Sie sind auf Seite 1von 6

Ulrich Kobbé

Theorie der Attentivität

Zur Bewußtseinstheorie von


Informationsaufnahme und
-verarbeitung

Hannover 1979
THEORIE DER ATTENTIV1TÄT

Der theoretische Hintergrund der ADM wurde ursprünglich von


RUTTEN(1964) dargelegt und anschliessend von KOBBE (1977)
zu dem gegenwärtigen operational brauchbaren Flussdiagramm
ausgearbeitet (s. Abb. 13). In Anlehnung an die phänomenolo-
gische Wahrnehmungspsychologie MERLEAU - PONTYs (1945)
liegt in der attentiven Theorie eine phänomenologisch-struktura-
I istische Auffassung der für mentale Aufmerksamkeitsleistungen
notwendigen psychischen, psychophysischen und operativen Ab-
läufe vor.
Auf der Ebene der Informationsaufnahme liegender Theorie nach-
folgende 4 Basiselemente in sequentieller Ordnung zugrunde,
die von PUTTEN (1964) und KOBBE (1977) definiert wurden:

Bemerken ist als psychischer Vorgang auf der Stufe des blossen
Gewahrwerdens aufzufassen und als nicht-intentionaler Akt de-
finiert, der auf das Bewusstsein seiner momentanen Verwirk-
lichung eingeschränkt bleibt. Hier steht am Anfang die Empfin-
dung, in der sich das Individuum der Erscheinung hingibt bzw.
ausliefert ohne von ihr Besitz zu ergreifen.

Aufmerksamkeit als nächstfolgender Teil der Informationsauf-


nahme hat nun bereits tendenziell intentionalen Charakter auf
dem Niveau des sensitiven Bewusstseins und ist im Gbergangs-
gebiet von Gewahrwerden und Wahrnehmung zu situieren. Der
Aufmerksamkeitsakt impl iziert so eine Transformation des men-
talenFeldes, ein quäl itativ anderes Verhältnisdes Bewusstseins
zum Gegenstände, Die Schaffung dieses (perzeptiven und/oder
mentalen) Feldes, das vom Individuum dominiert werden kann,
bedeutet einen geistigen Raum, in dem das Individuum bereits

z.T. mit seinem aktuel len Wahrnehmungsgegenstand operiert.


Dieses Umgehen mit Objekten erfolgt in zahlreichen aufeinander-
folgenden Aufmerksamkeitsakten, diedie Gegebenheiten umstür-
zen, so jeweils eine neue Dimension des Gegenstandes beleuch-

• o/ ••
ten und die betreffende Bewusstseinseinheit nach und nach in
sog. Übergangssynthesen aufbauen.

Konzentration besteht zeitlich nachfolgend in einer distanzier-


ten, auf das Objekt gerichteten intentionalen Aktion, die eine
Einengung und Intensivierung des Vorangegangenen bedeutet.
Diese Verbindung von Focussierung und Intensivierung basiert
auf der Voraussetzung, dass sich der Umfang der Aufmerksam-
keit und ihre Intensität in einer umgekehrt proportionalen Re-
lation zueinander befinden. Konzentration ist in diesem Sinne
als aktive Konstituierung eines Gegenstandes durch Verdeut-
lichung und Thematisierung aufzufassen und entspricht in keinem
Falle einer bildl ichen Darstellung oder einem Rückgriff auf dem
Bewusstsein bereits inhärente Objekte.

Besinnen lässtsich als verstandesmässig-intentionaler Akt des


reflexiven, repräsentativen Bewusstseins begreifen. Es ist als
Wetterführung, nicht als Aufhebung, der vorhergehenden prä-
reflexiven Konzentration definiert. In einer engen Begriffsin-
terpretation hat Besinnen die Bedeutung einer Fähigkeit, Be-
wusstseinsinhalte spontan im Sinne einer Wissensaktualisierung
reproduzieren zu können. In der weiteren Auslegung betrifft
diese kognitive Aktion nicht nur das Abrufen bereits vorhandener
Bewusstseinsinhalte, sondern einen spontan-produktiven Pro-
zess, der die Lösung zukünftiger Konflikte oder die Planung
nachfolgender Handlungseinheiten zielgerichtet umgreift. Von
diesem Konzept her erscheint die Fähigkeit des Besinnens als
eine der höchsten ganzheitlichen und zugleich meist ausdiffe-
renzierten Funktionen des Bewusstseins.

Die Ebene der Informationsverarbeitung und -speicherung setzt


sich zusammen aus äusserst unterschiedlichen Bewusstseins-
anteilen:
organisches Wachbewusstsein

Inhalts- bewusstsein

I
i
l
i
l
Bezieh-
ungsbe-
wusstsein

Handlung
(z.B. Okulomotorik) (z.B. Sprachmotorik)

t
Abbildung 13
Zonen des Informationsaufnahme:

nicht-intentional, passiv wahrnehmend

intentional, aktiv aktualisierend .. / ..


Das organische Wachbewusstsein als physiologische Determi-
nante steht inhaltlich in deutlicher Abhängigkeit von dem intern
perzeptiven Bemerken und erhält Inputs bezüglich der affektiv-
emotionalen Beteiligung wie sie auch über die zunehmend inten-
tional gesteuerten Elemente der Informationsaufnahme noch wei-
tergegeben werden. AI lerdings sind Aufmerksamkeit und Konzen-
tration ja in ihren extern perzeptiven und präreflexiven Funk-
tionen sozusagen auf Einzelphänomene eingeengt: sie erfahren
kaum Beteil igungdurch gefühl smässige Erlebnisanteile und haben
so nur schwachen Einf luss auf diesen psychophysisch-vigi lanten
Bewusstseinsanteil. Dem organischen Wachbewusstsein liegt
somit ein funktionsdynamisches Korrelat grundlegender psycho-
organischer Funktionen zugrunde, die über die Vigilanzregu-
lierung noetische Einzeltätigkeiten steuern. Eine emotional-
effektive Beeinflussung kann sich dann im psychischen Bereich
symptomatisch z.B. in Form von Unkonzentriertheit bis zu ab-
senceartigen Blockierungen des Reaktionsvermögens äussern.

Inhaltsbewusstsein und Beziehungsbewusstsein sind die beiden


zentralen Bausteine der Informationsverarbeitung und -Spei-
cher ung.
Das Inhaltsbewusstsein speichert als binnenseelische Immanenz
die ihm durch Aufmerksamkeit und Konzentration übermittelten
und sich so als solche konstituierenden Bewusstseinsinhalte.
Vom Charakter her ist diese Substantive Modalität des Bewusst-
seins passiv; sie steht jedoch in symbiotischem Zusammenhang
mit dem Beziehungsbewusstsein. Indiesem transitiven, nicht als
immanent "innen" vorhanden konzipierten Bewusstsein werden
die gegebenen Objekte durch Vermittlung des Besinnens und durch
Information des Inhaltsbewusstseins in ihren Beziehungen zum
Individuum erfasst.
Anfangs treten die Gegenstände ohne intentionales Zutun in das
diesen Bewusstseinsstufen verbundene Wahrnehmen und Denken
ein und werden dann1 mit Hilfe intentionaler Akte als Wahrneh-
mungsobjekte deutlicher erfasst und in ihren Aspekten durch-

• •/ • •
gegangen, die implizit auf weitere Seinsweisen desselben Ob-
jektshinweisen. Insofern konstituiert das Besinnen dadurch das
Beziehungsbewusstsein als es eine Explikation und ein Zuein-
ander-in-Beziehung-Setzen solcher Impl ikationen in diesem Be-
wusstsein herbeiführt. Die Beziehungserfassung in Form der
Aktualisierung schematisch antizipierter Aspekte ist somit als
reproduktives Denken zu bezeichnen; das über eine reine Um-
strukturierung vorhandenen Materials hinausgehende Erkennen
einer neuen Beziehung, Erfassender Möglichkeit zur Explikation
eines weiteren impl iziten Gegenstandsaspektes ist dann dem pro-
duktiven Denken gleichzusetzen.

Parallel zu den bislang dargestellten Ebenen der Informations-


aufnahme, -Verarbeitung und-speicherung bleibt noch eine ope-
rationale Ebene zu berücksichtigen. Wahrnehmung an sich muss
alsvon verschiedenen Ebenen perzeptorischer Tätigkeit struk-
turiert und in seiner Tätigkeit selbst von einem bestimmten Sta-
dium andurchdie operativen Strukturen geleitet angesehen wer-
den. Das Verhältnis von Wahrnehmung und Handlung bildet eine
dynamische kinästhetisch-optisch-motorische Funktionseinheit,
in der es eine wesentliche Übereinstimmung im formalen Ablauf
so verschiedener und hochdifferenzierter Gebiete gibt wie der
feineren Sprachmotorik einerseits und kognitiv-abstrahierenden
Vorgängen andererseits. Auch hinsichtlich der Operationen ist
ein Funktionszusammenhang mit cerebralen Impulsen und moto-
risch-optischerRaumvorstel lung festzustellen. Die Entwicklung
der betreffenden Handlung erfolgt hierbei spontan aus der sach-
Iich-affektiven Situation heraus und kann in bestimmten Bewe-
gungstendenzen durch die Nachwirkung propriozeptiver Stimuli
modifiziert werden. Nach RUTTEN (1964) ist die Koppelung von
Wahrnehmung und Handlung als eine ursprüngliche strukturelle
Einheit und nicht als Überbau beider Funktionen zu denken.

• / •.