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Debatte

Professor Dr. Wilfried RASCH ist Ordinarius für Forensische Psychiatrie


und Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Freien Univer-
sität Berlin. Er wird dieses Jahr emeritiert und geht in den Ruhestand. Prof.
Rasch hat 1982 sein Gutachten über Eickelborn dem Landschaftsverband
Westfalen-Lippe vorgelegt und damit maßgebend zur Gründung und zur
Konzeption des Westfälischen Zentrums für Forensische Psychiatrie
Lippstadt beigetragen. Bis 1988 ist er noch beratend in unserer Einrich-
tung tätig gewesen. Prof. Rasch ist auch wissenschaftlicher Begleiter des
Sozialtherapeutischen Fortbildungslehrgangs des Landschaftsverbands
Westfalen-Lippe für Stationsmitarbeiter von Maßregelvollzugskliniken.

WILFRIED RASCH: CAMERA OBSCURA UND


LATERNA LUCIDA DER FORENSISCHEN PSY- die angerichtete Straftat, die Frage noch
CHIATRIE UND PSYCHOLOGIE. der strafrechtlichen Verantwortlichkeit, den
gerichteten und exkulpierten psychisch
» » ... Es ist nur so schwer, - begann erauf die Person Rasch wie auf die foren- kranken Delinquenten, die gerichtlich
wieder, - das in Worte zu kleiden, das, was sisch-psychiatrische Praxis: beide erschei- verfügte Unterbringung im Maßregel-
ich Ihnen sagen will, Ihnen mit den bisheri- nen alternierend wie Möb/'usbönder vollzug, sein Unterbringungsschicksal und
gen Hülfsmitteln der deutschen Sprache be- Eschers als Figur und Hintergrund für- Unter/eben [Goffman] in der Anstalt so-
greiflich zu machen. Sie sind Mediziner, - Sie einander. Entsprechend wird methodisch wie die Interna der Institutionen. Ihm
werden vielleicht Manches besser verste- der Versuch gemacht, diese Doppelhelix geht es in theoretischer wie praktischer
hen, mir vielleicht sogar in Manchem einen [Hofstadter] in thematischen Strängen Hinsicht - wie im Titel angedeutet - um
Wink geben können « «- »Sind es abzuwickeln und durch perspektivischen analysierende Durchleuchtung und er-
sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier be- Wechsel des Bezugspunktes in ihren Ei- hellende Beleuchtung vorgefundener Zu-
traut wurden? «- wagte ich anzudeuten. genschaften wie Auswirkungen zu deco- stände: dos Dasein im Maßregelvollzug ist
-» » Sanitär? -Ja, gewiß, sanitär, - aber dieren. Hierfür werden stilistisch neben eine vita minima in einer erlebnisverdünnten
sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache synchronistischen Wortspielen (Jung, Zone, in der es keine realistischen Perspek-
zu mild aus; es ist weit mehr criminell! « Joyce] und Anspielungen als diskursive* tiven gibt.
« [Panizza] Elemente auch text- und sprachosmo-
tische kursive Textcollagen von Publi- Es findet sich ein Spektrum von Institu-
Wes Interesse sich auf die sonitä'r-crimine/- kationstiteln und Zitaten Raschs und an- tionen (Gutachter, Gericht, Sozialthera-
len Maßregeln der forensischen Psy- derer Autoren eingeflochten. peutische Anstalt wie Maßregelvollzugs-
chiatrie richtet, der wird sich mit ihrer anstalt), das als Ensemble von Dispositiven
Reform und den richtungsweisenden Ar- Das Interesse Raschs richtet sich in theo- psychosozialer Kontrolle ein potentiell
beiten von Rasch innerhalb der Randzonen retischer wie praktischer Hinsicht auf repressives Interventionsfeld konstituiert
mensch/ichen Verhaltens befassen müs- und folgerichtig der co-mentierenden
sen. Denn die unsichtbare Armee des Fort- * im Sinne von discurrere = umher-, Analyse, Problematisierung, Kritik und
schritts, das sind nach Enzensberger die auseinander-, hin-und-her-laufen; hier Reform bedurfte und bedarf. Die Aufgabe
Deklassierten/ - So bezieht sich dieser zudem mit Kierkegaard für durchgehend, des Umgongs mit den gesellschaftlichen
Essay inhaltlich aus einer institutionell- Punkt-für-Punkt-vorgehend im Gegen- Außenseitern teilen sich Jurisprudenz und
randständigen Perspektive gleichermaßen satz zu intuitiv oder sprunghaft/unstetig Psychiatrie. Den beiden Disziplinen ist die

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Definitionsmachtüberanhvortet zu entschei- spektive von Wohlverhalten und Disziplin der forensischen Begutachtung vor-
den, wer als -bedrohlicher- Außenseiter zu orientiert und nicht an angemessenen psy- formulieren. Eingang fand dies u.a. 1986
gelten hat und in welcher Weise auf sein chologischen Kriterien. In einer künstlichen in sein Lehrbuch der forensischen Psychi-
Verhalten reagiert wird: durch Bestrafung Welt, die von wirklichen Ereignissen entleert atrie, das innerhalb des kleinen Lehr-
oder Behandlung. Dabei geht es theore- ist, gewinnen triviale Vorfälle die Dignität buchkanons dieser Spezialdisziplin als
tisch wie sozial-, gesellschafts- und ge- wichtiger Vorhersagefaktoren. Zum Behand- Richtschnur und Anleitunggeschätzt wird.
sundheitspolitisch darum zu wissen, ob lungsziel wurde schließlich die Anpassung Die derartig elaboriert-spezialisierte
und aufweiche Weise die Vernunft kriminell des Patienten an die Institution. Disziplin der psychologischen wie
psychiatrischen Begutachtung erlaubt das
Organisatorische Vorkehrungen, die Eindringen aller Sozial- und Humanwissen-
explizit geschaffen sind, um thera- schaften in die Justiz: in der auch kriti-
peutische Orientierung der schen Weiterentwicklung nimmt Rasch
Gesamtinstitution zu sichern, gibt an der Fortschreibung dieser individu-
es nicht Zwischen den einzelnen alisierenden Korrektur des (Pauschal-)
Personalgruppen wie auch zwi- Urteils durch das die Umstände berück-
Csssw?» «feseBra
schen dem Personal und den Pati- sichtigende psychiatrisch-psychologische
enten besteht eine erhebliche Dis- Gutachten verantwortlich teil. Denn der
werden kann, und wie beides, Verbrechen tanz. Die Abwehrformationen im Innern Vorrang der Umstände, des Kontextes, in
und Wissen, >ertragen< werden kann von der Anstalten, ihr Umkippen von einer dem der Delinquent jenseits seines Deliktes
dem, was man soziale Ordnung nennt Die auch-helfenden zu einer Ordnungsinstanz steht, erlaubt eine Bestimmung der Verant-
/ntermrttenz der Vernunft [Fontana] der einerseits, die Nöte und Bedürfnisse des wortlichkeit durch den Gutachter als als
gutachtenden Kritiker wird hierbei konkreten krank-kriminellen Individuums 'Techniker der Fakten" [Moulin] ebenso
Ordnungs-/lnstrument der wissenschaft- und sein subjektives Leiden als Behand- wie durch den Richter, bei der die be-/
lichen Neugierde als sublimierter Form lungskriterium andererseits blieben Leit- richtenden Psychiater kon-flikthaft für
des Begehrens; das Subjekt des aufrichti- motive diverser Arbeiten Raschs, die und gegen das einerseits richterliche,
gen Diskurses nimmt die von Freud und Richtliniencharakter erlangen konnten andererseits öffentliche Straf-/! nteresse
Lyotard pointierte Haltung des advocatus und mußten. Stellung beziehen. Die Zyklen der
diaboli ein, der sich doch nicht dem Teufel Kriminalpolitik schieben einmal mehr den
selbst verschreibt. Der Gutachter blieb ihm als diagnostisch Strafgedanken, ein anderes Mal stärker den
Richtender suspekt, bietet sich doch dem Behandlungsgedanken in den Vordergrund.
Insbesondere in den Arbeiten über die psychiatrischen Sachverständigen als Inha- Wenn man hinter die Dinge schaut, könnte
Gestaltung der soz/a/thera-peutischen An- ber der Definitionsmacht in foro die Gele- man, abgelöst von momentanen Mode-
stalt ging es Rasch um Vorschläge und genheit, Kriminalpolitik per Diagnose zu schwankungen, sich darum bemühen, das
Vorbehalte, um Hindernisse, Voraussetzun- treiben. Die Expansion wissenschaftlicher Angemessene geschehen zu lassen.
gen und Ziele, kurz: Durchsetzung des Psychodiagnostik innerhalb des Maßregel-
Behandlungsanspruchs im Strafrecht. vollzugs versah das ohnehin stigma- Daneben institutionelle Analysen mit der
Hieran kritische Fragen zu richten, war tisierte Individuum durch mehrere Dia- ebenso unvermeidbaren wie eigen-
sein Anliegen mit dem Ziel der Verän- gnosen mit zusätzlichen und z.T. dis- initiierten Rolle des - auch moralischen-
derung von Einstellungs-, Denk-, Hand- kriminierenden Unarten. Bereits exis- Richters, entsprechenden Anfeindungen,
lungs-, Institutionssstrukturen, d.h. des tente Strafoperationen wurden so als Mißververständnissen, Zerwürfnissen,
Abbaus einer unbewußten Angst vor der symbolische Verwundung und Verstüm- Ambivalenzen wie Akzeptanzen und Dis-
Abartigkeit der -vermeintlich- Anderen melung des Selbstbildes durch Eintra- kussionen. Ein rezen(sen)ter Kritikpunkt
bei den unprofessionellen Professionel- gung der diagnostischen Beurteilung in die im O-Ton: Es erscheint als eine Art von
len; eine Angst, die sie Patienten zu Seele des Patienten komplettiert - eine therapeutischem Overkill, die Beschwerde
jemaßregeltenVerwahrsubjektendegra- Form scheinbar schmerzfreier Psycho- eines Patienten, der auf behördliche Anord-
fteren und sie im Sinne einer Formal- chirurgie, die an die kafkaeske Ein- nung verwahrt wird,
npassung abrichten ließ. Die Psychiatrie schreibung des Urteils in den Körper des als Ausweichen vor
nerkannte ihre Zuständigkeit für die "kri- Delinquenten erinnert und somit die von der Therapie zu
linellen Geisteskranken", verweigerte aber, Foucault beschriebenen peinlichen Stra- pathologisieren.
ch auch für den "geisteskranken Kriminel- fen, die Leibesmarter vor der Aufklärung,
n" verantwortlich zu fühlen. substituiert. Hier wird - Castel paraphra- Wenngleich die
sierend - sichtbar, wie die Maßregel in erkenntnistheo-
\t wenig, daß die instituti- der Folge des psychiatrischen Fortschritts retische Grundla-
lelle Struktur- und Funktionsanalyse nunmehr künftig über neue pathologisier- ge seines Vorge-
.rtiell zur quasi psychologisch-psy- ende Kategorien verfügt, mit denen Ver- hens durch ihn nie
iatrischenBeurteilungvonAflektde/ikten haltensbereiche interpretierbar gewor- explizit ge-/erklärt
riet, die von den Mitarbeitern re-/aktiv den sind, die sie bislang nicht abdecken wird, nimmt Rasch
gesichert-zu-bessernden Delinquen- konnte. in seinem Erkennt-
i verübt wurden. Be- und Abwertungen Diese Entwicklung ließ Rasch ebenso nisinteresse eine
ser Richtung erschienen an der Per- warnen und mahnen wie auch Leitlinien medizinisch-
Doppelhelix

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naturwissenschaftliche Position der Auf- gedanke stärkeren Einlaß in das bundesdeut- rangiert hatten: die eigene Tätigkeit und
klärung, der Psychiatrie-Enquete-fundier- sche Strcfreditfand und in der Einrichtun- deren Richtung werden nicht mehr prob-
ten Reformverpflichtung, der so- gen zur Behandlung persönlichkeitsge- lematisiert. Korrespondierend hierzu fand
zialpsychiatrisch konnotierten Richtungs- störter Straftäter propagiert und modell- er die pflegerische Tätigkeit reduziert auf
stabilität, des wohlgemeinten Über- haft geschaffen wurden, die es nach poli- kustodiale und administrative Funktionen,
denkens ein: er forderte die Entwicklung tischem Roll-back und "Wende" in der ur- d.h. auf das Ausfüllen von Berichtbögen, An-
eines gerechten, humanen und zweckmäßi- sprünglich geplanten Form nicht geben wird. forderungsformularen oder Aufstellungen,
gen Umgangs mit einer Gruppe von Mitbür- DieReformgesetzgebungwarvon einer Welle ferner auf die Beobachtung und Bewachung
gern ein, die durch doppelte Stigmatisierung getragen, die inzwischen verebbt ist und zu der Patienten. Folglich ergaben sich in Er-
als Kranke und Kriminelle doppelt gehandi- deren Charakteristika eine größere Aufge- gänzung der oppositionellen Haltung der
capt sind. schlossenheit gegenüber Randgruppen Patienten und ihrer Verhaftung in einer
jeglicher Art gehörte. therapiefeindlichen Subkultur bei dem
Das Subjekt der Reflektion über das ei- Die angetroffene disziplinierende Zu- Pflegepersonal nahezu zwangsläufig Wi-
gene Handeln, über die vorgefundenen richtung verwahrter, moralisierend derstände oder zumindest Unverständnis
Zustände, über das Handeln und Denken ein zweites, drittes, xtes Mal gerich- gegenüber therapeutischen Innovationen.
anderer sowie des Diskurses über diese teter Krank-Krimineller, ihre (sexu- Wenngleich ihm der gute Umgang mit
Dinge ist insofern bereits politisch han- elle) Devianz und straf rechtliche Sank- den Bös-Kranken während der Unter-
delndes Subjekt. Der Impetus des Wis- tion, bringungundBehandlungpsychopathischer
sens wird zur Gewissensinstanz, die allzu Rechtsbrecher ein persönliches Anliegen
rasch als Instant-Gewissen benutzt wird
und sich angesichts von politischen und Forensische war, vermied Rasch hierbei sophistisch-
theoretische Entwürfe vom psychothera^.
Kontext-Interessen selbst/kritischer
Beurteilung unterziehen muß. Politisch
also in einem Sinn, der durch eine Philo-
Sozialtherapie peutischen Gutsein ebenso wie konkret-
handlungsgerichtete Alltagsanweisungen.
Sein besonderes Interesse richtete (sich
sophie des Noch-Nicht oder des Real- Erfahrungen in Düren auf) das Stufenkonzept der Anstalten,
Möglichen [Bloch] definiert ist und in der entsprach es doch allzu häufig in seiner
Verantwortung des forensischen/institu- Herausgegeben von Wilfried Rasch Belohnungs- und Bestrafungspraxis einem
tionellen Gutachters jeweils neu bestimmt sehr sehr schlichten verhaltenstherapeu-
Mit Beiträgen von
werden muß. - Insofern hat dieses Politi- Wilfried Rasch, Norbert Lippenmeier, tischen Ansatz, in dem eine reformerische
sche auch bei Rasch nicht ausschließlich Margarete Steffen, Lutz-Gero Leky, Verengung emanzipatorischer Theo-
Heiner Mohr, Felizitas Sagebiel,
mit der Bestimmung von Institutionen zu Tilmann Moser, Norbert Leppert, rie(bildung) zu sozialtechnischen Vorstel-
tun; es ist im Sinne Lyotards vielmehr die Klaus-Peter Kühl lungen [Bruder] vollzogen wurde. Die
Bestimmung einer Spie(ge)lfläche für Sanktionierung von Verhaltensweisen, die
libidinöse Intensitäten, Affekte, Leiden- außerhalb des Maßregelvollzugs nicht als
schaften... Überblickt man die Geschichte Straftaten gewertet würden, weist darauf
der Behandlung der kriminellen Außensei- hin, daß das Stufensystem vor allem auf
ter, scheint die Sorge nicht unberechtigt, daß Anpassung innerhalb der Institution zieh.
die neuen Versuche nicht weit tragen, weil In der Tat gerät (Psycho-)Therapie in
die Strafideologie schließlich wieder Ober- Dispositiven psychosozialer Kontroll
hand gewinnt und therapeutische zu diszi- zur Intervention, die mit Härtung als di<
plinarischen Maßnahmen umfunktioniert verständnisvollste, vielleicht auch die sensi-
C.F.Müller Juristischer Verlag
werden. Immerhin beschreibt bereits Karlsruhe • Heidelberg 1977 belste Form der Verletzung der Menschen-
Castel ausführlich, daß die psychiatrische würde skizziert werden muß, da sie im-
Anstalt historisch und ideengeschichtlich die damals theorielose pragmatisch-un- mer auch von einem Sockel der Aus-
Gefahr läuft, eine einfache Auffanginstanz reflektierte Ausrichtung der Be- grenzung und Gewalt getragen wird.
zu bleiben. Sie suspendiert zwar die Voll- handler (Ärzte, Psychologen), Selbst psychoanalytisches Arbeiten wan-
streckung der äußersten Form juristischer die ursprünglich perspektivelos-depres- delt sich, so Fabricius, als ein im Kern
Strafverfolgung, geht andererseits aber in sive Position der kaum unter pflege- selbstreflexives, auf Mündigkeit zielendes
ihrer humanistischen Motivation nicht rischen oder betreuerischen Ge- Verfahren unter Umständen im Zuge ih-
über die Erfordernisse der öffentlichen Ord- sichtspunkten als vielmehr für Wach- rer institutionalisierten Anwendung zu
nung hinaus: da die Psychiater einerseits die oder Beobachtungsaufgaben einge- einem medizinisch-psychologischen Inter-
herrschenden Normen der Strafverfolgung setzten Pfleger ventionsschema, das Gefahr läuft, anstel-
teilen, andererseits aber einen neuen Rah- veranlaßten ihn zu Richtungsangaben und le Selbstentwicklung und Autonomie-
men zur Entwicklung der Möglichkeiten der -wechseln, zu strukturellen Entwürfen förderung totalisierend Hierarchie und
Psychiatrie brauchen, haben sie ein zwie- wie inhaltlichen Ratschlägen, deren Um- zunehmende Entmündigung nach unten
spältiges Verhältnis zur juristischen Macht. setzbarkeit sich erst im Nachhinein er- zu reproduzieren.
weisen sollte. Entsprechend ver-/suchte Rasch den
Die reformerische Intervention Raschs Er konstatierte, daß sich die Therapeu- Spagat der deskriptiv-analysierend beur-
fiel weitgehend noch in eine Zeit, in der ten mit dem traditionellen System und sei- teilenden Berichtigungen von sozial-
der Resozialisierungs- und Behandlungs- nertherapeutischen Ineffektivität vollauf ar- darwinistisch deformierter wie aus Patien-

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tensicht 'psychoterroipterender1 Praxis in noch als Anspruch und/oder Verlangen gewissenhaft Probleme, Diskussionsbei-
Form übergreifender strukturell-kon- mit intransitivem Charakter empfunden; träge und konkret-utopische Zukunfts-
zeptueller Empfehlungen, was die auch d.h. als Anspruch, der nicht nach einer vorstellungen der Mitarbeiter. Manches
problematische Schaffung von Spezial- Interaktion mit einem Gegenüber ver- hiervon fand sich später in seinen Arbei-
einrichtunngen beinhaltete. langt, sondern den einzelnen direkt ten als Resultat kollektiven Überdenkens
affiziert In diesem Umschlagen der Ge- bisheriger maßregelnder Praxis wieder.
Rasch initiierte u.a. die Verselbständigung gensätze ineinander nun öffnet sich über
des Westf. Zentrums für Forensische den Gutachterdiskurs wie einstmals in Die Eindimensionalität der Entscheidun-
Psychiatrie Lippstadt als Einrichtung, de- Eickelborn [Sanner] der Bereich der gen war einer seiner Kritikpunkte: die
ren Arbeit er nach dem Richtfest 1984 Übertragung mit entsprechend affektiv- Konzentration der Teomdiskussionen auf
beriet, mitverfolgte und hinsichtlich der empörter Tragweite, da Angebot und das Thema Lockerungen bei der Beurteilung
eines Untergebrachten vermittek mitunter

Krank den paradoxen Eindruck, daß die wegen der


vermuteten Gefährlichkeit angeordnete
Freiheitsentziehung eigentlich nur den Sinn '

und/oder hat, die Gewährung von Lockerungen zu


ermöglichen. Wiederholt rückte er in Ver-

kriminell? öffentlichungen und Beratungen das Ver-


halten in der Institution als Basis der
Prognosebeurteilung in den Focus der
Aufmerksamkeit. Mehr Dimensionen in
Maßregelvollzug in der Sicht des Patienten wurden zum
Westfalen-Lippe Standard erhoben, zugleich widersprüch-
lich-mißverständlich als explizit gefor-
dertes check-up komplexitätsreduzierend
und dimensional verkürzend in Frage
gestellt Das Risiko ließe sich kalkulieren,
postulierte und verführte er rasch die
angesprochenen Behandler. Hier mach-
te er Vorgaben eines Beurteilungsbogens,
dessen Weiterentwicklung von ihm be-
raten wurde. Implizit konstellierte er
hier allerdings eine Variante des unbe-
kannten Tribunafs [Kafka, Szczepanski],
vor dem sich die beurteilten Patienten
nach Berichten Petrovics ohnehin

i wähnten. Das konkrete Wie der refor-


mierten Umsetzung blieb ähnlich dem
Gutachten zur Situation und zu Entwick-
lungsmöglichkeiten der Einrichtungen in
Landschaftsverband seinen Details letztlich offen: praktische
Westfalen-Lippe Umsetzung war jeweils Aufgabe der sich
im Praxis-/Feld Befindlichen, die späterer
Supervision, Anregung und Kritik unter-
lag.
Theorie- und Praxisbezug oszillierten
zwangsläufig in derart raschen Intermezzi,
bevölkerungspolitischen Durchsetz - Verlangen zur Aussageebene des Diskur- ebenso wie Moralisches, Professionalität
barkeit sekundierte. Später bedingte sei- ses, mithin zum Register der involvierten und Zwischenmenschliches in der rush-
ne affirmativ-kritische Forderung einer Subjekte gehören und diese unausweich- hour von Beratung/Supervision alter-
äquivok formulierten Kriminakherapie im lich in ihrer narzißtisch-vulnerablen Dis- nierten.
richtigen Format heftige psychiatrie- und position be-/treffen.
rechtspolitische Kontroversen, enthielt Eher strukturelle Handlungsweisen und
der Vorschlag immerhin die Kreation In seiner komplementären Supervisions- Einstellungen der Institutionen denn psy-
von zwei bis drei Spezialkliniken als ele- tätigkeit innerhalb der Institutionen chodynamische Aspekte institutioneller
mentare ökonomische Operation jen- Eickelborn/Marsberg/Haldem entstand Therapie als förens/scher Sozialtherapie
seits des Lustprinzips. Hier nun wird der eine Mischung aus Teamsupervision, bestimmten die Blick-, Beurteilungs- und
Diskurs überraschenderweise nicht als Institutionsberatung und Organisations- Beratungsrichtungen. So war Raschs Be-
Erkenntnis- oder Wissensdiskurs, son- entwicklung: er blieb mimetisch attentiver raten auf die kustodiale Agonie des Rea-
dern als Übertragungs-/Angebot, mehr Frager, Zuhörer und Mentor, notierte len im Vollzug bzw. auf das Reale des

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institutionellen Reformprojekts ausge- mit moralischer Bedeutung als Gewis- für Rasch ein forensisch-psychiatrischer
richtet, nicht auf dessen imaginären und sensangst eingefärbte depressiv-ängst- Begutachtungs- und Arbeitsbereich, den
symbolischen Anteile. liche Affekte, die zunächst aggressiv abge- er hinsichtlich der Tötung des Intim-
wehrt werden (müssen); zugleich jedoch partners, der Situationen des erweiterten
Daß dennoch unterschiedliche Reaktio- re-/aktiviert die vermeintlich individuelle Se/bstmords, der Tötungsmotive psycho-
nen auf institutionelle Analysen erfolg- Insuffizienz Überich-Anteile: Sichtweisen tischer Täter sowie der Gruppennot-
ten, war eher Reaktion auf die -scheinba- der moralischen Pflicht als aufgegebener zuchtsdelikte Jugendlicher und Heranwach-
re- Abwesenheit des Subjekts des Dis- Leistung erzwingen einen Grundkonflikt sender publizistisch dekonstruierte. Hier
kurses und Resultat des Betroffenseins des einzelnen zwischen Erfolgswünschen wirkte er in den gesellschaftlich-individu-
einzelner als Frage des richtigen und fal- und Mißerfolgsbewältigungen und füh- ellen Tabuzonen, die Ausgrenzung durch
schen psychiatrischen Gutachtens. Denn ren gerade im Maßregelvollzug zu einer Einschluß, implizite Rache durch Ver-
der Verweis auf das repressiv-kustodiale von Heckhausen akizzierten Pathologie wahrung, öffentliches Richten durch Skan-
Ganz-Andere der Maßregel verfolgt eine des Anspruchsniveaus. Hier intervenierte dalberichterstattung usw. mitbedingen.
sublime, kritisch-belehrende Tendenz mit Rasch via Supervision, Beratung und Pla- Der Tod des Jürgen Bartsch als Narkose-
dem Kippeffekt, daß ihr festgestelltes nung, um bei Offenlegung der Ver- zwischenfall verdient als Indiz unserer Gleich-
Negatives mit den berichtigenden Vor- such(ung)ssituation gleichzeitig gerade gültigkeit im Umgang mit Straffälligen ge-
schlägen je nach Lesart in ein Positiv- diese Suggestion fortzuschreiben und ent- wertet zu werden. An der Art, wie sie mit
Vorbildliches umgeschönt werden kann. mutigt-ärgerliche Reaktionen der ver- ihren Außenseitern umgeht, erweist sich der
So muß Rasch als gutachtender Berichter- suchten Pfleger und Therapeuten ermu- Reifegrad einer Gesellschaft
statter in Kontroverse zu unkritischer tigend zu re-/parieren.
Praxis bleiben; ein kritischer Theoreti- An den gutachterlichen Vorarbeiten aus-
ker, der quasi komparativ-dialektisch Seine Fest-Stellungen blieben auf organi- gerichtet fanden die Spalt-Spiele der Mit-
[Kierkegaard] einen Reflexionsprozeß in sationssoziologische Aspekte, auf die arbeiter unter interpersonellen Gesichts-
Gang setzt, indem er die Strafsysteme Ebene der Erscheinungen sowie den punkten sein spezielles Interesse - ein
und Interaktionspartner entlarvt er ent- Wechsel von Transformation und Homö- Spiel, dem allerdings folgerichtig auch
deckt die Widersprüche ihres alltägli- ostase konzentriert Prinzipien der Grup- der interessierte Gutachter nicht ohne
chen Handelns und Redens, widerlegt sie pentheorie, der intrapsychischen Dyna- weiteres entkommt da ihm sein Interesse
aus ihrer eigenen Logik - und wird hier- mismen wie institutionellen Phänomene die Position des nunc stons, des unbetei-
durch vom Ratgeber zum Rechtsprechen- von Spiegelungsprozessen fanden sein ligten Beurteilers in der Zeitfalte unbe-
den; dies auch, weil die Denunziation Interesse nicht da ihn seine Position die weglicher Gegenwart verunmöglicht Das
strukturell-richtender Gewalt und die Frage nach ßehand/ungsvo/fzug oder Sozf- hiermit verbundene flirtschrittliche En-
fortschrittliche Diskussion über Delikte oftherapie auf eigene Weise stellen ließ gagement für eine fachliche Qualifizierung
und Strafen im Sinne Beccarias (de/ de/itti und sich auf die Reform von bereits Be- des Pflegepersonals mußte notgedrun-
e delle pene) seit dem Zeitalter der Auf- stehendem konzentrierte. gen Züge interprofessioneller Spaltun-
klärung nicht leichter geworden ist. Wer gen tragen und diese intramural etablie-
aber den Menschen dos Licht der Aufklä- BEITRÄGE ZUR SEXUALFORSCHUNG ren.
Orfu der Dlntlcku CtlcillcUfl fDf Snvllfottcb««
rung bringt, der muß gefaßt sein auf
Nachstellungen [Enzensberger]. So hat Rasch vieles im Maßregelvollzug
und in einzelnen Einrichtungen wider-
Der Gutachter selbst gerät zudem als sprechend berichtigt und bewegt; die ge- ^-
Wider-/Spiegel zur Instanz, mutiert vom gen kustodiale Entrechtung, disziplinie-
dialektischen Subjekt mit Stärken wie rende Abrichtung, sicherungsideologische
Schwächen zur einsamen Autorität, de- Fortdauerempfehlungen und kriterien-
ren Entfernung von den institutionellen Tötung des Intimpartners reduzierende Unrichtigkeiten gerichtete
Alltagsverrichtungen zunehmend wächst Von ArgumentAktion hatte initialen Charak-
Was seine Analysen und Berichte von Pm,-Do±. Dr. WIKritd Ranh ter und dauert weiter an. Da sie im
seiten der Auftraggeber tatsächlich bewir- Grenzbereich mehrerer sich nach eigenen
ken sollen, wird z.T. wenig exemplifiziert Gesetzen wandelnden Wissenschaften
Offen bleibt die klassische Frage der angesiedelt ist, ist es möglich -so Rasch
Organisationsentwicklung: inwieweit sie selbst-, daß seine Nachrichten zur Unzeit
der Verschleierung von eigentlich Defi- ihre Reise antreten, zu früh oder zu spät
zitärem/Unmöglichem durch refor- Die Unsicherheit bei wem sie ankommen
merische Entwürfe dient. und ob sie richtig verstanden werden, ist
groß. Es ist wie bei einer Flaschenpost..
Daß (Psycho-)Therapie im Maßregelvoll-
zug ein Dembo-Versuch, d.h. eine unmög- FERDINAND ENKE V E R L A G STUTTGART
lich zu lösende Aufgabe bei Suggerieren U. Kobbe
eben ihrer Lösbarkeit sei, sprach er ana-
log Caruso offen an. Mißerfolge erzeu- Die in diesen Analysen scheinbar ausge-
gen bei unlösbar-ambivalenten Aufgaben sparte interpersonelle Problemzone war

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