Sie sind auf Seite 1von 8

WWW.BILDUNGSSTREIK-BERLIN.

DE

EDITORIAL
Bildungsstreik 2009 – der Titel ist Argen – und eine Verbreiterung der Kritik ist nötig. Dem haben wir ermu-
Programm. Mit einer bundesweiten tigende Nachrichten aus den Ländern Südeuropas entgegen gestellt, wo
Aktionswoche vom 15. bis 19. Juni sich gerade neue Jugend- und Studierendenbewegungen formieren und
soll der desolate Zustand des Bil- gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Gruppen massiven Druck aus-
dungssystems öffentlich gemacht üben. Angesichts der Weltwirtschaftskrise wird die Ausweglosigkeit der
und attackiert werden. In anderen europäischen Ländern lehnt sich die gegenwärtigen Gesellschaftsordnung offenbar. Wenn wir in dieser Situa-
Jugend bereits auf: Gegen Leistungsdruck, Konkurrenz, Überlastung und tion die Fragen „Wie wollen wir leben, arbeiten, studieren?“ nicht selber
Perspektivlosigkeit. Gegen soziale Ausgrenzung und die Verweigerung de- beantworten, werden es andere für uns tun.
mokratischer Teilhabe. Wir haben versucht, die wichtigsten Kritikpunkte In diesem Sinne auf einen aufmüpfigen und kämpferischen Sommer!
vor allem am neoliberalen Umbau der Hochschulen zusammenzufassen. Eure Redaktion

S. 2: B
Die Sammlung ist unvollständig – an zu vielen Stellen liegt es gerade im

ildun
S. 4/5 gspro
: Krise teste
und p in Gri
S. 8: R echen
üstun r e k äre Ze land
gsfor iten
schun
g

DAS MÄRCHEN VON DER DEMOKRATISCHEN HOCHSCHULE


Die Hochschulreform der 70er Jahre war verbunden mit einem umfas- inwieweit die Hochschulen noch Ort demokratischer Wissenschaft sind: wodurch das Ziel einer mündigen und demokratischen Gesellschaft un-
senden Demokratisierungsanspruch: Einerseits sollten die Hochschulen Zunehmend geraten die Forschungs- und Lehrinhalte unter das utilita- tergraben wird.
sich selbst demokratisch verwalten; andererseits sollten sie als Ort der ristische Diktat der wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Für die Naturwis-
Freiheit von Forschung und Lehre und demokratischer Wissenschaften senschaft bedeutet dies, dass Grundlagenforschung nur noch finanziert Der Einzug der Verwertungslogik und die damit einher gehenden Um-
Ausstrahlung in die Gesellschaft entfalten. Seit dem ist viel passiert wird, wenn in Kürze vermarktbare Anwendungen zu erwarten sind. Für strukturierungsprozesse hin zur „unternehmerischen Hochschule“ – ne-
und das Demokratieversprechen hat sich als wenig widerstandsfähig er- die Geisteswissenschaften bedeutet es, dass anstatt eine umfassende ben dem Exzellenzwettbewerb fällt auch der Bologna-Prozess in diese
wiesen: Waren die Mitbestimmungsrechte der Universitätsangehörigen und kritische Betrachtungsweise zu wählen, Wissen in vorgekauten Kategorie – führen zu einer autokratischen Herrschaftsstruktur, die sich
schon immer durch die professorale Mehrheit in allen Gremien stark Bröckchen verabreicht wird. Auch die auf technischem wie sozialwis- aller demokratischen Hindernisse nach und nach entledigt. Ein Beispiel
eingeschränkt, so setzt sich in den vergangenen Jahren vermehrt eine senschaftlichem Feld betriebene Wehr- und Rüstungsforschung ist ein sind die gegenwärtig laufenden Verhandlungen um die Berliner Hoch-
zentralistische Steuerung durch. Uni-Präsidien setzen autokratisch Top- brisantes Thema (siehe hierzu den Artikel von Nele Hirsch und den schulverträge, die noch dieses Jahr beschlossen werden müssen, da in
Down Entscheidungen durch und rechtfertigen sich mit aus der Wirt- Kurzbericht über den Sonderforschungsbereich 700 auf S. 8). ihnen die finanzielle Ausstattung der Hochschulen ab dem Jahr 2010
schaftssprache entlehnten Begriffen von Management und Effizienz. geregelt wird. An der HU sollte eigentlich auch der Akademische Se-
In der öffentlichen Darstellung wird die „demokratische Hochschule“ nat (AS) an der Entscheidung über Finanzierung und Struktur beteili-
„ES MUSS DEMOKRATISCH AUSSEHEN, ... zudem vom Mythos der Chancengleichheit (siehe dazu den Artikel von gt sein, da er das höchste beschlussfassende Gremium der Universität
Marco Tullney auf S. 5) begleitet. Theoretisch hat jede_r die Möglich- darstellt.. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, wäre es allerdings
Von inner-universitärer Demokratie wird gesprochen, weil sich alle keit am deutschen Bildungssystem zu partizipieren und somit an der notwendig gewesen, frühzeitig eine Debatte einzuleiten, die es den Be-
Statusgruppen – Professor_innen, wissenschaftliche Mitarbeiter_in- Weiterentwicklung hin zu einer mündigen Wissensgesellschaft mitzu- teiligten möglich macht, ihre Bedürfnisse, Bedenken und Anregungen
nen, sonstige Mitarbeiter_innen sowie Studierende – formal gese- wirken. De facto wirkt das Bildungssystem jedoch hochgradig selektiv einfließen zu lassen. Dem AS liegen bis heute keine genauen Informati-
hen – an politischen Entscheidungsprozessen beteiligen können. Die und bevorzugt gerade die, die eh schon eine sozial bessere Ausgangs- onen über den Stand der Vertragsverhandlungen vor, gearbeitet werden
Humboldt-Universität z.B. bekennt sich in der hauseigenen Verfassung position haben. konnte bisher folglich nicht. Stattdessen hat der Senat vier kleine und
zur „akademischen Selbstverantwortung und -verwaltung“, welche die geheime Klüngelrunden eingerichtet, in denen die neuen Verträge aus-
„Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden“ für selbstverständlich ... ABER WIR MÜSSEN ALLE FÄDEN IN DER HAND HABEN.“„ gehandelt werden. Dem AS wird das Verhandlungsergebnis wohl als
ansieht. In allen maßgeblichen Entscheidungsgremien halten jedoch Komplettpakt zur Abstimmung vorgelegt – ganz nach dem Motto „friss
Professorinnen und Professoren die Mehrheit, wodurch eine gleichbe- Ein offenkundiger Ausdruck dieser Entwicklungen ist der sogenannte oder stirb“.
rechtigte und damit demokratische Teilhabe an politischen Prozessen „Exzellenz-Wettbewerb“, der die Hochschulen untereinander in Kon-
nicht möglich ist. kurrenz um finanzielle Mittel setzt. Für Torsten Bultmann vom Bund Parallel dazu erarbeiten schon ganze Fakultäten Profilbildungspapiere
demokratischer WissenschaftlerInnen ist dieser Wettbewerb nichts an- und Neuausrichtungen ihrer Fächer - auf Anordnung des Präsidenten
deres als eine Antwort der herrschenden Eliten auf Prozesse sozialer natürlich an den Gremien vorbei. Das lässt die Frage aufkommen, ob
Emanzipation und ihren damit einhergehenden Machtverlust. Um po- Aushandlungsprozesse überhaupt noch gewollt sind. In jedem Fall kön-
„Wer da hat, dem wird gegeben litische Legitimität zu erzeugen, wird dem Ganzen ein demokratisches nen die Studierenden über die zukünftige Ausstattung der Hochschulen
werden, ... wer aber nicht hat, dem Mäntelchen umgehängt (1). Der von Bultmann zur Ergänzung herange- – und damit ihre zukünftigen Studienbedingungen – nicht einmal mit-
wird auch genommen, was er hat.“ zogene Begriff „Matthäus-Prinzip“ bringt es dabei auf den Punkt: Zur entscheiden.
Matthäus 25,29 Elite auserkoren und damit finanziell gefördert werden nicht diejenigen
Projekte, deren Nutzen sich am gesellschaftlichen Gemeinwohl ori- > weiter auf Seite 6
entiert, sondern jene, die eine gute Drittmittelstatistik vorweisen kön-
nen: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Die Vergabe
„Ich bin davon
Hochschulen werden darüber hinaus als demokratische Institutionen sogenannter Drittmittel ist selten ein Akt der Selbstlosigkeit, sondern
verstanden, weil sie für die Gesellschaft und deren Entwicklung rele- an spezifische Interessen geknüpft. Daher ist die Drittmittelstatistik ein überzeugt, dass es nur einen Weg gibt,
vantes Wissen produzieren. Forschungsprojekte, die sich mit der Nach- denkbar ungeeignetes Mittel, um auf die gesellschaftliche Bedeutung diese Übel [des Kapitalismus] loszu-
haltigkeit von Energiewirtschaft, Friedensprozessen oder der Weiter- von Forschungsprojekten zu schließen. Denn worum es inhaltlich geht werden, nämlich den, ein sozialistisches
entwicklung von IT-Technologie beschäftigen, bestimmen den Kurs der gerät aus dem Fokus: Die Kreativität der Forschung sowie die Reflexi- Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet
gesellschaftlichen Entwicklung. Doch auch hier ist Skepsis angebracht, on und das kritische Hinterfragen von Wissen werden im Keim erstickt,
von einem Bildungssystem, das sich an

LEERE KASSEN IN DEN RUINEN VON BOLOGNA


sozialen Zielsetzungen orientiert.“
Albert Einstein

In Berlin wird gerade über die Hochschulverträge für die Jahre 2010- PLEITEGEIER BERLIN es nicht nur mit einer Finanzierungslücke im Bildungssystem zu tun
2013 verhandelt, in denen die finanzielle Ausstattung der Unis und haben, sondern mit systematischer politischer Fehlplanung. Gestützt
Fachhochschulen seitens des Landes festgelegt wird. Und schon schril- Berlin trägt einen Schuldenberg von ca. 60 Milliarden vor sich her, durch neoliberale Dogmen von „wirtschaftlicher Effizienz“ und „in-
len die Alarmglocken: „Sollten die erforderlichen Finanzmittel nicht der zu guten Teilen aus dem Bankenskandal von 2001 resultiert. Der ternationaler Konkurrenzfähigkeit“ wird die Umverteilung von unten
verfügbar gemacht werden können, wäre ein Verlust von bis zu 15.000 Schuldendienst macht 12 Prozent des gesamten Haushaltes aus (zum nach oben organisiert.
Studienplätzen in Berlin die Folge.“ schreiben HU, FU und TU in einer Vergleich: an die Hochschulen gehen derzeit 7 Prozent). Die Berline-
gemeinsamen Pressemitteilung vom 22. September 2008 und errech- rinnen und Berliner zahlen also bereits seit Jahren mit heftigen Ein- > weiter auf Seite 6
nen einen zusätzlichen Finanzbedarf von insgesamt 157,8 Millionen – sparungen und Kürzungen des öffentlichen Leistungsangebotes für die
wohlgemerkt nur für die drei Unis und nur um den laufenden Betrieb Machenschaften des sprichwörtlichen „Berliner Filz“. Ergeht sich die
in bisheriger Form fortsetzen zu können. Denn auf die Hochschulen Berliner Politik derzeit in plan- und hilflosen Kürzungsspielen zu La-
kommen wegen Inflation, gestiegener Energiekosten, steigender Pen- sten der Bevölkerung, so dürften die Auswirkungen der Finanzkrise das
sionen und bisher auf die lange Bank geschobener Tarifanpassungen Kartenhaus endgültig zum Einsturz bringen. Deutlich wird, dass wir
erheblich erhöhte Fixkosten zu.
2 Bildungsstreik International

DEZEMBERKINDER
AUF DEM WEG ZU EINER BREITEN GESELL-
Die griechische Jugend rebelliert SCHAFTLICHEN BEWEGUNG
gegen Perspektivlosigkeit und Repression Diese „Unruhestifter_innen“ wurden, unterstützt
Dokumentiert: Erklärung der von Schüler_innen der Mittel- und Oberschulen,
Was die hiesigen Medien über die im letzten De- DESOLATES BILDUNGSSYSTEM aber auch von Grundschüler_innen und deren El-
Vollversammlung der besetzten zember entstandenen Proteste in Griechenland zu tern, zu den Gesichtern eines sozialen Aufstandes,
Theaterschule von Thessaloniki berichten wussten, ist schnell zusammengefasst: Ju- der am 6. Dezember 2008 begann und sich bis zu
Das öffentliche Bildungssystem ist nur dem Namen
vom 9. Dezember 2008 gendliche, Ausschreitungen, Krawall, Gewalt, Zer- nach kostenlos. In der Realität ist das Erreichen eines diesem Augenblick fortsetzt. Auch breite Teile
störung. Diese Innenansicht aus der griechischen Schulabschlusses aufgrund der schlechten personellen der Universitätsdozierenden und der Lehrer_in-
„Seit Wochen und Monaten brodelt es in Protestbewegung erzählt eine andere Geschichte: nenschaft stützen diese Bewegung, die nichts zu
und materiellen Ausstattung des Schulwesens ohne pri-
der griechischen Gesellschaft. Vor dem Aus den Protesten ist eine breite gesellschaftliche verlieren aber viel zu gewinnen hat. Am 9. Janu-
vat finanzierte Unterrichtsstunden unmöglich. Neben
Hintergrund der Krise und der Korrup- Bewegung entstanden, die sich allgemein gegen die ar diesen Jahres fanden in Athen und Thessaloniki
den horrenden finanziellen Kosten, welche die Fami-
tion der politischen Klasse reichen sich soziale und politische Situation im Land richtet und erneut Bildungsproteste statt, an denen sich viele
lien für die Ausbildung ihrer Kinder tragen müssen, ist
die unterschiedlichsten Formen von Pro- dabei insbesondere den katastrophalen Zustands des Menschen beteiligten. Die Polizei ging auch im
die psychische Belastung der Jugend ein nicht zu un-
test die Hände. Tausende von Häftlingen Bildungssystems thematisiert. neuen Jahr mit bereits bekannter Brutalität gegen
terschätzender Faktor. Schüler_innen, die neben den
befanden sich im Hungerstreik, auf Cor- friedliche Demonstrierende vor. Auch wenn die
regulären Unterrichtsstunden täglich zwischen drei und
fu wehren sich Bewohner_innen mit al- Verblüfft blickte die Weltöffentlichkeit im vergangenen Bewegung zu einem bedeutenden Teil aus Schü-
fünf Stunden ihrer Zeit in Nachhilfeschulen verbrin-
len Mitteln gegen eine Giftmülldeponie. Dezember nach Griechenland, wo die Ermordung des ler_innen und Studierenden besteht, so ist ihr An-
gen, bevor sie sich an ihre Hausaufgaben setzen, sind
Krankenschwestern demonstrieren und 15jährigen Alexis Grigoropoulos durch ein Mitglied liegen nicht nur eine Verbesserung im Bereich des
einem enormem Leistungsdruck ausgesetzt. Doch auch
setzen den Gesundheitsminister fest. Ar- einer Polizeisondereinheit landesweite Massenproteste Bildungswesens. Die Thematisierung der desolaten
das Ende der Schulzeit bringt keine Verbesserung der
beiter_innen, die um ihre Löhne geprellt von unbekanntem Ausmaß ausgelöst hatte. Die Tötung Situation auf dem Arbeitsmarkt und im Gesund-
Lebenssituation mit sich: Organisation und System der
wurden, ziehen in die Hauptstadt, um eines Kindes durch ein Sicherheitsorgan des Staates heitswesen sowie des Rassismus, unter dem die
Prüfungen zum Erreichen der allgemeinen Hochschul-
dort zu demonstrieren. An den Schulen wurde für eine Vielzahl von Menschen zu einem Sym- im Land lebenden Migrant_innen und Angehörige
reife, die untrennbar verwoben sind mit dem Zugang
und Universitäten tobt seit Wochen eine bol für die Repression, die allgegenwärtige Realität ist. von Minderheiten zu leiden haben, zielt auf einen
zu den Universitäten, haben zur Folge, dass weniger als
Welle von Besetzungen und Protestakti-

B
Sie findet ihren direkten, greifbaren Ausdruck in der Po- 20% der griechischen Studierenden das Fach ihrer Wahl demokratischen Umbau der gesamten Gesellschaft.
onen einer Generation ohne Perspektive. lizeigewalt, die nicht erst seit den jüngsten Ereignissen Die brennenden Autos und die Steinewerfer_innen
studieren können.
Vor einigen Tagen hat die Polizei Ale- ein bekanntes und ungelöstes Problem ist. Der Tod von sind aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Be-
xandros, einen 15 Jahre jungen Anar- Alexis ist kein tragischer Einzelfall, er reiht sich viel- wegung jedoch ist noch immer da und fordert mit
Die Universitäten leiden unter chronischer Unterfinan-
chisten aus Athen, erschossen. [...] mehr ein in die endlos lange Liste von Gewalttaten, wel- einem weitaus höheren Organisationsgrad ihre Zu-
zierung. Das Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden
che die griechische Polizei gegen unzählige Menschen liegt selten unter 1:100 und die Bibliotheken sind kaum kunft ein.
In dieser Realität war der Mord am verübt, ohne dafür rechtliche Konsequenzen fürchten zu in der Lage, aktuelle Literatur zur Verfügung zu stellen.
15jährigen Alexandros der letzte Trop- müssen. Haris Triandafilidou ist aktiv in der griechischen
Darüber hinaus gibt es in Griechenland keinerlei Pro-
fen, der das Fass unserer Wut zum Über- Jugendorganisation SYNASPISMOS
gramme zur Unterstützung von finanziell schlechter ge-
laufen brachte.
STATUS QUO: POLITISCHE, SOZIALE UND ÖKO- stellten Studierenden. Statt die Haushaltsausgaben für
NOMISCHE GEWALT den Bildungssektor zu erhöhen, schlug die Regierung Mehr zum Thema:
Aber Wut ist nicht einfach nur ein Ge- www.labournet.de/internationales/gr/index.html
2006 die Zulassung gebührenpflichtiger Privatuniver-
fühl. Sie ist ein Kampf für soziale Ge-
Laut UNO-Angaben über den Zeitraum zwischen 2003 sitäten vor, wofür sogar eine Verfassungsänderung an-
rechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, von der
und 2007 wurde von 99 Polizeibeamt_innen, die durch gestrebt wurde. Unter dem Eindruck der anhaltenden
jetzt deutlich wird, dass, solange sie in
den Einsatz von Schusswaffen den Tod von 12 Menschen Studierendenproteste, die sich in der Besetzung der
der sozialen Realität nicht existiert, es
und die Verletzung von weiteren 27 verschuldet hatten, Mehrzahl der universitären Fakultäten und wöchent-
keinen sozialen Frieden geben wird,
nur einer vom Berufungsgericht nicht freigesprochen. lichen Großdemonstrationen ausdrückten, wurde die an-
weil es nur Friedhöfe sind, die mit sol-
Griechenland wurde darüber hinaus bereits wiederholt gestrebte Reform vorerst auf Eis gelegt. Dennoch blei-
cher Unterordnung und solcher sozialen
vom Europäischen Gerichtshof wegen der Missachtung ben die Probleme im Bildungssektor hochaktuell, denn
Ungleichheit sozialen Frieden fordern
von Menschenrechten verurteilt. Die Misshandlung und alternative Lösungsvorschläge, die der Perspektivlosig-
können.
Ermordung von Migrant_innen, die Inhaftierung und keit und Verzweiflung der griechischen Jugend etwas
Folter von zum Teil minderjährigen Häftlingen und der entgegen zu setzten haben, gibt es von Regierungsseite
Weil wir jung sind wie Alexandros, weil
massive Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken zur nicht. Statt auf die demokratische Willensäußerung der
wir einen Traum von Würde träumen
Auflösung friedlicher Demonstrationen sind seit jeher eigenen Bevölkerung zu reagieren und die gerechtfer-
wollen, wo der Staat und die Autoritäten
Kennzeichen der griechischen Verhältnisse. tigten Forderungen der Jugend nach einer Zukunft und
nur Unterordnung und Verzweiflung ver-
menschenwürdigen Lebensbedingungen als Auftrag zu
breiten, weil wir leben wollen und nicht
Doch die Gewalt, die sich gegen die Bevölkerung rich- verstehen, den die Regierung erfüllen muss, zog diese
nur über den nächsten Winter kommen,
tet, hat auch andere, subtilere Erscheinungsformen. Die es vor, die gesamte Bewegung zu diffamieren. Studie-
wegen all dem sind wir wütend und
Folgen der von der früheren PASOK-Regierung ebenso rende, die landesweit vernetzt waren und in wöchent-
kämpfen.
wie von der gegenwärtigen konservativen Regierungs- lichen Sitzungen über den weiteren Verlauf der Proteste

BILDUNGSPRO
partei der Nea Dimokratia betriebenen neoliberalen Po- berieten und demokratisch abstimmten, wurden zu Un-
Wir werden Alexandros weder verges-
litik, sind verheerend. So leben 22% der griechischen ruhestifter_innen erklärt.
sen, noch wollen wir einen weiteren to-
ten Alexandros durch Polizeikugeln. Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Eine Situ-
ation, die sich durch die derzeitige Finanzkrise weiter
Es wird keinen Frieden geben mit denen, zu verschärfen droht. Viele arbeiten ohne Sozial- und
die die Zukunft der Jugend zerstören, Krankenversicherung und verdienen im Monat 700
Es gibt viele Arten zu töten.
kein Eingreifen, keine Krokodilstränen Euro oder weniger. Zugleich liegen die Preise
für Grundnahrungsmittel deutlich über dem Man kann einem
KLASSEN-KÄMPFE IN ITALIEN
für die heuchlerischen Minister. Liebe Während auch die faschistoide Regierung unter
im Leben und Hoffnung für die Men- EU-Durchschnitt. Dies ist die Lebensreali- ein Messer in den Bauch stechen, Ministerpräsident Silvio Berlusconi eifrig „Ret-
schen. Einen täglichen sozialen Kampf tät von Arbeiter_innen wie auch von Aka-
demiker_innen. einem das Brot entziehen, tungspakete“ für die Banken schnürt, sollen mit
mit unseren Mitschüler_innen, unseren dem sogenannten „Gelminigesetz“ (benannt nach
Freund_innen, unseren Familien und
einen von einer Krankheit nicht heilen,
der Bildungsministerin Maria Grazia Gelmini) 6,4
unseren Genoss_innen für eine Gesell- einen in eine schlechte Wohnung stecken, Milliarden Euro im Bildungssystem eingespart und
schaft ohne Wächter, für eine solida- einen durch Arbeit zu Tode schinden, 133.000 Lehrer_innen und Verwaltungsbeamt_in-
rische Gesellschaft.“ einen zum Selbstmord treiben, nen entlassen werden. Im Zuge der Bologna-
Reformen sollen die Universitäten und Schulen
Q u e l l e : w w w. f a u . o r g / a r t i k e l / einen in den Krieg führen usw.
Schritt für Schritt privatisiert werden. Am 30. Ok-
art_081209-141610 Nur weniges davon ist tober demonstrierten etwa eine Million Menschen
in unserem Staat verboten.
Bertolt Brecht

BILDUNGSPROTEST INTERNATIONAL III


ALTERNATIVE NUTZUNG VON Eine Fakultät in Barcelona war einen Monat lang besetzt und der
Unterricht wurde gestoppt. Stattdessen gab es alternative Veran-
UNI-GEBÄUDEN IN SPANIEN staltungen mit kritischen Inhalten, die unter anderem den wach-
Seit einigen Jahren ist in Spanien der Kampf gegen die marktradi- senden Einfluss privatwirtschaftlicher Unternehmen an den Hoch-
kalen Umstrukturierungen der Universitäten durch den Bologna- schulen, die neuen Studiengänge, die Weltwirtschaftskrise und
Prozess der Schwerpunkt der meisten Studierendenorganisati- die Bewegung vom Mai ´68 zum Thema hatten. Darüber hinaus
onen. Die studentische Bewegung war seit dem Semesteranfang wurde das Leitungsgebäude der Zentral-Universität von Barce-
stark und zuversichtlich, nachdem es ihr schon vor dem Sommer lona besetzt. Diese Besetzung hielt sogar über die Weihnachts-
gelungen war, erfolgreiche Protestaktionen durchzuführen. Die tage, das Gebäude ist bis jetzt ein Treffpunkt der lokalen sozialen
Ereignisse im November 2008 kamen dennoch unerwartet: Nach Bewegungen. Auf diese Weise gelingt es den Studierenden mit
den Demonstrationen vom 13. und 20. November wurden in Bar- streikenden Arbeiter_innen in Kontakt zu treten und gemeinsame
celona mehrere Fakultäten besetzt, was landesweit den Anstoß für Forderungen gegen die neoliberale Politik zu entwickeln.
weitere Besetzungen gab.
3

BILDUNGSSTREIK GEPLANT
WÄHREND STUDIENBEDINGUNGEN ZU-
DIE den Lehrbetrieb in den überfüllten Hörsälen aufrecht erhalten können,
während immer mehr Lehrstellen zusammengestrichen werden.
dazu, dass selbst SPD und Grüne, die in anderen Ländern Studien-
gebühren oder Studienkonten mittragen, die Landtagswahlen zu einer
NEHMEND UNZUMUTBARER WURDEN, BLIEB Abstimmung über Studiengebühren gemacht haben. Selbst der mittler-
Während die Studienbedingungen in den chronisch unterfinanzierten weile wiedergewählte CDU-Ministerpräsident Roland Koch hat ange-
BREITE GEGENWEHR BISLANG AUS. MIT Hochschulen zunehmend unzumutbarer werden, blieb Widerstand ge- kündigt, Studiengebühren nicht noch einmal einführen zu wollen.
DEM GEPLANTEN BUNDESWEITEN BILDUNGS- gen die Verschlechterungen bislang beschränkt. Im Juni könnte sich
das ändern. Bundesweit haben bildungspolitisch Aktive begonnen, für Der Protest der Studierenden, Schüler_innen fällt zudem in eine
STREIK KÖNNTE SICH DAS JETZT ÄNDERN. Mitte Juni einen Bildungsstreik zu organisieren. Zeit, in der die neoliberale Rechtfertigungslogik für Kürzungen im
Bildungssystem wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Egal ob
Mit Demonstrationen, Blockaden und Besetzungen soll in der hochpo- Lehrstellen zusammengestrichen oder Bibliotheksangebote gekürzt
Die Vorlesungen und Übungen dauerten von 8 bis 18 Uhr, das Proto- litisierten Zeit vor den Bundestagswahlen klar gemacht werden, dass werden, mit Verweis auf fehlende finanzielle Mittel wurde bislang
koll musste am nächsten Morgen abgeben werden. Der 25-jährigen Studierende nicht mehr länger bereit sind, die Verschlechterungen jede Verschlechterung gerechtfertigt. Dass plötzlich Milliarden abruf-
Biochemie-Student Paul Dembny blieb gleich an der FU, übernachte- schweigend hinzunehmen. Gemeinsam mit Schüler_innen, Auszubil- bereit stehen, um das Bankensystem zu subventionieren, zeigt, dass es
te im Fachschaftsraum, damit er das Protokoll bis acht Uhr morgens denden und Lehrpersonal werden sie ihren Widerstand gegen die neo- bewusste politische Entscheidungen sind, wie finanzielle Ressourcen
fertigbekommen konnte: Die Nacht durchstudieren, um den enormen liberale Zurichtung des Bildungssystems zum Ausdruck bringen - und ausgegeben werden. Nur wenn es gelingt, Druck aufzubauen, werden
Workload unter konstantem Zeitdruck zu bewältigen, ist inzwischen Alternativen zu Konkurrenz-, Leistungs- und Prüfungsdruck, Entde- Studierende und Schüler_innen verhindern können, dass die Milliar-
Normalität an der Bachelor-Universität: Eine Studie über die 24-Stun- mokratisierung sowie der sozialen Ausschließung im Bildungssystem densubventionen für die Banken nicht mit Kürzungen im Bildungssek-
den-Bibliothek an der Universität Karlsruhe fand heraus, dass inzwi- in die öffentliche Debatte bringen. tor ausgeglichen werden, sondern diejenigen für die Krise zahlen, die
schen ein Viertel der Nutzer_innen nachts zwischen 19 und 9 Uhr ar- sie auch verursacht haben (Siehe Artikel zur Krise auf Seite 5).
beiten. Der enorme Druck ist beabsichtigt: Für völlig unterfinanzierte Dass Widerstand erfolgreich sein kann, zeigen die Studierendenpro-
Fachbereiche ist die Erhöhung der Arbeitsbelastung zur Standard- teste in Hessen. Dort konnte die Studierendenbewegung einen so Jonas Rest ist aktiv bei Die LINKE.SDS
Strategie geworden. Möglichst viele Studierende sollen nach einem starken Druck aufbauen, dass Studiengebühren ein Jahr nach Einfüh-
oder zwei Semestern abbrechen. Nur so meinen die Institutsdirektoren rung wieder abgeschafft wurden. Der Druck der Studierenden führte

TEST INTERNATIONAL II
in Rom und weitere Hunderttausende landesweit ge- lichen Krise ist eine neue Studierendenbewegung
gen die Verabschiedung dieses Gesetzes. entstanden, die sich mit Demonstrationen, Blocka-
Die Studierenden und Schüler_innen wissen, dass den und Besetzungen von Schulen und Fakultäten
sie angesichts der zunehmenden Prekarität der Ar- gegen die Zerstörung des öffentlichen Bildungssy-
beit und der Lebensbedingungen einem „Menschen- stems wehrt. Sie eignet sich den öffentlichen Raum
alter ohne Zukunft“ angehören. Gleichzeitig sind sie an und besetzt öffentliche Gebäude, um dort Vorle-
sich bewusst, dass die Weltwirtschaftskrise ihre Zu- sungen und Diskussionen abzuhalten und gleichzei-
kunftsperspektiven noch weiter verschlechtert. Da- tig ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Dabei liegt
her ist es kein Wunder auf ihren Transparenten das der Schlüssel für ihren Erfolg in der Zusammenar-
Motto „Wir bezahlen eure Krise nicht!“ zu lesen. beit zwischen Studierenden, Dozierenden, Schüler_
innen, Lehrer_innen und Eltern.
Im Kontext der sozialen, politischen und wirtschaft-
4 bildungsstreik 2009

BEITRAG DER BERLINER LANDESSCHÜLER_INNENVERTRETUNG

FÜR EINE STARKE BILDUNGSPROTESTBEWEGUNG!


Ende des vergangenen Jahres gingen bundesweit über 100.000 Schü- PROTESTAKTIONEN 2008 Zu unserem Konzept für eine Bewegung muss vor allem gehören, dass
ler_innen auf die Straße, um gegen die katastrophalen Zustände im die Diskussionen über die Probleme in der Bildung als gesamtgesell-
Schulsystem zu protestieren. Anlässe für Protest gab es bundesweit Gegen diese unbefriedigenden Zustände gab es in den letzten drei Jah- schaftliche Probleme in die Schulen, Universitäten und Elternhäuser
genug: Zu große Klassen, zu wenig Lehrer_innen und zu viel Unter- ren in Berlin vielfältige Aktionen: Konferenzen, Seminare und Work- getragen werden. Bevor ein genereller Streik als Mittel zur Durchset-
richtsausfall machen Schule für alle Beteiligten zu einer Frustveran- shops, sogar Streiks wurden organisiert. Trotz Schuleinschluss, Tadel zung der Interessen der Lernenden im Mittelpunkt steht, sollte auf Dis-
staltung. Die Kosten für die Eltern werden immer höher, die Schulaus- und Androhungen schlechter Noten forderten tausende Schüler_innen kussionen und Aktionsgruppen in den Schulen und regionalen Vernet-
stattungen immer unzeitgemäßer, die Lehrmittelfreiheit früherer Jahre eine dringende Verbesserung der Situation an den Schulen. Die mas- zungen gesetzt werden. Also auf mühselige Kleinarbeit, deren Ziel eine
ist weitgehend abgeschafft. Viele Schüler_innen aus ärmeren Haushal- siven Proteste verhallten jedoch von der offiziellen Politik weitgehend aktive Schüler_innen- und Studierendenschaft sein muss, die sich mit
ten – also auch viele Migrant_innen - können z.B. Klassenfahrten oft ungehört. Entgegen der Forderungen haben sich die Zustände sogar den Problemen innerhalb der Gesellschaft genauso auseinandersetzt
nicht mitmachen, weil das Geld fehlt. Durch die massiv steigende Zahl real verschlechtert. wie mit den ganz konkreten Problemen in den jeweiligen Bildungsein-
an Privatschulen bekommen Eltern mit hohem Einkommen gleichzei- richtungen.
tig die Möglichkeit, ihre Kinder von den Problemen der „gefährlichen Deutlichster Ausdruck der entstehenden Schüler_innenbewegung war
Klassen“ fernzuhalten. der bundesweite Aktionstag am 12. November 2008. An diesem Tag Diese Auseinandersetzung muss in allen Bereichen geführt werden, um
beteiligten sich über 100.000 Menschen an Aktionen, demonstrierten den Rückhalt in den Schulen und Universitäten zu stärken und zu ei-
Anstatt die Bildung zu verbessern und soziale Projekte zu unterstüt- auf den Straßen und bestreikten den Unterrichtsbetrieb in den Schulen. ner wirklichen Massenbewegung zu kommen. Dabei kann es perspek-
zen, finanziert die Politik den Ausbau repressiver „Lösungen“ einer Bei Schulbesetzungen wurde Alternativunterricht angeboten. Bann- tivisch nicht nur um Diskussionen mit Eltern und Lehrer_innen gehen,
verfehlten Jugend- und Bildungspolitik: Geld fließt in den Ausbau von meilen vor Parlamenten wurden durchbrochen, um den Protest den sondern konkret um kreative Vorschläge zur Verbesserung der eigenen
Kameraüberwachung, in den Jugendstrafvollzug und in Wachdienste verantwortlichen Politiker_innen lautstark zu vermitteln. Kurzfristig Situation, deren Umsetzung eingefordert und auch begonnen werden
an Schulen. Die neueste aus dem Kontrollwahn geborene Idee ist die wurde eine Uni besetzt. Mit den sich solidarisierenden Studierenden muss. Dann wird es um die grundlegende Veränderung des Bildungs-
sogenannte Schüler_innendatei: Unter erheblichem Aufwand sollen einer FH wurde der Campus gestürmt und frei nach dem Motto „Mensa systems gehen.
hier personenbezogene Daten von Schüler_innen in einem bundeswei- für alle und zwar umsonst!“ die Regalinhalte kostenlos verteilt.
ten Register erfasst werden. Durch die desolate Lage der öffentlichen All dies ist nicht nur ein deutsches Problem. In Frankreich, Italien,
Schulen ist private Nachhilfe ein enormer Markt geworden – natürlich WIE WEITER? Spanien und Griechenland gibt es auch Probleme mit massivem Bil-
nur für die, die es sich leisten können in Zeiten von Sozialabbau und dungsabbau. Die Jugendlichen finden sich nicht damit ab, sondern
Sparpolitik, von ständig steigenden Lebenshaltungskosten und sinken- Solche Aktionstage bleiben symbolisch, wenn wir es nicht schaffen, protestieren kraftvoll dagegen (siehe Seite 2/3). Daran können wir uns
den Reallöhnen. Nicht nur dadurch werden die Bildungschancen noch ein wirklich breites Bündnis an Schulen aufzubauen, in denen auch orientieren! Organisieren wir uns und leisten Widerstand! Übernehmen
ungerechter, was bereits in mehreren PISA-Studien festgestellt und progressive Lehrer_innen und – nicht zu vergessen – Eltern mitwirken wir selbst die Kontrolle über Schule und Bildung!
durch die UNO bestätigt wurde. und gestalten.
Micha Schmidt (LSV Berlin)

GEGEN LEISTUNGSDRUCK UND PREKARISIERUNG strukturelle Gewalt wird ergänzt durch die bereits erwähnten Zwangs-
stattung des Bildungssystems. Auch Zwangsmaßnahmen gegen „Lang-
zeitstudierende“, gegen Leistungsdruck, Prüfungsstress usw. wurden
thematisiert. Zwang und Druck waren auch meistens die Ursache für das
Abflauen der Streiks. Gerade zum Ende der jeweiligen Streiksemester/
HOCHSCHULE, HERRSCHAFT UND DIE maßnahmen und Schikanen. Sie individualisieren die Probleme und
zwingen die Menschen reihenweise auf die Knie. Bisher haben viel zu
Schuljahre wollten oder mussten die meisten „doch noch schnell ihre
Scheine machen“ und Klausuren schreiben.
MÖGLICHKEIT DES AUFBEGEHRENS wenige die Kraft und den Rückhalt, um sich wieder aufzurichten und
dagegen zu kämpfen.
Die wichtigste Erfahrung der vergangenen Streiks war, dass man um-
Mit der 68er-Revolte verbreitete sich die Erkenntnis, dass Lohnarbeit fassend sinnlich spürte, dass man sich gemeinsam mit anderen gegen
nicht der einzige Sinn des Lebens ist. In den 80er Jahren wurde dann DIE FUNKTION KAPITALISTISCHER AUSBILDUNGSBETRIEBE die Dinge zur Wehr setzt, die einem nicht passen. Wenn der Alltag zum
der Neoliberalismus hegemonial und setzte die Parole „Jede Arbeit Tanzen gebracht wird, lernen wir uns selbst und die Menschen um uns
ist besser als keine!“ dagegen. Die Verweigerung der (Lohn-)Arbeit Schule und Hochschule im Kapitalismus dienen vor allem einem Zweck: herum besser kennen. Die Entfremdungen, die unsere Beziehungen un-
wurde fortan durch zunehmenden Zwang geknackt: Die permanente der Ausstattung von Individuen mit einem Portfolio an Fähigkeiten, die tereinander bestimmen, werden ein Stück weit aufgebrochen. Im Streik
Androhung von Strafen schafft im Kapitalismus Planungssicherheit als Arbeitskraft verkäuflich sind. Die Hochschulen produzieren die Eli- wachsen wir über unsere jämmerliche kapitalistische Existenz hinaus.
für Unternehmen. Dabei ist die angebliche Sicherheit der einen die ten von Staat und Wirtschaft. In der Hochschule reproduziert sich aber Die Hoffnung auf ein befreites Leben wächst. Man merkt das einige die
Unsicherheit der anderen. Prekarisierung („Verunsicherung“) ist auch die Ideologie der Herrschaft über die Menschen. Aktuell soll an Dinge genauso sehen wie man selber, das andere noch etwas zusätzliches
überall, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu vor einigen den Universitäten „Professionalität“ und „Flexibilität“ gelernt werden. sehen. Unsere Kritik an den bestehenden Verhältnissen schärft sich. Und
Jahren schrieb - und sie wirkt sich auf uns alle aus. „Precarius“ (lat.) Der Umgang mit Stresssituationen will beherrscht werden. „Soft skills“ wir sehen, dass es möglich ist, diese Verhältnisse zu verändern.
bedeutet unsicher, unbeständig, aber auch „aus Gnade gewährt“. und „Kompetenzen“ sollen erworben werden, um die „Teamfähigkeit“
zu erhöhen. Die fachlichen Inhalte treten zurück: Im wesentlichen sollen Die Probleme, die es als erstes zu überwinden gilt, hängen mit diesen
Zur Peitsche der Prekarisierung wird Zuckerbrot gereicht: den „Un- die Studierenden so ausgebildet werden, dass sie fähig sind, sich den Entfremdungen untereinander zusammen: Unter den gegenwärtigen
ternehmer_innen ihrer selbst“ wird die Freiheit gewährt, die aufge- stets wechselnden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt anzupassen. Im Verhältnissen sind wir dazu gezwungen, stets gegeneinander zu kon-
zwungene Arbeit in eigener Verantwortung – „selbstbestimmt“ – Klartext: mehr, schneller, weiter, besser. Abgeschlossenes Studium nebst kurrieren. Das erhöht das Misstrauen untereinander - wir machen uns
zu erledigen. Die Arbeitszeit spielt dann allerdings oft keine Rolle dreier Fremdsprachen und Auslandspraktika mit 23, sonst wird’s nichts gegenseitig zu Fremden. Dass wir alle Menschen mit unterschiedlichen
mehr, denn das Ergebnis muss stimmen. Auch die vielen unbezahlten mit dem „guten Job“. Suggeriert wird, dass sich durch eigene Anstren- Erfahrungen sind, Menschen die sich stets neu orientieren müssen und
Überstunden, die dabei anfallen, sind Teil der Prekarisierung, bei der gung und Disziplinierung die Chancen erhöhen, einen „auf Gnade ge- die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen haben, müssen wir uns immer
gesellschaftliche Risiken individualisiert und privatisiert werden: währten“ Job zu bekommen. Dafür wird die Bereitschaft gefordert, sich wieder klar machen. Im Streik, wie im gesamten widerständigen Leben
Absicherung im Fall von Krankheit, Altersvorsorge usw. Bei Arbeits- individuell und eigenverantwortlich dem allgemein akzeptierten Lebens- ist die wichtigste „Waffe“ die Solidarität! Die anderen anerkennen, zu-
losigkeit wird man dann so richtig „gefordert und gefördert“, um wie- entwurf und der Konkurrenz zu unterwerfen. hören können, gemeinsam Kritik entwickeln, voneinander lernen, mit-
der in den Job zu kommen. Die hohe Arbeitslosigkeit und die einander kämpfen und auf dieser Basis sich organisieren, dies ist der
Gefahr, für den Verwertungsprozess überflüssig zu AUS DEN VERGANGENEN STREIKS UND Schlüssel zum Erfolg! Das entschiedene gemeinsame Nein, unsere viel-
werden, wirken wie ein Damoklesschwert, das
PROTESTEN LERNEN fältigen Verweigerungen der Zwänge, unsere Aktionen und Gespräche ...
über unseren Köpfen kreist. Diese dahinter liegt der Beginn des Neuen.
In den Hochschul- und Schulprotesten der vergangenen
Koinonikos (Reflect! - Assoziation für politische Bildung und Gesell-
Jahre ging es nicht nur um Studiengebühren, Lernmittel-
schaftsforschung)
freiheit oder allgemein die unzureichende finanzielle Aus-
5
BILDUNG UND SOZIALE UNGLEICHHEIT
Das deutsche Bildungssystem ist gekennzeichnet durch eine im in- Nachhilfeunterricht bezahlen können. Und dann wird die mächtigste je nach Herkunft unterschiedliche schulische Leistungen – in einem
ternationalen Maßstab übergroße soziale Selektivität: Der Bildungs- Weiche gestellt: Der Übergang in eine Schulform des dreigliedrigen Bildungswesen, das gerade wegen seiner Blindheit gegenüber unter-
erfolg hängt stärker als in den meisten anderen Staaten von der sozi- Schulsystems, einer deutschen Besonderheit, die wegen der Zementie- schiedlichen Startbedingungen unsozial wirkt: indem Bildung nicht als
alen Herkunft ab. Da über Bildungstitel viele, wenn auch nicht alle, rung von Ungleichheit berüchtigt und beliebt ist. Die Schulformemp- gesellschaftliche Aufgabe angesehen wird, sondern zum Teil in elter-
gesellschaftliche Positionen vergeben werden, wird damit gleichzeitig fehlung soll leistungsgestützt erfolgen, dennoch: selbst bei gleicher liche Verantwortung gelegt wird.
die soziale Ungleichheit festgeschrieben. Wer aus einer armen Familie Leistung haben Kinder aus dem reichsten Bevölkerungsviertel eine
kommt, wessen Eltern kein Abitur haben, wird es deutlich schwieriger sechs Mal größere Chance auf eine Gymnasialempfehlung als Kinder Gleichzeitig werden über Bildungskosten, insbesondere über Studien-
haben, einen guten Schulabschluss oder einen Studienplatz zu ergat- aus dem ärmsten Viertel. gebühren, finanzielle Hürden aufgebaut, die die soziale Schere beim
tern. Bildungszugang weiter öffnen. Mit all diesen Mitteln werden nicht
Über die nächsten Hürden Abitur und Studienaufnahme hinweg setzt nur Vorentscheidungen über erreichbare gesellschaftliche Positionen
Mit jeder Sprosse auf der Leiter hin zu einem Studienabschluss nimmt sich diese Entwicklung fort: Kinder, deren Eltern reich und formal ge- und Einkommen getroffen, sondern auch individuelle Bildungsvorstel-
der Anteil von Kindern aus „bildungsfernen Schichten“, aus armen bildet sind, nehmen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit ein Stu- lungen und Zukunftsperspektiven behindert. Auf dem Rücken der Kin-
und/oder migrantischen Haushalten ab. Da diese Ergebnisse über dium auf und dominieren die Hochschulen, an denen sich beispiels- der aus armen und bildungsfernen Schichten wird ein Exempel statu-
Jahrzehnte hinweg stabil sind, handelt es sich offensichtlich nicht um weise Arbeiter_innen- und Migrant_innen-Kinder nur in kleiner Zahl iert: dass man soziale Ungleichheit will und Bildung als ein taugliches
einen Zufall. Bereits im Vorschulalter entfalten sich unterschiedliche finden lassen. Ist dies eine Verletzung des Leistungsprinzips, wenn es Sortierkriterium schätzt. Bei der Bekämpfung der sozialen Selektivität
Bildungsbiographien. Angesichts fehlender kostenloser frühkindlicher ungleiche Chancen gibt? Ja und nein. Ja, denn offensichtlich gibt es des Bildungswesens scheiden sich die Geister: ungehinderten Wett-
Bildung (was auch immer man von Bildungsdruck auf Kleinkinder Faktoren jenseits gemessener Leistungen (ein durch die soziale Her- bewerb um gesellschaftliche Spitzenpositionen, bei denen nichts und
halten mag) hängt der Besuch entsprechender Bildungseinrichtungen kunft geformter Habitus, das Abschätzen zukünftiger Bildungserfolge niemand das Leistungsprinzip verletzen darf – oder freier Zugang zu
von Zahlungsmöglichkeit und -bereitschaft der Sorgeberechtigten ab. anhand des Bildungsstands der Eltern), die angewandt werden, um Bildung in gesellschaftlicher Verantwortung, in einer Weise, die Un-
Noch viel direkter wirken sich die Möglichkeiten und die Bereitschaft einem Teil der Menschen den Zugang zu hohen Bildungsabschlüssen terschiede ausgleicht, statt sie zu verstärken. Daran muss sich jede bil-
von Eltern aus, Kinder beim Lernen zu unterstützen und etwa im Lesen zu verwehren. Nein, denn nicht alles erklärt sich daraus. Tatsächlich dungspolitische Protestbewegung messen lassen: für mehr Konkurrenz
zu fördern. In den ersten Schuljahren schließt sich die Frage an, ob sie werden Leistungsvergleiche abgehalten, tatsächlich erzielen Kinder oder für mehr (Bildungs-)Gleichheit? Marco Tullney

KRISE – WAR NACH DEM CRASH MEHRE-


RER GROSSBANKEN UND RAPIDE FALLENDEN
AKTIENKURSEN IM HERBST 2008 NOCH VON
MANAGMENTFEHLERN UND GIER DIE REDE,
IST MITTLERWEILE KLAR: ES HANDELT SICH UM
EINE TIEFGREIFENDE KRISE DES NEOLIBERALEN
KAPITALISMUS – MIT DRAMATISCHEN FOLGEN
WELTWEIT. DIESE ERREICHEN 2009 AUCH HIER
DEN ALLTAG VIELER MENSCHEN: IN FORM VON
KURZARBEIT, ENTLASSUNGEN UND PREKARI-
SIERUNG. WÄHREND VERZICHT ALS LOSUNG
AUSGEGEBEN WIRD, WERDEN DIE GEWINNE VON
BANKEN UND UNTERNEHMEN STAATLICH GARAN-
TIERT.

„DER STAAT RETTET DEN KAPITALISMUS“


... titelte die FAZ am 5. Oktober 2008. Die teuren Rettungsaktionen sind dels, Kriege um den Zugang zu Rohstoffen, Hunger und Armut begleiten
allerdings nicht der erste Schritt zur Verstaatlichung, sondern ein weiterer den Beginn dieser tiefsten Krise des Kapitalismus seit 1929.
hin zur Privatisierung des Staates: öffentliche Gelder werden für privat-
wirtschaftliche Interessen genutzt. Die privaten Verluste der Vermögens- Schlechte Voraussetzungen für Forderungen nach freier und demokra-
besitzer_innen werden sozialisiert. So forderte der Chef der Deutschen tischer Bildung? Ja und nein. Die Krisenhaftigkeit des globalen Kapitalis-
Bank Josef Ackermann eine aus staatlichen Geldern finanzierte „Bad mus steht in aller Deutlichkeit vor Augen. Damit steht auch die Legitimität
Bank“, bei der „vergiftete“ Schrottpapiere abgeladen werden können – einer auf Profit- und Verwertungslogik, Leistungs- und Konkurrenzzwang
dabei geht es um dreistellige Milliardenbeträge. aufbauenden Organisation der Gesellschaft zur Disposition. „Wie wol-
Diese Zeitung beschäftigt sich vornehmlich mit der len wir eigentlich leben, wirtschaften, arbeiten, lernen?“ sind Fragen, die
Situation an den Hochschulen aus Sicht der Studie- Jahrelang wurden unter Verweis auf die Schulden des Staates Kürzungen in sozialen Auseinandersetzungen weltweit neu gestellt werden. Auch
renden. Allzu leicht wird dabei vergessen, dass an im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssystem legitimiert und öffentliche in Berlin und Frankfurt wird am 28. März ein breites gesellschaftliches
den Hochschulen auch tausende Menschen in Tech- Versorgungseinrichtungen privatisiert. Der politisch hergestellte Zustand Bündnis aus Gewerkschaften, sozialen Bewegungen, Schüler_innen und
nik und Verwaltung arbeiten, ohne die nichts laufen der „leeren Kassen“ lieferte den vermeintlichen Beweis dafür, dass der Studierenden gemeinsam „für eine solidarische Gesellschaft“ demonstrie-
würde. Auch sie leiden unter den miesen Zuständen. Markt die ultima ratio sei. Diese neoliberale Politik führte – zusammen ren. Denn hier wie überall gilt: „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ Für eine
Auch ihnen gilt unsere Solidarität. Dazu kommen die mit sinkenden Steuern für Unternehmen und Vermögensbesitzer_innen – demokratische Kontrolle der Wirtschaft! Für eine soziale Infrastruktur an
Dozent_innen des Mittelbaus, die anders als die fein zu einer gigantischen Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Mobilität und Rente, die allen Men-
verbeamteten Professor_innen die Hauptlast der büro- Gunsten von privaten Unternehmen und Kapitalbesitzer_innen. schen zur Verfügung steht und die gemeinsame bewusste Gestaltung des
kratischen Bologna-Reformen zu schultern haben. Da- Im Herbst war das neoliberale Diktat des „ausgeglichenen Staatshaus- gesellschaftlichen Lebens ermöglicht!
her hier ein Artikel aus gewerkschaftlicher Sicht zu den halts“ unter dem drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems binnen
Tarifauseinandersetzungen der vergangenen Jahre. weniger Tage verschwunden. Doch der Kampf gegen die hohe Staatsver- Wir zahlen nicht für eure Krise!
schuldung soll nach dem teuren Intermezzo zugunsten der „notleidenden
Tarifauseinandersetzung an den Berliner Hochschulen: Für eine solidarische Gesellschaft!

ANSCHLUSS HALTEN!
Banken“ (Unwort des Jahres 2008) und Unternehmen bald wieder aufge-
nommen werden: die Umverteilung von unten nach oben wird radikali- Demonstration am 28. März in Berlin
siert und fortgesetzt. Lohnverzicht, Sozialabbau und eine Verschärfung
der Ausbeutung weltweit, aber auch die Beschleunigung des Klimawan- Mehr Info unter: www.kapitalismuskrise.org/

Wie das Land Berlin sind die Berliner Hochschulen als eigene Arbeit- Nur die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) hat sich der Hochschulbeschäftigten wurden die Gewerkschaften Ende 2008
geber Anfang 2003 aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten – ein 2003 dem Druck des Berliner Senats nicht gebeugt und ist im Arbeit- zu Tarifgesprächen eingeladen. Die Position der Hochschulen ist al-
schwerer Fehler, was heute selbst die meisten Hochschulleitungen zu- geberverband geblieben. Damit findet für die FHTW-Beschäftigten der lerdings noch weit von den gewerkschaftlichen Forderungen entfernt.
geben. Denn diese Tarifflucht hatte zur Folge, dass Tarifverträge und Flächentarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) unmittelbar Anwen- Die Hochschulen wollen einen eigenständigen, von der bundesweiten
Tariferhöhungen, die bundesweit vereinbart werden, nicht mehr auto- dung. Davon profitieren die Beschäftigten: Sie haben bereits zum 1. Tarifentwicklung abgekoppelten, Tarifvertrag. Den Abschluss mit dem
matisch für Berlin und die hiesigen Hochschulen gelten. Sie müssen Januar 2008 eine Tariferhöhung von über 3 % erhalten und zum 1. Ja- Land Berlin (65 Euro dauerhafte Erhöhung der Vergütungen ab Juni
jeweils gesondert ausgehandelt und vereinbart werden. Der Ausstieg nuar 2009 eine weitere um 2,8%. In allen anderen Hochschulen haben 2009) wollen sie erst ab 2010 „nachvollziehen“; und auch nur dann,
aus dem Flächentarif bedeutete auch, dass die Arbeitgeber bei allen die Beschäftigten zuletzt 2004 eine Erhöhung der Vergütung um ganze wenn ihnen das Land Berlin in den Hochschulverträgen diese Tarifer-
Neueingestellten schlechtere Bedingungen vereinbaren konnten. Des- 1% erhalten. höhung erstattet. Die Realeinkommen der Beschäftigten sinken auf-
halb ist es das Ziel der Gewerkschaften GEW Berlin und ver.di, die grund der Inflation und steigender Kosten unterdessen immer weiter
Anbindung an die bundesweiten Tarifverträge im öffentlichen Dienst Seit November 2006 gilt in allen Bundesländern der neue Tarifver- ab. Für die GEW Berlin und ver.di ist klar: Der bundesweite Flächenta-
wieder her zu stellen. Mit den Hochschulen wurden deshalb 2004 nach trag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L); mit Ausnahme der rifvertrag TV-L muss ohne Wenn und Aber dynamisch für die Berliner
langwierigen Verhandlungen sogenannte Anwendungs-Tarifverträge Tarifflüchtlinge Berlin und Hessen. Damit wurde der alte BAT kom- Hochschulen übernommen werden. Nur so lässt sich vermeiden, dass
abgeschlossen, mit denen die Geltung des alten Bundesangestellten- plett abgelöst. Im BAT gibt es auch keine Tarifverbesserungen mehr. jede Änderung des Flächentarifvertrags und insbesondere jede Tarifer-
Tarifvertrag (BAT) vereinbart wurde. Gleichzeitig musste, wie im Land Seit 2007 kämpfen die Gewerkschaften in Berlin darum, das neue höhung hier mühsam gesondert verhandelt werden muss. Die Gewerk-
Berlin, bis Ende 2009 eine Kürzung des Einkommens und der Arbeits- Tarifrecht und die Tariferhöhungen im Bereich der Länder (2,9 % ab schaften sind bereit, die im TV-L geltenden wissenschaftsspezifischen
zeit um 8 bis 12 % vereinbart werden – je nach Vergütungsgruppe. Im 1. Januar 2008; die nächsten stehen 2009 an) auch in Berlin und in Regelungen (z.B. bei der Berücksichtigung von Berufserfahrungen)
Gegenzug sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2009 ausge- den Hochschulen zu vereinbaren. Erst massive Streiks der Landesbe- um weitere für die Berliner Hochschulen zu ergänzen. Ein „Haustarif-
schlossen. Da die Hochschulen sich in den Verhandlungen nicht auf schäftigten im letzten Jahr haben den Senat an den Verhandlungstisch vertrag“ der Berliner Hochschulen, der die Abkopplung von der Tari-
gemeinsame Positionen einigen konnten, sind FU und HU damals aus gezwungen und zu einer Anhebung aller Vergütungen um 65 Euro ab fentwicklung in den Ländern zementieren würde, kommt für uns nicht
der Verhandlungsgruppe der Hochschulen ausgestiegen. Im Ergebnis Juni 2009 geführt. Die Hochschulen haben sich bis auf die HU bisher in Frage.
haben wir drei eigenständige Tarifverträge: einen mit der FU, einen mit geweigert, Tarifverhandlungen zur Übernahme des neuen Tarifrechts
der HU sowie einen mit TU, UdK sowie den Fachhochschulen ASFH, aufzunehmen. Matthias Jähne (Hochschulreferent der GEW Berlin)
TFH, FHW und FHVR. Nach Warnstreiks an TU, ASFH und UdK und zahlreichen Aktionen
6 Fortsetzung von seite 1
L

Fortsetzung von Seite 1

DAS MÄRCHEN VON DER DEMOKRATISCHEN HOCHSCHULE


In eine ähnliche Richtung geht die vom Berliner Senat gegründete ABER WELCHE DEMOKRATIE WOLLEN WIR?
„Einstein-Stiftung“. Diese hat Anfang 2009 die Arbeit aufgenommen

STUDIENGEBÜHREN: ABGESCHAFFT IN
und soll im ersten Jahr 40 Millionen Euro an Forschungsförderung Der Deklassierung der Studierenden von mündigen Subjekten zu
für die „Spitzenforschung“ ausschütten. Die Beteuerung, dass dies passiven Konsument_innen gilt es Einhalt zu gebieten. Aber reicht es
zusätzliche Mittel zum bestehenden Bildungsetat sind, ist natürlich
Augenwischerei. Worum es im Kern geht, ist die Schaffung einer
wirklich aus, die Stimme zu erheben und ein Ende der Verwertungs- HESSEN, BOYKOTTIERT IN BADEN-WÜRTTEMBERG
logik zu fordern? Die Antwort lautet kurz und knapp „NEIN!“ Denn
neuen Institution, mittels derer an den Gremien demokratischer einfach nur die kapitalistischen Strukturen vor die Tür zu setzen, be- In Berlin sind Studiengebühren derzeit glücklicherweise
Mitgestaltung vorbei Entscheidungen von großer Tragweite getrof- schert uns noch lange keine Demokratie, die uns zu gleichberech- nicht Gegenstand der politischen Debatten. Dies ist nicht
fen werden können. Der Berliner Senat schafft sich also ein Mittel, tigten und mündigen Mitgliedern der Hochschulen macht. Vielmehr allein den besseren Argumenten gegen Gebühren, sondern
um direkt die Richtung von Forschung beeinflussen zu können. Ein müssen wir dazu übergehen nicht nur Mitbestimmung einzufordern, vielmehr dem vehementen der Kampf der Studierenden
weiterer kleiner Schritt hin zur Abschaffung der Unabhängigkeit und sondern eigene Konzepte für eine demokratische Hochschule und in vergangenen Auseinandersetzungen – zuletzt im Streik
Freiheit von Forschung und Lehre. Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung zu entwickeln. 2003/2004 – geschuldet. In der öffentlichen Debatte steht
Und wenn uns die hochschulinterne „Demokratie“ dabei mal wieder der rot-rote Senat auch weiterhin dazu, dass ein Studium
Eine weitere Ursache dafür, dass die Demokratie an den Hoch- die Tür vor der Nase zuschlägt und die offizielle Politik mal wieder in Berlin gebührenfrei bleibt. Nichts desto trotz sind Stu-
schulen unter die Räder kommt, sind die sogenannten „Bologna- dabei ist, korrupten Banken Milliardenpakete zuzuschustern, dann diengebühren weiterhin ein Thema - auch für Studierende
Reformen“. Zwar heißt es in der Bologna-Erklärung von 1999: muss eben über Demonstrationen und Aktionen Druck aufgebaut in Berlin. Denn die Gebührenpflicht führt nicht nur zu so-
„Die Bedeutung von Bildung und Bildungszusammenarbeit für werden. An der Uni bedeutet das, Räume zu erkämpfen: Nicht mehr zialer Selektion, frühzeitiger Verschuldung der Studieren-
die Entwicklung und Stärkung stabiler, friedlicher und demo- obrigkeitshörig die Inhalte schlechter Lehrveranstaltungen schlu- den sowie zum Rückzug der öffentlichen Hand aus der Fi-
kratischer Gesellschaften ist allgemein als wichtigstes Ziel aner- cken, sondern das Maul aufreißen. Sich nicht mehr durch den Lei- nanzierung der Hochschulen. Auf Bundesebene sorgt das
kannt“. Der damit eingeleitete Reformprozess bescherte uns ein stungsdruck fertig machen lassen, sondern einfach mal NEIN sagen. Vorhandensein finanzieller Eingangsvoraussetzungen in
Studienmodell aus gestaffelten Bachelor- und Masterabschlüs- Sich nicht mehr benachteiligen oder gar stigmatisieren lassen, weil Bundesländern ohne Studiengebühren zu einem überhöhten
sen, durch die Internationalisierung, Flexibilisierung, Mobilität man erwerbstätig ist oder Kinder hat, sondern für ein sozial gerechtes Ansturm auf Hochschulen, wodurch der Numerus Clausus
und Chancengleichheit endlich Realität werden sollten. Die Ent- Studium kämpfen. Das sind die notwendigen Schritte, die wir gehen in die Höhe getrieben wird. Somit wird die Spirale von Zu-
wicklungen gehen aber in die entgegengesetzte Richtung: Stu- müssen und gehen können, wenn wir untereinander und mit anderen gangshürden am Laufen gehalten.
dierende leiden zunehmend unter Konkurrenzdruck, Zukunfts- gesellschaftlichen Gruppen, die in einer ähnlichen Situation stecken, Der Kampf gegen Studiengebühren und für freie Bildung
angst und Überforderung (2). Überfüllte Studienverlaufspläne, solidarisch sind. muss also weiter geführt werden. Dass dieser Versuch zum
ein Prüfungswahn, der nur noch die Prüfbarkeit der Prüflinge AK HoPo Erfolg werden kann, zeigen die neusten Entwicklungen in
überprüft sowie mangelndes Verständnis für die soziale Situati- Hessen: Selbst die dortige von Roland Koch geführte CDU
on von Studierenden konterkarieren die Forderung nach einer * Walter Ulbricht über die politische Neustrukturierung der sowje- trägt die Wiederabschaffung der kürzlich eingeführten Ge-
demokratischen Gesellschaft und machen Engagement an der tischen Besatzungszone. bühren mit. Auch hier zeigte der beharrliche und konse-
Hochschule fast unmöglich. Ähnliches gilt übrigens für Profes- quente Protest der Studierenden Wirkung.
sor_innen und wissenschaftliche Angestellte: Auch sie ersticken 1 Vgl. Torsten Bultmann, Elite-Begabung-Exzellenz, in: Abstrakt Was in Hessen schon Realität ist muss in Baden-Württem-
geradezu in der durch die Bologna-Reformen ausgelösten Büro- negiert ist halb kapiert – Beiträge zur marxistischen Subjektwissen- berg noch erstritten werden. Aber auch hier solidarisieren
kratieflut mit der Folge, dass für die akademische Selbstverwal- schaft, Morus Markard zum 60. Geburtstag, Marburg 2008. sich Studierende und kämpfen für ihre Rechte. In Freiburg
tung kein Raum mehr bleibt. Stattdessen etabliert sich ein an der 2 Vgl. Umfrage zur Studierbarkeit an der HU-Berlin, Projektgruppe beteiligen sich mittlerweile fast die Hälfte aller Studieren-
Marktlogik ausgerichtetes Dienstleistungsunternehmen, welches Studierbarkeit, Berlin 2007, www.studierbarkeit.de. den an einem Studiengebührenboykott. Für Solidarität und
durch diktatorische Wissenschaftsmanager_innen geleitet wird, freie Bildung!
denen wirtschaftliche Verwertbarkeit das höchste Gut ist.
Mehr Info zum Boykott in Freiburg:
www.gebuehrenfreiburg.de
Fortsetzung von Seite 1 7
LEERE KASSEN IN DEN RUINEN VON BOLOGNA
HOCHSCHULEN IM REFORMWAHN möglichkeiten innerhalb des Studiums. Modularisierte Studien-
DER „BOLOGNA-PROZESS“ IM ÜBERBLICK
1999 verabschiedeten die Bildungsminister_innen der europä-
gänge bedeuten in erster Linie Verlust der Wahlfreiheit: Statt ischen Staaten in Bologna eine Erklärung. Die Erklärung be-
Die Berliner Universitäten sind trotz aller Rhetorik von „Exzel- eigene Schwerpunkte setzen zu können, werden vorbestimmte schwört „ein Europa des Wissens“ als „unerlässliche Vorausset-
lenz“ und „Reform“ seit Jahrzehnten chronisch unterfinanziert: Inhalte wiedergekäut. Auch der Wechsel ins Ausland ist – entge-
zung für gesellschaftliche und menschliche Entwicklung sowie als
100.000 Studierenden stehen derzeit 78.000 ausfinanzierte Stu- gen der erklärten Zielsetzungen des Bologna-Prozesses – deut-
unverzichtbare Komponente der Festigung und Bereicherung der
dienplätze gegenüber. Doch statt grundlegende Probleme an- lich verkompliziert worden. Gegenwärtig steht aufgrund der
Europäischen Bürgerschaft“. Unter diesem humanistischen Deck-
zugehen wird alle Energie in die Umsetzungen der Reformen unterschiedlichen BA-Studienordnungen sogar in Frage, ob ein
Studienortwechsel innerhalb Deutschlands möglich ist. Die neue mäntelchen verbirgt sich allerdings ein knallhartes neoliberales
im Rahmen des Bologna-Prozesses gesteckt. Dabei kann zum
Dichte an erforderlichen Prüfungsleistungen macht es vor allem Umstrukturierungsprojekt, das sich an den Leitbildern Mobilität,
gegenwärtigen Zeitpunkt bereits konstatiert werden, dass die
Bologna-Reformen gescheitert sind: „Der Bologna-Prozess für Menschen, die nicht Vollzeit studieren können, fast unmög- internationale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit
steckt in einer tiefen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise.“ lich überhaupt ein Studium zu absolvieren. Eine groß angelegte orientiert. De facto werden aus den Hochschulen Dienstleistungs-
urteilt der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Bern- Studie zum Thema „Studierbarkeit“ an der HU ergab gravie- unternehmen gemacht, in denen die wirtschaftliche Verwertbarkeit
hard Kempen. Der Mainzer Theologe Marius Reiser räumt auf- rende Probleme in den neuen Studiengängen. Die Autor_innen über allem steht. Wesentliche Akteure der Umstrukturierung sind
grund der Zumutungen des Bologna-Prozesses zum Ende des urteilen: „Die Ergebnisse belegen, dass kaum eines der Ziele der die Hochschulrektorenkonferenz und das Centrum für Hochschul-
Wintersemesters gar seinen Lehrstuhl und urteilt, dass „die Uni- Studienreformen erreicht wurde. Weder sehen die Studierenden entwicklung (CHE) der Bertelsmannstiftung. Mit methodisch fa-
versitäten sang- und klanglos ihrer Selbstauflösung entgegen- ihr Studium als flexibel genug an, noch vertrauen sie auf die denscheinigen Rankings und Evaluationen wurde eine Konkur-
arbeiten.“ Währenddessen lässt sich Dieter Lenzen, Präsident Berufsqualifikation des Bachelor. Es gibt große Zweifel an der renzsituation zwischen den einzelnen Hochschulen hergestellt,
der FU, völlig ungeniert von der Financial Times Deutschland Anerkennung der neuen Abschlüsse, die Zugangsbeschränkung welche sich daraufhin in ihrem Reformeifer gegenseitig überbo-
und dem wirtschaftsnahen Centrum für Hochschulentwicklung zum Master wird als Bedrohung bezüglich der eigenen Zukunft ten. Festgestellt werden kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass
(CHE) der Bertelsmannstiftung zum „Hochschulmanager des wahrgenommen. Mangelnde Betreuung, hoher Arbeitsaufwand die Reformen das Gegenteil ihrer Zielsetzungen erreicht haben:
Jahres“ küren und zeigt damit, wo seine Loyalitäten liegen. und sehr starre Studienverlaufspläne erschweren insbesondere Statt die Mobilität zu fördern, vergeben die Hochschulen nun lau-
Studierenden, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, Kinder ter halbgare Bachelor-Abschlüsse, die (anders als die anerkannten
Die „Reformen“ bilden derzeit einen kaum bezifferbaren Ko- haben oder chronisch krank sind das Studium. Die soziale Lage Magister- und Diplomabschlüsse) im Ausland oft nicht anerkannt
stenfaktor und tragen bundesweit zur Verschlechterung der der Studierenden droht mehr als zuvor über den individuellen
werden. Mehr noch: Durch das Gewirr an verschiedenen Studien-
Situation an den Hochschulen bei. Die wenigen vorhandenen Studienerfolg zu entscheiden. Diese Befunde sind nicht HU-
ordnungen sind selbst Wechsel innerhalb Deutschlands mit großen
Ressourcen werden von zunehmend selbstherrlich agierenden spezifisch oder nur auf die schlechte Umsetzung der Reform
Problemen verbunden. Auch die Qualität der Ausbildung hat durch
Uni-Präsidien in die Ausarbeitung neuer Studiengänge und zurückzuführen, sondern struktureller Natur.“
Verschulung und Modularisierung merklich nachgelassen.
Kontrollinstrumente gesteckt. Beides erzeugt einen unglaub-
lichen bürokratischen Wasserkopf: Die immens angestiegene Dieser Angriff auf die (relative) Autonomie des Studiums er-
Zahl von Prüfungen überfordert Studierende wie Prüfende. Den folgt in einer Zeit, in der auch ein universitärer Abschluss keine
Studis bleibt aufgrund des stark angestiegenen Workloads kaum Garantie auf einen festen Job mehr verspricht. Absolvent_innen
noch Zeit für Aktivitäten außerhalb von Studium und Erwerbs- hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, von Projektstelle
arbeit und die starren Studienpläne lassen keinen Raum für eine zu Projektstelle. Die „Generation prekär“ kann sich dabei von
flexible Gestaltung. Die Verwaltung erstickt in der neuen Flut sämtlichen sozialen Sicherheiten verabschieden, die für die Ge-
von auszustellenden Scheinen und der sinnfreien Überwachung neration der „Reformer_innen“ selbstverständlich waren. Für
(körperlicher) Anwesenheit. Um die Bürokratie kontrollieren zu die angehenden Akademiker_innen vollzieht sich damit das, was
können, werden weitere Bürokratieebenen aufgebaut: So wur- in anderen gesellschaftlichen Bereichen schon Realität ist: Der
de an der FU mit erheblichem Aufwand das sogenannte Cam- Anteil der lohnabhängig Beschäftigten am gesellschaftlichen
pusmangament, eine Software, in der zentral alle persönlichen Produktivitätszuwachs geht seit Jahrzehnten unablässig zurück.
Daten der Studierenden gespeichert werden, eingerichtet. As- Besonders betroffen sind die einkommensschwachen Schichten
pekte des Datenschutzes wurden dabei geflissentlich ignoriert. und die sogenannten „working poor“. Mit der zunehmenden
Angenehmer Nebeneffekt: Die Software ließe sich in Zukunft sozialen Ausgrenzung und der Verweigerung gesellschaftlicher
beispielsweise mit einer Chipkarte kombinieren, womit quasi Teilhabe wachsen aber auch Protest- und Widerstandsbewe-
alle Aktivitäten an der Uni aufgezeichnet werden könnten. Ein gungen: 2008 sorgten sowohl die Beschäftigten des Gesund-
besseres Überwachungs- und Disziplinierungsinstrument kann heitssystems wie die Schüler_innen mit Massenaktionen, an
sich das autokratischte Uni-Präsidium nicht wünschen. denen sich Hunderttausende beteiligten, für Aufsehen. Auch
Die emsigen Aktivitäten und das bewusstlose Vorsichhinrefor- im öffentlichen Dienst und im Einzelhandel kam es zu Streiks.
mieren in allen Bereichen täuschen dabei darüber hinweg, dass In Italien befinden sich derzeit Universitäten im Streik, die ge-
die eigentlichen Probleme wie beispielsweise das miserable Be- meinsam mit Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen
treuungsverhältnis Lehrende – Studierende nicht angegangen Gruppen gegen die Zusammenstreichung des Bildungssystems
werden. durch die faschistoide Berlusconi-Regierung Widerstand leisten.
In Griechenland lehnt sich die „Generation prekär“ auf. Die Zeit
UND DER ZONK GEHT AN... ist gekommen auch hier der neoliberalen Spar- und Umvertei-
lungspolitik offensiv entgegenzutreten und für gesellschaftliche
Die Studierenden bezahlen die Unterfinanzierung und den Re- Veränderung zu kämpfen.
formwahn mit deutlichen Einschränkungen bei den Gestaltungs- AK HoPo

DER VERGESSENE KAMPF UMS „POLITISCHE MANDAT“


Einer der ersten Prozesse zum politischen Mandat der Studierendenver- renden vertraten nun politisch unliebsame und kritische Meinungen, der Universitätsleitung wegen Untreue. Deren Ansicht nach würde die
tretungen befasste sich im Jahr 1968 mit der Solidaritätserklärung der welche aber im Zeitalter der Notstandsgesetze keinen Platz hatten. In Zahlung der Ordnungsgelder zweckmißbräuchlich sein, und somit wie-
Tübinger Studierendenvertretung an den AStA der FU Berlin, nachdem den 80er Jahren waren es Meinungsäußerungen zur Atompolitik, als der eine Überschreitung der Kompetenz bedeuten. Andererseits würde
der Student Benno Ohnesorg bei Studierendenprotesten gegen den Be- erstmals auch Gemeinden und Kommunen verklagt wurden. Schließ- die Zahlung des Geldes die studentische Infrastruktur sowie Arbeits-
such des Schahs von Persien erschossen worden war. Die lässige Stel- lich wurde in den 90er Jahren exzessiv zu kritischen Äußerungen über plätze über Jahre hinweg schmälern, wenn nicht sogar zerstören. Daher
lungnahme des Gerichts: „Nicht jeder Tod eines Studenten ist hoch- brennende Asylheime, die erste Beteiligung Deutschlands an einem wird das Gericht ersatzweise eine Ordnungshaft verhängen und zwar
schulbezogen.“ Damit wurde Studierendenparlamenten ein Maulkorb Angriffskrieg seit 1945 sowie einfach zu allem Unliebsamen, was je gegen Leute, die am ursprünglichen Stein des Anstoßes keinerlei An-
verpasst. Begründet wurde dies damit, dass Studierendenvertretungen eine Studierendenvertretung gesagt hat, geklagt. Und der Grund dafür? teil hatten. Verlierer sind auf jeden Fall alle Studierenden, egal welche
nicht befugt seien, zu allgemeinpolitischen Themen Stellung zu bezie- Die angeblich rechtsmißbräuchliche Ausübung des Politischen Man- politische Meinung sie vertreten mögen.
hen. Da die Verfassten Studierendenschaften eine Zwangskörperschaft dats und damit eine Verletzung der Allgemeinen Handlungsfreiheit
bildeten (bei der Immatrikulation werden alle Studierenden automatisch anderer Studierender. Aber auch der steigende Bekanntheitsgrad der Michael Lippa
Mitglied der VS und entrichten auch einen Beitrag), gelte das Politische Kläger_innen, der oft dabei half auf der politischen Karriereleiter ihrer (Bündnis für Politik und Meinungsfreiheit)
Mandat nur für Äußerungen, die direkt die Belange der Studierenden- jeweiligen Partei aufzusteigen, hat die Bereitschaft zur Klage erhöht.
schaft tangierten. Daher hätten Studierendenvertretungen Forderungen
und Stellungnahmen zu unterlassen, die nicht hochschulbezogen seien. Während der letzten Jahre ist der Kampf um das Politische Mandat
Die Probleme mit solch einer Kautschukdefinition liegen auf der Hand: bei den Studierenden weitestgehend aus dem Gedächtnis geraten.
Die Entscheidung darüber, wann eine politische Äußerung den Rahmen Schließlich haben die rechten Studierendengruppen wie der RCDS
der „Hochschulbezogenheit“ überschreitet, ist völlig willkürlich. Bei- oder Burschenschaften nur noch mäßig davon Gebrauch gemacht, Ver-
spielsweise könnte eine Äußerung über die Selektivität des deutschen fasste Studierendenschaften aufgrund von unliebsamen Meinungsäu-
Bildungswesens, die bereits im Kindergarten beginnt und an der Hoch- ßerungen zu aktuellen politischen Themen zu verklagen. „Diese Zeiten
schule endet, unter Verweis auf diese Entscheidungen kriminalisiert sind zum Glück vorbei“ denken viele, doch kehren sie stets zurück.
werden. Im übrigen haben die Urteile auch Auswirkungen auf andere Denn der (vergessene) Kampf um das Politische Mandat hat im Jahr
Selbstverwaltungskörperschaften wie Gemeinden und Kommunen, die 2009 zumindest an der Humboldt-Universität wieder an Bedeutung
ebenfalls fürchten müssen, verklagt zu werden. gewonnen. Die letzten Auswirkungen der Klageexzesse der 90er Jah-
re werden spürbar. Die Kläger_innen verlangen die Zahlung der im
Waren zunächst in der Bundesrepublik politische Meinungsäußerungen Jahr 2000 verhängten Ordnungsgelder, wozu das Gericht die Studie-
von Studierenden bis in die 50er Jahre stets willkommen, änderte sich rendenschaft zum Jahreswechsel aufforderte. Fügt sich die Studieren-
das Rasch mit den Studierendenrevolten der 60er Jahre. Die Studie- denvertretung dem Urteil des Gerichts, so droht eine Anzeige seitens
Bildungsstreik Berlin: www.bildungsstrei

LINKS
k-berlin.de
Asten in Berlin Bündnis für Politik und Meinungsfreiheit:
www.pm-buendnis.de
und Potsdam: Bildungsblockaden einreissen: www.schu
laction.org
FU: www.astafu.de Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (AB
S): www.abs-bund.de
HU: www.refrat.de Bund demokratischer WissenschaftlerInn
en (BdWi): www.bdwi.de
TU: asta.tu-berlin.de Bundesweite Seite für den Bildungsstreik
2009: www.bildungsstreik2009.de
ASFH: asta.asfh-berlin.de Reflect! - Assoziation für politische Bildung
und Gesellschaftsforschung: www.reflect-o
Uni Potsdam: www.asta Rosa-Luxemburg-Stiftung: www.rosalux.d nline.org
.uni-potsdam.de e
TFH: public.tfh-berlin.de Bundeskoordination Internationalismus (BU
/~asta KO): www.buko.info
FHTW: students-fhtw.de Interventionistische Linke (IL): www.daz
wischengehen.org
UdK: www.asta-udk-berl
in.de
EFB: www.efb-stupa.de/
stupa
KHSB: www.khsb.de
KHB: www.kh-berlin.de
HFM: www.hfm-berlin.de
/AstA.html
FHW: asta.fhw-berlin.de

4.2. | 14 Uhr Info-Vollve


TERMINE
rsammlung zum
Bildungsstreik an der HU
6.-8.2. Proteste gegen die
NATO-Sicherheitskonfe-
renz in München www.sic
herheitskonferenz.de
9.2. | 18.30 Uhr Treffen
der Berliner Koordinieru
zum Bildungsstreik www. ng
bildungsstreik-berlin.de
10.2. | 16 Uhr Vorbereitun
gstreffen zum Bildungs-
streik an der FU Berlin ww Studierbarkeitsumfrage der
10.2. Demonstration gege w.astafu.de AG Studierbarkeit an der HU:
n den 12. Europäischen Umfangreiche Befragung an der HU
Polizeikongress in Berli
n euro-police.noblogs.o zur Studiensituation, insbesondere in
14.2. „Dresden Geh Denk rg
en“ – Europas größten Na den neuen Studiengängen BA/MA.
ziaufmarsch stoppen ww -
2.3. | 18.30 Uhr Treffen w.geh-denken.de Abrufbar unter: www.studierbarkeit.
der Berliner Koordinieru de
zum Bildungsstreik www. ng
bildungsstreik-berlin.de
23.3. | 18.30 Uhr Treffen
der Berliner Koordinieru
zum Bildungsstreik www. ng
bildungsstreik-berlin.de
28.3. | 12 Uhr Bundesw
eite Demonstrationen in iver-
lin und Frankfurt: „Wir Ber- ( H g .): Un er
zahlen nicht für eure Krise FU h. D
Für eine solidarische Ge ! AStA U mbruc kt und
sität i m r
sellschaft!“ ngsma
u r e
www.kapitalismuskrise. e Bild tion d
3.-4.4. Widerstand der zw org global ransforma ngener
ei Ufer: Aktionen gegen die T len: Gelu
NATO-Gipfel in Straßbo de n chu wich-
urg / Baden Baden Hochs ick über die ter-
l n
natogipfel2009.blogsport Überb litischen Hi ik.
1.5. Berliner Mayday-Para .de t e n p o g s s tre
de gegen Prekarisierung. tigs B i ldun r:
gründe
zu m ar unte
berlin.euromayday.org Abrufb inhalte/
de/
21.-24.5. Bundeskongre
ss Internationalismus w w w . astafu. umbruch
(BUKO) in Lüneburg mi
t Schwerpunkt zum Them fu60: gegendarstel- http:// ionen/hopo/
at
a publik
Bildung. www.buko.info lungen: Eine andere Per-
15 .-19.6. Bundesweiter Bi spektive auf die Geschichte
ldungsstreik der Freien Universität,
www.bildungsstreik2009 geschrieben aus der Sicht
.de
der Studierenden, nicht eines KRIEGSFORSCHUNG
IN DEN SOZIALWISSENSCHAFTEN:
selbstherrlichen Präsidiums.
Abrufbar unter: http://www.
astafu.de/inhalte/publikati-
DER SFB 700 AN DER FREIEN UNIVERSITÄT
onen/sonstiges/fu60/ Seit 2006 existiert der Sonderforschungsbereich
(SFB) 700, „Governance in Räumen begrenzter
Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens?“, an der
FU. Inhaltlich beschäftigt sich das Forschungspro-
jekt mit der Frage, wie politische Gemeinwesen in

STELL DIR VOR ES IST KRIEG UND DEINE HOCHSCHULE


zerfallen(d)en Staaten außerhalb der OECD-Welt
überhaupt Governance-Leistungen in den Be-
reichen Herrschaft, Sicherheit und Wohlfahrt er-
bringen können.

MACHT MIT!
Im Bundeshaushalt sind im Etat des Ministeriums für Verteidigung jedes Jahr zung und Not wachsen täglich. In den letzten Monaten ist Kritik am SFB laut ge-
mehr als eine Milliarde Euro für die Grundlagenforschung und die Entwick- worden. Diese richtet sich einerseits das Auftreten
lung zukünftiger Rüstungstechnologien vorgesehen. Der größte Teil dieser Widerstand gegen Militarisierung und des SFB in der Öffentlichkeit. So forderte beispiels-
Gelder fließt als Drittmittel an die Hochschulen, die dann Wissenschaft zur Krieg muss deshalb auch an den Hochschulen aufgebaut werden. Anstelle von weise Thomas Risse (Sprecher des SFB) unter Ver-
Vorbereitung und Ausweitung von Kriegen betreiben. Eine Anfrage der LIN- Hochschulen, die Krieg und Rüstung unterstützen, braucht eine friedliche Ent- weis auf die Forschungsergebnisse des SFB eine
KEN im Bundestag hat eine erste Übersicht zu den beteiligten Hochschulen wicklung die Unterstützung von Hochschulen, die dem Frieden verpflichtet Beteiligung der Bundeswehr an Kampfeinsätzen in
und Fachgebieten erbracht. Die Liste ist lang: Aus fast allen Bundesländern sind. Dazu muss nicht nur der Stopp der Rüstungsforschung an den Hochschu- Afghanistan (SZ vom 8.2.08). Aber auch das For-
sind Hochschulen aufgeführt. Zentraler Schwerpunkt ist die wehrmedizinische len durchgesetzt werden, zugleich müssen auch die Verstrickungen der Hoch- schungsdesign wird zum Teil scharf kritisiert: Das
Forschung, aber auch die wehrtechnische Forschung an den naturwissenschaft- schulen mit Bundeswehr und Rüstungsindustrie aufgedeckt werden. Hierzu Frageinteresse richtet sich einzig darauf, wie mög-
lichen Fakultäten. Hinzu kommen Forschungsprojekte zu nichttechnischer mi- gehören sowohl personelle Überschneidungen von Lehrpersonal mit der Rü- lichst effektiv durch militärische und zivile Eingriffe
litärischer Forschung etwa in der Psychologie, der Politikwissenschaft oder stungsindustrie als auch Lehrveranstaltungen, die den Krieg ideologisch un- Herrschaftsstrukturen westlichen Vorbilds etabliert
der Orientalistik. termauern. Die von der Bundeswehr unterstützten „Military Studies“ an der werden können. Das Vorgehen ist ahistorisch, be-
Universität Potsdam oder die als „Raketen-Moni“ bezeichnete - weil aus der zieht die Gegebenheiten vor Ort nur unzureichend
In Berlin ist die Technische Universität ganz vorne bei der Rüstungsforschung Rüstungsindustrie kommende - Präsidentin der Hamburger Universität sind mit ein und nimmt kritikfrei die Perspektive west-
mit dabei. Von 2000 bis 2003 flossen rund 200.000 Euro für wehrmedizinische zwei ganz besonders offensichtliche Beispiele für eine Situation, die in der licher militärischer Großmächte ein.
Forschung an die Hochschule; in 2005 und 2006 rund 300.000 Euro für wehr- deutschen Hochschullandschaft leider keine Seltenheit ist.
technische Forschung. Das ist besonders skandalös, da in der Hochschulsat- Die Funktion des SFB 700 besteht darin, Legitima-
zung eigentlich eine Friedensklausel verankert ist, die Militärforschung und Auch müssen die Aktivitäten der Bundeswehr an den Hochschulen aufgedeckt tion für Kriege zu erzeugen. Daraus lässt sich nur
Rüstungsaktivitäten untersagt. Sowohl die Technische Universität als auch die werden, die vor allem von Jugendoffizieren vorangetrieben werden. In Berlin eine Konsequenz ziehen: Eine Wissenschaft, die
Freie Universität erhalten zudem Gelder aus dem Programm „Forschen für gehört beispielsweise die Universität der Künste zu den Hochschulen, zu de- sich in den Dienst des Krieges stellt, gehört abge-
zivile Sicherheit“ der Bundesregierung, mit der auf die neuen Gefahren – etwa nen nach Auskunft der Bundesregierung „erfreulich intensive Kooperationen“ schafft!
„terroristische Bedrohung“ – reagiert werden soll. zu den Jugendoffizieren unterhalten werden. Unter anderem hat dies zur Fol-
ge, dass für Studierende hier regelmäßig das Militär-Lernspiel Pol&IS (Politik „Failing Sciences,
All diese Forschungsprojekte finden ihre Anwendung direkt im Krieg. Sie & internationale Sicherheit) angeboten und im Rahmen von Lehrveranstal- Embedded Stakehol-
dienen dazu, den Krieg ideologisch zu legitimieren, neue Kriegsstrategien zu tungen durchgeführt wird. ders, Wider den SFB
entwickeln und die technischen Möglichkeiten der Intervention zu verbessern. Eine Wissenschaft, die umfassend dem Frieden verpflichtet ist, wird in der 700“. Broschüre gegen
Ohne Übertreibung muss deshalb festgestellt werden, dass die Hochschulen kapitalistischen Gesellschaft zwar eine Illusion bleiben, aber der Kampf gegen die Militarisierung der
einen erheblichen Beitrag für die Militarisierungspolitik der Bundesregierung die militärischen Verstrickungen der Hochschulen trägt entscheidend dazu bei, Freien Universität in
und der NATO leisten. Wohin diese Politik führt, zeigt sich unter anderem an für eine friedliche Welt zu einzutreten! Berlin. Abrufbar unter:
der Situation in Afghanistan. Immer mehr Tote sind zu beklagen, die Bundes- tinyurl.com/cj3dw9
wehr hat das Land nicht aufgebaut, sondern weiter zerstört, Elend, Ausgren- Nele Hirsch (bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag)