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Innenfinanzierung

Ergänzend zu der in den Kapiteln 3 und 4 behandelten Außenfinanzierung ist die Innenfinan- zierung die zweite Säule der Unternehmensfinanzierung. Während dem Unternehmen bei der Außenfinanzierung finanzielle Mittel von externen Kapitalgebern zur Verfügung gestellt werden, handelt es sich bei der Innenfinanzierung um Finanzmittel, die durch das Unterneh- men im Rahmen der betrieblichen Geschäftstätigkeit erwirtschaftet werden. In Kapitel 5 werden zunächst die begrifflichen Grundlagen der Innenfinanzierung geklärt (Kapitel 5.1), anschließend wird die Innenfinanzierung aus dem Umsatzprozess erläutert (Kapitel 5.2), bevor abschließend die Innenfinanzierung durch Vermögensumschichtung dargelegt wird (Kapitel 5.3). Den Abschluss des Kapitels bilden wiederum ausgewählte Verständnisfragen und Übungsaufgaben (Kapitel 5.4).

5.1

Grundlagen

Wie bereits in der Systematik der Finanzierungsinstrumente dargestellt (siehe S. 33), dient die Quelle der Finanzmittel als Abgrenzungskriterium zwischen Innen- und Außenfinanzie- rung. Innenfinanzierung erfolgt durch Freisetzung finanzieller Mittel im Rahmen der Ge- schäftstätigkeit des Unternehmens. Voraussetzung für jede Form der Innenfinanzierung ist der Zufluss finanzieller Mittel, der durch die finanzwirtschaftliche Kennzahl Cashflow ge- messen wird. Vor diesem Hintergrund besteht das Lernziel von Kapitel 5.1 darin, die Grund- lagen der Innenfinanzierung zu verstehen, die Bedeutung des Cashflows als Kennzahl für die Innenfinanzierungskraft erklären zu können und die wesentlichen Formen der Innenfinanzie- rung systematisieren zu können.

5.1.1 Innenfinanzierungskraft und Cashflow

Begriff der Innenfinanzierung

Bei der Innenfinanzierung wird Kapital, das bisher in anderer Weise gebunden ist, in frei verfügbare Finanzmittel umgewandelt. Unternehmen nutzen ihr gebundenes Kapital, um Güter herzustellen oder Dienstleistungen zu erbringen und diese am Absatzmarkt zu verkau- fen. Durch den Absatz der betrieblichen Leistungen fließen dem Unternehmen neue finan- zielle Mittel zu, die dazu benötigt werden, die im betrieblichen Leistungserstellungsprozess eingesetzten Betriebsmittel zu ersetzen. Sofern in dem betreffenden Geschäftsjahr keine überdurchschnittlich großen Investitionsprojekte realisiert werden, übersteigen die aus dem

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5 Innenfinanzierung

Umsatzprozess erzielten Einzahlungen vielfach die zur Leistungserstellung erforderlichen Auszahlungen. Wenn diese Finanzmittel nicht an die Kapitalgeber oder andere Berechtigte (z. B. als Steuern an den Staat) ausgezahlt werden, sondern zur weiteren Nutzung im Unter- nehmen verbleiben, liegt Innenfinanzierung vor.

Der Begriff der Innenfinanzierung wird in Theorie und Praxis unterschiedlich weit abge- grenzt. Vielfach dominiert die bilanzorientierte Sichtweise, die Maßnahmen der Innenfinan- zierung vor allem anhand ihrer Auswirkungen auf die Bilanz definiert. Die bilanziellen Aus- wirkungen sind für die Innenfinanzierung – ebenso wie für die Außenfinanzierung – jedoch nur ein Teilaspekt. Für die finanzwirtschaftliche Beurteilung von Innenfinanzierungsmaß- nahmen ist die zahlungsorientierte Perspektive von entscheidender Bedeutung (siehe auch S. 27 ff.). Ein Finanzierungseffekt entsteht, wenn dem Unternehmen in einem Geschäftsjahr finanzielle Mittel zufließen und diesem Finanzmittelzufluss keine betrieblichen Auszahlun- gen in gleicher Höhe gegenüberstehen.

Für die Beurteilung der Finanzierungswirkung ist grundsätzlich die Zahlungsebene und nicht die bilanzielle Ebene relevant. Finanzierungseffekte entstehen allerdings auch dadurch, dass nicht zahlungswirksamer Aufwand verrechnet wird. Das lässt sich am Beispiel der Abschrei- bungspolitik zeigen. Durch die Verrechnung von Abschreibungen wird der ausgewiesene Gewinn gemindert, wodurch sich die Steuerzahlungen sowie die Gewinnausschüttungen reduzieren. Im Ergebnis entsteht durch die Verrechnung der Abschreibungen ein indirekter Finanzierungseffekt, da ein höheres Volumen an finanziellen Mitteln im Unternehmen ver- bleibt. Der Finanzierungseffekt resultiert allerdings nicht unmittelbar aus den verrechneten Abschreibungen, sondern aus den infolge der Abschreibungen verminderten Zahlungsmit- telabflüssen an den Fiskus bzw. an die Eigenkapitalgeber.

Abgrenzung des Cashflows

Der Cashflow bezeichnet den Finanzmittelüberschuss für eine bestimmte Periode (z. B. ein Jahr), wobei der aus dem angelsächsischen Sprachraum stammende Begriff Cashflow auch in Deutschland verwendet wird. Die Begriffsabgrenzung macht deutlich, dass der Cashflow die zentrale Kennzahl zur Beurteilung der unternehmerischen Finanzmittelströme ist. In Abhän- gigkeit von den jeweiligen Einsatzfeldern existieren dabei unterschiedliche Abgrenzungen das Cashflows (vgl. Behringer 2010, S. 77 ff. und Vormbaum 1995, S. 127 ff.):

In bilanzorientierter Perspektive wird der Cashflow als Kennzahl der finanzwirtschaft- lichen Unternehmensanalyse verwendet, die aus dem handelsrechtlichen Jahresabschluss abgeleitet wird. Fokussiert wird dabei mehrheitlich auf den betrieblichen Cashflow, der die aus der ordentlichen Geschäftstätigkeit resultierenden Zahlungsströme berücksichtigt.

In der dynamischen Investitionsrechnung sowie in der Unternehmensbewertung dient der Cashflow zur Prognose der aus dem Bewertungsobjekt fließenden Zahlungsströme, die im Rahmen zukunftsorientierter Bewertungsverfahren mit einem risikoadjustierten Kal- kulationszinssatz abgezinst werden (zur dynamischen Investitionsrechnung siehe Kapitel 9 und zur zukunftsorientierten Unternehmensbewertung siehe Pape 2010, S. 94 ff.).

In Kapitalflussrechnungen (Statements of Cash Flows) bildet der Cashflow die Finanz- mittelströme des Unternehmens ab (vgl. Pellens et al. 2008, S. 182 ff.). Üblicherweise

5.1 Grundlagen

215

wird zwischen dem Cashflow (Finanzmittelüberschuss) aus laufender Geschäftstätigkeit, dem Cashflow für Investitionstätigkeit sowie dem Cashflow aus Finanzierungsaktivitäten unterschieden. Während der Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit die aus eigener Kraft erwirtschafteten Finanzmittel erfasst, zeigt der Cashflow für Investitionstätigkeit auf, wie hoch der Kapitalbedarf für die Investitionsprojekte des Unternehmens ist. Der Cashflow aus Finanzierungsaktivitäten entspricht schließlich dem Finanzmittelvolumen, das durch Außenfinanzierungsmaßnahmen aufgenommen bzw. zur Kapitalrückzahlung verwendet wird.

Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit

Zur Analyse der Innenfinanzierungskraft ist der Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit (Cashflow i. e. S.) relevant, der neben den Zahlungsvorgängen aus der ordentlichen Betriebs- tätigkeit auch die aus dem nicht betriebsnotwendigen Vermögen resultierenden Zahlungs- vorgänge berücksichtigt. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf den Cashflow i. e. S., der den durch die laufende Geschäftstätigkeit erwirtschafteten Finanzmittelüberschuss einer bestimmten Periode (z. B. ein Jahr) abbildet. Der Cashflow kann direkt oder indirekt ermit- telt werden (siehe Abbildung 5.1). Die direkte Ermittlungsmethodik errechnet den Cashflow als Saldo der betrieblichen Ein- und Auszahlungen der Periode. Da die direkte Ermittlung ausschließlich auf Zahlungsvorgängen beruht, verweist sie unmittelbar auf den Charakter des Cashflows als Einzahlungsüberschuss.

Direkte Ermittlung

Direkte Ermittlung

Indirekte Ermittlung

Indirekte Ermittlung

Betriebliche Einzahlungen

Betriebliche Einzahlungen

=

=

Betriebliche Auszahlungen

Betriebliche Auszahlungen

Cashflow

Cashflow

+

+

+

+

Jahresüberschuss

Jahresüberschuss

Abschreibungen (– Zuschreibungen)

Abschreibungen (– Zuschreibungen)

Nettozuführungen zu den langfristigen

Nettozuführungen zu den langfristigen

Rückstellungen

Rückstellungen

+/–

+/–

Veränderungen weiterer zahlungs-

Veränderungen weiterer zahlungs-

unwirksamer Erfolgsgrößen

unwirksamer Erfolgsgrößen

=

=

Cashflow

Cashflow

Abbildung 5.1: Ermittlung des Cashflows

In der Praxis fehlen häufig die zur Ermittlung des Cashflows erforderlichen Informationen über die Zahlungswirksamkeit einzelner Geschäftsvorfälle. In diesen Fällen ist eine direkte Ermittlung des Cashflows nicht möglich. Das gilt insbesondere für externe Unternehmens- analysen, kann aber auch bei der unternehmensinternen Ermittlung des Cashflows relevant werden. Vor diesem Hintergrund wird der Cashflow in der Praxis meistens indirekt ermittelt, wobei auf buchhalterische Größen zurückgegriffen wird. Bei indirekter Ermittlung errechnet sich der Cashflow, indem der Jahreserfolg um zahlungsunwirksame Aufwendungen erhöht und um zahlungsunwirksame Erträge vermindert wird. Zur Vereinfachung wird der Jahres- überschuss üblicherweise lediglich um die bedeutendsten zahlungsunwirksamen Erfolgsgrö- ßen korrigiert. Nach dieser vereinfachten indirekten Ermittlung errechnet sich der Cashflow

216

5 Innenfinanzierung

dadurch, dass der Jahresüberschuss um die Abschreibungen und die Nettozuführungen zu den langfristigen Rückstellungen erhöht wird. Weisen einzelne zahlungsunwirksame Auf- wands- oder Ertragsgrößen ein besonders hohes Volumen auf, werden diese Größen eben- falls berücksichtigt (siehe Abbildung 5.1).

5.1.2 Formen der Innenfinanzierung

Die Innenfinanzierung, über deren Volumen der Cashflow informiert, umfasst verschiedene Finanzierungsformen. Üblicherweise wird zwischen der Finanzierung aus dem Umsatzpro- zess und der Finanzierung aus Vermögensumschichtung differenziert (siehe Abbildung 5.2).

Innenfinanzierung Innenfinanzierung Finanzierung Finanzierung Finanzierung aus Finanzierung aus aus dem
Innenfinanzierung
Innenfinanzierung
Finanzierung
Finanzierung
Finanzierung aus
Finanzierung aus
aus dem Umsatzprozess
aus dem Umsatzprozess
Vermögensumschichtung
Vermögensumschichtung
• •
Offene Selbstfinanzierung
Offene Selbstfinanzierung
• •
Desinvestitionen im Anlage-
Desinvestitionen im Anlage-

(Gewinneinbehaltung)

(Gewinneinbehaltung)

• •

Stille Selbstfinanzierung

Stille Selbstfinanzierung

Finanzierung aus den Gegen-

Finanzierung aus den Gegen-

werten von Abschreibungen

werten von Abschreibungen

• •

Finanzierung aus den Gegen-

Finanzierung aus den Gegen-

werten von Rückstellungen

werten von Rückstellungen

vermögen

vermögen

Reduzierung der Kapital-

Reduzierung der Kapital-

bindung im Umlaufvermögen

bindung im Umlaufvermögen

• •

Sale-and-Lease-Back

Sale-and-Lease-Back

Abbildung 5.2: Formen der Innenfinanzierung

Finanzierung aus dem Umsatzprozess

Die Finanzierung aus dem Umsatzprozess ist der Kernbereich der Innenfinanzierung, bei der die aus der laufenden Geschäftstätigkeit generierten Finanzmittelüberschüsse (Cashflows) im Unternehmen einbehalten werden. Eine wichtige Finanzierungsquelle ist die offene bzw. stille Selbstfinanzierung. Bei der offenen Selbstfinanzierung werden erwirtschaftete Gewinne durch Beschluss der Unternehmenseigner bzw. des beauftragten Managements im Unter- nehmen einbehalten und zur Finanzierung der weiteren Unternehmenstätigkeit verwendet. Im Unterschied dazu ist für die stille Selbstfinanzierung kein Beschluss der Kapitalgeber erforderlich. Stille Selbstfinanzierung entsteht zwangsweise oder gewollt als Ergebnis be- stimmter bilanzieller Maßnahmen, die zur Neubildung stiller Reserven führen. Auch die Finanzierung aus den Gegenwerten von Abschreibungen bzw. Rückstellungen ist das Ergeb- nis buchhalterischer Vorgänge. In beiden Fällen führt die Verrechnung von Aufwand dazu, dass die aus der laufenden Geschäftstätigkeit erwirtschafteten Finanzmittel im Unternehmen gebunden werden und zur Finanzierung weiterer Unternehmensaktivitäten verfügbar sind.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

217

Finanzierung aus Vermögensumschichtung

Die Finanzierung aus Vermögensumschichtung erfolgt außerhalb der laufenden Geschäfts- tätigkeit und damit unabhängig vom eigentlichen Umsatzprozess. Diese Finanzierungsform wird daher nicht dem Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit zugerechnet. Stattdessen werden die zugehörigen Finanzmittelflüsse im Cashflow aus Investitionstätigkeit erfasst, da die Innenfinanzierung aus Vermögensumschichtung einen Finanzmittelzufluss durch Redu- zierung des gebundenen bzw. investierten Kapitals bewirkt. Im Anlagevermögen kann das gebundene Kapital durch Desinvestitionen reduziert werden, indem z. B. betrieblich nicht genutzte Vermögensgegenstände veräußert werden. Kapital lässt sich jedoch nicht nur im Anlagevermögen, sondern auch im Umlaufvermögen freisetzen. Aufgabe des so genannten Working-Capital-Managements ist die Reduzierung des im Umlaufvermögen gebundenen Kapitals, z. B. durch Abbau von Vorräten oder Verminderung der Forderungsaußenstände. Eine Sonderform der Finanzierung ist das bereits im Kapitel zum Leasing kurz erwähnte Sale-and-Lease-Back, bei dem Vermögensgegenstände an eine Leasinggesellschaft verkauft und sofort wieder von dieser angemietet werden. Im Folgenden behandeln wir zunächst die Finanzierung aus dem Umsatzprozess und anschließend die Finanzierung aus Vermögens- umschichtung.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

Die Finanzierung aus dem Umsatzprozess beinhaltet die offene und die stille Selbstfinanzie- rung sowie die Finanzierung aus den Gegenwerten von Abschreibungen bzw. Rückstellun- gen. Das gemeinsame Merkmal dieser Finanzierungsformen besteht darin, dass ein Finanzie- rungseffekt nur dann entsteht, wenn die finanziellen Mittel dem Unternehmen zuvor im Rahmen der laufenden Geschäftstätigkeit zugeflossen sind. Daher werden diese Finanzie- rungsformen als Finanzierung aus dem Umsatzprozess bezeichnet. Das Lernziel von Kapitel 5.2 besteht darin, die verschiedenen Finanzierungsformen kennenzulernen, ihre Funktions- weise zu verstehen sowie ihre Einsatzmöglichkeiten und -grenzen beurteilen zu können.

5.2.1 Offene Selbstfinanzierung

Offene Selbstfinanzierung erfolgt durch die vollständige oder teilweise Einbehaltung des in Bilanz bzw. Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesenen Gewinns. Die Gewinneinbehal- tung (Gewinnthesaurierung) wirkt sich auf das bilanzielle Eigenkapital des Unternehmens aus und ist damit aus der Bilanz ersichtlich. Da der einbehaltene Gewinn der Einkommen- bzw. Körperschaftsteuer sowie gegebenenfalls der Gewerbesteuer unterliegt, kann nur der Gewinn nach Steuern zur Selbstfinanzierung genutzt werden. Der bilanzielle Ausweis einbe- haltener Gewinne unterscheidet sich zwischen Personen- und Kapitalgesellschaften.

Bei Personengesellschaften und Einzelunternehmen wird der einbehaltene Gewinn direkt den Kapitalkonten der Gesellschafter zugeschrieben, wobei keine Vorschriften zur Gewinneinbe- haltung existieren. Es gilt lediglich die handelsrechtliche Regelung der Gewinnentnahme,

218

5 Innenfinanzierung

nach der jeder Gesellschafter auf seinen Kapitalanteil eine Verzinsung von 4 % aus dem Gewinn verlangen kann (vgl. § 122 Abs. 1 HGB). In der Praxis wird die Gewinnverteilung üblicherweise im Gesellschaftsvertrag geregelt, so dass die handelsrechtliche Regelung prak- tisch nur eine geringe Bedeutung hat.

Für die Kapitalgesellschaften (AG, GmbH) finden sich im Gegensatz zu den Personengesell- schaften explizite handelsrechtliche Regelungen zur Gewinnverwendung sowie zum Aus- weis einbehaltener Gewinne. Einbehaltene Gewinne werden dabei als Gewinnrücklagen ausgewiesen, die Bestandteil des gesamten Eigenkapitals sind. Nach dem HGB hat eine Kapitalgesellschaft folgende Eigenkapitalpositionen auszuweisen (vgl. §§ 266 Abs. 3 und 272 HGB):

Gezeichnetes Kapital,

Kapitalrücklage,

Gewinnrücklagen,

Gewinn- bzw. Verlustvortrag sowie

Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag.

Das gezeichnete Kapital ist das Stammkapital einer GmbH bzw. das Grundkapital einer Aktiengesellschaft, während das Aufgeld aus Kapitalerhöhungen (z. B. bei der Emission neuer Aktien) als Kapitalrücklage ausgewiesen wird (siehe S. 103 ff.). Beide Positionen sind das Ergebnis von Außenfinanzierungsmaßnahmen. Die weiteren Bilanzpositionen beziehen sich demgegenüber auf Maßnahmen der Innenfinanzierung. Der Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag zeigt den Erfolg des Geschäftsjahres. Solange der Gewinn noch nicht verwendet worden ist, erfolgt der Bilanzausweis als Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag. Nach teilweiser Gewinnverwendung wird anstelle des Jahresüberschusses die Position Bilanzgewinn bzw. -verlust ausgewiesen. Beim Gewinn- bzw. Verlustvortrag handelt es sich um positive bzw. negative Beträge aus der Gewinnverwendung des vorangegangenen Geschäftsjahres, die in das folgende Rechnungsjahr vorgetragen worden sind.

Für die Innenfinanzierung von entscheidender Bedeutung sind die Gewinnrücklagen. Unter dieser Position werden die Beträge ausgewiesen, die im Rahmen der offenen Selbstfinanzie- rung einbehalten worden sind. Kapitalgesellschaften müssen die Gewinnrücklagen dabei folgendermaßen untergliedern (vgl. § 266 Abs. 3 HGB):

Gesetzliche Rücklage,

Rücklage für eigene Anteile,

satzungsmäßige Rücklagen sowie

andere Gewinnrücklagen.

Für Aktiengesellschaften gelten dabei vergleichsweise weitgehende Vorschriften. Aktienge- sellschaften müssen 5 % ihres um einen eventuell vorhandenen Verlustvortrag gekürzten Jahresüberschusses in die gesetzliche Rücklage einstellen, sofern die gesetzliche Rücklage gemeinsam mit der Kapitalrücklage nicht mindestens 10 % des Grundkapitals ausmacht (vgl. § 150 Abs. 2 AktG). In der Satzung der Aktiengesellschaft kann ein höherer Mindestbetrag

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

219

bestimmt werden. Die gesetzliche Rücklage stellt einen bilanziellen Verlustpuffer dar, so dass im Verlustfall nicht sofort das Grundkapital angegriffen werden muss. Daher darf die gesetzliche Rücklage auch nur zu bestimmten Zwecken, wie z. B. zum Ausgleich eines Jah- resfehlbetrages, verwendet werden. Die Rücklage für eigene Anteile wird beim Rückkauf eigener Aktien gebildet (zum Aktienrückkauf siehe Kapitel 3.3.5). In diese Bilanzposition wird der Betrag eingestellt, der dem Wert entspricht, mit dem die erworbenen Aktien auf der Aktivseite angesetzt werden (vgl. § 272 Abs. 4 HGB). Die Rücklage für eigene Aktien kann aus frei verfügbaren Gewinnrücklagen gebildet werden und darf erst wieder aufgelöst wer- den, wenn die eigenen Aktien wieder verkauft oder eingezogen worden sind. Bei satzungs- mäßigen Rücklagen handelt es sich um Gewinnrücklagen, die aufgrund von Vorschriften in der Satzung der AG gebildet werden.

Die anderen Gewinnrücklagen sind üblicherweise die Rücklagen mit dem höchsten Innen- finanzierungsvolumen. Vorstand und Aufsichtsrat dürfen gemeinsam maximal 50 % des Jahresüberschusses in die anderen Gewinnrücklagen einstellen (vgl. § 58 Abs. 2 AktG). Weitere Beträge können durch die Hauptversammlung eingestellt werden. Im Ergebnis han- delt es sich bei diesen Rücklagen um die Bilanzposition, unter welcher die im Rahmen der offenen Selbstfinanzierung einbehaltenen Gewinne mehrheitlich ausgewiesen werden. Da die anderen Gewinnrücklagen keinen Vorschriften hinsichtlich ihrer Verwendung unterliegen, werden sie auch als freie Gewinnrücklagen bezeichnet.

Unabhängig von der jeweiligen Bilanzposition werden durch die Bildung von Gewinnrück- lagen offene Reserven ausgewiesen, die als Verlustpuffer auf der Passivseite der Bilanz die- nen. Rücklagen bieten bei auftretenden Verlusten einen gewissen Schutz vor bilanzieller Überschuldung. Zu beachten ist allerdings die Trennung zwischen Kapital- und Vermögens- sphäre. Die einbehaltenen Finanzmittel werden unabhängig von der Rücklagenbildung ver- wendet. Daher entsteht durch die Bildung von Gewinnrücklagen ein Kapitalschutz, jedoch kein Schutz des Vermögens. Da die finanziellen Mittel auch langfristig investiert werden können, stellen Gewinnrücklagen keine Liquiditätsreserve dar, auf die das Unternehmen bei Liquiditätsengpässen zurückgreifen könnte. Ein Finanzierungseffekt entsteht im Moment der Gewinneinbehaltung, wenn finanzielle Mittel im Unternehmen verbleiben und zur Finanzie- rung der unternehmerischen Geschäftstätigkeit verwendet werden. Die offene Selbstfinanzie- rung bewirkt dabei einerseits die Erhöhung der Gewinnrücklagen und andererseits den An- stieg einer Vermögensposition. Aufgabe des Finanzmanagements ist es, die Vermögensstruk- tur so zu steuern, dass die Liquidität des Unternehmens jederzeit gesichert ist.

Beispiel: Offene Selbstfinanzierung:

Die börsennotierte ABC AG hat im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Jahresüberschuss von 100 Mio. Euro vor Steuern erwirtschaftet. Wenn wir vereinfachend eine gewinnabhängige steuerliche Gesamtbelastung von 30 % unterstellen, beträgt der Jahresüberschuss nach Steu- ern 70 Mio. Euro. Dieser Betrag ist für die Gewinnverwendung verfügbar. In Abbildung 5.3 ist die Bilanz des Unternehmens vor Gewinnverwendung dargestellt.

220

5 Innenfinanzierung

Aktiva (€)

Passiva (€)

Anlagevermögen Sonstiges Umlaufvermögen Liquide Mittel

380.000.000

Gezeichnetes Kapital

80.000.000

365.000.000

Kapitalrücklage

70.000.000

65.000.000

Gewinnrücklagen

135.000.000

 

Gewinnvortrag

5.000.000

Jahresüberschuss

70.000.000

Fremdkapital

450.000.000

Bilanzsumme

810.000.000

Bilanzsumme

810.000.000

Abbildung 5.3: Bilanz vor Gewinnverwendung

Vorstand und Aufsichtsrat beschließen, aus der Summe von Jahresüberschuss und Gewinn- vortrag 35 Mio. Euro in die anderen Gewinnrücklagen einzustellen. In der Bilanz nach teil- weiser Gewinnverwendung (siehe Abbildung 5.4) wird anstelle der beiden Bilanzpositionen Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag sowie Gewinn- bzw. Verlustvortrag die Position Bilanz- gewinn bzw. -verlust ausgewiesen. Der Bilanzgewinn bzw. -verlust ergibt sich, indem der Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag um den Gewinn- bzw. Verlustvortrag erhöht und um die Einstellung in die Gewinnrücklagen vermindert wird.

Aktiva (€)

Passiva (€)

Anlagevermögen Sonstiges Umlaufvermögen Liquide Mittel

380.000.000

Gezeichnetes Kapital

80.000.000

365.000.000

Kapitalrücklage

70.000.000

65.000.000

Gewinnrücklagen

170.000.000

 

Bilanzgewinn

40.000.000

Fremdkapital

450.000.000

Bilanzsumme

810.000.000

Bilanzsumme

810.000.000

Abbildung 5.4: Bilanz nach teilweiser Gewinnverwendung

Den Beschluss über die Verwendung des Bilanzgewinns fasst die Hauptversammlung. Die Hauptversammlung hat die Möglichkeit, über die bereits einbehaltenen Gewinne hinaus weitere Beträge in die anderen Gewinnrücklagen einzustellen (vgl. § 58 Abs. 3 AktG). In unserem Beispiel schlagen Vorstand und Aufsichtsrat allerdings vor, den resultierenden Bilanzgewinn von 40 Mio. Euro als Dividende auszuschütten. Die Hauptversammlung folgt diesem Vorschlag und beschließt die Ausschüttung des Bilanzgewinns an die Aktionäre. Nach Dividendenausschüttung ergibt sich die in Abbildung 5.5 dargestellte Bilanz nach voll- ständiger Gewinnverwendung.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

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Aktiva (€)

Passiva (€)

Anlagevermögen Sonstiges Umlaufvermögen Liquide Mittel

380.000.000

Gezeichnetes Kapital

80.000.000

365.000.000

Kapitalrücklage

70.000.000

25.000.000

Gewinnrücklagen

170.000.000

 

Fremdkapital

450.000.000

Bilanzsumme

770.000.000

Bilanzsumme

770.000.000

Abbildung 5.5: Bilanz nach vollständiger Gewinnverwendung

Anhand des Beispiels können Sie nachvollziehen, dass die Gewinnverwendung in mehreren Schritten erfolgt. Die Gewinnausschüttung erfolgt dabei zu Lasten des Bilanzgewinns.

Beurteilung der offenen Selbstfinanzierung

Ebenso wie auch die anderen Formen der Innenfinanzierung hat die offene Selbstfinanzie- rung in der Praxis eine vergleichsweise hohe Bedeutung. Für die Vielzahl kleiner und mittle- rer Unternehmen, die keinen Börsenzugang haben, ist die Selbstfinanzierung häufig die wichtigste Quelle zur Finanzierung des Unternehmenswachstums. Da die Selbstfinanzierung des Unternehmens aus eigener Kraft erfolgt, ist sie darüber hinaus unabhängig von den situa- tiven Rahmenbedingungen des Kapitalmarktes. Es müssen keine Kapitalgeber davon über- zeugt werden, dem Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen. Aus Sicht der bisherigen Unternehmenseigner besteht ein weiterer Vorteil der Selbstfinanzierung darin, dass die Mehrheitsverhältnisse durch diese Finanzierungsform nicht verändert werden. Unter Boni- tätsaspekten ist die Selbstfinanzierung vorteilhaft, da sich durch die Einbehaltung erwirt- schafteter Gewinne die Eigenkapitalquote des Unternehmens und damit seine Kreditwürdig- keit erhöht.

Die Selbstfinanzierung ist aber nicht nur für nicht emissionsfähige Unternehmen, sondern auch für börsennotierte Aktiengesellschaften von Bedeutung. Letztere behalten vielfach mehr als 50 % der erwirtschafteten Gewinne ein, so dass die offene Selbstfinanzierung einen nicht unerheblichen Anteil an der Finanzierung der Unternehmensentwicklung hat. Angesichts der für Publikumsaktiengesellschaften typischen Trennung von Eigentum und Management ist die offene Selbstfinanzierung aus Perspektive der Aktionäre allerdings nicht unproblema- tisch. Der Hintergrund dieser Problematik ist die asymmetrische Informationsverteilung zwischen Management und Aktionären. Da das Management besser über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens informiert ist, besteht die Gefahr von Interessen- konflikten. So können Aktionäre z. B. befürchten, dass das Management mit den einbehalte- nen Finanzmitteln unvorteilhafte Investitionsprojekte realisiert. Während im Interesse der Aktionäre ausschließlich Projekte realisiert werden sollten, die einen Beitrag zur Steigerung des Unternehmenswertes leisten, könnte das Management Investitionen aus egoistischen Motiven tätigen, z. B. den kostspieligen Neubau eines repräsentativen Firmengebäudes. Da ein großer Teil der einbehaltenen Gewinne nicht direkt der Kontrolle durch den Kapitalmarkt unterliegt, ist es für die Aktionäre schwierig, sich vor möglichen Schädigungen durch das

222

5 Innenfinanzierung

Management zu schützen. Aus Aktionärssicht kann es daher günstiger sein, die finanziellen Mittel zunächst als Dividende auszuschütten und die zur Realisierung neuer Investitions- projekte benötigten Finanzmittel durch eine Kapitalerhöhung oder eine Kreditaufnahme zu finanzieren. In diesen Fällen müsste das Management die Aktionäre vor der Kapitalaufnah- me von der Vorteilhaftigkeit der Investitionspläne überzeugen, wodurch der Einfluss der Kapitalgeber auf die Mittelverwendung steigt. Nachteilig sind allerdings die mit der Ge- winnausschüttung und anschließenden Kapitalaufnahme verbundenen Transaktionskosten.

Begrenzt wird die Fähigkeit zur offenen Selbstfinanzierung durch die steuerlichen Auswir- kungen der Gewinneinbehaltung. Für die offene Selbstfinanzierung steht nur der Gewinn nach Steuern zur Verfügung. Die für die Selbstfinanzierung relevanten Steuerarten sind die Einkommensteuer für Einzelunternehmen und Personengesellschaften sowie die von Kapi- talgesellschaften zu zahlende Körperschaftsteuer. Während die Höhe der Einkommensteuer vom persönlichen Steuersatz des Steuerpflichtigen abhängig ist (vgl. § 32a EStG), liegt die Körperschaftsteuer einheitlich bei 15 % (vgl. § 23 Abs. 1 KStG). Ergänzend sind der Solida- ritätszuschlag sowie ggf. die Kirchensteuer zu berücksichtigen. Für gewerbesteuerpflichtige Unternehmen erhöht sich die steuerliche Belastung um die Gewerbesteuer, deren Höhe vom Hebesatz abhängig ist. Bei einem durchschnittlichen Hebesatz von 400 % auf die einheitliche Gewerbesteuermesszahl von 3,5 ergibt sich ein Steuersatz von 14 %. Kapitalgesellschaften zahlen im Ergebnis auf einbehaltene Gewinne einen Steuersatz von knapp 30 %. Für Kapi- talgesellschaften ist die gezahlte Gewerbesteuer bei der körperschaftsteuerlichen Gewinn- ermittlung nicht als Betriebsausgabe anrechenbar. Dagegen ist die Gewerbesteuer bei der Gewinnermittlung von Einzelunternehmen und Personengesellschaften anrechenbar, um die höhere Steuerbelastung durch den Einkommensteuertarif zumindest teilweise auszugleichen. Für die offene Selbstfinanzierung von Personengesellschaften ist darüber hinaus das Wahl- recht relevant, aus nicht entnommenen Gewinnen eine Thesaurierungsrücklage zu bilden, die mit 28,25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag besteuert wird (vgl. § 34a Abs. 1 EStG); die Nachversteuerung bei späterer Gewinnausschüttung erfolgt mit 25 % (zu den steuerlichen Grundlagen siehe Kudert 2011, S. 24 ff.sowie S. 83 ff. oder Stobbe 2010, S. 95 ff.).

5.2.2 Stille Selbstfinanzierung

Als stille Selbstfinanzierung werden Maßnahmen der Kapitalbildung bezeichnet, die nicht aus der Bilanz ersichtlich sind.

Bildung stiller Reserven

Stille Selbstfinanzierung entsteht durch die Bildung stiller Reserven, die nicht in der Bilanz ausgewiesen werden. Im Gegensatz zur offenen Selbstfinanzierung hat die stille Selbstfinan- zierung daher keine Auswirkungen auf die Höhe oder die Zusammensetzung des bilanziellen Eigenkapitals. Stille Reserven entstehen durch die Unterbewertung von Aktiva oder die Überbewertung von Passiva. Die Unterbewertung von Aktiva führt dazu, dass Vermögensge- genstände gar nicht oder mit einem geringeren Wert in der Bilanz ausgewiesen werden, wäh- rend die Überbewertung von Passiva zu einem überhöhten Ausweis von Schulden führt. Stillen Reserven, die durch die Ausübung von Bilanzierungswahlrechten entstehen, werden

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

223

als Ermessensreserven bezeichnet, während es sich bei den durch Bilanzierungsverbote ent- stehenden stillen Reserven um Zwangsreserven handelt (vgl. Coenenberg/Haller/Schultze 2009, S. 340 f.). Folgende Fälle lassen sich unterscheiden:

Unterbewertung von Aktiva

Die Nichtaktivierung von Vermögensgegenständen aufgrund der Ausübung von Wahlrechten führt zu einem geringeren Vermögensausweis und damit zur Bildung stiller Reserven. Beispiele sind das Bilanzierungswahlrecht für den derivativen Fir- menwert oder das Wahlrecht zur Sofortabschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter. Ein Aktivierungsverbot, z. B. für selbsterstellte Patente, bewirkt ebenfalls einen zu geringen Vermögensausweis.

Der niedrigere Wertansatz von Vermögensgegenständen entsteht z. B. durch die Ver- rechnung von Abschreibungen, die oberhalb des tatsächlichen Wertverzehrs liegen. Insbesondere die handelsrechtlichen Wahlrechte ermöglichen einen gewissen Gestal- tungsspielraum.

– Der Verzicht auf oder das Verbot von Zuschreibungen kann ebenfalls einen zu gerin- gen Vermögensausweis zur Folge haben. Vermögensgegenstände dürfen handels- rechtlich maximal mit ihren Anschaffungs- oder Herstellungskosten bewertet werden, auch wenn der Marktwert des Vermögensgegenstandes (z. B. ein Grundstück) deut- lich oberhalb der ursprünglichen Anschaffungskosten liegt. Eine Zuschreibung auf den höheren Marktwert ist daher nicht zulässig. Auch die Unterlassung von Zuschrei- bungen, die aufgrund von Wahlrechten möglich wären, führt zu einem niedrigeren Vermögensausweis.

Überbewertung von Passiva

– Die Überbewertung von Passivpositionen entsteht vor allem durch den Ansatz über- höhter Rückstellungen. Rückstellungen werden für Verbindlichkeiten gebildet, bei denen die Höhe oder der Zeitpunkt der Zahlung noch nicht exakt bekannt ist (vgl. Coenenberg/Haller/Schultze 2009, S. 411 ff.). Beispiele sind Rückstellungen für Ge- währleistungen oder für Prozessrisiken.

Beispiel: Bildung stiller Reserven

Die Holzwurm GmbH beschafft einen neuen Dienstwagen für Ernst-August Holzwurm, den geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens. Auf Wunsch von Herrn Holzwurm wird ein Fahrzeug mit geringem Verbrauch und niedrigen CO 2 -Emissionen erworben. Der Anschaffungspreis beträgt 48.000 Euro plus Umsatzsteuer. Angesichts der erwarteten jähr- lichen Fahrleistung sowie des zurückhaltenden Fahrstils des Geschäftsführers schätzt Thors- ten Soll-Haben, der Buchhalter der Holzwurm GmbH, die wirtschaftliche Nutzungsdauer des Fahrzeugs auf zehn Jahre. Zur Ermittlung der handels- bzw. steuerrechtlichen Abschreibun- gen orientiert er sich jedoch an den AfA-Tabellen, die für Personenkraftwagen eine betriebs- gewöhnliche Nutzungsdauer von sechs Jahren vorsehen (vgl. BMdF 2011). Die Anschaf- fungskosten von 48.000 Euro werden daher auf sechs Jahre verteilt, wodurch sich in der

224

5 Innenfinanzierung

Gewinn- und Verlustrechnung ein Abschreibungsbetrag von 8.000 Euro p. a. ergibt (siehe Tabelle 5.1). Im Gegensatz dazu errechnet sich auf Basis der geschätzten Nutzungsdauer von zehn Jahren ein jährlicher Abschreibungsbetrag von 4.800 Euro.

Tabelle 5.1: Vereinfachte Gewinn- und Verlustrechnung

 

Zehnjährige

Sechsjährige

Abschreibung

Abschreibung

 

Umsatzerlöse (€)

100.000

100.000

– Sonstiger Aufwand (€)

65.000

65.000

– Abschreibungen (€)

4.800

8.000

 

Gewinn vor Steuern (€)

30.200

27.000

– 30 % Steuern (€)

9.060

8.100

 

Gewinn nach Steuern (€)

21.140

18.900

Die Auswirkungen der stillen Selbstfinanzierung lassen sich anhand von Tabelle 5.1 verdeut- lichen. Dadurch, dass eine Nutzungsdauer von sechs Jahren unterstellt wird, liegen die Ab- schreibungen um 3.200 Euro p. a. über den für eine zehnjährige Abschreibungsdauer errech- neten Beträgen. In dieser Höhe bildet die Holzwurm GmbH in den ersten sechs Jahren stille Reserven. Aufgrund der höheren Abschreibungen sinken die Steuerzahlungen um 960 Euro p. a., während der ausschüttungsfähige Gewinn um 2.240 Euro p. a. sinkt. Wenn wir eine vollständige Gewinnausschüttung unterstellen, erhalten die Gesellschafter eine geringere Ausschüttung und darüber hinaus reduzieren sich die Steuerzahlungen an den Fiskus. Statt- dessen steht der Betrag von 3.200 Euro p. a. dem Unternehmen zur Finanzierung der laufen- den Geschäftstätigkeit zur Verfügung.

Finanzierungseffekt stiller Reserven

Anhand des Beispiels können Sie erkennen, dass die stille Selbstfinanzierung durch überhöh- te Abschreibungen einen Innenfinanzierungseffekt bewirken kann. Eine entscheidende Vor- aussetzung für diesen Finanzierungseffekt liegt allerdings darin, dass die finanziellen Mittel zunächst am Markt verdient werden, bevor die Finanzmittel durch die Bildung stiller Reser- ven im Unternehmen gebunden werden. Ohne den entsprechenden Finanzmittelzufluss aus Umsatzerlösen hätte die Bildung stiller Reserven keinen Finanzierungseffekt. Darüber hinaus lässt sich anhand des Beispiels auch erkennen, dass der Finanzierungseffekt befristet ist. Die in den ersten sechs Jahren gebildeten stillen Reserven werden im Laufe der Folgejahre wie- der abgebaut. Spätestens beim Abgang des Vermögensgegenstandes (z. B. durch einen Ver- kauf) werden die stillen Reserven aufgelöst. Steuerzahlungen und Gewinnausschüttungen werden daher nicht dauerhaft vermindert; vielmehr bewirkt die Bildung stiller Reserven eine zeitlich befristete Stundung der Zahlungen an den Fiskus bzw. die Gesellschafter.

Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass nicht jede Bildung stiller Reserven einen Finanzie- rungseffekt bewirkt. Stille Selbstfinanzierung liegt nur vor, wenn durch die stillen Reserven

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

225

Finanzmittel im Unternehmen gebunden werden. Wie bereits erwähnt, ist es hierzu erforder- lich, dass die finanziellen Mittel durch das Unternehmen erwirtschaftet worden sind. Diese Finanzmittel werden durch die Verrechnung der erhöhten Abschreibung im Unternehmen gebunden, da sich durch die höheren Abschreibungen die Steuerzahlungen sowie die Ge- winnausschüttungen reduzieren. Damit steht dem Unternehmen ein höheres Finanzierungs- volumen zur Verfügung und es liegt ein Innenfinanzierungseffekt vor.

Im Gegensatz zur überhöhten Abschreibung liegt bei der Bildung stiller Reserven durch die Wertsteigerung von Vermögensgegenständen keine stille Selbstfinanzierung vor. Wertsteige- rungsreserven entstehen durch das Anschaffungskostenprinzip des HGB und sind z. B. bei Immobilien relevant. Wenn ein Unternehmen z. B. das als Firmensitz genutzte Gebäude gemeinsam mit dem Grundstück bereits vor Jahrzehnten erworben hat, so liegt der aktuelle Marktwert häufig über den historischen Anschaffungskosten. Handelsrechtlich dürfen Grundstücke und Gebäude allerdings maximal mit ihren Anschaffungskosten angesetzt wer- den, so dass zwangsweise eine stille Reserve entsteht. Mit dieser stillen Reserve ist allerdings kein Finanzierungseffekt verbunden, da weder finanzielle Mittel zufließen noch zugeflossene Finanzmittel im Unternehmen gebunden werden. Um einen Finanzierungseffekt zu generie- ren, müssten die stillen Reserven durch einen Verkauf der Immobilie aufgelöst werden, z. B. im Rahmen eines Sale-and-Lease-Back-Verfahrens (siehe Kapitel 5.3.2). Durch den Verkauf des Vermögensgegenstandes werden die stillen Reserven in liquide Mittel umgewandelt und es entsteht ein Finanzierungseffekt.

Beurteilung der stillen Selbstfinanzierung

Der Finanzierungseffekt der stillen Selbstfinanzierung entsteht durch die Bindung finanziel- ler Mittel im Unternehmen, wodurch zum einen die Gewinnausschüttungen an die Gesell- schafter und zum anderen die Ertragsteuerzahlungen vermindert werden. Im Vergleich zur offenen Selbstfinanzierung liegt der Vorteil der stillen Selbstfinanzierung im Steuerstun- dungseffekt. Solange die stillen Reserven existieren, erhöht sich das Finanzmittelvolumen des Unternehmens, wobei die implizite Steuerstundung zinsfrei erfolgt.

Für börsennotierte Publikumsaktiengesellschaften ist mit der stillen ebenso wie mit der offe- nen Selbstfinanzierung das Problem von Interessenkonflikten zwischen Management und Aktionären verbunden. Die stille Selbstfinanzierung entsteht durch bilanzpolitische Maß- nahmen und ist daher der externen Kontrolle durch den Kapitalmarkt weitgehend entzogen. Vor diesem Hintergrund besteht aus Perspektive der Anteilseigner die Gefahr, dass das Ma- nagement mit den im Unternehmen gebundenen Finanzmitteln eigene Interessen verfolgt, die nicht zwangsläufig im Aktionärsinteresse liegen müssen. Abschließend ist darauf hinzuwei- sen, dass der Umfang an stillen Reserven entscheidend durch das jeweilige Rechnungsle- gungssystem geprägt wird. Während das deutsche Handels- und Steuerrecht vergleichsweise weitgehende Möglichkeiten zur Bildung stiller Reserven einräumt, existieren nach den Inter- national Financial Reporting Standards (IFRS) deutlich weniger Möglichkeiten zur Bildung stiller Reserven. Für die Innenfinanzierung sind allerdings vor allem die handels- und steuer- rechtlichen Regelungen relevant, da diese die Höhe der Steuerzahlungen sowie die Höhe des ausschüttungsfähigen Gewinns bestimmen.

226

5 Innenfinanzierung

5.2.3 Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten

Abschreibungen sind buchhalterische Vorgänge, mit denen kein Zu- oder Abfluss finanziel- ler Mittel verbunden ist. Die Bildung einer Abschreibung bewirkt auf den ersten Blick somit keinen Finanzierungseffekt. Der Finanzierungseffekt entsteht auch nicht durch die Bildung von Abschreibungen, sondern dadurch, dass erwirtschaftete Finanzmittel durch die Verrech- nung von Abschreibungen im Unternehmen einbehalten werden.

Grundlagen

Die Finanzierungswirkung der Einbehaltung von Abschreibungsgegenwerten entsteht da- durch, dass während der Nutzungsdauer eines Vermögensgegenstandes Abschreibungen ver- rechnet werden, während eine Ersatzinvestition erst am Ende der Nutzungsdauer erforderlich ist. Abschreibungen dienen dazu, den Wertverzehr des Anlagevermögens zu erfassen und auf die einzelnen Geschäftsjahre zu verteilen (vgl. Coenenberg/Haller/Schultze 2009, S. 151 ff. oder Döring/Buchholz 2009, S. 110 ff.).

Handels- bzw. steuerrechtlich bezeichnen Abschreibungen den durch die Nutzung des Ver- mögensgegenstandes entstehenden Aufwand. Die zur Kapazitätserhaltung erforderliche Er- satzinvestition wird jedoch erst nach Ablauf der Nutzungsdauer getätigt, so dass auch die hierfür erforderliche Auszahlung erst am Ende der Abschreibungsfrist geleistet wird. Das Auseinanderfallen von Aufwand und Auszahlung bewirkt einen Finanzierungseffekt, da die Abschreibung den Jahresgewinn vermindert, ohne dass dieser Gewinnminderung eine Aus- zahlung gegenübersteht. Durch die Verrechnung von Abschreibungen werden somit finan- zielle Mittel gebunden, die dem Unternehmen im Rahmen der laufenden Geschäftstätigkeit zugeflossen sind. Zumindest bis zum Ersatz des abgeschriebenen Vermögensgegenstandes können diese Finanzmittel auch für andere Zwecke genutzt werden.

Beispiel: Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten

Wie bereits einleitend erwähnt, handelt es sich bei Abschreibungen um buchhalterische Vor- gänge, die keinen Zahlungsvorgang auslösen. Voraussetzung für den Finanzierungseffekt ist die Tatsache, dass die Abschreibungsgegenwerte dem Unternehmen in Form finanzieller Mittel zugeflossen sind. Wie in der vereinfachten Gewinn- und Verlustrechnung der Holz- wurm GmbH dargestellt (siehe Tabelle 5.1 auf S. 224), gehen wir von einem Umsatz in Hö- he von 100.000 Euro pro Jahr aus, der um jährliche Aufwendungen in Höhe von 65.000 Euro vermindert wird. Unter der Annahme, dass sowohl die Umsatzerlöse als auch der Aufwand zahlungswirksam sind, verbleibt dem Unternehmen ein jährlicher Finanzmittelsaldo von 35.000 Euro (siehe Tabelle 5.2). Ohne Berücksichtigung von Abschreibungen steht dieser Betrag zur Verfügung, um die Steuerzahlungen an den Fiskus (10.500 Euro) sowie die Ge- winnausschüttungen an die Unternehmenseigner (24.500 Euro) zu leisten.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

227

Tabelle 5.2: Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten

 

Ohne Abschreibung

Mit Abschreibung

 

Umsatzerlöse (€)

100.000

100.000

– Sonstiger Aufwand (€)

65.000

65.000

 

Überschuss (€)

35.000

35.000

– Abschreibungen (€)

0

8.000

 

Gewinn vor Steuern (€)

35.000

27.000

– 30 % Steuern (€)

10.500

8.100

 

Gewinn nach Steuern (€)

24.500

18.900

Durch die Bildung der Abschreibungen in Höhe von 8.000 Euro werden finanzielle Mittel in gleicher Höhe einbehalten. Für den Fall der Gewinnausschüttung bewirken die Abschreibun- gen ein Sinken der Steuerzahlungen um 2.400 Euro p. a. und der Gewinnausschüttungen um 5.600 Euro p. a. Insgesamt stehen dem Unternehmen damit jährlich 8.000 Euro mehr zur Verfügung als in der Situation ohne die Verrechnung von Abschreibungen.

Ähnlich wie bei der stillen Selbstfinanzierung beruht die Finanzierung aus Abschreibungs- gegenwerten auf dem Auseinanderfallen von Aufwand und Auszahlung und der dadurch entstehenden Verschiebung von Steuerzahlungen sowie Gewinnausschüttungen. Der Finan- zierungseffekt entsteht jedoch nur, wenn die finanziellen Mittel dem Unternehmen auch zugeflossen sind. Theoretisch zählt nur der Teil der Abschreibungen zur Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten, der dem tatsächlichen Wertverzehr des Vermögensgegenstandes entspricht. Bei dem über den Wertverzehr hinausgehenden Abschreibungsbetrag handelt es sich um stille Selbstfinanzierung. Bezogen auf unser Beispiel bedeutet das, dass durch die Verrechnung der Abschreibungen ein Finanzierungseffekt aus Abschreibungsgegenwerten von 4.800 Euro p. a. entsteht, der durch die Bildung stiller Reserven in Höhe von 3.200 Euro p. a. erhöht wird (siehe S. 223 f.). In der Praxis wird allerdings meistens der gesamte Finan- zierungseffekt als Abschreibungsfinanzierung bezeichnet.

Durch die Verrechnung von Abschreibungen werden finanzielle Mittel einbehalten, die dem Unternehmen im Rahmen der Geschäftstätigkeit zugeflossen sind. Diese Finanzmittel sind nicht zweckgebunden, sondern stehen dem Unternehmen zur freien Verfügung. Wenn die abzuschreibenden Vermögensgegenstände in der Zukunft ersetzt werden sollen, hat die be- triebliche Finanzplanung allerdings sicherzustellen, dass zu den jeweiligen Ersatzzeitpunkten ausreichende Finanzmittel für die erforderlichen Ersatzinvestitionen zur Verfügung stehen. Welche Finanzmittel zur Finanzierung der Ersatzinvestition genutzt werden, steht im Ermes- sen des Finanzmanagements. Die Ersatzinvestitionen können beispielsweise auch durch andere Formen der Innenfinanzierung oder durch Außenfinanzierungsmaßnahmen alimen- tiert werden.

228

5 Innenfinanzierung

Kapazitätserweiterungseffekt

Wenn das Unternehmen am Markt weiteres Absatzpotenzial sieht, können die im Rahmen der Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten einbehaltenen Finanzmittel dazu genutzt werden, zusätzliche Herstellungskapazität aufzubauen. Dieser Effekt ist als Kapazitätserwei- terungseffekt oder Lohmann-Ruchti-Effekt bekannt (vgl. Schneider 1992, S. 161 ff.; Lohmann 1949, S. 353 ff. und Ruchti 1942, S. 76 ff.). Der Kapazitätserweiterungseffekt verdeutlicht, dass laufend Abschreibungsgegenwerte freigesetzt werden und für eine dauerhafte Erweite- rung der betrieblichen Kapazität pro Periode genutzt werden können. Zur Verdeutlichung des Kapazitätserweiterungseffekts sind einige Annahmen erforderlich:

Die Abschreibungsgegenwerte stehen am Jahresende in liquider Form zur Verfügung; d. h., sie sind dem Unternehmen durch Umsatzerlöse zugeflossen.

Die Vermögensgegenstände werden linear abgeschrieben und die Abschreibungsbeträge entsprechen dem tatsächlichen Wertverzehr.

Die Abschreibungsgegenwerte werden jeweils zum Jahresende in identische Vermögens- gegenstände reinvestiert, wobei eventuelle Differenzbeträge in das folgende Jahr vorge- tragen werden.

Die Vermögensgegenstände zeichnen sich durch eine gleichbleibende Kapazität aus; die technologische Weiterentwicklung wird nicht berücksichtigt.

Die Anschaffungspreise der Vermögensgegenstände bleiben konstant.

Damit der Kapazitätserweiterungseffekt funktioniert, müssen die Abschreibungsgegenwerte dem Unternehmen in liquider Form zufließen. Die weiteren Annahmen dienen lediglich dazu, die Funktionsweise des Kapazitätserweiterungseffekts zu verdeutlichen und damit das Verständnis zu erleichtern.

Der Kapazitätserweiterungseffekt nutzt das Auseinanderfallen von Abschreibung (Aufwand) und Auszahlung (Ersatzinvestition), um durch die sofortige Reinvestition der Abschrei- bungsgegenwerte die Kapazität pro Periode (Jahr) zu erhöhen. An dieser Stelle sei kurz auf den Unterschied zwischen Perioden- und Gesamtkapazität verwiesen. Die Periodenkapazität eines Vermögensgegenstandes (z. B. einer Maschine) ist die Leistungsfähigkeit dieses Ge- genstandes für eine bestimmte Periode (z. B. 100.000 Stück pro Jahr). Als Gesamtkapazität wird das Leistungsvermögen des Vermögensgegenstandes während der Gesamtnutzungsdau- er bezeichnet (z. B. 500.000 Stück bei einer Nutzungsdauer von fünf Jahren). Die Gesamtka- pazität eines Vermögensgegenstandes sinkt mit jedem Jahr seiner Nutzung, wobei diese Verminderung durch die Verrechnung von Abschreibungen erfasst wird. Wenn wir anneh- men, dass die Maschine einen Anschaffungspreis von 500.000 Euro hat und linear über die Laufzeit von fünf Jahren abgeschrieben wird, dann beträgt der Zeitwert dieser Maschine nach zwei Jahren entsprechend der gesunkenen Gesamtkapazität noch 300.000 Euro. Durch den Kapazitätserweiterungseffekt kann die Periodenkapazität, nicht jedoch die Gesamtkapa- zität gesteigert werden. Dieser Zusammenhang wird anhand des nachfolgenden Beispiels verdeutlicht.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

229

Beispiel: Kapazitätserweiterungseffekt

Die Schnauz OHG ist ein Taxiunternehmen, das sich auf dem hart umkämpften Berliner Taxi-Markt durch explizite Kundenfreundlichkeit und profunde Stadtplankenntnisse bereits im ersten Geschäftsjahr einen gewissen Namen gemacht hat. Auch wenn es für einen Berli- ner Taxifahrer natürlich immer etwas zu meckern gibt, sind die vier Gesellschafter mit dem Geschäftsverlauf zufrieden. Daher beschließen sie, den aus vier Fahrzeugen bestehenden Fuhrpark zu erweitern. Während die bisherigen Fahrzeuge überwiegend von den Gesell- schaftern gefahren werden, sollen für die neuen Taxis Fahrerinnen bzw. Fahrer angestellt werden. Die Gesellschafter können allerdings kein zusätzliches Kapital in das Unternehmen einlegen, so dass die Erweiterung des Fuhrparks durch die Einbehaltung von Abschreibungs- gegenwerten finanziert werden soll.

Der Neupreis der von der Schnauz OHG genutzten Taxis beträgt 60.000 Euro. Die Wagen werden über drei Jahre vollständig abgeschrieben, so dass die lineare Abschreibung 20.000 Euro pro Jahr beträgt. Die Gesellschafter beschließen, dass immer dann ein neues Fahrzeug erworben wird, wenn die einbehaltenen Abschreibungsgegenwerte zur Finanzierung des Kaufpreises ausreichen. Angesichts der stabilen Umsatzentwicklung gehen die Gesellschaf- ter des Weiteren davon aus, dass auch zukünftig Finanzmittel erwirtschaftet werden, die oberhalb der Abschreibungsbeträge liegen. In der nachfolgenden Tabelle 5.3 ist die wertmä- ßige Entwicklung des Fuhrparks dargestellt, wobei an jedem Jahresende neue Fahrzeuge angeschafft werden, wenn die entsprechenden Abschreibungsgegenwerte hierzu ausreichen. Nach drei Nutzungsjahren werden die Taxis ausgemustert; ein eventuell erzielbarer Ver- kaufserlös wird in der Planung nicht berücksichtigt.

Tabelle 5.3: Kapazitätserweiterungseffekt

Jahr

Anzahl

Gesamtwert (€)

Abschreibung (€)

Reinvestition (€)

Restbetrag (€)

1

4

240.000

80.000

60.000

20.000

2

+ 1 = 5

220.000

100.000

120.000

0

3

+ 2 = 7

240.000

140.000

120.000

20.000

4

+ 2 4 = 5

220.000

100.000

120.000

0

5

+ 2 1 = 6

240.000

120.000

120.000

0

6

+ 2 2 = 6

240.000

120.000

120.000

0

7

+ 2 2 = 6

240.000

120.000

120.000

0

8

+ 2 2 = 6

240.000

120.000

120.000

0

Anhand der Darstellung in Tabelle 5.3 erkennen Sie, wie sich der Fuhrpark der Schnauz OHG schrittweise vergrößert. Im ersten Jahr verfügt das Taxiunternehmen über vier Fahr- zeuge mit einem Gesamtwert von 240.000 Euro und es werden insgesamt Abschreibungen in Höhe von 80.000 Euro verrechnet. Die Gegenwerte dieser Abschreibungen werden zur An-

230

5 Innenfinanzierung

schaffung eines neuen Taxis genutzt. Der Restbetrag von 20.000 Euro ermöglicht es dem Unternehmen, im zweiten Jahr gemeinsam mit den neu verdienten Abschreibungsgegenwer- ten von 100.000 Euro zwei neue Fahrzeuge anzuschaffen. Ab dem vierten Jahr werden neben den Neuanschaffungen auch die auszumusternden Fahrzeuge berücksichtigt. Beginnend mit dem fünften Jahr hat das Unternehmen seine Periodenkapazität dauerhaft auf sechs Fahrzeu- ge erweitert. Sinnvoll ist die Erweiterung natürlich nur für den Fall, dass die Schnauz OHG ihre vergrößerte Fahrzeugflotte auslasten kann.

Durch den Kapazitätserweiterungseffekt werden zukünftig erforderliche Ersatzinvestitionen vorgezogen, so dass sich die Periodenkapazität erhöht, da die neuen Vermögensgegenstände parallel zu den bereits vorhandenen Gegenständen genutzt werden können. Die Gesamtkapa- zität erhöht sich durch das Vorziehen der Investitionen allerdings nicht. Im o. a. Beispiel verfügt das Taxiunternehmen zu Beginn des ersten Jahres über vier Fahrzeuge. Wenn wir unterstellen, dass jedes Fahrzeug eine Periodenkapazität von 100.000 Kilometern pro Jahr hat, ergibt sich für die vier Fahrzeuge eine Gesamtkapazität von 1.200.000 Kilometern. Im sechsten Jahr setzt das Unternehmen sechs Taxis in unterschiedlichem Alter ein. Die Rest- nutzungsdauer der beiden ältesten Taxis beträgt jeweils ein Jahr, während die jüngeren Fahr- zeuge noch zwei bzw. drei Jahre genutzt werden können. Die aus Sicht des Unternehmens nutzbare Gesamtkapazität der sechs Fahrzeuge beträgt ebenfalls 1.200.000 Kilometer:

(5.1)

2 100.000 km + 2 200.000 km + 2 300.000 km = 1.200.000 km

Während die Periodenkapazität ausgeweitet wird, bleibt die Gesamtkapazität konstant. Im o. a. Beispiel erkennen Sie die unveränderte Gesamtkapazität auch an der Entwicklung des Gesamtwertes sämtlicher Fahrzeuge (Spalte 3), der unter Berücksichtigung des teilweise vorhandenen Restwertes konstant bei 240.000 Euro liegt.

Beurteilung des Kapazitätserweiterungseffekts

Auch wenn der Kapazitätserweiterungseffekt im Beispiel vereinfacht dargestellt worden ist, ist er für die Praxis der Unternehmensfinanzierung relevant. Werden die Annahmen des Bei- spiels modifiziert, ändern sich die Auswirkungen des Kapazitätserweiterungseffekts. Wenn beispielsweise die Höhe der Abschreibungen über dem tatsächlichen Wertverzehr liegt, ver- stärkt sich der Kapazitätserweiterungseffekt. In diesem Fall sind die einbehaltenen Finanz- mittel höher als der Wertverlust der abgeschriebenen Vermögensgegenstände. Werden diese finanziellen Mittel vollständig reinvestiert, liegt das Investitionsvolumen über der Wertmin- derung der bisherigen Vermögensgegenstände, so dass sich nicht nur die Periodenkapazität, sondern auch die Gesamtkapazität erhöht. Bei dem Teil des Finanzierungseffekts, der durch die überhöhte Verrechnung von Abschreibungen entsteht, handelt es sich allerdings nicht um die Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten im engeren Sinne, sondern um stille Selbst- finanzierung (siehe S. 222 ff.). In der Praxis liegen die handels- bzw. steuerrechtlichen Ab- schreibungen meistens über dem tatsächlichen Wertverzehr der Vermögensgegenstände. In diesen Fällen werden bei der Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten gleichzeitig stille Reserven gebildet, die eine Erweiterung der betrieblichen Gesamtkapazität zur Folge haben.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

231

Wie bei jeder Form der Innenfinanzierung müssen die finanziellen Mittel dem Unternehmen allerdings zugeflossen sein, um einen Finanzierungseffekt zu bewirken.

Die weiteren für das o. a. Beispiel getroffenen Annahmen lassen sich dagegen aufheben, ohne dass die Funktionsweise des Finanzierungseffekts grundsätzlich in Frage gestellt wird. In der Praxis werden Unternehmen beispielsweise den technologischen Fortschritt nutzen und auch in Anlagen mit einer höheren Leistungsfähigkeit investieren. Wenn die Reinves- tition bei gleichbleibendem Anschaffungspreis in eine Anlage mit höherer Leistungsfähigkeit erfolgt, verstärkt sich ceteris paribus die Wirkung des Kapazitätserweiterungseffekts. Im Gegensatz dazu reduzieren höhere Anschaffungspreise den Kapazitätserweiterungseffekt. Abschließend sei darauf verwiesen, dass die Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten auch zur Verminderung des externen Kapitalbedarfs genutzt werden kann. Bei der Gründung des Taxiunternehmens entsteht im o. a. Beispiel ein externer Kapitalbedarf von 60.000 Euro pro Fahrzeug. Wenn das Unternehmen bei Gründung mit sechs Wagen gestartet wäre, hätten die Gesellschafter ein Startkapital von 360.000 Euro aufbringen müssen. Durch die schritt- weise Expansion reduziert sich der externe Kapitalbedarf auf 240.000 Euro, da das Wachs- tum des Fuhrparks aus der laufenden Unternehmenstätigkeit finanziert wird. Allerdings soll- ten die Gesellschafter beachten, dass neben der Anschaffung der zusätzlichen Taxis weiterer Finanzmittelbedarf durch höhere Personal- und Betriebskosten entsteht. Abschließend sei noch einmal der grundlegende Hinweis erlaubt, dass die Wachstumsfinanzierung durch Ein- behaltung der Abschreibungsgegenwerte nur funktioniert, wenn die entsprechenden Finanz- mittel am Absatzmarkt verdient werden.

5.2.4 Finanzierung aus den Gegenwerten von Rückstellungen

Analog zur Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten kann auch die Bildung von Rück- stellungen einen Finanzierungseffekt bewirken.

Grundlagen

Rückstellungen werden für ungewisse Verbindlichkeiten gebildet, die hinsichtlich Grund, Höhe oder Zeitpunkt noch nicht näher bestimmt sind (vgl. Döring/Buchholz 2009, S. 156 ff.). Da hinter den ungewissen Verbindlichkeiten die Ansprüche Dritter stehen, handelt es sich bei Rückstellungen um Fremdkapital. In der Gewinn- und Verlustrechnung handelt es sich bei der Neubildung von Rückstellungen ebenso wie bei der Verrechnung von Abschreibun- gen um Aufwand. Handelsrechtlich sind Rückstellungen für folgende Fälle zu bilden (vgl. § 249 Abs. 1 HGB):

Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten (z. B. Pensionsrückstellungen, Gewähr- leistungsrückstellungen oder Steuerrückstellungen),

Rückstellungen für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften (z. B. wegen steigen- der Beschaffungspreise nach Vertragsabschluss),

Rückstellungen für unterlassene Instandhaltung (Passivierungspflicht bei Nachholung innerhalb von drei Monaten; Passivierungswahlrecht bei Nachholung im vierten bis zwölften Monat des folgenden Geschäftsjahres) und

232

5 Innenfinanzierung

Rückstellungen für Gewährleistungen, die ohne rechtliche Verpflichtung erbracht wer- den.

Finanzierungseffekt

Die Bildung von Rückstellungen verursacht sofort einen Aufwand, während die korrespon- dierende Auszahlung erst zu einem späteren Zeitpunkt entsteht. Durch das Auseinanderfallen von Aufwand und Auszahlung entsteht bei der Neubildung von Rückstellungen ein Finanzie- rungseffekt, welcher der Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten vergleichbar ist. Um diesen Finanzierungseffekt zu erzielen, müssen im Rahmen der laufenden Geschäftstätigkeit zunächst finanzielle Überschüsse erwirtschaftet werden. Durch die Rückstellungsbildung werden dann die Steuerzahlungen sowie die Gewinnausschüttungen an die Unternehmens- eigner vermindert, wodurch das Unternehmen die entsprechenden Finanzmittel für Finanzie- rungszwecke nutzen kann. Da Rückstellungen zur Abdeckung von Gläubigeransprüchen gebildet werden, handelt es sich bei der Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten um Innenfinanzierung mit Fremdkapital (siehe auch S. 33 ff.). Nachfolgend wird die Finanzie- rung aus Rückstellungsgegenwerten anhand eines Beispiels demonstriert.

Beispiel: Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten

Gemeinsam mit seinem Buchhalter Thorsten Soll-Haben und seiner Steuerberaterin Manuela Hakelmacher diskutiert Ernst-August Holzwurm den kommenden Jahresabschluss der Holz- wurm GmbH. In diesem Zusammenhang fragt Herr Holzwurm seinen Buchhalter, ob bereits sämtliche vorbereitenden Jahresabschlussbuchungen erfasst worden sind. Während Thorsten Soll-Haben keinen weiteren bilanzpolitischen Spielraum sieht, macht Manuela Hakelmacher den Chef der Holzwurm GmbH auf die bei einigen Produkten in den letzten Monaten aufge- tretenen Qualitätsmängel aufmerksam. Auf den Einwand von Herrn Holzwurm, dass für diese Mängel ein ehemaliger Zulieferer verantwortlich gewesen sei, entgegnet die Steuerbe- raterin, dass die Holzwurm GmbH für diese Produktmängel einstehen muss und dass für die aus den Qualitätsmängeln resultierenden Gewährleistungsansprüche eine Rückstellung zu bilden ist.

Ernst-August Holzwurm schätzt das finanzielle Volumen der Gewährleistungsansprüche auf ca. 400.000 Euro. Seine Steuerberaterin verdeutlicht ihm daraufhin die finanzwirtschaft- lichen Auswirkungen einer zusätzlichen Rückstellung für den Fall der Gewinneinbehaltung. In ihrer Beispielrechnung geht sie von einem Gewinn vor Steuern in Höhe von 1.000.000 Euro aus (siehe Tabelle 5.4). Durch die zusätzliche Bildung von Rückstellungen in Höhe von 400.000 Euro sinkt der Gewinn vor Steuern auf 600.000 Euro und der zur Gewinneinbehal- tung verfügbare Betrag reduziert sich auf 420.000 Euro. Da dem Unternehmen allerdings zusätzlich auch die neuen Rückstellungen zur Verfügung stehen, erhöht sich das gesamte Innenfinanzierungsvolumen des betreffenden Jahres auf 820.000 Euro. Die Differenz im Vergleich zum Szenario ohne Rückstellungsbildung beträgt 120.000 Euro; das entspricht den ersparten Steuern (30 %) auf die Rückstellung in Höhe von 400.000 Euro.

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

233

Tabelle 5.4: Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten bei Gewinneinbehaltung

 

Ohne Rückstellung

Mit Rückstellung

 

Gewinn vor Rückstellung und Steuern (€)

1.000.000

1.000.000

Rückstellungen (€)

0

400.000

= Gewinn vor Steuern (€)

1.000.000

600.000

Ertragsteuern (30 %)

300.000

180.000

= Gewinneinbehaltung (€)

700.000

420.000

 

Innenfinanzierungsvolumen (€; Zeile 2+5)

700.000

820.000

 

Zusätzliches Innenfinanzierungsvolumen (€)

120.000

Nach Durchsicht der Zahlen wendet Ernst-August Holzwurm ein, dass seine Mitgesellschaf- ter vermutlich für eine vollständige Ausschüttung des Gewinns nach Steuern plädieren wer- den. In diesem Fall, erwidert Manuela Hakelmacher, wird der Finanzierungseffekt aus Sicht des Unternehmens sogar noch vorteilhafter. Zur Verdeutlichung modifiziert sie die o. a. Beispielrechnung für den Fall der Gewinnausschüttung (siehe Tabelle 5.5).

Tabelle 5.5: Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten bei Gewinnausschüttung

 

Ohne Rückstellung

Mit Rückstellung

 

Gewinn vor Rückstellung und Steuern (€)

1.000.000

1.000.000

Rückstellungen (€)

0

400.000

= Gewinn vor Steuern (€)

1.000.000

600.000

Ertragsteuern (30 %)

300.000

180.000

= Gewinnausschüttung (€)

700.000

420.000

 

Innenfinanzierungsvolumen (€; Zeile 2)

0

400.000

 

Zusätzliches Innenfinanzierungsvolumen (€)

400.000

Für den Fall der Gewinnausschüttung beträgt das zusätzliche Innenfinanzierungsvolumen 400.000 Euro, das sich aus den um 120.000 Euro verminderten Steuerzahlungen zuzüglich der um 280.000 Euro verminderten Gewinnausschüttung zusammensetzt. Im Ausschüttungs- fall ist der Finanzierungseffekt stärker, da durch die Rückstellungsbildung nicht nur die Steuerzahlungen, sondern auch die Gewinnausschüttungen reduziert werden. Da die Steuer- beraterin die Bildung der Rückstellung für erforderlich hält, werden die Gesellschafter der Holzwurm GmbH in diesem Jahr mit einer entsprechend verminderten Gewinnausschüttung auskommen müssen.

Durch die Bildung von Rückstellungen entsteht ein zeitlich begrenzter Finanzierungseffekt. Bei Inanspruchnahme der Rückstellung dreht sich der Zusammenhang zwischen Aufwand und Auszahlung um: Der Aufwand wurde bereits bei Rückstellungsbildung gebucht, wäh-

234

5 Innenfinanzierung

rend zum Zeitpunkt der Inanspruchnahme eine Auszahlung entsteht. Somit endet die Finan- zierungswirkung mit der Auflösung bzw. Inanspruchnahme der Rückstellung. Vielfach han- delt es sich dabei um kurzfristige Rückstellungen (z. B. für Gewährleistungen, drohende Verluste, Steuern oder Instandhaltungen), so dass nur ein zeitlich begrenzter Finanzierungs- effekt entsteht. Allerdings wird die Mehrzahl dieser kurzfristigen Rückstellungen regelmäßig neu gebildet, so dass sich durch die laufende Bildung und Auflösung ein Sockelbetrag ergibt, der dem Unternehmen längerfristig zur Verfügung steht. Ein bedeutender Finanzierungsef- fekt entsteht darüber hinaus durch die langfristigen Rückstellungen (v. a. Pensionsrückstel- lungen).

Pensionsrückstellungen

Pensionsrückstellungen werden für die vom Unternehmen gegebenen Zusagen im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung gebildet, da bei diesen Verpflichtungen ungewiss ist, in welcher Höhe und über welchen Zeitraum das Unternehmen Zahlungen zu leisten hat (vgl.Coenenberg/Haller/Schultze 2009, S. 420 ff.). Wenn das Unternehmen die unmittelbare Zusage macht, seinen Arbeitnehmern, dem Management oder den Geschäftsführern eine betriebliche Altersversorgung (Pension) zu zahlen, gilt diese Verpflichtung als ungewisse Verbindlichkeit, so dass nach § 249 HGB eine Pensionsrückstellung zu bilden ist. Im Gegen- satz zur unmittelbaren Zusage leistet das Unternehmen bei einer Direktversicherung oder bei externen Pensionskassen bzw. -fonds Zahlungen an den Träger der Altersvorsorge, so dass in diesen Fällen keine Pensionsrückstellung zu bilden ist. Für das betriebliche Personal- management sind Pensionsrückstellungen Bestandteil der Entgeltpolitik, während sie aus finanzwirtschaftlicher Perspektive einen Finanzierungseffekt auslösen.

Die unmittelbaren Versorgungszusagen werden durch die Bildung von Pensionsrückstellun- gen alimentiert, wobei die Rückstellungen nach versicherungsmathematischen Grundsätzen ermittelt werden (vgl. Wöhe et al. 2009, S. 425 ff.). Die besondere Bedeutung der Finanzie- rung aus den Gegenwerten von Pensionsrückstellungen liegt in der Langfristigkeit dieser Finanzierungsform. Wenn ein Unternehmen einer Mitarbeiterin z. B. im Alter von 30 Jahren eine unmittelbare Betriebspension zusagt und diese Mitarbeiterin mit 65 Jahren in den Ruhe- stand geht, beläuft sich die Ansparphase, in der Rückstellungen gebildet werden, auf 35 Jahre. Solange Rückstellungen gebildet werden, ergibt sich für das Unternehmen ein positiver Nettofinanzierungseffekt. Wenn sich die Bildung neuer Rückstellungen mit der Inanspruchnahme der vorhandenen Pensionsrückstellungen ausgleicht, steht der entstandene Sockelbetrag für Finanzierungszwecke zur Verfügung. Werden dagegen weniger neue Pen- sionsrückstellungen gebildet als alte Rückstellungen aufgelöst, entsteht ein negativer Finan- zierungssaldo. Letzteres ist insbesondere bei sinkenden Mitarbeiterzahlen oder in den Fällen relevant, in denen Unternehmen für neue Mitarbeiter keine Versorgungszusagen mehr über- nehmen.

In Deutschland hat die Finanzierung aus den Gegenwerten von Pensionsrückstellungen tradi- tionell eine hohe Bedeutung, die sich z. B. bei der Nutzung der Pensionsrückstellungen durch große Publikumsaktiengesellschaften (ca. 10 % bis 20 % der Bilanzsumme) oder durch mit- telständische Unternehmen (v. a. Pensionszusagen zugunsten von GmbH-Geschäftsführern) zeigt. Unter Kosten- bzw. Risikoaspekten lagern Unternehmen in der jüngeren Vergangen-

5.2 Finanzierung aus dem Umsatzprozess

235

heit ihre Versorgungszusagen allerdings zunehmend auf externe Anbieter (z. B. Versiche- rungen oder Pensionskassen) aus, wodurch sie auf den mit der Bildung von Pensionsrück- stellungen verbundenen Finanzierungseffekt verzichten.

Beurteilung der Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten

Die Beurteilung der Finanzierung aus den Gegenwerten von Rückstellungen weist Ähnlich- keiten zur Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten auf. Aus Unternehmenssicht ist mit dieser Finanzierungsform zunächst der Vorteil verbunden, dass sie unabhängig von externen Kapitalgebern in Anspruch genommen werden kann. Sofern die Finanzmittel, die durch die Rückstellungsbildung einbehalten werden, dem Unternehmen in liquider Form vorliegen, entsteht der Finanzierungseffekt allein durch den buchhalterischen Vorgang der Rückstel- lungsbildung. Begrenzt wird das Finanzierungsvolumen durch die Höhe der erwirtschafteten Finanzmittel sowie durch die relevanten Rechnungslegungsvorschriften. Rückstellungen sind ein Instrument der Risikovorsorge, das Ausdruck des handelsrechtlichen Vorsichtsprinzips ist (vgl. z. B. Coenenberg/Haller/Schultze 2009, S. 411 ff.). Der Finanzierungseffekt einer Rückstellung entsteht zwangsweise als Folge der Rückstellungsbildung. Da die Bildung von Rückstellungen einem gewissen Ermessensspielraum unterliegt, dienen Rückstellungen in der Praxis allerdings auch als Instrument der Bilanzpolitik. In der Bilanzierungspraxis ist die Rückstellungsbildung daher vielfach nicht nur durch die bilanzielle Risikovorsorge, sondern auch durch den mit der Rückstellung verbundenen Finanzierungseffekt motiviert.

Der Ermessenspielraum bei der Bildung von Rückstellungen führt dazu, dass die Finanzie- rung aus Rückstellungsgegenwerten meistens auch zur Bildung stiller Reserven führt. In diesen Fällen liegt analog zur Abschreibungsfinanzierung gleichzeitig eine stille Selbstfinan- zierung vor (siehe auch S. 230). Wenn z. B. eine Prozessrückstellung in Höhe von 100.000 Euro gebildet wird, das aus dem Prozess resultierende Risiko aber lediglich 80.000 Euro beträgt, dann beträgt das Volumen der Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten lediglich 80.000 Euro, während es sich bei dem Differenzbetrag von 20.000 Euro um stille Selbst- finanzierung handelt.

Hinsichtlich der Finanzierungskosten besteht aus Unternehmenssicht der Vorteil, dass die durch die Rückstellungsbildung einbehaltenen Finanzmittel dem Unternehmen in den meis- ten Fällen zinsfrei zur Verfügung stehen. Das gilt insbesondere für die kurzfristigen Rück- stellungen. Wie bereits angesprochen, erfolgt die Bildung von Pensionsrückstellungen dem- gegenüber nach versicherungsmathematischen Grundsätzen, wobei der Berechnung ein Kal- kulationszinssatz von 6 % zugrunde zu legen ist (vgl. § 6a Abs. 3 EStG). Auch wenn keine liquiditätswirksamen Zinszahlungen zu leisten sind, ist die Finanzierung aus den Gegenwer- ten von Pensionsrückstellungen für das Unternehmen damit nicht kostenfrei.

Ähnlich wie bei der stillen Selbstfinanzierung oder der Finanzierung aus Abschreibungs- gegenwerten ergibt sich auch bei der Finanzierung aus den Gegenwerten von Pensionsrück- stellungen das Problem der fehlenden externen Kontrolle. Auf den Finanzierungseffekt, der durch einen buchhalterischen Vorgang des Unternehmens ausgelöst wird, haben weder die Eigentümer noch die Gläubiger Einfluss. Wie Sie anhand des o. a. Beispiels nachvollziehen können (siehe Tabelle 5.5), reduziert sich durch die Rückstellungsbildung der ausschüttungs- fähige Gewinn, ohne dass die Gesellschafter das verhindern können.

236

5 Innenfinanzierung

Während die Ausschüttungsminderung angesichts des hiermit verbundenen Steuervorteils bei dem kleinen Gesellschafterkreis einer GmbH vielfach im Interesse sämtlicher Gesell- schafter liegt, besteht bei Publikumsaktiengesellschaften die Gefahr von Interessenkonflik- ten. Angesichts ihrer Informationsnachteile müssen Aktionäre befürchten, dass der Vorstand die einbehaltenen Finanzmittel nicht ausschließlich im Aktionärsinteresse verwendet. Wenn das Management die finanziellen Mittel zur Finanzierung unvorteilhafter Projekte nutzt, könnte aus Aktionärsperspektive die steuerpflichtige Ausschüttung günstiger sein als die steuerfreie Einbehaltung im Unternehmen. Trotz möglicher Interessenkonflikte zählt die Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten zum Standard der unternehmerischen Finanzie- rungspolitik.

5.3 Finanzierung aus Vermögensumschichtung

Die Finanzierung aus Vermögensumschichtung nutzt bereits vorhandene Vermögensgegen- stände, die zur Finanzierung in liquide Mittel umgewandelt werden. Zu dieser Finanzierungs- form zählen die Reduzierung der Kapitalbindung sowie das Sale-and-Lease-Back-Verfahren. Das Lernziel von Kapitel 5.3 besteht darin, die Finanzierung aus Vermögensumschichtung kennenzulernen, ihre Funktionsweise zu verstehen und ihre Einsatzmöglichkeiten und -grenzen beurteilen zu können.

5.3.1 Reduzierung des gebundenen Kapitals

Die Finanzierung aus dem Umsatzprozess bezieht sich auf finanzielle Mittel, die durch die laufende Geschäftstätigkeit erwirtschaftet und im Unternehmen einbehalten werden. Dem- gegenüber stellt die Finanzierung aus Vermögensumschichtung darauf ab, die Höhe oder die Fristigkeit des gebundenen Kapitals zu reduzieren und dadurch Finanzmittel freizusetzen. Eine Verminderung der Kapitalbindung kann durch Desinvestitionen im Anlagevermögen bzw. durch Abbau von Umlaufvermögen erfolgen. Darüber hinaus lässt sich die Höhe des gebundenen Kapitals durch das Sale-and-Lease-Back-Verfahren reduzieren (siehe Kapitel

5.3.2).

Working-Capital-Management

Das Working-Capital-Management dient dem Ziel, das im Umlaufvermögen gebundene Kapital zu vermindern. Dieses Ziel kann beispielsweise durch die Verminderung der Forde- rungen aus Lieferungen und Leistungen erreicht werden. Die Höhe der offenen Forderungen ist zum einen vom gewährten Zahlungsziel sowie zum anderen vom Zahlungsverhalten der Kunden abhängig. Mit der Einräumung eines Zahlungsziels gewährt das leistende Unter- nehmen seinen Abnehmern einen Lieferantenkredit (siehe auch S. 140 ff.). Aus Sicht des Lieferanten entsteht durch die Kreditgewährung eine Kapitalbindung, deren Höhe von der Kredithöhe und -laufzeit abhängig ist. Die zweite Bestimmungsgröße der Kapitalbindung ist das tatsächliche Zahlungsverhalten der Kunden. Wenn die Kunden einen angebotenen Skon- toabzug nutzen und innerhalb der Skontofrist zahlen, reduziert sich die Kapitalbindung.

5.3 Finanzierung aus Vermögensumschichtung

237

Umgekehrt führen Zahlungsverzögerungen oder -ausfälle zu einer erhöhten Kapitalbindung. Die Höhe des gebundenen Kapitals wird durch den durchschnittlichen Forderungsbestand bestimmt, der wiederum vom Umsatz und dem Zahlungsziel abhängig ist:

(5.2)

Forderungsbestand =

Umsatz Zahlungsziel

365

Zur Reduzierung der Kapitalbindung muss der durchschnittliche Forderungsbestand vermin- dert werden. Das kann z. B. durch eine Verkürzung des Zahlungsziels geschehen. Allerdings sind hier die Interdependenzen zum betrieblichen Leistungsbereich zu beachten, da sich veränderte Zahlungskonditionen auf die Absatzchancen der betrieblichen Leistungen auswir- ken können. Daher orientieren sich Unternehmen meistens an den in der betreffenden Bran- che üblichen Konditionen. Eine weitere Möglichkeit zur Reduzierung des durchschnittlichen Forderungsbestandes ist die Erhöhung des Skontos, um den Kunden einen stärkeren Zah- lungsanreiz zu geben. Wird der erhöhte Skontoabzug von den Kunden in Anspruch genom- men, reduziert sich der Bestand an offenen Forderungen; insgesamt gehen allerdings auch weniger Zahlungen ein. Daher muss zwischen dem Einzahlungsrückgang und den durch die geringere Kapitalbindung verminderten Finanzierungskosten abgewogen werden. Schließlich kann der durchschnittliche Forderungsbestand dadurch gesenkt werden, dass die offenen Forderungen konsequenter eingetrieben werden. Auch bei dieser Maßnahme sollten aller- dings mögliche Konsequenzen für die Kundenbeziehung berücksichtigt werden.

Beispiel: Finanzierung aus Vermögensumschichtung

Die Potsdamer Handelsgesellschaft mbH (PHG) ist ein Großhandelsunternehmen, das einen Umsatz von 50 Mio. Euro im Jahr erwirtschaftet. Das Unternehmen gewährt seinen Kunden ein vertragliches Zahlungsziel von 30 Tagen. Die Kunden zahlen in der jüngsten Vergangen- heit allerdings zunehmend später, so dass der tatsächliche Zahlungseingang durchschnittlich erst nach 45 Tagen erfolgt. Im Durchschnitt beträgt der Bestand an offenen Forderungen:

(5.3)

Forderungsbestand

=

50 Mio. € 45

365

=

6,16 Mio. €

Die PHG muss dauerhaft einen durchschnittlichen Forderungsbestand von 6,16 Mio. Euro finanzieren. Wenn das Unternehmen beispielsweise einen Kreditzinssatz von 10 % p. a. zahlt, liegen die Finanzierungskosten für das in den offenen Forderungen gebundene Kapital bei 616.000 Euro im Jahr. Gelingt es der PHG, ihre Kunden zur pünktlichen Zahlung zu bewegen, verkürzt sich das tatsächliche Zahlungsziel auf 30 Tage. Infolge des pünktlicheren Zahlungsverhaltens vermindert sich auch der durchschnittliche Forderungsbestand:

(5.4)

Forderungsbestand

=

50 Mio. € 30

365

=

4,11 Mio. €

238

5 Innenfinanzierung

Die PHG profitiert von dem auf 4,11 Mio. Euro gesunkenen Forderungsbestand, da die Kos- ten zur Finanzierung der Forderungsaußenstände auf 411.000 Mio. Euro im Jahr sinken.

Die Kapitalbindung kann auch durch den Abbau von Vorräten reduziert werden, durch den ebenfalls das im Umlaufvermögen gebundene Kapital vermindert wird. Grundsätzlich hat die Verminderung des Vorratsbestandes ähnliche Auswirkungen wie die Verminderung des durchschnittlichen Forderungsbestandes, da in beiden Fällen der Kapitalumschlag erhöht wird und die durch das gebundene Kapital entstehenden Finanzierungskosten gesenkt wer- den. Ein typisches Beispiel sind Just-in-Time-Konzepte, bei denen die für die Herstellung benötigten Rohstoffe und Vorprodukte erst zum Herstellungszeitpunkt geliefert werden. Neben den Kosten für die physische Lagerung vermindern sich auch die durch die Kapital- bindung entstehenden Finanzierungskosten. Bei der Reduzierung von Vorräten sind aller- dings ebenfalls die Auswirkungen auf den Leistungsbereich zu beachten, da ein überzogener Vorratsabbau zu Störungen im Herstellungsprozess führen kann. Daher kann die Finanzie- rungsentscheidung nicht unabhängig von den leistungswirtschaftlichen Entscheidungen ge- troffen werden – und umgekehrt.

Neben den beiden genannten Möglichkeiten gibt es weitere Vermögenspositionen, bei denen das gebundene Kapital reduziert werden kann. Neben dem betriebsnotwendigen Vermögen sollte der Fokus auch auf betrieblich nicht notwendige Vermögensgegenstände gerichtet werden. So entsteht z. B. durch den Verkauf eines betrieblich nicht mehr genutzten Grund- stücks ein Finanzierungseffekt. Für Vermögensgegenstände, die betrieblich weiterhin genutzt werden, kann das im Folgenden erläuterte Sale-and-Lease-Back eine Alternative sein.

5.3.2

Sale-and-Lease-Back

Sale-and-Lease-Back ist ein Spezialfall des Finanzierungsleasings (siehe S. 187 ff.). Bei dieser Variante des Leasings verkauft ein Unternehmen oder eine andere Organisation einen eigenen Vermögensgegenstand an eine Leasinggesellschaft, die diesen Gegenstand anschlie- ßend an das Unternehmen vermietet.

Da beim Sale-and-Lease-Back finanzielle Mittel durch den Verkauf eigener Vermögensge- genstände freigesetzt werden, handelt es sich bei dieser Variante des Leasings um eine Form der Innenfinanzierung. Sale-and-Lease-Back-Transaktionen haben aus Sicht des Leasing- nehmers zunächst einen Liquiditätseffekt. Dem Leasingnehmer fließen finanzielle Mittel zu, da durch den Verkauf des Objektes an die Leasinggesellschaft gebundenes Kapital freige- setzt wird. Über die Liquiditätswirkung hinaus kann Sale-and-Lease-Back weitere Vorteile hinsichtlich der Finanzierungskosten bewirken. Die durch den Verkauf zufließenden Finanz- mittel können dazu genutzt werden, Bankkredite oder andere Verbindlichkeiten abzulösen. Wenn die in die Leasingrate eingerechneten Finanzierungskosten unterhalb des Zinssatzes für den abzulösenden Kredit liegen, lohnt sich die Ablösung des Kredites, da die Finanzie- rungskosten des Unternehmens sinken. Sale-and-Lease-Back-Objekte sind in der Praxis vor allem Immobilien oder Investitionsgüter (z. B. Flugzeuge), die an eine Leasinggesellschaft verkauft und von dieser langfristig zurückgemietet werden.

5.3 Finanzierung aus Vermögensumschichtung

239

Bei der Vorteilhaftigkeitsbeurteilung von Sale-and-Lease-Back ist zu beachten, dass jedes potenzielle Leasingobjekt nur einmal verkauft werden kann. Daher ist insbesondere der Ver- kauf von Immobilien zur Behebung einer unternehmerischen Liquiditätskrise nicht unprob- lematisch. Sofern die Ursachen der Liquiditätskrise im Rahmen einer strukturellen Sanierung nicht behoben werden, besteht die Gefahr, dass die Liquiditätseffekte des Leasinggeschäftes lediglich eine vorübergehende Entspannung der Liquiditätslage bringen. Wenn die Buchwer- te der zum Verkauf vorgesehenen Vermögensgegenstände deutlich unter ihren aktuellen Marktpreisen liegen, werden durch den Verkauf hohe stille Reserven freigesetzt. Damit bie- tet Sale-and-Lease-Back eine Alternative zur Auflösung stiller Reserven, ohne dass das Un- ternehmen auf die weitere Nutzung des entsprechenden Vermögensgegenstandes verzichten muss. Die Gewinne aus der Auflösung stiller Reserven sind steuerpflichtig, so dass Sale-and- Lease-Back-Transaktionen unter Beachtung der steuerlichen Konsequenzen problematisch sein können. In der Praxis wird Sale-and-Lease-Back daher vor allem in den Fällen genutzt, in denen die Gewinne aus der Auflösung stiller Reserven mit aktuellen oder aus Vorjahren vorgetragenen Verlusten verrechnet werden können.

Neben der Steuerproblematik können bei Sale-and-Lease-Back-Transaktionen Kostennach- teile infolge der laufenden Belastung durch die Leasingraten entstehen. In Bezug auf die Finanzierungskosten lässt sich die Vorteilhaftigkeit von Sale-and-Lease-Back nur einzel- fallbezogen beurteilen. Hierzu müssen die Leasingkonditionen mit den Konditionen der in der konkreten Finanzierungssituation zur Verfügung stehenden Finanzierungsalternativen verglichen werden. Schließlich ist zu beachten, dass der Leasingnehmer durch die Trans- aktion das Eigentum an dem verkauften Vermögensgegenstand verliert. Der Leasingnehmer ist daher weder an zukünftigen Wertsteigerungen noch an Wertminderungen des Leasing- gegenstandes beteiligt. Damit die Eigentumsrechte nicht vollständig aufgegeben werden müssen, sehen Leasingverträge häufig vor, dass der Leasingnehmer den Leasinggegenstand nach Ablauf der Grundmietzeit zum Restbuchwert zurückkaufen kann.

240

5 Innenfinanzierung

5.4 Fragen und Aufgaben zur Innenfinanzierung

Die Fragen und Aufgaben dienen zur selbständigen Wiederholung des in diesem Kapitel behandelten Stoffes. Sie ergänzen die Ausführungen und Beispiele des vorliegenden Kapitels und bieten Ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, Ihre Kenntnisse des behandelten Stoffes zu überprüfen.

5.4.1

Verständnisfragen

Die folgenden Fragen beziehen sich auf Kapitel 5. Nachdem Sie das Kapitel durchgearbeitet haben, sollten Sie in der Lage sein, die Fragen zu beantworten. In Zweifelsfällen finden Sie Hinweise auf die Antworten zu den nachfolgenden Fragen im Text der Unterkapitel, in de- nen das betreffende Thema behandelt wird.

1. Welche Bedeutung hat der Umsatz für das Innenfinanzierungspotenzial eines Unterneh- mens?

2. Was versteht man unter dem Cashflow und welche Bedeutung hat der Cashflow für die Innenfinanzierung?

3. Wodurch unterscheiden sich die direkte und die indirekte Ermittlung des Cashflows?

4. Welche Möglichkeiten zur Verwendung des Cashflows werden unterschieden?

5. Wodurch unterscheiden sich die Finanzierung aus dem Umsatzprozess und die Finanzie- rung aus Vermögensumschichtung?

6. Was versteht man unter der offenen Selbstfinanzierung?

7. Welche verschiedenen Rücklagen werden handelsrechtlich unterschieden?

8. Beurteilen Sie die Einsatzmöglichkeiten der offenen Selbstfinanzierung!

9. Was versteht man unter der stillen Selbstfinanzierung?

10. Beurteilen Sie den Finanzierungseffekt der stillen Selbstfinanzierung!

11. Was ist die Finanzierung aus den Gegenwerten von Abschreibungen?

12. Wie funktioniert der Kapazitätserweiterungseffekt?

13. Was versteht man unter der Finanzierung aus den Gegenwerten von Rückstellungen?

14. Beurteilen Sie die Finanzierung aus Abschreibungs- bzw. Rückstellungsgegenwerten!

15. Auf welche Weise lässt sich das betrieblich gebundene Kapital reduzieren?

16. Was versteht man unter Sale-and-Lease-Back?

5.4 Fragen und Aufgaben zur Innenfinanzierung

241

5.4.2

Übungsaufgaben

Die nachfolgenden Übungsaufgaben beziehen sich auf die in Kapitel 5 behandelten Formen der Innenfinanzierung. Sie lassen sich mit Hilfe der in den einzelnen Unterkapiteln vorge- stellten und erläuterten Formeln lösen. Eine PDF-Datei mit den Ergebnissen der Aufgaben kann von der Homepage des Oldenbourg-Verlages (www.oldenbourg-verlag.de) herunter- geladen werden.

Aufgabe 5.1: Innenfinanzierung

Welcher der folgenden Geschäftsvorgänge führt zu einer Innenfinanzierung? Bitte begründen Sie!

 

Innenfinanzie-

Keine Innen-

Vorgang

rung

finanzierung

Aufnahme eines Bankkredites

   

Eine AG schüttet die Hälfte des Gewinnes aus, während die andere Hälfte einbehalten wird.

   

Eine GmbH führt eine Kapitalerhöhung durch und die Gesellschafter leisten ihre Einlagen.

   

Das unternehmenseigene und selbstgenutzte Büro- gebäude ist im Wert gestiegen.

   

Verkauf eines nicht mehr benötigten Lagerhauses.

   

Die neu erworbene Büro- und Geschäftsausstat- tung wird nicht aktiviert.

   

Bildung einer steuerlich anerkannten Sonder- abschreibung

   

Bildung einer Rückstellung für Pensionszusagen an die Arbeitnehmer.

   

Für Gewährleistungen wird eine zu hohe Rückstel- lung gebildet.

   

Eine AG wandelt offene Gewinnrücklagen in Grundkapital um.

   

Aufgabe 5.2: Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten

Die Fürstliche Porzellanmanufaktur Lichterfelde West erwirbt zwei neue Maschinen zur Teetassenproduktion. Der Anschaffungspreis beträgt jeweils 400.000 Euro. Eine der beiden Maschinen kommt im Produktionsstandort Hildesheim zum Einsatz und wird über vier Jahre linear abgeschrieben. Die andere Maschine wird im Werk Angermünde installiert, wobei die Maschine aufgrund einer Investitionsfördermaßnahme über drei Jahre abgeschrieben werden darf. Es dürfen folgende Abschreibungen verrechnet werden: 200.000 Euro im ersten Jahr, 150.000 Euro im zweiten Jahr und 50.000 Euro im dritten Jahr.

242

5 Innenfinanzierung

Zeigen Sie den Finanzierungseffekt der Fördermaßnahme im Vergleich zur planmäßigen Abschreibung! Gehen Sie davon aus, dass jede Maschine einen Gewinn vor Abschreibungen von 200.000 € erzielt. Der Steuersatz beträgt 40 %.

Aufgabe 5.3: Kapazitätserweiterungseffekt

Das Reiseunternehmen Almenglühen aus Tegernsee möchte seine Aktivitäten ausweiten und hierzu Ein- und Mehrtagestouren mit eigenen Reisebussen anbieten. Das Unternehmen plant, in den nächsten fünf Jahren jeweils einen Bus pro Jahr anzuschaffen. Der Anschaffungspreis für einen Bus liegt bei 250.000 €. Das Reiseunternehmen schreibt die Busse über fünf Jahre linear auf einen Restwert von null ab und ersetzt jeden Bus nach fünf Jahren durch ein neues Fahrzeug. Der Anschaffungspreis der Busse bleibt annahmegemäß konstant.

Stellen Sie dar, wie sich der Bestand an Reisebussen entwickeln wird, wenn das Unterneh- men den Kapazitätserweiterungseffekt nutzt! Wie viele Busse muss das Unternehmen extern finanzieren und ab wann kann es den Finanzierungseffekt aus den Gegenwerten der Ab- schreibungen nutzen?

Aufgabe 5.4: Finanzierung aus Rückstellungsgegenwerten

Die Weddinger Musik GmbH, ein kleiner und unabhängiger Musikverlag, wird von der In- ternational Music & Co. auf Schadenersatz wegen der vermeintlichen Verletzung von Urhe- berrechten verklagt. Da die Gerichtsverhandlung erst im folgenden Jahr stattfinden soll, beabsichtigt das Unternehmen die Bildung einer Rückstellung in Höhe von 200.000 Euro. Der Gewinn vor Steuern und Rückstellungen beträgt 750.000 Euro, der Steuersatz liegt bei 25 %.

a) Stellen Sie den Finanzierungseffekt dar, der sich im Jahr der Rückstellungsbildung er- gibt! Unterscheiden Sie dabei zwischen den beiden Fällen der Gewinneinbehaltung bzw. der Gewinnausschüttung!

b) Welche Auswirkungen ergeben sich, wenn das Unternehmen den Prozess im Folgejahr verliert und Schadenersatz in Höhe von 200.000 Euro leisten muss?

c) Welche Auswirkungen ergeben sich, wenn das Unternehmen den Prozess gewinnt?