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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 22.2.2007 23. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Niedersachsens NPD plant Hamburg. Breite Proteste, vor allem unter Schülerinnen und Schülern rufen die
geplanten Abschiebungen afghanischer Familien hervor. Siehe auch Seite 12
Landesparteitag in Oldenburg
Oldenburg. Die Niedersächsische NPD
plant, am 11. März 07 ihren Landespar-
teitag im stadteigenen PFL abzuhalten.
Nazi-Aufmarsch in
Nach Darstellung der Presse hatte sich
die NPD zunächst anonym für eine An-
mietung des großen Sitzungssaals, in
Halbe am 3. März
dem zuweilen auch der Stadtrat tagt, in- Die verschiedenen Initiativen ge- nis „NS-Verherrlichung stoppen!“, in
teressiert. Nach der Bestätigung durch gen das „Heldengedenken“ von dem antifaschistische Initiativen vor al-
die Verwaltung, dass der Termin frei sei, Neonazis im brandenburgischen lem zum Thema Halbe arbeiten, veran-
legte NPD-Landesvorsitzender Ulrich Halbe haben offenbar einen Etappensieg staltet am 3. März 2007 eine Kundge-
Eigenfeld offiziell seine Anmeldung vor. errungen: Die Organisatoren des alljähr- bung in Halbe. Dort werden – wie im
Obwohl Oberbürgermeister Schwand- lichen Nazi-Aufmarsches zum „Volks- November 2006 in Seelow – Bands auf-
ner (parteilos, aber auf CDU-Ticket im trauertag“ geben auf ihrer Internetseite treten und Zeitzeugen über ihre Erfah-
Amt) seit dem 4. Januar von der Anmel- bekannt, dass sie im November keine rungen mit der Wehrmachtsjustiz berich-
dung weiß, hielt er es auch am 16. Januar größere Veranstaltung mehr durchführen ten. Weitere Informationen auf der Inter-
bei einem Treffen mit den Fraktionschefs wollen. Stattdessen wollen sich die netseite www.redhalbe.de.vu oder unter
der im Rat vertretenen Parteien nicht für Rechtsradikalen auf einen neuen Termin www.ns-verherrlichung-stoppen.tk für
nötig, diese zu informieren. „Der Rat der Anfang März konzentrieren. die bundesweite Kampagne.
Stadt hat 2005 in einer Resolution ein- In diesem Jahr ist für den 3.März in Berlin-Brandenburger Bündnis
stimmig beschlossen, den Rechten kei- Halbe ein Nazi-Aufmarsch angemeldet. NS-Verherrlichung-Stoppen! ■
nen Quadratmeter zur Verfügung zu stel- Bereits im Nationalsozialismus
len. Die Informationspolitik vom OB ist fand jeweils Anfang März ein
eine Riesensauerei“, wurde der SPD- „Heldengedenken“ statt. Da-
Fraktionsvorsitzende Rainer Zietlow in rauf nehmen die neuen Nazis Zur Entstehung von Feindbildern
der Presse zitiert.Nun sucht die Verwal- Bezug. Antifaschistische und und ihre gesellschaftliche
tung nach Mitteln und Wegen, der NPD demokratische Initiativen aus Funktion – Feindbild Islam
die Räume zu verweigern. Dass sie damit Berlin und Brandenburg rufen Dr. Erol Yildiz, Universität Köln
vermutlich vor dem Verwaltungsgericht deshalb zum Widerstand auf.
nicht bestehen wird, ist zu erwarten. Vor Das Ausweichen der Neona-
dem PFL steht das Mahnmal für die Op- zis auf einen anderen Termin Vom Rand
fer des Nationalsozialismus. Neben dem wertet Jan Soost, Sprecher des zur Mitte?
historischen Gebäude stand bis 1938 die Bündnisses „NS-Verherrli- Aktuelle Entwicklungs-
Synagoge, die bei dem Novemberpo- chung stoppen!“ auch als Er- tendenzen in der
grom zerstört wurde. Die Polizei bereitet folg der langjährigen Arbeit extremen Rechten
sich nach eigenen Angaben auf einen von AntifaschistInnen. „Nun Carsten Hübner,
Großeinsatz vor. d.h. ■ müssen wir den Wehrmachts- Journalist
verehrern und SS-Fans zeigen,
dass auch an anderen Tagen
ihre Propaganda nicht hinge- Samstag, 24. Februar 2007
Inhalt: nommen wird. Deshalb fahren 14.00 Uhr
Hamburg-Bergedorf: Versamm- wir am 3. März nach Halbe,
Köln, Bürgerzentrum Alte Feuerwache
lungsrecht mühsam erstritten . . . 6 wenn das jetzt bekannt gewor- Melchiorstr. 3, Kleines Forum
„Menschenrechte an der dene Verbot des Aufmarsches
Veranstalter: Herausgabekreis der Antifaschistischen
Südgrenze 2006“ . . . . . . . . . . . . 11 nicht von Bestand ist.“ Das Nachrichten
Berlin-Brandenburger Bünd-
: meldungen, aktionen
„Heldenehrung“ der Wehrmachtssolda-
ten und Angehörigen der Waffen-SS, die
Leugnung der Verbrechen der Gebirgsjä-
ger und die Glorifizierung des Hitler-
ACP-Tagung in Krelingen renzeichen“, die Bundesrepublik Stellvertreters Heß als Märtyrer, sind
Krelingen. Der „Arbeitskreis Christli- Deutschland das „Verdienstkreuz am auch Orte und Anlässe in einer Ausein-
cher Publizisten“ (ACP) führt am 21. Bande“. hma ■ andersetzung um Form und Inhalt einer
und 22. April im „Geistlichen Rüstzen- gesellschaftlichen Erinnerungskultur.
trum Krelingen“ seine nächste Bundesta- Zusammenarbeit verein- Der neonazistischen Propaganda geht es
gung durch. Als Teilnehmer der Tagung um Relativierung und Leugnung der na-
zum Thema „Was sind uns unsere Werte bart tionalsozialistischen Verbrechen.
wert – Christen wider den Zeitgeist“ Hamburg. Joachim Siegerist von den In München ist es höchste Zeit, dass
werden u.a. der ehemalige Ministerpräsi- „Die Deutschen Konservativen“ und der die Zivilgesellschaft mit deutlichen Wor-
dent von Niedersachen, Ernst Albrecht ehemalige FPÖ-Chef Jörg Haider wollen ten auf diese Provokationen reagiert, sei
(CDU), die ehemalige Tagesschauspre- künftig enger zusammenarbeiten. Bei ei- es die Dresden-Mahnwache am 13. Feb-
cherin Eva Herman, das ACP-Vorstands- nem Treffen im österreichischen Klagen- ruar, die Neonazi-Kundgebung am 8.
mitglied Prof. Dr. Konrad Löw, der Bun- furt sei u.a. eine gemeinsame Wahl- Mai oder die Heß-Mahnwache am 18.
desvorsitzende der „Partei Bibeltreuer kampfveranstaltung in Bremen beschlos- August. Wir zitieren aus einem Flugblatt
Christen“ (PBC), Dr. Walter Waiblen, sen worden, berichtet die „Junge Frei- zu Dresden von der bundesweiten Kam-
und der Innenminister von Brandenburg, heit“ 7-2007 vom 16.2. Angedacht werde pagne „NS-Verherrlichung stoppen!“:
Jörg Schönbohm (CDU), erwartet. Mit auch eine länderübergreifende Liste mit „Während die Toten von Warschau,
Schönbohm sei auf dem letzten CDU- Haiders BZÖ bei der kommenden Euro- Leningrad und Coventry Opfer des natio-
Parteitag „einer der letzten Konservati- pawahl. Siegerist will mit der Partei nal-sozialistischen Angriffs- und Ver-
ven“, so das Informationsblatt des ACP, „Bremen muß leben“ am 13. Mai zur nichtungskrieges waren, waren die Toten
„abgestraft“ worden. Nur 43% der Dele- Bürgerschaftswahl antreten. in Dresden Opfer im Krieg zur Zerschla-
gierten gaben dem ehemaligen General- Dass Siegerist mit dem ehemaligen gung der nationalsozialistischen Herr-
leutnant der Bundeswehr ihre Stimme. CDU-Justizsenator Kusch, unlängst In- schaft. Ohne eine persönliche Trauer
Auszugsweise abgedruckt wird in dem terviewpartner der „Jungen Freiheit“, mindern zu wollen, stellen wir fest, dass
Blatt das Interview der rechten Berliner ebenfalls eine wechselseitige Zusam- eine solche Gleichstellung noch immer
Wochenzeitung „Junge Freiheit“ mit menarbeit in Wahlkämpfen vereinbart einem kollektiven Opfermythos dient.
dem Gründer der Partei „Heimat Ham- habe, wurde inzwischen von Kusch de- Wer diesen Unterschied nicht erkennt
burg“, Roger Kusch. Der sehe mit Sorge mentiert. Er wolle sich ausschließlich um und deutlich macht, hat der Propaganda
„einen zunehmenden Linkstrend der Hamburger Belange kümmern, heißt es der JLO, der NPD und Kameradschaften
CDU“ und wolle mit seiner neuen Partei dazu jetzt in der JF 8-2007. hma ■ nichts entgegenzusetzen!“
„ein Gegengewicht“ setzen. Neben einer Marcus Buschmüller
ganzseitigen Werbung für die „Junge Neonazistische Instrumen- Antifaschistische Informations-
Freiheit“ findet sich in dem ACP-Blatt Dokumentations- und
auch eine Anzeige der „Partei Bibeltreu- talisierung von Kriegstoten Archivstelle München e. V. (A.I.D.A.) ■
er Christen“ (PBC). Die hofft, vom Ab- München. Während in Dresden anläss-
wärtstrend der CDU profitieren zu kön- lich des Jahrestages der Alliierten Luft- Am 3. März auf die Straße
nen und längerfristig mit Unterstützung angriffe ein neonazistisches „Aktions-
anderer christlicher Vereinigungen in den bündnis Gegen das Vergessen“ zusam- gegen Pro Köln!
Bundestag gewählt zu werden. men mit der „Jungen Landsmannschaft Köln. Als wären „Pro Köln“, seit kur-
hma ■ Ostpreußens/JLO“ erneut zu einer De- zem „Pro Gelsenkirchen“ und „Pro
monstration mobilisierte, hielten Münch- Deutschland“ nicht schon schlimm ge-
Ex-Chefredakteur ner Neonazis auf dem Marienplatz am nug, verkünden die Rechtsextremen auf
13. Februar 2007 von 18 bis 20 Uhr eine ihrer Homepage stolz die Gründung der
verstorben Mahnwache unter dem Motto „Geden- „Bürgerbewegung pro NRW“ am 5. Fe-
Burg/Fehmarn. In „Trauer und Dank- ken an den Bombenholocaust von Dres- bruar in Leverkusen. Mit Markus Bei-
barkeit“ nimmt der Bundesvorstand der den“ ab. Keine zwei Wochen später soll sicht handelt es sich bei ihrem Grün-
„Landsmannschaft Ostpreußen“ im es dann in Augsburg am 24. Februar dungsvorsitzenden um einen wohlbe-
„Ostpreußenblatt“ Abschied von Hen- 2007 zu einer neonazistischen Demons- kannten Kölner. Viel mehr erfährt man
ning Wolff. Der langjährige Chefredak- tration von Kameradschaften, NPD, jedoch nicht darüber, aus welchen Städ-
teur und Herausgeber des „Fehmarn- DVU und Deutscher Partei/DP „gegen ten die „zahlreichen kommunalen Man-
schen Tageblattes“ verstarb im Dezem- den alliierten Bombenterror“ kommen. datsträger aus ganz NRW“ nun kamen
ber 2006. Der ehemalige Schüler einer Im Januar 2005 verwendete ein NPD- und wie viel man unter „zahlreich“ zu
NS-Eliteschule wurde 1990 zum stell- Landtagsabgeordneter im sächsischen verstehen hat. Ziel ist die Koordinierung
vertretenden Bundesvorsitzenden der Landtag zum erstenmal den Begriff des des Kommunalwahlkampfes 2009 in
„Deutschen Volksunion“ (DVU) ge- „Bombenholocaust“ als bewusste Provo- mehreren Städten des Landes. Hier gilt
wählt. Beiträge von Wolff erschienen kation des Parlaments und zur Mobilisie- es, in der nächsten Zeit ein wachsames
auch im „Ostpreußenblatt“ und in der rung der Neonazis, die dann im Februar Auge auf die kommenden Entwicklun-
neofaschistischen Zeitschrift „Nation zu mehreren Tausend durch Dresden zo- gen zu haben.
und Europa“. Unter Wolffs Herausgeber- gen. Dieses perfide Wortspiel ist nicht In Köln beschränken sich die Herren
schaft erschienen im „Fehmarnschen Ta- strafbar, seine inhaltliche Intention, die derzeit mal wieder auf die „Bewahrung
geblatt“ öfter Empfehlungen für Bücher Gleichsetzung der Opfer der NS-Ver- der deutschen Leitkultur“ und tun das,
aus extrem rechten Verlagen. Bis zu 7,1 nichtungspolitik mit den Opfern der was sie am besten können, sie betreiben
% erzielte die DVU zeitweise auf Feh- Bombardierungen, muss daher aber mit rassistische Hetze gegen MigrantInnen
marn. Die „Landsmannschaft Ostpreu- umso größerer Entschiedenheit politisch und Andersdenkende. So scheinen sie in
ßen“ verlieh dem 1929 in Brandenburg bekämpft werden. Die politische Instru- Mülheim, wo ein moslemisches Gemein-
geborenen Wolff 1994 ihr „Goldenes Eh- mentalisierung der Bombenopfer, die dezentrum gebaut werden soll, wieder

2 : antifaschistische nachrichten 4-2007


einmal eine Anlaufstelle für ihre rechts- und Brandredner“, sagte der Vorsitzende der Zundelsite liege auch der Tatbestand
extreme und nationalistische Phrasendre- Richter Meinerzhagen. „Man meint, ei- der Beleidigung sowie die Verunglimp-
scherei gefunden zu haben. nen geistigen Verwandten des Autors von fung Verstorbener vor.
Zugegebenermaßen ist das für Rouhs ,Mein Kampf‘ vor sich zu haben.“ Zün- Zündel war 1958 nach Kanada ausge-
und Co praktisch, denn so kann man ja del sei ein „extremer Antisemit“ und wandert. Von dort und aus den USA soll
einfach dieselben ausländerfeindlichen „überzeugter Nationalsozialist“. er zwischen Oktober 2000 und Februar
Pseudo-Argumente vorschieben wie in Zündels Hauptverteidiger Jürgen Rie- 2003 über eine Internet-Homepage und
Ehrenfeld. ger hatte nach seinem sechsstündigen andere Publikationen weltweit national-
Ein Dorn im Auge ist ihnen auch die Plädoyer Freispruch für seinen Mandan- sozialistische und antisemitische Propa-
geplante Demonstration der Bezirks- ten gefordert. Er berief sich wiederholt ganda betrieben und die Massentötung
schülerInnenvertretung (BSV) Köln ge- auf die „Meinungsfreiheit“. Der Vorsit- von Juden in Gaskammern geleugnet ha-
gen Rechtsextremismus in Köln. Diese zende Richter warf Rieger vor, sich ben. Er wurde im Frühjahr 2005 nach
soll am 3. März unter dem Motto „Pro durch volksverhetzende Äußerungen in Deutschland abgeschoben, nachdem ein
Köln die Stirn zeigen – für eine Stadt Form der Auschwitz-Lüge selbst strafbar kanadisches Gericht seine Internet-
ohne Rassismus und Faschismus“ statt- gemacht zu haben. Ein weiterer Verteidi- Homepage für verfassungswidrig erklärt
finden. Ziel ist es, möglichst viele Men- ger, Ludwig Bock, hatte zuvor in seinem hatte.
schen, vor allem Schüler, zu mobilisieren Plädoyer aus „Mein Kampf“ und den Seit seiner Ausweisung sitzt Zündel in
und zu zeigen, dass für ihre braunen Pa- Rassegesetzen der Nazis zitiert. Bock Deutschland in Haft. Zuvor war er be-
rolen weder in Köln noch sonst irgendwo warf dem Landgericht vor, sich nicht ei- reits zwei Jahre in Kanada inhaftiert.
Platz ist. Pro Köln gibt sich wie immer ner wissenschaftlichen Analyse des Ho- Diese Zeit wird auf die jetzt verhängte
siegessicher und tut diese Demonstration locausts stellen zu wollen. Strafe nicht angerechnet.
Zündel ließ sich vor Gericht von fünf Quelle: div. Presseberichte
Verteidigern vertreten, darunter auch www.swr.de/nachrichten/bw ■
dem Wiener Anwalt Herbert Schaller, der
auch schon den Holocaust-Leugner Da- Kein Nazizentrum in Gonze-
vid Irving vertreten hatte. Schaller hatte
in seinem Plädoyer versucht zu argumen- rath – Demo am 3.3.2007
tieren, dass der Holocaust nie strafrecht- Gonzerath. Seit ca. einem halben Jahr
lich zufriedenstellend belegt worden sei. hat die neofaschistische NPD die alte
Zündels Anwälte hatten die Verhand- Schule in Gonzerath (Kreis Bernkas-
lungen monatelang durch zahlreiche An- tel/Wittlich) zum Nazi- Schulungszen-
träge verzögert. Das Gericht hatte ihnen trum „Schinderhannes-Zentrum“ um-
daraufhin Verfahrensverschleppung vor- funktioniert. Bereits im Dezember 2006
geworfen. Staatsanwalt Grossmann fand dort der Landesparteitag der NPD
sprach von einem „bizarren Prozess“, statt.
den die Verteidigung mit Störversuchen Für 2007 plant die NPD an jedem 3.
als einen „Aufstand der Anständigen im und erlaubten sowie unerlaubten Mitteln Samstag im Monat eine Wochenend-
Mini-Format“ ab, beleidigt die Schüler zu torpedieren versucht habe. Die Staats- schulung durchzuführen. Sie will damit
sogar als „nützliche Idioten“. anwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer die Partei mit einschlägig rassistischen,
Hinter all dem vermuten die spitzfin- Ende Januar fünf Jahre Haft für Zündel völkischen und antisemitischen Inhalten
digen Damen und Herren Antifa-Kreise. gefordert. Sie wirft Zündel vor, von Ka- auf den Kommunalwahlkampf 2009 vor-
Dass selbige zu den sog. Anständigen zu nada aus im Internet sowie in diversen bereiten. Am 3. März soll nun das
zählen sind, ist übrigens eine sehr inte- Publikationen den Massenmord an Juden „Schinderhannes-Zentrum“ offiziell er-
ressante Erkenntnis. systematisch bestritten zu haben. „Vor öffnet werden. Dabei plant die Truppe
Größenwahnsinnig wie eh und je wird solchen politischen Rattenfängern wie um Sascha Wagner offenbar ein Konzert
auf den Jugendverband der „Bürgerbe- Ihnen müssen wir Deutschland bewah- durchzuführen.
wegung“ verwiesen, der den Protest ren“, sagte Staatsanwalt Andreas Gross- Diese Aktivitäten zeigen deutlich auf,
überdauern werde, wie ihr Jugendbeauf- mann vor Gericht. Zündel vertrete eine dass es der NPD in den letzten Jahren in
tragter Emmerich verkündet. Ob er da „Außenseiter-Meinung der Extreme“, der Region gelungen ist, ihre Strukturen
mal den Mund nicht zu voll nimmt…. die durch Fakten nicht gestützt werde. zu festigen und zunehmend handlungsfä-
Daher ist es besonders wichtig, dass „Der Massenmord an den Juden ist higer zu werden. Hierbei stellt das NPD-
am 3. März möglichst viele Menschen Tatsache, da können Zündel und seine Zentrum in Gonzerath den Kristallisati-
auf die Straße zu gehen, um den Hetzern Anhänger noch Jahre dagegen angehen onspunkt der organisierten neonazisti-
einen Strich durch die Rechnung zu ma- in ihrer Verbohrtheit.“ Grossmann for- schen Szene dar. Hier werden nicht nur
chen. Ob in Köln oder anderswo, dem derte das Gericht auf, den Angeklagten Anhänger der extremen Rechten ideolo-
rechten Gedankengut gilt es entschieden wegen Volksverhetzung in 14 Fällen zu gisch geschult, und neonazistische Ak-
entgegenzutreten. Benjamin Wernigk ■ verurteilen. tionen verabredet und organisiert, son-
„Wie ist das Deutschland, das sie wol- dern auch rechtsanpolitisierte Jugendli-
Zündels Verteidiger zitierte len? Ein Deutschland der Ausgrenzung, che durch die neonazistische Szene an-
der Intoleranz, der Bücherverbrennung.“ gesprochen und letztlich an diese gebun-
aus „Mein Kampf“ (Staatsanwalt Andreas Grossmann) Zur den. Entschlossener Widerstand gegen
Mannheim. Der Holocaust-Leugner Beweisführung zitierte der Staatsanwalt das NPD-Zentrum ist daher notwendiger
Ernst Zündel ist vom Landgericht Mann- ausführlich aus Zündels Publikationen, denn je.
heim zu fünf Jahren Haft verurteilt wor- in denen der Holocaust unter anderem Wir fordern daher auf am Samstag den
den. Das Gericht sprach damit die als „zusammengelogenes Kartenhaus“ 3. März Gesicht zu zeigen und auf die
Höchststrafe für Volksverhetzung gegen und als Propaganda bezeichnet wird. Straße zu gehen. Demonstration am
ihn aus. Unter den Schriften sind zwölf so ge- 3.3.07 um 14.00h in Gonzerath. Die De-
Hinter der Fassade des „biederen nannte Germania-Rundbriefe sowie Aus- monstration ist, geplant aber noch nicht
Schwaben“ sei der 67-Jährige „ein ge- züge aus der Internetseite „zundelsite“. angemeldet. Weitere Infos unter:
fährlicher politischer Agitator, ein Hetzer Staatsanwalt Grossmann sagte, im Falle http://www.kein-nazizentrum.de.vu/ ■

: antifaschistische nachrichten 4-2007 3


Die Bewohner einer Stadt Wertmüller: „Schon seit einiger Zeit
bemühen sich Kader der Rechtsextremen Rechte Straftaten nehmen
wehren sich! weiter zu
im Landkreis Hildesheim und im Weser-
Hildesheim. Für den 24. Februar hat bergland Fuß zu fassen. Hier muss man Nach Angaben des Bundesinnennministeri-
Christian Worch, der sich selbst als „frei- klar und entschieden Nein sagen. Es ums gab es 2006 einen weiteren erhebli-
er Nationalist“ bezeichnet – im Grunde bleibt dabei: Faschismus ist keine Mei- chen Anstieg rechtsextremer und auslälnder-
aber nur eine Vorfeldfigur der NPD ist – nung, sondern ein Verbrechen!“ Der feindlich motivierter Straf- und Gewalttaten.
in Zusammenarbeit mit verschiedenen DGB weist in diesem Zusammenhang Bereits die vorläufige Bilanz weist im Be-
sogenannten Nazitarnorganisationen wie ausdrücklich darauf hin, dass die Verant- reich „Politisch motivierte Kriminalität –
zum Beispiel „Bürgerinitiative für Zivil- wortung für die Bekämpfung des Rechts- Rechts“ 12.238 Delikte aus, darunter 726
courage Hildesheim“ um Dieter Riefling extremismus nicht nur bei der Polizei, Gewalttaten und 8.738 Propagandadelikte.
und NPD in Hildesheim eine Demonstra- sondern bei allen Bürgerinnen und Bür-
tion angemeldet. Die Stadt hat die De- gern liege. Es gelte, den Nazis keinen
monstration der Nazis nicht verboten – Raum zu überlassen, nicht auf der Straße Als weitere Orte der Demonstrationen
aber Auflagen gemacht. So ist die Stre- und auch nicht in Gaststätten für Konzer- unter dem Motto „Gemeinsam gegen
cke reduziert worden. Kampfstiefel sind te oder Veranstaltungen. Der DGB rich- Kapitalismus – Heraus zum 1. Mai“ wer-
untersagt, etc. tet an die Bürgerinnen und Bürger Hil- den bisher Dortmund, Nürnberg und
Gegen den Naziumzug hat sich ein desheims und darüber hinaus den Appell, Berlin genannt.
Bündnis gegen Rechts gebildet. Die Ge- sich den Rechtsextremen entgegenzu-
gendemonstration hat als Redner u.a. den stellen. Mit friedlichem Protest gilt es,
Bezirksleiter der IG Metall Niedersach- sowohl den Rechtsextremen wie auch
sen, Hartmut Meine gewinnen können. der breiten Öffentlichkeit deutlich zu
Das Bündnis veranstaltet in Zusammen- machen, dass Nazis in Hildesheim nicht
arbeit mit der VVN/BdA am Angoule- willkommen sind!“
meplatz eine Mahnwache gegen Natio- DGB Region Niedersachsen-Mitte
nalsozialismus. Der beantragte Bahn- www.niedersachsen-mitte.dgb.de ■ In den fünf Berliner Stadtbezirken, wo
hofsvorplatz wurde von der Stadt für die Neonazis jetzt in den Bezirksverordne-
Mahnwache nicht genehmigt. NPD will Gipfel in Heiligen- tenversammlungen sitzen, kommen sie
An dieser Mahnwache nimmt die Eu- nun aus der Reserve, provozieren und
ropaabgeordnete der Linkspartei. PDS, damm nutzen versuchen demagogisch mit kleinen und
Feleknas Uca sowie die Bundestagsab- Berlin. Die NPD will sich massiv in den großen Anfragen die anderen Parteien
geordnete der Fraktion DIe LINKE. Do- Protest gegen den im Juni in Heiligen- herauszufordern und das Geschehen dort
rothee Menzner teil. raj ■ damm stattfindenden G-8-Gipfel ein- an sich zu reißen. In Marzahn-Hellers-
schalten. Der Generalsekretär der Partei, dorf boykottierte die NPD die Feierstun-
DGB unterstützt Proteste Peter Marx, rief dazu 2007 zum „Jahr de zu Ehren der Opfer des Holocaust. In
des volkstreuen Globalisierungs-Wider- Lichtenberg attackierte der stellvertre-
gegen Nazidemo in Hildes- standes“ aus. tende Landesvorsitzende der Berliner
heim – Verbot des Aufmar- Bereits im vergangenen November NPD die „antideutschen Gedenkrituale“
sches gefordert hatte die NPD-Landtagsfraktion in und nannte die Ermordung des Antifa-
Mecklenburg-Vorpommern, wo Marx schisten Erwin Nöldner durch die Fa-
Der DGB in der Region Niedersachsen- gleichzeitig Geschäftsführer ist, sich ge- schisten rechtmäßig. In Treptow-Köpe-
Mitte unterstützt die Proteste gegen den gen den im Küstenland stattfindenden nick versuchte die NPD-Fraktion unter
für den 24.2.07 für Hildesheim angekün- Gipfel ausgesprochen. Dieser werde nun Udo Voigt das Bezirksamt mit einer Ket-
digten Naziaufmarsch und kündigt seine laut Marx als „Kristallisationspunkt“ na- te von Fragen zur antifaschistischen Blo-
Beteiligung an. Dies teilten die DGB- tionaler Oppositionspolitik begriffen, ckade der Nazidemo am 9. Dezember zu
Kreisvorsitzende Regina Stolte aus Hil- was ua. bedeute, dass man in diesem Jahr desavouieren. Neben den parlamentari-
desheim und der DGB-Regionsvorsit- den Demonstrationsschwerpunkt „auf schen setzen die Rechtsextremisten auf
zende Sebastian Wertmüller aus Hanno- diesen fatalerweise im ärmsten Bundes- medienwirksame außerparlamentarische
ver mit. Die „Demo gegen Repression land Deutschlands stattfindenden Gipfel Aktionen wie die Einrichtung von „Bür-
und Polizeiwillkür“ ist von dem bundes- der Bonzen“ richten werde. Für den 2. gerbüros“ in sozial schwachen Regionen
weit aktiven Faschisten Christian Worch Juni wurde von der NPD zunächst eine und regionale Veranstaltungen wie Kin-
und einem sich als „freien Nationalsten“ Demonstration in Schwerin angemeldet der- oder Gartenfeste sowie die weitere
bezeichnenden Dieter Riefling aus Duin- (,‚Nein zum G8-Gipfel – für eine Welt Verbreitung ihrer „Schul-CD“, wofür ih-
gen angekündigt und bei der Polizei an- freier Völker“, mit 1.500 Teilnehmern nen die parlamentarischen Sitze den
gemeldet. Hintergrund für die Kundge- geplant). Marx tönte aber auch, es werde Rückhalt bieten.
bung sind Veranstaltungen (Rechtsrock- sich zeigen, dass die NPD bundesweit Newsletter AG Rechtsextremismus /
Konzerte) der Naziszene im Hildeshei- kampagnefähig sei. Antifaschismus der Linkspartei.PDS
mer Raum, die von der Polizei und der In vier bis sechs Städten sollen in die- Antifa aktuell 2/2007 ■
Öffentlichkeit erfolgreich verhindert sem Jahr neonazistische Aufzüge zum 1.
werden konnten. Stolte und Wertmüller: Mai stattfinden. Als Schwerpunkt für Geschrumpfter rechter
„Wir lehnen die Durchführung von Nazi- „Mitteldeutschland“ ist dieses Mal Erfurt
Skinkonzerten ebenso konsequent ab, benannt, wo die Anmeldung einer Demo- „Trauermarsch“
wie den braunen Mob auf den Straßen.“ Route durch den NPD-Landesvorstand, Dresden. Mit ca. 1700 bis 1800 Rechts-
Deswegen sei die gewerkschaftliche Be- namentlich Ralf Wohlleben, bestätigt extremisten nahmen in diesem Jahr erheb-
teiligung am Protest gegen alte und neue wurde. Zum Zwecke besserer Durch- lich weniger Neonazis an der Demonstra-
Nazis eine demokratische Selbstver- schlagskraft und umfangreicher Koordi- tion zum 62. Jahrestag des Bombenan-
ständlichkeit. Stolte und Wertmüller for- nation zwischen NPD und „parteifreien griffs auf Dresden am 13.2. teil. Vor zwei
dern die Stadt und die Polizei auf, alles Kräften“ will der bekannte Hamburger Jahren waren offiziell 5.000 Teilnehmer
zu unternehmen, damit es zu einem Ver- Neonazi Christian Worch auf die übliche angegeben worden; Neonazis hatten gar
bot des rechtsextremen Aufzugs kommt. Randale in Leipzig verzichten. von 7.500 gesprochen.

4 : antifaschistische nachrichten 4-2007


Die diesjährige Demonstration konnte
erst mit eineinhalb Stunden Verspätung
beginnen, weil etwa 300 Neonazis sich
Referent mit bräunlichem
nicht von der Polizei zur Kontrolle abtas-
ten lassen wollten. Bereits früher am Dreck am Stecken
Nachmittag hatten 5.500 Menschen an Vize-Regierungschef Jürgen Seidel und ein Gönner des Holocaust-Leugners
der Demonstration „Geh denken“ gegen Reisegger sind Redner einer Mittelstands-Tagung im März
die Rechtsextremen teilgenommen. von Thomas Klaus
Schon Tage vorher wurde in der Nähe des
Postplatzes ein riesiges Transparent auf- Rostock. Mecklenburg-Vorpom- In Deutschland schrieb oder schreibt er
gehängt und damit der auf einem Gebäu- merns Wirtschaftsminister Jürgen für die rechtsextremistischen Blätter „Na-
de installierte Werbeschriftzug „Dresden Seidel, zugleich stellvertretender tion Europa“, für das NPD-Organ „Deut-
grüßt seine Gäste“ ergänzt mit: „... auf Ministerpräsident des Landes, will am 23. sche Stimme“ und für die „Werkstücke“.
Nazis verzichten wir!“ März der Frühjahrstagung des Vereins Zum „Werkstücke“-Verantwortlichen
Etwa 1500 Antifaschisten protestieren Menschen-Wirtschaft-Arbeit 1990 e.V. Horst Mahler unterhält Gerhoch Reiseg-
unter dem Motto „Deconstruct – gegen je- (MEWIA) in Rostock seine Aufwartung ger einen engen Kontakt, so das Doku-
den Geschichtsrevisionismus“ gegen den machen – einer Veranstaltung, auf der ne- mentationsarchiv des österreichischen
Naziaufmarsch, mehr als doppelt so viele ben vier weiteren Referenten auch Profes- Widerstandes (DÖW) in Wien. In
wie im letzten Jahr, obwohl die Demo un- sor Dr. Eberhard Hamer aus Hannover ei- Deutschland erscheinen die Reisegger-
ter der Woche stattfand. An mehreren nen Vortrag halten wird. Und der ist we- Bücher im rechtsextremistischen Grabert-
Stellen gelang es, auf die Route der Nazis gen seiner Ultrarechts-Kontakte umstrit- Verlag, der auch zum Beispiel das Buch
durchzukommen. Eine Sitzblockade mit ten. „Der Auschwitz-Mythos“ von Wilhelm
mehreren hundert Menschen entstand. Im Minister Seidel soll die Tagung im Tri- Stäglich verlegt hatte. Unter dem Vorwurf
weiteren Verlauf der Naziroute zwischen Hotel am Schweizer Wald mit einem Leit- der Volksverhetzung wurden Grabert-Bü-
Carola- und Albertbrücke ging nichts vortrag eröffnen, zum Thema „Mittel- cher bereits des öfteren eingezogen oder
mehr. Die etwa 1500 Nazis mussten eine stand führt Deutschland aus der Krise“. von der Bundesprüfstelle für jugendge-
massive Abkürzung ihrer Route hinneh- Besonders stark steht Eberhard Hamer fährdende Medien auf den Index gesetzt.
men. Schlussendlich wurde die Zeit sogar in der Kritik, seit der Leiter des Mittel- Der mit Professor Hamer kooperieren-
so knapp, dass die Polizei befürchten standsinstitutes Niedersachsen 2005 für de Gerhoch Reisegger schreibt jedoch
musste, die Nazis noch die ganze Nacht in sein Buch „Wie kann der Mittelstand die nicht nur. Nach DÖW-Informationen trat
der Stadt zu haben. Entsprechend wurde Globalisierung bestehen?“ den österrei- er unter anderem im Januar 2002 auf einer
dann der kürzeste Weg zum Bahnhof über chischen Holocaust-Leugner Gerhoch internationalen Konferenz von Holocaust-
die Petersburger Straße genommen. Eini- Reisegger als Co-Autoren eingesetzt hat- Leugnern in Moskau auf. Im Herbst 2004
ge hundert Antifas bejubelten am Rand te. soll er sich laut DÖW mit Vertretern des
der Strecke ihren Sieg. Ein weiterer Autor dieses Werkes ist rechtsterroristischen „Kampfbundes
Treibende Kraft und Veranstalter des der einstige Bundeswehr-General Rein- Deutscher Sozialisten“ getroffen haben.
Neonazi-„Pflichttermins“ ist die „Junge hard Uhle-Wettler. Der Vorsitzende der Für Juli 2004 war Reisegger als einer
Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO). weit rechts stehenden „Staats- und Wirt- der Referenten eines Tagesseminars der
In diesem Jahr hatten die Neonazis zur schaftspolitischen Gesellschaft“ (SWG) Burschenschaft Normannia Heidelberg
Organisierung des „Trauermarsches“ aber veröffentlichte 1998 im vom Verfassungs- vorgesehen. Das wurde jedoch später wie-
ein „Aktionsbündnis gegen das Verges- schutz beobachteten Arndt-Verlag eine der abgesagt. Der thüringische Verfas-
sen“ (AgV) gebildet, das von den partei- Festschrift zu Ehren des notorischen Ho- sungsschutz bewertet diese Burschen-
unabhängigen Neonazis der „Freien Kräf- locaust-Verharmlosers David Irving. schaft als „rechtsextremistisch ausgerich-
te“ dominiert wurde. Diese hatten die De- Ein anderes „Kaliber“ als Reinhard tet“. Ebenfalls als Referent angekündigt
monstration an einem Wochentag durch- Uhle-Wettler ist der Österreicher Gerhoch war Professor Eberhard Hamer, der Rei-
gesetzt, während die JLO lieber bei einem Reisegger. Das deutsche Bundesamt für segger in dem Buch „Wie kann der Mit-
Wochenend-Termin geblieben wäre. Verfassungsschutz bezeichnet ihn als „ei- telstand die Globalisierung bestehen?“
Neben dieser Demonstration wollten nen der bekanntesten Vertreter rechtsex- ausführlich zu Wort kommen lässt.
die Neonazis eine „Aktionswoche“ durch- tremistischer Verschwörungstheorien“. ■
führen. So marschierten in Krefeld
(NRW) am 13.2. nach Angaben der veran-
staltenden NPD 250 Rechtsextreme, vor- in rechtsextremistisches Gedankengut und Stuttgart zu verhindern. Die erste Antwort
her hatten nach Polizeiangaben 3.500 diese Szene. Rennicke wurde im Oktober durch einen Mitarbeiter war, es gäbe kein
Bürger an einer der größten Anti-Rechts- 2000 vom Amtsgericht Böblingen wegen NPD-Konzert in Stuttgart. Nachdem ich
Demonstrationen der letzten Jahre in Volksverhetzung zu 10 Monaten Gefäng- ihm die betreffende Internetseite zuge-
Nordrhein-Westfalen teilgenommen. Im nis auf Bewährung verurteilt. Das Landge- schickt habe, bekam ich die Antwort: Ich
sächsischen Borna hatten sich etwa 70 richt Stuttgart verschärfte im Oktober könne sicher sein, dass die Polizei und das
Rechtsextremisten und 200 Gegende- 2002 dieses Urteil wegen Volksverhetzung Ordnungsamt die Sache „im Blick haben
monstranten versammelt. und Verbreitung jugendgefährdender und alle rechtlichen Möglichkeiten aus-
Quelle: redok und indymedia ■ Schriften auf 17 Monate Gefängnis zur schöpfen“. Ein Veranstaltungsort in Stutt-
Bewährung. Am 1.2.2007 habe ich Herrn gart sei bisher nicht bekannt und Herr
Stadträtin der Linkspartei.PDS Bürgermeister Dr. Martin Schairer darauf Rennicke habe leider kein Auftrittsverbot.
hingewiesen, dass sich bereits am Diese Antwort finde ich nach wie vor
fordert Verbot von Nazikonzert 18.1.2007 in Stuttgart-Münster 170 NPD- völlig unbefriedigend! ... Ich fordere die
Stuttgart. Auf den Internetseiten der Anhänger zu einer Gedenkveranstaltung Stadtverwaltung auf, den Auftritt von
NPD Stuttgart wird seit Wochen für den zur „Reichsgründung vor 100 Jahren“ ver- Frank Rennicke in Stuttgart zu verhindern.
16.2.2007 ein Konzert mit dem rechtsex- sammelt hatten. Ich bat den Bürgermeis- Ich fordere die demokratische Öffentlich-
tremen Liedermacher Frank Rennicke in ter, alle möglichen rechtlichen Schritte zu keit auf, gegen die volksverhetzenden und
Stuttgart angekündigt. Diese rechtsextre- unternehmen, um solche Veranstaltungen jugendgefährdenden Aktivitäten der NPD
mistische Musik ist eine „Einstiegsdroge“ und die Etablierung einer NPD-Szene in einzutreten. Ulrike Küstler ■

: antifaschistische nachrichten 4-2007 5


Hamburg. Doppeltes Pech hatte
letzte Woche Neonazi Volker
Fuchs. Erst wurde ihm das Miet-
Nazi-Boutique gekündigt
verhältnis für seinen gerade erst neu er-
öffneten Nazi-Shop in der Straße Bürger-
– Besitzer verurteilt
weide, nahe Berliner Tor gekündigt und teiligte sich daran, was ihm jetzt zum Hamburg zu 120 Tagessätzen Geldstrafe
dann wurde er auch noch zu einer Geld- Verhängnis wurde: Wegen Beleidigung und Schmerzensgeld verurteilt. Er hatte
strafe verurteilt. und Körperverletzung im August 2006 einem Passanten einen Zahn ausgeschla-
Fuchs hatte erst Ende September 2006 wurde er jetzt vor dem Landgericht gen und dessen Schwester ins Gesicht
seinen Laden „Elite-Style“ bzw. „Odin + gespuckt.
Freya“ in St.Pauli nach Kündigung räu- Beide Beispiele zei-
men müssen. Diesmal erfolgte die Kün- gen, dass sich antifa-
digung nach Protesten von Anwohnern schistische Öffentlich-
und einem Artikel in der taz durch den keitsarbeit und Zivilcou-
Vermieter wesentlich schneller. Die Han- rage lohnen. Dem hoch-
seatische Baugenossenschaft Hamburg trabenden Namen seines
e.G. erklärte in einer Pressemitteilung neuen Geschäftes „un-
vom 5. Februar 2007, sie „distanziert breakable streetwear“ ist
sich vom Ladenmieter mit engen Kon- Volker Fuchs nicht ge-
takten in die rechtsradikale Szene und recht geworden.
zieht mit der fristlosen Kündigung noch erk nach: www.anti-
in dieser Woche die Konsequenzen.“ Ob fainfo.de, taz,
Fuchs dagegen Rechtsmittel eingelegt und Pressemitteilung
hat, ist unbekannt. Hanseatische
Fuchs hatte im neuen wie im alten La- Baugenossenschaft ■
den nicht nur beliebte Nazimode wie
„Thor Steinar“ verkauft, sondern der La- NPD-Mitglied Torsten de
den in St. Pauli war auch ein Treffpunkt Vries (Mitte) und Ladenbe-
von militanten Neonazis und rechten sitzer Volker Fuchs (rechts)
bei einer Veranstaltung des
Hooligans. Ständig wurden Nachbarn, neonazistischen „Aktionsbü-
Passanten und (vermeintliche) Linke be- ro Norddeutschland“ am
droht, beleidigt und teilweise tätlich an- 7.5.2006 in Hamburg Stel-
gegriffen. Auch Ladenbesitzer Fuchs be- lingen

Versammlungsrecht mühsam erstritten – und erfolgreich


gegen den Naziaufmarsch in Bergedorf protestiert!
Der abgesetzte Hamburger renden Flügel um Thomas Wulff durch mit dem bereits 2004 in die NPD einge-
Landesvorstand der NPD hatte das 90 km entfernte Rotenburg/Wümme. tretenen Thomas Wulff die Absetzung
zusammen mit „parteifreien“ Das „Aktionsbüro Nord“ hatte hierzu in von Zysk und deren Ersetzung durch den
Nationalisten um Christian Worch zu beabsichtigter Konkurrenz zur Kundge- inzwischen in den Bundesvorstand der
einer Kundgebung gerufen. Gekom- bung in Bergedorf mobilisiert. In der nie- NPD aufgestiegenen Hamburger Nazian-
men waren gerade einmal 40 Neona- dersächsischen Kreisstadt
zis, die nur über Schleichwege und kamen etwa 400 Antifa-
unter massiver Polizeibegleitung an schisten zusammen, konn-
diesem kalten Samstagmorgen zu ih- te den Naziaufmarsch an-
rer Kundgebung im Hamburger gesichts von 700 einge-
Randbezirk Bergedorf gelangten. setzten Beamten jedoch
Nach Abschluss der jämmerlichen weder verhindern, noch
Veranstaltung wurde die Gruppe von effektiv stören.
der Polizei im HVV-Bus abgefahren, Damit eskaliert der
da Antifaschisten die S-Bahn blockier- Streit der beiden verfein-
ten. deten Lager im Hambur-
ger Landesverband der
Am Ort der Nazi-Kundgebung selbst, NPD um Macht, Posten
dem Johann-Adolf-Hesse-Platz, waren und Einfluss weiter.1 Un-
alle Zuwege von Antifaschisten besetzt. ter der neuen Führung der
Mehrere hundert Protestierer beherrsch- 33 jährigen Anja Zysk leg-
ten den akustischen Luftraum. Das Läu- te die NPD im letzten Jahr
ten der Kirchenglocken, der lautstarke deutlich zu. Laut dem für gewöhnlich gut walt Jürgen Rieger. Zysk schreibt, dass
Protest von Menschen aller Altersgrup- informierten Worch, hat der Landesver- schon Anfang 2006, als Rieger noch par-
pen und laute Musik aus den Fenstern band inzwischen 185 Mitglieder, das teilos war, Anhänger von Wulff ihr dieses
der Anwohner ließen die menschenver- wäre ein Zuwachs von 32% im letzten mitgeteilt hätten. Dass Rieger schon vor
achtenden Parolen der Neonazis unterge- Jahr. Auf der anderen Seite planen ehe- seinem Parteieintritt eine große Rolle
hen. malige Kader aus der verbotenen Kame- spielte, zeigt seine Kandidatur für die
Zeitgleich zogen 100 NPD-Mitglieder radschaft „Hamburger Sturm“ und dem Hamburger NPD auf Platz 1 zur Bürger-
und „Freie Nationalisten“ vom rivalisie- „Aktionsbüro Nord“ in Zusammenarbeit schaftswahl 2005. Dabei ist es erst ein-

6 : antifaschistische nachrichten 4-2007


Schutzbereich des Art. 8 Abs. 1 GG um-
fasst. Dort wird unterschieden zwischen
dem Aufzug selbst, der störungsfrei an-
gelegt sei, und Störungsaktionen von
Kleingruppen, die vor, während und
nach dem Aufzug versuchen würden, an
den Veranstaltungsort der Kundgebung
zu gelangen. Dies würde dann allerdings
nicht aus dem Aufzug heraus geschehen.
Steht aber nicht zu befürchten, dass der
Aufzug selbst einen unfriedlichen Ver-
lauf nimmt oder seine Teilnehmer einen
unfriedlichen Verlauf anstreben, unter-
fällt der Aufzug weiterhin dem Schutz-
bereich des Art. 8 Abs.1 GG (vgl.
BVerfG, Beschl. v. 14.5.1985, BVerfGE
69, 315).“ Abschließend bewertet das
Antifaschistische Bündnis Bergedorf den
Tag als einen Erfolg. „Die vielfältigen
Protestformen“, so der Wortlaut ihrer
Pressemitteilung, „haben sich gegensei-
tig ergänzt und den Neonazis eine Atmo-
sphäre entgegengesetzt, welche jede
Form von Fremdenfeindlichkeit und
Neonazismus nicht nur ablehnt, sondern
dieser auch aktiv entgegentritt.“
Die VVN-BdA hatte mit einer Rede
der Kameradin Ilse Jakob auf der Auf-
taktveranstaltung sowie mit einem klei-
nem eigenen „Block“ von 30 Mitglie-
Die vom Antifaschistischen Bündnis Bergedorf (ABB) organisierte Demonstration unter dem Mot-
dern und Freunden zu dem erfreulichen
to "Kein Platz den Nazis" war mit über 1000 Teilnehmern trotz der Schikanen und Kriminalisie-
rungsversuche von Seiten der Polizei die zahlenmäßig größte Veranstaltung an diesem Tag.
Resumee mit beigetragen. Der, unserer
Bild: Jan Johanson Meinung nach rechtswidrige, Polizeiein-
satz war demgegenüber gefährlich, un-
mal natürlich erfreulich, wenn Nazis sich schisten ging nicht auf, obwohl die Poli- verhältnismäßig und ohne ersichtlichen
gegenseitig bekämpfen, Informationen zei mit 1200 Beamten, sechs Wasserwer- Grund wurden Teilnehmer mit Pfeffer-
offen legen und sich gar gegenseitig an- fern und einem massiven Spalier von An- spray attackiert und gewaltsam abge-
zeigen. Vor allem potenzielle Wähler fang an auf Konfrontationskurs setzte. führt. Wir vermuten, dass auch eine Por-
oder Mitglieder aus dem bürgerlichen Vereinzelte „Schneeballwürfe“ führten, tion Frustration wegen des verlorenen
Spektrum dürfte solche Hau-Drauf-Poli- trotz Minustemperaturen, gleich zu ei- Rechtsstreits vor dem Oberverwaltungs-
tik abschrecken. Trotzdem ist Entwar- nem Wasserwerfereinsatz und schließ- gericht eine Rolle für das entfesselte Vor-
nung alles andere als angebracht! Zum lich dazu, dass der Aufzug noch vor dem gehen der Exekutive spielte. Die Situati-
einen ist es in diesem autoritätshörigen Ende der vereinbarten Route abgebro- on erscheint wie ein Dejavue: Im vergan-
und stark von Einzelpersönlichkeiten ge- chen werden musste. Doch damit nicht genen Jahr erhielt die Hamburger VVN
prägten Milieu unvermeidlich, dass die genug. Bereits im Vorfeld hatte die In- im Zuge einer angestrengten Feststel-
Hackordnung und die interne Hierarchie nenbehörde weitreichende Auflagen ver- lungsklage Recht. Die Auflösung unserer
ständig, und, wie die Geschichte zeigt, hängt: Eine abgeänderte Uhrzeit (12.00 Kundgebung am 27. März 2004 gegen
bei Fehlen demokratischer Gepflogen- statt 10.00 Uhr), eine geänderte Route einen Naziaufmarsch, der sich gegen die
heiten auch unter Einsatz von Gewalt sowie das Verbot jeglicher Zwischen- „Wehrmachtsausstellung“ auf Kampna-
neu justiert wird, zum andern bleibt die kundgebung sollten den geplanten Ab- gel richtete, war rechtswidrig und der
NPD, unabhängig vom Ausgang des lauf der Demonstration im Sinne der In- Schlagstock- und Wasserwerfereinsatz
Machtkampfes, für das militante Lager nenbehörde verändern. Die Begründung als Reaktion auf vereinzelte Schnellball-
ein unverzichtbarer Bündnispartner im fiel hier ebenso haarsträubend aus, wie würfe unverhältnismäßig. Auch in Ber-
„Kampf um die Straße“. Doch am be- die Auflagen selbst. Die Demonstration gedorf sollte ein Feststellungsverfahren
schriebenen 10. Februar blamierten sich falle nicht unter den Schutz Art. in Erwägung gezogen werden, selbst
die Nazis auf jeden Fall bis auf ihre glatt 8Abs.1GG („Alle Deutschen haben das wenn die Hamburger Polizei wenig ge-
rasierten Schädelknochen. Recht, sich ohne Anmeldung oder Er- neigt scheint, aus diesen Urteilen Konse-
Eingeschlossen durch eine Kulturver- laubnis friedlich und ohne Waffen zu quenzen für die Zukunft zu ziehen.
anstaltung des DGB (70 Meter entfernt) versammeln“), so die Rechtsabteilung Wolfram Siede ■
auf der einen, sowie einem „multikultu- der Versammlungsbehörde, da im Aufruf Anmerkungen:
rellen Fest“ – einer Art Infomeile der als Ziel genannt werde „die Kundgebung 1. Zum Hintergrund im Streit des Hamburger
etablierten Parteien – (100 Meter ent- zu verhindern“. Gegen die Auflagen Landesverband der NPD siehe auch:
http://www.kueste.vvn-bda.de – unter: Informa-
fernt), auf der anderen Seite des Kundge- klagte der Anmelder, ein Mitglied des tionen vom Rechten Rand: „Führungskrise bei
bungsplatzes der Nazis, verlief schließ- Bezirksvorstandes der WASG, und be- der Hamburger NPD“ von Felix Krebs.
lich auch die Demo des Antifaschisti- kam Recht. Im Urteil des Verwaltungsge- 2. Der Beschluss der 5. Kammer des Verwal-
schen Bündnis Bergedorf durch die Ber- richtes2, welches durch das Oberverwal- tungsgericht Hamburg vom 9. Februar 2007 so-
gedorfer „City“ friedlich und erstaunlich tungsgericht inzwischen bestätigt wurde, wie die Schriftsätze der Feststellungsklage stel-
gut besucht. Die, von der Innenbehörde heißt es: „Auch die Lagebeurteilung des len wir für mögliche Rechtsauseinandersetzun-
gen um das Versammlungsrecht stellen wir (vvn-
beabsichtigte Eskalationsstrategie und LKA zeigt, dass der vom Antragsteller bda.hh@t-online.de) gerne zur Verfügung.
Spaltung in „gute“ und „böse“ Antifa- angemeldete Aufzug wesentlich Ziele im

: antifaschistische nachrichten 4-2007 7


„Papon ist tot, Le Pen lebt immer
noch“ verkündet die linksliberale Le Pen: Freund der Bedrängten und
Tageszeitung ,Libération‘ am Mon-
tag (19. Februar) von ihrer Titelseite. (Vgl. der Immigranten, „Kandidat der Afro-
dazu nachstehenden Artikel über das Able-
ben des alten Nazikollaborateurs und Europäer“, verkannter Revolutionär?
Staatskriminellen Maurice Papon) Darun-
Marie Le Pen in Valmy am 20. September zum Meister der politischen Konfusion
ter steht in Großformat das Konterfei von
2006 (vgl. http://www.trend.infopartisan. aufgeschwungen. Sein eigenes verbittertes
Jean-Marie Le Pen mit offenem Mund,
net/trd1106/t191106.html). An diesem Ge- Ressentiment gegen „die Medienclique
aufgenommen bei seinem „Präsident-
denkort, der an die Anfänge der Republik und die Mächtigen“, die Ausgrenzung ge-
schaftskonvent“ im November 2006 in Le
im Jahre 1792 erinnert, hatte der rechtsex- gen ihn betrieben (infolge von Dieudonnés
Bourget bei Paris. Kleinformatig rechts da-
treme Politiker unter anderem auch ausge- antisemitischen Ausfällen seit Anfang
rüber: das Portrait des soeben verstorbenen
rufen, er appelliere an die Franzosen aus- 2004), der daraus folgende Wille zu einer
Maurice Papon.
ländischer Herkunft, sich ihm anzuschlie- Annäherung an die „ebenso Verteufelten
Diese Platzierung der beiden Herren ne-
ßen: „In dem Ausmaß, in dem Ihr unsere vom anderen Ufer“, ein gehöriger Schuss
beneinander zeugt von einem gewissen po-
Bräuche und unsere Gesetze respektiert, in Provokation und Selbstverliebtheit – all
litischen Mut oder Bereitschaft zur Provo-
dem Ausmaß, in dem Ihr nur danach strebt, dies kommt bei dem Mann zusammen.
kation, da mit Gegenangriffen zu rechnen
in diesem Land durch Arbeit nach vorn zu Jedenfalls betreibt Dieudonné immer
ist. Überraschend wirkt sie hingegen nicht
kommen, sind wir bereit, Euch im nationa- mehr Werbung für Jean-Marie Le Pen, den
wirklich, zumal in Anbetracht der Äuße-
len und republikanischen Tiegel zu ver- ach so verkannten Kandidaten und ver-
rungen Le Pens über Papon (siehe anbei).
schmelzen...“ kappten Revolutionär, bei den afrikanisch-
Wesentlich überraschender ist da doch eine
Diese Konzeption steht zwar nicht im und arabischstämmigen Immigrantenbe-
Überschrift wie diese: „Monsieur Le Pen
Einklang mit dem bisherigen „rassisch“ völkerungen. Diese standen Le Pen bisher,
möchte auf die Franzosen ausländischer
grundierten Nationsverständnis, das in ei- nun ja, insgesamt „eher fern“, wie sich
Herkunft setzen“ (in der Pariser Abendzei-
nem Großteil der französischen extremen ohne größeres Irrtumsrisiko feststellen
tung ,Le Monde‘ vom vorigen Samstag,
Rechten vorherrscht. Allerdings dürfte es lässt. Jüngst bezeichnete Dieudonné den
17. 01.). Voraus ging ein Besuch von Jean-
Anknüpfungspunkte bei der kolonial-pa- rechtsextremen Politiker sogar als „Kandi-
Marie Le Pen am Freitag in Noyelles-sur-
ternalistischen Vision der „Rassenbezie- daten den Afro-Europäer“. Zuvor hatte Le
Mer in der Picardie, wo der rechtsextreme
hungen in einem multiethnischen Imperi- Pen in einem Fernsehauftritt die (simple,
Politiker einen Friedhof besuchte, auf dem
um“ (unter französisch-weißer Führung), aber wahre) Feststellung getroffen, dass
in den Jahren 1917 bis 1919 über 800 aus
wie sie gegen Ende der französischen sich auf der französischen Antilleninsel
China stammende „Kulis“ oder ,koolies’
Kolonialära vorherrschte und wohl auch Martinique in den letzten 200 Jahren inso-
der britischen Armee beerdigt worden sind.
den jungen Le Pen anfänglich mitprägte, fern wenig verändert habe, als immer noch
Diese chinesischen Arbeiter wurden durch
geben. die weißen Grundbesitzer die Macht aus-
diesen Alliierten Frankreichs im Ersten
Dabei darf einer nicht fehlen, sobald es übten. Das ist schlicht und einfach zutref-
Weltkrieg u.a. zur Entladung von Schiffen
darum geht, politische Verwirrung zu stif- fend, wird aber zu wenig offen ausgespro-
und Zügen, zum Ausheben von Schützen-
ten. Der schwarze französische Theaterma- chen.
gräben, zum Hüten von Pferden und später
cher und Antisemit Dieudonné M’bala Ausführlicheres dazu in der kommen-
zum Bergen von Minen eingesetzt. Vor
M’bala, allgemein unter seinem Vor- und den Ausgabe.
dem Hintergrund der französisch-briti-
Künstlernamen bekannt, hat sich längst Bernhard Schmid, Paris ■
schen „Entente“ im Ersten Weltkrieg feier-
te Le Pen so auch diese Toten des Krieges
von 1914-18. Der Bürgermeister der klei-
nen Kommune in der Picardie nahm „aus
republikanischem Anstand“ zwar Le Pen
Maurice Papon ist tot
in Empfang, weigerte sich jedoch aus poli-
Beerdigung des Massenmordkomplizen mit Verdienstkreuz?
tischen Gründen, ihm die Hand zu rücken. Am vergangenen Samstag, den 17. Februar Auch den Tod von neun kommunisti-
Woraufhin der Chef des FN öffentlich die 2007 starb in einem Krankenhaus des Pari- schen Demonstrantinnen und Demonstran-
Nase rümpfte: Der Bürgermeister sei ser Raums im Alter von 96 Jahren Maurice ten, die gegen die Fortführung des Alge-
„wohl im Ellenbogen gelähmt“. Papon. Der erste und einzige Franzose, der rienkriegs auf die Straße gingen, am 8.
Den Abstecher nach Noyelles-sur-Mer bisher wegen (Beihilfe zu) „Verbrechen Februar 1962 in der Pariser Métro-Station
muss man als einen Bestandteil der neuen gegen die Menschlichkeit“ rechtskräftig Charonne hat Papon auf dem Gewissen.
Charmeoffensive des Präsidentschaftskan- verurteilt worden ist, war 1910 im Pariser Später zeichnete Papon noch, als Haus-
didaten Jean-Marie Le Pen sehen. Völlig Vorort Gretz-Armainvilliers geboren. Dort haltsminister der bürgerlichen Regierung
neu ist zwar nicht, dass er ehemaligen Waf- hatte er auch bis zu seinem Krankenhaus- Giscard/Barre von 1978 bis 1981, für die
fenbrüdern Frankreichs (insbesondere in aufenthalt in der vergangenen Woche auf- Einfädelung von Waffenlieferungen an die
seinen Kolonialkriegen der 1950er und grund von Herzproblemen bis zuletzt ge- Militärdiktatur in Argentinien verantwort-
60er Jahre), unter ihnen früheren Kolonial- wohnt. lich.
subjekten, ungeachtet ihrer Abstammung Papon war von 1942 bis 44 als hoher Maurice Papon hat in der Öffentlichkeit
eine gewisse öffentliche Anerkennung zu- Beamter des Vichy-Regimes in Bordeaux immer betont, dass er „nichts zu bedauern“
kommen lässt. Dennoch hätte man etwa tätig. Als Generalsekretär der Regionalprä- habe und „alles, wenn es wieder zu tun
die Ehrung der früheren chinesischen „Ku- fektur war er im Südwesten Frankreichs wäre, wieder tun würde“. Am 2. April
lis“ der Entente-Armeen nicht unbedingt auch, kraft amtlicher Aufgabenbeschrei- 1998 wurde er in Bordeaux nach einem
als Bestandteil des Le Pen’schen Wahl- bung, für das „Büro für Judenfragen“ zu- sechsmonatigen Prozess wegen „Beihilfe
kampfs erwartet. Dass er freilich faktisch ständig. Papon organisierte die Deportati- zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit“
auf die rassistische Hierarchie in der ver- on von 1.690 jüdischen Personen allen Al- aufgrund seiner Rolle bei den Judendepor-
bündeten britischen Armee am Ausgang ters aus dem Raum Bordeaux über das tationen zu zehnjähriger Haft verurteilt.
des Ersten Weltkriegs hinwies, ersparte „Durchgangslager“ Drancy in Richtung Der oberste Gerichtshof bestätigte das Ur-
Jean-Marie Le Pen die kritische Erörte- Auschwitz. Später war Papon Polizeiprä- teil im Oktober 1999, woraufhin sich der
rung entsprechender Praktiken in den Rei- fekt in Paris ab 1958, und als solcher direkt frühere schreckliche Staatsdiener „mutig“
hen der französischen Armee. und persönlich für das Massaker an 300 al- in die Schweiz absetzte. Doch schon einen
Den Ausgangspunkt der, von Le Pen in gerischen Demonstranten mitten in Paris tag später wurde er wieder eingefangen, in
der Vergangenheit eher unerwarteten, Eh- am 17. Oktober 1961 (in der Schlussphase einem Hotel im Nobel-Wintersportort
rungsoffensive bildet die Rede von Jean- des Algerienkriegs) verantwortlich. Gstaad. (Vgl. www.antifaschistische-nach-

8 : antifaschistische nachrichten 4-2007


Das Aktionsbündnis gegen die
sog. NATO-Sicherheitskonferenz
wertet die Kundgebung am 9.
Februar auf dem Marienplatz und die
Demonstration unter der Motto
„Stoppt Folter und Kriegsterror – für
Frieden und soziale Gerechtigkeit
weltweit“ am Samstag, 10.2.07 als ei-
nen großen Erfolg:

Entgegen den Unkenrufen von Polizei-


oberen, Herrn Teltschik oder Teilen der
Presse, die Proteste würden schwächer
werden, haben sich in diesem Jahr mit
6.000 bis 7.000 Menschen mehr als dop-
pelt so viele an den Protesten beteiligt als
im vergangenen Jahr. Die Demonstratio-
nen gegen die NATO-Sicherheitskonfe-

Aktionsbündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz:

„Wir geben keine Ruhe“


Politik mit unserer Demonstration sicht- DemonstrantInnen noch nach Beendi-
bar zu machen. gung der Abschlusskundgebung auf dem
Auch diese Demonstration hat gezeigt, Nachhauseweg festgenommen, regel-
dass die von der Polizeiführung immer recht zu einem Bündel zusammenge-
wieder behauptete „Gewaltbereitschaft“ schnürt und so vom Stachus zur Ettstraße
der Demonstrierenden eine glatte Lüge getrieben wurden, oder dass durch weit-
ist. Vielmehr wurde deutlich, dass auch räumige käfigartige Absperrungen bei
in diesem Jahr wieder Provokationen und der Auftaktkundgebung am Stachus, und
Gewalt von der Polizei, insbesondere andere Maßnahmen, viele Menschen von
von den brutal agierenden USK-Grup- der Teilnahme an der Kundgebung und
pen, ausgingen. Dies belegen die Proto- Demonstration abgehalten werden soll-
kolle einer zehnköpfigen Beobachter- ten. Wir protestieren erneut gegen diese
gruppe, darunter auch Bundestagsabge- ungerechtfertigten und provokativen
ordnete, die gezielte Übergriffe der Poli- Einsätze der polizeilichen Greiftrupps,
zei in Form von Filmen, Fotos und Schil- deren Gewaltbereitschaft den Ablauf von
derungen von DemonstrantInnen festge- Kundgebung und Demonstration immer
halten haben. ... Wir werden demnächst wieder behinderten.
in einem öffentlichen Hearing dieses Für uns ist mit der Demonstration ge-
Material bekannt machen, um zu zeigen, gen die Sicherheitskonferenz der Wider-
renz sind für immer mehr, vor allem ju- mit welchen Methoden die Polizei ver- stand gegen Folter und Krieg nicht been-
gendliche TeilnehmerInnen eine wichti- sucht durch ihre Einsätze das Demons- det. Das Aktionsbündnis gegen die
ge Möglichkeit, ihren Protest gegen trationsrecht außer Kraft zu setzen und NATO-Sicherheitskonferenz erklärt,
Krieg, Folter und Besatzung auszudrü- Menschen von ihrem Recht auf Mei- dass es seine Arbeit fortsetzen und jetzt
cken. Gerade die jüngste Entscheidung nungsfreiheit und Demonstration abzu- für die Gegenaktionen zum G8-Gipfel in
der Bundesregierung, den Kriegseinsatz schrecken. Offensichtlich hat sich die Heiligendamm mobilisieren wird.
der Bundeswehr in Afghanistan auszu- Polizeiführung die Auffassung des Herrn Schon jetzt ist klar: Wir geben keine
weiten, die Verstrickungen bundesdeut- Teltschik zu eigen gemacht, es sei „die Ruhe, so lange die Konferenz der NATO-
scher Politiker in die Folterpraxis der Tragik der Demokratie, dass bei uns je- Kriegsstrategen stattfindet, so lange völ-
USA oder die Diktaturphantasien des der seine Meinung öffentlich vertreten kerrechtswidrige Kriege geplant und ge-
Herrn Teltschik belegen die Notwendig- darf“. Wie sonst sind solch überzogene führt werden. Claus Schreer,
keit, die mehrheitliche Ablehnung dieser Repressalien zu erklären, dass z.B. sechs München, den 12. Februar 2007 ■

richten.de/1999/22/024.shtml) Im An- satzzahlungen infolge von Zivilklagen (dessen Kontinuität in der Vichy-Ära damit
schluss musste Papon jedoch gerade ein- überlebender Opfer bzw. ihrer Hinterblie- erstmals juristisch anerkannt wurde) mit-
mal lächerliche zweieinhalb Jahre – von benen leisten zu müssen, verschrieb er all schuldig am Treiben eines Papon gewesen
den zehn Jahren, zu denen er verurteilt sein Vermögen zu Lebzeiten seinen Kin- sei. Der Staat musste deshalb für die Hälfte
worden war – absitzen. Im September dern. Papon selbst besaß am Ende, rein ju- der in Zivilprozessen erstrittenen Scha-
2002 erhielt er Haftverschonung, weil der ristisch betrachtet, keinen roten Heller densersatzzahlungen aufkommen.
gar so bedauernswerte, arme alte Mann mehr. Und seine Kinder mussten dabei Und nun, wo er tot ist, kommt noch die
vorgeblich sterbenskrank war. Angeblich noch nicht einmal Erbschaftssteuern be- jüngste Frechheit des Maurice Papon ans
stand er an der Schwelle des Todes. Da- zahlen, da es sich rein rechtlich um eine Tageslicht. Noch hat die die Familie Pa-
nach lebte er aber noch über vier Jahre Schenkung handelte. Die Nachkommen pons nicht bekannt gegeben, an welchem
ziemlich munter weiter. der Opfer durften in die Röhre gucken. Al- Tag er genau beerdigt werden wird (mut-
Unterdessen organisierte Maurice Papon lerdings urteilten die höchsten Richter im maßlich am Mittwoch oder Donnerstag,
seine Insolvabilität: Um keine Schadenser- Jahr 2002, dass der französische Staat 21./22. Februar) – da wird auch schon pu-

: antifaschistische nachrichten 4-2007 9


blik, dass der Verstorbene nach ihrem Wil- gen der Auszeichnung in der Öffentlichkeit klärten, ihnen sei vor allem wichtig, in der
len mit seinem Verdienstmedaillon beige- unter Strafe verwehrt wurde, blieb Papon Öffentlichkeit festzustellen, dass Papon
setzt werden solle. Maurice Papon hatte in jedoch im Besitz der Medaille. „niemals um Verzeihung gebeten noch das
seiner Amtszeit als Pariser Polizeipräfekt Sein Anwalt Francis Vuillemin hat am geringste Bedauern an den Tag gelegt hat“
unter Präsident de Gaulle, die von 1958 bis Montag (19. Februar) öffentlich erklärt, er (so die 77-jährige Überlebende Juliette
1967 währte, von diesem die Auszeich- werde „persönlich darüber wachen“, dass Benzazon, Nebenklägerin im Prozess von
nung als „Kommandeur der Ehrenlegion“ Papon mitsamt seiner Auszeichnung im 1998).
erhalten. Die Ehrenlegion ist ein von Na- Sarg beigesetzt werde. Diese unverschämte Unterstützung erhielt Maurice Papon
poléon Bonaparte im Jahr 1802 als „Elite- Geste wirft ein bislang unbekanntes juristi- dagegen von... na, von wem wohl? Nun,
korps der Nation“ geschaffener Kreis be- sches Problem auf, da zwar das Tragen ei- von wem stammen folgende Sätze?: „Die
sonders gewürdigter Persönlichkeiten. ner Auszeichnung durch eine dazu unauto- Auszeichnungen, die man gewonnen hat,
Aufgrund seiner Verurteilung im Jahr 1998 risierte Person in der Öffentlichkeit geahn- die man sich verdient hat – ich sehe nicht,
hat Papon automatisch das Recht verwirkt, det werden kann – das Sarginnere jedoch wer einen daran hindern könnte, sie zu tra-
diese Auszeichnung zu tragen. Dennoch nicht wirklich als öffentlicher Raum gelten gen, vor allem wenn man tot ist. Es wäre
hat er es auch später noch getan, weshalb kann. Hingegen ist die Beerdigung einer eine armselige, wirklich niedrige Geste,
er (infolge einer Veröffentlichung des Wo- solchen Person wiederum ein öffentliches die Familie von Maurice Papon daran zu
chenmagazins „Le Point“ im Jahr 2004, Ereignis. Verteidigungsministerin Michèle hindern, ihm eine letzte Ehre zu erweisen.“
das Papon auf einem Foto mit dem Ver- Alliot-Marie (der die „Ehrenlegion“ qua (Um es nicht zu spannend werden zu las-
dienstabzeichen zeigte) zu einer Geldstrafe Funktion untersteht) erklärte am Montag sen, hier die Auflösung: Jean-Marie Le Pen
in Höhe von 2.500 Euro wegen illegalen ihr „Unwohlsein“, fügte jedoch hinzu, sie in der Sendung „Grand Jury-RTL-Le Figa-
Tragens der hohen Auszeichnung verurteilt möge nicht „Särge öffnen“ lassen. Die Ver- ro-LCI“.)
worden ist. Obwohl ihm also das Vorzei- treter der Opfer(familien) von 1942-44 er- Bernhard Schmid (Paris) ■

Das Griechenmarktviertel, das sei-


nen Namen von zwei Straßen, dem
„Kleinen“ und dem „Großen Grie-
Neue Stolpersteine: Gedenken
chenmarkt“ hat, ist ein ruhiges, unauffälli-
ges Viertel direkt südlich des Neumarkts.
an jüdische Kölner Familie
Da es im Krieg völlig zerbombt wurde, chengladbach lebt, in bewegenden Worten sere Familie. Im Kindergarten wurde ich
erinnert nichts mehr daran, wie es vor seiner Familie gedachte und den „Frauen von den Nonnen immer wieder mal ge-
1944 aussah und wer dort lebte. Fast in Schwarz“ dankte, die die Verlegung der fragt, ob ich Jüdin sei?
nichts, denn dem aufmerksamen Spazier- Steine, die den Ermordeten wenigstens Wie sehen Juden aus?
gänger werden die vielen Stolpersteine ihre Identität zurückgeben, ermöglicht In Mönchengladbach tritt morgens, als
auffallen, die an den nicht unbedeutenden hatten. Alle Anwesenden nachdenklich ich zur Schule gehen will, unsere Nachba-
Teil der früheren Bewohner(innen) erin- stimmten die Worte, mit denen seine rin aus ihrer Wohnung und sagt im Trep-
nern, der nicht den Bombenangriffen son- Tochter Katja ihre Erfahrungen im penhaus zu mir, einer etwa 13-Jährigen:
dern dem diesem vorausgehenden rassis- Deutschland der sechziger Jahre schilder- Kind, Du musst mir glauben, wir haben
tischen Naziterror zum Opfer fielen: jüdi- te (wir dokumentieren den Text der Rede das alles nicht gewusst. Ich wusste er-
sche Menschen sowie Sinti und Roma. im Anschluss). Die Feierstunde machte staunlicherweise sofort, was sie mir sagen
Seit einigen Wochen zeugen drei neue noch einmal die menschliche Dimension wollte. Ich habe sie verachtet.
Stolpersteine von dieser Vergangenheit des Naziterrors deutlich, die selbst Antifa- Meine Familie war etliche Zeit staaten-
des Viertels. An der Stelle, an der heute schist(inn)en häufig verdrängen. Deutlich los, sie wurde staatenlos gemacht von den
das Haus Großer Griechenmarkt 125 wurde aber auch das quantitative Ausmaß Mördern meiner Familie. Während meiner
steht, befand sich der letzte Kölner Wohn- der Vernichtungspolitik: Noch sind nur Volksschulzeit war das etwas, was ich un-
sitz der jüdischen Fanilie Dussmann. Die für eine Minderheit der Opfer Gedenk- erträglich fand, die Frage nach der Staats-
Familie hatte im Pantaleonsviertel eine steine verlegt. Würde allen gedacht, ginge angehörigkeit, die immer wieder kam.
Schreinerei und musste nach den ersten man in manchen Vierteln über einen Tep- Ich habe oft gehört, jeder erbt doch.
antisemitischen Gesetzen der Nazis im- pich von Messingschildern mit den Na- Welches Erbe? Welchen Besitz? Das Erbe
mer wieder umziehen. 1939 gelang ihnen men der Ermordeten. tri ■ meiner Familie wurde arisiert. Als ich
die Flucht nach Brüssel. Nach dem Über- Zum Anlass der Stolpersteinlegung für mich selbständig machte, hörte ich doch
fall der Wehrmacht auf Belgien wurden Helene, Simon und Sally Dussmann tatsächlich einen Menschen sagen: Mach
Vater Simon Dussmann und Mutter Hele- das, Juden können so etwas gut, die sind
ne Dussmann deportiert und in Auschwitz Liebe Freunde, Ihr glaubt nicht, wie sehr geschäftstüchtig. Ich habe oft gehört:
ermordet. Ihr Sohn Sally fiel als Angehö- ich mich freue, wie dankbar ich bin, hier Wenn alle so wären wie Du,... aber, wie
riger des jüdischen Widerstandes im Juli sein zu dürfen. Hier, wo meine Familie ei- sind denn die Anderen?
1944 in Brüssel. An diese drei Familien- nen Teil ihrer Würde, wieder einen Namen Was heißt denn Jude sein? Ist es eine
angehörigen erinnern die neuen Erinne- und etwas Ruhe bekommen hat. Das sind Religion? Ein Volk? Wie sind denn Juden?
rungssteine, die von Adolf Dussmann, ei- große Worte für die kleinen Steine der Er- Ich habe meine Großeltern nie kennen ler-
nem Sohn, dem die Flucht nach England innerung, aber das ist mein Gefühl dabei. nen dürfen, nie mit meinem Onkel spielen
gelungen war, und seiner Familie mit Un- Ein Teil meiner Familie hat immer ge- können. Wer oder was sind Juden?
terstützung der Kölner „Frauen in fehlt, war nicht existent, existierte nur in Nichts ist vergessen und niemand ist
Schwarz“ initiiert und finanziert wurden. meinem Kopf und manchmal in Erzählun- vergessen. Liebe Zuhörer, das sind sehr
Am Samstag, dem 10. Februar hatte gen meines Vaters, was selten vorkam. Er kleine Sequenzen dessen, was ich, als
sich eine kleine Gesellschaft an den neu wollte mich schützen, nicht belasten,... das Kind der Nachkriegsgeneration erlebt und
verlegten Steinen versammelt, um der To- haben dann Andere getan. Das Vergangene gefühlt habe.
ten zu gedenken. Nach einigen Worten ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. Bert Brecht schrieb 1939: „Wer ent-
über die Geschichte der Familie begaben Schon mit ca. 5 Jahren wurde ich von kommen will, braucht Glück, ohne Glück
sich die Teilnehmer(innen) in ein nahege- Nachbarn und von Händlern in unserer rettet sich keiner. ... Glück ist Hilfe.“
legenes Cafe, in dem Adolf Dussmann, Vorstadt angesehen und gefragt, ob ich Jü- Vielen Dank.
der mit seiner Frau seit langem in Mön- din sei, oder mein Vater? Sie kannten un- Katja Dussmann

10 : antifaschistische nachrichten 4-2007


Im Jahr 2006 hat sich die Zahl der
Todesopfer der „heimlichen Ein-
wanderung“ an den spanischen
„Menschenrechte an
Südgrenzen gegenüber 2005 verdreifacht.
1.167 Fälle und ihre Umstände hat
APDHA einzeln dokumentiert, davon er-
der Südgrenze 2006“
Aus dem Bericht der spanischen Flüchtlingsorganisation Asociación Pro Derechos
eigneten sich 118 an der marokkanisch- Humanos de Andalucía (APDHA)
andalusischen Grenze (einschließlich Ceu-
ta und Melilla). Knapp 80% (930) der To- der Etat kann laut Innenministerium aber len“ entsprechen noch weniger als die
ten und Verschwundenen stammten aus jederzeit nach Bedarf erhöht werden. meisten anderen einem humanitären und
der Subsahara, 136 aus den Maghreb- Menschenrechtsverletzungen gegen- menschenrechtlichen Standard. Da sie
Staaten, 100 (die Zahl steigt gegenüber über Flüchtlingen in Marokko: „geheim“ und angeblich nonexistent sind,
den Vorjahren auffallend) Menschen aus ist ein Zugang zu ihnen – selbst seitens des
der Westsahara und eine Person aus Asien. APDHA kritisiert scharf die jüngsten Raz- Roten Kreuz – so gut wie unmöglich. Vor
Unter Einbeziehung zahlreicher Infor- zien, rassistischen Übergriffe, schweren allem auf den Kanaren wurden einige neue
mationsquellen – einschließlich in der Misshandlungen an Flüchtlingen und de- Lager „improvisiert“, die Unterbringungs-
Westsahara, dem Senegal und Maureta- ren illegale Abschiebungen an die algeri- situation ist teilweise katastrophal. Längs-
nien – kommt APDHA auf ein Schätzung sche Grenze seitens der marokkanischen tens darf eine Person 40 Tage in einem
von insgesamt 7.000 Todesopfern. Die Ka- Behörden. Mindestens ein Drittel der nach CIE festgehalten werden. Wenn ihre Iden-
narische Regierung hat die Zahl der Toten Oujda verbrachten Menschen seien vom tität bis dahin nicht festgestellt werden
auf etwa 6.000 geschätzt. 800 tote Flücht- UNHCR bereits als Flüchtlinge anerkannt, konnte oder die Abschiebung aus anderen
linge wurden zwischen Nordafrika und im Asylverfahren oder im Besitz gültiger Gründen nicht möglich ist, wird sie entlas-
den Kanaren aus dem Meer geborgen, Reisedokumente. Kritisiert wird in diesem sen, allerdings ohne jegliches Papier oder
nachdem ihre Boote gekentert waren. Zusammenhang auch die Passivität bzw. Anrecht auf Unterbringung, Arbeit, medi-
Melilla: APDHA kritisiert, dass weder mangelnde Möglichkeit zur Schutzgewäh- zinische Versorgung. An dieser Stelle
die gewaltsamen Todesfälle der Flüchtlin- rung, des UNHCR in Rabat. Marokko hat übergibt der Staat die Verantwortung an
ge am Grenzzaun vom Herbst 2005 noch auch seinen – sowieso seit jeher repressi- karitative Einrichtungen und NGO. Im
die aus 2006, seitens der spanischen Be- ven – Umgang mit Menschen in der West- APDHA-Bericht ist nichts zu lesen von
hörden bislang aufgeklärt worden seien. sahara im letzten Jahr besorgniserregend Fristüberschreitungen. Tatsächlich schei-
Festnahmen/Abschiebungen: verschärft. Vor allem junge Männer flie- nen die Betroffenen nach 40 Tagen wieder
hen zunehmend aus der Westsahara nach frei gelassen zu werden. Dafür werden Zu-
Mehr als verdreifacht hat sich auch die Spanien. Viele von ihnen erzählen von stand, Zugangsmöglichkeiten, Versorgung
Zahl der Festnahmen/Aufgriffe von schweren Misshandlungen durch marok- und Menschenrechtssituation der meisten
Flüchtlingen auf beiden Seiten der Süd- kanische Sicherheitsbehörden und Folter CIE stark kritisiert:
grenze: In 2006 waren es 47.102 (11.781 in Haft und weisen entsprechende Spuren ◗ kein oder nur sehr eingeschränkter Zu-
in 2005), davon allein 33.126 auf den Ka- an ihren Körpern auf. Einige erhielten gang seitens Flüchtlingsorganisationen,
narischen Inseln, 6.976 rund um Gibraltar Asyl in Spanien. ◗ keine Kontrolle durch neutrale Beob-
(einschließlich Melilla und Ceuta) und Grenzabschirmungskooperationen: achter
7.000 in afrikanischen Küstengewässern. ◗ keine oder zu wenige Dolmetscher und
Von letzteren wurden wiederum etwa Inzwischen bestehen zahlreiche Grenz- Anwälte
3.900 Menschen über Frontex-Einheiten überwachungsprogramme und Fluchtver- ◗ keine oder mangelnde Aufklärung über
aufgegriffen, die anderen 3.100 von Mari- hinderungsprojekte zwischen Nordafrika die eigenen Rechte
neeinheiten aus Marokko, Mauretanien, und Südspanien, innerhalb derer verschie- ◗ die Lagerinsassen sind der Willkür und
Senegal oder den Kapverden. In Andalu- dene europäische und afrikanische Staaten Gewalt der Wächter ausgesetzt. Immer
sien ist die Zahl der Aufgegriffenen mini- – in erster Linie mit militärischen Mitteln wieder wird von sexuellen Übergriffen
mal gesunken, was APDHA auf den ver- – kooperieren: Frontex (seit August 2006 und körperlichen Misshandlungen be-
stärkten Einsatz des Grenzüberwachungs- auch auf den Kanaren installiert), „Atlan- richtet.
systems SIVE zurückführt. Unter den Be- tis“, „Seepferdchen“ (gehört zu AENEAS) ◗ willkürliche Verweigerung von Erlaub-
troffenen dort sind vornehmlich Menschen „Edelwachposten“... Bei den meisten Pro- nissen zu Besuchen seitens Familienan-
aus den Maghrebstaaten. jekten stellen die europäischen Staaten gehöriger
Der sogenannten Flüchtlingsboot-Krise (vor allem Spanien und Italien) die Tech- ◗ unwürdige Unterbringungsbedingungen
versucht Spanien u.a. über bilaterale nik (Boote, Hubschrauber etc.) und einen (heruntergekommene Gebäude, keine
(Rückübernahme-)Abkommen mit den Teil des Personals (z.B. Guardia Civil). Bewegungsfreiheit, keine Heizung/Kli-
Herkunftsländern der Flüchtlinge Herr zu Bei aller Kritik räumt die APDHA auch maanlage, zu wenig Decken…)
werden: Gegen Lieferung von Technik ein, dass solche Überwachungsmechanis- ◗ Trennung von Eltern und minderjähri-
und Personal (zur Grenzsicherung) und men im letzten Jahr vielen Menschen das gen Kindern.
Wirtschaftshilfen nehmen Guinea, Gam- Leben gerettet haben: Militärboote hatten Demgegenüber sind die Bedingungen
bia, Senegal, Marokko und Mauretanien Flüchtlingsboote in Seenot rechtzeitig ge- in den Centros de Estancia Temporal de
ihre in Spanien als „Illegale“ aufgegriffe- ortet. Inmigrantes, CETI (Temporäre Aufnah-
nen Landsleute seit 2006 zurück. Internierungslager: melager für Immigranten), z.B. in Melilla
Vom 1. Januar bis zum 30. Oktober und Ceuta laut APDHA besser. Die Zen-
2006 hat Spanien 4.864 in den Senegal, In ganz Spanien gibt es 10 „offizielle“ In- tren sind offen, die „Insassen“ dürfen sich
3.891 von Melilla aus nach Marokko, ternierungslager (Centro de Internamiento frei im ganzen Gebiet der Autonomie be-
1.018 von anderen Orten aus nach Marok- de Extranjeros, CIE) für Ausreisepflichti- wegen, Familien können zusammenwoh-
ko, 354 nach Mali, 303 nach Mauretanien, ge – die meisten auf den Kanaren und in nen, es gibt Bildungs- und Integrations-
110 nach Guinea Bissau und 95 Personen Andalusien –, bei denen es sich überwie- programme.
nach Nigeria abgeschoben. Die Abschie- gend um ehemalige Gefängnisgebäude Quelle: Aus dem Bericht der spanischen Flücht-
be- und Rückführungskosten betrugen für handelt. Daneben gibt es noch einige inof- lingsorganisation Asociación Pro Derechos Hu-
ganz Spanien in 2006 über 45.000.000 fizielle, wie z.B. das auf der Isla Paloma manos de Andalucía (APDHA), Januar 2007, kb@
proasyl.de - kai.weber@nds-fluerat.org ■
Euro. Für 2007 sind 33 Mio veranschlagt, vor Tarifa (Andalusien). Die „inoffiziel-

: antifaschistische nachrichten 4-2007 11


: ausländer- und asylpolitik

Keine Abschiebung
afghanischer Flüchtlinge!
Hamburg. Viele afghanische Familien
können seit Wochen nicht schlafen, weil
Innensenator Nagel ihre Abschiebung ins
Kriegsgebiet will, aus ordnungspoliti-
schen Gründen Menschenleben aufs
Spiel setzt. Am 20.2. befasst sich erneut
die Härtefallkommission mit der Ab-
schiebung. Die Gefahr für viele afghani-
sche Kinder und Jugendliche ruft in wei-
ten Teilen der Gesellschaft Protest und
Widerstand hervor, vor allem unter Schü-
lerinnen und Schülern. Das zeigte ein- Jahren in Deutschland, fünf der sechs Durch die Abschiebung der beiden
drucksvoll eine Veranstaltung des GEW- Kinder im Alter von einem bis 14 Jahren Hauptversorger der Familie wird jetzt
Bleiberechtsausschusses am 6.2., auf der sind hier geboren. Trotz zahlreicher poli- der gesamten Familie jede Chance auf
u.a. Schüler und Lehrer zahlreicher tischer Aktivitäten des Vaters wurden die ein Bleiberecht in Deutschland genom-
Schulen von ihren zahlreichen und krea- Asylanträge abgelehnt. Der Flüchtlings- men. „Hier wird bewusst die ganze Fa-
tiven Aktivitäten berichteten. Auf dieser rat und die Anwältin rechnen immer milie in Raten abgeschoben, obwohl es
Veranstaltung wurde beschlossen, am noch mit einer nicht unerheblichen Ge- möglich gewesen wäre, ein Bleiberecht
19.2., also vor der Sitzung der Härtefall- fährdung des Mannes, in der Türkei fest- zu erteilen“, so Scherenberg weiter.
kommission, mit einer Menschenkette genommen zu werden. Die Familie hatte Auch in einem dritten Fall einer vier-
um die Binnenalster den Widerspruch öf- einen Bleiberechtsantrag gestellt, zusätz- köpfigen Familie im Kreis Darmstadt-
fentlichkeitswirksam zu artikulieren. lich liefen noch mehrere Verfahren auf Dieburg, die schon seit über zehn Jahren
Diese Aktion braucht kräftige Unterstüt- ein Aufenthaltsrecht für die hervorra- in Deutschland lebte, war das Handeln
zung. Der menschenfeindliche Plan Na- gend integrierten Kinder. Das jüngste der der Behörden fragwürdig: So wurde der
gels muss durchkreuzt werden. scc ■ Kinder leidet zudem an einem angebore- Anwältin erst gestern Abend die Ableh-
Menschenkette um die Binnenalster nen Herzfehler. Ob es in der Türkei Zu- nung eines Antrags zugestellt zu diesem
Montag, 19.2., 15.00 Uhr, Treffpunkt gang zu angemessener medizinischer Zeitpunkt war der Flug jedoch schon
Jungfernstieg, Alsteranleger Behandlung hat, ist zumindest fraglich. längst gebucht. „Zusammenfassend lässt
Veranstalter: GEW-Bleiberechtsaus- Dem Hessischen Flüchtlingsrat sind sich sagen, dass wir außerordentlich er-
schuss, Rothenbaumchaussee 15, 20148 mehrere ähnlich gelagerte Fälle bekannt, schrocken sind über das Verhalten der
Hamburg, bleiberecht-gewhh@gmx.de in denen insbesondere die Kinder, die in Behörden bei dieser Abschiebung. Es
Deutschland aufgewachsen waren, nach hätte in den hier vorliegenden Fällen hu-
Sammelabschiebung von der Abschiebung völlig gebrochen wa- manitäre Lösungen geben können, es
ren, nicht mehr sprachen, das Haus nicht fehlte bloß der Wille, sie zu nutzen“, er-
langjährig Geduldeten in mehr verließen und über Monate apa- klärte Scherenberg abschließend.
die Türkei thisch im Zimmer saßen. Jungen Men- gez. Timmo Scherenberg, Presse-
Hessen. Der Hessische Flüchtlingsrat ist schen, die hier geboren und aufgewach- erklärung Flüchtlingsrat Hessen
schockiert über die am 13.02.07 durch- sen sind, wird jede Zukunft genommen, flucht@nds-fluerat.org ■
geführte Sammelabschiebung von meh- „nur weil sie das Pech hatten, mit dem
reren langjährig in Hessen wohnenden falschen Pass auf die Welt gekommen zu Bleiberecht – unerwünscht?
Familien in die Türkei. Um zwölf Uhr sein. Die Bleiberechtsregelung war eine
startete eine eigens gecharterte Abschie- erste Einsicht, dass es Unrecht ist, was NRW. In Nordrhein-Westfalen erhalten
bemaschine vom Flughafen Düsseldorf hier geschieht. Doch die Praxis zeigt, auch nach dem Bleiberechtsbeschluss
in Richtung Istanbul. In Begleitung von dass noch viele weitere Schritte kommen vom November 2006 geduldete Flücht-
einem Arzt und etwa 25 Bundespolizei- müssen, damit dies der Vergangenheit linge nur selten eine Aufenthaltsgeneh-
beamten wurden etwa dreißig abgelehnte angehört,“ empörte sich Scherenberg. migung. Gründe dafür sind die Unsicher-
Asylsuchende in die Türkei abgescho- In einem weiteren Fall zweier Brüder heit bei Ausländerbehörden, viele unbe-
ben. Die meisten der Abgeschobenen ka- aus Sinntal-Sterbfritz, ebenfalls im arbeitete Fälle, bürokratische Hürden mit
men aus Hessen, darunter auch Familien Main-Kinzig-Kreis, wurden diese von langen Prüfzeiten beim Zugang zum Ar-
mit kleinen Kindern, die Bleiberechtsan- ihrer Familie getrennt und allein in die beitsmarkt und die oft enge Auslegung
träge gestellt hatten. Türkei abgeschoben, obwohl eine Petiti- der Gesetze bei Fragen der Identitäts-
Hier wurde wieder einmal deutlich, on beim Hessischen Landtag für sie ein- feststellung und Passbeschaffung.
dass viele langjährig hier lebende Men- gelegt worden war. Die Mutter und die Zwei Monate nach der Umsetzung des
schen, die gut integriert sind, von der jüngeren Geschwister wurden nicht mit Bleiberechtsbeschlusses in NRW zieht
Bleiberechtsregelung ausgeschlossen abgeschoben, jedoch ist durch die Ab- die westfälische Diakonie eine erste er-
werden. Es drängt sich der Eindruck auf, schiebung der beiden ältesten Söhne nüchternde Zwischenbilanz: „Es gibt
dass in einigen Fällen eher versucht fraglich, ob ihr Verfahren auf Bleiberecht bisher kaum Begünstigte“, berichtet Ma-
wird, Ausschlussgründe zu finden denn einen positiven Ausgang nehmen wird. ria Loheide, Geschäftsführerin im Dia-
eine Lösung für die Familie zu finden Dies hängt nämlich davon ab, dass der konischen Werk Westfalen. „Wir wissen
kommentierte Timmo Scherenberg, Ge- Lebensunterhalt gesichert sein muss, was bisher nur von acht Familien und Einzel-
schäftsführer des Hessischen Flücht- durch die Abschiebung der beiden er- personen, denen ein befristetes Aufent-
lingsrates, die Abschiebungen. wachsenen Söhne, beide hatten feste Ar- haltsrecht auf Grundlage des Bleibe-
Eine Familie aus Gründau-Rothenber- beitsplatzzusagen im Falle eines Bleibe- rechtsbeschlusses zugesprochen wurde“,
gen im Main-Kinzig-Kreis lebte seit 13 rechts, jetzt fast unmöglich erscheint. fasst Dietrich Eckeberg, Referent für

12 : antifaschistische nachrichten 4-2007


Große Resonanz auf Plakatwettbewerb
Das Kölner Netzwerk kein mensch ist illegal hat 2006 einen Wettbewerb um ein Plakat
ausgeschrieben. Ziel: „auf die miserablen Lebensbedingungen von illegalisierten Men-
schen aufmerksam machen” und zu alltäglicher gesellschaftlicher Solidarität mit Men-
schen ohne Papiere aufzufordern. 111 KünstlerInnen reichten insgesamt 199 Entwürfe
ein, die in sehr unterschiedlicher Wei-
se das Thema aufgreifen. Die Palette
reicht vom Textplakat über Fotos, die
stilisierte grafische Darstellung bis
zur Kinderzeichnung.
Nachdem die Plakate sechs Tage
lang in der Köln International School
of Design zu sehen waren, sollen die
Plakate nun in Form einer Wanderaus-
stellung auch in anderen – möglichst
einer breiten Öffentlichkeit zugängli-
chen Orten – gezeigt werden. Bei In-
teresse Kontakt per mail. Auf der In-
ternetseite sind alle Entwürfe doku- Sonderpreis für den 10-jährigen Noah Grünwald
mentiert.
Wir gehen davon aus, dass auch andere Initiativen, die sich für die Rechte von Men-
schen ohne Papiere einsetzen, Interesse an der Verwendung eines der hier gezeigten
Siegerplakat von Birgit Caspari Beiträge haben werden. Konkrete Anfragen in dieser Richtung leiten wir gerne an die
KünstlerInnen weiter, um so den direkten Kontakt zu ermöglichen. Einfach per mail! www.kmii-koeln.de

Flüchtlingsfragen im Diakonischen nem Sprachtest und einer Integrations- Land NRW eine Kostenpauschale von
Werk Westfalen, die Erfahrungen von 17 vereinbarung zusätzliche Schikanen ein- 1.036 Euro für jedes Qualifizierungs-
Flüchtlingsberatungsstellen der evange- zubauen. Dese Regelung ist wohl jetzt und Vermittlungsprojekt zahlt.
lischen Kirche und ihrer Diakonie in vom Tisch. Stadtdirektor Kahlen sicherte Schade ist, dass sich außerparlamenta-
Westfalen zusammen. Dabei erfüllten al- am Rande der Stadtratssitzung am 13. risch wenig rührt. Bisher ist eigentlich
lein in NRW zwischen 25.000 bis 35.000 Februar zu, dass die bisherige Integrati- nur der Kölner Flüchtlingsrat aktiv. Die
Personen die erforderliche Aufenthalts- onsvereinbarung so nicht umgesetzt Gefahr ist groß, dass nach dem Auslau-
dauer. „Wenn die Landesregierung hier wird. Für die Betroffenen wird es ein fen der Bleiberechtsregelung am
nicht schnell die Hürden abbaut und un- Merkblatt geben. Auch der Sprachtest 30.9.2007 verstärkt Personen abgescho-
bürokratisch Lösungen findet, wird der entfällt. Das ist ein Erfolg der Flücht- ben werden sollen. Jörg Detjen ■
Bleiberechtsbeschluss ins Leere laufen“, lingsinitiativen, aber auch der Fraktion
so Dietrich Eckeberg. Kinderreiche Fa- Die Linke.Köln, die sich für ein transpa- Engin Celik aus der Haft
milien, Jugendliche und erwerbsgemin- rentes, schikanefreies Verfahren einge-
derte Personen seien benachteiligt, weil setzt hatte. Die bundesweite Bleibe- entlassen!
sie den Lebensunterhalt nicht in vollem rechtsregelung ist schon schlecht genug, Hamburg. Am Vormittag des 13.2. er-
Umfang eigenständig sicherstellen könn- da müssen nicht noch zusätzliche Er- hielten wir die Nachricht, dass Engin Ce-
ten. Das aktive schriftliche Zugehen eini- schwernisse eingebaut werden. lik aus der Haft entlassen werde, wenn
ger Ausländerbehörden auf Personen, die Die Stadt Köln hat von den 4.800 Per- der Staatsanwaltschaft 130,- Euro über-
die erforderliche Aufenthaltsdauer vor- sonen, die in Köln geduldet leben, gera- wiesen werden. Nachdem dies geschah,
weisen, sei allerdings zu begrüßen. Die de mal 120 ausgewählt, die ein Bleibe- wurde er frei gelassen. Weder Engin
Diakonie hat dem Land NRW im De- recht erhalten sollen. Der Kölner Flücht- noch sein Anwalt wissen im Moment den
zember Empfehlungen zur Umsetzung lingsrat geht davon aus, dass der Kreis Stand des Verfahrens. Wir freuen uns rie-
der Bleiberechtsregelung übergeben, um viel größer sein könnte. Ca. 2.100 Perso- sig, dass Engin wieder bei uns ist. Das ist
humane Lösungen zu finden. Sie setzt nen könnten ein Bleiberecht bekommen, im Moment das Wichtigste. Er ist sehr
sich weiter mit der Evangelischen Kirche wenn Regelungen zum Wohle der Be- dünn und schwach geworden durch die
von Westfalen ein für eine großzügigere troffenen ergriffen werden. Auf Initiative 29 Tage Hungerstreik. Nach seiner Ent-
Bleiberechtsregelung des Bundesgesetz- der Fraktion die Linke.Köln hat jetzt der lassung ist Engin nach Hamburg gefah-
gebers, die die seit vielen Jahren in Rat auf seiner Sitzung am 6. Februar mit ren und kam während der Kundgebung
Deutschland lebenden, gut integrierten großer Mehrheit einen Beschluss gefasst, für seine Asylanerkennung am Hambur-
und geduldeten Flüchtlinge auch tatsäch- in dem die Verwaltung beauftragt wird ger Bahnhof an. Mit Jubel und großem
lich erreicht. Pressemitteilung des zu prüfen, wie der Kreis der Berechtigten Applaus wurde er empfangen. Er dankte
Diakonischen Werkes der Ev. Kirche ausgeweitet werden kann. Das bestehen- allen, die ihn bisher unterstützt haben,
von Westfalen, 12.2.2007 ■ de Qualifizierungs- und Vermittlungs- und rief alle auf, immer weiter für die
projekt sollte sinnvollerweise auf Perso- Rechte der Flüchtlinge und für die un-
Proteste erfolgreich: Kölner nen, die die Integrationskriterien (Auf- teilbaren Menschenrechte aktiv zu sein.
enthaltsdauer, Schulbesuch der Kinder) Nach der Kundgebung griff er zur Gitar-
Schikanen beim Bleiberecht der NRW-Bleiberechtsregelung vom 11. re, die er lange vermissen musste, und
vom Tisch Dezember 2006 erfüllen und bei denen spielte für uns und alle, die sich nach
Köln. Repressiv und nicht integrativ ar- Ausschlusstatbestände nicht vorliegen, Freiheit sehnen.
beitete bisher das Ausländeramt bei der unbedingt ausgeweitet werden. Wir werden Euch weiter informieren,
Umsetzung der Bleiberechtsregelung. Dabei entstehen noch nicht einmal zu- denn die Kampagne ist nicht beendet.
Die Stadt Köln versuchte sogar, mit ei- sätzlich Kosten für die Stadt, weil das Die eine Forderung nach seiner Freilas-

: antifaschistische nachrichten 4-2007 13


bezahlen, werden Restbeträge nicht unzureichend angesehen. Am 13.12.
in bar ausgezahlt. Unklar ist, wer sich 2006 wurden Oberbürgermeister Martin
hier auf Kosten der Asylbewerber, die Biermann, die 1. Stadträtin Susanne
mit jedem Cent rechnen müssen, be- Schmitt und der Fachdienstleiter Soziale
reichert. Hilfen, Matthias Peters, persönlich im
Lt. Aussage einer Wal-Mart-Mitar- Innenministerium vorstellig. Anschlie-
beiterin sei mit der Stadt vereinbart ßend konnte Ministeriumssprecher Mi-
worden, mit den Asylbewerbern chael Knaps mitteilen, „man habe keine
„bongenau“ abzurechnen. Differenz- Einwände mehr“.
beträge würden der Stadt Celle gut- Von Stadträtin Schmitt war zu erfah-
geschrieben. ren, dass Asylbewerber ihr nicht ausbe-
Diese Sonderabsprache ist jedoch zahltes Restgeld von der Stadt zurück be-
sung wurde erreicht. Die andere nach Kerstin Oehl, zuständig für die Rech- kommen können – allerdings gegen ent-
seiner Asylanerkennung noch nicht. Sein nungsstelle des Fachbereichs Bildung, sprechenden Nachweis. Hier stellt sich
Recht auf Asyl muss noch erstritten wer- Jugend und Soziales der Stadt Celle, natürlich die Frage, in welchem Umfang
den. Karawane Hamburg ■ nicht bekannt. Vielmehr habe die Stadt die Betroffenen denn wohl alte Belege
sieben große Unternehmen angeschrie- aufgehoben haben.
Problematische ben und daran erinnert, dass Wechselgeld Die Betroffenen haben einen An-
in Höhe von bis zu zehn Prozent des Gut- spruch auf den vollen Gegenwert ihres
Abrechnungspraxis scheinwertes ausgezahlt werden dürfe. Gutscheins, und es ist inen absolut nicht
Celle. Seit mehr als drei Jahren steht Anfang Oktober 2006 schaltete sich zuzumuten, auch nur auf einen Cent zu
die Abrechnungspraxis der Stadt Celle das Niedersächsische Innenministerium verzichten, während sich andere durch
bei Wertgutscheinen für Asylbewerber in ein und forderte eine Stellungnahme der undurchsichtige Praktiken an ihnen be-
der Kritik. Asylbewerbern, die in örtli- Stadt Celle. Zwei Erklärungsversuche reichern.
chen Geschäften mit Wertgutscheinen aus dem Rathaus wurden allerdings als Quelle: flucht mailing list - 13.2.07 ■

: neuerscheinungen, ankündigungen
„Oberammergau und Berlin, 180 Seiten, 34,90 ser-Ems der Reichs-
des Nordens“ unter Euro, ISBN 978-3-939) einem schrifttumskammer und
der Lupe Artikel in der NSDAP-Zei- wurde von den braunen
tung „Völkischer Beobach- Machthabern mit zahl-
Neues Buch befasst sich mit ter“, in dem die Kultstätte als reichen Auszeichnun-
der Geschichte der NS-Kult- „Oberammergau des Nor- gen geehrt. Beispiels-
stätte in Bookholzberg dens“ gefeiert worden war – weise durfte er sich
von Thomas Klaus in Anlehnung an die weltbe- über den Gaukunstpreis
rühmten Passionsspiele im Weser-Ems und die Eh-
BOOKHOLZBERG. Ein Do- Allgäu. Und seinen Namen renbürgerschaft von Ol-
kumentationszentrum über ei- „verdankt“ das heutige Book- denburg freuen. Auch
nen besonders auffälligen holzberg dem Nazi-Kult auf nach 1945 war Hinrichs
Wallfahrtsort der Nationalso- dem Buchenholzberg. über viele Jahre hinweg ein gen Fachwerkgebäude mit
zialisten zu schaffen – das ist Mittels der Anlage in Book- geachteter und verehrter Reetdach bestand.
das Hauptziel des „Arbeits- holzberg sollte der Schlacht Schriftsteller, dem 1954 sogar Der Grundstein für die
kreises Stedingsehre“ in der bei Altenesch in der Weser- das Bundesverdienstkreuz Kultstätte wurde am 29. Okto-
Ortschaft Bookholzberg, Ge- marsch anno 1234 eine Art ausgehändigt wurde. ber 1934 gelegt. Sie war das
meinde Ganderkesee (Land- Denkmal gesetzt werden: Da- Die Resonanz auf die Auf- kulturell wichtigste Projekt
kreis Oldenburg). Dabei geht mals wurde ein aus Bauern führungen in Bookholzberg von Carl Röver, dem aus
es um die einstige NS-Kult- bestehendes Heer aus Stedin- war überragend. Allein 1937 Lemwerder in der Weser-
stätte „Stedingsehre“ auf dem gen an der Unterweser von wurden sie von rund 150.000 marsch stammenden Reichs-
Buchenholzberg (auf platt- Kreuzfahrern vernichtend ge- Menschen besucht. Folgerich- statthalter von Oldenburg und
deutsch Bookholzberg) in schlagen. Die siegreichen tig nahmen ab 1938 Pläne Ge- Bremen. Der trieb das Projekt
Bookholzberg - eine Freilicht- Scharen hatte der Erzbischof stalt an, wonach aus der Kult- mit großem Eifer voran.
bühne mit einem imposanten von Bremen angeführt. stätte eine „Gedenkstätte Ste- Wie viel es darüber hinaus
Kulissendorf. „Erinnerungs-Schwierig- dingsehre“ gemacht werden der Nazi-Führung bedeutet
Wissenschaftlichen Rü- keiten“ nach der Nazi- sollte. Konkret war an ein ein- hatte, zeigte sich bei der
ckenwind bekommt dieser Ar- Herrschaft zigartiges Nationaldenkmal Grundsteinlegung an der an-
beitskreis durch das neue und eine einmalige Nazi-Er- wesenden „Polit-Prominenz“:
Buch „Stedingsehre soll für Diese Schlacht wurde auf ziehungsstätte gedacht. Sie Der Chefideologe der Natio-
ganz Deutschland ein Wall- dem Areal der Kultstätte sollte unter dem Oberbegriff nalsozialisten und spätere
fahrtsort werden ...“ des Del- „nachgespielt“. Die Grundla- „Gauschulungsburg Book- Reichsminister für die besetz-
menhorster Historikers Ger- ge dafür bildete das plattdeut- holzberg“ betrieben werden. ten Ostgebiete, Alfred Rosen-
hard Kaldewei. Er ist der Di- sche Volksschauspiel „De Ste- Dieses ehrgeizige Ziel wur- berg, Walter Darré, Reichsmi-
rektor des dortigen Stadtmu- dinger“ von August Hinrichs. de zwar nicht erreicht. Aber nister für Ernährung und
seums. Der war unter den Nazis die Nazis kamen ihm nahe – Landwirtschaft, sowie Hein-
Seinen Titel „verdankt“ das wohlgelitten. Unter anderem etwa durch ein im April 1940 rich Himmler als Reichsführer
Buch (Aschenbeck & Hol- war das NSDAP-Mitglied eingeweihtes „Gästehaus“, der SS ließen sich blicken.
stein-Verlag, Delmenhorst Landesleiter des Gaues We- das auch aus einem gewalti- Schon wenige Monate später,

14 antifaschistische nachrichten 4-2007


am 13. Juli 1935 konnte die Kultstätte schisten aus-
offiziell eröffnet werden. gelöschten
In seinem Buch stellt Gerhard Kalde- Familie Neu-
wei die Geschichte der Kultstätte „Ste- beck hat der
dingehre“ dar und stellt sie in einen Zu- Kreisver-
sammenhang mit anderen „kulturellen band der
Begegnungsstätten“ der Nationalsozia- VVN-BdA
listen, wie zum Beispiel dem „Bücke- Düsseldorf
berg“ bei Hameln und dem „Sachsen- in seiner
hain“ bei Verden. Wichtiges Element des Broschüren-
Kaldewei-Werkes ist die Dokumentation reihe „Ge-
des Fotoalbums „Stedingsehre“, das sichter des
Heinrich Kunst 1937 angefertigt hatte. Düsseldorfer
Der Autor verfolgt aber auch die Ge- Widerstandes“ eine Dokumentation ver-
schichte der Kultstätte nach dem Ende öffentlicht. Verfasser ist der Rostocker
von Weltkrieg und Nazi-Regime. Lange Historiker Prof. Dr. Karl Heinz Jahnke.
Zeit hatten die Einheimischen offenbar Nach Drucklegung der Broschüre er-
große Schwierigkeiten damit, sich der hielt die VVN-BdA Düsseldorf noch
braunen Geschichte der erhalten geblie- neue Dokumente. Aus einem bisher
benen Freilichtbühne zu stellen. nicht vorliegenden Spiegel-Artikel vom
1992 wurde die komplette historische 24. Januar 1972 ist zu entnehmen, dass
NS-Hinterlassenschaft auf dem Book- im Hochverratsverfahren gegen Anna
holzberg unter Denkmalschutz gestellt – Neubeck vor dem Hammer Sonderge-
aufgrund ihrer „herausragenden Bedeu- richt, welches Anna Neubeck am 31. robleme des Widerstandes und
tung als Kulturdenkmal gemäß dem nie-
dersächsischen Denkmalschutzgesetz“.
Heute ist das Gelände Eigentum des Be-
März 1941 zu zweieinhalb Jahren
Zuchthaus verurteilte, der Ankläger
Staatsanwalt Hubert Schrübbers war.
P der Verfolgung im Dritten Reich
im Spiegel der Schulbücher und
des Unterrichts“ – so lautete 1967 der
rufsförderungswerkes Weser-Ems, das 8Anna Neubeck wurde am 7. Dezember Titel einer viel beachteten Konferenz,
die Idee des Dokumentationszentrums 1942 aus dem Zuchthaus Ziegenhain bei zu der unter anderem Prof. Dr. Wolf-
unterstützt. Kassel nach Auschwitz deportiert und gang Abendroth, Prof. Dr. Walter Fabi-
dort am 1. Januar 1943 ermordet.) Laut an, Prof. Dr. Wolfgang Klafki, Martin
,Stedingsehre‘ soll für ganz Deutsch- Spiegel-Artikel gehen auf das Konto des Niemöller, Dr. Joseph Roissant und Dr.
land ein Wallfahrtsort werden... , NS-Staatsanwaltes zahlreiche weitere Arno Klönne eingeladen hatten.
Aschenbeck & Holstein-Verlag, Urteile gegen Antifaschisten, die oftmals Aus dieser Veranstaltung ging der
Delmenhorst und Berlin, 180 Seiten, Todesurteile waren. Studienkreis Deutscher Widerstand
34,90 Euro, ISBN 978-3-939 Dieser Hubert Schrübbers war dann 1933-1945 hervor, der den 40. Jahres-
vom 1.8.1955 bis zum 30.4.1972 Präsi- tag der Konferenz zum Anlass nimmt,
dent des Bundesamtes für Verfassungs- erneut einen Blick auf die Wider-
Gesichter des Düsseldorfer schutz der Bundesrepublik Deutschland. standsforschung und deren Relevanz
In seine Amtszeit fällt die Gründung der für die historisch-politische Bildung zu
Widerstandes NPD u.a. durch Verfassungsschutzmitar- werfen:
Am 25. Januar 2007 verlegte der Kölner beiter. Wie steht es heute um die Darstel-
Künstler Gunter Demnig in Düsseldorf lung des Widerstandes in Schulbü-
weitere „Stolpersteine“ zur Erinnerung Die Broschüre ist bei der VVN-BdA chern? Was erwarten ehemalige Wider-
an ermordete Opfer des Faschismus, Düsseldorf zum Preis von 3,- Euro standskämpfer von der Vermittlung der
diesmal in der Reisholzerstraße 26 für zu erhalten. c/o J. Schuh, Schaffhau- Geschichte des Widerstandes? Welche
die Familie Hans, Anna, Herbert und sener Weg 10, 40625 Düsseldorf, Konzepte gibt es in Forschung und Pä-
Marianne Neubeck verlegt. Zum er- Tel.+ Fax 0211-231 88 22, dagogik angesichts des näher rücken-
schütternden Schicksal der von den Fa- info@vvn-duesseldorf.de den Endes der authentischen Hilfe bei
der Geschichtsvermittlung durch Zeit-
zeugen?
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Tagung 17.3.-18.3.2007
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach Frankfurt/Main
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, Widerstand gegen den
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach,
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel. Nationalsozialismus –
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. Perspektiven der
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro.
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind Vermittlung
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt.
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- Mehr Informationen, Programm
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung und Anmeldung (Flyer als down-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. load) über die Webseite des Studi-
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf-
enkreises Deutscher Widerstand
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- www.studienkreis-widerstand-
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Arbeits- 1933-45.de, kontakt@studienkreis-
gruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes
der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisverei-
widerstand-1933-45.de
nigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 4-2007 15


: aus der faschistischen Presse
hatte. Was Richter mit dem Begriff ver-
bindet bleibt also sein Geheimnis.
Früher seien sich alle weitgehend einig
gegen die extreme Rechte und ihre rassis-
Kampf gegen „Verauslände- Wer jetzt aber auf Neues hofft, hat sich tische Hetze gewesen, heute sei das an-
rung“ statt „Krieg gegen getäuscht, es beginnt mit „Argumenten“ ders: „Mitunter drängt sich sogar der Ein-
den Terror“ aus der rechten Mottenkiste: „Offiziell le- druck auf, als habe blanke Fremdenfeind-
ben heute rund 16 Millionen Muslime in lichkeit die vielbeschworene ,Mitte der
Nation & Europa Februar 2007 Westeuropa. Ethnisch gesehen, stammen Gesellschaft‘ erreicht“. Kein Grund zur
Der Februar ist in vielen katholisch ge- die meisten von ihnen aus der Türkei und Freude, warnt Richter seine Leser(innen):
prägten Gegenden Deutschlands der Mo- Nordafrika. Brisanz entfaltet der muslimi- „Ein Grund zur Freude mithin, daß der
nat des Karnevals, in dem man einen mehr sche Bevölkerungsanteil aber weniger un- längst überfällige Kampf gegen die Ver-
oder wenigen großen Anteil seiner freien ter dem Aspekt der kulturellen Überfrem- ausländerung Europas von den Regierun-
Zeit damit verbringt, unter Zuhilfenahme dung“ (Richter scheint also einem ordent- gen doch noch zur Chefsache erklärt wor-
großer Mengen Alkohols den Winter zu lichen Döner dann und wann nicht abge- den ist? Vor zehn Jahren hätte man diese
vertreiben. Zu ernsthafter Arbeit bleibt neigt zu sein – tri) „als unter dem der de- Frage womöglich noch bejahen können.
dann oft nur noch wenig Zeit. Die „Nation mographischen Entwicklung“. Es folgt Doch inzwischen, so die offizielle Lesart,
& Europa“-Redaktion scheint allerdings das, was die bei bestimmten Illustrierten befinden wir uns im ,Kampf gegen den
bereits im Januar kräftig gefeiert zu haben beliebte Fürstin Gloria von Thurn und Ta- Terror‘, der nach kurzem Vakuum an die
– anders ist die geistige Ödnis, die das xis in der Talkshow „Friedmann“ über Stelle des alten Ost-West-Konflikts getre-
Februarheft durchzieht, kaum zu erklären. Afrikaner(innen) mal sinngemäß so aus- ten ist. Das macht alles viel komplizierter,
HARALD NEUBAUER rechnet in sei- drückte: Die schnackseln halt gern. Rich- als es auf den ersten Blick aussieht“.
nem Editorial mal wieder mit der EU ab ter ist allerdings kein Fürst und kann sich An diesem Kampf will sich der Autor
(„Babel – neuer Versuch“), MICHAEL deshalb etwas gewählter ausdrücken: nicht beteiligen: „Mit Händen zu greifen
BRÜCKNER alarmiert „Union verbündet „Weil die meisten ,autochthonen‘ euro- ist doch, daß der vorgebliche ,Kampf ge-
sich mit Kommunisten“ und sieht einen päischen Gesellschaften zunehmend ver- gen den Terror‘ eine mit gigantischem
„Teufelspakt gegen Rechte“, Dr. FRITZ greisen, birgt allein das Fortpflanzungs- Aufwand hochgezogene Propagandaku-
STENZEL macht mal wieder in Ge- verhalten der islamischen Noch-Minder- lisse ist, die erst in zweiter Linie der Ab-
schichtsrevisionismus und erkennt im Ho- heiten eine Zeitbombe. Muslimische wehr des ,Terrors‘, in erster Linie aber der
locaust, den er in Anführungszeichen Frauen beginnen früher mit dem Kinder- flächendeckenden Erfassung, Kartierung
setzt, „kein(en) Hitler-Plan“. Auch sonst bekommen als europäische, und sie be- und Überwachung der eigenen Bevölke-
geht es um die üblichen, seit Jahren glei- kommen im Schnitt deutlich mehr Kin- rung dient.... Mit dem Kampf gegen ,Ille-
chen Themen. der“. gal‘ und gegen die grassierende Über-
KARL RICHTER bildet mit seinem Natürlich hat der Autor ein (wenig ori- fremdung... hat das alles nicht das ge-
Artikel „Europa zwischen Überfremdung ginelles) Rezept dagegen: Ausländer raus! ringste zu tun“.
und ,Anti-Terror-Krieg‘: Rettung – aber „Längst hätte, um die Gefahr zu bannen, Für Richter, der dabei auch auf durch-
wie?“ dabei zwar keine Ausnahme vom Europa zur Festung erklärt, jeder weitere aus richtige Argumente zurückgreift, ist
üblichen ideologischen Einheitsbrei, stellt Zuzug kulturfremder Ausländer unterbun- der islamistische Terrorismus ein kleines
aber wenigstens den Realitäten geschul- den und mit der aktiven Rückführung aus- Problem im Vergleich zu einem anderen:
dete neue Fragen. „Wirklich ist heute, am ländischer Bevölkerungssplitter begonnen „Denn der herbeigeredete, von den
Beginn des 21. Jahrhunderts vieles nicht werden müssen“. Abgesehen davon, dass Schäubles und Becksteins herbeiimagi-
mehr so einfach, wie es in Zeiten des Kal- sich von einem zum anderen Absatz die nierte Krieg gegen den ,Terror‘ ist eine
ten Krieges war. Nicht nur sind neue Bedeutung der Kultur grundlegend än- akademische, eine verlogenen, eine irrea-
Frontstellungen an die Stelle der alten ge- dert, fragt man sich, was wohl „Bevölke- le Veranstaltung, während die Vergreisung
treten, vielmehr überlappen einander alte rungssplitter“ sein sollen? Einerseits sind der Deutschen und ihr absehbarer Aus-
und neue Bruchlinien in vielfältiger Wei- Splitter klein und eher unbedeutend – von tausch durch eine neue, nichtdeutsche Be-
se, schaffen ein Panorama schwer vorher- ihnen geht keine Gefahr, und schon gar völkerungsmehrheit eine höchst reale und
sehbarer Entwicklungen. Antworten, die keine demographische, aus. Sie sind ein- ohne viel Phantasie prognostizierbare An-
ehedem leicht fielen, sind es heute oft fach unangenehm, wie jeder bestätigen gelegenheit ist...“.
nicht mehr“. kann, der schon mal einen unter der Haut Sein Rat lautet deshalb: „...Panikmache
und halbamtliche Islamistenhatz, in der
sich alle etablierten Medien heute völlig
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
einig sind, helfen bei der Bewältigung der
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: zentralen Fragen unseres Überlebens kei-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich nen Deut weiter. Sie führen allenfalls
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
dazu, daß sich Deutsche einmal mehr vor
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
den Karren fremder Interessen spannen
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
und, im vorliegenden Fall, gegen die ara-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). bische Welt in Stellung bringen lassen.
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Die Frage ,cui bono?‘ muß man gar nicht
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) erst stellen“. Damit wären auch, ohne dass
seine Bemerkung justitiabel wäre, die an-
Name: Adresse: tisemitischen Reflexe der N&E-Leser(in-
nen), die natürlich wissen, wer gemeint
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts ist, bedient. Wirklich neu ist das alles
zwar nicht, aber es ist ein Muster rechter
Unterschrift fremdenfeindlicher Hetze und ihrer par-
tiellen Solidarisierung mit reaktionären is-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
lamistischen Gruppierungen.
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