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Beihefte

zur

Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft.

-3w

I.

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Die Datierung

der

Psalmen Salomos.

Ein Beitrag zur jüdischen Geschichte

Lic. th. W. Frankenberg.

Giess en

J. Ricker' sehe Buchhandlung

1896.

Die Datierung

der

Psalmen Salomos.

Ein Beitrag zur jüdischen Geschichte

Lic. th. W. Frankenberg.

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Giessen

J. Ricker'sche Buchhandlung

1896.

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410

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Die Psalmen Salomos gruppiert man seit Wellhausen, 1 dem ich die Anregung zu dem Studium dieser Liedersammlung

verdanke, allgemein um jene Zeit, als Pompejus in Judäa

erschien, um die Thronstreitigkeiten zwischen dem Hasmo-

näer Aristobul und seinem Bruder Hyrkan beizulegen. Die

Lieder stammen, meint man, nicht alle aus derselben Zeit

sie verteilen sich auf den Zeitraum von 80—40 v. Chr.

wohl aber aus demselben Kreise, dem der Pharisäer, und

richten sich gegen dieselben Gegner, nämlich das hasmonä-

Bei der

Lektüre der Psalmen fiel mir zunächst auf, dass manche von

den Stellen, in denen man Beziehungen auf die Sadducäer erblickt, durchaus das aus den biblischen Psalmen bekannte Kolorit tragen und die Schilderung der „Sadducäer" in den

ische Königshaus und die Partei der Sadducäer.

meisten Zügen mit der Zeichnung der Gottlosen in den kanonischen Liedern übereinstimmt. Ferner beobachtete

wo der Text ganz allgemein von den

ich, dass man da,

Einwohnern Jerusalems, den Söhnen und Töchtern der

heiligen Stadt, redet, diese Ausdrücke ungerechtfertigterweise

auf eine bestimmte politische Partei innerhalb der Judenschaft beschränkte. Weiter glaubte ich zu sehen, dass einige von

den Stellen,

die man

als zweifellose Hinweise auf die

Hasmonäer und ihre Partei oder auf Pompejus und die

Römer ansieht, auch sehr wohl eine andere Erklärung zu-

1 Die Pharisäer und die Sadducäer. Greifswald 1874.

Beihefte z. ZATW. I. Frankenberg, Psalmen Salomos.

I

er

sie

vor aller Welt als Gottlose bloss.

Der Ausdruck

bedeutet nicht sowohl, dass Gott durch seine Gerichte die

Frevel, die sie im Geheimen verübten, erst an's Licht ge-

zogen hat die Gottlosen sündigten ja ganz offenbar vor

Gott und aller Menschen Auge, v. 1 1 ff., vielmehr durch

seine Strafe hat Gott alle Welt, die Völker ringsum auf

die Sünden in Jerusalem aufmerksam gemacht.

Durch

die Offenbarung des göttlichen Grimmes wird das Urteil

über die Gottlosen erst unwidersprechlich, rechtskräftig; so

lange Gott noch nicht im Erfolge seinen Richterspruch

abgegeben hat, bleibt das Urteil der Menschen immer un-

sicher: das Eintreten des göttlichen Kptu.cc und die öutoKcc-

Die heidnischen

Xu>|ng Türv ap.ccpTtcüv fallen zusammen.

Eroberer, die Gott zur Strafe über Jerusalem losgelassen

hat, betrachtet der fromme Verfasser demnach mit gemischten

Gefühlen. Einerseits sieht er in ihnen auf Grund seiner dogmatischen Überzeugung die Strafvollstrecker des Herrn, die Diener der göttlichen Gerechtigkeit, die dazu gesandt

sind, Seinen Willen an dem sündigen Volke auszuführen.

Diesen Beruf haben sie auch übereifrig erfüllt; sie haben so

furchtbar in Jerusalem gewütet, dass das heilige Volk in

seiner Existenz bedroht ist und der Dichter den Herrn

o Herr, Deine Hand lasten zu

bittet:

lafs es genug

sein,

lassen auf Israel durch die Strafrute der Heiden. Aber das

war nicht der Wille Gottes, als er die Heiden herbeirief, er wollte väterliche Züchtigung und keine Vernichtung; seine

Bundesgerechtigkeit (1DPI) erfordert jetzt, dass er sich gegen

die Heiden wendet, die es zu arg getrieben haben: „denn

nach ihres

sie handeln nicht im Eifer für dich, sondern

Herzens Lust." Dieser Gedankengang ist bekanntlich seit dem babylonischen Exile sehr gewöhnlich: die Heiden kommen im Auftrage Jahwes, halten sich aber nicht in den

Grenzen seines Willens, infolgedessen der Herr gezwungen

5

ist, wieder für sein Volk gegen die Heiden Partei zu ergreifen,

vgl. Sach. I, 14 f.: Vtt *]Sp1 J rtrQ n«ip JWÄ1 'tmb VlKap

: njr£ rwy nem oyo 'p "ok "ibw tnajwn lan ty 'p Sach.

VIII, 1 ff.

Durch die läuternde Wirkung des göttlichen

Gerichtes ist jetzt das heilige Volk der öiKcuog, den der

Bundesgott aus der ungerechten Bedrückung des apaproAos

erretten

mufs (v. 35); 1 nachdem

Gott durch seine HpTS

(öiKCciotfuvrj) Jerusalem gereinigt hat, wendet er dem Volke

jetzt

wieder seine 1DPI (&Xeoc;) zu, vgl. >]/ 8, 25 ff.: eöetgag

fjpÄv tö Kpip.cc öou ev rfj öiKcuoöuvrj tfou

ertiörpe-vj/ov,

6 üeoq,

tö eXeoc, öou

vgl.

auch die Bitte bei Sirach

33, 4: coöjrep evcbmov ccurcöv r^Ytdödrjc; ev rjp.lv,

outooc;

So wechseln

Strafgerechtigkeit und Gnadengerechtigkeit mit einander ab

das Gericht Gottes über sein Volk ist erfüllt, ja mehr als

das, jetzt erwächst dem Frommen auf Grund seiner Dog-

matik die Überzeugung, dass der Herr der Unterdrückung

seines Volkes und den Greueln der heidnischen Wirtschaft in Jerusalem durch eine plötzliche Katastrophe ein schnelles

Ende machen müsse. Diese Hoffnung zeigt Gott dem

evcbmov fjptüv p,8Yct.ADv-^eiri^ ev ccurolc;.

Dichter in einem Gesichte erfüllt: nicht lange mehr wird

das Joch des Drachen

auf dem Volke lasten,

denn in

Ägypten wird ihn das Gericht erreichen;

da wird Gott

« Die äu.ccpftD^.ol (= unepfjcpavoi v. 31),

von denen v. 33 f. die

Rede ist, sind nicht etwa die durch das göttliche Gericht vernichteten

Gottlosen in Israel von einer Verfolgung der Frommen durch diese zeigt sich in unserem \]r keine Spur sondern die Heiden, deren

Untergang der Dichter auf Grund des göttlichen £Xeog (Bundesgnade

gegen Israel) erwartet und in der Hoffnung v. 26 ff. antizipiert.

Das

Gericht, in dem Gott (v. 34) entscheidet, ist der Streit zwischen Israel

und den Heiden, auf dessen Ausgang die iieyiötäveg zur Anerkennung der Obmacht des Herrn über die Völker aufmerksam gemacht werden.

Die Ausrottung der Gottlosen aus Israel ist nicht eine That der gött-

lichen ton, sondern der np"TC, vgl. v. 15 v. 33 <\r 9, 2 und im Text.

seinen verruchten gotteslästerlichen Hochmut beugen, da

wird er merken, wer Herr ist.

Mit einer Ermahnung an

die u-eyiöTävec, rfjg yfjg an diesem göttlichen Gerichte über

die heidnischen Unterdrücker zu lernen, dass der Herr König ist und alles frevelhafte Beginnen gegen seinen Willen,

der Kette vergeblich ist, schliesst der

alles Rasseln an

Psalm. Aus diesem Schlüsse geht nun nicht hervor, dass der Verfasser die Strafe Gottes über den heidnischen Frevler

bereits erlebt haben muss; denn die Psalmendichter sind

von der Notwendigkeit, dass ihre religiösen rostulate sich

verwirklichen müssen, so fest überzeugt, dass sie dieselben

wie thatsächliche Realitäten behandeln. Abgesehen von der Analogie der meisten Psalmen der Dichter beginnt mit der elenden Gegenwart und schliesst mit einem hoffnungs-

freudigen Ausblick auf die Zukunft lässt es sich in unserem

Liede wahrscheinlich genug machen, dass die Ereignisse, mit

denen der Psalm beginnt, die Gegenwart des Verfassers

der Feind hat ihre

sind.

Die heilige Stadt ist gefallen,

Mauern im Sturme genommen „und Du hast es nicht

gewehrt!" Der Dichter steht noch ganz in dem Staunen

und Schrecken drin, den dies überraschende Ereignis auf

ihn ausübt.

Herr werde es nicht zulassen, dass seine heilige Stadt von

den unreinen Heiden erobert würde, sie hofften, die Belagerer würden von dem Felsen Zion abziehen müssen, wie damals

Sanherib ein Beispiel, das in der späteren Zeit (Macc.)

die hierin ganz dieselben Erwartungen hegte, wie die Zeit-

genossen des Jesaias, häufig angeführt wird , aber, siehe da, Gott Hess das Unerwartete, Unglaubliche geschehen : Jerusalem fiel in die Gewalt der Heiden. In dem folgenden Psalm legt sich der fromme Dichter nach der bekannten fest-

stehenden Theodicee der Schriftgelehrten dies ungeheure

Die Einwohner von Jerusalem dachten, der

Ereignis zurecht und versucht Gottes Gericht vor dem zwei- felnden kleingläubigen Herzen zu rechtfertigen; dass ihm jedoch diese Rechtfertigung der harten Wirklichkeit nicht

von Herzen kommt, sondern ein Produkt seiner theologischen

Bildung ist, zeigt sich deutlich, vgl. ty 3, 3f: die Gerechten

gedenken allerwege des Herrn mit Dank, sie erkennen seiner

Gerichte Gerechtigkeit, vgl. auch Daniel IX. Darin unter- scheidet sich die Art, wie die Gerechten das Unglück er-

tragen, von der gottverlassenen Verzweiflung der Frevler. In der zweiten Hälfte des Psalmes versucht der Dichter

demnach sein gestraftes Volk mit dem göttlichen Gerichte

über die Heiden, das ja nicht ausbleiben kann, zu trösten.

Das Lied steht in allen Punkten unter dem frischen Ein-

druck des göttlichen Strafgerichtes und muss in der Stim-

mung, die die Eroberung der heiligen Stadt in dem Dichter erregte, verfasst sein; das Herz blutet ihm noch beim An-

blick der Greuel,

die er in Jerusalem mit ansehen muss,

v. 1417 bis 20 Jahre nach der Eroberung der Stadt würde sich der Verfasser lange nicht so sehr darüber aufgeregt haben. Aus der Inhaltsangabe und der letzten Bemerkung ist

ersichtlich, dass von irgend einer wirklichen Sympathie des

Verfassers mit den heidnischen Eroberern nicht die Rede

sein kann;

mit seinen Gefühlen steht er vollständig auf

Seiten seines unglücklichen Volkes, für die Feinde hat er

weiter nichts übrig als die Anerkennung derselben als Zucht-

rute Gottes, ein Gedanke, den seine Dogmatik seinem Her- zen abgedrungen hat. So lange die Feinde vor der Stadt

lagerten, gehörte er auch zu denen,

die

es gar nicht für

möglich hielten, dass der Herr die Stadt seines Eigentumes

in die Hände der unreinen Heiden geben könnte; nachdem das doch geschehen ist, muss er zwar die Eroberer als Strafwerkzeuge des Herrn anerkennen sonst wäre er

kein Frommer , aber sofort drängt ihm der Anblick der

Greuel, die die Heiden in Jerusalem verüben, das Gebet auf die Lippen : zaudre nicht, o Gott, es ihnen heimzuzahlen,

Dass

den Stolz des Drachen in Schande zu verkehren!

das Gericht durch die heidnische Invasion nur einer Partei unter der jerusalemer Bevölkerung gegolten habe tritt

ebenso wenig hervor, wie etwas davon zu spüren ist, dass

ein bestimmter Teil der Einwohnerschaft, etwa die Führer

des Volkes (so gewöhnlich dieser Vorwurf sonst ist), sich

besonders vergangen habe ; der Dichter redet ganz allgemein

von den Sünden der Söhne und Töchter Jerusalems und

giebt durch nichts zu verstehen, dass diese von den cqiap-

rcoXoi v. i6f. im Grunde verschieden sind.

Auch in der

Behandlung, die die Feinde den Einwohnern der eroberten

Stadt zu Teil werden lassen, zeigt sich nirgends ein Unter-

schied: arm und reich, hoch und niedrig haben gleicherweise

unter ihrer Bedrückung zu leiden, ganz Jerusalem liegt ent-

ehrt in Staub und Asche. Besonders tritt in der Schilderung

der Feinde ihr infernalischer Hochmut gegen den jüdischen

Gott und ihre Verachtung der jüdischen Religion hervor.

Die Heiden haben sich nicht gescheut, den heiligen Brand-

opferaltar mit Schuhen zu betreten, offenbar nicht aus Un-

wissenheit, sondern aus Trotz und Übermut. Ebenso zeigt

sich' diese heidnische Verachtung der jüdischen Religion

charakteristisch in dem Verspotten und Verhöhnen der

jüdischen Einwohner: yty, übp, *pn, tyb, tty, £ujrair,eiv etc.

sind aus den Psalmen und Proverbien bekannte Ausdrücke

für die Verfolgung der Rechtgläubigen, der treuen Anhänger

des väterlichen Gesetzes, durch die Gottlosen (D^V), die

über die peinliche Beobachtung der altväterlichen bar-

barischen Gebräuche witzeln und sich über den längst über-

wundenen Standpunkt der Frommen lustig machen, vgl.

ausser den Psalmen I Macc. 9, 26. Matth. 27, 29. Luc. 23, 11.

Aus alle dem geht hervor, dass die Heiden es nicht darauf

abgesehen haben, eine bestimmte politische Partei in Jeru-

salem zu stürzen, sondern die Juden, ihre Nationalität und

ihre Religion, zu vernichten.

Vgl. v. 22 ff.

Diese Beobachtungen führen zu dem Schluss, dass die Eroberer Jerusalems in unserem Psalme nicht Pom-

pejus und die Römer sein können. Selbst wenn man an-

nehmen wollte, das Benehmen des Pompejus bei der Ein-

nahme des Tempels sei ihm als Verachtung der jüdischen

Religion ausgelegt worden, so wäre doch die lebendige, entrüstungatmende Schilderung, die der Verfasser von der

übermütigen Verachtung und dem gotteslästerlichen Hoch-

mut des heidnischen Eroberers entwirft wohlverstanden

alles nach 1 7 20 Jahren ! ungeheuer übertrieben. Dazu

kommt ferner, dass eine solche Gefährdung des jüdischen Volkslebens, wie sie in unserem Liede vorausgesetzt erscheint,

weder im Willen des Pompejus gelegen hat, noch infolge

der Eroberung damals eingetreten ist.

Hier wird eine

Katastrophe vorausgesetzt, die Jerusalem und die jüdische

Nation in ihrem Bestände bedroht. Von froher Befriedigung

darüber, dass eine bestimmte verhasste politische Partei des Volkes besonders von dem göttlichen Schicksalsschlag be-

troffen worden ist, zeigt sich keine Spur v. 16 f. enthält den

gewöhnlichen trübseligen Trost, durch den sich die Frommen

mit jedem geschichtlichen Unglück abfinden , wie auch die Stimmung gegen die Feinde ungeteilten Hass und Zorn atmet.

Das resignierte: Kai oijk ^kcüXuöccc; v. i zeigt, dass dem Dichter

selbst nichts ferner gelegen hat als der Gedanke, Gott könnte

seine Stadt und sein Eigentum den Heiden zur Profanierung

überlassen. Bekanntlich war aber die Stimmung, mit der

die Pharisäer dem Anzug des Pompejus und der Belagerung

der Stadt entgegensahen, eine total verschiedene. Wenn also, aus diesen Gründen, der Verfasser des Psal-

mes nicht die Belagerung und Eroberung Jerusalems durch

10

Pompejus und die Römer im Auge haben kann, dann kommt

als Abfassungszeit des Liedes nur noch die syrische Inva-

Alle Züge, die,

sion unter den Seleuciden in Betracht.

wie gezeigt,

auf die Eroberung durch die Römer nicht

passen, werden zu positiven Zeugnissen für jene Zeit. Der

heidnische Hochmut und gotteslästerliche Hohn, mit dem

die Eroberer die Einwohner der Stadt und ihr Heiligtum

behandeln: ihr Benehmen ist nicht etwa eine unbewusste

und unbeabsichtigte Verletzung der jüdischen Religion und ihres Kultus, sondern sie wollen offenbar ihren Trotz und

ihre Verachtung des jüdischen Wesens an den Tag legen.

Die Heiden gehen nicht darauf aus, ein ihnen missliebiges

Regiment in Jerusalem zu stürzen, ihr Begehr ist es viel-

mehr, das jüdische Volk in seiner Eigenart zu vernichten.

Weil es ein Krieg ist nicht aus politischen Gründen, son- dern ein heiliger Kampf um das Leben der Religion, an

dem Gott selbst beteiligt ist, deshalb hatten die Frommen

in Jerusalem fest erwartet,

Stadt, in der sein Name wohnt, schützen und schirmen

vor der Schändung durch die Heiden; man war fest über-

zeugt, dass Gott für sein Volk gegen die unreinen Heiden Partei ergreifen werde. Freilich muss sich der Dichter nach

dem Eintritt der Eroberung sagen, dass die Bürger von

Jerusalem die Strafe für ihr ungesetzliches Leben verdient

Heidnische Unzucht wurde in den Mauern der

haben.

der Herr

werde die heilige

heiligen Stadt getrieben, die heiligen Opfer wurden ver-

achtet, und die kultischen Vorschriften vernachlässigt. Diese ävopiq.i werden durchaus nicht etwa den Priestern vorge- worfen, sondern allen Einwohnern Jerusalems, die Priester

werden nirgends erwähnt und kommen nur als ein Teil der

gesetzlosen Gesellschaft in Betracht.

Die Zustände in der

Stadt waren durchaus heidnisch : es ging in Jerusalem etwa

so zu, wie es II Macc. 4, 7 E geschildert wird.

II

Damit sind wir gezwungen, die gewöhnliche Deutung

von v. 26ff. auf den Tod des Pompejus in Ägypten zu

verwerfen, so schön auch die Worte auf dies Ereignis zu

Wie bereits oben gesagt, vermögen wir

passen scheinen.

in diesen Versen nur ein dem Dichter persönlich von Gott

gezeigtes Hoffnungsbild zu sehen: er liegt mit dem Herrn

wegen des Elendes seines Volkes im Gebete und daraufhin

wird ihm (wie dem Daniel in cp. 9)

die tröstliche Ver-

heissung, dass die Bedrückung und Vergewaltigung des heiligen Volkes mit dem schnellen Untergange des Eroberers

in Ägypten ein freudiges Ende finden werde. Offenbar er-

wartet der Verfasser in der nächsten Zukunft eine rächende

That und errettende Katastrophe der göttlichen Gerechtig-

keit ; es ist nicht die Art dieser Frommen, die Erfüllung ihrer

Hoffnungen und Wünsche allzu weit in die Zukunft zu ver-

schieben: wenn der Dichter nach iy 20 langen Jahren

endlich sein Gebet erfüllt sähe, könnte er nicht sagen, dass

es in Bälde geschehen sei. Was aber die Hauptsache ist,

nach 17 Jahren hat die Tröstung, die

offenbar in v. 22 ff.

liegt, weder Grund noch Zweck. Endlich ist deutlich, dass

nach der Anschauung des Verfassers das Ende der feind- lichen Bedrückung mit dem Gottesgerichte über den heid- nischen Führer zusammenfällt. Demnach können die Verse v. 26 ff., die der Hoffnung der Frommen Ausdruck geben,

nicht ein Bericht von dem Tode des Pompejus sein, der

überdies als Haupt der unter dem Typus des Drachen vor- gestellten heidnischen widergöttlichen Weltmacht gar nicht

die passende Figur ist 1 .

Wenn wir durch die geschicht-

* Übrigens ist unter dem Drachen nicht sowohl ein Einzelner zu ver-

stehen, als die heidnische Weltmacht, deren Haupt jener Einzelneist, ebenso

wie bei Daniel die Tiere heidnische Reiche bedeuten. Mitten in seinem Stre-

ben nach der Herrschaft zu Wasser und zu Lande wird der Drache in

Ägypten umkommen auch das passt nicht recht auf Pompejus, der unter

ganz andern Umständen nach Ägypten kam, als v. 26 vorausgesetzt erscheint.

12

liehen Voraussetzungen des Psalmes mit Notwendigkeit in

die Zeit der Syrerkämpfe geführt werden, so kann der Dichter mit der Erwartung, dass der Drache in Ägypten

zu Grunde gehen werde, nichts andres meinen, als dass

Antiochus Epiphanes (oder die syrische Weltmacht) bei

dem frevelhaften herrschgierigen Streben seines Hochmutes

(v. 29. vgl. IMacc. 1, 16 ff.) von der göttlichen Strafe erreicht,

dort in Ägypten in jähem Sturze umkommen werde. Ähn-

lich tröstet Daniel seine Zeitgenossen mit dem plötzlichen Untergange ihres Bedrängers. Dass die Weissagung unseres

Verfassers sich nicht erfüllt hat, zeugt mit für die Richtig-

keit unserer Deutung und beweist,

wie sehr der Psalm,

ebenso wie Daniel, unmittelbar aus den geschilderten Ereig-

nissen heraus verfasst worden ist; die Gefühle und Ge- danken, die in dem Liede walten, haben nicht lange auf Lager gelegen, sondern sprudeln frisch aus der Gegenwart. Deshalb braucht man sich nicht zu wundern, dass unter

den Greueln der Heiden das ßöeXuyjxa £pr]u,ü)tf£coc; fehlt;

der Verfasser hat es eben noch nicht erlebt. Im Übrigen

sind die theologischen Gedanken und die religiöse Stimmung

in unserem Psalm und in Daniel 9 sehr ähnlich:

Aner-

kennung des göttlichen Gerichtes als verdienter Züchtigung

uni Sündenbekenntnis v. 1 21 (Dan. 9,4 14), Gebet um

Zuwendung der göttlichen IDn, v. 2225 (Dan. 9, 15 19),

tröstliche Verheissung von Gott,

v.

26ff.

(Dan. 9, 20 ff.).

Die geschichtlichen Angaben unseres Psalmes sind viel deutlicher und wertvoller als die in Dan. 9.

t 4-

v|/ 4 unserer Sammlung richtet sich gegen heuchlerische Scheinjuden innerhalb der jüdischen Gemeinde. Im Herzen

haben sie längst mit Gott und der väterlichen Religion ge-

brochen, es werden ihnen :rtapavou,iai und ökccvöccXo. rcapa-

13

vop.cc vorgeworfen, vor allen Dingen aber eine unersättliche

Habgier. Ihrem Wesen nach haben diese Menschen also

wenig Grund,

sich

ihnen zu verkehren,

zu

den Frommen zu halten und mit

aber äusserlich wollen sie doch als

rechtgläubige Gemeindeglieder gelten, sie drängen sich an

die Altgläubigen heran (öuveöptov ööiov = 'TDH TlD), ja überbieten sie noch in heuchlerischem Eifer um das Gesetz,

wenn es gielt, einem Übertreter desselben das Urteil zu

sprechen. Trotzdem diese falschen Menschen so zu der

Partei der Frommen gehören und für gesetzestreue Juden

gelten wollen, verschonen sie dieselben doch nicht, sondern

sind ihre furchtbarsten Feinde, um so gefährlicher, weil

man sich nicht gegen sie zu schützen vermag.

Mit ihrer

zur Schau getragenen Frömmigkeit verschaffen sie sich Ein-

gang in die Häuser der Frommen, sie erscheinen als cuccc- koi, d. h. nicht sowohl als freundlich gutmütige, ungefähr- liche Menschen, sondern als rechtgläubige, gesetzesstrenge Juden, vgl. LXX, die D^Dfi, Dfl mit ccKcacog, ccKaida wieder-

geben, vgl. auch I 12,4 unserer Sammlung. Sie stellen dem Hab und Gut des Frommen nach und verjagen ihn

von seinem Besitztum in's Elend, das ist in unserem Psalm

unter epr)u,oüv oikov oder öKopjri^eiv zu verstehen. Wie

sie das machen, ist zwischen den Zeilen zu lesen und nach

der ganzen Zeichnung deutlich, freilich nirgends ausdrück-

lich gesagt. Ihre Worte sind jrapa^oyiöiiot, flÖTÖ '2*1, Lug

und Trug und Hinterlist. Mit einschmeichelnder Zunge, Freundschaft auf den Lippen und Arglist im Herzen, wissen sie sich das Vertrauen der Frommen zu erschleichen,

durch aufreizende Reden ziehen sie an seiner Zunge und

reissen ihn zu unvorsichtigen und unbedachten Worten hin.

zeigen sie ihn an

Wenn sie den Arglosen so weit haben,

und vertreiben ihn durch Richterspruch von Haus und Hof; das Eigentum des Geächteten fällt ihnen dann ganz

14

oder zum Teil anheim. Da von offener Gewalt nirgends

die Rede ist, muss man sich den Vorgang so zurecht legen.

Es sind also hier Denunzianten gemeint, die in der Maske

ehrlicher Frömmigkeit in die Häuser der Frommen ein-

dringen und dieselben durch hinterlistige Worte Xoyoi

dvcun-epoütfeux; zu politisch strafbaren Äusserungen ver-

leiten, die sie dann den Machthabern hinterbringen, insofern

heissen sie passend dv^pcojtdpeöKOi. 1 Sie sind die Hand-

langer und Spitzel der gegenwärtigen Regierung, doch

Männer von Ansehen und einflussreicher Stellung, gegen

die man keine andren Waffen hat als ehrliche Flüche. Dass diese Zeichnung richtig ist, beweist die Thatsache,

dass in der ganzen zeitgenössischen Litteratur dieselben

Zustände zu Tage treten. In den Sprüchen Salomos, beim

Siraciden, hauptsächlich aber in den Psalmen begegnen uns

dieselben Warnungen vor der falschen und hinterlistigen

Zunge des Gottlosen, der gegen seinen Nächsten Tücke sinnt, Elend und Unglück über die sorglosen Frommen

bringt, Häuser verstört und Familien unglücklich macht.

In allen drei Schriften treffen wir dieselben Klagen über die

heuchlerischen Scheinjuden, die oft geradezu Sykophanten

Ipt&'iy, D^DTPS'' genannt werden ; es sind dieselben,

die' in den kanonischen Psalmen unter den Ausdrücken bw,

pR-ty&, ^nnSP, ^D3, p»J>, (LXX = tfUKOcpävrrig !) du.ap-

tcüXoi, dvöpec; alu,dToov, SöXiot, dveöpetiovrec; etc. zu ver- stehen sind und in den Proverbien auch HölÖ")^, PpJN n"?2,

Innerlich dem Gott

D^rjn y\p, rOßftn-DTB, etc. heissen.

ihrer Väter und ihrer Nation längst entfremdet, halten sie sich doch äusserlich zur Gemeinde der Altgläubigen, um

unter dem Deckmantel gesetzeseifriger Frömmigkeit unge-

1 Wenn man auf das griechische Wort überhaupt etwas geben darf; so übersetzt z. B. LXX <\r 53, 6 das hebr. fpn (wie für "pn zu lesen ist)

mit ävdpwnäpeoKoc.

15

stört ihr schändliches Handwerk auszuüben. Ihr Thun ist

Dön, Bedrückung und Ausraubung der Frommen, besonders

der hilflosen Witwen und Waisen.

Den Familienvater

bringen sie durch falsche Angabe zum Tode, die schutzlose

Witwe und die verwaisten Kinder vertreiben sie dann aus dem herrenlosen verödeten Hauswesen (flüin, daher ^inn

zu 'n machen, veröden") und zwingen sie als Bettler in

die Fremde zu wandern; der spezielle Ausdruck hierfür ist

im Hebr. VD, JTin Griech. öKopjti^eiv, öuxöKoprtl^siv, auch

ödkevew.

Vgl.

im Kanon \|r 109,7 fr. 1

ty

5

12 .

2 29, 18

mit v. io b unseres Psalmes. Sie graben dem Rechtschaffenen

Gruben und legen ihm Schlingen, in die der Arglose hinein-

fällt; aus sicherem Hinterhalte schiessen sie von ihrer Zunge

vergiftete Pfeile auf die Frommen, erschlagen im Versteck

den Armen. Ihre Thätigkeit wird bezeichnet mit (DT>) 2"IK,

]BX, eveöpeüeiv, mit dem Endzweck der Erpressung, des

sie denken, es giebt keinen Gott, oder, was

ysn JJ32.

dasselbe ist, Gott sieht es

nicht das ist für ihre heid-

nische Gesinnung nach der Anschauung der Frommen

charakteristisch und machen sich kein Gewissen aus ihren Unthaten. Ihre Angeberei ist ein ergiebiges Geschäft,

das ihnen reichen Gewinn einbringt; Prov. 1, 10 ff. locken sie den, den sie verführen wollen: komm, wir wollen dem

Unschuldigen auflauern und ihm eine Schlinge legen;

schweres Geld verdienen wir dabei und füllen unsere Häuser

mit Raub an. Charakteristisch sind die Flüche, mit denen

der Verfasser unseres Psalmes, v. 14 ff, diese gottlosen, habgierigen Menschen bedenkt; ihr Inhalt läuft darauf

hinaus, dass ihnen selbst das einst zustossen möge, was sie den Familien so vieler Frommen zugefügt haben, nach

dem Grundsatz der Schriftgelehrten: 81' tbv Tic; du,apTdvei,

1 ^. 109, 10 w-iy (LXX) pro