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Lustverlust - ein Psychiatrisierungsartefakt*

Einleitung
In diesem Artikel möchte ich mich mit der Sexualität psychiatrischer
Patienten und unserem Umgang mit ihnen beschäftigen. Allein vom Thema
her wird Sexualität verschwiegen, tabuisiert; sie findet einfach nicht
statt. Als Beispiel mag die Aussage eines Analytikers dienen, den ich
auf der Suche nach Literatur angeschrieben hatte: Er konnte mir seinen
Buchartikel zur Sexualität hinter verschlossenen Türen nicht übersen-
den, weil der Leiter der Klinik, in der er seine Beobachtungen gemacht
•^_^ hatte, ihn das Manuskript zurückziehen ließ, ihm sozusagen Redeverbot
auferlegte. Weiter mag das Tabu darin deutlich werden, daß Sexualität
psychiatrischer Patienten weder in der Zeitschrift Sexualmedizin noch
in den Sozialpsychiatrischen Informationen noch in der Psychiatrischen
Praxis oder in anderen Fachzeitschriften eine Rolle spielt. Ebenso-
wenig waren die angeschriebenen Weiterbildungsstätten für Fachkranken-
pflege in der Psychiatrie in der Lage, praxisnahe oder überhaupt Lite-
ratur zum Thema "Sexualität in der Unterbringung" zu übersenden.

Die nachfolgende Kapitelüberschrift hat Sigusch (1970) als Thesen zur


kritischen Reflexion des Verhältnisses von Medizin und Sexualität
formuliert.

Die Medizingeschichte ist zugleich eine Geschichte des Kampfes gegen


Sexualität
Gerade das Schweigen über sexuelle Bedürfnisse in Verbindung mit der
- meist unausgesprochenen - Unterdrückung gelebter Sexualität ist in
der Psychiatrie ein Paradoxon, wenn man bedenkt, daß es meist be-
ziehungsgestörte Menschen sind, die stationär aufgenommen werden, und
daß intime oder sexuelle Beziehungen ein wesentlicher Aspekt des ge-

*Überarbeitete Fassung eines Referats zum Thema "Hospitalisierte Lust:


Von uns, den anderen und der Sexualität" auf den 2. Paderborner Tagen
für praktische Psychiatrie am 31.03. und 01.04.87.
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sunden oder sog. normalen Verhältnisses zu dem anderen oder zu mir


selbst sind. Denn in welcher Form existiert Sexualität im psychia-
trischen Krankenhaus? Im allgemeinen doch nur als Anekdote, als Witz
(sh. auch AG Spak 1982, Seite 17), selbstverständlich auch als
akademisches Fortbildungsthema. Immerhin ist ja bemerkenswert, daß
die Institution Psychiatrie und so auch ihre Mitarbeiter einen inneren
Widerstand gegen die sexuelle Selbständigkeit von Patienten entfalten,
obwohl das Ziel der Behandlung doch größtmögliche psychische Selbstän-
digkeit ist. Zu dieser Ich-Autonomie gehören ganz wesentlich der selbst-
bewußte Umgang mit den eigenen Trieben und Impulsen, die Freud (1920,
1932) als die Grundtriebe Sexualität und Aggression definiert, die
Lorenz (1963) als Sexualität, Hunger, Angst, Aggression und Sozial-
und Gruppeninstinkt auflistet und Maslow (1954) in der Hierarchie von
Sicherheit, Liebe, Anerkennung und Selbstverwirklichung beschreibt
(vgl. Redlich und Freedman 1970, Seite 141/143).

Doch wer von den Kollegen in der Psychiatrie fühlt sich berufen und
befähigt, mit den Patienten über deren Sexualität zu sprechen? Wer
ist bereit, über sich selbst erst einmal diesbezüglich nachzudenken,
um dann auf der Station beispielsweise Sexualaufklärung zu betreiben
oder über Empfängnisverhütung zu sprechen (sh. Molitor-Pfeffer 1983)?
Aufklärung sowohl der eigenen Kollegen wie auch der Patienten ist mit
Sicherheit erforderlich und hier verbleibt dem, der sich diesem Prob-
lemthema stellt, nur der Weg über konkrete - nicht abstrakte - Infor-
mation. Daß Sexualaufklärung ein Thema bei psychiatrisierten Patienten
ist, auch bei solchen, die bereits Sexualerfahrung haben oder Eltern
sind, belegt eine amerikanische Studie von Abernethy (1974). Hinsicht-
lich der Besprechung von Anatomie der Geschlechtsorgane und von Sexual-
funktionen empfiehlt sich wahrscheinlich bei einfach strukturierten
Patienten das dreidimensional aufgemachte Buch von Miller und Pelham
(1984). Weitere inhaltliche wie didaktische Hilfen finden sich z.B.
in dem Handbuch zu Sexualerziehung von Fricke, Klotz und Paulich (1983).
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Die Medizin ignoriert die Lustfunktion von Sexualität


Beim Gespräch über Sexualität mit Patienten wie mit Mitarbeitern in
der Psychiatrie kann es u.a. dazu kommen, daß deren Religiosität
einer derart offenen Thematisierung dieses intimen Lebensbereiches
Widerstand leistet; derartige Bedenken sind zwar ernstzunehmen und
zu berücksichtigen, andererseits ist Sexualität ein Lebensbereich,
der alle Menschen betrifft, der nicht nur einfach der Reproduktion
dient sondern auch Lust, Freude, Vergnügen wie Zufriedenheit und Be-
friedigung bereitet. Wer versucht, sexuelle Aktivitäten auf die Ehe,
auf die Zeugung von Kindern zu reduzieren, leistet einen ähnlichen
Verdrängungsprozeß wie mancher Psychiatriepatient, der sich in Behand-
lung befindet (sh. AG Spak 1982, Seite 141). Es wäre verhängnisvoll,
sich auf diese Selbstzensur, eine derartige (moralische) Schere im
Kopf einzulassen, und es ist sicher weiterführender, das sachliche
- nicht empörte - Gespräch mit dem anderen zu suchen. Eines läßt sich
hierzu mit Sicherheit sagen: Vorurteile kann man durch Aufklärung nicht
abschaffen. Sie werden Zeit und Geduld benötigen, um auch und gerade
im Bereich von gelebter Sexualität auf die Fixierungen und vorurteils-
belasteten Überzeugungen des anderen wie folgt einzugehen: "Um sie im
Ernst zu verändern, würde daher nicht genügen, sie zu belehren, ihnen
andere Überzeugungen beizubringen, es müßte bei ihnen durch langwierige
Prozesse erst einmal die Fähigkeit gebildet und wieder hergestellt
werden, ein spontanes und lebendiges Verhältnis zu Menschen und Dingen
zu gewinnen" (Richter 1981, Seite 50).

Nun können sich sexuelle Bedürfnisse sowohl auf die eigene Person
wie auch auf einen Partner oder eine Partnerin beziehen. Gerade
psychiatrische Patienten sind sowohl aufgrund ihrer Erkrankung wie
auch zudem wegen des Aufenthalts im Krankenhaus auf sich selbst ver-
wiesen: Mit ihnen muß darüber gesprochen werden, daß Selbstbefriedi-
gung etwas ganz Normales, vollkommen Ungefährliches ist, und daß das
Bedürfnis zur Masturbation gerade in der Klinik größer ist als zu
Hause (sh. von Carnap 1976). Im Gegenteil: "Bei psychischen Störungen
wie auch extremer schizoider Persönlichkeit oder gar Psychose mögen
psychische Behinderungen die Kontaktaufnahme zu einem Partner unmög-
lich machen". Molinski (1982, Seite 316) schreibt weiter: "In der-
artigen Situationen dürfte Selbstbefriedigung unausweichlich und
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notwendig, ja psychologisch nützlich sein. Dabei ist es besonders


nützlich, wenn der Behinderte es lernen kann, Befriedigung nicht nur
durch direkte genitale Masturbation zu erreichen, sondern dadurch,
daß er es lernt, der Eigenwahrnehmung seiner normalen körperlichen und
muskulären Funktionen seiner Aufmerksamkeit liebevoll zuwenden zu können.'
(sh. hierzu auch Kockott 1982).

In den bisherigen Überlegungen gehe ich davon aus, daß sexuelle


Deprivation keineswegs wünschenswert oder gar gesund sein kann:
Doch wo und wie kann ein erkrankter Patient mit seinem ihn besuchenden
Partner zärtlich oder intim sein? Klassisch kennen psychiatrische Ein-
richtungen hierfür überhaupt keine Möglichkeit, suchen Patienten in
ihrer Not so entwürdigende Orte wie Toilette, Kellergänge, Dachböden
oder das Gebüsch im Klinikpark auf. In welcher Klinik ist schon ein
ungestörter Aufenthalt des Besuchers auf dem Zimmer des Patienten mög-
lich? Es gibt Institutionen, die ein sog. Kontakt- oder Pettingzimmer
eingerichtet haben. Auch diese (Schein-) Lösung ist tt.ff. unwürdig und
beschämend; zumindest kann ich mir die Situation nur schwer vorstellen,
als Patient beim Stationspfleger den Schlüssel diesem Zimmer abzuholen.
Letztlich ist es - wie Akhtar u.a. (1977) schreiben - ein Double-bind,
eine Beziehungsfalle, wenn einerseits mit einem hausinternen Ordnungs-
und Normsystem ein sozusagen sauberes steriles Leben vom Patienten er-
wartet und andererseits von ihm aus therapeutischer Sicht die Normali-
sierung seiner zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen angestrebt
wird. In ähnlicher Weise äußern sich Nell (1986) und Modestin (1981):
Beide berichten von sexuellen Kontakten zwischen Patienten und wollen
diese therapeutisch nutzen oder zum Ausgangspunkt psychotherapeutischen
Arbeitens machen. Auch Eiguer u.a. (1974) berichten über Paarbildungen
im psychiatrischen Milieu, die sie sowohl zur innerinstitutionellen
Dynamik in Beziehung setzen wie auch zur Gruppe der anderen Patienten.
Sie unterstreichen, daß nach Ansicht der Mitarbeiter die Geschlechter-
mischung das Leben "normalisiert", daß zugleich allerdings zur besseren
Stabilität die Anzahl des Personals erhöht werden sollte.
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Die Medizin begreift Sexualität am ehesten als Krankheit, Abnormität,


Perversion und Kriminalität.
So ist im Bezug auf die normativen Erwartungen der Klinikmitarbeiter
auch das Lesen pornografischer Literatur zunächst als harmloses Ventil
der Bedürfnisse des deprivierten Patienten anzusehen. Wem schadet es,
wenn Menschen Befriedigung in der Masturbation oder in der Pornografie
finden? Für geriatrische Patienten schreibt Franke (1977): "Ihnen diese
Form der sexuellen Befriedigung ersatzlos zu streichen ist destruktiv".
Wir sollten psychiatrischen Patienten "ihr Recht auf Selbstbefriedigung
zugestehen und dies ggf. deutlich zu erkennen geben. Hiermit verbundene
Sexualphantasien sind weder sündhaft noch unnatürlich, sondern Bestand-
teil jedes normalen Sexuallebens. Sie sollten weiterhin darüber infor-
miert sein, daß das Ausmaß der Phantasietätigkeit zunimmt, wenn die Mög-
lichkeiten der konkreten Realisierung des Sexualkontaktes eingeschränkt
werden. Dies betrifft ja insbesondere die völlig Alleinstehenden und
Isolierten. Zu wenig ist bekannt, welche entscheidende Rolle Phanta-
sien für die eigene Lebensbewältigung spielen. Diese können sich ja
sehr wohl mit rein sexuellen Wünschen in Gegenwart und Vergangenheit
beschäftigen. Wichtig bleibt hierbei jedoch, daß die Betreffenden
- und damit auch wir - sich (uns) über den Unterschied von Phantasie
und Wirklichkeit im klaren sind" (zitiert nach Kobbe 1979, Seite 268).
- Andererseits sollte Mitarbeitern in der Psychiatrie auch die andere
Facette der Pornografie bewußt sein, so daß sie bei bestimmten Patien-
ten darauf achten können: Pornografie ist gegen gefühlsbezogene Ver-
trautheit und innige Gefühlsbeziehungen, sie ist gegen den ästhetischen
Bestandteil der Erotik. Pornografie weitet "generell sexuelle Stereo-
typien aus und ermutigt (besonders sexuelle) Gewalt gegen Frauen"
(Renchkovsky Ashley 1986, Seite 12). So ist "der pornografische Körper
ein lebender Panzer der Vereinsamung, ein Instument des Mißbrauchs und
das Mittel zu eigener und anderer Entfremdung" (Seite 34). Pornografie
verschafft eine Scheinbefriedigung, die den isolierten Patienten den
Weg zum anderen sicher erschwert, die Möglichkeit der direkten Lust
nun evtl. vollends zu amputieren droht (Bächinger 1978, Seite 16).

Selbstbefriedigung wie erotische Phantasien oder Pornografie sind für


sich genommen gesellschaftlich sicher nichts Besonderes, nicht Auffäl-
liges, doch können sie in Anwesenheit anderer indiskret sein oder als
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äußerst störend empfunden werden. Dies muß mit Patienten, die kein
Einbettzimmer haben, besprochen werden. Ebenso müssen Mitarbeiter
darauf achten, vor dem Eintritt in ein Zimmer anzuklopfen und auf
eine Antwort zu warten, schon allein um zu vermeiden, sich in pein-
liche Situationen zu bringen. Andererseits ist verständlich, wenn
Stationsschwestern oder -pfleger die "Entdeckung" sexuellen Verhaltens
als "Vorfall" oder "Zwischenfall" bezeichnen und in der Situation mit
Ärger reagieren. Diese Reaktion ist vielleicht in Bezug auf ihre Wahr-
nehmung insofern verständlich und korrekt, als sie die Beobachtung
dieses intimen Verhaltens als einen Angriff auf ihre Autorität, als
eine Infragestellung empfinden (sh. Akhtar u.a. 1977). Dennoch sollten
Mitarbeiter auf Entkleiden oder öffentliche Selbstbefriedigung erregter
oder regressiver Patienten entschlossen handeln und es wie jedes andere
extreme Verhalten behandeln, d.h. den Betreffenden aus der Öffentlich-
keit der Klinik oder der Station auf sein Zimmer bringen, ihm die Mög-
lichkeit zum verbalen Ausdruck seiner Gefühle und Bedürfnisse geben
und ihn ggf. beruhigen (vgl. Aktar u.a. 1977).

Für die Medizin hat "gesunde" Sexualität vor allem eine reproduktive
Funkton.
Wenn Sexualität im Krankenhaus auch kein Thema ist, so gab und gibt es
in der Psychiatrie doch eine Ära der Geschlechtermischung auf den
Stationen (Kretz 1969) - dies allerdings nur aus Gesichtspunkten der
Milieugestaltung, nicht des intimen Zusammenseins von männlichen und
weiblichen Patienten wegen. In der Tat sind die Ängste von z.B. psycho-
tischen Patienten vor einer erotischen Partnerbeziehung meist stärker
als die Triebdynamik, sofern diese nicht bereits neuroleptisch ebenfalls
gedämpft wurde. Darüber hinaus reguliert auch die Stationsgemeinschaft
das Zusammenleben der Patienten, so daß Ängste und Befürchtungen meist
(nur) Projektionen der Befürchtungen der Mitarbeiter oder der Patienten
darstellen. Dennoch erscheint es sinnvoll und erforderlich, mit den
Patienten einer Station oder mit einzelnen über deren Sexualität oder
Intimkontakte zu sprechen, hierbei allerdings zu beachten, daß das
eigene Rollenverständnis von Mann und Frau, die eigene Sexualmoral,
die Auffassung von Freiheit und Verantwortung keineswegs für den oder
die betreffenden Patienten zutreffen muß: Gleiss u.a. (1973) beschreiben
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sehr deutlich, daß es schichtspezifische sexuelle Praktiken und mehr


oder weniger rigides Sexualverhalten gibt (Seite 61 - 63), so daß es
erforderlich ist, sich im Gespräch mit dem Patienten auf dessen Vor-
bildung, Herkunft und auch auf das Milieu einzustellen, das ihm ent-
spricht. Weiterhin erscheint es sinnvoll, auch für sich selbst zu
klären, ob und inwieweit es unterschiedliche männliche und weibliche
Moralstrukturen, geschlechtsspezifische emotionale und damit auch
sexuelle Selbst- und Fremdbilder gibt, auf die entsprechend differen-
ziert eingegangen werden muß (sh. z.B. Nieder 1986).

In einem oder mehreren Gesprächen dieser Art sollten Mitarbeiter einer


Station überlegen und besprechen, ob und wie der einzelne für empfäng-
nisverhütende Maßnahmen sorgt. Zwei Dinge erscheinen mir hierbei be-
achtenswert: Zum einen wer verhütet, der Mann oder - wie immer - die
Frau? Und darüber hinaus, ob der konsultierte Frauenarzt eine Zwei-
klassengynäkologie betreibt, indem er psychiatrischen Patientinnen
die Dreimonatsspritze verabreicht, anderen Frauen jedoch die Spirale
empfiehlt oder die Pille (vgl. Sexualmedizin 14/1985, Seite 624 - 625).

Die Medizin will Anpassung und Beseitigung, nicht Emanzipation und


Sensibilisierung von Sexualität.
Mit der Geschlechtermischung auf den Stationen sind auch Schwestern und
Pfleger auf fast allen Stationen gemeinsam tätig. Wenn früher die Kran-
kenschwester mit Haube und Tracht in ihrer Schwesternrolle akzeptiert
und als Frau kaum wahrgenommen wurde, Ordensschwestern erst recht als
asexuelle Wesen erschienen, so treffen die Patienten heute auf Schwe-
stern, die in ihrer Rolle als Frau erkennbar sind und häufig auch nicht
mehr mit "Schwester" angesprochen werden. Für weibliche Patienten bietet
dies Identifikationshilfen, für männliche die Möglichkeit zu klarer Ab-
grenzung der eigenen von der gegengeschlechtlichen Rolle. Zugleich er-
geben sich jedoch auch Situationen, in denen attraktive Schwestern oder
Ärztinnen von Patienten als Intimpartner weiterphantasiert werden, eine
erotische Gefühlsübertragung erfolgt. Diese und ähnliche Probleme können
ebenso männliche Therapeuten bekommen, wenn sich ihnen gegenüber eine
Patientin z.B. plötzlich entblößt, den Morgenmantel öffnet oder ähnliches
(sh. auch Meier 1984, Kirstein 1978) . Abgesehen von einer Supervision
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oder zumindest Selbstreflexion dieser Situationen z.B. im Stationsteam


lassen sich derartige erotisch getönte Patient-Therapeut-Beziehungen
bereits im Vorfeld durch eindeutiges Verhalten und Berücksichtigung
therapeutischer Distanz verhindern (sh. Withersty 1976). Auch Eiguer
u.a. (1974) sprechen dieses Problem an, beziehen sich auf Freuds
Begriff der Übertragungsliebe und stellen mit Racamier (1970) fest,
daß symptomatisch für die institutionelle Bewältigung dieser zwischen-
menschlichen Beziehungen entweder die strenge Trennung oder im Gegen-
teil die Konfusion der Rollen der involvierten Mitarbeiter und Patien-
ten stattfindet. In der Tat ist der Einbruch nur schwer verständlicher
Gefühle in das therapeutische Feld eines der Hauptschwierigkeiten
moderner psychiatrischer Institutionen: Der Konflikt des Patienten
überträgt sich häufig auf die Stationsmitarbeiter, mitunter auf das
Krankenhaus selbst, zumal sog. "moderne" Bewegungen innerhalb der
Psychotherapie die sexuell abstinenten Verhaltensmuster der traditionel-
len Psychiatrie in Frage stellen. Stone (1975) diskutiert das Problem
der Berufsanfänger gleich welcher Berufsgruppe, die sich ihrer Gefühle
in der Gegenübertragung nicht bewußt sind, schreibt über das Problem
direkten körperlichen Kontakts mit Patienten, der wohl überlegt sein
sollte, auch und gerade wenn er z.B. beim Sport, der Gymnastik und der
Massage, beim Baden sowie auch bei der Tanzveranstaltung usw. statt-
findet.

^^
Zur Frage, wem denn dann in der Klinik Sexualkontakte angesichts des
einerseits therapeutischen und andererseits moralischen Auftrags der
Gesellschaft gestattet werden dürfen bzw. müssen, definieren Akhtar u.a.
(1977), daß jede sexuelle Aktivität zwischen psychiatrischen Patienten
behindert werden sollte, wenn einer (oder beide) der Partner
a) minderjährig,
b) unmündiger Erwachsener,
c) minderbegabt,
d) wahnhaft oder in anderer Weise im Affekt oder Verhalten beeinträchtigt
ist,
e) erhebliche Mengen an Psychopharmaka erhält oder
f) im klassischen Sinne agiert ("Acting out") .
- 9-

Sexualforschung ist im Bereich der Medizin unerwünscht; es gibt noch


keine Sexualmedizin
Apropos Psychopharmaka: Die Beeinflussung sexueller Funktionen durch
Psychopharmaka ist allgemein bekannt und es fällt in die Kompetenz
des z.B. Neuroleptika verordnenden Arztes, den Patienten über die zu
erwartende Beeinträchtigung der Libido, der Erektion und/oder der
Ejakulation aufzuklären sowie ihn während der medikamentösen Behand-
lung unterstützend zu begleiten. Doch wer weiß denn wirklich genau und
differenziert mehr als das, was in der Roten Liste oder im Beipack-
zettel steht? Wer ist sich der selbstverständlichen Aufgabe bewußt,
mit diesen Patienten über ihre evtl. medikamentös bedingten Beein-
trächtigungen zu sprechen? Die diesbezügliche Unsicherheit und das
Unwissen der Ärzte führt dazu, daß die den Patienten im Alltag beglei-
tenden Schwestern und Pfleger mit Fragen und Nöten konfrontiert werden,
die sie ihrerseits ebensowenig beantworten, geschweige denn "lösen"
können. Hier empfiehlt sich, daß sich alle Stationsmitarbeiter zusammen-
setzen und sich
a) über die allgemeinen Nebenwirkungen der Medikation verständigen und
b) über konkrete Patienten und deren evtl. auch bislang verschwiegenen
Probleme nachdenken.
Wenn schon die Nebenwirkung von Psychopharmaka nur unvollkommen bekannt
_
ist und angesprochen wird, so existiert nach Pinderhughes u.a. (1972)
kein einheitlicher Wissenstamm darüber, in welchem Ausmaß oder unter
welchen Umständen sexuelle Betätigung zur Entwicklung psychiatrischer
Störungen beiträgt oder durch sie betroffen wird. Viele der Überzeu-
gungen von Psychiatern wie von Patienten und der Berichte in der psychia-
trischen Literatur können nicht belegt werden, zumal sie z.T. wider-
sprüchlich sind. Die meisten Patienten und die Mehrzahl der Psychiater
glauben, daß eine Beziehung zwischen vielen psychiatrischen Störungen
und der Sexualität besteht, daß Psychiater dies mit Patienten besprechen
sollten und auch besprechen. Allerdings besteht keinerlei Einigkeit über
Art, Inhalt und Nutzen dieser Besprechungen. Und weiterhin basieren die
Kenntnisse der Ärzte nur allzu häufig mehr auf ihren eigenen theoreti-
schen Konzepten und Überzeugungen zum Verhältnis von sexueller Entwick-
lung und psychiatrischer Erkrankung und zu wenig auf präzisen Kenntnissen
oder guten Untersuchungen. Allerdings sind klare Informationen auch rar,
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schreiben noch 1986 Strauss und Gross in einem empirischen Überblick:


"Wie die Darstellung der Studien zeigt, ist der gegenwärtige Kenntnis-
stand über das sexuelle Verhalten psychiatrischer Patienten noch sehr
lückenhaft. Um die weitere Verbreitung stereotyper Vorstellungen zu
vermeiden, sind weitere ausführliche empirische Untersuchungen notwen-
dig" (Seite 248). Im übrigen erscheint bemerkenswert, daß bzgl. der
sexuellen Handlungen stationärer Patienten von Strauss und Gross auch
nur die meisten der Autoren herangezogen wurden, auf die sich dieser
Artikel stützt.

Für die alltägliche Praxis in der Klinik bedeutet dies, daß sich die
Mitarbeiter am besten berufsübergreifend in kleinem Kreis, z.B. auf der
Station, aber evtl. auch in einer klinikinternen Arbeitsgruppen zusammen-
setzen und ihre Fragen so offen wie möglich besprechen sollten, daß evtl.
auch Themen einzeln vorbereitet werden sollten, so daß dieselbe Thematik
aus der Perspektive unterschiedlicher Berufsgruppen, unter theoretischen
wie praktischen Grundsätzen zu erarbeiten ist.

Die Sexualmoral der Medizin ist traditionell-oppressiv.


Sexualität in der Psychiatrie findet trotz und/oder wegen aller Regle-
mentierung statt, z.B. in der entfremdeten Form weiblicher Prostitution,
in der Form sexueller Ausbeutung psychiatrisch stigmatisierter Frauen
durch Mitpatienten wie durch Männer außerhalb der Klinik. Fengler und
Fengler (1980) beschreiben für das Niedersächsische Landeskrankenhaus
Wunstorf den damaligen Tarif von 5,— DM und ein Stück Kuchen auf der
Cafeteria für den flüchtigen Gewinn einer vermeindlichen emotionalen
Beziehung oder als materielle Aufbesserung des sog. Taschengeldes -
eine Situation, die dem Autor von dort selbst bekannt ist. Wesentlich
drastischer formuliert eine ehemalige Patientin Cornelia (1980):
"Die Psychiatrie ist der größte Puff". Sie berichtet von den Verfüh-
rungssituationen, von der männlichen Anmache durch Mitpatienten, von
ihrer Unterlegenheit als Frau. Wir sollten uns hüten, die Prostitution
psychiatrisierter Patientinnen gleichzusetzen mit Unmoral, Zügellosig-
keit und erforderlichem Eingriff durch Mitarbeiter als moralische
Saubermänner und "Verantwortliche". Es sollte zunächst geklärt werden,
ob die betreffende Patientin übersehen kann, was sie da tut, d.h. konkret
- 11 -

ob sie z.B. erheblich minderbegabt ist oder akut manisch erkrankt


oder ähnliches; in diesen Fällen sollten und müssen wir aus Fürsorge-
gründen intervenieren, mit den betreffenden Frauen und Männern sprechen,
evtl. Arrangements in Form von Gruppenausgängen, zur Not in Form von
Verlegungen auf eine andere Station treffen. Zugleich jedoch bleibt
zu beachten, daß Patienten wie Mitarbeiter auch ein Recht auf Zärtlich-
keit und Liebe haben, und daß somit keineswegs unter dem Motto "Patien-
tin prostituiert sich" die eigenen Ordnungsphantasien oder der eigene
Sexualneid ausagiert werden darf, daß berücksichtigt werden muß, inwie-
weit dieses Verhalten ein "bloßes" Anstaltsartefakt ist. Auch hier wird
nur übrig bleiben, die eigene Sicht des (angeblichen) Problems mit den
Kollegen zu besprechen und zu diskutieren, um anschließend gemeinsam
zu entscheiden wie gehandelt und/oder behandelt werden muß oder auch
nicht.

Schluß
Die oben behandelten Gedanken zum Lustverlust als Artefakt einer
Psychiatriosierung haben hoffentlich die richtigen Fragen aufgeworfen,
z.T. auch Antworten gegeben. Sicher ist es unmöglich, Rezepte oder
detaillierte Handlungsanweisungen zu formulieren, doch erscheint
mir zunächst sinnvoll, für sich und nicht primär für die therapeu-
tische Arbeit mit anderen, das eigene Verhältnis zur Sexualität zu
klären. Ein handliches und konkretes Buch hierfür scheint der Leit-
faden von Barbach (1985) zum Kennenlernen der eigenen Person, des
eigenen Körpers und der eigenen Gefühle zu sein.

Weiterhin sollten sich Mitarbeiter, die sich in der alltäglichen Praxis


mit der Sexualität in der psychiatrischen Medizin beschäftigen wollen,
zunächst die folgenden Fragen beantworten, die Moors (1987, Seite 37)
wie folgt formuliert hat:
1. Bin ich sexuellen Problemen gegenüber offen?
2. Welche Rolle spielt Sexualität in meinem eigenen Leben?
3. Sind mein Partner und ich zufrieden?
4. Was weiß ich über sexuelle Probleme?
5. Was weiß ich über mögliche Behandlungsweisen?
6. Bin ich interessiert, mich mit den Sexualstörungen meiner Patienten
zu befassen?
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7. Habe ich besonderes Geschick im Behandeln psychosozialer Probleme?

Darüber hinaus bleibt noch - obwohl selbstverständlich - anzufügen,


daß Sexualität für eine harmonische Entwicklung einen bergenden Raum
und eine bergende Form braucht, in der Patienten die Beziehungen unter-
einander und zueinander erfahren können (sh. Sexualmedizin 11/1982,
Seite 602 - 603). So darf die Vermittlung von sexuellem Wissen, von
sexueller Technik oder von sexuellen Kontakten niemals bedrängend wirken,
Die Intimität des einzelnen muß geschützt sein; er muß das Gefühl des
Respektiertwerdens haben, Nähe und Distanz erleben und von sich aus
definieren können.

Ulrich Kobbe
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