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1.

Autonomie: daß heißt für uns, unser Leben selbst zu bestimmen; gegen die Zwä
nge der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates ein befreites Leben hier und
heute zu thematisieren. Wir lehnen uns auf gegen den Abeitsterror in den Fabrik
knästen, gegen die Zwangsmoral, die uns Familie und Erziehungsanstalten einimpfe
n wollen, gegen die Zubetonierung und Verseuchung unserer Umwelt, gegen die Verw
altung unseres Lebens durch Bürokratie und eine zur technischen Lösung von verme
intlichen Sachzwängen sich stilisierende Politik.
2. Autonomie: das heißt für uns Widerstand und Kampf. Die bürgerliche Gesellscha
ft und ihr Staat sind expansiv; aus ihr gibt es kein Herausspringen (wie die Hip
pies glaubten,) in ihr gibt es keine Freiräume, die sie uns bereitwillig gewährt
( wie die Alternativen glauben ).
3. Aber Autonomie ist nicht das Ziel eines langen Kampfes, der uns Anpassung auf
zwingt und während dessen wir uns von Reformisten oder Berufsrevolutionären auf
den Sankt Nimmerleinstag der Freiheit vertrösten liessen. Die ersteren wollen di
e Macht im Zwangssystem erobern statt es abzuschaffen; die letzteren gleichen si
ch im Kampf dem Gegner bis zur Unkenntlichkeit an, so daß ihr (glücklicherweise
nicht anstehender) Sieg nur die Kontinuität von Herrschaft bedeuten würde ( sieh
e UdSSR ).
4. Autonomie: das bedeutet für uns, hier und ietzt andere Lebensformen zu prakti
zieren. Die Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft stellt für uns keine Perspekti
ve dar; eine andere Zukunft die einer befreiten Gesellschaft - wird es nicht geb
en, wenn wir nicht bereits im Bestehenden durch einen kulturrevolutionären Proze
ß unser Unbehagen und unsere destruktive Kraft in eine neue Bedürfnisstruktur un
d neue Verhaltensweisen zueinander transformieren.
5. Wir müssen uns autonome Bereiche des Lebens erkämpfen, und wir müssen sie ver
teidigen. Aber wir können sie nicht verteidigen, ohne sie auszuweiten und ohne z
u anderen Bereichen überzugehen. Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Ganzes, da
s seinen totalitären Anspruch auf alle Teilbereiche ausdehnt. Überall stossen wi
r auf die Gesetze und Zwänge, die der kapitalistischen Logik entspringen, so daß
unsere Autonomie im Bestehenden stets nur eine relative sein kann. Und der Zusa
mmenhang, der vom Kapital durchwalteten Lebensbereiche, verweist von einem auf d
ie notwendige Veränderung in allen anderen Bereichen des Systems. So können wir
nur bedingt qualitativ anders zusammen wohnen, wenn die alten Zwänge der Arbeit,
Schule etc. fortbestehen.
6. Es gilt, das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft zu zerschlagen. Aber unsere
Strategie ist nicht totalisierend. Wir müssen Teile aus dem Zwangszusammenhang h
eraussprengen, wobei die besonderen Bedingugen nicht vereinheitlichenden Forderu
ngen geopfert werden dürfen. Die erkämpfte relative Autonomie gibt es nur im Kon
kreten, d. h. Partikularen.
7. In manchen Bereichen gelingt es uns, den Verwertungszusammenhang des Kapitals
und die Autorität des Staates ansatzweise zu durchbrechen; in anderen Bereichen
bilden wir oppositionelle Gruppen, deren Wertsetzungen und Handlungsweisen sich
von jeder systemkonformen Logik losreissen. Unsere Bewegung hat hundert Ausdruc
ksformen.
8. Überall, wo Entfremdung und Unterdrückung erfahren werden, kann man sich durc
h Formen direkter Aktion auflehnen. Die Produktionssphähre hat keinen Vorrang vo
r den Reproduktionsbereichen.
9. Wir kennen keine "politische Ebene" die von unserem alltäglichen Leben getren
nt wäre. Autonomie; d. h. Selbstbestimmung unseres Lebens. Also werden wir das S
chicksal unserer lebendigen Bedürfnisse keiner institutionellen Ebene anvertraue
n, auf der andere "für uns" entscheiden. Das parlamentarische Spektakel gehört f
ür uns zum Fernsehprogramm. Unsere Lebensweise hat unmittelbar politischen Chara
kter insofern wir uns der herrschenden Ordnung widersetzen.
10. Unsere Lebens- und Widerstandsformen sind antiinstitutionell. Soweit wir Ber
atungsorgane brauchen ( z. B. Besetzerrat ), werden sie nicht mit "Amtsträgern"
bestückt und sie haben auch keine Zwangsgewalt gegen Einzelne. Autonomie: d.h. a
uch Autonomie des Individuums. Wir sind keine homogene Einheit; unsere Gemeinsam
keit unterschlägt nicht die heterogene Vielfalt. Wir sind Chaoten!
11. Soweit es uns gelingt, eigene Lebenszusammenhänge herzustellen, brauchen wir
keine Partei oder politische Organisation. Denn jene sichern die Kontinuität, d
ie einzelne Aktionen verbindet, so daß Erfahrungs- und Lernprozesse gemacht werd
en können.
12. Wir sind weder eine Klasse noch eine "Randgruppe". Es gibt Schichten, in den
en die Unerträglichkeit dieser Gesellschaft leichter erkannt und stärker empfund
en wird als in anderen. Aber das Handeln ist an keine Schichtenzugehörigkeit geb
unden.
13. Die Verschiedenheit der Ausdrucksformen unserer Bewegung bedeutet eine produ
ktive Ungleichzeitigkeit, eine Gleichzeitigkeit von Verschiedenem. Wir lernen vo
neinander; und das System wird auf verschiedenen Ebenen zersetzt. Aber es gibt a
uch die hemmende Ungleichzeitigkeit - die unseres Bewußtseins, Empfindens und Ha
ndelns zu dem der "Massen".
Denn Autonomie: d. h. sich loslösen von den herrschenden Normen und damit auch v
on der Mehrheit der Bevölkerung, die noch ins System integriert ist. Autonomie b
edeutet Andersheit.
14. Wenn es keine autonome Bereiche gibt, die wir nicht verteidigen müßten; und
wenn wir sie nicht verteidigen können ohne den totalitären Zugriff des Systems z
u bekämpfen und damit es selbst letztlich zu zerstören; und wenn das Svstem nich
t gegen die Masse zerstört werden kann, dann kann unsere Absonderung von ihnen n
ur eine verübergehende Phase bedeuten. Autonomie bewegt sich im doppelten Widers
pruch: gegenüber dem System Absonderung und zugleich Kampf, gegenüber den Massen
Absonderung und zugleich Vermittlung.
15. Wir handeln nicht aus pädagogischen Gründen. Es geht uns um unsere eigene Ex
istenz. Aber wenn wir unsere Ziele realisieren wollen, muß unser Handeln zugleic
h exemplarische Funktion haben. Wir müssen die Wahrnehmungs- ( und damit Handlun
gs- ) weisen derer, die dem System noch verhaftet sind, revolutionieren, damit s
ie ihre Grundhaltung ändern und das Spiel der Herrschenden nicht mehr mitspielen
.
16. Ohne Phantasie keine Zukunft!!!! Die Scherben vom 12.12. haben unter anderem
bewirkt, daß heute von jedem in Berlin leerstehende Häuser anders wahrgenommen
werden als zuvor. Aber dieselben Formen lassen sich nicht beliebig mit demselben
Effekt wiederholen. Unsere spontanen Aktionsformen sind zu gewohnten Reaktionsf
ormen geworden. Einen Lernprozeß bei andern wird es nicht geben, wenn wir nicht
lernen, unsere Bedürfnisse so auszudrücken, daß auch andere ihre eigenen Bedürfn
isse darin wiederfinden

aus: radikal Nr.98, 9/1981