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Dokumentation der gleichnamigen Veranstaltung


vom 12.12.1998 in der FU Berlin
mit Beiträgen von:
Burkhard Schröder, Christoph Butterwegge, Birgit
Rommelspacher und der Antifaschistischen Aktion Berlin
Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

»Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe


Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
Weil Du Angst vorm Schmusen hast, bist Du ein Faschist
Ouohoh Arschloch!« (Die Ärzte)
BLÖDSINN muß man sich viel anhören, doch bei kaum einem Thema wird er in derartigen
Mengen verbreitet wie bei der Frage nach den Ursachen des Rechts-
extremismus: »Modernisierungsverlierer«, »desintegrierte Jugend-
liche«, »Erziehungswaisen« sind die Etiketten, mit denen im herr-
schenden Diskurs jene bedacht werden, deren erstes Lebensziel
Moderation: Herr Butterwegge, Folglich sind diese Deutungsmuster kri-
darin besteht, jeden greifbaren Farbigen an der nächsten
diese Leute, die Menschen mit tisch darauf abzufragen, welche Interessen
Laterne aufzuknüpfen. Einen »verzweifelten Hilferuf ohnmäch-
schwarzer Hautfarbe aus der S-Bahn sich dahinter verbergen.
tiger Jugendlicher« will man erkannt haben, psychologisch
werfen, kann man denn sagen, dies Ich will in der gebotenen Kürze versu-
Inspirierte sprechen gar von einer »neuen vaterlosen
sind Opfer einer Risikogesellschaft, chen, sechs dieser Deutungsmuster heraus
Generation«. Und die politische Rechte macht wahlweise den
oder protestieren die gegen irgend zuarbeiten. Drei davon haben in der alten
antiautoritären Erziehungsstil der 68er oder die autoritäre
etwas? Bundesrepublik vor 1989/90 eine Rolle
Erziehung in der DDR für den Hang zu rassistischen Pogromen
gespielt, und weitere drei sind neueren
verantwortlich.
Butterwegge: Ich selber beschäftige mich Datums.
AUFKLÄRUNG TUT NOT, und ist nicht zuletzt im Interesse der
wissenschaftlich sehr intensiv mit dem Es begann nach 1945 damit, daß man
Antifa-AktivistInnen. Schließlich ergeben sich erst aus der Analyse
Thema seit etwas über zehn Jahren. Anlaß sich überhaupt nicht mit dem Problem
der Ursachen und Entstehungsbedingungen faschistischer Bewe-
war, daß 1987 in die Bürgerschaft von beschäftigte. Das Thema »Faschismus,
gungen Gründe, Strategien und Ausrichtung des eigenen, antifaschi-
Bremen, wo ich damals wohnte, zum Rechtsextremismus« wurde in der BRD in
stischen Engagements.
erstenmal seit zwanzig Jahren ein Rechts- den 50er Jahren tabuisiert, bis eine
Diese Broschüre, die Auszüge aus einer Podiumsdiskussion doku-
extremist von der DVU einzog. Mir ist in Auseinandersetzung damit sich nicht mehr
mentiert, die im Dezember 1998 an der Freien Universität Berlin
den letzten Jahren aufgefallen, daß sich die umgehen ließ. Anlaß waren von Konrad
stattgefunden hat, soll dazu einen Beitrag leisten.
Erklärungsmuster, zum Beispiel es handle Adenauer als »Flegeleien« verharmloste
An der Debatte nahmen teil:
sich um einen »stummen Schrei nach Aktionen gegen jüdische Einrichtungen in
Prof. Christoph Butterwegge und Prof. Birgit Rommelspacher,
Liebe«, wiederholen. Es gibt gewisserma- Deutschland, besonders auch in Köln, wo
beide lange Jahre mit der wissenschaftlichen Erforschung des
ßen eine Systematik, daß die Gesellschaft die Synagoge geschändet wurde. Diese
Rechtsextremismus beschäftigt, der Journalist Burkhard Schröder,
mit solchen Deutungsmustern, die in der Aktivitäten, die im Ausland um die Wende
Autor des Buches »Im Griff der rechten Szene. Ostdeutsche Städte in
Öffentlichkeit und in den Medien kursie- von den 50er zu den 60er Jahren große
Angst«, sowie ein Vertreter der Antifaschistischen Aktion Berlin.
ren, etwas macht, was zunächst einmal mit Aufmerksamkeit fanden, mußten nun
Referiert und gestritten wurde über die Kritik an den oben geschilder-
dem Rechtsextremismus selber gar nicht gedeutet werden. Man mußte sich vor sich
ten Erklärungsmodellen, über die Bedeutung des Rassismus und des
viel zu hat. Sie verständigt sich nämlich selber rechtfertigen und gegenüber dem
Kapitalismus für das Aufkommen des braunen Mobs, über die
über sich selber. Es wird versucht, sich sel- Ausland. Man tat dies, indem man dieses
Verantwortung der Eliten und ihrer Politik, über die Frage, ob und
ber zu entlasten, es wird ein Alibi aufge- Problem des Rechtsextremismus, des
warum die Situation in Ostdeutschland besonders kraß ist, und nicht
baut, es wird abgelenkt vom eigenen politi- Rassismus, des Antisemitismus in die
zuletzt und schon gar nicht am wenigsten über die Art und Weise, wie
schen Versagen. Das heißt, der Rechtsex- Vergangenheit verbannte. Das Argu-
den rechten Schlägern am besten entgegengetreten werden sollte.
tremismus und die Diskussion darüber mentations- und Erklärungsmuster für
erfüllen eine bestimmte Funktion gesell- diese Übergriffe hieß, es handle sich um
»Beat on the brat schaftspolitischer Auseinandersetzung. »Unbelehrbare«, um »alte Nazis«, die da
with a baseball-bat!«
(The Ramones)
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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

könne nur Einhalt geboten werden durch Stimmung und ein ultrarechtes Ge- Akt begingen, son- »Man mußte sich vor
den Ausbau des Verfassungsschutzes und dankengut gab. Die Schlußfolgerung dar- dern weil sie ver-
sich selber rechtfertigen
durch das Hochhalten der Demokratie in aus war, daß offensichtlich freiheitliche unsichert und des-
der politischen Bildung ihrer Institutionen. Industriegesellschaften diesen Preis, daß orientiert seien.
und gegenüber dem
Mit der Totalitarismusdoktrin schob man sich an ihrem rechten Rand ein brauner Damit wurde Ausland. Man tat dies,
das Problem wieder weg: Mit der Gleich- Bodensatz bildet, zahlen müßten. Auch das gleichzeitig indem man dieses
setzung von Kommunismus und Fa- war ein Erklärungsmuster, das die BRD bescheinigt, daß es Problem des
schismus, von Hitler und Stalin, später entlastete. Denn wenn das eine Normalität welche vom Rande Rechtsextremismus,
dann in den 90er Jahren von Saddam war, wenn auch eine pathologische, also der Gesellschaft
des Rassismus, des
Hussein und Hitler - was angesichts der eine krankhafte, dann konnte man dage- seien, dagegen die
Christoph Butterwegge: Kriegsereignisse gegenwärtig wieder ein gen nichts tun und dann mußte man im etablierte Mitte der
Antisemitismus in die
ganz aktuelles ideologisches Muster ist - Grunde auch nichts dagegen tun. Republik - also das Vergangenheit
»In letzter Konesquenz ist verband man, daß der eigentliche Feind Machtzentrum der verbannte.«
der Rote sei, der in den 50er und 60er Die drei neueren Argumentations- BRD, die Eliten, die
Rassismus auf die Konkurrenz Jahren in der Sowjetunion und in der DDR muster, die ich nennen will, sind ab nationalen Führungskräfte - nichts damit
zurückzuführen.« eine Staatsmacht besaß, die zu bekämpfen 1990/91 insbesondere nach den pogrom- zu tun hätten. Durch dieses
war. Wohingegen der Nationalsozialismus artigen Überfällen in Hoyerswerda, in Deutungsmuster war erneut das Problem
ja seine Bastion in Gestalt des Hitlerischen Rostock-Lichtenhagen und nach der des Rechtsextremismus an den Rand
ihren Ungeist weiter verspritzt hätten. Deutschen Reiches 1945 verloren hatte. Ermordung von Türkinnen in Mölln und gedrängt und von der etablierten Mehr-
Damit wurde so getan, als habe die bundes- Das Angenehme für die Gesellschaft der Solingen entstanden. Diese Deutungs- heitsgesellschaft weggeschoben worden.
republikanische Gesellschaft damit gar Bundesrepublik an der Totalitarismus- muster des Rechtsextremismus bezogen Sehr einflußreich, insbesondere in den
nichts zu tun, obwohl es sich um rechte doktrin war, daß man den neuen Feind um sich sehr stark auf jugendliche rechte Medien, war neben Heitmeyers Analysen
Jugendliche handelte. Es sei etwas, was so fester ins Visier nehmen konnte - näm- Gewalt. Das einflußreichste Deutungs- des jugendlichen Rechtsextremismus ein
eigentlich erledigt sei und sich biologisch lich den Kommunismus -, als man den muster stammt sicherlich vom Bielefelder Deutungsmuster, das sich nach den
endgültig erledigen würde, wenn die alten alten zwar mit ihm gleichsetzte, aber zu Soziologen Wilhelm Heitmeyer, der Anfang Pogromen ausbreitete und vor allem in der
Nazis aussterben. erkennen gab, daß der Nationalsozialismus der 90er Jahre Rechtsextremismus bei Medienlandschaft der BRD einschlug. Es
Das zweite Deutungsmuster, das eine mit dem 8. Mai 1945 von der Bildfläche Jugendlichen zurückführte auf das wurde angenommen, daß sich nun jugend-
große Bedeutung erlangte und das gegen- verschwunden sei. Entstehen der modernen »Risikogesel- licher Protest von rechts artikuliere. Also
wärtig eine Renaissance erfährt, ist die Das dritte Deutungsmuster, das nach lschaft«, auf den Modernisierungs - und anders als 1968 mit der antiautoritären
Totalitarismusdoktrin oder die Extremis- den ersten Erfolgen der NPD in den 60er Individualisierungsprozeß, auf das Schüler- und Studentenbewegung und der
mustheorie - also die Gleichsetzung von Jahren um sich griff, war das, was der Zerfallen von Milieus, die Jugendlichen bis Außerparlamentarischen Opposition, arti-
links und rechts außen, von Rot und Kölner Soziologe Scheuch in den Begriff dahin angeblich Halt gegeben hatten. kuliere sich der Generationenkonflikt, der
Braun, von Faschismus und Kom- einer normalen Pathologie westlicher Seiner Meinung nach würden Verein- Protest von Jugendlichen gegen die
munismus. Was jetzt im Anschluß an das Industriegesellschaften kleidete. Er sagte, zelungserfahrungen, Handlungsunsicher- Erwachsenengeneration darin, daß man
»Schwarzbuch des Kommunismus« in den es sei falsch, den Blick nach hinten zu rich- heiten und Ohnmachtsgefühle in einer Flüchtlingswohnheime anzünde und nach
Medien und in der Öffentlichkeit wieder ten und auf den Nationalsozialismus zu Gesellschaft, die zur Desintegration neige, rechts tendiere. Auch das ist eher eine Ent-
soviel Aufmerksamkeit findet, war auf schauen. Der Vergleichsmaßstab für die dazu führen, daß Jugendliche nach rechts schuldigung und auch eine Parallele zur
dem Höhepunkt des Kalten Krieges in den BRD müßten die anderen westeuropäi- tendieren. Das war natürlich weniger eine Totalitarismustheorie. Was auf den ersten
50er Jahren die dominante Erklärungs- schen und westlichen Industrieländer sein. Erklärung des Rechtsextremismus als eine Blick natürlich ähnlich aussieht, nämlich
variante für Rechtsextremismus. Es wurde In einem Aufsatz von 1967 stellte er fest, Entschuldigung der Täter. Es war auch hier das Werfen eines Molotowcocktails 1968
gesagt, die Extreme schaukelten sich daß es auch in anderen hochentwickelten, wieder das Argument vorhanden, daß von linken Studenten gegen das Springer-
gegenseitig hoch und in der Mitte stünden kapitalistischen und demokratisch verfaß- Jugendliche den Rechtsextremismus und hochhaus als dem Symbol der ökonomi-
völlig unschuldig die Demokraten. Dem ten Ländern rechte Parteien, eine rechte solche Gewalttaten nicht als politischen schen und publizistischen Macht in der

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

BRD, und das Werfen von Molotow- Antiautoritären durch ihre Laisser-faire- gen. Die Erklärungen zum Rechtsextremis- extremismus steckt ist die Arbeitslosigkeit,
cocktails gegen Flüchtligswohnheime zu Haltung in der Erziehung und durch ihre mus - ob es nun um Orientierungslosigkeit dann empfehlen sie sich als die Experten,
Beginn der 90er Jahre durch Neonazis, linken Parolen die Rechten gewissermaßen geht, um Arbeitslosigkeit, um psychische die die Arbeitslosigkeit und damit den
wurde auf eine Stufe gestellt. Weil in der gezüchtet. Aber auch das ist empirisch oder soziale Defizite - all diese Theorien Rechtsextremismus bekämpfen. Sie legen
Tat es auf den ersten Blick gleich aussah - nicht haltbar. Die Rechtsextremisten der sind sehr populär, sie sind eingängig und die alten Programme neu auf und diese
Stichwort Molotowcocktails. Wenn man 90er Jahre kamen eben nicht aus antiauto- nachvollziehbar. Sie gehen alle von Defizi- bekommen durch diese Argumentation ein
allerdings politikwissenschaftlich dahinter- ritär erziehenden Elternhäusern, sie zünde- ten aus, d.h. besondere persönliche oder zusätzliches Gewicht. Damit wird zugleich
blickte, waren natürlich die Motive und die ten ja auch nicht die Häuser von Studien- soziale Krisen werden für den Rechtsex- verhindert andere Politikbereiche wie z.B.
Zielrichtung ganz andere. Der Begriff räten an. Es waren also nicht die Kinder tremismus bei Jugendlichen verantwortlich die Asylgesetzgebung, das Staatsbürger-
Protest ist eben etwas anderes als das der APO-Generation, sondern es waren gemacht. Ich konzentriere mich dabei auf schaftsrecht oder rechtliche Diskrimi-
Artikulieren von Unmut oder das Los- Kinder der Ära Kohl. Also Kinder dieser die Forschung und Diskussion über Rechts- nierungen bei der Beschäftigungspolitik im
werden von Frust. Protest ist - politikwis- Gesellschaft und der Politik, die insbeson- extremismus bei Jugendlichen, weil dieser Zusammenhang mit Rechtsextremismus zu
senschaftlich, nicht alltagsbegrifflich dere seit 1982 in der BRD gemacht wurde. bislang am besten erforscht wurde. thematisieren.
betrachtet - etwas, was sich von unten Unter dem Strich haben all diese Deu- Diese verschiedenen Thesen haben Oder in der psychologischen/ psycho-
nach oben richtet. Man kann protestieren tungsmuster sich zwar häufig wiederholt, zwei Dinge gemeinsam: Zum einen gehen analytischen Forschung herrscht weitge-
gegen die Mächtigen, gegen die Herrschen- aber sie haben keinerlei Erklärungs-wert sie immer davon aus, daß hinter dem hend Konsens darüber, daß es sich bei den
den, aber man kann nicht gegen wehrlose für das, mit dem wir es hier zu tun haben. Rechtsextremismus eigentlich ein anderes Rechten um Jugendliche handelt, die aus
Flüchtlinge protestieren. (...) Das Werfen Problem steht, und wenn dieses behoben schwierigen familiä-
von Molotowcocktails oder das Ausüben Moderation: Frau Rommelspacher, ist, sich auch der Rechtsextremismus erle- ren Verhältnissen »Die
von Gewalt gegen Flüchtlinge, gegen Sie halten ja nicht so viel von den digt. Der zweite Punkt, den diese Theorien kommen, die z.B. Rechtsextremisten
Schwächere, ist überhaupt nichts, was zerfallenden Milieus desorientierter gemeinsam haben, ist, daß sie immer die selbst viel Gewalt der 90er Jahre kamen
einem handfest ausgetragenen Genera- Jugendlicher, von denen wir gerade Position von demjenigen bestätigen, der erfahren haben und
eben nicht aus anti-
tionskonflikt gleicht. Es ist genau das eben gehört haben. Was ist es denn? die Theorie äußert. Damit können sie sich deswegen jetzt die
Gegenteil von Protest. selbst aus den Ursachenzusammenhängen Gewalt den anderen autoritär erziehenden
Das letzte Deutungsmuster lautet, daß Rommelspacher: Ich kann sehr gut an von Rechtsextremismus herauszudefinie- gegenüber ausagie- Elternhäusern, sie
wenn dieser neue Rechtsextremismus in dem anknüpfen, was Christoph Butterwege ren. Wenn also die Politiker sagen, das ren. Da sind natürlich zündeten ja auch
der BRD der 90er Jahre schon nicht eine sagte, und möchte das noch ergänzen mit »eigentliche« die TherapeutInnen nicht die Häuser von
neue APO von rechts sei, dann ist wenig- dem Alltagsdiskurs und mit Problem, das die ExpertInnen, die Studienräten an.«
stens die APO schuld psychologischen und hinter dem das Problem zu lösen
daran. Folglich soziologischen For- Rechts- versprechen. Sie sind
haben die schun- diejenigen, die eigentlich wissen, wo es
langgeht ohne daß sie z.B. die eigene
Mitwirkung an diskriminierenden
Strukturen z.B. in der psychosozialen
Versorgung ansprechen müßten. Ein weite-
res prominentes Beispiel ist die These von
er Orientierungs- und Perspektivlosigkeit
der Jugendlichen, die in der soziologischen
Theoriebildung vorherrscht.
Die Gegenfrage bei all den Defizit-
theorien oder -thesen ist: Wenn alle Arbeit
hätten, wenn alle ein stabiles familiäres
Milieu hätten, wenn alle positive

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

Zukunftschancen hätten, wäre dann der Themen wie Einwanderung, Asylpolitik, ihnen den Zugang zu Ressourcen, zu Jugendlichen in Deutschland zurückkom-
Rechtsextremismus von der Bildfläche in Legalisierung von sogenannten Illegalen Ansehen und zu Status zu verwehren. men und nach ihrem Weltbild fragen, so
Deutschland verschwunden? Oder anders befragt werden, sind sie keineswegs tole- Aufgrund dieser Einstellung kann sich brauchen wir nur anschauen, wer für sie
gefragt, warum haben wir zum Beispiel bei ranter als die übrige Bevölkerung. dann schon jede/r deutsche Jugendliche die Gegner sind. Die Gewalt richtet sich ja
deutschen Polizeibeamten, die i.d.R. ein Insgesamt handelt es sich eben nicht um brüsten darüber zu urteilen oder gar zu nicht nur gegen MigrantInnen und
stabiles soziales Milieu und als Beamte ein soziales oder psychosoziales Problem, bestimmen, wer in dieser Gesellschaft ein Flüchtlinge, sondern es geht auch gegen
sondern um ein politisches. Das ist der Anrecht auf Leben und Anerkennung hat Behinderte, gegen Obdachlose und Sozial-
Kern der Kontroverse. und wer nicht. hilfeempfänger. Die Ideologie ist von
Wenn wir uns die empirischen Das ist natürlich nicht nur eine deut- Frauenverachtung geprägt und es geht
Untersuchungen anschauen, so zeigen die sches Problem. Wir finden Rassismus und gegen Schwule und Lesben. Hier begegnet
Ergebnisse, daß es weniger darum geht, Rechtsextremismus auch in anderen uns also ein sozialdarwinistisches Weltbild,
wie die Eltern ihre Kinder erziehen, son- Staaten, vor allem in den westeuropäi- das Bild einer hierarchische Gesellschaft,
dern daß es zentral darauf ankommt, was schen Ländern und anderen hochindustria- die entweder biologistisch oder durch die
die Eltern und das soziale Umfeld den lisiserten Staaten. Es geht hier nicht Leistungsideologie legitimiert wird.
Kindern vermitteln z.B. über das Thema darum, die Besonderheit eines deutschen Letzteres heißt, daß nur diejenigen, die
Migranten und Migrantinnen, über Rechtsextremismus auszumachen, den- etwas leisten, auch das Recht haben, in die-
Asylpolitik, was sie von einer multikultu- noch ist der Rechtsextremismus hier auch ser Gesellschaft zu leben und Anerken-
rellen Gesellschaft halten, welche politi- Produkt der deutschen Geschichte und der nung zu erfahren. In diesem Sinne ist die
schen Überzeugungen sie ihren Kindern politischen Kultur in diesem Land. Leistungsideologie und in dem Zusam-
weitergeben. Denn es besteht eine erstaun- Zugleich gibt es Übereinstimmungen mit menhang der sogenannte Wohlstands-
lich hohe Übereinstimmung in den politi- anderen westeuropäischen Staaten, insbe- chauvinismus eine zentrale Basis dieses
schen Einstellungen zwischen Eltern und sondere wenn es darum geht, Westeuropa rechtsextremen Gedankenguts.
Birgit Rommelspacher:
Kindern, ganz im Gegensatz zu anderen und die hochindustrialisierten Länder von
»Wenn den Rechten die Räume gege- Fragen wie z.B. die der Lebensführung. dem Rest der Welt abzuschotten. Die Zum Abschluß will ich noch kurz auf
Dabei zeigt sich ein signifikanter Diskrepanz zwischen einem universalen die Unterschiede zwischen Ost und West
ben werden ,(...), dann muß die
Zusammenhang zwischen rechtsextremen Gleichheitsanspruch, daß alle Menschen eingehen. Denn zumindest aus der Sicht
Gegenstrategie auch sein, die Einstellungen und denen zur Leistung, zum die gleichen Rechte und die gleichen der Westdeutschen sieht es so aus, als ob
Räume wieder wegzunehmen.« Materialismus, zum Egoismus und Chancen haben sollten, und einer der Rechtsextremis-
Pragmatismus; und zwar sowohl in Ost als Abschottungspolitik, die eine enorme mus sich hauptsächlich »Die Gegenfrage bei
eine sichere Zukunft haben, einen hohen auch in West. Auch die vorher zitierte Ungleichheit herstellt, läßt eine deutliche im Osten festgesetzt all den Defizittheorien
Prozentsatz von Sympathisanten für rechte Untersuchung von Demirovic und Paul Legitimationslücke entstehen. Es muß hätte und der Westen oder -thesen ist: Wenn
Parteien? Eine weitere Frage ist, wie zeigt, daß die Studierenden um so stärker irgendwie erklärt werden, wie man einer- sich weitgehend entla- alle Arbeit hätten,
kommt es, daß Studenten und Student- nach rechts tendieren, je materialistischer seits von Menschenrechten spricht - auch sten könnte. Wenn wir
wenn alle ein stabiles
innen - das zeigen die neueren Untersuch- sie eingestellt sind. Sie entwickeln z.B. ein im Sinne sozialen Chancengleichheit - und die empirischen Unter-
ungen von Demirovic und Paul - auch in Elitebewußtsein in dem Sinn, daß sie andererseits die Kluft zwischen arm und suchungen anschauen, familiäres Milieu hät-
den letzten zehn Jahren nach rechts selbst die eigentliche Leistungselite sind, reich immer größer wird. Hier ist der stellen wir fest, daß ten, wenn alle positive
gerückt sind? Im Grunde genommen unter- das heißt die Gesellschaft vorwärtsbringen, Rassismus die passende Ideologie, die im direkt nach der Wende Zukunftschancen hät-
scheiden sich ihre Einstellungen nicht von während die anderen sie nur ausbeuten Zuge der Moderne entwickelt wurde und der Rechtsextre- ten, wäre dann der
denen der Gesamtbevölkerung. Der wollten. Es wird vermittelt, daß das die den anderen Menschen weniger mismus in Ostdeutsch- Rechtsextremismus
Unterschied bei den Studierenden zu der Entscheidende ist, daß man zu den Wertigkeit zuschreibt, um deren land sehr viel höher
von der Bildfläche in
übrigen Bevölkerung ist nur der, daß die Besseren gehöre und darauf ein Anrecht Benachteiligung oder Ausbeutung zu legiti- war als im Westen. Im
Studierenden selbst von sich glauben, daß habe. Demgegenüber hätten die »anderen« mieren. Laufe der Jahre hat er Deutschland
sie kritischer wären. Wenn sie aber zu weniger Rechte und man selbst das Recht Wenn wir auf die rechtsextremen sich aber in etwa auf verschwunden?«

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

einem ähnlichen Niveau eingependelt wie anderen Ländern überhaupt sehr hoch ist. Punkt ist, daß der Rechtsextremismus im etwas damit zu tun hat, welcher Stand-
im Westen, nämlich auf ein Potential von Das hat sicherlich mit einem mangelndem Osten vielmehr mit Protest gegen das poli- punkt an den Hochschulen vermittelt wird,
15 bis 20 Prozent rechtsextremer Vertrauen in das politische System in der tische System aufgeladen ist, als das im und daß hier oft soziologische und psycho-
Jugendlicher. Einige Untersuchungen kom- BRD, mit einer mangelnden Demo- Westen der Fall ist. Im Westen sind es die logische Diskurse dominieren und so politi-
men zu dem Schluß, daß im Osten die kratietradition zu tun. Denn wenn das Einstellungskomplexe von Wohl- sche Auseinandersetzungen vermieden
Zahlen etwas höher liegen. Es gibt aber Vertrauen in das politische System fehlt, standschauvinismus und wirtschaftlicher werden.
nicht diese große Diskrepanz, wie sie im ist man schnell geneigt zu glauben, daß Dominanz sowie die Identifikation mit der
Alltagsdiskurs angenommen wird, daß im man die Sache selber in die Hand nehmen Leistungsgesellschaft, die durch die Moderation: Herzlichen Dank Birgit
Osten überall die Rechten wären, während müsse und zuschlagen anstatt auf demo- Vereinigung einen enormen Dominanz- Rommelspacher. Burkhard Schröder,
das im Westen nicht der Fall sei. Einen kratische Prozesse zu vertrauen. Dieses schub erlebt haben. Denn der Westen ist in der Untertitel ihres Buches lautet
sehr großen Unterschied zwischen ost- und Mißtrauen in das politische Sysem und seinem Wirtschafts- »Ostdeutsche Städte in
westdeutschen Jugendlichen gibt es aber auch in die Möglichkeit demokratischer system und in seiner »Hier ist der Rassismus die Angst«. Vor was haben
bei der Gewaltbereitschaft, die im Osten Konfliktregelungen ist natürlich im Osten gesellschaftlichen und
passende Ideologie, die im Zuge die denn da Angst, vor
mindestens doppelt so hoch ist, weshalb noch bedeutend höher als im Westen. politischen Ordnung Neonazis oder vor
sich der Rechtsextremismus dort auch sehr Eine Großzahl der Bevölkerung im Osten bestätigt worden. In
der Moderne entwickelt wurde Ausländern?
viel schneller in Gewalt umsetzt. empfindet sich als Bürger zweiter Klasse. Westdeutschland steht und die den anderen Menschen
Es gibt viele Gründe dafür, Der zweite Unterschied zwischen sehr viel mehr die for- weniger Wertigkeit zuschreibt, Schröder: Das ist
warum die Gewaltbereit- der Situation in Ost- und Westdeutschland cierte Identifikation mit um deren Benachteiligung oder schwer zu beantworten,
schaft im Osten sehr viel ist, daß in Ostdeutschland der Rechts- dem System im Vorder- Ausbeutung zu legitimieren.« ich denke eher vor dem
höher ist als im Westen. extremismus stärker in der Bevöl- grund, während im Zweiten. Das Problem
Zunächst muß jedoch kerung verankert ist. Zwar gibt es Osten es sehr viel eher gegen »die in ist, daß obwohl es in der Empirie nicht so
gesagt werden, daß die auch im Westen viele Übereinstimmun- Bonn«, gegen das kapitalistische System, aussieht, es im Osten anders ist. Das hat
Gewaltbereitschaft in gen zwischen sozialem Umfeld und den gegen die Überfremdung durch die Gründe, die zum Teil zwanzig Jahre zurük-
Deutschland im rechtsextremen Einstellungen der Amerikaner usw. geht. Hier ist der kgreifen, weil auch der Rechtsextremismus
Vergleich zu Jugendlichen. Aber wie Bernd Wagner Rechtsextremismus im Sinne eines völki- in den neuen Bundesländern eine über
argumentiert, sind im Osten Rostock und schen Anitkapitalismus auch als ein zwanzigjährige Geschichte hat. Ich kann
Hoyerswerda am hellichten Tag pas- Protest gegen die Dominanz des Westens etwas zum Thema sagen, weil ich unter
siert, während die Anschläge in anzusehen. anderem dort lebe und ununterbrochen
Solingen und Mölln in der Nacht Zum Schluß kurz noch die Frage, wel- dort Vorträge in Schulen halte. Was man
verübt wurden sind. Das heißt im che Gegenstrategien sinnvoll sind. Ich dort erlebt, ist so etwas wie Feldforschung,
Osten konnten sich die denke, man darf das Problem nicht auf was Empirie sehr gut ersetzen kann.
Jugendlichen im Unterschied soziale und psychologische Problem- Ein paar Beispiele: Das Gymnasium in
zum Westen der Unter- stellungen verschieben, sondern man muß Taucha bei Leipzig, da sitzen achtzig
stützung der Bevölkerung sich bewußt der politischen Auseinander- Schüler der zehnten Klassen und vorne sit-
mehr oder weniger sicher setzung stellen. Dieser wird häufig ausge- zen wie selbstverständlich zwei Reihen
sein. wichen , wie das z.B. bei der »akzeptieren- uniformierter Glatzen mit Gauaufnähern.
Zudem gibt es sicherlich de Sozialarbeit« geschieht, in der die Das sind in der Regel die klugen Schüler,
auch viele Gründe, die in der SozialarbeiterInnen sich eben nicht der die sich für Geschichte interessieren, sagen
Geschichte der DDR liegen, politischen Debatte stellen. Ich erlebe die Lehrer, womit sie recht haben. Oder
wo die Rechten auch schon selbst in der Ausbildung an unserer Hoch- das Gymnasium in Zittau, da waren auch
vor der Wende ein Stück schule, wieviel Angst und Scheu davor nur zehnte Klassen, die ganze Aula war
Systemopposition verkörpert besteht, in diese Diskussion hineinzuge- voll und keiner der Schüler sah so aus, wie
haben. Der entscheidende hen. Ich denke, daß das natürlich auch sich die Journalisten Rechte vorstellen.

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Also keine Bomberjacken, zum Teil sogar die sogenannten Faschos - das ist ein ein nationaler
Rastalocken, aber die Hälfte der Schüler authentisches DDR-Wort - in der DDR Mitte Sozialismus sein muß,
sagt: Selbstverständlich, ich bin National- der 80er Jahre empfanden sich nicht als und zu Risiken und
sozialist. Da ist die linke Szene äußerlich Systemopposition, was die Werte der Nebenwirkungen fra-
gar nicht mehr vorhanden, weil der Gesellschaft anging. Die DDR-Faschos ver- gen wir unsere Ge-
Mainstream anders ist. Das heißt nicht, daß körperten nämlich idealtypisch die sekun- schichtsbücher.
alle Leute wirklich rechts sind, aber man dären deutschen Geschlechtsmerkmale: Deswegen ist der
staffiert sich von vornherein so aus, daß Ordnung, Disziplin, Sauberkeit und Fleiß. Unterschied zwischen
man nicht als Linker geoutet wird. Ein Das ist heute immer noch so. Insofern hat- den Generationen häu-
Lehrer in der Mittelschule sagt: Wer in der ten sie immer ein höheres gesellschaftli- fig gar nicht, noch Burkhard Schröder:
neunten oder achten Klasse sich als links ches Ansehen, auch wenn sie ab und zu nicht mal in der Wort-
outet, der wählt damit die soziale Isolation, mal »Gruftis klatschen« gingen, als jemand wahl, existent. »Man muß Sozialarbeit machen, aber sie
weil es einfach »in« ist, rechts zu sein. der einen negativ dekadenten Iroke- Nach den Jungen
Man muß dazu sagen, und das hat senhaarschnitt hatte und unangenehm auf- kommen wir jetzt zu muß ganz klar politisch sein, sie muß
Birgit auch schon angesprochen, daß die fiel, weil er sich der deutschen Ar- den Alten. Denn wir sagen: “Wer eine rechte Anschauung hat
Jugendlichen sich keinesfalls sehr stark in beitsethik verweigerte. Das führt dazu, daß wissen, daß über 90
der Opposition zur Gesellschaft befinden. sich in vielen Städten der neuen Prozent, also die über- ist mein politischer Gegner”.«
Im Gegenteil, auch Bundesländer in den letzten zehn Jahren wiegende Anzahl der
eine Normalität herausgebildet hat, die ich Jugendlichen, die politische Meinung ihrer Segment dieses Milieus, muß es aber nicht
als eine Hegemonie rechter Werte bezeich- Eltern vertreten. Vielleicht ein bißchen sein, es gibt auch langhaarige Nazis.
nen würde. Aber die Leute, die diese Werte radikaler, aber da ist kein großer Zweites Segment ist der Musikgeschmack,
vertreten, sehen diese als völlig normal an. Unterschied. Das ist auch die Erfahrung, der wichtigste Transmissionsriemen rassis-
Wenn ich dann mit der Nazikeule komme die ich mache, wenn ich Lehrer- und Sozial- tischer Vorurteile und vor allen Dingen
und sage, in meinen Augen bist du ein arbeiterfortbildung gebe. Im Westen artiku- auch antisemitischer Vorurteile, das darf
Rassist und Antisemit, dann sagt der liert sich ein rassistisches Vorurteil anders man nie vergessen. Wenn die lieben
Fünfzehnjährige zu mir: Ne, wieso denn, als im Osten. Die Wessis haben einen ande- Kleinen in Wurzen auf dem Marktplatz
ich bin doch völlig normal. In Zittau stand ren Code, die wissen genau, das darf ich so zusammenkommen, zitieren sie eine Zeile
einer auf und sagte: Ich bin kein Rassist, nicht sagen. Im Osten dagegen sagen aus einem Stück der Band »radikahl«: »Wir
Herr Schröder. Ich bin ein National- Vierzehnjährige ganz klar: Neger sind scheißen auf die Freiheit des Juden-
sozialist. scheiße. Die trauen sich das. Aber wenn staates«. Wer mir das aus fehlenden
Das Problem ist auch anders als im man die richtigen Fragen stellt, kriegt man Lehrstellen erklärt, der kriegt gleich den
Westen, weil im Osten die Kapitalis- auch die richtigen Antworten. Ich war vor Nobelpreis. Also der Musikgeschmack ist
muskritik im nationalen Gewande daher- zwei Wochen in einem Gymnasium in ein wichtiges Element, heißt aber an sich
kommt. Das zeigt sich auch in der Radeberg. Da steht die Lehrerin vor der auch nichts. Weil wir genau wissen, wenn
Agitation und Propaganda der NPD, denn zehnten Klasse Sozialkunde und sagt vor eine Band indiziert wird, fördert das den
hier geht es primär um das Ideal des der gesammelten Schülerschaft: Aber man Verkauf.
Sozialismus, was auch immer das heißt. Die kann doch nicht so viele Ausländer nach Drittes Element ist die Freizeit-
NPD macht in Thüringen Wahlplakate: Deutschland reinlassen. Sie outete sich als gestaltung. Es ist nicht die Regel, daß Nazis
»Sozialismus ist machbar«. Vor zwanzig bekennende PDS-Wählerin. Ist gar kein über die Straße laufen und gucken, wo
Jahren hätte man »Herr Nachbar« dazuge- Widerspruch. sind meine Feinde; die Mehrzahl macht das
setzt und hätte gedacht, daß ist ja Dieses rechte Milieu setzt sich aus ver- vielleicht am Wochenende und ist von
bestimmt ein Linker. Und im Klein- schiedenen Segmenten zusammen, die Montag bis Freitag ein ganz normaler,
gedruckten steht dann, daß es natürlich beliebig variierbar sind. Das Outfit ist ein unauffälliger Bürger. Von den 6 000 beken-

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

nenden Nationalsozialisten in Deutschland, zu gehen, normal ist nicht, wenn in diesem und rassistischer Ideen ist in der gesamten uns. Ist auch so. Die »Die Affinität zu
von denen zwei Drittel gelernte DDR- Kaff von 15.000 Einwohnern sich 200 Gesellschaft verbreitet. Im Osten aber spe- Rechten haben in
rassistischem,
Bürger sind, sind ungefähr nur 10 Prozent Jugendliche versammeln, um in München zifisch anders, weil es primär um Kapi- Schwedt mal einen
arbeitslos, was auch die Empirie von Birgit gegen die Wehrmachtsausstellung zu prote- talismuskritik geht. Ein Jugendlicher sagt Molotowcocktail in das
antisemitischem
Rommelspacher bestätigt. Die Affinität zu stieren. zum Beispiel, diese Gesellschaft sei die Büro der Sozialarbeiter Gedankengut ist
rassistischem, antisemitischem Gedanken- Unmenschlichste, die es gibt, materiali- geworfen, damit sie die am höchsten bei
gut ist am höchsten bei männlichen Das Problem ist nicht so etwas wie stisch, dekadent. Sie wollen dagegen eine Klappe halten. männlichen
Facharbeitern, was auch ein Argument Rechtsextremismus, sondern das Problem sozialistische Volksgemeinschaft, die soli- Die Sozialarbeiter Facharbeitern, was
gegen die Arbeitslosentheorie ist. Denn ist, daß rassistische Vorurteile immer eine darisch ist, in der jeder für den anderen selber denken,
auch ein Argument
wenn die Arbeitslosigkeit was damit zu tun Option in dieser Gesellschaft waren und es einsteht. Und im dritten Satz danach: Aber Sozialarbeit heißt, wenn
hätte, wären die Nazis wahrscheinlich immer bleiben werden. Eine Option, die die Erbkranke müssen selektiert werden. sich ihre Klienten mit
gegen die
Frauengruppen. Gesellschaft in den Augen der Rassisten Jetzt kommen wir zu dem kleinen etwas Vernünftigem be- Arbeitslosentheorie
»Das führt dazu, daß Das letzte hinreichend erklärt. Das ist ein Unterschied zwischen den Rechten und schäftigen, nicht mit ist. Denn wenn die
sich in vielen Segment dieses rech- Welterklärungsmodell. Das funktioniert den Linken. In den Augen der jungen Politik, sondern zum Arbeitslosigkeit was
Städten der neuen ten Milieus ist das wie Religion. Insofern ist es nicht mit Faschos und auch vieler älterer PDS- Beispiel mit damit zu tun hätte,
Wahlverhalten, was Argumenten wegzukriegen. Ich kann nicht Wähler wird diese Gesellschaft biologisch Billardspielen und
Bundesländer in den wären die Nazis
aber nicht sehr aus- als Lehrer glauben, ich mach jetzt mal definiert, und das ist ganz einfach rassi- Musikhören. Und in
letzten zehn Jahren sagekräftig ist. Die wunderbaren Sachunterricht und kläre stisch. Jeder, der sich auf das rassistische Wurzen haben die
wahrscheinlich
eine Normalität Städte, über die ich meine Schüler über den Holocaust auf. Da deutsche Staatsbürgerschaftsgesetz beruft, Sozialarbeiter, die gar Frauengruppen.«
herausgebildet hat, zum Beispiel in mei- haben die schon mit 13 viereinhalb ist mein politischer Gegner. Denn das ist keine sind, weil der
die ich als eine nem letzten Buch Kameradschaftsabende hinter sich und genau das Problem, daß 60 Prozent der Bürgermeister keine Aufpasser, sondern
Hegemonie rechter geschrieben habe, sagen: Aber Fred Leuchter hat bewiesen, PDS-Wähler und 80 Prozent der Deutschen nur zwei Arbeitslose zum Aufschließen
daß es den Holocaust gar nicht gegeben bezahlt, ein Schild vor das Jugendzentrum
Werte bezeichnen sind zum Beispiel überhaupt gegen eine doppelte Staats-
was die politische hat. bürgerschaft sind. gehängt mit der Aufschrift: Wir sind neu-
würde.« Situation angeht völ- Das Thema Gewalt ist dabei ein völlig Das Problem ist auch, daß das Kind tral. Wenn die Sozialarbeiter neutral sind,
lig unterschiedlich. untergeordneter Punkt, weil das heißt nur, teilweise schon in den Brunnen gefallen ist dann kann eben auch der
Da gibt es eine Hegemonie der SPD, die daß sie das Motto dieser Gesellschaft im Laufe der letzten zehn Jahre. Nach die- Kameradschaftsführer aus Gerichtshain
zweitgrößte Partei ist die PDS, und die begriffen habe. Denn das heißt: der sem berühmt-berüchtigten AGAG- kommen und sagen, der Holocaust sei eine
rechte Szene ist riesengroß. In Schwedt Stärkste setzt sich durch, jeder auf seine Programm sind zwar die Strukturen der alliierte Propagandalüge.
zum Beispiel spiegelt sich die rechte Szene Art. Ob sich die rechtsextreme Einstellung Jugendhilfe wieder aufgebaut worden. Diese Neutralität hat ihren Grund
auch nicht im Wahlverhalten wider, ledig- in Gewalt äußert, sagt nichts über das poli- Aber die Sozialarbeit und die Jugendarbeit darin, daß viele Ältere in den neuen
lich ein paar versprengte DVU-Stimmen, tische Klima aus. Polemisch formuliert gibt in den neuen Bundes-
aber sonst nichts. Und das Wahlergebnis in es in Wurzen keine rechte Gewalt, weil ländern fördert häufig die
Sachsen-Anhalt bestätigt nur das, was den Rechten die Gegner ausgegangen sind, rechte Szene, weil sie unpo-
bereits 1981 im Westen die Sinus-Studie weil die nämlich alle nach Leipzig flüchte- litisch ist. In Schwedt sagen
sagte, daß nämlich 13 Prozent der ten. Insofern ist es dort ganz friedlich, und die Sozialarbeiter: Ihr dürft
Westdeutschen ein rechtsextremes der Kameradschaftsführer Müller sorgt hier keine politischen
Weltbild haben. selbst dafür, daß die Glatzen aus Veranstaltungen machen.
Insofern ist der Osten normal gewor- Gerichtshain nicht einmarschieren und Aber nicht weil sie etwas
den. Normal ist aber nicht, daß es zum Randale machen, weil er bei der dagegen hätten, sondern
Beispiel für einen Afro-Deutschen gefähr- Kommunalwahl auf einen Posten als NPD- weil das gefährlich sei. Das
lich ist, mit einer blonden Freundin vor Mitglied hofft. provoziere die Rechten, und
dem Jugendzentrum in Wurzen spazieren Diese Normalität rechter Einstellungen die kommen und verhauen

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

akzeptierenden auch für Nazis. ger deutscher Zwangsarbeiter. Ich glaube,


Sozialarbeit: Man muß Die zweite These oder Prämisse lautet: angesichts dieser Tatsachen kann man
Sozialarbeit machen, Die Exzesse der braunen Schläger können nicht sagen, die Rechtsextremen wären
auch mit Rechten, aber nicht verstanden werden ohne den irgendwelche Außenseiter; sie verstehen
sie muß ganz klar poli- Rechtsextremismus der Neuen Mitte. Das sich ja selbst in gewisser Weise als radika-
tisch sein, sie muß Problem des Rechtsextremismus ist ein le Vollstrecker des Volkswillens, und so
sagen, wer eine rechte Problem der gesamten Gesellschaft, und Unrecht haben sie da gar nicht.
Anschauung hat, ist zwar einer Gesellschaft, die geprägt ist von Dann die dritte Prämisse: Das Sein
mein politischer der massenhaften Verbreitung unterdrük- bestimmt das Bewußtsein. Man muß versu-
Gegner. Sie muß ganz kerischer Ideologien - also beispielsweise chen, diesen Hang zu faschistischen Ideolo-
klar sagen, daß man Rassismus, Antisemitismus oder in gemen bzw. zu so einem Denken auch aus
diese Leute nicht för- Deutschland verschärft ein völkischer materiellen Bedingungen zu erklären, in
dern darf. Wenn das so Nationalismus; die weiterhin geprägt ist denen die Menschen leben. Das ist keine
wäre, dann brauche ich durch patriarchale Strukturen und Verhal- Entschuldigung, sondern der Versuch einer
als Jugendlicher, der tensweisen und natürlich durch eine politi- Analyse. Ich denke, daß neben den ange-
Bundesländern nicht mehr wie früher den ein Problem hat, bloß mal einen Hitlergruß sche Kultur, die nicht verstanden werden sprochenen patriarchalen oder rassisti-
Jüngeren die Weltanschauung aufs machen, und eine Horde von Sozial- kann ohne das spezifisch deutsche Erbe schen Strukturen eins der, oder: das wich-
Butterbrot schmieren wollen. Aber die ein- arbeitern kommt angelaufen und denkt, sie der NS-Zeit. Wobei man allerdings sagen tigste Organisationsprinzip dieser Gesell-
zige Möglichkeit, die man hat, um müsse dem armen Kerlchen helfen. muß, daß diese in der Bevölkerung verbrei- schaft natürlich die kapitalistische Ver-
Vorurteile abzubauen, ist eine Reibungs- teten Ressentiments natürlich in enger wertungslogik ist. D.h. was Burkhard vor-
fläche zu bieten. Ich habe selbst mit einem Moderation: Nun Lukas, was macht Wechselwirkung stehen mit der konkreten her schon angesprochen hat: Eine Gesell-
Sozialarbeiter in Grimma, einer Hochburg die Antifa gegen diese Rechten? herrschenden Politik, die Rassismus und schaft, die das »jeder gegen jeden« zum
der Rechten, gesprochen. Der lief so rum Nationalismus zum staatsoffiziellen Pro- obersten Prinzip erhebt - das Recht des
wie ich und sagte: Ich bin in den Augen Lukas (AAB): Ich will zunächst ein paar gramm erhebt. Stärkeren, der sich durchsetzt - hat natür-
der Rechten eine Zecke, und ich sage Sachen zu grundsätzlichen Annahmen Ich will das nicht groß ausführen; ich lich eine gewisse Affinität zum Sozial-
denen das auch. Vor dem Jugendzentrum sagen, die wir als Antifagruppe haben, denke, jeder, der ein bißchen Zeitung liest darwinismus, den die extreme Rechte
stehen, organisiert von der NPD in wenn man so will: zu theoretische Prä- oder die Augen offen hält, kann sich da vertritt.
Sachsen, 30 bis 40 Glatzen, um die zu ver- missen, weil ich der Meinung bin, man soll- was darunter vorstellen. Ich will nur drei
graulen, die anders aussehen. Das führt te sich vorher überlegen, was man so Beispiele aus den jüngsten Wochen nen- Ich möchte jetzt kurz eine Bemerkung
dazu, daß nur noch Leute in das Jugend- macht, bevor man´s dann macht. Also des- nen, die das vielleicht veranschaulichen: zu unserem Verständnis von Antifaschis-
zentrum hineinkommen, die erstens ausse- wegen die Zweiteilung: Erst ein paar Ein grüner Außenminister, der in den mus einstreuen, das sich aus diesen drei
hen als seien sie rechts, und die zweitens Annahmen und dann die Gegenstrategien. ersten Tagen seiner Amtszeit betont, was er ersten Prämissen ergibt: Ein Antifaschis-
nichts gegen Rechte tun und sagen. Unter macht ist nicht grüne Außenpolitik, son- mus, der sich als konsequent begreift - d.h.
diesen Bedingungen macht der Zu den theoretischen Prämissen: Es dern deutsche Außenpolitik und die der nicht nur die Symptome bekämpft, son-
Sozialarbeit, was heißt, er gibt sich als sind insgesamt fünf; die erste lautet: Vertretung deutscher Interessen; ein neuer dern die Probleme an der Wurzel angeht -,
Vorbild. Für viele Dreizehnjährige ist es ein Rechtsextremismus kann nicht individual- Innenminister, der sich von seinem Vor- muß ausgerichtet sein auf eine grundsätzli-
höchst interessantes Ereignis, wenn die psychologisch erklärt werden und schon gänger offensichtlich nur durch die che, fundamentale Umwälzung der beste-
jemanden sehen und kennenlernen, der gar nicht aus irgendwelchen natürlichen schlechtere Frisur unterscheidet und als henden Verhältnisse. Die einzige politische
sagt: Klar bin ich links, und wer Rassist ist, Dispositionen der Leute; d.h. es gibt nicht erstes verkündet: Das Boot ist voll; schließ- Anstrengung, die sich lohnt, ist die für das
ist ein Arschloch. Das hören die sonst von so etwas wie ein natürliches Aggressions- lich ein Kanzler, der sagt, er habe die gründlich andere. Wir operieren aus die-
keinem. potential oder eine angeborene Angst vor Interessen der deutschen Industrie zu sem Grund mit dem Begriff revolutionärer
Das ist eine Möglichkeit, die man hat. dem Fremden. Dumm wird man nicht gebo- schützen, und zwar in Zusammenhang mit Antifaschismus. Wobei ich gleich mal klar-
Also Risiken und Nebenwirkungen der ren, dumm wird man gemacht; - das zählt den Entschädigungsforderungen ehemali- stellen möchte, bevor es empörte

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

Zwischenrufe gibt: »revolutionär« bedeutet ungsverlierer will niemanden Welt ist kein Platz für uns beide. Nazis
nicht, daß das was wir machen revolutionä- und derglei- von einer anti- muß die Unerwünschtheit ihres Tuns mit
re Politik ist - das wäre illusorisch und ein chen; diese faschistischen aller Deutlichkeit vor Augen geführt wer-
bißchen anmaßend; sondern es hält einen These ist empi- Aktion abhal- den; es muß klar sein, wer sich öffentlich
Anspruch aufrecht, eben den Anspruch auf risch widerlegt ten, ich glaube, dazu bekennt, Nazi zu sein, bekommt
die Umwälzung der Verhältnisse. und dient die meisten Probleme. Wir schlagen eine Strategie der
Trotz dieses weitergehenden Ansatzes nichts ande- sind sinnvoll. Ausgrenzung auf allen Ebenen vor. Das
ist für uns natürlich Anti-Nazi-Politik, also rem, als die Wir halten es können Hausverbote in Discotheken sein
konkrete Arbeit gegen Nazis, nach wie vor Täter zu Opfern da ganz mit für Leute, die offensichtlich als Nazis auf-
zwingender Bestandteil des Antifa- zu machen. Mao: Laßt tau- treten, die Verhinderung von Naziauf-
schismus. Und zwar nicht nur aus irgend- Außerdem send Blumen märschen, die Verhinderung des Verkaufs
welchen taktischen Überlegungen, etwa möchte ich dar- blühen; - aller- ihrer Propaganda, usw. EKO in Eisenhüt-
weil man auf diesem Gebiet noch Leute auf verweisen: dings kein tenstadt hat beispielsweise rechtsradikale
mobilisieren oder Erfolge als versprengte Es besteht kein Unkraut. Und Lehrlinge einfach entlassen. D.h. es geht
Linke erzielen kann. Es hat einen ganz kla- Kausalzusam- zum Unkraut um eine Ausgrenzung auf allen Ebenen,
ren Grund: Der Grund ist Notwendigkeit. menhang zwi- würden wir die sowohl im öffentlichen Diskurs als auch
Nazis sind Vertreter extrem reaktionären schen einem nicht ganz so schönen Leben bereits geschilderte akzeptierende Jugend- auf der Straße.
Gedankenguts, deswegen ist es für jeden und der Jagd auf Flüchtlinge. Das ist arbeit zählen, - ich glaube, ich muß da Ich möchte in dem Zusammenhang
Linken zwingend, sich der Konfrontation immer noch eine Entscheidung, die jeder nicht mehr so wahnsinnig viel dazu sagen, noch jemanden zitieren, der vorher schon
mit ihnen zu stellen. In manchen für sich trifft, die man auch anders treffen weil es bereits geschildert worden ist -, in erwähnt wurde: Konrad Adenauer. Er hat
Gegenden vor allem in Ostdeutschland, die kann, und das ist eine Entscheidung, für der die rechte Orientierung hingenommen angesichts der antisemitischen Überfälle
Burkhard vorher schon beschrieben hat, die sich jeder selbst verantworten muß. und nicht bekämpft wird, und statt dessen auf jüdische Friedhöfe Ende der 50er Jahre
ist es mittlerweile zur Die zweite These lautet: Die Attrak- versucht wird, sich um die eigentlichen folgendes gesagt, bezogen auf die Antisemi-
»Arme Schweine Grundvoraussetzung tivität der Nazibanden gründet sich auf Probleme der rechtsradikalen Jugendlichen ten: »Wenn ihr einen dieser Lümmel
sind auch Schweine. jedes linken Engage- ihren Anspruch, Herrenmenschen zu sein, zu kümmern. D.h. im Prinzip geht es nicht erwischt, vollzieht die Strafe auf dem Fuße
Die Nazis sind keine ments geworden, sich d.h. auf ihren Anspruch, als weiße, deut- darum, die Leute von ihren Überzeugun- und gebt ihm eine Tracht Prügel. Das ist
gegen die Nazis zu weh- sche, heterosexuelle, meistens auch gen zu trennen, sondern es geht darum, ihr die Strafe, die er verdient.« Ich würde
Opfer sozialer
ren. Das ist eine Sache, Männer anderen Leuten überlegen zu sein. auffälliges Verhalten einzudämmen. In der sagen, das ist auf jeden Fall eine beden-
Notlagen oder gar die gemacht werden Die Attraktivität vermittelt sich über eine Praxis hat das tatsächlich dazu geführt, kenswerte Strategie.
Modernisierungs- muß. Ausstrahlung von Stärke, von Macht, von daß die rechten Jugendclubs in Ostdeutsch-
verlierer und Gemeinschaftsgefühl und auch über die land serienweise zu Zentren der Nazis wur- Wobei natürlich klar ist, daß eine anti-
dergleichen; diese Bevor ich jetzt ein Bereitschaft zur Gewalt, diesen Überlegen- den, von wo aus sie sich organisieren konn- faschistische Strategie nicht allein darauf
These ist empirisch paar Vorschläge mache, heitsanspruch dann auch mit allen Mitteln ten. Das ging zum Teil soweit, daß die basieren kann, Rechte auszugrenzen. Das
wie man dabei vorge- durchzusetzen; - d.h. auf einer relativ pri- Sozialarbeiter ihre rechtsextremen muß ergänzt werden. Zum einen würde ich
widerlegt und dient
hen sollte, möchte ich mitiven Ebene. Ich glaube dieser An- Jugendlichen zu Demos gegen die Wehr- sagen, die beste Strategie gegen Rechts ist
nichts anderem, als noch meine vorherigen ziehungskraft kann man nicht mit Argu- machtsausstellung gefahren haben; oder immer noch linke Politik, d.h. es muß ver-
die Täter zu Opfern drei Prämissen um zwei mentation begegnen, sondern man muß ihr daß eine Naziband wie Endstufe jahrelang sucht werden, die wenigen vorhandenen
zu machen.« weitere ergänzen, die tatsächlich auch auf so einer primitiven im Magdeburger Brunnenhof proben linken Menschen, die es noch gibt, in
sich speziell auf die Ebene begegnen. konnte. irgendeiner Weise zu unterstützen. Für uns
jugendlichen Rechtsextremen beziehen. Statt Verständnis setzen wir auf eine als Antifagruppe aus Berlin heißt das z.B.
Die erste lautet: Arme Schweine sind Nun konkret zu den Gegenstrategien: andere Strategie - jetzt kommen wir zu den konkret, Regionalgruppen oder einzelne
auch Schweine. Die Nazis sind keine Opfer Es gibt da natürlich alle möglichen, und Blumen -, und zwar auf eine Strategie, die versprengte Leute in der Region Branden-
sozialer Notlagen oder gar Modernisier- alle haben eine gewisse Berechtigung. Ich sich an dem Motto orientiert: Auf dieser burg, die besonders stark vom faschisti-

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

schen Terror betroffen sind, zu unterstüt- eine Demonstration oder eine Kundgebung Moderation: Christoph Butterwegge derungen unterliegt. Ich sehe in letzter Zeit
zen, sei es mit Informationsmaterial, sei es in Dolgenbrodt geben, unter anderem von hat vorher nur die undankbare eine Veränderung weg vom völkischen
mit der Ausrichtung von Demos, sei es mit uns ausgerichtet, um gegen diesen Anti- Aufgabe gehabt, relativ magere Nationalismus hin zu dem, was ich
Geld oder zum Teil auch mit persönlichem semitismus zu protestieren. Wir waren Theorien darzustellen. Wie sieht es »Standortnationalismus« nenne. Es wird
Schutz ihrer Veranstaltungen. Das ist eine dann unter anderem bei der PDS, ob die so mit Ihrem eigenem Ansatz aus? natürlich auch noch von großen Teilen der
notwendige Sache, um zumindest die weni- etwas nicht unterstützen würde, aber das extremen Rechten und der Neonazis völ-
gen Alternativen, die es noch gibt, auf- wurde aus zwei Gründen abgelehnt: Der Butterwegge: Mein Ansatz ähnelt durch- kisch argumentiert, aber es breitet sich
rechtzuerhalten. Und zum anderen muß eine Grund war, wir würden hier die aus dem, der von Birgit Rommelspacher gleichzeitig eine zweite Form von
man natürlich versuchen, auf die Leute, Ostdeutschen in den Dreck ziehen, und der und auch von Burkhard Schröder vorgetra- Nationalismus dane-
die nicht völlig verblendet sind, zuzugehen, zweite Grund war, es müsse in dem gen worden ist. Ich denke, ein ben aus, die in der »...die beste Strategie
d.h. die Linke muß ganz offensiv versu- Zusammenhang auch thematisiert werden, Kernideologem, das heute für den Tat in die etablierte gegen Rechts ist
chen, Jugendliche davon zu überzeugen, daß rund um Dolgenbrodt rumänische Rechtsextremismus entscheidend ist, ist Gesellschaft hinein-
immer noch
daß links sein »in« ist und nicht rechts Banden die Bevölkerung verunsichern der Rassismus, nicht nur in Deutschland, greift, obwohl ich
sein. Was natürlich auch noch ergänzend würden. Das ist nur ein Beispiel unter meh- sondern überall auf der Welt. Insofern gilt nicht von »Extre-
linke Politik...«
gemacht werden muß, ist offensiv Öffent- reren. Neulich in Königs-Wusterhausen, wo es auch analytisch zunächst mal da anzu- mismus der Mitte« sprechen würde. Auch
lichkeitsarbeit zu betreiben, also zu versu- gegen einen rechten Jugendclub demon- setzen. Für mich ist die Ursache für wenn ich dort viele Anknüpfungspunkte in
chen das kritische Potential, das es noch striert werden sollte, hat die PDS das auch Rassismus wesentlich in der Gesellschafts- der Ideologie sehe, meine ich, ist es not-
gibt - egal ob das jetzt verweigert. Unter form zu finden, mit der man es zu tun hat, wendig zu differenzieren, z.B. zwischen
Linksradikale sind »Auf dieser Welt ist kein Platz für anderem wieder, und die wiederum würde ich jetzt verkürzt konservativen, neoliberalen und rechtsex-
oder andere Leute, uns beide. Nazis muß die weil wir angeblich so analysieren: In letzter Konsequenz ist tremen bzw. offen rassistischen Ideologien.
die etwas gegen Unerwünschtheit ihres Tuns mit Feinde der Ost- Rassismus auf die Konkurrenz zurückzu- Aber es breitet sich sowohl in der Mitte als
Nazis haben -, für aller Deutlichkeit vor Augen geführt deutschen wären, führen; eine Gesellschaft, in der es keine auch im organisierten Rechtsextremismus
gemeinsame
werden; es muß klar sein, wer sich und weil es ihre Konkurrenz gäbe, wäre viel eher keine ras- ein solcher Standortnationalismus aus, der
Aktionen zu ge- Jugendlichen sind, sistische. Da aber insbesondere in nicht mehr so sehr das eigene Volk - zum
winnen, d.h. Bündnis-
öffentlich dazu bekennt, Nazi zu noch dazu in einem Wirtschaftskrisen in einer kapitalistischen Teil weil dieser
politik sein, bekommt Probleme.« Club, den sie als Vor- Gesellschaft die Gegensätze aufeinander- Begriff auch eher
zu machen. sitzende in der prallen und die Konkurrenz das Bewe- negativ besetzt ist -,
Das hört sich jetzt alles ganz nett an; Stadtverwaltung mit öffentlichen Geldern gungsgesetz schlechthin darstellt, ist hier aber den Wirt-
ich möchte aber gerade in diesem Zusam- gesponsort haben. Soviel dazu. eine Voraussetzung dafür gegeben, daß schaftsstandort
menhang noch auf eine Problematik einge- Rassismus verstärkt auftritt. Deutschland für
hen, die auch mit der Analyse von vorhin Ja, Fazit meines Vortrags: Im Prinzip Ein zweiter Aspekt, der meiner denjenigen hält, für
zusammenhängt, daß Rechtsextremismus wäre eine Lösung des Problems, also eine Meinung nach hinzukommen muß, ist die den Opfer gebracht
kein Außenseiter-Phänomen ist, sondern wirklich grundlegende Lösung, eigentlich politische Kultur in einer Gesellschaft. Da werden müssen so
sich durch die ganze Gesellschaft zieht: In nur zu erwarten von einer gesellschaft- glaube ich, daß die deutsche Gesellschaft wie früher fürs
vielen Fällen ist es einfach nicht mehr lichen Umwälzung, die Bedingungen gekennzeichnet ist durch einen National- Vaterland. So ein
möglich, diese Bündnisse zu schließen. Ich schafft, in denen kein Mensch mehr ein ismus, der ausgrenzend ist, der das eigene bißchen ist gewis-
kann auf ein Beispiel verweisen, das erniedrigtes und geknechtetes Wesen ist, Volk für das fleißigste, das tüchtigste, das sermaßen die Sorge
Beispiel Dolgenbrodt. Das ist ein Dorf, wo und deswegen auch niemand mehr auf herrenhafteste auf der Welt hält und dar- um den Standort an
die Bewohner Nazis angeheuert haben, dumme Gedanken kommen muß. Bis es aus das Recht ableitet, andere als minder- die Stelle des Stolzes
damit die eine Unterkunft für jüdische soweit ist, sollten wir uns aber zumindest wertig und minderbemittelt anzusehen. auf das Vaterland
Flüchtlings anzünden, was sie dann auch das rechte Schlägerpack vom Hals halten. Allerdings wird man sagen müssen, daß getreten, auch wenn
gemacht haben. Die Bewohner haben in Vielen Dank. dieser in der deutschen politischen Kultur ich - wie gesagt -
ihrem Dorf dafür Geld gesammelt. Es sollte so dominante Nationalismus auch Verän- zwischen beiden

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durchaus eine Koexistenz sehe. man die Hände in den Schoß legen sollte, etwas erreichen kann. Abstieg und muß eine Grundsicherung bie-
So ein veränderter Nationalismus es bedeutet auch nicht, daß man die ande- Meine Gegenstrategie läuft in die ten vor solchen sozialen Problemen.
führt natürlich dazu, daß man auch bei den re Backe hinhalten und sich nicht wehren Richtung, daß es z.B. argumentativ sehr Demokratie zu verwirklichen heißt für
Gegenstrategien überlegen muß, was das sollte. wesentlich ist, gegen den Innen-Außen- mich auch, ein höheres Maß an sozialer
bedeutet. Für mich ist Rechtsextremismus Ich teile nicht diesen Pessimismus, Gegensatz, der von rechter Seite hochge- Sicherheit zu schaffen, d.h. ein Sozialstaat
in der Bundesrepublik zur Jahrtausend- daß man mit Argumenten nichts machen halten wird, den Oben-Unten-Gegensatz zu im eigentlichen Sinne ist für mich Grund-
wende schon etwas anderes als National- kann. Mir ist natürlich völlig klar, daß es thematisieren. Politische Bildung kann ich bestandteil und Voraussetzung für Demo-
sozialismus 50 Jahre früher; diese moderni- nicht allein eine Frage des Kopfes, sondern doch nicht verabschieden mit dem kratie. Das zu verwirklichen ist für mich
sierten Formen müssen wir auch ernst neh- eine Frage von antagonistischen Interessen Argument: die richtet sowieso nichts aus, Anspruch und Notwendigkeit linker
men. Meiner Meinung nach ist mit »von in dieser Gesellschaft ist. Mir ist auch klar, ich muß die Nazis zusammenschlagen, was Politik. Das erschöpft sich nicht in
der Straße fegen«, selbst wenn das ginge daß es häufig eine Frage des Bauches ist, soll der Blödsinn, sich mit irgendwelchen Konfrontation und darin, auf der Straße die
und wenn das sinnvoll wäre, überhaupt daß man aus emotionalen, aus ganz ande- Theorien auseinanderzusetzen und zu argu- Entscheidung zu suchen.
gar nichts gewonnen. In den Köpfen befin- ren Gründen als verstandesmäßigen, z.B. in mentieren. Ich kann da sehr wohl deutlich
det sich das, was zu bekämpfen ist, und da Wurzen oder in Schwedt, zuschlägt und machen, daß es eben nicht diesen Schröder: Die revolutionäre Attitüde ist
kann ich nicht mit der Faust dagegen ange- sich einer solchen Gang anschließt. Aber Gegensatz zwischen inländischen und aus- immer natürlich sympathisch, aber sie
hen, also sozusagen Konfrontation gegen das heißt doch nicht, daß wir auf den ländischen Arbeitskräften gibt, sondern kostet auch nichts, und ich glaube, sie ist
Konfrontation setzen. Meiner Ansicht nach Anspruch verzichten können, aufklärerisch daß es ein Interessengegensatz von Kapital keine Möglichkeit etwas zu erreichen, son-
muß diese Ideologie des Rassismus, die zu wirken. Für mich ist z.B. ganz wichtig, in und Arbeit ist. Und das natürlich nicht dern dient nur dazu, sich selbst gut zu füh-
ausgrenzt und beharrt auf Konfrontation dieser Gesellschaft neben sozialen nationalistisch oder antisemitisch aufgela- len. Da drüben, 20 Meter weiter, stand ja
und Aggression, mit einem anderen Problemen auch aufzugreifen, daß man ein den, so wie es zum Teil in den östlichen der Spruch: Die Pflicht eines Revolutionärs
Leitbild bekämpft werden. Die Vorstellung anderes Staatsbürgerschaftsrecht braucht. Bundesländern auch von Neonazi-Seite pas- ist es, die Revolution zu machen.
z.B., daß Wirtschaftsstandorte gegeneinan- Und dazu dient es nicht, Otto Schily und siert, sondern mit einer vernünftigen mar- Wunderbar, Informationswert gegen Null.
der konkurrieren müßten und man selber Manfred Kanther einfach gleichzusetzen, xistischen Analyse versehen. Das wäre für Genauso ist es auch eine übliche Attitüde
der stärkste, der tüchtigste, derjenige sein wenngleich ich auch sehe, daß es da ganz mich z.B. ein Punkt der Gegenstrategie. in der linken Szene, so eine Art von Kultur-
müßte, der alle anderen niederkonkurriert viele Verbindungslinien gibt, und daß z.B. Ein zweiter Punkt wäre: Ich muß ver- pessimismus zu verbreiten: Es wird immer
- dieses Leitbild der Konfrontation und der das, was ich »Standortnationalismus« suchen - anders als es Neonazis tun, die die alles schlimmer, kommen da die
Konkurrenz ist nicht zu bekämpfen, indem nenne, auch unter den neuen Regier- soziale mit der nationalen Frage verbinden Sprechblasen, Sozialabbau, allgemeiner
ich einfach das Vorzeichen wechsele und ungsverhältnissen in der Bundesrepublik -, die demokratische mit der sozialen Frage Rechtsruck. Da braucht man nicht mehr
sage, von links bin ich auch dafür, denn es Platz greift. Trotzdem glaube ich, daß sozi- zu verbinden. Eine Gesellschaft, die den genau hinzugucken, das ist nichts anderes
ist links und von daher auch moralisch alwissenschaftliche Analyse - so wie sie Anspruch vor sich her trägt, demokratisch als Heitmeyer: früher war alles besser.(...)
gerechtfertigt und rational-theoretisch ent- beim Rechtsextremismus genau differen- zu sein, kann Demokratie nicht darin Und jetzt haben wir die Möglichkeit zu
sprechend ausgewiesen. Ich glaube, daß zieren muß zwischen unterschiedlichen erschöpfen, daß man alle vier oder fünf sagen, ist sowieso alles Scheiße, man kann
man dagegen nur ankommen kann, indem Positionen - auch in anderen Teilen der Jahre zur Wahlurne geht. Demokratie bloß noch militärisch dagegen vorgehen,
man versucht, Utopien zu entwickeln und Gesellschaft analytisch nicht mit der bedeutet Freiheit von Angst vor oder man kann sagen, das muß eben eine
etwas anderes zu praktizieren, als uns von Keule, sondern nur mit dem Seziermesser Arbeitslosigkeit, Armut und sozialem andere Gesellschaft werden. Das finde ich
ultrarechter und aber etwas sehr
neofaschistischer schwach begrün-
Seite als die det. Das ist nichts
Zukunft der anderes als die
Gesellschaft offe- alte Theorie des
riert wird. Das Rechtsextremis-
bedeutet natür- mus von Dimitrow
lich nicht, daß und nachfolgen-

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den Epigonen der KPD, die sagten: Ja, das risch Räume und Territorien erobern, nur darum geht, mit ihnen zu diskutieren,
liegt irgendwie im Kapitalismus drin, und damit die Linken wieder Platz haben. (...) sondern auch darum, ihnen die Räume zu
der hat immer so eine Tendenz, sich zum Das heißt es geht um die Frage: Wie nehmen. Wenn den Rechten die Räume
Faschismus zu entwickeln, und deswegen kriege ich den braunen Müll aus den gegeben werden, wie wir es in den
kann man das Problem nur mit der Wurzel Köpfen? Das ist die Frage, die sich die Beispielen von der akzeptierenden
ausrotten, wenn man den Kapitalismus Linke seit 150 Jahren stellt: Wie mache ich Sozialarbeit immer wieder zitiert bekom-
gleich mit ausrottet. am besten Propaganda? (...) men, dann muß die Gegenstrategie auch
Das ist aber eine resignative Haltung, Es geht darum, Begriffe zu besetzen. sein, die Räume wieder wegzunehmen.
die auch überhaupt nichts bringt. Da muß Das heißt, daß es nicht normal ist, die Insofern ist es auch eine Machtfrage,
ich doch wider meinen Willen - weil ich Grenze zu setzen zwischen Inländern und die noch viel verstrickter ist mit den
bekennender Nicht-SPD-Wähler bin - mal Ausländern. Das ist aber der Diskurs in Verhältnissen überhaupt. Wenn wir sagen,
positiv einen SPD-Generalstaatsanwalt Deutschland. Es geht nicht um »Ausländer« Rassismus und Rechtsextremismus sind
zitieren, der durch die Presse ging mit dem - das ist der übliche Diskurs auch in der eine Verteidigung der Hierarchie in unse-
Satz: »Es muß eine gemeinsame Volksfront linken Szene -, es geht um Einwanderer, es rer Gesellschaft, dann kann nur die
geben gegen das rechte Pack, die von den geht um Afrodeutsche, und es geht letzt- Umkehrung oder die Veränderung der
stramm Konservativen bis zu den Auto- lich um Rassismus. Und jeder, der z.B. das Machtverhältnisse diesen Rechtsextremis-
nomen reicht.« Und die letzteren müssen von mir zutiefst gehaßte Wort »Ausländer- mus und Rassismus abbauen. Ob das ganz um die Gewalttäter,
wahrscheinlich noch mehr über ihren feindlichkeit« benutzt, der kriegt Beifall abzuschaffen ist, ist eine andere Frage, sondern es geht wirk- »Es geht aufgrund
Schatten springen als die von der NPD. (...) aber man kann zumindest eine mensch- lich um die Struktur der Situation, daß
»Meine anderen. Es geht auf- Man muß es hinkriegen, mit der politi- lichere Gesellschaft schaffen. Insofern der Gesellschaft und
es eine rechte
schen Propaganda, mit der Diskussion in
Gegenstrategie grund der Situation, daß denke ich reicht die inhaltliche Ausein- darum, sie zu verän-
Hegemonie gibt,
es eine rechte Hegemonie der Öffentlichkeit, daß Einwanderung zwar andersetzung nicht. Wenn z.B. an der FU dern. (...)
läuft in die gibt, zunächst mal darum, ein Problem ist, daß man sich aber gefäl- eine Diskussion über Rassismus schon als zunächst mal darum,
Richtung, daß es die demokratischen ligst als ziviler Mensch dazu verhalten soll- unbotmäßige politische Veranstaltung Lukas: Ich glaube, ich die demokratischen
z.B. argumentativ Rechte zu verteidigen. te, und nicht sagt, die Ausländer sollen interpretiert wird, dann sage ich, daß hier habe da einen wun- Rechte zu
sehr wesentlich Die sind nämlich nicht Menschen zweiter Klasse bleiben, die sol- Macht zurückerobert werden muß. Es muß den Punkt getroffen. verteidigen.«
ist, gegen den gewährleistet, z.B. nicht len keine Staatsbürgerschaftsrechte krie- selbstverständlich sein, daß wir auch hier Mir ist nicht ganz
für Leute, die irgendwie gen, aber wir sind nett zu ihnen. Das ist an den Universitäten die Frage nach klar, warum Herr
Innen-Außen-
»ausländisch« aussehen. kein Ausweg. Ethnozentrismus, nach Rassismus in der Butterwegge so reagiert hat. Ich kann
Gegensatz, der von Ich sage immer, von Lehre, nach den rassistischen Strukturen Ihnen in vielen Punkten einfach nur Recht
rechter Seite hoch- der Ost-Antifa lernen Rommelspacher: Ich würde auch gerne in den Hochschulen stellen. Wer sind hier geben, da bleibt mir auch gar nichts ande-
gehalten wird, heißt siegen lernen. Die an dem Punkt ansetzen: Ausgrenzen auf die Professoren und Professorinnen, wo res übrig. Ich denke auch nicht, daß es im
den Oben-Unten- Antifa im Westen hat allen Ebenen. Ich denke, so einfach ist es haben hier Migranten überhaupt die Widerspruch zu dem steht, was ich in mei-
Gegensatz zu immer noch die sektiere- nicht, zu sagen: Hier ist die Gewalt, und da Chance, ihre Position zu vertreten?(...) nem Vortrag gesagt habe. Natürlich muß
ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Das
thematisieren.« rische Position, die in Es geht um eine Veränderung der man differenzieren, gegen wen man vor-
dem schönen Satz gipfelt: ist eine falsche Polarisierung. Wenn wir Machtverhältnisse, die mit politischen geht, natürlich muß man den Leuten klar
»Kein Fußbreit dem ...«, - zutreffendes bitte von der kulturellen Hegemonie der Strategien wie der Änderung des machen, daß die linke Analyse viel mehr
ankreuzen. Wenn aber die Rechten eine Rechten sprechen, dann ist das auch eine Staatsbürgerschaftsrechts oder mit so zu bieten hat als der rechte Müll, natürlich
Mehrheit haben, und die sich gar nicht als Machtfrage und nicht nur eine Frage der etwas wie ethnischer Quotierung die muß man versuchen Begriffe zu besetzen
rechts bezeichnen, kann ich nicht sagen, inhaltlichen Auseinandersetzung. Insofern Selbstverständlichkeit einer rassistischen und so weiter. Aber ich kann Ihnen sagen:
Nazis raus aus dem Jugendzentrum. Denn müssen die Rechten auch zurückgedrängt Hierarchie, in der oben immer die weißen Sie können gerne mal in Wurzen einem
dann reagiert keiner, obwohl alle Nazis werden; in welcher Form, das muß man Deutschen sitzen, tatsächlich auch umbaut. Neonazi Ihr marxistisches Konzept von
sind. Deshalb kann ich auch nicht militä- dann sehen. Aber ich denke nicht, daß es Es geht nicht nur um die Rechtsradikalen, Antikapitalismus erklären, ich glaube, die

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

Reaktion wird nicht lange auf sich warten aber den Nazis klar machen: Bis hierhin Probleme ihrer Umsetzung. Ich möchte nur hat und in deren Adern »deutsches Blut«
lassen. Das ist ganz einfach eine Frage, wie und nicht weiter. mal zu bedenken geben, wer es denn ist, fließt, was immer das auch sein soll.
man in gewissen Situationen damit Da ich nur ein armer Student bin, der was macht. Da müssen nicht die Auto- Insofern denke ich, daß die Politik, das
umgeht, ich habe hier keinen Weg geschil- möchte ich hier noch einen prominenten nomen über ihren Schatten springen. Denn Staatsbürgerschaftsrecht zu ändern, ein
dert, der der richtige ist. Ich habe auch Fürsprecher zitieren, namens Adorno. Und die, die was machen, sind die Autonomen ganz zentraler, wenn auch kleiner Schritt
gesagt, laß tausend Blumen blühen, und zwar aus einer Schrift Ende der 50er Jahre, und zwei, drei Funktionäre von PDS und ist. Denn dadurch kann eine Debatte über
die heißt »Zur Bekämpfung des Grünen, die noch den linken Anspruch Multikulturalismus ausgelöst werden, die
Antisemitismus heute«. Er hat geschrieben: ihrer Parteien aufrechterhalten. Und das mit dieser Denktradition der Homogenität
»Diesen Menschen gegenüber«, also den war’s dann. bricht. Beim zweiten Punkt, dem Protest,
Antisemiten, »die im Prinzip selber lieber da sehe ich einen Unterschied zwischen
auf Autorität ansprechen, und die sich in Rommelspacher: Ich finde es völlig rich- Ost- und Westjugendlichen - von den
ihrem Autoritätsglauben auch nur schwer tig zu sagen, daß Einstellungen nicht quasi Untersuchungen her zumindest. Bei den
erschüttern lassen, darf auf Autorität nicht in der Luft hängen, sondern aus den gesell- Westjugendlichen geht es primär um die
verzichtet werden. Wo sie sich ernsthaft schaftlichen Verhältnissen geboren werden Verteidigung der vorhanden Hierarchien.
vorwagen bei antisemitischen und mit denen zusammenhängen. Wobei es Im Sinne eben des Wohlstandschauvi-
Manifestationen, müssen die wirklich zur einerseits natürlich um die Legitimation nismus, der höchstens der Form nach
Verfügung stehenden Machtmittel ohne des Überlegenheitsanspruches und der Protest sein kann, aber auf keinen Fall in
Sentimentalität angewandt werden.« Dominanz der westlichen Welt gegenüber Hinblick auf den Inhalt, weil er die vorhan-
dem »Rest der Welt« geht, vor allem gegen- denen Hierarchien bestätigt. Im Osten
Schröder: Das heißt daß die Frauen gegen über den ärmeren Nationen. Es geht um steckt sehr viel stärker auch ein Protest-
Nazis vorgehen sollen, weil die Nazis keine eine Abschottung, das ist eine sehr materi- potential drin, und zwar gegen den
Frauen hauen. alistische Grundlage. Die Dominanzan- Kapitalismus, wie Burkhard Schnöder aus-
sprüche der weißen westlichen Welt sind geführt hat, und darüber hinaus gegen die
Lukas: Ja, weiß ich nicht, ob es das heißt, eine Widerspiegelung der Machtver- Dominanz des Westens. Wenn wir Rostock-
ich glaube nicht offengestanden. hältnisse. Sie sind direkt aus dieser Lichtenhagen nehmen, da ging es nicht nur
Zu dem was Burkhard gesagt hat, Geschichte der Dominanz und der gegen die Flüchtlinge und Asylbewerber,
möchte ich noch Folgendes einwenden. Bemächtigungsgeschichte geboren. Zum sondern auch gegen die Politik in Bonn.
Also das mit der Dimitrow-Theorie ist billi- Beispiel beim Thema kolonialer Rassismus: Von daher ist das ein etwas anderer
ge Polemik, weil ich nicht gesagt habe, daß Man darf nicht vergessen das 1914 85% der Akzent, auch wenn man fragen kann,
das Großkapital die Nazis, die heute auf Welt von den westeuropäischen inwiefern das Protest ist. Aber zumindest
das war durchaus so gemeint. Es gibt sehr der Straße rummobben, finanziert oder der- Kolonilamächten unterwofen waren. Diese ist es eine Nichteinverständniserklärung
viele Wege, natürlich muß man vieles ver- gleichen. Aber es gibt gewisse materielle Geschichte schlägt sich in bestimmten mit dem System.
Bedingungen in dieser Gesellschaft, und
»Wenn wir von der suchen, man muß Einstellungen und Haltungen nieder.
auch versuchen dazu zähle ich natürlich die kapitalistische Insofern ist natürlich ein Struktur- Butterwegge: Ich kenne von Claus Offe so
kulturellen Hegemonie Veranstaltungen zu Verwertungslogik, die einen prägenden zusammenhang da. Aber ich würde gleich- eine Bemerkung: Eigentlich wolle man
der Rechten sprechen, machen so wie die Einfluß haben auf die Menschen und auf zeitig auch das, was Butterwege mit politi- gewissermaßen die westlichen
dann ist das auch heute, wo die Leute ihr Tun, und zwar einen nicht besonders scher Kultur meint, mit einbeziehen. Kolonisatoren treffen und das tue man
eine Machtfrage und aufgeklärt werden, an positiven. Das ist eine Differenz in der Nämlich die Denktradition, die in stellvertretend alles dann mit den
nicht nur eine Frage einem aufklärerischem Analyse. Deutschland aufgrund des National- Flüchtlingen. Das will mir nicht einleuch-
Anspruch festhalten. Und zur Volksfront von Autonomen sozialismus eine extreme Form des ten. Wenn jemand in den ostdeutschen
der inhaltlichen
Man muß auf vielen bis zur SPD, ich bin dabei, jederzeit. Ich Homogenitätsdenkens ist: daß deutsch nur Bundesländern als Jugendlicher tatsächlich
Auseinandersetzung.« Ebenen angreifen, und habe probiert das zu skizzieren, als ich was der- oder diejenige sein kann, der oder die die Regierenden, die Herrschenden aus
gleichzeitig muß man über Bündnistheorie erzählt habe und die weiß ist, einen christlichen Hintergrund dem Westen treffen wollte, dann hätte man

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

sich tatsächlich auch Opfer vorgenommen, Dorf in Brandenburg wohnen. Denen kön- Faschisten, wo ihr von irgendwelchen
die man damit hätte identifizieren können. nen Sie schon sagen, die sollen halt mal sie trefft!«, hat sozu- realen Verhältnissen
Aber nicht Opfer, von denen ganz klar war, mit den Leuten reden oder sollen denen sagen nichts haben, der Maßstab,
daß die Regierenden und Herrschenden im was von linken Theorien erklären oder so. bewirkt, höchstens an dem man sich
Westen ja nun keinerlei Sympathien mit Die bekommen dann eine aufs Maul. (...) das Gegenteil des- orientieren soll. Da
denen hatten. Diese Konzeption, die glaubt, sen, was man errei- muß man eben versu-
im Osten gäbe es Protest, im Westen nicht, Butterwegge: Ich will noch mal deutlich chen wollte. Mein chen aufzuklären! (...)
würde ich in bezug auf die DDR bis 1989 sagen, da liegt nicht der Differenzpunkt. Problem ist nicht, Schröder: (...) Ich
noch teilen. Aber nach 1990 im Osten Ich habe deutlich gesagt, Notwehr und daß irgendwelche möchte ganz zum
einen Protest gegen soziale Bedingungen Nothilfe ist etwas anderes. Und du ziehst Neonazis noch wei- Schluß ein paar positi-
zu sehen, in dem Protest zu sehen, was sich dich jetzt auf die Position zurück, ter radikalisiert wer- ve Vibrations verbrei-
da an militantem Rassismus, Rechts- Situationen zu schildern, wo wir durchaus den, sondern daß ten: Ich finde es ja
extremismus und Neofaschismus manife- einer Meinung sind. Wo wir nicht einer potentielle toll, daß so viele Leute
stiert hat - damit habe ich meine Probleme. Meinung sind, ist die Konfrontation und Bündnispartner sich für das Thema
(...) die Gegenaggression zur politischen abgeschreckt wer- interessieren. Das ist
Und zu dem, was Birgit Rommels- Strategie zu erklären. Da ist der den. Wenn ich die nicht selbstverständ-
pacher gesagt hat: Natürlich hängt es mit Differenzpunkt, und davon sollte man Konfrontation als lich. Das ist die zweit-
Machtfragen zusammen, und deshalb bin nicht ablenken. politische Strategie größte Veranstaltung
ich auch der Meinung, daß Gesellschafts- empfehle, dann von rund 280, die ich
veränderungen notwendig sind. Aber diese Lukas: Die Konfrontation ist nicht die poli- habe ich eine ähnli- mitgemacht habe seit
Gesellschaftsveränderung, die bewirkt tische Strategie, sondern ist ein Teil der che Ausrichtung; 1992. Es ist aber wich-
man nicht, wenn man zu denselben Mitteln politischen Strategie, die notwendig ist. Zur zumindest scheint tig, daß das Thema
greift wie die andere Seite. Aussage: Notwehr ist gerechtfertigt, offen- es so für Unbeteiligte, als ob rechte und Antifaschismus nicht parteipolitisch ver-
sives Vorgehen nicht. Ich weiß nicht, ob linke Gewalt das gleiche wären. Ich setze einnahmt wird. Immer wenn eine Gruppe
Lukas: (...) Ganz klar, mit dem Base- man warten muß bis einem der Schädel sie nicht gleich, aber es erscheint so. Ich oder Partei das auf ihre Fahnen schreibt,
ballschläger betreibt man keine Auf- eingeschlagen wird, damit man selbst aktiv glaube nicht, daß das dazu dienen kann, inklusive der linksextremen Sekten, was
klärung. Ich sage nicht, daß die Gewalt das werden kann. Ich glaube, die Nazis haben das Bündnis gegen Rechts zu verbreitern. weiß ich, DKP, MLPD oder wer da noch
Problem löst, genauso in diesem Land oft genug unter Beweis Und ich glaube, es ist dringend notwendig, alles kreucht und fleucht, ist
»Die Dominanz- wenig wie man mit gestellt, was sie gerne machen möchten. daß es viel breiter wird. Antifaschismus nicht ehrlich, weil das nur
ansprüche der wei- Gewalt auch nur einen Man muß nicht auf die nächsten Opfer dazu dient, die eigenen Interessen durchzu-
ßen westlichen Welt Nazi davon überzeugen warten, das ist meine Position dazu. Und Lukas: Mich wundert ein bißchen, daß setzen. (...) Wenn ich höre, daß der ehemali-
sind eine Wider- wird, daß Rassismus ich glaube auch nicht, daß ein Faschist, Herr Butterwegge jetzt in die ge APO-Anwalt Mahler jetzt bei den Nazis
scheiße ist. Das ist einzig jemand der faschistischen Ideen nach- Extremismustheorie zurückfällt, die er vor- gelandet ist, wie kommt so etwas? (...)
spiegelung der
und allein eine Ein- hängt, noch weiter radikalisiert werden her selbst noch kritisiert hat. (...) Die
Machtverhältnisse.« grenzung ihrer könnte; Faschismus ist bereits das absolute Gewalt in dieser Gesellschaft kommt nicht Rommelspacher: Ich finde es schade, daß
Maximum an unterdrückerischer Gewalt. von den Extremen oder durch die die Diskussion sich polarisiert hat auf die
Handlungsmöglichkeiten. Ich glaube die Ein Faschist ist dafür, daß Menschen mit Extremen in die Welt, sondern die Frage von Extremismus, Gewalt und
Position, die Sie hier vertreten, Herr anderer Hautfarbe am besten Dreck fres- Gesellschaft ist gewalttätig. Die zweite Gegengewalt. Die Frage ist ja, ob damit
Butterwegge, das ist eine bequeme sen sollen. Ich weiß nicht, was man da Sache, was mich doch wundert, mit diesen nicht genau von dem abgelenkt worden ist,
Position. Die übersieht nämlich gewisse noch groß radikalisieren sollte. Bündnissen: Sie sagen, den Leuten scheint was wir ständig kritisieren, nämlich daß
Situationen, in denen sich andere Leute es so. Es ist nicht dasselbe, aber es scheint das Problem auf die extremen
befinden. Damit meine ich die Leute, die Butterwegge: Die Strategie, die von der so, daß linke und rechte Gewalt dasselbe Erscheinungsformen abgeschoben wird.
grüne Haare haben und in irgendeinem KPD gefahren wurde: »Schlagt die wären. Seit wann ist der Schein, den Leute Alle, die wir hier am Podium sitzen sagen,

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Rechtsextremismus: Ursachen und Gegenstrategien Nur ein stummer Schrei nach Liebe?
Preis: 2,50 DM
ja, es hat mit den Strukturen und der poli- haben so etwas, und meines Wissens nach
tischen Kultur in dieser Gesellschaft zu sind das nicht unbedingt die erfolgreich-
tun. Und wenn ich zum Beispiel zitiert sten linken Bewegungen. Ich denke, was
habe, daß in den letzten 10 Jahren die im Moment die Aufgabe ist, das ist zum
Studentinnen und Studenten insgesamt ein einen, den rechten Vormarsch zurückdrän-
ganzes Stück nach rechts gerückt sind, gen. Ich denke da nicht nur an Nazis, son-
dann wäre hier auch der Ort gewesen darü- dern an die politische Kultur in diesem
ber zu diskutieren. (...) Land - mittlerweile muß man ja auch die
Es ist schade, wenn wir die Grünen miteinschließen. Und zum ande-
Rückeroberung der kulturellen Hegemonie ren: die Linken sammeln anhand der
oder Begriffsbesetzung, wie Burkhard einenden Fragen, und nicht sich gegensei-
tig streiten, wie denn die Diktatur des
Proletariats en detail nach der Revolution
aussehen sollte.
Ich möchte in dem Zusammenhang
noch auf eine Sache verweisen. Wir haben
versucht unser Konzept Antifaschismus,
das heißt theoretische Überlegungen und
praktische Umsetzung, in einer Broschüre
zusammenzufassen, die gibt es hier am
Buchtisch. Und ich möchte nur noch auf
einen Umstand aufmerksam machen: Die
Broschüre hat 72 Seiten, Militanz wird auf
einer halben Seite behandelt.

Schröder sagt, jetzt auf diese


Gewaltdiskussionen und
Extremismusdiskussionen reduzieren. Ich
fände es sehr sinnvoll, wenn wir wirklich
uns auf die Frage konzentrieren würden,
wie Macht und kulturelle Hegemonie
zurückerobert werden können.

Lukas: Ich glaube auch nicht, daß es in der


jetzigen Situation notwendig ist, die
Geschlossenheit eines revolutionären
Programms auszuarbeiten. Es gibt ja durch-
aus Gruppierungen und Parteien, die
Antifaschistische Aktion Berlin • Engeldamm 68 • 10179 Berlin
Tel: [030] 27 56 07 56 • Fax: [030] 27 56 07 55 • E-Mail: aab@mail.nadir.org
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