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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 5.4.2007 23. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

NPD-Provokation Ostermärsche 2007


verhindern! Zu mehr als 70 Veranstaltungen und Demonstrationen
laden Friedensinitiativen zu Ostern ein. Eine der größ-
Essen. Nach längerer Pause wollen in ten dürfte der Ostermarsch für die FREIe HEIDe am
Essen wieder faschistische Gruppen „Bombodrom“ in der Kyritz-Ruppiner Heide werden, wo
aufmarschieren. Die NPD ruft zusam- am Ostersonntag u.a. der Theologe Eugen Drewermann,
men mit einem Teil der Kamerad- Ministerpräsident Matthias Platzeck und Major Florian
schafts-Szene zu einer Kundgebung in Pfaff beteiligt sind. Die meisten Aktionen im Bundesgebiet
der Fußgängerzone in Essen-Borbeck starten am Ostersamstag. Der Ostermarsch Ruhr führt in drei
auf. Der Termin: Samstag, 21. April. Tagen von Duisburg nach Dortmund. Bereits am So., 1. April führ-
te der vorgezogene Potsdamer Ostermarsch zum „Deserteurs-Denk-
Die Kreisverbände von WASG und Die Mal“ auf dem Platz der Einheit. Abgeschlossen werden die Ostermärsche
Linke.PDS haben dazu aufgefordert, ntraditionell mit größeren regionalen Kundgebungen am Ostermontag u.a. in
alles zu tun, um diese Provokation zu Berlin, Dortmund, Frankfurt, Hamburg, Kassel und Nürnberg. Auch der Ostermarsch
verhindern. Sachsen-Anhalt führt am Ostermontag zur Colbitz-Letzinger Heide.
Die NPD ist zwar bisher nicht verbo- Die Ostermärsche wenden sich gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr und rufen zu den G8-Protesten
ten worden, sie steht mit ihrem Pro- nach Heiligendamm. Gefordert wird der Truppen-Abzug aus Afghanistan und Irak, der massive Anstrengun-
gramm und mit ihrem Gestus jedoch in gen für politische Lösungen und Verstärkung der zivilen und wirtschaftlichen Unterstützung beinhalten soll.
Auf massiven Protest stößt deshalb die beschlossene Entsendung der deutschen Tornados nach Afghanistan,
der Tradition der NSDAP. Dabei stellt
die eine unmittelbare Einbindung des deutschen ISAF-Kontingents in die „Enduring Freedom“- Kampfeinsätze
sich die NPD offensichtlich immer der US-Alliierten zur Folge hat und zur weiteren „Irakisierung“ Afghanistans beiträgt. Die Ostermärsche war-
mehr in die nationalrevolutionären Tra- nen auch vor den laufenden Kriegsvorbereitungen der USA gegen den Iran.
ditionen des Hitler-Faschismus. „Ge- Infos unter: www.friedenskooperative.de
gen den Kapitalismus“ ist das Motto
ihrer Kampagne, im Aufruf polemisiert
die NPD gegen die Globalisierung und
sorgt sich um den „deutschen Arbeiter“
Gewerkschaftsrat ver.di unter-
– natürlich nicht um seine Kolleginnen
und Kollegen aus Italien, der Türkei
stützt Kampagne zum NPD-Verbot
oder Tunesien. Das zwischen den Gewerk- entwickelte demokratische Kultur in
Solche Demagogie sollte gerade die schaftstagen höchste Gremium Deutschland erfolgen.
Gewerkschaften zum Protest heraus- der Dienstleistungsgewerkschaft Solange die NPD den grundgesetzlich
fordern. Das Antifaschistische Forum ver.di hat in seiner Sitzung vom 7./8. geschützten Parteienstatus genießt, ist
hat vorsorglich bereits auf 48 Plätzen März 2007 in Leipzig einstimmig eine der Rechtsstaat gezwungen, sie zu finan-
in ganz Essen Kundgebungen ange- Unterstützungsresolution beschlossen. zieren, ihre Veranstaltungen zu schützen,
meldet. Dazu gehören auch die Plätze, öffentlichkeitswirksame Auftritte oder
die an den von der NPD angemeldeten Resolution des ver.di-Gewerkschafts- Immobilienkäufe zu ermöglichen.
Bereich grenzen. Ein Treffen des Run- rates – Unterstützung eines NPD-Ver- Die NPD muss mitsamt ihren Gliede-
den Tisches gegen Rechtsextremismus botsverfahrens rungen, Neben- und Nachfolgeorganisa-
und Rassismus will einen „Borbecker ver.di unterstützt die Kampagne „no- tionen verboten und konsequent aufge-
Aufruf“ gegen den NPD-Aufmarsch npd“ der VVN-BdA, mit der der Bundes- löst werden!
initiieren. tag aufgefordert wird, ein neues Verbots- Eingeschleuste Informanten können
Die Kampagne der NPD im Vorfeld verfahren gegen die NPD auf den Weg zu auf Dauer kein Argument sein, ein Ver-
des 1. Mai – an diesem Tag ruft sie zu bringen. botsverfahren zu unterlassen.
einer Demonstration in Dortmund auf Seit über 40 Jahren agiert in Observationen und vor allem
– ist Teil des Versuchs der NPD, sich der Bundesrepublik mit der NPD die systematische Auswer-
kommunalpolitisch zu verankern. Sie eine Partei, die in der Tradition tung öffentlicher Quellen las-
will bei der Kommunalwahl 2009 in der NSDAP steht. Ihre Aussagen sen ein Verbotsverfahren auch
möglichst viele Rathäuser einziehen. sind rassistisch, antisemitisch ohne eingeschleuste Infor-
Stadtspitze und Rat dürfen nicht und fremdenfeindlich. Sie tritt manten zu.
schweigen, sondern sollten deutlich für ein neues „Deutsches Reich“ Ein Verbotsverfahren ist
machen: Nazis sind in Essen uner- ein und lehnt die demokratische kein Ersatz für die politische
wünscht! Ordnung der Bundesrepublik Deutsch- Auseinandersetzung mit braunem Ge-
Wolfgang Freye ■ land, die Handlungsgrundlage auch für dankengut und erübrigt erst recht nicht
die Gewerkschaften ist, ab. die Auseinandersetzung mit den Ursa-
Die NPD propagiert Gewalt und bietet chen des neuen Rechtsradikalismus. Im
Inhalt: Gewalttätern eine politische und soziale Gegenteil: ein Verbotsverfahren ergänzt
Wer die Öffentlichkeit sucht, Heimat. Sie ist damit für ein geistiges diese Auseinandersetzung, indem die de-
muss sie auch ertragen! . . . . . . . 7 Klima verantwortlich, aus dem heraus mokratische Gesellschaft eindeutig Posi-
Sans Papiers in immer mehr Übergriffe gegen Auslände- tion bezieht und Grenzen setzt.
Wahlkampfzeiten . . . . . . . . . . . . 9 rInnen, Juden, Homosexuelle, politisch Beschlossen in der Sitzung am 7./8.
Andersdenkende und gegen die mühsam März in Leipzig ■
: meldungen, aktionen
führen Brandenburg und Sachsen die
Statistik an. PM Petra Pau ■
CDU-Stadtrat vor Gericht zung des Vereins vorgibt. Beifall gibt es Neonaziprovokationen zum
Krefeld. Weil er der Bundeswehr eine dafür vom rechten Rand der Republik,
Krawatte mit Nazi-Symbolen angeboten der die Veröffentlichungen Ulfkottes mit Tag der Arbeit am 1. Mai
hatte, steht der Krefelder CDU-Stadtrat Wohlwollen betrachtet. Die „Junge Frei- Berlin. Neonazis wollen am 1. Mai,
Wolfgang Feld nun vor Gericht. Der Mit- heit“ hatte Ulfkotte wiederholt inter- dem traditionellen Tag der Arbeit, bun-
inhaber der Feld GmbH, die auf Sonder- viewt. Der mittelständische „Bund der desweit auf die Straße gehen. Das bestä-
anfertigungen von Schals, Tüchern und Selbständigen“ empfing ihn als Gast. Die tigte die Bundesregierung auf eine Klei-
Krawatten spezialisiert ist, hatte einem am rechten Rand beheimatete „Schwei- ne Anfrage der Fraktion DIE LINKE.
Vertreter der Bundeswehr eine Krawatte zerzeit“ lud den Publizisten als Referen- Mit nationalistischer Demagogie ver-
angeboten, die ein Wikinger-Schiff auf ten ein. Angeblich will eine „kleine suchen die Rechtsextremen, Profite aus
einer Erdkugel zeigt. Umrahmt von ei- Zahl“ von Bundestagsabgeordneten der den sozialen Folgen der neoliberalen Re-
nem goldfarbenen Eichenlaubkranz ist CDU zu der möglichen neuen Partei gierungspolitik zu schlagen. „Statt Glo-
auch ein Reichsadler zu sehen, der auf wechseln, die „Christlich-Ökologische balisierung – Ausbildungs- und Arbeits-
einem Hakenkreuz steht. Nach Angaben Partei“ heißen könnte. hma ■ plätze für uns Deutsche in Deutschland“
Felds hatte dieser die Krawatte bereits lautet in altbekannter Nazimanier das
1981 für eine Marinekameradschaft her- Fruchtbringende Gesell- Motto einer NPD-Demonstration am 1.
gestellt, die während des 2.Weltkriegs an Mai in Nürnberg.
einer Kap-Hoorn-Umseglung teilgenom- schaft Neonazistische „Freie Kameradschaf-
men hatte. Das Angebot, das Verfahren Köthen/Anhalt. In Köthen ist die ten“ aus rund 20 Städten, die NPD sowie
gegen Zahlung einer Geldbuße von 1000 Wiedergründung der „Neuen Fruchtbrin- die faschistische Niederländische Volks
Euro einzustellen, hatte Feld abgelehnt. genden Gesellschaft“ erfolgt. Der Union mobilisieren zur größten rechtsex-
Er sei „nicht bereit, für so einen Sprachverein war 1617 gegründet wor- tremen Mai-Demonstration mit bis zu
Schwachsinn 1000 Euro zu zahlen“. Am den und verstand sich als Zentrum der 1000 Teilnehmern nach Dortmund.
27. März wurde Feld wegen Verwendung Sprach- und Literaturdebatte in Deutsch- NPD-Funktionäre haben weitere Auf-
von NS-Symbolen zu einer Geldstrafe in land. Wiedergegründet wurde die „Verei- märsche in Nürnberg, Raunheim und
Höhe von 3300 Euro verurteilt. hma ■ nigung zur Pflege der deutschen Spra- Rüsselsheim sowie in Erfurt mit jeweils
che“ als Dachverband für mehrere mehreren Hundert Teilnehmern ange-
GfP-Kongreß in Thüringen Sprachvereine wie der „Aktion Deutsche meldet.
Sprache“ (Hannover), dem „Sprachret- „Die Bundesregierung verweigert die
Thüringen. Die neofaschistische „Ge- tungsklub Bautzen“ und der Gesellschaft Auskunft über die Demonstrationsrou-
sellschaft für freie Publizistik e.V.“ „Palmbaum“. Auch die Zeitung „Deut- ten. Für Dortmund machte die Vereini-
(GfP) will vom 11.-13. Mai ihren „Deut- sche Sprachwelt“ des „Verein für gung der Verfolgten des Naziregimes –
schen Kongreß“ im „Großraum Südthü- Sprachpflege e.V.“ gehört dazu. Für sie Bund der Antifaschistinnen und Antifa-
ringen“ durchführen. Als Redner auf wurde Schriftleiter Thomas Paulwitz als schisten (VVN-BdA) die Aufmarschstre-
dem Kongreß, der unter dem Motto „Im Beisitzer in den Vorstand der Gesell- cke der Neonazis bekannt. Im Dortmun-
Namen der Gerechtigkeit !“ Politik im schaft gewählt. Der ist Autor in der „Jun- der Stadtteil Brackel berührt sie unter an-
Würgegriff der Justiz“ stattfinden soll, gen Freiheit“, die ihn im vergangenen derem den jüdischen Friedhof, Geden-
werden u.a. Gert Sudholt, Harald Neu- Jahr mit ihrem „Löwenthal-Preis“ aus- korte für die Opfer des Faschismus. Zur
bauer, Hans-Ulrich Kopp, Peter Stö- zeichnete, und war 2003 Referent bei der Route gehört außerdem der Ort, an dem
ckicht, Ludwig Bock und Prof. Pierre neofaschistischen „Gesellschaft für freie im Jahr 2000 der 31-jährige Neonazi Mi-
Vial angekündigt. Aus „seinem Arrest in Publizistik“. Vorsitzende der Gesell- chael Berger einen Polizeibeamten er-
Rom direkt zugeschaltet“ wird der we- schaft ist die Hochschulprofessorin für schoss,“ so Ulla Jelpke, innenpolitische
gen NS-Kriegsverbrechen inhaftierte Computerlinguistik und Fachübersetzen, Sprecherin der Fraktion Die Linke.
Erick Priebke, der diesjährige Träger des Uta Seewald-Heeg. Die Pläne, die wie- „Antifaschistinnen und Antifaschisten
„Huttenpreises“ der GfP. dergegründete Gesellschaft zu einem An- und die Gewerkschaften dürfen eine sol-
hma ■ ziehungs- und Ausstrahlungspunkt der che Naziprovokation nicht hinnehmen –
Sprachpflege im deutschen Sprachraum schon gar nicht am Tag der Arbeit. Ich
Ulfkotte plant Partei zu machen, werden auch vom Köthener schließe mich daher dem Aufruf der
Bürgermeister Kurt-Jürgen Zander unter- VVN-BdA an, sich am 1. Mai im Dort-
Berlin. Der Publizist und ehemalige stützt. hma ■ munder Osten einzufinden, um jeden
FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte plant die Stolperstein, jeden Friedhof, jede Mahn-
Gründung einer Partei „gegen die Islami- Auch im Januar 2007 tafel für die Widerstandskämpfer und
sierung Deutschlands“. Dies solle auf der den Ort der Judendeportationen gegen
Mitgliederversammlung des Vereins wieder viele rechtsextreme die Faschisten zu verteidigen.“
„Pax Europa“ im Mai diskutiert werden. Straftaten Ulla Jelpke, Do., 29.3.2007 ■
Der Ende letzten Jahres gegründete Ver- Berlin. Die Januarzahlen der registrier-
ein, dem Ulfkotte vorsteht, will „den Er- ten rechtsextremen Straftaten liegen na- Protest gegen „pro NRW“
halt der Wertegemeinschaft der christ- hezu auf Augenhöhe mit den 2006er Ex-
lich-jüdisch geprägten europäischen tremwerten. Das geht aus der Antwort Dormagen-Nievenheim. Etwa 130 An-
Kultur“ und wendet sich gegen eine an- der Bundesregierung auf die monatliche tifaschistinnen und Antifaschisten pro-
geblich „schleichende Islamisierung“ in Anfrage der Abgeordneten Petra Pau testierten am Sonntag gegen eine erste
Europa. So findet man auf der Webseite hervor. Im Januar 2007 wurden bundes- „Großveranstaltung“ der „Bürgerbewe-
des Vereins („Für Europa – gegen Eura- weit 909 rechtsextreme Straftaten regis- gung pro NRW“ in Dormagen-Nieven-
bien“) jede Menge reißerische Meldun- triert, darunter 58 Gewalttaten. In abso- heim.
gen die an die wachsende Anti-Islam- luten Zahlen wurden die meisten Strafta- „Pro NRW“ war erst vor kurzem von
Stimmung anknüpfen. Dies ist weder se- ten für Nordrhein-Westfalen ausgewie- Akteuren aus dem Spektrum der extrem
riös noch „wertneutral“, wie es die Sat- sen, verglichen mit der Einwohnerzahl rechten Bürgerbewegungen „pro Köln“

2 : antifaschistische nachrichten 7-2007


bzw. „pro Deutschland“ gegründet wur-
de. Die Polizei schützte den Veranstal-
tungsort, die Gaststätte „Zum Anker“ in
Wird das Opfer zum Täter
Nievenheim, mit einem großen Aufge-
bot. Auch Pfefferspray setzte sie gegen
gemacht? Solidarität mit Angelo Lucifero
die AntifaschistInnen ein. Ein Antifa- Erfurt. Am 15.3. marschierten rund 50 trum der Auseinandersetzung gehören.
schist wurde festgenommen. Neonazis bei einer Kundgebung des So- Dazu zählt auch, dass es einer größeren
In der Gaststätte selbst lauschten – gut zialbündnisses in Erfurt auf und griffen Gruppe Nazis am Donnerstag den
beschützt – etwa 70 Personen den Reden u. a. den Kollegen Angelo Lucifero tät- 15.3.07 in Erfurt gelungen ist, an einer
von „Pro NRW“-Chef Markus Beisicht lich an. Dieser wehrte sich mit einer Kundgebung gegen Rechtsextremismus
(Burscheid) und Harald Neubauer. Der Schreckschusspistole, worauf es zu skan- „teilzunehmen“ und Kundgebungsteil-
ist Mitherausgeber der 1951 von Alt-Na- dalösen Verlautbarungen der CDU und in nehmer anzugreifen, ohne dass die Poli-
zis gegründeten Zeitschrift „Nation & der Presse kam und sich Teile der Ge- zei einschritt oder die Organisatoren der
Europa“ (Coburg), die auch von der „Pro werkschaften von Angelo distanzierten. Kundgebung dazu in der Lage gewesen
Köln“-Jugendzeitung „OBJEKTIV“ be- Spontan haben sich darauf hin die „Ge- wären. Überraschend kann dies nicht ge-
worben wird. Neubauer war in den werkschafterInnen gegen Rechts“ gebil- wesen sein, versuchten doch neofaschi-
80iger Jahren die rechte Hand des „Re- det. Sie protestieren gegen die Gleichset- stiche Organisationen schon mehrfach,
publikaner“-Bundesvorsitzenden und zung von rechtsextremen Angriffen und Kundgebungen der sozialen Initiativen
früheren Waffen-SS-Mannes Franz Selbstverteidigung sowie gegen Distan- auch in Erfurt zu besetzen und ihre Teil-
Schönhuber. Anfang der 90iger Jahre zierungen aus dem Kreise der Gewerk- nehmerInnen einzuschüchtern.
wechselte Neubauer – wie auch Beisicht schaften und unterstützen den Kollegen Zu diesen Zuständen gehört nicht zu-
– zur neu gegründeten „Deutschen Liga Angelo Lucifero. letzt, dass beim letzten öffentlichen Auf-
für Volk und Heimat“. 2005 kandidierte Als erste Sofortaktion haben sie eine treten von „Freien Kameradschaften“
er als Parteiloser auf der Liste der NPD. Briefkampagne an die Gewerkschaftsor- und NPD Thüringen am 9. Februar in der
In der Nievenheimer Gaststätte hatten ganisation gestartet und bitten, den nach- Erfurter Bahnhofstraße Polizei und Neo-
im vergangenen Jahr bereits Veranstal- folgenden Offenen Brief zu unterzeich- nazis gemeinsam gegen AntifaschistIn-
tungen des extrem rechten „Dienstags- nen. Wer den Brief unterstützen oder ei- nen vorgegangen sind und die anwesen-
Gesprächs“ um Hans-Ulrich Pieper aus nen individuellen Brief verfassen möch- den Beamten nicht eingriffen haben, als
Berlin stattgefunden. abk ■ te, schickt ihn bitte direkt an die folgen- Angelo Lucifero von Neonazis niederge-
den Adressen: schlagen wurde. Viele von uns kennen
NPD-Schulungszentrum in Thomas Voss, Landesbezirksleiter ver.di Sach- Situationen wie diese aus eigener Erfah-
sen, Sachsen-Anhalt, Thüringen rung und möchten unmissverständlich
Morbach-Gonzerath vor (thomas.voss@verdi.de) festhalten: Das Thüringer Gewaltpro-
dem Aus Steffen Lemme, Landesvorsitzender DGB Thü- blem heißt stillschweigend geduldeter
Gonzerath. Das hatte der Hunsrück ringen (steffen.lemme@dgb.de) Naziterror und nicht Selbsthilfe der Be-
lange nicht erlebt: Trotz starker Windbö- Stefan Körzell, Landesbezirksvorsitzender DGB troffenen.
en, Nieselregen und Kälte, sagten an die Bezirk Hessen-Thüringen Wir wenden uns als engagierte Ge-
2.000 Menschen in dem kleinen Huns- gewerkschafterinnengegenrechts@goodmails.de werkschaftsmitglieder an unsere Organi-
rückdorf Gonzerath „nonpd!“. zur Kenntnis sation und erwarten, dass Angelo Lucife-
In der alten Schule in Gonzerath hat ro die volle Unterstützung erhält, insbe-
sich die NPD eingenistet. Ein Schulungs- Offener Brief von GewerkschafterIn- sondere auch gegenüber der CDU-Land-
zentrum der Neonazis soll hier entstehen, nen gegen Rechts tagsfraktion, die sich nicht gegen die
zukünftige kommunale Mandatsträger rechtsextremen Angreifer, sondern gegen
der Partei für ihre zukünftigen Aufgaben Lieber Kollege Voss, den Angegriffenen stellt und in Selbst-
als Gemeinderäte oder Stadträte ausge- lieber Kollege Lemme, verteidigung ein „zweifelhaftes Demo-
bildet werden. lieber Kollege Körzell, kratieverständnis“ sieht. Einige der 135
„Kein Nazizentrum in Gonzerath und bestürzt haben wir erfahren müssen, dass Todesopfern rechter Gewalt in Deutsch-
anderswo“, „Die rechtsextreme NPD unser Kollege Angelo Lucifero am 15.3. land 1990 - 2005 würden vermutlich
darf nicht toleriert werden, denn Faschis- zum wiederholten Male in der Öffent- noch leben, hätten sie sich verteidigen
mus ist keine Meinung sondern ein Ver- lichkeit von Neonazis angegriffen wurde können. Statt Passivität gegenüber
brechen“, so hieß es unter anderem in und sich diesmal mit einer Schreck- rechtsextremen Gewalttätern zu verlan-
dem Aufruf zu einer Protestkungebung schusswaffe zur Wehr setzen musste. gen, muss die Thüringer Regierungspar-
am Samstag den 3.3.2007, den über 70 Wir erwarten von der Gewerkschaft tei endlich deren potentielle Opfer wirk-
Vereine, Organisationen und Gruppen ver.di und vom DGB, dass er unserem sam schützen.
unterzeichnet hatten. Kollegen Lucifero jede mögliche Unter- GewerkschafterInnen gegen Rechts ■
Großen Anklang fand die Kampagne stützung zukommen lässt, sich vorbe-
der VVN/BdA „nonpd“. Weit über 1.500 haltlos hinter ihn als engagierten Ge- 199 Personen und Gruppen haben bisher
Zeitungen wurden verteilt, zahlreiche werkschafter stellt und öffentlichen den Offenen Brief zu den Vorkommnis-
Unterstützerunterschriften gesammelt Schmähungen durch CDU und andere sen am 15. März in Erfurt unterschrieben
und die Aufkleber der Kampagne fanden entschieden entgegen tritt. (siehe unten). Darüber hinaus gibt es ei-
reißenden Absatz. Hunderte hatten sich Tätliche Angriffe und Bedrohungen nige individuelle Solidaritätserklärungen
die Aufkleber an ihre Jacke oder Mütze rechtsextremer Schlägertrupps gehören und Briefe an die Adressaten.
geklebt, auf denen es heißt: „nonpd – für MigrantInnen und AntifaschistInnen Die Adressaten Steffen Lemme (DGB
NPD Verbot jetzt!“ in Thüringen zum Alltag — während die Thüringen), Stefan Körzell (DGB Hes-
Inzwischen sind die Pläne der rhein- Polizei oft genug wegsieht. In dieser Si- sen-Thüringen) und Thomas Voss (ver.di
land-pfälzischen NPD für ein Schulungs- tuation möchten wir nachdrücklich da- Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen) ha-
zentrum in Morbach-Gonzerath aber rauf hinweisen, dass nicht Angelo Luci- ben bisher nicht reagiert.
durchkreuzt worden. Der Morbacher feros Notwehrhandlung, sondern die Zu- (Stand 27. März 2007)
Bürgermeister gab jetzt bekannt, dass die stände, die dazu geführt haben, ins Zen-
Fortsetzung Seite 4

: antifaschistische nachrichten 7-2007 3


Fortsetzung von Seite 3 Offizier verweigert Mitwir- mit der Entsendung der Waffensysteme
Gemeinde die „Alte Schule“ im Ortsteil kung bei Tornado-Einsatz Tornado nach Afghanistan im Besonde-
Gonzerath vom jetzigen Eigentümer zu- ren stehen, entbunden zu werden.“
rückgekauft hat. Die Gemeinde habe von In einer achtseitigen „Dienstlichen Er- Quelle: www.friedensratschlag.de ■
dem Rückkaufrecht Gebrauch gemacht, klärung“ hat der aktive Offizier, Oberst-
das 2001 in dem Kaufvertrag vereinbart leutnant Jürgen Rose, der vom Darm- Hunderte Reklame-Einsätze
worden sei. In dem Kaufvertrag habe städter Signal unterstützt wird, seine
sich der Käufer verpflichtet, ein bezugs- Mitwirkung bei den Tornado-Einsätzen der Bundeswehr
fertiges Wohn- und Bürogebäude zu er- in Afghanistan verweigert: Berlin. Die Bundeswehr wird in diesem
richten, was aber nicht passierte. Die „Im Hinblick auf die von der Bundes- Jahr weit über 600 mal in den Innenstäd-
Frist für die Errichtung eines solchen regierung getroffene Entscheidung, Waf- ten, in Schulen und auf Messen auftreten,
Baus war im Januar abgelaufen. fensysteme Tornado der Bundesluftwaffe um Nachwuchs zu werben. Wir haben die
Das Gebäude war von der NPD Rhein- zum Einsatz nach Afghanistan zu entsen- Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage
land-Pfalz erstmals im Oktober 2006 als den …, den daraufhin am 9. März 2007 nach der kompletten Liste der diesjährigen
„Stützpunkt“ genannt worden. Anfang erfolgten Zustimmungsbeschluss des Reklameeinsätze gefragt. Die Liste steht
Dezember veranstaltete sie dort ihren Deutschen Bundestages sowie der mitt- auf der Homepage www.ulla-jelpke.de
Landesparteitag, ab Anfang dieses Jahres lerweile ergangene Befehlsgebung des und wird auf Wunsch gerne zugeschickt.
sprach sie von einem „Schinderhannes- Streitkräfteunterstützungskommandos Im Moment liegt die Liste nur als einge-
Zentrum“ in der „Alten Schule“, das sie zur Umsetzung dieser Entscheidung er- scannte 2MB-Datei vor. Als Bundestags-
zur Schulung ihrer Funktionäre benutzen kläre ich hiermit, dass ich es nicht mit drucksache 16/4768 müsste sie in weni-
wolle. Der Eigentümer hatte der NPD al- meinem Gewissen vereinbaren kann, den gen Tagen unter http://dip.bundestag.de/
lerdings das Gebäude gar nicht vermie- Einsatz von Tornado-Waffensystemen in parfors/parfors.htm eingestellt und dann
tet, sondern kostenfrei zur Verfügung ge- Afghanistan in irgendeiner Form zu un- auch besser lesbar sein. Wir empfehlen
stellt – ihm ging es vor allem darum, terstützen, da meiner Auffassung nach dringend einen Abgleich dieser Liste mit
Druck auf die Gemeinde auszuüben, die nicht auszuschließen ist, dass ich hier- derjenigen, die auf http://www.mil.bun-
ihm seinen bissigen Hund weggenom- durch kraft aktiven eigenen Handelns zu deswehr-karriere.de/ einzusehen ist
men hatte. einem Bundeswehreinsatz beitrage, ge- (>“Ihre Bewerbung“ —>“Termine“). Die
Die für den 12. Mai geplante „offiziel- gen den gravierende verfassungsrechtli- Listen sind leider nicht identisch. In Kürze
le Eröffnungsfeier der Schinderhannes- che, völkerrechtliche, strafrechtliche so- erwarten wir außerdem die Antwort auf
Schule“ sowie mit den bisherigen „Schu- wie völkerstrafrechtliche Bedenken be- die Kleine Anfrage nach den diesjährigen
lungsabenden“ der NPD dürfte aber so stehen. Zugleich beantrage ich hiermit, Gelöbnissen, Zapfenstreichen und anderen
Schluss sein. auch von allen weiteren Aufträgen, die Militäraufmärschen, diese werden wir
aus dem Antifa-Info 6-2007 der VVN- im Zusammenhang mit der „Operation ebenfalls auf die Homepage stellen.
BdA Rheinland-Pfalz, Quelle: redok ■ Enduring Freedom“ im Allgemeinen und Ulla Jelpke ■

Dorfmark. Seit über 30 Jahren


hält der „Bund für Gotterkenntnis
(Ludendorffer)“ seine Osterta-
Ludendorffer eine „Bedro-
gung in Dorfmark ab. Mit 80 Menschen
gut besucht war eine Informationsveran-
hung für die Demokratie“
staltung, zu der Antifaschistische Initiati- eine eigene rassistische Weltanschauung. Kein Wunder, dass in der ausgiebigen
ve, Umweltschützer, Gewerkschaften so- Danach sind Menschen in „Licht- und Diskussion Wertungen wie „dieser Ras-
wie Grüne, SPD und Die Linke eingela- Schachtrassen“ unterteilt, die einen von sismus ist ideologische Basis für die
den hatten. Vier Nazis schickte die Poli- Natur aus Herrscher, die anderen quasi Neonazis“, vorgebracht wurden. Tat-
zei weg. Versammlungsleiter H-D. Char- Untermenschen. Mathilde Ludendorff sächlich nehmen bekannte Nazis an Lu-
ly Braun (DGB) erklärte, dass man das schrieb, dass die „Rassetugenden mit dendorffer-Treffen teil.
vermeintlich harmlose Treiben seit über dem Gotterleben“ verwoben seien und Einig waren sich alle Besucher in der
25 Jahren beobachte. Öffentliche Erklä- „Blutsmischung“ zum „Volkstod“ führe. Ablehnung der Ludendorffer. Während
rungen seien ungehört geblieben. Man „Volksuntergang in Entartung“ nahe eine Pensionsinhaberin erklärte, sie wür-
habe aber erreicht, dass die rassistischen auch, wenn das „Volk aus seinem artei- de ihre Gäste nicht fragen, ob sie katho-
Ludendorffer nicht mehr die Schule be- genen Gotterleben entwurzelt wird durch lisch, Ludendorffer oder Vegetarier sei-
nutzen könnten. eine Fremdlehre“. Solche Lehren seien en, war zu erfahren, dass die Rechten
Nicole Ahrens, Mitorganisatorin von die „riesige Verschwörung der Juden“, ihre Gastgeber zur Teilnahme an ihrer
den Jusos, berichtete, dass es schwer ge- das Christentum, die Freimaurerei und Tagung einladen.
wesen sei, diesen Infoabend zu organi- der Sozialismus. Die Lösung sei „Erhal- Der Grüne Ratsherr Egon Hilbich er-
sieren. Während Kirchenvertreter aus der tung der Rassereinheit und die Pflege des klärte: „Wie ich die Dorfmarker kenne,
Nachbarschaft Mut machten, habe der arteigenen Gotterlebnis, der arteigenen werden sie sich jetzt darum kümmern.
Dorfmarker Kirchenvorstand dafür keine Kunst, arteigenen Sitten.“ Zum Handeln forderte der stellvertreten-
Räume zur Verfügung gestellt. Pastor Schnare bewertete die Luden- de Bürgermeister Steffen Ahrens (SPD)
Wie gefährlich die germanisch-heidni- dorffer als eine „Bedrohung für die De- auf und betonte, dass Wegsehen nicht
sche Sekte ist, erläuterte Pastor Jürgen mokratie“. Während Beobachter darstell- helfe und „ab heute steckt Dorfmark mit-
Schnare. Der Leiter der Arbeitsstelle für ten, dass viele Familien an den Luden- ten in der Diskussion“.
Weltanschauungsfragen der Evangeli- dorffer-Treffen teilnehmen und allerlei
schen Landeskirche stellte dar, dass der Jugendliche gar das Raiffeisengebäude Antifaschistische Initiative SFA, DGB-
„Bund für Gotterkenntnis“ auf Mathilde nutzen, erklärte ein Senior, dass seine Kulturarbeitskreis, 8.3.07
Ludendorff, die Frau des bekannten Ge- Enkel auch dabei seien und nicht von ih- Arbeitskreis Umweltschutz Falling-
nerals des 1. Weltkrieges zurückgehe. rer Rassenlehre abzubringen seien. Dass bostel, IG Metall, ver.di, NGG,
Während General Ludendorff lange an sie in die Heide kommen, hat auch den GEW, Bd.90/ Die Grünen, SPD,
der Seite Hitlers stand, erfand seine Frau Grund, dass sie hier Mitglieder haben. Jusos, H. Schui / MdB Die Linke ■

4 : antifaschistische nachrichten 7-2007


AURICH. Es war ein großer
Wunsch der Auricher Polizei und Nazis behalten ihr „Objekt
eine dringende Empfehlung an die
Adresse von Rat und Verwaltung: Der
„Antifaschistische Infoladen“ im städti-
der Begierde“
schen Jugendzentrum sollte geschlossen Polizei setzte sich nicht durch: Antifa-Laden bleibt bestehen
werden. Doch mit diesem Anliegen
scheiterten die Ordnungshüter jetzt. Die tes. Diese Position des Kriminalhaupt- te weiß Johann Lieutenant die CDU-
Mehrheit der Entscheidungsträger im kommissars war in Aurich nicht nur auf Fraktion im Stadtrat.
Kommunalparlament und vor allem Bür- Zustimmung gestoßen. Manche Bürger Nun holte sich die Polizei also zumin-
germeister Heinz-Werner Windhorst sahen in ihr eine Kapitulation vor den dest eine vorläufige Abfuhr. Bürgermeis-
(parteilos) lehnten das Polizei-Begehren Rechtsextremisten. ter Windhorst, ein ehemaliger Sozialar-
eindeutig ab. In der 40.000 Einwohner zählenden beiter, warnt vor „Aktionismus“ und ver-
Hintergrund: Kriminalhauptkommis- Stadt stellen die Sozialdemokraten 15 weist unter anderem darauf, dass der In-
sar Johann Lieutenant vom Staatsschutz Sitze im Rat. Die CDU und ein Einzelbe- foladen seinerzeit von der Jugendzen-
sorgt sich nach seinen Worten vor einer werber bringen es auf 14 Ratsmitglieder. trums-Leitung genehmigt worden sei.
Konfrontation zwischen den Infoladen- Auch Grüne, eine Grünen-Abspaltung, Straftaten seien den „Machern“ des Info-
Betreibern und der rechtsextremen Sze- die FDP und die Linkspartei sitzen im ladens nicht nachzuweisen, betont das
ne. In den letzten Jahren hatte es tatsäch- Kommunalparlament. Stadtoberhaupt. Ihm gegenüber hätten
lich immer wieder Angriffe auf das Ju- Dem Staatsschutz-Mann ist der Infola- sie sich eindeutig von illegalen Handlun-
gendzentrum gegeben, die aus der brau- den aber auch noch aus anderen Gründen gen und von Gewalt distanziert.
nen Ecke erfolgt waren. Auch Gewaltak- ein Dorn im Auge. Ihn sieht er „sehr kri- Unterdessen hat der Rat der ostfriesi-
te wurden erfasst. tisch“, stellt ihn in einen Zusammenhang schen Stadt beschlossen, ein neues Kon-
Solchen Attacken will der Polizist den mit verstärkt auftretenden Farbschmiere- zept für das Jugendzentrum in Auftrag zu
Boden entziehen, indem er einfach das reien in der Kreisstadt. Und er fürchtet geben. Es soll in erster Linie für einen in-
Objekt der rechten Begierde beseitigt. sich davor, dass es – wie in den neunzi- tensiveren Dialog zwischen den dortigen
„Wehret den Anfängen!“ – so argumen- ger Jahren – wieder zu einem autonomen Sozialarbeitern und den Jugendlichen
tierte Lieutenant unter anderem vor dem Jugendzentrum innerhalb des Jugend- sorgen.
Verwaltungsausschuss des Auricher Ra- zentrums kommen könnte. An seiner Sei- Thomas Klaus ■

Konstanz. Wie aktuell und not- Antifa-Ausstellung in Konstanz:


wendig die Forderung nach Ein-
dämmung des anwachsenden Neo-
faschismus ist, hat sich erneut wenige Versuchter Neonazi-Überfall
Tage nach Eröffnung einer von VVN und
IG Metall initiierten Ausstellung „Neofa- ein Verbrechen und dürfe daher nicht dürfe man die neofaschistische Gefahr
schismus in Deutschland“ im Konstanzer wieder Platz in den Köpfen der Men- deswegen nicht zu gering schätzen. Man
Bürgersaal erwiesen. Kurz vor Beginn schen finden. Wohl niemand habe bei der müsse den Jugendlichen auch mehr Al-
einer Diskussion mit Schülern versuchte Gründung der VVN vor 60 Jahren ge- ternativen bieten. Warum gebe es zum
am Freitagabend, den 9. März, eine dacht, dass Faschismus in Deutschland Beispiel nicht mehr Jugendklubs? Ein
Gruppe von etwa 20 vermummten jun- jemals wieder eine Chance hätte. Doch Sprecher der Verdi-Jugend verlangte,
gen Neonazis, den Bürgersaal zu stür- fast täglich werde heute über rechtsex-
men. Nur die Tatsache, dass sich coura- treme Gewalt und Straftaten berichtet,
gierte Besucher bis zum Eintreffen der Neonazis seien wieder in die Parlamen-
Polizei gemeinsam gegen die Eingangs- te eingezogen. Gemeinsam mit Bünd-
tür stemmten, verhinderte das Eindrin- nispartnern aus Gewerkschaften, der
gen der rechten Störer. Elf von ihnen Jugend- und antifaschistischen Bewe-
nahm die Polizei fest, die übrigen konn- gung müsse erreicht werden, die Neo-
ten fliehen. nazis zurückzudrängen.
Wie inzwischen bekannt wurde, han- Die bis zum 24. März dauernde Aus-
delte es sich bei den Festgenommenen stellung wird von Vorträgen, Lesungen,
um Neonazis vor allem aus dem Raum einem Konzert und einer Plakatausstel-
Engen und Singen, Stockach und der lung begleitet.
Schweiz, die in den beiden letzten Jahren Am Freitagabend stand die Podiums-
auch an den Neonazi-Demonstrationen diskussion mit Schülervertretern auf dem schon in der Schule müsse dem Rassis-
in Friedrichshafen teilnahmen. Zu der Programm, die die Neonazis zu stören mus entgegengewirkt und auch das The-
Gruppe gehörten Frauen und Mädchen. versuchten. In einem lebhaften Mei- ma NPD in den Unterricht eingebracht
Gegen die Festgenommenen wurde ein nungsaustausch zwischen Schülerspre- werden. Ein anderer Sprecher forderte
Verfahren wegen Landfriedensbruch ein- chern und Zuhörern herrschte Einigkeit endlich ein Verbot der Neonazi-Internet-
geleitet. darüber, dass dem Neofaschismus ge- seiten.
Bei der Eröffnung der unter Schirm- meinsam begegnet werden müsse, wenn Ein Sprecher aus der Gruppe der
herrschaft des Konstanzer Oberbürger- es auch über das „Wie“ – z. B. NPD-Ver- Hartz-IV-Empfänger bezeichnete es als
meisters Frank stehenden Ausstellung bot – verschiedene Ansichten. gab. Dis- ein Problem, dass die NPD durch sozia-
hatte schon Bürgermeister Boldt auf das kutanten aus dem Schulbereich bemän- les Engagement Menschen einzufangen
Anwachsen neofaschistischer Gruppen gelten, dass der Neofaschismus durch versuche, während die „andere Seite mit
im Bodenseekreis hingewiesen. Esther Justiz und Politik noch immer zu sehr anhaltendem Sozialabbau praktisch den
Brosz vom Bundesausschuss der VVN geduldet werde. Probleme an den Kon- Boden für Neonazis bereite“.
unterstrich in ihrer Eröffnungsansprache, stanzer Schulen seien zwar eher Auslän- Eb, „Seeblättle“ der PDS Linke Liste
Faschismus sei keine Meinung, sondern derfeindlichkeit und Rassismus, doch Konstanz, März 2007 ■

: antifaschistische nachrichten 7-2007 5


München. Fassungslos rieb sich
so mancher die Augen, als er im
Februar las, dass sich Kultur-
Geplantes NS-Dokumenta-
staatsminister Bernd Neumann „vorerst
nicht in der Lage“ sehe, die ursprünglich
tionszentrum vor dem Aus?
kalkulierte Bundesunterstützung von 10 1961: Die Stadt München erwirbt für 2003: 70 Jahre nach Beginn des Faschis-
Mio Euro für den Bau des Münchner den Bau eines Volksbildungshauses ein mus wird im Münchner Stadtmuseum
NS-Dokumentationszentrums zur Verfü- großes Grundstück im Bereich des Wit- eine eigene Abteilung zur NS-Geschich-
gung zu stellen. Angeblich sei es „zu telsbacher Palais’, das als Standort für te Münchens eröffnet.
groß geplant“ und „vom Konzept her das zentrale Denkmal der Opfer des Na- 2005: Das Land Bayern stellt das Areal
nicht schlüssig“. Nähere Informationen tionalsozialismus vorgesehen wird. Der des „Braunen Hauses“ für das Dokumen-
liegen nicht vor. Berlin gibt sich bedeckt. Plan verläuft in der Folgezeit im Sande. tationszentrum, einen „historisch-politi-
Bedeutet das das Aus für das NS-Doku- schen Lernort für die Zukunft“, zur Ver-
mentationszentrum, dessen Verwirkli- fügung.
chung nach Jahren und Jahrzehnten 2006: Das Architekturmuseum der TU
Kampf nun so greifbar nahe schien? München zeigt unter Winfried Nerdinger
Aufstieg und Fall des Dritten Reichs die viel beachtete Ausstellung „Ort und
Erinnerung. Nationalsozialismus in
Hitler und die Nazis haben München München“. Erstmals werden Bauten und
„Hauptstadt der Bewegung“ genannt. Orte, die mit dem Nationalsozialismus,
Wir sollten diesen verharmlosenden Be- dem „Netzwerk von Terror, Willkür,
griff, auch in Anführungszeichen, nicht Zwang und Zustimmung“ verbunden wa-
weiter benutzen. München war die ren, wieder „sichtbar“ gemacht.
Keimzelle des Nationalsozialismus, war 2006: Nach jahrelangen Debatten, vor
die frühe Hauptstadt der braunen Täter. allem mit der Landesregierung, be-
Hier wirkte ein damals noch unbekannter schließt der Stadtrat die Finanzierung der
Adolf Hitler bei der blutigen Nieder- Wittelsbacher Palais, geplanten 34 Mio Euro für das NS-Do-
schlagung der Münchner Räterepublik GeStaPo-Hauptquartier. Im Krieg z.T. zerstört, kumentationszentrum. Das Land Bayern
1919 mit. Hier sorgten er und seine brau- Reste 1950 abgerissen. Heute: Bayrische Landes- hatte endlich auch 10 Mio zusagt, Mün-
nen Spießgesellen das erste Mal 1923 bei bank, Brienner Str. 18-20 chen würde 14 Mio zahlen, und der Bund
ihrem „Marsch auf die Feldherrnhalle“ sollte weitere 10 Mio übernehmen.
für größeres öffentliches Aufsehen. Hier, 70-er Jahre: Es passiert nichts … 2007: Diese 10 Mio weigert sich der
vor den Toren Münchens, wurde in 1989: Der Stadtrat beschließt, auf dem Bund – unter offensichtlich fadenschei-
Dachau bereits im März 1933 das erste Gelände des ehemaligen „Braunen Hau- nigen Gründen – zu zahlen.
große Konzentrationslager errichtet. Hier ses“ (Brienner-/Arcisstraße) ein „Haus Dass die schwarze bayrische Staatsre-
wurde die berüchtigte Ausstellung „Ent- der Zeitgeschichte“ zu errichten. Der gierung und der rot-grüne Münchner
artete Kunst“ gezeigt. Hier stand das Plan verläuft in der Folgezeit im Sande. Stadtrat Schwierigkeiten haben würden,
„Braune Haus“ der Reichsleitung der 90-er Jahre: Es passiert nichts… „zusammenzukommen“, war zu erwar-
NSDAP. Hier … Hier in München ge- 2001: Grundsatzbeschluss der Stadt ten gewesen. Mit dem „Paukenschlag“
schah viel, sehr viel, was den Aufstieg München zur Errichtung eines NS-Do- aus Berlin hatte man eher nicht gerech-
(weniger den Fall) des Dritten Reichs be- kumentationszentrums im Umfeld des net. Das Münchner NS-Dokumentations-
günstigt, gefördert hat. Und hier in Mün- Königsplatzes. zentrum muss endlich gebaut werden!
chen hat man nach dem Krieg, nach der 2002: Der bayrische Landtag beschließt, Äußert euren entschiedenen Protest ge-
Niederschlagung des Faschismus Jahre gemeinsam mit dem Bund und der Stadt gen jegliche weiteren Verschleppungs-
und Jahrzehnte damit verbracht, diese München ein Konzept für das NS-Doku- strategien!
Tatsache zu verschweigen, zu verharm- mentationszentrum zu entwickeln. www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de ■
losen, zu beschönigen. Zögerlich, aber
immerhin, gedachte man manchmal we-
nigstens der Opfer, z.B. als man 1946 das
Rondell an der Brienner Straße in „Platz
der Opfer des Nationalsozialismus“ um-
benannte. Mit den braunen Tätern – die
im Übrigen oft genug unbestraft davon-
kamen – wollte man sich nicht auseinan-
dersetzen; schließlich saßen viele von ih-
nen, zumal in Bayern, weiterhin in Amt
und Würden.
Chronologie der Nachkriegszeit
1945-1947: Die amerikanische Besat-
zungsregierung sorgt im Rahmen der Zusammen mit der Autonomen Antifa Ludwigsburg richtet die Antifaschistische Initiative Ge-
Entnazifizierung dafür, dass in München gen das Vergessen AIGdV die diesjährige Fahrt aus. Der thematische Schwerpunkt der
zahlreiche bauliche NS-Hinterlassen- Fahrt ist Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler und Künstlerinnen/Künstler als Häftlinge im
schaften beseitigt werden. KZ-Mauthausen. An diesem Thema werden sich Vorträge, Filme, Veranstaltungen und die
1945-1947: Erste Überlegungen werden Führung durch die Gedenkstätte orientieren. Abfahrt nach Mauthausen am Freitag,
4.5.2007, um 9 Uhr. Rückfahrt am Sonntag, 6.5.2007. Ankunft in Stuttgart um ca. 22.30
angestellt, in München einen Gedenkort Uhr. Teilnahmebeitrag: 80 Euro, SchülerInnen, StudentInnen, Erwerbslose: 65 Euro. Im Preis
für die Opfer des NS-Regimes zu errich- enthalten sind Busfahrt, Unterkunft in einer Schule, gemeinsames Kochen und Essen sowie
ten. Sie verlaufen in der Folgezeit im die im Rahmen angebotenen Veranstaltungen – Führungen, Besichtungen, Schloss Hart-
Sande. heim, Mauthausen, Gusen, Zeitzeugengespräche. Anmeldung und Information anfordern
50-er Jahre: Es passiert nichts … unter: E-Mail: aigdv@web.de, tel. AIGdV-Anrufbeantworter: 01212 510575121 (Ortstarif).

6 : antifaschistische nachrichten 7-2007


Wer die Öffentlichkeit sucht,
muss sie auch ertragen!
IMI-Analyse Aktionen gegen Rekrutierungsmaßnahmen der Bundeswehr
U25 und Arbeitslos satz und die damit verbundenen Risiken schen Ausbildung für eine Tätigkeit in
Unter 25-Jährige Arbeitslose werden und Probleme. Die Selbstdarstellung der der Wirtschaft anschaulich darzustellen.“
durch eine im Sommer letzten Jahres in Bundeswehr erwähnt auch die Belastung Alarmierend dabei ist, dass die Koope-
Kraft getretene „Nachbesserung“ des bei posttraumatischen Störungen nach ration zwischen Bundesagentur für Ar-
Hartz IV Gesetzes massiv benachteiligt. Kampfeinsätzen mit keinem Wort. Eine beit und Bundeswehr mancherorts noch
Liegen keine schwerwiegenden Gründe kürzlich veröffentlichte Studie[2] ergab, enger ist, als dies die Ähnlichkeit der
für einen Auszug vor, sind sie verpflich- dass bei gut einem Drittel der zwischen schneidigen Namensgebung von Ver-
tet, bei den Eltern wohnen zu bleiben. 2001 und 2005 aus Afghanistan und Irak mittlungsoffensive einerseits und Rekru-
Sie werden mit ihren Eltern zusammen zurückgekehrten US-Soldaten psycholo- tierungsoffensive andererseits vermuten
als Bedarfsgemeinschaft definiert und gische oder psycho-soziale Krankheiten lässt: Im Rahmen unserer Arbeitsamtbe-
erhalten (wenn überhaupt) nur noch ein diagnostiziert wurden. Beim größten Teil suche trafen wir auf vier junge Erwach-
abgesenktes Arbeitslosengeld II von 276 war die psychische Gesundheit nachhal- sene, die über ihre U25-Maßnahme an
(statt 345) Euro. Mit dieser Stallpflicht tig gestört. Als besondere Risikogruppe der ARGE Köln verpflichtet waren, an
für junge Erwachsene besteht eine mehr haben die WissenschaftlerInnen die der Bundeswehr-Werbeveranstaltung am
als nur ökonomische Abhängigkeit vom jüngsten SoldatInnen zwischen 18 und 25. Januar 2007 teilzunehmen. Die da-
Elternhaus. In einer zweiten Stufe des so 24 Jahren ausgemacht. Im Beratungsge- raufhin in einem offenen Brief befragten
genannten Fortentwicklungsgesetzes spräch ebenfalls unerwähnt bleiben das externen Maßnahmeträger (die im Auf-
sind seit Anfang 2007 sogar noch weitere an Bedingungen geknüpfte Ausbildungs- trag der ARGE Köln verwalten, ausbil-
Beschneidungen rechtskräftig geworden. versprechen und die enormen Schwierig- den und beschäftigen) weisen diese Pra-
Arbeitslose U25 erhalten schon bei der keiten beim Versuch, vor Ablauf der Ver- xis weit von sich. Die Arbeitsagentur
ersten „Pflichtverletzung“, also z.B dem pflichtungsdauer zu „kündigen“. selbst hat entgegen ihrer vollmundigen
Ausschlagen eines Ein-Euro-Jobs, einer Die Bundeswehr versucht sich als Ankündigung nach nunmehr 5 Wochen
anderen (Zwangs-)Maßnahme oder auch ganz normaler Arbeitgeber zu präsentie- immer noch nicht auf den Vorwurf rea-
nur bei unzureichender Kooperation in- ren – mit Erfolg: Der Generalinspekteur giert.
nerhalb des Profilings, für 3 Monate kei- der Bundeswehr Schneiderhan äußerte Ein praktischer Ansatz: Bundeswehr-
nerlei Geldleistung mehr. Sachleistungen Wegtreten
können noch gewährt werden. Die U25
unter den Hartz IV-EmpfängerInnen sind Seit geraumer Zeit stiften Antimilitaris-
damit der schärfsten Sanktionierung zur tInnen (nicht nur) in Köln Unruhe bei öf-
Durchsetzung des Workfare-Prinzips fentlichen Auftritten der Bundeswehr.
ausgesetzt: „Nur wer arbeitet, soll auch Ihr Schwerpunkt sind die mittlerweile
essen.“[1] monatlich stattfindenden Werbe- und Be-
Vielerorts starteten ARGEn und Opti- ratungsveranstaltungen der Bundeswehr
onskommunen daraufhin eine „Vermitt- an den Arbeitsämtern. Zielsetzung der
lungsoffensive“ für U25 mit der Zielset- Initiative Bundeswehr-Wegtreten ist es,
zung, insbesondere junge Arbeitslose mit die Bundeswehr in ihrem Streben nach
unattraktiven „Jobangeboten“ aus dem mehr gesellschaftlicher Akzeptanz ver-
Leistungsbezug herauszudrängen. Wir bunden mit ihrer Selbstinszenierung im
beschreiben die aktuelle Regelung derart Ende letzten Jahres in der Zeitschrift öffentlichen Raum zurückzudrängen und
detailliert, um das Ausmaß der Entrech- Wehrtechnik (WT 4/06) zum aktuellen sie eben genau dort anzugreifen. Das
tung dieser jungen Erwachsenen und de- RekrutInnennachschub: „Die derzeitige Motto: Wer die Öffentlichkeit sucht,
ren Schikanierung nachvollziehen zu Bewerberlage ist ausgesprochen erfreu- muss sie auch ertragen!
können. Immerhin ist dies die zentrale lich. Auch die Bedarfsdeckung gelingt Angetreten war Bundeswehr-Wegtre-
Zielgruppe der offensiven Rekrutie- uns überdurchschnittlich gut (...) Dessen ten bereits zur 50-Jahrfeier der Bundes-
rungsbemühungen der Bundeswehr. ungeachtet ist die demografische Ent- wehr im Herbst 2005. Ein öffentliches
Rekrutierung am Arbeitsamt wicklung zweifellos eine der großen He- Gelöbnis mit abendlichem Zapfenstreich
rausforderungen für die Zukunft. Der vor dem Kölner Dom sollte ein großes
Die Perspektivlosigkeit am Arbeitsmarkt Rückgang des Potenzials an jungen Be- Spektakel werden. Hunderte von Kriegs-
und der zunehmende Druck für Erwerbs- rufseinsteigern wird die Streitkräfte und gegnerInnen hatten der Luftwaffe mit
lose, seit der mehrfach verschärften die Bundeswehr insgesamt in einen he- lautstarken Protesten einen Strich durch
Hartz IV Gesetzgebung jeden noch so rausfordernden Wettbewerb mit der Wirt- die Rechnung gemacht. ... Die Bundes-
miesen Job und jede noch so unsinnige schaft, aber auch mit Nachfragern aus wehr war sichtlich empört und versuchte
Maßnahme annehmen zu müssen, wird dem Bereich des öffentlichen Dienstes vier der AktivistInnen mit dem Vorwurf
von der Bundeswehr dazu genutzt, um führen. Hier gilt es (...), den eingeleiteten der Volksverhetzung zu kriminalisieren.
immer offensiver für den „Job“ der Sol- Ausbau der Bildungs- und Weiterbil- Die Angeklagten nutzten den gut be-
datIn zu werben. Und deren ökonomi- dungsangebote zum einen öffentlich- suchten Gerichtstermin im November
sche Argumente scheinen vielen Jugend- keitswirksam darzustellen und zum an- 2006 unter anderem, um zur „Umgestal-
lichen durchaus plausibel: Eine KFz- deren diese Angebote mittel- und lang- tung“ der wenige Tage später stattfinden-
Lehre verbunden mit insgesamt achtjäh- fristig auszubauen. Darüber hinaus wird den Werbeveranstaltung der Bundeswehr
riger Dienstverpflichtung bei der Bun- langfristig aber auch über neue Modelle an der zentralen Arbeitsagentur in Köln
deswehr wird immerhin mit 1200 Euro der Kooperation und des Austausches einzuladen. Der offene Aufruf zu diesem
netto entlohnt – vom ersten Monat an. mit der Wirtschaft nachzudenken sein. Termin unter den rund 100 Unterstütze-
Unerwähnt bleiben hingegen die Ver- Hierbei gilt es, den Unternehmen den rInnen schien dem Wehrdienstberater ge-
pflichtung zum einjährigen Auslandsein- Nutzwert einer soldatischen/militäri- nügt zu haben, seine Veranstaltung kom-

: antifaschistische nachrichten 7-2007 7


plett abzusagen. Diese Schlappe sollte staltung hindern. Nach einstündiger, un- teranen die mächtigste Stimme gegen die
sich nicht wiederholen und so fand der nachgiebiger Befragung durch die Rekrutierung sind, die es gibt. Sie kön-
nächste Termin im Januar 2007 abge- KriegsgegnerInnen konnten die zur Ver- nen aus ihrer Perspektive sehr glaubwür-
schirmt durch bewaffnete Feldjäger im stärkung anwesenden Militärs ihre ange- dig ihre Erfahrungen im Militär und
Berufsinformationszentrum der Arbeits- spannte Souveränität nicht weiter auf- Krieg darlegen...“[3] Der US-Kriegs-
agentur statt. Doch bevor es drinnen mit recht halten. Der Wehrdienstberater wur- dienstverweigerer Agustín Aguayo, der
Werbeprospekten und Hochglanzper- de von seinem Vorgesetzten abgelöst. am 6. März 2007 wegen „Desertion“ und
spektiven um verantwortungsvolle Auf- Doch auch dieser konnte nicht mit zu- „Verpassen der Verlegung der Einheit“
gaben in erlebnisreichen Arbeitsfeldern friedenstellenden Antworten aufwarten. von einem US-Militärgericht in den
bei „anständiger“ Bezahlung ging, muss- Mittlerweile hat sich der Kreis der Ak- Leighton-Barracks in Würzburg zu einer
ten sich die potenziellen RekrutInnen tivistInnen auf andere Städte ausgedehnt. Haftstrafe verurteilt wurde, wird voraus-
draußen der Musterung In Bielefeld griff eine sichtlich im Mai diesen Jahres entlassen
durch zahlreiche Antimi- Gruppe „aufrechter Stö- werden. Der Münchner Oberstleutnant
litaristInnen unterziehen. renfriedInnen“ am 6. Jürgen Rose, der vor kurzem anlässlich
Ein Bewerbungs-Sofort- März 2007 auf Methoden des bevorstehenden Tornado-Einsatzes
bild posierend mit Kno- der Kommunikationsgue- in Afghanistan beantragte, von allen wei-
chen und Totenkopf vor rilla zurück – mit maxi- teren Aufträgen im Zusammenhang mit
einer Bergkulisse in Af- malem Erfolg, denn die der Operation „Enduring Freedom“ ent-
ghanistan sowie ein Fra- Veranstaltung musste bunden zu werden, könnte ebenfalls ein
gebogen gehörten zum antimilitaristi- vorzeitig beendet werden. Eine Prozessi- interessanter Gesprächspartner für eine
schen Vorab-Prozedere. Die Befragung on, angeführt von Militärbischof Mixa solche Veranstaltung sein. Darüberhi-
der Feldjäger und der Leitung des Be- gefolgt von einer stimmgewaltigen Ge- naus können sich Interessierte an den Ar-
rufsinformationszentrums ergab, dass die neralin und ein paar SoldatInnen unbe- beitskreis Darmstädter Signal wenden.
Arbeitsagentur ihr Hausrecht für diese stimmten Ranges, die offenbar gerade Ein Eingreifen in die derzeit offenbar
Veranstaltung nicht an die Bundeswehr eine Skelettgrube geplündert hatten, en- gut geschmierte Rekrutierungsmaschi-
abgetreten hat und dass es sich hierbei terte die laufende Veranstaltung, übte das nierie der Bundeswehr bedeutet mehr als
schon gar nicht um einen temporär de- Salutieren, Marschieren im Stechschritt das konkrete Abwerben einzelner poten-
klarierten militärischen Bereich handel- und dergleichen Unsinn mehr. Nachdem zieller SoldatInnen. Es geht um das ge-
te, womit der Einsatz bewaffneter Bun- die Gruppe unter Singen und Segnen ab- nerelle Zurückdrängen einer Bundes-
deswehr im Inneren (der Arbeitsagentur) gezogen war und der Wehrdienstberater wehr, die sich zunehmend unangegriffen
damit auf äußerst wackligen Füßen steht. sich neu sortiert hatte, brachten einige im öffentlichen Raum zu Hause fühlen
Diese Provokation sorgte für Unmut bei Leute aus dem Publikum arg themen- darf. Eine unwidersprochene Alltagsprä-
mehreren MitarbeiterInnen der Arbeits- fremde Wortmeldungen in die Veranstal- senz des Militärs spiegelt nicht nur son-
agentur und derem Personalratsvorsit- tung ein. So behaupteten sie u.a. (sin- dern prägt auch gesamtgesellschaftliches
zenden. gend), dass die Kreidezeit eigentlich eine Bewusstsein zugunsten einer fortschrei-
Ein offener Brief dazu an alle Mitar- ganz Schöne gewesen sei, dass es nur ei- tenden Militarisierung des Außen und In-
beiterInnen der Arbeitsagentur sollte nen Rudi Völler gäbe ... Nachdem weite- nen.
zum nächsten Termin des Wehrdienstbe- re Kleinstgruppen folgten, packte er ent- Aus genau dieser Sicht begrüßen wir
raters am 1. März 2007 die interne Dis- nervt seine Siebensachen und beendete unter anderem die Aktivitäten gegen die
kussion entzünden. Aufgehängt am Auf- die Veranstaltung. NATO-Sicherheitskonferenz in Mün-
tritt der Feldjäger und an dem Skandal, Weitere Städte bereiten aktuell den chen, die Bemühungen seit 2002, dem
dass zumindest vier jugendliche Arbeits- Besuch solcher Werbeauftritte am Ar- alljährlichen Pfingsttreffen von ehemali-
lose im Rahmen ihrer U25-Maßnahme beitsamt vor. Die Termine der Wehr- gen und derzeitigen Soldaten der Ge-
der Arge verpflichtet wurden, am Januar- dienstberaterInnen liegen/hängen öffent- birgstruppe zu Ehren von NS-Kriegsver-
Termin der Bundeswehrwerbeshow teil- lich in den Berufsinformationszentren brechern in Mittenwald ein Ende zu be-
zunehmen, waren die MitarbeiterInnen (BIZ) für das jeweilige Halbjahr aus und reiten und den Widerstand gegen das
aufgefordert, den Rekrutierungsveran- können unter http://mil.bundeswehr-kar- Bombodrom in der Ruppiner Heide. Am
staltungen der Bundeswehr generell ein riere.de eingesehen werden. 1. Juni 2007 wird es dort im Rahmen der
Ende zu bereiten: „Trotz (und gerade in) Die Fokussierung der Rekrutierungs- Anti-G8-Aktionstage eine vorläufige Be-
größter Perspektivlosigkeit darf niemand bemühungen auf das Arbeitsamt bedeu- siedelung dieses geplanten Kriegs-
animiert werden, als Zeitsoldat zum tet jedoch keinesfalls deren Ausschließ- übungsplatzes geben. Vier Tage später
Bund und damit zum mittlerweile ver- lichkeit: An Schulen ködern Jugendoffi- soll der für das dortige Krieg-Üben ge-
pflichtenden Auslandseinsatz zu gehen!“ ziere unvermindert frühzeitig Nach- nutzte Flughafen Rostock-Laage blo-
Doch bundeswehrkritische Mitarbeite- wuchs, u.a. für die Offizierslaufbahn in- ckiert werden.
rInnen, die durchaus zahlreich vorhan- klusive Studium ohne Studiengebühren Mehr Infos unter:
den sind, haben kein leichtes Spiel, eine bei „anständigem“ Sold. Deswegen hal- http://www.bundeswehr-wegtreten.tk/
kritische Diskussion in Gang zu bringen. ten wir es für lohnend, die Interventionen Initiative Bundeswehr Wegtreten
Leute, die 12 Jahre bei der Bundeswehr auf Schulen auszuweiten. Das kann zum Informationsstelle Militarisierung
gedient haben und danach bevorzugt bei einen bedeuten, gemeinsam mit der (IMI) e.V, Email: imi@imi-online.de
Bundesbehörden wie dem Arbeitsamt SchülerInnenvertretung Proteste und di- http://www.imi-online.de ■
untergebracht werden, leisten mitunter rekte Aktionen beim Besuch durch den Anmerkungen
starke Lobbyarbeit und sorgen für eine Wehrdienstberater zu organisieren. Hier- [1] Arbeitsminister Franz Müntefering, Die Zeit,
enge Kooperation zwischen Arbeitsagen- zu gibt es eindrucksvolle Erfahrungen 10.5.2006
tur und Bundeswehr auch unterhalb der des Campus Antiwar Network in den [2] Bringing the War Back Home, Archives of In-
Führungsebene. USA. Zum anderen erscheinen uns ternal Medcine Vol 167 No. 5, 12.3.2007
Am 1. März 2007 sollte die Werbever- (Schul-)Veranstaltungen mit Ehemaligen Mental Health Disorders Among 103788 US Ve-
anstaltung der Bundeswehr von innen und Aussteigern des Kriegshandwerks terans Returning From Iraq and Afghanistan
Seen at Department of Veterans Affairs Facilities
gestört werden. Die Feldjäger (diesmal als geeignete Möglichkeit. Dazu Aimee
in zivil) konnten die Gruppe nicht an der Allison, die im 2. Golfkrieg verweigerte: [3] Counter Recruitment - graswurzelrevolution
316, Februar 2007
Teilnahme und Umgestaltung der Veran- „Wir haben herausgefunden, dass die Ve-

8 : antifaschistische nachrichten 7-2007


Frankreich im Monat vor den Wahlen (1):
Sans papiers in Wahlkampfzeiten: Zwischen
Solidarität und Kriminalisierung
Paris. Am Freitag, 23. März wur- eine Durchsuchungsaktion im direkt da- Zeitpunkt, als die Kinder aus dem Kinder-
de die Direktorin eines Kindergar- neben gelegenen Café „Le petit Rampal“ garten zu strömen anfingen. Mehrere Kin-
tens in der rue Rampal im Pariser durch. Angeblich ging es darum, Messer der bekamen Tränengas ab und/oder ste-
Nordosten, im Stadtteil Belleville, sieben und Drogen zu finden und zu beschlag- hen aufgrund der für sie traumatisieren-
Stunden lang in Polizeigewahrsam ge- nahmen – solche Durchsuchungsgründe den Bilder unter Schock.
nommen und verhört. Es handelt sich um dienen jedoch in aller Regel nur als Vor- Valérie Boukobza, die Leiterin des Kin-
Valérie Boukobza, ihre Vorfahren stamm- wände dazu, um in Wirklichkeit nach „il- dergartens, befand sich zu dem Zeitpunkt
ten einstmals aus Polen. legalen Einwanderern“ zu suchen, ohne im Inneren und öffnete unter dem Ein-
Ursprünglich war sie als Augenzeugin dass der Durchschungsbeschluss vor Ge- druck des Geschehens erneut die Türen,
zum Kommissariat des 19. Bezirks vorge- richt aufgrund seines diskriminatorischen um die Kinder wieder hinein zu lassen.
laden, um über die Ereignisse vom vor- Charakters beanstandet werden könnte. Anscheinend stellte sie sich bei den Ereig-
hergehenden Dienstag auszusagen, bei (Denn eine Durchsuchung, bei der rein nissen auch zwischen die Polizisten und
denen es zu heftigen Reibereien zwischen aufgrund äußerlider Merkmale nach Aus- die Protestierenden. Auf jeden Fall wurde
Eltern des Kindergartens und Polizeikräf- ländern – gar einer ihr dies wenige Tage später
ten gekommen war. Doch die Vorladung bestimmten Her- dann zum Vorwurf ge-
zur vermeintlichen Zeugenaussage ent- kunft – gesucht macht.
puppte sich als Falle: Von 9.10 Uhr bis werden soll, wäre Alle Lehrergewerkschaf-
16.15 Uhr wurde sie unter Anklage ver- nach geltendem ten, darunter die beiden
hört. Vorgeworfen wurden ihr „Wider- Gesetz schlicht il- größten Verbände (FSU
stand gegen die Staatsgewalt“ und „in Ge- legal.). Nur, es und UNSA-Education) so-
meinschaft begangene Beschädigung öf- wurden keine Waf- wie die linke Basisgewerk-
fentlichen Eigentums“, da sie angeblich fen und auch keine schaft SUD Education,
dabei gewesen sein soll, als auf das Dach Drogen gefunden, welcher Valérie Boukobza
eines Polizeiautos geklopft wurde. wohl aber wurde angehört, protestierten
Der Hintergrund: „bei dieser guten energisch gegen das Vorge-
Gelegenheit“ ein hen der Polizei. Bereits
Am Montag und Dienstag, 19. und 20. älterer Mann chi- während ihres Verhörs am
März kam es zu Festnahmen von Sans pa- nesischer Herkunft Freitag, 23. März versam-
piers („illegalen“ Einwanderern) in un- festgenommen, der melten sich rund 100 Per-
mittelbarer Nähe des Kindergartens in der sich in oder neben sonen, darunter viele Leh-
rue Rampal. Der Stadtteil Belleville wird dem Café befun- rergewerkschafter/innen,
seit Monaten häufig zum Ziel von geziel- den hatte und der Plakat von Sebastian Haustein beim Wettbewerb vor dem Kommissariat im
ten Festnahmeaktionen gegen Sans pa- keine gültigen Auf- von „kein mensch ist illegal“, Köln 19. Pariser Arrondissement
piers, die durch Kritiker als „rafles“ (in enthaltspapiere be- An einer kurzfristig an-
Anlehnung an die Razzien und Massen- sitzt. Er hatte seinerseits seine beiden klei- beraumten Protestdemonstration gegen
festnahmen im besetzten Frankreich im nen Enkelkinder vom Kindergarten abho- die Verhaftung der Kindergartendirektorin
Zweiten Weltkrieg) bezeichnet werden. In len wollen. Valérie Boukobza nahmen am Montag
der Regel werden dabei Personen auf- Kollektiver Widerstand gegen Abend, 26. März vor dem Pariser Rekto-
grund ihres Aussehens und ihrer vermutli- Abschiebungsdrohung rat dann rund 2.500 Menschen teil. (‚Le
chen geographischen Herkunft willkür- Monde‘ schrieb von circa 2.000 Teilneh-
lich aufgegriffen, um ihre Personalien Aber dann passierte es: Dutzende von El- merInnen, ‚Libération‘ von 2.500.) Dabei
festzustellen, auch wenn Kontrollen auf- tern stellten sich dazwischen, forderten die sammelten sich Eltern, Angehörige fast
grund „ethnischer“ oder „rassischer“ Kri- Freilassung des Festgenommenen und aller Lehrergewerkschaften, Antirassisten
terien im Prinzip nach französischem Ge- hinderten die Polizeifahrzeuge am Abfah- und Sans papiers in einer bunten Mi-
setz absolut rechtswidrig sind. Oftmals ren. (siehe auch achtminütiges Amateurvi- schung vor dem Pariser Rektorat, in der
richten sich die „Razzien“ gezielt gegen deo: http://www.latelelibre.fr/index.php Nähe der Sorbonne. Hinzu kamen Vertre-
Personen bestimmter Nationalität oder je- /2007/03/des-maternelles-du-xxeme-a-pa- ter von KP und Sozialdemokraten mit-
denfalls von einem bestimmten Konti- ris-sous-tension; vgl auch http: //www. samt ihren (durch blau-weiß-rote Schär-
nent, da es dabei anscheinend darum geht, 20minutes.fr/article/147686/2007 0323- pen kenntlichen) Stadtverordneten. „Noch
bei Abschiebeflügen die Flieger voll zu France-Les-incidents-de-la-rue-Rampal- selten hat man so viele Sozialisten bei ei-
bekommen. So ging es zu Anfang jener filme.php, http://luc.deb.free.fr/ rampal/ ner Demonstration für die Sans papiers
Woche offenkundig darum, Asiaten – ins- Rampal-20-03-07.mp4 http://luc.deb. gesehen“, konstatierte – in unmittelbarer
besondere Chinesen – mit „illegalem“ free.fr/rampal/070320rampla.mov) Meh- Nähe des Autors die parteilose und auf ei-
Aufenthalt aufzugreifen. rere Personen legten sich vor dem Polizei- ner KP-Liste gewählte Stadtverordnete
An jenem Montag wurde so eine Chi- auto, in dem der Einwanderer saß, quer Clémentine Autain gegenüber dem Alt-
nesin festgenommen, die ihre vierjährige über die Straße und wurden auf zum Teil trotzkisten Alain Krivine ironisch. Sollten
Nichte von der Vorschule abholen wollte. ziemlich unsanfte Weise durch die Beam- Wahlkampfzeiten doch manchmal auch
Nach halbstündigen Verhandlungen zwi- ten geräumt. Dabei griffen die entnervten ihr Gutes haben?
schen der Leiterin des Kindergartens, Va- Beamten auch zum Knüppel, drohten da- Der Pariser Stadtrat hatte sogar um 18
lérie Boukobza, und den Ordnungshütern mit, ihre beiden Hunde ohne Maulkorb Uhr seine Sitzung unterbrochen, „um den
kam sie jedoch wieder frei. Am folgenden auf die Menge loszulassen, und setzten Mitgliedern der (rosa-rot-grünen) Mehr-
Tag führten Polizeikräfte, um die Zeit des (was auf dem Video nicht zu sehen ist) heit die Teilnahme an der Kundgebung zu
Unterrichtssschlusses im Kindergarten, auch Tränengas ein – pünktlich zu dem ermöglichen“, wie durchgesagt wurde.

: antifaschistische nachrichten 7-2007 9


Der Versuch eines eher sozialdemokrati- tischen Zentrumspolitiker und Präsident- ihrer Aufgaben (...) hat die Polizei auf
schen Kundgebungsredners, die Marseil- schaftskandidaten François Bayrou – der Verlangen des Staatsanwalts hin Kontrol-
laise anstimmen zu lassen, scheiterte je- erklärte, das von ihm gewünschte „Frank- len in diesen Straßen vorgenommen.
doch kläglich: Einige Teilnehmer/innen in reich sieht nicht so aus“ wie der Polizei- Da(bei) hat sie nur ihre Arbeit verrichtet.
den ersten Reihen pfiffen, andere sangen einsatz von Belleville – verurteilten unter- Sans papiers (ohne Papiere) in Frankreich
lieber die ‚Internationale‘. schiedliche politische Vertreter das Vorge- zu sein, ist bis zum Beweis des Gegen-
Eine Delegation wurde nach längerem hen der Uniformierten. teils illegal; die Polizei, die eine Person
Hin und Her vom Rektorat empfangen. Der sozialdemokratische Bezirksbür- ohne Papiere festnimmt, geht nur ihren
Die Delegierten forderten die Schulbehör- germeister des 19. Arrondissements, Ro- Verpflichtungen im Rahmen ihrer Aufga-
de dazu auf, sich hinter ihre Untergebene ger Madec, und sein Parteikollege auf ben nach.“ Usw. usf. Die UMP verteidigt
Valérie Boukobza zu stellen, aber die Ge- dem Oberbürgermeistersessel von Paris – so das Vorgehen der Polizei und stellt –
spräche verliefen letztendlich ergebnislos. Bertrand Delanoë – kritisierten den Poli- assoziativ – einen Zusammenhang zwi-
Abgesehen vom Austausch von Höflich- zeieinsatz vor einem Kindergarten. Dela- schen „illegaler“ Einwanderung und Kri-
keitsfloskeln kam nichts dabei heraus. noë bot Madame Boukobza an, ihr die minalität her.
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Dienste von William Bourdon (eines pro- Die Gegenoffensive von Rechts
jedoch mitgeteilt, es würde kein Strafver- minenten linken Anwalts) zu bezahlen.
fahren gegen Valérie Boukobza eingeleitet Der am Montag, 26. März nun „end- Zu Anfang voriger Woche befand sich die
bzw. weiterverfolgt. Diese Nachricht traf lich“ (aufgrund des näherrückenden politische Rechte, infolge der Solidaritäts-
am vorigen Donnerstag ein. Dennoch rie- Wahltermins) aus dem Amt geschiedene mobilisierung für Valérie Boukobza, noch
fen am Freitag, 30. März alle in den Innenminister und konservative Präsi- tendenziell in der Defensive. Und dann
Grundschulen vertretenen Lehrer/innen- dentschaftskandidat Nicolas Sarkozy hat kam, schon ab dem Abend des folgenden
Gewerkschaften zu einem kollektiven seinerseits das Vorgehen der Polizei ver- Tages, der schwere Gegenschlag des Pen-
Ausstand aus Protest gegen die vorherige teidigt. „Es ist interessant zu beobachten, dels, nachdem es am Dienstag am Pariser
Strafdrohung auf und hielten ihren Aufruf dass die Linke mich immer dann auffor- Nordbahnhof ziemlich gescheppert hatte.
auch hernach noch aufrecht. Der Streik dert, eine Entscheidung der Justiz nicht zu Das bedeutet nicht, dass die regierende
hat am Freitag tatsächlich stattgefunden respektieren, wenn sie ihnen nicht passt“ Rechte die „Ereignisse“ etwa bestellt hät-
und wurde vor allem im Pariser Osten kommentierte Sarkozy von den französi- te, wie im Umlauf befindliche Gerüchte
(19./20. Arrondissement) befolgt. schen Antilleninseln aus, wo er sich zu zumindest andeuten. Solche Geschehnis-
Reaktionen Wahlkampfzwecken aufhielt. Dass es sich se lassen sich nicht auf Knopfdruck abru-
um eine „Justizentscheidung“ handele, fen. Allerdings widerspiegeln sie ein tat-
Gleichzeitig haben zahlreiche Eltern des die dem Polizeieinsatz zugrunde liege, sächlich vorhandenes Klima, das in ho-
betroffenen Kindergartens Anzeige bei wurde zwei Tage später im ‚Journal du di- hem Maße durch die politische Figur Ni-
der Inspection Générale des Services manche‘ durch die Pariser Staatsanwalt- colas Sarkozy geprägt worden ist.
(IGS, „Allgemeine Dienstinspektion“) er- schaft freilich dementiert: Man habe die „Die Autorität ist auf unserer Seite. Die
stattet. Die IGS ist eine für die Kontrolle Durchsuchung im Café (und die Verhaf- Schwarzfahrer, Aufrührer und Gewalttäter
möglicher rechtswidriger Praktiken der tung des Sans papiers im Anschluss da- finden sich auf der anderen Seite“, also
Polizei und für die Untersuchung von Vor- ran) nicht angeordnet, sondern lediglich auf der Linken. Mit diesen Worten machte
würfen bezüglich Polizeigewalt zuständi- „autorisiert“. Das bedeutet wohl, dass die Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarko-
ge Behörde. Am vorigen Montag wollten Polizei einen Blankoscheck für Einsätze zy am Mittwoch, 28. März die innenpoli-
Eltern und Erzieher/innen des Kindergar- in einer bestimmten Zone erhielt, die sie tischen Fronten auf einer Großveranstal-
tens vor dem Gebäude der IGS im 12. Pa- für nahezu beliebige Aufgriffe nutzen tung im nordfranzösischen Lille klar. Er
riser Bezirk Schlange stehen. Ihr Auftritt kann… Trotz seiner prinzipiellen Vertei- reagierte so auf die Ereignisse vom Vor-
wurde jedoch verschoben, um die Klage digung des Einsatzes hat Sarkozy aber in- abend, bei denen rund 300 bis 400 über-
noch besser vorzubereiten, d.h. auf hieb- zwischen begonnen zurück zu rudern. Am wiegend junge Leute mehrere Stunden
und stichfeste Beweise, auf Dokumente Freitag, 23. März ordnete er ebenfalls an, lang im Pariser Nordbahnhof randaliert
und Zeugenaussagen zu stützen. Unter- dass keine Polizeieinsätze zur Verhaftung und sich Auseinandersetzungen mit star-
dessen hat die rechtslastige Polizeige- von Sans papiers mehr „in oder vor einem ken Polizeikräften geliefert hatten. „Wenn
werkschaft Alliance ihrerseits angekün- Schul- (oder Kindergarten)gebäude“ er- Frau Royal alle Sans papiers legalisieren
digt, Strafanzeige gegen die Eltern wegen folgten dürften. möchte und wenn die Linke auf der Seite
„Diffamierung“ ihrer Beamtenkollegen zu Im Nachhinein hat die Affäre um die derer stehen möchte, die ihre Fahrkarte
erstatten. Die Polizistengewerkschaft for- Kindergartendirektorin tatsächlich zu ei- nicht bezahlen, dann ist das ihre Sache“
derte das Innenministerium auf, straf- ner gewissen Polarisierung auch zwischen tönte Sarkozy. „Die Ereignisse von der
rechtlich gegen „falsche Vorwürfe“ vorzu- der etablierten Linken und dem konser- Gare du Nord lassen den Rechts-Links-
gehen. Ein solches Vorgehen ist in Fällen, vativen Bürgerblock geführt. So verteilten Gegensatz wieder aufleben“ drückte die
in denen der Polizei Gewalttätigkeit am Sonntag (1. April) im 19. Pariser Ar- konservative Tageszeitung ,Le Figaro‘die-
und/oder illegale Verhaftungsaktionen rondissement die Mitglieder und Wahlhel- selbe Idee auf ihrer Titelseite aus.
nach Aussehen und Herkunft öffentlich fer/innen der „Sozialistischen“ Partei Passiert war Folgendes: Am späten
vorgeworfen werden, durchaus üblich. Flugblätter, die immerhin den korrekten Nachmittag des vorigen Dienstag wurde
Auch die Politik reagierte überwiegend Titel trugen: „Schluss mit der Jagd auf der 32-jährige kongolesische Staatsbürger
mit Empörung auf diese Ereignisse in un- Sans papiers!“ Hingegen verteilten die Angelo H., der in der Pariser Vorstadt
mittelbarer Nähe zu einem Kindergarten Herren von der UMP Zettel, auf denen ihr Sevran lebt, an der Gare du Nord von
und das polizeiliche Vorgehen gegen Lei- örtlicher Parlamentskandidat unter der Fahrkartenkontrolleuren angehalten. Er
terin und Eltern. „Mit Ausnahme des Überschrift: „Ereignis in der rue Rampal: trug keinen Fahrausweis bei sich. Darauf-
(rechtsextremen) Front National und der Schluss mit den Amalgamen (= miss- hin wurde er durch die Angestellten der
(konservativen Regierungspartei) UMP“, bräuchlichen Tatsachenvermischungen, Pariser Verkehrsbetriebe auf unsanfte Art
so die Formulierung der bürgerlichen Anm. d. Ü.), stellen wir die Wahrheit wie- festgenommen und zu ihrem Kontroll-
Sonntagszeitung JDD/Journal du diman- der her“ seine Sicht der Dinge darstellte. posten innerhalb der Gare du Nord ge-
che, solidarisierten sich alle politischen Dort heißt es unter anderem: „Seit langem bracht. (Nach Angaben der Kontrolleure
Kräfte mit den Betroffenen. Von der radi- sind die Straßen von Belleville Schauplatz freilich soll Angelo H. einem von ihnen
kalen Linken bis hin zum christdemokra- gewalttätiger Aggressionen. Im Rahmen einen Kopfstoß versetzt haben, was durch

10 : antifaschistische nachrichten 7-2007


: ausländer- und asylpolitik
Wir setzen den Kampf für die Sicher-
heit Engin Celiks und die Menschen-
rechte fort. Wir werden bald weitere Pla-
Abschiebeschutz für Engin drohungen und Misshandlungen zu hö- nungen bekannt geben und rufen auf, je
Celik abgelehnt ren. Verbote von Publikationen und har- schwerer der Weg auch wird, nicht auf-
tes Vorgehen der Sicherheitskräfte sind zugeben. Am Ende werden Gerechtigkeit
Hamburg. Am 19. März hat das Verwal- die Regel. (...) Die Richterin zeichnet ein und Menschlichkeit siegen.
tungsgericht Schleswig den Abschiebe- schönes Wunschbild der Türkei, um das Karawane Hamburg, 21.03.2007 ■
schutz für den kurdischen Künstler En- Asylgesuch Herrn Celiks abzulehnen.
gin Celik abgelehnt und ein Haftbefehl Weiterhin wird behauptet, Herr Celik sei München-Pass auch für Asyl-
ist erlassen worden. Während seit Mona- unverfolgt nach Deutschland eingereist,
ten die Repression gegen kurdische und weil er keine Dokumente über die Ereig- bewerber und Flüchtlinge
türkische RegierungskritikerInnen in der nisse kurz vor seiner Einreise vorlegen München. Brigitte Wolf, Stadträtin der
Türkei massiv ansteigt, bescheinigt die kann. Linkspartei, hat beantragt, dass der
Verwaltungsrichterin der Türkei große Dass Herr Celik in den MKP-nahen Stadtrat den Personenkreis, der den
Fortschritte bezüglich Demokratie und Exil-Organisationen ADGH und ADHF München-Pass erhalten kann, auf Asyl-
Menschenrechte. Selbst der aktuelle La- aktiv ist und im europäischen Jugendver- bewerber/innen und Flüchtlinge erwei-
gebericht des Auswärtigen Amts ist kriti- band im Vorstand sowie verantwortlich tert wird, die in München leben und An-
scher als die Darstellung des Gerichts. für die Kulturarbeit gewählt wurde, darin spruch auf Leistungen nach dem Asylbe-
So heißt es im Ablehnungsbeschluss, sieht das Gericht keine Gefährdung. Ce- werberleistungsgesetz haben.
„dass sich die Menschenrechtslage be- lik sei ein Gefolgsmann dieser Organisa- Der München-Pass ermöglicht viele
züglich Folter und Misshandlung im Ver- tionen, kein treibender, einflussreicher Vergünstigungen bei städtischen (MVG,
gleich zu Situationen in den Jahren vor politischer Aktivist: „Im Internet ist die Schwimmbäder, Museen) und nichtstäd-
2001 erheblich verbessert hat. Die AKP- Geschichte des Antragstellers vielfältig tischen Einrichtungen (Kinos, Tierpark)
Regierung hat alle gesetzgeberischen und leicht zu finden. Dies wird auch den für Münchner Bürgerinnen und Bürger,
Mittel eingesetzt, Folter und Misshand- türkischen Sicherheitskräften mit an Si- die nur über ein sehr geringes Einkom-
lung im Rahmen einer „Null-Toleranz- cherheit grenzender Wahrscheinlichkeit men (innerhalb der Grenzen von SGB II
Politik“ zu unterbinden. Selbst von den bekannt geworden sein. Es ist deshalb oder SGB XII) verfügen.
Menschenrechtsorganisationen wird mit- wahrscheinlich, dass der Antragsteller Asylbewerber/innen und Flüchtlinge
geteilt, dass Fälle schwerer Folter nur bei seiner Rückkehr in die Türkei er- mit Duldung, die über kein gesichertes
noch vereinzelt vorkommen.“ kannt wird. Dies bedeutet jedoch nicht, Aufenthaltsrecht verfügen, sind bisher
Das Auswärtige Amt spricht dagegen dass dem Antragsteller bei einer Rück- ausgenommen. Diese Menschen verfü-
im Januar 2007 von einem längst wieder kehr mit überwiegender Wahrscheinlich- gen aber oft nur über ein Taschengeld. Es
rückläufigem Prozess. Menschenrechts- keit menschenrechtswidrige Behandlung ist nicht einzusehen, dass sie die Ver-
organisationen haben bereits den Dialog droht.“ so das Gericht. Mit dieser Fest- günstigungen durch den München-Pass
mit der Regierung wieder abgebrochen, stellung und der widersinnigen Schluss- nicht erhalten sollen, die ihnen ein „nor-
da den staatlichen Stellen der Wille zur folgerung macht sich das Gericht zum males Leben“ etwas erleichtern. Insbe-
Änderung fehlt. In der Tat ist wöchent- Komplizen des türkischen Staates bei der sondere, da viele Asylverfahren sich über
lich von willkürlichen Festnahmen, Be- Bekämpfung seiner KritikerInnen. Jahre hin ziehen und Andere über Jahre

ihn selbst und eine Reihe von Augenzeu- nung wuchs. Es wurden Parolen gegen Ni- nen 48 Stunden zu Haftstrafen ohne Be-
gen dementiert wird.) Eine Reihe jüngerer colas Sarkozy gerufen, der in den Augen währung verurteilt.
Beobachter der Szene sammelten sich da- vieler Jugendlicher aus den Unterklassen Wie sich Ende vergangener Woche he-
raufhin vor dem Kontrollposten, protes- und aus Migrantenfamilien wie kein Zwei- rausstellte, hatten der ehemalige Innenmi-
tierten und forderten die Freilassung des ter zur Hassfigur geworden ist, in der eine nister und sein Amtsnachfolger François
jungen Mannes. Dass die Angelegenheit Politik für die Reichen und die Verantwor- Baroin in den ersten Tagen gelogen, als
in den folgenden Stunden mächtig eska- tung der Repression personifiziert werden: sie behaupteten, Angelo H. sei „ein illega-
lierte, hat mit den örtlichen Gegebenhei- 1,8 Millionen bisherige Nichtwähler ha- ler Einwanderer, der sich seit 15 Jahren
ten zu tun: Die Gare du Nord, der dritt- ben sich vor Ablauf des letzten Jahres nach gesetzeswidrig in Frankreich aufhält und
größte Bahnhof der Welt, besteht in ihrem entsprechenden Aufrufen von Bürger- 22 Vorstrafen hat“. Es wäre auch kaum
unterirdischen Teil aus einem mehrere rechtsvereinigungen neu in die Wählerlis- vorstellbar, dass er in einem solchen Falle
hundert Meter langen Schlauch, der zwei ten eingetragen, in den Banlieues mehr als nicht längst abgeschoben worden wäre.
Métrostationen miteinander verbindet. An andernorts. Es wird vermutet, dass es vie- Infolge einer Intervention seines Anwalts
diesen Schlauch sind die Ankunft- und len von ihnen speziell darum geht, gegen wurde jedoch in den Zeitungen publik,
Abfahrtbahnsteige mehrerer Vorortzüge, Sarkozy zu stimmen. dass er keineswegs „illegal“ nach Frank-
die in die nördlichen und östlichen Pariser Gleichzeitig wurden starke zusätzliche reich kam, sondern im Alter von zehn Jah-
Banlieues fahren, angedockt. Deswegen Polizeikräfte in den Bahnhof zusammen- ren im Rahmen der Familienzusammen-
ist der riesige Schlauch auch ein regelmä- gezogen. Die Situation eskalierte, es flo- führung gesetzmäßig einreiste. Zudem
ßiger Treffpunkt und Aufenthaltsort für gen Blumentöpfe und Wurfgeschosse auf hatte er nicht 22 Vorstrafen, sondern ihrer
viele migrantische Jugendliche, die hier die Beamten, die ihrerseits mit Tränengas sieben, von denen sechs – wegen kleinerer
im Pariser Stadtgebiet ankommen – und schossen und Mühe hatten, den riesigen Diebstähle und Dummheiten im Jugend-
regelmäßiger Schauplatz von Kontrollen, Bahnhof mit seinen verschachtelten Gän- alter – schon deutlich mehr als ein Jahr-
die manchmal musclé (muskelbewehrt), gen komplett evakuieren zu lassen. Wie zehnt zurücklagen.
also schlagkräftig, ausfallen. häufig in solchen unkontrollierten Situa- Die Assoziationskette aus „illegalen
An diesem Abend versuchte eine größe- tionen nutzten auch eine Reihe von Anwe- Einwanderern“, Gesetzesbruch, Gewalt
re Zahl von Anwesenden, ihrem Unmut senden die Gelegenheit, um einige Schau- und Aufruhr – manche Medien sprachen
endlich einmal Luft zu verschaffen. Der fenster einzuwerfen und zu plündern. Die gar von „Stadtguerilla“ – war aber wohl in
spontane Protest wurde zum Ventil für Reaktion fiel hart aus, von den 22 Festge- vielen Köpfen schon längst hergestellt
häufig erlittene Frustrationen. Die Span- nommenen wurden die ersten beiden bin- worden. Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 7-2007 11


mit dem Aufenthaltstitel der „Duldung“ Um so erfreulicher ist es, dass Kurden Prozent und in Irland 21,2 Prozent.
auskommen müssen. Brigitte Wolf sich nicht entmutigen lassen und erneut Selbst im toleranten Finnland nahmen
Stadträtin Linkspartei.PDS ■ eine Initiative starten, um den Dialog, die rassistischen Vorfälle von 2000 bis
den kulturellen Austausch und das ge- 2004 um 11,5 Prozent zu. In Deutsch-
Unterstützung tut not! genseitige Verständnis voranzubringen. land gab es von 2001 bis 2005 eine Stei-
Die erste Veranstaltung war ermutigend. gerung um 3,1 Prozent — auf hohem
Stuttgart. Mehr als 200 Menschen – Außer vier Stadträten von SPD, Grünen Ausgangsniveau.
kurdischer, deutscher und anderer Her- und der Linken kamen Leute aus kirchli- Allerdings sind die Zahlen untereinan-
kunft – folgten am 23. März 2007 der chen und sozialen Einrichtungen, aus der nicht zu vergleichen. Denn es gibt
Einladung der Deutsch-Kurdischen Ge- den Flüchtlingsfreundeskreisen, aus in- kein einheitliches Verfahren, wie rassisti-
sellschaftsinitiative zum Newroz-Fest ternationalen Kulturvereinen und der sche oder fremdenfeindliche Taten klas-
2007. Dieser Verein hat sich mit dem Stadtverwaltung. Der Abend war ein sifiziert und erhoben werden. So beob-
Ziel gegründet, vor allem durch Kurse schöner, ein hoffnungsvoller Beginn, achten einige Staaten tätliche Angriffe,
und kulturelle Veranstaltungen die hier dem eine erfolgreiche Entwicklung zu während bei anderen auch Propaganda-
lebenden Menschen kurdischer Herkunft wünschen ist. Mit einer solidarischen delikte und Hetzreden mit erfasst wer-
in die deutsche Gesellschaft zu integrie- Unterstützung aller, die zum Newroz- den. EUMC kritisiert deshalb auch,
ren. Fest 2007 kamen, kann es gelingen. „dass das Problem des Rassismus weiter-
In Deutschland werden auf der Grund- Ulrike Küstler ■ hin unzureichend dokumentiert ist, und
lage des PKK-Verbots immer noch kurdi- somit vernachlässigt wird“.
sche Menschen verfolgt, die sich für die Rassismus in Staaten der EU Die EUMC, inzwischen aufgegangen
demokratischen und sozialen Rechte der in der Europäischen Grundrechteagentur,
kurdischen Bevölkerung in den Staaten nimmt zu fordert über eine saubere Statistik hinaus
einsetzen, wo sie als Minderheit unter- Brüssel. Der Rassismus in den europäi- „ EU-weit geltende Rechtsvorschriften,
drückt werden. Dieses Verbot ist kontra- schen Staaten nimmt eklatant zu. Dies die festlegen, dass ein und dasselbe ras-
produktiv. Statt mit allen beteiligten Kräf- geht aus bislang nicht in den Medien ver- sistische und fremdenfeindliche Verhal-
ten die politische Diskussion zu führen, öffentlichten Daten der Europäischen ten überall in der Europäischen Union
statt praktikable Lösungsvorschläge für Stelle zur Beobachtung von Rassismus strafrechtlich geahndet wird“.
den Konflikt zu suchen, statt Beiträge zur und Fremdenfeindlichkeit in Wien Die Wiener Rassismus-Beobachter
Verbesserung der Lebenssituation der (EUMC) hervor, die ver.di PUBLIK vor setzen nun auf den bereits 2001 von der
kurdischen Bevölkerung in ihren Heimat- liegen. EU-Kommission vorgeschlagenen Rah-
ländern und im Exil zu entwickeln, wurde So haben zum Beispiel in Dänemark menbeschluss zur Bekämpfung von Ras-
die stärkste politische Kraft der Kurden die rassistisch und fremdenfeindlich mo- sismus und Fremdenfeindlichkeit, den
isoliert und kriminalisiert. Der Konflikt tivierten Vorfälle in den Jahren 2000 bis die Deutsche Ratspräsidentschaft bis
verläuft weiterhin tragisch. In den 90er 2005 um fast 70 Prozent zugenommen. Juni umsetzen will. Der jedoch ist inner-
Jahren scheiterte in Stuttgart der Versuch, In Frankreich waren es im gleichen Zeit- halb der EU umstritten.
die Isolierung zu überwinden. raum 34,3 Prozent, in der Slowakei 43,1 aus Publik März 2007 ■

Kurdisches Neujahrsfest – Newroz im


Schatten des Militärs Delegationsbericht von Hamide Akbayir

Millionen Kurden in aller Welt feierten nationalen Aktion „Rettet Hasankeyf“ von den Repressionen und Menschen-
am 21. März 2007 das Freiheitsfest teilzunehmen und unter anderem Gesprä- rechtsverletzungen in Istanbul. Ihre Mit-
„NEWROZ“. Dabei kam es insbesondere che mit zivilgesellschaftlichen Organisa- arbeiter, Mitglieder und Sympathisanten
in der Türkei und kurdischen Gebieten zu tionen zu führen. Es kamen weltweit ca. sind unter ständiger Beobachtung und
massiven Repressalien seitens staatlicher 130 DelegationsteilnehmerInnen, davon ihre Arbeit ist somit sehr gefährdet. Fest-
Organe. Im Grenzgebiet Irak und Syrien 40 TeilnehmerInnen aus Deutschland. nahmen und Diskriminierungen sind an
herrschte Ausnahmezustand. Trotz aller Die Delegationen waren in verschiedenen der Tagesordnung. Beide Institutionen
Hindernisse und Einschüchterungspoli- Städten kurdischer Regionen verteilt, um fordern von Europa, insbesondere von
tik versammelten sich allein in der kurdi- ihre Unterstützung zu zeigen und Beob- Deutschland, sich für die Menschenrech-
schen Metropole Diyarbakir (Amed) über achtungen vor Ort zu machen. Zum Zeit- te und die kurdische Frage einzusetzen
800.000 Menschen und feierten das Neu- punkt des Newrozfestes befand sich un- und Druck auf die Türkei auszuüben.
jahrsfest, dabei kam es zu heftigen Ausei- sere 6-köpfige Delegation im Ausnahme- Während unseres Gespräches erhielten
nendersetzungen, über 130 Menschen zustandsgebiet Sirnak: Daniela Praznovs- wir die Nachricht über Operationen in
wurden festgenommen. Die Anmeldun- ka, freie Journalistin, Frauenrechtlerin Sirnak und unsere Delegation sollte so
gen seitens DTP (Demokratische Gesell- aus München; Gertrud Hoff, Rechtsan- schnell wie möglich dort hin fahren. Auf
schaftspartei) und IHD (Menschenrechts- wältin aus München; Hamide Akbayir, dem Weg nach Sirnak über Cizre und
verein), das Newrozfest an Wochenenden Vertreterin Die Linke.PDS – NRW, aus Batman sahen wir Militärlaster für
zu feiern, wurden im Gesamtgebiet der Köln; Andreas Butsch, Asta, Uni - Bre- Schwertransporte, Panzerfahrzeuge, 3
Türkei verboten, um eine große Beteili- men; Martin Eberl, Journalist, Junge Welt Konvois mit jeweils über 15 Mercedes
gung zu verhindern. So mussten alle Fei- und RTL, aus München; Martin Dolzer, Unimog mit Lafette und Maschinenge-
erlichkeiten am Mittwoch, den 21.3. statt- Soziologe, Prof. Norman Peach, MdB - wehr und Soldaten, Blaue Barette, Engli-
finden. Die Linke.PDS aus Bremen. sche Militärjeeps. Immer wieder fuhren
Als 6-köpfige Beobachterdelegation Am 18.3.07 besuchten wir das Partei- Mlitärhubschrauber über uns. Für mich
reisten wir vom 17.3.-24.3.07 in die Tür- büro der DTP (Demokratische Gesell- war es wie im Krieg. Wir wurden viermal
kei und die kurdischen Gebiete, um an schaftspartei) sowie IHD (Menschen- angehalten und einmal wurden unsere
„Newrozfeierlichkeiten“ und an der inter- rechtsverein) und erfuhren ausführlich Pässe einzeln kontrolliert und registriert.

12 : antifaschistische nachrichten 7-2007


Am späten Nachmittag erreichten wir die reich operiert haben und zwei Kugeln Bau des Ilisu-Staudamms unter Wasser
Stadt Sirnak im Ausnahmezustand, über- aus seinen Rippen entfernt haben. Wir be- sinken. Zur Zeit unterstützen Deutsch-
all sah man Soldaten, Polizisten und Mi- kamen die Möglichkeit, den Verletzten in land, Österreich und die Schweiz den
litärjeeps und einige Panzerfahrzeuge. In seinem Zimmer zu besuchen, er war im- Staudammbau durch ihre Exportbürg-
den Straßen von Sirnak sahen wir ein Fol- mer noch im Koma. Seine Familie wollte schaft.
terhaus mit unterirdischen Geschossen uns aber keine Auskunft über das Ge- Unter dem Motto „ Rettet Hasankeyf“,
und eine Jandarma Kaserne daneben. schehnis geben. versammelten sich 130 Menschen in der
In Sirnak führten wir ein Gespräch mit NEWROZ in Sirnak Nähe der Stadt Hasankeyf und eröffneten
dem Vorsitzenden der DTP und mit der einen Kulturpark. Zum größten Teil ka-
DTP-Stadträtin und einem DTP-Bezirks- Schon in den frühen Morgenstunden hör- men die Delegierten aus Europäischen
vertreter. Sie erzählten, dass seit einem ten wir überall kurdische Musik auf den Ländern wie Deutschland, Frankreich,
Monat die Vorbereitungen von Operatio- Straßen. Wir waren um 9.00 Uhr am Belgien, Schweiz, Österreich, Slowakei,
nen stattfinden, seit 3 Tagen jedoch ganz Sammelplatz. Die Männer in traditionel- Italien, Großbritannien, Baskenland in
die kurdische Region. Die größte und gut
vorbereitete Gruppe mit 65 Teilnehme-
rInnen kam aus Italien .
Es gab Redebeiträge von Bürgermeis-
ter Hasankeyfs Abdul Vahap Kusen und
des Vertreters der Initiative „Rettet Ha-
sankeyf“. Bianca Jagger, internationale
Menschenrechtskampagnerin und Träge-
rin des Alternativen Nobelpreises, forder-
te von den beteiligten Regierungen, keine
Exportbürgschaft zu gewähren. Aus-
drücklich forderte sie Kanzlerin Angela
Merkel als aktuelle Ratspräsidentin auf,
keine Bürgschaft für dieses Projekt zu ge-
nehmigen.
Newrozfeier in Sirnak Die Initiative „Rettet Hasankeyf“ wird
auch von 16 deutschen und österrei-
massiv, verstärkte Truppenkonzentration, len Anzügen waren schon vor uns am chischen Europaabgeordneten sowie 25
Spezialeinheiten in Cudi-, Gabar- und Sammelplatz, Frauen und Kinder in tra- Abgeordneten des deutschen Bundesta-
Bestaberg. Die Sondereinheiten kommen ditionellen Trachten kamen nach und ges unterstützt. In einer Grußbotschaft
aus den Städten Bolu, Sivas und Kayseri. nach dazu. Es gab 3 Kontrollpunkte zur bekräftigten die Abgeordneten ihre Ab-
Laut Bericht der Dorfbewohner soll es Sammelstelle, umzingelt von bewaffne- lehnung des Projektes.
am Berg Gabar Schüsse gegeben haben, ten Polizisten und Sicherheitskräften und Nach einer Pressekonferenz weihte Fr.
eine Leiche soll von den Soldaten in der Paramiltäreinheiten. Immer wieder hör- Bianca Jagger mit dem Bürgermeister,
Nähe des Friedhofs begraben worden ten wir Militärhubschrauber über uns sowie lokalen und internationalen Um-
sein. Wegen der zugespitzten Lage traut fliegen. Nach strenger Kontrolle erreich- welt- und Menschenrechtsorganisationen
sich niemand zum Friedhof zu gehen und ten wir die Sammelstelle. Das Programm und zahlreichen Gästen aus ganz Europa
sie auszugraben, um sie zu identifizieren. begann um 10.00 Uhr. und der Türkei einen „Park der Hoffnung
In Sirnak gibt es 10 Kontroll-Stütz- Es gab Redebeiträge von DTP- Vorsit- und Solidarität“ in Hasankeyf ein. Es
punkte. Auch hier erfuhren wir über die zenden, von DÖKH, von einer Friedens- wurden über 100 Bäume als ein Symbol
Repressalien gegen die Parteimitglieder. mutter und Sirnaks Bezirksvertreter. Im- für Frieden und Hoffnung in einer feierli-
Innerhalb eines Monats sollen 7 Mitglie- mer wieder wurden Parolen wie „Stoppt chen Zeremonie am Ufer des Tigris ge-
der und 3 Vorstandsmitglieder der DTP die Operationen“, „ Frieden jetzt“, „ Ge- pflanzt. ■
verhaftet worden sein. Familien der Ge- sundheit Öcalans ist unsere
fangenen berichteten über sichtbare Fol- Gesundheit“, „ Frau, Leben,
ter am Körper und deren psychischen Zu- Freiheit“. Das Fest verlief
stand. Auch die Familienangehörigen zwar noch friedlich, es gab
sind ständigem Druck ausgesetzt. In der aber 10 Verhaftungen, Kinder
Kommune Sirnaks sind zwei Parteien und Frauen. Später erfuhren
vertreten. DTP und AKP. DTP hat 17 wir, dass sie wieder freigelas-
Stadträte, davon 4 Frauen und AKP 8 sen worden sind. Mit einer Be-
Männer. Alle Vertreter waren der Mei- teiligung von ca. 20.000 Men-
nung, dass die EU eine große Rolle für schen (Einwohnerzahl von Sir-
die Herstellung der Menschenrechte in nak: ca. 45.000) war die Sehn-
der Türkei spielen könnte. sucht dieser Menschen nach
Am 20.3, am Newroz-Vortag zündet Frieden und Freiheit nicht
man traditionell das Newrozfeuer und übersehbar.
springt über das Feuer und tanzt um das Internationale Kampagne
Feuer. In der Provinz Uludere von Sirnak „Rettet Hasankeyf“
soll am Vortag des Newrozfestes die Po-
lizei ins Feuer geschossen haben, dabei Am 23.3. beteiligten wir uns
seien 3 Menschen verletzt und einer da- an der internationalen Aktion
von schwer. Nach dem wir das erfuhren, gegen den Ilisu Staudamm in
gingen wir ins Krankenhaus in Sirnak Hasankeyf. Die historische
und wollten etwas über den Gesundheits- Stadt Hasankeyf und hunderte
zustand des Verletzten erfahren. Der andere antike Kulturgüter im
Oberarzt berichtete, dass sie ihn erfolg- Tigristal würden durch den Einweihung des Parks in Hasankeyf

: antifaschistische nachrichten 7-2007 13


: neuerscheinungen, ankündigungen
Jahrhunderte gelegentlich die
lang näherten anderer Regierun-
Christen den gen aus EU-Staa-
Stolpersteine – all- schlagen mit Erläuterungen Hass auf die Ju- ten – aber nur sel-
tägliche Erinnerung zur Verfolgungsgeschichte den. Sie gaben ten lesen wir etwas
und je einem kurzen Beitrag ihnen die Schuld über die Positionen
an die Opfer des zu jedem, dessen auf diesem an Unglück und von Kurden zur
Faschismus Weg gedacht wird. F ■ Katastrophen. Beitrittsfrage.
Wie kam es zu Hier schafft die
Über 7000 sog. „Stolperstei- Beate Meyer (Hg.): Die diesem Hass ? 2005 an der „Ham-
ne“, in den Bürgersteig einge- Verfolgung und Ermordung Rudolf Hirsch burger Universität
lassene Messingplatten für der Hamburger Juden und Rosemarie für Wirtschaft und
Opfer des Nationalsozialis- 1933-1945. Geschichte. Schuder decken Politik“ (HWP) als
mus, haben die Erinnerungs- Zeugnis. Erinnerung, Wall- die gesellschaftlichen, ideolo- Diplomarbeit durchgeführte
kultur in Deutschland berei- stein Vlg., Göttingen 2006, gischen und sozialpsycholo- Untersuchung Abhilfe. Seba-
chert. Mit ihnen befassen sich 232 S., 19 Euro gischen Quellen auf, aus de- hattin Topçuoglu interviewte
die von der Historikerin Bea- nen sich Antisemitismus und zwölf Repräsentanten der
te Meyer versammelten Bei- Der gelbe Fleck Judenhass speisten. Sie be- kurdischen Gesellschaft in
träge mit Hamburger Schwer- schreiben, welchen sich wan- der Türkei und wertete die
punkt. Die Einbettung dieser Kürzlich wurde in der Schwe- delnden Diskriminierungen Antworten aus. Das Ergebnis
Mahnmale in die Stadtteile riner Volkszeitung ein angeb- und Repressionen die im fasst Prof. Norman Paech in
hole das Gedenken, so die liches Tabu-Thema aufgegrif- deutschen Sprachraum leben- seinem Vorwort zu der Arbeit
Herausgeberin, ins „alltägli- fen – die These vom Ritual- den Juden ausgesetzt waren so zusammen:
che() Leben“ – auch als mord der Juden an Christen- und mit welchen Vorurteilen „Übereinstimmend sehen
„Kontrapunkt zu den großen, kindern. Das Jahrhunderte diese gerechtfertigt wurden. die kurdischen Repräsentan-
aus dem Alltag ausgelagerten alte Vorurteil hat sich, trotz So wurde beispielsweise die ten den vor ihnen liegenden
Gedenkorten“. Das Buch ist unter Folter erzwungener an- Zeit der Pest nicht zufällig Beitrittsprozess als histori-
allen zu empfehlen, die sich geblicher Beweise, trotz von einem Anwachsen des sche Chance für die Entwick-
dafür einsetzen möchten, dass päpstlicher Zurückweisung Antisemitismus begleitet. lung der Menschenrechte und
die Erinnerung an die im Fa- dieser These und ganzer Kon- Die Autoren zeigen aber Demokratie in der Türkei an.
schismus Ermordeten nicht ferenzen im Mittelalter, die auch auf, wie sich die wirt- Sie halten die gesetzlichen
verblasst. Insbesondere inte- regelmäßig deren Absurdität schaftliche Situation und die Reformen der vergangenen
ressierte SchülerInnengrup- belegten, bis heute in vielen soziale Stellung der jüdischen Jahre zwar für wichtig, schät-
pen, Geschichtswerkstätten Köpfen erhalten. Das Lokal- Bevölkerung veränderte. Pa- zen sie jedoch als vollkom-
oder Antifa-Initiativen wer- blatt distanzierte sich zwar rallel entwickelten sich Le- men unzureichend ein. Aus
den hier wertvolle Unterstüt- von dem Vorurteil, unternahm bensweise, Tradition, Kunst ihrer eigenen Erfahrung kön-
zung für ihre Arbeit finden. aber keine Anstrengungen, und Kultur. Die wirtschaftli- nen sie dabei auf die große
Die Widerstände, die es in die Herkunft und die histori- che Kraft und Innovationsfä- Diskrepanz zwischen den ge-
Hamburg zu überwinden galt, schen Wurzel des Antisemi- higkeit der jüdischen Mitbür- setzlichen Reformen und der
dürften typisch für den Um- tismus dem interessierten Le- ger beförderte schließlich den Umsetzung in der Praxis ver-
gang mit den NS-Verbrechen ser näher zu bringen. Sprung aus dem Mittelalter weisen. Die Reformen haben
in ganz Deutschland sein. Dies leistet das bereits hin zum frühkapitalistischen nicht wirklich grundlegend zu
Das Tiefbauamt versuchte, 1989 erschiene Buch „Der Aufbruch in Religion, Wis- einer Mentalitätsänderung im
die Verlegung der ersten Stol- gelbe Fleck“ von Rosemarie senschaft, Kultur und Wirt- gesellschaftlichen Leben und
persteine zu verhindern, weil Schuder und Rudolf Hirsch. schaft. Rosemarie Schuder im Staatsapparat geführt. Sie
deren Rutschfestigkeit nicht Wiederholte Auflagen bis in und Rudolf Hirsch haben mit vermuten, dass die Oberfläch-
nachgewiesen sei, der Bezirk die jüngste Zeit hinein bele- ihrem reich illustriertem lichkeit des Reformprozesses
Bergedorf wollte jede Stein- gen das beständige Interesse Buch einen eindrucksvollen darauf zurückzuführen ist,
setzung unterbinden, weil die der Leser an diesem Thema. Beitrag zur Geschichte der dass er nur auf Grund des
Häuser, vor denen sie hätten Angesichts eines stabilen An- deutschen Juden vorgelegt. Druckes der EU in Gang ge-
platziert werden sollen, an teils antisemitischer Vorurtei- Dr. Axel Holz ■ setzt wurde. Nicht nur das
Wert verlören. Auch etliche le in Teilen der Bevölkerung Militär, sondern offensicht-
BürgerInnen stellten sich (Vom Rand zur Mitte, Fried- Rudolf Hirsch / Rosemarie lich alle türkischen staatli-
quer. „In diesem Sinne bildet rich-Ebert-Stiftung 2006) ist Schuder: Der gelbe Fleck. chen Institutionen und Partei-
der einzelne Stolperstein ei- das Buch ein guter Fundus Wurzeln und Wirkung des en tragen an dieser Fehlent-
nen Stachel und einen Prüf- zur gezielten Auseinanderset- Judenhasses in der deut- wicklung Schuld.
stein, wie ehrlich wir mit uns zung mit den historischen schen Geschichte, PapyRos- Deutlich wird bei dieser
sind“, heißt es im Vorwort. Fakten der fast tausendjähri- sa, Berlin 2006, 766 Seiten, Befragung auch, dass die EU
Der Band bietet mehrere gen Ausgrenzung jüdischer 28 Euro kein eigenes Konzept für die
historische Beiträge, v.a. über Bürger und der Verfestigung kurdische Frage in der EU
die Deportation der jüdischen antisemitischer Vorurteile. EU-Beitritt aus kurdi- hat. Ihr ist die Zypernfrage
Bevölkerung Hamburgs. Be- Ein Phänomen, auf das auch immer noch wichtiger, ob-
richte Überlebender über ihre die Nazis geschickt zurück- scher Perspektive wohl oder vielleicht gerade
Verfolgung und das Grauen in griffen und große Bevölke- Aus unseren Tages- und Wo- weil sie ungleich weniger
den Konzentrations- und Ver- rungsteile emotional instru- chenzeitungen erfahren wir komplex ist als die Kurden-
nichtungslagern ergänzen das mentalisierten. Der Holocaust die Ansichten unserer Regie- frage. Die Nato hat sich trotz
Buch. Im Anhang wird ein ist letztlich auch ein Resultat rungen und Parteien zum EU- der langjährigen Mitglied-
Rundgang durch’s Grindel- nichtaufgeklärten Antisemi- Beitritt der Türkei, auch die schaft der Türkei nie um die
viertel – wo viele Jüdinnen tismus‘. bekannter türkischer Persön- Frage der Menschenrechte
und Juden lebten – vorge- lichkeiten und Institutionen, und Kurden gekümmert.

14 antifaschistische nachrichten 7-2007


: ostritt
Das Minderheitenkonzept der EU bie- „Einwanderungsgesellschaft: Interkultu-
tet für die Kurden ebenso wenig eine po- ralität“, „Einwanderungsgesellschaft:
litische Lösung wie die Kopenhagener Religion“ sowie „Nationalsozialismus
Kriterien, da beide sich auf die individu- und Umgang mit der NS-Geschichte“ Europäische „Vertriebenen“-
ellen Menschenrechte der Einzelnen be- werden die einzelnen Filme inhaltlich union?
ziehen und nicht die kollektiven Rechte und durch formale Angaben nach Länge Deutsche, österreichische und italienische
eines großen Volkes wie das der Kurden und Erscheinungsjahr beschrieben. Das Organisationen beschließen an diesem Wo-
von ca. 15 Millionen Angehörigen ga- Verzeichnis umfasst sowohl aktuelle Fil- chenende die Gründung einer „Europäi-
rantieren. Die Skepsis vieler Kurden me als auch Filme, die in der Bildungs- schen Union der Flüchtlinge und Vertriebe-
nährt sich auch aus der Tatsache, dass arbeit als „Klassiker“ gelten. Es bietet nen“. Das Gründungstreffen, das am 29.3.
sie faktisch nicht an dem Verhandlungs- einen anschaulichen und informativen begann, findet an der italienisch-kroati-
prozess des Beitritts beteiligt sind. Zugang zu Filmen, die in der außerschu- schen Grenze statt und verstärkt den Druck
Nach wie vor werden ihre politischen lischen Jugendbildungsarbeit eingesetzt auf die Nachfolgestaaten Jugoslawiens.
Organisationen unterdrückt und illegali- werden können. Damit eine gezielte Die „Vertriebenen“ erheben milliarden-
siert. Umso mehr projizieren sie ihre Filmsuche erleichtert wird, sind die ein- schwere Eigentumsforderungen und wol-
Hoffnungen und Wünsche auf die euro- zelnen Rubriken des Verzeichnisses zu- len den jüdischen Opfern der NS-Massen-
päischen Staaten und Parteien, die Bei- sätzlich in die Filmgattungen „Doku- vernichtung gleichgestellt werden. Hinter
trittsverhandlungen zu einer Lösung der mentationen“, „Spielfilme“ und „Kurz- der europäischen Kulisse des Treffens von
kurdischen Frage zu nutzen.“ filme“ aufgeteilt. Um die Nutzungs- Triest sind mehrere Vorfeldorganisationen
Besonders erfreulich ist, dass alle In- freundlichkeit zu optimieren, wird das der deutschen Außenpolitik tätig.
terviews im Anhang abgedruckt sind. Verzeichnis durch Verweise auf Verleih- Dem jetzt stattfindenden Treffen an der
M. ■ stellen aus dem gesamten Bundesgebiet italienisch-kroatischen Grenze gingen
abgerundet. jahrelange Kontakte zwischen deutschen
Sebahattin Topçuoglu: „Der Beitritt Der Einsatz von audiovisuellen Me- und italienischen Organisationen voraus.
der Türkei zur Europäischen Union dien ist zu einem unverzichtbaren Be- Federführend sind der „Bund der Vertrie-
aus der kurdischen Perspektive. Eine standteil der Jugendarbeit geworden: In benen“ (BdV) und die „Sudetendeutsche
empirische Untersuchung“, GNN, Seminaren, auf Workcamps, in Projek- Landsmannschaft“ (SL, Bundesverband).
Hamburg, Dezember 2006, kart., 176 ten oder Jugendbegegnungen werden Als Außenstelle im früheren Kampfgebiet
Seiten, 12 Euro, ISBN 3-938372-06-0 Filme eingesetzt, um den Einstieg oder der faschistischen Achsenmächte ist die
Bestelladresse: GNN-Hamburg, Neu- die Vertiefung der bearbeiteten Themen „Unione degli Istriani“ tätig. Sie erhebt
er Kamp 25, 20359 Hamburg, email: zu erleichtern. Es gibt eine große Aus- Ansprüche auf italienische Vorkriegsbe-
gnn-hh@hansenet.de wahl an Filmen, die sich mit der inter- sitzungen an der dalmatinischen Adria-
kulturellen Gesellschaft in Deutschland, küste, die heute zu Kroatien gehört (Pula,
Online Film- und Videover- der Lebensgestaltung junger Muslime Rijeka, Losinj).[1] Das Gebiet war 1944
und Muslima, mit Zivilcourage, Diskri- von jugoslawischen und alliierten Trup-
zeichnis minierungs- und Rassismuserfahrungen, penverbänden befreit worden.[2]
Das Informations- und Dokumentations- dem Umgang mit der nationalsozialisti- Dem Kongress vorgeschaltet ist ein
zentrum für Antirassismusarbeit e. V. schen Vergangenheit oder aktuellen Fa- „weltweiter Appell“, in dem „Ansprüche“
(IDA) hat sein Film- und Videoverzeich- cetten des Rechtsextremismus auseinan- auf konfisziertes Eigentum angemeldet
nis in aktualisierter und erweiterter dersetzen. Das IDA Film- und Videover- werden.[3] Da jüdischen Gemeinden eine
Form online auf der Homepage veröf- zeichnis des IDA e. V. bietet durch seine solche Wiedergutmachung zusteht, müss-
fentlicht. Für die Aktualisierung wurden inhaltlichen und filmtechnischen Anga- ten auch die „Vertriebenen“ in den Ge-
über 250 Filme recherchiert, die unter ben eine Hilfestellung für all diejenigen, nuss ähnlicher Rechtstitel kommen, heißt
www.IDAeV.de/antirassismus_filmver- die aus dieser Vielzahl den richtigen es in Gleichstellung der rassistischen NS-
zeichnis.htm dokumentiert und in the- Film für ihre Veranstaltung suchen. Arisierungen mit politischen Nachkriegs-
matische Rubriken eingeteilt sind. Da- Düsseldorf, 28. März 2007 gesetzen souveräner UNO-Mitglieder.[4]
durch wird eine gezielte Recherche Großräumig wird es bei der „Europäi-
möglich. In den Rubriken „Rassismus/ IDA e. V., info@IDAeV.de schen Union der Flüchtlinge und Vertrie-
Antirassismus“, „Rechtsextremismus“, www.idaev.de benen“ zugehen, deren Proklamation an
diesem Wochenende in Triest erwartet
wird. Die zukünftige „Verhandlungsstär-
ke“ des aus Berlin beschickten Verbandes
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. könne bei den EU-Mitgliedern im Osten
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de ein „beachtliches Gewicht darstellen“,
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach heißt es im drohenden Ton der „Vertriebe-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, nen“, die Milliardenbeträge und Eigen-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, tumstitel fordern.[5]
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel.
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. [1] s. dazu Weder Sieger noch Besiegte
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. [2] Europa unterm Hakenkreuz. Bd. 6, Berlin 1991
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind [3] Un appello a tutto il mondo per l’istutizione di
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. un forum indipendente competente sulle rivendica-
zioni delle proprieta confiscate
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- [4] „Recalling EP resolution (...) on return of plun-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung dered property to Jewish communities...“, Punkt 19
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. des Appells.
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun- [5] 1. Internationaler Kongress der Vertriebenen
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf- und Flüchtlinge in Europa; Unione degli Istriani
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- 29.03.2007
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Marion Bentin, Edith Berg-
mann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–
stark gekürzter Bericht von german-foreign-policy
Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in siehe auch: http://www.german-foreign-
der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard policy.com/de/fulltext/56803?PHPSESSID=527s0
Strasdeit; Volkmar Wölk. 2280in272u4hfa1mhbpv6 ■

: antifaschistische nachrichten 7-2007 15


: aus der faschistischen Presse
entsteht automatisch im Bewusstsein der
Leser(innen): Die Menschen sind von
Natur aus nicht gleich, diese Ungleich-
Zurück zur Natur! die Fiktion des Klassenkampfes... Alle heit, die natürlich nicht nur körperliche
Nation & Europa März 2007 späteren Revoluzzer und Wortführer der sondern auch geistige und gesellschaftli-
Für das Umschlagbild eines Science- ,Emanzipation‘ können sich auf Marx che Merkmale umfasst, ist genetisch be-
Fiction-Romans könnten Uneingeweihte berufen, der alle bisherige Geschichte als dingt und daher auch nicht veränderbar.
das Titelbild der Märzausgabe von „Na- Wechselspiel der immer gleichen – näm- Daher herrschen „Weiße“ über „Schwar-
tion & Europa“ halten: Eine große Zahl lich antagonistischen sozialen Frontstel- ze“, Europäer über Afrikaner, „Germa-
wie geklonte Barbies und Kens ausse- lung (fehl)interpretierte...“. Zweitens: nen“ über „Slawen“, Reiche über Arme –
hender weißblonder Kinderköpfe mit „Fatale Wirkung entfaltete der Marxis- ist Gesellschaft eben so wie sie ist (von
seltsam starren, leuchtenden Scheinwer- mus, als er sich in der ersten Hälfte des der Natur so gewollt) und nicht veränder-
feraugen illustrieren das Schwerpunkt- 20. Jahrhunderts mit einer anderen Pseu- bar. Wie im Lehrbuch wird an dieser Ar-
thema des Heftes: „Gender Main- do-Religion vermengte, dem Freudianis- gumentation sichtbar, wo und wie fa-
streaming: Schöne neue Gleichheit“. Das mus“. schistische Ideologie an die des alten und
Thema erscheint für eine Zeitschrift wie Dritter Schritt: Was aber macht diese neuen Konservatismus anknüpft.
N&E eher seltsam, tat sich die rechte beiden wichtigsten geistigen Erscheinun- Auch so kann die Terrorherrschaft der
doch bisher nicht eben als Vorkämpferin gen des 20. Jahrhunderts zu Feinden des Nazis normalisiert und reingewaschen
neuer Geschlechterverhältnisse hervor Natürlichen? „Beide trafen sich im sek- werden:
sondern stimmte in dieser Frage völlig tenhaften Glauben an die gesellschaftli- „Wie schon für Bundeswehrsoldaten,
mit traditionell konservativ/reak- che – und nicht genetische so sollen künftig auch für Angehörige
tionären Vorstellungen überein. – Prägung des Menschen der Bundespolizei, des früheren Bundes-
Daran hat sich, wie nach Lektüre sowie an die beliebige Ver- grenzschutzes, Auslandseinsätze zur
des Beitrages von KARL RICH- änderbarkeit aller Dinge“. Pflicht werden, jedenfalls wenn es nach
TER „Neue linke Umerzie- Abgesehen davon, dass dem Bundesinnenministerium geht....
hungs-Ideologie: Der Gender- Richters Behauptung blü- Zuletzt waren größere Kontingente deut-
Irrsinn“ festzustellen ist, auch hender Unsinn ist, weder scher Polizei in der Sowjetunion und auf
nicht das Geringste geändert. Marx noch Freud haben dem Balkan im Auslandseinsatz – zu-
Der N&E-Redakteur scheint jemals behauptet, alle Din- sammengefaßt in SS-Polizei-Regimen-
vielmehr seinen Leser(inne)n ei- ge seien beliebig veränder- tern und SS-Polizei-Divisionen. Zu ihren
nen Schnellkurs in rechter Un- bar (wer könnte sich schon Hauptaufgaben im Zweiten Weltkrieg
gleichheitsideologie geben zu eine beliebige Veränder- zählte die Sicherung des Hinterlandes
wollen: barkeit z.B. kosmischer und die Partisanenbekämpfung. Auch in
Erster Schritt: „Wir leben in einem Gegebenheiten oder naturwissenschaftli- Afghanistan will der Widerstand gegen
Zeitalter, das sich zusehends vom Natür- cher Gesetze vorstellen oder dies ernst- die US-Truppen und ihre Verbündeten
lichen abnabelt.... die fortschreitende haft behaupten), wird langsam bemerk- einfach nicht erlahmen“. Wenn also die
Denaturierung unserer Lebensverhältnis- bar, worauf der Autor hinaus will. Aber SS-Mörderbanden auch nichts anderes
se und der galoppierende Bildungsver- zuvor kommt noch schnell eine Prise Na- taten als Bundeswehrsoldaten heute,
lust der ehemals zivilisierten ,weißen‘ zivokabular zum Einsatz: „...hatte der kann ja alles nicht so schlimm gewesen
Gesellschaften der nördlichen Hemi- Marxismus ja an der Seite des westlich- sein.
sphäre, ist die ideale Brutstätte des Irr- plutokratischen Materialismus soeben N&E-Redakteur DETLEV ROSE
sinns“. Damit wäre der wichtigste Be- den auf Abstammung und Erbgut behar- stellt „Die Systemfrage“: „Wie wandelt
griff, der des „Natürlichen“ eingeführt renden ,Rassismus‘ der ,Nazis‘ bezwun- man Frust in Widerstand?“. Sein Rat an
und gleichzeitig die Behauptung aufge- gen“. Das dieser Rassismus ideologi- die Rechtsparteien: Gebt euch seriös!
stellt, das Übel bestünde in der Entfer- scher Vorwand für die Ermordung von „Deutlich artikulierte Kritik an den de-
nung von diesem angeblichen Naturzu- Millionen Menschen war, schweigt mokratischen Defiziten des Regimes,
stand. Richter natürlich klugerweise. muß einhergehen mit einem seriösen Er-
Zweiter Schritt: Einführung der Fein- Der vierte Schritt, die Schlussfolge- scheinungsbild. Das bedeutet auch, nicht
de des Natürlichen. Erstens: „Der Mar- rung aus den ersten dreien, braucht nicht nur für Jungwähler und Arbeitslose at-
xismus... Marx’ treibender Impuls war einmal mehr formuliert zu werden – sie traktiv zu sein, sondern tatsächlich ,in die
Mitte der Gesellschaft‘ vorzustoßen,
dorthin, wo das Gros der Wähler noch
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
immer auf eine politische Alternativkraft
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: wartet. Den Republikanern, heute nur
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich noch ein Schatten ihrer selbst, war das
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
einst bundesweit gelungen. Auf breiter
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Front erfolgreich sein kann nur eine
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Rechtspartei, die zugleich als volksver-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). wurzelt und in Distanz zum etablierten
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Parteienkartell erlebt wird. Eine Partei,
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) die die bereits Ausgegrenzten und De-
klassierten genauso anspricht, wie den
Name: Adresse: ,Mittelstand‘: die Arbeiter, Angestellten,
Handwerker, Freiberufler, Kleinunter-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts nehmer, die sich einer stetigen Ver-
schlechterung ihrer Lage gegenüberse-
Unterschrift hen“.
Man darf gespannt sein, wie lange die
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
empfohlene äußerliche Seriosität anhält.
tri ■

16 : antifaschistische nachrichten 7-2007