenkreuz an Postnazismus und Islamismus“ (erschie-
Ingolstadt erklärte gegenüber den 15.000 Schüler verteilt, die diese in lang- nen im ca-ira-Verlag, Freiburg, 2006) ab-
Münchner Lokal- gebildet war, auf dem u.a. ein
berichten, die Er- Hakenkreuz zu sehen ist.
mittlungen wür- Aus dem auf dem Flyer ge-
den voraussicht- nannten Buchtitel ging klar
lich im Laufe des hervor, dass sie sich aus-
Januars einge- drücklich gegen Islamismus
stellt. Der für eine und Neofaschismus richteten.
Verurteilung nach Die Flyer bewarben eine Le-
§86a StGB not- sung und Buchvorstellung
wendige Vorsatz sei nicht gegeben. weiligen Schulstunden nun ausmalen mit dem Herausgeber des Buches, dem
Zur Erinnerung: Die Nachfolgefirma können. Wiener Politikwissenschaftler Stephan
der Messerschmitt AG des NS-Wehr- Bemerkenswert an der voraussichtli- Grigat. Das Gericht sah darin einen Ver-
wirtschaftsführers Wilhelm Messer- chen Einstellung der Ermittlungen ist stoß gegen § 86a StGB (Verwendung von
schmitt hatte auf ihrem Familientag am auch die Begründung. Das vermeintliche Kennzeichen verfassungswidriger Orga-
8.7.2006 in Manching zu Werbezwecken Fehlen eines Vorsatzes stützt sich auf nisationen). Die Flyer waren am 27. Mai
etwa 15.000 kostenlose Hausaufgaben- entsprechende Aussagen seitens der Ge- 2006 in Mittenwald während einer poli-
hefte verteilt, in denen u.a. NS-Kampf- schäftsleitung. („Da ist uns einfach ein zeilichen Personenkontrolle bei David G.
flugzeuge mit Hakenkreuzinsignien ab- Fehler unterlaufen ... Bei uns gibt es kei- sichergestellt worden.
gebildet waren (s. Bild). In dem Haus- ne braunen Flecken“, so Unternehmens- Der Angeklagte wird Revision gegen
aufgabenheft, dessen Deckblatt laut SZ sprecher Benin gegenüber der SZ.) Es das Urteil einlegen. Nächste Instanz wird
vom 22.7.06 „eine lustige Kinderzeich- stellt sich jedoch die Frage, inwieweit das Oberlandesgericht München sein.
nung“ ziert, finden die Schüler unter dem solche Aussagen relevant sind. Werden Der Verurteilte bittet dringend um Spen-
Datum des 9. November eine „Messer- doch die Messerschmitt AG und ihre den zu seiner Unterstützung auf folgen-
schmitt 109“, mit deutlich sichtbarem Nachfolger aufgrund ihrer außerordentli- des Konto: Stichwort: „Prozesskosten
Hakenkreuz am Heck. Von diesem Jagd- chen Nähe zum NS-Regime immer wie- Garmisch-Partenkirchen“; ISF e.V.,
flugzeug wurden von 1934 bis 1945 über der in der Öffentlichkeit kritisiert. Postbank Karlsruhe, Konto 2260 45-756,
33.000 Stück produziert. Im Spanischen Zuletzt hatte die Grüne Stadtratsfrakti- BLZ 660 100 75
Bürgerkrieg sicherte die Me 109 den Fa- on & Rosa Liste in einer Presseerklärung Ein Interview mit dem Angeklagten
schisten die Lufthoheit und ermöglichte im Zusammenhang mit der Ehrung Willy findet sich unter http://www.freie-radios.
die Bombenangriffe der Legion Condor. Messerschmitts im neuen U-Bahnhof net/portal/content.php?id=15201
Ein der Messerschmitt-Stiftung gehören- Garching darauf hingewiesen, dass zur Cafe Critique, cafe.critique@gmx.net ■
des Exemplar des NS-Jagdflugzeuges Produktion der Messerschmitt-Flug-
war auch an der Flugshow in Manching zeuge über 3500 KZ-Häftlinge ein-
beteiligt, zu der in diesem Jahr über gesetzt wurden. Für die „Initiative
80.000 Besucher kamen. Eine laut SZ und Einsatzfreudigkeit“ des Dach-
von Mitarbeitern nachträglich geforderte auer KZ-Kommandanten hat sich
Rückrufaktion wurde von der Geschäfts- Messerschmitt daher auch beson-
leitung verweigert. ders bedankt.
Die beabsichtigte Einstellung der Er- Die Auseinandersetzung mit ihrer
mittlungen ist unter zwei Gesichtspunk- Geschichte wird von der Geschäfts-
ten bemerkenswert. Zum einen lohnt ein leitung der Military Air Systems al-
Vergleich mit der Verurteilung des Ge- lerdings weitgehend verweigert.
schäftsführer des Punkversandhandels Kritiklos präsentiert sie Flugzeug-
„Nix Gut“ durch das Stuttgarter Landge- fans und Militaristen NS-Jäger im
richt. Der Vertrieb von Anti-Nazi-Sym- Flugeinsatz. Indem die Geschäfts-
bolen mit durchgestrichenen oder zer- leitung solche Art von „Traditions-
schlagenen Hakenkreuzen wurde vom pflege“ ohne begleitende Aufklä-
Gericht inkriminiert, unabhängig von der rung betreibt, nimmt sie billigend in
Absicht des Beschuldigten. Der Gesetz- Kauf, dass die braunen Flecken ihrer
geber wolle „die grundsätzliche Tabui- Vergangenheit unkontrolliert an die
sierung“ des Hakenkreuzes, da sonst Oberfläche dringen. Die beabsich-
durch „massives und ständiges“ Verwen- tigte Einstellung der Ermittlungen
den ein Gewöhnungseffekt entstehen der Staatsanwaltschaft Ingolstadt
würde, den sich auch die Neonazis wie- lässt diesen Aspekt der Verantwort-
der zunutze machen könnten (taz, lichkeit der Geschäftsleitung außen
30.9.2006). In Anbetracht solcher Be- vor. fb ■

: antifaschistische nachrichten 2-2007 7


Nach einer turbulenten Landesvor-
standssitzung trat am 4. Januar
2007 der gesamte Landesvorstand der
Führungskrise bei der
Hamburger NPD zurück, die offizielle
Homepage wurde vorübergehend abge-
schaltet, eine „Ersatzhomepage“ zeit-
Hamburger NPD
weise eingerichtet, mindestens zwei Flü- liger stellvertretender Vorsitzender der man – Stade, Hans-Gerd Wiechmann –
gel stehen sich unversöhnlich gegenüber Hamburger NPD. Über das AB Nord wur- Lüneburg) die Gründung einer Arbeitsge-
und drohen sich inzwischen mit juristi- de Dembowsky beschuldigt, der Freimau- meinschaft Nord (ARGE Nord) zur ge-
schen Konsequenzen. rersekte „Thelema Society“ anzugehören, genseitigen Unterstützung und Bündelung
satanische und kabbalistische Riten zu der Kräfte. Damman, Wiechmann und
Eine Diskussion um die Zwistigkeiten hat praktizieren, und unter Androhung von Worch sind nun auch als Redner für die
inzwischen in diversen Neonaziforen ein- Gewalt aufgefordert, die NPD zu verlas- Kundgebung in Bergedorf am 10. Februar
gesetzt. Offenbar gibt es schon seit länge- sen. Dembowsky bestreitet die Vorwürfe 2007 vorgesehen.
rem Zoff bei den Nationaldemokraten der und hat inzwischen „gegen alle involvier- Am 11. Januar folgte ein offener Brief
Hansestadt, der jetzt an der Frage einer ten Personen Strafantrag gestellt“. Am 8. der geschäftsführenden Landesvorsitzen-
Kundgebung gegen einen Moscheebau in Januar 2007 erstattete Frau Zysk nun den Anja Zysk an den NPD-Bundesvorsit-
Bergedorf eskalierte. Die Hamburger Lan- ebenfalls Strafanzeige gegen de Vries we- zenden Udo Voigt. Hierin beklagt sie: 1.
desvorsitzende Anja Zysk, der unabhängi- gen Bedrohung, Beleidigung, übler Nach- Dass die NPD-Bundesführung trotz besse-
ge Naziführer Christian Worch, die Bre- rede, Verleumdung sowie auch wegen Ver- ren Wissens seit Wochen zu den Vorgän-
mer sowie Teile der niedersächsischen gen in Hamburg schwieg. 2. Dass die
NPD wollen die Kundgebung unter dem Bundesführung und der am 4. Januar
rassistischen Motto „Kein Multi-Kulti in zurückgetretene ehemalige Hambur-
Bergedorf“ durchführen. Veranstalter sind ger Landesvorstand parteiinterne Zen-
jedoch „Freie Nationalisten“ (Worch) und sur betreiben würden und dieser eben-
nicht die NPD, weil erhebliche Teile, auch so wie Jürgen Rieger „etwas zu ver-
aus dem Landesvorstand, gegen die Kund- bergen“ hätte. 3. Sie selbst, obwohl
gebung sind. Vordergründig lautet die Ar- noch geschäftsführend im Amt, nicht
gumentation, man wolle es sich nicht mit wendung nationalsozialistischer Grußfor- zur Bundesvorstandssitzung am 13./14.
dem politischen Islam verscherzen im ge- meln und beantragte den Parteiausschluss. Januar eingeladen worden wäre. 4. Dass
meinsamen Kampf gegen Israel und die Die Bundesführung der NPD hielt sich, de Vries und seine Anhänger jüngst unter
USA. Es deutet sich allerdings an, dass es obwohl seit Wochen über die Vorgänge in- Androhung von Gewalt versucht hätten,
sich vielmehr um einen banalen Macht- formiert, auffallend zurück, und obwohl eine NPD-Veranstaltung zu sprengen, und
kampf um die Vorherrschaft in der Ham- der Bundesvize Peter Marx an der Landes- dies auch weiterhin machen wollen, sofern
burger NPD handelt, welche unter der vorstandsitzung am 4. Januar 2007 teil- Zysk nicht austrete.
Führung von Zysk im letzten Jahr deutli- nahm. Marx plädierte für eine Geheimhal- Der vorerst letzte Akt kam nun vom
chen Zuwachs vor allem aus dem Spek- tung des Vorstandsrücktritts, Zysk veröf- NPD-Bundesvorstand am letzten Wochen-
trum der „Freien Nationalisten“ erhalten fentlichte jedoch eine Erklärung und Ab- ende: Generalsekretär Peter Marx wurde
hat. (Laut dem gut informierten Worch hat rechnung mit ihren innerparteilichen Geg- ermächtigt, die Neuwahlen des Hambur-
der Landesverband inzwischen 185 Mit- nern auf der Hamburger Homepage der ger Landesvorstandes der NPD innerhalb
glieder, das wäre ein Zuwachs von 32% im NPD. Daraufhin nahm der Internetbeauf- der nächsten Wochen zu organisieren. Ge-
letzten Jahr.) tragte des LV Lars Niemann, wohl mit gen Zysk wurde ein Parteiausschlussver-
Schon länger planen ehemalige Kader stillschweigender Duldung der Bundes- fahren wegen der „Veröffentlichung ver-
aus der verbotenen Kameradschaft „Ham- NPD, die Seite für mehre Tage vom Netz traulicher Parteivorgänge“, gegen de Vries
burger Sturm“ (HS) bzw. dem neonazisti- Vorübergehend hatte deshalb der parteilo- wegen Störung des Parteifriedens eingelei-
schen „Aktionsbüro Norddeutschland“ se Christian Worch für die immer noch tet. Zysk soll jedoch die Möglichkeit be-
(AB Nord) in Zusammenarbeit mit dem „geschäftsführende Landesvorsitzende“ kommen, sich zur Wahl für denLandesvor-
schon 2004 in die NPD eingetretenen Tho- Zysk eine alternative Homepage einge- sitz zu stellen.
mas Wulff die Absetzung von Zysk und richtet, woraufhin die Rechtsabteilung der Versuch einer Bewertung
deren Ersetzung durch Jürgen Rieger. Bundes-NPD mit rechtlichen Schritten
Zysk schreibt, dass schon Anfang 2006, drohte. Da die Auseinandersetzungen in der
als Rieger noch parteilos war, Anhänger Offiziell begründet der juristisch be- Hamburger NPD eine gewaltige Dynamik
von Wulff ihr dieses mitgeteilt hätten. schlagene Worch dieses mit dem Recht auf haben und täglich Dutzende von neuen
Dass Rieger schon vor seinem Parteiein- freie Information und Meinungsäußerung, Beiträgen in den einschlägigen Nazi- Fo-
tritt eine große Rolle spielte, zeigt seine er sicherte Zysk zu, sie auch juristisch zu ren erscheinen, kann auch diese Einschät-
Kandidatur für die Hamburger NPD auf unterstützen. Das Interesse ist aber sicher zung nur eine vorläufige sein. Das Hauen
Platz 1 zur Bürgerschaftswahl 2005. auch unmittelbar politischer Natur: Worch und Stechen innerhalb der Hamburger
Ende 2006, so Zysk, hätten mehrere durfte seit der Ära Zysk auf NPD-Kundge- NPD verläuft quer zu früheren Fronten:
Landesvorstandsmitglieder, darunter bungen sprechen und auf der Hamburger Die Wahl der jungen Anja Zysk zur
Thorsten de Vries (AB Nord und Ex-HS), Homepage schreiben. Unterstützung be- Landesvorsitzenden Ende 2005 und die
mit „massiven Drohungen und einer bei- kommen Zysk und Worch dabei von ande- Abwahl der kameradschafts-kritischen
spiellosen Mobbingkampagne“ sie an ih- ren NPD-Kritikern innerhalb der Partei, Alt-Herren-Fraktion um Ullrich Harder
ren „öffentlichkeitswirksamen Aktivitä- die schon seit längerem gegen die Bundes- ermöglichte erst den massiven Eintritt von
ten“ zu hindern versucht. Der vorbestrafte führung bzw. den niedersächsischen Lan- „Freien Nationalisten“. Eigentlich müss-
de Vries ist der Wortführer gegen Anja desvorsitzenden opponieren: ten sie froh über den Kurs von Zysk sein,
Zysk und ihre Fraktion. Schon Ende 2006 Schon am 8. November 2006 unter- der auch von parteiunabhängigen Neona-
war er mitverantwortlich für massive Be- zeichneten die Landesvorsitzende Ham- zis vielfach gelobt wurde.
schuldigungen gegen den Zysk-Gefolgs- burg (alleine!), die Landes- und Kreisvor- Es scheint vielmehr, dass einige lang-
mann Martin Dembowsky, ehemaliger sitzenden der NPD Bremen sowie Teile jährige Nazikader Zysk den Erfolg nei-
Kreisvorsitzender in Harburg und ehema- der niedersächsischen NPD (Adolf Dam- den und nun den Hamburger Landesver-

8 : antifaschistische nachrichten 2-2007


Vor dem Hintergrund des jüngsten Kampfes der Wohnungslosen:
Französische Rechte, Rechtsextreme, Wahlkämpfer
und das „Recht auf eine Wohnung“
Geschätzte 100.000 Obdachlose gierte eine antifaschistische Koalition un- Mai dieses Jahres gewählt, die nächste Na-
gibt es in Frankreich. Offiziell wur- ter Einschluss der Kommunisten – in tionalversammlung im Juni. Sowohl Chi-
den bei der Volkszählung (von Frankreich Verfassungsrang hat, soll end- rac als auch de Villepin werden danach
2001) rund 86.000 gezählt, hinzu kommen lich zum „einklagbaren Recht“ werden. keinerlei politische Rolle mehr spielen,
dürfte eine gewisse Dunkelziffer. Aber ins- Das bedeutet, dass das Recht auf Wohn- können also dann in Ruhe zugucken, wie
gesamt verzeichnet das Land drei Millio- raum nicht mehr nur einen hehren Pro- ihre Nachfolger das soziale Versprechen
nen „schlecht Behauste“ oder mal logés. grammsatz bilden wird; sondern dass eine mit den Imperativen bürgerlicher Politik
Das sind Menschen, die in Wohnwagen Person, die unter vernünftigen Bedingun- vereinigen werden... Allerdings hat sich
und auf Campingplätzen leben (141.000), gen keine Wohnung finden kann, tatsäch- die momentane Regierung in ihrer Geset-
in möblierten Hotels – meist speziell für lich den Staat wegen mangelnder Vorsorge zesinitiative bereits darauf festgelegt, dass
Immigranten – in überteuerten Zimmern oder Wohnungsbaupolitik anklagen und das Recht auf Wohnraum nicht an einem
ohne Komfort auf Dauer wohnen zu Schadensersatz verurteilen lassen kann. bestimmten Wohnort, sondern nur auf den
(583.000), bei Familienmitglieder oder Diese Forderung, die von sozialen Initiati- Ballungsraum bezogen gelten gemacht
Bekannten untergebracht sind (150.000) werden könne –
oder aber in hoffnungslos überbelegten und, so fügte Re-
oder keinen modernen Hygiene- und Si- gierungschef de
cherheitsstandards gehorchenden Woh- Villepin im Hin-
nungen hausen. Letztere machen, mit über blick auf die
68 Prozent, den größten Anteil an den Hauptstadt expli-
„mal logés“ aus. zit hinzu, in Paris
Rund 300 von ihnen campieren seit dem nur für die Groß-
16. Dezember 2006 in Paris entlang des region Ile-de-
Canal de Saint-Martin, der Wasserstraße, France. Dies
die den Nordosten der Hauptstadt durch- schlösse eine Un-
zieht. Im Vorwahlkampf um die französi- terbringung in
sche Präsidentschaft haben sie damit er- neu errichteten
Foto: Lutte Ouvrière
hebliche Aufmerksamkeit erregt, zwi- Fertighäusern am
schen Weihnachten und Neujahr sowie in äußersten Rand
den ersten Januartagen sorgten sie für ven seit langen Jahren aufgestellt wird, des Ballungsraums (30 bis 40 Kilometer
„das“ Medienthema Nummer Eins in findet nun plötzlich in breiten Kreisen vom Pariser Zentrum entfernt), wie Sozi-
Frankreich. (Ausführlich dazu: Rückhalt. al- und Wohnungsbauminister Jean-Louis
http://www.labournet.de/internationales/fr Das Kabinett von Dominique de Ville- Borloo sie im Frühsommer 2006 indirekt
/wohnungslos.html ) pin hat am Mittwoch (17. Januar) bereits angeregt hat, mit ein. Von der Beschlag-
Präsident Jacques Chirac (in seiner einen Gesetzentwurf zum Thema vorge- nahmung leerstehenden Wohnraums oder
Neujahrsansprache) und sein Premiermi- legt, der vorsieht, das mit juristischen Bürofläche möchten die Regierenden
nister Dominique de Villepin haben die Konsequenzen ausgestattete „Recht auf nichts hören, obwohl Jacques Chirac dies
wichtigste Forderung aus der Erklärung Wohnraum“ bis im Jahr 2012 einzuführen. in seinem auf sozialer Demagogie aufbau-
verbal aufgegriffen: Das „Recht auf eine Also bis zum Ende der kommenden Legis- enden Präsidentschaftswahlkampf 1994/
Wohnung“, das seit der Verfassung der laturperiode: Das nächste französische 95 damals auch explizit angesprochen hat-
Vierten Republik von 1946 – damals re- Staatsoberhaupt wird am 22. April und 6. te. weiter Seite 10

band übernehmen wollen, nachdem ih- burger Landesverband prägten. Sie waren bleiben und vor allem Politik auf der
nen ihr Eintritt in die NPD bisher wenig immer um Seriosität bemüht und von Straße betreiben. Zur Bürgerschaftswahl
persönlich gebracht hat. Zysks kameradschafts-freundlicher Poli- 2008 kandidiert, im „Deutschlandpakt“
Die Bundesführung der NPD will, so tik eher nicht begeistert, von dem Stil ei- so vorgesehen, sowieso die DVU, darauf
scheint es, den Streit im Wesentlichen nes de Vries aber sind sie sicherlich ent- braucht man in der Hansestadt also nicht
aussitzen. Trotz der formellen Aus- setzt. Letztendliche Klärung wird erst der so viel Rücksicht zu nehmen. Sollten
schlussbegehren hat sie sich inhaltlich geplante Landesparteitag der NPD im NPD-Mitglieder auf der DVU-Liste kan-
bisher nicht positioniert. Zu offene Par- Februar bringen. didieren, so werden es sicher keine Ka-
teinahme für Rieger und Wulff würde zu Für AntifaschistInnen ist es natürlich meradschafter sein und wohl auch kein
sehr nach Nepotismus (Wulff ist auch erst mal erfreulich, wenn sich die Nazis Jürgen Rieger.
persönlicher Referent des Bundesvorsit- gegenseitig bekämpfen, Informationen Die Republikaner sind für niemanden
zenden Udo Voigt.) und direkter Gänge- offen legen und sich sogar vor die Ge- eine Konkurrenz: Sie haben gerade ihren
lung einer unfolgsamen, aber demokra- richte zerren. Die Reputation der Ham- Aufbaubeauftragten Matthias Faust, wel-
tisch gewählten Landesvorsitzenden aus- burger NPD hat durch die SA-Methoden cher den seit 2005 nicht mehr existenten
sehen. Ihr intransparentes Verhalten und der Freien Kameraden um de Vries er- Landesverband reaktivieren sollte, an die
das Unterdrücken unliebsamer Beiträge heblich gelitten. NPD verloren.
stößt aber bei vielen NPD-Mitgliedern Vor allem potentielle WählerInnen Und die reaktionäre Partei „Heimat
und noch mehr Parteilosen auf heftige oder Mitglieder aus dem bürgerlichen Hamburg“ genießt wenig Vertrauen nach
Kritik. Spektrum dürfte solche Hau-Drauf-Poli- der Pleite der Schill-Partei. Ihrem Grün-
Ebenfalls öffentlich zurückgehalten ha- tik abschrecken. Entwarnung kann aber der Roger Kusch fehlt außerdem das
ben sich bisher die alten NPDler um Ull- keinesfalls gegeben werden, die NPD Charisma eines „Richter Gnadenlos“.
rich Harder, die jahrzehntelang den Ham- wird in Hamburg die aktivste rechte Kraft erk ■

: antifaschistische nachrichten 2-2007 9


Wie reagieren aber nun Rechte und nierungen, so suggeriert das Blatt, sei der Krönungszeremonie Napoléon des I.
extreme Rechte darauf? Letzteres zu befürchten. Nicolas Sarkozy bleibt zugleich als Innen-
Dem Chef des Front National, Jean-Marie Dies aber sei brandgefährlich, und in minister im Amt.
Le Pen, fiel zum Thema „einklagbares diesem Falle sei von der Einführung eines Anlässlich einer Pressekonferenz am
Recht“ auf Wohnraum zuerst dieses ein: solchen Rechts abzuraten: „Grenzenlose 11. Januar nahm Nicolas Sarkozy nun
Es handele sich um „eine sehr direkte Ver- Einwanderung und nicht abzuerkennendes auch zu “dem“ Thema der vergangenen 14
letzung des Rechts auf Eigentum“ (zitiert Recht auf Wohnraum werden schnell zu Tage in der französischen Innenpolitik
nach der Gratistageszeitung ,Métro’ vom einer unauflöslichen Gleichung werden.“ Stellung: der Frage nach Einführung eines
4. Januar 07). Sein Konkurrent um die (VA vom 05. Januar 2007) “einklagbaren Rechts auf Wohnraum“.
rechtsextreme Wählerschaft, der Rechts- ...und von wirtschaftsliberaler Seite Damit hat Sarkozy sich nun also in die lau-
katholik Philippe de Villiers, tönte seiner- fende Debatte eingeschaltet, noch bevor
seits in einem Kommuniqué vom 2. Janu- Aber auch im wirtschaftsliberalen Lager sein Erzrivale Dominique de Villepin den
ar, es handele sich bei diesem Recht um gibt es natürlich Opponenten gegen einen zuvor angekündigten Gesetzentwurf zum
„eine Idee, die typischerweise zum anti- solchen „sozialistischen“ Rechtsanspruch. Thema im Kabinett vorlegen konnte.
quiertesten Sozialismus gehört“. Die Woh- Unter den Berufspolitikern macht freilich Sarkozy schlug im Laufe seiner Presse-
nungsnot, so Philppe de Villiers, rühre im Moment kaum einer in dieser Richtung konferenz vor, das „einklagbare Recht auf
„unter anderem von einer unkontrollierten offen den Mund auf. Explizit dagegen Wohnraum“ wie geplant bis 2012 (dem
Einwanderungspolitik“ her. (Vgl. http:// wettert hingegen der neoliberale Flügel- Ende der Legislaturperiode) einzuführen –
www.pourla france.fr/communiques.php) mann in der Redaktion der Pariser Abend- – will aber den Kreis der Anspruchsbe-
Als Abhilfe propagierte de Villiers “eine zeitung ,Le Monde’, der Kommentator rechtigten ganz offiziell einschränken. “Es
Umorientierung sozialer Hilfen zugunsten Eric Le Boucher. versteht sich von selbst, dass die Sans pa-
bedürftiger Franzosen (statt Einwande- In der Ausgabe vom 7./8. Januar piers (Anm.: ,illegal’ in Frankreich sich
rer)“ und eine Politik des erleichterten Zu- schreibt der wirtschaftsliberale Brechstan- aufhaltende Einwanderer) keinen Zugang
gangs zu Eigentumswohnungen – Privat- gen-Agitator unter der Überschrift „Das (zu dieser gerichtlich einklagbaren
eigentum soll bei ihm den Stützpfeiler des einklagbare Recht auf Ernsthaftigkeit“: Rechtsposition) haben sollen“, tönte Sar-
sozialen Wohnungswesens bilden. „Bis zuletzt hat Jacques Chirac die ’Rech- kozy. Diese Position lässt sich zwar poli-
Am 5. Januar 07 erklärte Marine Le Pen te auf’ vervielfacht. Der Präsident der Hil- tisch verurteilen bzw. in sozialen Kämpfen
im Radiosender ,France Inter’, die Überle- fen, der Subventionen, der Kredite, der ,auflockern’, steht aber zugleich (leider)
gungen im Regierungslager zu einem ein- Vermeidung von Restrisiken, der Garan- vollkommen mit dem bürgerlichen Recht
klagbaren Recht auf Wohnraum seien tien, der Versicherungen und jetzt auch der im Einklang und ist insofern keine Überra-
„eine Anpassung (der Konservativen) an ,einklagbaren Rechte’ hinterlässt die Spur schung.
kollektivistische Positionen“. Dies belege, eines gigantischen Geldschein-Verteilers. Doch Nicolas Sarkozy geht noch erheb-
“dass Chirac ein Mann der Linken“ sei, Und auch (die Spur) desjenigen, der die lich weiter. Originalton: „Ich wünsche
wie man schon immer gewusst und gesagt Staatsverschuldung von 58 Prozent des auch nicht, dass alle legal in Frankreich le-
habe. Als Lösungsansatz müsse der Zu- Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2002 auf benden Ausländer ein Anrecht darauf ha-
gang zum sozialen Wohnungsbau „für 66,6 % am Ende seiner Amtszeit hat an- ben sollen.“
französische Staatsbürger reserviert wer- wachsen lassen. (...) Frankreich verliert/ Konkret schlug Nicolas Sarkozy vor,
den“, d.h. Immigranten müssen aus ihm verzettelt sich darin, ,Rechte auf...’, ,Vor- nur solchen Einwanderern in Frankreich
ausgeschlossen werden. (Zur Zeit leben in teile’ und ,Hilfen’ verteilen zu wollen. Es eine Rechtsposition im Sinne des “ein-
Frankreich vier Millionen Menschen im muss sich die Worte ,Innovation’, ,Verän- klagbaren Rechts auf eine Wohnung“ zu-
sozialen Wohnungsbau, HLM.) Schuld an derung’, ,Öffnung’ zu eigen machen. zugestehen, die über eine unbefristete Auf-
der Wohnungsnot seien ihr zufolge „die Kurz, das Land endlich in die schnelle Be- enthaltserlaubnis in Gestalt der so genann-
Mieterschutzgesetze“. Denn „diese Ge- wegung der Globalisierung einbringen/ ten „Zehn-Jahres-Karte“ verfügen. Die
setzgebung weist so viele Zwänge für die versetzen.“ „Zehn-Jahres-Karte“ („carte de dix ans“,
Eigentümer auf, dass sie ihre Wohnungen Nicolas Sarkozy: „Recht auf Wohn- auch “carte de résident“ genannt) ist im
nicht mehr vermieten“. Es ist ja bekannt, raum“ ja. Aber nicht für die (Mehrzahl Jahr 1984 eingeführt worden. Hat der Im-
dass – jedenfalls aus der Sichtweise von der) Immigranten migrant oder die Immigrantin einmal die
Manchen – die Arbeitslosigkeit auch da- „Zehn-Jahres-Karte“, so hat er nach ihrem
raus resultiert, dass die Lohnabhängigen Der zur Zeit formalrechtlich zweit- oder Ablauf ein Recht auf die Erneuerung diese
zu viel Kündigungsschutz haben... drittmächtigste Mann im Staate, der sich Aufenthaltstitels, sofern keine gesetzli-
Das rechte Monatsmagazin ,Valeurs mit viel Getöse anschickt, zum mächtigs- chen Verwirkungsgründe ausdrücklich da-
actuelles’, dessen Leserschaft zu 66 Pro- ten aufzurücken, will bis 2012 das „ein- gegen stehen.
zent konservativ und zu 25 Prozent rechts klagbare Recht auf Wohnraum“ einführen. Auf diese „Zehn-Jahres-Karte“ hatte
wählt (Erhebung von 2004), seinerseits Aber es soll nicht für die meisten Einwan- bislang (d.h. vor dem Amtsantritt Sarko-
möchte zwar nicht grundsätzlich die Woh- derer in Frankreich gelten zys) ein Recht, wer mindestens drei Jahre
nungsnot in Abrede stellen und bringt die Nicolas Sarkozy ist ein Mann, der es lang legal, d.h. jeweils mit einjährigen
„christliche Nächstenliebe“ in Anschlag. seit Jahren eilig hat auf dem Weg “ganz Aufenthaltstiteln („carte de séjour d’un
Aber es wirft die aus seiner Sicht entschei- nach oben“. Am Sonntag, den 14. Januar an“) ausgestattet, auf französischem Bo-
dende Frage auf, ob ein einklagbares 2007 hat ihn die konservative Einheitspar- den gewohnt hatte und die rechtlichen Vo-
Recht auf Wohnraum ggf. nur für Inhaber tei UMP, mit 98,1 Prozent der abgegebe- raussetzungen dafür erfüllte. Zu den recht-
eines französischen Ausweises gelten wür- nen Stimmen (das entspricht rund 69 Pro- lichen Grundbedingungen gehörte bis da-
de – oder auch für Immigranten: „Wird zent ihrer formalen Mitgliedschaft), zum hin, dass der oder die Betreffende über ein
dieses Recht, das vor den Gerichten einge- Präsidentschaftskandidaten des Bürger- eigenes Einkommen verfügt. Aber, und
klagt werden kann, allein für Franzosen blocks gekürt. Nicolas Sarkozy war der jetzt kommt das dicke Aber: Seit der vor-
reserviert bleiben – oder wird es in den einzige Kandidat. Kritische Beobachter letzten Novellierung der Ausländergesetz-
Gemeinden von allen Personen, die sich verglichen die Showveranstaltung, zu der gebung unter Innenminister Sarkozy, das
legal oder illegal auf dem Staatsgebiet auf- 70.000 UMP-Mitglieder herangekarrt im November 2003 vom französischen
halten, geltend gemacht werden können?“ worden waren, abwechselnd mit einer Parlament angenommen wurde (gefolgt
Aufgrund europäischer und internationaler “amerikanischen“ Politshow im Stile der von einer erneuten „Reform“ im Juni
Abkommen zum Schutz gegen Diskrimi- “Konvents“ jenseits des Atlantik – und mit 2006), wird die „Zehn-Jahres-Karte“ für

10 : antifaschistische nachrichten 2-2007


die nähere Zukunft weitgehend abge- glieder von seit längerem „legal“ im Lan- die medizinische Notfallhilfe von Staats
schafft. de lebenden Migranten gilt nunmehr diese wegen (AME, Aide médicale d’Etat) zu
Ein vom Minister selbst geschaffener eiserne Regel: Fünf Jahre legalen Aufent- reformieren, „ohne die Reform endlos auf-
Engpass halts plus individuelle „Integrationsprü- zuschieben“. Die AME ist jener Notfall-
fung“. Darunter gibt es keinerlei Aussicht schutz, der auch „illegal“ in Frankreich le-
Seit der Sarkozy’schen Neufassung der auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel. benden Personen –- die aus diesem Grun-
Ausländergesetze von Ende 2003 wurde Weiteres Öl ins Feuer de kein Recht auf die gesetzliche Kranken-
die Mindest-Aufenthaltsdauer, die für den versicherung haben – den Zugang zu einer
Erhalt der „Zehn-Jahres-Karte“ erforder- Eine Stunde nach der Pressekonferenz Ni- medizinische Minimalversorgung erlaubt.
lich ist, von drei auf fünf Jahre legalen colas Sarkozys meldete sich der (im Die Kosten für diese Minimalversorgung
Aufenthalts verlängert. Vor allem aber gibt wahrsten Sinne des Wortes) „rechte Arm“ übernimmt die Zentralregierung. Minister
es künftig keinerlei automatischen Rechts- des Ministers zu Wort. Der südfranzösi- & Präsidentschaftskandidat Sarkozy tönt
anspruch mehr darauf. Nach Ablauf dieser sche Abgeordnete Thierry Mariani, der Ni- nun dazu, man müsse diesen Mechanis-
fünf Jahre muss der oder die Betreffende colas Sarkozy nahe steht, führte in einer mus „auf die wirklich bedürftigen Auslän-
individuell belegen, dass er oder sie den Erklärung zum Thema aus: „Das (was Ni- der einschränken“.
Kriterien der „republikanischen Integrati- colas Sarkozy vorschlug) ist eine Maßnah- Als ob dies nicht bereits bisher der Fall
on“ in die französische Staats- und Gesell- me im Sinne des gesunden Menschenver- gewesen wäre: Über die Gewährung des
schaftsordnung genügt. (Vgl. http:// www. stands. Wenn man keine Aufenthaltser- Zugangs zur AME, also über die Bedürf-
labournet.de/internationales/fr/alg03. laubnis hat, oder wenn man nur einen ein- tigkeit bzw. Dringlichkeit der Inanspruch-
html) jährigen vorübergehenden Aufenthaltstitel nahme ärztlicher Versorgung, wird nach
Und in vielen Fällen wird, anhand die- hat, dann hat man nicht eine Sozialwoh- Aktenlage behördlich entschieden. Sarko-
ser individuellen Überprüfung, eine erneu- nung auf Kosten des Steuerzahlers zu ge- zy posaunte ferner hinaus: „Man darf nicht
te einjährige Aufenthaltserlaubnis statt der nießen.“ (Zitiert nach ,Le Monde‘ vom 13. nach Frankreich einwandern, um Nutznie-
bisher üblichen „Zehn-Jahres-Karte“ ver- Januar) ßer der sozialen Hilfen zu werden. Unser
liehen werden. Ein dagegen stehendes Nicht so viel unmittelbare Beachtung Land ist nicht dazu da, zum weltweiten
Recht auf einen unbefristeten Aufenthalts- hat unterdessen ein weiter Vorstoß des In- Schalter für soziale Dienste zu werden!“
titel gibt es nun nicht mehr. Und selbst für nenministers auf seiner Pressekonferenz
nach Frankreich nachgeholte Familienmit- vom 11. Januar gefunden. Er schlug vor, Bernhard Schmid (Paris) ■

Am 9. Januar 2007 mussten sich EUCOM schließen:


die drei Atomwaffengegner und
Aktiven der gewaltfreien Aktion
Atomwaffen Abschaffen Hanna Jaskols-
Atomwaffengegner vor dem
ki, Johannes Mader und Martin Otto vor
dem Amtsgericht Stuttgart verantworten.
Amtsgericht Stuttgart
Den drei Friedensaktivisten wird vorge- chen des EUCOM erklärten sie weiter: Dutzend Aktivisten rechtskräftig verur-
worfen, sich bei der einer Go-In-Aktion „Unsere Aktion soll gleichzeitig symbo- teilt worden, einige davon mehrmals.
im European Command (EUCOM) der lisch und konkret sein. Im EUCOM wer- Bisher 21 mal haben Verurteilte ihre
US-Armee am Nagasaki-Gedenktag, den Kriegseinsätze gesteuert, möglicher- Geldstrafen ersatzweise im Gefängnis
dem 9. August 2005 der Sachbeschädi- weise in der Zukunft auch Atomwaffen- verbüßt.
gung und des Hausfriedensbruchs schul- einsätze. Wir wollen die vom EUCOM Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaf-
dig gemacht zu haben. Die Aktivisten ausgehende Gefahr symbolisch verrin- fen Haußmannstr. 6, 70188 Stuttgart ■
hatten den Zaun des EUCOM an einer gern, indem wir das EUCOM-Gelände
Stelle geöffnet und dahinter ein paar konkret verkleinern. Wir sehen die Akti- Die „Stuttgarter Zeitung“ vom 10. Januar
Quadratmeter des EUCOM-Geländes on als einen Schritt, auf dem Weg hin zu zum Ausgang des Prozesses: „Alle gut
eingezäunt. Dieses kleine Stück des EU- politischen und juristischen Entschei- vorbereiteten Reden halfen den Friedens-
COM wurde der US-Army zum Preis dungen, die irgendwann für die konkrete aktivisten nichts: die Richterin machte
von einem Euro abgekauft. Schließung des EUCOM sorgen werden. sich nicht einmal die Mühe, etwas zu no-
Damit wollten die drei daran erinnern, Um solche Entscheidungen zu erreichen, tieren. Deshalb blieb es beim Antrag der
wie die US-Regierung einst eine riesige ist politischer Druck notwendig. Unsere Staatsanwaltschaft, der jedoch die Tages-
Fläche Land den Western-ShoshoneIn- Aktion ist ein Beitrag dazu.“ satzhöhe der beiden Männer auf 5 Euro re-
dianern in Nevada abgekauft hatte, um Wegen vergleichbarer Aktionen am duzierte. Sie müssen insgesamt 100 Euro
das Gebiet anschließend mit Atomtests EUCOM in Stuttgart und am Atomwaf- zahlen, die Frau, deren Ehemann pensio-
zu zerbomben. Nach der Weigerung der fenlager Büchel sind bisher mehrere nierter Studiendirektor ist, 600 Euro.“
IndianerInnen, ihr Land zu verkaufen,
wurde kurzerhand ein Geldbetrag auf das
Konto des „Bureau für indianische Ange- Spendenaufruf:
legenheiten“ überwiesen, und die US-
Regierung erklärte sich damit zum Ei- 2000 Euro für die Antifaschistischen Nachrichten!
gentümer dieses Landes. Fast ist das Ziel erreicht. Bis zum 22. Januar 2007 waren es
Anschließend hatten sie im EUCOM 1736,10 Euro
Transparente und Schilder aufgehängt,
auf denen die Schließung dieser Atom- Vielen Dank allen Spenderinnen und Spendern!
waffen-Einsatzzentrale gefordert wurde,
das EUCOM durchquert, waren zum Spendenkonto: GNN-Verlag
Haupteingang wieder hinausgegangen Postbank Köln, BLZ 370 100 50 Kto. 10419507
und hatten sich abschließend vor dem
Gelände bei der Polizei selbst angezeigt. Stichwort: Spende Antifa-Nachrichten
In einem Schreiben an die Verantwortli-

: antifaschistische nachrichten 2-2007 11


: ausländer- und asylpolitik
eine Stufe mit dem „internationalen Ter-
rorismus“ gestellt.
„Nur wenn die deutsche Ratspräsi-
dentschaft aufhört, die Themen Asyl und
Sammelrückführungen auf Beispiel im letzten Jahr Flüchtlinge aus Einwanderung mit repressiver Politik,
Sri Lanka, die trotz der Eskalation des Terrorismusbekämpfung und organisier-
dem Luftweg Konfliktes und trotz massiver politischer ter Kriminalität in schändlicher Weise zu
Berlin. Im ersten Halbjahr 2007 sollen Verfolgung durch die Konfliktparteien vermengen, wird es möglich sein, eine
erneut zwei Sammelrückführungen auf keine Chance hatten und deren Asylanträ- ernsthafte und glaubwürdige Debatte über
dem Luftweg unter deutscher Federfüh- ge fast ausnahmslos als „offensichtlich eine gemeinsame Einwanderungs- und
rung geplant und durchgeführt werden. unbegründet“ abgelehnt wurden. Asylpolitik der Europäischen Union zu
Dies ergibt sich aus einer Pressemittei- Aus Sicht von PRO ASYL hat das Bun- führen“, so Kopp.
lung des Bundesinnenministeriums vom desamt für Migration den Auftrag abzuar- PM Pro Asyl, gez. Karl Kopp – Euro-
1. Dezember 2006 „Europäische Staaten beiten, Flüchtlinge in vielen Fällen syste- pareferent“, Quelle: presse@asyl.org -
gemeinsam gegen illegale Migration“. matisch um ihr Recht zu bringen. Mittel- flucht mailing list flueratnds. ■
Anlass war die kurz zuvor am 30. No- fristig soll damit der Weg freigemacht
vember 2006 von der Bundespolizei werden für die künftig ins Auge gefasste, Innen- und Justizminister der
durchgeführte Sammelrückführung von gesteuerte „zirkuläre Migration“. Für die-
Düsseldorf nach Togo und Kamerun. Es se wirbt Bundesinnenminister Schäuble EU beendeten ihre Dresdner
handelt sich um ein von der EU geförder- im europäischen Rahmen, ohne allerdings Konferenz
tes Projekt, an dem Spanien, Frankreich, bis jetzt hierfür eine deutsche Einwande- Dresden. Die EU will Killerspiele und
Polen, Luxemburg und die Schweiz direkt rungsquote ins Gespräch zu bringen. Gewaltvideos verbieten und ihre Außen-
beteiligt waren. Italien, Polen, die Tsche- Durch die Abschottung der europäi- grenzen gegen Flüchtlinge noch stärker
chische Republik und die europäische schen Außengrenzen bleiben viele Flücht- militärisch absichern. Darauf verständig-
Grenzschutzagentur Frontex entsandten linge ohne Chance, überhaupt einen An- ten sich die Justiz- und Innenminister der
Beobachter. Mit großem Personaleinsatz trag auf dem Territorium eines EU-Staates 27 EU-Staaten auf ihrem am Dienstag zu
wurden insgesamt 35 Personen bereits auf zu stellen. Auch an Resettlementprogram- Ende gegangenen Treffen in Dresden.
diese Weise abgeschoben. bee ■ men (Programme zur Aufnahme von an- Alle auf nationaler Ebene verbotenen Ge-
erkannten Flüchtlingen) aus Drittstaaten waltspiele sollen an eine zentrale EU-
Ein Dokument deutscher Ver- und Flüchtlingslagern der Herkunftsre- Stelle gemeldet und so eine schwarze Lis-
gionen beteiligte sich Deutschland im te erstellt werden, teilte ein Sprecher nach
antwortungslosigkeit Jahr 2006, von quantitativ unbedeutenden Abschluß der Konferenz mit. „Bei labilen
Berlin. Als Dokument deutscher Verant- Ausnahmen abgesehen, nicht. Personen besteht die Gefahr, dass sie vir-
wortungslosigkeit bezeichnet PRO ASYL „Das internationale Flüchtlingsrecht tuell erlebte Tötungserfahrungen auf die
die jetzt veröffentlichte Asylstatistik für lebt von der Bereitschaft auch der reichen reale Welt übertragen“, erklärte dazu der
das Jahr 2006. Die Statistik belegt, dass Staaten, ihren Beitrag zur Lösung der bayerische Innenminister Günther Beck-
Deutschland seinen Verpflichtungen im Flüchtlingsprobleme in der Welt zu leis- stein (CSU), der sich als Vertreter der
internationalen Flüchtlingsschutz in kei- ten. Gemessen an diesem Maßstab ist das, Bundesländer mit der Forderung nicht
ner Weise mehr nachkommt. Als Zu- was Deutschland und die EU-Staaten be- durchsetzen konnte, auch Spiele im Inter-
fluchtsland für Flüchtlinge scheidet treiben, nichts anderes als Sabotage am net zu verbieten. Bundesjustizministerin
Deutschland weitgehend aus. Menschenrecht auf Asyl“, so PRO ASYL- Brigitte Zypries (SPD) wies dies als tech-
Gerade noch 21.029 Menschen haben Referent Bernd Mesovic. nisch nicht machbar zurück.
in Deutschland im letzten Jahr Asyl bean- Presseerklärung –Pro Asyl, 9.1.2007 Während mehrere Dutzend Mitglieder
tragen können. Die Zahl der Asylneuan- Quelle: presse@asyl.org - flucht mai- antirassistischer Gruppen vor dem streng
tragstellungen ist im Vergleich zum Jahr ling list flucht@nds-fluerat.org ■ bewachten Dresdner Kongresszentrum
2005 um über 27 % zurückgegangen. Die- „Bleiberecht für alle und überall« forder-
se Zahlen, ein erneuter historischer Tief- Schäuble legt Programm zur ten, diskutierte die Ministerrunde über die
stand, spiegeln noch nicht die ganze Rea- Abwehr angeblich im Sommer drohender
lität wider. Denn jeder vierte Antrag wird EU-Ratspräsidentschaft vor: »Flüchtlingsströme“ an den Süd- und Ost-
von Amts wegen für ein neugeborenes Obsessiver Abschottungskurs grenzen.
Kind von Eltern gestellt, die ihrerseits Berlin. Am 3. Januar 2007 hat Pro Asyl Bundesinnenminister Wolfgang Schäu-
Asyl in Deutschland beantragt haben. Die eine Presseerklärung dazu rausgegeben. ble (CDU) und EU-Justizkommissar
von Amts wegen als Asylantragsteller Ge- Sie lautet: „Das von Innenminister Wolf- Franco Frattini forderten von allen EU-
borenen haben naturgemäß eine Anerken- gang Schäuble heute vorgelegte innenpo- Staaten bis Ende März konkrete Zusagen
nungschance von praktisch Null. litische Arbeitsprogramm zur EU-Rats- für die Aufrüstung der europäischen
Auch bei den Anerkennungsquoten präsidentschaft verfolgt nach Auffassung Grenzschutzagentur Frontex mit Hub-
hielt Deutschland im Jahr des Heuchelns von PRO ASYL einen „obsessiven Ab- schraubern, Schiffen und Personal.
2006 („Die Welt zu Gast bei Freunden“) schottungskurs“ und blendet Menschen- Gleichzeitig will die EU im Rahmen von
sein niedriges Niveau. Ganze 251 Perso- rechte und Flüchtlingsschutz aus. „Mehr Partnerschaftsabkommen einer begrenz-
nen erhielten den Asylstatus, 1.097 Perso- Grenzschutz, mehr Rückübernahmeab- ten Anzahl von Personen einen zeitlich
nen den Flüchtlingsstatus nach der Genfer kommen und mehr gemeinsame Abschie- befristeten Zugang zum europäischen Ar-
Flüchtlingskonvention. Bei weiteren 603 bungen bilden die Schlüsselelemente auf beitsmarkt ermöglichen. So hoffen die
Personen wurden Abschiebungshindernis- Schäubles Agenda“, so Karl Kopp, Euro- EU-Minister offenbar, die Zuwanderung
se festgestellt. pareferent von PRO ASYL. gewünschter „Gastarbeiter“ zu kanalisie-
Das Asylverfahren und seine Ergebnis- Schäubles Programm knüpft nahtlos an ren und gleichzeitig deren Herkunftsstaa-
se sind politisch gesteuert. Die weisungs- eine europäische Abwehrpolitik an, die ten und Transitstaaten in die Bekämpfung
abhängigen Entscheider des Bundesamtes 2006 die bislang höchste Todesrate an den der illegalen Einwanderung einzubinden.
für Migration und Flüchtlinge werden bei Außengrenzen zu verantworten hatte. Ge- Frattini hielt Pilotprojekte mit afrikani-
bestimmten Personengruppen auf Ableh- betsmühlenhaft wird die „illegale Ein- schen Ländern wie Mali, Senegal oder
nung eingeschworen. Dies betraf zum wanderung“ als Bedrohungsszenario auf Gambia für denkbar.

12 : antifaschistische nachrichten 2-2007


Am Tag vor Heiligabend begannen
die marokkanischen Behörden er-
neut, MigrantInnen aus Sub-Saha-
Deportationen gegen
ra-Afrika in die Wüste abzuschieben. Die
Welle an Razzien dauert bis heute an. Da-
bei kommt es zu gewalttätigen Übergrif-
Entwicklungshilfe?
fen und Vergewaltigungen durch die ma- planten Repressionswelle im Sinne der im aktuellen Fall, ebenso zu Opfer von
rokkanische Polizei, auch das marokkani- EU zu handeln. Erst im Juli letzten Jahres Übergriffen.
sche Militär wurde eingesetzt. Nach An- fand in Rabat eine Euro-afrikanische Mi- Bezeichnend ist die Militarisierung des
gaben von Attac Marokko verlor eine nisterialkonferenz zu den Themen Migra- Mittelmeers zum Zwecke der Migrations-
schwangere Frau aus der Region der gro- tion und Entwicklung statt. abwehr vor allem deshalb, weil von der
ßen Seen EU-Kommissi-
nach einer on einen Bedarf
Vergewalti- an Zuwanderung
gung ihr festgestellt hat
Baby. (1) (3) und die Mit-
Am 23. gliedsstaaten zu-
und 25.12. gleich aktiv aus-
2006 fanden ländische Ar-
Razzien in beitskräfte an-
den Armen- werben. (4) An-
vierteln Ra- statt die Migran-
bats und Na- tInnen aktiv zu
dors statt, entrechten, soll-
bei denen te die EU sich in
Menschen ihrer Nachbar-
nach ihrem schaft für die
Aussehen Einhaltung von
zusammen- Menschenrech-
getrieben, in ten einsetzen.
Busse ge- Zunächst müsste
drängt, mit sie aber selbst
diesen dann bereit sein, Men-
ins Grenz- schen legal ein-
gebiet zu reisen zu lassen
Algerien ge- und ihre sozia-
bracht und len und politi-
nachts dort ausgesetzt wurden. Unter den Im vorangegangenen Herbst waren ma- sche Rechte anerkennen. Amnesty Inter-
Deportierten befanden sich Frauen, Kin- rokkanische und spanische Polizisten ge- national forderte, aufgrund der jüngsten
der, Flüchtlinge und Menschen, denen meinsam an der Ermordung von Migran- Deportationen die Kooperation mit Ma-
vom UNHCR Asyl zugesichert wurde. Ei- tInnen bei ihren Grenzübertritten bei Ceu- rokko bei der Bekämpfung „illegaler Mi-
nigen von ihnen gelang es, zu Fuß in die ta und Mellila beteiligt. gration“ einzustellen. (5) Dass die Flucht
Grenznahe Wüstenstadt Oujda zu gelan- Tatsächlich besteht die EU-Nachbar- vor Hunger und Kriegen oder gar Men-
gen, wo es erneut zu willkürlichen Verhaf- schaftspolitik auf einer Kooperation mit schen illegalisiert werden, ist menschen-
tungen kam. Am 30. Dezember fanden den nordafrikanischen Staaten und macht verachtend.
weitere Razzien in der Wüstenstadt Lay- von dieser ihre Wirtschaftshilfen und poli- Christoph Marischka, IMI Tübingen ■
oun statt. Mittlerweile wurde von ver- tische Anerkennung abhängig, bei Nicht- (1) siehe: http://fluechtlingsrat-hamburg.de/con-
schiedenen Menschenrechtsgruppen do- Kooperation drohen Sanktionen. (2) tent/Meldung_Marokko_020107_franz.pdf , so-
kumentiert, dass Polizei und Soldaten die Diese Kooperation besteht neben wie: PRO ASYL e.V.: Informeller Rat in Dresden
diskutiert Konzept von Schäuble und Sarkozy,
MigrantInnen vergewaltigten und miss- Rücknahmeabkommen darin, die Migran- Presseerklärung vom 15. Januar 2007
handelten. tInnen als vollkommen rechtlose Men-
(2) Diese Strategie wird auf dem gegenwärtig statt-
Marokko kann davon ausgehen, mit schen zu behandeln, denn sonst könnten findenden informellen Treffen der EU-Innenminis-
dieser groß angelegten und offenbar ge- sie ja ganz legal bis an die Grenzen der ter in Dresden als „deutsch-französische Initiative
EU gelangen. Dies geht so weit, dass dik- für eine neue europäische Einwanderungspolitik“
tatorische Regime wie Algerien und Mau- erneut bestätigt. Siehe außerdem: Rat der EU
2002: Draft Council Conclusions - Cooperation
Auf der von ihm geleiteten Konferenz retanien mit Waffenlieferungen unter- with third countries of origin and transit to jointly
konnte sich Schäuble mit der Forderung stützt werden, um ihre Grenzen schließen combat illegal immigration, nicht-öffentlich, aber
durchsetzen, den bislang von sieben EU- zu können. auf der HP von Statewatch veröffentlicht, URL:
Staaten unterzeichneten Vertrag von Prüm Der enorme Aufwand, mit dem die http://www.statewatch.org/news/2002/jun/9917.3.
pdf (20.10.2006)
über Datenaustausch zur grenzüberschrei- Menschen kriminalisiert und die Grenzen
tenden polizeilichen Zusammenarbeit in militarisiert werden, führt dazu, dass im- (3) Kommission der EG 2005e (KOM (2005 669
endgültig): Strategischer Plan zur legalen Zuwan-
europäisches Recht zu überführen. Durch mer mehr Menschen im Maghreb stecken derung
diese weitgehende Aushebelung des Da- bleiben. Das UNHCR bemüht sich dort, (4) Geddes, Andrew 2004: Towards Common EU
tenschutzes können Polizeistellen bei sie zu sortieren und denjenigen mit Asyl- Immigration and Asylum Policies?, Draft prepared
Großereignissen wie G-8- oder EU-Gipfel anspruch Papiere auszustellen, womit ihr for the international conference ‘Immigration Issu-
beispielsweise auf DNA- oder Fingerab- Asylanspruch in der EU erlischt. Die es in EU-Turkish relations’, Bogazici University,
Istanbul, Turkey, 8-9 October 2004
druckdateien und Fahrzeugregister ande- nordafrikanischen Staaten bieten aber
rer EU-Staaten zugreifen. auch diesen anerkannten Flüchtlinge kei- (5) Amnesty International European Office: EU
respond to migrants abuse in Morocco, Pressemit-
Ulla Jelpke, zuerst erschienen in: nerlei Unterstützung und sie werden, wie teilung vom 9.1.2007
junge Welt vom 17.01.2007 ■

: antifaschistische nachrichten 2-2007 13


Dokumentation der

„Jugendliche Ohne Grenzen“-Konferenz


vom 15. - 18. November 2006 in Nürnberg
Von Mittwoch den 15. bis Sams- wurden gemeinsam der Demonstrations- hotel für ein echtes Bleiberecht. Sie pass-
tag den 18. November 2006 tra- ablauf durchgesprochen, Reden geschrie- ten Journalisten und gelangten ein weite-
fen sich etwa 100 geduldete Ju- ben, gebastelt, Transparente gemalt und res Mal mit ihrer Kritik in die Abendnach-
gendliche aus 12 Bundesländern zu der Slogans geübt. richten. Zudem kamen sie in Besitz des
mittlerweile dritten parallel zur Innen- Am Nachmittag fand dann die bundes- Bleiberechtsbeschluss, der umgehend zum
ministerkonferenz stattfindenden „Ju- weite Demo fürs Bleiberecht statt, die mit Konferenzort gefaxt wurde und dort von
gendliche Ohne Grenzen“ - Konferenz. über 2000 TeilnehmerInnen eine der kraft- einer Kleingruppe durchgearbeitet wurde,
Auf diesen Konferenzen geht es darum, vollsten und ausdrucksstärksten Demos im um ihn am Nachmittag vorzustellen.
sich als geduldete Jugendliche, die für
ihr Bleiberecht kämpfen, auszutau-
schen und zu vernetzen, neue Fähigkei-
ten zu lernen, aber auch darum, den In-
nenministern zu zeigen, dass wir da
sind und sie so lange nicht in Ruhe las-
sen, bis es ein wirkliches Bleiberecht in
Deutschland gibt.

Am Mittwochnachmittag wurde die Kon-


ferenz feierlich eröffnet und nach einer
Vorstellungsrunde der TeilnehmerInnen
mit der Preisverleihung des „Abschiebe- Flüchtlingsbereich in den letzten Jahre Der Freitag-Nachmittag war bestimmt
ministers 2006“ begonnen. Gewinner des nwar und an der sich vor allem Betroffene von der Diskussion über die Bleiberechts-
Abends war – wer hätte es anders erwartet beteiligten. Busse waren u.a. aus Berlin, Regelung und ihre Auswirkungen. Aus-
– Günther Beckstein, der den Publikums- Frankfurt, Göttingen, Hessen und ver- führlich und detailliert wurde die Rege-
preis, den goldenen gepackten Koffer, ver- schiedenen bayerischen Städten gekom- lung vorgestellt, zwei anwesende Rechts-
liehen bekam. Doch auch die anderen In- men. Für besondere Empörung sorgte die anwältInnen standen für Detailfragen zu
nenminister wurden geehrt, der Jurypreis, Nachricht, dass der Bus aus dem Lahn- den eigenen Bleiberechtschancen der Ju-
der goldene Abschiebeflieger, wurde näm- Dill-Kreis (Hessen) nicht kommen konnte, gendlichen zur Verfügung. Auf der Basis
lich an die IMK als ganze in Würdigung da die Residenzpflicht von den Behörden dieser Informationen wurde dann das wei-
ihrer Verdienste um die Verschleppung ei- nicht aufgehoben wurde. Die Betroffenen tere Vorgehen im Gesamtplenum disku-
ner Bleiberechtsregelung verliehen. Das ließen sich allerdings nicht entmutigen tiert. Die Ergebnisse der Diskussion wur-
ganze wurde von Fernsehteams der Heute- und machten den ganzen Tag lang eine den in einem Workshop aufgearbeitet und
Nachrichten und Tagesthemen gefilmt. Bleiberechtstour durch den Lahn-Dill- für das Abschlussplenum abstimmungsfä-
Leider kam von den eingeladenen Innen- Kreis. Nach einer großen Schleife durch hig gemacht. Ein weiterer Workshop pass-
ministern bis auf Berlins Innensenator die Nürnberger Innenstadt zog die Demo te den J.O.G.-Apell an die neue Situation
Körting, der überraschend auftauchte, nie- bis kurz vor die Burg, wo sich gerade die an. Abends wurde dann unser Erfolg ge-
mand zu der Wahl. Herr Beckstein sah sich Innenminister zum Fototermin trafen. bührend gefeiert. Im Gostener Hoftheater
allerdings genötigt, sich via Presseerklä- Nach der Demo luden die Jugendlichen war Abschlussparty der J.O.G.-Konferenz.
rung artig für den Preis zu bedanken, der noch die TeilnehmerInnen zur Aufführung Abschluss und
am Donnerstag dann von einer Delegation des Hiergeblieben-Theaterstücks in die Ju- Strategieplan für 2007
der Konferenz dem Protokollchef der In- gendherberge ein.
nenministerkonferenz übergeben wurde. Wie weiter mit J.O.G.? Am Samstagvormittag war dann der große
Workshops und Bleiberechts- Abschluss. Der neue J.O.G.-Apell wurde
demonstration Der Freitag stand unter dem Motto: „Wie diskutiert und schließlich verabschiedet.
weiter mit J.O.G.“. Am Freitag Vormittag Aufgaben bis zum nächsten J.O.G.-Tref-
Am Donnerstag wurden als erstes Spre- hielten VertreterInnen von vier Flücht- fen in Frankfurt wurden verteilt und ein
cherInnen für die Pressekonferenz und lingsgruppen (Sans-Papiers, The Voice Strategieplan fürs nächste Jahr bestimmt:
RednerInnen für die Demonstration am Refugee Forum, Papiere für Alle und Fras- 1. Mitte Januar (in Frankfurt) wird über
Abend gewählt. Daraufhin wurde in die sanito Netzwerk) Vorträge. zwei Tage verteilt ein Organisationstreffen
Arbeitsgruppen gegangen. Eine Klein- Die Referenten aus Frankreich und stattfinden, bei dem die Aktionen des Jah-
gruppe bereitete die Pressekonferenz vor, Deutschland berichteten über die Strate- res 2007 Jahres koordiniert werden. Zu-
und erhielt eine Kurz-Einführung in pro- gien ihrer Gruppe und Organisationsfor- dem wird es drei Workshops zu den The-
fessionelle Pressearbeit. Das gelernte wur- men. In anschließenden Gesprächen erar- men Fundraising, „was war für Nürnberg
de sofort angewendet: Auf einer gemein- beiteten sie zusammen mit Jugendlichen nötig“ und Pressearbeit geben.
samen Pressekonferenz mit Pro Asyl Zukunftsperspektiven für „Jugendliche 2. Im Februar oder März wird ein bun-
machten die Jugendlichen dann auch noch Ohne Grenzen“. Besonders bemerkens- desweiter Aktionstag stattfinden der evtl.
einmal klar, dass sie sich nicht mit einem wert war der Beitrag der Sans-Papiers: Ihr mit einem politischen Ereignis gekoppelt
„Bleiberecht light“ zufrieden geben wür- Referent war als Papierloser, trotz der Ge- wird. Vor der Bundestagsentscheidung
den, sondern dass es ihnen um ein Bleibe- fahr aufgegriffen und in Abschiebehaft ge- wird es eine bundesweite Demonstration
recht für alle ihre Freundinnen und Freun- nommen zu werden, über die Grenzen ge- in Berin geben.
de geht. Der Großteil bereitet, während kommen. 3. Im September wird die nächste
dessen im Aktionsworkshop die Demons- Zeitgleich demonstrierte eine Gruppe J.O.G.-Konfernz stattfinden, voraussicht-
tration am Nachmittag und die Übergabe Jugendlicher während der Pressekonfe- lich in Norddeutschland.
des Preises an die Innenminister vor. Es renz der Innenminister vor ihrem Tagungs-

14 antifaschistische nachrichten 2-2007


: aus der faschistischen
Presse Solidarität und Zusammengehörigkeitsge- Presse
Während der ganzen Konferenz hatte un- fühl prägten die Konferenz.
ser Presseteam alle Hände voll zu tun. Am Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
Mittwochnachmittag, sowie Donnerstag die Konferenz ein voller Erfolg war, auch Frauenfeindlich und anti-
und Freitag Vormittag wurden parallel wenn die jetzige Bleiberechts-Reglung semitisch
zum Konferenz-Programm Workshops mit nicht unseren Vorstellungen entspricht.
10-15 Jugendlichen durchgeführt. Sie er- Ohne die Aktionen und Demonstrationen, Junge Freiheit Nr. 3/07 v. 12. Januar 2007
hielten von MitarbeiterInnen von Pro Asyl die J.O.G. (schon im Vorfeld) leistete, Die frauenfeindliche Ablehnung aller
und dem Bayerischen Flüchtlingsrat ein wäre kein Innenminister auch nur auf die Maßnahmen zur Sicherung der Gleichbe-
kurzes Interview-Training. Da es häufig Idee gekommen, über Bleiberecht zu dis- rechtigung und Gleichstellung der Ge-
um sehr persönliche Interviews ging, wur- kutieren. Dass sie es jetzt trotzdem getan schlechter ist ein Schwerpunkt dieser
de die Geschichte der einzelnen Jugendli- haben und sogar eine Reglung getroffen Ausgabe des Blattes. Als Quintessenz for-
chen kurz durchgesprochen und im Vor- haben, obwohl es demnächst eine gesetzli- muliert Michael Paulwitz: „Die schon von
feld abgeklärt, worüber sie bereit sind zu che Regelung geben soll, zeigt auch, wie Alice Schwarzer geforderte und von
sehr sie darauf bedacht waren, angesichts ,Gender Mainstreaming‘ in letzter Konse-
der vielen Proteste das Gesicht zu wahren. quenz anvisierte völlige Abschaffung der
Und es beweist auch: die Proteste zeigen Hausfrau und Mutter als akzeptierte Le-
Wirkung und sind mittlerweile ganz oben bensform trifft sich mit dem technokrati-
angekommen. Das macht Mut, weiterzu- schen Interesse an der totalen Mobilma-
machen! Gleichzeitig konnten die Jugend- chung aller ,menschlichen Ressourcen‘
lichen aus den Workshops praktische Fä- zur abhängigen Vollzeit-Erwerbstätig-
higkeiten zur demokratischen Partizipati- keit.“ Die Kritik trifft aus Sicht des Blattes
on mitnehmen (Demonstrationsvorberei- alle Parteien des Bundestages – zu ihrem
tung und Pressearbeit). Partizipation war Leidwesen auch die „angeblich konserva-
jedoch auf der Konferenz nicht nur Lern-, tive bayerische CSU-Regierung“. In einer
sondern vor allem Anwendungspro- Bildunterschrift beklagt das Blatt: „Auch
gramm: Bei der Durchführung der Presse- Jungs lernen heute den Umgang mit
reden und worüber nicht. Das Training konferenz, der Demonstration und der Säuglingen“. Alles das diene dazu, die
zahlte sich aus: Von ARD und ZDF über Preisübergabe oder durch das Geben von „deutsche Gesellschaft systematisch ,von
Radio Bremen bis zu dem kleinen Studen- Interviews wurde aus der Praxis gelernt. oben‘ umzuprogrammieren“. Dass
tenteam waren verschiedene Fernsehseh- Die praktischen Erfahrungen, die von den Gleichstellung und Gleichberechtigung
teams vor Ort. Welche Medien sonst noch Referenten der anderen Flüchtlingsorgani- der Geschlechter auch mit den wirtschaft-
berichtet haben, kann dem Pressespiegel sationen weitergegeben wurden, haben die lichen und sozialen Änderungen der mo-
(Website) entnommen werden. Die ab- Schwierigkeiten beim Aufbau einer Grup- dernen Industriegesellschaften zu tun hat,
schließende Pressemitteilung der Konfe- pe wie J.O.G. benannt und Möglichkeiten kommt dem Blatt nicht in den Sinn. Die
renz wurde ebenfalls in einem Workshop von J.O.G. realistisch einschätzbar ge- Frau gehört in den Haushalt und der
am Freitagabend verfasst. macht. Auf dieser Basis konnte eine ge- Mann ins Arbeitsleben – diese Vorstellung
Fazit meinsame Planung der inhaltlichen Zu- war schon immer nur für einen ganz ein-
kunftsausrichtung sowie die Festlegung geschränkten Teil der Gesellschaft mög-
Die Konferenz war geprägt von einem ab- des Jahresplans 2007 realisiert werden. lich und erstrebenswert.
solut respektvollen Umgang der Jugendli- Was die Zusammenarbeit mit anderen Be- Blatt-Autorin Doris Neujahr beklagt
chen untereinander sowie den Organisato- troffenen in Deutschland und Frankreich das Vorhaben von Justizministerin Brigit-
ren gegenüber. Es wurde sich auf Augen- betrifft wurde durch den persönlichen te Zypries, „die Leugnung des Holocaust
höhe begegnet - das Herkunftsland des an- Kontakt zu den Referenten neue Möglich- in ganz Europa unter Strafe stellen“ zu
deren war schlichtweg egal. keiten geschaffen. lassen. Neujahr dehnt jetzt die von ihr
Jugendliche die nach Interviews über postulierte Identitätslosigkeit der Deut-
ihre Fluchtgeschichten oder wegen einer Das Bleiberechtsbüro im Bayerischen schen auf ganz Europa aus: „Im Bemü-
negativen Bleiberechtsprognose verzwei- Flüchtlingsrat ist erreichbar: hen, den nationalsozialistischen Mord an
felten, wurden von Anderen aufgefangen. www.bleiberechtsbuero.de, den Juden als den zentralen Bezugspunkt
Niemand wurde nach Hause geschickt. kontakt@bleiberechtsbuero.de eines vereinten Europa festzulegen, spie-
gelt sich ein Kontinent wider, der keine
Idee von sich selbst und keine Kraft zur
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Selbstbehauptung hat. Wer eine exklusive
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de Naherinnerung auf ewig stellt, betreibt die
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach radikale Reduktion des historischen und
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, kulturellen Bewusstseins. Indem es den
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Holocaust zum europaweiten Rechtstitel
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel.
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. und zum Prüfstein der Legitimität allen
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. staatlichen und politischen Handelns er-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind hebt, macht Europa sich politisch erpress-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. bar nach innen und außen. So leicht kön-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- nen Eurokraten einen Kontinent zugrunde
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung richten.“ Doris Neujahr beherrscht die
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Kunst, die strafbewehrte Leugnung des
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf-
Holocaust zu umgehen und ihn gleichzei-
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- tig mehr als zu relativieren. Wer hat den
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Arbeits- Kontinent an den Rand des Abgrunds ge-
gruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes
der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisverei-
bracht – doch wohl der nationalsozialisti-
nigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di sche deutsche Imperialismus und nicht
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. die angeblichen „Eurokraten“. uld ■

: antifaschistische nachrichten 2-2007 15


: aus der faschistischen Presse
Camp. Doch einmal, erzählen Dabeigewe-
sene, schlugen zwei (in Zahlen: 2) Rake-
ten in einer Entfernung von mehreren hun-
Deutsche an die Front – aber Rolle der wirklich für Arbeitslosigkeit und dert Metern ein und bewirkten eine Mas-
nur für deutsche Interessen Armut Verantwortlichen kommt dabei na- senflucht in den unterirdischen Schutz-
Nation & Europa 1-2007 türlich nicht zur Sprache. raum, wo es zu erschütternden Szenen
Angesichts von Millionen Arbeitslosen Auch Dr. Johannes Schulze beschäftigt kam: Soldaten umklammerten sich in hel-
entdeckt auch die Redaktion von „Nation das Thema. Unter der alarmierenden ler Panik, andere brachen in Schrei- und
& Europa“ die soziale Frage. Auf dem Ti- Überschrift „Rückkehr des Sozialismus?“ Weinkrämpfe aus.“ Weicheier eben, an-
telblatt des Januarheftes geht sie das The- beschreibt er seine Sicht der Probleme: ders als der Reserveoffizier Richter.
ma satirisch an: Das Bild eines großen „Nicht nur private Traditionsunternehmen, Auch mit der Ausrüstung sieht es
Tretrades, einem Hamsterrad vergleichbar, auch gemeinwirtschaftliche (Staats-) Un- schlecht aus: „Die Folge ist, daß deutsche
aber von einem Menschen angetrieben ternehmen gehen ,an die Börse‘, werden Truppenteile heute zwar in allen Winkeln
wird kommentiert mit „Die Bundesregie- zu losen Vermögensgegenständen und der Welt stationiert sind, eine wirkungs-
rung informiert: Es geht voran in Deutsch- Spekulationsobjekten anonymer Eigner volle Heimatverteidigung aber nicht mehr
land“. Auch Harald Neubauer nimmt sich (Investmentgesellschaften, Banken, Groß- möglich wäre, weil alle größeren Heeres-
in seinem Editorial des Satzes und des aktionäre). Kaum jemand ist noch persön- einheiten multinational verzahnt, Flugab-
Themas an. „Tatsächlich geht es hierzu- lich für sie verantwortlich. Sie sind Han- wehr und Küstenschutz weitgehend de-
lande voran – zuvörderst mit der Armut.... delsobjekte, die man beliebig aus Profit- montiert sind und die wenigen verbliebe-
Nach Angaben des Statistischen Bundes- gründen aufteilt, ins Ausland verlagert, nen Territorialeinheiten nur noch über
amtes müssen bereits 10,6 Millionen auch stückweise an (ausländische) ,Inves- hoffnungslos veraltetes Material verfü-
Deutsche mit weniger als 60% des Durch- toren‘ zur weiteren Verwertung verhökert, gen“.
schnittseinkommens ihr Dasein fristen. nicht selten, um sich den Verpflichtungen Was folgt daraus: „Die Bundeswehr
Viele davon liegen noch weit unter jenem gegenüber der Belegschaft zu entledigen.“ mag alles mögliche sein, etwa die parami-
Niveau, das die Wirtschaftswissenschaft- Von Sozialismus ist im weiteren Beitrag litärische Variante des Technischen Hilfs-
ler als ,Armutsgrenze‘ definieren. In der keine Rede, ebensowenig wie von anderen werkes, eine Art Deichwehr für flutbe-
,Süddeutschen Zeitung‘ werden die Be- Alternativen zum beschriebenen Szenario. drohte Landstriche in den neuen Bundes-
troffenen kurz und bündig als ,Überflüssi- Aus Schulzes Beschreibung kann man al- ländern – oder was auch immer. Aber eine
ge‘ bezeichnet. Wer es nicht ganz so un- lerdings entnehmen, was ihm vorschwebt: Armee?“
verblümt mag, spricht von ,Prekariat‘, ab- Deutsche Unternehmerpersönlichkeiten Am schlimmsten ist für Richter aller-
geleitet von der ,prekären‘ – sprich: mißli- von altem Schrot und Korn statt anonymer dings die angeblich mangelnde Moral:
chen – Lebenslage dieser rasch wachsen- ausländischer Investoren, patriachalische „Nicht zuletzt fehlt ihr nämlich entschei-
den Bevölkerungsgruppe. Sie besteht Betriebsverhältnisse statt kalter ökomomi- dendes, über das alle anderen Streitkräfte
überwiegend aus Langzeit-Arbeitslosen, scher Profitlogik, „schaffendes“ statt „raf- der Welt verfügen, nur die deutschen
Hartz-IV-Empfängern und Kleinrentnern. fendem“ Kapital. nicht: die nationale Identität. Sie speist
Doch mehr und mehr gesellen sich auch Karl Richter macht sich unter der Über- sich im Normalfall aus einem unverrück-
Menschen hinzu, die zwar tagtäglich hart schrift „Bundeswehr auf dem Weg zur He- baren Fundus eigener Tradition und aus
schuften, aber durch steigende Steuern, lotentruppe: Die Als-ob-Armee“ Sorgen dem selbstverständlichen Stolz auf die mi-
Abgaben und Fixkosten um die Früchte über die bundesdeutsche Armee. Zum ers- litärischen Leistungen des eigenen Lan-
ihrer Arbeit betrogen werden.... Das Re- ten sind deren Angehörige zu weich: „Zeit des. Nur hierzulande ist das nicht so. Die
gime reduziert weder seine Ausgaben und Berufssoldaten, die in Afghanistan Bundeswehr dürfte die einzige Armee
noch seine Verbindlichkeiten, es bereichert eingesetzt waren, berichten hinter vorge- weltweit sein, deren – verordnete – Vorbil-
sich nur ungehemmter an seinen Unterta- haltener Hand Erschütterndes. Etwa von der Widerständler und Deserteure sind und
nen“. „Antikapitalismus“ von rechts: völlig kopflosen Reaktionen beim rund in der das Bekenntnis zum Waffenruhm
Nicht die Unternehmer oder die Konzerne, 2000 Soldaten zählenden Kontingent, das der eigenen Soldaten mit Rausschmiß und
noch weniger natürlich das herrschende seit 2002 in ,Camp Warehouse‘ Dienst Disziplinarmaßnahmen honoriert wird....
Wirtschaftssystem, nein, der Staat ist schiebt, dem zentralen Stützpunkt der Im Ergebnis ist die Bundeswehr heute eine
schuld an der Armut. Auf diese Weise wird Bundeswehr in Afghanistan unweit der Truppe ohne Identität, ohne Tradition,
berechtigte Unzufriedenheit aufgegriffen, Hauptstadt Kabul... Niemals in viereinhalb Stolz und Profil.“
um auf Scheinziele gelenkt zu werden. Die Jahren gab es gezieltes Feuer auf das Dabei gäbe es doch so viel, auf das die
Bundeswehr stolz sein könnte: Den Über-
fall auf Frankreich 1870, die Gemetzel des
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Ersten Weltkrieges, den Versuch fast ganz
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: Europa zu versklaven...
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich Dem Autoren geht es allerdings nicht
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
um soldatische Ehre um ihrer selbst wil-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
len: „Die Rechnung der 60 Jahre währen-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
den Demilitarisierung – an der ein halbes
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). Jahrhundert Bundeswehr nichts ändert –
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
kommt auf den Tisch: Die Krauts sollen
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) sich mit scharfem Schuß an der Installati-
on der ,Neuen Weltodnung‘ beteiligen“.
Name: Adresse: Und bevor die Bundeswehr das für die
US-Amerikaner tut, sollte sie nach Rich-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts ters Meinung offensichtlich lieber eigene
imperialistische Ziele anpeilen – die oben
Unterschrift genannten können ja als Vorbilder gelten.
Dafür sollen die Soldaten der Bundeswehr
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
bereits heute militärisch und ideologisch
fit gemacht werden. tri ■

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