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Brauchtum und Heidentum - eine Annäherung

von Tiurik Alvisson

Das ist der Sinn von allem, was einst war:


dass es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere,
dass es in unserem Wesen wiederkehre,
in uns verwoben, tief und wunderbar.
(Rainer Maria Rilke)

Der neue alte Weg


Nun ist man endlich angekommen. Das Kind hat einen Namen. Asatru. Manche
mögen „alte Sitte“ oder „alter Weg“ als Bezeichnung bevorzugen. Schlussendlich ist
man aber nun bei ihnen angelangt: den Göttinnen und Göttern unserer Vorfahren.
Sie existierten lange bevor die Kunde vom Christengott in unsere Heimat kam. Ihr
Werken und Wirken war eingebettet in die Abläufe der Natur, in den Lebenskreis von
Tier und Mensch. Der Glaube unserer Vorfahren wurde von ihrer Umwelt, ihrer
Geschichte und ihrer Region wesentlich mitdefiniert. Ihre Rituale, ihre Feste und ihre
religiösen Bräuche machten Sinn. Sinn in der Auseinandersetzung ihrer Existenz mit
der Umwelt, Sinn als identitätsstiftende Faktoren und gesellschaftliche Regulative
innerhalb der Gemeinschaft.

Wir stehen nun hier. Bemüht den Glauben unserer Vorfahren in einer modernen Welt
zu leben. Dabei sind wir mit einem Bruch in der Überlieferung konfrontiert, der ein
hohes Maß an Improvisationskunst und Kreativität von uns allen abverlangt. Einem
Glauben Leben einzuhauchen, der das letzte Mal 1.000 bzw. 1.500 Jahre vor
unserer Zeit gemeinschaftlich begangen wurde, ist keine alltägliche Angelegenheit.
Zeitgemäße Rituale zu finden, die nicht sinnentleert sind und die in der
Auseinandersetzung mit unserer modernen Welt ihren Platz haben, ist definitiv keine
leichte Aufgabe. Zumal ein großer Teil der heute praktizierenden germanischen
Heiden ihren Glauben in Zusammenhang mit einer Gemeinschaft erleben wollen und
ihre Religion als ausgeprägte Kultreligion definieren.

Sinn und Unsinn neuer „Traditionen“


Neben archäologischen Funden stehen uns meist nur spärliche schriftliche Quellen,
wie die Germania oder die vielzitierte Edda zur Verfügung. So versuchen viele
Asatruar – vor allem aus den USA - das Rad neu zu erfinden. Viele Ergebnisse sind
da durchaus als geglückt zu betrachten. Vieles ist aber auch so an den Haaren
herbeigezogen, dass man sich oft fragt, was das Ganze denn mit unserem Glauben
zu tun haben soll. Betrachtet man z.B. einige der – im Netz zur Genüge vorhandenen
– Asatru-Kalender, dann stößt man auf mancherlei kurios anmutende Daten. Dass
der 25. April nun als Yggdrasil-Tag fungiert, war mir zumindest bisher neu. Die
Bedeutung des 9. Februar, des 9. Mai und des 9. Juli als Tage zur Erinnerung an
„Eyvind Kinnriffi“, “Gudrod of Gudbrandsdal“ oder „Unn the Deep-Minded“
verschließt sich mir bereits vollkommen. 1

Ein Kult um des Kultes willen kann meiner Meinung nach keine Lösung sein um
unseren Glauben mit Leben zu füllen. Die schöne Verpackung täuscht nicht über den
mangelhaften Inhalt hinweg. Und so bemüht so mancher Versuch etwas Neues zu
schaffen sein mag, so muss doch auch der Anspruch gelten, dass dieses Neue dann
auch Sinn machen sollte. Natürlich darf man nicht ungerecht sein und unsere
Glaubensgenossen in Übersee hier kritisieren. Meines Erachtens hatten gerade
Asatruar aus den USA - nach der Initialzündung von Sveinbjorn Beinteinsson in
Island – maßgeblich Anteil an der Verbreitung und Entwicklung von Asatru. Hier
lieferte Asatru aus Amerika wichtige Impulse für Europa. So war ja auch die
Gründung des Eldarings und seine programmatische Ausrichtung zu einem
erheblichen Teil vom amerikanischen Troth inspiriert.

Ein grundlegendes Problem amerikanischer Asatruar sehe ich darin, dass die junge
amerikanische Gesellschaft ihre Konsolidierungsphase erst hinter sich gebracht hat.
Traditionen und Brauchtum sind demnach grundsätzlich christlicher oder weltlicher
Prägung. Restbestände des europäischen Erbes werden über den Umweg der
Kommerzialisierung erlebt und unter Umständen in das moderne Heidentum
integriert (Halloween ist in diesem Zusammenhang sicher das Paradebeispiel). Eine
originäre US-amerikanische Tradition war und ist nicht vorhanden, es sei denn als
ethnische Religion der autochtonen indianischen Bevölkerung.

Die europäische Chance


Gerade in diesem Bereich liegt in meinen Augen eine besondere Chance für einen
kontinentaleuropäischen Weg. Abseits von theodischen, skandinavischen und
amerikanischen Ansätzen kann hier ein neuer Weg beschritten werden.

Die erste Phase von Asatru erfolgte als moderne Konstituierung des germanischen
Glaubens in Island. Sie war durch und durch eine nordische Angelegenheit, welche
durch die Edda und die nordische Kultur begründet war. In dieser Phase wurde das
Grundgerüst des neuen alten Weges und seines modernen Kultes festgelegt. Die
zweite Phase erfolgte eben in und durch die USA. Die Verbreitung von Asatru mit
den damit verbundenen Irritationen und Experimenten, die jeder neuen Bewegung
eigen sind. Die Notwendigkeit einer Diskussion, ob ‚folkish’ oder ‚universalist’ ergab
sich erst so richtig in der „Neuen Welt“. Theodische Ansätze wurden entwickelt. Die
Versuche tragfähige und funktionierende Organisationen zu begründen, machten
Asatruströmungen aus den USA zu einer Art organisatorischer und inhaltlicher
Avantgarde unseres Glaubens.

Die Welle des germanischen Heidentums erreichte schlussendlich Europa (bis auf
wenige Einzelpersonen in Deutschland, die schon immer traditionelle germanische
Heiden waren). Das Know-how amerikanischer Asatruorganisationen war sicher
willkommene Starthilfe für viele Asatruar in Europa. Sowohl inhaltliche,
programmatische und organisatorische Anregungen konnten so aus den USA
importiert werden. Für mich behielt die Beschäftigung mit amerikanischen
Organisationen, ihrer Präsenz im Internet und ihrer Texte allerdings immer einen
etwas schalen Beigeschmack. Willkürlich festgelegte Feiertage, bemühte Versuche
Rituale in Alt-Englisch, Alt-Hochdeutsch oder Alt-Nordisch durchzuführen und ein
teilweise von stark romantischen Vorstellungen geprägtes Bild vom Leben unserer
Vorfahren waren nur einige Aspekte, die meine Begeisterung für Asatru
amerikanischer Prägung dämpften (was nicht heißen soll, dass romantische
Vorstellungen im deutschen Raum nicht anzutreffen wären). Ebenso wenig kann und
konnte ich mich aber auch für eine rein nordische Interpretation von Asatru
begeistern. Auch wenn diese Interpretation über ein solides Fundament in der
skandinavischen Kultur verfügt. Nur bin ich eben kein Skandinavier.
Kontinuität und Brauchtum
Vor diesem Hintergrund bietet sich für das germanische Heidentum in Deutschland
eine historische Chance, sich an der globalen Entwicklung von Asatru zu beteiligen
und einen eigenständigen Zweig zu etablieren. Ein Zweig der in Wechselwirkung mit
den verschiedenen Ansätzen unseres Glaubens in anderen Regionen der Welt steht.
Dort wo die Amerikaner an ihre Grenzen stoßen, in der Anknüpfung an bestehende
kulturelle und religiöse Kontinuitäten, können wir mit unserem lokalen und regionalen
Brauchtum einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung unseres Glaubens leisten.

Das Ganze ist natürlich mit Arbeit verbunden. Mit der spannenden Arbeit sich in
seiner Umgebung umzusehen. Welche Formen religiösen Brauchtums, Brauchtums
des Lebens- und des Jahreskreises gibt es bei uns? Wie können wir sie in einen
heidnischen Kontext stellen? Wo macht es Sinn? Wo nicht? Was gibt unser
Sagenschatz her? Der ganze deutsche Raum ist voller vielseitiger
Erscheinungsformen vorhandenen Brauchtums. Daneben existieren zahlreiche
volkskundlichen Aufzeichnungen über Brauchtum, welches erst vor kurzer Zeit
verloren ging und unter Umständen reanimiert werden könnte. Neben dem Überbau
der germanischen Götterwelt, kann so auch der reichhaltige Schatz an Erzählungen
von Geistern und Kobolden, von Riesen, Zwergen und Drachen wieder freigelegt
werden. Elemente der sogenannten „niederen Mythologie“, die meiner Meinung nach
eine wesentliche Bereicherung meines Glaubensverständnisses darstellen.

Wir haben daher die Chance die „Kunstreligion“ Asatru in unser Leben zu integrieren,
ohne auf reine Neuschöpfungen angewiesen zu sein. Ein angenehmer Nebeneffekt
ist zudem, dass sich die Menschen in unserer Umgebung in unserem Tun
wiederfinden können. Sie können es als etwas „Bodenständiges“, als etwas
Bekanntes wahrnehmen. Asatru wird zu einem Phänomen, welches zu Land und
Leuten, zu Kultur und Geschichte passt und mitunter weniger als etwas Fremdes,
Neues angesehen wird. „Brauchtum ist ein Begriff für die Gesamtheit der tradierten
Bräuche und Sitten einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft. Das Brauchtum
wird in der Regel von der Mehrheit der Individuen dieser Gemeinschaft
akzeptiert und als angenehm empfunden.“ 2

Die Kontinuitäten regionalen Brauchtums sind dabei verblüffend. Unser Schweizer


Freund Pileatus hat mich auf die Februarausgabe des „National Geographic“
aufmerksam gemacht. In einem Artikel über Italien vor den Römern, nimmt die
Berichterstattung über erhaltenes -und heute als „christlich“ akzeptiertes - Brauchtum
breiten Raum ein. Pileatus hat dazu folgendes im Eldaring-Forum geschrieben: „Die
Titelstory handelt von Religion und Kultur der vorrömischen Stämme in Italien.
Faszinierend dabei: Gewisse Bräuche im heutigen Italien lassen sich anhand alter
Schriften bis ins vierte Jahrhundert vor Christus zurückdatieren. Für die ewige
Debatte über Kontinuitäten bei den Germanen ein spannender Hinweis......... Aber
natürlich war bei den Germanen sicher alles ganz anders, und jede Kontinuität über
die Jahrhunderte muss wegen der "missing links" ausgeschlossen werden.“

Ist Brauchtum heidnisch?


Seit meiner frühen Kindheit hat mich immer wieder die Frage beschäftigt, woher
unser regionales Brauchtum wohl kommt. Der „heilige Schauer“ der dich erfüllt, wenn
du vor einem 20m hohen, brennenden Funken stehst, ist unvergleichlich. Es stört
auch nicht, dass rund um dich die halbe Dorfbevölkerung versammelt ist. Erstens
sind auch sie vom archaischen Feuerritual ergriffen, zweitens ist der Funken an sich
eine soziale Angelegenheit. Funken, Scheiben schlagen, Fasnat, Krampus,
Räuchern, Flurumgänge etc. waren für mich wesentliche Meilensteine, die mich
direkt zum alten Weg, zur alten Sitte, zu Asatru führten.

Dies führt zur umstrittenen Frage, ob denn unser Brauchtum – oder besser gesagt
Aspekte einzelner Bräuche - ‚heidnisch’ sind. Ich behaupte, dass ein wesentlicher
Teil alten Brauchtums auf vorchristliche Wurzeln zurückgeht. Auch bei uns sind –
wie von Pileatus erwähnt – Kontinuitäten wahrscheinlich. Die vorsichtige
Zurückhaltung einiger Volkskundler gegenüber diesem Ansatz ist für mich immer
wieder erstaunlich. Vor allem, da sie bei vielen Wissenschaftlern das Ausmaß von
fanatischer Verneinung annimmt. Ja – schriftliche Quellen sind spärlich. Daraus aber
zu schließen, dass es vor der ersten schriftlichen Erwähnung keine entsprechende
Tradition gegeben haben kann, ist in meinen Augen nicht seriös. Dasselbe Muster ist
eigentlich bei fast allen Bräuchen vorhanden. Ob Fasnat oder Funken, ob Maibaum
oder Perchten, immer wieder wird seitens verschiedener Wissenschaftler mantraartig
wiederholt, dass dabei Kontinuitäten aus vorchristlichen Epochen keine Rolle
spielen, dass es keinen Beweis für einen heidnischen Zusammenhang gibt, dass
diese Bräuche weit jünger sind als angenommen, etc. Anscheinend kann nicht sein,
was nicht sein darf. Freilich wird in diesem Zusammenhang auch nie eine schlüssige
Erklärung angeboten, auf was diese Bräuche denn sonst zurück gehen könnten.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf


Ich bin zudem überzeugt, dass es eine erhebliche Überschätzung des Einflusses und
der Möglichkeiten der Kirche zur Völkerwanderungszeit darstellt, zu glauben, dass
sie tatsächlich die Macht gehabt hätte, jahrhundertealte, beliebte und weit verbreitete
heidnische Traditionen, Feste und Feiern zu verbieten und auszumerzen. Eine
solche Institution wäre nicht angenommen worden. Diesem Umstand hat schließlich
auch die Kirche, durch die Politik Gregors I. Rechnung getragen.

Faktum ist, dass wir von den Umzügen unserer heidnischen Vorfahren spätestens
seit Tacitus wissen. Flurumgänge heutiger Zeit erinnern stark an die Beschreibungen
des Tacitus, über den ehrfurchtsvollen Zug der Sueben in ihrem Hain. Bestimmte
Elemente der Heiligenverehrung sind oft genug auf die Verehrung heidnischer Götter
und Göttinnen zurück zu führen. Maskenkulte und Maskentänze können als gegeben
betrachtet werden. Anknüpfungspunkte zu vorchristlichen Elementen sind also
reichlich vorhanden. Eine Hinwendung zum Brauchtum und etwaigen heidnischen
Elementen soll aber keineswegs einem Rückfall in die romantische Verklärung des
19. Jahrhunderts, wo alles und jedes germanisch interpretiert worden ist,
gleichkommen.

Ich behaupte deshalb auch nicht, dass jede Form urtümlich anzusehenden
Brauchtums unbedingt auf vorchristliche Wurzeln gründet. Weder die fanatische
Ablehnung, noch die kritiklose Annahme dieser Theorie ist zielführend. Besonders
bei archaischen Masken- und Feuerriten erscheint mir aber dennoch eine uralte
Tradition plausibel. Zumindest konnte mir noch niemand befriedigend erklären,
warum im 13./14./15. Jahrhundert, oder sogar noch später, aus heiterem Himmel
solche Bräuche begründet worden sein sollen. Eventuell sogar noch unter der
Patronanz der Kirche.
Das Paradebeispiel - Fasnat und Funken
„Wann und wie entstand also die Fastnacht - Tradition? Neuere Forschungen haben
ergeben, dass die heute existierenden Traditionen nur bis etwa ins 12. Jh. zurück zu
verfolgen sind. Die Annahme, uralte, heidnische Kulte aus der Vorzeit wären
Grundlage, sind damit nicht mehr haltbar. Die Fastnacht sollte, nach diesen
Ergebnissen, wohl lediglich die Nacht vor der 40tägigen katholischen Fastenzeit
kennzeichnen. .......... Irgendwann im 15. Jh. begann die Kirche die Fasnet
anzusehen als negatives Gegenstück zur Fastenzeit. Die Fasnet wurde als gottlos
eingestuft, ja sogar als "civitas diaboli", also als Welt des Teufels, verdammt von den
Kanzeln.“ 3

Soweit die gängige Meinung der Volkskunde. Die Naivität dieses Ansatzes ist meiner
Meinung nach so haarsträubend, so fern jeder Logik, dass es mich beeindruckt, wie
so etwas als wissenschaftlich verkauft werden kann. Diese Annahme negiert, dass
die Fasnat nicht an einer Nacht, sondern über mehrere Wochen begangen wird. Ein
Indiz, dass Elemente des Jahrezeitenwechsels eine wesentliche Rolle dabei spielen.

Traditionell stellen „Hästräger“ (Anm.: Die Gruppen mit einheitlichen Masken und
Gewandung = Häs) Geister, Naturdämonen, Kobolde, Botzen, Hexen, Sumpfgeister
etc. dar. Wo ist hier auch nur der Hauch eines christlichen Ansatzes zu finden? Zu
behaupten von der Existenz eines Kultes, eines Brauches, einer Tradition könne erst
dann gesprochen werden, wann sie tatsächlich das erste Mal dokumentiert sei, ist in
meinen Augen hanebüchen. Zum anderen wird hier der Zusammenhang von Fasnat
und Funken negiert. Der alemannische Funken kennzeichnet das eigentliche Ende
der Fasnat. Nun wird dieser Funkensonntag nicht am Abend vor Aschermittwoch
begangen, sondern erst am Sonntag darauf. Verbunden mit Schlemmereien,
Funkaküachle, Glühmost etc. Der Funken – als traditionelles Ende der „alten Fasnat“
– ist zudem das erste Mal bereits für das Jahr 1090 nachweisbar.

Auf den Seiten des Kulturwerks Nordschwarzwald heißt es dazu: „Es trifft zu, dass
die Kirche mit Einführung des Aschermittwoch im Jahresablauf einen Grenzzaun
errichtet hat. Die aus vorchristlicher Zeit stammenden, über das ganze Jahr verteilten
Mummereien, rituellen Maskentänze, Dämonen- und Naturbeschwörungen wurden
von der jungen Kirche gebündelt und zeitlich begrenzt. So wie die alten Opferplätze
mit Wallfahrtskapellen überbaut, heilige Bäume gefällt und Hünengräber eingeebnet
wurden, so bekamen die Masken neue Formen und Inhalte.“ Und weiter: „Wie ein
Großteil der heutigen Feste, ist auch die Fasnet vorchristlichen Ursprungs und hat
nichtsdestotrotz über die Jahrhunderte nach der Christianisierung hinweg auch
einiges an christlicher Symbolik aufgenommen.“ 4 Ein Standpunkt der ungefähr
meinen Überlegungen entspricht und der – in meinen Augen - ein wesentlich
realistischeres Bild der Vergangenheit zeichnet.

Kris Kershaw geht in ihrem Buch „Odin – der einäugige Gott und die
indogermanischen Männerbünde“ noch weiter. Sie verweist in diesem
Zusammenhang auf die Arbeiten von Otto Höfler, Karl Meuli und Lily Weiser, wonach
eine Verbindung von Mythos und Brauchtum bestehe. Der heidnische Totenkult sei
demnach eng mit den maskierten weihnachtlichen Umzügen (z.B. Perchten) sowie
den Masken und Feiern des Karnevals verbunden.5 Belege für einen Maskenkult bei
den Germanen gibt es genug. Neben Artefakten aus Skandinavien, die eindeutig
Menschen mit Wolfsmasken zeigen, finden wir solche Abbildungen auch im
südgermanischen Raum. 6
Wohin führt der Weg?
Aus der ganzen Diskussion um vorchristliches, wissenschaftlich belegbares und neu
entstandenes Brauchtum, versuche ich – als heute lebender Heide – das für mich,
meinen Glauben und meinen Kult relevante heraus zu filtern. Natürlich ist mir
bewusst, dass die zigtausenden Narren, die gerade noch die schwäbisch-
alemannische Fasnat gefeiert und den Funken begangen haben, keine Heiden sind.
Das man schon froh sein kann, wenn im öffentlichen Diskurs etwaige heidnische
Wurzeln und Kontinuitäten dieser Bräuche überhaupt erwähnt werden. Heute nimmt
ja - vom Pfarrer bis zur Blasmusik – der ganze Ort an den Veranstaltungen teil.
Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass man hier als Heide, als Asatruar
keine Berührungsängste zu haben braucht.

Mein Plädoyer für eine Wiederaufnahme alten Brauchtums bedeutet keinesfalls eine
Teilnahme an Wettsaufen und kollektiver Hysterie. Ich will für mich die alten Feste
neu definieren, ihnen neues Leben und neuen Sinn einhauchen. Was spricht z.B. in
der Fasnat gegen eine eigene – heidnisch inspirierte – Narrengruppe, die z.B. die
wilde Jagd, das Nachtvolk, Schwarzalben oder einfach überlieferte Fabelwesen als
Thema hat? Eine kleine aber feine Gruppe, die auch miteinander opfert und sumbelt.
Gemeinsam bei traditionellen Speisen und Getränken feiert und dem verschütteten
Erbe des Brauchtums – dem Übergang der Jahreszeiten – in heidnischer Weise
huldigt. Dabei zu Ehren Nerthas, Freyjas und Freyrs in`s „Häs“ springt und als
Unterstützung und zu Ehren Donars den Funken entzündet. Abseits der großen
Megaspektakel kann man auch an kleinen Veranstaltungen teilnehmen und dort
zudem bewusstseinsbildend wirken.

Was spricht dagegen wenn man – wie es einige unserer Glaubensgenossen in der
Schweiz schon praktizieren – zur Zeiten der Rauhnächte das Gesicht schwärzt, eine
Holmaske und ein Fell umhängt und gemeinsam durch die Winternacht zieht? Mit
Trommeln und Hörnern, mit Ruten und Pferdeschwänzen. Wer schon einmal in den
Rauhnächten mit einer Maske, mit Fell und Glocken als Krampus oder Schiachpercht
über verschneite Hügel und Wälder durch die Nacht gejagt ist, der kann sicher
bestätigen, dass man tatsächlich einen Zustand der Entrückung erreicht, dass man
die Präsenz von Wodan spürt, ihm nah ist und er dich ganz durchdringt. Für den
Maskenzauber als wilder Mann in der Fasnat gilt dasselbe. Man spürt die
Anwesenheit der Geister und Wichte, man schlägt eine Brücke zu den Ahnen, den
Einheriern, zu den Geistern unserer Vorfahren. Ein solcher Abend mit
anschließendem Blot und Sumbel stärkt die Verbindung zu Göttern, Ahnen und
Geistern unvergleichlich. Man taucht in ihre Welt, begleitet sie ein Stück auf der
wilden Jagd, wird Teil von ihnen.

Die Zurückeroberung der Bräuche als Chance


Selbstverständlich ist mir bewusst, dass ich hier in erster Linie regionales
alemannisches Brauchtum beschrieben habe. Meines Erachtens gibt es aber im
gesamten deutschen Raum Bräuche und Traditionen, die es wert sind
wiederentdeckt und quasi zurückerobert zu werden. Den vielleicht vorhandenen
christlichen beeinflussten Lack zu beseitigen. Dabei meine ich nicht nur große Feste
im Jahreskreis. Auch lokales Brauchtum zum Lebenskreis – zur Geburt, zur
Hochzeit, zum Tod – kann man untersuchen und vielleicht einige Elemente neu für
sich entdecken. Es eröffnet sich ein weites Betätigungsfeld, das es wert ist genauer
untersucht zu werden. Abseits von neu kreierten Ritualen, Blots und Feiern ist die
Zurückeroberung des Alten ein Weg, unsere Götter und Geister, unsere Ahnen und
alle anderen Wesen um uns auf eine neue Art neu zu erleben. Es ist – wie ich bereits
Eingangs erwähnt habe - eine Möglichkeit einen eigenständigen Weg von Asatru zu
beschreiten, der vielleicht auch für Asatruar in anderen Ländern und Kontinenten
interessant sein könnte. Auch wenn verschiedene Bräuche heute im öffentlichen
Diskurs nur mehr wenig mit heidnischen Vorstellungen gemein haben, sie sind
lebendiger Ausdruck der Kontinuität unserer Kultur. Sie mit heidnischem Sinn und
Leben zu erfüllen – und damit eine Brücke zu unseren Ahnen über Generationen
hinweg zu schlagen - bleibt dabei unsere Aufgabe. Pileatus hat es mit einem Satz
auf den Punkt gebracht: „Für mich war es eigentlich immer klar, dass der Ubersitz
oder das Fasnachtsfeuer heidnische Bräuche sind, und für mich sind sie ein Stück
heilige Tradition, die uns mit unseren Vorfahren und unserem Land und damit auch
mit den Göttern und Geistern, die uns so wichtig sind, verbinden.“ Dem kann ich mich
nur anschließen.

1.) Gesehen auf www.destinyslobster.com/asatru/calendar.html . Es genügt aber auch einfach nach


den Begriffen „Asatru“ + „Calendar“ zu googeln.
2.) Definition von Brauchtum auf “Wikipedia. Die freie Enzyklopädie“. Auf
http://de.wikipedia.org/wiki/Brauchtum
3.) Gesehen auf http://www.freiburgplus.de/fasnet2.htm
4.) Gesehen auf http://www.kulturwerk-nsw.de/unsereheimat/brauchtumkultur/index.html
5.) Auf Seite 36 schreibt Kershaw weiter: „In seinen ‚Kultischen Geheimbünde der Germanen’ (1934)
zeigte Otto Höfler, dass Heer und Jagd als zeitgenössische kultische Ausübungen der wodanischen
Religion angesehen werden können – und mehr noch: dass die gespenstischen Horden, die Wodan
führte - das Heer, die Jagd und seine Einherier – ihre realen Entsprechungen in ekstatischen
Kriegerbünden besaßen, in jungen Männern aus Fleisch und Blut, die sich in kultischer Einheit mit den
toten Kriegern ihrer nationalen Vorzeit befanden.“
6.) Kershaw erwähnt in diesem Zusammenhang die Helm-Schmuckplatte aus Torslunda. Das Schwert
von Guttenstein (http://www.hp.uab.edu/image_archive/ujg/metalwork17.jpg ) kann als
südgermanische Entsprechung bei den Alemannen gewertet werden.