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1.

Wir kämpfen für uns, andere kämpfen auch für sich, und gemeinsam sind wir st
ärker. Wir führen keine Stellvertreterkriege, es läuft über "eigene Teilnahme",
Politik der 1.Person. Wir kämpfen für keine Ideologien, nicht fürs Proletariat o
der fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen, wohl w
issend, daß wir nur frei sein können, wenn alle anderen auch frei sind!
Aber auch wir haben eine Ideologie: Es geht uns dabei um Eigenverantwortung und
Selbstbestimmung als gesellschaftspolitisches Ziel und Mittel zu deren Durchsetz
ung. Es geht uns aber auch um Moral, Gerechtigkeit und Würde. Und in diesem Zusa
mmenhang führen wir auch manchmal Stellvertreterkriege, wenn wir betroffen sind
von dem Leid und Unterdrückung gegen andere.
2. Wir wollen das System nicht reformieren oder verbessern. Wir führen keinen Di
alog mit den Herrschenden, denn das ist der erste Schritt zur Integration. Wir l
ehnen die Propagierung reformistischer Ziele ab. Uns kommt es zu allererst darau
f an, das Selbstbewußtsein der Menschen in Alltag und Politik zu stärken, ihre S
achen selbst in die Hand zu nehmen und nicht an andere zu delegieren. Deswegen l
ehnen wir für uns den parlamentarischen Weg ab.
3. Wir wissen sehr wohl, daß es eine Dialektik zwischen Reform und Revolution gi
bt: Wenn die Betroffenen für die Verbesserung ihrer Misere kämpfen, also die erl
aubten Bahnen des Protestes überschreiten und dabei auch Teilziele gegen die Wid
erstand der Herrschenden durchsetzen, kann dies auch Ansporn sein, für neue syst
emübergreifende Ziele zu kämpfen. Das Gefühl, gemeinsam stark zu sein, Erfolge z
u erreichen, radikal für die selbstformulienen Ziele zu kämpfen (wobei wir unter
"radikaI" nicht nur "militant" verstehen), ist dabei das Entscheidende: Der Weg
, die Art und Weise unserer Kämpfe ist das Ziel.
Die ständige latente Drohung mit Knast und deren Anwendung ist eine entscheidend
e Existenzbedingung dieses Systems. Unser Kampf muß sich - trotz des augenblickl
ichen Unrealismus - insgesamt gegen dieses gesellschaftliche Bestrafungssystem w
enden. In unseren utopischen Vorstellungen wollen wir auch nicht die Verantwortu
ng gegenüber Vergewaltigern, Faschos und Frauenmördern dem Staat überlassen. Mom
entan würden wir aber trotzdem nicht "Freiheit für alle" fordern. Das Dilemma lä
ßt sich zur Zeit nicht auflösen.
4. Wir hier in der Metropole sind - unabhängig von der Klassenstellung - Nutznie
ßer der internationalen Ausbeutung. Auch die Ärmeren profitieren hier von den Hu
ngerlöhnen in den Trikont-Ländern. Der Zwang zur Arbeit ist in dieser Gesellscha
ft trotz der verschärften Angriffe des Kapitals immer noch sehr viel geringer al
s in Osteuropa oder den Trikont-Ländern.
Trotz Massenarbeitslosigkeit fordern wir nicht das Recht auf Arbeit. Denn dies w
äre in diesem System nur das Recht auf Ausbeutung. Wir kämpfen stattdessen für d
ie Aufhebung der entfremdeten Arbeitsverhältnisse. Wir wissen, dies werden wir n
icht erreichen, ohne die Herrschaft des Geldes und der abstrakten Ware abzuschaf
fen. Deswegen gehört dazu, die Trennung von Arbeits- und Lebenszusammenhängen au
fzuheben, also eine neue grundlegend geänderte Struktur des sozialen Zusammenleb
ens und der Kommunikation zu schaffen.
5. Wir haben alle einen "diffusen Anarchismus" im Kopf, sind aber keine traditio
nellen AnarchistInnen. Die Begriffe Marxismus, Sozialismus und Kommunismus beinh
alten für uns nach allen ihren Theorien und Praktiken den Staat und können somit
von uns, auch als "Zwischenstufe", nicht akzeptiert werden. Wir glauben auch ni
cht, daß es eine "Eigentlichkeit" der obigen Begriffe gibt, die immer nur, z.B.
durch den Realsozialismus verfälscht worden ist. Auch mit dem Begriff des Anti-I
mperialismus, so wie er vertreten wird, können wir uns nicht identifizieren, da
er bei der Forderung nach nationaler Unabhängigkeit stehenbleibt und somit den S
taat in keinster Weise in Frage stellt.
6. Es gilt, dem System überall punktuell Gegenmacht entgegenzusetzen Diese Gegen
macht darf sich allerdings nie totalisieren oder vereinheitlichen, darf nie als
die Gegenmacht institutionalisiert werden, sonst wäre die Tendenz für einen neue
n Staat im Keim bereits wieder angelegt.
Macht formiert sich aber nicht nur durch und über den Staat, sondern tragende Sä
ulen der Macht sind u.a. die patriarchale Kleinfamilie, Kirche und Religion.
Eine besondere Form von Macht und Unterdrückung bildet sich durch das Konkurrenz
prinzip und das Leistungsdenken heraus. Diese werden uns in Erziehung, Schule un
d Arbeit als naturgegebene Normen vermittelt.Die Bekämpfung des vermeintlichen R
echts des Stärkeren, Erfolgreicheren bedeutet, die Machtbeziehungen in allen For
men zwischenmenschlicher Kommunikation zu thematisieren und bei sich selbst anzu
fangen, diese abzubauen. Die Bildung einer sozialen Gegenmacht darf uns nicht da
zu verleiten, neue Machtstrukturen an die Stelle der alten zu setzen. Das Ziel -
keine Macht für niemand - muß auch in unseren Formen des Kampfes und der Organi
sation von Gegen macht erkennbar sein.
7. Die Alternativen versuchen, innerhalb des bestehenden Systems Freiräume zu er
obern, um darin eine andere Kultur und eine andere Ökonomie aufzubauen. Sie stoß
en dabei jedoch immer wieder auf vom Kapital vorgegebene gesamtgesellschaftliche
Grenzen. Auch unser Kampf geht im Moment meist nur um Eroberung und Verteidigun
g von Freiräumen, wie z.B. bei der Besetzung von Häusern und Jugendzentren. Dies
kann und darf aber nie unser alleiniges Ziel sein. Aber je mehr Freiräume wir g
ewinnen können, desto besser ist unsere Ausgangsbasis, um den Staat und das Syst
em zu stürzen. Freiräume bedeuten ein punktuelles Außerkraftsetzen des Staates.
Aber gleichzeitig kann der Staat durch das ghettoisierte Zulassen von Freiräumen
sozialen Widerstand kanalisieren.
Diese unterschiedliche Bewertung der Bedeutung von Freiräumen bei den Grün-Alter
nativen und bei den Autonomen halten wir für zu Schwarz-Weiß und zu wenig prozeß
haft gedacht. Gesellschaftlicher Wandel vollzog sich sehr wohl auch durch das "T
herapie und Diagnosefeld der Alternativszene", z.B. im Bereich der Gesundheitspo
litik/Medizin. Es ist nicht gleich alles schlecht, was gesellschaftlich integrie
rt wird, was zu Refomen beiträgt. Die Alternativszene ist heute jedoch Teil des
Systems und keine Triebfeder mehr für emanzipatorischen Wandel.
Wir wollen auch heute noch Freiräume erkämpfen, um experimentieren zu können, um
die Dialektik zwischen Eigenveränderung und gesamtgesellschaftlicher Veränderun
g produktiver leben zu können als jetzt, wo uns der individualisierte Alltag ers
chlägt. Aber die Freiräume sollten nicht nur für die Jugendbewegung, die funktio
nstüchtigen Kämpfer da sein, sondern gerade auch für Alte, Kranke, Behinderte, O
bdachlose, Süchtige etc.
8. Wir müssen neben der Aufhebung des Staates mit unseren eigenen verinnerlichte
n Strukturen aufräumen: Patriarchale, rassistische und leistungsorientierte Stru
kturen stecken ganz tief in uns. Sie haben wenig mit der Existenz des Staates zu
tun. Diese Aufhebung der eigenen deformierten Strukturen läuft aber nicht allei
n durch Selbstveränderung. Hier überschätzen wir unsere subjektiven Möglichkeite
n. Eine weiterführende Antwort war und ist Kollektivität. Doch auch dabei muß no
ch viel an gesellschaftlichem verinnerlichtem Dreck wie Machtstrukturen, Konkurr
enzdenken etc. verändert werden. Das spielerische Moment der Selbstveränderung -
das des Erlebens der Freiheit beim Fluch des Pflastersteins - ist allein zu kur
z gegriffen. Das Leben steht leider nicht nur aus einer Aneinanderreihung solche
r Momente der Freiheit, sondern der politische Alltag hat viel mit den Mühen der
Ebene zu tun. Selbstveränderung kann aber auch dann lustvoll sein, wenn du z.B.
in der Kommunikation mit anderen das Neue spürst, dich traust, neue Wege zu geh
en, die dir neuen Mut geben.
9. Wir lehnen eine parteiförmige Organisationsstruktur aus vielerlei Gründen ab.
In allen linksradikalen Parteien gab es das Funktionärsunwesen, das Delegieren
von Interessen von unten nach oben, die mangelhafte Förderung des Selbstbewußtse
ins und der Selbstbestimmung der Massen etc. Jede kommunistische oder anarchisti
sche Partei kennt das Problem der Macht bis zum Überdruß. In unseren Strukturen
hingegen gibt es keine gewählten Delegierte oder Funktionäre. Und dennoch kennen
auch wir das Problem der Macht. Sie bildet sich bei uns nur informell, quasi un
ter der Hand heraus.
Informelle Zusammenhänge zwischen verschiedenen Gruppen und Individuen haben sic
h im Laufe der Jahre herausgebildet. Besonders die "Neuen" und die Jüngeren sind
davon zumeist sehr lange ausgeschlossen. Obwohl die nicht-öffentliche Struktur
einen guten Schutz vor den Bullen bietet, müssen wir viel schärfer zwischen notw
endiger Nicht-Öffentlichkeit und öffentlich zugänglicher Struktur unterscheiden.
Viele von den informellen Strukturen sind überholt und entziehen sich völlig de
r Kritik durch andere. Hier blockieren alte Machtstrukturen politische Neuerunge
n.
Wenn wir u.a. mit den Jüngeren neue Wege gehen wollen, nicht mehr nur reaktiv Fe
uerwehrpolitik machen wollen, sondern vorausschauend Perspektiven und Strategien
einer neuen politischen Praxis und Theorie entwickeln wollen, dann müssen wir v
on einigen lieb gewordenen Strukturen Abschied nehmen. Trotz gegenteiliger Behau
ptungen gibt es unter den Berliner Autonomen sehr wohl eine kontinuierlich arbei
tende Struktur. Sie ist aber in ihren Formen erstarrt. Frischer Wind durch neue
Leute und neue Formen der politischen Auseinandersetzung, von der sehr viele ohn
e großes Sicherheitsrisiko öffentlich sein können, sind aber dringend notwendig.

aus: Der Stand der Bewegung, Lesebuch zum Autonomie-Kongreß 1995,