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Alleinstellungsmerkmal Abitur?

In der aktuellen Debatte zur Zuordnung dualer Berufsausbildung und allgemeinbildender Abschlüsse weist die KMK immer wieder darauf hin, dass das Abiturzeugnis in Deutschland im europäischen Kontext etwas Besonderes sei: Es wäre kein Schulabschluss, sondern ein generell wir- kendes Universitätseingangszeugnis. In einem Schreiben der KMK (13. Dezember 2011) an die Ministerpräsidenten der Länder heißt es:

„Mit dem Erwerb des Abiturzeugnisses in Deutschland wird die uneingeschränkte direkte Zugangsberechtigung zum Studium an jeder deutschen Universität ausgesprochen. Dies ist nicht selbstverständlich und weist diesen Sekundarabschluss II im europäischen Kontext als etwas Besonde- res aus, weil er kein Schulabschluss, sondern ein generell wirkendes Universitätseingangszeugnis ist. Auf der Grundlage vertiefter fach- bzw. fachtheoretischer Kenntnisse werden Qualifikationen bescheinigt, die eine selbständige Studienplanung und einen erfolgreichen Studienabschluss ermöglichen. Mit dem Abiturzeugnis werden folglich ebenso wie mit dem Abschluss einer dualen Ausbildung die Grundlagen für ein erfolgreiches Weiterlernen in Hochschule und Beruf gelegt.“

Eine Recherche zur Bedeutung des ‚Abiturs‘ bzw. vergleichbarer Schulabschlüsse für die Hochschulzugangsberechtigung in anderen Ländern ergab folgendes:

Die Europäische Kommission hat am 21./22. September 2011 eine Peer Learning Activity zu genau diesem Thema durchgeführt, an der 23 Länder teilgenommen haben. Ergebnis:

In den meisten Ländern ermöglichen die SekII-Abschlüsse den uneingeschränkten Zugang zu den Universitäten. Das gilt auch für beruflich ausge- richtete Abschlüsse. Nur in einzelnen Mitgliedsstaaten ist an einigen Universitäten bzw. in bestimmten Fächern der Nachweis fachbezogener Kompetenzen in einer Eingangsprüfung erforderlich. Auch in Deutschland gibt es jenseits der formalen Zugangsberechtigung Schranken wie z. B. den „Numerus Clausus“, Auswahlverfahren oder Hochschuleingangsprüfungen.

In allen Ländern werden Sek II-Abschlüsse dem Niveau 4 zugeordnet. Der Zuordnungsvorschlag der Niederlande, das Abschlusszeugnis der ‚Vorwissenschaftlichen Bildung‘ (VWO) dem Niveau 5 zuzuordnen, wurde zwischenzeitlich revidiert. Nach Meinung der EQF – Begleitgruppe fehl- te eine mit Nachweisen belegte überzeugende Begründung. Der aktuelle Vorschlag der Niederlande sieht vor, das Abschlusszeugnis einem Ni- veau 4* zuzuordnen.

Fazit: Von einem deutschen Alleinstellungsmerkmal, das eine Zuordnung in Niveau 5 mit Blick auf Europa rechtfertigen würde, kann keine Rede sein.

Berlin, 11. Januar 2012; Nehls, DGB; Born, ZDH

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„School leaving certificates“ und Hochschulzugang in Europa: Beispiele

Land

“school leaving certificate” und Hochschulzugang in Europa - Beispiele (AHR: Allgemeine Hochschulreife; FgHR: Fachgebundene Hochschulreife; FHR: Fachhochschulreife)

Niveau EQR

Belgien, Flämische Gemeinschaft

AHR

4

Belgien, Französische Ge- meinschaft

AHR Hochschulen können zusätzliche Zulassungsvoraussetzungen definieren

4

Bulgarien

AHR Hochschulen können zusätzliche Zulassungsvoraussetzungen definieren

4

Dänemark

FgHR Zulassung zu konkreten Bachelor-Studiengängen wird mit Zusatzanforderungen verbunden

4

Deutschland

AHR, FgHR, FHR In Deutschland wird der Nachweis des Erwerbs der Hochschulreife an Schulen über verschiedene Hochschulzu- gangsberechtigungen erbracht:

?

die Allgemeine Hochschulreife, das Abitur als allgemeine Hochschulzugangsberechtigung für sämtliche Studiengänge an Universitäten, Technische Hochschulen, Musik- und Kunsthochschulen, Pädagogische Hochschulen, Fachhochschulen usw.;

die Fachgebundene Hochschulreife bzw. das fachgebundene Abitur als eingeschränkte Hochschulzu- gangsberechtigung für bestimmte Studienfächer an den Universitäten, aber sämtlichen Studiengängen an Fachhochschulen

die Fachhochschulreife (allgemein oder fachgebunden, umgangssprachlich Fachabitur) als Zugangsbe- rechtigung für Studiengänge an Fachhochschulen, Gesamthochschulen und (Länderbezogen) bestimm- ten (Bachelor-) Studiengängen an Universitäten

Es gibt bundes-, landes-, bzw. hochschuleigene Zugangsbeschränkungen für Studiengänge mit großer Nachfra- ge, für die neben der Note des Abschlusszeugnisses weitere Kriterien herangezogen werden. Diese sind z. B. Wartezeiten, erworbene Zusatzqualifikationen.

Estland

AHR Zwei Abschlusstypen (Gymnasium: gümnaasium; Berufsschule: kutseõppeasutus); diese werden jedoch gleich behandelt

4

Frankreich

FgHR Grundsätzlich notwendig ist das Baccalauréat (BAC). Der baccalauréat général - das allgemeine Abitur - kann an einem lycée nach drei Jahren (Jahrgangsstufen: seconde, première und terminale) erworben werden. Das Ziel des baccalauréat professionnel besteht vorrangig darin, den Schülern eine Qualifikation für den Berufsein- stieg zu ermöglichen - die Qualifikation eines technicien. Zugleich erwerben sie aber mit diesem Abitur eine Hochschulzugangsberechtigung. Alternativ können die Durchschnittsnote der letzten zwei Jahre des Lycée (Se- kundarstufe II) und hochschuleigene Auswahlverfahren angewandt werden, wie z.B. die Classes Préparatoires aux Grandes Ecoles (zweijährige Ausbildung für den Besuch der „Grande Ècole“) oder Eignungstests.

BAC Pro 4

BAC général

bisher nicht

zugeordnet

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Niederlande

Zwei AbschlusstypenFür den Zugang zu den Hochschulen existiert ein zentrales Zulassungssystem. Grundsätz- lich ist der Zugang mit einem Sek.II-Abschluss möglich. Teilweise sind Zulassungsbschränkungen aus Kapazi- tätsgründen möglich. Zwei Abschlusstypen:

4 und 4*

„hoger algemeen voorbereidend onderwijs“, HAVO: Zugang zur Fachhochschule („hoger beroepsonderwijs“, HBO)

„voorbereidend wetenschappelijk onderwijs“, VWO: Zugang zur Universität („wetenschappelijk onderwijs“, WO) aber: Wechsel zwischen Hochschulformen und Schulformen ist gewährleistet; Studieninteressierte mit gutem Notendurchschnitt haben Zugang zum Studienplatz ihrer Wahl. Der ursprüngliche Zuordnungsvorschlag für den NQF lautete Niveau 5, dies wurde zwischenzeitlich revidiert. Um zwischen anderen Bildungsabschlüssen zu unterscheiden, gibt es nunmehr die Zuordnung Niveau 4* (be- fristet auf 2 Jahre).

Österreich

AHR Mehrheitlich wird die Matura (eigentlich Reifeprüfung) auf Niveau 4 gesehen. Sie wäre damit gleichwertig mit dem Lehrabschluss. Ebenso auf Niveau 4 wird die Berufsreifeprüfung gesehen, die Lehrabsolventen machen können. Auf Niveau 5 wird hingegen die Reife- und Diplomprüfung gesehen. Es ist dies der Abschluss einer fünfjährigen berufsbildenden höheren Schule (BHS). Die Reifeprüfung schließt die allgemeinbildende höhere Schule ab.

4, BHS 5

Schweden

AHR Regulär wird der Abschluss der Sekundarstufe II (Abitur) erwartet. Bei Kapazitätsproblemen gibt es aber ähnlich wie in Deutschland hochschuleigene Zulassungsbeschränkungen. Außerdem gibt es den landesweiten „Swedish Scholastic Aptitude Test (SweSAT)“, der bei entsprechendem Ergebnis den Hochschulbesuch auch für Nicht-Abiturienten ermöglicht. Auch viele Abiturienten machen den Test, um ihre Aufnahmechancen an den Hochschulen zu verbessern. Faktischer Studienzugang kapazitätsabhängig

4

Spanien

FgHR Der reguläre Weg zur Hochschule in Spanien ist der Abschluss der Sekundarstufe II mit dem „Bachiller“, dem spanischen Äquivalent zum deutschen Abitur sowie ein von den Hochschulen organisierter, landesweiter Zulas- sungstest. Zusätzlich können Hochschulen eigene Auswahlverfahren, wie z.B. Eignungstests anwenden.

4

Tschechien

AHR Definition zusätzlicher Zulassungsvoraussetzungen durch die Hochschulen möglich

4

Vereinigtes Königreich (England, Wales, Nordirland, Schottland)

Hochschulzugang nicht übergreifend staatlich geregelt: Institutionen der höheren Bildung definieren und publizie- ren ihre eigenen Zulassungsregelungen. Hochschulen können autonom entscheiden, welches Zulassungsver- fahren Sie anwenden, im Allgemeinen werden folgende drei Verfahren genutzt:

Max. 4

1. General Certificate of Education (ähnlich dem deutschen fachbezogenen Abitur).

2. General Certificate of Secondary Education (ähnlich dem Realschulabschluss), meist verbunden mit einer

Minimalpunktzahl

3.

Hochschuleigene Auswahlverfahren (Zugangskursen, Eignungstests oder Auswahlgesprächen)

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