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Naziszene Hartmut Wostupatsch

Kader unter
der Lupe
Von Jan Spreuk

Hartmut
Wostupatsch
Ein Nazikader unter der Lupe

Am Tag nach der Bundestagswahl kommt der Neonazi Hartmut Wostupatsch: Erst im Sommer 2001 tauchte
”HateSociety” im Internet ins Grübeln: ”Die Npd wird es er (wieder) in der Neonaziszene auf, und schon ein Jahr
niemals schaffen! Es muss eine neue Kraft geben, zusam- später wollte ihn der eine oder andere in der (Partei-)
mengesetzt aus allen Rechtsparteien mit geschulten Führerrolle sehen. Auch wenn der Name nicht ganz so
Kadern und einem Charismatischen Führer!”, schreibt er arisch klingt: ”Er sollte sich einen ,Arbeitsnamen’ zule-
im Nationalen Forum. Und weiter: ”Voigt wirkt auf mich gen”, empfiehlt ein sich ”Gates” nennender User im Inter-
wie ein Valium auf 2 Beinen; er hat zwar Ahnung- keine net. Für geeignet hält er den Mann jedenfalls: ”Also ich
Frage- ist aber als Parteiführer ungeeignet! Spontan denke mal das dieser ,Wostupatsch’ den NS vertritt, wenn
würde ich bei ,Führungskräften’ an Kamerad er schon mit Worch in Leipzig auf Demos auftritt.”
Wostupatsch denken, er hat Charisma, die nötige
Intelligenz und ein geniales Redetalent!” Phoenix aus kalter Asche

Als Redner taucht er erstmals am 23. Juni 2001 neben


Annemarie Paulitsch in Siegburg auf. In der Folge
spricht er – zunächst mit Schwerpunkt in NRW, später
auch in Ostdeutschland - zu so ziemlich jedem Thema, das
Neonazis auf der Seele brennt. Im Juli 2001 in Gevelsberg
pro ”Todesstrafe für Kinderschänder”, vier Monate später
in Hagen für eine ”Völkische Gemeinschaft statt Überwa-
chungsstaat”, ein paar Tage später in Schwelm wieder pro
Todesstrafe, im Dezember in Bottrop für den ”Erhalt der
nationalen Energieversorgung – gegen den Abbau der
Montanindustrie im Ruhrgebiet”. Im Januar 2002 in
Lüdenscheid träumt er von der ”Reichsgründung vor 131
Jahren”, im Februar und März pöbelt er in Bielefeld gegen
die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, die
dort Station macht. Die ”politische Repression im Sauer-
land” hat es ihm im April in Arnsberg angetan, und Mitte
September trommelt er gemeinsam mit NPD-Parteichef
Udo Voigt in Iserlohn für die NPD, die dort mit dem
Direktkandidaten Timo Pradel antritt. Hinzu kommen
Auftritte mit Christian Worch bei dessen Versuchen, in
Leipzig bis zum Völkerschlachtdenkmal vorzudringen, in
Karlsruhe, Gotha und Suhl.
Gleich sein erster Einsatz als Redner in NRW hatte
Folgen. Die Nachrichtenagentur AP meldete über die
Demonstration in Gevelsberg: Festgenommen worden sei
”ein 40-Jähriger wegen des Verdachts der Verunglimpfung
des Bundespräsidenten, übler Nachrede und Verleum-
dung”. Wostupatsch war zu weit gegangen. Daniel Cohn-
Bendit bezeichnete er als ”Rassegenossen” von Joschka
Fischer, dem er wiederum den Vornamen ”Josele” verpas-
ste (Wostupatsch: ”Was übrigens keine Verunglimpfung
ist, es ist nichts weiter als die hebräische Koseformel für
den schönen, alttestamentarischen Namen Josef”). Be-
dauern hatte er in diesem Zusammenhang für ”den armen
Dr. Josef Goebbels” übrig, ”der diesen Namen mit ihm
teilen darf”. Und weiter ging es an jenem Nachmittag in

18 ! Lotta Nr.11 | Winter 2002/2003 !


Hartmut Wostupatsch Naziszene

Gevelsberg: Richard von Weizsäcker wäre ”in besseren von Michael Kühnen und dort im ”Amt für nationalso-
Zeiten, sprich in den Zeiten, wo in Deutschland noch zialistische Lebensanschauung und Schulung” aktiv gewe-
Recht herrschte, 1945 mit einem Strick um den Hals am sen. Danach verliert sich seine Spur erst einmal, was das
nächsten Baum aufgefunden worden”. Ein ”Deserteur und ”Störtebeker-Netz” mit einer ”zeitweiligen Abstinenz aus
Feigling” sei Weizsäcker gewesen, einer, der ”aktive beruflichen Gründen” erklärt.
Beihilfe zur Kinderschänderei” geleistet habe, ”denn was Seine Vorliebe für Schulungsarbeit scheint er sich
die Bolschewisten in unseren Ostgebieten angerichtet bewahrt zu haben. Vor dem ”4. Strategiekongress der
haben, müsste ja jetzt eigentlich jedem klar sein”. Wostu- Revolutionären Plattform in der NPD” (RPF) am 21./22.
patsch voller Bedauern: ”Irgendwie hat’s damals auch Juli 2001 in Thüringen wurde ”Hartmut Wostupatsch (Ex-
nicht so ganz funktioniert mit dem Standrecht.” Einmal so ANS)” als einer der Referenten neben Steffen Hupka,
richtig in Fahrt, war er nicht zu bremsen: ”Ich weiß von Thomas Wulff und Jürgen Schwab angekündigt.
einer Bekannten aus Wuppertal, dass der jetzige Bundes- Wostupatschs Beitrag beim RPF-Kongress: ”Nationaler
präsident Rau es besonders liebte, bei Gartenpartys und Sozialismus - Utopie oder Programm für die Zukunft?”
anderen Gelegenheiten zwölf- bis 13-jährige Mädchen zu Mit diesem Thema scheint er in der Folge auf Tournee
befummeln. Was das nun sein könnte, ob man da Kinder- gegangen zu sein. Dokumentiert sind Vorträge zum Thema
schänder dazu sagt oder ob man da nur von unsittlicher Nationalsozialismus im Raum Remagen und in Bamberg.
Belästigung sprechen könnte - wenn’s stimmt, ich hab das Einiges spricht dafür, dass Wostupatsch mit seinem
aus glaubwürdiger Quelle, das bleibt jedem selbst überlas- Lieblingsthema ”Nationalsozialismus - was ist das eigent-
sen.” Und weiter ging’s, als wäre man nicht auf einem lich?” auch der Referent bei einer Schulungsveranstaltung
Bahnhofsvorplatz, sondern in einem Hinterzimmer: ”Es in Wuppertal am 6. Juli 2002 war.
ist übrigens der selbe Rau, der in seinem Privatjet bzw.
nein, von der Landesbank bezahlten Jet mit seinen Kum- Des neuen Führers Thron wackelt
panen zusammen fünf, nicht Hostessen, nicht Stewar-
dessen, sondern Prostituierte brauchte.” Zumindest den Unumstritten ist Wostupatsch, der unter dem besonde-
Aufmarsch in Gevelsberg konnte Wostupatsch nicht mehr ren Schutz von Worch zu stehen scheint, in der Szene
mitmachen, weil er nach seiner Rede festgenommen inzwischen nicht mehr. Neonazigruppen aus Franken un-
wurde. Was seine Meinung aber eher bestätigt haben dürf- terzeichneten im Oktober eine gemeinsame Erklärung, in
te: ”Dieser Staat ist ein Abgrund von Unmoral.” der sie ankündigten, sie würden ”den Kontakt zu Hartmut
Inzwischen weiß Wostupatsch, der wahlweise als Wostupatsch ab sofort einstellen, ihn nicht mehr zu Veran-
”Regimekritiker”, ”parteiloser Regimekritiker”, ”nationa- staltungen einladen bzw. auch keine Demonstrationen
ler Aktivist”, ”freier Aktivist” oder ”freier Nationalist” mehr besuchen, bei denen im Vorfeld schon klar ist, daß
angekündigt wird, etwas genauer, was er sagen darf, ohne Wostupatsch dort als Redner auftritt”. Hintergrund:
direkt anschließend Handschellen klicken zu hören. Wostupatsch hatte den Vorwürfen zufolge ein Gespräch
Bestimmte Elemente seiner Reden kehren immer wieder: zwischen ihm, Uwe Meenen vom ”Deutschen Kolleg”
Sein Antisemitismus gehört ebenso dazu wie die ungebro- und einem Staatsschützer arrangiert und dabei ”Organisa-
chene Verklärung des ”Dritten Reiches” oder Beleidigun- tionsinterna von freien Strukturen” ausgeplaudert. Wostu-
gen des politischen Personals der BRD. Und es gehören patsch, so das Fazit, sei ein Sicherheitsrisiko. Die NPD ist
seine ”Anti-Antifa”-Tiraden dazu, derer er sich selbst inzwischen gleicher Meinung. Deren Präsidium untersag-
dann bedient, wenn weit und breit kein Gegendemonstrant te, ”daß zukünftig Hartmut Wostupatsch aus Würzburg auf
zu sehen ist. Sein Publikum hört’s gerne. ”Erwähnenswert NPD-Veranstaltungen aller Art auftritt”.
ist hier die rhetorisch brillante Rede des Kameraden Derweil wartet er immer noch auf sein Gerichtsver-
Hartmut Wostupatsch, der die aktuellen Ereignisse immer fahren wegen seines Auftritts in Gevelsberg. Eigentlich
wieder perfekt mit unserer Vergangenheit, dem Kampf des sollte ihm bereits Anfang Februar 2002 vor dem Amtsge-
deutschen Frontsoldaten im Zweiten Weltkrieg und inter- richt Schwelm der Prozess gemacht werden. Doch der Ter-
essanten Hintergrundinformationen verknüpfte. Ganz min wurde erst einmal abgesagt. Dabei hatte Wostupatsch
nebenbei watschte er auch noch zwei, drei krakeelende in Kameradenkreisen schon die Werbetrommel gerührt.
Linke in einer Art und Weise ab, die bei diesen Subjekten Ein solches Verfahren ”Verunglimpfung des Bundespräsi-
vermutlich zu Depressionen führen müßte, wenn sie denn denten” habe es ”in 52 Jahren BRD noch nicht” gegeben:
noch etwas merken sollten”, resümierte das ”Aktionsbüro eine ”rechtsgeschichtliche Premiere”. ”Johannes Rau vs.
Nord” nach der Juni-Demonstration in Leipzig. Hartmut Wostupatsch” hatte der Neonazi aus dem
Wostupatsch war im Sommer 2001 aufgetaucht wie Fränkischen als Überschrift des Flugblattes gewählt, mit
Phoenix aus der Asche. Dabei dürfte die Asche schon dem er zur Gerichtsverhandlung einlud. Wostupatsch ge-
ziemlich kalt sein: Ende der 70er Jahre soll er in Würzburg gen den Bundespräsidenten: ein kleiner Schritt auf dem
für die Zeitung einer nationaldemokratischen Schülerge- Weg zum Führerdasein? Ein ”Admiral Lütjens” übt schon
meinschaft verantwortlich gewesen sein. Ihr Name: ”Voll- einmal im Nationalen Forum: ”HEIL Wostupatsch! neeee-
treffer”. Dem Störtebeker-Netz zufolge wurde er später eee - ist nicht toll. Na ja - nicht so schnell aufgeben. Noch
wegen ”Radikalität” aus den JN ausgeschlossen. Später sei ein Versuch: ,Wir begrüßen unseren geliebten Führer,
er bis zu deren Verbot 1983 Mitglied der ”Aktionsfront unseren Reichskanzler Wostupatsch’. *hüstel* - also, .......
Nationaler Sozialisten/Nationaler Aktivisten” (ANS/NA) beim besten Willen - ich glaube das klappt nicht!”

! Lotta Nr.11 | Winter 2002/2003! 19