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Episode 3

- Todeshölle - Höllentod -

von Gloomy Tomb

Die große Online-Serie


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Inhaltsverzeichnis

Timetraveller Episode 3 - »Todeshölle - Höllentod« Seite 6

Spezial von F. Kayser über Timetraveller Episode 2 Seite 54

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TODESHÖLLE - beruhigt, dass es dem Freund doch bes-


ser ging, als es zunächst aussah.
HÖLLENTOD Ken hatte den Sturz unbeschadet ü-
berstanden, selbst seine Kleidung hatte
Das Ende des Sturzes kam abrupt, in- nicht so gelitten wie Dans, doch dafür
dem Dan in einem Gebüsch landete. Er muss der Aufprall um einiges härter
rappelte sich auf, sortierte seine Glied- gewesen sein.
maßen und stellte erleichtert fest, dass er Der Japaner schlug endlich die Augen
den Aufprall ohne größere Blessuren auf und wusste sofort, dass wieder etwas
überstanden hatte. Seine Kleidung be- total schief gegangen war. Er hatte die
stand fast nur noch aus Fetzen, aber sie Schnauze gestrichen voll vom Abenteu-
hielt sich noch am Körper. er Zeitreise und wollte nur noch nach
»Wo waren die anderen?« Hause. Genau wie die anderen, doch
»Ken, Claire, Markus«, rief er laut. keiner getraute sich, seine wahren Ge-
Doch bis auf sein Echo hörte er zunächst fühle wirklich zu zeigen, damit die
nichts. Stimmung nicht völlig aus dem Ruder
Er lauschte angestrengt in die folgen- glitt und die vier Timetraveller vom
de Stille und tatsächlich, ganz in der Heimweh überrumpelt wurden.
Nähe war ein Geräusch, das nicht in Die beiden Studenten stießen einen
diese leblos wirkende Umgebung passte. Seufzer der Erleichterung aus, weil sie
Ein leises Stöhnen brachte Dan auf die Zeitreise lebend überstanden hatten,
Trab, er rannte los in Richtung des Ge- doch dieser kurze Moment dauerte nicht
räusches und fand Ken am Boden lie- länger als den Bruchteil einer Sekunde
gend in einer kleinen Senke. Kein Wun- und wie aus einem Mund sagten sie:
der also, dass er ihn vorher nicht sehen »Wo sind die anderen?«
konnte, denn die Senke war nur ein Das war eine gute Frage, und der
Vorgeschmack auf das riesige Tal, das Blick in dieses endlose Tal ließ das
nun vor ihm lag. Schlimmste befürchten. Zumal Markus
Dan bückte sich zu Ken hinunter, der die Zeitmaschine bei sich hatte, und
außer einem leisen Stöhnen kein Le- ohne die konnten Ken und Dan nur
benszeichen von sich gab, und unter- hoffen, dass der Zufall sie in das Jahr
suchte sein Äußeres auf Verletzungen. 2006 auf die ihnen bekannte Welt ver-
Doch da war nichts. schlagen hatte. Aber an Zufälle glaubte
Von sanften Berührungen überrascht, schon lange keiner mehr.
schlich sich ein leichtes Grinsen in Kens »Los, wir müssen da runter und Clai-
Gesicht, und Dan, der darüber eigentlich re und Markus suchen«, sagte Dan. »Am
froh sein sollte, war im ersten Moment besten, wir gehen getrennt, dann haben
etwas sauer. »Was glaubt der denn, was wir die doppelte Chance, sie zu finden.«
ich hier tue«, dachte der Sportstudent, »Da runter?! Bist du sicher, dass wir
aber tief in seinem Innern war er nun sie da unten finden?« Ken hatte nach
einem Blick ins Tal ein sehr ungutes

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

Gefühl, konnte es aber nicht so recht in Moment fiel auch dem Japaner die Stille
Worte fassen. Da war noch mehr als nur auf, die er bis dahin noch gar nicht
Angst. wahrgenommen hatte. Seltsam, es gab
»Wenn sie hier oben wären, hätten Licht, Luft, Vegetation...nun ja, zumin-
wir sie sehen müssen. Und wenn sie dest Reste davon, aber wo war zum
noch weiter oben gelandet sind, dann ist Beispiel das Zwitschern eines Vogels
sowieso alles verloren. Sieh doch, da ist oder das Summen eines Insekts? Oder
nur noch die nackte, glatte Felswand. einfach nur das leise Säuseln, welches
Und bevor wir da raufklettern, versu- Wind verursachte? Da war aber gar
chen wir es lieber erst da unten.« nichts.
»Vielleicht hast du recht«, räumte Ken fröstelte.
Ken nach einem Blick hinter sich ein. Der Abstieg ins Tal gestaltete sich
Ganz wohl war ihm aber nicht bei dem einfacher, als erwartet. Der Abhang war
Gedanken, da runter zu müssen. übersät mit Felsbrocken, die aus der
Irgendetwas stimmte da unten nicht. Erde schauten und so eine natürliche
»So ein Tal habe ich noch nie gese- Treppe bildeten. In Dan kam dadurch
hen. Es scheint bodenlos zu sein, und sofort eine schlimme Vermutung auf:
wer weiß, was sich dort für Getier ange- ein Sturz auf diesem von Felsen übersä-
siedelt hat. Die Sonne kommt auch ten Boden konnte einfach nicht gefahr-
kaum bis runter.« los verlaufen sein. Dieser Gedanke trieb
Dan wurde stutzig. ihn erst recht zur Eile an, was sich als
»Sonne? Moment mal, wo ist die großer Fehler erweisen sollte. Nach
Sonne?« Sie schauten zum Himmel und wenigen Schritten – Dan achtete nun
wurden bleich. Das war kein Himmel. weniger darauf, wo er hintrat – kam,
Zumindest nicht der, den die beiden was kommen musste. Er rutschte ab und
kannten. Dieser Himmel waberte in gelangte schneller nach unten, als ihm
einem gelblich-grünen Farbton vor sich lieb war. Ken stieß einen erschrockenen
hin. Diese Farbmischung erinnerte an Schrei aus, der durch das wiedergegebe-
die Haut eines schwer leberkranken ne Echo gar nicht enden wollte.
Menschen. Dan schüttelte sich. Nun beeilte auch er sich, doch Ken
Diese eklig-kalte Farbmischung war etwas besonnener und kam unbe-
konnte kein Licht erzeugen, doch was schadet bei Dan an. Der rappelte sich
dann? schon wieder auf, seine eigenen
Nun, um diesem Geheimnis auf die Schmerzen mit dem Gedanken an Claire
Spur zu kommen, war jetzt nicht die und Markus verdrängend.
Zeit, denn Claire und Markus brauchten Die Suche entlang des Hanges war
vielleicht dringend ihre Hilfe. nun einfach geworden. Ein Blick hinauf
»Ken, du nimmst die linke, ich die zeigte den Beiden, dass sich ihre Ge-
rechte Seite in Angriff. Hör auf Geräu- fährten dort nicht befanden. Der Grund
sche, denn davon scheint es hier nicht des Tales war mit einigen ihnen unbe-
allzu viele zu geben.« Erst in diesem kannten Pflanzen und Sträuchern über-

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sät, was die Suche dort erheblich er- Dan schaute an sich herab und da
schwerte. ging ihm erst auf, in welchem Zustand
In diesem Moment keimte ein Hoff- er sich selbst befand. Dass seine Klei-
nungsschimmer auf. Ein paar Schritte dung überhaupt noch an ihm hielt,
links von ihnen bewegte sich plötzlich grenzte fast an ein Wunder. Er bedauerte
etwas, nur leicht und aus dem Augen- aber viel mehr, dass er Claire damit
winkel wahrzunehmen. Ken fuhr herum, nicht helfen konnte.
deutete darauf und beide hasteten hin. Auch Ken stellte mit einem Blick auf
Tatsächlich, dort lag Claire hinter einem seinen Freund fest, dass die Frage nach
nach Farn aussehendem Gewächs und sauberer Kleidung überflüssig war. Nun,
kam wohl gerade wieder zu sich. dann musste es eben sein eigenes Unter-
Ungläubig schaute sie zu ihren hemd tun, und Sauberkeit wurde erst
Freunden auf und ihr Gesicht erhellte einmal hinten angestellt. Wenigstens
sich ein wenig. Sagen konnte sie jedoch gab es ein paar halbwegs gerade Zweige
nichts, dafür war sie viel zu erschrocken an den Büschen.
über den Ausdruck in Kens und beson- Nun musste Ken, der von erster Hilfe
ders Dans Gesicht. Beide waren kreide- nur theoretische Kenntnisse besaß, über
bleich und hatten Tränen in den Augen. sich hinauswachsen und versuchen,
Dass es Tränen der Erleichterung waren, Claires Arm wieder gerade zu biegen.
weil sie Claire gefunden hatten, wusste Leichter gesagt, als getan. Claire litt so
sie ja nicht. schon genug Schmerzen, wie sie das
»Mein Gott, du lebst. Wir hatten Richten des Knochens überstehen sollte,
schon das Schlimmste befürchtet«, sagte war ein Rätsel.
Ken und beugte sich zu ihr hinab. »Ist In einem Film sah Dan mal, dass man
alles in Ordnung? Kannst du aufste- Patienten etwas zum Draufbeißen zwi-
hen?« schen die Zähne schob. Warum genau,
Claire richtete sich auf und stieß ein wusste er zwar nicht, aber vielleicht half
jammervolles Stöhnen aus. Da sahen es es ja. Also gab er Claire einen dickeren
auch Dan und Ken. Ihr rechter Arm war von den Zweigen und erklärte ihr, was
gebrochen und ein Knochen ragte blut- nun folgen würde.
besudelt ein Stück heraus. Claire war schon ganz blass, aber sie
»Scheiße! Das hat uns gerade noch nickte tapfer, denn sie wusste, dass sie
gefehlt! Wir brauchen dringend einen keine andere Wahl hatte, als den beiden
Arzt!«, sagte Dan. Jungs zu vertrauen. Denn auf andere
»Und wo willst du hier einen herzau- Hilfe konnte im Moment keiner hoffen,
bern? Komm schon, Dan, das müssen da niemand wusste, wo und wann sie
wir selber schaffen und die Wunde ver- waren.
sorgen. Hast du noch irgendein halb- Dan verhalf Claire in eine halbwegs
wegs sauberes Kleidungsstück am Leib? bequeme Position und hielt sie dabei gut
Und wir brauchen was zum Schienen.« fest. Ken, der die Sache schnell hinter
sich bringen wollte, schritt zur Tat. In

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

seinem Inneren zerriss ihn fast selbst der


Schmerz, den er Claire nun zufügen
musste, aber ihm war die Notwendigkeit
dessen ganz klar. Vorsichtig griff er
nach dem verletzten Arm und dann ging Die Bewohner des Tales, die die Ver-
es ganz schnell. Mit einem Ruck streck- änderungen spüren konnten, waren ver-
te er den Arm und wie durch ein Wun- unsichert. Was ging hier vor? Ihr Dasein
der kam der kaputte Knochen in seine verlief bisher ohne irgendwelche Zwi-
richtige Position. Zumindest sah es so schenfälle. Das Leben hier war zeitlos,
aus. Tag und Nacht gab es nicht, nur den
Claire stieß – trotz des Beißstockes – ewig grünlichen Himmel, vor den sich
einen markerschütternden Schrei aus ab und zu graue Wolken schoben, die
und fiel dann in eine gnädige Ohnmacht. sich dann kraftvoll in das Tal ergossen.
Der Schrei sollte aber nicht umsonst Etwas anderes, als dicke, ölige, heiße
gewesen sein, denn dadurch fand nun Wassertropfen war hier noch nie vom
endlich auch Markus zu den dreien. Himmel gefallen.
Er hatte den Sturz durch Raum und Und nun lagen da vier Gestalten, die
Zeit seltsamerweise fast unbeschadet sonst nirgendwo anders hergekommen
überstanden. Er kam auf die kleine sein konnten.
Gruppe zu und holte schon Luft, um zu Wie war das möglich? Keiner kannte
einer Bemerkung anzusetzen, als ihm den Weg in dieses trostlose Tal, man
Dans völlig zerrissene Kleidung und war einfach da. Wie aus dem Nichts,
Claires Zustand gewahr wurde. und neue Talbewohner tauchten immer
Ken war gerade dabei, den Arm not- in der großen Höhle am anderen Ende
dürftig zu schienen und zu verbinden, des Tales auf. In eben jener Höhle, wo
als Markus erkannte, wie bleich er dabei sie ihr eintöniges Dasein fristeten. Und
aussah. Bleich ist vielleicht nicht der das Auftauchen und manchmal das Ver-
richtige Ausdruck. Hätte Markus mal schwinden von Talbewohnern war das
zum Himmel geschaut, dann sähe er dort einzige, worüber sie überhaupt noch
fast Kens derzeitige Gesichtsfarbe. nachdenken konnten. Ansonsten waren
Ken schaffte es gerade noch, Claires ihre Erinnerungen genauso leer wie der
Arm vorsichtig abzulegen, dann fing er ganze Ort hier.
an, sich die Seele aus dem Leib zu kot- Die einzige andere Abwechslung lag
zen. darin, sich manchmal durch das Tal zu
Nun war es an Markus und Dan, die bewegen, auf Füßen, Händen, rollend,
Versorgung des gebrochenen Arms zu kriechend, eben jeder so, wie er konnte.
beenden und danach waren alle vier Und es konnten bei weitem nicht alle.
soweit erledigt, dass sie sich an Ort und Eine Verständigung untereinander
Stelle hinlegten und in den Schlaf der war auch so gut wie unmöglich. Es gab
Gerechten fielen. ja nichts, worüber man reden konnte. Sie
lebten immer nur im Jetzt. Was einmal

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war, konnte keiner mehr in Worte fas- einer war ohne Hände und Füße, die
sen, denn die Erinnerungen blieben da, Stümpfe waren weiträumig vom Wund-
wo die Bewohner herkamen. brand zerfressen; bei einem sah es aus,
Und nun passierte etwas, und keiner als wäre das Gesicht weggehackt wor-
wusste, was zu tun war. Scheinbar den; dann wiederum fehlte einem ein
gleichgültig, doch tief im Inneren ein großes Stück Bauch, so dass man die
bisher vergessenes Angstgefühl aufkei- Wirbelsäule sehen konnte.
mend, bildeten die ca. zwei Dutzend Kens Gesicht nahm sofort wieder
Gestalten einen Kreis um die schlafen- Leichenblässe an, doch da war nichts
den Timetraveller. Sie standen oder mehr, was er sich noch aus dem Leib
hockten einfach nur da und schauten. würgen konnte. Dan erging es nicht viel
Das muss ausgereicht haben, um zu- besser. Einzig Markus schien die Be-
nächst Dan aus dem Schlaf zu locken. herrschung nicht zu verlieren. Claire
Er erwachte durch eben jenes Gefühl blieb vom Anblick der Untoten noch
des Angestarrtwerdens. Er erwachte und verschont, was im Moment wohl ein
wünschte sich sofort den Schlaf zurück. Segen für sie war.
Was er erblickte, konnte nur ein ganz Irgendetwas regte sich in den schau-
grässlicher Alptraum sein. Dan sah sich erlichen Gestalten. Es war schwer in
um, immer noch auf einen Traum hof- Worte zu fassen, doch es ging eine Ver-
fend, doch der Anblick blieb stets der änderung in ihnen vor. Ein Hauch von
gleiche. Erkennen, gemischt mit Wut? Es war
Zu schockiert, um irgendwie zu einfach nicht einzuordnen, dafür lagen
reagieren, starrte er einfach nur zurück. Begegnungen mit lebenden Individuen
Bis eines dieser, ja was eigentlich – zu lange zurück. Auch die Timetraveller
Ungeheuer, Zombies, Halbgerippe? -, bemerkten die Anspannung, die sie nicht
sich bewegte. Da war es mit dem ersten so recht einordnen konnten. Dann ergriff
Schock vorbei und Dan konnte nur noch Dan als erster das Wort.
schreien. »Wer seid ihr und wo sind wir hier?«
Ken und Markus schreckten hoch, Die Untoten schauten bewegungslos
sahen Kens fassungslosen Gesichtsaus- zurück, in das eine oder andere noch
druck und erfassten sofort die unheimli- vorhandene Gesicht trat trotzdem er-
che Situation. staunlicherweise ein fragender Aus-
Wo vorher außer ein paar Büschen druck.
und Steinen nichts war, befanden sich »Los, redet schon, irgendwer von
nun die schlimmsten Kreaturen, die sie euch wird ja wohl noch seine Zunge
bisher nur aus schlechten Horrorfilmen haben!«
kannten. Da waren halb verweste Ges- Markus war in seiner Wortwahl nicht
talten, denen zum Teil das Fleisch von ganz so vorsichtig, so als ob er genau
den Knochen weggefault war; einer wüsste, was hier vor sich ging und nur
hatte einen gespaltenen Schädel, durch noch eine Bestätigung brauchte. Oder er
den noch Gehirnmasse schimmerte; wollte mit seiner schroffen Art nur seine

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

Angst verbergen. »Genauso, wie ich es sage. Die Zeit-


In einer Gestalt, die noch halbwegs maschine hat wohl während des Zeit-
vollständig zu sein schien, sah man sprunges wieder ihre alte Form ange-
einmal davon ab, dass ein Auge fehlte nommen. Fragt mich aber nicht, warum.
und die Ohren verdächtig angefressen Ich weiß es nicht!«
aussahen, regte sich etwas. Sie straffte Den beiden anderen fiel dazu auch
sich ein wenig, was ein eklig knacken- nichts ein und in dem Moment meldete
des Geräusch verursachte, trat einen sich Claire stöhnend aus ihrer Ohnmacht
Schritt nach vorn und öffnete den Mund. zurück.
Sie wollte wohl etwas sagen, doch die Dan und Ken wandten sich ihr sofort
Stimmbänder, wenn es denn noch wel- zu und vergaßen für eine kleine Weile
che gab, versagten ihren Dienst. Da griff ihre verzweifelte Situation. Ihre Sorge
sie auf die Teile des Körpers zurück, die galt ganz allein Claire. Würde sie die
gerade funktionierten und zeigte mit Schmerzen in ihrem Arm aushalten?
dem Arm ans andere Ende des Tales. Sie hielt sie aus, besser als erwartet.
»Ich schätze mal, das soll eine Einla- Die Jungs hatten scheinbar ganze Arbeit
dung sein«, schloss Markus daraus. geleistet. Ein Verziehen der Mundwin-
»Du willst doch nicht etwa mit denen kel konnte sie sich beim Aufsetzen dann
mitgehen?« Dans Stimme klang entsetzt. aber doch nicht verkneifen, und beim
»Haben wir eine Wahl?«, fragte Mar- Aufstehen ließ sie sich helfen.
kus. »Wer weiß, was sich hinter den Die Talbewohner wandten sich ab
Büschen hier noch so alles verbirgt, und und gingen in die gezeigte Richtung
die da tun uns erst einmal nichts. Dazu davon.
hatten sie schon lange genug Gelegen- Nun war guter Rat teuer. Was tun?
heit.« Die Zeitmaschine brauchte eine Ge-
»Doch, wir haben eine andere Wahl. neralüberholung.
Programmier die Zeitmaschine und lass Hier im Tal wollten die Vier auf kei-
uns aus diesem Alptraum verschwin- nen Fall bleiben. Also folgten sie doch
den.« der »Einladung« des Einäugigen und
»Wenn das so einfach wäre, was setzten sich in Bewegung. Die Hoffnung
glaubst du wohl, was ich längst tun stirbt immer zuletzt, und wer wusste
würde. Nur gibt es da ein kleines Prob- schon, was sich am anderen Ende des
lem. Die Maschine sieht wieder genau Tales befand.
so aus, wie vor der Verschmelzung und Der Weg dorthin gestaltete sich sehr
der Timer reagiert nicht. Ich kann das mühsam, denn der Boden war auch hier
Scheißding nicht einstellen.« Markus übersät von Steinen und hervortretenden
wollte verzweifelt klingen, doch es ge- Felsen, dazwischen diese seltsamen
lang ihm nicht ganz. Die Freunde hörten Büsche, deren Zweige sich immer wie-
einen falschen Unterton heraus. der an die Hosenbeine klammerten.
»Wie meinst du das?«, fragte Ken. Wie lange sie unterwegs waren,
konnte keiner sagen. Wenn Zeit keine

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Bedeutung hat, oder wie hier gar nicht halbverweste Leichen, Skelette und
gemessen werden kann, ist das auch Teile von beidem hausten. Der Anblick
äußerst schwierig. war grausig, und die Augen der Vier
Den Abstand zu den Talbewohnern gewöhnten sich schnell an das neue
verringerten die Timetraveller während Licht. Zu schnell. Es blieb keine Zeit,
des Marsches nicht, dafür waren auch sich auf das Entsetzliche vorzubereiten.
sie viel zu verunsichert und auch ange- Und so standen sie sprachlos da und
ekelt. kämpften alle mit ihrer aufsteigenden
Doch irgendwann hatte der Weg ein Übelkeit.
Ende und sie gelangten an den Eingang Diesmal war es zuerst Claire, die sich
einer großen, düsteren Höhle, die, wie es fasste und das Wort an die Bewohner
aussah, natürlichen Ursprungs war. Die richtete.
meisten Bewohner waren schon in der »Ihr scheint alle noch einen Hauch
Dunkelheit verschwunden, nur der Ein- von Leben in euch zu haben. Kann
äugige wartete auf die vier Fremden. irgendjemand auch mit uns reden?«
Wieder regte sich so etwas wie ein Bei diesen Worten ging eine fast un-
Ansatz zum Sprechen in seinem Gesicht, merkliche Bewegung durch die Reihen.
doch auch dieser Versuch endete wie Der Einäugige starrte zu Claire und
vorhin in einer abgehackten Armbewe- versuchte wieder, zum Sprechen anzu-
gung. setzen. Es sah fast so aus, wie bei einem
Die vier Freunde schauten sich fra- Kleinkind, das gerade sprechen lernt und
gend an, keiner wollte den ersten Schritt versucht, die Mundbewegungen der
ins Dunkel tun. Aber es nutzte ja nichts, Mutter nachzuahmen. Und das Wunder
also machte Dan beherzt den Anfang, geschah, es löste sich ein Ton aus der
ging hinein und verschwand. Nun hielt Kehle des Einäugigen, den Claire insge-
die anderen Drei nichts mehr, sie stürz- heim Charon nannte, da er sie in diese
ten hinterher und waren schier überwäl- Totenhöhle geleitet hatte.
tigt von dem sich bietenden Anblick. Der Ton allerdings war so abscheu-
Es war nicht so dunkel, wie sie erst lich, dass eine Gänsehaut sie überlief
glaubten, dafür größer, als sie dachten. und verstehen konnte sie nichts daraus.
Und was sie sahen, ließ ihnen das Wie sollten sie hier jemanden finden,
Blut in den Adern gefrieren. der ihnen helfen konnte?
Die Höhle leuchtete ebenfalls in die- Markus hatte sich unterdessen von
sem grünlichen Licht, nur viel dunkler der Gruppe entfernt und trat ein paar
als draußen. Es reichte aber aus, um sich Schritte weiter ins Innere der Höhle.
orientieren zu können. Und dass man Dabei schaute er in die Runde, als suche
keine Einzelheiten wahrnahm, war nur er etwas, oder jemanden?
gut. Denn die Bewohner, die sich ins Tal Er ging immer weiter, blieb dann
begeben hatten, waren anatomisch gese- plötzlich stehen und besah sich die Reste
hen noch als Menschen zu erkennen. eines Menschen, der am Boden kauerte.
Wohingegen hier drinnen kaum mehr als Markus` Blick wurde für einen Moment

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

starr, dann drehte er sich schnell um und passiert hin und wieder, doch niemand
kam zurück. Dan fiel das merkwürdige weiß, wann es passiert und was danach
Verhalten auf, doch er sagte zunächst kommt. Und trotzdem ist das unsere
nichts. einzige Hoffnung. Denn sonst gibt es
Claire bemühte sich, vom ersten hier nichts.«
Schrecken erholt, erneut um eine Ver- Nun kam auch in einige andere Höh-
ständigung mit dem Einäugigen. Und len- (oder besser Höllen-) Bewohner ein
nach einigen Versuchen geschah das kleiner Lebensfunke zurück. Die es
Wunder und sie verstand ein paar Bro- konnten, bewegten sich langsam auf die
cken von dem, was Charon zu sagen vier Freunde zu und einige fingen sogar
versuchte. an, sie zu berühren. Das war zwar sehr
»Warum...Hölle...weg...«, waren so unangenehm, doch Ken erinnerte sich
die ersten Worte, die zu verstehen wa- daran, dass sie hier die Eindringlinge
ren. Doch einen Reim konnte sich dar- waren, und so ließen sie die erste »In-
auf noch keiner machen. spektion« unter Schaudern über sich
Claire ermunterte Charon, es weiter ergehen. Nur als einer Claires gebroche-
zu versuchen. Und der brachte tatsäch- nen Arm näher in Augenschein nahm,
lich folgenden Satz heraus: »Warum stieß sie einen leisen Schmerzensschrei
kommt ihr in die Hölle, aus der es kei- aus und zog sich zurück.
nen Weg zurück gibt?« Dan kam allmählich zu der Überzeu-
»Es gab einen Weg hier her, also gung, dass sie an diesem Ort keine Hilfe
muss es auch einen zurück geben.« zu erwarten hatten und fragte: »Wie soll
Damit wollte sie sich wohl in erster es denn nun weitergehen?«
Linie selbst Mut zusprechen. Darauf hatte niemand eine Antwort,
»Wer seid ihr und wo sind wir hier?«, doch nach einem Augenblick schien
fragte sie. Dabei versuchte sie das Zit- Charon die Frage verstanden zu haben.
tern ihrer Stimme zu unterdrücken, was Sein Hirn brauchte eben noch ein biss-
ihr aber nicht ganz gelang. chen Übung, um wieder zu funktionie-
Charon versuchte es wieder mit einer ren. Und deshalb stellte er nun die erste
Antwort, und je mehr er sprach, desto Gegenfrage.
besser war er zu verstehen. »Wo kommt ihr her? Draußen ist
»Wer wir sind, wissen wir nicht. Und noch nie jemand angekommen.«
das hier ist unsere Hölle. Eine Hölle Da war guter Rat teuer. Was sollten
ohne Satan und Fegefeuer zwar, aber sie antworten, um glaubwürdig zu klin-
doch die Hölle.« gen?
Dem konnte keiner der Timetraveller Aber da war Markus` Mund mal wie-
widersprechen. der schneller als der der anderen, und er
»Und was macht ihr hier?«, wollte platzte einfach mit der Wahrheit heraus.
Ken wissen. »Wir sind Zeitreisende auf der Suche
»Warten. Warten, dass man gerufen nach unserer Welt. Leider funktioniert
wird und sich ins Nichts auflöst. Das d...« Ein böser Blick von Dan und Claire

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sowie ein leichter Schubs von Ken zeig- »Wie ist das möglich?«, fragte Ken
ten ihm, dass er ja den Mund halten soll, und sah dabei in genau so ratlose Ge-
und er vollendete den Satz stotternd: sichter, wie seines auch aussah.
»...na ja, die äh, die Suche ist etwas »Nun, vielleicht hat uns Evans mit
schwierig.« der Verschmelzung ja nur was vorge-
Jetzt schon von der Zeitmaschine zu macht. Vielleicht war das Ganze nur
reden, konnte ungeahnte Folgen haben. eine Illusion. Eine gute, aber eben nur
Charon hatte die Situation bemerkt eine für den Moment gemachte Illusi-
und so erwachte nun auch sein Miss- on.«
trauen, welches wohl jahrelang im »Das klingt genauso unglaubwürdig
Dämmerschlaf gelegen hatte, genau wie wie die Sache mit der Magie, Markus«,
seine Sprache. sagte Dan darauf.
»So, Zeitreisende. Da bin ich aber »Was wissen wir denn schon von Pa-
mal gespannt, wie ihr das bewerkstel- rallelwelten und Zeitreisen? Nichts!«
ligt«, sagte er. »Ist doch jetzt auch egal«, sagte Clai-
Ken fiel sofort auf, dass Charon sich re, »die Hauptsache ist, dass wir die
auf einmal ganz anders ausdrückte. Maschine noch haben und hoffentlich
Hatte er ihnen bis eben etwas vorgegau- auch wieder in Gang bekommen.« Bei
kelt? diesen Worten blickte sie hoffnungsvoll
»Nun«, sagte Ken, »da, wo wir her- zu Markus, doch der war schon wieder
kommen, ist die Wissenschaft weit fort- mit dem Zylinder beschäftigt.
geschritten und so wurden Zeitreisen Den vieren wurde jedenfalls schnell
eben möglich.« klar, dass sie damit vorerst nirgendwo
Mit dieser Antwort konnte Charon hinreisen würden.
nichts anfangen, und so sagte er nichts. Da rückte ein ganz anderes Problem
Doch nun war das Misstrauen gesät, in den Vordergrund. Im Gegensatz zu
und deshalb wies Charon die vier den Untoten, ja dieser Begriff schien es
Freunde an, sich einen Platz zu suchen am ehesten zu treffen, brauchten sie
und dort vorerst zu verharren. Das kam Wasser und Nahrung. Laut Charon gab
den Timetravellern sehr gelegen, denn es hier aber nichts. Was tun?
sie hatten genug zu bereden, was nicht Die spärliche Vegetation da draußen
für fremde Ohren bestimmt war. Sie weckte nicht unbedingt den Appetit, und
zogen sich auf eine freie Fläche zurück, Wasser hatte auch noch keiner irgendwo
setzten sich eng beieinander und warfen bemerkt. Doch wo Pflanzen wuchsen,
als erstes einen Blick auf die Zeitma- musste es welches geben. In einer so
schine. Der Glaszylinder war unbeschä- großen Höhle war es doch möglich, dass
digt, doch im Inneren tat sich gar nichts. es eine unterirdische Quelle oder einen
Und wie Markus es gesagt hatte, die Wasserlauf gab. Plötzlich stand Claire
Maschine sah wieder aus, wie am Be- auf. Sie sah Charon an und ging zu ihm,
ginn ihres Abenteuers. um ihn danach zu fragen, jedoch war
seine Antwort sehr entmutigend. »Hier

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

gibt es nichts!« und so setzten sich die Timetraveller


Damit wollte Claire sich nicht zufrie- wieder hin.
den geben, vielleicht verstand Charon Charons Verhalten war schon sehr
gar nicht, was sie meinte. Sie fing an, ihr merkwürdig. Hatte er etwas zu verber-
Problem mit Gesten verständlich zu gen?
machen, was durch ihren gebrochenen
Arm ein wenig erschwert wurde. Erfolg
hatte sie keinen. Vielleicht war die Erin-
nerung an Essen und Trinken hier kom-
plett verloren gegangen.
Die Studentin wandte sich ab und »Lasst uns noch mal nachsehen, ob
ging zu den anderen zurück. wir die Zeitmaschine nicht doch in Gang
»So ein Mist, auf das Wort Zeitreise bekommen. Und dann nichts wie weg
reagiert der Typ, aber unter Wasser kann hier.« Dan schaute Markus fragend
er sich scheinbar gar nichts vorstellen. dabei an, doch der machte keine Anstal-
In ein paar Tagen können wir uns wirk- ten, die Maschine hervor zu holen.
lich zu denen hier zählen. Ist schon »Na, was ist? Von allein wird sich
pervers der Gedanke, unter Untoten das Ding ja wohl nicht programmieren,
sterben zu sollen.« oder?«, hakte Dan nach.
Claire hatte gerade einen totalen Markus setzte eine verschwörerische
Tiefpunkt erreicht, was die Jungs deut- Miene auf, machte den drei anderen ein
lich spürten. Zeichen, näher zusammen zu rücken und
»Ach, komm schon, so schnell geben flüsterte: »Irgendetwas stimmt hier
wir nicht auf. Nicht nach dem, was wir nicht. Der einäugige Typ verhält sich so
schon zusammen erlebt haben.« Ken seltsam, dass man einfach misstrauisch
wollte Claire ein wenig trösten, doch so werden muss. Und ich werde das blöde
recht gelang es nicht, denn in ihm sah es Gefühl nicht los, dass ich den Kerl ir-
nicht viel anders aus. gendwo schon mal gesehen habe.«
»Wenn wir hier nur rumsitzen, wird »Was soll der Blödsinn denn?«, warf
sich nichts ändern. Also los, lasst uns Claire ein, »Wo willst du so einen denn
mal einen Erkundungsgang starten. schon gesehen haben? Das hätten wir
Vielleicht gibt es außer Nichts doch sofort gemerkt. Oder siehst du öfter
noch was anderes.« Bei diesen Worten Einäugige mit ausgefransten Ohren?«
stand Markus schon auf, und die ande- »Denk dir diese Auffälligkeiten ein-
ren folgten ihm. Doch sie kamen nicht fach mal weg und stell dir vor, was
weit, als Charon sie sogleich anblaffte. übrig bleibt.«
»Ihr bleibt da, wo ihr seid! Da hinten ist »Also, ich weiß nicht, worauf du hin-
nichts.« aus willst, Markus, aber das halte ich
Die Freunde versuchten ihm zu erklä- doch für unmöglich. Und dann vergiss
ren, was sie suchten. Doch der Untote nicht, dass wir uns den Kerl warm halten
war im Moment nicht umzustimmen, müssen. Er scheint hier der einzige zu

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sein, mit dem wir reden können. Und Mangels einer besseren Idee waren
wir müssen erst mal rauskriegen, was die Freunde damit einverstanden. Sie
hier eigentlich gespielt wird.« Bei diesen setzten sich wieder etwas lockerer hin,
Worten Claires nickten Ken und Dan warteten einen Augenblick und dann
stumm. unternahm Claire einen Versuch, sich
»Und wie willst du das anstellen?« Charon anzunähern.
»Ganz einfach, ich werde ihn fragen. Diesmal schien es gut zu gehen,
Aber nicht sofort, soll er sich erst mal zumindest wurde sie nicht gleich wieder
beruhigen. Und wenn seine Laune bes- angeblafft. Sie ging langsam auf ihn zu
ser ist, dann wird er schon mit mir re- und sprach ihn an. »Kannst du mir sa-
den. So, und wenn wir hier schon so eng gen, wo wir hier sind? Es würde einfa-
beieinander sitzen, kannst du ruhig mal cher für uns sein, um unsere Lage zu
einen Blick auf die Zeitmaschine wer- wissen. Wir wollen doch einfach nur
fen.« wieder nach Hause.«
Markus war von Claires resoluter Art »Ich soll euch den Quatsch mit der
so überrumpelt, dass er den Zylinder Zeitreise also abkaufen?«
nun doch hervorkramte. Alle vier schau- »Na ja, das wäre ein guter Anfang,
ten ratlos auf das Display. Markus um uns wieder los zu werden. Wir wis-
drückte die V1-Taste, und es ge- sen nicht, wo und wann wir sind, und
schah...nichts! Genau, wie er es gesagt dass wir hier nicht hergehören, ist doch
hatte. Er probierte auch alle anderen wohl offensichtlich.«
Tasten, doch das Ergebnis war stets das »Ach ja, und woraus schließt du das?
Gleiche. Nichts! Wie auch Charon schon Sind wir euch nicht fein genug?«
sagte. Hier gab es nichts, und wie es »Nein, nein, das wollte ich damit
aussah, war sogar der Begriff Zeit hier nicht sagen. Doch ihr seid so...anders.«
nur ein leeres Wort. Claire merkte, dass sie sich auf einen
Ohne Hilfe kamen sie offensichtlich schmalen Grat begeben hatte und wollte
niemals von hier weg. Charon keinesfalls wieder verärgern.
Resignation wollte sich wieder breit Doch der kam ihr ungewollt zu Hilfe,
machen, da war es überraschenderweise indem er nun herausplatzte: »Ich tu jetzt
Ken, der den anderen Mut zusprach. einfach mal so, als würde ich dir glau-
»Kommt schon, so schnell geben wir ben. Was erwartest du nun davon?«
uns nicht geschlagen. Ich finde, Claire Claire war erleichtert und ein wenig
hat recht damit, dass wir den Einäugigen überrumpelt, und wusste nun nicht so
zu Rate ziehen. Lasst uns das probieren. recht, wie sie am klügsten fragen sollte.
Und du, Markus, bleib einfach dran und Aber die dringendste Frage war die nach
versuche es weiter mit der Zeitmaschine. dem wo und wann, also versuchte sie
Vielleicht fällt dir ja noch des Rätsels das erneut.
Lösung ein. Bist doch nicht umsonst ein »Darf ich dich nun noch mal fragen,
Physikgenie, oder?« wo wir hier sind?«
»Klar, jederzeit. Nur ob du die Ant-

15
TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

wort hören willst, glaube ich kaum.« Nach einer kurzen Pause antwortete
»Aber ich muss es wissen!« Charon.
»Wozu? Es gibt ja doch keinen Weg »Also gut. Aber nur du und ich wer-
zurück. Wer einmal hier ist, bleibt es den gehen. Die drei da bleiben hier und
auch, es sei denn...« rühren sich nicht von der Stelle. Ansons-
»Was?« ten werde ich euch zeigen, was diese
»Nun, da ihr sowieso hier bleiben Hölle hier noch zu bieten hat.«
müsst, kann ich es auch sagen. Also, Der Studentin war nicht wohl bei
manchmal kommt es vor, dass sich einer dem Gedanken, allein mit Charon diesen
von denen hier einfach auflöst. Wie eine Erkundungsgang anzutreten, zumal sie
Seifenblase. Pfft, und weg ist er. Frag sich mit ihrem gebrochenen Arm nicht
mich nicht wieso, es ist einfach so. einmal verteidigen konnte. Doch dieses
Zack, weg. Aber wo die hingehen, das Zugeständnis des Einäugigen war viel-
weiß keiner. Und ich möchte es, ehrlich leicht das einzige, was sie bekommen
gesagt, auch nicht so genau wissen. Das würden. Also willigte sie ein und ging
hier ist schon die Hölle, was soll danach zu den dreien hinüber. Charon folgte ihr.
noch kommen? Jedenfalls ist das der Claire erklärte schnell den Stand der
einzige Weg, der von hier raus führt.« Dinge und wie erwartet, wollten die
Claire war erstaunt, wie freigiebig Jungs protestieren. Als sie jedoch in
Charon jetzt Auskunft gab. Vielleicht Claires Gesicht schauten und den ent-
lag es daran, dass er seine Sprache über- schlossenen Ausdruck darin sahen, wil-
haupt wieder gefunden hatte. Deshalb ligten sie ein. Sie wussten, dass Claire
nutzte sie die Gelegenheit und fragte wohl mehr erreicht hatte, als sie zu hof-
weiter. fen gewagt hatten.
»Wenn wir schon hier bleiben müs- Die junge Frau drehte sich um und
sen, dann brauchen wir Wasser und fragte: »Worauf warten wir noch?«
Nahrung. Wo bekommen wir das her?« Charons Gesicht verzog sich zu einer
»Ich sagte doch schon, dass es hier Grimasse, die wohl ein Grinsen darstel-
nichts gibt!« len sollte und meinte dann: »Du glaubst
Damit wollte sich Claire nicht zufrie- doch nicht etwa, dass ich denen da ver-
den geben und sie bohrte weiter. traue?« Er sah auf die drei Studenten,
»Da draußen wachsen Pflanzen. Die drehte sich dann um und kommandierte
brauchen auch Wasser, sonst wären sie ein paar der untoten Gestalten, die vor-
schon tot. Also muss es irgendwo Was- hin mit im Tal unterwegs waren, herbei.
ser geben.« Charon schaute auf einmal Mit Gesten zeigte er ihnen, wo sie sich
fragend, irgendetwas hatte ihn stutzig hin platzieren sollten und sofort waren
gemacht. Er schien nachzudenken, ohne Markus, Ken und Dan von ihnen einge-
zu einem Schluss zu kommen. kreist.
Claire fragte also noch einmal: »Lässt Worte bedurfte es nicht, die Zombies,
du uns nach Wasser suchen?« oder was immer sie waren, wussten
genau, was sie zu tun hatten.

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Die drei jungen Männer waren der »Wie kommt es, dass du auf einmal
Verzweiflung nahe, doch wenn sie hier so ausführlich reden kannst? Als wir uns
überleben wollten, mussten sie sich fürs trafen, hast du noch kein Wort hervor-
Erste fügen. bringen können, hast dann nur gestam-
Daraufhin zogen Claire und ihr Be- melt und nun kannst du richtig Auskunft
wacher los. Sie hatte gedacht, dass sie geben?«
weiter in das Innere der Höhle vordrin- »Genau weiß ich es auch nicht. Ich
gen würden, doch Charon schlug den bin noch nicht lange hier, glaube ich.
Weg nach draußen ein. Irritiert fragte Warum ich hier bin, weiß ich nicht.
sie: »Da draußen haben wir auf dem Doch seit ihr hier seid, kehren immer
Weg hierher keinen Wassertropfen ge- mehr Erinnerungen zurück. So wie auch
sehen. Sollten wir nicht besser hier drin- die Sprache. Einigen anderen scheint es
nen suchen?« auch so zu gehen. Und das Schlimme
»Du kapierst es nicht, oder? Hier drin ist, nun kehrt auch der Schmerz zurück
gibt es nichts!« und die Sehnsucht nach etwas anderem
»Aber hier drin lebt ihr. Und der als dem hier. Ja, und dass es einigen da
Stein hier, der ist doch auch da...« drin ähnlich geht wie mir, konntest du ja
Bei den letzten Worten waren sie vorhin sehen. Bisher wurde ich von den
schon draußen angelangt und Claire war anderen nur nachgeahmt, doch nun
froh, dem Halbdunkel und den Zombies scheinen mich einige zu verstehen. Du
– ja, sie nannte sie jetzt einfach so – hast ja gesehen, wie schnell deine
entronnen zu sein. Freunde eben umzingelt waren.« Bei
»Du musst dich von deiner Version den letzten Worten veränderte sich wie-
des Begriffes ,nichts` mal loslösen. Die der etwas an Charon, sein Gesichtsaus-
Höhle und wir da drin, wir sind einfach druck wurde finsterer und nahm auch
da. Da wir nicht wissen, wo wir her- gemeine Züge an. Seine nächsten Worte
kommen und warum wir hier sind, neh- klangen fast schon hämisch.
men wir das als gegeben hin. Aber außer »Du stellst keine Gefahr dar. Mit dem
uns und dem Stein wirst du da drinnen Arm da siehst du aus, als würdest du
nichts weiter finden. Die einzige Ab- hierher gehören. Und der Rest«, er
wechslung ist, dass sich eben ab und zu schaute sie abschätzend an ihr hinab,
mal einer auflöst. Solche Dinge wie »ist auch nicht viel besser.«
Hoffnung, Freude, Zukunft, Vergangen- Claire schnappte nach Luft, wollte zu
heit und Zeit gibt es hier nicht. Deshalb einer passenden Antwort ansetzen, doch
nehme ich an, dass man sich auch in ein Blick an sich hinab genügte, um den
Nichts auflöst. Eine bessere Erklärung Mund zu halten.
habe ich noch nicht gefunden. Und zum So gingen sie eine Weile schweigend
Reden war bisher noch keiner da.« weiter und suchten nach Hinweisen auf
Claire sah ihr Gegenüber nachdenk- das kostbare Nass. Doch außer dem
lich an und in ihr kam eine ganz andere steinigen Boden und den kleinen Sträu-
Frage auf. chern war nichts zu sehen.

17
TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

Ein ganzes Stück weiter allerdings »Was willst du denn wissen?«


sah es so aus, als ob die Vegetation »Egal, rede einfach!«
etwas üppiger und grüner aussah. Claire »Nun, wir sind Studenten an der Avi-
lenkte ihre Schritte in diese Richtung. la Universität in Kansas City. Zumindest
Charon folgte kommentarlos. waren wir das noch bis vor einiger Zeit.
So entfernten sie sich immer weiter Die Universität...«
vom Höhleneingang und als sie außer »Werd einfach konkret und sag mir,
Sichtweite waren, packte der Zombie die wie ihr das mit der Zeitreise gemacht
junge Frau auf einmal an der Schulter haben wollt!«
und zerrte sie zu sich heran. »Na ja, wir fanden durch Zufall eine
»So, meine Liebe. Und jetzt reden Zeitmaschine und ohne zu überlegen,
wir mal Klartext. Die Sache mit der reisten wir los.« Das klang nun alles
Zeitreise, die stinkt doch. So etwas ist andere als glaubhaft.
nicht möglich. Also, wie kommt ihr »Durch Zufall, ja? Und dann funktio-
hierher und was wollt ihr hier?« niert das auch gleich auf Anhieb? Willst
Claire hatte Tränen in den Augen, da du mich verarschen?« Dabei trat er ge-
der Ruck auch ihren Arm erwischt hatte. fährlich nahe an Claire heran, ohne
Sie war völlig überrumpelt von Charons dabei den Griff an ihrer Schulter zu
plötzlichem Ausbruch und wusste in lockern. Sie befürchtete schon das
dem Moment, dass er vorhin Recht Schlimmste, doch der Einäugige starrte
hatte. Sie stellte wirklich keine Gefahr sie nur durchdringend an und zischte
dar. Der Griff an ihrer Schulter war am leise: »Ich warne dich. Unterschätz mich
ehesten mit einer Schraubzwinge zu nicht. Das haben andere vor euch auch
vergleichen, der Kerl hatte eine unglaub- schon versucht. Und jetzt raus mit der
liche Kraft nur allein in einer Hand. Sprache, wie habt ihr hierher gefun-
»Da wo wir herkommen, sind Zeitrei- den?«
sen wohl möglich. Sie sind zwar äußerst Claires Herz klopfte zum Zersprin-
selten...« Charons Griff verstärkte sich gen, sie hatte wieder Tränen in den Au-
noch mehr und sein Blick wurde noch gen und eine furchtbare Angst.
drohender, also stammelte sie weiter. »Was willst du denn hören? Ich kann
»...nun, wir sind die ersten, die es doch nur sagen, was wirklich passiert
bisher versucht haben, das musst du mir ist.«
glauben.« Charon holte zu einem Schlag aus.
Die Studentin war zu verzweifelt, um
sich eine glaubhafte Lüge auszudenken.
In Charons Gesicht arbeitete es wieder,
als ob weitere Erinnerungen durchbra-
chen.
»Erzähl mir von da, wo ihr her- Den drei jungen Männern ging es et-
kommt!« Das war eher ein Befehl als was besser. Sie wurden zumindest nicht
eine Frage. von ihren Bewachern behelligt und

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konnten ungestört die Zeitmaschine dabei aufstehen. Die anderen beiden


inspizieren. Doch viel weiter als vorher ebenso. Doch weit kamen sie nicht.
kamen sie auch diesmal nicht. Markus
konnte noch so oft die Powertaste betä-
tigen, es passierte gar nichts. Da hatte
Ken eine Idee. »Solange der Anführer
mit Claire unterwegs ist, könnten wir
doch versuchen, mit denen hier Kontakt Der Schlag traf sie mit voller Wucht
aufzunehmen. Vielleicht ist einer dabei, ins Gesicht, ihre Wange brannte wie
der sich mit Technik auskennt. Der Feuer. Da regte sich Widerstand in Clai-
Einäugige hat seine Sprache wiederge- re. Trotzig reckte sie ihr Kinn und sah
funden, vielleicht klappt das auch bei ihrem Gegenüber ins Auge.
dem einen oder anderen?« »Du kannst mich schlagen, soviel du
»Ja, das wäre ein Anfang. Vielleicht willst. Doch etwas anderes als die
hast du Recht.« Wahrheit kannst du nicht aus mir her-
Also wandten sich die drei ihren Be- ausprügeln.«
wachern zu und Ken fing an, auf sie Charon hob wieder die Hand, ließ sie
einzureden. aber ohne zuzuschlagen sinken. Sein
»Euer Anführer konnte mit uns reden. Auge funkelte wütend, doch er sagte
Kann von euch einer verstehen, was ich nichts.
sage?« Währenddessen waren die beiden
Keine Reaktion. immer weitergegangen, und der Schein
»Reden fällt euch sicher noch schwer, von vorhin hatte nicht getrügt. Die
aber wer mich versteht, kann doch ein- Sträucher waren hier größer und auch
fach eine Hand heben oder mit dem üppiger und dazwischen wuchs etwas,
Kopf nicken.« das wie Gras aussah. Nur dass die Hal-
Keine Reaktion. me viel dicker waren. Und so etwas
»So kommen wir nicht weiter. Bleibt konnte nicht von allein wachsen, auch
doch nur der Kerl, der da draußen mit nicht in dieser trostlosen Einöde, dafür
Claire unterwegs ist. Aber die Warterei war Wasser erforderlich.
macht mich wahnsinnig«, sagte Ken nun Claires Schritte wurden immer
zu Markus und Dan. schneller, und tatsächlich, da war ein
»Wer sagt denn, dass wir warten Stückchen weiter ein Bachlauf zu sehen.
müssen? Wenn die uns nicht verstehen, Wie aus dem Nichts floss da auf einmal
dann wissen die vielleicht auch gar ein kleines Rinnsal. Sie trat an den klei-
nicht, warum sie hier sitzen sollen. Oder nen Bach heran, beugte sich hinab und
hast du vorhin ein Wort darüber ge- wollte schon unüberlegt trinken, als eine
hört?« Markus Worte klangen ganz innere Stimme sie davor warnte. Wer
logisch, also antwortete Dan: »Also weiß, ob das Wasser hier genießbar
kommt, wir gehen da raus und stellen war? Deshalb benetzte sie zunächst die
den Kerl zur Rede.« Sprach`s und wollte Hand des gesunden Armes mit dem

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

kühlen Nass und roch daran. Da war sie mit einem Gesichtsausdruck von
nichts Auffälliges, im Gegenteil, es war völligem Unverständnis. Die Kreaturen
gar kein Geruch wahrzunehmen. um sie herum wussten also doch ganz
»Was ist, bist du nur zum Riechen genau, was sie zu tun hatten.
hergekommen?« »Nun, dann müssen wir zu anderen
»Ohne meine Freunde werde ich hier Mitteln greifen, » sagte Ken und streckte
nichts anrühren. Wer weiß, was für ein schon seine Glieder. »Ich werde euch
Zeug das hier ist.« einen Weg freikämpfen, und ihr müsst
»Oh, jetzt wird sie auch noch edelmü- dann einfach nur schnell sein.« Markus
tig. Glaubst du denn, dass deine soge- und Dan wussten, dass Ken sehr gut
nannten Freunde zurzeit einen Gedanken Kung Fu beherrschte und mangels einer
an dich verschwenden? Vielleicht haben besseren Idee willigten sie schnell ein.
die sich längst aus dem Staub gemacht »Also los, wer weiß, wie es Claire da
und sind froh, dass sie sich nicht mit draußen ergeht. Auf drei geht`s los, und
einem Krüppel wie dir belasten müs- dann nichts wie raus hier.«
sen.« An diese Worte hängte er ein krat- Ken zählte leise und bei drei wirbelte
zendes Geräusch, was wohl ein gehässi- er hoch und ließ seiner Kampfkunst
ges Lachen sein sollte. freien Lauf. Die Untoten konnten gar
»Nun, soll das heißen, dass du nun nicht so schnell reagieren, waren völlig
doch an die Zeitmaschine glaubst? Und überrumpelt und das nutzten Markus
was ist mit deinen Bewachern?« und Dan aus und sprinteten los. Ken
Charon winkte nur ab. Aber in Claire folgte langsamer, da er sich immer mehr
machten sich leise Zweifel breit. Was, Untoten gegenüber sah. Doch er kämpf-
wenn Charon Recht hatte? Keiner der te sich ebenfalls auf den Ausgang zu
jungen Männer hatte vorhin ernsthaft und kurz darauf fanden sich die jungen
vor, sie auf diesem Weg zu begleiten. Männer im Freien wieder. Ohne zu
überlegen, rannten sie einfach los. In
genau die Richtung, aus der sie vorher
gekommen waren.
In der Höhle brach unterdessen das
Chaos los. Die Untoten stürmten, soweit
Die drei Studenten sahen sich plötz- es ihnen möglich war, in Richtung Aus-
lich umringt von rund einem Dutzend gang hinterher, doch keiner wagte den
Untoter, die einen dichten Kreis um sie Schritt hinaus. Dafür hatten sie keinen
gebildet hatten. Markus wollte einen zur Befehl. So blieben sie stehen und sahen
Seite schieben und fand sich kurz darauf noch, wohin die Eindringlinge rannten,
am Boden wieder. Er bekam den Stoss doch sie blieben im Moment unerreich-
gar nicht so genau mit, war nur sehr bar für sie. Es folgte eine Unruhe unter
überrascht von der Kraft, die dahinter den Zombies, wie es sie vorher nie ge-
steckte. Die beiden anderen fanden sich geben hatte. Die einen blieben am Aus-
ebenso schnell am Boden wieder, auch gang stehen, andere nahmen ihre Plätze

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wieder ein, die eingeteilten Bewacher Die goldene Flüssigkeit rann mir die
liefen auf und ab. Und alle verbreiteten Kehle hinab, ein wohliges Gefühl breite-
eine gewisse Unruhe. Wenn sie noch te sich in meinem Inneren aus. Doch das
Gefühle entwickeln konnten, dann war war nur ein kurzer Moment des Selbst-
dieses jetzt am ehesten mit Angst zu betruges, denn eigentlich versuchte ich
beschreiben. mit dem Whiskey nur, mein Gewissen tot
Letztendlich zogen sich doch alle zu saufen. Denn mein Gewissen war
wieder in das Innere der Höhle zurück, zurzeit mein größter Feind.
nur ein bisschen weiter, als üblich. »Wo bin ich da nur hinein geraten?«,
fragte ich mich wieder und wieder. Da-
bei lag die Antwort doch auf der Hand.
Zu Zeiten meiner größten Geldsorgen
bekam ich ein Angebot, das ich nicht
ausschlagen konnte.
Claire konnte der Versuchung nun Meine Frau hatte mich gerade ver-
doch nicht widerstehen und trank einen lassen und alle Konten geplündert. Dazu
kleinen Schluck von dem Wasser. Es hinterließ sie mir die Abzahlung des
rann kühl ihre Kehle hinunter, der erste kleinen Hauses, welches wir uns vor
Schluck war köstlich, doch dann verzog wenigen Jahren gekauft hatten. Mit dem
sie das Gesicht. Der faulige Nachge- Geld, was ich im Drugstore als Verkäu-
schmack war widerlich. Und dennoch, fer verdiente, konnte ich die Schulden
nach diesem ersten Schluck merkte sie natürlich nicht bezahlen und es kam, wie
erst, wie durstig sie war. Und sie trank es kommen musste. Das Haus war bald
weiter. weg, der Job ebenfalls, denn mit der Zeit
Der Zombie schaute sich das ungläu- stieg mein Alkoholkonsum immens.
big an und eine Erinnerung wurde wach. Nachdem auch meine Freunde sich
Eine Erinnerung an sein früheres, richti- einer nach dem anderen von mir ab-
ges Leben. wandten, tauchte eines Abends der Kerl
mit diesem verlockenden Angebot an der
Imbissbude auf, wo ich gerade mit ande-
ren Pennern mein tägliches „Biertref-
fen“ hatte.
Und dabei klang das Angebot doch so
Kansas City, 1993 seriös. Ich sollte lediglich für einen
Privatdetektiv, der selber unerkannt
»Hey, Rosie, bring mir noch `nen bleiben musste, eine bestimmte Person
Whiskey.« beschatten und darüber täglich Meldung
»Ja, aber das ist der letzte für heute, machen. Zu dem Honorar von 200 Dol-
Schätzchen. Ist gleich 4 Uhr, Schluss für lar täglich bekam ich ein Handy und
heute.« einen unauffälligen Kleinwagen.
»Und denken Sie dran, wir erwarten

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

täglich um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr So ging das ungefähr 4 Monate. Bis
einen ausführlichen Bericht von Ihnen. eines Abends so ein pockennarbiger
Sonst...na, darüber brauchen wir uns Kerl in der Bar auftauchte und mich
doch wohl keine Sorgen zu machen, anquatschte.
was? Alle weiteren Informationen finden »Hey, Partner, wie laufen die Ge-
sie im Auto unter dem Beifahrersitz.« schäfte?«
Der Fremde warf mir die Autoschlüssel »Was heißt hier Partner, ich arbeite
zu und verschwand. allein. Sieh zu, dass du Land gewinnst!«
Warum gerade ich auserwählt wurde, »Nun mal sachte. Was glaubst du
darüber machte ich mir keine Gedanken. denn, wen du hier vor dir hast? Oder
Wichtig war nur das Geld. Geld, um legst du keinen so großen Wert mehr auf
sich wieder mal so einen richtig guten deine mittäglichen Zahlungen?« Erst da
Whiskey leisten zu können, in Rosies ging mir ein Licht auf.
Bar. »Bist du etwa der Detektiv, für den
»Also gut, dann fange ich eben ein ich ermittle?«
neues Leben an und arbeite ab jetzt als »Seh ich etwa so aus? Nein, ich ar-
Detektiv«, dachte ich bei mir und ging beite wie du für den Boss. Nur mit einem
zu dem Auto hinüber. »Mal sehen, wen Unterschied. Ich kenne ihn. Bin so etwas
ich da beschatten soll.« wie seine rechte Hand. Und da die linke
Ich fand unter dem Beifahrersitz eine Hand, nun ja, wie soll ich sagen, ver-
schwarze Mappe mit den Informationen, hindert ist, brauchen wir eine neue. Tja,
die ich brauchte. Personenbeschrei- Partner, und da auf dich echt Verlass
bung, Foto, Aufenthaltsorte. Was mir ist, werde ich dich nun in mein Team
verschwiegen wurde, war der Name des von Ermittlern aufnehmen, und wir
Mannes, dessen Leben ich nun beobach- werden in Zukunft gemeinsam arbeiten.
ten sollte. Egal, anhand des Fotos und Was sagst du dazu?«
dem Hinweis auf die hiesige Universität »Was springt für mich dabei raus?«
war es relativ einfach, den Mann zu Der Pockennarbige lachte.
finden. »Darüber reden wir später. Nur so-
Und so lieferte ich jeden Tag meine viel, die 200 Dollar pro Tag werden dir
telefonischen Berichte über das ziemlich wie ein Almosen vorkommen.«
eintönige Leben eines – ich vermutete es Ja, und ab diesem Tag hatte ich mich
sofort – Universitätsprofessors. Und zum Sklaven des Pockennarbigen ge-
täglich bekam ich an einem mittags macht. Der Verdienst war wirklich um
vereinbarten Ort meine zweihundert einiges höher, doch dafür lag auch jede
Dollar, die ich nach meinem zweiten Menge Drecksarbeit an. Es vergingen
Bericht abends in Rosies Bar versoff. nur wenige Tage, an denen ich nicht in
Was die Auftraggeber mit meinen In- eine Schlägerei verwickelt war, aber mit
formationen wollten, oder was sie ihnen dem Geld, was ich verdiente, konnte ich
nutzten, war mir spätestens dann mir auch kein neues Auge kaufen.
scheißegal.

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der Hand. Ich habe so ein Gefühl, dass


das hier, auch wenn es jetzt vielleicht
blöd klingt, so was wie ein Schatten-
reich ist. Oder eine Zwischenwelt für die
Mit dieser kamen auch alle anderen Toten.«
Erinnerungen an sein Leben zurück. Dan wollte darüber lachen, doch
Und nun wusste Charon auch, wie er Kens Antwort hielt ihn davon ab.
hierher gekommen war und er hatte eine »Wenn es so etwas gäbe, dann könnte
Ahnung, wo er sich befand. es wirklich genauso aussehen wie hier.
Dieses Wissen machte seine Lage Und was mir auch zu denken gibt, ist,
nicht besser, und doch, das Erscheinen was dieser Einäugige ständig vom
der Fremden mit einer Zeitmaschine ließ Nichts faselt.«
ihn Hoffnung schöpfen. Doch dazu »Stimmt, und zu dem Nichts kommt
musste er klug vorgehen. noch hinzu, dass Zeit hier auch keine
Rolle zu spielen scheint. Oder gar nicht
existiert. Und das könnte ein großes
Problem für die Zeitmaschine werden«,
fügte Markus noch hinzu.
Die beiden anderen schauten Markus
Die Studenten rannten immer weiter. fragend an.
Wie lange, konnte keiner sagen, doch Ȇberlegt doch mal. Wenn Zeit hier
nach einiger Zeit merkten sie, dass ihnen keine Rolle spielt, wie soll ich das Ding
niemand folgte und sie verfielen in eine dann programmieren? Die Zahlen, die
langsamere Gangart. Sie schauten sich ich eingebe, haben gar keine Bedeutung.
nun genauer um, ob Claire irgendwo zu Mal abgesehen davon, dass die Technik
sehen war, doch soweit sie sehen konn- auch noch streikt.«
ten, waren sie allein. Nachdem Dan eine »Willst du damit sagen, dass es kei-
Weile in die Ferne geschaut hatte, nen Weg zurück gibt?« fragte Dan.
sprach er aus, was sie alle drei bewegte. »Im Moment sieht es ganz so aus.
»Kann mir einer erklären, was das Aber so schnell lasse ich mich nicht
hier eigentlich ist? Da laufen Gestalten unterkriegen.« Woher Markus die Kraft
rum, die tot sein sollten, der Himmel nahm, unter diesen Umständen optimis-
sieht zum Kotzen aus, und so eine Ein- tisch zu bleiben, war ein Rätsel.
öde habe ich vorher noch nie gesehen.
Habt ihr eine Idee, wo wir hier gelandet
sind?«
Ken zuckte nur die Schultern, doch
Markus setzte zu einer Antwort an.
»Wo wir hier sind, weiß ich auch Nachdem Claire getrunken hatte,
nicht. Aber dass das hier keine normale meldete sich sofort ihr Gewissen. Die
Welt ist, wie wir sie kennen, liegt auf anderen mussten genauso durstig sein

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

wie sie, deshalb sprach sie Charon an, Der Zombie trat wieder gefährlich
obwohl er gerade einen etwas abwesen- nahe an die junge Frau heran.
den Eindruck machte. »Zeig mir einfach das Ding, dann se-
»Wir müssen meine Freunde holen. hen wir weiter.«
Sie müssen auch trinken.« Nun saß Claire ganz schön in der
Charon schien leicht zusammenzuzu- Klemme. Wie sollte sie etwas finden,
cken, doch er fasste sich sehr schnell was nie versteckt wurde? Doch blieb ihr
und war wieder Herr der Lage. eine Wahl? Charon hatte seine Kraft
»Immer mit der Ruhe. Du sagst mir bereits an ihr demonstriert, davon
jetzt erst einmal, wo sich die Zeitma- brauchte sie nicht noch eine Lektion.
schine befindet und wie das Ding funk- Wenn doch nur die Jungs da wären...
tioniert. Vorher siehst du keinen deiner »Na, was ist? Beweg dich, und führ
Freunde wieder.« mich zu dem Versteck!«
Die Studentin war verzweifelt. Mit Claire schaute sich um, da sie auf
dem, was sie ihrem Peiniger erzählen dem Weg hierher nur auf die Vegetation
konnte, war der mit Sicherheit wieder geachtet hatte, musste sie sich erst ein-
nicht zufrieden. Und was er ihr dann mal orientieren. Aber die riesige Fels-
antun würde, darüber wollte sie gar wand, vor der sie bei ihrer Ankunft
nicht nachdenken. Mit der Wahrheit gelandet waren, war auch von hier aus
kam sie vorhin nicht sehr weit, also gut zu sehen. Es sah allerdings nach
probierte sie es nun mit einer Lüge. einem verdammt weiten Weg aus. Aber
»Die Zeitmaschine ist zu groß, die was sollte sie machen? Ihr Bewacher
können wir nicht mit uns herumschlep- wusste so gut wie sie, wo er die Frem-
pen. Also haben wir sie bei unserer den gefunden hatte, und dort in der Nähe
Landung versteckt. Und wie sie funktio- vermutete er sicher auch das Versteck.
niert, weiß ich nicht genau, ich habe Also schlug Claire diese Richtung ein
beim Programmieren immer nur zugese- und trottete los. Der Einäugige folgte ihr
hen.« kommentarlos. Claires Schritte wurden
»Dann hast du hoffentlich genau auf- immer langsamer, weil sie auf dem Weg
gepasst, meine Liebe. Denn jetzt wirst darüber nachgrübelte, wie sie sich aus
du mich zu dem Versteck führen und dieser Situation retten konnte. Dem
dann sehen wir zu, dass wir von hier Zombie wurde das bald zu langsam und
verschwinden.« er schnauzte Claire an.
Claire glaubte, ihren Ohren nicht »Los jetzt, das geht auch schneller!
trauen zu können. Sie sollte mit dem da Beweg dich!«
abhauen und ihre Freunde einfach hier Die Studentin lief daraufhin ein we-
lassen? Nie im Leben! nig schneller, weil sie Angst vor erneu-
»Die Zeitmaschine funktioniert aber ten Schlägen hatte. Doch die Felswand
nicht. Glaubst du, wir wären sonst eine kam und kam nicht näher. So setzte sie
Sekunde hier geblieben?« wie eine Maschine immer einen Fuß vor
den anderen, bis diese ihr irgendwann

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den Dienst versagten. Sie stolperte und haben, doch in dem Augenblick wusste
fiel der Länge nach in den Dreck. Cha- ich nicht, wo und wann. Dann hat der
ron wollte schon laut losfluchen, doch Einäugige mich abgelenkt, und ich habe
der Schrei, den Claire von sich gab, hielt dieses Deja Vu erst einmal verdrängt.
ihn davon ab. Unbewusst hatte sie ver- Aber je mehr ich darüber nachdenke,
sucht, ihren Sturz mit den Armen abzu- desto klarer wird mir, wen ich vorhin zu
fangen. Der Schmerz durchzuckte ihren erkennen glaubte.« Markus machte eine
gebrochenen Arm wie ein Peitschenhieb kurze Pause, sah seine beiden Gegen-
und ihr wurde übel davon. über, die ihm ermunternd zunickten, an
Selbst der Zombie sah, dass die Frau und fuhr dann fort.
nun eine Pause brauchte und er hockte »Wie ihr wisst, habe ich mich aus-
sich etwas abseits ebenfalls auf den führlich mit Professor Evans und seiner
Boden. Arbeit beschäftigt. Und so blieben mir
auch die Gesichter seines Teams nicht
unbekannt. Und einer von denen, ein
Assistent von Evans, hieß Michael
Miller. Und genau den glaube ich vorhin
erkannt zu haben. Miller trug einen
Markus hatte die Zeitmaschine nun entscheidenden Anteil zum Bau der
wieder in den Händen und versuchte Zeitmaschine bei. Er war so etwas, wie
erneut, diese irgendwie in Gang zu be- der technische Leiter des Unterneh-
kommen. Doch es nutzte alles nichts, mens.«
das Display war und blieb dunkel. Auch Diese Information mussten Simon
er sah nun ein, dass sie irgendwie Hilfe und Okumoto erst einmal verarbeiten.
bekommen mussten. Woher, war und »Du meinst, da hinten könnte einer
blieb aber zu diesem Zeitpunkt ein Rät- der größten Wissenschaftler vor sich hin
sel. Oder...sollte er den anderen doch vegetieren? Aber das macht doch keinen
von seinem Verdacht erzählen? Er grü- Sinn. Was macht der hier?« Dan wollte
belte noch, als Ken ihn auf seine wech- das alles nicht glauben. Doch Becker
selnde Mimik ansprach. setzte sogar noch eins drauf.
»Sag mal, was geht in deinem Kopf »Das weiß ich nicht. Aber was mir
vor? Man kann deine wechselnden Ge- nun auch endlich einfällt ist, wo ich den
dankengänge gerade sehr gut von dei- Einäugigen schon mal gesehen habe.
nem Gesicht ablesen.« Erinnert ihr euch an den Sturmtrupp in
Vielleicht brauchte Becker noch ge- Evans Institut, als wir die Zeitmaschine
nau diesen Impuls, um sich doch über das erste Mal benutzt haben? Und genau
seine Vermutung zu äußern. einer von denen ist unser Gastgeber
»Nun, als wir vorhin in die Höhle hier.« Damit waren Ken und Dan nun
kamen, da fiel mir einer von diesen komplett überrumpelt, doch nach kur-
Kerlen da drin auf. Ich war mir sicher, zem Nachdenken konnten sie Markus
den schon mal irgendwo gesehen zu nur noch zustimmen. Ja, das war einer

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

von denen, die bei ihrem ersten Start in man den Befehlen nicht folgte, konnte
die Vergangenheit zugegen waren. Doch das sehr unangenehm enden. Das hatte
dieses Wissen warf nun sogleich die ich schon mehrfach am eigenen Leib
nächste Frage auf. erlebt und einfach keine Lust, mein
»Und wieso ist der dann hier? Das anderes Auge auch noch zu verlieren.
macht doch alles keinen Sinn.« Der Wäre ich vor ein paar Monaten nicht
Japaner war ratlos, genau wie Dan. besoffen gewesen, hätte der Pockennar-
Auch Markus konnte sich keinen wirkli- bige sicher nicht so aggressiv reagiert.
chen Reim auf seine Entdeckung ma- Die Summe, die ich für den Verlust des
chen, aber Zufall konnte das doch alles Auges bekam, war nicht unerheblich,
nicht sein. aber wie gesagt, sie ersetzte mir meine
»Vielleicht war unser Gerede von ei- Sehkraft nicht.
nem Schattenreich eben doch nicht so Nun, ich raffte mich also auf, zog mir
abwegig. Wer sagt uns denn, dass es so meinen Kapuzenparka über und ging
was nicht tatsächlich gibt? Wir müssen zum verabredeten Treffpunkt. Wir soll-
uns endlich von unserer Vorstellung ten mal wieder den Professor in die
einer Welt lösen, sonst werden wir im- Mangel nehmen. Eben der, den ich zu
mer vor den gleichen Problemen ste- Anfang schon beschatten sollte. Irgend
hen.« so ein Wissenschaftler, der eine Erfin-
Kens Einwand war nicht ungerecht- dung gemacht hatte. Und die wollte der
fertigt, und das wussten die anderen Boss für sich. Was das genau war, wuss-
auch. te keiner von uns, außer vielleicht unser
»Lasst uns doch mal überlegen, was Bandenchef, der Pockennarbige. Und
es für einen Zusammenhang geben dieser Geheimniskrämer würde seinem
könnte, dass ausgerechnet diese beiden Fußvolk nichts verraten. Der ließ lieber
hier zu finden sind. Und noch dazu in seine Fäuste sprechen.
diesem Zustand.« Wir trafen uns im belebten Sterling
Der Japaner sah seine Freunde fra- Boulevard und von da aus nahmen wir
gend an. die Verfolgung auf. Trotz der späten
Stunde waren doch noch Autos unter-
wegs und Musik drang aus diversen
Clubs. Selbst einige Passanten liefen uns
über den Weg, doch sie machten meist
einen Bogen um uns.
Kansas City, 1994 Unser Chef wusste die ungefähre
Richtung, wo wir unser Zielobjekt finden
Ich wurde mal wieder zu einem Ein- würden. Und so rannten wir los und
satz gerufen. kamen immer mehr in die abseits gele-
Bei der Scheißkälte da draußen woll- genen, jetzt unbelebten Seitenstraßen.
te ich mich lieber mit einer Flasche Tatsächlich, da vorn lief jemand, der
Whiskey ins Bett verkriechen, doch wenn einen gehetzten Eindruck machte. Char-

26
von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

ly, der immer mit dem Jeep in der Nähe »Sollte die da wirklich die Wahrheit
von uns war – man wusste ja nie, wann gesagt haben?« In dem Untoten reifte
eine schnelle Flucht erforderlich war – langsam ein Gedanke heran, wie er sich
spielte mit unserer Zielperson, indem er diese Erkenntnis zu Nutze machen
mit Vollgas auf sie zuraste. Wenn es könnte.
unter der dünnen Schneedecke nicht Claire fühlte sich nach der kurzen
eine Eisschicht gegeben hätte, wer weiß, Pause etwas erholter, und so stand sie
ob der Einsatz an diesem Abend nicht schweigend auf, als ihr Begleiter sie
ganz anders verlaufen wäre. Denn dann zum Weitergehen aufforderte.
hätte der Jeep den Professor garantiert Die Felswand war immer noch weit
voll erwischt. weg, doch nun schlug Charon ein Tem-
Doch so nahmen wir unter Führung po an, mit dem die Studentin gut mithal-
des Narbengesichtigen die Verfolgung ten konnte. Schweigend liefen sie ne-
auf und erreichten den Professor ganz beneinander her. Beide mit ihren eige-
schnell. Dass dieses verhärmte Etwas nen Gedanken beschäftigt.
überhaupt noch soweit laufen konnte, Er überlegte, wie er sein neues Wis-
war mir ein Rätsel. Nun gut, Angst mo- sen am geschicktesten anwenden konn-
bilisiert Kräfte, dass wusste ich selber te, sie suchte nach einer Lösung ihres
nur zu gut. Problems mit der angeblich versteckten
Nachdem Pocke den Professor zu Maschine.
Boden geschlagen hatte, ging alles ganz Und so näherten sie sich der Gegend,
schnell. Viele Worte wurden nicht ge- in der die Timetraveller vor
macht, der Boss tauchte wie aus dem unbestimmbarer Zeit in dieser Welt
Nichts auf und zückte ein Messer. Das gelandet waren.
war’s dann. Für mich gab es eigentlich
an diesem Abend nichts zu tun. Und
warum der alte Sack unbedingt erledigt
werden musste, wusste ich zu diesem
Zeitpunkt auch nicht genau. Es ging »Ich weiß nicht. Schattenreich, Unto-
scheinbar wirklich nur um eine Maschi- te, Zombies, das kenne ich alles nur aus
ne. Filmen und Büchern. Und da waren es
Sollte das etwa...unmöglich...aber es immer die Ausgeburten der Fantasie
würde Sinn machen...ging es da um eine gewisser Leute. Und nun soll ich mir das
Zeitmaschine? real vorstellen?« Dans Stimme klang
sehr zweifelnd.
Markus hingegen hatte scheinbar kei-
ne Probleme, die Situation zu verarbei-
ten.
»Wenn das in der Höhle vorhin tat-
Mit diesem Gedanken schreckte Cha- sächlich Miller war, dann schlage ich
ron aus seinen Erinnerungen auf. vor, dass wir ihm umgehend einen Be-

27
TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

such abstatten. Wenn uns hier einer »Legt euch auf den Boden und be-
helfen kann, dann er.« deckt die Gesichter!« Wieder war es der
»Und wie willst du das anstellen? Deutsche, der zuerst reagieren konnte.
Sobald wir die Höhle betreten, werden Alle drei warfen sich hin und versuch-
sich unsere Bewacher auf uns stürzen. ten, jedes Stück nackte Haut zu schüt-
Und ob meine Kampfkünste gegen so zen. Dan hatte es wegen seiner zerrisse-
viele Gegner noch mal ausreichen, glau- nen Kleidung am schwersten. Doch der
be ich nicht. Da sollten wir uns erst mal Schauer ging so schnell vorbei, wie er
überlegen, wie wir an den Wissenschaft- gekommen war.
ler herankommen.« Der Japaner wollte Alle drei standen wieder auf und
nicht noch einmal so überstürzt und schauten sich erschrocken an. Keiner
unüberlegt handeln, denn er merkte, von ihnen hatte den Regenschauer unbe-
dass ihnen allen langsam die Kräfte schadet überstanden. Sie hatten alle
schwanden. Blasen im Gesicht und an den Händen.
»Das ist ein Problem, welches wir »Mein Gott. So langsam glaube ich
aber wirklich erst vor Ort bereden soll- auch an die Theorie von einem Schatten-
ten. Vielleicht haben die Kreaturen reich. Das fühlte sich an wie Säure oder
längst vergessen, was ihre Aufgabe war. so etwas.« Dans Blick fiel bei diesem
Und das sollten wir als erstes herausbe- Satz auf eine kleine Pflanze und er frag-
kommen. Es sollte dafür genügen, wenn te sich, wie die hier wachsen konnte.
sich einer von uns am Eingang zeigt.« Der Japaner rieb sich unterdessen
Zu diesem Vorschlag Beckers nickten leicht über das Gesicht. Als er die
beide, und so machten sie sich wieder Feuchtigkeit spürte, die sich da an sei-
auf den Weg, den sie erst in aller Eile nen Fingerspitzen sammelte, wurde er
zurückgelegt hatten. sehr nachdenklich.
Etwa auf halber Strecke passierte es »Das Zeug war auf alle Fälle keine
dann. Salzsäure. Es ist ziemlich ölig. Und ich
Der schleimig anmutende Himmel glaube, dass es sehr heiß war, deshalb
öffnete seine Pforten. Dass die Farbe haben wir die Brandblasen. Aber wie ist
von diesem merkwürdigen Grün zu so etwas möglich?«
einem düsteren Grau gewechselt hatte, Darauf wusste keiner eine Antwort.
bekamen die jungen Männer gar nicht Sie wussten nur, dass sie den nächsten
mit. Sie bemerkten die Veränderung Schauer nicht im Freien verbringen
erst, als sie binnen weniger Augenblicke sollten. Noch ein Grund mehr, in die
durchnässt waren. Doch das war nicht Höhle zurück zu gehen.
das Schlimmste daran.
Wie aus einem Mund fingen alle drei
an zu jammern. Die Tropfen, die da vom
Himmel fielen, brannten wie Feuer auf
der Haut und verursachten Tausende
kleiner Blasen.

28
von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

Die Studentin und ihr Bewacher nä- Charon hatte sich schon wieder dro-
herten sich immer mehr der Felswand. hend hinter der Studentin aufgebaut und
Sie hatte noch keine Idee, wo sie ein wahrscheinlich reichte ein falsches
Versteck improvisieren sollte, dafür Wort, und er würde zuschlagen.
fehlte ihr einfach die Kenntnis über die »Dann sieh endlich zu, dass du die
nähere Umgebung ihres Landeortes. Zu Maschine findest!«
diesem Zeitpunkt war sie noch so von »Hilf doch einfach beim Suchen!«
Schmerzen gequält, dass sie sich auf gar Wumm, schon spürte sie die Faust in
nichts anderes konzentriert hatte. den Nieren. Der Schlag kam so kräftig,
Charon wurde langsam ungeduldig. dass sie in die Hocke ging, er war je-
»Und, wo ist das Versteck?« doch nicht so schlimm, dass ihr die
»Ich weiß es nicht so genau, du hast Sinne schwanden. Der Zombie wusste
doch selbst gesehen, dass ich gar nicht genau, was er tat.
Herr meiner Sinne war. Aber so viele Als Claire am Boden hockte, machte
Möglichkeiten gibt es hier nicht, da sie eine ungeheuerliche Entdeckung.
werden wir wohl suchen müssen.« Wie kam ein Fetzen von Dans Hemd
Das Auge des Untoten zog sich wie- hierher? Sie waren zwar in die Nähe
der beängstigend zusammen und Claire ihres Landeortes gelangt, doch dass es
rechnete schon mit erneuten Schlägen. genau die Stelle war, wagte die junge
Doch dazu kam es nicht, da sie emsig Frau zu bezweifeln. Das konnte gar
anfing, jeden Busch umzubiegen und so nicht sein, denn als ihre Freunde ihren
zu tun, als suche sie tatsächlich nach der Arm schienten, brachen sie Zweige von
Zeitmaschine. einem Busch. Und ein Gebüsch mit so
Der Einäugige sah sich das eine gan- starken Zweigen, wie sie einen am Arm
ze Weile an, doch seine Geduld war trug, gab es in der näheren Umgebung
schnell erschöpft. nicht. Wo zum Teufel kam dann der
»So, du willst mir also erzählen, dass Fetzen her?
sie Maschine zu groß zum Herumtragen Da machten sich erneut Zweifel in ihr
sei und suchst hier hinter Grashalmen. breit. Sollte Charon doch Recht haben?
Verarschen kann ich mich alleine! Und Waren ihre Mitstreiter ohne sie ver-
jetzt sieh zu, dass du fündig wirst, sonst schwunden?
lernst du mich erst richtig kennen.« Claires Augen füllten sich mit Trä-
In der Studentin kroch die Angst nen. Tränen der Verzweiflung. Tränen
wieder hoch, verzweifelt versuchte sie, der Wut.
sich aus ihrer Lage herauszureden. Und zum Glück gewann die Wut O-
»Na ja, so groß ist das Teil nun auch berhand und der Kampfgeist der Studen-
wieder nicht. Wir haben es vorsichtshal- tin meldete sich zurück.
ber versteckt, damit es nicht in die fal- Sie drehte sich mit dem Stofffetzen in
schen Hände kommt. Wir wussten ja der Hand zu ihrem Bewacher um und
nicht, was uns hier erwartet.« grinste ihn höhnisch an.
»Damit dürfte dein Traum von der

29
TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

Zeitmaschine geplatzt sein. Meine Be-


gleiter sind auf und davon. Dieses Stück Die drei jungen Männer liefen immer
Stoff ist das vereinbarte Zeichen.« weiter in Richtung des Höhleneingangs,
Wenn Claire nun geglaubt hatte, dass doch je näher sie kamen, umso vorsich-
sie damit den Einäugigen zur Umkehr tiger wurden sie. Etwa eine halbe Meile
bewegen konnte, hatte sie sich fürs Erste vorher bogen sie nach rechts und liefen
gründlich geirrt. einen weiten Bogen, um nicht zu früh
»Sag mal, wie viele Ammenmärchen von den Monstern da drinnen entdeckt
willst du mir eigentlich noch auftischen? zu werden. Die Situation war unbere-
Du willst mir hier weismachen, dass die chenbar, da sie nicht wussten, wie ihre
Schlappschwänze, die du Freunde Bewacher reagieren würden, und ob der
nennst, einfach abhauen und dich hier Einäugige mit ihrer Freundin schon
zurücklassen? Das glaubst du doch wohl zurück war.
selber nicht. Dass mindestens zwei von Als sie noch ca. 50 Meter vom Ein-
denen in dich verschossen sind, hast du gang trennte, verstummten alle drei wie
gar nicht bemerkt, oder?« auf ein geheimes Zeichen und sie schli-
Claire schaute dem Untoten sprachlos chen sich nah des Felsens an die Öff-
ins Gesicht. Hinter seiner Stirn musste nung heran.
mehr Intelligenz sitzen, als er bisher »Da drin ist es still wie in einem
gezeigt hatte. Nun war absolute Vorsicht Grab«, flüsterte Markus. Ken und Dan
geboten. Und da sie nicht mehr weiter nickten nur, ihnen war die Ruhe un-
wusste, sprach sie nun doch die Wahr- heimlich. Was war passiert, seit sie die
heit aus. Flucht ergriffen hatten?
»Also gut. Ich glaube, ich habe dich »Es hilft wohl nur eins, wir müssen
unterschätzt. Die Zeitmaschine haben nachsehen«, sagte Ken leise.
wir nie hier versteckt, ich wollte den »Ja, aber vorsichtig.« Bei diesen
Jungs nur Zeit verschaffen, um eine Worten legte sich Dan schon auf den
Lösung unseres Problems zu finden. Boden und robbte sich das letzte kleine
Und das liegt darin, dass die Zeitma- Stück zum Eingang. Am Boden liegend
schine defekt ist. Wir brauchen Hilfe, hoffte er, dass er nicht gleich von den
sonst sitzen wir auf ewig hier fest.« Bewohnern gesehen werden würde.
Dan spähte durch die Öffnung zur
»Na, dann passt ihr doch genau hier- Höhle und sah erst einmal gar nichts. Es
her. Hier sitzen alle fest.« Charons war einfach zu dunkel, seine Augen
Stimme triefte nur so vor Hohn. Und das mussten sich für einen Moment an das
war fast noch schlimmer, als wenn er Zwielicht gewöhnen.
wieder zugeschlagen hätte. Doch nach einer Weile sah er immer
noch nicht viel mehr als nackten Fels.
Er zog sich zurück, setzte sich auf
und schaute ratlos zu den anderen bei-
den.

30
von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

»Da ist irgendwas faul. Ich sehe nicht »Wenn wir hier jemals wegkommen
einen von diesen Zombies da drin. Nur, wollen, dann ist das jetzt unsere Chan-
hier draußen sind sie auch nicht. Was ce«, sagte er im Gehen.
hat das denn nun schon wieder zu be- »Wollt ihr etwa warten, bis der Ein-
deuten?« äugige wieder kommt und sich hier
Ken zuckte die Achseln und Markus aufspielt?«
fiel auch keine Antwort dazu ein. Doch Das war ein Argument, gegen das
er ergriff die Initiative. weder Simon noch der Japaner etwas
»Wollen wir es riskieren und reinge- erwidern konnten, und so folgten sie
hen?« dem Deutschen dann doch.
»Haben wir denn eine andere Mög- »Und was erwartest du von denen?
lichkeit?« Sie werden uns auch jetzt nicht verste-
Als ob sie es geplant hätten bezogen hen, geschweige denn antworten.«
sie nun Stellung vorm Eingang und »Vielleicht doch, Dan, denn ihr An-
gingen dann rasch, einer nach dem ande- führer, der sonst hier die Befehle zu
ren hinein. geben scheint, ist nicht da. Wir müssen
Ihre Augen gewöhnten sich jetzt wie- es einfach versuchen.«
der sehr schnell an das grünliche Däm- »Aber was hast du denn vor?«, fragte
merlicht und nun sahen sie auch, warum Ken.
Dan niemanden erkennen konnte. »Ich habe euch doch vorhin erzählt,
»Man könnte meinen, die fürchten dass ich glaube, diesen Miller hier gese-
sich. Seht euch das bloß mal an, wie die hen zu haben. Und genau den suche ich
sich da hinten zusammengekauert ha- jetzt. Bleibt einfach in meiner Nähe,
ben.« Der Sportstudent sah mit Entset- dann wird es schon gut gehen.«
zen auf die Unzahl von Zombies im Ken und Dan konnten weder in Mar-
hinteren Teil der Höhle. kus’ Nähe bleiben, noch ging es gut.
Einzig Markus schien davon nicht Im Gegenteil.
beeindruckt zu sein. Er machte schon Einen kurzen Moment nach den letz-
ein paar Schritte weiter ins Innere, dreh- ten Worten brach unter den Untoten die
te sich zu den anderen um und gab ihnen Hölle los.
ein Zeichen, ihm zu folgen.
»Mach mal langsam, Markus. Wir
können doch da nicht einfach hinmar-
schieren. Wer weiß, wie die dann reagie-
ren?«
»Vielleicht haben sie uns noch gar »Aber wir müssen einen Weg nach
nicht richtig wahrgenommen«, fügte Hause finden!« Claire war den Tränen
Ken Dans Worten hinzu. wieder ganz nah und konnte sie nur mit
Aber Markus ließ sich von den Wor- Mühe zurückhalten.
ten nicht aufhalten und ging einfach »Pass mal auf, meine Liebe, ich sage
weiter. es dir jetzt zum letzten Mal. Hier gibt es

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

außer uns Kreaturen, Stein und Hoff- den heißen Regentropfen, die sich sehr
nungslosigkeit nichts. Und wer einmal schnell in die Haut der Studentin gefres-
hier ist, der bleibt auch hier. Hast du das sen und Blasen gebildet hatten.
jetzt endlich kapiert?« So warteten beide den Schauer ab.
Claire nickte zwar, doch sie wollte es
nicht glauben.
»Dann können wir auch genauso gut
zurückgehen, damit ich sehe, ob meine
Freunde noch hier sind.«
»Sicher sind die noch hier, die sitzen Kansas City 2006
nach wie vor eingekreist von meinen
Leuten. Auf die ist nämlich Verlass!« Die Hinrichtung des Professors er-
Charon machte aber dennoch Anstal- schütterte mich im Nachhinein zum
ten, den Rückweg anzutreten, und ein ersten Mal in meinen Grundprinzipien.
kurzer Blick zum Himmel genügte, um Bisher hatten wir noch nie jemanden
Claire zur Eile anzutreiben. getötet. Zumindest nicht in der Zeit, in
»Los, los! Komm schon, wir müssen der ich zu Pockes Bande gehörte.
zurück. Gleich wird es sehr unangenehm Ich zog mich wieder in meine vier
hier draußen werden. Besonders für Wände zurück und versuchte, mein Ge-
dich.« wissen mit Alkohol zu betäuben. Tags-
»Wieder dieser hämische Unterton«, über funktionierte das auch, redete ich
dachte Claire, »was führt der denn nun mir ein, aber dafür erlebte ich Nacht für
schon wieder im Schilde?« Nacht in meinen Alpträumen Evans Tod
Der Einäugige schritt zügig voran, aufs Neue. Dazu trug sicher auch meine
zurück in Richtung der Höhle. Die Stu- Unwissenheit bei, denn mir war immer
dentin hatte Mühe, mit dem Tempo noch nicht ganz klar, warum der Profes-
mitzuhalten, denn sie war doch schon sor sterben musste. Darüber schwiegen
ziemlich erschöpft. sich die Bosse nach wie vor aus.
Ihrem Begleiter schien es egal zu So vergingen viele Jahre, und die
sein, ob sie in seiner Nähe blieb, er hatte Einsätze wurden mit der Zeit weniger.
es nun sehr eilig. Mit dem Geld, was sich in den letzten
Aber nutzen sollte es ihm nichts. Monaten angesammelt hatte, ließ es sich
Er war kaum 100 Meter gegangen, als auskommen. Hin und wieder ein Auftrag
der Regen losbrach. Sofort hörte er und dann dachte ich irgendwann, dass
Claires Schreie. Er drehte sich zu ihr alles vorbei sei.
um, sah, wie sie versuchte, ihr Gesicht Seit fast 3 Jahren hatte ich nichts von
zu schützen, und was danach in ihm Pocke gehört, doch dann passierte das,
vorging, kann niemand nachvollziehen. wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet
Charon rannte auf die junge Frau zu, riss hatte. Das Telefon klingelte. Der Ton
sie zu Boden und legte sich auf sie. Mit ging mir durch Mark und Bein und ich
seinem Körper schützte er den ihren vor ignorierte es am Anfang. Doch wenn ein

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von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

Telefonklingeln in Telefonterror ausar- junge Leute auftauchten. Sofort wurde


tet, hält man das nicht auf Dauer aus, ein Handy gezückt und Pocke informiert.
und so nahm ich den Hörer nach ge- Dann ging alles ganz schnell. Pocke
raumer Zeit doch zur Hand. fuhr mit Charly vor, instruierte uns, ihm
Melden brauchte ich mich nicht, denn unauffällig zu folgen, und wir stürmten
sowie ich den Hörer am Ohr hatte, das Institut.
schrie mir auch schon eine Stimme wut- Was dabei genau geschah, weiß ich
entbrannt hinein. nicht mehr, denn auf Grund des Geran-
»Setz deinen Arsch in Bewegung und gels und wahrscheinlich auch wegen des
komm zum Treffpunkt! Du hast genau 15 vielen Alkohols, den ich konsumiert
Minuten Zeit! Ansonsten...« hatte, lief ich den anderen zwar hinter-
Das letzte Wort wurde nur noch her, hielt mich aber im Hintergrund.
durch das Telefon gezischt, dann legte Eine Tür wurde aufgebrochen, oder
der andere Teilnehmer auf. Ich bin mir besser eingeschlagen, es gab viel Ge-
nicht mal sicher, dass das der Chef war, schrei und dann sah ich nur noch, wie
so verzerrt klang seine Stimme vor Wut. sich die vier jungen Menschen in Nichts
Die erste Minute verging, ohne dass auflösten.
ich zu irgendeiner Bewegung fähig war. Und das war dann endgültig zu viel
Mein Alkoholpegel muss schlagartig in für mein Nervenkostüm und ich konnte
Richtung Null gerutscht sein, dann wur- nur noch schreien.
de mir die unausgesprochene Drohung Ich hörte einen Schuss.
erst bewusst, und ich rannte los. Und dann weiß ich nichts mehr.
Wahrscheinlich kam ich auch pünkt-
lich an, denn der Pockennarbige sagte
außer einem »Na endlich!« nichts weiter
und unterwies uns in unsere neue Auf-
gabe.
Wir sollten das Institut von Evans, So schnell, wie der Regen begonnen
das etwas abseits der Universität lag, hatte, hörte er auch wieder auf.
unter Beobachtung nehmen und sofort Charon erhob sich und auch Claire
Alarm schlagen, wenn sich unbekannte rappelte sich wieder auf. Sie betrachtete
Subjekte dorthinein begeben. die vielen kleinen Brandblasen auf ihrer
Das klang alles andere als gefährlich Haut.
und spannend, doch wir hatten uns mit »Was war das denn? Das fühlte sich
der ersten Zahlung, die wir angenom- an wie kochendes Wasser.«
men hatten, zu absolutem Gehorsam »Da hast du nicht ganz Unrecht.
verpflichtet. Und das scheinbar auf Wenn es hier regnet, geht man besser in
ewig. So trotteten wir los und belagerten Deckung, da man nie weiß, was da vom
den näheren Umkreis des Instituts. Himmel kommt. Es hatte genauso gut
Es dauerte auch gar nicht lange, als Hagel sein können, oder irgendwas
aus dem anliegenden Waldstück vier Ätzendes. Letzteres vertragen selbst wir

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

hier nicht gut, das frisst uns die Haut »Was geht denn da vor? Los, beweg
weg.« dich, da drinnen stimmt was nicht!«
Claire warf ihrem Gegenüber einen Charon sprach`s und rannte los. Claire
verstohlenen Blick zu und sah dabei auf taumelte, so schnell es ihr möglich war,
seine Ohren. Charon merkte dies und hinterher.
fing mit einem knarzenden Geräusch an In ihrem Inneren machte sich wieder
zu lachen. eine wahnsinnige Angst breit.
»Nein, meine Liebe, da muss ich dich Wie war es ihren Freunden ergangen?
enttäuschen. Diese Narben sind noch ein Was war da drin los?
Andenken an mein früheres Leben. Und Waren die Jungs überhaupt noch da?
wenn du es genau wissen willst, das
waren mal Piercings, und mein Boss war
der Meinung, dass die da nicht hingehö-
ren. Und weil er sauer auf mich war, hat
er sie eigenhändig entfernt.« Bei diesen
Worten griff sich der Einäugige unbe- Alle Zombies, die sich irgendwie be-
wusst an sein rechtes Ohr und genoss wegen konnten, gingen wie eine Wand
sichtlich Claires Gesichtsausdruck, die auf die drei Timetraveller los. Bevor die
sich gerade vorstellte, wie die Entfer- Studenten überhaupt wussten, was los
nung der Ringe und Stecker vonstatten war, waren sie schon komplett von allen
gegangen war. Seiten umstellt und wurden immer wei-
»Und jetzt haben wir hier genug Zeit ter zusammengedrängt.
vertrödelt. Auf geht´s, wollen wir doch »Hey, hey, wir kommen mit friedli-
mal sehen, wie es deinen Freunden so chen Absichten. Wir wollen nur mit
geht.« Mit diesen Worten setzte sich der euch reden.«
Untote in Bewegung. Claire folgte ihm, Kens Versuch, die Masse Untoter mit
doch das tat sie ganz automatisch. In Worten aufhalten zu wollen, scheiterte
ihrem Inneren war sie mehr als aufge- kläglich. Einen Moment später wurden
wühlt. Sie wurde aus dem Verhalten alle drei von jeweils mehren Gestalten
Charons einfach nicht schlau. Jemand so gepackt, zu Boden gedrückt und mit
Unberechenbares war ihr noch nie be- eisernen Händen festgehalten.
gegnet. Die jungen Männer schauten sich an
Nach einiger Zeit, die auch jetzt wie- und ohne Worte einigten sie sich auf
der nicht zu messen war, doch die Stu- Gegenwehr. Markus gab ein Zeichen
dentin war nun wirklich bald am Ende und alle drei begannen gleichzeitig, sich
ihrer Kräfte, kamen sie endlich in aus den Griffen befreien zu wollen.
Sichtweite des Höhleneingangs. Noch Doch das war vergeblich. Selbst Ken
ein paar Meter weiter, und sie hörten die konnte aus dieser Ausgangsposition
Geräusche, die aus dem Inneren der nicht auf seine Kampfsportkunst zu-
Höhle drangen. rückgreifen.

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Und trotzdem geschah etwas, was Also versuchte er es ebenfalls mit ei-
den Studenten Hoffnung machte. Einige ner übertriebenen Geste und das Wunder
der Angreifer gaben Geräusche von sich, geschah. Sofort trat Stille ein.
die darauf schließen ließen, dass viel- Markus wollte zum Sprechen anset-
leicht doch noch einige zum Sprechen in zen, doch da kam ihm jemand zuvor.
der Lage waren.
Und so fingen alle drei wieder an, auf
die Untoten einzureden.
Zuerst führte das dazu, dass sie noch
fester zu Boden gedrückt wurden, doch
schon bald sah es danach aus, dass eini- »Lass ihn sofort los!« Charons Stim-
ge der noch besser erhaltenen Zombies me zischte laut durch den Raum.
anfingen zuzuhören. Markus und Dan waren mindestens
»Wir wollen nichts Böses...wir wol- ebenso erschrocken wie ihr japanischer
len nur wieder nach Hause...ist hier ein Freund und alle drei drehten sich wie
Physiker unter euch...wisst ihr, was mit auf ein Kommando zum Ausgang der
unserer Freundin passiert ist...kennt sich Höhle um. Während der Rangelei mit
einer mit Zeitreisen aus...wo sind wir den Untoten hatten sie es versäumt, ab
hier? und zu einen Blick in diese Richtung zu
Das waren in etwa die Fragen, die werfen und nun kam die Rückkehr der
Markus, Ken und Dan gleichzeitig an Studentin und ihres einäugigen Beglei-
ihre Angreifer richteten. Ob da ein Wort ters sehr überraschend für die Drei. Dem
dabei war, was verstanden wurde oder Deutschen wurde nun auch sehr schnell
ob der Moment einfach nur durch den klar, dass eben kein Wunder geschehen
Gebrauch der Stimme kam, jedenfalls war, sondern dass die Zombies wohl
richtete sich einer der Höhlenbewohner eher auf ein Zeichen ihres Anführers
plötzlich auf und fuhr mit seinem Arm reagiert hatten.
durch die Luft. Das reichte anscheinend Charon gab seinen Leuten ein Zei-
aus, um sich Respekt zu verschaffen, chen, dass sie die Studenten wieder
denn plötzlich schauten alle auf diesen einkreisen sollten, und ging langsam mit
Mann. Claire, die er wieder am Arm gepackt
Die Studenten merkten, dass sich die hatte, auf die jungen Männer zu.
Griffe um sie lockerten und nutzten den »Du da«, er zeigte auf Markus, »her
Moment sofort zum Gegenangriff. Sie mit der Zeitmaschine!«
sprangen auf, Ken nahm den stehenden Der Angesprochene zuckte die Ach-
Mann in einen Klammergriff und Mar- seln.
kus ergriff das Wort. Zumindest ver- »Wovon redest du?«
suchte er das, doch es brach ein Tumult Auf eine kleine Handbewegung hin
unter den Bewohnern los, der seine packte einer aus dem Kreis den Physik-
Worte einfach verschluckte. student von hinten an den Schultern und
bog dabei seine Arme mit auf den Rü-

35
TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

cken. Ein anderer untersuchte den »Ach ja? Und du glaubst nun, dass du
Wehrlosen ebenso wie seinen Rucksack diese Kleinigkeit kennst?« Der Sport-
und holte den Glaszylinder hervor. student versuchte mit Worten, seinen
Diesen hielt er seinem Anführer Gegner aus der Reserve zu locken. Viel-
triumphierend hin. leicht wusste er tatsächlich etwas, und
Die Timetraveller staunten nicht würde es doch noch offenbaren.
schlecht über diese Zusammenarbeit der »Noch nicht. Aber vielleicht kenne
Untoten und langsam kam ihnen der ich jemanden hier, der mir weiterhelfen
Verdacht, dass ihr Hier sein deren wird. Das ist eben euer Pech, dass ich
scheinbares Dahinvegetieren ziemlich hier zu Hause bin und ihr nicht.
verändert hatte. Doch war wirklich nur Aber ich habe keine Lust, darüber zu
ihre Anwesenheit der Grund dafür, dass reden. Ihr bleibt vorläufig, wo ihr seid
die Bewohner in so relativ kurzer Zeit, und rührt euch nicht von der Stelle!« Bei
keiner wusste wie viel Zeit vergangen diesen Worten machte er wieder ein paar
war, doch mehr als ein Tag war sicher Gesten und die vier Studenten wurden
noch nicht vorbei, solche Fortschritte von den Untoten zu Boden gedrückt.
machten? Um sie herum bildete sich wie von
Der Einäugige besah sich die Zeitma- selbst ein Kreis von Bewachern, und so
schine von allen Seiten. schien erst einmal alle Hoffnung auf
»Und du willst mir wirklich erzählen, eine Flucht aus dieser trostlosen Welt
dass ihr mit diesem Ding den Weg hier- erloschen zu sein.
her gefunden habt?« Seine Stimme troff Keiner der Timetraveller sagte etwas.
vor Hohn, als er die Worte an Claire Claire weinte leise vor sich hin, Markus
richtete. zitterte vor Wut und die beiden anderen
»Wir sind damit hier gelandet, den saßen einfach nur niedergeschlagen da.
Weg hierher haben wir bestimmt nicht
freiwillig gewählt.«
»Willst du damit sagen, dass es euch
hier nicht gefällt? Nun, dann solltet ihr
euch schnell an eure neue Heimat ge-
wöhnen, denn ich fürchte, dass ich die- Charon war in Gedanken versunken.
ses Ding hier behalten muss.« Bei die- »Alleine werde ich dieses Ding hier
sen Worten grinste er die Studenten böse nicht in Gang bekommen. Ich werde die
an. Hilfe zumindest des Einen brauchen,
»Dir wird die Zeitmaschine genauso denn wer weiß, ob sich Miller noch an
wenig nützen wie uns. Sie funktioniert irgendetwas erinnern kann, was mit dem
nicht!«, sagte Dan. Bau der Maschine zusammenhing.
»Wer weiß? Vielleicht komme ich ja Wenn das zu lange dauert, krepieren die
eher hinter das Geheimnis. Möglichwei- mir aber möglicherweise, dann komme
se habt ihr nur eine Kleinigkeit überse- ich hier nie weg.«
hen?«

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Da nahm ein Plan in ihm Gestalt an, man sich umschaut, meint man doch,
schwierig, aber nicht unmöglich. Der das Tal vollständig überblicken zu kön-
ehemalige Söldner wusste ja nun, was nen.«
die Lebenden zum Überleben brauch- »Hier ist so vieles seltsam, dass mich
ten... das nun auch nicht mehr wundert. Ich
habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr,
und Weglängen scheinen hier doch auch
anderen Gesetzen zu unterliegen.« Mit
dieser Feststellung Claires war dieses
Paradoxon erst einmal erledigt.
Die Lebenden waren wieder etwas Es folgte langes Schweigen, denn alle
näher zusammengerückt und machten vier hingen ihren eigenen Gedanken
sich Gedanken, wie sie sich aus ihrer nach, und es dauerte nicht lange, da
Lage befreien könnten. schliefen die Studenten einer nach dem
»Solange der Kerl, der sich hier zum anderen ein.
Anführer ernannt hat, in der Höhle ist,
können wir gar nichts tun. Die anderen
reagieren auf das kleinste Zeichen von
ihm. Und auf einen erneuten Nahkampf
können wir uns auch nicht einlassen.
Das sind einfach zu viele.« Diesen Moment nutzte der Anführer
»Wir können doch aber nicht einfach und sammelte rund zwei Dutzend
nur hier herumsitzen und warten, Dan. brauchbarer Untoter um sich. Mit einem
Wir müssen doch etwas tun!« Claires letzten Blick versicherte er sich, dass die
Stimme klang immer noch weinerlich. Zeitreisenden wirklich schliefen und
Und sie hatte Schmerzen. verließ die Höhle. Die Zombies trotteten
»Im Moment können wir aber nichts willenlos hinterher.
zun. Wir müssen abwarten, ob dieser Markus hatte das Geschehen mitbe-
widerliche Kerl die Höhle noch mal kommen, denn er war viel zu wütend
verlässt. Erst dann können wir versu- über den Verlust der Zeitmaschine, als
chen, mit ein paar anderen hier Kontakt dass er einfach so einschlafen konnte. Er
aufzunehmen. Als du draußen warst, überlegte fieberhaft, was sie unterneh-
haben wir das schon versucht, und ich men konnten, um aus dieser aussichtslo-
glaube, es ist nicht unmöglich.« Markus sen Lage heraus zu kommen, als er den
Worte trösteten die junge Frau nicht. Weggang der Gruppe um Charon be-
»Was habt ihr denn getan, als ich weg merkte.
war?« Das war die Gelegenheit.
Ken berichtete ihr, was sich während Vielleicht die einzige.
ihrer Abwesenheit ereignet hatte. Also riss er die Schlafenden unsanft
»Seltsam finde ich nur, dass wir dich aus ihren Träumen und erklärte ihnen,
da draußen nicht gesehen haben. Wenn dass sie jetzt versuchen mussten, den

37
TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

Kontakt zu Miller herzustellen. War es und wer nicht zu ihm redete, beobachte-
Zufall, dass der ehemalige Wissen- te seine Reaktionen ganz genau.
schaftler in der Höhle geblieben war? »Ich sehe in deinen Augen, dass du
Über das Warum dachte keiner nach. uns verstehst. Bitte versuch doch, uns
Markus ging zielstrebig auf genau den eine Antwort zu geben. Wenn euer Boss
Mann zu, welchen er gleich bei der hier erst wieder da ist, haben wir viel-
Ankunft hier zu erkennen geglaubt hatte. leicht nie wieder die Gelegenheit, dich
Die anderen Bewohner leisteten kei- um Hilfe zu bitten.« Claire hatte entwe-
nen Widerstand. Mit ihrem Anführer der die richtigen Worte gefunden, oder
hatten wohl auch alle seine Befehle die Miller konnte die Worte nun erst verar-
Höhle verlassen. beiten, jedenfalls passierte fast genau
Der Deutsche machte sich zunächst das Gleiche, wie am Anfang bei Charon.
mit Gesten bemerkbar. Miller holte Luft, sein Gesicht ver-
Miller schaute auf, doch sein Blick zerrte sich vor Anstrengung und Kon-
blieb leer. Dann versuchte es Becker mit zentration, und aus seinem Mund kam
Worten. ein erstes kratzendes Geräusch. Die
»Dein Name ist Michael Miller, nicht Studenten überlief es auch diesmal wie-
wahr? der eiskalt, denn es klang, als würde im
Keine Regung im Gesicht seines Ge- Hals des Untoten irgendetwas zerbre-
genübers. chen.
»Michael Miller, Assistent von Pro- Nach mehreren Versuchen waren die
fessor Matthew Evans. Ihr habt eine ersten Worte dann endlich zu verstehen.
Zeitmaschine gebaut. Erinnerst du dich »Woher...kennt ihr...mich?«
daran? Die größte Erfindung des 20. »Wir sind Studenten der Avila-
Jahrhunderts, und du warst dabei. Du, Universität in Kansas City. Ich bin Gast-
Michael Miller. Oder soll ich Mike student aus Deutschland und habe mich
sagen?« zu Hause schon ausführlich mit dem
Miller saß immer noch regungslos, Leben und Werk von Professor Evans
doch in seine Augen trat ein leichter beschäftigt. Das hat mich so fasziniert,
Glanz. Als ob sich Tränen sammeln dass ich nach Amerika ging, um diese
wollten. Studien zu vertiefen. Und bei all dem
Nun sprach Ken weiter auf ihn ein. Material, was ich dazu sichten konnte,
»Mike, du musst dich einfach erin- spielte ein wichtiger Assistent des Pro-
nern. Du bist unsere einzige Chance, fessors eine große Rolle. Michael
wenn wir jemals von hier fort kommen Miller. Und anhand der Bilder, die mir
wollen. Du hast die Zeitmaschine mit zugänglich waren, habe ich dich hier
gebaut. Du weißt, wie sie funktioniert. erkannt. Zumindest hatte ich gehofft,
Nur du kannst uns helfen.« dass du dieser Miller bist. Habe ich nun
Die Timetraveller hatten sich unter- recht?«
dessen im Halbkreis vor Miller gesetzt »Ja. Doch ich weiß nicht«, Miller gab
ein entsetzliches Husten von sich, »was

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von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

ihr von mir erwartet. Ich weiß gar nichts »Was wisst ihr? Ich glaube, Mike und
mehr...« ich haben ebenfalls ein Recht darauf zu
»Das hat der einäugige Kerl zuerst erfahren, was ihr unterdessen herausbe-
auch gedacht. Unterdessen scheint er kommen habt.« Claire hörte sich leicht
sich an eine ganze Menge erinnert zu ärgerlich an, doch sie war viel zu müde,
haben. Ich habe, als ich mit ihm draußen um richtig wütend zu werden.
war, viel mit ihm geredet, und dann war Die drei jungen Männer schauten sich
das so, als ob, wie soll ich sagen, wieder an, nickten sich kurz zu und dann ent-
Leben in ihn gekehrt war. Doch auf eine hüllte Ken die vage Vermutung, zu der
wichtige Frage habe ich immer noch sie während ihres »Ausfluges« gekom-
keine Antwort erhalten. Wir wissen bis men waren.
jetzt nicht, wo wir hier eigentlich sind.« »Also, es mag sich nicht sonderlich
»Das kann ich euch auch nicht sagen. glaubhaft anhören, doch wir denken,
Die einzige Frage, die ich habe, und dass das hier eine Art Schattenreich ist.
darüber grübele ich insgeheim schon Eine Zwischenwelt für die Toten.«
sehr lange, lautet: WARUM?« Claire sah die drei Studenten der Rei-
»Warum was?«, fragte Claire. he nach an und suchte nach einem An-
»Das weiß ich nicht. Noch nicht. A- zeichen, dass sie gerade mächtig auf den
ber ich hoffe, dass ich durch euch wie- Arm genommen wurde, doch der Ernst
der lerne. Es ist eigenartig, aber«, wie- in den Gesichtern ließ sie verstummen,
der ein röchelndes Husten, »die Worte, noch ehe sie ein Wort hervorgebracht
die ich spreche, kommen von ganz al- hatte.
lein. Es ist so, als wäre ich ganz lange in Nach einer Weile fragte sie dann aber
einem Alptraum gefangen gewesen.« doch.
Markus schaute zu Boden, als er ant- »Wie soll das möglich sein? Tote
wortete. werden verbrannt oder beerdigt oder
»Ich fürchte, dass der Alptraum noch was weiß ich, aber sie verschwinden
lange nicht vorbei ist. Und dass er nun doch nicht einfach so in einer anderen
schlimmer wird als bisher. Es tut mir Welt? Und überhaupt, so was denken
leid, doch daran haben wir nicht ge- sich doch nur Leute in ihren Gruselge-
dacht. Denn wir haben so eine Ahnung, schichten aus. Ich kann das nicht glau-
wo wir hier sind, wissen es aber nicht. ben!«
Doch wenn unsere Vermutung stimmt, »Claire, nach allem, was wir erlebt
dann wird es für dich keinen Weg aus haben, sollte uns langsam klar werden,
dieser Hölle geben.« dass im Multiversum nichts, aber auch
»Was glaubt ihr denn, wo wir hier gar nichts unmöglich ist. Und nun sind
sind?« wir in einer Welt, wo Menschen vegetie-
»Willst du das wirklich wissen?« ren, die doch tot sein müssten. Schau
Mike schaute verdutzt in die betrete- dich doch mal um. Aber in allen steckt
nen Gesichter der jungen Männer und in noch ein kleines Fünkchen Leben, so,
das fragende Gesicht der Frau. als würden sie auf etwas warten.«

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

»Aber worauf denn, Markus? Worauf könnt euch nun denken, was er wollte.
kann man hier warten?« Ich hatte eine furchtbare Angst und
»Auch da hätte ich einen Verdacht. machte den schlimmsten Fehler meines
Aber das ist nur so ein Bauchgefühl, Lebens, ich versuchte weg zu rennen.
dafür habe keinerlei Bestätigung. Au- Weit kam ich nicht, da spürte ich, dass
ßer...na ja, schaut euch einige der Anwe- mich etwas mit unglaublicher Kraft zu
senden hier mal an. Irgendwie sehen Boden riss. Ich nehme an, es war das
viele von denen aus, als wäre bei ihrem Geschoss einer Pistole. In diesem Au-
Tod nachgeholfen worden.« genblick kam ein Auto angefahren und
»Du meinst, ermordet?«, fragte Dan. die Männer rannten nun ihrerseits da-
»Ja. Und dann führe ich meine Theo- von. Ich lag noch eine Weile zwischen
rie fort. Ich glaube, dass immer genau parkenden Autos, mir war sehr kalt und
die von hier verschwinden, deren Mör- dann weiß ich nichts mehr.«
der überführt wurde. Das könnte die »Das könnte meine Theorie bestäti-
Unregelmäßigkeit dabei erklären«, führ- gen. Wenn dem wirklich so ist, dass das
te Markus seine Gedanken weiter. hier eine Zwischenwelt ist, dann haben
In den Gesichtern der anderen stan- wir ein Riesenproblem. Denn dann ist es
den ungläubiges Staunen und Zweifel. tatsächlich so, dass die Zeit hier außer
Doch keiner sagte ein Wort, bis Miller Kraft gesetzt ist.«
sich räusperte und die Worte sagte, »Und was genau bedeutet das?«,
welche nun eigentlich keiner hören fragte Claire.
wollte. »Wo es keine Zeit gibt, kann man sie
»Damit könntest du absolut richtig auch nicht programmieren. Die Zahlen
liegen. Während du die Worte gespro- im Display sind Zeichen ohne Bedeu-
chen hast, kamen in mir schreckliche tung«, antwortete Markus.
Erinnerungen hoch. Ich weiß jetzt wie- »Ja, so kann man es mit ganz einfa-
der, wie meine letzten Minuten im La- chen Worten ausdrücken«, bestätigte
bor aussahen und dass ich auf dem Weg Miller die Erklärung.
zu meinem Auto eine wirklich schlimme »Und nun?« Claires Stimme kam
Begegnung hatte. Ich war mal wieder ganz leise. Sie kämpfte schon wieder
der Letzte, räumte im Labor alles weg, mit Tränen der Verzweiflung.
unter anderem auch die noch nicht fertig »Ich weiß es nicht.« Auch Markus
gebaute Zeitmaschine, löschte das Licht, sah sehr niedergeschlagen aus, ebenso
schloss alles ab und freute mich auf wie Ken und Dan.
einen ruhigen Abend. Ich verließ also Da meldete sich Michael Miller zu
das Labor, ging hinaus auf den Parkplatz Wort.
und plötzlich verstellten mir fünf oder
sechs seltsame Gestalten den Weg. Sie
hatten sich vermummt und einer sprach
mich an. Er fragte ganz scheinheilig, ob
ich nicht was vergessen hätte. Na ja, ihr

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Charon führte die Untoten in die »Nun, wir müssen etwas geschehen
Richtung, wo sich der Wasserlauf be- lassen, was man zeitlich messen muss.
fand, an welchem er mit Claire gewesen Und es sollten alle hier irgendwie davon
war. betroffen sein.«
Die Lebenden brauchten Wasser. In Dans Gesicht machte sich so etwas
Deshalb befahl er den Zombies, die wie Verstehen breit. Der Sportstudent
ihn begleiteten, dass sie graben sollten. ahnte wohl als erster, was Miller ihnen
Er machte es kurz vor, zeigte in Rich- damit sagen wollte.
tung der Höhle und gestikulierte, dass »Im Sport wird oft die Zeit gemessen,
das Wasser genau dahin fließen müsse. beim Laufen zum Beispiel.«
Der Weg war weit, diese Arbeit wür- Miller bestätigte das mit einen leich-
de sicher lange dauern. Doch das spielte ten Kopfnicken.
hier ja keine Rolle. Der Einzige, dem »Das wäre eine Möglichkeit. Aber
alles viel zu langsam vorkam, war der ziemlich schwierig, wenn du dir die hier
Einäugige selber. alle mal anschaust.« Er zeigte dabei in
Er trieb die Grabenden immer wieder die Runde.
an, doch die blieben ganz stoisch bei »Da wirst du keinen Laufwettbewerb
ihrer Arbeit. starten können, aber vom Prinzip her
Und so schlängelte sich nach und hast du Recht.«
nach ein weiterer schmaler Bach durch »Wir müssen also etwas tun, wobei
das Tal, der irgendwann den Eingang alle mitmachen und beschäftigt sind.
der Höhle erreichen würde. Doch was?« Auch Ken hatte den Sinn
verstanden, und Claire und Markus
schauten nun auch etwas verständnisvol-
ler.
Es folgte ein kurzer Moment des
Schweigens. Alle überlegten fieberhaft,
»Ich hätte da eine Idee. Eher eine va- was sie machen könnten.
ge Vermutung, aber vielleicht ist das Wieder war es Dan, der zuerst einen
eure einzige Chance. Wenn ich das Vorschlag unterbreitete.
richtig verstanden habe, liegt das Prob- »Als wir hier ankamen, waren einige
lem darin, dass ihr die Zeitmaschine der Bewohner hier draußen im Tal.
nicht programmieren könnt, weil eine Wäre es nicht möglich, dass alle hier
Basis dafür fehlt. Die Zeit. Richtig?« drinnen sich einfach in Bewegung setz-
Markus nickte. ten und das Tal durchqueren? Und wer
»Also müssen wir hier irgendwie Zeit sich nicht selbst fortbewegen kann, dem
erzeugen.« muss geholfen werden. So sind doch
Die Augen der Timetraveller wurden dann alle in Bewegung.«
immer größer. »Ich fürchte, das wird nicht reichen.
»Wie soll das denn vonstatten ge- Welches Ziel soll dieser Weg denn ha-
hen?« fragte Ken. ben? Und wie willst du da einen Zeitfak-

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

tor unterbringen?« Der Wissenschaftler ihr es denn anstellen, dass diese gan-
zweifelte zwar, aber er lehnte die Idee zen...Menschen euch folgen?«
auch nicht völlig ab. »Die reagieren doch alle auf Bewe-
»Hm, ich weiß ja nicht, ob das eine gungen, oder?« fragte der Sportstudent.
gute Idee ist oder viel zu gefährlich. »Alle? Nein, bestimmt nicht. Ist dir
Aber wie wäre es mit einer Art Verfol- denn nicht aufgefallen, dass immer die
gungsjagd? Da muss doch eine Gruppe Gleichen in Bewegung gerieten, wenn
schneller sein als die andere. Ohne Zeit ihnen jemand ein Zeichen dazu gab?«
wären alle gleich schnell.« Claire sah antwortete der Wissenschaftler.
die anderen bei ihren Worten fragend an Jetzt, wo es ausgesprochen war, fiel
und konnte selbst kaum glauben, dass es auch den Studenten auf. Alle, die in
sie zu diesem Thema einen Vorschlag der Höhle geblieben waren, mit Aus-
machte. Ihr erschien das Ganze doch nahme Millers, saßen, lagen oder stan-
sehr unglaubhaft. den noch fast genauso wie bei ihrer
Nun war es Markus, der diese Idee Ankunft an ihren Plätzen. Und das war
aufgriff und am liebsten gleich mit der ziemlich weit im Inneren der Höhle.
Umsetzung begonnen hätte. Seltsam, denn als die jungen Männer
»Klar, der Typ, der sich hier zum An- ihren Fluchtversuch unternommen hat-
führer ernannt hat, ist mit einem ganzen ten, sah es so aus, als wäre die ganze
Trupp da draußen. Wenn wir uns dem Höhle in Aufruhr geraten.
alle zeigen, wie wir die Höhle verlassen, »Gibt es denn keine Möglichkeit, all
wird er garantiert hinterher gerannt jene hier zum Rausgehen zu bringen?«
kommen. Und wenn nicht, müssen wir fragte Claire.
ihn jagen. Schließlich brauchen wir die »Das wird sehr schwierig. Ich glaube,
Zeitmaschine, um überhaupt hier weg zu je länger man hier ist, umso weniger ist
kommen, und die wird er uns bestimmt von einem Menschen übrig. Viele vege-
nicht freiwillig zurückgeben« tieren nur noch bewegungslos vor sich
»Das sehe ich genauso. Der hat die hin. Ich weiß nicht, ob die überhaupt
Zeitmaschine, nur frage ich mich jetzt, noch irgendetwas wahrnehmen«, sagte
wozu?« Mike. »Doch versuchen müsst ihr es, ich
»Ganz einfach, Claire, der weiß nicht, helfe euch, so gut ich kann.«
dass er tot ist. Wahrscheinlich hofft er, »Bevor wir aber irgendwas unter-
damit von hier verschwinden zu können. nehmen, sollten wir mal nachsehen, ob
Doch wenn unsere Theorie stimmt, dann die anderen da draußen noch weit genug
wird er keine Chance haben. Ob mit weg sind«, wandte der Japaner ein.
oder ohne Maschine«, antwortete Ken Während er die Worte sprach, ging er
ihr. auch schon zum Ausgang und lugte
»Langsam, langsam«, meldete sich vorsichtig hinaus.
Miller wieder zu Wort. »Die Idee ist »Keiner zu sehen. Ich möchte mal
vielleicht nicht schlecht, aber wie wollt wissen, wo die hin sind. Und vor allem,
was die da draußen wollen.«

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»Das soll uns im Moment egal sein, hen können, in einem hinteren Winkel
Hauptsache, sie sind weg.« Becker wur- saß, doch das wurde übersehen.
de langsam ungeduldig, er wollte etwas Markus erklärte nun noch einmal, um
tun. Und so fing er dann auch als erster was es ging. Sie mussten alle zusammen
an, mit ausgreifenden Armbewegungen versuchen, den Einäugigen und seine
auf den Ausgang zu zeigen. Dabei Begleiter aufzuspüren und sie zu verfol-
schaute er der Reihe nach jeden Untoten gen. Wenn das gelang, war der nächste
an. Schritt, Charon die Zeitmaschine wieder
Die anderen drei machten es ihm abzunehmen und während sich die Un-
nach. Sie wedelten mit den Armen, toten noch gegenseitig jagten, sollte der
immer und immer wieder. Doch es kam Versuch eines Starts der Zeitmaschine
keinerlei Reaktion. Sie wollten schon gelingen.
resigniert aufhören, als sich Michael »Das hört sich verdammt einfach an.
langsam erhob, und ebenso langsam Aber denkt daran, die Untoten haben
zum Ausgang ging. Dort angekommen eine Mordskraft. Und ich werde keine
drehte er sich um, ging zurück, beugte Hilfe sein können«, wandte Claire noch
sich zu einem anderen Bewohner hinab ein.
und versuchte, diesen auf die Beine zu »Es muss einfach gelingen. Ansons-
bekommen. Das war schwierig, doch ten...« Der Deutsche vollendete den Satz
letztendlich schaffte er es. Miller ergriff nicht. Allen vieren war klar, dass sie auf
den anderen am Arm und zog ihn Schritt dieser Welt nicht bleiben konnten, sie
für Schritt mit zum Ausgang. gehörten hier genauso wenig hin, wie
Das wiederholte er noch ein paar Zombies in ihre Welt.
Mal, und dann kam endlich Bewegung »Gut, dann los. Welche Richtung
in die Masse. schlagen wir ein?«, fragte Dan.
»Hört nicht auf damit, zum Ausgang »Wir müssen dort entlang.« Miller
zu zeigen.« Millers Worte waren über- zeigte bei diesen Worten auf den Boden,
flüssig, denn die Studenten sahen eben- und da sahen auch die anderen die Fuß-
falls, dass sich etwas tat. spuren.
Nach und nach kamen alle zum Aus- Und so gingen die Timetraveller in
gang, und wer das nicht aus eigener Begleitung eines ermordeten Wissen-
Kraft konnte, wurde einfach mitgezerrt, schaftlers und ca. vier Dutzend Untoter
so, wie die Studenten es vormachten. in die angezeigte Richtung davon.
Einige blieben dennoch zurück und Nur Claire war diesen Weg schon
nachdem Mike den ersten Schritt hinaus einmal gegangen.
wagte, folgten ihm die anderen. Als
letzte verließen die Zeitreisenden die
Höhle.
Ein Blick zurück hätte ihnen gezeigt,
dass noch eine Person, die hätte mitge-
Der Einäugige versuchte immer wie-

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

der, die Grabenden bei ihrer Arbeit Komm, stütz dich auch mich, dann geht
anzutreiben. Die jedoch verstanden den es vielleicht besser.« Ken meinte es gut
Sinn seiner Gesten diesmal nicht und und die junge Frau nahm die Hilfe
setzten die Arbeit in genau dem Tempo dankbar an.
fort, in dem sie begonnen hatten. Kaum waren sie ein paar Schritte
Und so wuchs der kleine Graben weiter gegangen, gab Becker, der ganz
zwar langsam, aber stetig. Und ein Vier- vorn lief, ein Zeichen.
tel der Strecke bis zum Eingang hatten »Da vorn! Seht!«, sagte er.
sie schon zurückgelegt. Jetzt sahen es auch die anderen. In
Da spürte Charon eine Veränderung. einiger Entfernung stand eine Gestalt. Es
Irgendetwas stimmte nicht, doch er sah so aus, als schaute sie zu Boden.
wusste nicht, was. »Nun wird sich gleich heraus stellen,
Ein Blick über das Tal hätte genügt, ob unser Plan funktioniert«, meinte Dan.
doch dass außer ihm und seinen Leuten »Zuerst einmal müssen wir darauf
noch jemand unterwegs sein könnte, hoffen, dass die da nicht gleich weglau-
kam ihm gar nicht in den Sinn. fen.« Bei diesen Worten wurden Mar-
So blieb sein Blick voller Ungeduld kus’ Schritte immer größer.
auf den Arbeitenden haften. Alle anderen passten sich dem Tempo
an und so näherte sich die ganze Gruppe
schnell der anderen.
Charon bemerkte die Herankommen-
den erst, als diese sich auf etwa 100
Meter genähert hatten. Da versuchte er,
Die Verfolger näherten sich langsam seine Leute auf sich aufmerksam zu
aber stetig dem Teil des Tals, in wel- machen, damit sie sich auf einen Kampf
chem Claire mit Charon wegen der Su- einstellen konnten. Das war aber nicht
che nach Wasser unterwegs gewesen so einfach, weil die Untoten sich ganz
war. Die Studentin konnte das üppigere auf ihre Tätigkeit konzentrierten. So
Grün der Pflanzen schon erahnen. We- ging er zu den einzelnen hin und schüt-
gen der Schmerzen, die der gebrochene telte sie zum Teil recht unsanft an der
Arm ihr bereitete, war der Weg diesmal Schulter und gab ihnen dann Zeichen,
besonders qualvoll für sie. Es kam ihr so dass sie aufstehen und sich formieren
vor, als kämen die anderen nur wegen sollten.
ihr nicht so schnell voran. Als die Studenten mit ihrem Trupp
»Geht ihr voraus, ich kann einfach heran waren, standen sie dem Einäugi-
nicht schneller. Mein Arm...«, sagte sie gen und seinen zwei Dutzend Gefolgs-
zu ihren Freunden. leuten gegenüber.
»Claire, wir müssen zusammen blei- »Da bin ich aber mal gespannt, was
ben. Sowie wir die Zeitmaschine haben, das werden soll«, sagte Charon höh-
versuchen wir, von hier weg zu kom- nisch. Er wusste um seinen Vorteil. Er
men. Und da kann jede Sekunde zählen. hatte die Untoten hinter sich stehen, die

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nur auf seinen Befehl hörten und zudem dem anderen wieder zurück. Auch Cha-
auch noch viel kräftiger waren. Die ron rappelte sich auf und gesellte sich
Gruppe, die sich hinter den vier Leben- fürs erste wieder zu seiner Gruppe.
den versammelt hatte, war in seinen »Das war sehr unvorsichtig«, sagte
Augen nur der Abschaum. Zu nichts Miller, »unterschätzt einen Feind nie-
mehr zu gebrauchen. Zumindest glaubte mals. Und lasst euch nicht von eurer
er das. Wut lenken. Damit kommt ihr hier nicht
»Das kann ich dir genau sagen«, er- weiter.«
widerte Markus. »Du hast etwas, was »Ach ja, und was sollen wir deiner
uns gehört. Und das wollen wir wieder Meinung nach tun?«, fragte Dan.
zurück haben.« »Mit List könnte man vielleicht was
»So, so. Wie kommt ihr darauf, dass ausrichten.«
das Ding euch gehört? Seid ihr sicher, »Aber wie?«
dass ihr es nicht irgendwo geklaut »Nun, eure Gegner sollen glauben,
habt?« was ihr Anführer bestimmt vermutet.
»Du bist der einzige, der hier was ge- Dass der Haufen hinter euch nicht zum
stohlen hat, du Schwein. Und jetzt her Kämpfen taugt. Doch da werden sie sich
damit!« noch wundern...«
Bei diesen Worten der Studentin fing Die Studenten schauten etwas ratlos,
Charon laut an zu lachen. da sie sich selbst nicht vorstellen konn-
»Immer noch die große Klappe. Du ten, wie so ein Kampf aussehen sollte.
solltest es doch mittlerweile besser wis- Der ursprüngliche Plan sah eigentlich
sen, du kleine, verkrüppelte Schlampe.« nur eine Verfolgungsjagd vor. Aber nun
hatte sich alles geändert, da die Ti-
Das war zu viel für die jungen Män- metraveller, mit Ausnahme von Claire
ner. Sie stürzten sich zusammen auf vielleicht, nicht mit der enormen Kraft
ihren Gegner und wollten ihn zu Boden des Einäugigen gerechnet hatten.
reißen. Da schrie Claire auf. Miller drehte sich aber schon zu den
»Vorsicht! Die Zeitmaschine!« anderen Zombies um und machte Bewe-
Doch es war zu spät. Zu dritt schaff- gungen, die sogar die Lebenden verstan-
ten sie es, den Untoten von den Füßen den. Es waren eindeutige Anweisungen,
zu holen, und plötzlich fanden sich alle die Gegner mit allen Mitteln nieder zu
vier am Boden wieder und schlugen strecken. Der Wissenschaftler legte sich
gegenseitig auf sich ein. Obwohl die beide Hände an den Hals, boxte und trat
Timetraveller alle Kraft aufbrachten, die in die Luft und tat so, als hielte er einen
noch in ihnen steckte, merkten sie, dass Gegner am Boden fest.
sie dem Zombie nicht gewachsen waren. Die Untoten schauten sich das an,
Hinter seinen Schlägen steckte eine doch es gab in keinem Gesicht eine
solche Wucht, dass sie mit blanker Regung.
Muskelkraft hier wohl nicht weiterka- »Glaubst du, dass das funktioniert?«,
men. So zogen sie sich dann einer nach fragte Ken den Deutschen leise.

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

»Es muss. Sonst stecken wir mal sie sich ebenfalls mit Fäusten und Trit-
wieder ganz schön in der Scheiße.« ten.
Markus drückte wieder einmal auf seine Die Studentin sah mit Schrecken, wie
Art aus, was alle dachten. die Leiber übereinander herfielen. Es
war schwierig für sie, Freund und Feind
auseinander zu halten.
Sie sah, wie Markus von zwei An-
greifern bedrängt wurde, seine Fäuste
schlugen in wilder Panik um sich. Lan-
Charon stand währenddessen vor sei- dete er einen Treffer, schlug sofort der
ner Gruppe und gestikulierte wild. Dabei andere auf ihn ein. Bald sah es so aus,
sah er in viele verständnislose Gesichter. als ob er immer langsamer reagierte und
Für die Untoten war die Welt aus den nur noch versuchte, sich zu schützen. Er
Fugen geraten, sie wussten nicht, was hatte etliche Schläge eingesteckt, so dass
hier vor sich ging. Doch sie würden seine Nase blutete und er eine Platz-
gehorchen. Wie immer. Für sie bestand wunde oberhalb der Schläfe hatte. Das
das Ausführen eines Befehls eigentlich Blut lief ihm ins Auge, was seine Sicht
nur in der Nachahmung dessen, was der beeinträchtigte und er nur noch die Ar-
Anführer vormachte, doch dabei war me vorm Gesicht verschränkte.
dieser momentan sehr gründlich. Ken hingegen versuchte seine Gegner
Und so gingen sie zum Angriff über. wieder mit schnellen gezielten Tritten
Langsamer zwar, als von der Gegenseite auszuschalten, was ihm bei zweien auch
erwartet, aber dafür um so heftiger. schon gelungen war. Die lagen ein Stück
Sie stürzten mit brachialer Gewalt los abseits, einer mit einem merkwürdig
und trampelten die ersten der Gegner verdrehten Arm, der andere völlig
einfach nieder. benommen von einem Tritt ins Gesicht.
»Zieht euch zurück, ihr habt keine Doch auch Kens Kräfte erlahmten sehr
Chance im Kampf!«, schrie der Wissen- schnell und bei Dan sah es auch nicht
schaftler den Zeitreisenden zu. Doch gut aus.
außer Claire wollte davon keiner was Er lag am Boden und wurde von
hören. Die Frau lief schnell aus der mehreren Gegnern traktiert.
Gefahrenzone, sich ihrer hilflosen Situa- Das alles passierte so schnell, dass
tion durchaus bewusst. Dafür sorgten Miller einen Augenblick brauchte, um
schon die Schmerzen. eingreifen zu können.
Die drei Männer jedoch stellten sich »Wir müssen die Lebenden schützen!
dem Kampf. Ken konnte anfangs noch Verteidigt sie, los, drängt die Angreifer
mit seiner japanischen Kampfkunst zurück!«, schrie er auf einmal. Doch
auftrumpfen, doch in dem wirren seine Worte gingen unter oder wurden,
Durcheinander roher Gewalt war das was wahrscheinlicher war, gar nicht
bald nicht mehr möglich. So verteidigten verstanden. Dann griff er ins Geschehen
ein und suchte sich keinen Geringeren

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als Charon zum Zweikampf aus. Wäre Markus fügte sich in sein Schicksal,
der einmal ausgeschaltet, würden sich er war einfach noch zu benommen von
seine Anhänger vielleicht auf ihn selbst den Schlägen, die er eingesteckt hatte.
fixieren. Und- der Einäugige war noch Doch die anderen drei setzten sich
im Besitz der Zeitmaschine. mit allen verbliebenen Kraftreserven zur
Der Wissenschaftler griff den ehema- Wehr. Und irgendwie muss es Miller
ligen Söldner von hinten an. Ein Faust- gelungen sein, den Untoten einen Befehl
schlag in die Nieren, ein Tritt in die zu geben, denn der Kampf stockte plötz-
Kniekehlen, und es sah fast so aus, als lich und keiner wusste mehr so genau,
wäre das schon der Sieg. auf wen er einprügeln sollte.
Doch dabei hatte Miller nicht an die Währenddessen liefen die Flüchten-
anderen Untoten gedacht. Charon muss den immer weiter und der Einäugige
ihnen irgendwie noch Zeichen gegeben holte dabei die Zeitmaschine hervor.
haben, denn nun stürzten sich einige auf »Du wirst mir jetzt ganz genau sagen,
ihn und schlugen ihn zu Boden. Charon wie das Ding funktioniert. Mal sehen,
hingegen stand wieder auf, als wäre vielleicht nehme ich dich ja mit auf die
nichts geschehen. Sein Blick suchte Reise.« Ein hässliches Grinsen unter-
nach der Frau. malte diese Worte an die junge Frau.
Die Studentin war jedoch so verzwei- »Niemals«, keuchte sie, »selbst wenn
felt auf ihre Freunde konzentriert, dass ich wüsste, wie das geht...Aahh!« Cha-
die gar nicht mitbekam, wie er sich ihr ron hatte seinen Griff verstärkt, so dass
von der Seite näherte. Erst als sie den Claire glaubte, er hätte ihr den Arm
eisernen Griff an ihrem gesunden Ober- ausgerissen.
arm spürte, wurde ihr die Gefahr be- »Überleg es dir gut. Ich verschwinde
wusst. Sie stieß einen schrillen Schrei hier, aber ob mit oder ohne dich, liegt an
aus, der ihren Freunden durch Mark und dir.«
Bein ging. »Du Schwein, mit dir gehe ich nir-
Charon zeigte mit dem Finger auf gends freiwillig hin.«
Ken, Dan und den Wissenschaftler und »Gut. Dann bleib hier und verrotte so
setzte dann mit einer Geste dran, diese elendig wie die anderen!«
drei am Boden zu halten, und bei Mar- Unterdessen war der Vorsprung auf
kus gab er zweien seiner Leute ein Zei- etwa hundert Meter angewachsen, so
chen, dass sie mit ihm folgen sollten. dass sie ihr Tempo etwas drosseln konn-
Und sofort zerrte er Claire herum und ten.
lief schon mit ihr davon. Becker hing halb bewusstlos zwi-
»Nein«, schrie sie, »lass mich los, du schen den beiden Zombies, als Charon
Ekel!« Doch sie hatte gar keine andere sich ihm zuwandte.
Chance, als mitzulaufen, wenn sie nicht »Du, Klugscheißer, dann wirst du
am Boden hinterher geschliffen werden mich eben hier wegbringen. Kannst dir
wollte. damit deine Fahrkarte aus der Hölle
verdienen!« Das hämische Lachen bei

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

diesen Worten weckte in Markus noch Damit konnte sie Charon also nicht
mal einen kurzen Widerstand und er zum Anhalten bewegen. Sie hatte ei-
spuckte in Richtung des Anführers. gentlich nur eine Wahl. Sie musste sich
Sie liefen noch ein Stück, dann pas- auf den schmalen Grat begeben und so
sierte das Unglaubliche. tun, als würde sie doch kooperieren.
»Hey, ich hab’s mir überlegt. Es »Gut. Ich helfe dir«, sagte sie plötz-
reicht, wenn die anderen hier bleiben. lich.
Ich geh mit.« »Was hast du gesagt?«, meldete sich
Claire stockte der Atem, ihre Augen da der Deutsche.
wurden riesig und sie fand keine Worte. »Sei still. Wer wollte denn zuerst die
»Na, wenigstens einer von euch anderen hier im Stich lassen? Nun bin
scheint seinen Verstand noch gebrau- ich es eben.«
chen zu können. Los, sag mir, was ich Markus konnte nicht glauben, was er
machen muss!« da hörte. Oder hatte Claire die gleiche
»Das geht nicht. Die Maschine kann Idee wie er? Wollte sie auch nur versu-
nur ich programmieren.« chen, die Zeitmaschine wieder zu erlan-
»Willst mich wohl für dumm verkau- gen? Doch was dann?
fen, was? Du wirst mir jetzt sagen, wie Nun versuchte er, das Tempo zu
das geht, sonst lernst du deine Begleiter drosseln und täuschte eine Ohnmacht
erst richtig kennen.« Charons Auge vor. Er ließ sich einfach fallen und die
funkelte wütend. beiden Handlanger des Einäugigen
»Aber es geht nicht. Ich muss pro- mussten sein ganzes Gewicht tragen.
grammieren.« Schon traf ihn eine Faust »Wo will der Einäugige eigentlich
in den Magen. Becker sackte zusammen, hin?«, fragte sich Claire. Sie sah jetzt,
wurde aber festgehalten und weiter dass er in Richtung der Stelle lief, wo
gezerrt. sie angekommen waren. »Doch warum
Unterdessen überlegte Claire krampf- dahin? Danach kam doch nur noch die
haft, was sie tun könnte, um den Ab- Felswand.« Die Studentin ahnte, dass
stand zu den Verfolgern wieder verrin- dort noch mehr sein musste als nur Fel-
gern zu können. sen, doch eine genauere Vorstellung
»Ich muss mal«, sagte sie. hatte sie nicht.
»Was?« Sie drehte sich kurz um, um nach den
»Ich muss mal.« anderen zu schauen und erschrak heftig,
»Da hast du dir einen denkbar un- als sie sah, wie weit sie denen schon
günstigen Moment ausgesucht, meine voraus waren. Wenn die Zeitmaschine
Liebe. Vergiss es!« jetzt programmiert werden würde, hätten
»Hey, soll ich mir vielleicht in die Ken und Dan keine Chance mitzukom-
Hose pinkeln?« men. Es schien da hinten immer noch
»Na und, wen interessiert das? Wirst kleine Rangeleien zu geben, was sie
es wohl müssen.« natürlich aufhielt.

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von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

Dann standen sie vor der Felswand. Die Ohrfeige kam wie aus dem
Der untere Teil sah ja noch begehbar nichts.
aus, doch weiter oben war nur noch der »Du sagst mir jetzt, was ich machen
nackte Fels. Plötzlich bog der Untote muss, sonst kannst du schon mal Ab-
nach links ab und wurde immer schnel- schied von dem da nehmen!« Er zeigte
ler. Kurz darauf fand sich Claire nach auf Markus, und Claire fing an zu zit-
einem heftigen Ruck im Dunkeln wie- tern. Was sollte sie bloß tun?
der. Hinter ihr stolperten die drei ande- »Drück zuerst die Taste V1«, sagte
ren, den Deutschen noch immer mit- sie. Ihre Stimme versagte ihr beinahe
schleifend, ebenfalls in die Dunkelheit. den Dienst.
Die Augen gewöhnten sich wieder Charon betätigte die Taste, und es
sehr schnell an die neuen Lichtverhält- war einfach nicht zu fassen, doch das
nisse und nun sah die junge Frau, dass Display leuchtete auf.
sie in einer kleinen Felsengrotte standen. Beckers Augen wurden immer größer
Nicht größer als ein normales Zimmer. und er versuchte, sich aus dem Griff
Ansonsten aber eben so trostlos wie die seiner Bewacher zu befreien. Das war
große Höhle. aber vergeblich, denn sie hielten ihn
»Willkommen in meinem Reich. Ihr sehr gut fest.
seid die ersten, die hiervon erfahren. »Weiter, was nun?«
Aber ihr werdet auch die Letzten sein.« »Du musst das Datum eingeben.«
Dabei lachte der Kerl so widerlich, dass »Na und wie?« Der Einäugige wurde
Markus seine vorgetäuschte Ohnmacht immer ungeduldiger.
einfach abbrechen musste, um zu sehen, »Das weiß ich nicht. Markus hat die
was genau vor sich ging. Sein Blick Maschine immer programmiert.« Dies-
suchte den der Freundin, doch sie war mal sah Claire die Ohrfeige zwar kom-
ganz auf ihren Entführer konzentriert. men, doch es tat deshalb nicht weniger
Der hielt die Zeitmaschine immer weh.
noch in den Händen. Und da bemerkte Da meldete sich der Deutsche zu
Becker das Unfassbare. Im Inneren der Wort.
Maschine flackerte ganz leicht ein Licht. »He, sie weiß es wirklich nicht. Und
Kaum wahrnehmbar, doch eindeutig da. überhaupt, was willst du mir der. Wir
Claire musste das ebenfalls bemerkt zwei zusammen könnten das ganze
haben, denn auch sie starrte genau dar- Multiversum bereisen. Komm schon, ich
auf. weiß wenigstens, wie ich uns von hier
»So, du kleine Schlampe. Und nun wegbringen kann.«
raus mit der Sprache. Was muss ich Charon wurde zunehmend ratloser.
tun?« Charons Stimme hörte sich nun Dass die Frau ihn nicht anlog, konnte er
sehr ungeduldig an. Ein falsches Wort erkennen, doch was genau wollte der
würde ihn sicher wieder seine Fäuste andere?
gebrauchen lassen. Er hatte keine Wahl. Das war hier
»Gib her, dann zeig ich es dir.« und jetzt seine einzige Möglichkeit, von

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

hier zu verschwinden. Und dazu brauch- Dabei drehte er sich zu den anderen um,
te er Hilfe. winkte zwei der Untoten heran und gab
den anderen ein Zeichen, dass sie stehen
bleiben sollten.
Zu fünft schlichen sie nun weiter.
Und fanden kurz darauf eine schmale
Öffnung im Gestein.
Miller hatte es irgendwie geschafft, Die Wortfetzen, die aus dieser Öff-
dass sich alle Kämpfenden nach und nung drangen, ließen keine weiteren
nach auf ihn fixierten. Und so versuchte Überlegungen zu.
er, die Verfolgung aufzunehmen. Es »...weiß wenigstens, wie ich uns von
kam jedoch zu kleineren Zwischenfäl- hier wegbringen kann.«
len, als ein paar von Charons Gefolgs- Ken und Dan stürmten in die Höhle,
leuten immer wieder auf die Lebenden sahen zuerst nur das schwache Leuchten
einschlagen wollten. Der Wissenschaft- der Zeitmaschine und stürzten sich beide
ler ging jedes Mal dazwischen und sorg- darauf. Der Einäugige war zu überrascht
te dafür, dass den Timetravellern nichts von diesem Angriff, dass er erst merkte,
passieren konnte, doch es hielt sie auf. dass er die Maschine nicht mehr in den
Der Abstand zu den Flüchtenden wurde eigenen Händen hielt, als er sie unter
immer größer. Doch Miller erkannte Kens Shirt verschwinden sah.
auch, dass sie auf diese Weise so etwas Miller hatte unterdessen Beckers Be-
wie einen zeitlichen Ablauf inszenierten. wachern befohlen, diesen los zu lassen
Sein Plan könnte bis dahin funktionie- und wies ihnen den Weg nach draußen.
ren, aber was, wenn die Zeitmaschine zu Claire war noch immer in der Gewalt
früh funktionierte? des ehemaligen Söldners.
»Los, wir müssen uns beeilen. Ihr So standen die sechs in der kleinen
müsst schnell zu der Maschine, sonst Höhle und hofften alle auf die große
könnte es zu spät für euch sein.« Die Chance, von dieser Höllenwelt zu ver-
Studenten mobilisierten ihre letzten schwinden.
Kräfte und fielen in einen Laufschritt. »Gib mir die Maschine«, sagte Mar-
Die Untoten machten das natürlich nach kus zu Ken.
und so kamen sie alle jetzt etwas schnel- »Nein«, schrie Claire dazwischen, »er
ler vorwärts. wird allein abhauen. Mit dem da!« Sie
Dann bemerkte Ken plötzlich, dass zeigte auf Charon.
vor ihnen niemand mehr zu sehen war. »Was? Bist du verrückt? Das habe
»Wo sind die denn hin?« Auch Dan ich doch nicht ernst gemeint.«
blickte sich suchend um. »Ach ja? Das hat sich eben aber noch
»Wie vom Erdboden verschwunden, ganz anders angehört.«
das gibt es doch nicht«, sagte er. »Claire, Markus muss die Maschine
»Wir müssen vorsichtig sein. Viel- jetzt programmieren, bevor die Bewoh-
leicht ist es eine Falle«, warnte Mike sie. ner hier wieder in ihr zeitloses Dasein

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von Gloomy Tomb – Geisterspiegel.de-pdf

zurückfallen. Ihr müsst euch beeilen.« Der Körper des Einäugigen wurde im
Miller befürchtete, dass die Energie jetzt Zeitstrudel förmlich in tausend Stücke
schon zu schwach war. gerissen. Lediglich die rechte Hand
»Und wenn es nicht anders geht, dann krallte sich noch immer an dem Glaszy-
nehmt den da mit.« Dabei blickte er linder fest.
Charon zornig an.
Der ergriff die Gelegenheit, verstärk-
te den Griff an Claires Schulter, was sie
laut aufstöhnen ließ, und trieb nun eben-
falls zur Eile an.
»Ihr macht jetzt genau, was ich sage. Miller taumelte aus der kleinen Höhle
Ansonsten breche ich der kleinen ins Freie und sah in lauter ratlose, zum
Schlampe hier noch den anderen Arm.« Teil ängstliche Gesichter. Die Untoten
Bei diesen Worten drehte er den gebro- standen da und wussten nicht, was nun
chenen Arm auf Claires Rücken, was sie zu tun war. Sie befanden sich außerhalb
unter Schreien kreidebleich werden ließ. ihrer Höhle und waren es gewohnt, dass
Als die jungen Männer das sahen, be- sie draußen geführt wurden.
durfte es keiner weiteren Worte mehr. Da erkannte der Wissenschaftler, dass
Ken gab Markus die Maschine, der die Rolle des Anführers nun ihm zufal-
hämmerte in Rekordzeit die Zahlen und len würde und so gab er seine erste An-
Buchstaben in die Tasten und hatte den weisung in dieser neuen Rolle.
Finger schon auf dem Timer-Knopf. Er zeigte in Richtung ihrer Höhle und
»So, Hände auf die Maschine, und...« ging los. Alle anderen folgten ihm.
»Warte«, sagte Ken. »Danke, Mike.« Irgendwann saßen sie wieder in ihrer
»Schon gut. Und nun macht schon.« vertrauten Umgebung und warteten.
Miller sah auf einmal sehr traurig aus. Worauf? Das wusste keiner.
Doch er wusste, dass er nicht mitgehen
konnte. Uns so hoffte er, dass mit den
Lebenden auch alle Erinnerungen aus
dieser toten Welt verschwinden würden.
Charon und Claire berührten den Zy-
linder als Letzte, dann drückte Markus Ganz hinten in der Höhle des Schat-
den Timer-Knopf. tenreiches machte sich bei der Ankunft
Zuerst geschah gar nichts, dann wur- ihrer Bewohner auf dem Gesicht eines
de es entsetzlich kalt. Und endlich stellte unscheinbaren Mannes so etwas wie ein
sich das den Timetravellern schon be- Lächeln breit.
kannte und doch immer noch unange- Er hatte sich die ganze Zeit über ver-
nehme Gefühl eines Zeitstrudels ein. steckt gehalten, denn er wusste, dass er
Doch es geschah noch etwas. Und das mit seinem Erscheinen nur Hoffnungen
war entsetzlicher als alles, was die Stu- geweckt hätte, die er nicht erfüllen
denten jemals gesehen hatten. konnte.

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TIMETRAVELLER – Episode 3 – Todeshölle - Höllentod

In all den Jahren hier hatte er seine Doch nun wusste Matthew Evans
Erinnerungen verloren geglaubt, und es endlich, dass Zeitreisen möglich waren.
waren auch jetzt nur Bruchstücke, die
davon wiedergekehrt waren.

Fortsetzung folgt…

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TIMETRAVELLER – Geisterspiegel.de-pdf

Vorschau auf Episode 4:

Die vier Timetraveller landen in einem Amerika der Zukunft, mit-


ten im Winter. Nachdem sie nur knapp dem Tod durch Erfrieren
entgangen sind, erreichen sie eine kleine Siedlung, in der merkwür-
dige Zustände herrschen. Die Bewohner sind offenbar in zwei Klas-
sen geteilt. Es gibt die so genannten Regulatoren und die Erwählten.
Während die Letztgenannten Menschen ohne Rechte zu sein schei-
nen, besteht die einzige Aufgabe der Regulatoren darin, nach einem
für die Studenten nicht nachvollziehbarem System immer wieder
Erwählte in die Berge zu bringen. Allerdings kehren kurze Zeit spä-
ter nur die Regulatoren zurück...

Erwartet mit Spannung die am 1. November erscheinende 4. Episode.

Der Titel lautet:

»IIm Fadenkreuz der Re


Regulatoren«
gulatoren
von C.C. Slaterman

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TIMETRAVELLER – Spezial – Rezension von Florian Kayser

Die Episode 2 – »Kansas City A.D. 2006«, geschrieben von Ingo Löchel,
wurde vom Leser Florian Kayser kritisiert und bewertet. Das möchten wir
in unser »Spezial« einbringen.

Nun ist sie da, endlich! Die lang ersehnte Fort-


setzung der Timetraveller-Story, die den Leser auf
eine abenteuerliche Reise mit den vier Studenten,
Dan, Markus, Ken und Claire in eine ungewisse
Zukunft, Vergangenheit und parallel existierende
Gegenwart entführt.
Nachdem sich die vier Zeitreisenden in der vor-
hergehenden Episode aus einer etwas brenzligen
Situation heraus manövrieren konnten, indem sie
sich auf einen weiteren Trip durch Raum und Zeit
gemacht haben, landen sie, scheinbar nur um einige
Monate versetzt, in ihrer Gegenwart und auch bei-
nahe an jenem Ort, an dem ihre Reise begann.
Dennoch wollen die Vier nicht so recht dem Frie-
den trauen, der sie empfängt und schon bald gibt
ihnen die Zeit und der Ort, an dem sie sich befin-
den, recht.
Einmal mehr offenbart sich den Vieren jene Problematik, mit denen sich schon Phy-
sikergenerationen herumzuschlagen hatten: Gibt es nur eine Zeit und nur eine Vergan-
genheit oder existiert noch mehr in den Weiten der Unendlichkeit, die wir gemeinhin
als Universum bezeichnen?
So treffen sie nicht nur auf jenen Matthew Evans, der ihnen die Möglichkeit des
Reisens zwischen den Zeiten ermöglichte; wenn auch eher per Zufall; sondern auch auf
sich selbst.
Getrieben von dem Wunsch, sich selbst zu entgehen und die einmalige Chance, ei-
nen Mann, der in ihrer Welt bereits bestialisch ermordet wurde, befragen zu können,
lassen sie sich einmal mehr auf ein Abenteuer ein, was sie an die Grenzen ihrer physi-
schen und psychischen Belastbarkeit führt.
Doch wieder einmal ist nichts so, wie es zu sein scheint und die Welt, in der sie sich
nun befinden, ist nicht nur eine, um wenige Monate von ihrer Ausgangszeit abwei-
chende, sondern eine vollkommen andere, in der Gesetzmäßigkeiten und Regeln gelten,
die nur wenig mit dem gemein haben, was ihnen vertraut ist.

Nach dem wunderbaren Auftakt zum Online-Heftroman Timetraveller sind erfah-


rungsgemäß die Anforderungen an denjenigen, der in diese Fußstapfen zu treten hat,
sehr hoch angesiedelt. Zumal die Vorfreude auf die Fortsetzung der Abenteuer, die sich

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TIMETRAVELLER – Geisterspiegel.de-pdf

um die sympathischen Timetraveller ranken, nicht nur bei mir unbändig gewesen sein
dürfte.
Gerade diesen Erwartungen zu entsprechen, ist dem Autor der zweiten Episode gut
gelungen und auch die Vorfreude wurde vollends erfüllt.
Es ist müßig, erneut darüber zu reden, dass allein der Grundgedanke der Geschichte,
eine Reise durch Raum und Zeit, per se faszinierend und packend ist, dennoch sollte an
dieser Stelle betont werden, dass selbst ein Grundstoff wie dieser entweder gut oder
schlecht bearbeitet werden kann. Meiner Meinung nach ist es den beiden bisherigen
Autoren gelungen, Spannung, Dreidimensionalität der Figuren, Lebendigkeit und die
Möglichkeit für den Leser, eine Bindung zwischen der Geschichte und ihren Figuren
einerseits sowie sich selbst andererseits in einem Maße herzustellen, das beachtlich ist
und allen nachfolgenden Autoren eine Steilvorlage bietet.
Ingo Löchel hat in der Episode mit dem wenig preziösen, sondern eher prosaischen
Titel: „Kansas City A.D. 2006“ ein Abenteuer entwickelt, welches viele vertraute Ele-
mente der jüngsten Unterhaltungsmedienvergangenheit verwendet. Diese arrangiert er
so kunstvoll, dass der Leser trotz der diversen Wiedererkennungsmomente, die sich
beim Lesen einstellen, nicht gelangweilt ist, sondern im Gegenteil zum Weiterlesen
angeregt wird. Mit anderen Worten – so prosaisch der Titel, so faszinierender ist der
Inhalt.
So findet sich ein Konglomerat aus Harry Potters Magie, Matrix’ futuristischer Cy-
bertechnologie, einem Hauch von Actionthriller a lá Bruce Willis-Filmen, gepaart mit
dem komödienhaften Futurismus a là Men in Black und einer Prise griechischer My-
thologie in Form von „cerberuischer Bestialität“, sowie einigen Elementen, die sehr
stark an Harrison Fords „Indiana Jones“ erinnern mögen, zusammengewoben zu dem,
was letztendlich eine Geschichte ist, die ob ihrer stilistischen Zitate und Anlehnung an
Bewährtes, genuin Ingo Löchel, im Sinne der „Philosophie“ des Onlineheftromans
„Timetraveller“ ist.
Dennoch gibt es, wie bei jeder kritischen Betrachtung auch jene Momente, da man
innehalten und sich fragen muss, ob wirklich alles Gold ist, was da glänzt und so muss
auch ich an dieser Stelle einmal beginnen, an der Oberfläche zu kratzen und einige
Stellen offen legen, deren literarischer Goldwertgehalt zu stark vermischt ist mit ande-
ren Metallen.
So ist, für meinen Geschmack, dem Autor stellenweise die Gewichtung der chrono-
logischen Abläufe nicht ganz so lupenrein gelungen, wie man sich dies vielleicht ge-
wünscht hätte. So stehen am Anfang der Geschichte sehr ausführliche Dialoge, die
letztendlich für den weiteren Fortgang der Geschichte nicht jene Bedeutung haben, die
man ihnen als Leser, ob des eingeräumten Zeilenvolumens beigemessen hätte. Im Ge-
genzug wiederum sind so manche Szenen, deren Dramatik essentiell für den immanen-
ten Spannungsbogen sind, eher zu kurz gekommen, auch wenn der Autor bemüht ist,
die Kürze als „Würze“ erscheinen zu lassen, indem er detailreich die Brutalität einiger
Protagonisten bzw. ihres Verhaltens schildert.

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TIMETRAVELLER – Spezial – Rezension von Florian Kayser

So packend die Spannung der zweiten Episode der Timetraveller ist, so klischeehaft
aufgesetzt wirken manche Szenen und auch neue Figuren. Der Lesefluss, welcher sich
ob der guten Leistungen des Autors sehr geschmeidig für den Leser gestaltet, wird
gerade durch diese stilistischen Stolpersteine zum Stocken gebracht, was jedoch ge-
messen an der Gesamtleistung nur ein geringfügiger Makel ist, über den man getrost
hinwegsetzen kann und auch sollte.
Dennoch scheint es mir angeraten zu sein, manche Figur bzw. deren Beschreibung
ein wenig der offensichtlichen Fingerzeige, mit denen der Autor den Leser förmlich zu
einer Bewertung der Figuren drängt, zu berauben, da diese dem restlichen Stil des Au-
tors so gar nicht entsprechen wollen und etwas unbeholfen wirken.
Wie gesagt, der Auftakt zu dem Heftroman war ein mehr als gelungener und daher
wäre es ungerecht, Ingo Löchel an seinem „Vorlagengeber“ zu messen. Jede Geschich-
te sollte für sich betrachtet und entsprechend bewertet werden. Diesen guten Vorsatz
beherzigend, komme ich zu dem Fazit, dass auch hier wiederum ein wunderbares Ex-
emplar der Gattung des Heftromans vorgelegt wurde und entsprechend die Spannung
und Vorfreude, die sich längst bei mir eingestellt hatte, um einige Nuancen angerei-
chert werden konnte, so dass der 1. September in weiter Ferne zu liegen scheint, als
dass man dieses Warten ohne größeren „Schaden“ überstehen könnte.
Ein großes Lob an den Autor, versehen mit einem ebensolchen Dank, für die tolle
abwechslungsreiche Unterhaltung und Bereicherung der Freizeit, die er den Lesern
angedeihen lässt.
Florian Kayser, Juli 2007

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Timetraveller, weitere Serien und Kurzgeschichten
gibt es online auf

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