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VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH
Gerhard-Boeden-Str. 2, 53340 Meckenheim
53338 Meckenheim
+49(0)2225 89-23302
+49(0)2225 89-45461
Scholz, Carsten
st44@bka.bund.de
ST 44 - 2016-0000310378
29.01.2016

Informationsaustausch in Staatsschutzangelegenheiten/Karneval-2016
hier: Gefährdungsbewertung BKA
ohne
keine
Vorbemerkungen
Die anstehende „fünfte Jahreszeit“ steht vornehmlich aufgrund der bundesweiten Ereignisse
aus der Silvesternacht im Fokus unterschiedlichster gesellschaftlicher, medialer und politischer Erörterung. Vor dem Hintergrund der aktuellen Bedrohungslage in Europa/Deutschland
und der jüngsten terroristischen Vorfälle, ist den Karnevalsveranstaltungen eine gewisse Gefährdungsrelevanz beizumessen.
In Abhängigkeit von der Medienberichterstattung, die ggf. nicht nur den Bezug Karnevalsfeierlichkeiten und allgemeine Gefährdungslage zieht, sondern mit Ereignissen wie der Absage
des Karnevalsumzugs in Braunschweig/NI 2015 oder den Ereignissen in der Silvesternacht
2015 willkürlich verknüpft, sind die Veranstaltungen geeignet, eine begleitende Hinweislage
unterschiedlicher Qualität, vornehmlich aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus, zu
generieren.
Die anstehenden Karnevalsfeierlichkeiten sind insofern einer phänomenübergreifenden Gefährdungsbewertung zu unterziehen.
Diese stellt sich aktuell im Einzelnen wie folgt dar:

ZUSTELL- UND LIEFERANSCHRIFT:
Überweisungsempfänger:
Bankverbindung

BKA, Gerhard-Boeden-Str. 2, 53340 Meckenheim
Bundeskasse Trier
Deutsche Bundesbank
Filiale Saarbrücken (BBk Saarbrücken)
BIC MARKDEF1590
IBAN DE81 5900 0000 0059 0010 20

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1.

Politisch motivierte Kriminalität (PMK) -linksWie bereits in der Vergangenheit auch, nimmt der Karneval 2016 aus Sicht der PMK
-links- keine tragende Rolle ein. Entsprechende Thematisierungen in einschlägigen
Medien, die auf unfriedliche Aktionen im unmittelbaren Begründungszusammenhang
„Karneval 2016“ hindeuten, konnten bislang nicht festgestellt werden und stehen auch
nicht zu erwarten.
Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dennoch gängige Aktionsmuster, u.
a. im Rahmen von Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner, gleichwohl
auch für diesen Zeitraum einzukalkulieren sind.

2.

PMK -rechtsIm Bereich der PMK -rechts- liegen bislang weder Erkenntnisse noch Hinweise vor,
die - unter Gefährdungsgesichtspunkten betrachtet - auf unfriedliche Aktionen mit
unmittelbarem Bezug zu den Karnevalsfeierlichkeiten hindeuten.
Unabhängig davon muss aber befürchtet werden, dass es, beeinflusst durch die Ereignisse zum Jahreswechsel beim (zufälligen) Aufeinandertreffen im öffentlichen Raum
von (vermeintlichen) Flüchtlingen und Angehörigen der rechten Szene zu verbalen
Auseinandersetzungen bis hin zu gewalttätigen Angriffen zum Nachteil der Flüchtlinge kommen kann.

3.

PMAK
Im Bereich der PMAK liegen bislang weder Erkenntnisse noch Hinweise vor, die - unter Gefährdungsgesichtspunkten betrachtet - auf unfriedliche Aktionen mit Bezug zu
den Karnevalsfeierlichkeiten hindeuten.
Entsprechende Aktivitäten werden als ausgeschlossen erachtet.

4.

Islamistischer Terrorismus
4.1

Erkenntnisse
Eine Thematisierung von Karnevalsveranstaltungen in den einschlägigen jihadistischen Medien konnte bislang nicht festgestellt werden. Darüber hinaus liegen im Phänomenbereich derzeit weder Erkenntnisse noch Hinweise vor, die
auf eine konkrete Gefährdung der diesjährigen Karnevalsveranstaltungen hindeuten.

4.2

Islamwissenschaftliche Bewertung
Karneval (einschließlich Fasching, Fastnacht etc.) wird wie andere Feste und
Feierlichkeiten im Jahresablauf kulturhistorisch christlich geprägter Länder aus
islamischer Sicht als Fest bzw. Brauchtum christlicher Länder oder Regionen
wahrgenommen. Eine weitergehende Differenzierung hinsichtlich kulturhistorischer Entwicklungen, dem etwaigen Einfluss heidnischer Bräuche auf Karne-

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valstraditionen oder eine Unterscheidung im Hinblick auf konfessionelle Unterschiede findet dabei in der Regel nicht statt.

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Aufrufe militant-islamistischer Gruppierungen zum Kampf bzw. zu Anschlägen gegen Nationen – darunter auch Deutschland –, die gemäß der Ideologie
dieser Gruppierungen den Islam bekämpfen, sind meist sehr allgemein gehalten. Militant-islamistische Gruppierungen rufen ihre Anhänger oder Sympathisanten in der Regel dazu auf, die Staatsbürger der o. g. Nationen generell zu attackieren, ein spezifischer Anlass wie eine Karnevalsfeier ist hierfür nicht notwendig. Dabei gelten auch Zivilisten als legitime Angriffsziele.
Die generellen islamischen Verhaltensregeln zuwiderlaufenden Aspekte von
Karnevalsfeiern als Veranstaltungen mit teilweise exzessivem Alkoholgenuss,
freizügiger Kleidung und ungezwungenen sexuellen Kontakten sind aus militant-islamistischer Sicht kein Alleinstellungsmerkmal von Karnevalsfeiern.
Vielmehr treffen diese Aspekte ebenso auf vielfältige Freizeit- und Vergnügungsveranstaltungen außerhalb der Karnevalssaison (z. B. auf den Besuch von
Diskotheken, Konzerten, Restaurants oder Bars etc.) zu.
Konkrete Aufrufe, spezifisch Karnevalsveranstaltungen anzugreifen, sind dem
BKA nicht bekannt geworden.
4.3

Gefährdungsbewertung
In der Vergangenheit wurden von militant-islamistischen Gruppierungen Anschläge auf unterschiedlichste Ziele in westlichen Ländern verübt. Die
Zielauswahl reicht dabei von symbolträchtigen Gebäudekomplexen (World
Trade Center, New York/USA 2001) über öffentliche Nahverkehrsmittel (Madrid/ESP 2004, London/GB 2005) und Sportveranstaltungen (BostonMarathon/USA 2013, Paris/FRA 2015) bis hin zu Cafés, Restaurants und Musikveranstaltungen (Paris/FRA 2015).
Daneben finden sich spezifischere Ziele wie z. B. Akteure im Zusammenhang
mit der Veröffentlichung von Muhammad-Karikaturen, jüdische Einrichtungen
bzw. Person jüdischen Glaubens sowie Armee- oder Polizeiangehörige, welche
in den letzten Jahren in verschiedenen europäischen Ländern Opfer von Anschlägen bzw. versuchter Anschläge wurden.
Wie auch in der islamwissenschaftlichen Bewertung dargestellt, wurden und
werden Karnevalsveranstaltungen an sich in der Propaganda von Islamisten
bzw. von islamistischen Gruppierungen nicht besonders aufgegriffen oder verurteilt. Die Verhaltensaspekte, die islamischen Verhaltensregeln (bei strenger
Auslegung) zuwiderlaufen und damit in islamistischen Kreisen Anstoß finden
könnten, heben sich nicht von anderen Vergnügungsveranstaltungen im Bundesgebiet ab und erhöhen damit auch nicht die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt eines schädigenden Ereignisses bei Karnevalsveranstaltungen.
Aus Gefährdungssicht relevant erscheinen vielmehr die sich anlässlich solcher
Veranstaltungen bildenden Menschenmengen im öffentlichen Bereich, die aufgrund der fehlenden Zugangsbeschränkungen und flächendeckend nicht durchgängig zu gewährleistender Sicherheitsmaßnahmen eine Vielzahl an Tatgele-

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genheiten bieten. Darüber hinaus erscheint auch die große mediale Aufmerksamkeit dieser Feierlichkeiten – aus der Perspektive islamistischer Täter –
möglicherweise lohnend, um entsprechende Angriffe in deren Bedeutung zu
maximieren.

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Allerdings finden im Bundesgebiet über Karneval hinaus noch weitere zahlreiche Veranstaltungen mit entsprechenden Tatgelegenheiten und medialer Aufmerksamkeit statt. Diese breite Verfügbarkeit weicher Ziele relativiert die Faktoren, die aus islamistischer Sicht einen terroristischen Angriff lohnenswert erscheinen und damit ggf. eine erhöhte Gefährdung von Karnevalsveranstaltungen vermuten lassen könnten.
Im Ergebnis ist zu konstatieren, dass sich für die diesjährigen Karnevalsveranstaltungen keine Änderung der Gefährdungsbewertung gegenüber anderen öffentlichen Veranstaltungen im Bundesgebiet ergibt. Es besteht weiterhin eine
hohe abstrakte Gefahr für deutsche Einrichtungen und Interessen durch den islamistischen Terrorismus, die sich jederzeit in Form von gefährdungsrelevanten Ereignissen bis hin zu terroristischen Anschlägen konkretisieren kann.

5.

Sonstiges
5.1

Folgen der Vorkommnisse zum Jahreswechsel 2015/2016
Derzeit nicht verlässlich bewertet werden kann, ob die erhöhte Sensibilität und
folglich die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen (z. B. quantitative Steigerung
von Polizeikräften und privatem Security-Personal bis hin zur Gründung von
Bürgerwehren) im Nachgang zu den Ereignissen zum Jahreswechsel eine wiederholte Tatausführung nach dem bekannten Muster verhindern werden.
Wenngleich grundsätzlich verlaufs- und situationsabhängig vergleichbare
Handlungen weiterhin einkalkuliert werden müssen, dürften die umfangreich
getroffenen Maßnahmen zumindest einen erheblichen Teil potenzieller Täter
von einem vergleichbaren Agieren abhalten.

5.2

Vermehrtes Hinweisaufkommen
Aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit steht zu erwarten, dass die
Ereignisse in Paris/FRA, Istanbul/TUR, Köln/NW zu Silvester in Verbindung
mit der im letzten Jahr abgesagten Veranstaltung in Braunschweig/NI geeignet
sind, Sachverhalte/Hinweise unterschiedlichster Qualität zu generieren, die eine (angebliche) Gefährdung der Feierlichkeiten zum Inhalt haben.
Dies schließt den Zeitraum im Vorfeld ebenso mit ein, wie die eigentlichen
Feierlichkeiten von Weiberfastnacht bis hin zum Aschermittwoch.
Vor dem Hintergrund der bestehenden Bedrohungslage in Deutschland sollte
diese Entwicklung vornehmlich für ein Hinweisaufkommen gelten, deren Inhalte vorgeben, unmittelbare Bezüge in den Bereich des islamistischen Terrorismus aufzuweisen.

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Vereinzelt sind gleichwohl auch Sachverhalte einzukalkulieren, die einen anderen Phänomenbezug aufweisen. Hinweise auf Flashmob-Veranstaltungen oder
Ereignisse nach dem Muster der Vorfälle in der Silvesternacht sind ebenfalls in
Betracht zu ziehen.
Eine nicht unerhebliche Rolle dürfte hierbei der die Hinweise bzw. Vorfälle
begleitenden Medienberichterstattung zukommen.
So wurde am 26./27.01.2016 unmittelbar nach Bekanntwerden eines auffälligen Chemikalienkaufs in einem Baumarkt nahe Köln durch eine männliche
Person, dessen tatsächlichen Hintergründe noch völlig offen waren, bereits
über eine die Absage des Rosenmontagsumzuges rechtfertigende herausragende Gefährdungslage spekuliert.

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Mit dem Näherrücken der Veranstaltungen dürfte die Wahrscheinlichkeit für
vergleichbare Sachverhalte bzw. Spekulationen noch zunehmen.
Der Mehrheit der Sachverhalte innerhalb des prognostizierten Hinweisaufkommens dürfte allerdings kein realer Hintergrund beizumessen sein, sondern
lediglich den Zweck des Aufbaus einer Drohkulisse folgend bzw. in den Bereich (Karnevals-)Scherzen einzuordnen sein.
Ein seriöser Umgang bei der Analyse und Bewertung ist jedoch in jedem Einzelfall seitens der Sicherheitsbehörden zu gewährleisten.
5.3

Sonstige (phänomenübergreifende) Aspekte
In Ermangelung einer entsprechenden Erkenntnislage ist es derzeit nicht möglich, verlässlich zu prognostizieren, ob spezielle Motivwagen oder aber auch
kritische Büttenreden etc. eine Gefährdung von Personen und Objekten nach
sich ziehen.
Es ist jedoch einzukalkulieren, dass vornehmlich islamkritische Thematisierungen oder je nach Inhalt auch Aussagen zur Flüchtlingsthematik eine ebensolche zufolge haben können.
Darüber hinaus ist ebenfalls in Betracht zu ziehen, dass mutmaßlich als „verdächtig“ ausgemachte Kostüme/Verkleidungen, vornehmlich mit Waffen, zu
einer Verunsicherung in der Bevölkerung/unter Karnevalsteilnehmern führen
und eine entsprechende Hinweislage nach obigem Muster generieren können.

6.

Fazit
In der Gesamtschau ist zu bilanzieren, dass dem BKA aktuell keine Erkenntnisse vorliegen, die auf eine konkrete Gefährdung der Karnevalsfeierlichkeiten 2016 hindeuten.
Dies gilt sowohl für den sogenannten Straßenkarneval als auch für begleitende Veranstaltungen in geschlossenen Räumen.
Mit einem erhöhten Hinweisaufkommen während der Karnevalsfeierlichkeiten nach
den zuvor beschriebenen Mustern ist zu rechnen.

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Der aktuellste Hinweis mit Bezug zum Rosenmontagszug in Düsseldorf/NW vom
27.01.2016 bestätigt diese Prognose nachhaltig. Mittels folgenden Texts (Fehler wurden übernommen)
„Betreff: Terrorwarnung
Bitte Absagen keine Rosenmontag die Karnevalsumzug ! Islamisten Terroristen wollen
eine Anschlag eingeplant. Ich habe die Islamisten abgehört. Auch Sex Mob Attacke !“
warnt eine Person u.a. vor einem islamistisch motivierten Anschlag.
Die Sicherheitslage in Deutschland ist nach wie vor maßgeblich von einer hohen abstrakten Gefährdung durch den islamistischen Terrorismus geprägt. Dies gilt entsprechend auch für die Karnevalstage und -veranstaltungen.
Diesbezüglich darf auch auf die Inhalte der Gefährdungslagebewertung des BKA zum
islamistischen Terrorismus, Lagefortschreibung Nr. 36 vom 13.04.2015 samt Aktualisierung vom 26.11.2015 verwiesen werden; sie gelten fort.
Sollten lageverändernde Informationen bekannt werden, hierzu gehören insbesondere
lageverschärfende Tendenzen/Informationen, wird nachberichtet.
Sachverhalt und Bewertung werden zur Kenntnisnahme und Lageeinschätzung sowie
für Maßnahmen in eigener Zuständigkeit übersandt.

Im Auftrag
gez.
Voß, LKD

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