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ERLANGER

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Band6

STUDIEN

0

eiök

Herausgegeben von Detlef Bernd Leistner-Opferniann Dietmar Peschel-Rentsch

VERLA G

410 022

634 400

PAL M

8 86-4722

1985

&

ENK E

17

ERLANGE N

ISBN

3-7896-0160- 8

Druckerei Jürgen Sieland, Wilhelmstrasse 2a , 8520 Erlangen

Gaston Van der(Eist • Elisabeth Leiss • Bernd Naumann

Syntaktische Analyse

VERLA G

PAL M

1985

&

ENK E

ERLANGE N

Universitats-

Bibliothek

München

Vorwor t

In Lehrveranstaltungen zur syntaktischen Analyse, wiesi e

an vielen Universitäten angeboten werden, auch i n Erlangen, müssen erfahrungsgemäß zunächst einmal einführend Grundla- gen erarbeitet werden, um danach interessantere und spezi-

ellere

Fragen diskutiere n zu können. Meist is t dann das Se-

mester

zu Ende. Beim nächsten Mal is t es wieder

so , weil

wieder

neue Studenten da sind,

und den Kollege n geht es

nicht anders.

Wir

haben uns deshalb vo r einigen Semestern mit Horst

H. Munske zu einem Kolloquium getroffen und uns überlegt,

wie wi r unser e syntaktisch e Propädeutik

künftig von der ständigen Wiederholung elementarer Fragen befreien könnten. Dabei is t nach und nach dieses Büchlein entstanden.

zumindest zum Tei l

Wir haben versucht ,

dentielle Satzanalys e

unser e Entscheidun g für di e depen- zu begründen und unter Heranziehung

von Grammatiken

und einschlägigen Arbeiten zu r deutschen Ge-

genwartssprache

eine Analysemethode

zu erarbeiten, di e sich

zum

größeren Tei l au f inzwische n bewährte Arbeite n stützt,

zum

kleinere n eigen e

Überlegungen und Unterrichtserfahrunge n

einbringt. Wir haben

geteilt , di e verschiedene n meinsam diskutiert , s o daß

verantwortlich sind. Deshalb haben wi r darauf verzichtet,

die einzelnen Kapitel namentlic h zu kennzeichnen, auch wenn

zunächst di e vier Kapitel unter uns auf-

Fassungen aber immer wieder ge-

letztlic h all e

für all e

Kapite l

Unterschiede

i n der Ausdrucksweise und Ausführlichkeit der

Darstellung,

vereinzel t auch formale Abweichungen zwischen

den einzelne n Kapitel n für den aufmerksamen Lese r sichtba r geblieben sind.

Wir sind uns durchaus bewußt, daß unsere Darstellung an manchen Punkten verbesserungsbedürftig ist, und wi r werden

6

bei de r Benützung des Büchleins anstaltungen di e Analysemethode

renzierter gestalte n bzw. si e durch zusätzliche Gedanken er - gänzen müssen; für kritisch e Anmerkungen sin d wi r dankbar.

i

n unseren eigenen

Lehrver-

i

n einigen Punkten diffe-

Wir sind davon überzeugt, daß diese Arbei t unsere

eigenen

Lehrveranstaltunge n leichte r auch unsere Studenten - etwa

Staatsexamensklausur i n deutscher Sprachwissenschaft - si e nützlich finden werden; und es würde uns freuen, wenn un-

ser e Zusammenstellun g un d unser e Überlegungen auc h für un -

sere Kollegen außerhalb Erlangens brauchbar wären.

machen wird . Wi r hoffen , be i der Vorbereitung zur

daß

Gaston

Van de r Eist

Elisabet h Leis s

Bernd Naumann

Inhaltsverzeichnis

7

 

Einleitung

9

1.

Der Satz

17

1.1.

Satzart

17

1.2.

Satzgefüge

und Satzreihe

 

20

1.2.1.

Satzreihe

20

1.2.2.

Satzgefüge

21

1.2.3.

Haupt- und Nebensätze

 

22

1.2.4.

Nebensätze verschiedenen Grades

25

2.

Die Satzglieder

26

2.1.

Di e

Satzglieder erster Ordnung

28

2.1.1.

Ergänzungen und Angaben

 

35

2.1.1.1.

Kriterien zu r Unterscheidung von Ergänzungen und Angaben

37

2.1.1.2.

Definitionsvorschlag

 

40

2.1.1.3.

Zur Frage obligatorischer und fakultativer Ergänzungen 43

2.1.2.

Di e

Satzgliedklassen

 

44

2.1.2.1.

Probleme einer Klassifikation

44

2.1.2.2.

Di e Ergänzungsklassen

 

47

2.1.2.3.

Ergänzungssätze

54

2.1.2.4.

Di e Angabeklassen

56

2.1.2.5.

Angabesätze

60

2.1.3.

Einzelprobleme be i der syntaktischen Analyse

61

2.1.3.1.

Der V/erbalkomplex

61

2.1.3.2.

"Freie Dative"

71

2.1.3.3.

Der syntaktische

Status

von es

77

2.1.3.4.

Der syntaktische

Status

von sich

80

2.2.

Glieder zweiter und weiterer

Ordnung

83

2.2.1.

Feststellung und Bezeichnung

des Gliedkerns

85

2.2.2.

Konstitutives oder freies Attribut

86

2.2.3.

Formale und semantische Charakterisierung der Attribute

90

2.2.4.

Glieder dritter

und weiterer Ordnung

93

2.2.5.

Besondere Fälle

von Attributen

94

8

2.2.5.1.

Di e

Valenzfähigkeit des Adjektivs

94

2.2.5.2.

Di e

Apposition

96

3.

Die Wortarten

97

3.1.

Klassifikationsmöglichkeiten von Wortarten

98

3.1.1.

Semantische Klassifikation

98

3.1.2.

Morphologische Klassifikation

99

3.1.3.

Syntaktische Klassifikation

101

3.1.4.

Mischklassifikation: Ei n Ausweg

101

3.2.

Di e Wortarten im Deutschen

103

3.2.1.

Flektierbare Wörter

103

3.2.1.1.

Konjugierbare Wörter: das Verb

103

3.2.1.2.

Deklinierbare Wörter

104

3.2.2.

Nicht-flektierbare Wörter

106

3.3.

Di e

Abgrenzung von Adjektiv und Adverb

110

4.

Di e

Wortstellung

113

4.1.

Topologische Regularitäten des Verbalkomplexes und der von ihm abhängigen Teile

113

4.1.1.

Vorfeld

114

4.1.2.

Mittelfeld

116

4.1.3.

Nachfeld und Ausklammerung

118

4.2.

Topologische Regularitäten innerhalb von Nominal- gruppen

119

4.2.1.

Pränukleare Positionen

119

4.2.2.

Postnukleare Positionen

120

4.3.

Parenthesen

121

Literaturverzeichnis

122

Einleitun g

"Warum gibt es syntax? "

so lautet de r Tite l eines Vor-

trags, den Theo Vennemann

Die elementare Frage erhält zunächst auch eine elementare

Antwort: Syntax is t deshalb

kation mittels Sprache eine "systematische wechselseitige Zuordnung von semantischen strukturen und unmittelbar phy-

sisch realisierbare n strukturen" (258) erfordert, oder noch

1972

i n München gehalte n hat."^

notwendig, weil di e Kommuni-

einfacher

formuliert, weil das ,

was wi r denken und uns ge-

genseitig

mitteilen möchten, i n systematisch geordneten

Lautketten ausgedrückt werden muß.

Diese wechselseitige

Zuordnung

is t so selbstverständlich,

daß de r "normale" Sprecher si e gewöhnlich nimmt; e r übersieht etwa, daß sprachlich e

in einem

Inhalte, di e dabei übermittelt werden, aber nicht-linear sind; e r realisier t auch nicht , daß alle n unseren Äuße- rungen Strukturpläne unterschiedlicher Ar t zugrunde liegen müssen: Schon di e Äußerung eines einzigen Lautes is t das komplexe Resultat zielgerichteter Koordinierungen qualita- tiv und quantitativ unterschiedlicher Muskelbewegungen.

Eine aus mehreren Sprachlaute n bestehende Äußerung erfordert äußerst komplexe Integrationsmechanismen, um Laute mi t un- terschiedlichen und unterschiedlich lange dauernden phono- logischen Merkmalen miteinander zu kombinieren (Lenneberg

1977: 125-131). Di e det ih r Pendant au f

wußt ein e komplexe syntaktisch e Analyse

nicht bewußt wahr- Äußerungen linear ,

raum-zeit1iche n Nacheinander verlaufen , daß di e

Komplexität au f de r Sprecherseit e fin - der Hörerseite: Jeder Hörer muß unbe-

machen, um

ein e

sprachliche Äußerung zu verstehen , d.h. e r muß Lautkette n zu Gruppen ordnen und diese mit semantischen Strukturen i n

1) Abgedruckt in : Zeitschrif t für Germanistisch e Linguistik . 1. 1973 ,

257-283.

10

Verbindung bringen; e r muß rungen wieder aufheben und

taktisch-semantisch e dieselbe sprachliche ihm spricht.

di e Linearität de r Lautäuße- i n eine mehrdimensionale syn-

Struktu r überführen. Dazu muß e r über

Kompetenz verfügen

wie der , der zu

D i e lineare n Äußerungen de s Sprecher s

enthalte n für de n

kompetenten

So

Hörer Hinweise zu r Strukturierun g des Gehörten.

Sat z

weiß er , daß z.B. i n dem

(1)

Ic h rege mich

doch

gar nicht au f

rege und au f zusammengehören. Er weiß das aufgrund seiner sprachliche n Kompetenz im Deutschen. Er weiß, daß i n de r

deutschen Gegenwartssprache Verben oder Verbalkomplexe "aus- einandergenommen" sein können, um Teile des Satzes einzu-

rahmen. Dieses sprachliche Wissen nicht bewußt.

is t ihm aber

i n der Regel

Zusammengehörende Teile i n einem äußerlich, f o r m a 1 kenntlic h

Hinweise darauf, welche syntaktischen Beziehungen nicht-

linearer

scher Beziehungen leistet im

sch e Kongruenz . Di e durch di

zeichneten Lexeme sind immer

stimmte grammatische Kategorien ausdrücken:

Satz werden aber auch gemacht. Sätze enthalten

Ar t bestehen. Diese

formale Kennzeichnung syntakti-

Deutschen di e

grammati - e Kongruenz gekenn-

flektierbare Lexeme, di e be-

( 2 ) Di e Patiente_ n

kamen , un d e_r untersuchte : sie , un d si e

erzählter^ ihm vo n ihrejm Leben.

In diesem Satz besteht Kongruenz zwischen den grammatischen

Kategorien

tive und Verben miteinande r i n Beziehung setzen, und zwi-

schen den Kategorien Genus , Kasu s

r u s im Nominalbereich. (Ausführlicher dazu Duden-Grammatik ^1984: 646ff. )

und

N u m

e

r u

s

P e r s o n , di e Substan-

und

Nume -

11

Nicht alle grammatischen Beziehungen werden durch di e

Kongruenz formal gekennzeichnet, etwa nicht di e Beziehungen

von Substantiven mit verschiedenen Kasus im Satz, oder di e

Beziehungen aller nicht-flektierbaren Elemente unterein-

ander. Unser (zum großen Teil unbewußtes) sprachliches Wis-

sen is t uns auch durch unsere Intuition allei n nicht voll

zugänglich. Eine syntaktische Analyse könne n und si e

kenne n is t ei n Unterschied. Im ersten Fall handelt es

sich um eine sprachliche Fähigkeit, im zweiten um eine meta-

sprachliche .

i n di e Syntax

sprachlichen Fähigkeiten zu erweitern. Einmal, weil es

interessant ist, zumindest teilweise di e Erzeugungsprinzi-

pie n unsere r Sprache z u kennen, zum anderen , wei l metasprach -

liche Kenntnisse unmittelbar praktischen Nutzen haben, etwa

beim Lernen einer Fremdsprache. Fremdsprachliche Kompetenz

haben wi r nich t mi t dem Spracherwer b internalisiert , hie r

Ziel

jeder Einführung

is t es , diese

meta-

ist uns vieles nicht "selbstverständlich" und damit auch

oft nicht verständlich. Muttersprachler der betreffenden

Sprache sind meist nicht fähig, uns di e gewünschten Erklä-

rungen zu geben, weil si e über di e Regeln

de r Sprache, di e

sie beherrschen , nicht reflektier t haben.

Reflexio n über

Sprach e und elementar e Kenntniss e i n de r Synta x sin d für

jeden, der eine andere Sprache lernt, wichtige Vorausset-

zungen.

Die

Eingangsfrag e "Warum gibt es syntax? " is t übergegangen

in di e Frage "Wozu nützt di e Kenntni s syntaktische r

laritäten?" un d "Was sin d di e Erzeugungsprinzipie n sprach - )

licher

Regu-

2

Äußerungen".

Diese letztere Frage kann

hier

nur zu

2) Vennemann erweitert seine elementare Eingangsfrage i n anderer Rich-

tung, e r fragt im weiteren Verlauf seines Aufsatzes: "Warum gibt es

syntax natürlicher spräche so , wie si e ist? Warum is t syntax so , wie

sie ist?" (1973: 259).

12

einem geringen Teil beantwortet werden, nur im Bereich der segmentalen syntaktischen Strukturen, also der Strukturen, die formal durch Lautketten realisiert sind. Alle nicht-

segmentale n Strukturen , als o alle , di e gemeinsam unte r dem Sammelbegriff pragmatische Strukturen sprachlicher Äuße- rungen zusammengefaßt werden, wie Gestik, Mimik, Sprech-

situation,

hier nicht berücksichtigt, obgleich si e zumindest ebenso wichtige Erzeugungsprinzipien enthalten wie segmentale Strukturen.

Sprecherintention, Rollenverhalten etc . werden

Innerhalb des segmentalen Bereichs stell t sich zunächst

die Frage nach den Darstellungsmöglichkeiten syntaktischer Strukturen. In der neueren Sprachwissenschaft haben sich vor allem zwei Modelle mi t jeweil s vielen Varianten und Weiterentwicklungen herausgebildet, das Konstitu - entenstrukturmodel l (mi t den Weiterent- wicklungen der verschiedenen Richtungen der Generativen Transformationsgrammatik) und das Dependenzmo -

d

che, di e der Intuition zugänglich sind ,

Hypothesen, da hier sprachliche Sachverhalte (noch) viel- fach datenunterdeterminiert sind, unser metasprachliches Wissen noch lückenhaft ist . Zusätzliches Wissen, zusätz-

lich e sprachwissenschaftlich e Date n versuch t man

etwa durch psycholinguistisch e Untersuchungen zu erhalten. Diese Daten können Entscheidungen zugunsten oder zuungunsten eines Analysemodells erleichtern oder zumindest plausibler machen. I n den letzte n Jahre n ha t man ein e Reih e vo n Be- obachtunge n mache n können, di e für di e Annahme de s Dependenz - modell s sprechen , wi r entscheide n un s u.a . deshal b für die - ses syntaktische Beschreibungsmodell.

e 1 1 . Beide

Modelle

arbeiten i n den

Bereichen der Spra- mi t bestimmten

zu r Zei t

Als

Begründer der Dependenzgrammatik gil t Lucien

Tesniere,

Lehrer an der Ecole Normale d'Institutrices i n Montpellier, eine Ar t Pädagogischer Hochschule. Er bildete dort Franzö-

13

sisch- und Fremdsprachenlehrerinnen im Fach Sprachwissen-

schaft aus. Seine syntaktischen Analysen sollten praktisch

anwendbar und auch Schülern verständlich sein; si e sollten

ihnen u.a. helfen , di e Konstruktio n lateinische r Sätze bes-

ser zu verstehen. Tesnieres Anspruch ging allerdings wei-

ter: e r wollte eine Methode

Analyse jeder beliebigen Einzelsprache geeignet sein sollte,

sein Ziel war eine "Allgemeine Syntax".

entwickeln, di e zu r syntaktischen

Die Dependenzgrammatik is t eine Abhängigkeitsgrammatik.

Sie untersucht di e Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den

verschiedenen Konstituenten eines Satzes. Hauptcharakte-

ristik der Dependenzgrammatik im Gegensatz zur traditionel-

len Grammatik, zu r Konstituentenstrukturgrammatik und zu r

generativen Transformationsgrammatik ist , daß das Ver b

als das Zentrum des Satzes

Satz regiert und letztlich

traditionellen Grammatik, der Konstituentenstrukturgrammatik

aufgefaßt wird, weil es den

di e Satzteile integriert. In der

und -i n de r GTG

geh t man dagege n vo n de r dichotomische n

Struk -

tur des Satzes

aus , wobei Subjekt und Prädikat (einschließ-

lich Objekt) al s gleichrangig betrachtet werden. Die Analyse

des Satzes erfolgt daher i n binärer Form, also:

 

Satz

Satz

Subjekt

Prädikat

NP

VP

 

(Nominal-

(Verbalphrase)

phrase)

Nach der Dependenzgrammatik dominiert das Verb den Satz,

3) Näheres be i J . Fourquet, Preface zu L; Tesniere: Elements de syntaxe

2

structurale. Paris. 1965.

14

und

di e Analys e erfolg t nicht-binär als :

 
 

Sa tz

Verb(alkomplex)

 

Die

Dependenzgrammatik

geht

davon

aus , daß das Verb

nicht

allein stehen kann und bestimmte "Mitspieler" braucht.

Tesniere verglich das Verb mi t einem

das spezifische Valenzen hat . Ebenso habe das Verb ganz

spezifische Bindungskapazitäten. Demnach is t das Verb nur

dann vollständig beschrieben, wenn diese Bindungskapazi-

chemischen Element,

täten

vollständig angegeben werden. Di e Dependenzgrammatik

wurde

daher of t auch al s Valenzgrammatik

bezeichnet.

Tarvainen spricht i n Anlehnung an Tesniere und dessen Meta-

phorik von einer "Chemie der Sprache" (Tarvainen 1979:IX) .

2

Nach Engel (1982 : 32) is t di e Gerichtethei t von Valenzbe-

ziehungen das Ergebnis relativ willkürlicher Entscheidungen,

die nach praktischen Erwägungen erfolgen können. Eine solche

Auffassung relativiert allerdings di e zentrale Stellung des

Verbs. Wir teilen diese Auffassung

daß di e Valenzbeziehungen i n ihre r

begründbar sein sollen.

nicht, da wi r meinen,

Gerichtethei t empirisc h

Die Sprachtheorie (und damit auch das Syntaxmodell al s

Teil dieser Sprachtheorie) soll sich prinzipiell di e sprach-

liche Realität (di e es mi t Hilfe dieser Modelle zu beschrei -

ben gilt ) al s Maßstab nehmen. Konkurrierende Modelle ent-

stehen immer dann, wenn sprachlich e Sachverhalte noch nicht

hinreichend genau beschrieben sind, wenn Datenunterdetermi-

nierthei t besteht . Um Daten über nicht unmittelba r zugäng-

lich e sprachlich e Strukture n z u erhalten , ha t man sei t den

60er Jahren große Anstrengungen unternommen, woraus sich ei -

ne eigene Disziplin - di e Psycholinguistik - entwickelt hat .

Ergebniss e de r Psycholinguisti k

spreche n

für ein e

struktu -

rell e

Dominan z de s Verbs

un d damit

für ein e

i n de r

Sprach -

16

machen das

Verb zum Berührungspunkt de r beiden Bereich e

Syntax und

Semantik.

Dadurch wir d es zum zentrale n

Satz -

integrator.

Hinzuzufügen bleibt

allerding s auch, daß psycholingui -

stisch e Arbeite n auch

an das Verb gebunden sind al s Subjekte. Di e Konstituenten -

strukturgrenzen zwischen Subjekt und Verb sind weiter al s

die zwischen Verb und Objekt.Au f

dieses Unterschieds gründen wohl i n erster Linie di e dicho-

di e intuitiv e Erfassung

darauf hinweisen, daß Objekte enger

tomischen Grammatikmodelle.

Die Sonderstellung des Subjekts wird i n dependenzgramma-

tischen Modellen zwar vernachlässigt, was einen Mangel dar-

stellt .

Auf jeden Fall gil t es aber, primär

von der Domi-

nanz

des

Verbs auszugehen und erst sekundär

di e Sonderstel -

lung

des

Subjekts zu berücksichtigen. Aus diesem Grund is t

das Dependenzmodel1 grundsätzlich binär verfahrenden Syntax

modellen vorzuziehen . Man könnte di e Sonderstellun g de s

Subjekt s auch i n einem formale n Analysemodel l zum Ausdruck

bringen, also etwa

Verb(alkomplex )

alle anderen Ergänzungen (und Angaben)

Da i n dieser Einführung i n di e syntaktisch e Analyse au f

Strukturbäume weitgehend verzichtet wird , genügt hier de r

allgemeine Hinweis, daß das Subjekt bzw. di e Ergänzung im

Nominativ (Nominativergänzung) gegenüber allen anderen Er -

gänzungen einen Sonderstatus einnimmt.

5) Goodglass et al . 1972; Von Stockert 1972; Von Stockert/Bader 1976.

15

Wirklichkeit gegebene Grundlage der Dependenzgrammatik. Das

Verb is t di e Wortart ,

Substanti v und dem Adjekti v erworbe n wird . Auch be i orga -

dem

di e vo n Kinder n

spät, ers t

nach

nisch bedingten Sprachstörungen (Aphasien) stell t das Verb

bei der Rehabilitation di e schwierigste Wortart dar. Beides

läGt au f eine erhöhte Komplexität des Verbs im Vergleic h zu

4)

anderen Wortarten schließen.

In semantischer Hinsicht unterscheidet sich das Verb von

den anderen Wortarten dadurch, daß es semantisch "unge-

sättigt" ist ; da s heißt, ornde t man Wörtern semantisch e Merk-

male zu , z.B. /+ human/

Verben durch weit weniger semantische Merkmale charakteri-

etc. , s o kann man feststellen , daß

sier

t werden

al s

ander e

Wortarten ; man vergleich e zum Bei -

spie

l

di e Lexem e laufe n

un d Elefan t

i m Hinblic k

au f de n

Um-

fang ihrer semantischen Beschreibungen i n einem beliebigen

Lexikon. Starke semantische Determinierthei t schränkt di e

Kombinierbarkeit von Lexemen ein , denn nur solche Lexeme

können i n einem Satz miteinander kombiniert werden, di e eine

bestimmte Anzahl gemeinsamer semantischer Merkmale besitzen;

diese dürfen nicht im Gegensatz zueinander stehen.

z.B.:

+

Di e Sonne

/-human/

kichert

vs .

/+human/

Die semantische Ungesättigtheit wirkt sich fördernd au f di e

Kombinatorik des Verbs aus. Umgekehrt

taktischer Hinsicht stark determiniert , d.h. das Verb kann

sich i n struktureller Hinsicht nur mi t ganz bestimmten "Mit-

spielern" bzw. Konstituenten des Satzes verbinden. Di e Ei -

genschaften "semantische Ungesättigtheit" und "spezifische

syntaktische Kombinatorik", di e Koch 1981 beschrieben hat ,

is t das Verb i n syn-

4) Näheres dazu: Jakobson 1977, Klatt 1978, Leiss 1983: 98-105,

Wahmhoff 1978.

17

1.

De r

Sat z

In der Geschichte der Sprachwissenschaft gibt es zahl-

Versuche, di e Größe "Satz" zu definieren . Al s Defi-

lose

nitionskriterien dienen logische, psychologische, intona- torische, formale und kommunikative Kriterien. Wir verzich- ten au f eine Diskussion dieser Definitionsversuche und ge- hen vom jnreflektierten , intuitive n VorVerständnis des durchschnitt liehen Sprachbenutzers darüber aus , was ei n "Satz" ist .

1.1. Satzar t

Der Äu3erung jedes Satzes lieg t ei n bestimmter

(unbe-

wußter, de r sprachliche n Intuitio n nu r zum Tei l zugäng- licher) 3 l a n zugrunde; dieser wird wiederum von de r kommu- nikativen Absicht des Sprechers bestimmt. Si e wiederum be- stimmt di e Ar t der Sätze, auch ihre Länge und damit den Grad ihrer Komplexität.

Unterschiedlich e kommunikativ e Funktione n haben zum Bei - spiel Aussagen, Behauptungen, Fragen, Wünsche, Warnungen,

Aufforderungen, Vermutungen, Belehrungen, Befehle

könnte diese Aufzählung noch

Kennzeicnen menschlicher Sprache is t es , daß di e vielfäl-

sind

tigsten Kommunikativen Absichten

. lange fortsetzen, denn ei n

durch si e mitteilbar

Man

Versucn t man di e viele n Sätze , di e geäußert wurden , wer -

zu klassifizieren , is t es

den oder geäußert werden könnten

sinnvoll, di e kommunikativen Satzfunktionen zusammen-

zufassen, di e gemeinsame formale

solche Reduktion der Sätze au f eine begrenzte Anzahl von Satzarten i n den Grammatiken is t gerechtfertigt, weil wi r

davon ausgehen können, daß de r Sprecher ebenfall s über eine begrenzte Anzahl von Satzbauplänen verfügt. Bestimmte re -

gelmäßige, formale Strukturen liegen allen Äußerungen

Eigenschaften haben. Eine

zu -

18

gründe: im Deutschen spielt i n dieser Hinsicht di e Stellung des Verbs al s formales Hauptkriterium eine zentrale Rolle.

Die "normale", d.h. di e unauffälligste (= nichtmarkierte)

Stellung des finiten

Zweitstellun g heißt, daß das Finitum di e zweite funktional e Einheit im Satz ist , nicht das zweite Lexem. Diesen Struk-

Verbs is t di e Zweitste11ung im Satz.

turty p

bezeichne t man vielfac h auch al s

Kernsat z

(siehe

etwa Jung ^1982: 30) . Zweitstellung des finiten Verbs

charakterisiert auch den Kommunikationstyp Aussage -

s a t z , z.B.:

(1) Dann machen si e eine Friedhofswanderung. Der Vater

sucht das Grab seiner Großeltern. wachsen, efeubewachsen. Auf einem

bensbäume hochgewachsen. Der Vater sucht wie i n einer

verlassenen, verschütteten Stadt, liest auf den Eisen-

kreuzen, auf den Steintafeln. Das (Karin Struck, Die Mutter)

Alles

is t zuge-

Grab sind zwei

Le -

Grab

finde t er nicht .

Auch

ei n Objekt (im obigen Text eine Akkusativergänzung)

kann

also an di e Spitze eines Aussagesatzes treten , wenn es

betont werden soll. Die Stellung des finiten Verbs wird durch di e unterschiedlich markierte Intonation im Aussage-

satz nicht verändert. Tritt anstell e des Subjekts ei n ande- res Element vor das Finitum, etwa eine temporale, lokale

oder modale Angabe , sprich t man

r u

vo n

Topikalisie -

n

g

(Näheres dazu im Kapite l 4: Wortstellung).

Die Satzart

Fragesat z

muß unterschiedliche n

Strukturtypen zugeorndet werden, j e nachdem, ob es sich um Ergänzungs - oder um Entscheidungs - frage n handelt. Der Kommunikationstyp der Ergänzungs- frage gehört formal zum Strukturty p de s Kernsatzes , wei l hier das Finitum stet s an zweiter Stelle steht und das Frage- pronomen Satzgliedwert haben kann:

19

(2)

Wer

kommt morgen mi t nach

München?

(3)

Was

ha t e r denn

nun

scho n

wiede r angestellt ?

Der Kommunikationstyp de r

formal zum Strukturty p de s Stirnsatze s , wei l

hier das Finitum stets di e erste Position

Außerdem is t hier di e Intonation

Satzende - satzartkonstituierend:

Entscheidungsfrage gehört

dagegen

im Satz einnimmt.

- Hebung de r Stimme am

(4)

Gehst du mit

spazieren?

Auch de r Kommunikationstyp de r Aufforderung (i m Modus des

Imperativs)

Satzmelodie terminal:

gehört zum Strukturty p

Stirnsatz . Hier

is t di e

(5) Mach schleunigst deine Hausaufgaben!

Strukturell gehören hierher auch Ausrufe mi t

stellung:

(6)

Is t das wieder eine

Kälte!

Verbspitzen-

Anders al s beim Aufforderungssatz herrscht i n derartigen

Ausrufesätzen nicht der Modus des Imperativs, dementsprechend

wird das Subjekt nicht eliminiert.

Zusammenfassende Skizze der wichtigsten Satzarten und

St rukturtypen:

 

Struk turtyp

Satzart

Kernsatz

Aussagesatz

 

Satz

Ergänzungsfrage

 

Stirnsatz

F ragesatz

C

Aufforderungs-

satz

Ausruf esatz

Entscheidungsfrage

1.2. Satzgefüg e

20

un d

Satzreih e

Es gibt einfache Sätze, i n denen nur ei n finites Verb vor- handen ist , und komplexe Sätze, di e durch das Vorkommen mehrerer Verben, di e alle spezifische Bindungskapazitäten haben, charakterisiert sind. Wir definieren solche komplexen Sätze, i n denen mehr al s eine finit e Verbform vorkommt, al s Satzgefüg e bzw. al s Satzreihe . Di e Integration von mehreren prädikativen Einheiten kann durch Subordination und durch Koordination von Verba1phrasen ge- leistet werden.

1.2.1. Satzreih e

Stehen di e einzelnen erweiterten Verbalphrasen i n keinem Abhängigkeitsverhältnis zueinander, besteht also lediglich ein Verhältnis der Koordination (Nebenordnung), so spricht man vo n Satzreihen .

(7) /Der Professor Herold war ei n wunderlicher Mann./

Er genoG einen Ru f weit über di e Grenzen de r Provin z hinaus, aber eben seiner Wunderlichkeit wegen mochte er di e Provinz nich t lassen . Den musikbef1issenen

Söhnen und Töchtern de r

nen ganzen Sarkasmus zu kosten, und sein Bemühen war

darauf gerichtet, ihnen di e Lust an

verleiden. Es gelang i n keinem Fall, das Klavierspie-

len gehörte

ansässigen Bürger gab e r sei-

der Pfuscherei zu

zu r Bildung, und i n den Kaufmannsfami1ien

war Bildung geschätzt.

(Jakob Wassermann, Das Gänsemännchen)

In diesem Text finden sich mehrere Teilsätze. Di e meisten sind durch nebenordnende Konjunktionen verbunden (und,

aber) . Hier handelt

gen. Es gibt aber auch eine rende Konjunktion im Text:

(asyndetisehe Satzverbindung). Daß es sich um ei - ne Satzreihe handelt und nicht um zwei einfache Sätze, er -

es sich

um syndetische Satzverbindun- Satzverbindung ohne koordinie - i n keinem Fall, das Klavier-

21

kennt

man

daran,

daß sic h

di e Intonatio n

am Ende de s

erste n

Satzes, bzw. Teilsatzes nicht senkt.

 

1.2.2.

Satzgefüg e

 

Das Satzgefüge is t dadurch charakterisiert , daß e s

mehrere

Verben enthält, zwischen

denen

ei n Verhältnis der Subordi-

nation besteht. Folgende

Fälle

sind zu unterscheiden :

I.

Ei n finites Verb kann einem anderen untergeordnet sein, wenn es Teil einer Ergänzung des Verbs ist . Di e unter- geordnete erweiterte Verbalphrase (Satz bzw. Teilsatz) kann anstelle einer Verbergänzung stehen:

(8)

Daß du mi r schreibe n willst , freut mich besonders.

Der untergeordnete Satz steht hier anstelle der Subjekt- ergänzung des Verbs freut.

Untergeordnete

Teilsätze, di e eine Verbergänzung er -

setzen, werden

wi r

Ergänzungssätz e

nennen.

II.

Ei n finites Verb is t untergeordnet, wenn der Teilsatz,

in dem e s vorkommt ,

ei n Satzglie d

(da s j a bereit s vo n

einem Verb abhängt) näher bestimmt:

 

(9)

Die erste Grunderkenntnis, di e das Kausalgesetz in Zweifel zog , brachten di e Heisenbergschen Un- bestimmtheitsrelationen.

(10)

Di e schwer zu entscheidende Frage, ob nähere Zu- sammenhänge zwischen den Lehren der alten Philo- sophen und der Po 1aritätsauffassunq Goethes, Schellinqs oder der Romantik bestehen, kann hier nur gestreift werden.

Untergeordnete Teilsätze dieser Ar t heißen butsätze .

Attri -

III.

Ei n Verb

i n einem Teilsatz is t untergeordnet, wenn der

subordinierende Kon-

einem anderen Teilsat z untergeordnet wird.

al s Ganzes durch eine

Teilsatz

junktion

22

Unterordnende Konjunktionen sind z.B. während, als , weil , wenn, daß etc . (eine genauere Übersicht über die Konjunktionen findet sich i n de r Duden-Grammatik 4 1984: 377-380).

(11) Ic h tauchte, nachdem nur möglich mi t Luft

(12) Da sind

j a di e Ohren

ic h di e Lunge gefüllt hatte.

s o weit wi e

schon abgefallen, bevor

das Konzert überhaupt losgegangen ist.

Untergeordnete Teilsätze dieser

b

e s

ä

t

z

e

.

Ar t heißen

A

n

g

a -

Neben eingeleiteten Nebensätzen gibt es uneingeleitete, entweder al s Sonderform des Typs I oder des Typs III :

(13) Er habe (anstell e

Hunger, sagte er .

von : E r sagte,

daß

(14) Kommt

e r auch morgen

nicht ,

abbrechen.

(anstell e

von : Wenn e r

)

)

müssen wi r di e Sache

1.2.3. Haupt -

un d

Nebensätz e

Bis jetzt wurde nu r von Teilsätzen gesprochen. In de r traditionelle n Grammatik unterscheide t man zwischen Haupt - und Nebensätze n , wobei unter Neben-

sätzen eingebettete Sätze bettete Sätze können aber

ten subordinierten Teilsätze verstanden werden (Attribut- und Angabesätze). Ergänzungssätze stellen dagegen konsti-

tutive Teile des "Hauptsatzes" dar (Typ I) . Aus diesem Grund

gilt, z.B.

Haupt- und Nebensätze al s problematisch, da Sätze wi e di e

Ergänzungssätze nu r inadäquat mi t dieser schrieben werden können:

verstanden

werden. Al s einge-

nu r di e i n I I und II I aufgeführ-

be i Engel ( 2 1982: 165ff.), di e Einteilung i n

Terminolgie be-

(15 )

23

Was

satz nur aus einem Wort besteht.

ic h nich t

verstehe n

kann ,

ist , daß

de r Haupt-

Dieser komplexe Satz besteht aus zwei Ergänzungssätzen und

dem Ver b ist , da s nach de r traditionelle n Terminologi e kon -

sequenterweise ganz unglücklich al s Hauptsatz bezeichnet

werden müßte.

Solche Probleme mi t Teilsätzen der Gruppe I ergeben sich

vor allem deshalb, weil der Hauptsatz al s "potentiell auto-

wird (et -

nom", d.h. al s selbständiger Satz charakterisier t

2

wa be i Engel 1982: 167) . Engel will den Terminus Haupt-

satz

für solch e vollständigen Sätze reservieren . E r bevor-

zugt

di e terminologische Unterscheidung von Ober -

sat z und Untersat z und bezeichnet den domi-

nierenden Teilsatz al s Obersatzres t . Genauso-

gut

kan n man vo n Hauptsatzres t sprechen , wenn

man

de n Hauptsat z nich t al s potentiel l autonom definiert ,

bzw. das potentiel l weite r faßt. Au f dies e Weise kann au

die Neueinführung der Engeischen Terminologie verzichtet

werden. Damit wäre is t i n unserem Beispielsat z de r Haupt-

satzrest (HSR). Di e beiden Ergänzungssätze sind not -

wendig e Nebensätze, di e den Hauptsatz erst al s voll-

ständig und autonom erscheinen lassen.

Folgende zusammenfassende Übersicht soll den Überblick

erleichtern:

f

24

komplexe Sätze

Satzreihen

Satzgefüge

syndetisch

asyndetisch

verknüpft

verknüpft

 

(I)

HSR +

HS + NS

notwendige NS

nichtnotwendige

 

NS (Bestimmunqs-

 

(= Ergänzungssätze)

sätze)

HS: Hauptsatz NS: Nebensatz HSR: Hauptsatzrest (vergleichbar mit ENGELs Ober- satzrest)

Bei spiele zu

(II)

abhängig von

einem (nicht-

verbalen Satz-

glied =

Gliedteilsätze

oder

Attributsätze

(III)

abhängig von

der gesamten

dominanten

Verbalphrase

= Angabe-

säfze

(I)

Daß

du lügst, gefällt mi r nicht.

 

Ergänzungssatz

 

HSR

(im Nominativ)

(II)

Ei

n

Mensch,

de r lügt, gefällt

mi r

nicht.

 

Attributsatz

 

(III )

Ic

h

mag

dic h

nicht ,

wei 1 du lügst.

 
 

Angabesatz

1.2.4. Nebensätz e Grade s

25

verschiedene n

In komplexen Satzgefügen können Nebensätze mehreren Gra- des vorkommen, d.h. von einem Nebensatz können wiederum ei n oder mehrere Nebensätze abhängig sein:

(16) Ic h kannte einen

Lehrer, der Magengeschwüre hatte,

die ihn , de r so sensibel war, ei n Leben lang quäl- ten.

HS Ich kannt e einen [Tehrer[

1.

|der]|Maqenqeschwüre| hatt e

NS

Grades

/

/////

'

N

S

2.

Grades

[die] k n n l • • • ei n Leben

/

N S 3.

Grades

lang quälten

|der1so sensibel war.

An diesem Beispie l wird außerdem deutlich , daß di e Verbstel-

lung i n eingeleiteten

satzes unterscheidet : das finit e Verb steht am Ende des Ne- bensatzes. Diesen dritten Strukturtyp (neben Kern- und Stirn-

satz) , de r charakteristisc h für subordinierte , eingeleitet e

Nebensätze ist , bezeichne t man

Nebensätzen sich von der des Haupt-

al s Spannsat z

.

Der Strukturtyp eines Satzes kann be i de r syntaktischen

Analyse Hinweise geben,

ob es sich

um ei n Satzgefüge

oder

eine Satzverbindung handelt.

 

Dazu

folgende Beispiele :

(17) Ich habe lange nachgedacht, weil nis kommen wollte.

ic h zu einem

Ergeb-

(18) Ich habe lange nachgedacht, denn Ergebni s kommen.

ic h wollte zu einem

26

ad (17) weil leitet einen Nebensatz

ein . Daher

befindet

sich

s

a

t

das finite Verb i n Endstellung: Spann - .

z

ad (18 ) denn leite t gleichgeordnet e Sätze (Hauptsätze)

ein.

Zweitstellung:

Das Verb befindet sich

i n diesem

Kernsat z .

Fall

i n

2.

Di e

Satzgliede r

 

Die

zu einem Satz zusammengefügten Wörter bilden unter-

einander eine komplexe hierarchische Struktur. Analysieren wir al s Beispiel den folgenden Satz:

(1)

Unser

Korrespondent aus Berlin hat i n Erlangen be-

reit s

viele Freunde gewonnen.

Es is t offensichtlic h nich t so , daß alle i n diesem Satz vor- kommenden Wörter i n gleicher Beziehung zu de r abstrakten Einheit Sat z stehen. Einige Wörter haben untereinande r

ein e engere

z.B. sagen, daß di e finit e

Beziehun g al s

zu den übrigen Wörtern. Man kann

Verbform

ha t und di e

infinit e

Verbform gewonnen zusammen das komplexe Verb bilden. Das Substantiv Korrespondent wird durch das Possessivpronomen

unser und di e Präpositionalgruppe aus Berli n näher bestimmt. Es besteht weiter eine enge Beziehung zwischen den Wörtern in und Erlangen sowie zwischen den Wörtern viele und Freunde.

Das Wort bereit s schließlich steh t

allein .

Gruppen von

unterhalb der Satzebene aufgefaßt werden können. Syntakti- sche Verbindungen unterschiedlicher Ar t heißen S y n -

t

unser Korrespondent aus Berlin wird traditionell al s das Subjekt des Satzes bezeichnet , hat gewonnen al s das Prädi- kat, i n Erlange n al s Adverbial e des Ortes , bereit s al s Ad- verbiale der Ar t und Weise und viele Freunde schließlich al s Objekt. Man könnte dies schemantisc h folgendermaßen darstel -

len :

i

n diesem

innerhal b

Sat z

für

sic h

Au f dies e

Weise

finde t man

de s Satze s

Wörtern, di e selbst al s funktionale Einheiten

a

g m

e n

oder

Wortgruppe n . Die Wortgruppe

27

Unser Korrespondent aus Berlin

(Subjekt)

hat gewonnen

(Prädikat)

in

Erlangen

(Adverbiale des Ortes)

bereits

(Adverbiale

der Ar t und

Weise)

viele Freunde

(Objekt)

Aus diesem vorläufigen Analyseversuc h

ableiten:

Fragestellungen

kann man

folgende

1. Wieviele Ebenen und zu diesen Ebenen gehörenden Ein-

heiten lassen sich sinnvollerweise zwischen den Ein-

heiten

Sat z

und

Wor t

ansetzen?

2. au f de n jeweilige n Ebene n

Wie kann man

stimmen?

di e Einheite n be -

3. di e syntaktisch-semantisch e

Wie kann man

Einheiten beschreiben?

Funktio n de r

Diese Fragen werden i n den kommenden Abschnitten ausführ-

lich diskutiert. Es seien hier der Übersichtlichkeit halber

die Hauptgedanken der folgenden Diskussion bereits angedeu-

tet.

ad

1: Zwischen den Einheiten Satz

und Wort möchten wi r zwei

Analyseebenen ansetzen: di e Ebene der

gliede r erste r Ordnun g und di e

Ebene der Satzgliede r zweite r

u n d weitere r Ordnung . Für di e Ein -

heiten auf der zweiten

mein den Terminus Attribute .

Satz -

Ebene verwenden wi r allge-

ad 2: Obwohl di e Einheiten primär durch ihre syntaktisch-

semantische Funktion konstituiert werden, geben wi r

zu deren Bestimmung operationale Verfahren al s Ent-

scheidunqshi1fe an. Auf der ersten Ebene wird zwischen

28

Ergänzunge n und Angabe n unterschie-

den, au f de r zweiten Ebene verwenden wir , wie oben be-

reits erwähnt, den Terminus

Attribute .

ad 3: Wenn man vo n de r generelle n menschliche n Fähigkeit ausgeht, beliebig viele Sachverhalte sprachlich be- zeichnen zu können, so is t di e Anzahl der i n einer Sprache möglichen syntaktisch-semantischen Funktionen im Prinzi p unendlich . Versuch t man dies e Funktione n auf eine überschaubare Anzahl zu reduzieren, so ge- schieht dies im wesentlichen nach zwei Gesichtspunkten:

semantisch und formal. Syntaktisch-semantisehe Funk- tionen , di e sic h semantisc h ähnlich sind , kann man z u einem Typ zusammenfassen: Alle Satzglieder, di e eine Richtung kennzeichnen, ließen sich z.B. al s Richtungs- ergänzung bezeichnen. In den meisten Sprachen haben sich zur Kennzeichnung solcher syntaktisch-semantischer Funktionen auch formale Mittel herausgebildet, mit deren Hilfe eine Typologie ebenfalls möglich ist : Im Deutschen z.B. is t das Kasussystem ei n solches Mittel.

2.1.

Di e

Satzgliede r

erste r

Ord -

nun g

Zuerst sollen einig e Gründe angeführt werden, warum zwi-

schen den beiden Analyseebenen unterschieden wird. Wir sind

ausgegangen, daß di e einzelne n Wörter i n einem Satz

in vielfältigen Beziehungen zueinander stehen und daß di e Beziehungen hierarchisch strukturiert sind, z.B.:

davon

(2)

De r junge

den Ausbau des Stadtviertels

Architek t ha t eine n vernünftigen Pla n für

entworfen.

Eine syntaktisch e Analyse dieses Satzes würde ergeben, daß das Wort junge sich unmittelbar au f das Wort Architekt be- zieht und daß erst di e gesamte Wortgruppe de r junge Archi - tekt au f di e Wortgruppe hat entwor fen Bezug nimmt. Solche Verbindungen können wi r be i den übrigen Wörtern ebenfalls

29

feststellen . Hierau s läßt sic h zweierle i ableiten : 1. Wi r müssen klären, welche Wörter bzw. Wortgruppen zu welchen anderen Wörtern bzw. Wortgruppen i n Beziehung stehen. 2. Wir müssen angeben, welcher Ar t diese Beziehung ist. Da i n ei -

nem

Sat z jede s Wort offensichtlic h unmittelba r

oder mittel -

bar

zu jedem anderen Wort i n Verbindung steht,

brauchen wi r

zur Analyse und Darstellung des ganzen Netzes einen Aus-

gangspunkt. Wi r wählen

(vgl. Helbig/Schenkel 1983: 24-31) - das Verb. Es sprechen hierfür mehrere Gründe:

hierzu - wie i n der Valenzgrammatik

a) Diverse Wörter oder Wortgruppen eines Satzes stehen nur

über das Verb zueinande r i n Relation .

können di e Wortgruppen der junge Architekt und einen ver-

nünftigen Pla n für den Ausbau de s Stadtviertel s nu r über

das

Das

repräsentiert den Handlungsträger, das zweite Satzglied

bezeichnet das Handlungsresultat. Diese Überlegung ent-

hält einen

Im obigen Satz (2 )

Verb hat

entworfen miteinander verbunden

werden:

Verb bezeichne t ein e Handlung, da s erst e

Satzglie d

semantische n Aspekt .

b) Es gib t im Deutsche n auch formal e Gründe, di e für di e Sonderstellung des Verbs sprechen. Das finite Verb steht im Aussagesatz stets an derselben Stelle"^ , während di e übrigen Wortgruppen verschiebbar sind:

(3) Der jung e Architek t

ha t eine n vernünftigen Pla n

für

den Ausbau des Stadtviertels entworfen.

(4) Eine n vernünftigen

Pla n

für de n Ausbau

de s Stadtvier -

tels hat der junge Architekt entworfen.

c) Die Annahme einer Sonderstellung des Verbs steht nicht im

Widerspruch

zu der

teilung des

Satzes

i n vielen Grammatiken üblichen Zwei- i n Subjekt und Prädikat (vgl . Heibig/

1) Dieser Gedanke

nimmt vo r allem i n der Grammatik von Glinz 1973: 89ff.

30

Schenkel 1983 : 24f.) . Unabhängig davon, wi e weit man

den

Prädikatsbegriff i n diesen Grammatiken

faßt, bilde t

das

finit e Verb (bzw. finites und infinite s Verb be i

komplexen Verbformen) stets den Kern des Prädikats. Von

den weiteren , unmittelba r zum Verb stehende n Wörtern bzw.

Wortgruppen läßt sich eines durch di e Kongruenz i n Per-

son

und Numeru s mi t dem finite n

Verb herausheben . Die -

ses

Satzglied wird traditionell

al s das

S

u b

j

e

k t

bezeichnet. In der Valenzgrammatik is t es nicht üblich,

dem Subjek t ein e Sonderstellun g einzuräumen (sieh e

Tarvainen 1981: 42ff.). Be i der Satzgliedanalyse spielt

dieses Faktum unseres Erachtens auch eine untergeordnete

Rolle.

Subjekt sich i n vielerle i Hinsich t von

den übrigen Satz-

gliedern abhebt. Neben der Person- und Numeruskongruenz

mit dem Verb könnte man weite r anführen, daß es im

Deutschen nur ganz wenige Sätze ohne ei n solches Satz-

glied gibt, u.a.:

Es se i aber trotzdem darauf hingewiesen, daß das

(5)

Mich

friert !

(6) Mir/mich graust vor etwas!

Auch im Zusammenhang mi t den Serialisierungsregeln (Wort-

stellungsregeln) kann das Subjekt al s Satzglied gegen-

über den übrigen

Satzglieder n eine Sonderstellun g ein -

nehmen. Wenn man

davon ausgeht, daß im deutschen Sat z

die Satzgliedfolge 'Subjekt + finites Verb' di e Grund-

folg e darstellt ,

s o kann man

durch

Abweichun g von die - )

2

ser

Grundfolge

andere Satzglieder hervorheben

:

(7)

In di e Stadt

is t er gegangen.

Wir

nehmen als o an, daß au f de r ersten Ebene

di e

Wortgruppe bzw.

di e Satzgliede r zu analysieren sind,

2) Dieser Aspekt is t Gegenstand viele r Arbeite n zum Thema Mitteilungs -

perspektive, siehe Haftka 1977: 24-53 und dies. 1982: 193-202.

31

d i e

unmittelba r mi t dem Verb

i n Verbindun g

stehen . De r

Sat z

(2 )

ha t neben

dem

Verb

nu r zwe i weiter e

Satzglie -

der :

de

r

jung e

Architek t un d eine n

Stadtviertels .

Als nächstes is t zu klären, welcher

Ar t diese Beziehung

ist. Wir bezeichnen si e al s Abhängigkeitsre -

lation . Di e nicht verbale n Satzgliede r können nur über

das Verb zueinander i n Beziehung gesetzt werden. Es is t aus

diesem Grunde sinnvoll , das Verb i n dieser Relation al s

regierende s Glied, di e übrigen Glieder al s ab -

hängi g zu bezeichnen.

Jedes der Satzglieder im obigen Satz (2) besteht wiederum

aus mehreren Wörtern oder Wortgruppen: das Wort Architekt

wird durch den Artike l der näher bestimmt, und

gruppe der Architekt durch das Wort junge. Das Wort Plan

wird

durc h vernünftig bzw. durc h für de n Ausbau de s Stadtvier -

di e Wort-

durch den Artike l einen näher bestimmt, einen Plan

forma l und inhaltlic h

Aus-

bau wird durch den bestimmten Artikel den und eine weitere

Wortgruppe des Stadtviertel s näher bestimmt usw.:

die Verbindung

tel s

usw. Di e Präposition für stell t

zwischen Plan und Ausbau her . Das Wort

 

hat

entwor

f en

Architekt

Plan

I

l

^

der

^

v einen i

junge

vernünftigen

für

Ausbau

v

i

den

Stadtviertels

i

des

Es gibt offensichtlic h ei n sehr komplexes Geflech t von Re-

lationen. Die soeben genannten Relationen auf der zweiten

unterscheiden sich von denen auf der ersten

Ebene jedoch dadurch, daß si e nich t mehr unmittelba r zum

Analyseebene

32

verbalen Kern des Satzes führen. Analyse sollen di e beiden Ebenen gehalten werden.

Be i einer syntaktischen

grundsätzlich

auseinander-

Wenden wi r uns

i n diesem Abschnitt den Einheite n der

ersten Ebene zu. Zur Bezeichnung der Einheiten au f dieser Ebene verwenden wi r den Terminus Satzgliede r .

Wie bereits gesehen, können Satzgliede r i n sich eine sehr komplexe Struktur aufweisen. Dennoch kann ei n solches

komplexe s Satzglie Verb abhängig ist

aufgefaßt werden. In Satz

nünftigen Pla n für den Ausbau de s Stadtviertel s al s Ganze s vom Verb abhängig. Dies is t eine Erkenntnis , zu de r jede r Sprecher oder Hörer, der den Satz versteht , ohne komplizier - te theoretisch e Überlegungen kommen kann. Eine solche intui -

tiv e Erkenntni s natürlich nich t

reich t für ein e wissenschaftlich e Definitio n aus . Hierz u brauch t man überprüfbare Krite -

rien. Zur Satzglieddefinition werden i n den meisten Gram- matiken operationale Verfahren"^ herangezogen. Di e beiden wichtigsten Proben sind di e Verschiebe- und di e Austausch- probe .

d

i n dem Maße, indem

e s al s Ganze s

vom

, au f

der ersten Analyseebene al s Einhei t

(2) is t das Satzglied einen

ver-

Die

Verschiebeprob e

is t eine

linguistische

Operation, aus de r hervorgeht, daß Satzgliede r i n einem Aussagesatz ohne gravierende Änderung der Bedeutung stets an erster Stelle vor das finite Verb gesetzt werden können, z.B. :

(8) Eine Satzanalyse bereitet den Studenten r igkei ten.

häufig Schwie-

(9) Häufig bereitet eine Satzanalyse den Studenten rigkei ten.

Schwie-

3) Siehe vor allem Glinz 6 1973: 85-98, Duden 4 1984: 562ff., Engel 2 1983: 23ff., Engelen 1984: 15ff. und Jung ? 1982: 60ff.

33

(10)

Den Studenten bereite t eine Satzanalys e häufig Schwie- rigkeiten .

Aus

in einem Aussagesatz geschlossen vor das finite Verb ge- rückt werden können, eine funktionale Einheit bilden. Durch Anwendung de r Probe läßt sic h z.B. zeigen, daß einem Satz wie (11) theoretisch zwei Strukturen zugrunde liegen:

de r Probe

kann man

ableiten ,

daß di e Wortgruppen , di e

(11)

De r jung e Architek t

ha t eine n

vernünftigen Pla n für

den Ausbau des Stadtviertels entworfen.

(12)

Eine n vernünftigen Pla n für de n Ausbau de s Stadt -

viertels hat der junge Architekt

entworfen.

(13)

Für den Ausbau des Stadtviertel s ha t de r junge Archi - tekt einen vernünftigen Plan entworfen.

Im

Stadtviertel s und de r jung e Architekt . Di e Wortgrupp e für den Ausbau des Stadtviertels wird hier al s Attribut aufge- faßt. Im anderen Fall (13) wären jedoch drei Satzglieder an-

. Plan. Der semantische Unterschied is t hier allerdings nicht gravierend. Es gibt aber Beispiele, be i denen ei n klarer Bedeutungsunterschied vorliegt:

zusetzen :

einen Fall

(12) enthält der Satz zwei Satzglieder

einen

.Stadtviertels , der •

.Archi tekt und einen

 

(14)

Di

e

Studente n

au s Nürnberg kommen

zu r

Info.

(15)

Di

e

Studente n

kommen au s Nürnberg

zu r

Info.

(16)

Nur di e Bücher

ha t e r

weggeräumt.

(17)

Di e Bücher

ha t

e r nu r

weggeräumt.

In

Satz

(14) is t aus Nürnberg Attribut zu Studenten, i n

Satz (15) dagegen is t aus Nürnberg ei n eigenes

Satzglied.

Einmal

sind es Nürnberger Studenten, di e zu r Info kommen,

einmal

Studenten beliebiger Herkunft, di e aus Nürnberg zu r

Info

kommen. In Satz

(16 ) bezieht sich

das Wort nur au f di e

Wortgruppe di e Bücher, i n Satz .

Satz

(17) aber auf den ganzen

34

Die

Austauschprob e

besagt, daß ei n Satz-

glied al s Ganzes durch

naladverb oder Adverb) ersetzba r sein muß,

ei n Glied (Pronomen,

z.B.:

Pronomi-

(18)

Dem

Studente n

bereitet

eine Analyse Schwier igkeiten.

Ihm

berei tet

etwas.

Mit diesem Verfahren eng verwandt is t di e Anaphorisierungs-

2

transformation. Engel ( 1982: 25/175ff.) benutzt si e zur

Charakterisierung der Satzergänzungen. Be i der Anaphorisie-

rungstransformation werden nach

"volle " Wörter enthalten , durch

oder Wortgruppen mi t

Verweisfunktion ersetzt:

Engel Wortgruppen, di e

Wörter

(19)

Er

wartet

au f seine Freundin.

(20)

Er

wartet

au f sie .

Es

se i hier

aber

ausdrücklich darauf hingewiesen, daß

solche Operationen nur scheinbar eine exakte Definitions-

grundlage bieten (siehe Van der Eist 1983: 598ff.). Be i der

Anwendung de r Proben geht man nämlich

genaus o wi e be i eine r

vorwissenschaftliche n Betrachtun g eine s Satze s vom intui -

tiven Verständnis dieses Satzes aus. Di e Operationen sind

deswegen nur Hilfsmittel zu r Unterstützung der sprachliche n

Reflexion.

Wir

können jetz t den Begrif f

Satzglie d

erste r

Ordnun g

definieren:

Satzglieder erster Ordnung sind syntaktisch-semantische

Funktionsklassen. Das Vorkommen dieser Funktionsklasse n

in einem konkrete n Satz sin d unmittelba r vom Verb ab -

im Aussagesatz di e Erstpositio n ein-

nehmen, und si e sind al s Ganzes entweder durch ei n Pro-

hängig, si e können

nomen, ei n Pronominaladverb oder ei n Adverb zu ersetzen

2.1.1. Ergänzunge n

35

un d

Angabe n

Es is t sinnvoll, di e Satzglieder erster Ordnung noch ein-

mal

i n zwei Gruppen einzuteilen: di e

Ergänzunge n

und

di e Angabe n

. Diese Unterscheidung is t eines der

Hauptmerkmale der Valenzgrammatik. Si e geht ursprünglich auf di e von Tesniere (1953: 4f. ) eingeführte Dichotomie 'actant - circonstant' zurück. In neueren Grammatiken oder Syntaxdarstellungen des Deutschen (z.B . Erben, Duden, Engel, Jung) haben di e Begriff e Ergänzung und Angabe nur noch wenig mit der Tesniereschen Dichotomie zu tun . Der wesentliche Unterschied besteht darin , daß Tesniere prinzipiel l nur drei Arten von 1 actants' (Ergänzungen): Subjekt, direktes Objekt und indirektes Objekt unterschied. Die Ergänzungs- klassen und deren Unterscheidungskriterien werden i n den neueren Grammatikdarstellungen des Deutschen dagegen sehr viel differenzierter wiedergegeben.

Obwohl dieses Begriffspaar i n fast jeder neueren Grammatik vorkommt , sin d di e Kriterie n für di e Zuordnun g de r Satz - glieder eines beliebigen Satzes zu jeweils einer der beiden Klassen weder einheitlic h noch eindeutig. Es liegt also nahe zu fragen, wie relevant diese Unterscheidung ist . Um di e Relevanz dieses Begriffspaares zeigen zu können, lassen sich ei n theoretisches und ei n praktisches Argument anfüh- ren:

a) Das Verb mi t seinen

mi t

sprachliche Mit-

tel ,

halt der nichtsprachlichen Wirklichkei t Bezug nimmt. Di e

logischen Termini

sind di e Begriff e

mit dem Prädikat vergleichbar , di e Ergänzungen mi t den Argumenten, z.B.:

Ergänzungen is t das

dem ei n Spreche r bzw. Hörer au f eine n Sachver -

zu r Darstellung eines

Sachverhaltes

Prädikat bzw. Argument. Das Verb wäre

(21) Er schenkte seiner Freundin

eine

Perlenkette .

Der dargestellt e Sachverhal t

enthält al s Prädikator da s

36

Verb schenken, al s Argumente eine Person, di e etwas ver-

schenkt , dargestell t durch da s Pronomen e_r, ein e Per - son, der etwas geschenkt wird, dargestellt durch di e Substantivgruppe seiner Freundin, eine Sache, di e je - mandem geschenkt wird, dargestell t durch di e Substan- tivgruppe eine Perlenkette. Die sprachlichen Mittel

sind auch

formal gekennzeichnet: ei n Pronomen im Nomina-

tiv, eine Substantivgruppe im Dativ und eine Substantiv- gruppe im Akkusativ.

Betrachten wi r nun den Satz:

(22) Er schenkte

seine r Freundin zu ihrem

eine Perlenkette.

Geburtstag

Das hinzugekommene Satzglied zu ihrem Geburtstag bring t eine neue Prädikation in s Spiel, zu der de r ganze Sach- verhalt i n Satz (21) al s Argument gehört:

(23)

Der

Geburtstag

de r Freundin

is t de r Anlaß

dafür,

daß

e r seine r Freundin eine Perlenkett e schenkt.

Man kann nich t sagen,

daß da s zusätzliche Satzglie d

selbs t

de r Prädikator

ist , aber

man

kann sic h

relati v

leicht

einen hinzudenken,

i n diesem

Fall:

x is t Anlaß

für y. Der ganze

i n Satz (21 ) dargestellt e Sachverhal t

wir d hierbe i zum Argument:

(24)

Is t Anlaß

für (ih r Geburtstag , schenkt

/er , seine r

Freundin, eine PerlenketteJ 7 )

Diesem

theoretischen Unterschied i n a) entspricht auch

ein praktischer, einzelsprachlich beobachtbarer Unter-

schied . Di e vom werden i n ihrer

durch dieses Verb determiniert, gegebenenfalls auch

durch

das Verb i n Verbindung mit einer festen Präposi-

tion. Diese Darstellungsmittel sind einzelsprachlich be-

stimmt . Indem man nun di e Struktu r de s Verb s mi t desse n

Ergänzungen charakterisiert , s o t i g eine n wesentliche n Tei l de r

Verb schenke n abhängigen Ergänzungen morphologischen Form (di e Kasusendungen)

ermittel t man gleichzei - für ein e Sprach e typi -

37

sehen Satzstrukturen, z.B.:

(25)

E r schenkte ih r Blumen.

(Nominativergänzung + Verb + Dativergänzung +

Akkusativergänzung)

(26)

E r sa h einen

Unfall .

(Nominativergänzung + Verb + Akkusativergänzung)

(27)

E r legte

das Buch

au f den Tisch.

(Nominativergänzung + Verb + Akkusativergänzung

+ Adverbialergänzung)

Solche Satzstrukturen, bestehend aus Verb und Ergänzungen

nennt man Satzbauplän e (sieh e u.a . Duden

4 1984: 602-635, Engel 2 1982: 191ff. und Erben n i972:

257ff.).

Die Angaben sind im Gegensatz zu den Ergänzungen hin-

sichtlic h ihrer morphologischen Form grundsätzlich

nich t vom Verb determiniert .

2.1.1.1. Kriterie n

dun g

vo n

Angabe n

zu r

Unterschei -

Ergänzunge n

un d

In zahlreichen Darstellungen

zur Syntax des Deutschen ver-

sucht man di e beide n Kategorie n

Verfahren

det man i n alle n einführenden Darstellunge n

mi t Hilf e

vo n operationale n

fin-

zu definieren. Eine Diskussion der Verfahren

zu r Valenz -

4)

grammatik . Wir beschränken uns hier au f di e Erläuterung

der am häufigsten verwendeten Methoden.

1. Die WeglaOprob e . Diese Operation (vgl . Duden

^1984: 565) soll zeigen, daß be i einem gegebenen

bestimmte Satzgliede r nich t weglaGbar sind , ohne daß de r

Satz

4) Siehe vor allem Biere 1976: 129-173, Heibig 1982: 27-35, Heibig/

38

Satz

sich ändert:

ungrammatikalisch wird oder di e Bedeutung des Verbs

(28)

Durch Zufal l habe ic h gestern Freund getroffen.

i n Bamberg meinen

(29)

Ic

h

habe meinen Freund getroffen .

(30)

Ic

h

habe getroffen .

(31)

Er legte di e Papiere immer peinlic h geordnet au f

 

den

Tisch.

(32)

*E r legte

di e Papiere.

(33)

*E r legte .

Im ersten Fall, beim Verb tre ffen, ändert das Verb di e

Bedeutung ('begegnen' bzw. 'mit einem Gegenstand

tref-

fen') . Be i den Sätzen

(31 ) bi s (33 ) mi t dem

Verb

lege n

ergeben sich nach Anwendung der Weglaßprobe grammati- kalisch unvollständige Sätze.

Mit

Hilf e diese s

Verfahren s kann man zwar herausbekom -

men, ob ei n Satzglie d mi t Sicherheit

nicht. Viele Ergänzungen sind jedoch auch weglaßbar, ohne daß de r Satz deswegen ungrammatikalisch wird:

Ergänzung is t oder

(34) Er schrieb

seine r Freundi n einen Brief .

(35 ) Er

schrieb.

Die Satzglieder seiner Freundin und einen Brief sind

auf Grund der oben angegebenen Erläuterungen Ergänzungen

Wenn au s de r Gesprächssituation

ist ,

lieder, i n diesem Fall di e Dativ- und di e Akkusativer- gänzungen, auch weglassen. Mi t der Weglaßprobe erfaßt

man als o nich t all e Ergänzungen

oder au s dem Kontex t kl a

wa s wem

geschriebe n wird ,

s o kan n man

einig e

Satz -

eines

Verbs .

Die

lic h i n de r Einleitun g zum Valenzwörterbuch vo n Heibig / Schenkel (^1983: 37) erläutert. Es zeigt , daß Angaben

. Dieses Verfahren wird ausführ-

Satzprob e

39

in einen selbständigen Satz transformierbar sind, wäh- rend dies be i Ergänzungen nicht möglich ist :

(36)

E r legt e

di

e

Papier e

immer peinlic h geordnet au f

den

Tisch.

 

(37)

E r legt e

di

e

Papier e

au f den Tisch ,

und da s ge-

schah immer peinlic h geordnet.

(38)

*E r legt e

di e Papier e immer peinlic h geordnet ,

und

das geschah auf den Tisch.

(Siehe auch Heibig 1982: 27-29; Tarvainen 1981: 26ff.

und

Wolf

1982: 45f f.)

Das Verfahre n häng t

für

en g mi t dem

di e Relevan z eine r Unterscheidun g

erste n

de r obenge -

nannte n Argument e

von Ergänzung und Angabe zusammen. Wenn Angaben tat-

sächlich eine neue

gen, dann kann man diesen Sachverhal t auch mi t Hilf e eines eigenen Satzes darstellen. Diese Probe trifft unseres Erachtens den Kern der Unterscheidung viel ge-

nauer al s di e Weglaßprobe. Es

l e

Prädikation i n den Satz hineinbrin -

gibt allerding s auch Fäl-

wi e man

de n Sat z

zu r Dar-

, stellung der weiteren Prädikation zu formulieren hat :

be i denen man

nich t weiß,

(39)

E r is t auch

gekommen.

 

(40)

?E r is t gekommen,

und e s geschah

auch.

(41) E r wird möglicherweise kommen.

(42)

?E r wird der Fall

kommen, und da s sein.

wird

möglicherweise

 

(43)

E r wird

nich t

kommen.

(44)

?E r wird

kommen, und da s

wird

nich t

de r Fal l

sein .

Wir betrachten diese Satzglieder al s Angaben, weil si e die vom Verb dargestellt e Prädikation al s Ganzes modi- fizieren . Si e modifiziere n allerding s nich t i n dem Sinne , daß zusätzliche Umstände des Geschehens angegeben werden,

40

sondern si e modifizieren den Wahrheitsgehalt des Satzes

(bei möglicherweise und nicht) , oder

si e zeigen , daß de r

Wahrheitsgehal t de s Satze s vom Sprecher i n bestimmter Hinsich t hervorgehoben wir d (wi e be i auch). Es kommt

noch

ganz genau unserer Definition von Satzglied erster Ord-

nung entsprechen.

dem finite n Verb stehen :

hinzu , daß di e Satzgliede r auch und nicht nicht

Si e können kaum an erster

Stell e

vo r

(45)

*Nicht is t e r gekommen.

(46)

*Auch is t e r gekommen.

Auch au f diese beiden Verfahren, di e Weglaßprobe und

die Satzprobe, triff t das zu , was bereits zu r Satzgliedde - finition gesagt wurde. Si e sind Hilfsmittel zu r Überprüfung des eigenen intuitiven Verständnisses, ersetzen letzteres aber nicht. Das entscheidende Kriterium be i der Weglaßpro- be is t di e Frage, ob der Satz nach Anwendung der Operation noch ei n vollständiger Satz ist . Di e Antwort hierau f ba- siert jedoch auf der Intuition des Sprechers. Be i der Satz-

prob e stell t

gabe transformierbar ist . Ob der gewählte Satz di e zusätz-

liche

Sache der Intuition. Die sich hieraus ergebenden Unsicher- heiten sollen uns aber nicht daran hindern, solche Verfah- ren dort, wo si e möglich sind, al s Entscheidungshi1fe"^ zu benutzen .

sic h

di e Frage ,

i n was

für eine n

Sat z

di e An -

Prädikation richtig

umschreibt, is t wiederum eine

2.1.1.2. Defintionsvorschla g

di e operationa1en Verfahren zu r Bestimmung von Ergän-

zung und Angabe noch ungenauer sind al s di e zu r Bestimmung

Da

5) Heibig 1982: 25ff. verteidigt di e Anwendung

von Testverfahren mi t

dem Argument, daß inhaltlich e Eigenschafte n sprachliche r Äußerungen einen Reflex i n der Oberflächenstruktur aufweisen müssen.

41

der Satzglieder erster Ordnung, möchten wi r keine auf sol-

chen Proben beruhende Definition erscheint uns i n dieser Hinsicht

( 2 1982: 170f.). Er definiert di e Satzglieder al s "unmittel- bare Satelliten des Hauptverbs, soweit si e ei n Paradigma bilden. Satzglieder sind entweder Satzangaben, di e be i al -

vorschlagen. Al s hilfreic h der Vorschlag von Engel

len

Verbe n vorkomme n können

.J, ode r Satzergänzungen ,

die

nur be i Subklasse n de r Hauptverben vorkommen können

(zum Beispie l se Definitio n

zungen haben irgendwelche Eigenschaften, aufgrund deren

sie nicht mi t allen Verben im Deutschen vorkommen z.B. :

Akkusativergänzungen" (S . 170) . Man

kann

die -

auch folgendermaßen interpretieren: Ergän-

können,

(47)

E r lieb t

sein e

Kinder .

 

(Nominativergänzung + Verb + Akkusativergänzung)

(48)

E r hilf t

seine n

Kindern .

 

(Nominativergänzung + Verb + Dativergänzung)

(49)

E r lieg t

au f dem

Boden.

(Nominativergänzung + Verb + Adverbia1ergänzung)

(50)

*E r lieg

t

au f de n

Boden.

Beim Verb liebe n

kann man

ei n Objek t im Akkusativ ,

aber

keine s i m Dati v verwenden . Bei m Ver b helfe n triff t da s Um- gekehrte zu. Satz (50) is t deswegen grammatikalisch falsch, weil be i einem Zustandsverb liegen keine Präpositionalgrup- pe im Akkusativkasus vorkommen kann. Dies zeigt, daß es , zu -

mindest

i n einer noch relativ stark flektierenden Sprache

wie dem

Deutschen , ein e

Tenden z gibt , ein e syntaktisch-se -

mantische Zugehörigkeit

auch formal

zu kennzeichnen. Ei n

solches

Faktum stellt ei n typisches

Merkmal der deutschen

Sprache

dar und sollte daher be i einer Analyse auch berück-

sicht igt werden.

Welches sin d

nun di e

besondere n Eigenschafte n de r Ergän-

zungen, aufgrund deren si e sich von den Angaben unterschei-

42

den? Zuerst gibt es den logisch-semantischen Unterschied,

über den bereit s

im Prinzip nicht nur einzelsprachlich anwendbar. Es gibt

gehandelt wurde. Diese Eigenschaf t wäre

aber auch

formale Eigenschaften, di e nur im Deutschen so

vorkommen

und di e i n der Flexion

der zu einer Ergänzung

gehörenden Wörter zum Ausdruck kommen. Be i einer Reihe von

Verbe n (z.B . helfen , folgen , begegne n usw. ) kann man kein e Akkusativergänzung hinzufügen, be i anderen Verben (z.B . liegen, stehen, sich befinden) kann zwar eine Präpositional- gruppe mit Dativrektion, aber keine mit Akkusativrektion hinzukommen. Eine solche auf formalen Eigenschaften beruhen-

nicht allgemeingültig,

de Interpretation is t allerdings auch z.B. :

(51)

Er hilf t

seinen Elter n im Garten

be i de r Arbeit.

(52)

E r legt

das Buch

im Zimmer

au f den Boden.

(53)

Auf de r Straße liegt

vie l

Schnee.

Eine Präpositionalgruppe mi t Dativrektion i n der Funktion

einer Lokalbestimmung is t offensichtlic h i n jedem Satz mög-

lich. Trotzdem handelt es sich i n Satz (53) um eine Ergän-

zung, i n den Sätzen (51) und (52)

Dies zeigt deutlich , daß das theoretische Argument de r Meh r fachprädikatio n das Entscheidende ist. Satz (53) wäre z.B. ohne weiteres um eine Lokalangabe erweiterbar:

jedoch um eine Angabe.

(54) In Erlangen

liegt

au f de r Straße

viel

Schnee.

Aus dem Argument mi t de r Mehrfachprädikation folg t dann auch, daß Angaben immer hinzufügbar sind, vorausgesetzt,

es entstehen keine

semantischen

Anomalien, wie :

(55) *E r schläft

quadrophonisc h

au f dem

Sofa .

Fassen wi r di e Gedanken noch einmal zusammen: Ergänzungen haben formale (f1exivische, präpositiona1e) Eigenschaften, aufgrund deren si e nur mit bestimmten Verben kombinierbar sind . Angaben fügen i n einem gegebene n Satz de r dem Verb

43

entsprechenden Prädikatstruktur eine zusätzliche Prädi-

katstruktur hinzu. Si e weisen keine auf, di e eine Kombination mit jedem

hindern würden. Unter Berücksichtigung dieser Gedanken

möchten wi r folgende Definitionen

formalen

Eigenschaften

beliebigen Verb ver-

vorschlagen:

Ergänzunge n sind Satzglieder, di e zusammen mi t

dem

Verb ein e vollständige Prädikation

ermöglichen, mi t

der

ei n Sachverhalt dargestell t werden

kann. Di e Zugehö-

rigkeit zu einer bestimmten Verbklasse

wird i n der Regel

auch durch formale (f1exivisehe, präpositionale) Mittel zum Ausdruck gebracht.

Angabe n sind Satzglieder, di e einen bestehenden Sachverhalt entweder i n seiner Geltung modifizieren oder durch Hinzufügung einer weiteren Prädikation näher cha- rakterisieren. Es gibt hinsichtlich der Kombinationsmög- lichkeiten mit bestimmten Verbklassen keine formalen Ein- schränkungen .

2.1.1.3.

Zu r

Frag e

obligatorische r

u

n d

fakultative r

Ergänzun -

g

e n

Die Unterscheidung

zwischen

fakultative n

und obligatorische n Ergänzungen wird i n den

Darstellungen zu r Valenz- bzw. Dependenzgrammatik eingeführ um di e Tatsache berücksichtigen zu können, daß manche Er - gänzungen auch weglaßbar sind (vgl . u.a. Helbig/Schenkel 7 1983: 36f.; Engel 2 1982: 113f. und Tarvainen 1981: 8f.) .

Die

Einführung des Begriffes fakultativ e Ergänzung is t unse

res Erachtens jedoch irreführend, weil hier mehrere Ebenen

miteinander vermischt werden. Wir haben di e Ergänzungsstruk tur logisch-semantisch und strukture11-grammatisch interpre

ob ei n Satzglied eine fakultative oder e i Ergänzung ist , wäre jedoch au f einer kom-

munikativ-grammatischen Ebene (siehe Admoni ^1982: 4ff. ) an zusetzen, z.B.:

tiert. Die Frage, ne obligatorisch e

44

(56)

Er befindet sich

i n der Kabine.

(57)

Si e schreibt

ihrem Freund einen Brief.

(58)

Si e schreibt

einen Brief.

In Sat z (56 ) stelle n di e beide n Satzgliede r (E_r und i n de r

Kabine) di e Argumente struktur dar . In Satz

de r vom Satz bezeichnete n Prädikat-

(57) erfüllen

di e drei Satzglieder

(sie, ihrem Freund und einen Brief) diese Funktion. Im

erste n Sat z (56 ) kann man di e Adverbialergänzung (i n de r Kabine) nicht weglassen. Dies wäre ei n eindeutiger Normver- stoß. In Satz (57) kann di e Dativergänzung, wi e i n Satz (58), ohne weiteres weggelassen werden. Di e Handlung

'Schreiben' implizier t trotzdem immer einen Adressaten. ist jedoch möglich, daß aus kommunikativer Sicht di e Be- nennung des Adressaten nicht erforderlich ist .

Es

Bei einer Satzanalyse is t di e Unterscheidung zwischen fakultativer und obligatorischer Ergänzung infolgedesse n

irrelevant . Man muß schließlich davon ausgehen, daß all e im Satz vorkommenden Satzgliede r vom Standpunkt de s jeweili -

gen Sprechers unter

notwendig angesehen werden.

kommunikativ-grammatischem Aspekt al s

2.1.2.

Di e

Satzgliedklasse n

 

2.1.2.1.

Problem e

eine r

Klassifika

-

tio n

Nach Bühler

(1982:

28 ) kann man de r menschliche n

Sprach e

drei grundlegende Funktionen zuweisen: di e Darstel - lungsfunktio n , die Ausdrucksfunk - tio n und di e Appellfunktion . Unter dem Aspekt ihre r Darstellungsfunktio n kann man di e Sprache al s e i n Mitte l betrachten , mi t dem man beliebi g viel e Sachver - halte der nichtsprachlichen Wirklichkeit bezeichnen kann. Die Sachverhalte sind sprachlich al s Handlungen, Vorgänge oder

45

Zustände darstellbar . Jeder Sachverhalt, z.B. eine belie -

bige

ten,

gebnis der Handlung, di e Ar t der Handlung, di e Begleitum-

stände

sprachlic h dar . J e differenzierte r man nun di e Komponenten zu beschreiben versucht, desto umfangreicher wird di e Liste

Handlung, enthält i n z.B.: derjenige, der

sich wiederum einzeln e Komponen- di e Handlung ausführt, das Er -

usw. Di e Satzglieder stelle n diese Komponenten

der

möglichen

Satzglieder. Analysieren wi r al s Beispiel

das

jeweilige

Subjekt i n den folgenden Sätzen:

(59) Feli x schaut sich das Fußballspiel an.

(60)

Hans triff t

seinen Freund im Club.

(61) Peter spielt mi t seinen Kollegen Skat.

In

nomen im

ergänzungen bezeichnen. Der

logischer Begriff. gemein. Man könnte

des Begriffes Agen s näher zu charakterisieren . Dies

versuchen, di e dre i

Subjekte mi t Hilf e

alle n

drei Fällen können wi r di e Subjekte Nominativ ersetze n und si e deswegen

durch ei n Pro- al s Nominativ-

Begriff Subjekt selbst is tei n

Er is t i n semantischer Hinsicht sehr

all-

setzt allerding s voraus, daß es sic h i n alle n Fällen um Handlungssätze handelt. Um einen Sachverhalt al s Hand -

1 u

rien^ : (1) Es gibt

herbeiführt, der ohne sein Zutun nicht zustande gekommen

wäre. (2 ) Das Individuum führt diesen Sachverhalt mi t Ab-

sicht

n

g

bezeichnen

zu können, benutzen wi r zwei Krite - ei n Individuum, das einen Sachverhalt

herbei.

des dargestellten Sachverhalts

i s t i n Sat z (61 ) eindeutig . I n Sat z (59 ) muß man aller -

Der Handlungscharakter

dings

annehmen, daß Feli x das Fußballspiel bewußt wahr-

nimmt

und auch geisti g verarbeitet.

Im letzte n

Fall ,

6) Eine ausführliche Diskussion der Begriffe Handlung bzw. sprach- lich e Handlung finde t man i n Heringe r 1974: 28-40.

(60) , muß man

unterstellen . Fügt hinzu:

Satz

(62)

Hans triff t

46

de r Perso n

man hie r da s Satzglie d zufälligerweise

Hans ein e gewiss e

Absich t

zufälligerweise seinen Freund im Club

so is t der Handlungscharakter des Sachverhaltes nicht

mehr

deutlich . Man kann hie r deswegen auch nich t eindeuti g

vo n

einem Agens sprechen . Betrachte t man Sätze, di e eine n Vor-

gang oder

einen

Zustand darstellen , wären di e Subjekte

überhaupt

nicht

mehr al s Agens zu bezeichnen:

(63) Hans wurde krank.

(64) Felix

schläft au f den Sofa.

(65)

Peter hat zwei linke

Hände.

Objekt eines Prozesses. Von Felix (64)

wird ausgesagt, daß e r sich i n einem bestimmten Zustand

findet, und Peter (65) is t Träger einer Eigenschaft . Diese Argumentation zeigt , daß ei n Subjekt nicht immer ei n Agens sein muß und daß eine genauere semantische Beschreibung de r Satzglieder von der Interpretation des Satzes abhängt. Weit- aus komplizierter noch wäre de r Versuch, eine semantische Beschreibung der Akkusativobjekte vorzunehmen^.

In Satz (63) is t Hans

be-

Versuch zu r Klassi -

fikation von Sachverhalten bzw. von an diesen beteiligten Komponenten eine Abstraktion is t und auf einer genaueren

Angabe von Kriterien beruhen muß. Dies wird auch be i einer Klassifikation von Satzgliedern vorausgesetzt. Da beliebig

wegen de r Über-

sin d

viel e Sachverhalt e

sichtlichkeit nur eine begrenzte Anzahl von Kriterien zur

Abstraktio n verwende n kann , is t

Eventualitäten gerüstet z u sein . Die s erklärt, warum man

unmöglich für all e

Aus

obigen Gedanken folgt ,

daß jede r

denkbar

und da man

e s fas t

7) Zu welcher Vielfalt an semantischen Interpretationen dies führen kann, zeigt Heibig 1973: u.a. 168ff./195ff.

47

in fast jeder Grammatik eine andere Klassifikation vor-

findet und warum jeder Versuch im Endeffekt unzulänglich

bleibt. In

ne Mischklassifikation aus zwei Kriterientypen vorzunehmen:

eine formale Klassifikation , i n de r Regel unter Berück-

sichtigung des Flexionssystems, und eine semantische Klassi-

den Grammatiken des Deutschen is t es üblich, ei -

fikation, unter Berücksichtigung der Beziehung zwischen

Satzglied und Verb (z.B.: Raumergänzung, Begründungsergän-

4

zung). Vgl . u.a. Duden-Grammatik 1984: 569-591; Glinz

6 1973: insbes. 162ff./175ff.

Das bishe r Gesagte triff t selbstverständlich auch au f de n

folgenden Klassifikationsvorschlag zu. Unserer Definition

von Ergänzungen entsprechend überwiegen be i der Klassifi -

kation von Ergänzungen di e formalen Kriterien, be i der

Klassifikation von Angaben di e semantischen Kriterien.

2.1.2.2. Di e

Ergänzungsklasse n

Bei der Definition des Satzgliedbegriffes sind wi r davon

ausgegangen , daß de r verbal e Komple x mi t dem

finite n Verb

den Kern des Satzes bildet. Zur Beschreibung

der Ar t und

Weise, wie der verbale Komplex gestaltet werden kann, se i

auf

ner syntaktischen Analyse von folgenden Ergänzungsklassen

auszugehen:

Abschnitt 2.1.3.1. verwiesen. Wir schlagen vor , be i ei -

1. Nominativergänzung . Das Satzglied ist ,

wie di e Bezeichnung besagt, an der Flexionsendung er -

kennbar. In den Fällen, i n denen keine eindeutig al s

Nominativ erkennbare Endung i n der Wortgruppe vorkommt,

8) Heibig 1982: 48ff. erklärt di e Vielfalt an Satzgliedklassifikationen

mit dem Hinweis, daß Satzgliede r nu r über ei n mehrstufige s Zuord-

nungssystem zu beschreiben sind.

48

kann man

de n Kasu s

durch Anwendun g de r

Austauschpro -

 

9 )

be

feststellen:

 

(66) Herr

Peters

ha t

eine

neue

Stell e

gefunden.

Er

hat eine

neue Stelle gefunden.

(67)

Ute ha t

sich

über

di e

Blumen

gefreut .

Sie

ha t

sich

über

di e

Blumen

gefreut .

Es wäre weiter zwischen zwei Verwendungsweisen der No- minativergänzung zu unterscheiden:

a) Eine Nominativergänzung al s Subjekt des Satzes. Das Merkmal dieser Verwendungsweise is t di e Kongruenz in Person und Numerus der betreffenden Nominativer-

gänzung mi t dem finite n

Verb ,

z.B. :

(68)

Der Vater

war um seine Kinder

besorgt.

(69)

Di e

Eltern waren um ihre Kinder

besorgt.

b) Eine

Nominativergänzung

al s Komplement des Prädikats,

ei n Kopulaverb (sein, werden, bleiben Aussagekern fungiert, z.B.:

wenn

) al s

(70) Er war ei n aufrichtige r Freund.

In der Duden-Grammatik (^1984: 574/615) werden solche

Satzglieder

Wir rechnen diese Satzglieder zu den Nominativergän- zungen, weil unsere Klassifikatio n primär morphologisch fundiert ist .

al s Gleichsetzungsnominative bezeichnet.

2. Akkusativergänzung . ist ebenfalls an der Flexionsendung, durch Anwendung der Austauschprobe,

Dieses

Satzglied

gegebenenfalls

erkennbar:

9) Engel

1982: 175ff. verwendet ei n solches Verfahren zu r Klassifi-

kation der Satzglieder. Es basiert i n erster Linie auf der Er- setzbarkeit eines Satzgliedes durch ei n anaphorisches (d.h. ver- weisendes) Wort.

49

(71) Di e Kinder bekamen viele Geschenke.

(72) Unsere Nachbarn bauen ei n Haus.

Auch be i diesem Satzgliedty p kann man weiter e Verwen- dungsmöglichkeiten unterscheiden. Be i bestimmten Ver- ben sind zwei Akkusativergänzungen möglich. In seman- tischer Hinsich t bestimmt di e zweite Ergänzung di e erstere:

(73)

Er

nannte ih n einen Lügner.

 

(74)

Er

betrachte t

den Fal l

al s seine

Angelegenheit.

Analog ( 4 1984:

set zungsakkusativ.

zum Fal l

575f.

1 b) verwende t di e Duden-Grammati k

und 623) hierfür den Terminus

Gleich-

Bei

ganz wenigen Verben is t noch eine weitere

Vari-

ante einer doppelten Akkusativergänzung möglich:

(75) Di e Geschichte

ha t ih n vie l

Geld

gekostet.