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Der Mensch: das Tier

Redetext. Eröffnungsrede zur Vernissage. Lothar Vollmar: Ausstellung LebensArt. Herne-Börnig, 27.02.98

Dr. Ulrich Kobbe

Meine sehr geehrten Damen und Herren, als Lothar Vollmar mich um die Eröffnung dieser

Ausstellung bat, gab er mir das durchaus doppeldeutige Thema «Der Mensch : das Tier» vor.

Hiervon ausgehend möchte ich dem einen Gedankensplitter von Franz Kafka voranstellen: Er

schreibt:

«Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst,

um Herr zu werden, und weiß nicht, daß das nur eine Phantasie ist,

erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen des Herrn.»

Die Plastiken von Lothar Vollmar greifen eine gängige Phantasie des Gestaltwandels, der Me-

tamorphose von Mensch und Tier, von Tier und Mensch auf,

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wie sie frühen indianischen Mythen als Tierahnen,

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wie sie als in den antiken Mythen als Schimären und Kentauren, als Gorgo, Sphinx, Satyr

oder Minotaurus,

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wie sie in primitiven Märchen als eheliche Verbindung von Tier und Mensch,

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wie sie Mittelalter als Werwölfe und Teufelsgestalt,

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wie sie in der Neuzeit als Vampire, Affenmenschen und außerirdische Tiermenschmonstren

Sinnbild des Menschen "in seinem thierischen zustande" sind, das heißt, wie sie seit Jahrtau-

senden als imaginäres Objekt der Phantasie des Menschen seiner eigenen verdrängten Schat-

tenseite fungieren. In der von ihm vorgenommenen Verschmelzung von Tier und Mensch

macht Vollmar auf fast naive Weise auf die moralischen Probleme der Umweltzerstörung und

den ethischen Skandal der Mißhandlung der Kreatur aufmerksam. Und er bewirkt Verstörung,

Irritation, wenn menschliche Grausamkeit im gellenden Schrei des Krokodils widerhallt, das

seine Haut zu Markte trägt. Noch deutlicher wird die Mischung aus Angst, Abscheu, Aggressi-

on und Faszination im Motiv der Kröte: Als sich prostituierende Fröschin reckt sie sich mit tri-

umphal-verzweifeltem Aufschrei empor. Ganz anders stört und verstört die fernfahrerlässige

Pose des Transportpferdes mit Silvester-Stallone-Korpus

Angesichts dieses Zerrspiegels vermenschlichter Tiere bzw. tierhafter Menschen empfindet der Betrachter einen Zwiespalt, eine für Vollmars Arbeiten charakteristische Ambivalenz. Indem er mit unserer tierischen Vergangenheit, unseren tierischen Affekten spielt, ruft er nervöses Auf- lachen und bitteres Lächeln hervor. Damit aber bleiben seine Plastiken zunächst wenig gefäl- lig, erweisen sie sich als keineswegs nette Gebrauchskunst. Wir sind mit einem phantastischen Realismus der gespaltenen Kreatur konfrontiert, dessen Wesen zwischen Mensch und Tier weder ganz Mensch noch ganz Tier zu sein vermag. In der Literatur findet sich mit ähnlichem doppelgesichtigem Motiv der Steppenwolf von Hermann Hesse: Als Außenseiter des Bürger- tums ist er im Lichte der Herdenmoral der böse Feind. Im Lichte der Selbsterkenntnis jedoch ist er ein Gehirntier, dessen Intelligenz vom Räuberinstinkt dazu bestimmt ist, zu zerreißen und zu zergliedern. Insofern ist er gespaltener Jäger der eigenen Maskierung, Erbeuter der eigenen Lüge.

Wieviel Wahrheit aber erträgt der Mensch? Denn der sich selbst infrage stellende Aspekt der Wahrheit bringt vermeintliche Gewißheiten ins Wanken, sodaß Leben und Überleben nur dann garantiert sind, wenn man Kritik und Selbstkritik ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu Ende denkt. Genau an dieser Spannung zwischen Selbstgefälligkeit und Selbstzerfleischung setzt Vollmar an: Er nutzt seine Phantasie für die Interpretation dieses erschreckend Normalen im banalen Unerhörten und legt den alltäglichen Skandal der Ausbeutung von Umwelt, Tier und Mensch offen. Die Wesen sind - wie Franz Kafkas verwandelter Gregor Samsa - verwun- detes Tier und entwürdigter Mensch zugleich. Sie personifizieren einen sozialen Dschungel, der zur Verdinglichung und Selbstentfremdung des Menschen in einer ihm fremd gewordenen Welt führt.

«Mach1 doch mal was Schönes!», hat mancher schon Lothar Vollmar aufgefordert, als sei es die Aufgabe der Kunst und des Künstlers, diese zum Teil unerträgliche Kluft zu verdecken. Nun, genau betrachtet, wohnt den Plastiken eine Schönheit ganz spezieller Art inne: In seiner großen Liebe zum Detail wird Vollmars intensive, respektvolle Beschäftigung mit den Lebe- wesen, mit Mensch und Tier deutlich, gerät diese natürliche Echtheit andererseits zu dem fast unschuldigen Ergebnis, wahrer zu sein als die Wahrheit selbst. Derartige Kippmomente finden sich

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im bis zur Neige gemolkenen Euter der Mutter Erde,

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in der geradezu aufsässigen Bedürftigkeit eines Kindes auf dem Stahlhelm.

Selbst im makellos schönen, perfekt geformten,jedoch maskierten oder dornengekrönten Ei setzt sich das zwiespältige Tier-Mensch-Motiv fort: So ist in den archaischen Schöpfungs- mythen ein sogenanntes "Weltei", ein animalisches Ur-Ei, der Ursprung des ersten Men- schen.

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Und wenn in labiler Balance von Gut und Böse doch Hoffnung keimt, ist sie durch Panik, durch existentielle pan-ische Angst gefährdet, entspringt sie dem tierischen Ziegenkopf des Pan.

Insofern präsentieren und repräsentieren die Werke den Wirklichkeitsaspekt einer uns bedro- henden Wahrheit des Imaginären, frieren sie diesen Aspekt ein und wirken sie dementspre- chend subversiv. Dabei fungiert der phantastische Realismus Vollmars eher als ironischer

Widerspruch denn als ausdrückliche Gesellschaftskritik: Tragische Lächerlichkeit und maskier-

te Ironie erweisen sich im Tanz der Mischwesen als intuitives Motiv, das Drama eines unver-

meidbaren Schuldigseins einerseits und der Schönheit der Kreatur andererseits auszuhalten zu

müssen. Insofern tragen die Arbeiten selbstgefällige und selbstironische Züge, hebt Vollmar

die Spannung bewußt nicht

auf