Sie sind auf Seite 1von 9

Brahmacharya - Tantrische Sublimation Startseite

Inhaltsverzeichnis
1.0 Zeitlich begrentes Brahmacharya
2.0 Warum man Brahmacharya praktizieren sollte
2.1 Konzentration sexueller Energien
2.2 Du möchtest dich zurückziehen
2.3 Du hast eine sexuell ansteckende Krankheit
2.4 Du möchtest nichtsexuelle Freundschaften pflegen
2.5 Du wünscht eine tiefere Verbindung mit deinem Partner
2.6 Du hast Probleme in deiner Beziehung
2.7 Verbessere deine Ehe durch Zeiten der Enthaltsamkeit
2.8 Du möchtest auf künstliche Empfängnisverhütung verzichten
2.9 Erfahrungen mit zeitweiligem Zölibat
2.10 Die spirituelle Bedeutung des tantrischen Zölibats

1.0 Zeitlich begrenztes Brahmacharya Top

Eine zerbrochene Romanze, der Hang zum Anderssein, das Ermüden der
sexuellen Lust, die Suche nach etwas Tieferem, Neugier oder Schicksal, was
eine Person dazu bringt, sich für einige Monate oder Jahre mit dem
Brahmacharya zu befassen, ist nicht leicht zu erklären. Aus erotischer Sicht,
betreten wir ein Mysterium und häufig erkennen wir erst im Nachhinein die
wahren Gründe, die uns zu diesem Schritt bewogen. Wenn du dich für die
tantrische Sublimation entscheidest, empfehle ich dir, dieses für eine
minimale Dauer von drei Monaten auszuprobieren. Es wird einige Zeit
dauern, dich auf die von dir gewählte Enthaltsamkeit einzustellen, eine
grössere Toleranz gegenüber den sexuellen Gefühlen zu entwickeln, ohne
auf sie, wie in herkömmlicher Weise, zu reagieren. Während dieser ersten
Monate, öffnet die Yogapraxis in dir spirituelle Kanäle, die den
Sublimationsprozess (Sublimation = Umwandlung sexueller Energie in
spiritueller Energie) erleichtern und bilden die Grundlage für eine sexuell
enthaltsame erotische Erfüllung. Nachdem sich diese spirituellen Kanäle
geöffnet haben, wird Sexualität mehr zu einer Wahl als zur Notwendigkeit

Wenn du dich entschliesst, Brahmacharya nur für eine bestimmte Zeit zu


praktizieren, brauchst du dir keine weiteren Sorgen zu machen. Sollte dich
eine Enthaltsamkeit von einigen Monaten besorgen, dann empfehle ich dir,
darüber nachzudenken, was du dir wünscht und wie du deine sexuelle
Situation empfindest. Brahmacharya ist mehr als ein Wochenendseminar. Es
erfordert deinen aufrichtigen und hingebungsvollen Einsatz, um dein
spirituelles Potential zu entwickeln. Meine ersten Erfahrungen sammelte ich
über einen Zeitraum von fünfzehn Monaten. Danach hörte ich auf zu zählen.
Dadurch fügte sich eine andere Dimension meiner Praxis hinzu, ein fast
schon erschreckendes Gefühl der Freiheit. Bevor ich jedoch diesen Punkt
erreichte, gingen mir immer wieder besorgte Gedanken durch den Kopf und
ich stellte mir die Frage: „Wann endet diese Bedrängnis?“ An diesem Punkt
sollte ich vielleicht einen Hinweis geben, über den du nachdenken solltest:
„Wann solltest du die tantrische Sublimation beenden, wenn du wirklich
beginnst, die tantrische Sublimation zu geniessen?“

Du könntest einwenden, dass du genau weisst, wann du zur normalen


Sexualität zurückkehrst. Ramakrishna, ein indischer Heiliger, der tief mit
der Praxis des Brahmacharya vertraut war, beschrieb seine Erfahrungen wie
folgt: „Alle Poren der Haut fühlten sich wie weibliche Organe an und die
Sexualität breitete sich im ganzen Körper aus.“ Solche Erfahrungen, die erst
nach Jahren der Enthaltsamkeit auftreten können (Anmerkung: bei jungen
Menschen können sie sich auch innerhalb eines Jahres einstellen), können
dazu führen, die Entscheidung, die Enthaltsamkeit zu beenden, neu zu
überdenken.

Anmerkung „Sexualität im ganzen Körper“:

Mir persönlich gefällt die Beschreibung Ramakrishnas nicht besonders. Er


bezog sich wohl deshalb besonders auf das Weibliche, weil er die göttliche
Kali zutiefst verehrte. Er verschmolz gewissermassen mit ihr. Er wurde eins
mit ihr. Was sich normalerweise einstellt, ist ein sehr angenehmes Prickeln
(Kribbeln), das sich im ganzen Körper ausbreitet. Es ist ein Gefühl, als ob
alle Zellen des Körpers sich in einer multidimensionalen Rotation befinden,
bei der jede Zelle in eine andere Richtung rotiert. Es gefällt mir auch nicht,
wenn gesagt wird, dass die Sexualität sich im ganzen Körper ausbreitet. Die
Energie, die sich im ganzen Körper ausbreitet, mag zwar durch Sublimation
der sexuellen Energie entstanden sein, sie hat aber keinerlei sexuellen
Charakter. Ich würde es einfach mit einer sehr angenehmen Energie
beschreiben, die einem das Gefühl der Seligkeit und der „Leichtigkeit des
Seins“ vermittelt. Sie gibt einem gewissermaßen das Gefühl, auf Wolken zu
schweben, aber sie hat keinen sexuellen Charakter.

Ende Anmerkung

Setzt man sich kein Zeitlimit, dann kann dies helfen, die Praxis weniger
befangen zu studieren. Es könnte sich sogar das Gefühl von Freiheit
einstellen, wenn man sich keine zeitliche Begrenzung auferlegt. Fällt es
einem dagegen schwer, das Brahmacharya zu beachten, kann eine vorher
bestimmte Zeitdauer, über die ersten Monate der Ungewissheit
hinweghelfen. Du wirst einige Zeit brauchen, um dich in der täglichen Welt
der sexuellen Reize, neu zu orientieren. Eine andere Frage ist, wie sehr die
tantrische Sublimation deine Persönlichkeit verändert. Bist du ein
Perfektionist, der schon beim ersten Mal entscheidende Veränderungen
erwartet, die sich dann möglichst allmählich immer weiter vertiefen sollen?
Oder betrachtest du die Enthaltsamkeit als einen spirituellen Wettbewerb,
und denkst du, dass die Sublimation dich spiritueller macht, als andere? Bist
du von der alten Schule und denkst, dass Brahmacharya dich
vor launenhafter Unberechenhaftigkeit bewahren kann? Neigst du dazu, dich
übermässig der Sexualität hinzugeben und erhoffst du dir von der
Sublimation, dich auf ein unbekümmerteres Maß einzupendeln? Vielleicht
hälst du dich für übermässig abhängig und glaubst, du müsstest es tun, um
die Zustimmung von jemandem zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit
besteht darin, dass du auf jemanden wütend bist und das Zölibat benutzt, um
dich an ihm zu rächen.

Wie du vielleicht vermutest, können alle diese Beweggründe, deine


Erfahrung mit der sexuellen Sublimation, zunächst stark beschränken.
Machst du aber Fortschritte, dann können sich aus deiner Erfahrung, neue,
positive Beweggründe ergeben. Überlege, ob du wegen des Zölibats nicht
versuchen solltest, deine sozialen Kontakte zu reduzieren. Ein
unausgeglichenes Wachstum ist nicht nur unbefriedigend, der hohe Grad an
Intimität der tantrischen Sublimation, erfordert es geradezu. Beabsichtigst
du, das Brahmacharya zusammen mit einem Partner zu praktizieren, dann
beachte die Probleme die entstehen könnten, wenn du dich in der Zeit des
Zölibats, mit deinem Partner über Sexualität unterhälst. Beachte, welcher
Partner es stärker praktizieren möchte, wer von beiden über mehr Wissen
oder Erfahrungen verfügt, wer von beiden, die Sache ernsthafter
verfolgt. Die Rückkehr zu den Wurzeln der Geheimnisse des Eros, wird dir
helfen, eine entspanntere Einstellung zu deiner Sexualität zu finden.
Schliesslich könntest du von Aids, oder einer problematischen
Beziehung, betroffen sein, die sich in sexueller Zurückweisung äussert. Es
ist wichtig, dass du mit dir selber, gegenüber solchen Bedenken, ehrlich bist,
wenn du dich auf den zölibatären Weg machst. Deine tantrische Praxis, kann
dir sogar, während du Momente der Selbstannahme, Momente des inneren
Friedens, erfährst, helfen, eines dieser drängenden Probleme zu lösen.

2.0 Warum man Brahmacharya praktizieren sollte Top

2.1 Konzentration sexueller Energien Top

Das Zölibat fand in vielen traditionellen Lebensstilen Beachtung und diente


bereits immer der persönlichen Entwicklung. Mutter Theresa, Mahatma
Gandhi und der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN),
der Schwede Dag Hammarskjöld (1905 bis 1961), der Sohn des
schwedischen Premierministers Hjalmar Hammarskjöld, der 1961 durch
einen ungeklärten Flugzeugabsturz ums Leben kam und dem kurz nach
seinem Tod, der Friedensnobelpreis verliehen wurde, sind drei Menschen,
die das Brahmacharya wählten, um dadurch ihre Arbeit zu unterstützen. Die
Doktorarbeit über Kreativität führte Gabrielle Brown, der Autorin des
Buches The New Celibacy (Deutsch: Liebe ohne Sex), zu der Überzeugung,
dass es eine Wechselbeziehung zwischen ungewöhnlich kreativen Menschen
und dem Zölibat gibt.

Meditation ist besonders in Verbindung mit Brahmacharya sehr erfolgreich.


Wenn der Verstand in der Meditation zur Ruhe kommt, wandern subtile
Energieströme zum Gehirn, die das Bewusstsein beleben. Arbeitest du an
einem kreativen Projekt, dann kann es sinnvoll sein, einen Schreibblock und
einen Stift neben dein Meditationskissen zu legen, da nach der Meditation
neue Ideen in dir aufsteigen könnten, die dein aktuelles Projekt berühren. So
kannst du die neuen Ideen sofort aufschreiben. Dein Schreibzeug sollte aber
nicht die Meditation beeinträchtigen. Für den Karmayoga, den Yoga der Tat,
der danach strebt, jede menschliche Handlung mit Bewusstheit und einem
erhabenen Willen auszuführen, hat das Brahmacharya, bei der Ausführung
eines kreativen Projektes, eine besondere Bedeutung. Es vermittelt dir das
Gefühl, jeden Schritt deiner Arbeit mit Freude auszuführen, anstatt die
Befriedigung nur in der Fertigstellung der Arbeit zu finden.

2.2 Du möchtest dich zurückziehen Top

Einer meiner Lehrer pflegte zu sagen, durch Brahmacharya entdeckt man


die Liebe in sich selbst, die man normalerweise für das Verlieben in einen
anderen Menschen reserviert. Er behauptete, es ist eine ideale Vorbereitung
auf einen erfüllten Lebensstil, der auf der inneren Quelle der Seligkeit
beruht. Meditativer Friede ist die Form des inneren Alleinseins, in dem der
unaufhörliche Gedankenfluss endlich einmal zur Ruhe kommt, der uns
immer wieder von unserer innersten Quelle entfernt. Solch ein innerer
Friede beinhaltet die Möglichkeit der Entdeckung eines tiefgründigen
Widerspruchs: Jeder Einzelne lebt zwar für sich allein auf der Welt und
dennoch fühlen wir uns in dieser ungestörten Ruhe, stärker mit anderen und
mit der Welt verbunden. Lebst du allein, dann könntest du dich entscheiden,
deine persönliche Zeit zu nutzen, um täglich drei oder vier Stunden Yoga zu
üben, ohne deine anderen Pflichten zu vernachlässigen. Für einige allein
lebende Brahmacharins könnten sich die Yogaübungen zur „Liebe des
Lebens“ entwickeln, zumindest in der Zeit, in der sie das Brahmacharya
praktizieren.

Anmerkung Yoga:

Es müssen nun nicht gleich drei oder vier Stunden Yoga täglich sein. Wenn
jemand dieses natürlich mit Begeisterung macht, ist nichts dagegen
einzuwenden. Aber die meisten werden sich wohl überwinden müssen,
wenn sie es täglich Yoga praktizieren wollen. Mir persönlich reicht täglich
eine Zeit von 15 bis 30 Minuten aus, in der ich Yoga praktiziere.

Ende Anmerkung

2.3 Du hast eine sexuell ansteckende Krankheit Top

Aids, Herpes, Chlamydiose (eine Bakterienerkrankung), sowie andere


sexuell übertragbare Erkrankungen, waren früher auf ein Gebiet begrenzt,
das frühere Sexualwissenschaftler, als idyllisches Paradies beschrieben.
Chlamydiose ist in Entwicklungsländern, die häufigste Ursache für
vermeidbare Erblindungen. Weiterhin ist Chlamydiose eine der am
häufigsten sexuell übertragenen Erkrankungen weltweit. Du könntest es als
sehr unangenehm empfinden, länger als du es erwartet hast, auf Sex
verzichten zu müssen. Die tantrische Sublimation könnte dir dann einige
charmante Auswege aus dieser verzwickten Lage aufzeigen.
2.4 Du möchtest nichtsexuelle Freundschaften pflegen Top

Wir betrachten einander entweder als mögliche Sexualpartner oder als


Freunde. Ein innerer Ja-oder-Nein-Schalter katalogisiert automatisch jeden,
den wir sehen, in sexuell wünschenswert oder nicht wünschenswert, ein. In
der tantrischen Sublimation, können wir über diese binäre Enge hinaus, die
unvorbereitete sinnliche Zuneigung überwinden. Obwohl diese Neutralität
nüchtern erscheinen mag, beruht sie auf innigen Erfahrungen ohne erotische
Absichten. Wir lernen den anderen zu sehen, ohne ihn persönlich ergreifen,
besitzen, zu wollen. Freundschaften mit dem anderen Geschlecht,
entwickeln oft eine entspannte Intimität, wenn die sexuellen Erwartungen
beiseite gestellt werden.

<>
2.5 Du möchtest eine tiefere Verbindung mit deinem Partner
eingehen Top
Vertrautheit ist eine Sache, die auf Gegenseitigkeit beruht. Das Rascheln
ihres Kleides, die Zurückhaltung seiner Dankbarkeit, die Hitze einer
Enttäuschung, die Bitterkeit eines Verlustes, sogar die Besitztümer können
ein Mittel sein, die das Zusammenleben beeinflussen. Es sind nicht die
täglichen Dinge die uns bewegen, sondern wie unsere Liebe sie zum Leben
erwecken und mit der Individualität des Geliebten in Verbindung bringt. Im
Märchen „Der kleine Prinz“, des französischen Autors Antoine de Saint-
Exupery, spricht der Fuchs von solch einer Vertrautheit, wenn er von der
„Zähmung“ spricht: „Wenn du mich zähmst, ist es, als ob die Sonne in mein
Leben kommt, um zu scheinen. Ich werde den Laut der Schritte erkennen,
der anders ist, als alles andere. Und dann schau: Siehst du das Weizenfeld
dort unten? Ich mag keinen Weizen, ich esse kein Brot. Die Weizenfelder
haben keine Bedeutung für mich. Und das ist traurig. Aber du hast goldenes
Haar. Bedenke einmal, wie wundervoll es ist, wenn du mich gezähmt hast!
Der goldene Weizen wird mir edle Gedanken zurück bringen. Und ich
werde es lieben, dem Wind zu lauschen, wie er über die Weizenfelder
streicht.“ Der Fuchs starrte den kleinen Prinzen, für eine lange Zeit an. Dann
sagte er: „Bitte, zähme mich!“

Häufig ist jedoch der ungeduldige Wunsch nach mehr Vertrautheit etwas,
das die wahren Absichten dahinter verbirgt. Darum sagte der der kleine
Prinz zum Fuchs: „Ich werde dich zähmen. Aber ich habe nicht sehr viel
Zeit. Ich möchte noch viele neue Freunde kennen lernen, um viele Dinge
zu verstehen.“ (Anmerkung: Der kleine Prinz stammt nicht von der Erde,
sondern von einem kleinen Asteroiden. Auf seiner Reise durch das
Universum lernt er die unterschiedlichsten Menschen kennen und entdeckt
deren Gemeinsamkeiten, nur auf Äußerlichkeiten zu achten und sich
ansonsten vorwiegend für sich selbst zu interessieren. Erst auf der Erde und
im Gespräch mit unterschiedlichen Tieren erfuhr der kleine Prinz, dass nur
wahre Freundschaft und Liebe die Einsamkeit jedes Einzelnen überwinden
können.) Darauf antwortet der Fuchs zum Abschied: „Und hier ist mein
Geheimnis. Es ist ein sehr schlichtes Geheimnis. Man sieht nur mit dem
Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Unter
tantrischer Sublimation, versteht man die Kunst, mit dem Herzen zu sehen.

2.6 Du hast Probleme in deiner Beziehung Top


Bist du nicht in einer Liebesbeziehung, dann kann die Praxis der
zurückgezogenen Sublimation dir eine erfüllte Emotionalität bescheren.
Verpflichtungen und Leidenschaften dagegen, spielen in einer Partnerschaft
eine wichtige Rolle. Daher kann die tantrische Sublimation dich von
der Sehnsucht nach einem Partner befreien, von der Verzweiflung, die das
Alleinsein manchmal mit sich bringt. Triffst du dann aber jemanden, der
dich wirklich interessiert, erwachen deine Sehnsüchte wieder in alter
Frische. So lernst du die verborgenen, reinigenden Energien des
Entschuldigens und Verzeihens kennen. Du lernst, wie es ist, jemanden
romantisch zu vermissen, anstatt das Gefühl zu haben, verlassen worden zu
sein. Du lernst, wie man die Ehrfurcht vor den bestehenden Möglichkeiten
bewahrt und sie nicht als Angst vor der Verpflichtung missinterpretiert.

2.7 Verbessere deine Ehe durch Zeiten der Enthaltsamkeit Top

Die Ehe besteht, weil die Liebe uns hilft, unsere tief versteckten Fähigkeiten
zu entwickeln. Sie können sich entwickeln, wenn Menschen einander lieben.
Die Ehe ist nur die natürliche und unmittelbare Antwort, auf die bereits
erkannten, aber noch verschütteten, Möglichkeiten. Sie beinhaltet den nicht
nachlassenden und spannenden Zauber der Mystik. Zum Beispiel
diskutieren Jungverheiratete über die Farbe, mir der sie einen bestimmten
Raum anstreichen wollen, um möglicherweise die unglaubliche Erfahrung
zu verbergen, dass sie ein Heim erschaffen, in dem sie leben, ihre Sorgen
teilen, eine Familie gründen, und in dem sie womöglich sterben werden. Im
Tantra sollten finanzielle Probleme, Haushaltsprobleme und elterliche
Verantwortlichkeiten in einem größeren Zusammenhang des Lebens
gesehen werden. Für ältere Ehepaare kann die tantrische Perspektive, eine
lang gepflegte Zuneigung offenlegen, die ihren Höhepunkt nach einer
Lebenszeit des Teilens erreicht.

Phyllis, 58, und Jason, 62, haben vor dreissig Jahren geheiratet. Ihr Leben
war durch ihre beruflichen Karrieren und durch das Familienleben
bestimmt. Jason sagte: „Wir waren viel zu viel beschäftigt, um uns mit der
Midlife Crisis zu beschäftigen.“ Jeder fühlte sich, über einen Zeitraum von
dreissig Jahren, für den anderen verantwortlich. Diese Verantwortung
knüpfte sich stets an Erwartungen. Zufriedenheit stellte sich dann ein, wenn
sich ihre Erwartungen erfüllten. Ungewissheit war stets etwas, dass die
Pläne und Erfolgsaussichten schmälerte und Zukunftsängste aufkommen
lies. Seitdem sie „fast zölibatär“ leben, setzen sie sich mit der Philosophie
und Praxis der tantrischen Sublimation auseinander. Während die die
Augenkontakt-Meditation lernten, stellten sie mit Verwunderung fest,
was selbst noch nach 30 Jahren des Zusammenlebens, an versteckten
Emotionen vorhanden waren. (Bei der Augenkontakt-Meditation sitzen sich
zwei Personen gegenüber und schauen sich etwa 5 Minuten lang in die
Augen. Anschliessend unterhalten sie sich darüber, was dabei in ihnen
vorgeht. Will Johnson : „Wenn zwei Menschen Augenkontakt zueinander
aufnehmen und ihn halten, entsteht ein unsichtbarer Energiekreislauf, der
Widerstände und Barrieren auflöst, die normalerweise voneinander trennen.
Die Teilnehmer erfahren gemeinsame Tiefe und Nähe.“ Healing trough eye-
gazing) Tantra empfiehlt eine lebenslange Monogamie, die auch als „Weg
des Familienvaters“ bekannt ist.

2.8 Du möchtest auf künstliche Empfängnisverhütung verzichten Top

Als Wilhelm Reich seine Grundprinzipien zur sexuellen Befreiung


formulierte, stellte er fest, dass Empfängnisverhütung für die sexuelle
Gesundheit unbedingt erforderlich ist. Innerhalb der herkömmlichen
biologischen Sexualität, mag dies zutreffen. Jedoch ist diese Lösung nicht so
einfach, wie Reich und andere es sich erhofft hatten. Dies bezeugen die
Abtreibungsraten und Probleme mit der Empfängnisverhütung. Kristin
Lukers Abtreibungsforschung hat ergeben, dass unbeabsichtigte
Schwangerschaften oft nicht als „empfändnisverhütende Unfälle“ zu
betrachten sind, sondern als eine sexuell entflammte Bereitwilligkeit,
„dieses eine mal, schwanger zu werden“. Die Geburtenhäufigkeit gleitet
geradezu verschlagen durch die Ritzen der Sexualität, nicht durch unsere
Verantwortungslosigkeit, aber durch die berauschende Energie der
geheimnisvollen Sexualität.

Die Empfängnisverhütung, unbeabsichtigte Schwangerschaften, sowie


Abtreibungen und die Diskusionen darüber, werden durch die tantrische
Sublimation ergänzt. Unerwünschte Schwangerschaften werden immer
wieder als bedauernswerte Nebeneffekte des Sexualverkehr betrachtet. R.D.
Laing vertrat 1970 die begrüssenswerte Auffassung: „Der Unterschied
zwischen Willkommensein und nicht Willkommensein, ist aller Unterschied
dieser Welt.“ Wenn wir ausserdem nur Sexualverkehr hätten, wenn wir
wirklich schwanger werden möchten, könnten wir die tatsächliche
Erfahrung der Zeugung zurückgewinnen. Rob, 40, beschreibt seine
Überraschung „des Entdeckens“, dass die Sexualität ein Zeugungsvorgang
ist, wie folgt:

Nach einigen Jahren des tantrischen Zölibats, war es einfach, den


Zeugungsaspekt der Sexualität wahrzunehmen. Als meine Frau danach
schwanger wurde, war dies eines der tiefgründigsten Erfahrungen meines
Lebens. Ich hatte mich von allen sexuellen Wünschen gelöst und alles was
mir gewahr wurde, war das Heranwachsen eines neuen menschlichen
Wesens. Einerseits war ich über dieses Wunder überrascht. Auf der anderen
Seite war ich davon überzeugt, dass dies die eigentliche Aufgabe der
Sexualität ist. Ich konnte verstehen, warum einige Religion die Sexualität
unter dem Gesichtspunkt der Zeugung betrachteten, obwohl ich bezweifle,
dass alle diese Erfahrungen verinnerlicht haben. Ich fühlte mich so
bedeutsam, dass es mein Verständnis über das menschlichen Leben
vollkommen veränderte. Ich empfand, wieviel spirituelle Energie wir als
Menschen besitzen.
Die tantrische Sublimation, könnte besonders für Jugendliche sinnvoll sein,
deren sexuelle Neugier, ebenso wie die gutgeschulten Bemühungen um die
Empfängnisverhütung, schon immer überlistet wurden. Ursprünglich bezog
sich Brahmacharya auf junge Heranwachsende, die auf die Pubertät
zugehen, und die in schnellen Schritten lernen und erwachsen werden. Ein
aufgeschlossener Jugendlicher könnte Brahmacharya sehr erfüllend finden.
Er könnte sie als elterlichen Rat verstehen, dem er bereitwillig folgt, anstatt
sich dagegen aufzulehnen.

2.9 Erfahrungen mit zeitweiligem Zölibat Top

In einer Kultur, in der das Zölibat im Allgemeinen auf dem Fehlen von
Erfahrungen damit beruht, kann es sehr hilfreich sein, einen Wortschatz zu
besitzen, der die Erfahrungen mit der Enthaltsamkeit beschreibt. Yoga
liefert ein detailliertes Abbild der Physiologie der tantrischen Sublimation.
Es erklärt die Vorgänge, die während der Sublimation im Körper ablaufen.
Die vielfältige körperliche und meditative Praxis hilft dir, den größten
Nutzen aus der zölibatären Zeit zu erzielen. Hast du einige Zeit enthaltsam
gelebt, kann dir auch dieses Buch (Eros, Consciousness, and Kundalini) von
Nutzen sein. Ich erinnere mich daran, dass ich nach drei Jahren der
Enthaltsamkeit, viele der Schmerzen nachvollziehen konnte, die man
normalerweise den Minderheiten in unserer Gesellschaft entgegenbringt, sei
es sexuellen oder anderen Minderheiten. Die meisten Leute glauben nicht,
dass eine Sublimation stattfindet. Jeder der enthaltsam leben möchte, sollte
daher wissen, dass er in seiner Umwelt meist nur auf wenig Verständnis
trifft.

2.10 Die spirituelle Bedeutung des tantrischen Zölibats Top

In der Historie haben sich viele Menschen spontan zur Enthaltsamkeit


entschlossen. Sie verstanden es nicht unbedingt als eine Praxis, um ein
besserer, glücklicherer Mensch, oder ein zufriedeneres Paar zu werden. Es
ging ihnen in erster Linie darum, sich selber zu verwirklichen. Wenn du
selber Liebe empfindest, hast du das Gefühl, anderen Menschen in Liebe zu
begegnen. Die Sexualität verliert dann immer mehr an Bedeutung. Die
tantrische Sublimation beginnt mit den Gefühlen, die ein Mensch aktuell
erfährt und hilft dabei, diese Gefühle zu verfeinern. Irgendwann kommen
aber auch die feinsten Gefühle an ihre Begrenzung. Dann sollte man auf die
spirituellen Aspekte des menschlichen Lebens vertrauen. Es erwacht die
Ehrfurcht vor dem, was die Religion unter Gott versteht. Diese Ehrfurcht
bildete über Tausende von Jahren die spirituelle Basis, wovon
Brahmacharya nur das äussere Anzeichen ist.

Quelle: Eros, Bewusstsein und Kundalini


Top

Startseite