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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 26.7.2007 23. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

keinen Grund. Die DVU macht traditio-


nell keinen Straßenwahlkampf wie z.b.
die NPD, sondern überschwemmt mittels
Freys Millionen, Briefkästen mit unge-
wollter Post und die Straßen mit massen-

Inhalt:
Das Dilemma der Kölner
Moscheediskussion . . . . . . . . . . . . 7
: meldungen, aktionen
warum vertreten sie dann türkische Inte-
ressen? Sie brauchen sich also auch nicht
zu wundern, wenn sie von einem Groß-
teil der Deutschen nicht als Deutsche an-
DVU fliegt aus Bremer Die Zentrale der DVU in München gesehen werden“. Wo sich „Pro Mün-
Bürgerschaft forderte Tittmann auf, sein Mandat zu- chen“ politisch verortet, konnte man
Bremen. 20 Jahre war Siegfried Titt- rückzugeben, der bereits angekündigt auch auf dem „9. Münchner Neujahrs-
mann das Gesicht der rechtsextremen hat, seine beiden Mandate bis 2011 be- treffen“ Ende Januar in Fürstenfeldbruck
DVU im Land Bremen. Am 15. Juli hat halten zu wollen. kun ■ sehen. Auf der gemeinsam mit der
er die Mitgliedschaft gekündigt. Gegen- „Deutschen Partei“ (DP) organisierten
über den Medien sagte Tittmann, er habe Konzept „Volksgemein- Veranstaltung in der Hotelgaststätte „Ha-
aus persönlichen Gründen die Deutsche senheide“ sprachen neben dem DP-Bun-
Volksunion verlassen. Dennoch lassen schaft“ desvorsitzenden auch der Chef der NPD-
sich auch politische Differenzen bei ihm München. In einem Leserbrief in der Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vor-
heraushören: Der Bremerhavener DVU- neofaschistischen Zeitschrift „Nation pommern, Udo Pastörs, und der bayri-
Chef ließ durchblicken, dass man ihn in und Europa“ (3-2007) lobte der Kreisrat sche NPD-Landesvorsitzende Ralph Ol-
der Parteizentrale in München für das der extrem rechten „Deutschen Partei“ lert. Thomas S. Fischer, der viele Jahre
schlechte Wahlergebnis der DVU verant- (DP), Wolfgang Bukow aus Gröbenzell, für die nationalistische „Deutschland-
wortlich macht. Die rechtsextreme Partei die „Bürgerbewegung pro München“ in Bewegung“ aktiv war und gegen den in
war bei der Stadtverordnetenwahl im den höchsten Tönen. „Pro München“ ori- der CSU ein Ausschlussverfahren läuft,
Mai auf 5,8 Prozent abgesackt. In der Er- entiere sich „am Vorbild des Nationalen sprach über den desolaten Zustand seiner
klärung der DVU zum Austritt wird er- Bündnis Dresden und distanziert sich Partei. Rüdiger Schrembs, einer der drei
wähnt, dass der Bremer Landesverband ausdrücklich von jeglicher Abgrenzung“, Sprecher von „Pro München“ und zu-
nach drei Legislaturperioden für die so Bukow. Die im Januar 2006 gegründe- gleich im Landesvorstand der NPD, rief
kommenden Wahlen ein neues Gesicht te Bürgerinitiative „Pro München“ e.V. die Bürger der Landeshauptstadt dazu
gefordert habe. Tittmann spricht von sei „ein Zusammenschluß von Patrioten auf, „der großen Alternative in der Stadt-
„neuen Konzepten“, die er nicht mehr aller nationalen und freiheitlichen Partei- politik ihre Stimme zu geben“. In den
mittragen könne, obwohl er noch zur en und Organisationen“. In „diesem Farben schwarz-gelb erschien im De-
Bundestagswahl 2005 im Rahmen des Bündnis arbeiten Mitglieder der NPD, zember 2006 mit einer Startauflage von
Deutschlandpaktes auf dem Ticket der der DP, der CSU(!), des Konvents der 25 000 Exemplaren eine erste Zeitung
NPD auf dem 2. Platz der niedersächsi- Russlanddeutschen und der freien Kame- von „Pro München“. Mit regelmäßigen
schen Landesliste antrat. radschaften mit ehemaligen Mandatsträ- Informationsständen und „kreativen Ak-
Der 53-jährige gelernte Einzelhan- gern und Funktionären der Republikaner tionen“ will man nun „Pro München“ be-
delskaufmann war seit über 10 Jahren in und des BFB eng zusammen für den kannt machen und „die Schweigespirale
seiner Partei der stellvertretende Landes- Sturm auf das Münchner Rathaus“. der Medien“ unterbrechen. Gerne
vorsitzende. Seit 2004 war Siegfried Titt- Vor Ort stellt sich „Pro München“ als schmückt man sich auch mit dem Wahl-
mann einer von zwei stellvertretenden „das Sprachrohr des „kleinen Mannes“ erfolg von „Pro Köln“ in der Domstadt.
Bundesvorsitzenden der DVU. Seit 1991 und als „sozial-patriotische Kraft“ dar, Die stellvertretende Vorsitzende von
ist er zudem Stadtverordneter in Bremer- „die die Sorgen und Probleme der „Pro Köln“ bzw. „Pro NRW“, Judith
haven und zwei mal (1999 und 2003) Münchner aufgreift und interessante Lö- Wolter, kürzlich erneut Interviewpartne-
wurde Tittmann in die Bürgerschaft ge- sungskonzepte anbieten kann“. rin der „Deutschen Nationalzeitung“ des
wählt. Die DVU kam bei diesen Wahlen Als Stimme der „Mehrheitsmeinung DVU-Chefs Frey, war bereits zu Gast in
in Bremerhaven knapp über die Fünf- der Einheimischen“ versteht sich Stefan München und begeisterte über 70 Zuhö-
Prozent-Marke. (In der Stadtgemeinde Werner, einer der Sprecher von „Pro rer vom Konzept eines „Aufbaus von un-
Bremen blieb die Partei unter 1,4 Pro- München“. Der hatte zuletzt 2005 als ten“.
zent). Zur Bundestagswahl 2005 trat Titt- Mitglied der extrem rechten „Deutschen Ob der von „Pro München“ anvisierte
mann im Rahmen des Deutschlandpaktes Partei“ auf der Liste der neofaschisti- Ratseinzug in Fraktionsstärke im März
auf der Liste der NPD auf dem 2. Platz schen NPD für den Bundestag kandi- 2008 auch tatsächlich erfolgen wird,
der niedersächsischen Landesliste an. diert. Die Forderung nach „Wiederher- steht derzeit noch in den Sternen. Aber
Nach Tittmanns Rücktritt kündigte ein stellung Münchner Identität anstatt fort- auch anderswo in Bayern blickt man aufs
weiteres DVU Mitglied in Bremerhaven schreitende Überfremdung“ gehört denn Rheinland. Im mittelfränkischen Wei-
seine Parteimitgliedschaft auf. Damit auch zu den Prioritäten von „Pro Mün- ßenburg-Gunzehausen gründeten kürz-
wird es nur noch einen DVU Abgeordne- chen“. lich zahlreiche ehemalige Mitglieder der
ten in der Bremerhavener Stadtverordne- Ein Drittel der Bevölkerung Mün- sog. „Republikaner“ den ersten bayeri-
tenversammlung geben. Das DVU Stadt- chens, nämlich diejenigen mit Migrati- schen Kreisverband von „Pro Deutsch-
verordnetenmitglied Anatoli Wolf will onshintergrund, würden damit faktisch land“. hma ■
sich mit Siegfried Tittmann solidarisie- ausgegrenzt. Und die „Multi-Kulti-Fana-
ren und aus der DVU austreten. Seine tiker“, wie sie „Pro München“ nennt, na- Kusch-Partei
Austrittserklärung werde umgehend an türlich auch. Auch die Aktivitäten gegen
die Parteizentrale geschickt, so Wolf zu den geplanten Moscheebau im Stadtteil Hamburg. Die von dem ehemaligen
Radio Bremen. Der dritte DVU Abge- Sendling nutzt „Pro München“ zur Profi- CDU-Justizsenator Roger Kusch mitge-
ordnete Rudolf Bargmann wird damit lierung. gründete Partei „Heimat Hamburg“ hat
Einzelabgeordneter im Bremerhavener Mit Blick auf den sogenannten „Inte- sich umbenannt. Künftig heißt die Partei
Stadtparlament. Wolf und Tittmann wol- grationsgipfel“ heißt es auf der Webseite „Rechte Mitte Heimat Hamburg“ und
len eine parteilose Gruppe gründen und von „Pro München“: „Die türkischen In- führt die Kurzbezeichnung „Kusch“. Ob
weiterhin in der Stadtverordnetenver- teressenverbände – auch in München – ein Name schon ausreicht, um 2008 in
sammlung aktiv sein. Auch in der Bremi- haben jedenfalls keine Forderungen zu die Bürgerschaft einzuziehen, wird sich
schen Bürgerschaft wird Siegfried Titt- stellen. Sie können sich dann auch nicht noch zeigen.
mann künftig als parteiloses Mitglied darauf berufen, dass sie Passdeutsche Zumal es viel Konkurrenz auf der
auftreten. sind. Denn wenn sie Deutsche wären, rechten Seite gibt. Auch die eher katho-

2 : antifaschistische nachrichten 15-2007


lisch geprägte „Deutsche Zentrumspar- triebsrat, Die Grünen und DIE LINKE. sächsischen Leutersdorf schwer verletzt
tei“ hofft in Hamburg auf einen Wahler- Weitere Unterstützer, auch Einzelperso- worden. Wie eine Polizeisprecherin in
folg. Ihr Spitzenkandidat für die Bezirks- nen, werden im Internet unter www.bo- Görlitz mitteilte, wurde der 20-Jährige in
versammlung Mitte ist Peter-Alexander cholt-stellt-sich-quer.de veröffentlicht. ein künstliches Koma versetzt. Weitere
von der Marwitz. Der Wirtschafts- und Am 4. August machte die Initiative mit Personen seien nicht verletzt worden.
Unternehmensberater war stellvertreten- einem Aktionsstand in der Bocholter In- Der Staatsschutz habe die Ermittlungen
der Bundesvorsitzender der „Offensive nenstadt auf ihre Unterschriftenaktion aufgenommen. In der Wohnung des
D“ und ließ sich Ende 2005 vom „Repu- „NPD-Verbot jetzt“ aufmerksam. Fast Mannes im Landkreis Löbau-Zittau sei
blikaner“-Organ „Zeit für Protest“ inter- 900 Unterschriften für ein Verbot der rechtsextremistisches Propagandamateri-
viewen. In Bergedorf kandidiert Dirk rechtsextremistischen NPD wurden da- al gefunden worden.
Nockemann, der früher bei der „Schill- bei gesammelt. Der Bocholter Aufruf Der Mann wollte den Angaben zufolge
Partei“ war. Auf den Webseiten der Ham- „Wir sagen nein zu Nazis in unserer in seiner im Erdgeschoss eines Mehrfa-
burger „Zentrumspartei“ ist die Rede Stadt!“ stieß ebenso auf ein großes Echo. milienhauses liegenden Wohnung am
vom „immer unverschämter auftretenden „Wir hatten alle Hände voll zu tun, es Mittwochabend aus verschiedenen hoch-
Islam“, dem unsere Politiker „Sonder- hat aber großen Spaß gemacht und die explosiven Chemikalien eine Rohrbom-
rechte“ einräumen. „Christlich und kon- Bürger hatten sich sehr erfreut darüber be bauen, als der Sprengkörper explo-
servativ orientierte Bürger“ hätten hinge- gezeigt, dass die Bürgerinitiative ins Le- dierte. Er habe schwerste Verbrennungen
gen „keine politische Heimat mehr“. ben gerufen wurde und sich gegen Nazis am ganzen Körper erlitten. In dem Ge-
Auch die jüngst in Bremen nur knapp an engagiert“, so das Resümee der rund 20 bäude habe sich zu diesem Zeitpunkt
der Fünf-Prozent-Hürde gescheiterte Aktivisten, die bis zum nächsten Info- sonst niemand aufgehalten. Bei der an-
Wählervereinigung „Bürger in Wut“ hält stand in vier Wochen jetzt auch in Betrie- schließenden Durchsuchung der Woh-
eine Teilnahme an der Hamburger Wahl ben, in Gaststätten, in öffentlichen Ein- nung hätten Spezialisten weitere hochex-
zumindest für möglich. Eine Entschei- richtungen und in Geschäften Unter- plosive Chemikalien gefunden. Da ein
dung darüber wird voraussichtlich im schriften sammeln wollen. Abtransport zu gefährlich gewesen sei,
Herbst fallen. hma ■ Auch der Aufruf der Bürgerinitiative habe man diese Chemikalien vor dem
zur Gegendemonstration und Kundge- Gebäude auf einer Wiese kontrolliert ge-
Bocholt stellt sich sprengt, sagte die Sprecherin.
nach Presseberichten ■
quer
Bocholt. Die Bürgerinitia- NPD-Nazikonzert („Fest der
tive „No Nazis. Bocholt
stellt sich quer!“ hat am Völker“) in Jena
Wochenende die Planung Jena. Am 8. September 2007 plant Ralf
ihrer Gegendemonstration Wohlleben, stellvertretender Landesvor-
gegen den Nazi-Aufmarsch sitzender der NPD Thüringen und Vorsit-
am 8. September festgelegt. zender der NPD Jena, zum dritten Mal
Demnach ist am 8. Septem- unter dem Titel „Fest der Völker“ die
ber ab 10.00 Uhr am Bo- Durchführung einer Neonazi-Veranstal-
cholter Bahnhof zunächst tung im thüringischen Jena. Die Veran-
eine Auftaktveranstaltung staltung findet wie immer unter maßgeb-
mit Musik, Kultur und Re- licher Beteiligung des in Deutschland
debeiträgen geplant, bevor (seit September 2000) verbotenen Neo-
sich der Demonstrationszug nazinetzwerkes „Blood and Honour“
um 12.30 Uhr in Richtung statt. Sowohl die auftretenden einschlä-
Innenstadt in Bewegung setzen wird. bung kam gut bei den Bürgern an. „Wir gigen Musikgruppen als auch die Vortra-
Bei der Gegendemonstration durch die rechnen am 8. September mit 1.000 plus genden gehören „Blood and Honour“
Innenstadt hofft die Bürgerinitiative auf X Teilnehmern, versuchen aber ganz oder anderen Neonazigruppierungen an.
weitere Demonstrationszüge zu stoßen, Bocholt und Umgebung auf die Straße zu Abgesehen vom „Fest der Völker“ gibt
um dann gemeinsam in Richtung Histo- bekommen“, so eine Teilnehmerin der es ähnliche Veranstaltungen der NPD in
risches Rathaus zu gehen, wo die rechts- Bürgerinitiative. Gefragt waren auch die Thüringen auch in Gera (unter dem Titel
extremistische NPD und ihre Jugendor- Aufkleber „No Nazis. Bocholt stellt sich „Rock für Deutschland“), bei denen un-
ganisation mit den so genannten „Freien quer“ und T-Shirts mit der gleichen Auf- ter dem Vorwand einer politischen De-
Kameradschaften“ und anderen Nazis schrift, von denen bereits fast 100 von monstration – ungestört von Polizei und
aus dem In- und Ausland für 14.00 Uhr Bocholter Bürgern getragen werden. Behörden – neonazistische Musikgrup-
eine landesweite Kundgebung durchfüh- Weitere Infos im Internet unter www.bo- pen auftreten können. Die braunen Stra-
ren will. cholt-stellt-sich-quer.de. Dort können tegen der NPD haben längst erkannt,
„Sollten die Nazis einen anderen Platz auch Materialien im Kampf gegen dass über Musik viele SympathisantIn-
zugewiesen bekommen, werden wir auch Rechts wie Unterschriftenlisten und der nen für ihre rassistische und neonazisti-
dort demonstrieren und deutlich machen, Aufruf zur Gegendemonstration herun- sche Politik zu gewinnen sind. Trotz der
dass die NPD und ihre Anhänger in Bo- tergeladen werden. offen neonazistischen Ausrichtung ge-
cholt unerwünscht sind“, heißt es in der Rainer Sauer niesst die NPD mit ihren Veranstaltungen
Pressemitteilung. Am späten Nachmittag Bürgerinitiative „No Nazis. Bocholt weitestgehende Toleranz bei den verant-
ist dann von der Bürgerinitiative noch stellt sich quer!“ ■ wortlichen Behörden. Diese müssen sich
eine Abschlusskundgebung am Bahnhof fragen lassen, wie es möglich ist, dass
geplant. Rechtsextremist in Sachsen sich unter Ausnützung des Demonstrati-
Der Aufruf der Bürgerinitiative zur onsrechtes Mitglieder von verbotenen,
Gegendemonstration am 8. September beim Bau einer Bombe neonazistischen Organisationen in
wird mittlerweile von vielen Einzelper- schwer verletzt Deutschland treffen können, um ihre ras-
sonen und Organisationen unterstützt Görlitz. Beim Bau einer Rohrbombe sistische, antisemitische und menschen-
wie Attac, DGB, ver.di, Siemens-Be- ist ein Anhänger der rechten Szene im verachtende Hetze zu verbreiten.

: antifaschistische nachrichten 15-2007 3


Wie in den Jahren 2005 und 2006 soll staben des Alphabets, wobei damit „Heil Neue Antifa-Recherche-
auch in diesem Jahr Bojan Rassate, der Hitler“ gemeint ist. Am 17. September Broschüre über Teltow-
Anführer der bulgarischen Neonazi-Ver- 2005 trat die Band anlässlich eines Kon-
einigung „Gvardija“, als Redner teilneh- zertes von „Blood and Honour“ und ihrer Fläming erschienen
men. Illés Zsolt („Elek“) (führender Ver- militanten Terrororganisation „Combat Das Antifa Recherche Team Teltow-Flä-
treter der ungarischen „Blood and Ho- 18“ im tschechischen Krtetice auf (Quel- ming (ART-TF) hat eine neue Ausgabe
nour“-Sektion) war so wie Stephen le: Tschechische Nachrichtenagentur der Recherche-Broschüre „Antifa Blick-
Swinfen (führendes Mitglied der engli- „ÈTK“) wobei anwesende Journalisten punkt“ veröffentlicht. Schwerpunktmä-
schen Mutterorganisation von „Blood „Sieg Heil“-Rufe und andere einschlägi- ßig handelt diese von den seit ca. zwei
and Honour“) und Nick Giohalas (Ver- ge Parolen wahrnehmen konnten. Link: Jahren aktiven, rechtsextremen, sog.
treter der nationalistischen „Golden http://www.tschechien-online.org „Freien Kräften Teltow-Fläming“
Dawn“-Bewegung in Griechenland) /news/1131-neonazi-skinhead-konzert- (FKTF). Laut ART-TF handelt es sich
schon im Jahr 2005 dabei. Alessandro polizei-schaut-untatig/. Laut „ÈTK“ bei dieser Neonazi-Gruppierung, die vor
Mereu, Leiter der italienischen Neonazi- wurde der Sänger von „Conflict 88“, Petr allem im nördlichen Teil des Landkreises
Organisation „Vertice Primo“ sowie Sän- Ouda, in Zusammenhang mit den Ermitt- agiert, „um einen losen Personenzusam-
ger der einschlägigen Band „Hate for lungen gegen „Blood and Honour“ straf- menhang nach dem Organisationskon-
breakfast“ war auch 2006 schon dabei. rechtlich verfolgt. zept der sog. „Autonomen Nationalis-
Die italienische Band „Ultima Fron- Die britische Band „Brutal Attack“, ten“, das sich vor allem durch Aktionis-
tiera“ trat bereits mehrmals bei Neonazi- die bereits 1980 gegründet wurde, gehört mus als durch eine inhaltlich fundierte
konzerten in ganz Europa in Erschei- zum „Urgestein“ der britischen Neonazi- Ideologie auszeichnet.“ (Zitat aus Antifa
nung. Am 17. September 2005 trat die szene. Die Gruppe hat rund 30 einschlä- Blickpunkt) Akteure dieses Zusammen-
Gruppe etwa anlässlich einer Veranstal- gige rassistische und neonazistische Ton- hangs sind regelmäßig auf Naziaufmär-
tung der Schweizer Division der Neona- träger veröffentlicht und war an einer schen im Raum Berlin/Brandenburg an-
ziorganisation „Blood and Honour“ in Reihe von Split-Tonträgern und Sam- zutreffen und zeichnen sich vor allem
Brig zusammen mit anderen braunen plern beteiligt. In ihrem Lied „Aryan durch Propagandaaktivitäten aus. Akti-
Bands wie „Tear Down“ (USA), Child“ auf dem Tonträger „White Pride – onsschwerpunkte sind in Ludwigsfelde
„Amok“ (CH), „Helvetica“ (CH), „Feld- White passion“ heißt es etwa (übersetzt): und Blankenfelde-Mahlow.
herren“ (D) und „Sleipnir“ (D) auf. „Arisches Kind hör zu was gesagt wird. Die Broschüre soll engagierten Men-
Die letztgenannte Band „Sleipnir“, Erheb deine Hand und lerne dein Land schen Aufschlüsse und Ansatzpunkte für
eine bekannte deutsche Rechtsrockgrup- zu lieben. Für die weiße Revolution nachhaltige, antifaschistische und kreati-
pe, soll ebenfalls in Jena auftreten. Am braucht es deine reine Hand (…)“. In ih- ve Aktionen bieten, aber auch Anwohner
16. Oktober 2004 konnte die Band „Ulti- rem Bandlogo verwendet die Gruppe die sowie Medien über das Treiben der noch
ma Frontiera“ – wieder ungehindert von in Deutschland verbotene „Sigrune“. relativ jungen Nazigruppierung aufklä-
Polizei und Behörden – zusammen mit Link zum Text xt:http://fightfascism. ren. Die Broschüre ist derzeit Online zu
anderen Nazibands bei einem „Blood word-press.com/2007/07/12/ beziehen unter:
and Honour“-Konzert in Boizenburg Gegenaktionen: http://jena.antifa.net/ ■ http://www.box.net/shared/7rgpuooo0k
(Mecklenburg-Vorpommern) auftreten In http://rapidshare.com/files/43837003/
ihrem Lied „Berlin bleibt deutsch“ (Ori- Sachsentag“ statt „Presse- AntifaBlickpunkt.pdf.html
ginaltitel) auf dem 2003 produzierten http://media.de.indymedia.org/me-
Tonträger „Non ci sono piu eroi“ heißt es fest“ dia/2007/07//188394.pdf ■
(übersetzt): „Ich verteidige Berlin und Dresden. Einen „Sachsentag“ will die
ganz Europa, die Heimat, die Ehre und NPD-Jugendorganisation JN zusammen Überfall auf das Netzwerk
Treue. Das eiserne Kreuz weht hoch im mit Neonazis aus „Freien Kräften“ am 4.
Wind, vorwärts ich gebe nicht auf. Berlin August in Dresden-Pappritz veranstalten. für Demokratische Kultur
bleibt deutsch, so steht es an der Wand. Das im Vorjahr dort abgehaltene „Deut- e.V. Wurzen
Berlin bleibt deutsch, im Herzen einge- sche Stimme-Pressefest“ fällt in diesem Wurzen. In der Nacht vom 6. zum 7. Juli
brannt. Berlin bleibt deutsch, heißt jetzt Jahr aus, teilte die NPD Sachsen in einer betraten gegen 0.30 Uhr drei mutmaßlich
meine Ehre“. Der Titel des Liedes be- kargen Meldung mit. Angekündigt sind der rechtsextremen Szene zugehörige
zieht sich offensichtlich auf den Befehl einige Rechtsrock-Musiker wie Asynja Männer, von denen einer ein T-Shirt der
„Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder (Schweden), Sachsonia und Frontalkraft Neonazi-Band Skrewdriver trug, das Ver-
deutsch und Europa niemals russisch“, (beide Deutschland) und die Sängerin einshaus des Netzwerk für Demokratische
den Adolf Hitler im April 1945 gab, als „Viking“ (Francesca Ortolani, Italien). Kultur e.V. (NDK) am Wurzener Dom-
die Befreiung Berlins von der national- Als Veranstalter werden auf einer eigens platz. Zu diesem Zeitpunkt befand sich
sozialistischen Diktatur durch die russi- geschalteten Webseite nicht nur die JN, noch ein ehrenamtlicher NDK-Mitarbeiter
sche Armee bevorstand. (Quelle: sondern auch „Freie Kräfte“ genannt. in den Büroräumen. Mehreren Aufforde-
http://www.berlinonline.de/berliner-zei- Neben NPD-Chef Udo Voigt und Holger rungen, das Haus zu verlassen, widersetz-
tung/archiv/.bin/dump.fcgi/2005/0416/ Apfel soll auch Sebastian Richter reden. ten sich die Männer. Als der NDK-Mitar-
politik/ 0091/index.html) Richter ist nicht nur führender Kopf der beiter die Polizei rufen wollte, versuchte
Die tschechische Band „Conflict 88“, Neonazis in der Lausitz, sondern seit einer der Männer ihn zu würgen. Der Mit-
die in der Veranstaltungswerbung der September 2006 auch JN-Landesvor- arbeiter konnte jedoch fliehen. Von den
NPD nur als „Conflict“ bezeichnet wird, stands-Mitglied. drei Männern wurden ein Laptop, Klein-
um deren ideologische Orientierung zu Im nächsten Jahr soll das „Pressefest geld aus der Kaffeekasse sowie ein Akten-
vertuschen, trat zusammen mit der eben- „mit einem veränderten Konzept“ neu ordner entwendet. Der Aktenordner ent-
falls für Jena geplanten Band „Before the gestartet werden. Das nun ausfallende hielt die Unterschriften von rund 1.300
War“ etwa bei einem „Blood and Ho- „Pressefest“ hatte laut einer früheren Wurzener Bürgerinnen und Bürgern, die
nour“-Konzert am 26. März 2005 im Mitteilung der NPD-Frauenorganisation sich nach dem Bombenanschlag auf das
tschechischen Jablonne v Podjested auf RNF (Ring Nationaler Frauen) „ganz im NDK im November 2004 mit dem Verein
(Link: http://afa13.antifa.net/PrintArti- Zeichen von Familie und Kindern“ ste- solidarisch erklärt hatten. Der Mitarbeiter
cle59.html). Die Zahl „88“ im Bandna- hen sollen. erstattete Anzeige bei der Polizei.
men steht für zwei mal den achten Buch- Quelle: www.redok.de, 8.7.2007 ■ http://www.ndk-wurzen.de ■

4 : antifaschistische nachrichten 15-2007


Soltau. Das Bündnis aus Antifa-
schistischer Initiative, DGB-Kul- Landkreis Soltau-Fallingbostel
turarbeitskreis und Gewerkschaf-
ten, Jusos, SPD, Bd.90/ Die Grünen, Die
Linke reflektierte die gemeinsame Arbeit
immer noch Nazi-Hochburg
der letzten Monate und diskutierte künfti- Antifaschistische Bündnis an vielen Stellen erfolgreich
ge Vorhaben. Die vom DGB-Kulturar-
beitskreis zusammengestellte Liste der In der Antwort auf eine Parlamentsan- rekrutieren Nazis junge Menschen durch
Nazi-Aktivitäten der letzten 20 Monate im frage erklärte 1996 die Bundesregierung: Erlebnisangebote und machen durch Ge-
Kreis SFA füllt viele Seiten. Das reicht In der Ludendorffer-Schrift „Mensch und walttaten von sich reden. In Schneverdin-
von Propagandaaktionen, Stör- und Anbie- Maß“ „und bei Veranstaltungen des Bund gen gab es am 9.6.07 bereits den ersten
derungsversuchen, Verfolgung von Nazi- für Gotterkenntnis wird die antipluralisti- NPD-Stand zur Landtagswahl, während
gegnern bis zu gefährlichen Körperverlet- sche und rassistische, insbesondere antise- in Bomlitz besonders viel Infoblätter und
zungen. Das Bündnis hielt mit sehr gut be- mitische Weltanschauung der Mathilde Aufkleber verbreitet wurden. Der Ge-
suchten Info-Veranstaltungen und Aktio- Ludendorff vertreten“. meinde-Bauhof und junge AntifaschistIn-
nen dagegen. „Nazis konnte die Teilnahme Pastor Jürgen Schnare, Weltanschau- nen beseitigten die unmenschliche Propa-
erfolgreich verwehrt werden“, freut sich ungsbeauftragter der Evangelischen Lan- ganda.
Nicole Meyer von der Antifa-Jugend. deskirche Hannover, nannte die Luden- Das Bündnis verabredete zahlreiche
Dass zur Aufklärung über den heid- dorffer 2007 eine „Bedrohung für die De- Aktivitäten. So will man sich gegen Ab-
nisch-gemanischen „Bund für Gotter- mokratie“. Erneut hat ein Verein seinen schiebungen von Kindern und Familien
kenntnis (Ludendorffer) eV“ erstmals eine Treffpunkt gewechselt, weil es zugleich einsetzen, die Juso-Aktion „Gesicht zei-
überregionale Öffentlichkeit erreicht wer- Stammlokal der Ludendorffer ist. gen“ unterstützen, gegen Rechtsextremis-
den konnte und über hundert Menschen, Die Arbeit des Antifaschistischen mus an Schulen und den NPD-Landtags-
darunter viele Gewerkschafts- und Partei- Bündnisses hat zur Folge, dass die Kame- wahlkampf vorgehen und anderes mehr.
sprecher sowie Kommunalpolitiker, an der radschaft „Snevern Jungs“ als harte Nazi- Mit den Worten: „Es gibt viel zu tun, pa-
Mahnwache vorm Tagungslokal der Lu- truppe entlarvt ist und sich nicht weiter cken wir’s an“, beschloss DGB-Sprecher
dendorffer teilnahmen, wertete das Bünd- hinter Blutspenden und Preisskat verste- Charly Braun das Bündnistreffen.
nis gegen Rechts als starkes Signal. cken kann. Im Raum SFA und Umgebung Pressebericht des Bündnisses 12.7.2007

Öffentlicher Aufruf der Initiative


Elftausend Kinder
Berlin/Oswiecim. Mit einer Zug- hartnäckigen Widerstand des Bahn-Vor- („Fils et Filles des Déportés Juifs de
stafette wollen deutsche Bürger- stands aufweichen können. Ende 2006 France“), deren direkte Beteiligung stets
initiativen an die Deportationen kündigten Bahn AG und Verkehrsministe- abgelehnt worden war, wurde endlich ein
von über 12 000 jüdischen Kindern rium an, unseren Forderungen wenigstens Angebot unterbreitet. Innerhalb der Bahn-
und an die Verschleppung Jugendli- teilweise entsprechen zu wollen – durch Ausstellung könnten sie eine eigene Flä-
cher aus zahlreichen anderen Opfer- eine Ausstellung im Jahr 2008. Eine un- che gestalten.
gruppen während des Faschismus er- mittelbare Beteiligung der deut-
innern. Der Zug soll im Herbst auf der schen Bürgerinitiativen wiesen
Strecke der früheren Deportationen sie jedoch zurück. Die politische
der Reichsbahn verkehren und die Hei- Wertung der Deportationen, de-
matstädte der verschollenen Kinder ren Anstifter und Verantwortli-
ansteuern. Mit einem Aufruf hat sich che in der Bundesrepublik nie
die Initiative Elftausend Kinder jetzt an bestraft wurden, soll ohne uns,
die Öffentlichkeit gewandt, um zur Un- ohne Sie und die deutsche Öf-
terstützung dieser Aktion aufzurufen fentlichkeit stattfinden. Als wir
und Bilanz zu ziehen über die bisheri- gegen diese Anmaßung am 27.
gen Aktionen. Wir dokumentieren das Januar diesen Jahres erneut auf
Schreiben. den Bahnhöfen demonstrierten,
setzte die Bahn AG Gewalt ein.
Sehr geehrte Damen und Herren, Seit diesen Ereignissen, die Foto: german-foreign-policy
mit Ihrer Unterschrift, Ihrer Geldspende Gegenstand mehrerer parlamentarischer
oder Ihrer Teilnahme an Veranstaltungen Anfragen im Deutschen Bundestag wa- Dies ist ein weiterer Erfolg unserer ge-
in den deutschen Bahnhöfen haben Sie ren, schweigen Bahn AG und Verkehrsmi- meinsamen Bemühungen. Den Angehöri-
die bundesweiten Bemühungen um ein nisterium. Um die Inhalte der angekün- gen der Opfer musste endlich zugestan-
Gedenken an die 11.000 deportierten jüdi- digten Ausstellung fand in deren Hinter- den werden, was selbstverständlich ist:
schen Kinder aus Frankreich maßgeblich zimmern ein monatelanges, entwürdigen- Über das Gedenken bestimmen vor allem
unterstützt. Seit Beginn dieser Aktivitäten des Tauziehen statt. Dabei ging es weni- sie, nicht jedoch die Nachfolgeinstitutio-
sind über zwei Jahre vergangen. Es ger um das Gedenken an die deportierten nen der Täter.
scheint uns an der Zeit, eine Bilanz zu zie- Kinder als um staatliche Deutungshoheit. Ob die Ausstellung, an der die französi-
hen. Sie ist positiv und ermutigend. Da dieses Verfahren bei den Oppositions- sche Opferorganisation teilnehmen darf,
Unsere gemeinsamen Proteste gegen parteien auf Unwillen stieß, mussten die je zustande kommt, wissen wir nicht.
die Geschichtsvergessenheit der heutigen Berliner Verantwortlichen ein weiteres Sollten Bahn AG und Ministerium ihre
Bahn AG (der historischen Erbin des Mal klein beigeben: Der französischen unter Druck erfolgte Zusage einhalten,
„Reichsbahn“-Unternehmens) haben den Opferorganisation um Beate Klarsfeld wünschen wir „Fils et Filles des Déportés

: antifaschistische nachrichten 15-2007 5


Juifs de France“ und Beate Klarsfeld ei-
nen würdigen Rahmen. Ihrer historischen
Aufarbeitung der Opfer- und Täterge-
Deutsche Schuld und
schichte ist die öffentliche Aufmerksam-
keit für den Leidensweg der deportierten
Kinder aus Frankreich zu verdanken.
deutsche Ignoranz
Vor 65 Jahren wurden in Minsk 335 Kölner Kinder
Aber was ist mit dem Leidensweg der
deportierten jüdischen Kinder in und aus ermordet
Deutschland? Was mit den deportierten
Kindern der Sinti und Roma? Wie verhal- Die Aktion verlief planmäßig: Am Paul Kohl: »Der Krieg der deutschen
ten sich Bahn AG und das vorgesetzte 20. Juli 1942, Punkt 15 Uhr, ver- Wehrmacht und der Polizei 1941-1944«,
Verkehrsministerium gegenüber einem ließ von Köln-Deutz aus der 1995). Die Massenmorde an diesem Ort
Großverbrechen, das in fast sämtlichen Reichsbahnzug DA 219 mit 1164 jüdi- umschreibt er immer wieder mit: »Juden
europäischen Staaten stattgefunden hat? schen Menschen aus Köln und umliegen- wurden zu Grabe gebracht.« Im Klartext:
Darauf geben die historischen Erben der den Ortschaften die Domstadt. Das Kür- Die erwachsenen Opfer hatten sich an
„Reichsbahn“ den deutschen Bürgerini- zel »DA« vor der Zugnummer stand amt- den unter seinem Kommando bereits
tiativen noch immer keine Antwort. Die lich für »Deutsche Aussiedler«, intern ausgehobenen Gruben bis auf die Unter-
seit über 60 Jahren betriebene Taktik des für »Davidzug«. Mit im Zug waren auch wäsche auszuziehen und niederzuknien.
Schweigens setzen sie fort und rechnen 335 Kinder im Alter zwischen vier Mo- Sie wurden durch Genickschuss ermor-
mit der Gleichgültigkeit der Öffentlich- naten und 19 Jahren. det und in den Gruben verschart, oder,
keit. Diese Rechnung, in deren Folge Ras- Die Erwachsenen waren mit Datum wie es in SS-Berichten hieß, »der Erde
senwahn und Rechtsextremismus um sich vom 14. Juli durch die Gestapo aufgefor- übergeben«. Kleine Kinder wurden le-
greifen, wird nicht aufgehen. Bei Beginn dert worden, sich am 19. des Monats mit bendig in die Gruben geworfen, dann mit
unserer Aktivitäten haben wir angekün- einer festgelegten Menge Handgepäck in dem Maschinengewehr getötet.
digt, den Kindern endlich die verweigerte den Deutzer Messehallen zur »Umsied- Die »Arbeit«, das heißt die Ermor-
Ehre zu erweisen und gegen Widerstände lung« einzufinden. Die zur Deportation dung von rund 1000 Juden, war nach
unbeirrt vorzugehen. Diese Ankündigung vorgesehenen Juden hatten für die Reise Aussagen Beteiligter in der Regel in 90
machen wir wahr. nicht nur die vorgeschriebene »Reichs- Minuten abgeschlossen. Am 3. August
Wir unterstützen den in diesen Tagen fluchtsteuer«, sondern auch 50 Reichs- 1942 notiert Arlt in dem Bericht über die
an die Öffentlichkeit tretenden Verein mark für ihre Fahrkarte zu zahlen. Die Tätigkeit seiner Gruppe: »Das Betragen
„Zug der Erinnerung“, der auf breiterer SS erhielt für die »Gruppenreisen« einen der Männer ist in und außer Dienst gut
Grundlage an unsere Aktivitäten an- Mengenrabatt. Für Kinder unter zehn und gibt zu keiner Beanstandung An-
schließt. Wie der Verein ankündigt, wird Jahren war nur die Hälfte zu zahlen. Die lass.« Beim Anrücken der Roten Armee
er noch in diesem Herbst einen histori- Fahrt des Sonderzuges verlief derart rei- begannen im November 1943 Sonder-
schen Zug mit einer Gedenkausstellung bungslos, dass die Reichsbahn die Wag- kommandos mit der, wie es offiziell hieß,
auf den früheren Deportationsstrecken gons eine Nacht auf ein Abstellgleis ab- »Enterdungsaktion«, um die Spuren der
durch Deutschland fahren lassen, um an schieben musste, um die im Fahrplan Massenmorde zu beseitigen. Die Lei-
die hier geborenen Kinder zu erinnern – vorgesehene Ankunft in Minsk einzuhal- chen wurden ausgegraben, auf Scheiter-
und an all die anderen aus den ehemals ten. So traf der Transport dann planmä- haufen gestapelt, mit Benzin übergossen
besetzten Staaten Europas. Auf diese Wei- ßig am 24. Juli, 6.42 Uhr, in Minsk zum und verbrannt.
se wird das Gedenken noch unmittelbarer »Dienstbeginn« des dort bereitstehenden Der Kölner Jürgen Naumann hat sich
und öffentlichkeitswirksamer in die Bahn- Exekutionskommandos von SS und Si- auf die mühevolle Spurensuche der über
höfe getragen werden, als wir es seit 2005 cherheitsdienst ein. Auch das, was folgte, viele Jahre aus dem öffentlichen Ge-
mit geringeren Mitteln vermochten. verlief im Wesentlichen nach Plan. dächtnis verdrängten 335 Kölner Kinder
Wir bitten herzlich um Ihre großzügige Die Ankömmlinge wurden sofort auf gemacht. Er berichtet darüber in seinem
Unterstützung für den „Zug der Erinne- Transportfahrzeuge verladen und ohne Dokumentarfilm »Die vergessenen Kin-
rung“, dessen Weg nach mehrmonatiger Umwege in ein Waldstück hinter dem der von Köln«, der jüngst in der Filmrei-
Fahrt in der Gedenkstätte Auschwitz en- Vernichtungslager Maly Trostenez ver- he der Berliner Stiftung Topographie des
den soll – dort, wo die meisten der Kinder bracht. Hier wurden sie, wie der SS-Un- Terrors vorgestellt wurde.
ihr Leben lassen mussten. terscharführer Arlt in seinen Tätigkeits- Bei seinen Recherchen über den Ge-
Nehmen Sie Kontakt mit den Koordi- berichten vom Mai bis August 1942 neralkommissar von Weißrussland, Wil-
natoren auf, um den „Zug der Erinne- schreibt, »von uns betreut« (zitiert nach helm Kube, war er auf Berichte über das
rung“ in Ihre Stadt, in Ihre Regi-
on zu holen – damit der dort ver-
schleppten Kinder gedacht wer- erinnerung.eu
den kann. Unterstützen Sie dieses httpp://www.zug-der-
umfassende Erinnerungsprojekt,
das sich gegen das Erstarken der
extremen Rechten wendet und
dem Widerstand der Institutionen
mit unserer Unbeirrbarkeit be-
gegnet.
Initiative Elftausend Kinder
Berlin/ Darmstadt/Frankfurt
a.M./Göttingen/ Halle / Leip-
zig/Mannheim/Weimar u.a., i.A.
Tatjana Engel, 8. Juli 2007
Kontakt:
http:www.zug-der-
erinnerung.eu ■

6 : antifaschistische nachrichten 15-2007


Vernichtungslager Maly Trostenz bei
Minsk gestoßen. 1981 wurden dann
im »wissenschaftlichen Nachlass« des
Das Dilemma der Kölner
ehemaligen Leiters des Sittenamtes an
der Universität Köln Kopien der De-
portationslisten vom 20. Juli 1942 ge-
Moscheediskussion
Wie geht die Linke mit Partizipation, Toleranz und
funden, auf denen auch die Namen
der Kinder aufgeführt waren, die nach Religionsfreiheit um?
Räumung des Waisenhauses im jüdi-
schen Realgymnasium Jawne unter- Während die Bundesregierung cherlich eine wichtige Steilvorlage gelie-
gebracht worden waren. Bis zum durch ihre jüngsten Show-Veran- fert.
Fund der Listen war auch die genaue staltungen, den Integrations- Vor allem haben sich in diesem Zusam-
Zahl der Opfer nicht bekannt. Die SS oder Islam-Gipfel der Öffentlichkeit ein menhang für den Alltag bedeutsame Fra-
hatte die Deportationslisten vernich- Bild angeblich „gelungener Integrati- gen in den Vordergrund gespielt, wie z.B.
tet. Überlebende gab es nicht, auch on“ präsentieren will, manifestiert sich „Darf eine Schülerin oder eine Lehrerin
keine in Deutschland lebenden Ange- in Köln eine spektakuläre und wenig ein Kopftuch tragen?“, „Soll der Ruf des
hörigen. effizient geführte Kontroverse über Muezzins in einer Moschee erlaubt wer-
Für die 335 Kinder hatte sich ohne- den Bau einer Großmoschee. Es ist ver- den?“, „Gäbe es Skepsis und Argwohn ge-
hin kaum einer interessiert, handelte wunderlich, dass diese Diskussionen genüber der Tatsache, dass die Minarette
es sich doch um Waisenkinder oder gerade in einer Großstadt wie Köln ge- einer Moschee höher sind als vergleichs-
Kinder, die durch frühere Deportatio- führt werden, die über eine 2000 Jahre weise die Türme einer evangelischen oder
nen von ihren Eltern getrennt worden alte Migrationsgeschichte verfügt und katholischen Kirche?“ Fragestellungen
waren. Als rassisch »minderwertig« sich gern als Beispiel für praktizierende dieser Art sind offensichtlich eher kontra-
waren sie vogelfrei. Von vielen Kin- kulturelle Vielfalt darstellt. produktiv.
dern existierte nicht einmal ein Foto. Kontroversen in der Moschee-
Naumann enthält sich im Film der Die seit Monaten geführte Kölner Mo- diskussion
Kommentierung. Er lässt verschollen scheedebatte, die sowohl in den Medien als
geglaubte Dokumente, in Archiven auch von bürgerlich rechten sowie neona- Es gibt bei der Moscheediskussion derzeit
und auf dem Trödelmarkt in Minsk drei kontroverse Diskussionsstränge:
gefundene Filmaufnahmen von der ● Neonazistische Organisationen und
»Enterdung« der Massengräber und rechtspopulistische Kreise haben sich von
einige von über 150 Schülern der Anfang an gegen eine partizipative Migra-
»Jawne« sprechen, denen es Dank des tionspolitik und somit auch gegen den Bau
Einsatzes des Schuldirektors Erich von Moscheen gestellt. Diese Linie ver-
Klibansky gelungen war, frühzeitig langt von Migrant(inn)en ein nahezu be-
Deutschland zu verlassen. Klibansky, dingungsloses Anpassen an die Regeln,
seine Frau und seine drei Söhne muss- Gebräuche und kulturellen Gepflogenhei-
ten am 20. Juli 1942 mit auf die To- ten dieses Landes und fordert offensicht-
desreise. lich eine „Assimilation“. Wir dürfen nicht
Im Abspann des Films ist in weni- außer Acht lassen, dass die neonazistische
gen Worten vermerkt, dass die Täter Bürgerbewegung „Pro Köln“ in ihrem
trotz eingeleiteter Ermittlungsverfah- Gründungsakt das „Verhindern einer Mo-
ren unbehelligt geblieben sind. Nach schee“ ganz groß auf ihre Fahne geschrie-
den Tätern befragt, erzählt Naumann, ben und entsprechend öffentlich mobili-
dass sie sich alle auf »Befehlsnot- siert hat.
stand« berufen haben. Einige hätten ● Im Gegensatz zu dieser Position steht
gesagt, sie seien zwar dabei gewesen, Foto: Carl H. Ewald, NRhZ online das unantastbare Recht der Migrant(inn)en
hätten aber nur abgesperrt, nicht ge- zistischen Parteien kampagnenartig und auf kulturelle Selbstbestimmung und Reli-
schossen. Nicht Mord, sondern ledig- polarisierend – inzwischen auch europa- gionsfreiheit. Konsequent bedeutet das,
lich »Beihilfe« blieb am Ende – und und weltweit – ausgetragen wird, hat eine die kulturellen und religiösen Werte der
die war verjährt. Also Freispruch für oberflächlich geführte Grundsatzauseinan- Migrant(inn)en – ohne Religionsgemein-
die Mörder. dersetzung zwischen Kulturen und Reli- schaften und ethnische Minoritäten auszu-
Drei Jahre hat er versucht, seinen gionen ausgelöst, die zweifelsfrei das grenzen – wahrzunehmen und sie auf der
Film beim Westdeutschen Rundfunk friedliche Miteinander gefährdet und sich Grundlage demokratischer Grundwerte zu
(WDR) unterzubringen. »Nicht schon zunehmend in das trübe Fahrwasser der akzeptieren. Gerade fortschrittliche und
wieder«, war von dort zu hören. Dann Verwirrung manövriert. die demokratischen Rechte verteidigenden
wurde er im November 2006 schließ- Die Kölner Moscheediskussion fällt Kräfte haben deshalb den Bau einer Mo-
lich doch, zu später Stunde um 23.15 nicht vom Himmel. Seit den Anschlägen schee befürwortet und somit auch ein Zei-
Uhr, ins Programm genommen. des 11. Septembers, dem Mord an dem chen für Religionsfreiheit und interkultu-
Bei der Entlastung von historischer niederländischen Filmemacher Theo Van relles Zusammenleben gesetzt.
Schuld haben andere Themen, Vertrei- Gogh, den Selbstmordattentaten in Lon- ● Mitten in diese Auseinandersetzung
bung, Bombenkrieg und Kriegsgefan- don, dem Bombenanschlag in Madrid und ist eine dritte Argumentation geradezu he-
gene, Vorrang, sagt Naumann. »Die nicht zuletzt den geplanten Kofferbombe- reingeplatzt, die der bekannte Kölner Au-
Gesellschaft beginnt sich eine Vergan- nattentaten in Deutschland wurde medial tor Ralph Giordano mit starkem Medien-
genheit zu suchen, mit der man besser wie politisch ein Feindbild konstruiert, das echo in die Debatte eingebracht hat. Gior-
leben kann.« rechtspopulistische Ressentiments verfes- dano stellt sich gegen den Bau der Mo-
Hans Canjé tigt, eine Islamophobie verbreitet und den schee, weil er in diesem Vorhaben die Ver-
aus Neues Deutschland, 21.7.07 ■ Prozess hin zu einem gedeihlichen Zusam- schärfung einer gesellschaftlichen Polari-
menleben hemmt. Samuel P. Huntingtons sierung sieht, die auch zum Scheitern der
Werk „Kampf der Kulturen“ hat hierfür si- Integration führe. Die deutlich islamfeind-

: antifaschistische nachrichten 15-2007 7


liche publizistische Intervention von Gior- Islam einem der islamischen Verbände zu Kreisen Pogrome gegen Alewiten insze-
dano als einem von Haus aus ausgewiese- übertragen. Keine dieser Strömungen ist niert, wobei mehrere Menschen – vor al-
nen Antifaschisten ist besonders gefähr- legitimiert, die Muslime insgesamt zu re- lem auch Intellektuelle – ermordet wur-
lich, was sich auch prompt daran gezeigt präsentieren. den. Darin ist die derzeitige Distanz der
hat, dass er rechtspopulistischen und Die DITIB (Türkisch-Islamische Union Alewiten zu den islamischen Organisatio-
rechtsextremistischen Kräften eine Argu- der Anstalt für Religion) ist im Unter- nen und Verbänden begründet.
mentationsvorlage lieferte, die dankbar schied zu anderen islamischen Organisa- Obwohl die Frage nach der Trennung
aufgegriffen wurde. Daher ist es nicht tionen (Milli Görüs, VIKZ u.a.) keine Re- von Staat und Religion (Laizismus) seit
ganz richtig, von einer dritten Alternative ligionsgemeinschaft, sondern eine staat- der Gründung der türkischen Republik
zu sprechen. Es ist empörend, dass Gior- lich beeinflusste Institution, die 1985 in (1923) im Grundgesetz verankert ist, ist
dano alle Migrant(inn)en muslimischer Köln gegründet wurde. Sie ist faktisch das Thema in der Türkei heute noch sehr
Religionszugehörigkeit unter den General- dem Religionsministerium in Ankara und umstritten. Zumal sich in den letzten Jah-
verdacht einer islamisch fundamentalisti- dem Amt für religiöse Angelegenheiten ren die Auseinandersetzung zwischen sog.
schen Weltverschwörung stellt. Emotional der türkischen Botschaft in Berlin unterge- „Laizisten“ und „Anti-Laizisten“ vor al-
geprägte und unsachliche Meinungsäuße- ordnet. Die türkische Regierung wollte lem im Kontext der Erdogan-Regierung
rungen dieser Art fördern das Entstehen ei- durch die Gründung von DITIB in ers- weiter zugespitzt hat. Gerade hier mischen
nes gefährlichen Zwiespalts zwischen der ter Linie unerwünschten islamischen auch die Militärs mit. Hinzu kommt der
hiesigen Mehrheitsgesellschaft und den Strömungen entgegenwirken und Fakt, dass das staatliche Religionsministe-
ethnischen Minoritäten. ihre eigene Islamvertretung stär- rium der Türkei (Diyanet) nur die Interes-
Grundsätzlich gilt für linke Positionen, ken. Mittlerweile ist die DITIB ei- sen der Sunna-Gemeinschaft verteidigt
alle Spielarten des islamischen Fundamen- ner der größten islamischen Dach- und die anderen Religionsgemeinschaften
talismus sowie Radikalismus abzulehnen verbände in Deutschland. Sie ver- in der Türkei (wie
und zu verurteilen, die theokratische Sys- tritt eine konservative Position, be- z.B. Alewiten,Ye-
teme anstreben, zum heiligen Krieg kennt sich aber zu staatlich säkula- ziden, Assyrer,
(Dschihad) aufrufen oder gar verzweifelte ren Prinzipien. Christen, Juden)
junge Menschen in Selbst- bislang ausge-
Seitenansicht der geplanten Moschee
mordattentate treiben. Doch die Moschee- blendet hat. Des-
diskussion mit diesen Konflikten zu asso- halb ist es not-
ziieren, ist in keiner Weise produktiv, son- wendig, auch in
dern integrationsfeindlich. Leider sind wir der Türkei Religi-
in diesem Lande immer wieder mit der onsfreiheit für
Tatsache konfrontiert, dass das Bild von alle Religionsge-
Muslimen von Ereignissen – bzw. von der meinschaften zu
medialen Aufbereitung von Ereignissen – fordern.
geprägt wird, die sich im Ausland abspie- Sowohl die türkische und die kurdische In diesem Zusammenhang steht auch
len und hier verurteilt werden. Dass ist Linke als auch die Alewiten als Kultur- die DITIB vor der Herausforderung und
auch der Grund dafür, dass zwar sehr viel und Religionsgemeinschaft haben ein sehr Verantwortung, auf andere Religionsge-
über Muslime und den Islam gesprochen gespaltenes Verhältnis zum sunnitischen meinschaften ohne Vorbehalte zuzugehen
wird, aber wenig mit Muslimen. Viele Islam (als Mehrheitsreligion) und somit und in den eigenen Reihen Diskriminie-
Deutsche kennen zwar die Blaue Moschee auch zur Institution DITIB. Bei der Linken rungen keinen Raum zu geben. Dazu ge-
in Istanbul, haben aber das Gebetshaus in wurzeln die Vorbehalte in der klassisch hört sicherlich, dass man die Höhe der Mi-
der Nachbarschaft noch nie betreten. Also, marxistisch begründeten Auffassung, dass narette nicht zu einer „nationalen“ Frage
mehr Dialog wagen! „Religion das Opium des Volkes“ (Karl macht und die kommerziellen Zwecke
Das Verhältnis zur DITIB Marx) sei. Die Trennung von Konfession nicht über das Gesamtprojekt stellt.
und Staat ist aus dieser Sicht eine notwen- Ebenso muss klargestellt werden, dass
Der Islam ist keine homogene Religions- dige, aber nicht hinreichende Bedingung auch Toleranz Grenzen kennen muss –
gemeinschaft. Sicherlich gilt es im Islam für Emanzipation, da die religiösen Be- nämlich gegenüber der Intoleranz. Die
auch eine hochgradig politisierte Religi- dürfnisse letztlich auf unmenschliche Ver- Verhaltensweisen religiöser Gemein-
onsrichtung ähnlich dem katholischen hältnisse verweisen, die es zu überwinden schaften dürfen nicht in Widerspruch zu
Opus Dei oder den fundamentalistisch- gilt. den demokratischen Grundwerten stehen.
evangelikalen Sekten in den USA, die sich Die ablehnende Haltung ist auch unmit- Hierzu gehören vor allem auch die Frau-
gegenwärtig in vielen unterschiedlichen telbar politisch begründet, weil die islami- enrechte (Bekämpfung von Gewalt gegen
Varianten zeigen. So kann man davon aus- schen Strukturen meist konservativ bis na- Mädchen und Frauen) und die Akzeptanz
gehen, dass der Islam in den einzelnen tionalistisch und fundamentalistisch orien- von anderen ethnischen Minoritäten und
Ländern und Regionen seines Verbrei- tiert sind und der Islam nach dem Militär- Religionsgemeinschaften. Unser Ansatz
tungsgebiets eine in sich sehr heterogene putsch in der Türkei vom 12. September sollte daher nach wie vor das Bekenntnis
Bewegung ist. Allein in der Türkei gibt es 1980 lange Zeit gegen die Linke instru- zur Unantastbarkeit der Menschenwürde
zahlreiche Religionsgruppen, Ordensge- mentalisiert wurde. Gerade deshalb war es und zu den damit begründeten Rechten der
meinschaften und Sekten, die sehr unter- sehr positiv, dass sich auch einige türki- Minderheiten sein.
schiedliche Positionen vertreten. sche und kurdische linke Kräfte am 16. Für das Prinzip der kulturellen und
Angesichts dessen wäre es fatal, von ei- Juni an den Aktionen gegen den „Pro religiösen Toleranz
nem einheitlichen Islam mit einheitlichen Köln“-Aufmarsch in Köln-Ehrenfeld be-
Aktionsformen zu sprechen. Darum kann teiligt haben. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben
auch der häufig formulierte Vorschlag, Die Alewiten haben ihrerseits in der gezeigt, dass bestehende Vorurteile und
eine gemeinsame Moschee für alle islami- jüngsten Geschichte der Türkei vielfältige künstliche Mauern der Mehrheitsgesell-
schen Religionsgemeinschaften einzurich- Diskriminierungen durch den Staat sowie schaft gegenüber den Migrant (inn)en und
ten, nicht richtig sein. Es wäre aufgrund von islamistischen und neo-faschistischen ihren Strukturen als Gegenreaktion auch
der Heterogenität der verschiedenen mus- Organisationen erlitten. In Großstädten immer wieder einen Rückzug der Mi-
limischen Strömungen unrealistisch, den wie Maras, Corum, Malatya und Sivas grant(inn)en in ihre „ethnischen Nischen“
Alleinvertretungsanspruch in Fragen des wurden von islamistisch-faschistischen hervorruft, was sich vor allem in Form ei-

8 : antifaschistische nachrichten 15-2007


ner Selbstethnisierung ausdrückt. Hierbei Frankreich:
ist die Antwort auf Ausgrenzung, Stigma-
tisierung, Diffamierung und Ignoranz in
der Konsequenz ein noch stärkerer Rück-
Der Front National auf Strategie-
zug von der Mehrheitsgesellschaft. Gera-
de junge Migrant(inn)en, die hier geboren
und Orientierungssuche
und aufgewachsen sind, kehren den Wer- Größere Veränderungen scheinen gierten durchgefallen bzw. von ihnen sehr
ten dieser Gesellschaft verstärkt den Rü- derzeit der französischen extremen schlecht platziert worden war. Hintergrund
cken zu. So hat sich zweifelsohne in der Rechten bevorzustehen. In ihrer war, dass jene, die den Apparat der Partei
Moscheedebatte eine Spaltung der Gesell- Hauptpartei, also beim Front National kontrollier(t)en – 1997 war das eher der
schaft entlang ethnischer, rassischer und (FN), wurde erstmals ein ernsthafter damalige Chefideologe Bruno Mégret, der
religiöser Bruchlinien vertieft, die keines- Strukturwandel beschlossen. Die rechtsex- später geschasst werden sollte, und 2003
wegs förderlich ist und die Gefahr birgt, treme Wochenzeitung ,Minute‘ berichtet war es eher die traditionalistische „alte
solche Rückzugstendenzen zu verstärken. darüber in ihrer Ausgabe vom 11. Juli Garde“ um den jetzigen ,Generalbeauf-
Deshalb ist es für die Linke von großer 2007 auf Seite 3 unter der Überschrift: tragten‘ Bruno Gollnisch – gegen den Auf-
Bedeutung, sich um eine gut begründete, „Nachfolgekrieg vor dem Hintergrund ei- stieg der Cheftochter und „Modernisierin“
umfassende und überzeugende Position zu nes Erschlaffungsanfalls (coup de mou): Marine Le Pen opponier(t)en.
bemühen, die offensiv für Gleichstellung Was ist los beim FN?“ Nun soll damit Schluss sein, und der
und Anerkennung eintritt. Die Reduzie- Innerparteiliche Umwälzung? Sperrriegel der institutionellen Macht der
rung des vorherrschenden öffentlichen alten Kader soll aufgesprengt werden –
Diskurses auf den Begriff der „Integrati- Dem Artikel der rechtsextremen Wochen- durch Aufbrechen der alten Strukturen.
on“ ist nicht hilfreich, sondern leistet viel- zeitung zufolge findet eine innerparteili- Diese sollten bisher als Sperre gegen mög-
mehr der Abschottung gegenüber den ei- che „Revolution“ statt: Auf ihrer Sitzung liche innerparteiliche Opponenten dienen
gentlich zielführenden Diskussionsgrund- am Montag, 9. Juli habe die oberste Füh- und die Macht des inneren Kerns der Füh-
lagen Vorschub. Das Ziel ist nämlich die rungsinstanz des FN (nach dem „Exeku- rung absichern. Doch nunmehr geht es da-
wechselseitige kulturelle und menschliche tivbüro“), das ,Bureau politique‘, be- rum, die Blockaden gegen den Aufstieg
Bereicherung, die nur in Gleichberechti- schlossen, „dass es zukünftig die Mitglie- Marine Le Pens zur Seite zu räumen.
gung und aufgrund der kulturellen Selbst- der sein werden, die jene wählen werden, „Da sie glaubt, bei den Mitgliedern po-
bestimmung aller Bevölkerungsteile mög- die mit ihrer Leitung beauftragt sein wer- pulärer zu sein als bei den Parteifunktionä-
lich ist. den“. ren, wollte Marine Le Pen diese Reform
Deshalb muss die Linke gemeinsam mit Bislang wurden die Angehörigen der seit langem. Sie hoffte, ähnlich wie Ségo-
den Gewerkschaften und allen fortschritt- verschiedenen Führungsinstanzen des FN lène Royal an die Basis zu appellieren, um
lichen Kräften das Recht auf Religions- (Zentralkomitee, Politbüro – wie bei ande- den Apparat zu umgehen. Letzteren hält
und Glaubensfreiheit, somit auch auf den ren französischen Parteien auch, so früher sie für eher zugunsten von Bruno Goll-
Moscheebau verteidigen. Unsere Leitlinie die Gaullisten, wurden die Strukturen einst nisch eingestellt (...)“
ist und bleibt eine konstruktive Migrati- dem historischen Modell der Kommunisti- Tatsächlich hatte Ségolène Royal, deren
ons- und Partizipationspolitik, welche bis- schen Partei nachempfunden) durch die Aufstieg zur Präsidentschaftskandidatin
lang maßlos vernachlässigt oder aber für Kongressdelegierten gewählt. Diese Dele- im Jahr 2006 hier mit jenem von Marine
wirtschaftliche oder vordergründig politi- gierten wiederum, erklärt ,Minute‘ ihren Le Pen verglichen wird, die französische
sche Interessen im Sinne einer abstoßen- Lesern geduldig, „wurden (zwar) durch Sozialdemokratie überrumpelt, indem sie
den Klientelpolitik instrumentalisiert wur- die Parteimitglieder bestimmt, die aber an eine diffuse „Basis“ appellierte. In ih-
de. Das künstliche Hochstilisieren einer meistens nicht wirklich die Wahl hatten, rem Falle stützte Ségolène Royal sich ins-
Integrationsproblematik in Zusammen- da der Großteil der Kandidaten durch die besondere auf Umfragewerte und auf die
hang mit der Moscheediskussion ist im Bezirkssekretäre vorgeschlagen wurde“. über 100.000 per Mausklick im Internet
Sinne der von uns angestrebten gesell- Es handelte sich also, so formuliert ,Minu- via „Schnuppermitgliedschaft“ beigetrete-
schaftlichen Emanzipation kontraproduk- te‘, um „ein Wahlmännersystem“, ähnlich nen Mitglieder, um die Altmitgliedschaft
tiv. wie bei den US-Präsidentschaftswahlen, und die sozialistischen Funktionäre zu ih-
Eine linke Migrations- und Partizipati- das häufig den Wählerwillen nur verzerrt rer Nominierung zu bewegen. Ob Ähnli-
onspolitik darf sich in diesem Kontext wiedergibt. ches im Falle von Marine Le Pen funktio-
nicht in Oberflächlichkeiten ergehen und Hinzu kommt, was ,Minute‘ nicht aus- nieren könnte, muss freilich dahingestellt
sich auf das Terrain der Gegensätze ver- drücklich schreibt, dass der Parteichef – bleiben.
schiedener religiöser Bekenntnisse zerren Jean-Marie Le Pen – aus eigener Voll- Ideologische Generalüberholung
lassen. Hinter den religiösen Fragen ste- macht auf den Kongressen Kandidaten angestrebt
cken gesellschaftliche, soziale Fragen, die von der Liste zur Wahl des circa 100-köp-
es bewusst zu machen gilt. Migration, kul- figen Comité Central streichen oder eigene Gleichzeitig deutet sich an, dass neben
turelle Identität und Partizipation müssen Bewerber hinzufügen konnte. Und was strukturellen auch programmatische Än-
deshalb im gesamtgesellschaftlichen Kon- das ,Bureau politique‘ betrifft, so hatte derungen, im Sinne einer gewissen freund-
text gesehen werden. Jean-Marie Le Pen auf dem Kongress von licheren Präsentation oder auch „Anpas-
Vergessen wir also nicht: Auch Musli- Nizza 2003 eigenmächtig beschlossen, die sung an den Zeitgeist“ (wie die rechten
me und islamische Einrichtungen bleiben Anzahl seiner Mitglieder von 40 auf 50 zu Kritiker wittern bzw. wettern), auf dem
von den gesamtgesellschaftlichen Proble- erhöhen, um die hinzukommenden zehn Programm stehen dürften.
men und Auseinandersetzungen nicht ver- Sitze (qua eigenem Beschluss) mit Unter- Der relativ junge (z. Zt. 37-, ab Septem-
schont. Für eine linke Politik kommt es stützern seiner Tochter Marine Le Pen zu ber 38-jährige) Generalsekretär des FN,
deshalb auch darauf an, der genannten besetzen. Sowohl auf dem Kongress von Louis Aliot, den Jean-Marie Le Pen im
Zielgruppe zu zeigen, dass ihre Forderung Strasbourg am Osterwochenende 1997 als Oktober 2005 anstelle de Altkaders Carl
nach Akzeptanz für ihren Glauben, für ihre auch jenem von Nizza an Ostern 2003 hat Lang eingesetzt hat und der zu den wich-
religiösen Praktiken und für ihre Kultur Jean-Marie Le Pen jeweils in die Wahl der tigsten Unterstützern der Cheftochter Ma-
ein Teil unseres Kampfes für unsere ge- innerparteilichen Führungsgremien einge- rine zählt, wird in ,Minute’ mit den Worten
meinsamen sozialen Rechte ist. griffen. In beiden Fällen, um seine Tochter zitiert: „Die Mitglieder und Wähler erwar-
Dr. Kemal Bozay ■ Marine Le Pen zu retten, die bei den Dele- ten, zu Recht, einen Ruck von unserer Sei-

: antifaschistische nachrichten 15-2007 9


te. Sie wollen nicht, dass der FN an seinen vielleicht schaffen, aber in Paris wäre auch Am 18. Juni, dem Tag nach dem zwei-
Grundsätzen – also an der Verteidigung Bewegung nötig, um an die Aktivistentra- ten Durchgang der französischen Parla-
Frankreichs – etwas ändert. Aber sie wol- dition des Front National wieder anzukün- mentswahl, hatte Jean-Marie Le Pen zu-
len zumindest, dass er (der FN) sich in sei- pfen.“ (Ausgabe vom 11. Juli) dem eine Spendenkampagne unter dem
ner Art und Weise, es zu verteidigen, (vo- Tatsächlich bildet das „Laboratorium“ Titel „SOS Front National“ lanciert. Über
ran)bewegt. Denn man weiß, dass das po- von Steeve Briois im ehemaligen Berg- ihren Beginn hatte das französische Fern-
litische Programm aus den Anfängen, also baurevier nahe der belgischen Grenze z. sehen jedoch schon am Vorabend, gleich-
das von 1972 (Anm. BhS: im Oktober je- Zt. quasi die einzige Zone, wo der FN tat- zeitig mit dem Bekanntwerden des Stich-
nes Jahres wurde der FN gegründet), nicht sächlich um reale gesellschaftliche Veran- wahlergebnisses für Marine Le Pen, be-
das von 2007 sein kann!“ kerung, „Bürgernähe“ und Aufgreifen richtet. Dadurch wurde das, an und für
In seinem Gespräch mit ,Minute‘, das konkrete Probleme vor Ort aktiv bemüht sich glänzende, Resultat der Cheftochter
durch den Redakteur in seinem Artikel scheint. So vertritt der französische Mei- in der öffentlichen Wahrnehmung zum
verarbeitet worden ist, wird Louis Aliot nungsforscher Jérôme Fourquet in der Teil neutralisiert.
bezüglich des angestrebten programmati- Frühsommer-Ausgabe der Antifapublika- Längerfristige Aussichten (im Vergleich
schen Wandels nicht deutlicher. Aus Äu- tion Ras l’front (Nr. 115, S. 13) die Auffas- mit der Periode 1996 - 2007)
ßerungen in der bürgerlichen Presse im sung, falls der FN künftig Aussichten auf
Laufe des Juni wird jedoch deutlich, was die Eroberung von Rathäusern habe, dann Aber wagen wir auch noch einen länger-
durch die „Modernisierer“ angestrebt nicht länger (wie in den 1990er Jahren) in fristigen Ausblick. Künftig wird sich für
wird: Nationalismus und Abschottung ge- der Provence oder sonstwo in Südfrank- die rechtsextreme Partei die Frage nach ih-
gen Immigranten ja – aber bitte keine auf- reich, sondern in den früheren Arbeiter- rer grundsätzlichen Strategie stellen, und
fälligen antisemitischen Weltverschwö- kommunen des Pas-de-Calais. (Den Rest nach ihrer Positionierung neben einer bzw.
rungstheorien mehr, und auch keine („be- wird selbstverständlich die Zukunft erwei- gegen eine selbst von ziemlich weit rechts
lastenden“) Anklänge mehr an den histori- sen müssen.) angetretene Präsidentschaft Sarkozy.
schen Faschismus oder Nazismus, bitte Im übrigen Frankreich scheint der FN Bislang hat sich der FN in den letzten
schön. Ungefähr so lautet das neue Credo die Kommunalwahlen in drei Vierteljahren beiden Jahrzehnten trotz einiger Versuche
dieser Fraktion. eher mit einer gewissen Schlappheit anzu- (Stichwort: faktische Bündnisse mit kon-
Auch soll dem langjährigen Eigenleben gehen. ,Minute‘ zitiert Jean-Marie Le Pen servativen Rechten in den Regionalparla-
der unterschiedlichen ideologischen mit den Worten: „Im Rahmen unserer Mit- menten nach deren Neuwahl im März
„Pole“ innerhalb der extremen Rechten tel/Möglichkeiten werden wir an den 1998) als unfähig erwiesen, eine Perspek-
(katholische Fundamentalisten, ,rassialis- Kommunal- und Bezirksparlamentswah- tive der politischen Machteroberung oder
tische‘ Neuheiden, Monarchisten, Natio- len (Anm.: im kommenden März) teilneh- -beteiligung zu finden.
nalrevolutionäre, Stiefelfaschisten, ..) ein men. Da es sich um sehr lokale/ortsbezo- Stattdessen setzten der Chef der rechts-
Ende bereitet werden. Jedenfalls soll ihr gene Wahlen handelt, wird die Risikobe- extremen Partei und ihre führenden Kader
autonomer ideologischer Einfluss spürbar reitschaft unserer Verantwortlichen auf zeitweise auf eine geradezu „revolutionä-
beschnitten werden. Die Programmatik Bezirks-, Kommunal- und örtlicher Ebene re“ Demagogie, nachdem die bürgerliche
der rechtsextremen Partei soll auf einige, das entscheidende Kriterium sein. Wir Rechte (nach Ablauf einiger Techtelmech-
möglichst gesellschaftsfähig formulierte, werden niemanden dazu zwingen, in den tel mit dem FN in den 1980er Jahren) in
Kernpunkte beschränkt werden. Kampf zu ziehen. Wir werden jene, die den neunziger Jahren auf eine generelle
Kommunalwahl im Visier sich in der Lage fühlen, die 5-Prozent- Bündnisverweigeung gegenüber Le Pen
Hürde zu überspringen und Sitze (in den setzte. So forderte Jean-Marie Le Pen im
Ansonsten deutet sich an, dass Marine Le Kommunalparlamenten) zu erobern, ener- April 1996 bei einer Veranstaltung im Pa-
Pen und ihre Unterstützer danach streben, gisch dazu ermutigen. Aber wir werden riser Traditionssaal La Mutualité „die Poli-
den Wahlerfolg der Cheftochter im frühe- nicht in der Lage sein, ihnen stark zu hel- tiker“ donnernd dazu auf, „auf friedliche
ren Bergbaurevier Pas-de-Calais (vgl. vor- fen, außer durch unsere politische Unter- Weise zu gehen, solange der Zorn des Vol-
letzte Ausgabe) vom 10. und 17. Juni als stützung.“ kes ihnen dazu noch die Zeit lässt“. „Wie
Steilvorlage zu nutzen. „Marine“ war als Mit anderen Worten, den örtlichen Kan- unter der Monarchie“ könne man daran
einzige FN-Kandidatin frankreichweit in didaten wird kaum Geld zur Verfügung ge- denken, fügte er hinzu, eine Reihe korrup-
die Stichwahl, die zweite Runde der Parla- stellt werden (mit Ausnahme von Kandi- ter Politiker „aufzuhängen“.
mentswahlen, gezogen und erhielt im daturen, denen nationale Bedeutung zuge- Am darauffolgenden 1. Mai sprach er
Wahlkreis Hénin-Beaumont fast 42 Pro- messen wird??). Dies widerspiegelt zu- von Aussichten auf einen „Bürgerkrieg“
zent der Stimmen. „Ihr wurde am darauf- nächst einmal einfach die Tatsache, dass (und der Karikaturist von ,Libération‘
folgenden Montag Vormittag von fast der FN sich in einer finanziellen Lage be- zeichnete junge kahlgeschorene Anhänger
(Anm. BhS: perfide Formulierung!, aber findet, die als ausgesprochen klamm zu mit den Worten: „Chef, um wie viel Uhr
gegen wen gerichtet?) dem gesamten Poli- bezeichnen ist; Anfang Juli war zunächst ist der Bürgerkrieg?“). Im Oktober 1996
tischen Büro applaudiert“, merkt ,Minute‘ bekannt geworden, dass die rechtsextreme nahm der damalge FN-Generalsekretär
im Nachhinein an. Allem Anschein nach Partei daran denke, ihren Zentralsitz im (und jetzige ,Generalbeauftragte‘) Bruno
bereitet sich Marine Le Pen mit ihrer Un- noblen Pariser Vorort Saint-Cloud zu ver- Gollnisch, im Anschluss an eine Saalver-
terstützerschaft darauf vor, den örtlichen mieten (http://tempsreel.nouvelobs.com/ anstaltung gegen den „neuen Totalitaris-
Erfolg bei den französischen Kommunal- actualites/politique/20070702.OBS4663/l mus“ in Gestalt der Anti-Rassismus-Ge-
wahlen im März 2008 zu wiederholen und e_fn_en_crise_pourraitlouer_son_siege.ht setzgebung, an einer unangemeldeten und
ihn zur politischen „Startrampe“ umzu- ml?idfx=RSS_notr). Anscheinend wurde ungenehmigten Kranzniederlegung am
wandeln. intern aber auch bereits über einen Verkauf Grabmahl des unbekannten Soldaten unter
Marine Le Pen habe soeben eine Woh- nachgedacht. dem Pariser Arc de Triomphe teil. Dabei
nung in Hénin-Beaumont angemietet, be- Gut eine Woche später meldeten die wurde ein Polizist, der dort Wache hält,
richtet ,Minute’ diesbezüglich. Steeve Nachrichtenagenturen, Marine Le Pen von Angehörigen des unifomierten FN-
Briois, der geschickt agierende und örtlich profiliere sich als Gegnerin eines solchen Ordnerdiensts DPS (Département Pro-
stark „verwurzelte“ Kader, werde die Liste Verkaufs: Diejenigen, die eine solche Op- tection-Sécurité, „Abteilung Schutz und
bei den dortigen Kommunalwahlen anfüh- tion anstrebten, seien „jene, die bereits da- Sicherheit“, wird sonst zum Saalschutz
ren, fügt das Blatt hinzu. Briois wird mit ran denken, Tomaten anzupflanzen statt und bei Aufmärschen eingesetzt) in die
den Worten zitiert: „Bei uns werden wir es Politik zu machen“ (Yahoo.fr, 11. Juli). Höhe gehoben und vom Platz getragen.

10 : antifaschistische nachrichten 15-2007


Gollnisch kommentierte: „So beginnen Die Partei-Wochenzeitung ,National Heb- geistert ist: zu diskretierend, „zu viel
alle Revolutionen.“ do’ zeigte damals eine lange Warteschlan- Schwefelgeruch“) verknüpft, wird das Be-
Aber die Konzeption, ähnlich wie der ge von fremdländisch aussehenden Men- mühen um eine Änderung des Parteiima-
historische Faschismus oder Nazismus schen vor einer Wahlurne, und in ihrer ges heute eher verdammt. Das Ringen um
eine „revolutionäre“ Demagogie und den Mitte einen einsam wirkenden „Her- ein „modernes, lockeres, mediengerech-
durch die soziale Krise verschafften Rück- kunftsfranzosen“ mit Baskenmütze auf tes“ Auftreten und Image wird als Ursache
wind zu nutzen, um sich zur „Alternative dem Kopf und einem Wahlzettel mit der für einen Profilverlust bis zur Unkennt-
zum abgewirtschaften System“ aufzu- Aufschrift „FN“ in der Hand. lichkeit aufgefasst.
schwingen, ging nicht auf. Die Kurve der Solche reaktionäre Verzweiflung ist Vor allem die bürgerlich-konservativen
(Wahl-)Erfolge des Front National ähnelt aber kein guter Antriebsmotor, um erfolg- Wähler flohen und schlossen sich ange-
nicht wirklich dem historischen Aufstieg reich um Masseneinfluss zu werben. Der- sichts des Wischi-Waschi-Kurses des FN
der NSDAP, den manche (intern, aber na- selbe Samuel Maréchal, der oben zitiert lieber dem aufstrebenden konservativen
türlich nicht nach außen hin erklärt) als worden ist, zog daraus übrigens die Kon- Star Nicolas Sarkozy an. Denn dieser ver-
Blaupause für die Profilierung des FN als sequenz und plädierte im Frühsommer sprach eine entschlossene Durchsetzung
„Fundamentalopposition zu den antinatio- 1999 – infolge der kurz zuvor erfolgten von Veränderungen, im konservativ-reak-
nalen Systemparteien“ benutzen wollten. Parteispaltung und des Auszugs der Mé- tionären Sinne – aber auch gleichzeitig im
Die Abnutzung einer solchen Strategie gret-Anhänger und damit auch vieler der wirtschaftsliberalen und „der Globalisie-
zeigte sich schon im Herbst desselben Jah- rassebiologisch argumentierten Neuhei- rung gegenüber aufgeschlossenen, die not-
res 1996, in dem der FN den Lautsprecher den unter den Kadern – für ideologische wendige Wettbewerbsfähigkeit und Mo-
seiner „revolutionären“ Demagogie voll Lockerungsübungen. Die Partei möge „die dernisierung schaffenden“ Sinne.
aufgedreht hatte und die Gründung eige- multikonfessionelle Realität des Landes“ Aus diesem Grunde sind die Tendenzen
ner „Gewerkschaften“ zu Jahresanfang anerkennen, also indirekt auch die Präsenz dennoch widersprüchlich, und während
lanciert hatte. Bei einer Bürgermeister- von Einwanderern (von denen ein Teil ein Teil der bisherigen FN-Wähler durch
wahl in Dreux, die aufgrund eines Ge- moslemischer Konfession ist), forderte Sarkozy angezogen wird, flüchtet sich ein
richtsurteils wiederholt werden musste, im Maréchal damals. Zum Jahresende
November 1996 verfehlte die FN-Kandi- 1999 wurde er damals zum
datin Marie-France Stirbois zum zweiten Schweigen gebracht, vor allem
Mal die 50-Prozent-Mehrheit. Wie schon Altkader wie Carl Lang (heute
anlässlich der Rathauswahl im Juni 1995 noch beim FN, aber im Oktober
(dem Termin der frankreichweiten Abhal- 2005 von seinem Posten als Gene-
tung der Kommunalwahl) erhielt Stirbois ralsekretär geschasst) oder Jacques
gut 39 Prozent der Stimmen. Aber gerade Bompard (heute bei den Rechtska-
in Dreux, einer in die Krise geschlitterten tholiken unter Philippe de Villiers
Industriestadt rund 80 Kilometer westlich ansässig), tönten, eine solche pro-
von Paris, hatte man ein Erreichen der ab- grammatische „Selbstaufgabe“
soluten Mehrheit für den FN durchaus für und Verrat von Grundpositionen
plausibel halten können: Bei einer Nach- kämen nicht in Frage.
wahl für einen freigewordenen Parla- Ideologische Lockerungs-
mentssitz im Dezember 1989 hatte Marie- versuche
France Stirbois in Dreux (vor dem Hinter-
Das umstrittene Plakat
grund einer starken Enthaltung der Links- Aber in den letzten 6 Monaten haben die
wählerschaft im zweiten Wahlgang, des „Modernisierer“ rund um Marine Le Pen, anderer Teil derzeit in die Stimmenthal-
frankreichweiten Aufflammens der „Kopf- die als „strategische Leiterin“ des Präsi- tung. Und ein kleinerer Rand wählte bei
tuch-Polemik“ rund um moslemische dentschaftswahlkampfs 2006/07 u.a. das den Präsidentschaftswahlen sogar aus tak-
Schülerinnen und der dabei entfesselten umstrittene FN-Plakat mit der jungen ,far- tischen Gründen den Christdemokraten
Emotionen, sowie vor den Kulissen des bigen‘ Französin durchgesetzt hatte (vgl. und Mann der „bürgerlichen Mitte“ Fran-
Berliner Mauerfalls und des allenthalben http://www.trend.infopartisan.net/ çois Bayrou, um nämlich bei der Umgrup-
proklamierten „Endes des (Real-)Sozia- trd0107/t140107.html, Artikel mitsamt pierung der bürgerlichen Rechten mit da-
lismus“) stolze 61,3 Prozent der Stimmen Abbildung) erneut an den damaligen stra- bei sein zu können. Und um den Neolibe-
gesammelt. Noch im März 1994 hatte sie tegischen Vorstoß Samuel Maréchals an. ralen und „amerikanischen Rechten“ Sar-
einen Sitz im Bezirksparlament mit 54 Letztgenannter selbst ist freilich innerpar- kozy möglichst zu behindern, bzw. ihm
Prozent erobern können. Aber in den bei- teilich längst weg vom Fenster, zumal Ma- gegenüber einen „französisch-bodenstän-
den darauffolgenden Jahren fiel ihr Ein- réchal inzwischen nicht mehr (wie zur Zeit digen“ Pol innerhalb des bürgerlichen La-
fluss, und sowohl 1995 als auch 1996 er- seines maximalen Einflusses) mit der gers mit dem Traktorfahrer (im Wahl-
hielt sie jeweils gut 39 Prozent: Das Publi- „mittleren“ der drei Töchter Jean-Marie kampf) François Bayrou zu stärken. Diese
kum schien zum Teil auseinander zu lau- Le Pens, Yann, verheiratet ist. Tendenz vom ,vote Le Pen‘ hin zur
fen. Nun aber sorgten die ideologischen Lo- Stimmabgabe für Bayrou blieb allerdings
Einige FN-Prominente zeigten darauf- ckerungsversuche dafür, dass viele Alt- gegenüber den großen Strömungen, aus
hin regelrechte Anzeichen reaktionärer sympathisanten das Profil der Partei nicht dem Block der früheren FN-Wähler hin zu
Verzweiflung: Der damalige Boss der FN- länger wiedererkannten. Das Bemühen Nicolas Sarkozy sowie hinein die Wahl-
Jugend, Samuel Maréchal, fragte sich im darum, sich zugleich als (gegenüber der enthaltung, deutlich minoritär.
November 1996 öffentlich, ob es für Vergangenheit) relativ immigranten- Zwischen der Agitation für eine diffuse
Dreux nicht „zu spät“ sei, ob die Stadt freundlich und „nicht-sonderlich-rassis- Vorstellung von einer irgendwie gearteten
nicht „physisch und moralisch bereits ,im- tisch“ zu erweisen und zugleich ein diffu- „rechten Revolution“ und den Bemühun-
migrée’“ (also ausländisch) geworden sei. ses rechtes „Rebellentum“ an den Tag zu gen, einen Platz in der bestehenden Me-
Bruno Gollnisch hatte vor der Wahl ge- legen, trug keine Früchte. Im innerparteili- dienlandschaft zu finden, ohne allzu sehr
tönt, dies sei „die letzte Chance für chen Streit mit den Auftritten des schwar- anzuecken, hat der FN derzeit noch keine
Dreux“, da im Falle eines Scheiterns „die zen französischen Antisemiten Dieudon- erfolgsträchtige und dauerhafte Strategie
Herkunftsfranzosen mit den Füßen ab- né (von denen wiederum Marine Le Pen gefunden.
stimmen“ und die Stadt verlassen würde. dem Vernehmen nach nicht sonderlich be- Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 15-2007 11


: ausländer- und asylpolitik
chen und diskriminierenden Gesetze.
Wir fordern die Neubegründung der Mi-
Erklärung des Nachfolgekomitees der euro-afrikanischen NGO-Konferenz grationspolitik auf der Grundlage der
„Migrationen, Grundrechte und Bewegungsfreiheit“ Menschenrechte und einer wirklichen
Für die volle Anerkennung der Flüchtlinge in Marokko und Gleichheit der Personen, die auf demsel-
ben Territorium leben, und die sofortige
die Garantie der Grundrechte für alle MigrantInnen Legalisierung aller MigrantInnen ohne
Nach Jahren von Verhandlungen Deshalb darf die Anerkennung des Papiere. ■
hat Marokko am 20. Juni 2007 UNHCR und der Flüchtlinge, die unter
aus Anlass des Weltflüchtlings- seinen Schutz gestellt werden, in keinem Grenze um Ausländer-
tags seine Entscheidung angekündigt, Fall als Vorwand dienen für eine zuneh-
ein Abkommen mit dem UNHCR (Hoher mende Repression gegen MigrantInnen, behörde errichtet
Flüchtlingskommissar der Vereinten Na- die nicht in seine Zuständigkeit gehören, Hamburg. In der Nacht vom 5.7.07 zum
tionen) über seinen Sitz abzuschließen. auch diejenigen in einer verwaltungsmä- 6.7.07 haben Antirassisten eine Grenze
Das Nachfolgekomitee der euro-afrika- ßig nicht regulierten (=illegalisierten, um die Zentrale Ausländerbehörde in
nischen Konferenz „Migrationen, d.Ü.) Situation. Die international aner- Hamburg errichtet. Nebst dem Verschlie-
Grundrechte und Bewegungsfreiheit“ kannten Rechte der MigrantInnen müs- ßen sämtlicher Nebeneingänge wurde
freut sich über diese Entscheidung, die sen garantiert werden. Die Anerkennung der Haupteingang durch einen Sicher-
Marokko, Unterzeichner der Genfer des Asylrechts in Marokko darf auch
Konvention, in Übereinstimmung setzt nicht die Europäische Union dazu veran-
mit seinen internationalen Verpflichtun- lassen, die Kontrollen an ihren Außen-
gen. Dieses Abkommen sollte dem grenzen zu verstärken, mit dem Risiko,
UNHCR erlauben, voll und ganz sein den Zugang für Asylsuchende zu ver-
Mandat in diesem Land zu erfüllen. Es wehren, und vertraglich diesem Land die
impliziert gleichermaßen, dass Marokko internationalen Verpflichtungen zur Aus-
den Flüchtlingen auf seinem Boden das führung weiterzugeben, die eigentlich
Aufenthaltsrecht und alle damit zusam- der EU obliegen.
menhängenden Rechte zuerkennt. Wir Unser Komitee erinnert daran, dass die
Sicherheitsmaßnahmen, die die EU
und ihre „Partner“ umgesetzt haben,
die zur Folge haben, dass MigrantIn-
nen von einem Land ins andere zu-
rück geschickt werden in Folge von
Kettenabschiebeverträgen und dass
Zurück- und Abschiebungen ohne heitszaun mit Stacheldraht, Ketten-
gesetzliche Grundlage stattfinden, schlösser sowie einer festbetonierten
keine angemessene Antwort darstel- Mauer versperrt. Hierzu wurde folgende
len auf Situationen von Gewalt und Stellungnahme veröffentlicht:
Elend, in denen die Mehrheit der Aller Voraussicht nach wird heute
afrikanischen Migrationsbewegun- (6.7.) das so genannte neue Bleiberecht
gen ihren Ursprung hat. vom Bundesrat verabschiedet. Durch
Die aktuellen Beschränkungen diese Änderungen des Zuwanderungsge-
wollen mit größter Wachsamkeit die ef- der Bewegungsfreiheit von Personen, setzes schottet sich der deutsche Staat
fektive Umsetzung dieser positiven Fol- während die Kapitalströme frei zirkulie- stärker als bisher von Flüchtlingen und
gen des Abkommens beobachten. ren, bilden nur ein Hindernis für die Mi- MigrantInnen ab. Die Erteilung des Blei-
Wir appellieren jedoch an den gration der Mittellosen, während die Ar- berechts ist an eine Vielzahl von Voraus-
UNHCR, die Anträge, die bei ihm ge- mut und die Nicht-Entwicklung wissent- setzungen geknüpft, die nur von den we-
stellt wurden, mit größtem Wohlwollen lich aufrechterhalten werden durch die nigsten erfüllt werden kann.
zu überprüfen, angesichts der freien Mechanismen des internationalen Han- Anders als in der Öffentlichkeit darge-
Hand, die er bei seiner Einschätzung hat dels, die Schulden, die schon mehrfach stellt, fallen unter diese Regelung nur
und unter Anbetracht der politischen Si- zurückgezahlt wurden etc. und die weiter ZuwandererInnen, die als wirtschaftlich
tuation der Länder, aus denen die Mehr- zunehmenden Abstände zwischen den verwertbar erachtet werden. Diejenigen,
zahl der Asylsuchenden kommt. Das Ab- Einkommen pro Einwohner zwischen die nicht arbeiten können, wollen oder
kommen über seinen Sitz darf in keinem Europa und Afrika. Nicht nur werden die keine Arbeit finden, können konsequen-
Fall eine größere Strenge in der Beurtei- repressiven Maßnahmen den Migrations- ter abgeschoben werden.
lung von Anträgen mit sich bringen. Un- strömen kein Ende setzen, sondern auch, Durch zahlreiche weitere Gesetzesver-
ser Komitee muss gleichermaßen daran angesichts der permanenten Neuzusam- schärfungen werden u.a. Familienzusam-
erinnern, dass jeder Person, welches mensetzung der Bewegungen der Perso- menführungen erschwert, Zurückwei-
auch immer ihr Status ist, und ob sie in nen, werden sie nur die Gefährlichkeit sungen an der Grenze willkürlich vollzo-
ihrem Herkunftsland wohnt oder nicht, zunehmen lassen – die menschlichen gen und Einreise und Aufenthalt an
die Rechte zuerkannt werden müssen, Dramen, die sich täglich an den Grenzen Deutschkenntnisse geknüpft. Durch das
die aufgezählt werden in der Allgemei- abspielen, sind der schreiende Beweis Gesetz wird weder das Problem der Ket-
nen Erklärung der Menschenrechte, dem dafür. tenduldungen behoben, noch steht eine
Internationalen Pakt über die wirtschaft- Wir fordern den Verzicht auf die von Legalisierung so genannter Illegaler zur
lichen, sozialen und kulturellen Rechte Sicherheitsdenken und Repression be- Debatte. Somit führen die Gesetzesände-
ebenso wie in der Konvention zum stimmte Ideologie der Migrationspolitik, rungen zu fortschreitender Entrechtung
Schutz der Rechte der Wanderarbeiter insbesondere die „Externalisierung“ des und Diskriminierung von MigrantInnen
und ihrer Familien, die Marokko unter- Asyls und die Grenzkontrollen, die Kri- und Flüchtlingen.
zeichnet hat. minalisierung der Migrationen, ebenso Als notwendige Konsequenz daraus
wie die rassistischen, fremdenfeindli- wird hiermit die zentrale Ausländerbe-

12 : antifaschistische nachrichten 15-2007


hörde Hamburg – als ausführendes Or-
gan der Gesetze – zum antirassistischen Binali Yildirim – Türkei stellt Auslieferungsantrag
Sperrgebiet erklärt. Um dieses in seinen
Grundsätzen zu schützen, wurde um das Die Türkei hat Anfang Juli offiziell lerweile seine Betreuung übernommen.
Gebäude Amsinckstraße 28 eine Grenze einen Auslieferungsantrag gegen Auch in Spanien selbst gibt es Kampa-
errichtet. den in Spanien im Knast sitzenden gnen für die Freilassung Binalis. In Gali-
§ 1 (1) In Erwägung und unter Ankla- Binali Yildirim gestellt. Binali war am zien haben sich verschiedene Gruppen
ge dessen, dass die Funktionäre / Sach- 29.05. während eines Urlaubs auf Mal- zusammen gefunden, die versuchen, die
bearbeiterInnen der Ausländerbehörde lorca von der spanischen Polizei verhaf- Öffentlichkeit auf seine Haft aufmerk-
die Menschenwürde und Freiheitsrechte tet worden. Obwohl er in der BRD ein sam zu machen und mit dem Sammeln
von Flüchtlingen und MigrantInnen anerkannter Flüchtling ist, prüfen die von Unterschriften gegen seine Verhaf-
missachten, wird ihnen der Grenzüber- spanischen Behörden jetzt das Ausliefe- tung demonstrieren. Aktiv sind auch die
tritt verweigert und damit die Fortfüh- rungsgesuch der Türkei. „Freunde der peruanischen Revolution“,
rung ihrer rassistischen Arbeit ab sofort Grund für den Auslieferungsantrag der die ebenfalls mit diversen Aktionen auf
untersagt. Hierzu gehören insbesondere Türkei ist eine Verurteilung aus dem Jahr seine Situation aufmerksam machten.
die Anwendung und Überprüfung der 1996, bei der Binali zu lebenslanger Haft Nachdem die Türkei jetzt offiziell einen
Gesetze zur: verurteilt wurde. Angeblich soll er in den Auslieferungsantrag gestellt hat, muss
1. Selektion nach Herkunft Jahren zuvor als Mitglied kommunisti- die spanische Justiz entscheiden, ob ein
2. Abschiebung scher Gruppen an Angriffen gegen das Auslieferungsverfahren in Gang gesetzt
3. Massiven Einschränkung der Bewe- Militär beteiligt gewesen sein. Nachdem wird oder nicht.
gungsfreiheit (Residenzpflicht, Mel- er die ersten Wochen in Isolationshaft Unabhängig davon geht die Kampa-
de- und Mitwirkungspflicht) saß, 24 Stunden am Tag überwacht wur- gne für seine Freilassung weiter. Dass
4. Unterbringung in Lagern (Zentrale de und nur einige Minuten in der Woche die Türkei versucht, ihrer GegnerInnen
Erstaufnahmestellen, Ein- und Ausrei- telefonieren durfte, haben sich seine habhaft zu werden, ist keinesfalls neu.
selage, Abschiebelager) Haftbedingungen inzwischen verbessert. Neu ist allerdings die Dimension: denn
5. Verbot von Arbeit Binali sitzt nicht mehr in Isolationshaft die Türkei versucht verstärkt die Auslie-
6. Kürzung von Sozialleistungen, Sach- und hat nun auch die Möglichkeit, öfter ferung von Menschen zu erreichen, die
leistungen, Gutscheinsysteme mit seiner Familie zu telefonieren. Zu- in Europa bereits als anerkannte Flücht-
7. Kriminalisierung von Menschen ohne sätzlich fand ein „Haftprüfungstermin“ linge leben. In diesem Zusammenhang
Papieren statt, bei dem seine Inhaftierung aller- ist Binali Yildirim kein Einzelfall.
(2) sowie folgende Behördenpraxen: dings bestätigt wurde. Bereits seit seiner So wurde am 19.6.2007 Binali Soydan
1. Verdächtigungen, Beleidigungen, Verhaftung am 29.05. setzen sich ver- verhaftet, als er in der Ausländerbehörde
Schikanen schiedene Gruppen für seine Freilassung Köln-Kalk seine Aufenthalterlaubnis
2. „Psychoterror“ ein. In Hamburg fanden in den letzten verlängern lassen wollte. Soydan gilt
3. Bewusste Informationsverweigerung, Wochen regelmäßig Kundgebungen vor dem türkischen Staat, wie auch Binali
Falschinformationen dem spanischen Konsulat und Infotische Yildirm, als unversöhnlicher Gegner, der
4. Familientrennung, „Ältermachen?“ in verschiedenen Bezirken statt. Mit sich in seinem Herkunftsland in revolu-
und Abschiebung Minderjähriger Flugblättern und Flyern wurde auf sein tionären Organisationen betätigt haben
5. Abschiebung in Kriegs- und Krisenge- Schicksal aufmerksam gemacht. soll.
biete Hinzu kommt eine Fax- und E-Mail- Unabhängig davon, wie die spanische
6. Ingewahrsamnahmen kampagne, an der sich bis heute Tausen- Justiz im Fall Binali Yildirm entscheiden
7. Unterstellung von Scheinehen, Miss- de Menschen beteiligten. Da sich auch wird, der Druck auf Oppositionelle, die
achtung der Privatsphäre Abgeordnete, vor allem der Grünen und in Europa Zuflucht vor der Repression in
§ 2 Alle Anträge werden, wenn sie von der Linkspartei, für Binali einsetzten, hat ihren Herkunftsländern suchen, nimmt
SachbearbeiterInnen oder anderen Ange- die Deutsche Botschaft in Madrid mitt- zu. http://www.freebinali.tk/ ■
stellten der Ausländerbehörde gestellt
werden, als offensichtlich unbegründet
abgelehnt. München erklärt die innenpolitische von der Türkei nach dem Militärputsch
§ 3 SachbearbeiterInnen, die erst nach Sprecherin der Fraktion DIE LINKE 1980 wegen seines demokratischen En-
dem unbefugten Grenzüberschritt aufge- Ulla Jelpke: gagements ausgebürgert wurde, setzt
griffen werden, werden unverzüglich Seit dem 5. Juni befindet sich der fast sich seit Jahrzehnten politisch und im
verhaftet und abgeschoben. 70-jährige kurdische Schriftsteller Hay- Rahmen der Gewerkschaft GEW für die
§ 4 Diese Grenze wird unverzüglich wi- dar Isik im Gefängnis München Stadel- Rechte der Kurdinnen und Kurden in der
derrufen. sobald die Voraussetzungen für heim in Haft. Die Staatsanwaltschaft Türkei und ihre Integration in Deutsch-
ihre Errichtung nicht mehr vorliegen. wirft ihm Verstöße gegen das PKK-Ver- land ein.
Die Grenze existiert nicht mehr, wenn: – bot vor. Nicht etwa die Mitgliedschaft in Haydar Isik lebt seit vielen Jahren zu-
uneingeschränktes Bleiberecht, gleiches einer verbotenen Organisation wird Her- sammen mit seiner Familie in München.
Recht und absolute Bewegungsfreiheit ren Isik unterstellt, er soll vielmehr eine Fluchtgefahr besteht nicht. Es gibt keine
für alle gilt „graue Eminenz“ des verbotenen Volks- Rechtfertigung für eine weitere Haft des
– alle Grenzen abgeschafft werden kongresses Kurdistan Kongra-Gel in erkrankten Schriftstellers. Auch die Poli-
– und Ausländerbehörden und Einrich- Bayern sein, da er an mehreren politi- zei gibt zu, dass es sich um eine „repres-
tungen, die einen vergleichbaren Zweck schen Treffen teilnahm. Als Einlader zu sive Maßnahme“ handelt.
erfüllen, geschlossen werden. einem kurdischen Neujahresfest im März Die absurden Vorwürfe der Staatsan-
Quelle: Indymedia, 6.7., s.krummfisch ■ 2007 soll er Gelder für den Kongra-Gel waltschaft beweisen einmal mehr den
gesammelt haben. Dieser Vorwurf ist of- krampfhaften Verfolgungsdrang deut-
Kurdischer Schriftsteller in fenbar an den Haaren herbeigezogen, scher Ermittlungsbehörden. Offensicht-
schließlich hat auch das Kulturreferat der lich geht es Polizei und Staatsanwalt-
München in Haft Landeshauptstadt München die Newroz- schaften vor allem um die Einschüchte-
Berlin. Anlässlich der Inhaftierung des Feier unterstützt, ohne dass die Staatsan- rung politisch aktiver Migrantinnen und
kurdischen Schriftstellers Haydar Isik in waltschaft tätig wurde. Haydar Isik, der Migranten. Ulla Jelpke, MdB ■

: antifaschistische nachrichten 15-2007 13


: neuerscheinungen, ankündigungen

Adam Tooze züge der Nazi-Wehrmacht in 1931 beziehen, wie auch die
beschreibt die Nordafrika und in der Sowjet- Konsequenzen, die daraus für
union ebenso wie der Kriegs- die US-Politik, die deutsche,
NS-Kriegswirtschaft verlauf im einzelnen und die englische und französische
Als der Historiker Götz gesamte Planung von Raub Politik nach 1945 folgten,
Aly Anfang 2005 mit und Völkermord in sämtlichen bleiben so unerwähnt. Das ist
seinem Buch „Hitlers Etappen des Krieges. Und schade.
Volksstaat“ kontroverse Dis- schließlich ist das Buch auch Rüstung oder Arbeitsmarkt-
kussionen auslöste, antwortete eine spannend geschriebene politik
ihm in der „taz“ der britische Militärgeschichte. Vielleicht
Historiker Adam Tooze. Alys ist es gerade die Fülle der Nächstes spannendes Thema:
Buch sei lesenswert, seine Themen, die das Buch manch- Die Wirtschaftspolitik Hitlers
These aber, der Nationalsozia- mal anstrengend macht. Le- in den 30er Jahren. Hitlers
lismus sei eine spezifische senswert und anregend ist es Wirtschaftspolitik galt lange Falsche Selbstbilder
Ausprägung von völkischem auf jeden Fall. als Musterbeispiel keynesiani-
Wohlfahrtsstaat gewesen, der Weltwirtschaft und Welt- scher Politik – doch inzwi- Drittes Thema, das in dem
den Zweiten Weltkrieg weit- handel schen zweifeln Wirtschaftshis- Werk des britischen Histori-
gehend durch Beraubung und toriker an dieser These. Neue kers immer wieder auftaucht,
Ermordung der Juden und die Das beginnt schon mit dem Arbeiten weisen nach: Nicht ist die schon während der
Plünderung der besetzten Län- Einführungskapitel. Tooze be- die zivile Arbeitsbeschaffung, Weimarer Zeit auftauchende
der finanziert habe, sei ginnt mit einer knappen Skiz- sondern die Aufrüstung stand und bis weit nach 1945 fortle-
schlicht falsch. Aly habe sich ze der Politik Stresemanns, von Anfang an im Mittelpunkt bende falsche Selbsteinschät-
beim Vergleich der für die der zur Zeit der Weimarer Re- der NS-Politik. Bis heute zung der deutschen Bevölke-
Kriegsführung verbrauchten publik bemüht war, mit Kredi- wirkt die nationalsozialisti- rung über die wirtschaftliche
inneren Ressourcen des NS- ten aus den USA die im Ver- sche Propaganda, die den Bau und technologische Leistungs-
Reichs und der für den Krieg sailler Vertrag erzwungenen der ersten Autobahnen beglei- kraft des Deutschen Reiches.
in den besetzten Gebieten ge- Tribute des Deutschen Rei- tete, nach: Hartnäckig hält Das Reich war niemals so
raubten äußeren Ressourcen ches an England und Frank- sich der Mythos, Hitler habe stark wie vielfach behauptet,
„einfach verkalkuliert“. Der reich einerseits zu finanzieren, damit „die Arbeitslosen von betont Tooze. Mitte der 30er
Anteil der letzteren habe andererseits aber politisch zu der Straße geholt“. Dagegen Jahre etwa entsprach das deut-
nicht, wie von Aly behauptet, bekämpfen. Die USA sollten zeichnet Tooze akribisch sche Pro-Kopf-Einkommen
bei 70% der Kriegskosten ge- das Bemühen des Reichs un- nach: Nicht zivile Arbeitsbe- nur der Hälfte des amerikani-
legen, sondern nur bei 25 Pro- terstützen, die im Versailler schaffung, sondern Aufrüs- schen Vergleichswertes, auch
zent. Vertrag festgelegten Repara- tung stand von Anfang an im Großbritannien lag weit darü-
Jetzt hat Adam Tooze sein tionen so bald wie möglich zu Mittelpunkt der NS-Politik. ber. Ein Wohn- und Lebens-
damals bereits fast abge- beenden. Diese Hoffnungen Die Beseitigung der Arbeitslo- standard wie in den USA (Au-
schlossenes, 2006 in England sollten zunächst grausam ent- sigkeit war nur ein Nebenpro- tomobile, Radio, mehrere
erschienenes Buch über Auf- täuscht werden. US-Präsident dukt dieser Kriegsvorberei- Zimmer umfassende Wohnun-
stieg und Vernichtung der NS- Hoover, der im US-Wahl- tung. gen auch für Facharbeiter)
Wirtschaft unter dem deut- kampf den Mittleren Westen „Das Ausgabenpaket, das war für deutsche Normalver-
schen Titel „Ökonomie der der USA mit dem Versprechen (schon 1933) für das Militär diener unerreichbar. Mächtige
Zerstörung“ im Siedler-Verlag von Agrarprotektion gewon- geschnürt worden war, über- internationale Konzerne wie
herausgebracht. Das Buch ist nen hatte, setzte 1929, zu Be- traf bei Weitem alle Schritte, die IG Farben, AEG oder die
– ja was eigentlich? Eine Art ginn der Weltwirtschaftskrise, die man sich in Deutschland Vereinigten Stahlwerke waren
Wirtschaftsgeschichte des NS- im Kongress auch noch höhe- jemals zur Behebung der Ar- zwar vorhanden.Was das deut-
Regimes von den ersten An- re Schutzzölle gegen europäi- beitslosigkeit überlegt hatte sche Reich aber im internatio-
fängen – Tooze beginnt bei sche Industriegüter durch. Da- oder noch überlegen sollte.“ nalen Vergleich herunter zog,
der Außen- und Wirtschafts- mit war die Strategie Strese- (S. 79) Ganz nebenbei wird war die rückständige Land-
politik der Weimarer Republik manns gescheitert. Eine Spira- auch die These von Götz Aly wirtschaft, von der rund neun
unter Stresemann – bis zum le von Vertiefung der inneren vom „NS-Wohlfahrtsregime“ Millionen Menschen lebten,
Zusammenbruch des Regimes Wirtschaftskrise, Schutzzoll- widerlegt. „Im Jahr 1935 lag und ein meist ebenso rück-
unter den Schlägen der Anti- maßnahmen, Rückgang des der Privatverbrauch noch im- ständiges Handwerk.
Hitler-Koalition. Es ist auch internationalen Handels, Fi- mer um 7 Prozent unter dem Auch in der Schilderung
ein Buch über Zwangsarbeit nanz- und Bankenkrisen setzte Niveau, das er vor der Wirt- des Kriegsverlaufs kommt
und Konzentrationslager und ein, die die Wirtschaft der schaftskrise gehabt hatte, die Tooze auf das Thema „falsche
ihre Bedeutung für die Rüs- Weimarer Republik ebenso privaten Investitionen lagen Selbsteinschätzung“ zurück,
tung des NS-Regimes. Die auf wie die der anderen Wirt- sogar um 22 Prozent darunter. als er darauf hinweist, dass die
20 bis 30 Millionen Hungerto- schaftsgroßmächte immer tie- Im Gegensatz dazu waren die Sowjetunion schon in den ers-
te zielenden Überlegungen fer in die Depression schickte. Staatsausgaben um 70 Prozent ten Kriegsjahren, noch vor
des „Generalplans Ost“ wer- Hier bricht Tooze ab, um zur höher als im Jahr 1928. Und Beginn der US-amerikani-
den ebenso dargestellt wie der „nationalistischen Wendung in dieser Fakt erklärt sich fast schen Hilfslieferungen und
millionenfache Mord der der deutschen Außenpolitik ausschließlich durch den Mili- trotz der enormen Verluste an
Nazi-Wehrmacht im besetzten von 1930/31“ überzuleiten. tärhaushalt ...war bereits 1935 Land und Menschen durch
Polen, die Gräueltaten der Die vielen Diskussionen um ein Viertel der deutschen In- den Vormarsch der Nazi-
„Einsatzgruppen“ nach Be- Weltwirtschaft, Welthandel dustrie mit der Herstellung Wehrmacht bis Winter 1941,
ginn des Russlandfeldzuges, und Weltwährungssystem, die von unvermarkteten Produk- dem NS-Reich in jedem Au-
die kriegswirtschaftlichen sich auf die Erfahrungen der ten aller Art beschäftigt.“ (S. genblick sowohl von der Men-
Hintergründe einzelner Feld- Weltwirtschaftskrise 1929 bis 91/92) ge der gefertigten Rüstungs-

14 antifaschistische nachrichten 15-2007


güter wie in deren technologischer Quali- schichte lehrt, erkennbar bemüht, aktuelle scher Arbeit heute sein können. Natürlich
tät überlegen war. Die russische Armee Debatten und Studien zur Geschichte des ging es um die Entwicklungen des Neo-
hatte nicht nur mehr, sondern auch tech- Zweiten Weltkriegs und des Nationalso- faschismus und den zunehmenden
nisch bessere Gewehre, Geschütze, Pan- zialismus auszuwerten und in sein Buch Rechtspopulismus in vielen europäischen
zer und Flugzeuge als die Nazi-Wehr- einzubauen, etwa die Studien der letzten Ländern, nicht nur in Mittel- und Osteu-
macht. Der Mythos der angeblich überle- Jahre über das System der NS-Zwangsar- ropa, sondern auch in den westeuropäi-
genen arischen Herrenrasse und der an- beit. Anderes in dem über 900 Seiten um- schen Staaten. Welche Rolle staatliches
geblichen slawischen Untermenschen fassenden Werk erinnert an frühere mar- Handeln in der Flüchtlingspolitik oder in
war nicht nur menschenverachtend und xistische Studien über das NS-Regime. anderen Formen der sozialen Ausgren-
mörderisch, er war auch, soweit damit ein Im Literaturverzeichnis tauchen solche zung für den gesellschaftlichen Auf-
Vergleich der wirtschaftlichen und tech- Autoren, etwa Dietrich Eichholtz oder schwung extrem rechter Politik spielt,
nologischen Leistungskraft der deutschen Reinhard Opitz, aber nur am Rande auf, wurde ebenso thematisiert, wie die wach-
und der russischen Wirtschaft in den Jah- andere wie Bettelheim oder der schon ge- sende Gefahren, die sich aus der imperia-
ren 1941/42 gemeint ist, laut Tooze nannte Marshall Shukow fehlen ganz. len Kriegspolitik der USA, der Europäi-
schlicht falsch. Trotzdem: ein spannend geschriebenes, schen Union und einzelner Mitglieder er-
Wobei solche Feststellungen auch lesenswertes, enorm faktenreiches Buch. geben.
schon früher, beispielsweise in den Ende rül ■ Verbunden mit solchen Entwicklungen
der 60er Jahre erschienenen Memoiren der Rechtskräfte sind die ideologischen
von Marschall Shukow, dem Oberbe- Adam Tooze: Ökonomie der Zerstö- und politischen Angriffe auf den Antifa-
fehlshaber der sowjetischen Truppen im rung. Die Geschichte der Wirtschaft im schismus, wie man sie in den verschiede-
Zweiten Weltkrieg, nachzulesen waren. Nationalsozialismus. Siedler Verlag, nen Ländern Europas erleben kann. Es
In der hiesigen Geschichtsschreibung München, April 2007, 928 Seiten, geht dabei um Delegitimierung, um ge-
wurden solche Feststellungen aber noch ISBN 987-3- 88680-857-1, 44 Euro sellschaftliche Ausgrenzung und um die
über Jahrzehnte ignoriert. Sie passten Etablierung „neuer“ Geschichtsbilder.
schlicht nicht ins Weltbild. Antifaschismus ist international Die Tatsache, dass besonders in Osteuro-
USA: Vorbild und Hauptfeind pa die Erinnerung an den antifaschisti-
In den letzten Monaten konnten politi- schen Befreiungskampf getilgt werden
Hitlers Weltbild sei nicht nur politisch sche Beobachter erleben, in welchem soll und selbst offene Faschisten und Kol-
und rassebiologisch, sondern in hohem Maße die extreme Rechte trotz ihres je- laborateure der SS als „nationale Helden“
Maße auch ökonomisch geprägt, betont weiligen Nationalismus internationale geehrt werden, macht deutlich, in wel-
Tooze. Das ist nicht neu, ebenso wenig Netzwerke im europäischen Maßstab bil- chem Umfang die geschichtlichen Per-
wie seine Feststellung, das Deutsche det. Die gegenseitige Teilnahme an Auf- spektiven nach rechts verschoben werden
Reich sei zu keinem Zeitpunkt wirt- märschen, Treffen zu geschichtsrevisio- sollen.
schaftlich stark genug gewesen, um Eng- nistischen Themen oder die Bildung einer Hier geht es ganz direkt um die Vertei-
land, Russland oder gar die USA dauer- politischen Fraktion im Europäischen digung der Erinnerung an die Frauen und
haft zu besiegen. Die USA waren in der Parlament dokumentieren, wie weit der Männer, die im Widerstand „selbst in den
Weimarer Zeit Vorbild der deutschen Aufbau einer „braunen Internationale“ Konzentrationslagern“ ihr Leben einge-
Wirtschaft. In der NS-Zeit waren sie stän- gediehen ist. Aus diesem Grunde führte setzt haben für die Befreiung der
diges Menetekel an der Wand – der Ver- die Internationale Föderation der Wider- Menschheit von der faschistischen Barba-
such, vor Eintreten der USA auf dem eu- standskämpfer (FIR) - Bund der Antifa- rei. Dafür steht das aktive politische Han-
ropäischen Kriegsschauplatz scheinbar schisten in Zusammenarbeit mit der lin- deln der antifaschistischen Verbände, die
„vollendete Tatsachen“ zu schaffen, alle ken Fraktion im europäischen Parlament sich in der Tradition der Widerstands-
anderen Mächte zu schlagen und ein GUE/NGL eine internationale Konferenz kämpfer, der Partisanen, der Deportierten
möglichst unangreifbares europäisches unter dem Titel „Antifaschismus in und Opfer des Faschismus sowie der An-
Imperium zu schaffen, bestimmte, wie Europa“ in Brüssel durch. gehörigen der Antihitlerkoalition verste-
Tooze betont und durch zahlreiche Quel- Die Themen dieser Tagung, an der hen. Ihr Wirken, das in verschiedenen
len belegt, immer wieder die NS-Kriegs- etwa 70 Delegierte aus mehr als 20 Län- Beiträgen auf der Konferenz beschrieben
planungen. *** dern Europas, Israel und den USA teil- wurde, ist ein Beitrag, Antifaschismus als
Insgesamt hat sich Tooze, der in Cam- nahmen, waren so vielfältig, wie die poli- internationalistische Kraft gegen Neofa-
bridge neuere europäische Wirtschaftsge- tischen Herausforderungen antifaschisti- schismus, Rechtspopulismus, Rassismus
und Antisemitismus, gegen Rechtsent-
wicklungen einzubringen.
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Welche Rolle heutige Generationen
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de von Antifaschisten dabei spielen können,
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach wurde auf der Konferenz ebenfalls mehr-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, fach thematisiert. Wichtige Beiträge der
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Konferenz liegen nun unter dem Titel
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel.
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. „Antifaschismus in Europa“ in Buchform
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. vor. Ein lohnender Band für alle, die sich
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind als Internationalisten in der antifaschisti-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. schen Bewegung verstehen. ■
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Michel Vanderborght/ Ulrich Schnei-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. der (hrsg.), Antifaschismus in Europa,
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf-
Bonn 2007, ISBN 978-3-89144-383-5,
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- 136 S. Ladenpreis 12 Euro, Direkt-
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Marion Bentin, Edith Berg- bezug möglich: FIR, p.A. VVN - BdA,
mann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–
Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in
Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin.
der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard 10 Ex. werden für 90 Euro zuzügl.
Strasdeit; Volkmar Wölk. Porto geliefert.

: antifaschistische nachrichten 15-2007 15


: aus der faschistischen Presse
verbindet.“ Und – so klagt Hornung
weiter: „Hinzu kommen Tabuerklärun-
gen wie etwa ,Geschichtsrevisionismus‘
Beisicht im Gespräch mit Anhänger die Reihen der Pro-Köln-De- mit dem Bestreben, das ,antifaschisti-
„Deutsche Stimme“ mos auf, als sie in Chorweiler und Mül- sche‘ Geschichtsbild von 1945 zum un-
heim zu ersten Protesten gegen die antastbaren historisch-politischen Be-
Juli 2007 „Großmoschee“ aufriefen. wußtseinsinhalt für alle nachfolgenden
Die „Deutsche Stimme“ interviewt den Genrationen zu erklären.“ Aber er hat
„pro Köln“-Vorsitzenden Markus Bei- „Ausgrenzung als Strategie“ auch Hoffnung, daß dieser „Antifaschis-
sicht zum Thema Moscheebau in Köln. mus … überwunden werden kann“. Hor-
Nachdem Beisicht die Aktivitäten der so- Junge Freiheit 29/07 nung: „Es wächst die Erkenntnis, daß ein
genannten Bürgerbewegung gegen den vom 13. Juli 2007 geistig und historisch-politisch so verun-
Moscheebau ins rechte Licht gerückt hat, Durch die politische Tabuisierung wür- sichertes Volk wie die Deutschen Identi-
– natürlich sind die Medien und die etab- den Konservative und Nationalliberale tät und Halt an einem zugleich kraft- und
lierte Politik Schuld daran, dass das Bür- zu Feinden, zu Geächteten, moralisch In- maßvollen Patriotismus finden muß. Die
gerbegehren gescheitert ist –, antwortet fizierten, von denen sich die Anständigen Zukunft steht im Zeichen einer im besten
er auf die Frage „Sehen Sie die Stadt und Gesunden fern halten müssen, kon- Sinne konservativen Agenda.“
vom Islam bedroht?“ in Köln hätten sich statiert das Blatt und lässt dazu Klaus Zumindest die öffentlichen Reaktio-
„regelrechte ethnische Ghettos“ gebildet, Hornung zu Wort kommen, Politikwis- nen auf die Rede Oettingers haben ge-
die Integrationsfrage stelle sich hier an- senschaftler an der Universität Hohen- zeigt, dass das nicht ganz so einfach ist.
dersherum. Die Islamisten seien gut or- heim. Am Beispiel der „jüngsten Kampa- Der beklagte antifaschistische Grund-
ganisiert, verfügten über ausreichende gne“ gegen das Studienzentrum Weikers- konsens von 1945 ist eben doch nicht so
Finanzen und klare Wertvorstellungen. heim moniert dieser, leicht kaputt zu kriegen…
Deshalb sehe er „durchaus die Gefahr dass man in Deutsch-
der Islamisierung und Verfestigung von land im öffentlichen „Orientalisierung in
Parallelgesellschaften“. Man führe aber Diskurs schnell in die
keinen „Religionskrieg“. rechte Ecke gestellt vollem Gange“
Nach dem Verhältnis zur örtlichen werde – „wenn man Nationalzeitung Nr. 29 vom 19. Juli
NPD gefragt, betont Beisicht, es gäbe nicht gleich den ,Fa- „Da uns Deutschen nach allen demo-
weder bei diesem noch bei anderen The- schismus in der Mitte graphischen Erkenntnissen der nicht
men eine politische Zusammenarbeit und der Gesellschaft‘ selbst allzu ferne Volkstod bevorsteht“, will
führt aus: „Dafür gibt es einfach zuviel ortet“. Dabei sei den Max Branghofer rigoros für deutsche
Trennendes, sowohl inhaltlicher als auch Politikern und Medien- Interessen eintreten. So sein State-
strategischer Natur. Wie Sie sicher wis- leuten längst entfallen, ment im Interview mit der „National-
sen, ist pro Köln 2004 deshalb in Kon- „daß der Antifaschis- zeitung“, die den Dortmunder DVU-
kurrenz zu den klassischen Rechtspartei- mus ein Ableger des Ratsherrn und Landesvorsitzenden
en in Köln angetreten und hat sich mit Sowjetkommunismus seit den 1920er der DVU in Nordrhein-Westfalen zu ver-
weitem Abstand durchgesetzt. Wir neh- Jahren ist“. Lenin, Stalin und die Komin- schiedenen Themen befragt, u.a. zur Fra-
men deshalb für uns in Anspruch, in tern hätten die Antithese „Faschismus – ge der „Überfremdung“. Da kann Brang-
Köln alleine die Oppositionsrolle von Antifaschismus“ zur zentralen und zün- hofer sich so richtig auslassen, da macht
rechts wahrzunehmen. Aber wir sehen denden Freund/Feind-Bestimmung ge- „die unfreiwillige Integration des deut-
unsere Hauptaufgabe im Kampf gegen macht, es sei kein Wunder, „daß die schen Bevölkerungsteils in vorderasiati-
Multikulti, Kriminalität und Korruption, Kommunisten bei der Anwendung des sche Kulturkreise die rasantesten Fort-
und nicht in der Auseinandersetzung mit Faschismus-Vorwurfs fortan kein Halten schritte“, „Unsere Großstädte verlieren
rechten Konkurrenzparteien. Die örtli- mehr kannten.“ Antifaschistische Kam- nach und nach ihren durch die christlich-
chen alten Rechtsparteien haben zudem pagnen heute verwendeten zugkräftigere abendländische Kultur geprägten Cha-
das Thema Moscheebau, wie so vieles Parolen und Stigmatisierungen wie rakter“, da ist „die Orientalisierung unse-
andere auch, weitgehend verschlafen.“ „Rassismus“, „Fremdenfeindlichkeit“ res Landes in vollem Gange.“ Dortmund
Das ist auf jeden Fall undankbar, denn oder „Nationalismus, den man dann mit müsse milliardenschwere Projekte reali-
noch im März 2003 füllten etliche NPD- dem NS-belasteten Adjektiv ,völkisch‘ sieren, um den sozialen Frieden sicher-
zustellen, dabei habe die DVU im Stadt-
rat immer wieder darauf hingewiesen,
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
„der Entdeutschung ganzer Stadtteile
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: endlich Einhalt zu gebieten“.
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich Mit der Frage nach den Milliarden
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Steuergeldern, die in die EU fließen, für
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Auslandseinsätze der Bundeswehr ver-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
wendet werden oder gar für Reparatio-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). nen aus dem Zweiten Weltkrieg ist das
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
Blatt bei seinem Lieblingsthema und fin-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) det in Branghofer den geeigneten Ge-
sprächspartner. Munter zieht er gegen die
Name: Adresse: Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczinsky
vom Leder, die seit zwei Jahren keine
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts Gelegenheit ausließen, „Europa zu ner-
ven“. Austritt aus der EU und das einge-
Unterschrift sparte Geld fürs deutsche Volk verwen-
den, fordert er nicht ganz so „maßvoll
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
patriotisch“, wie ein Klaus Hornung es
empfehlen würde... u.b. ■

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