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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 25.9.2008 24. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Köln. Schon in der Woche vor


dem Kongress war klar: ihren sog.
Anti-Islamisierungskongress so
durchzuziehen wie geplant, würde ange-
sichts der Gegenmobilisierung schwer
für „pro Köln“. Tag für Tag berichteten
sämtliche Kölner Zeitungen über weitere
Aktionen und veröffentlichten Stellung-
nahmen gegen das europäische Rassis-
tentreffen. Kaum eine Institution, Orga-
nisation in Köln, die nicht Stellung be-
zog. Ganzseitige Anzeigen mit Aufrufen
zur Beteiligung an den Protesten erschie-
nen sowohl im Kölner Stadt-Anzeiger als
auch im Boulevard-Blatt Express. Am
Freitag riefen noch einmal Prominente
aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport
dazu auf, sich den Demonstrationen an-
zuschließen.
Aktionen begannen schon am
Freitag Demonstration des Bündnis „Köln stelllt sich quer Fotos: www.arbeiterfotografie.com

Für den Freitag hatte „pro Köln“ eine


Pressekonferenz mit anschließender
Stadtrundfahrt durch „Problemviertel“
Eine Stadt stellte sich quer!
geplant. Für die Pressekonferenz war die Zigtausende verhinderten Rassistentreffen
Bezirksvertretung Nippes angewiesen
worden, Räume zu stellen, aber Bernd Gäste nicht ab, sie haben den Vertrag ge- den Reden gehalten, Musik gemacht,
Schössler, Bezirksbürgermeister, rief zu kündigt. Die Polizei verbietet die geplan- Wirte bringen Tee.
einer Sondersitzung der Bezirksvertre- te Tour durch Kölner Stadtteile (laut „pro Abends findet ab 19 Uhr in der Innen-
tung auf. Angesichts der vielen Men- Köln“ „Problemviertel“) und empfiehlt, stadt eine Demonstration aus dem Spek-
schen, die sich frühmorgens am Bezirks- Taxis zu bestellen, um wegzukommen. trum autonomer antifaschistischer Grup-
rathaus einfanden, fand eine Kundge- Die Kölner Taxifahrer sind informiert pierungen statt, an der sich ca. 1000
bung unter freiem Himmel statt. „pro und meiden weiträumig den Bereich Menschen beteiligen.
Köln“, so hieß es, werde jetzt im Be- Zoobrücke/Konrad-Adenauer-Ufer. Zi- weiter Seite 8
zirksrathaus Rodenkirchen die Presse- vilpolizei bringt schließlich die
konferenz durchführen. Rechten zu ihrem Hotel, wo ih-
Auch da warteten bereits empörte Köl- nen aber inzwischen die Zimmer
nerinnen und Kölner auf sie und vor- gekündigt wurden.
sichtshalber hatte man auch schon ein In den „Problemvierteln“
Schiff geordert, die „Moby Dick“ der können die vielen Menschen,
Bonner Personenschifffahrt. Fluchtartig die sich auf den Empfang der
begab man sich dorthin und legte ab, die rechten Truppe vorbereitet hat-
englische Delegation und auch zahlrei- ten, ihre Aktionen beenden.
che Journalisten schafften es nicht mehr Allein 500 finden sich in Eh-
an Bord zu kommen. Dann begann eine renfeld vor der Moschee ein,
mehrstündige Irrfahrt über den Rhein. türkische und deutsche Anwoh-
Wo „pro Köln“ anlegen wollte, da war ner, aber z.B. auch Alt-Oberbür-
schon jemand! Erst gegen 15.30 Uhr legt germeister Norbert Burger, die
das Schiff am Anleger Zoobrücke an. Die Kölner SDP-Bundestagsabgeor-
bestellten Busse holen „pro Köln“ und dete Lale Akgün, der Kölner Po-
lizeipräsident Klaus Steffenha-
gen und auch der nordrhein-
Aus dem Inhalt: westfälische Integrationsminis-
ter Armin Laschet (CDU). Eine
Volksverhetzer im Vorstand . . . . . 5 Menschenkette wird rund um
60 Jahre NATO - 60 Jahre zu viel. . 10 die Moschee gebildet.
Ohne Papiere, aber In Mülheim sind es zeitweise
voller Hoffnung . . . . . . . . . . . . . . . . 13 100 Menschen, die auf den „pro
Köln“-Bus warten, spontan wer- Alle Zugänge zum Heumarkt sind dicht
: meldungen, aktionen
Rudolf Jindrak, gehören. Neben dem Po-
litologen Prof. Dr. Gerd Langguth und
dem ehemaligen wissenschaftliche Lei-
ter des Forschungsverbund SED-Staat,
Dozent auf Abwegen auf Esens im September 1943, bei dem Prof. Dr. Manfred Wilke, soll auf dem
Linnich/Kreis Düren. Der Historiker 165 Menschen starben. von der „Stiftung Aufarbeitung“ geför-
Dr. Mario Kandil wirkte bislang als Do- Treffen will sich die DVU um 10.45 derten Kongress auch Prof. Dr. Klaus
zent u.a. an den Volkshochschulen in Dü- Uhr vor dem Friedhof. Kontaktadresse Motschmann als Referent auftreten.
ren und Aachen. Dort hielt er Vorträge für den Aufruf, der u.a. in der „Deut- Motschmann ist langjähriger Autor der
über den „Abstieg der bundesdeutschen schen Nationalzeitung“ abgedruckt wur- rechten Berliner Wochenzeitung „Junge
Parteiendemokratie“ oder „Die Affäre de, ist der langjährige DVU-Aktivist Ri- Freiheit“. 1983 fand sich Motschmanns
Guillaume – das Ende der Ära Brandt“. chard Carls (Saterland). Name unter einem Aufruf „An die Regie-
Im Jülicher „Hotel Kaiserhof“ referierte Auch Aktivisten der „Autonomen Na- renden“ wieder, in dem es u.a. heißt:
Kandil beim Förderverein „Festung Zita- tionalisten Ostfriesland“ hatten bislang „Wir fordern sie auf, die Ausländer
delle Jülich“ über die Spekulationen um an der Gedenkfeier teilgenommen. heimzuführen, damit sie ihren Völkern
die Todesursache Napoleons und auch Unterdessen mehrt sich die Kritik an erhalten bleiben, anstatt sie hier zu assi-
bei der „Preußischen Tafelrunde“ der der Stadt Esens bezüglich des Umgangs milieren, zu integrieren, zu „germanisie-
„Landsmannschaft Ostpreußen“ in Köln mit dem alljährlichen rechten Treiben. ren“. Helfen Sie ihnen in ihrer Heimat
war Kandil schon eingeladen. Die Argumentation der Stadt „sei sub- nach dem Grundsatz: „Maschinen zu den
Ende August sollte der Linnicher auf stanzlos, ausgezehrt, defensiv bis zur Menschen, nicht aber Menschen zu den
einer „Zeitgespräche“-Tagung der ein- Gleichgültigkeit, politisch entkernt und Maschinen!“. In den 90er Jahren gehörte
schlägig rechten Verlage „Druffel & Vo- rhetorisch schwach“, beklagt ein Leser- Motschmann dem „Förderkreis Gerhard
winckel“ als Redner zum Thema „Der briefschreiber in der lokalen Zeitung. Kaindl“ an. Der 1992 bei einer gewaltsa-
Vertrag von Brest-Litowsk – Zwischen- Auch unter den Urlaubsgästen in der Re- men Auseinandersetzung ums Leben ge-
spiel oder neue Ordnung für Osteuropa gion macht sich Unmut breit. „Zur Reak- kommene Kaindl war Funktionär der
?“ auftreten. Das „8. Erlebnis-Wochen- tion der Stadtoberen kann ich nur sagen“, neofaschistischen „Deutschen Liga für
ende Geschichte“, das die geschichtsre- so ein Gast, „Esens als Nazi-Biotop“ ist Volk und Heimat“. Der in Schweden le-
visionistische Zeitschrift „Deutsche Ge- für uns Urlauber auch nicht mehr sonder- bende rechte Publizist Ulrich Schacht,
schichte“ mit Sitz im bayrischen Inning lich attraktiv“. hma ■ ebenfalls Autor in der „Jungen Freiheit“,
ausrichtet, fiel aufgrund der Intervention soll an einer Podiumsdiskussion auf dem
von AntifaschistInnen erst einmal aus. Sachs statt Miegel Kongress teilnehmen. Als Leserbrief-
Bereits im vergangenen Jahr hatte Kandil schreiber in der „Jungen Freiheit“ tat
auf dem „7. Erlebnis-Wochenende“ des Heiden. In Heiden bei Borken ist die sich auch Dr. Detlef Gojowy hervor, der
Verlags in Potsdam über das „Goldene Agnes-Miegel-Straße in Nelly-Sachs- zu einem Vortrag „mit Klangbeispielen“
Zeitalter der Kunst“ im kaiserlichen Straße umbenannt worden. Mitglieder erwartet wird. Eine „kritische Analyse“
Deutschland gesprochen. von „Bündnis 90/Die Grünen“ hatten des Erbes der 68er Bewegung in der heu-
In einem Bericht über die Tagung auf eine Initiative von Anwohnern aufgegrif- tigen Gesellschaft soll die Publizistin
der Webseite von Verlagschef Gert Sud- fen, die die enge Verstrickung der Dich- Bettina Röhl beisteuern. Die hatte sich in
holt, ehemals Vorsitzender der neofa- terin mit dem Naziregime moniert hat- der Vergangenheit als Autorin u.a. in der
schistischen „Gesellschaft für freie Pu- ten. Als man 1991 die Straße nach Mie- „politisch unkorrekten“ Zeitschrift
blizistik“ (GfP), wird Kandil als „ständi- gel benannt habe, „sei offenbar nicht be- „Campo de Criptana“ und dem
ger Mitarbeiter“ der Zeitschrift „Deut- kannt gewesen, dass die Dichterin eine „Deutschland-Magazin“ der rechtskon-
sche Geschichte“ bezeichnet. Dort fin- bekennende Verehrerin nationalsozialis- servativen „Deutschland-Stiftung“ ver-
den sich Kandils Texte neben Beiträgen tischen Gedankenguts gewesen sei“, so sucht. Der Projektleitung des Kongresses
von Andreas Molau, Pressesprecher der die „Borkener Zeitung“. Im Juni stimm- gehört Siegmar Faust an. Der „Kulturbe-
NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg- ten die Vertreter aller Parteien im Ge- auftragte“ der UOKG war Autor in den
Vorpommern und amtierender Vorsitzen- meinderat der Namensänderung zu. Die verschiedensten einschlägig rechten Pu-
der der „GfP“ und Rudolf von Ribben- neuen Straßenschilder wurden bereits blikationen. 1987 war Faust als Referent
trop, dem Sohn des früheren Nazi- angebracht. hma ■ beim neofaschistischen „Deutschen Kul-
Reichsaußenministers, der der Zeit- turwerk Europäischen Geistes“ (DKEG)
schrift „Der Freiwillige“ entnommen ist, Gute 68er – Böse 68er in pfälzischen St. Martin aufgetreten.
die von ehemaligen Angehörigen der Faust hatte sich auch mit dafür einge-
Waffen-SS gegründet wurde. Berlin. Am 11. und 12. Oktober will die setzt, das eine ehemalige Aufseherin ei-
Von der Dürener Antifa mit diesen In- „Union der Opferverbände kommunisti- nes Außenlagers des KZ Ravensbrück
formationen konfrontiert, erklärte der scher Gewaltherrschaft“ (UOKG) im 1994 eine beachtliche Entschädigung für
Dürener VHS-Leiter Horst Bertram am Berliner Rathaus am Alexanderplatz ei- ihre „erlittene“ Haft in der DDR erhalten
vergangenen Dienstag: „Wir werden die- nen Kongress unter dem Motto „1968 – hatte. hma ■
sen Vorwürfen nachgehen und den Histo- ein Jahr der Weichenstellung. Freiheits-
riker bis zur Klärung des Sachverhalts bestrebungen im Osten – Dogmatismus Einweihung des neu gestal-
nicht mehr als Referenten einsetzen.“ im Westen?“ durchführen. Dabei wollen
hma ■ die Veranstalter „die Differenz zwischen teten Denkmals für die
dogmatischen linken Denkkonstruktio- Opfer des Wiesnattentats
DVU-Gedenken in Esens nen in den Reihen der westlichen Stu- München. Am Freitag, den 12.9.2008
dentenbewegung und dem Streben nach wurde das neu gestaltete Denkmal für
Esens. Erneut mobilisiert der DVU- Selbstbestimmtheit und Demokratie im die Opfer des rechtsextremen Bomben-
Kreisverband Ostfriesland zu einem Osten“ diskutieren und das Erbe der anschlags vom 26.9.1980 eingeweiht.
„stillen Gedenken mit Kranzniederle- 68er Bewegung in der heutigen Gesell- Mit dieser Einweihung kommt ein Pro-
gung“ am 27.9. auf den Friedhof der schaft beleuchten. Zu den Eröffnungs- jekt zum Abschluss, das die Grünen vor
Stadt Esens. Anlass ist der Jahrestag des rednern der Konferenz soll u.a. der Bot- über drei Jahre initiiert und intensiv be-
„Terror-Bombenangriffs“, so die DVU, schafter der Tschechischen Republik, Dr. gleitet haben.

2 :antifaschistische nachrichten 19-2008


Siegfried Benker, Fraktionsvorsitzen- se 120 Besucher(innen) teilnahmen, massenhaften Einwanderung von Musli-
der: „Nach den Gedenkveranstaltungen reichlich. Vor allem das einleitende Refe- men sowie die von beiden Seiten mit
zum 25. Jahrestag des Bombenanschla- rat der Soziologin Dr. Karin Priester (Uni großen Problemen behafteten Versuche
ges 2005 habe ich für die Grüne Stadt- Münster) mit dem Thema „Populismus der Integration des Islam in die zumeist
ratsfraktion den Antrag gestellt, das als Protestbewegung“ enthielt eine Men- christliche Mehrheitsgesellschaft dar.
Denkmal würdiger zu gestalten und ge an Informationen und Diskussions- Kritisch sei angemerkt, dass er sich in
deutlicher an die Opfer zu erinnern. stoff. In 15 Thesen spürte sie den Zusam- erster Linie auf den religiösen Bereich
Nach mehrjähriger Debatte ist es gelun- menhängen zwischen der Legitimations- beschränkte. Die Tendenz von (nicht nur)
gen, hierfür eine überzeugende Umset- krise der bürgerlichen Parteien (in die- rechten Islamkritikern, Probleme, die in
zung zu erhalten. sem Fall vor allem von CDU und CSU), erster Linie soziale Ursachen haben reli-
Das Denkmal zeigt jetzt die Wucht dem darauf beruhenden Abbröckeln von giös oder kulturell aufzuladen, um damit
und die Gewalt dieses Anschlages. Es deren rechten Rändern und dem Zusam- rassistische Hetze zu betreiben, spielte
vermittelt durch die zerfetzte Außenhülle menhang zwischen Rechtskonservatis- nur eine untergeordnete Rolle.
und die im Boden eingelassenen Eisen- mus und Rechtsextremismus nach. Als Vier Arbeitsgruppen deckten die ge-
fetzen wenigstens etwas von der zerstö- „rechtspopulistisch“, einem Attribut, samte Spannweite des Themas ab und er-
rerischen Gewalt der Explosion. Dieses dass Gruppen wie pro Köln oft verliehen brachten qualitativ recht unterschiedli-
Denkmal wird auch zur Wiesnzeit wahr- wird und mit dem diese sich gerne che Ergebnisse. Eine Podiumsdiskussi-
genommen werden – im Gegensatz zur schmücken, bezeichnete Frau Dr. Pries- on, an der Bekir Alboga (DITIB), Dr.
bisherigen „oktoberfestkombatiblen“ ter vor allem deren Technik der politi- Micha Brumlik (Universität Frankfurt),
Gestaltung, die die Wiesnbesucher nicht schen Aktivitäten. Inhaltlich geht es nach der Theologe Dr. Thomas Naumann
stören konnte. Das neue Denkmal setzt ihrer Auffassung um knallharte Rechts- (Universität Siegen) und der Wiener Au-
ein unübersehbares Zeichen des Erin- politik, um ein neues Standbein von Leu- tor Robert Misik teilnahmen, schlossen
nerns am Haupteingang. ten, die keinerlei Berührungsangst mit die Tagung ab.
Wichtig ist auch, dass die Namen der offen neonazistischen Gruppierungen Dabei zeigten sich insbesondere Albo-
Opfer jetzt deutlich hervortreten. Durch haben, im bürgerlichen (im soziologi- ga und Brumlik als Meister in der Kunst
eine ergänzende Erläuterungstafel, weni- schen Sinn) Lager. Demokrat(inn)en hät- der Diplomatie: Während der eine nicht
ge Meter vom Denkmal entfernt, wird ten die Aufgabe, die angeblichen Bürger- einräumen wollte, dass auch die DITIB
demnächst auch endlich auf den rechts- bewegungen zu bekämpfen und die Fehler vor allem bei der Öffentlichkeits-
extremen Hintergrund des Anschlages „schweigende Mehrheit“, deren Stimme arbeit gemacht habe, kritisierte der ande-
hingewiesen. Ich bin froh, dass sich nach Rouhs & Co. sein wollten, zurück zu ge- re die islamfeindlichen und dem Rassis-
langer Debatte eine große Mehrheit im winnen. mus Vorschub leistenden Ausfälle Ralf
Rathaus unserer Initiative angeschlossen Die Veranstalter kündigten an, die Bei- Giordanos, ohne ihn allzu hart anzufas-
hat.“ träge der Tagung in schriftlicher Form zu sen. tri ■
www.siegfried-benker.de,München ■ veröffentlichen – für Linke wird es sich
mit Sicherheit lohnen, Priesters Argu- Demonstration für
Pro Köln: Rechtsextrem mente zu durchdenken und zu diskutie-
ren. Nationales Jugendzentrum
oder rechtspopulistisch? Als zweiter Referent befasste sich Dr. Königs Wusterhausen. Für den 4. Ok-
Köln. „Feindbild Islam – Rechtspopu- Michael Kiefer mit dem Thema „Islam tober 2008 rufen NPD und die ,,Freien
listische Kulturalisierung des Politi- und Integration – Versäumnisse, Barrie- Kräfte KW“ unter dem Motto ,,Jugend
schen“ – wenn eine Veranstaltung einen ren und Entwicklungsmöglichkeiten“. Er braucht Perspektive – hier und jetzt!“ zu
solch sperrigen Titel trägt, überdies als stellte die gut 40-jährige Geschichte der
„Fachtagung“ angekündigt wird
und noch dazu ganztägig an ei-
nem Samstag stattfindet, liegt die
Vermutung nahe, dass es sich um
ein Treffen weniger Spezialist
(inn)en handelt. Nichts aber wäre
falscher als das genannte Vorurteil.
Im Gegenteil, die Veranstalter, die
Kölner „Info- und Bildungsstelle
gegen Rechtsextremismus“ und
die „Arbeitsstelle Neonazismus“
an der Fachhochschule Düssel-
dorf, hatten den Nerv so vieler
Menschen getroffen, dass der
Raum in der Volkshochschule
nicht ausreichte und sogar Interes-
sent(inn)en abgewiesen werden
mussten. Das war zu einem klei-
nen Teil sicher auch den Rassisten
von pro Köln zu verdanken, die
mit der großspurigen Ankündi-
gung eines „Antiislamisierungs- Wegsehen ist Zustimmung! Kreatives Basteln in Hassfurt
kongresses“ schlagend bewiesen In Hassfurt haben sich Unbekannte, kreativ mit den Wahlplakaten rechter Parteien auseinander gesetzt. NPD und
hatten, wie nötig es ist, sich auch Republikaner Parolen, die derzeit überall wegen der bevorstehenden Landtagswahlen in Bayern zu sehen sind,
wurden dazu verwendet, um einen Schriftzug zu basteln. Der Duktus lautet: „Wegsehen ist Zustimmung“. Die
inhaltlich mit ihrer Demagogie zu „Künstler“ haben die Buchstaben aus den Plastiktafeln herausgeschnitten, an einem dünnen Seil befestigt und vor
beschäftigen. dem Nebeneingang des alten Rathauses am Marktplatz befestigt. Seither ist das „Kunstwerk“ dort zu bestaunen.
Gelegenheit dazu bot die Ver- Viele Passanten haben bereits reges Interesse gezeigt. nachrichten&standpunkte schweinfurt ■
anstaltung, an der schätzungswei-

: antifaschistische nachrichten 19-2008 3


einer Demonstration in Königs Wuster- Grund genug, es nochmal zu versu- bensmittel, ein Pferd und ein Fuhrwerk
hausen auf. chen: ,,Kein Naziaufmarsch in Königs auf einem Bauernhof beschlagnahmten.
Hinter der Parole steht wieder einmal Wusterhausen!“ Werdet aktiv, bildet Ak- Der Kommandeur des Bataillons befahl
der Wunsch der Neonazis nach einem tionsgruppen und legt los, um diesen gemeinsam mit dem Angeklagten einen
,,Nationalen Jugendzentrum“, ein ,,Ju- Aufmarsch zum Desaster zu machen! Vergeltungsschlag, der am folgenden
gendzentrum“ natürlich nur für ,,Natio- Achtet auf weitere Ankündigungen Tag ausgeführt wurde. Zunächst wurden
nale“, sprich ,,Deutsche“. Ein „nationa- unter www.aakw.de.vu eine 74-jährige Frau und drei Männer er-
les Jugendzentrum“ forciert dabei den Quelle: Autonome Antifa Königs schossen, die den Soldaten zufällig be-
Ausschluss von Menschen, die nicht in Wusterhausen ■ gegneten. Anschließend wurden elf Män-
das Weltbild der Neonazis passen. Im ner festgenommen, die man in Falzano in
Klartext geht es den Nazis um einen Kundgebung zum Prozess einem Bauernhaus zusammenpferchte.
Raum zur ungestörten Agitation und Dem Urteil zufolge wurde das Haus mit
Schulung von rechtsradikalem Nach- gegen Josef Scheungraber Dynamit in die Luft gesprengt. Zehn
wuchs. in München am 15.9.08 Männer im Alter zwischen 16 und 66
Bereits im Oktober letzten Jahres mar- München. Zum Beginn der Hauptver- Jahren starben in den Trümmern. Ein da-
schierten 300 Neonazis mit der Forde- handlung gegen Josef Scheungraber, mals 15-jähriger Junge überlebte das
rung nach einem ,,Nationalen Jugend- ehemaliger Wehrmachtsleutnant, Mit- Blutbad.
zentrum“ durch die 30.000 EinwohnerIn- glied des Kameradenkreises der Gebirgs- Gebirgsjägerkamerad Scheungraber
nen Stadt. Ermöglicht wurde ihnen dies truppe e.V. und Träger von dessen „Gol- kann sich für den Strafprozess in Mün-
von einem Großaufgebot der Polizei, die dener Ehrennadel“, veranstaltete der AK chen auf die vorbehaltlose Unterstützung
mit 800 BeamtInnen ,,im Einsatz“ war, Angreifbare Traditionspflege am 15. des Kameradenkreises der Gebirgstruppe
um den Neonazis in letzter Konsequenz September 2008 um 8 Uhr eine Kundge- e.V. verlassen. Dieser zählt etwa 6.000
die Straße frei zu prügeln. So wurden bung vor dem Landgericht München. In Mitglieder, darunter ca. 2.000 ehemalige
mehrere Sitzblockaden aufgelöst, sowie der Pressemitteilung des Arbeitskreises Wehrmachtsoldaten. Er darf auch den
79 GegendemonstratInnen am Rande an- Angreifbare Traditionspflege heißt es bayerischen Ministerpräsidenten a. D.
tifaschistischer Gegenaktivitäten in Poli- dazu: Stoiber, den derzeitigen Chef der Füh-
zeigewahrsam genommen. Trotzdem „Der AK Angreifbare Traditionspflege rungsakademie der Bundeswehr, Löser,
kam es zu einer Reihe erfolgreicher Ak- nimmt die Eröffnung des Hauptverfah- sowie den amtierenden Staatssekretär
tionen gegen TeilnehmerInnen des neo- rens wegen 14-fachen Mordes gegen den im Bundesverteidigungsministerium
nazistischen Aufmarschs, die auch die Gebirgsjäger Scheungraber durch die 1. Schmidt (CSU) zu seinen beitragszah-
Polizei trotz all ihrer Bemühungen nicht Strafkammer des Landgerichts München lenden Mitgliedern zählen. (...)
verhindern konnte. mit skeptischer Genugtuung zur Kennt- Der Arbeitskreis Angreifbare Traditi-
Dass die Neonazis gerade in Königs nis. Erstmals in der Geschichte der Bun- onspflege wird den Strafprozess gegen
Wusterhausen mit einer solchen Forde- desrepublik wird ein Mitglied des „Ka- Josef Scheungraber durch Prozessbeob-
rung auf die Straße gehen, kommt nicht meradenkreises der Gebirgstruppe e.V.“ achter aufmerksam verfolgen und seinen
von ungefähr. Die Geschichte rechtsradi- wegen eines Kriegsverbrechens vor Ge- Verlauf der Öffentlichkeit bekannt ma-
kaler Organisationen und Gewalttaten im richt gestellt. Der heute 89-Jährige soll chen. Auf der unmittelbar vor Prozesser-
Raum Königs Wusterhausen lässt sich 1944 als Kompanieführer eines Gebirgs- öffnung vor dem Landgericht München
bis in die 1990er Jahre zurückverfolgen Pionier-Bataillons die Ermordung von 14 durchgeführten Kundgebung werden wir
und auch im Jahre 2008 ist der Neonazi- unter anderem die Na-
sumpf in Königs Wusterhausen keines- men der vierzehn in
falls ausgetrocknet. Falzano di Cortona
So wurde auch in der ersten Jahres- von den Gebirgsjägern
hälfte 2008 mehrfach versucht, Antifa- ermordeten Einwohner
schistInnen und deren Veranstaltungen laut ausrufen: Antonio
zu stören und anzugreifen. Grezzi, Angiolo Les-
Darüber hinaus pflegt die Szene inten- cai, Luca Cascini, Lo-
sive Kontakte zu Berliner und Branden- renzo Donati, Agosti-
burger Neonazis. Es kommt regelmäßig no Paludini, Agostino
zu gemeinsamen Aktionen mit Aktivis- Protest beim Gebirgsjägertreffen, Mai 2008 Petrini, Domenico Tra-
tInnen und Zusammenhängen aus Berlin, senni, Guido Trasenni,
Teltow-Fläming, Lübben und Cottbus, Zivilpersonen in dem italienischen Dorf Domenico Sassini, Edoardo Zampagni,
die, wie im Mai 2008 bei einer kurzfris- Falzano di Cortona (bei Arezzo) ange- Ferdinando Cannicci, Santi Lescai, Fran-
tig mobilisierten Spontandemo von ordnet haben. cesca Bistarelli, Angiolo Donati.
knapp 100 Neonazis aus besagten Regio- Der in Ottobrunn bei München leben- Der Arbeitskreis Angreifbare Traditi-
nen durch KW deutlich wurde, eng mit- de Rentner wurde deswegen bereits am onspflege fordert:
einander vernetzt sind. 28. September 2006 in Italien durch das ● Anklageerhebung gegen alle in Ita-
Neben dem NPD-Ortsverband, den Militärgericht in La Spezia in Abwesen- lien wegen Kriegsverbrechen zu lebens-
personell eng mit ihm verbundenen soge- heit zu lebenslanger Haft verurteilt, wird langer Haft verurteilten deutschen ex-
nannten ,,Freien Kräften KW“, und ei- aber nicht nach Italien ausgeliefert. Nach Soldaten!
nem nicht zu vernachlässigendem Poten- den Feststellungen des italienischen Ge- ● Einstellung jeder finanziellen oder
zial an unorganisierten Neonazis, ist KW richts kommandierte Scheungraber im sonstigen Unterstützung des Kameraden-
auch die Stadt der neonazistischen Mo- Sommer 1944 die 1. Kompanie des Ge- kreises der Gebirgstruppe e.V. durch
demarke ,,Thor Steinar“, deren Vertrieb birgs-Pionier-Bataillons 818, welches in Bundeswehr und Verteidigungsministeri-
im Ortsteil Zeesen angesiedelt ist. Darü- Mittelitalien den deutschen Rückzug si- um!
ber hinaus befindet sich in Bahnhofsnähe chern sollte. Die Truppe war nicht an der ● Entzug der Gemeinnützigkeit des
der auf die UrheberInnen der rechten Front eingesetzt und hatte nur wenige Kameradenkreises der Gebirgstruppe
Modemarke zurückgehende Naziladen Verluste. Am 26. Juni 1944 erschossen e.V.!
,,Explosiv“, in dem die Produktpalette Partisanen einen Unteroffizier und einen Kontakt & Informationen:
von ,,Thor Steinar“ zu erwerben ist. Gefreiten des Bataillons, die gerade Le- http://www.keine-ruhe.org ■

4 :antifaschistische nachrichten 19-2008


Es ist bekannt, dass sich der Ham-
burger Landesverband in den letz-
ten Jahren, insbesondere seit dem
Volksverhetzer und
Amtsantritt von Jürgen Rieger als Vorsit-
zender, deutlich radikalisiert hat. Die Zu-
sammensetzung des Landesvorstandes
Schläger im Vorstand
war bisher aber nicht bekannt, der Verfas- Neuere Personalien bei der Hamburger NPD
sungsschutz teilte nur mit, dass sich seit
der Vorstandswahl im Februar 2007 auch besondere in Wahlkämpfen auf die mili- Er ist seit mindestens 2006 auch Vorsit-
Vertreter der sog. Freien Kameradschaf- tante Naziszene angewiesen. zender des NPD-Kreisverbandes
ten in der Hamburger Führung befinden. Dr. Karl-Heinrich Göbel: Nord/Eimsbüttel. In dieser Eigenschaft
Nach dem Bundesparteitag im Mai 2008 beschimpfte er im Juni 2006 die Polizei-
musste die neofaschistische Partei nun al- Der 1952 geborene Außenhandelskauf- führung laut Verfassungsschutz als „unzu-
lerdings die Zusammensetzung ihrer Lan- mann und Orientalist aus HH-Poppenbüt- rechnungsfähig und blöd im Kopf“, was
desvorstände öffentlich machen. Damit tel kandidierte schon 2002 für die NPD. ihm prompt ein Verfahren wegen Beleidi-
wird deutlich, dass gleich mehrere Nazis Nachdem er schon vorher im Landesvor- gung einbrachte. Zimmermann nimmt re-
mit Vorstrafen die Hamburger Partei füh- stand der Partei war, wurde er im Februar gelmäßig an Infoständen und Aufmär-
ren: zum stellvertretenden Vorsitzenden in schen teil, wo er auch als Ordner fungiert.
Jürgen Rieger: Hamburg gewählt. Schon vor dem Eintritt Er ist einer der fünf Beisitzer im aktuellen
Riegers in die Partei pflegte er engen Vorstand der Hamburger NPD.
Ein Beitrag über Jürgen Riegers Aktivitä- Kontakt zu den Kameradschaften in Ham- Jan Steffen Holthusen:
ten als Anwalt, Finanzier und Strippenzie- burg und nahm regelmäßig an Aufmär-
her der Naziszene würde ein Buch füllen. schen teil. Im November 2006 versuchte Der 1976 geborene Neonazi begann seine
Er ist mehrfach wegen Verwendung ver- er zusammen mit militanten Neonazis Karriere in der Kameradschaft „Bramfel-
fassungsfeindlicher Symbole, Volksver- eine Veranstaltung der DGB-Jugend zu der Sturm“, dessen gleichnamige Zeit-
hetzung und Körperverletzung verurteilt stören, eine Aktion die bundesweit in die schrift er 1994 herausgab. 1997 benannten
worden, die Strafen reichten bisher jedoch Schlagzeilen kam. 2004 unterzeichnete er sich Kameradschaft und das Nazi-Blatt in
nicht für einen Entzug der Anwaltszulas- eine Solidaritätserklärung „Freiheit für „Hamburger Sturm“ um, Holthusen blieb
sung. Dies könnte sich eventuell ändern, Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und der Herausgeber. 1999 wurde dort der be-
da die Staatsanwaltschaft Mannheim im Uwe Meenen“, welche wegen Volksver- waffnete Kampf propagiert: „Wir sind im
September 2007 Anklage wegen Volks- hetzung vor Gericht standen und als Au- Krieg mit diesem System und da gehen
verhetzung in neun Fällen gegen Rieger schwitzleugner gelten. nun mal Bullen oder sonstige Feinde
erhoben hat und in diesem Zusammen- Jan Zimmermann: drauf.“ Im August 2000 wurde der „Ham-
hang auch ein Berufsverbot gemäß der §§ burger Sturm“ samt Kampfblatt verboten.
61 und 70 StGB anstrebt. Gemäßigter tritt Der 1977 geborene Akademiker kommt Holthusen ist wegen Körperverletzung
Rieger trotzdem nicht auf, im Gegenteil. ursprünglich aus Gießen und kandidierte vorbestraft und versuchte im November
Nachdem er im Mai mit 75 % der Stim- 2004 erstmals für die NPD in Hamburg. 2007 mit mehreren Neonazis in Bramfeld
men zum stellvertretenden Bundesvorsit-
zendem der NPD gewählt wurde, fühlte er
sich sogar stark genug den eigenen Vorsit-
zenden scharf zu kritisieren. Hintergrund
Tag der Erinnerung und Mahnung 2008
war ein Streit um die Beisetzung des ehe- Berlin. Der alljährliche Ge-
denk- und Erinnerungstag
maligen SS-Mannes und militanten Neo-
wird traditionell an jedem
nazis Friedhelm Busse. An dessen Beerdi- zweiten Sonntag im Septem-
gung hatte die NPD-Führung teilgenom- ber zu Ehren der Opfer des
men und der Rieger-Adlatus Thomas Faschismus auf dem Marx-En-
Wulff hatte eine Hakenkreuz-Fahne mit gels-Forum in Berlin-Mitte be-
ins Grab gelegt. Als dieses öffentlich wur- gangen. Er ist mittlerweile
de, distanzierte sich die Bundesführung auch ein kraftvoller Aktions-
von Wulff und dessen Vorgehen, sowie tag gegen Rassismus, Neona-
zismus und Krieg. Über 100
teilweise von Aktionen der Kamerad- Info-Stände verschiedenster
schaften. Dieses führte zu einem Auf-
schrei in der Kameradschaftsszene und
dem militanten Flügel der NPD. In einer
„Stellungnahme freier Kräfte“ wurde das
Präsidium der NPD aufgefordert, ihre
Distanzierung zurückzunehmen und
Wulff zu rehabilitieren, andernfalls werde
linker Or-
man die Zusammenarbeit einstellen. ganisatio-
Jürgen Rieger schrieb Anfang August nen, außer-
an den Bundesvorsitzenden Udo Voigt in dem Dis-
einer langen Stellungnahme: „Die Erklä- kussions-
rung des NPD-Parteipräsidiums vom 31. runden
Juli 2008 zur Beisetzung von Friedhelm und Aus-
Busse wird von mir nicht nur nicht mitge- stellungen
fanden
tragen, sondern darüber hinaus schärftens
zwischen 13 und 18 Uhr am diesjährigen Gedenktag am 14.9. statt.
mißbilligt.“ Er forderte eine Entschuldi- Bernd Kudanek hat den Tag in Fotoimpressionen festgehalten. Sämtliche
gung an Wulff, sowie ein Bekenntnis zur 32 Fotos befinden sich in http://www.carookee.com/forum/WISP/4/
Fortführung der „Volksfront“ aus NPD 22540010.0.30115.html und http://www.carookee.com/forum/freies-
und Kameradschaften. Die NPD sei ins- politikforum/22/22540097.0.30115.html Quelle: indymedia

: antifaschistische nachrichten 19-2008 5


eine Veranstaltung zu stören. Im Februar te Nazi-Konzerte in Hamburg mit Bands beauftragter und ergriff Partei gegen
2007 wurde er Beisitzer im Landesvor- und Anhängern aus dem Netzwerk. Die Zysk. Die Noch-Vorsitzende bezeichnete
stand der NPD, ist aber weiterhin aktiv in Konzerte können trotzdem ungestört Niemann als verschlagen und paranoid
der Kameradschaftsszene und nimmt re- durch die Polizei stattfinden, zuletzt fand und bezichtigte sie der „Hetze und
gelmäßig an deren Aufmärschen teil. eines im Januar in Bahrenfeld statt. Die Lüge.“
Dementsprechend unterzeichnete er auch Polizei, obwohl informiert, kontrollierte Ute Nehls
im August die o.g. „Erklärung der freien nicht ob verbotene Lieder oder Parolen
Kräfte zum Tode von Friedhelm Busse. geäußert wurden. Die fünfte Beisitzerin im aktuellen Lan-
Torben Klebe Klebe geriet zuletzt in die Schlagzeilen, desvorstand kommt ursprünglich aus der
weil er seit Sommer 2007 in Rostock den DVU. Die 1961 geborene Sekretärin kan-
Der 1976 geborene Handwerker hat eine Nazi-Laden „East-Coast-Corner“ betrieb. didierte 1998 in Mecklenburg-Vorpom-
ähnliche Karriere wie Holthusen ge- Jüngst musste der Laden wegen finanziel- mern für diese Partei zur Bundestagswahl.
macht, kommt ebenfalls aus dem verbote- ler Schwierigkeiten schließen. Er ist wei- 2005 allerdings fand sie sich schon als
nem „Hamburger Sturm“ und betätigte terhin Netzwerker in der Kameradschaft- NPD-Kandidatin auf der Landesliste der
sich schon 1992 für die Anti-Antifa. Er ist Szene und unterschrieb die Busse-Erklä- NPD in Schleswig-Holstein. Beim Lan-
ebenfalls seit Februar Beisitzer im Lan- rung. desparteitag der Hamburger NPD im Feb-
desvorstand der NPD, war aber wohl Lars Niemann ruar 2007 fungierte sie dann als Delegier-
schon vorher Mitglied. te für den Kreisverband Mitte.
Klebe war jahrelang aktiv für das inter- Der Beisitzer im Landesvorstand gehörte Andrea Schwarz
nationale Nazi-Musik-Netzwerk „blood nach eigenen Angaben der Partei schon
& honour“. Als die deutsche Sektion im an, als „es noch keine absehbaren Wahl- Sie ist die zweite Frau im aktuellen Lan-
Jahre 2000 verboten wurde, bekam Klebe erfolge und Pöstchen gab.“ Im Streit des desvorstand und fungiert als Schatzmeis-
die Verbotsverfügung persönlich zuge- Hamburger Landesverbandes Ende terin. Eine Funktion, die sie schon seit
stellt. Zuvor wurde er schon wegen des 2006/Anfang 2007 als Kameradschafter mindestens 2005 inne hat und für die sie
Vertriebes von indizierten CDs verurteilt. die Absetzung der ehemaligen Vorsitzen- in Jürgen Riegers Antrittsschreiben aus-
Im Untergrund besteht „blood & honour“ den Anja Zysk betrieben und ihren drücklich gelobt wurde. Eine neofaschis-
weiterhin auch in Deutschland, und Tor- Wunschkandidaten Jürgen Rieger durch- tische Vorgeschichte ist nicht bekannt.
ben Klebe organisiert regelmäßig bis heu- setzten, fungierte Niemann als Internet- erk ■

Hannover. Bunt statt Braun -


Keinen Fußbreit für Nazis, da-
zwischen bewegte sich die Dis-
Schwieriger Spagat
kussion von ca. 100 Leuten bei einem Maifeiern des DGB – Geplante Demonstration der
ersten Treffen gegen eine geplante
Demonstration von Neonazis/sog. „Freien Kameradschaften am 1. Mai 2009
Freien Kameradschaften am 1. Mai
2009 in Hannover. Die Veranstaltungen des DGB zum 1. Ihr Aufruf wird von den verschiedens-
Mai sind ebenfalls bereits angemeldet. ten Gruppierungen (bei Interesse nach-
Kurz nach Bekanntwerden eines Aufrufs Seitens der Zivilgesellschaft (Parteien zulesen unter der o. g. Netzadresse) un-
der sog. Freien Kameradschaften hat auf und Verbände, Kirche) gibt es eine relati- terstützt, und, obwohl die NPD in Nie-
Initiative des DGB Region Hannover am ve große Erwartung, dass der DGB in dersachsen so tut, als habe sie mit dieser
18.9.2008 ein erstes Treffen zur Gegen- Anknüpfung an „bunt statt braun“ am geplanten Demonstration nichts zu tun,
mobilisierung stattgefunden. In dem Ein- 15.9. 2007 eine führende Rolle bei der unterstützen bereits jetzt etliche NPD-
ladungsschreiben des DGB zu dem Tref- Mobilisierung und Gestaltung der Pro- Gruppierungen (Nationaler Widerstand
fen wird mitgeteilt: teste einnimmt. Hildesheim, NPD Hannover, NPD-Un-
„Die sogenannten Freien Nationalis- Für den DGB ergibt sich dabei eine terbezirk Oldenburg, NPD-Unterbezirk
ten haben für den 1. Mai 2009 eine De- Reihe von schwierigen Fragen, was den Stade, NPD Verden) den Aufruf zu der
monstration unter der Überschrift „1. Tag selber angeht.“ Demonstration am 1. Mai 2009.
Mai 2009 – auf nach Hannover! Schluss Die Neonazis rufen „Deutsche Män- Auf dem Treffen der Gegner (Antifa-
mit Verarmung, Überfremdung und Mei- ner und Frauen! Wer wenn nicht Du? gruppen, attac, Jugendorganisationen,
nungsdiktatur – Nationaler Sozialismus Wann wenn nicht jetzt?!“ zu der De- Parteien, kirchlichen Einrichtungen,
jetzt!“ angemeldet – beginnend um 12.00 monstration auf. Sie beschreiben die VVN, Gewerkschaften) wurden zwar
Uhr am Zentralen Omnibusbahnhof mit wirtschaftliche Lage der Bevölkerung, noch keine konkreten Verabredungen ge-
einer Route über Steintor, Klagesmarkt aber wie sattsam bekannt, der deutschen troffen, aber in den Redebeiträgen wurde
nach Linden. Angemeldet sind bis zu Bevölkerung. Und wie immer hetzen sie deutlich, dass alle diese Gruppen Wider-
1.000 Teilnehmer, in Anbetracht bisheri- gegen „Millionen Ausländer“, die Ar- stand auf vielfältigste Weise (z. B. Blo-
ger Erfahrungen nicht unrealistisch. Es beitsplätze wegnehmen. Sie behaupten „ ckadeprojekte, Gegendemonstrationen
handelt sich um eine Mobilisierung ins- Überfremdungspolitik“ und hetzen ge- wurden bereits angemeldet) organisieren
besondere im Spektrum der Szene der gen „kostspielige Integrationsmaßnah- wollen.
sog. Freien Kameradschaften oder „na- men” und ziehen den Schluss „ Arbeits- Bei dem nächsten Treffen Ende Okto-
tionalen Sozialisten“ mit Unterstützung losigkeit, Verarmung, Kriminalität und ber sollen Vorschläge für Aktivitäten dis-
durch einige der Kreisverbände der NPD Gettoisierung sind dadurch nicht zurück- kutiert werden, mit dem Ziel, dass sich
(bisher). Mobilisiert wird wie jedes Jahr gegangen, sondern deutlich gestiegen. diese im gemeinsamen Widerstand aus-
in ganz Norddeutschland, die Mobilisie- Ausländerintegration kann also unsere drücken.
rung wird ebenso wie das Anmeldever- sozialen Probleme nicht lösen, dafür aber Dies war im September 2007 gelun-
fahren ziemlich professionell durchge- noch erheblich verschärfen.“ Sie fordern: gen, als ca. 20.000 Menschen gegen den
führt. Bereits jetzt findet eine Vorberei- ... „Schluß mit der verantwortungslosen Landesparteitag der NPD anlässlich der
tung im Internet statt. (www.arbeiter- Überfremdungspolitik, bevor es zu spät Landtagswahlen in Hannover protestier-
kampftag.info). ist!“ ten. bee ■

6 :antifaschistische nachrichten 19-2008


Heideblütenfest-Volkslauf Schneverdingen
war ein Erfolg – sportlich und antifaschistisch!
Snevern-Jungs als „Charly Brauns Sportfreunde“ beim Volkslauf in Hameln
Schneverdingen. Jahrelange „Heideblütenfest“ in viele Hausbriefkäs- gen, dieser, laut NPD „vorbildlichen“
Recherche- und Infoarbeit sowie ten. Darin beschimpfen sie den Vorstand Kameradschaft die Verkleidung auszu-
vielfältiger Widerstand von Anti- des TV Jahn als „stark SPD-lastig“. Sie ziehen, so dass „die braune Jauche“ he-
fagruppen und DGB plus klare Bericht- fragen, ob Turnvater Jahn am Volkslauf raustrat (Zitat eines Grünen Kreistagsab-
erstattung überregionaler Medien, war hätte teilnehmen dürfen, da er „in seinen geordneten).
die Voraussetzung, dass sich in Schne- Schriften gegen Vermischung der Völker Aber Achtung: Bei der Landtagswahl
verdingen der TV-Jahn jetzt gegen Nazis und Ausländerei wetterte?“ Nazi-Geg- erhielt SJ-Führer Matthias Behrens etwa
positionierte und dass es seit Februar ner nennen sie „aufgehetzte Meute“, von 6,5 % Stimmen in seinem Stadtteil. In-
2008 das „Bürgerbündnis Schneverdin- der sie sich nicht provozieren lassen wür- zwischen reagieren diese, zuhause bisher
gen ist bunt“ gibt. den. Die sonst gern streitsüchtigen Nazis eher bürgerfreundlich auftretenden Ka-
Nach inkonsequentem Verhalten des schreiben abschließend, dass sie „Ausei- meraden, auf antifaschistische Infoarbeit
Volkslauf-Veranstalters noch vor einem nandersetzungen aus dem Weg“ gehen und Widerstand auch daheim aggressiv
Jahr, gab es am 30.8.08 für die Kamerad- würden, „um den Frieden in unserem und schlagend. Obwohl als Nazis inzwi-
schaft „Snevern-Jungs“ keine Chance Heimatort zu wahren.“ schen durch viele Medien bekannt, fin-
zur Teilnahme. Der TV Jahn lässt jetzt in Am Volkslauf nahm denn auch nur ein den sie noch propagandistische Möglich-
seiner Satzung und den Volkslauf-Teil- angereister Nazi einer anderen NS-Szene keiten, so jüngst beim Blutspenden im
nahmebedingungen „Fremdenfeindlich- teil. Er stieß bereits kurz nach dem Start benachbarten Oerrel und bei Volksläufen
keit, Rassismus und Extremismus“ nicht einem Antifaschisten seinen Ellenbogen in Bad Nenndorf und Hameln.
zu. Das Tragen rassistischer und antise- hart ins Gesicht und wurde im Ziel anti- Als „Charly Brauns Sportfreunde“
mitischer Sportbekleidung war nicht ge- faschistisch umringt und mit „Nazi- in Hameln
stattet. Ein Transparent und die Vorsit- raus“-Rufen und Transparenten sowie ei-
zenden-Rede stellte zudem die neue Hal- ner Biertaufe begrüßt. Als Ersatz für ihre Niederlage in Schne-
tung des TV Jahn klar. Viele Läufer star- Im Landkreis Soltau-Fallingbostel ist verdingen, zeigten sich die Snevern-
teten in den T-Shirts des Bürgerbündnis- die Bewegungsfreiheit der Snevern- Jungs mit ihren T-Shirts und Transparent
ses „Schneverdingen ist bunt“. Eine gute Jungs enger geworden. Die von ihnen or- bereits am 29.8.08 beim Volkslauf in Ha-
Entwicklung, auch wenn der Begriff ganisierten NPD-Landtagswahlkampf- meln. Alle meldeten sich mit falschen
„Extremismus“ gegen Antifaschismus stände (SJ stellten gleich 3 MdL-Kandi- Namen an (Dieter Riefling aus Hildes-
gerichtet werden kann. daten) mussten sie vorzeitig abbrechen, heim als „Klaus Wedemann, SJ-Führer
Flugblatt statt Volkslauf sie wurden vom Supermarktparkplatz Matthias Behrens als „Sven Röhrs“,
verwiesen, bei einer Schuldiskussion zur usw.). Als Gruppenbezeichnung gaben
Die „Snevern-Jungs“ versuchten zwar Landtagswahl ausgepfiffen, beim SPD- sie „Charly Brauns Sportfreunde“ an, ei-
per homepage ihre Kameraden zu mobi- Preisskat rausgeworfen usw. nen Fanclub, auf den DGB-Funktionär
lisieren, kamen aber nicht. Stattdessen „Das war vor einem Jahr noch nicht H-D Charly Braun gern verzichtet.
verteilten sie in Schneverdingen am möglich“, bilanziert H-D Charly Braun Antifa-Heidebote ■
Morgen ein Flugblatt mit dem Titel vom Bündnis gegen Rechts. Es ist gelun-
Protest gegen Nazi-Volksläufer Start-Nr. 759

: antifaschistische nachrichten 19-2008 7


Fortsetzung: Vielfältiger Protest war erfolgreich
www.arbeiterfotografie.com
Insgesamt war der Verlauf des Heumarkt noch mehr, denn die große
Freitag bereits so ermutigend, Kundgebung auf dem Roncalliplatz soll-
dass klar war, der Samstag darf te mit einer Menschenkette rund um den
nicht besser für sie laufen. Die Niederla- Platz enden.
ge muss komplettiert werden. Der Kon- Auf dem Platz am Gürzenich begann
gress kann verhindert werden, wenn sich das Arsch Huh-Konzert, dass sich dieje-
genügend Menschen nigen, die davon
an den vielfältigen ge- nichts mitgekriegt
la Repubblica:
planten Aktionen betei- Rom. Die Rechtspopulisten, die Fremden- haben, inzwischen
ligen. feindlichen, die Gegner des Islam aus auch schon auf CD
Große Kundgebung ganz Europa haben in Deutschland ihr besorgen können.
und Blockaden am „Stalingrad“ kassiert. Das hatte es in An der Südseite
Samstag, 20.9. Europa noch nicht gegeben: Eine ganze des Heumarktes,
Stadt ist mit viel Fantasie aktiv geworden vor dem Hotel Ma-
Und so war es dann und sagt „Nein“ zu den rechtsradikalen. ritim, war die Situa-
Einer der Blockadepunkte
auch: Durch effektive tion zeitweise am
Blockaden ist die als Highlight des angespanntesten. Es wurden Barrikaden
„Anti-Islamisierung-Kongresses“ von gebaut und es kam immer wieder zu klei-
„pro Köln“ geplante Kundgebung auf neren Scharmützeln mit der Polizei, die
dem Heumarkt in der Kölner Innenstadt letztendlich dazu führten, dass Einsatz-
am 20.9. verhindert worden. leiter Temme die Kundgebung aufgrund
Gerade einmal 50 Rassisten schafften einer Gefährdung der Sicherheit der Köl-
es zu Manfred Rouhs auf den Heumarkt. ner Bürgerinnen und Bürger verbot. Das
Die restlichen etwa 200 „pro Kölner“ – Häuflein auf dem Heumarkt begann ge-
inklusive der Vlaams Belang- und FPÖ- gen 15.00 Uhr, den Heumarkt zu verlas-
Delegationen sowie der gesamten Füh- sen. Die Blockierer feierten ihren Sieg
rungsriege von „pro Köln“ – saßen seit mit einer kurzen Demonstration durch
9.00 Uhr am Flughafen Köln-Bonn fest. die Stadt.
Als am Morgen dieser Treffpunkt be- Als erstes Fazit kann man sagen, dass
kannt geworden war, hatten mehrere die Gegenaktionen wohl die erfolgreichs-
hundert DemonstrantInnen die Bahnlinie ten der letzten Jahre in Köln gewesen sind.
Flughafen-Deutz blockiert. Als zusätzli- Der komplette Verlauf des Tages ist Vielfältiger Protest
che Absicherung wurde von ebenfalls unter http://ticker.hingesetzt.mobi/html.
mehreren hundert Menschen die Deutzer php nachzulesen.
Brücke von der rechten Rheinseite aus Auf der Internsetseite von „pro Köln“
blockiert. finden sich Sonntag Beiträge, in denen
Bereits vor Beginn der Auftaktkund- die Kölner Polizei dafür verantwortlich
gebung um 9.00 Uhr am Gürzenich in gemacht wird, dass ihr Kongress nicht
der Altstadt hatte eine Gruppe von etwa stattfinden konnte, sie habe die Sache
200 Personen den Versuch unternom- nicht im Griff gehabt. Obwohl Journalis-
men, die Markmannsgasse (Verbindung ten die pro Köln-Aktivitäten ja überall
zwischen Rheinufer und Heumarkt, die genau verfolgten und darüber berichte-
Fraktionsräume von „pro Köln“ befinden ten, rechnet pro Köln sich die Zahl auf
sich dort) zu blockieren. Außerdem ver- dem Heumarkt auf 150 Menschen und
suchten etwa 50 Personen, direkt auf die Zahl der Gäste, die auf dem Flugha-
dem Heumarkt zu blockieren. Beide Blo- fen festsaßen, auf 500 hoch.
ckaden wurden relativ schnell geräumt. Angeblich fanden abends noch zwei
Kurz nach 9.00 Uhr machten sich tausen- geschlossene Veranstaltungen und Sonn- Polizei noch bei den KölnerInnen auf
de DemonstrantInnen auf den Weg zu tag eine Abschlussveranstaltung statt. Gegenliebe stoßen.
den Blockadepunkten, sodass außer der Die angekündigte Versammlung am Wie sagte Oberbürgermeister Schram-
Handvoll „pro Kölner“, die schon vor 21.9. in Leverkusen jedenfalls fiel aus. ma auf der Kundgebung? „Diese brau-
Beginn der Blockaden auf den Heumarkt Schon ab 10 Uhr hatten sich dort rund nen Biedermänner sind in Wahrheit
gelangt waren, keine weiteren Kleingeis- 100 Menschen zu einer Mahnwache auf- Brandstifter, Rassisten im bürgerlichen
ter durchkamen. gemacht, die aber um 12 Uhr beendet Zwirn, subtile Angstmacher. ... Dieser
Die Empfehlung von „pro Köln“ an werden konnte. 3:0 für die Antifaschis- verfaulten Clique des Eurofaschismus,
ihre Anhänger, am besten in Kleingrup- ten, heißt es in der Pressemitteilung der diesen Haiders und Le Pens und wie sie
pen zu versuchen durchzukommen, führ- Kulturvereinigung Leverkusen dazu. alle heißen, rufen wir zu: Da ist der Aus-
te zu nichts. Auch in den kleinen Gassen Die Ankündigung, den Kongress als gang, da geht’s nach Hause. Wir wollen
der Altstadt war alles dicht. Ab Mittags Höhepunkt im Kommunalwahlkampf zu Euch hier nicht. ...“ Da hatte er einfach
füllten sich die Straßen rund um den wiederholen, wird weder bei der Kölner mal Recht. Zusammenstellung u.b. ■

Foto: pb

8 :antifaschistische nachrichten 19-2008


Die Szenerie auf dem Heumarkt:
Eindrücke vom rechten Rand
Die Intelligenzschicht ist dünn, und kratzt finden sollte. Aus Sicht der Veranstalter Zehntausend Menschen gegen das Statt-
man ein wenig daran, kommt unter dem sollte es sich um die Krönung ihres „Anti- finden der Versammlung, deren Auflösung
oberflächlich aufgetragenen Lack schnell Islamisierungs-Kongresses“ handeln, der die Einsatzleitung der Polizei eine gute
bräunliche Farbe zum Vorschein. Unge- vom 19. bis 21. September hätte stattfin- halbe Stunde nach ihrer offiziellen Eröff-
fähr so lässt sich die Begegnung mit den den sollen. Allein, auf dem fußballfeldgro- nung bekannt gab: „Die Sicherheit der
Anhängern und Aktivisten von „Pro Köln“ ßen Platz in der Kölner Altstadt sahen die Kölner Bürger/innen“ habe „Vorrang“ vor
und anderer rechtsextremer/„rechtspopu- wenigen versammelten Anhänger dann dem Demonstrationsrecht der extremen
listischer“ europäischer Parteien am vori- doch ziemlich verloren aus. Hinzu kamen Rechten.
gen Samstag auf dem Kölner Heumarkt im Übrigen noch rund 300 Journalistinnen Doch der Reihe nach. Zum Auftakt
zusammenfassen. und Journalisten, denen die Polizei freien stach vor allem die riesige Tribüne ins
Keine 100 von ihnen hatten es bis zum Zutritt zu dem Gelände ließ, unter ihnen Auge, auf die in dicken Lettern die Auf-
Versammlungsort geschafft, auf dem am Kamerateams von zwei französischen und schrift gemalt war: „Stop Islam!“ Unter ihr
vergangenen Samstag um 12 Uhr die – mehreren türkischen Fernsehsendern. stand, in kleineren Buchstaben, als Unter-
durch „Pro Köln“ vollmundig angekün- Rund herum blockierten, demonstrierten titel in mehreren europäischen Sprachen:
digte – internationale Kundgebung statt- und protestierten gleichzeitig mehrere „Städte gegen Islamisierung“.

Warten auf den Kongress... Die Kongresstühle leer...

Aus Sicht des Bündnis gegen „Pro Köln“ war ihr gerade mal 7 Leute von den ca.
– wie der 19.9. – auch der 20. 9. ein sehr
Freiheitsberaubung im Amt ? 500 vorzuführen. Bei allen 7 ordnete
erfolgreicher Tag. Alle geplanten Aktionen Skandalöser Polizeieinsatz überschattet die Frau Nagel die Freilassung an, da
von „Pro Köln“ in den zwei Tagen wurden erfolgreichen Blockadeaktionen kein weiterer Haftgrund bestünde.
durch unsere Aktionen des zivilen Ungehor- Dann gab es keine weiteren Vorfüh-
sams verhindert. Bereits um 10 Uhr morgens rungen mehr, weil die Polizei eine
standen am 20.9. die Blockaden rund um Heumarkt. Kein „Pro Köln“- neue Lagebeurteilung für die Stadt Köln hatte und die Gefangenen nicht in
Funktionär, kein hochrangiger europäischer Rassist und kein Sympathisant die Stadt zurücklassen wollte.
von „Pro Köln“ kam mehr durch zum Heumarkt. Die 30 Leute, die es trotz- Frau Nagel verließ daraufhin unter Protest gegen das Chaos in Brühl die
dem schafften, ließen wir, nachdem die Polizei ihre Veranstaltung verboten GeSa. Danach gab es schlicht keine/n Haftrichter/in mehr.
hatte, um 16 Uhr abziehen. Wir und die Polizei hoben Blockaden und 2 Busse mit Festgenommenen standen stundenlang „unbearbeitet“ auf dem
Sperren auf. Das Arsch – Huh Konzert ging zu Ende und eigentlich wollten Gelände der GeSa herum. Die Tore zu den Hallen, in denen die „Käfige“
alle auf dem geräumten Heumarkt nur noch den Erfolg feiern. stehen, wurden offen gelassen. Da zu wenige Decken und Isomatten zur
Beim Abzug des Blockadepunktes Rheinufer/Maritim von gut 1000 Leu- Verfügung standen, froren die Festgenommenen. Teilweise waren 30 Per-
ten, die, auch auf Wunsch der Polizei (Einsatzleiter Temme), in einem an- sonen in Käfigen von 36m² zusammengepfercht und wurden lange nicht
gemeldeten Demonstrationszug zunächst zum Neumarkt ziehen wollten, auf Toilette gelassen. Es waren einfach zu viele Leute da. Das wusste die
kam es dann zu einem absolut unnötigen und unangemessenen Polizeiein- Polizeiführung aber auch vorher. Die Minderjährigen wurden erst ab
satz. In zwei Kesseln wurden 300 Leute am Mühlenbach/Mathiasstr. fest- 20.00 h entlassen.
gesetzt. Kurze Zeit später wurden bei der Auflösung des Blockadepunktes Die 4 MitarbeiterInnen des Jugendamtes vor Ort hatten auch noch nach
vor der Deutzer Brücke in Köln-Deutz eine weitere Gruppe von 200 Leuten 22 Uhr Schwierigkeiten, überhaupt mit den Jugendlichen zu reden, weil
in der Siegburgerstrasse gekesselt. die Polizei sie weiter fernhielt. Die letzte Minderjährige konnte um 1 Uhr
Bei Verhandlungen von Stadtdirektor Kahlen, Jörg Detjen von der Links- 30, also 9 Stunden nach der Festsetzung, die GeSa verlassen. Der Bus aus
fraktion und einem Vertreter des „Bündnis gegen Pro Köln“ mit dem Ein- Lübeck, der auf sie lange vor der GeSa wartete – die Polizei wusste das –
satzleiter Tiemann wurde am Ende des Gesprächs eine Zahl zwischen 50 fuhr, weil sie auch keine Zeit genannt bekamen, um 12 Uhr 30 ab. Die drei
und 60 Personen genannt, die nach Brühl gebracht werden sollten. Rechtsanwälte, die vor Ort waren, durften nur in wenigen Fällen Kontakt zu
Tatsächlich wurden dann insgesamt 500 Personen mit Bussen in die Ge- ihren Klienten in den Käfigen aufnehmen, obwohl ihnen das rechtlich zu-
fangensammelstelle Brühl verfrachtet. Dort trat das zu erwartende und bei stand. Der Rest der Gefangenen wurde erst ab 5:00 h morgens entlassen.
den Verhandlungen schon vorhergesagte Ergebnis ein. In einer Mischung Ca. Um 8 Uhr war der letzte draußen.
aus Chaos wegen der großen Zahl und Schikane wurden die Festgenom- Viele der Festgenommenen wollen Strafanzeige gegen die Polizei wegen
men einer rechtswidrigen und menschunwürdigen Behandlung unterzo- Freiheitsberaubung erstatten.
gen. Die beteiligten Rechtsanwältinnen sind entsetzt über die Aushebelung der
Nach ca. 4 bis 5 Stunden müssen Leute im „Polizeigewahrsam“ einem/r Gewaltenteilung. Die Justiz hatte schlicht nichts zu sagen. Es galt nur noch
Richter/In vorgeführt werden. Die in Anwaltskreisen nicht gerade als poli- Polizeirecht. Die AnwältInnen werden den Vorgang nicht auf sich beruhen
zeikritisch bekannte Richterin des Amtsgerichts Köln, Frau Nagel, war lassen. Wir, das Bündnis gegen „Pro Köln“, auch nicht.
ab17 Uhr in Brühl. Bis 22 Uhr schaffte es die Polizeiorganisation vor Ort, i.A. Reiner Schmidt ■

: antifaschistische nachrichten 19-2008 9


Mit betont ruhiger Stimme und darum bewegung NDP (Nouvelle Droite Populai- nen Bürgerkrieg! Jawohl! Dann haben wir
bemüht, gefasst zu wirken, verkündete re) – bei der Pressekonferenz im Keller- hier einen Bürgerkrieg!“ Eine ältliche An-
Manfred Rouhs etwa eine halbe Stunde raum des Flughafens vertreten. Offenkun- hängerin meinte zur selben Minute: „Die
nach Mittag den offiziellen Veranstal- dig hatte die Absage des Vorsitzenden des Ausländer, die hier sind, die müssen sich
tungsbeginn. Zwar war der Platz noch im- FN, Jean-Marie Le Pen – dessen „Groß- anpassen! Die müssen sich anpassen!“ Als
mer relativ leer. Allerdings, so behauptete partei“ überhaupt nicht nach Köln kam, sie zur Antwort bekam, man könne auch
Rouhs, säßen noch „400“ Gesinnungska- wohl weil sie dort nichts zu gewinnen hat- „zusammen leben“ und sich mischen, er-
meraden (Zeitungen wie die „taz“ spra- te und keinen Bock verspürte, für „Pro widerte sie wie aus der Pistole geschossen:
chen später von 150) am Flughafen Köln- Köln“ Aufbauhilfe zu leisten – den Weg „Aber wir wollen nichts Türkisches!!“
Bonn fest. Unter ihnen seien auch „ge- für die beiden französischen Splitterpartei- Insgesamt befanden sich circa 40 bis 50
wählte Volksvertreter des Vlaams Belang“. en auf der extremen Rechten freigemacht. Sympathisanten oder Mitglieder von „Pro
Tatsächlich hielten Philip Dewinter von Im Ausland konnten sie sich - so dachten Köln“ unterschiedlicher Altersgruppen,
der flämischen Separatisten- und Rassis- sie sich vielleicht – zu größerer Bedeutung die sich durch ihre Anstecker zu erkennen
tenpartei, Markus Beisicht von „Pro Köln“ aufschwingen, als ihnen „zu Hause“ (wo gaben, auf dem Platz. Hinzu kamen ein
und andere rechte Gesinnungsfreunde spä- sie neben dem FN vollkommen
ter eine improvisierte Pressekonferenz im marginalisiert bleiben) zukommt.
Kellergeschoss des Flughafens ab. Unterdessen kam es auf dem
Rouhs betonte unterdessen: „Wir haben Platz zu hitzigen Diskussionen.
Zeit. Heute früh um 2 Uhr waren Leute Die Bundestagsabgeordnete der
von uns hier, um nächtens aufzubauen. Linken aus Bochum, Sevim Dag-
Und wenn es sein muss, werden wir hier delen, hatte es dank ihres Abge-
bis 2 Uhr oder auch bis 6 Uhr warten, be- ordnetenmandats über die Polizei-
vor wir unsere Kundgebung beginnen. Wir sperren hinweg auf den Platz ge-
fordern die Kölner Behörden dazu auf, un- schafft. Sie trug dabei ein gelbes
seren Freunden am Flughafen einen Bus Neonoberteil mit der Aufschrift
oder eine S-Bahn zur Verfügung zu stellen, „Köln stellt sich quer“ (gegen den
um hierher kommen zu können. Bis dahin Rassistenkongress) und Anti-
werden wir warten!“ Nazi-Buttons. Dort wurde sie von
Eine gute halbe Stunde später allerdings einzelnen Anhängern von Pro
wurde die Veranstaltung bereits polizeilich Köln hitzig angegangen: Warum
für aufgelöst erklärt – angesichts der of- sie denn ihren Protest nicht lieber Borghezio, Toumnier (MNR), Rouhs
fenkundigen Aussichtslosigkeit, der Pro- draußen – „bei Ihren Leuten, die mit Stei-
teste Herr zu werden und den am Flugha- nen werfen“ – zum Ausdruck bringe, wur- gutes Dutzend Vertreter der Lega Nord,
fen Festsitzenden ein Durchkommen zu de ihr vorgehalten. Daraufhin drehten sich drei Leute aus Frankreich und einige Auf-
verschaffen. alle Kameras zu ihr. Das konnte Manfred bauhelfer vom belgischen Vlaams Belang
Bis zum Versammlungsort geschafft Rouhs wiederum nicht auf sich sitzen las- - der die Organisation übernommen hatte,
hatte es Mario Borghezio, ein Senator der sen. Er versuchte, mit der protestierenden und dessen LkW sowie die T-Shirts seiner
norditalienischen Separatisten- und Regio- Abgeordneten zu diskutieren, die er als Helfer die flämische Aufschrift „Organisa-
nalistenpartei Lega Nord, der eine weiße „Schönes Kind“ bezeichnete, was ihm als tie“ trugen. In der Ecke saß zudem ein gu-
Fahne mit rotem Vendée-Symbol (ein Retourkutsche eine Titulierung als „hässli- tes Dutzend kahlgeschorener Jungnazis
Kreuz, das auf einem Herz aufgepflanzt cher Junge“ eintrug. auf einer Bank. Diese wollte man im vor-
ist, und die katholisch-royalistische Kon- Doch während Rouhs Wert darauf legte, deren Bereich nicht unbedingt sehen – laut
terrevolution in Frankreich 1793-94 sym- einen geschliffenen Diskurs an den Tag zu einem Zeitungsbericht wurden ihnen auch
bolisiert) schwenkte und mehrfach frene- legen und zu betonen, er habe überhaupt das Vorzeigen der Reichskriegsflagge
tisch rief: „Europa cristiana, mai musul- nichts gegen TürkInnen und Moslems als durch den Ordnerdienst verwehrt –, sie
mana!“ (Christliches Europa, niemals solche, ihm gehe es nur um Integration wurden vom Veranstalter aber auch nicht
muslimisch!) Ebenfalls anwesend waren (die durch „eine Großmoschee“ und durch des Platzes verwiesen.
rund ein Dutzend Aktivisten seiner Partei, mangelnde Deutschkenntnisse verhindert Alles in allem also: ein betontes Bemü-
sowie eine dreiköpfige Delegation aus werde), gingen mit seinen Anhängern so- hen darum, bürgerlich-konservative Repu-
Frankreich vom MNR. Diese, inzwischen fort die Gäule durch. Eine ältere Aktivistin tierlichkeit zu wahren. Aber eine Realität,
längst jenseits des Randes der Bedeu- von „Pro Köln“ ereiferte sich etwa gegen- was das „Denken“ in den Köpfen der An-
tungslosigkeit angekommene, rechtsextre- über der Abgeordneten, sie solle doch aus hänger betrifft, die doch reichlich anders
me Partei war 1999 unter Bruno Mégret dieser Stadt – und am liebsten wohl aus aussieht: ungleich offener rassistisch.
als Abspaltung vom Front National (FN) diesem Land – verschwinden. Denn „wir Kurz nach 13 Uhr gab Manfred Rouhs
entstanden. Vertreten wurde sie in Köln sind eine Stadt, die eine Kultur hat, wir die polizeiliche Untersagung der Fortfüh-
vor allem durch Jean-Pierre Tournier, den zahlen Steuern, wir haben den Kölner rung der Veranstaltung bekannt. Als Trost
Bezirkssekretär der Partei im westfranzö- Dom gebaut, und überhaupt: Was haben hatte er kurz zuvor noch auf den Himmel
sischen Département Charente, einem Ihre Vorfahren mit den Armeniern und den verweisen können, an dem rund eine Mi-
ländlichen Bezirk rund um Angouleme, Christen in der Türkei gemacht?!!“ Ob die nute lang ein Flugzeug kreiste, das ein an-
der eine französische Fahne mit dem Ven- solcherart stolze Vertreterin ihrer „Kultur“ hängendes Transparent mit der Aufschrift
dée-Kreuzherzen schwenkte und zwi- wirklich selbst mit Hand beim Bau des „Pro Köln“ hinter sich herzog. (Es wurde
schendurch mit französischem Akzent „Es Kölner Doms angelegt hat, mochte sie un- dann jedoch durch einen Polizeihub-
lebe Deutschland!“ ausrief. terdessen auf Nachfrage hin nicht verra- schrauber zur Landung gezwungen.) Dies
Eine weitere (dritte) rechtsextreme ten. beweise, so Rouhs, „unsere tiefe Veranke-
Kraft aus Frankreich, die Regionalpartei Eine andere türkischstämmige Deut- rung in Köln“, weil es nämlich belege,
Alsace d’abord (Elsass zuerst) war zu- sche oder türkische Kölnerin bekam von „dass sich ein mutiger Pilot gefunden hat“
gleich, mit ihrem Ex-Vorsitzenden Robert einem aufgebrachten, schäumenden An- (sic). Das klang dann doch ziemlich stark
Spieler – gleichzeitig inzwischen einer der hänger zu hören: „Wenn es so weitergeht, nach dem sprichwörtlichen Pfeifen im
Sprecher der, derzeit bereits wieder ge- gute Frau“ – gemeint war wohl: mit den dunklen Keller…
scheiterten, rechtsextremen Sammlungs- Ausländern… – „dann haben wir hier ei- Bernhard Schmid, live aus Köln ■

10 :antifaschistische nachrichten 19-2008


Mit einem „Doppelgipfel“ in Kehl NATO-Jubiläumsgipfel 2009 in Kehl (Deutschland) und Straßburg (Frankreich):
und Straßburg will die NATO im
Frühjahr 2009 auf der deutschen
und französischen Seite des Rheins ihr 60.
60 Jahre NATO sind 60
Jubiläum feiern. So lautet der Beschluss
der 26 Staats- und Regierungschefs beim
Gipfeltreffen Anfang April 2008 in Buka-
Jahre zu viel
rest. Die Friedensbewegung wird aus An- Gemeinsame Erklärung der französischen und deutschen Friedensbewegung
lass des Jubiläumsgipfels mit vielfältigen zur Vorbereitung eines Gegengipfels
Aktionen der Information, mit Veranstal-
tungen und Demonstrationen, mit einem Denn durch die Erweiterung wird der offenen Einsatzes militärischer Gewalt
Gegengipfel für eine friedliche und ge- NATO-Ring um Russlands Westen immer zur Verwirklichung wirtschaftlicher und
rechte Welt ohne NATO werben. Am 4. enger. Eine neue Aufrüstungsrunde droht. machtpolitischer Ziele, um die es auch in
April 1949 war der Vertrag zur Gründung Die Militärausgaben haben weltweit eine den Kriegen gegen Afghanistan und Irak
der NATO von zwölf Staaten unterzeich- neue Rekordhöhe erreicht. Schon heute geht. Der „Krieg gegen den Terror“ ist in-
net worden. Deutschland war 1955 als 15. tätigen die NATO-Staaten rund 70 Pro- zwischen selbst zum Terror geworden.
Mitglied der NATO beigetreten. Frank- zent der weltweiten Militärausgaben. Mit Die „Transformation der NATO“ wirft
reich hatte die militärischen Strukturen der nur einem geringen Teil der hier ver- eine Reihe politischer und völkerrechtli-
NATO 1966 verlassen. Mit der Durchfüh- schwendeten Gelder ließe sich ein we- cher Fragen auf. Ihre „Sicherheitsstrate-
rung des Gipfels in Europa soll zum einen sentlicher Beitrag zur Errichtung einer gie“ reklamiert das Recht auf „präventi-
die Absicht des französischen Präsidenten friedlichen und gerechten Welt leisten. ve“ Angriffskriege gegen jeden Staat der
Sarkozy honoriert werden, die französi- Die NATO ist also nicht nur gefährlich Welt, der im dringenden Verdacht steht,
sche Armee wieder in die militärischen und überflüssig, sie ist auch teuer. Die Af- den internationalen Terrorismus zu unter-
Strukturen der NATO einzubringen. Zum stützen oder Massenvernichtungswaffen
Internationale Friedenskonferenz zur Vorbe-
anderen ist Straßburg Sitz des Europäi- herzustellen bzw. weiterzugeben. Diese
reitung des Natogipfels am 3.4./ April 2009
schen Parlaments. Mit dem Gipfelereignis in Kehl/Straßburg:
Strategie droht die Welt in einen chaoti-
soll auch die Transformation einer zivilen Samstag, 4. bis Sonntag, 5. Oktober. Marien- schen Zustand politischer Willkür und In-
Europäischen Union in ein Militärbündnis heim, Katharinenstr. 4, Stuttgart Süd. stabilität zu stürzen. Völkerrechtlich be-
gewürdigt werden, das fest an der Seite der deutet diese Strategie einen Rückfall in
USA und der NATO steht. Mit dem Ver- ghanistan-Strategie der Nato bleibt weiter die Zeit vor dem Völkerbund, vor dem
trag von Lissabon hat sich die Europäische auf den militärischen Sieg gerichtet. Das Kellogg-Pakt 1928 (Ächtung des Krieges)
Union inzwischen eine kontinuierliche bedeutet die Fortsetzung des bisherigen und vor der Charta der Vereinten Nationen
Aufrüstungsverpflichtung auferlegt. militärischen Einsatzes mit einer unbe- (1945), in der den Staaten ein striktes Ge-
In Frankreich gibt es wenig Zustim- deutenden zivilen Komponente. Dieser waltverbot auferlegt wurde. Ein ganzes
mung für Sarkozys demonstrativen Schul- Kriegslogik entspricht auch die im Ab- Jahrhundert der Entwicklung eines mo-
terschluss mit den USA und der NATO. In schlussdokument von Bukarest angespro- dernen zivilisierten Völkerrechts droht
Deutschland wächst die Skepsis gegen- chene Verbesserung der militärischen Fä- umsonst gewesen zu sein.
über militärischer Aufrüstung. Die NATO higkeiten der Nato. Es geht um die zügige Die Friedensbewegung setzt sich dafür
ist nach der Auflösung des Warschauer Realisierung einer strategischen Überle- ein, mit der Logik der militärischen Ab-
Paktes und dem Ende der europäischen genheit des Westens gegenüber den po- schreckung, Bedrohung und Kriegsfüh-
Bipolarität zu einem historischen Ana- tenziellen globalen Kontrahenten Russ- rung zu brechen. Wir wollen eine UNO,
chronismus geworden. Zur Verteidigung land und China. die ihren friedenspolitischen Aufgaben
wird sie nicht mehr gebraucht, weil ihr Das im Vorfeld bekannt gewordene gerecht wird, eine zivile Europäische Uni-
der Gegner abhanden gekommen ist. Was Strategiepapier „Towards a Grand Strate- on und anstelle der NATO ein internatio-
ihr bleibt und was sie vorantreibt, ist ihre gy for an Uncertain World“ propagiert die nales Sicherheitssystem. Wir wollen vor-
territoriale Ausdehnung bis an die Gren- Bereitschaft zum atomaren Erstschlag beugende Konfliktvermeidung, um Auf-
zen Russlands und den pazifischen Raum und zu militärischen Interventionen. Die rüstung und Kriege, unwürdige Lebens-
sowie die Ausweitung ihrer militärischen Autoren aus höchsten NATO-Kreisen be- bedingungen, soziale Ungerechtigkeiten
„Zuständigkeit“ weit über die ursprüngli- trachten ihr Papier als inhaltliches Ange- und Missachtung der Menschenrechte zu
chen, im NATO-Vertrag definierten Gren- bot für ein neues Strategisches Konzept überwinden. Und wir wollen die Einhal-
zen hinaus. der NATO für den Gipfel 2009. Sie for- tung des Völkerrechts, wie es in der Char-
Die NATO wandelt sich zügig weiter in dern in an Zynismus kaum zu übertreffen- ta der Vereinten Nationen verankert ist.
ein weltweites Interventionsbündnis, wo- der Weise eine „Eskalationsdominanz“ Der NATO-Vertrag von 1949 ist nur
für beim jüngsten Gipfel in Bukarest wei- zur Sicherung der „westlichen Kultur“ noch ein Fetzen Papier. Die logische Fol-
tere Weichenstellungen vorgenommen und „Lebensweise“. Die Gefahr eines ge der Auflösung des Warschauer Ver-
wurden. Der sogenannte „Raketenschirm“ Atomkrieges wächst laut Jahresbericht trags, dem einstigen Militärbündnis der
der USA aus einer Radaranlage in Tsche- 2007/2008 des Internationalen Konversi- osteuropäischen sozialistischen Staaten,
chien und zehn Abfangraketen in Polen onszentrums (BICC in Bonn). Wörtlich wäre 1991 die Selbstauflösung der NATO
wurde unter Dach und Fach gebracht. heißt es, dass „die Vertragsparteien, die gewesen.
Diese angeblich gegen eine Bedrohung über Kernwaffen verfügen und die eigent- Heute stellt sich die Frage der Auflö-
aus Iran gerichtete Rüstungsmaßnahme lich einen Zeitplan für den schrittweisen sung der NATO erst recht, ist sie doch
brüskiert Russland. Dies umso mehr, als Abbau ihrer Arsenale vorlegen sollten, de selbst zu einer Bedrohung der Welt gewor-
Kroatien und Albanien in die NATO auf- facto genau das Gegenteil tun – nämlich den. Die Friedensbewegung vertritt ent-
genommen wurden und der Beitritt der Zeitpläne für die Modernisierung ihrer schieden den Standpunkt, dass die NATO
Ukraine und Georgiens lediglich zeitlich Waffensysteme aufstellen“. einen historischen Anachronismus dar-
verzögert wurde. Die Beteuerungen des Der das Völkerrecht brechende NATO- stellt. Die NATO muss aufgelöst werden.
Westens, mit Russland auf der Basis Krieg gegen Jugoslawien 1999 war eine Berlin/Paris, Juni 2008, Mouvement de
gleichberechtigter und partnerschaftlicher Zäsur der internationalen Politik nach la paix und Bundesausschuss
Beziehungen koexistieren zu wollen, sind dem Ende der Blockkonfrontation. Er de- Friedensratschlag ■
unglaubwürdig. monstrierte den Beginn einer Epoche des aus Friedensblätter, Nr. 74, Sept. 2008

: antifaschistische nachrichten 19-2008 11


: ausländer- und asylpolitik
Werk der Landeskirche und des hanno-
verschen Stadtkirchenverbandes sowie
dem „Ökumenischen Netzwerk Asyl in
Bundesregierung muss An- (1.151) und nach Serbien (1.018) abge- der Kirche“.
gaben zu Abschiebezahlen schoben. 1.548 auf dem Luftweg abzu- www.leben-im-verborgenen.de
schiebende Personen seien durch Ange- epd Niedersachsen-
2007 korrigieren hörige der Bundespolizei oder von Län- Bremen/b2512/09.09.08 ■
Berlin. Offensichtlich gab es im Bun- derpolizeien begleitet worden. Für diese
desinnenministerium eine Panne beim Sicherheitsrückführungen seien dem Bargeld statt Gutscheine
Zusammenstellen der Zahlen für die Ant- Bund im Jahr 2007 Kosten in Höhe von
wort auf eine Kleine Anfrage zu den Ab- 6,8 Millionen Euro entstanden. Wie die oder Sachleistungen
schiebezahlen von 2007. Das fiel vor al- Regierung weiter mitteilt, erfolgten 661 Hannover. Die Fraktion DIE LINKE
lem deshalb auf, weil die Zahl der wegen Abschiebungen auf dem Landweg und 3 im Landtag hat von Innenminister Uwe
Widerstandshandlungen abgebrochenen Abschiebungen auf dem Seeweg. Schünemann gefordert, nicht länger auf
Abschiebungen mit über 5500 doch et- Quelle: jesuiten-fluechtlingsdienst ■ die Wertgutscheinpraxis für Flüchtlinge
was hoch gegriffen schien. Nun musste zu bestehen. Wenn Kommunen anstelle
sich die Bundesregierung noch an ande- Anhörung zum Kommuna- von Gutscheinen oder Sachleistungen
ren Stellen korrigieren: lieber Bargeld ausgeben möchten, dürfe
● die Zahl der Zurückschiebungen an
len Ausländerwahlrecht ihnen die Landesregierung keine Steine
den Landgrenzen war ursprünglich mit Berlin. Der Innenausschuss wird am mehr in den Weg legen, fordert Pia Zim-
3585 angegeben, nun mit 3226, Montag, den 22. September, in einer öf- mermann, innenpolitische Sprecherin
● die Zahl der Zurückweisungen an fentlichen Anhörung sieben Sachverstän- der Linksfraktion. „Es ist menschenwür-
den Landgrenzen war ursprünglich mit dige zur Einführung eines Kommunalen diger, wenn die Betroffenen mit Geld be-
11840 angegeben, nun mit 8377, Ausländerwahlrechts anhören. Die An- zahlen können“, sagt Zimmermann.
● die Zahl der Zurückschiebungen an hörung beginnt um 14 Uhr im Saal 2300 „Deshalb muss Schünemann seine knall-
den Seegrenzen war ursprünglich mit 26 des Paul-Löbe-Hauses und soll drei harte Linie aufgeben.“
angegeben, nun mit 43, Stunden dauern. Behandelt werden sol- Ihre Fraktion unterstütze ausdrücklich
● die Zahl der Abschiebungen auf dem len in der Anhörung ein Gesetzentwurf die Landkreise Aurich und Holzminden,
Luftweg mit Begleitung durch private Si- der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen die sich dem Druck des Innenministeri-
cherheitsdienste war ursprünglich mit (16/6628) und ein Antrag der Linksfrak- ums nicht beugen und die Leistungen an
2105 angegeben, nun mit 1626, tion (16/5904) zur Änderung des Grund- die Flüchtlinge weiterhin in bar auszah-
● die Zahl der Abschiebungen auf dem gesetzes. Mit der Änderung des Grund- len. Die wiederholten Erklärungen des
Luftweg, die wegen Widerstandshand- gesetzes und nachfolgenden Änderungen Ministeriums, das Bundesgesetz sehe die
lungen Betroffener abgebrochen werden der Wahlgesetze sollen die Ausländer, Ausgabe von Wertgutscheinen vor, seien
musste, war ursprünglich mit 5483 ange- die nicht die Staatsangehörigkeit eines falsch. „Wenn dies so wäre, würden Bre-
geben, nun mit 210, Mitgliedstaates der Europäischen Ge- men, Meckl.-Vorpommern, Hessen,
● die Zahl der Abschiebungen auf dem meinschaft besitzen, nach Maßgabe von Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz,
Luftweg, die wegen medizinischer Grün- Landesrecht bei Wahlen in Kreisen und NRW, Sachsen-Anhalt, Berlin und Ham-
de abgebrochen werden musste, war ur- Gemeinden wahlberechtigt und wählbar burg gegen das Gesetz verstoßen. Sie
sprünglich mit 77 angegeben, nun mit sein. flucht@nds-fluerat.org ■ zahlen die Leistungen seit Jahren in bar
56, aus“, betont Zimmermann.
● die Zahl der Abschiebungen auf dem Diese Länder hätten sich nicht nur aus
Ausstellung über illegale
Luftweg, die wegen der Weigerung des humanitären, sondern auch aus finanziel-
Flugpersonals abgebrochen werden Einwanderer len Gründen für das Prinzip Bargeld ent-
musste, war ursprünglich mit 51 angege- Hannover. Die hannoversche Landes- schieden. „Es verursacht weniger Büro-
ben, nun mit 59. bischöfin Margot Käßmann wird am 30. kratie und somit auch weniger Kosten“,
Wie es zu der „unzutreffenden Aus- September in Hannover die Ausstellung erklärt Zimmermann. Ihre Fraktion wer-
wertung“ und den eklatant falschen An- „Leben im Verborgenen. Menschen ohne de in der kommenden Woche einen An-
gaben kommen konnte - die zumindest Pass und Papiere in Deutschland“ eröff- trag in den Landtag einbringen, in dem
bei der Zahl der wegen Widerstands- nen. In Deutschland lebten rund eine die Landesregierung aufgefordert wird,
handlungen abgebrochenen Abschiebun- Million Menschen ohne gültige Aus- eine detaillierte Kostengegenüberstel-
gen ja augenfällig ist – dazu gab es vom weispapiere, also illegal, teilte die Lan- lung von Barauszahlung und Wertgut-
BMI keine Stellungnahme. deskirche am Dienstag mit. Mit der Aus- scheinausgabe vorzunehmen.
Quelle: www.ulla-jelpke.de/news - stellung, deren Schirmherrin Käßmann 11. September 2008 Pia Zimmer-
16.09.2008 ■ ist, solle um Verständnis für diese Ein- mann, innenpolitische Sprecherin
wanderer geworben werden, hieß es. Je- Quelle: linksfraktion-niedersachsen ■
Fast 9.000 Abschiebungen der Mensch habe ein Recht auf ein Le-
ben in Freiheit und Würde, unabhängig
auf dem Luftweg von seinem Aufenthaltsstatus. UNHCR-Gutachten kritisiert
Berlin. Im vergangenen Jahr sind 8.953 Die Ausstellung in der evangelischen
Personen auf dem Luftweg aus der Bun- Kreuzkirche sei die erste deutschsprachi- deutsche Widerrufspraxis
desrepublik Deutschland abgeschoben ge Schau, in der auch Ton-Dokumente Die Asyl-Widerrufspraxis in Deutsch-
worden. Dies teilt die Bundesregierung der Betroffenen zu hören seien, hieß es. land steht nicht im Einklang mit der
in einer Antwort (16/10201) auf eine Auf Tafeln werden Biografien illegaler Genfer Flüchtlingskonvention und dem
Kleine Anfrage (16/10152) der Links- Einwanderer und die politischen Zusam- Europarecht. Tausende von Flüchtlingen
fraktion mit. Danach erfolgten die meis- menhänge dargestellt. Die Ausstellung haben deshalb in den letzten Jahren ihren
ten Abschiebungen vom Flughafen vom 1. bis 14. Oktober ist jeweils von 10 Status zu Unrecht verloren. Zu diesem
Frankfurt (4.102), gefolgt von Düssel- bis 18 Uhr geöffnet. Sie ist ein Projekt Ergebnis kommt ein neues Rechtsgut-
dorf (1.177) und München (1.013). Die des Hauses Kirchlicher Dienste in Zu- achten des UN-Flüchtlingskommissari-
meisten Personen wurden in die Türkei sammenarbeit mit dem Diakonischen ats (UNHCR) für den Europäischen Ge-

12 :antifaschistische nachrichten 19-2008


Etwa 200 bis 400.000 Menschen
leben ohne Papiere in Frankreich.
Viele kommen aus Westafrika,
Ohne Papiere, aber
zumeist arbeiten sie schon lange Jahre
auf Baustellen, im Hotel und Gaststätten-
gewerbe. Insgesamt leben etwa 5,6 Mil-
voller Hoffnung www.espoirs.info

lionen Migranten in Frankreich, in


Deutschland etwa 8 Millionen.
Seit dem April 2008 streiken und be-
setzen viele dieser „illegalen“ Arbeiter
ihre Baustellen und anderen Arbeitsplät-
ze. Gewerkschaften wie die CGT, die
Sud-Solidaires und die CNT unterstützen
diese Bewegungen und bieten den Strei-
kenden Unterstützung und Schutz.
Seit dem 3. Juli, am Tag unseres Be-
suchs seit 71 Tagen, besetzt und belagert
eine Gruppe von 88 Arbeitern aus Mali
die Zentrale der Zeitarbeitsfirma
MAN/BTP, die sie auf die Baustellen der
großen Baufirmen vermittelt. Demons-
trationen vor den Zentralen der Bauun-
ternehmen führten zu ersten Verhandlun-
gen mit den Auftraggebern.
Zumeist vor einigen Jahren ins Land
gekommen, angestellt mit falschen Pa-
pieren von Bekannten, bezahlen sie Steu-
ern, aber bekommen dennoch keine Pa-
piere. Die Präfekturen lehnen ab, weil sie
keine Dauerbeschäftigung vorweisen Belagerung der Zentrale der Zeitarbeitsfirma MAN/BTP rund um die Uhr
können. Die Zeitarbeitsfirmen stellen ih-
Ich bin für eine massive Regulierung. Es gibt viel Heuchelei bei den Patrons, zumeist kennen sie die recht-
nen immer wieder kurzfristige Arbeits-
lose Situation der Beschäftigung genauso wie die Regierung und nutzen sie aus. / Philippe Lorrain - 62
verträge aus, obwohl sie schon seit Jah- Jahre - Rentner
ren – manche über 10 Jahre – bei densel-
ben Bauunternehmern auf den verschie- Totale Regulierung. Ob lange oder kurz im Lande, das macht keinen Unterschied für mich. Wenn die
Unternehmen sie einstellen für die schweren Arbeiten, dann brauchen sie diese Menschen. Gleichzeitig
denen Baustellen beschäftigt sind.
nutzen sie die billige Arbeitskraft./ Emilie 19 Jahre - Studentin
Sie fordern von Bouygues, enger Ver-
trauter von Präsident Sarkozy, Chef des Alle regularisieren. Sie sind mutig, Gesicht zu zeigen, ohne Papiere riskieren sie die Ausweisung.
größten Bauunternehmens Frankreichs, Sie wollen hier arbeiten, lassen wir sie in Ruhe hier leben. Die brutale Ausbeutung muss ein Ende haben.
/ Janssen Esteban - 25 Jahre - Soldat
und anderen Baukapitalisten unbefristete
Arbeitsverträge. Die Präfektur will diese Leser-Zitate mit Bild und Namen aus dem Le Parisien vom 7.9.2008 / größter Tageszeitung in Paris/
Arbeitsverträge sehen. Die Unternehmen
verlangen umgekehrt gültige Papiere, um kenden wollen diese absurde Logik zer- ter aus der St. Vincent-Paul im Stadtteil
diese Verträge auszustellen. Die Strei- brechen. Sie wollen endlich die gleichen wird sie in sein Gebet einschließen und
bürgerlichen Rechte wie die fran- einige gehen sogar in die sonntägliche
Das Streik-T-Shirt zösischen Kollegen. Sie wollen Andacht.
keine Angst mehr haben vor den Ihr Leben hat sich verändert. Sie er-
Razzien in den Wohnheimen, den fahren viel menschliche Unterstützung.
Kontrollen auf der Straße und Getränke und Essen werden vorbeige-
keine Sorge, sofort ausgewiesen bracht. Diskussionen mit den Unterstüt-
zu werden. Die Familien und An- zern und untereinander werden geführt.
gehörigen in Mali warten auf ihre Sie sind sehr stolz darauf, dass das
monatlichen Überweisungen. 1/3 Streikkomitee der 88 allein verantwort-
der Bevölkerung in Mali lebt von lich ist für die Entscheidungen. Ratschlä-
den Überweisungen aus den Me- ge und Ideen nehmen sie aber gerne an.
tropolen. Auch die Polizei beobachtet von der
Im Stadtteil rund um den Gare Straßenecke und aus der Ferne das Ge-
du Nord gibt es viel Solidarität, schehen.
erzählen sie uns bei unserem Be- Gewerkschaften unterstützen diesen
such. Sie sind auch weithin sicht- Kampf. Hier bei der Zeitarbeitsfirma ist
bar, belagern die Zeitarbeitsfirma, es die Sud - Solidaires, anderswo an an-
haben Zelte auf dem Trottoir auf- deren Streikorten ist es vor allem die
gebaut, Tag und Nacht sind sie CGT, die von Anfang an eine entschei-
präsent trotz Ramadan. Stühle, dende Rolle bei der Mobilisierung spiel-
Tische, Matratzen schaffen ein te. Alle Streikenden entdecken die Nütz-
dörfliches Ambiente. Die Bande lichkeit von Gewerkschaften, um ihre
der 88 – insgesamt 88 Arbeiter, Selbstbestimmung und Selbstorganisie-
mehr als die Hälfte aus Mali – ha- rung zu fördern. Eine ganz neue Erfah-
ben sich formiert und wollen end- rung für viele der Streikenden!
lich anerkannt werden. Der Pries- whj, pb ■

: antifaschistische nachrichten 19-2008 13


richtshof in Luxemburg. Aufgrund der dischen Malmö setzte heute mit vollem erhält seine Staats-
derzeit vorherrschenden Auslegung in Schwung der eigentliche Arbeitsprozess bürgerschaft mit
Deutschland wurde z.B. seit der militäri- ein. Einer der Schwerpunkte war, wie ein allen entspre-
schen Invasion multinationaler Truppen ,anderes, soziales, nichtmilitarisiertes chenden Rech-
im Irak im Jahre 2003 bis Ende 2007 sys- Europa‘ auschauen könnte. Gleichzeitig ten‘‘.
tematisch der Flüchtlingsstatus von über fanden dazu zwei Veranstaltungen statt. In der span-
17.000 Irakern in Deutschland widerru- Während in der ersten vor allem die nenden Debatte
fen. Die durch tägliche Anschläge ge- neoliberalen Angriffe auf die Arbeitneh- betonte Paolo
prägte allgemeine Sicherheitslage, die merInnenrechte problematisiert wurden, Beni ARCI) aus Ita-
prekären Lebensbedingungen und die ging es in der zweiten um mögliche Al- lien, dass die Umsetzung solcher Forde-
faktisch fehlende staatliche Autorität in ternativen zum ,Europa der Banken, rungen nicht das bloße Ergebnis von
einigen Teilen des Landes wurden dabei Konzerne und Generäle‘. Im Mittelpunkt institutionellen Veränderungen sein
als nicht relevant für den Widerruf einge- standen die Vorstellungen der ,Charta kann, sondern dass es dazu ,breiter sozia-
stuft. Das vollständige UNHCR-Rechts- für ein anderes Europa‘, die in einem ler und politischer Mobilisierungen be-
gutachten ist in englischer Sprache unter dreijährigen Diskussionsprozess erarbei- darf ‘.
www.unhcr.org/eu abrufbar. tet wurde. Die Charta umfasst Punkte Eine Demonstration fand gleich vor
Quelle: jesuiten-fluechtlingsdienst ■ wie ,Die Verteidigung der öffentlichen Ort statt. 500 Personen gingen zu Mittag
Dienste ist ein Kernstueck des anderen auf die Straße, kritisierten die Abschot-
5. Europäisches Sozial- Europa‘, ,Die Kommerzialisierung und tungspolitik der , Festung Europa‘ und
die Verkümmerung des Wissens, der Bil- skandierten ,Kein Mensch ist illegal‘.
forum eröffnet dung und der Forschung müssen aufhö- Hermann Dworczak,
Nach der gestrigen Eröffnung (18.9.) des ren‘ oder ,Jeder Mensch, der sich dauer- Aktivist im Austrian Social Forum/ASF
5. Europäischen Sozialforums im schwe- haft auf dem Gebiet Europas niederlässt, ■

Ende Juni lud ver.di zu einer Fach- ver.di Fachtagung zur SIREN-Studie
tagung mit Prof. Gudrun Hentges
und Dr. Jörg Flecker um die Er-
gebnisse ihres Forschungsprojektes, der Rechtspopulismus,
SIREN-Studie zu diskutieren. Mit dem
SIREN-Projekt wurden europaweit von
2001–2004 die Ursachen für die Erfolge
Arbeitswelt und Armut
rechtspopulistischer Parteien erforscht. gen und Transferleistungen zurückge- In der anschließenden Diskussion um
Schon seit Längerem stellt Rechtspopulis- schraubt werden sollen, sprechen sie die gewerkschaftliche Gegenstrategien beton-
mus kein nationales Phänomen mehr dar, GewinnerInnen des ökonomischen Wan- ten die TeilnehmerInnen, Rassismus und
sondern nimmt europaweit zu. Die natio- dels an: VertreterInnen einer „Leistungs- Rechtsextremismus stärker zum Thema
nalen rechtspopulistischen Parteien haben ideologie“, die sich gegen vermeintliche unter Gewerkschaftsmitgliedern machen
sich vernetzt und stehen in engem Kon- „Sozialschmarotzer“ und gegen Migran- zu wollen und durch Bildungsarbeit und
takt zueinander. So werden z.B. rechtspo- tInnen richtet. Fortbildungen Betriebs-, Personal und
pulistische Größen aus verschiedenen Gleichzeitig greifen rechtspopulisti- Vertrauensleute zum Thema zu schulen.
EU-Ländern auf dem „Anti-Islamisie- sche Parteien die soziale Frage auf, indem Einig war man sich, dass damit der
rungs-Kongress“ im September in Köln sie in Deutschland versuchen, die Proteste Kampf gegen prekäre Beschäftigungsver-
sprechen, der von der rechtspopulisti- gegen die Hartz-Gesetzgebung und die hältnisse, Armut und Konkurrenzdruck
schen Bewegung Pro NRW organisiert Globalisierungskritik für sich zu instru- einher gehen muss, damit sozioökonomi-
wird. mentalisieren. Traditionelle Eliten („die scher Wandel solidarisch und nicht durch
Im Gegensatz zum traditionellen da oben“ etc.) werden ebenso pauschal für Rassismus und Ausgrenzung gestaltet
Rechtsextremismus, der Demokratie und die soziale Misere verantwortlich ge- werden kann.
Menschenrechte explizit ablehnt, gibt sich macht,wie MigrantInnen ausgegrenzt und Mit „Rechtspopulismus, Arbeitswelt
der Rechtspopulismus ein „bürgerliches abgeschoben werden sollen, damit diese und Armut – Befunde aus Deutschland,
Aussehen“. Er bezieht sich jedoch gleich- nicht weiter mit den „Einheimischen“ um Österreich und der Schweiz“ herausgege-
falls auf die Ideologie einer angenomme- Arbeitsplätze und leere Sozialkassen kon- ben von Christoph Butterwegge und Gu-
nen Ungleichheit von Menschen (auf kurrieren können. drun Hentges sind im Frühjahr 2008 die
Grund ihrer „Rasse“, ihrer ethnischen Zu- Ergebnisse der SIREN-Studie publiziert
gehörigkeit oder Kultur). So lehnt auch worden. Der Sammelband führt in den
der Rechtspopulismus eine multikulturel- theoretischen Hintergrund ein und erläu-
le Gesellschaft ab. Stattdessen propagiert tert die Entwicklung des Rechtspopulis-
er eine homogene Gemeinschaft, in der mus. Den Entwicklungen in Deutschland,
das einzelne Individuum sich den Ge- Österreich und der Schweiz sind jeweils
meinschaftsinteressen unterordnen soll. eigene Kapitel gewidmet. In einem geson-
Eine gängige Erklärung für den Erfolg derten Teil wird der Einfluss von Prekari-
rechtspopulistischer Parteien ist der sozio- tät und Exklusionserfahrungen auf rechts-
ökonomische Wandel. Ergebnis der SI- populistische Einstellungen untersucht.
REN-Studie ist, dass der Erfolg rechtspo- Quelle: Publikation „Aktiv + Gleich-
pulistischer Parteien darauf basiert, dass berechtigt September 2008“ ■
es ihnen gelingt, sowohl die GewinnerIn-
nen, als auch die VerliererInnen der öko- Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Ar-
nomischen Umbrüche, die durch die Glo- mut: Befunde aus Deutschland, Österreich
balisierung zunehmen, anzusprechen. Mit und der Schweiz, Butterwege, Christoph/
neoliberalen Positionen, z.B. zum Sozial- Hentges, Gudrun (Hrsg.), Barbara Budrich
abbau, durch den staatliche Sozialleistun- Verlag, 2008

14 :antifaschistische nachrichten 19-2008


: neuerscheinungen
grantinnen und Migranten in Deutschland
und der Schweiz hinsichtlich der folgen-
Fluchtversuche Hans Peter Hauschild hat Miros Ge- den Bereiche: Gesundheitliche Situation
schichte herausgegeben und versucht sein und Belastung, Rechtliche Rahmenbedin-
In dem Buch schildert Mirko Sabanovic Leben mit verschiedenen Ansätzen zu gungen, Gesundheitliche Versorgung, Lö-
sein Leben bis zur Abschiebung aus deuten. „...Miro, das Opfer, ist bei Gott sungsverschläge, Die Rolle der Pflege.
Deutschland. 11-jährig kommt Mirko mit kein Engel, sondern eine Zumutung, eine
seiner Roma-Familie wegen des Krieges Frechheit auf zwei Beinen.… Seine Tele- Mareike Tolsdorf, Verborgen. Gesund-
in Jugoslawien nach Deutschland. In Ber- fonanrufe werden immer verwirrter, was heitssituation und -versorgung versteckt
lin setzt er das fort, was er in der Heimat daran liegen könnte, das er wieder exzes- lebender MigrantInnen in Deutschland
von seinen Eltern gelernt hat. Er stiehlt. siv Drogen konsumiert, die er nicht ver- und in der Schweiz. Geleitwort von Dr.
Immer wieder wird er von seinem Vater trägt.“ Sowohl in der Lebensbeschreibung Dagmar Domenig und Dr. Angelika Ze-
und seiner Mutter misshandelt, er geht auf Miros wie auch in der Betrachtung seiner gelin. 2008. 249 Seiten, EUR 29.95, ISBN
den Strich und erlebt zum ersten Mal Lebensumstände wird die Frage nach Gut 978-3-456-84554-8
durch Homosexuelle Zuneigung und Ak- und Böse gestellt. Dies geschieht ohne Quelle: jesuiten-flüchtlingsdienst ■
zeptanz. Trotz mancher Hilfsangebote einseitige Rollenzuweisungen wie die
rutscht er ab und wird drogenabhängig. „bösen Behörden“, „der typische Sozial- Dokumentarfilm: Unsicht-
Vor dem Richter sagt er: „Sehr geehrtes schmarotzer“, „der arme Zigeunerjunge“,
Gericht, ich weiß, dass ich schuldig bin, „die unschuldige westliche Gesellschaft“ bare Hausarbeiterinnen
dass ich wieder kriminell geworden bin. oder ähnlichem. Fragen werden unter In dem Dokumentarvideo erzählen fünf
Ich schäme mich und bereue alles, was anderem an das Ausländerrecht, an das Frauen ihre Geschichten und was es für
ich gemacht habe. … Seit meinem siebten Strichermilieu, an Mirko selbst und an die sie jeweils bedeutet, in Deutschland ohne
Lebensjahr wurde ich geschlagen, miss- westliche Moral gestellt. Das einfühlsame Papiere zu leben. Sie erzählen von der
handelt und gequält. Ich musste alles tun, Buch fasziniert durch seine Ehrlichkeit, ständigen Gefahr, abgeschoben zu wer-
was meine Eltern von mir wollten. Zwei- die Vielschichtigkeit des Lebens und die den, von ihrer Arbeit in Privathaushalten
mal haben sie mich angezündet und ungelösten Aufgaben, die sich durch Mir- in extremer Abhängigkeit von den Arbeit-
schwer verbrannt, weil ich nicht klauen kos Leben ergeben. geberinnen und Arbeitgebern, aber auch
gehen wollte und ausgerissen bin.… Ich von den Strategien, die sie entwickeln,
habe mit Drogen angefangen. Immerhin Hans Peter Hauschild, Fluchtversuche, um sich in dieser Situation zu behaupten.
haben mir die Drogen geholfen, meine 186 Seiten, kartoniert, EUR 12, ISBN 978 Vertreterinnen und Vertreter von zwei
Probleme eine Zeit lang zu vergessen. Ei- 3 939542 32 2 Beratungsstellen (ZAPO: Zentrale An-
nerseits tat mir das sehr gut, andererseits laufstelle für PendlerInnen aus Osteuropa
wurde ich dadurch noch öfter straffällig. Verborgen und IN VIA: Beratungsstelle für von
Darum möchte ich mich bei meinen Op- Frauenhandel betroffene Frauen) spre-
fern entschuldigen, denen ich das Porte- Für Menschen, die sich rechtlich illegal in chen über die (sehr begrenzten) Möglich-
monnaie gestohlen habe.“ Nach dieser Deutschland aufhalten, bedeutet Krank- keiten der Beratungsstellen, die Hausar-
Rede vor Gericht kommt er in die Ab- heit ein fast unlösbares Problem. Theore- beiterinnen in Fällen von Lohnbetrug, se-
schiebehaft Köpenick, wo ihn sein auch tisch ist ihnen zwar der Zugang zum öf- xueller Gewalt oder drohender Abschie-
dort inhaftierter Bruder zusammen- fentlichen Gesundheitswesen möglich, bung zu unterstützen. Sie wollen auf die
schlägt. praktisch führt eine solche Inanspruch- Situation der Frauen aufmerksam machen
Ungeschminkt erzählt Miro von seiner nahme jedoch zu einer Aufdeckung des il- und eine Diskussion darüber anregen,
Familie, dem Haftalltag im Abschiebe-ge- legalen Status, meist verbunden mit Ab- was sich auf gesellschaftspolitischer Ebe-
wahrsam, von seinem Leben auf dem schiebung. Dieses Dilemma führt dazu, ne verändern müsste, um den Frauen zu-
Strich, den Diebstählen und all der dass Krankheiten verschleppt werden, mindest ihre grundlegenden Menschen-
menschlichen Dunkelheit in ihm und um sich so chronifizieren oder verbreiten rechte garantieren zu können.
ihn herum. Er liebt seinen Freund Robert können. Eine häufige Folge ist außerdem, Was auch in Deutschland möglich wer-
und enttäuscht ihn wieder und wieder. Er dass schwangere Frauen in eine prekäre den könnte, zeigt das Beispiel von Kalay-
liebt seinen kleinen Bruder Dalibor und Situation geraten. Die vorliegende Analy- aan, einer Organisation zur Unterstützung
sorgt sich, dass er den gleichen Weg be- se untersucht die Gesundheitssituation illegalisierter Hausarbeiterinnen in Lon-
schreitet wie er selbst. und -versorgung versteckt lebender Mi- don. Eine Vertreterin der Organisation
gibt im Video einen kleinen Einblick in
die Situation und in die Organisierung
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Venloer Str. 440, 50825 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. von Hausarbeiterinnen in Großbritannien.
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de Von der Selbstorganisation von Mi-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Venloer Str. 440, 50825 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach grantinnen und Migranten mit und ohne
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, Papiere in Deutschland berichtet eine
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der Welt, Berlin, zumThema „Menschen
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zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung ohne Papiere“ mit der Forderung: Bleibe-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. recht für alle!
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Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Verein für politische Bildung, linke Kritik und Der Film kann im Internet zum Selbst-
Kommunikation); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum kostenpreis bestellt werden. VHS-Vi-
e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Marion Bentin, deokassette,35 Euro, www.lasotras.
Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg
– Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; Angelo Lucifero; Kai Metzner (minus- de/Ostras.vias@berlin.de
kel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 19-2008 15


: aus der faschistischen presse
chische FPÖ-Obmann und gelegentliche
Aula-Autor Lutz Weinzinger verlangt
(OÖN, 15. 9. 2008). Auch Winter glaubt
Antisemitismus und Anti- Großmoscheen.“ Warum Islam aggressiv hinter der „Maske der steigenden Gebur-
Islamismus ist und was Überfremdung heißen soll, tenzahlen [...] die traurige Realität von
Junge Freiheit Nr. 38/08 belegt das Blatt wie selbstverständlich steigender Überfremdung“ erkennen zu
vom 12. September 2008 nicht. Stattdessen lässt sich Udo Ulfkotte können. Und so hat sie Angst, dass „in
Neben einer erneuten Anzeige für den so- wie folgt über den Islam aus: „Es gibt vie- wenigen Jahrzehnten [...] die Österreicher
genannten Anti-Islamisierungs-Kongress le kulturelle Unterschiede, die zwangsläu- in Graz nichts mehr ,zu melden haben’“.
der rechtsextremen pro köln Wählergrup- fig zu Spannungen führen müssen, weil Diese Weltsicht teilt die Politikerin mit ih-
pe befasst sich Blatt-Autorin Doris Neu- nicht wenige Verhaltensweisen des isla- rem Sohn Michael, Landesobmann des
jahr in dieser Ausgabe mit dem Geschäfts- mischen Kulturkreises mit dem westli- Ringes Freiheitlicher Jugend (RFJ), der
führer des Zentralrats der Juden, Stephan chen Kulturkreis nicht kompatibel sind.“ diese „Multikulti-Zustände“ ebenfalls für
J. Kramer. Sie unterstellt ihm aggressive Worin diese kulturellen Unterschiede be- unzumutbar hält (Die Aula 9/2008, S. 7).
Medienarbeit und kommt am Ende zu stehen sollen, worin die Zwangsläufigkeit Einmal mehr beklagt das FPÖ-Urge-
dem Ergebnis: „Er wolle gar nicht wissen, der Spannungen besteht – kein Beleg da- stein Otto Scrinzi die „Umwertung aller
,wie schlimm es in Deutschland aussähe, für. Der Beleg ist auch schwer zu finden, Werte“ und dass „heute bestenfalls den
wenn die Leugnung des Holocaust nicht genauso gut hätte Ulfkotte schreiben kön- Staatsanwalt“ beschäftige, was „einst das
strafbar wäre‘, hat Kramer zur Forderung nen, „weil nicht wenige Verhaltensweisen Koppelschloss der Waffen-SS zierte,
von Ex-Verfassungsrichter Wolfgang des evangelischen Kulturkreises mit dem nämlich ,Unsere Ehre heißt Treue’“(eben-
Hoffman-Riem nach einer Reform des katholischen Kulturkreis nicht kompatibel da, S. 10). Auch das Verbot des Haken-
Paragrafen 130 Strafgesetzbuch geäußert. sind“ – wovon das westliche Europa ja kreuzes stößt der Aula immer noch sauer
– Nun, Kramers Macht würde geringer, lange Zeit ausging und was für mehr als auf: So beschwert man sich, dass nun ge-
das Land dafür ein wenig freier und heller. einen Krieg als oberflächliche Begrün- gen jenen Neonazi ermittelt wird, der
Was ist daran schlimm?“ Warum Doris dung diente. Tatsächlich hat sich auch in beim Begräbnis von Friedhelm Busse in
Neujahr es „ein wenig freier und heller“ der Wirklichkeit der Bundesrepublik über Passau diesem eine Reichskriegsflagge
findet, wenn die systematische Ermor- einige Jahrzehnte herausgestellt, das samt Hakenkreuz ins Grab nachgeworfen
dung von Millionen Jüdinnen und Juden Menschen unterschiedlicher Religionen hat (ebenda, S. 19).
während der Nazi-Herrschaft geleugnet und unterschiedlicher kultureller Her- Vor allem aber finden sich in der aktu-
werden darf, erläutert sie nicht. Die Auf- künfte gut zusammenleben, Familien ellen Aula zahlreiche antisemitische Be-
fassung, dass Freiheit Lüge bedeutet, mag gründen, gemeinsam arbeiten, gemein- züge. Johann F. Balvany behauptet etwa,
in rechtsextremen Kreisen verbreitet sein sam gewerkschaftliche und politische Ungarn sei „Israels europäischer Brü-
– an den historischen Tatsachen ändert es Auseinandersetzungen führen können. ckenkopf“: Ursprünglich nach Israel aus-
nichts und die Leugnung von Verbrechen uld ■ gewanderte und geflohene Jüdinnen und
dient allemal ihrer Vertuschung. uld ■ Juden „sickerten nach der Budapester Re-
Die Aula im Wahlkampf und gimewende 1990 sehr zahlreich zurück
Große Unterstützung für pro und fassten schnell in Politik, Wirtschaft
gegen „Israelisierung“ und Kultur Fuß“. Alles in allem trete Isra-
köln Österreich. Die rechtsextreme Aula el „allmählich in die Fußstapfen der sow-
Junge Freiheit Nr. 39/08 stellt sich in ihrer aktuellen Ausgabe voll jetischen Besatzungsmacht“, komme es
vom 19. September 2008 und ganz in den Dienst der Sache. So titelt zu einer „Israelisierung Ungarns“ (eben-
Zum Wochenende der geplanten und am das „freiheitliche Magazin“ mit FPÖ-Ob- da, S. 25). Aber auch in der Türkei sieht
Widerstand der Antifaschistinnen und An- mann Heinz-Christian Strache, auch die man überall „Juden“, sogar Staatsgründer
tifaschisten geplatzten Anti-Islamierungs- Rückseite ziert FPÖ-Wahlwerbung. Im Atatürk habe versucht, seine angeblichen
Konferenz in Köln kommt das Blatt mit 4 Heft macht sich die Grazer FPÖ-Politike- „jüdischen Wurzeln zu verbergen“ (eben-
großen Artikeln einschließlich des Auf- rin Susanne Winter, bekannt als Leser- da, S. 29). Die „Juden“ haben in der Aula
macherartikels auf Seite 1 heraus – briefschreiberin im neonazistischen Ma- nun nicht mehr nur den Untergang des Za-
„Angst vor der Islamisierung – in den eu- gazin PHOENIX, Sorgen um den „heimi- renreiches zu verantworten, sondern auch
ropäischen Metropolen regt sich Wider- sche[n] Nachwuchs“. Dass dieser von den des Kalifats. Bis heute seien in der
stand gegen die Überfremdung durch ei- „blonde[n], blauäugige[n] Frauen“ kom- Türkei „viele Generäle [...] jüdischer Her-
nen aggressiven Islam und den Bau von men muss, hat jüngst der oberösterrei- kunft, ebenso Inhaber von Schlüsselstel-
len in Medien und Wirtschaft“. (Ebenda,
S. 30) Quelle: www.doew.at ■
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Antisemitismus im Bild: Den „Juden“
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zwischen Georgien und Russland zuge-
schrieben ...

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