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HUSSERLIANA

EDMUND HUSSERL

GESAMMELTE W ERK E

BAND XI ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

AU F GRUND DES NACHLASSES VERÖFFENTLICHT IN GEMEINSCHAFT MIT DEM H Ueo ERL-ARCHIV AN DER

UNIVERSITÄT KÖLN VOM HUSSERL-ARCHIV (LOUVAIN)

UNTER LEITUNG

VON

H. L. VAN BREDA

EDMUND HUSSERL

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

AUS VORLESUNGS- UND KOKSCHUNGSMANUSKRIPTEN

1 9 1 8 -1 9 2 6

.

HERAUSGEGEBEN

VON

MARGOT FLEISCHER

1 9 1 8 -1 9 2 6 . HERAUSGEGEBEN VON ‘ MARGOT FLEISCHER Ouw.-ils« d

Ouw.-ils« d u CeHMu] la tW M tii.ji j'. rin M

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d r j . SciÄnc<a B u m ilc M

UnsSociitAnte Phöoeophi»,

vVi'l-'.N.Ü.S.C.U.

el d« J'ArbcJlsfiusiciiiiCliüit 1-jj rcrwUiJit;

Landes Nordrh«n-We*ttü&ii,

DEN HAAG

MARTINUS NIJHOFF

1966

Copyright 1966 by M artinus N ijhoff, The Hague, Netherlands AU rights reserved, including the right to translate or to reproduce this book or parts thereof in any form

Ruhr - U n v^r if-Vf !mfi'

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PRINTED IN THE NETHERLANDS

INHALT

E

in l e it u n g

d e s

H e r a u s g e b e r s

 

X

I I I

ANALYSEN

ZUR

PASSIVEN

SYNTHESIS

E

in leitung : Die Selbstgebung in

der W a h rn e h m u n g

 

3

§ 1.

Originalbewußtsein und

perspektivische A bschattung der

R

au m g eg en stän d e

 

3

§ 2. Das V erhältnis von Fülle und Leere im W ahrnehm ungs­ prozeß und die K e n n tn is n a h m e

 

7

§ 3. Die Möglichkeit der freien Verfügung über das zur K ennt­ nis K o m m e n d e

10

§ 4,

Die Beziehung

von esse und percipi bei im m anenter und

transzendenter W ah rn eh m u n g

 

16

E

rster A b sc h n itt: M o d a lisie ru n g

25

Erstes Kapitel: D er Modus der N e g a tio n

25

§ E nttäuschung, das Gegenvorkom mnis zur Synthese der

5.

 

E

rfü llu n g

,

.

25

§ Partiale Erfüllung — W iderstreit durch unerw artete

6.

 

E

m piindungsdaten — wiederhergestellte Einstim m igkeit

28

§ Rückwirkende D urchstreichung der retentional noch bewußten früheren Vorzeichnungen und infolgedessen der

7,

 

alten W ahrnehm ungsauifassung ü b e r h a u p t

 

30

Zweites Kapitel: D er Modus des Z w eifels

 

33

§ W iderstreit zweier übereinandergelagerter W ahm eh- mungsauffassungen von gleichem hyletischem Bestand . 33

§ Entscheidung des Zweifels durch Ü bergang zu bestätigter

8.

9,

Gewißheit einerseits, N egation a n d e re rse its

36

Drittes Kapitel: Der Modus der M öglichkeit

39

§ Offene Möglichkeiten als U nbestim m theitsrahm en in­

10.

tentionaler V o rz eich n u n g

39

§ Anmutliche M öglichkeiten als Glaubensneigungen des

11.

Z

w e if e ls

42

§ K ontrastiem ng der offenen und der anm utlichen Möglich­

12.

VI

lNiiAi/r

§ 13.

Modi der Gewißheit als solcher in ihrem V erhältnis zu den

anm utlichen und offenen

Möglichkeiten

44

Viertes Kapitel: Passive und aktive

M odalisierung

51

§ Stellungnahm e des Ich als aktives A ntw orten auf die

14.

modalen Abwandlungen der passiven Doxa

51

§ Fragen als m ehrstufiges Streben nach Überw indung der

15.

M

odalisierung durch U rteilsentscheidung

58

Z w e it e r A b s c h n it t : E v id e n z

65

Erstes

Kapitel: Zur S tru k tu r der E rfü llu n g

65

 

§ Erfüllung:

16.

Synthese

von

Leervorsteüung

und

entspre­

 
 

chender A n sch a u u n g

65

 

§ der möglichen A nschauungstypen

)7.

Beschreibung

 

68

§

18.

Beschreibung

der möglichen T ypen von Leervorstellun­

 
 

gen

71

Zweites Kapitel: Die passive Intention

und die Formen ihrer Be­

w

ährung

78

 

§

19.

Ausmalung, K lärung und Bew ahrheitung in den S ynthe­

 

sen der V e ran sc h au lich u n g

78

 

§

20. Intention auf Erfüllung ist Intention auf Selbstgebung .

83

 

§21.

E rkenntnisstreben

und

Verwirklichungsstreben

87

 

§

22.

Die verschiedenen Verhältnisse von Intention und inten­

 

diertem

Selbst. Sekundäre B e w ä h ru n g

92

Drittes Kapitel: D as Problem der Endgültigkeit der E rfahrung

.

.

101

 

§ Die Fraglichkeit einer für alle Intentionen möglichen Be­

23.

 

w

ährung und ihre Konsequenz für denErfahrungsglauben

 

101

 

§ E ntfaltung des Problems des Ansich für die im m anente

24.

 

S

p h ä r e

109

 

§

25.

W iedererinnerungen, die Quelle für ein Ansich der Gegen­ stände

112

D r it t e r

A b s c h n it t : A ssoziation

117

Erstes

Kapitel: U rphänom ene und O rdnungsform en der passiven

S

y n th e s i s

 

117

 

§ 26.

Them enstellung und Them enum grenzung einer phänom e­

nologischen Lehre von der

A sso z iatio n

117

 

§ 27. V oraussetzung assoziativer

Synthesis : dieSynthesen

des

 

ursprünglichen Z eitb e w u ß tse in s

125

 

§

28.

Synthesen der H om ogenität in der E inheit einer ström en­ den G egenwart

128

 

§29.

§ 30.

Urformen der Ordnung. Ergänzung zum Vorigen: Das

K o n tra s tp h ä n o m e n

133

Individuation in Sukzession und K o ex isten z

142

t

IN H ALT

VIX

Zweites Kapitel: Das P h änomen der Affekt i o n

148

§ 32.

A fiektion als Reizwirkung auf das Ich. D er K ontrast als

 

ihre G ru n d b e d in g u n g

 

148

§ 33- Gesetze der Fortpflanzung der A ffe k tio n

151

§ Das Problem des V erhältnisses von A ffektion und Ein­

34.

 

heitsbildung

 

159

§ Die G radualität der Affektion in lebendiger Gegenwart

35.

 

und relentionalem P ro zeß

 

166

Drittes Kapitel: Die Leistung der affektiven W eckung und die repro­ duktive A ssoziation

172

§

36.

Die F unktion der W eckung in der lebendigen G egenwart

172

§

37.

R ückstrahlende

W eckung

von

Leervorstellungen

der

F

e rn s p h ä re

177

§

38.

Der Übergang

geweckter

Leervorstellungen

in Wieder-

erinnerungen

 

180

§

39.

Der Unterschied von kontinuierlicher und diskontinuier­ licher W e c k u n g

183

Viertes Kapitel: Das Phänom en der E rw a rtu n g

184

§40.

Die M otivationskausalität der E rw a rtu n g e n

184

§

4L

V erstärkung und H em m ung des Erw artungsglaubens. Die

Funktion der E rw artung für die Bildung von rationen

Konfigu­

188

Vier ter Ab schnitt: D as Ansich des B ew ußtseinsstrom s

192

Erstes Kapitel: D er Schein im Bereich der W iedererinnerung

192

§ Überschiebung, Verschm elzung und S treit von E rinne­

42.

 

rungen verschiedener V erg a n g e n h e ite n

192

§ Die Möglichkeiten des D urchbruchs einer verdrängten

43.

 

Erinnerung zur Anschauung. Enthüllung des Scheins

durch

Ü bergang in höhere

K larh e itsstu fe n

198

Zweites Kapitel: Das w ahre Sein des System s im m anenter Gewesen- h eiten

200

§

44.

Bew ahrheitung von Selbstgebungen durch ihre Ausbrei­ tung in den Außenhorizont einerseits und durch Approxi­

m

ation an die Idee absoluter K larheit andererseits

200

§

45.

Die U rtranszendenz der Bew ußtseinsvergangenheit und die Idee ihrer vollkommenen Selbstgebung

204

Drittes Kapitel: Das Problem eines w ahren Seins der Bewußtseins-

 

z

u k u n f t

211

§46.

E nttäuschbarkeit ein W esensm om ent der E rw artung

211

§

47.

Die K onstitution der objektiven W elt in ihrer B edeutung

für die bestim m te Vorzeichnung des künftigen B ew ußt­ seins

212

VIII

INHALT

Schlussbetrachtung

218

§ 48. Das Bewußtsein als Stufenbau konstitutiver Leistungen.

 

Die Disziplinen seiner system atischen

 

218

 

ERGÄNZENDE

T E X T E

A.

E rste F assung des T extzusammenhangs zwischen § 12 und

 

§ 40

(1920/21)

 

225

 

1.

Die

Verkennung

der Seinsm odalitäten

bei den

Logikern

 
 

und Erkenntnispsychologen 225

 

2.

Unabgehobenheit und Abhebung von Sinn und Seinsmodus für das Bew ußtsein

228

3.

Modalisierung immanenter Gegenstände 230

4.

Die „Erlebnistypen” nicht empirische Fakta, sondern

 
 

Formstrukturen des Bewußtscinslebens überhaupt

 

232

 

5.

Vergegenwärtigungen als notwendige Komponenten der

 

W ahrnehmungserlebnisse 234

 

6.

Vergegenwärtigungen als selbständige (konkrete) Erleb­ nisse. Die konkrete Retention undihre Modalisierung

235

 

7.

Die leere konkrete Erwartung. Ihre Modalisierung

 

238

8.

Konkrete leere Vergegenwärtigungen von (zeitlich) Gegen­ wärtigem. Ihre M odalisierung

239

9.

Auch die Vergegenwärtigungen von Gegenwärtigem sind

 

universale Vorkommnisse des Bewußtseins

 

241

 

10.

Grundtypen von „Vorstellungen”

 

242

M.

Erfüllende und bloß enthüllende Anschauungen .

 

245

12.

Weitere Klärung der Unterscheidung von Erfüllung und Enthüllung

248

13-

Passive E rfa h ru n g sp ro z e sse

 

252

14. Transzendentale Logik (umfassende Wiederholung)

.

.

.

253 -

15. Bekräftigung und B ew äh ru n g

257

16. Die Frage nach der B ew ährbarkeit des Erfahrungsglaubens

17. Das Problem des Ansich der eigenen Vergangenheit. Evi­ denz der Wiedererinnerung 266

259

18. Das Bewußtsein der Erinnerungsillusion

 

268

19. Wiedererinnerung und A ssoziation

 

270

20. Kants Lehre von der Synthesis der produktiven Einbil­ dungskraft

275

21. Entfaltung

des

Problems

des

Ansich

für

die

immanente

S p h ä y e

 

276

22. Wiedererinnerung, die Quelle für ein Ansich der Gegenstände

279

23. Unmittelbare und mittelbare Weckung

 

283

24.

Assoziation in der impressionalen Sphäre. Ihre Bedeutung für die W iedererinnerung und die analogisierende Pro-

te n tio n

285

25.

Die Gesetzmäßigkeit der R etention

 

288

INHALT

IX

B.

A b h a n d l u n g e n

291

W ahrnehm ung und ihre S elb stg eb u n g

291

 

1. Im m anente und transzendente W a h rn e h m u n g

291

2. Zeitliche und räum liche P e r s p e k ti v itä t 295

 

3. Zeit und Raum als pvincipia individuationis

 

301

Bewußtsein und Sinn — Sinn und Noema

.

304

 

1.

W ahrnehm ung und

E rin n eru n g

 

304

2.

Vergegenwärtigung

und A b b ild u n g

 

305

3.

Selbstvergessenes E rin n e rn

 

306

4.

Vielschichtigkeit

des

I c

h

,

.

.

,

309

5.

Vorerinnerungen und G egenw artserinnerungen

 

310

6.

Klarlegung der

im m anenten

S innesstruktur der

E rinne­

 
 

rungen

 

311

 

7.

Zeit als Form aller G eg en stan d ssin n e 312

8.

J

e tz t und O rig in aritä t

 

,

.

313

9.

Z

eitbew ußtsein

 

314

10.

W ahrnehm ungsstruktur und Bew ußtsein überhaupt .

 

.

.

318

11.

Noematische und noetischc Beschreibungsrichtung

 

320

12.

Identischer Sinn und noem atische M o d i

 

321

13.

Urimpression, R etention, P r o t e n t i o n

 

322

14.

R

etention und W ied ererin n eru n g

 

324

15.

W iedererinnerung und O bjektivierung. ,,G egenstand”

 

326

16.

Die zeitliche Extension des Gegenstandes als Sinnesex­ tension

328

17.

R

eproduktiver Sinn und V ergangenheitsraodi 330

18.

N o e m a tik

 

332

19.

Gegenstandspol. Ob gegenständlicher Sinn ideal identisch

 
 

i

s t

334

Statische und genetische phänomenologische Methode

 

336

C.

Be il a g e n

 

346

Beilage

 

I : Beschreibungen des W iderstreitphänom ens, abge­ sehen von der Stellungnahm e (1920/25)

346

 

I I:

Sinn

und

Seinsm odalität in W ahrnehm ung und

 

W

iedererinnerung ( 1 9 2 0 /2 1 )

 

350

 

,,

I I I : Evidenz von Möglichkeiten als solchen und m oda­

 
 

le

A bwandlung in

injinitum

(1922/23)

354

 

,,

IV

: Stufen der Entscheidung. R ezeptivität und Spon­

 

ta

n eität

(1 9 2 3 )

 

357

 

,,

V: Anschauliche V orstellungen und Leervorstellun­

 

,,

V I:

gen (1 9 2 6 ) Sinn und Anschauung (1 9 1 8 /2 1 )

 

361

363

V II:

Glaube und Intention (19 2 3 )

 

364

V III: Die A podiktizität der W iedererinnerung (1922/23)

365

1.

Die Konsequenzen der Annahme, daß Wie-

X

Beilage

*>

INHALT

X Beilage *> INHALT 2. Zweierlei transzendentale R eduktion bei der   W iedererinnerung 366 3.

2. Zweierlei transzendentale R eduktion bei der

 

W

iedererinnerung

366

3.

Die

Evidenzen im

Fluß

der W ahrnehm ung

 

und die Evidenz des zugehörigen Ausdrucks

 

368

4.

W

iedererinnerung als R eproduktion und ihr

 

V

erhältnis zur R e t e n t i o n

371

5.

K

larheitsstufen der W iedererinnerung .

.

.

372

6.

Täuschung und A podiktizität in der W ieder­ erinnerung

373

7.

Die

Vergangenheitsm odi

eines

wiederholt

 

E

rin n e rte n

374

8.

W

iedererinnerung und ihr E rw artungshori^

z

o n t

375

"

9.

W

iedererinnerung ferner Vergangenheiten

 

.

376

10.

| U nsterblichkeit des transzendentalen Ich —

 
 

''

1Unmöglichkeit, daß das transzendentale Ich geboren w ir d

 

377

 

11.

A

podiktizität von

W iedererinnerung

einer­

 

seits, E rw

artung an d ererseits

381

12.

R

e k a p itu la tio n

381

IX :

Die beiden V ariationen der Gegebenheitsweise:

 

1)

der N ähe und Ferne innerhalb der K larheit,

 

2)

der

U nklarheit

als

Verschleierung,

N ebel­

 

X :

haftigkeit (1920/26) Selbsthabe und Verhüllung in der W iedererinne­

rung. R eproduktion und R etention (1920)

.

.

383

384

X I:

. Der Begriff der assoziativen K ausalität (1920/26)

385

X

II:

Note zur prinzipiellen Fundierung der Lehre vom

 

ursprünglichen Zeitbew ußtsein (1920/26) .

.

.

.

387

X

III:

U rgegenw art und R etentionen (1920/26)

387

X IV :

Die

Leistung

der

Gleichzeitigkeitsassoziation

 

( 1 9 2 0 /2 1 )

389

X

V : Das Einheitsbewußtsein und

sein K orrelat: der

 

identische Gegenstand ( 1 9 2 2 /2 3 )

392

X

V I:

Zur Ä hnlichkeitsverbindung (1920/26)

396

X

V

II:

Sinnliche

Ähnlichkeitsverbindung.

Sinnliche

 

Gleichheit und Eidos (1920/26)

398

X V III:

Assoziation und Synthesis (1 9 2 5 )

405

X

IX :

Zur Phänomenologie der Assoziation (1926) .

.

.

411

X

X :

Zeit als Form der Individualität und subjektiver

 

W andel (1922/26)

416

X

X I : Sinnliche vielstrahlige Affektion. Sinnliche G rup­

 
 

pe

— (1 9 2 0 /2 6 )

eigentliche

Kollektivgegenständlichkeit

417

X

X

II:

D er Leerhorizont und das W issen von ihm (1922)

420

INHALT

XI

Beilage

X X III: Zur Frage nach der Potentialität des Leerhori­ zonts ( 1 9 2 2 )

424

X X IV : Wirkung und Ursache der Weckung (1920/26)

425

X X V : Kinästhesen und potentielle Erwartungen (1920/ 2 6 )

428

X X V I: Wiederholung und Wesensidentität von Wieder­ erinnerungen (1920/21)

429

,,

X X V II:

Zwei fundamentale Begriffe von Evidenz: Selbst- gebung überhaupt und reine Selbstgebung (1920/

 

2

1 )

430

,,

X X V III:

Die Probleme der definiten Bestimmbarkeit der

 

Welt ( 1 9 2 3 )

435

TEXTKRITISCHER

ANHANG

T

e x t k r it is c h e A n m e r k u n g e n

 

441

V orbem erkung

441

Textkritische

Anmerkungen

zum H

a u p tte x t

443

Textkritische

Anmerkungen

zu den

Ergänzenden T exten.

.

.

480

A. Erste Fassung des Textzusammenhangs zwischen § 12 und § 40

480

B. Abhandlungen

 

494

C. B e ila g e n

511

N

a c h w e is

d e r

O r i g i n a l s e i t e n

530

N

a m e n r e g i s t e r

 

532

#

DIE

<§ i.

E inleitung

SELBSTGEBUNG

IN

D E R

WAHRNEHMUNG»

Originalbewußtsein und perspektivische Abschattung der Raumgegenstände>

5

Die äußere Wahrnehmung ist eine beständige Prätention, etwas zu leisten, was sie ihrem eigenen Wesen nach zu leisten außerstande ist. Also gewissermaßen ein Widerspruch gehört zu ihrem Wesen. Was damit gemeint ist, wird Ihnen alsbald klar­ werden, wenn Sie schauend Zusehen, wie sich der objektive Sinn

10

als Einheit <in> den unendlichen Mannigfaltigkeiten möglicher Erscheinungen darstellt und wie die kontinuierliche Synthese näher aussieht, welche als Deckungseinheit denselben Sinn er­ scheinen läßt, und wie gegenüber den faktischen, begrenzten Erscheinungsabläufen doch beständig ein Bewußtsein von dar-

15

über hinausreichenden, von immer neuen Erscheinungsmöglich­ keiten besteht. Worauf wir zunächst achten, ist, daß der Aspekt, die perspek­ tivische Abschattung, in der jeder Raumgegenstand unweigerlich erscheint, ihn immer nur einseitig zur Erscheinung bringt. Wir

20

mögen ein Ding noch so vollkommen wahrnehmen, es fällt nie in der Allseitigkeit der ihm zukommenden und es sinnendinglich ausmachenden Eigenheiten in die Wahrnehmung. Die Rede von diesen und jenen Seiten des Gegenstandes, die zu wirklicher Wahrnehmung kommen, ist unvermeidlich. Jeder Aspekt, jede

25

noch so weit fortgeführte Kontinuität von einzelnen Abschat­ tungen gibt nur Seiten, und das ist, wie wir uns überzeugen, kein bloßes Faktum: Eine äußere Wahrnehmung ist undenkbar, die ihr Wahrgenommenes in ihrem sinnendinglichen Gehalt erschöpfte, ein Wahrnehmungsgegenstand ist undenkbar, der in einer abge-

4

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

So gehört zum Urwesen der Korrelation äußere Wahrnehmung und körperlicher „Gegenstand" diese fundamentale Scheidung von eigentlich Wahrgenommenem und eigentlich Nichtwahrge­ nommenem. Sehen wir den Tisch, so sehen wir ihn von irgendeiner 5 Seite, und diese ist dabei das eigentlich Gesehene; er hat noch andere Seiten. Er hat eine unsichtige Rückseite, er hat un­ sichtiges Inneres, und diese Titel sind eigentlich Titel für vielerlei Seiten, vielerlei Komplexe möglicher Sichtigkeit. Das ist eine sehr merkwürdige Wesenslage. Denn zu dem eigenen Sinn jeder

10

Wahrnehmung gehört ihr wahrgenommener Gegenstand als ihr gegenständlicher Sinn, also dieses Ding: der Tisch, der gesehen ist. Aber dieses Ding ist nicht die jetzt eigentlich gesehene Seite, sondern ist (und dem eigenen Sinn der Wahrnehmung gemäß) eben das Vollding, das noch andere Seiten hat, Seiten, die nicht

15

in dieser, sondern in anderen Wahrnehmungen zur eigentlichen Wahrnehmung kommen würden. Wahrnehmung, ganz allgemein gesprochen, ist Originalbewußtsein. Aber in der äußeren Wahr­ nehmung haben wir den merkwürdigen Zwiespalt, daß das Originalbewußtsein nur möglich ist in der Form eines wirklich

20

und eigentlich original Bewußthabens von Seiten und eines Mitbewußthabens von anderen Seiten, die eben nicht ori­ ginal da sind. Ich sage mitbewußt, denn auch die un­ sichtigen Seiten sind doch für das Bewußtsein irgendwie da, „mitgemeint” als mitgegenwärtig. Aber sie erscheinen

25

eigentlich nicht. Es sind nicht etwa reproduktive Aspekte als darstellende Anschauungen von ihnen da, wir können nur jeder­ zeit solche anschaulichen Vergegenwärtigungen herstellen. Die Vorderseite des Tisches sehend, können wir, wenn wir gerade wollen, einen anschaulichen Vorstellungsverlauf, einen repro-

30

duktiven Verlauf von Aspekten inszenieren, durch den eine un­

sichtige Seite des Dings vorstellig würde. Was wir dabei aber tun, ist nichts anderes, als uns einen Wahrnehmungsverlauf vergegen­ wärtigen, in dem wir, von Wahrnehmung zu neuen Wahrneh­ mungen übergehend, den Gegenstand von immer neuen Seiten in 35 den originalen Aspekten sehen würden. Das geschieht aber nur ausnahmsweise. Es ist klar, daß, was die wirklich gesehene Seite als bloße Seite charakterisiert und es macht, daß nicht sie als das Ding genommen wird, sondern daß etwas über sie Hinaus­

reichendes bewußt ist als wahrgenommen, von dem gerade nur

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

5

das wirklich gesehen ist, in einem unanschaulichen Hinausweisen, Indizieren besteht. Das Wahrnehmen ist, noetisch gesprochen, ein Gemisch von wirklicher Darstellung, die das Dargestellte in der Weise originaler Darstellung anschaulich macht, und leerem 5 Indizieren, das auf mögliche neue Wahrnehmungen verweist. In noematischer Hinsicht ist das Wahrgenommene derart ab­ schattungsmäßig Gegebenes, daß die jeweilige gegebene <Seite> auf anderes Nichtgegebenes verweist, als nicht gegeben von dem­ selben Gegenstand. Das gilt es zu verstehen.

Zunächst werden wir darauf aufmerksam, daß jede Wahr­ nehmung, noematisch: jeder einzelne Aspekt des Gegenstandes in sich selbst auf eine Kontinuität, ja auf vielfältige Kontinua möglicher neuer Wahrnehmungen verweist, eben diejenigen, in denen sich derselbe Gegenstand von immer neuen Seiten zeigen

10

15

20

25

30

35

würde. Das Wahrgenommene in seiner Erscheinungsweise ist, was es ist, in jedem Momente des Wahrnehmens, <als> ein System von Verweisen, mit einem Erscheinungskern, an dem sie ihren ' Anhalt haben, unrein diesen Verweisen ruft es uns gewissermaßen zu: Es gibt hier noch Weiteres zu sehen, dreh mich doch nach j

allen Seiten, durchlaufe mich dabei mit dem Blick, tritt näher j

heran, öffne

Umblick und allseitige Wendung. So wirst du mich kennenlernen nach allem, was ich bin, all meinen oberflächlichen Eigenschaften,

meinen inneren sinnlichen Eigenschaften usw. Sie verstehen, was

diese andeutende Rede besagen soll. In der jeweiligen aktuellen Wahrnehmung habe ich gerade die und keine anderen Aspekte und AspektWandlungen, und immer nur begrenzte Aspekt­ wandlungen. In jedem Moment ist der gegenständliche Sinn der­ selbe hinsichtlich des Gegenstandes schlechthin, der gemeinter

ist, und ist in der kontinuierlichen Abfolge der Momentanerschei­ nungen in Deckung. So etwa dieser Tisch da. Aber dieses Iden­ tische ist ein beständiges x, ist ein beständiges Substrat von wirklich erscheinenden Tisch-Momenten, aber auch von Hinwei­ sen auf noch nicht erscheinende. Diese Hinweise sind zugleich

Tendenzen, Hinweistendenzen, die zu den nicht gegebenen Er­ scheinungen forttreiben. Aber es sind nicht einzelne Hinweise, sondern ganze Hinweissysteme, Strahlensysteme von Hinweisen, die auf entsprechende mannigfaltige Erscheinungssysteme deu­ ten. Es sind Zeiger in eine Leere, da ja die nicht aktualisierten

mich, zerteile mich^ Immer von neuem vollziehe J

6

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Erscheinungen nicht als wirkliche, auch nicht als vergegenwär­ tigte Erscheinungen bewußt sind. Mit andern Worten, alles eigentlich Erscheinende ist nur dadurch Dingerscheinendes, daß es umflochten und durchsetzt ist von einem intentionalen Leer- 5 horizont, daß es umgeben ist von einem Hof erscheinungsmäßiger Legre. Es ist eine Leere, die nicht ein Nichts ist, sondern eine aus­ zufüllende Leere, es ist eine bestimmbare Unbestimmtheit. — Denn nicht beliebig ist der intentionale Horizont auszufüllen; es ist ein Bewußtseinshorizont, der selbst den Grundcharakter des

10

Bewußtseins als Bewußtseins von etwas hat. Seinen Sinn hat dieser Bewußtseinshof, trotz seiner Leere, in Form einer Vor­ zeichnung, die dem Übergang in neue aktualisierende Erschei­ nungen eine Regel vorschreibt. Die Vorderseite des Tisches sehend, ist die Rückseite, ist alles von ihm Unsichtige in Form

15

von Leervorweisen bewußt, wenn auch recht unbestimmt; aber wie unbestimmt, so ist es doch Vorweis auf eine körperliche Gestalt, auf eine körperliche Färbung usw., und nur Erschei­ nungen, die dergleichen abschatten, die im Rahmen dieser Vor­ zeichnung das Unbestimmte näher bestimmen, können sich ein-

20

stimmig einfügen; nur sie können ein identisches x der Bestim­ mung durchhalten als dasselbe, sich hierbei neu und näher be­ stimmende. Bei jeder Wahrnehmungsphase des strömenden Wahrnehmens, bei jeder neuen Erscheinung gilt immer wieder dasselbe, nur daß der intentionale Horizont sich geändert und

25

verschoben hat. Zu jedem Dingerscheinenden einer jeden Wahr­ nehmungsphase gehört ein neuer Leerhorizont, ein neues System bestimmbarer Unbestimmtheit, ein neues System von Fort­ schrittstendenzen mit entsprechenden Möglichkeiten, in be­ stimmt geordnete Systeme möglicher Erscheinungen einzutreten,

30

möglicher Aspektverläufe mit untrennbar zugehörigen Horizon­ ten, die in einstimmiger Sinnesdeckung denselben Gegenstand als sich immer neu bestimmenden zu wirklicher, erfüllender Ge­ gebenheit bringen würden. Die Aspekte sind, wie wir sehen, nichts für sich, sie sind Erscheinungen-von nur durch die von

VORLESUNGEN

-

EINLEITUNG

7

heiten des Gegenstandes unterscheidet, die wirklich erscheinungs­ mäßig und leibhaft dastehen, und solchen, die in völliger Leere und noch vieldeutig vorgezeichnet sind; daß auch das wirklich Erscheinende in sich selbst mit einem ähnlichen Unterschied be- 5 haftet ist. Auch hinsichtlich der schon wirklich gesehenen Seite ertönt ja der Ruf: Tritt näher und immer näher, sieh mich dann unter Änderung deiner Stellung, deiner Augenhaltung usw. fixierend an, du wirst an mir selbst noch vieles neu zu sehen be­ kommen, immer neue Partialfärbungen usw., vorhin unsichtige

10

Strukturen des nur vordem unbestimmt allgemein gesehenen Holzes usw. Also auch das schon Gesehene ist mit vorgreifender Intention behaftet. Es ist, was schon gesehen ist, immerfort ein vorzeichnender Rahmen für immer Neues, ein x für nähere Be­ stimmung. Immerfort ist antizipiert, vorgegriffen. Neben diesem

15

Innenhorizont dann aber die Außenhorizonte, die Vorzeichnun­ gen für solches, das noch jedes anschaulichen Rahmens entbehrt, der nur differenziertere Einzeichnungen forderte.

2 . Das Verhältnis von Fülle und Leere im Wahrnehmungsprozeß und die Kenntnisnahme*

20

Um jetzt ein tieferes Verständnis zu gewinnen, müssen wir auf die Art achten, wie in jedem Momente Fülle und Leere zueinander stehen und wie im Wahrnehmungsverlauf die Leere sich Fülle zueignet und die Fülle wieder zur Leere wird. Wir müssen die Zusammenhangsstruktur in jeder Erscheinung und die alle Er-

25

scheinungsreihen einigende Struktur verstehen. Im kontinuier­ lichen Fortgang der Wahrnehmung haben wir, wie bei jeder Wahrnehmung, Protentionen, die sich stetig erfüllen im neu Ein­ tretenden, eintretend in der Form des urimpressionalen Jetzt. So auch hier. In jedem Fortgang äußeren Wahrnehmens hat die

30

Protention die Gestalt von stetigen Vorerwartungen, die sich erfüllen, und das sagt: Aus den Hinweissystemen der Horizonte aktualisieren sich gewisse Hinweislinien kontinuierlich als Er­ wartungen, die sich stetig erfüllen in näherbestimmenden As­ pekten,

8

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Erscheinungen in Erscheinungen einstimmig ineinander über­ gehen, in die Deckungseinheit, der Einheit eines Sinnes ent­ spricht. Diesen Fluß lernten wir verstehen als ein systematisches Gefüge fortschreitender Erfüllung von Intentionen, womit freilich 5 nach anderer Seite wieder Hand in Hand geht eine Entleerung

schon voller Intentionen. Jede Momentanphase der Wahr­ nehmung ist in sich selbst ein Gefüge von partiell vollen und par­ tiell leeren Intentionen. Denn in jeder Phase haben wir eigent­ liche Erscheinung, und das ist erfüllte Intention, aber doch nur vio gradudTerfüllte, da ein Innenhorizont der Unerfülltheit und einer 'y noch bestimmbaren Unbestimmtheit da ist. Außerdem aber A gehört zu jeder Phase'ein völlig leerer Außenhorizont, der nach s Erfüllung tendiert und im Übergang nach einer bestimmten Fortschrittsrichtung danach in der Weise der leeren Vorerwar-

(

9

15

tung langt.

Genauer

besehen

müssen

wir

aber

Erfüllung

und

Näher­

bestimmung noch (und in folgender Weise) unterscheiden und müssen jetzt den Prozeß der Wahrnehmung als einen Prozeß der Kenntnisnahme beschreiben. Indem im Fortschritt der Wahr-

20

nehmung sich der Leerhorizont, der äußere und innere, seine nächste Erfüllung schafft, besteht diese Erfüllung nicht bloß darin, daß die leer bewußte Sinnesvorzeichnung eine anschauliche Nachzeichnung erfährt. Zum Wesen der leeren Vordeutung, die sozusagen eine Vorahnung des Kommenden ist, gehört, wie wir

25

sagten, Unbestimmtheit, und wir sprachen von bestimmbarer Unbestimmtheit. Unbestimmtheit ist eine Urform von Allge­ meinheit, deren Wesen es ist, sich in der Sinnesdeckung nur durch „Besonderung” zu erfüllen; soweit diese selbst den Charakter der Unbestimmtheit hat, aber der besonderen Un-

30

bestimmtheit gegenüber der vorangegangenen allgemeinen, ge­

winnt sie eventuell in neuen Schritten weitere Besonderung usf. Nun ist aber zu beachten, daß dieser Prozeß der Erfüllung, die besondernde Erfüllung ist, auch ein Prozeß der näheren Kennt­ nisnahme ist, und nicht nur einer momentanen Kenntnisnahme, 35 sondern zugleich ein Prozeß der Aufnahme in die bleibende, habituell werdende Kenntnis. Das werden wir sogleich besser verstehen. Im voraus merken wir schon, daß die Urstätte dieser Leistung die immerfort mitfungierende Retention ist. Zunächst sei daran erinnert, daß kontinuierlich fortschreitende Erfüllung

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

9

zugleich kontinuierlich fortschreitende Entleerung ist. Denn sowie eine neue Seite sichtig wird, wird eine eben sichtig gewor­ dene allmählich unsichtig, um schließlich ganz unsichtig zu werden. Aber was unsichtig geworden ist, ist für unsere Kenntnis 5 nicht verloren. Worauf das thematisch sich vollziehende Wahr­ nehmen hinauswill, ist ja nicht bloß, von Moment zu Moment immer Neues vom Gegenstand anschaulich zu haben, als ob das Alte dem Griff des Interesses entgleiten dürfte, sondern im Durchlaufen eine Einheit originärer Kenntnisnahme zu schaffen,

10

durch die der Gegenstand nach seinem bestimmten Inhalt zur ursprünglichen Erwerbung und durch sie zum bleibenden Kennt­ nisbesitz würde.1 Und in der Tat: die ursprüngliche Kenntnis­ erwerbung verstehen wir in der Beachtung des Umstandes, daß die mit der Erfüllung sich vollziehende Näherbestimmung ein

15

bestimmtes Sinnesmoment neu beibringt, das zwar im Fortgang

_zu neuen Wahrnehmungen aus dem eigentlichen Wahrnehmungs­ feld entschwindet, aber retentional erhalten bleibt. (Das ge­ schieht schon vorthematisch, schon im Hintergrundwahrnehmen. Im thematischen Wahrnehmen hat die Retention den themati-

20

sehen Charakter des Im-Griff-Bleibens.) Demgemäß hat der Leer­ horizont, in den das Neue dank der Retention jetzt eingeht, einen anderen Charakter als der Leerhorizont der Wahrnehmungs­ strecke, bevor sie originär aufgetreten war. Habe ich die Rück­ seite eines unbekannten Gegenstandes einmal gesehen und kehre

25

ich wahrnehmend zur Vorderseite zurück, so hat die leere Vor­ deutung auf die Rückseite nun eine bestimmte Vorzeichnung, die sie vordem nicht hatte. Im Wahrnehmungsprozeß verwandelt sich dadurch der unbekannte Gegenstand in einen bekannten; am Ende habe ich zwar genau wie am Anfang nur eine einseitige

30

Erscheinung, und ist das Objekt gar aus unserem Wahrnehmungs­ feld ganz herausgetreten, so haben wir von ihm überhaupt eine völlig leere Retention. Aber trotzdem, den ganzen Kenntnis­ erwerb haben wir noch, und bei thematischem Wahrnehmen noch im Griff. Unser Leerbewußtsein hat jetzt eine gegliederte,

35

systematische Sinneseinzeichnung, welche vordem, und vor allem

1

Es kann jeder

Gehalt des unveränderten

Dinges immer

wieder durch

W ahr­

nehmung erreicht werden, ich kann um die Oberfläche herumgehen, ideell kann das Ding geteilt werden und immer wieder von allen oberflächlichen Seiten angesehen werden etc.

10

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

bei Beginn der Wahrnehmung, nicht bestand. Was damals ein bloßer Sinnesrahmen war, eine weit gespannte Allgemeinheit, ist jetzt eine sinnvoll gegliederte Besonderheit, die freilich weiterer Erfahrung harrt, um noch reichere Kenntnisgehalte als Be- 5 stimmungsgehalte anzunehmen. Kehre ich zu Wahrnehmungen der früheren Bestimmung wieder zurück, so laufen sie nun ab im Bewußtsein des Wiedererkennens, im Bewußtsein: „all das kenne ich schon”. Nun findet bloß Veranschaulichung, und mit ihr erfüllende Bestätigung der leeren Intentionen statt, aber

10

nicht mehr Näherbestimmung.

<§ 3. Die Möglichkeit der freien Verfügung über das zur Kenntnis Komrnende>

Indem die Wahrnehmung ursprünglich Kenntnis erwirbt, er­ wirbt sie auch ein für die Dauer bleibendes Eigentum des Er-

15

worbenen, einen jederzeit verfügbaren Besitz. Worin besteht diese freie Verfügbarkeit? Frei verfügbar ist dieses schon Be­ kannte, obschon Leergewordene insofern, als die nachgebliebene leere Retention jederzeit frei erfüllbar ist, jederzeit zu aktuali­ sieren ist durch Wiederwahrnehmung im Charakter des Wieder-

20

erkennens. Herumgehend, nähertretend, mit den Händen tastend etc., kann ich alle schon bekannten Seiten Wiedersehen, wieder erfahren, sie sind wahrnehmungsbereit; und dasselbe gilt für die Folgezeit. Das bezeichnet den Grundcharakter * der transzendenten Wahrnehmung, durch den allein eine blei- ■'

25

bende Welt für uns da, für uns vorgegebene und eben frei ver- / fügbare Wirklichkeit sein kann, daß für die Transzendenz i eine Wiederwahrnehmung, erneute Wahrnehmung desselben möglich ist. Doch noch ein weiteres ist als wesentlich beizufügen. Haben

30

wir ein Ding kennengelernt und tritt ein zweites Ding in unseren Gesichtskreis, das nach der eigentlich gesehenen Seite mit dem früheren und bekannten übereinstimmt, so erhält nach einem Wesensgesetz des Bewußtseins (vermöge einer inneren Deckung mit dem durch „Ähnlichkeitsassoziation” geweckten früheren)

35 das neue Ding die ganze Kenntnisvorzeichnung vom früheren her. Es wird, wie man sagt, apperzipiert mit gleichen unsichtigen Eigenschaften wie das alte. Und auch diese Vorzeichnung, dieser

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

11

Erwerb innerer Tradition ist zu unserer freien Verfügung in Form aktualisierender Wahrnehmung. Aber wie sieht nun des näheren diese freie Verfügung aus? Was macht das freie Eindringen in unsere durch und durch von Anti- 5 zipationen übersponnene Welt, was macht alle bestehende

Kenntnis und neue Kenntnis möglich? Wir bevorzugen hierbei . den normalen und Grundfall der Konstitution von äußerem Dasein, nämlich den von unveränderten Raumdingen. Die Klar­ legung der Möglichkeit, daß Veränderungen von Dingen von-

10

statten gehen können, ohne daß sie wahrgenommen sind, und doch in mannigfachen nachkommenden Wahrnehmungen und Erfahrungen der Kenntnis, nach allen ihren unwahrgenommenen Stücken, zugänglich sind, ist ein höher liegendes Thema, das schon die Aufklärung der Möglichkeit einer Erkenntnis von

15

ruhendem Dasein voraussetzt. Wir fragen also, um wenigstens dieses Grundstück der konsti­ tutiven Problematik zum Verständnis zu bringen, wie sieht die freie Verfügung über Kenntnis aus, die ich schon habe, wenn auch noch so unvollkommen habe, und zwar im Fall unveränderter

20

Dinglichkeit? Was macht sie möglich? Aus dem Bisherigen ersehen wir, daß jede Wahrnehmung iniz plicite ein ganzes Wahrnehmungssystem mit sich führt, jede in ihr auftretende Erscheinung ein ganzes Erscheinungssystem, nämlich in Form von intentionalen Innen- und Außenhorizonterj.

25

Keine erdenkliche Erscheinungsweise gibt darum den erschei­ nenden Gegenstand vollkommen, in keiner ist er letzte Leib­ haftigkeit, die das vollkommen erschöpfende Selbst des Gegen­ standes brächte, jede Erscheinung führt im Leerhorizont ein plus | ultra mit sich. Und da mit jeder die Wahrnehmung doch präten-j

30

diert, den Gegenstand leibhaft zu geben, so prätendiert sie in der Tat beständig mehr, als sie ihrem eigenen Wesen nach leisten j kann. In eigentümlicher Weise ist jede Wahrnehmungsgegeben­ heit ein beständiges Gemisch von Bekanntheit und Unbekannt­ heit, die auf neue mögliche Wahrnehmung verweist, die zur Be-

12

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

weglichen Übergang ist das zwischen Intention und Erfüllung. Die leere Vorweisung eignet sich die ihr entsprechende Fülle an. Sie entspricht der mehr oder minder reichen Vorzeichnung, bringt aber, da ihr Wesen bestimmbare Unbestimmtheit ist, in eins mit 5 der Erfüllung auch Näherbestimmung. Also damit ist eine neue

„Urstiftung” vollzogen, eine Urimpression, wie wir hier wieder sagen können, denn ein Moment ursprünglicher Originalität tritt auf. Das schon urimpressional Bewußte weist durch seinen Hof auf neue Erscheinungsweisen vor, die, eintretend, teils als be-

10

stätigende, teils als näherbestimmende auftreten. Vermöge der unerfüllten und jetzt sich erfüllenden Innenintentionen bereichert sich das schon Erscheinende in sich selbst. Dazu schafft sich im Fortgang der leere Außenhorizont, der mit der Erscheinung ver­ flochten war, seine nächste Erfüllung, mindestens eine partielle.

15

Der unerfüllt bleibende Teil des Horizonts geht über in den Ho­ rizont der neuen Erscheinung, und so geht es stetig weiter. Dabei verliert sich, was schon vom Gegenstand in die Erschei­ nung getreten war, partiell wieder im Fortgang aus der Erschei­ nungsgegebenheit, das Sichtige wird wieder unsichtig. Aber es ist

20

nicht verloren. Es bleibt retentional bewußt und in der Form, daß der Leerhorizont der Erscheinung, die gerade aktuell ist, nun eine neue Vorzeichnung erhält, die bestimmt auf das schon früher ge­ geben Gewesene als Mitgegenwärtiges verweist. Habe ich die Rückseite gesehen und bin zur Vorderseite zurückgekehrt, so hat

25

der Wahrnehmungsgegenstand für mich eine Sinnesbestimmung erhalten, die auch im Leeren auf das vordem Gesehene verweist. Es bleibt dem Gegenstand zugeeignet. Der Prozeß der Wahr­ nehmung ist ein Prozeß beständiger Kenntnisnahme, der das in Kenntnis Genommene im Sinn festhält und so einen immer neu

30

gewandelten und immer mehr bereicherten Sinn schafft. Dieser Sinn ist während des fortdauernden Wahrnehmungsprozesses zu­ geschlagen zu dem vermeintlich in Leibhaftigkeit erfaßten Gegenstand selbst. Es hängt nun von der Richtung des Wahrnehmungsprozesses

VORLESUNGEN

-

EINLEITUNG

13

sprechenden Leerintentionen in Erwartungen. Ist die Linie ein­

mal eingeschlagen, so verläuft die Erscheinungsreihe im Sinne sich von der aktuellen Kinästhese her stetig erregender und stetig sich erfüllender Erwartungen, während die übrigen Leerhorizonte

5 in

toter

Potentialität

verbleiben.

Schließlich ist noch zu er­

wähnen, daß die Zusammengehörigkeit in der Deckung der inein­ ander nach Intention und Erfüllung übergehenden Abschat­ tungserscheinungen nicht nur die ganzen Erscheinungen betrifft, sondern alle ihre unterscheidbaren Momente und Teile. So ent-

10

spricht jedem erfüllten Raumpunkt des Gegenstandes etwas Entsprechendes in der ganzen Linie kontinuierlich ineinander übergehender Erscheinungen, in welchen dieser Punkt sich als Moment der erscheinenden Raumgestalt darstellt. Fragen wir endlich, was innerhalb jedes Zeitpunktes der

15

Momentanerscheinung Einheit gibt, Einheit als Gesamtaspekt, in dem sich die jeweilige Seite darstellt, so werden wir auch da auf wechselseitige Intentionen stoßen, die sich zugleich wechselseitig erfüllen. Im Übergang der Erscheinungen der Aufeinanderfolge sind sie alle in beweglicher Verschiebung, Bereicherung und

20

Verarmung. In diesen überaus komplizierten und wundersamen Systemen der Intention und Erfüllung, die die Erscheinungen machen, konstituiert sich der immer neu immer anders erscheinende Gegenstand als derselbe. Aber er ist nie fertig, nie fest abge-

25

schlossen. Wir müssen hier auf eine für die Objektivation des Wahr­ nehmungsgegenstandes wesentliche Seite der noematischen Kon- stitution hinweisen, auf die Seite der kinästhetischen Motivation. Nebenbei war immer wieder die Rede davon, daß die Erschei-

30

nungsabläufe mit inszenierenden Bewegungen des Leibes Hand in Hand gehen. Aber das darf nicht als ein zufälliges Nebenbei verbleiben. Der Leib fungiert beständig mit als Wahrnehmungs­ organ und ist dabei in sich selbst wieder ein ganzes System auf­ einander abgestimmter Wahmehmungsorgane. Der Leib ist in

14

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

gen”, die im Bewegen der Augen, des Kopfes usw. während der Wahrnehmung ablaufen, und sie sind nicht nur parallel mit den ablaufenden Erscheinungen da, sondern bewußtseinsmäßig sind die betreffenden kinästhetischen Reihen und die Wahrnehmungs- 5 erscheinungen aufeinander bezogen. Blicke ich auf einen Gegen­ stand, so habe ich ein Bewußtsein meiner Augenstellung und zu­ gleich, in Form eines neuartigen systematischen Leerhorizonts, ein Bewußtsein des ganzen Systems möglicher, mir frei zu Ge­ bote stehender Augenstellungen. Und nun ist das in der gegebenen

10

Augenstellung Gesehene mit dem ganzen System so verknüpft, daß ich evidenterweise sagen kann: Würde ich die Augen nach der und der Richtung bewegen, so würden demgemäß in bestimm­ ter Ordnung die und die visuellen Erscheinungen ablaufen; würde ich die Augenbewegung nach der und der andern Richtung

15

laufen lassen, so würden andere, und entsprechend zu erwartende Erscheinungsreihen verlaufen. Ebenso für die Kopfbewegungen im System eben dieser Bewegungsmöglichkeiten, wieder ebenso, wenn ich die Bewegungen des Gehens hereinziehen würde usw.

Jede Linie der Kinästhese läuft in eigener Weise ab, in total 20;anderer als eine Reihe von sinnlichen Daten. Sie verläuft als mir frei verfügbar, als frei zu inhibieren, frei wieder zu inszenieren, als ursprünglich subjektive Realisation ab. Also in der Tat in be­ sonderer Weise ist das System der Leibesbewegungen bewußt­ seinsmäßigcharakterisiert als ein subjektiv-freies System. Ich

25

durchlaufe es im Bewußtsein des freien ,,Ich kann”. Ich mag un­ willkürlich mich darin ergehen, meine Augen etwa unwillkürlich dahin und dorthin wenden; jederzeit kann ich aber in Willkür

eine solche und jede beliebige Bewegungslinie einschlagen. Sowie ich mit einer solchen Stellung eine Dingerscheinung habe, ist aber

30

dadurch im ursprünglichen Bewußtsein des Infolge ein System der Zugehörigkeit der mannigfaltigen Erscheinungen von demsel-

; ben Ding vorgezeichnet. Ich bin hinsichtlich der Erscheinungen : nicht frei: Wenn ich eine Linie im freien System des „Ich bewege

; mich” realisiere, so sind im voraus die kommenden Erscheinungen

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

15

ablen konstituiert sich das Erscheinende als transzendenter Wahrnehmungsgegenstand, und zwar als ein Gegenstand, der mehr ist, als was wir gerade wahrnehmen, als ein Gegenstand, der ganz und gar meiner Wahrnehmung entschwunden und doch fort- , 5 dauernd sein kann. Wir können auch sagen, er konstituiert sichfl\

als solcher nur dadurch, daß seine Erscheinungen kinästhetiscH j motivierte sind und ich somit es in meiner Freiheit habe, gemäß] ! meiner erworbenen Kenntnis, die Erscheinungen willkürlich als/ originale Erscheinungen in ihrem System der Einstimmigkeit^

10

ablaufen zu lassen. Durch entsprechende Augenbewegungen und sonstige Leibesbewegungen kann ich jederzeit für einen bekann­ ten Gegenstand zu den alten Erscheinungen, die mir den Gegen­ stand von denselben Seiten wiedergeben, zurückkehren, oder ich kann den nicht mehr wahrgenommenen Gegenstand durch freie

15

Rückkehr in die passende Stellung wieder in die Wahrnehmung bringen und wieder identifizieren. Wir sehen also, in jedem Wahmehmungsprozeß wird ein konstitutives Doppelspiel ge­ spielt: Intentional konstituiert ist als ein praktischer kinästhe- tischer Horizont 1) das System meiner freien Bewegungsmöglich- '-J

20

keiten, das sich in jedem aktuellen Durchlaufen nach einzelnen Linien von Bewegungen im Charakter der Bekanntheit, also der Erfüllung aktualisiert. Jede Augenstellung, die wir gerade haben, jede Körperstellung ist dabei nicht nur bewußt als die momentane j Bewegungsempfindung, sondern bewußt als Stelle in einem Stel-

25

lensystem, also bewußt mit einem Leerhorizont, der ein Horizont der Freiheit ist. 2) Jede visuelle Empfindung bzw. visuelle Er- r'Lr scheinung, die im Sehfeld auftritt, jede taktuelle, die im Tastfeld auftritt, hat eine bewußtseinsmäßige Zuordnung zur momentanen Bewußtseinslage der Leibesglieder und schafft einen Horizont

30

weiterer, zusammengeordneter Möglichkeiten, möglicher Er­ scheinungsreihen, zugehörig zu den frei möglichen Bewegungs­ reihen. Dabei ist noch in Hinsicht auf die Konstitution der transzendenten Zeitlichkeit zu bemerken: Jede Linie der Aktu­ alisierung, die wir, diese Freiheit realisierend, faktisch einschlagen

35

würden, lieferte kontinuierliche Erscheinungsreihen vom Gegen­ stand, die ihn alle für eine und dieselbe Zeitstrecke darstellen würden, die also alle denselben Gegenstand in derselben Dauer und nur von verschiedenen Seiten darstellen würden. Alle Be­ stimmungen, die dabei zur Kenntnis kämen, wären, dem Sinn des

16

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

< § 4. Die Beziehung von esse und percipi bei immanenter und transzendenter Wahrnehmung>

All dergleichen gibt es nur für transzendente Gegenstände. Ein immanenter Gegenstand, wie ein Schwarz-Erlebnis, bietet sich 5 als dauernder Gegenstand dar, und in gewisser Weise auch durch

„Erscheinungen”, aber nur so wie jeder Zeitgegenstand über­ haupt. Die zeitlich sich extendierende Dauer erfordert die be­ ständige Abwandlung der Gegebenheitsweise nach Erschei­ nungsweisen der zeitlichen Orientierung. Nun, ein zeitlicher

10

Gegenstand ist auch der Raumgegenstand, also dasselbe gilt auch von ihm. Aber er hat noch eine zweite, besondere Weise zu er­ scheinen. Achten wir aber auf die Zeitfülle und im besonderen auf die urimpressionalen Phasen, so tritt uns der radikale Unter­ schied der Erscheinung von transzendenten und von immanenten

15

Gegenständen entgegen. Der immanente Gegenstand hat in jedem Jetzt nur eine mögliche Weise, im Original gegeben zu. sein, und darum hat auch jeder Vergangenheitsmodus nur eine einzige Serie zeitmodaler Abwandlungen, eben die der Vergegen­ wärtigung mit dem sich darin wandelnd konstituierenden Ver-

20

gangen. Der Raumgegenstand aber hat unendlich viele Weisen, da er nach seinen verschiedenen Seiten im Jetzt, also in origi­ naler Weise erscheinen kann. Erscheint er faktisch von der Seite, so hätte er von andern doch erscheinen können, und demgemäß hat jede seiner Vergangenheitsphasen unendlich viele Weisen,

25

wie sich seine vergangenen erfüllten Zeitpunkte darstellen könn­ ten. Wir können danach auch sagen: Für den transzendenten Gegenstand hat der Begriff Erscheinung einen neuen und eigenen Sinn. Betrachten wir ausschließlich die Jetztphase, so gilt, daß für

30

sie bei dem immanenten Gegenstand Erscheinung und Erschei­ nendes sich nicht sondern läßt. Was im Original neu auftritt, ist die jeweilige neue Schwarzphase selbst, und ohne Darstellung. Und das Erscheinen sagt hier nichts anderes als ein ohne jede hinausmeinende Darstellung Zu-sein und im Original Bewußt-

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

17

Abgeschattetes. Vertauschen wir die bisher bevorzugte noema- tische Einstellung mit der noetischen, in der wir auf das Erlebnis und seine reellen Gehalte den reflektiven Blick wenden, so können wir auch so sagen: Ein transzendenter Gegenstand, wie ein Ding, 5 kann sich nur dadurch konstituieren, daß als Unterlage ein im­ manenter Gehalt konstituiert wird, der nun seinerseits sozusagen substituiert ist für die eigentümliche Funktion der „Abschat­ tung”, einer darstellenden Erscheinung, eines sich durch ihn ,

hindurch Darstellern. Die in jedem Jetzt neu auftretehde Ding- 10 erscheinung, sagen wir, die optische Erscheinung, ist, wenn wir nicht auf den erscheinenden Dinggegenstand achten, sondern auf das optische Erlebnis selbst, ein Komplex so und so sich aus­ breitender Farbenflächenmomente, die immanente Daten sind, also in sich selbst so original bewußt wie etwa Rot oder Schwarz.

15 Die mannigfaltig wechselnden Rotdaten, in denen sich z.B.

irgendeine Seitenfläche eines roten Würfels und ihr unveränder­ tes Rot darstellt, sind immanente Daten. Andererseits hat es aber mit diesem bloß immanenten Dasein nicht sein Bewenden. In ihnen stellt sich in der eigenen Weise der Abschattung etwas dar, 20 was sie nicht selbst sind, im Wechsel der im Sehfeld immanent

empfundenen Farben stellt sich ein Selbiges dar, eine identische räumlich extendierte Körperfarbe. All die noematischen Mo­ mente, die wir in der noematischen Einstellung auf den Gegen­ stand und als an ihm aufweisen, konstituieren sich mittels der

25

immanenten Empfindungsdaten und vermöge des sie gleichsam beseelenden Bewußtseins. Wir sprechen in dieser Hinsicht von der Auffassung als von der transzendenten Apperzeption, die ! eben die Bewußtseinsleistung bezeichnet, die den bloß im­ manenten Gehalten sinnlicher Daten, der sogenannten Emp-

30

findungsdaten oder hyletischen Daten, die Funktion verleiht, objektives „Transzendentes” darzustellen. Es ist gefährlich, hier­ bei von Repräsentanten und Repräsentiertem, von einem Deuten der Empfindungsdaten, von einer durch dieses „Deuten” hinaus­ deutenden Funktion zu sprechen. Sich abschatten, sich in Emp-

18

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

apperzeptiven Funktionen, und dann stellt sich durch sie und in ihnen ein Nicht-Immanentes dar. Jetzt trennt sich das esss (für transzendente Gegenstände) prinzipiell vom percipi. In jedem Jetzt der äußeren Wahrnehmung haben wir zwar ein Original- 5 bewußtsein, aber das eigentliche Perzipieren in diesem Jetzt, also das, was daran Urimpression ist (und nicht bloß retentionales Bewußtsein der vergangenen Phasen des Wahrnehmungsgegen­ standes), ist Bewußthaben von einem sich originalite-r Ab- 1schattenden.1 Es ist nicht ein schlichtes Haben des Gegenstands, lOdn dem Bewußthaben und Sein sich deckt, sondern ein mittel­ bares Bewußtsein, sofern unmittelbar nur eine Apperzeption ;gehabt ist, ein Bestand von Empfindungsdaten, bezogen auf ikinästhetische Daten, und eine apperzeptive Auffassung, durch >die eine darstellende Erscheinung sich konstituiert; und durch 15‘sie hindurch ist also der transzendente Gegenstand bewußt als originaliter sich abschattender oder darstellender. Im Prozeß des kontinuierlichen Wahmehmens haben wir in jedem Jetzt immer wieder diese Sachlage, prinzipiell bleibt es dabei, daß in keinem Moment der äußere Gegenstand in seiner originalen Selbstheit

20

schlicht gehabt ist. Prinzipiell erscheint er nur durch apperzep­ tive Darstellung und in immer neuen Darstellungen, die im Fort­ gang aus seinen Leerhorizonten immer Neues zur originalen Dar­ stellung bringen. Indessen, wichtiger ist für unsere Zwecke zu be­ achten :Es ist undenkbar, daß so etwas wie ein Raumgegenstand,

25

der eben nur durch äußere Wahrnehmung als abschattende Wahr­ nehmung seinen ursprünglichen Sinn erhält, durch immanente Wahrnehmung gegeben wäre, gleichgültig ob einem menschlichen oder übermenschlichen Intellekt. Das aber beschließt in sich, daß es undenkbar ist, daß ein Raumgegenstand, daß all dergleichen

30

wie Gegenstand der Welt im natürlichen Sinn sich von Zeitpunkt zu Zeitpunkt abgeschlossen darstellen könnten, mit ihrem ge­ samten Merkmalgehalt (als voll bestimmtem), der in diesem Jetzt ihren zeitlichen Inhalt ausmacht. Man spricht in dieser Hinsicht auch von adäquater Gegebenheit gegenüber der inadäquaten.

35

Man erweist, um dies drastisch auszudrücken, und in theologischer

1 Die W ahrnehmung ist originales Bewußtsein eines individuellen, eines zeitlichen

Gegenstandes, und für jedes Jetzt haben wir in der W ahrnehmung ihre Urimpression, in der der Gegenstand im Jetzt, in seinem m omentanen O riginalitätspunkt original

erfaßt wird. Es muß aber gezeigt werden, daß originale A bschattung notwendig H and in Hand geht m it Appräsentation.

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

19

Wendung, Gott einen schlechten Dienst, wenn man es ihm zu- billigt, 5 gerade sein zu lassen und jeden Widersinn zur Wahrheit' machen zu können. Wesensmäßig gehört der Raumdinglichkeit! die inadäquate Gegebenheitsweise zu, eine andere ist widersinnig. 5 In keiner Phase der Wahrnehmung ist der Gegenstand als gegeben

zu denken ohne Leerhorizonte und, was dasselbe sagt, ohne apperzeptive Abschattung und mit der Abschattung zugleich Hinausdeutung über das sich eigentlich Darstellende. Eigentliche Darstellung selbst ist wieder nicht schlichtes Haben nach Art der

10

Immanenz mit ihrem esse = per dpi, sondern partiell erfüllte Intention, <die> also unerfüllte Hinausweisungen enthält. Origi- nalität der lehrhaften Darstellung von Transzendentem beschließt notwendig dies, daß der Gegenstand als Sinn die Originalität der apperzeptiven Erfüllung hat und daß diese unabtrennbar ein

15

Gemisch von wirklich sich erfüllenden und noch nicht erfüllten Sinnesmomenten in sich birgt, sei es nur der allgemeinen Struktur nach vorgezeichneten und im übrigen offen unbestimmten und möglichen, sei es schon durch Sondervorzeichnung ausgezeich­ neten. Darum ist die Rede von Inadäquation, zu deren Sinn der j

20

Gedanke eines zufälligen Manko gehört, das ein höherer Intellekt Y überwinden könnte, eine unpassende, ja völlig verkehrte. Wir können hier einen Satz formulieren, der in unseren wei­ teren Analysen zu immer reinerer Klarheit kommen wird: Wo immer wir von Gegenständen sprechen, sie mögen welcher Kate-

25

gorie immer sein, da stammt der Sinn dieser Gegenstandsrede ursprünglich her von Wahrnehmungen, als den ursprünglich Sinn und damit Gegenständlichkeit konstituierenden Erlebnissen. Konstitution eines Gegenstandes als Sinnes ist aber eine Bewußt- ' Seinsleistung, die für jede Grundart von Gegenständen eine prin- [

30

zipiell eigenartige ist. Wahrnehmung ist nicht ein leeres Hinstar- ‘ ren auf ein im Bewußtsein Darinsteckendes und durch irgendein sinnloses Wunder je Hineinzusteckendes: als ob zuerst etwas da wäre und dann das Bewußtsein es irgendwie umspannte; viel­ mehr für jedes erdenkliche Ichsubjekt ist jedes gegenständliche

20

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

sein könnte, ist ein Nonsens. Jeder mögliche Gegenstand eines möglichen Bewußtseins ist aber auch Gegenstand für ein mögli- ches originär gebendes Bewußtsein, und das nennen wir, miri- destens für individuelle^ Gegenstände, „Wahrnehmung”. Von 5~einem materiellen Gegenstand eine Wahrnehmung von der all­ gemeinen Struktur einer immanenten verlangen, umgekehrt von einem immanenten Gegenstand eine Wahrnehmung von der Struktur der äußeren Wahrnehmung verlangen, ist absurd. Sinn­ gebung und Sinn fordern einander wesensmäßig, was die Wesens-

10

typik ihrer korrelativen Strukturen anbelangt. So gehört auch zum Wesen der ursprünglich transzendenten Sinngebung, die die äußere Wahrnehmung vollzieht, daß die Leistung dieser originalen Sinngebung im Fortgang von Wahr­ nehmungsstrecke zu Wahrnehmungsstrecke und so in beliebiger

15

Fortführung des Wahrnehmungsprozesses eine nie abgeschlossene

ist. Diese Leistung besteht nicht nur darin, immer Neues vom fest vorgegebenen Sinn anschaulich zu machen, als ob der Sinn von Anfang an schon fertig vorgezeichnet wäre, sondern im Wahr­ nehmen baut sich der Sinn selbst weiter aus und ist so eigentlich

20

in beständigem Wandel und läßt immerfort neuen Wandel offen. Es ist hier zu beachten, daß wir im Sinn einer einstimmig syn­ thetisch fortschreitenden Wahrnehmung immerfort unterschei­ den können unaufhörlich wechselnden Sinn und einen durch­ gehenden identischen Sinn. Jede Phase der Wahrnehmung hat

25tinsofern ihren Sinn als sie den Gegenstand im Wie der Bestim­

mung der originalen Darstellung und im Wie des Horizontes ge­ geben haL Dieser Sinn ist fließend, er ist in jeder Phase ein neuer. Aber durch diesen fließenden Sinn, durch all die Modi „Gegen­ stand im Wie der Bestimmung” geht die Einheit des sich in

30 stetiger Deckung durchhaltenden, sich immer reicher bestim­ menden Substrates x, des Gegenstandes selbst, der all das ist, als was ihn der Prozeß der Wahrnehmung und alle weiteren möglichen Wahrnehmungsprozesse zur Bestimmung bringen und bringen würden. So gehört zu jeder äußeren Wahrnehmung eine

VORLESUNGEN -

EINLEITUNG

21

bendem. Ich sprach von einer im Unendlichen liegenden, also unerreichbaren Idee, denn daß es eine Wahrnehmung geben könnte, (als einen abgeschlossenen Prozeß kontinuierlich inein­ ander übergehender Erscheinungsverläufe), die eine absolute 5 Kenntnis des Gegenstandes schüfe, in der die Spannung zwischen dem Gegenstand im Wie der sich wandelnden relativen und un­ vollkommenen Bestimmtheit und dem Gegenstand selbst dahin­ fiele, das ist durch die Wesensstruktur der Wahrnehmung selbst ausgeschlossen; denn evidenterweise ist die Möglichkeit eines plus

10

ultra prinzipiell nie ausgeschlossen. Es ist also die Idee des ab­ soluten Selbst des Gegenstandes und seiner absoluten und voll­

ständigen Bestimmtheit oder, wie wir auch sagen, seines absolu­ ten individuellen Wesens. In Relation zu dieser herauszuschauen­ den unendlichen Idee, die aber als solche nicht realisierbar ist, ist

15

jeder Wahrnehmungsgegenstand im Kenntnisprozeß eine fließen­ de Approximation. Den äußeren Gegenstand haben wir immer­ fort leibhaft (wir sehen, fassen, umgreifen ihn), und immerfort liegt er doch in unendlicher Geistesferne. Was wir von ihm fassen, prätendiert sein Wesen zu sein; es ist es auch, aber immer nur un-

20

vollkommene Approximation, die etwas von ihm faßt und immer­ fort auch mit in eine Leere faßt, die nach Erfüllung schreit. Das immerfort Bekannte ist immerfort Unbekanntes, und alle Er­ kenntnis scheint von vornherein hoffnungslos. Doch ich sagte „scheint”, und wir wollen uns hier <nicht> gleich an einen vor-

25

eiligen Skeptizismus binden. (Ganz anders verhält es sich natürlich mit den immanenten Gegenständen, die Wahrnehmung konstituiert sie und macht sie mit ihrem absoluten Wesen zu eigen. Sie konstituieren sich nicht durch beständige Sinneswandlung im Sinn einer Approximation—

30

nur sofern sie in eine Zukunft hinein werden, haben sie Behaftung mit Protentionen und protentionalen Unbestimmtheiten. Was aber als Gegenwart im Jetzt konstituiert worden ist, das ist ein absolutes Selbst, das keine unbekannten Seiten hat.) Wir versagten uns einem voreiligen Skeptizismus. In dieser

35 Hinsicht müßte jedenfalls zunächst folgendes unterschieden wer­ den. Wenn ein Gegenstand zur Wahrnehmung kommt und im Wahrnehmungsprozeß zu fortschreitender Kenntnis, so mußten wir unterscheiden den jeweiligen Leerhorizont, der durch den verlaufenen Prozeß vorgezeichnet ist und mit dieser Vorzeich-

22

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

nung der momentanen Wahrnehmungsphase anhängt, und einen Horizont leerer Möglichkeiten ohne Vorzeichnung. Die Vorzeich­ nung besagt, daß eine leere Intention da ist, die ihren allgemeinen Sinnesrahmen mit sich führt. Zum Wesen solcher vorzeichnenden 5 Intention gehört, daß bei Einschlagen passend zugehöriger

Wahmehmungsrichtung erfüllende Näherbestimmung oder, wie wir noch besprechen werden, als Gegenstück Enttäuschung, Sinnesaufhebung und Durchstreichung eintreten müßte. Es gibt aber auch partiale Horizonte ohne solche feste Vorzeichnung; das

10

sagt, neben den bestimmt vorgezeichneten Möglichkeiten be­ stehen Gegenmöglichkeiten, für die aber nichts spricht und die immerfort offenbleiben. Z.B., daß in meinem Sehfeld, etwa bei der Wahrnehmung des gestirnten Himmels, irgendeine Lichter­ scheinung aufleuchtet, eine Sternschnuppe u.dgl., das ist, rein

15

aus der Sinngebung der Wahrnehmung selbst heraus gesprochen, eine völlig leere Möglichkeit, die im Sinn nicht vorgezeichnet, aber durch ihn eben offengelassen ist. Halten wir uns also an die posi­ tive Sinngebung der Wahrnehmung mit ihren positiven Vorzeich­ nungen, so ist die Frage verständlich und naheliegend, ob denn im

20

Überleiten der unanschaulichen, leeren Vorzeichnung in erfüllende Näherbestimmung gar kein stehendes und endgültig bleibendes Selbst des Gegenstandes erreichbar ist, ob m.a.W. nicht nur immer neue gegenständliche Merkmale in den Horizont der Wahr­ nehmung eintreten können, sondern im Prozeß der Näherbe-

25

Stimmung auch diese schon erfaßten Merkmale in infinitum eine weitere Bestimmbarkeit mit sich führen, also selbst wieder und immerfort den Charakter von unbekannten x behalten, die nie eine endgültige Bestimmung gewinnen können. Ist denn die

W . ) Wahrnehmung ein „Wechsel", der prinzipiell nie einlösbar ist

„ 30 durch neue, ebensolche Wechsel, deren Einlösung also wieder auf JVVechsel führt und so in infinitum? Erfüllung der Intention voll­ zieht sich durch leibhaftes Darstellen, freilich mit leeren Innen­ horizonten. Aber ist an dem schon leibhaft Gewordenen gar nichts, was Endgültigkeit mit sich führt, so daß wir in der Tat in 35 einem wie es scheint leeren Wechselgeschäft steckenbleiben? Wir fühlen, daß es so nicht sein kann, und in der Tat stoßen wir, uns in das Wesen der •Wahrnehmungsreihen tiefer hinein­ schauend, auf eine Eigentümlichkeit, die dazu berufen ist, zu­ nächst für die Praxis und ihre anschauliche sinnliche Welt die

VORLESUNGEN

-

EINLEITUNG

23

Schwierigkeit zu lösen. Im Wesen der eigentlichen Erscheinungen ! als Erfüllungen vorgezeichneter Intentionen liegt es, daß sie auch bei unvollkommener, also mit Vorweisungen behafteter Erfüllung auf ideale Grenzen als Erfüllungsziele vordeuten, die durch stetige

j

|

5 Erfüllungsreihen zu erreichen wären. Das aber nicht gleich für ! den ganzen Gegenstand, sondern für die jeweils schon zu wirk­ licher Anschauung gekommenen Merkmale. Jede Erscheinung gehört hinsichtlich dessen, was in ihr eigentliche Darstellung ist, systematisch irgendwelchen in kinästhetischer Freiheit zu reali-

10

sierenden Erscheinungsreihen an, in denen mindestens irgendein Moment der Gestalten seine optimale Gegebenheit und damit sein j wahres Selbst erreichen würde. Als Grundgerüst des Wahrnehmungsgegenstandes fungiert das Phantom als sinnlich qualifizierte körperliche Oberfläche. Die-

15

selbe kann in kontinuierlich vielfältigen Erscheinungen sich dar­ stellen, und ebenso jede sich abhebende Teilfläche. Für jede haben wir Fernerscheinungen und Naherscheinungen. Und wieder innerhalb jeder dieser Sphären ungünstigere und günstigere, und in geordneten Reihen kommen wir auf Optima. So weist schont

20

die Fernerscheinung eines Dinges und eine Mannigfaltigkeit von' Fernerscheinungen auf Naherscheinungen zurück, in denen die oberflächliche Gestalt und ihre Fülle im Gesamtüberblick am besten erscheint. Diese selbst, die wir etwa für ein Haus durch Betrachtung von einem gut gewählten Standpunkt haben, gibt

25 dann einen Rahmen für Einzeichnungen von weiteren optimalen Bestimmungen, die ein Nähertreten, in dem nur einzelne Teile, aber dann optimal gegeben wären, cbeibringen würde >. Das Ding selbst in seiner gesättigten Fülle ispeinajm Bemißts.einssinnmnd ,Jn der Weise seiner intentionalen Strukturen angelegte Idee, und

30

zwar gewissermaßen ein S<ystem> aller Optima, die durch Ein- ^eRTmürigTn che optimalen Rahmen gewonnen würden. Das the-, | matisclfe '1nteress e, das in Wahrnehmungen sich auslebt, ist in unserem wissenschaftlichen Leben von praktischen Interessen geleitet, und das beruhigt sich, wenn gewisse für das jeweilige i

35

Interesse optimale Erscheinungen gewonnen sind, in denen das ! Ding so viel von seinem letzten Selbst zeigt, als dieses praktische Interesse fordert. Oder vielmehr es zeichnet als praktisc.hgs.Jn- teresse ein relatives Selbst vor: Das, was praktisch genügt, gilt als das Selbst. So ist das Haus selbst und m~selhem wähTeri Seih. ünd '

t

24

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

zwar hinsichtlich seiner puren körperlichen Dinglichkeit, sehr bald optimal gegeben, also vollkommen erfahren von dem, der es als Käufer oder Verkäufer betrachtet. Für den Physiker und Chemiker erschiene solche Erfahrungsweise völlig oberflächlich 5 und vom wahren Sein noch himmelfern. Nur mit einem Wort sagen kann ich, daß alle solchen höchst verzweigten und an sich schwierigen intentionalen Analysen ihrerseits hineingehören in eine universale Genesis des Bewußt- seins und hier speziell des Bewußtseins einer transzendenten !/I0 Wirklichkeit. Ist das Thema der konstitutiven Analysen dies, aus der eigenen intentionalen Konstitution der Wahrnehmung, nach reellen Bestandstücken des Erlebnisses selbst, nach intentionalem Noema und Sinn die Weise verständlich zu machen, wie Wahr­ nehmung ihre Sinngebung zustande bringen und wie durch alle 15 leere Vermeintheit hindurch sich der Gegenstand als sich immer \nur relativ darstellender optimaler Erscheinungssinn konsti- n j tuiert, so ist es das Thema der genetischen Analysen, verständlich zu machen, wie in der zum Welsen'jedesTBewußfseinsstromes ge- hörigen Entwicklung, die zugleich Ichentwicklung ist, sich jene 20 komplizierten intentionalen Systeme entwickeln, durch die schließlich dem Bewußtsein und Ich eine äußere Welt erscheinen kann.

5 5 . Enttäuschung,

< 1. A bsch n itt

MODALISIERUNG>

Der

<1.

K a p it e l

Modus

der

Negation>

das Gegenvorkommnis zur Synthese

der Erfüllung>

Wir müssen jetzt unsere Einsichten nach einer neuen Richtung

erweitern. Bisher erforschten wir kontinuierlich einheitliche Wahrnehmungsverläufe, in denen sich Einheit eines Gegenstan­ des einstimmig durchhält, vermöge der Einhelligkeit der Dek-

welche im Fortgang den erregten Intentionen Erfüllung

zuteil werden läßt; der Prozeß war ein beständiger Prozeß der sich erweiternden Kenntnisnahme. Diese Erweiterung setzt sich dmch diskrete Synthesen der Wahrnehmung in der Weise fort, daß ein schon aus früherer Wahrnehmung einigermaßen bekann- 15 tes Ding gelegentlich wiederum wahrgenommen wird unter gleichzeitiger Wiedererinnerung an frühere Wahrnehmungen, bzw. in schlichtem Wiedererkennen. Die neue Kenntnisnahme setzt nach neuen Seiten die alte in leicht verständlicher Weise | fort. Das alles aber sind Synthesen der Erfüllung bzw, der 2oi stimmigkeit. Es gibt aber ein Gegenvorkommnis der Erfüllung, die Enttäuschung, es gibt <ein> Gegenvorkommnis der Näher­ bestimmung, die Andersbestimmung; die Kenntnisnahme, statt sich zu erhalten und siclfweiter zu bereichern, kann in Frage ge­ stellt, aufgehoben werden. Kurzum, es gibt so etwas wie den Unter- 25 schied modalisierten Seinsbewußtseins gegenüber dem ursprüng­ lich unmodalisierten, und wir sind jetzt in der Lage, tiefere Ein­ blicke in das Wesen der Seinsmodalitäten und ihrer Konstitution zu gewinnen: noetisch gesprochen, Einblicke in das Wesen des Wahrnehmungsglaubens und seiner Abwandlungen, als „zwei- 30 fein”, „vermuten”, „negieren” usw. Die in dem von uns beschriebenen N ormalfall derW ahmehmung

10 kung,

26

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

auftretenden intentionalen Systeme, noetisch gesprochen, die die jeweiligen Empfindungskomplexe apperzipierenden Auffassun­ gen, haben, wie wir wissen, den Charakter aktueller oder po­ tentieller Erwartungen. D.h., lasse ich wahrnehmendeine kinäs- 5 thetische Reihe, etwa eine bestimmte Kopfbewegung, ablaufen, so laufen die Erscheinungen in motivierter Folge erwartungs­

mäßig ab. Alle Erfüllung im Fortgang vollzieht sich also im Normalfall als Erfüllung von Erwartungen. Es sind systemati­ sierte Erwartungen, Strahlensysteme von Erwartungen, die, sich

10 erfüllend, sich auch bereichern, d.h., der leere Sinn wird reicher an Sinn, der sich in die Sinnesvorzeichnung einfügt. Aber jede Erwartung kann sich auch enttäuschen, und Ent-

- - täuschung setzt wesentlich voraus partielle_Erfüllung; ohne daß ein gewisses Maß von Einheit im Fortgang der Wahrnehmungen

15

sich durchhielte, zerfiele die Einheit des intentionalen Erlebnisses. Aber trotz der Einheit des Wahrnehmungsprozesses mit diesem verbleibenden einheitlichen Sinnesgehalt vollzieht sich doch ein Bruch, und es erwächst das Erlebnis des „anders”. Es gibt auch ein Erlebnis des „anders” ohne Bruch, eine Ent-

20

täuschung geregelten Stiles, die um der Regelung willen vorer­ wartet sein und die somit im Leerhorizonte selbst vorgezeichnet sein kann. Mit andern Worten, es gibt ein stetiges Änderungs­ bewußtsein, dessen phänomenologische Analyse grundlegend ist für die Konstitution einer Veränderung. Veränderung ist stetiges

25

Anderswerden, das aber Einheit durchhält: nämlich Einheit des Gegenstandes, der einstimmig derselbe bleibt aIs~Substrat seiner stetigen Ändersheiten, im anders und immer wieder anders Wer­ den. Jetzt aber nehmen wir schon einen einheitlichen Gegenstand an, der, sei es unverändert oder verändert, sich zuerst in der Kon-

30

tinuität der ursprünglichen Erfahrung „einstimmig” durchhält, immer besser „zur Kenntnis kommt” ; dann aber mit einem Mal und gegen alle Erwartung zeigt sich in der nun sichtig werdenden Rückseite statt Rot vielmehr Grün, statt der Kugelform gemäß der Anzeige der Vorderseite vielmehr eine Eingebeultheit oder

35 Eckigkeit usw. Vor der erfolgten Rückseitenwahrnehmung hatte die Wahrnehmung in ihrem lebendigen Verlauf die intentionale Vorzeichnung, bestimmt gerichtete Verweisungen, auf rot und kugelförmig. Und statt sich in diesem Sinn zu erfüllen und damit zu bestätigen, enttäuschen sie sich:Der allgemeine Sinnesrahmen

VORLESUNGEN

-

1. MODALISIERUNG

27

ist beibehalten und erfüllt sich, und nur an dieser Stelle, nur nach diesen Intentionen tritt ein „anders” auf, ein Widerstreit zwi­ schen den noch lebendigen Intentionen und den anschaulich sich neu stiftenden Sinnesgehalten und ihren mehr oder minder vollen 5 Intentionen. Sofern die Einfügung dieser neuen in den alten

Rahmen Einstimmigkeit wiederherstellt, haben wir nun wieder ein System der kontinuierlichen Einstimmigkeit. Aber in einem Teilsystem haben wir es überlagert mit einer Gruppe von In­ tentionen, die mit denen, die sie überlagern, in dem Ent-/

10

täuschungsverhältnis stehen. Nachdem wir das Grün und die Ein­ beulungen sahen und sie in dem Ablauf entsprechender Er­ scheinungen sich einstimmig durchhielten, ändert sich der ganze Wahrnehmungssinn, und nicht bloß <der> der jetzigen Wahrneh­ mungsstrecke; sondern von ihr strahlt die Sinnesänderung zu-

15

rück auf die vorangegangene Wahrnehmung und alle ihre früheren Erscheinungen. Sie werden dem Sinn nach umgedeutet auf „grün” und „Verbeulung”. Natürlich nicht in expliziten Akten, aber würden wir aktiv zurückgehen, so würden wir not­ wendig explizit und bewußt die geänderte Deutung vorfinden.

20

Das ist die hergestellte kontinuierliche Einstimmigkeit; aber dar­ untergelagert ist das damit nicht Stimmende, und eigentlich in der ganzen abgeflossenen Reihe, sofern die alte Auffassung noch erinnerungsmäßig bewußt bleibt. Aber speziell lebendig ist sie an der Stelle der auftauchenden „grün” und „Verbeulung”. Es tritt

25

hier nicht nur das Phänomen des Widerstreites der beiden gegen­ sätzlichen Bestimmungen kugelförmig und eingebeult, rot und grün auf, sondern das „es ist nicht kugelförmig und nicht rot”, die leere Rotintention ist durch das übergelagerte „grün”, also durch die übergelagerte volle Grünwahrnehmung „aufgehoben”,

30

negiert, und damit ist das Substrat selbst, das Ding selbst, das in der ursprünglichen Wahrnehmungsreihe die Sinnesbestimmung rot an der betreffenden Stelle ihrer Gestalt trug, in dieser Hinsicht durchgestrichen und zugleich umgedeutet: Es ist „anders”.

28

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

<§ 6. Partiale Erfüllung Widerstreit durch unerwartete Empfindungsdaten wiederhergestellte Einstimmigkeit 1

Unsere 12 Betrachtungen hatten in der letzten Vorlesung eine neue Wendung genommen. Das Studium der Struktur der Wahr- 5 nehmungen hinsichtlich ihrer intentionalen Leistungen ermög­

licht uns, tiefere Einblicke in das Wesen der Seinsmodalitäten und die Weise, wie sie intentional sich konstituieren, zu ge­ winnen. Der wahrgenommene Gegenstand gibt sich im Normal­ fall als seiend schlechthin, als daseiende Wirklichkeit. Aber das

10

„seiend” kann sich abwandeln in „zweifelhaft” oder „fraglich”, in „möglich”, in „vermutlich”, und dabei tritt dann auch auf das „nicht seiend” und demgegenüber das betonte „wirklich seiend”, „ja doch seiend”. Korrelativ, also in noetischer Hinsicht,

spricht man davon, daß im Wahrnehmen ein Glauben liege; mit-

15

unter spricht man hier schon von urteilen, also vom Wahr­ nehmungsurteil. Im Fall der normalen Wahrnehmung: Das, was gewöhnlich schlechthin mit „Wahrnehmung” gemeint ist, sei der

Gegenstand in Gewißheit geglaubt als seiender, der Glaube könne übergehen in Zweifeln, in Für-möglich-halten, in Verwerfen, und

20

wieder in bejahendes Anerkennen. Was man in den neueren logischen Bewegungen seit Mill, B r e n t a n o und S i g w a r t unter dem Titel Urteilstheorie so viel umstritt, das ist seinem zentralen Problemgehalt nach nichts anderes als phänomeno­ logische Klärung des Wesens und der logischen Funktion der

25 Seinsgewißheit und der Seinsmodalitäten. Hier wie überall hat

erst die phänomenologische Methode die reinen Bewußtseins­ probleme und ihren echten Sinn herausgestellt. Es handelt sich also darum, verständlich zu machen, wie das Bewußtsein in jeder Sinngebung, die es vollzieht, notwendig den Sinn mit Seins-

30

modalitäten ausstattet und welche Eigenheit des konstituieren­ den Bewußtseins für diese Leistung verantwortlich zu machen ist. Die Ursprungsstätte für wirklich radikale Klärungen ist hier die Wahrnehmung, und aus später ersichtlichen Gründen ist dabei bevorzugt die transzendente Wahrnehmung. Das Gesagte

35

gilt aber, obschon der spezifische, die Logik der Theorie beherr-

1 Vgl.

zu den

§§ 6-8

Beilage I:

B esc h reib u n g e n d es W id e r s tr e ü p h ä n o m e n s , abgeseh en

von der Stellungnahme (S. 346ff.). — Anm. d. Hrsg.

VORLESUNGEN -

1. MODALISIERUNG

29

sehende Urteilsbegriff im Rahmen der bloßen Wahrnehmung noch

gar nicht auftritt; aber die Modalitäten treten hier eben auf, welche die Wahrnehmung nicht aus zufälligen Gründen mit dem Urteil gemein hat. Wir werden von da aus zeigen können, daß | 5 die Modi des Glaubens notwendig bei allem Bewußtsein ihre Rolle spielen. Darüber muß Klarheit geschaffen sein, damit die Ver­ wirrung, in die ein so genialer Forscher wie Brentano in den Fragen von Glaube und Urteil verfallen ist, überwunden werden, und andererseits die beständige Rolle der Modalitäten in der

10

15

20

25

/

30

35

Logik verständlich werden kann. Dies hier nur zur Vordeutung. Im Sinne unserer bisherigen Analysen stellt sich jede Wahr- > nehmungsphase als ein Strahlensystem von aktuellen und poten- j tiellen Erwartungsintentionen dar. Im kontinuierlichen Ablauf i der Phasen findet im Normalfall der Wahrnehmung, in der ge-

wohnlich schlechthin so genannten Wahrnehmung, ein kon­ tinuierlicher Prozeß der aktualisierenden Erregung, dann der stetigen Erfüllung von Erwartungen stattT™wobei Erfüllung immer auch Näherbestimmung ist. Nun haben wir aber als ( mögliches Gegenvorkommnis der Erfüllung von Erwartungen

auch das der Enttäuschung. Dabei ist aber unter allen Umstän­ den, damit noch eine Einheit eines intentionalen Prozesses er­ halten bleiben kann, ein gewisses Maß durchgehender Erfüllung vorausgesetzt. Das sagt in korrelativer Richtung: Eine gewisse / Einheit des Sinnes muß sich durchhalten durch den Abfluß

wechselnder Erscheinungen hindurch. Nur so haben wir im Ablauf des Erlebnisses mit seinen Erscheinungen die Beständig-

keit eines ^Bewußtseins, eine einheitliche, alle Phasen über­

greifendOntentionahtäL Was

— gleichgültig, ob sich in ihm wahrnehmungsmäßig ein unver-

änderter oder sich verändernder Gegenstand konstituiert hatte

— statt Erfüllung Enttäuschung eintritt? Also z.B. es ist eine

gleichmäßig rote Kugel gesehen; eine Strecke lang ist der Wahr­ nehmungsverlauf eben so abgeflossen, daß diese Auffassung sich einstimmig erfüllt hat. Aber nun zeigt sich im Fortgang allmäh-

lieh ein Teil der unsichtig gewesenen Rückseite, und gegen die ursprüngliche Vorzeichnung im Sinn, die da lautet „gleichmäßig rot, gleichmäßig kugelförmig”, tritt, die Erwartung enttäu­

schend, das Bewußtsein des „anders” auf: „nicht rot, sondern grün, nicht kugelig, sondern eingebeult”, so lautet es jetzt im

„nicht rot, sondern grün, nicht kugelig, sondern eingebeult”, so lautet es jetzt im geschieht nun, wenn

geschieht nun, wenn IrrTProzeß

30

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Sinn. Ein allgemeiner Sinnesrahmen hat sich durchgehalten in durchgehender Erfüllung, nur ein Teil der vorzeichnenden In­ tention, der eben zu der betreffenden Oberflächenstelle gehörige, ist betroffen, und der entsprechende Sinnesteil erhält den 5 Charakter des „nicht so, vielmehr anders”. Hier tritt ein Wider­ streit auf zwischen den noch lebendigen Intentionen und den in neu gestifteter Originalität auftretenden Sinnes- und Glaubens­ gehalten mitsamt den ihnen zugehörigen Horizonten. Aber nicht nur Widerstreit. Der neu konstituierte Sinn in seiner Leibhaftig-

10

keit wirft seinen Gegner gleichsam aus dem Sattel. Indem er ihn, der nur leere Vorerwartung war, mit seiner leibhaftigen Fülle überdeckt als der nun geforderte, überwältigt er ihn. Der neue Sinn „grün” in seiner urimpressionalen Erfüllungskraft ist Gewißheit in Urkraft, die die Vorerwartungsgewißheit des „rot

15

seiend” überwältigt. Als überwältigte ist sie nun bewußt, sie trägt den Charakter des „nichtig”. Andererseits fügt das „grün” sich im übrigen dem alten Rahmen ein. Das „grün und einge­ beult seiend”, das in der Urimpression auftritt, und der ganze Aspekt des Dings von der betreffenden Seite setzt die voran-

20

gegangene Erscheinungsreihe, die retentional noch bewußte, dem Sinn nach in einstimmigem Zuge fort, solange wir eben in der einen Schichte verbleiben.

7 , RückwirkimUDurchstreichung der retentional noch bewußten früheren Vorzeichnungen und infolgedessen der alten

25

Wahrnehmungsauffassung überhaupt 1

Aber freilich, eine gewisse Verdoppelung im Sinnesgehalt ge­ hört wesentlich zu der gesamten phänomenalen Sachlage. So wie das unerwartet Neue und „Andere” den im bisherigen Wahr­ nehmungszug vorgezeichneten Sinn „rot und kugelförmig” über-

30

deckt und nichtig macht, so geschieht Entsprechendes auch rückwirkend für die ganze bisherige Reihe. D.h., der Wahr­ nehmungssinn ändert sich nicht bloß in der momentanen ur­ impressionalen Wahmehmungsstrecke. Die noematische Wand­ lung strahlt in Form einep rückwirkenden Durchstreichung zu-

35

rück in die retentionale Sphäre und wandelt ihre aus den früheren Wahrnehmungen stammende Sinnesleistung ^Die frühere Apper-

1 Vgl. S. 237f. — Anm. d. Hrsg.

VORLESUNGEN

-

1. MODALISIERUNG

31

zeption, die auf konsequent fortlaufendes „rot" und gleich­ mäßiges „rund” abgestimmt war, wird implicite „umgedeutet” in „grün” und „eingebeult”. Wesensmäßig liegt darin, daß, wenn wir die retentionalen 5 Bestände, also die noch frisch bewußte aber völlig dunkel ge­

wordene Erscheinungsreihe, in einer expliziten Wiedererinnerung anschaulich machen würden, wir an allen ihren Horizonten nicht:

nur die alte Vorzeichnung in der alten Erwartungs- und E r-:

füllungsstruktur, wie sie damals ursprünglich motiviert war, ■

10

erinnerungsmäßig fänden, sondern darübergelagert die ent­ sprechend gewandelte Vorzeichnung, die nun durchgehend auf „grün” und „eingebeult” weist. Das aber in einer Art, die die <wider>streitenden Momente der alten Vorzeichnung als nichtig charakterisiert. Sofern aber diese Sinnesmomente bloß Momente

15

eines einheitlichen und in fester Einheitlichkeit organisierten Sinnes sind, ist der ganze Sinn der Erscheinungsreihe modal ge­ ändert und zugleich ein verdoppelter. Denn der alte Sinn ist noch bewußt, aber überstrichen und nach entsprechenden Momenten durchstrichen. — Hier studieren wir also, wie das Phänomen des

20

„anders”, der „Aufhebung”, der Nichtigkeit oder der Negation ursprünglich aussieht. Wir erkennen, daß grundwesentlich ein in Verdrängung Sich-überlagern eines neuen Sinnes über einen schon konstituierten statthat, wie korrelativ in noetischer Richtung ein Sich-bilden einer zweiten Auffassung, Apperzeption, die nicht

25

neben einer ersten liegt, sondern über ihr liegt und mit ihr streitet. Es streitet Glaube mit Glauben, Glaube des einen Sinnesgehaltes und Anschauungsmodus mit dem eines andern Gehaltes in seinem Anschauungsmodus. Hier besteht der Streit in der eigentümlichen „Aufhebung” einer antizipierenden Intention, einer Erwartung,,

30

durch eine volle Urimpression, wofür Enttäuschung nur ein an­ derer Ausdruck ist; und zwar ist es Aufhebung nach einem be-; schlossenen Bestandstück, während nach dem übrigen Einstim­ migkeit der Erfüllung sich fortsetzt. Das unmittelbar von der Aufhebung Betroffene, das primär den Charakter des „nicht”

32

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

der Wandlung, die die ursprüngliche schlichte und normale Wahrnehmung vermöge der Durchstreichung erfahren hat, haben wir wieder eine der normalen Wahrnehmung gleichende Wahrnehmung insofern, als die mit der Durchstreichung Hand 5 in Hand gehende Sinneswandlung eine Wahrnehmung von ein­

heitlichem und durchgehend einstimmigem Sinn herstellt, in der fortgehend, wir beständig Erfüllung der Intentionen finden: Mit der Einsetzung von „grün” und „eingebeult” stimmt jetzt alles. Aber freilich, insofern haben wir einen Unterschied, als für das 10' Bewußtsein retentional auch erhalten bleibt das System der alten Wahrnehmungsauffassung, die partiell mit der neuen sich durch­ dringt. Diese alte ist noch bewußt, aber im Charakter der auf­ gehobenen. Der frühere normale Bewußtseinssinn ist in ange­ gebener Weise durchstrichen, und ihm ist der neue Sinn auferlegt.

15

Wir können auch sagen, der alte Sinn wird <für> ungültig erklärt und ihm ein anderer als gültiger unterlegt. Das sind nur andere Ausdrücke für Negation und Substitution eines neuen erfüllenden Sinnes für den intendierten. Ziehen wir die wichtigsten Resultate:

Fürs erste setzt die Negation hier in der Ursprünglichkeit wesens-

20

mäßig voraus die normale ursprüngliche Gegenstandskonsti­ tution, die wir als normale Wahrnehmung früher beschrieben. Sie muß da sein, um ursprünglich modifiziert werden zu können. Negation ist eine Bewußtseinsmodifikation, die sich selbst ihrem eigenen Wesen <nach> als das ankündigt. Fürs zweite: Die

25

ursprüngliche Konstitution eines Wahrnehmungsgegenstandes vollzieht sich in Intentionen (bei der äußeren Wahrnehmung in apperzeptiven Auffassungen), die ihrem Wesen nach jederzeit durch Enttäuschung des protentionalen Erwartungsglaubens eine Modifikation annehmen können, die in eins mit der hierbei

30

wesensmäßig eintretenden Überlagerung gegeneinander ge­ richteter Intentionen statthat. Das geschieht aber so, daß die einen Intentionen nicht nur durch die ihnen entgegenstehenden irgendwie betroffen, sondern in besonderer Weise betroffen sind, nämlich derart, daß sie eben ihre ganze intentionale Leistung

35

damit ändern. Konkret gesprochen und an unserem Beispiel:

Das gegen die Intention auf „rot” auftretende Grün ändert an der Intention für „rot” insofern nichts, als diese noch weiter be­ wußt bleibt als Intention auf „rot”. Es tritt nun auf der Be­ wußtseinscharakter einer „aufgehobenen”, einer „ungültigen”

VORLESUNGEN -

1. MODALISIERUNG

33

<Intention>, und demgemäß hat das Rot den modalen Charakter des „nichtig”. Im Kontrast dazu hat das neu Wahrgenommene, aber die Intention Enttäuschende den Charakter des „gültig”. Ebenso können wir sagen: In solchem Kontrast hat jede normale 5 Wahrnehmung, jede, in der solch ein Vorkommnis wie eine Enttäuschung oder ähnliche Voi kommnisse noch nicht aufgetreten waren, den Charakter eines Geltungsbewußtseins. Vergleichen wir aber das ungeänderte und andererseits das vermöge ein­ tretender Durchstreichung geänderte Bewußtsein hinsichtlich

10

des Sinnesgehaltes, so sehen wir, daß die Intention sich zwar um­ gewandelt hat, aber der gegenständliche Sinn selbst bleibt identisch erhalten. Der gegenständliche Sinn bleibt nach der Durchstreichung noch derselbe, nur als durchstrichener, es scheidet sich also der Sinngehalt und seine Seinsmodalität: auf

15

der einen Seite hat er den Modus schlichter, unbestrittener Ein­ stimmigkeit, auf der andern der Bestrittenheit und Durch­ streichung.

<2.

K a p it e l

Der Modus des Zweifels»

20

8. Widerstreit zweier übereinander gelagerter Wahrnehmungs­ auffassungen von gleichem hyletischem Bestand> 1

Betrachten wir jetzt noch ein anderes mögliches Vorkommnis hierher gehöriger Art, das den Übergangsmodus zur negierenden Aufhebung darstellt, aber auch als ein Dauerzustand auftreten

25

kann. Ich meine das Phänomen des Zweifels, der sich lösen kann, sei es in der Form der Verneinung, oder aber der Bejahung, das erstere etwa so wie in dem früher von uns einmal herangezogenen Beispiel der bewußtseinsmäßig sich entlarvenden Illusion: Das zunächst als Mensch Gesehene wird zweifelhaft und schließlich

30

stellt es sich als eine bloße Wachspuppe heraus. Oder aber um­

gekehrt, der Zweifel löst sich in der bejahenden Form: ja, es ist

Zweifels, ob wirklicher Mensch

oder Puppe, überschieben sich offenbar zwei Wahrnehmungs-

v doch ein Mensch. Während des

1

Vgl. zu den §§ 8-11

Beilage II: S in n

u n d

S e in s m o d a litä t

i n

W a h rn e h m u n g

u n d

W ie d e r e r in n e r u n g (S. 350££.). — Anm. d. Hrsg.

34

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

auffassungcn. Diu eine lobt in der normal verlaufenen Wahr­ nehmung, mit der wir anhuben, wir sehen eine Weile einen Men­ schen da, einstimmig und unbestritten, wie die andern Dinge der Umgebung; es waren normale, teils erfüllte, teils unerfüllte In- 5 tentionen, in der kontinuierlichen Folge des Wahrnehmungs­

prozesses sich normal erfüllend, ohne jeden Widerstreit, ohne jeden Bruch. Und dann erfolgt nicht ein glatter Bruch in Form einer entschiedenen Enttäuschung, also nicht derart, daß eine Wahrnehmungserscheinung von normalem intentionalem Typus

10

gegen eine erregte Erwartungskomponente streitet und sie mit ihrer Fülle durchstreichend überdeckt und aufhebt. Vielmehr haben wir in unserem jetzigen Beispiel die Sachlage, daß mit einem Mal der volle konkrete Gehalt an eigentlicher Erscheinung (neben dem ursprünglichen Leerhorizont und der ursprünglichen

15

Vor Zeichnung) einen sich darüberschiebenden zweiten erhält:

Die visuelle Erscheinung, die mit Farbigkeit erfüllte Raumge­ stalt war vorher mit einem Hof von Auffassungsintentionen ausgestattet, der den Sinn gab „menschlicher Leib” und „Mensch überhaupt”. Und jetzt schiebt sich darüber der Sinn „bekleidete

20

Wachspuppe”. Am eigentlich Gesehenen ändert sich nichts, ja gemeinsam ist auch noch m'ehr, beiderseits sind gemeinsam apper- zipiert Kleider, Haare u.dgl., aber einmal Fleisch und Blut, das andere Mal Wachs. Gehen wir auf die letzten Strukturen zurück, so können wir dafür auch sagen: Ein und derselbe Bestand an

25

hyletischen Daten ist die gemeinsame Unterlage von zwei über­ einandergelagerten Auffassungen. Keine von beiden ist während des Zweifels durchstrichen, sie stehen hier in wechselseitigem Streit, jede hat gewissermaßen ihre Kraft, ist durch die bisherige Wahrnehmungslage und ihren intentionalen Gehalt motiviert,

30

gleichsam ^gefordert.1 Aber Forderung steht gegen Forderung, eins bestreitet das andere und erfährt von ihm den gleichen Tort. Es bleibt im Zweifel ein unentschiedener Streit. Da die Leer­ horizonte nur in eins mit dem gemeinsamen, eigentlich anschau­ lichen Kern Gegenständlichkeit konstituieren, so haben wir

35

danach ein Auseinandergehen der ursprünglichen normalen

1 Die W ahl dieser Ausdrücke ist nicht ohne Grund, sie beweist, daß alle Auf­ fassung in Tendenzen besteht, m otiviert in ihrem Zusammenhang, und in dieser Motivation haben sie ihre „K raft” ; vgl. <S.> 42, wo erst für den Zweifel die Glaubens­ neigung eingeführt wird. Korrelativ wäre von einer in c lin a tio ex. zu sprechen.

VORLESUNGEN

-

1. MODALISIERUNG

35

Wahrnehmung, die nur einen Sinn in Einstimmigkeit konstitu­ ierte, in eine Doppelheit, gewissermaßen in eine doppelte Wahr­ nehmung. Wir haben zwei sich vermöge des gemeinsamen Kem- gehaltes durchdringende Wahrnehmungen. Aber eigentlich paßt 5 dieser Ausdruck doch wieder nicht. Denn ihr Widerstreit besagt auch eine gewisse wechselseitige Verdrängung; bemächtigt sich die eine Auffassung des gemeinsamen anschaulichen Kerns, ist sie aktualisiert, so sehen wir etwa einen Menschen. Aber die zweite Auffassung, die auf Puppe geht, ist nicht zum Nichts ge-

10

worden, sie ist heruntergedrückt, außer Kraft gesetzt. Dann springt etwa die Auffassung Puppe hervoij wir sehen jetzt also Puppe; nun ist aber die Mensch-Auffassung die außer Funktion gesetzte, hinuntergedrückte. Das gilt aber nicht nur für die momentane Wahrnehmungslage, für die Jetztphase. Denn auch

15

hier erkennen wir die wesensmäßige Rückwirkung des Wider­ streites auf das abgeflossene Erleben, auch in ihm also das Zer­ fallen des einsinnigen Bewußtseins in ein mehrsinniges; d.h., das Zwiespältigwerden mit seiner apperzeptiven Überschiebung setzt sich in das retentionale Bewußtsein fort. Vollziehen wir ex-

20

plizite Vergegenwärtigung der dem Zweifel vorangegangenen Wahrnehmungsstrecke, so ist sie nun nicht mehr, wie eine sonstige Erinnerung, in ihrer Einsinnigkeit da, sondern sie hat dieselbe Verdoppelung angenommen, überall ist über die Mensch- Apperzeption die Puppen-Apperzeption gelegt. Aber nicht min-

25

der wichtig, ja das Allerwichtigste ist, daß die Verdoppelung nicht wirklich eine Verdoppelung von Wahrnehmungen ist, ob­ schon der Grundcharakter der Wahrnehmung, das Leibhaftig- keitsbewußtsein beiderseits besteht. Springt die Mensch-Apper­ zeption in die Puppen-Apperzeption um, so steht zuerst der

30

Mensch in Leibhaftigkeit da, und das andere Mal eine Puppe. Aber in Wahrheit steht keine von beiden da so, wie der Mensch vor Einsetzen des Zweifels dastand. Evidenterweise ist der Be­ wußtseinsmodus geändert, obschon der gegenständliche Sinn und seine Erscheinungsweise nach wie vor den Modus der Leibhaftig-

35

keit hat. In der Tat haben wir noch nicht dem wesentlich ge­ änderten Glaubens- bzw. Seinsmodus in gehöriger Weise Rech­ nung getragen. Die Weise, wie das leibhaftig Erscheinende be­ wußt ist, ist eine andere. Statt daß es, wie in der normalen, ein- sinnig, also einstimmig verlaufenden Wahrnehmung, eben als

36

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

schlechthin-da bewußt ist, ist es nun bewußt als fraglich, als zweifelhaft, als strittig: bestritten durch ein anderes, durch ein leibhaft Gegebenes einer andern, sich im Widerstreit mit ihm durchdringenden <Auffassung>. Wir können das auch so aus- 5 drücken: Das Bewußtsein, das leibhaft (original] bewußtmacht,

hat nicht nur den Modus der Leibhaftigkeit, der es vom_vergegen­ wärtigenden Bewußtsein und Leerbewußtsein unterscheidet, die denselben Sinn nicht in Leibhaftigkeit bewußtmachen, sondern es hat auch einen wandelbaren Seins- oder Geltungsrhodus. Die

10

ursprüngliche, normale Wahrnehmung hat den Urmodus „seiend, geltend schlechthin”, es ist das die schlechthinnige, naive Gewiß­ heit. Der erscheinende Gegenstand steht in unbestrittener und ungebrochener Gewißheit da. Das Unbestrittene weist auf mögliche Bestreitungen oder gar Brüche hin, eben auf solche, wie

15

wir sie jetzt beschrieben, und mit denen sich im Zwiespältig­ werden eine Abwandlung des Geltungsmodus vollzieht. Im Zweifel haben die beiden miteinander streitenden Leibhaftigkeiten den gleichen Geltungsmodus „fraglich”, und jedes Fragliche ist eben ein Strittiges und Bestrittenes durch ein anderes.

20

Wir sehen schon hier, daß sich das für die Wahrnehmung als Leibhaftigkeitsbewußtsein Aufgewiesene übertragen muß auf die Erinnerung. Denn vermöge der Rückstrahlung in die Retention und damit in die explizierende Wiedererinnerung vollzieht sich auch in ihr Modalisierung. Natürlich haben wir dabei nur Ver-

25

gangenheitsstrecken im Auge für dasselbe, das jetzt noch fort­ dauert als leibhaft gegenwärtig. Während die normale Erinnerung dadurch, daß sie Reproduktion einer normalen Wahrnehmung ist, das Reproduzierte im normalen Geltungsmodus der Gewiß­ heit als gewiß seiend bewußtmacht, bietet die durch jene Rück-

30

Strahlung mit Zwiespältigkeit behaftete Erinnerung den ge­ änderten Geltungsmodus des „fraglich”, fraglich, ob so oder so gewesen, gewesen als Mensch oder als Puppe.1

9 . Entscheidung des Zweifels durch Übergang zu bestätigter Gewißheit einerseits, Negation andererseitsr

35

Zum Wesen des Zweifels gehört die Möglichkeit der Entschei­ dung, Lösung, und eventuell <der> aktiven; der Zweifel selbst

VORLESUNGEN -

1. MODALISIERUNG

37

heißt im Kontrast zu ihr Unentschiedenheit, das Bewußtsein unentscheidendes Bewußtsein. Im Gebiet der Wahrnehmung vollzieht sich die Entscheidung notwendig in der Form (als der ursprünglichsten Entscheidungsform), daß sich im Fortgang zu 5 neuen Erscheinungen (etwa in freier Inszenierung entsprechender kinästhetischer Abläufe) dem einen der miteinander streitenden Leerhorizonte eine passende, erwartungsmäßige Fülle einfügt; abgewandelte oder völlig neue Empfindungsdaten, die auftreten, fordern unter der gegebenen intentionalen Lage Auffassungen,

10

welche die Komplexe unbestritten gebliebener Intentionen so ergänzen, daß die Quelle des Streites verstopft und das den Zweifel speziell Motivierende durch die Kraft einer Urimpression aufgehoben wird. Die Erfüllung durch Urimpression ist die Kraft, die alles niederrennt. Wir treten näher heran, wir fassen auch

15

tastend zu, und die eben noch zweifelhafte Intention auf Wachs erhält den Gewißheitsvorzug. Sie erhält ihn durch die einstimmige Überleitung in neue Erscheinungen, die mit der Mensch-Auffas­ sung nach ihren unerfüllten Horizonten nicht stimmen und sie durch ihre erfüllende Wucht der Leibhaftigkeit negieren. Es

20

findet also nach der einen Seite, und zwar nach seiten der die ursprüngliche Wahrnehmung fortleitenden, als zweifelhaft mo- dalisierten Mensch-Auffassung in dieser Entscheidung Vernei­ nung statt. Im Gegenfall wäre für sie Bejahung eingetreten, oder, was dasselbe ist, Bestätigung der ursprünglichen, aber

25

hinterher zweifelhaft gewordenen Wahrnehmung. Das leibhaft Erscheinende erhielte dann den modalen Geltungscharakter ,,ja wirklich”. In gewisser Weise ist also auch das bestätigende Ja, wie das Nein, ein modifizierender Modus gegenüber dem ganz ursprünglichen, ganz unmodifizierten Modus der gewissen Gel-

30

tung, in dem sich einsinnig und streitlos die schlichte Konsti­ tution des Wahrnehmungsgegenstandes vollzieht. Ich sagte aber:

in gewisser Weise. Denn die Rede von „Modalisierung” erweist hier eine Doppeldeutigkeit. Einmal kann gemeint sein jede Wandlung des Geltungsmodus gegenüber dem ursprünglichen der

38

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Zweifel bejahende Entscheidung eintritt, haben wir Wiederher­ stellung der Gewißheit; was sich als „in der Tat” wirklich her­ ausstellt, wird mir von neuem gewiß. Und doch ist nun das Be­ wußtsein geändert. Der Durchgang durch Zweifel zur Ent- 5 Scheidung gibt dem Bewußtsein eben den Charakter des ent­

scheidenden, und seinem noematischen Sinn den entsprechenden Charakter, der sich im „ja”, „in der Tat”, „wirklich so” und <in> dergleichen Redewendungen ausdrückt. Es wird uns hier wie überall sichtlich und immer besser noch sichtlich werden, daß

10

sozusagen das Schicksal des Bewußtseins, all das, was es an Wendungen und Wandlungen erfährt, in ihm selbst nach der Wandlung als seine „Geschichte” niedergeschlagen bleibt. Das sagt aber, da Bewußtsein ist, wašešist, als Bewußtsein von etwas, als eine Sinngebung, daß jede solche Wandlung sich am Sinn an-

15

zeigt und daß selbst, wo der gegenständliche Sinn, ja sogar die Erscheinungsweise dieselbe ist, sie sich am Sinn, als eine Modali­ tät, eine Wandlung ausdrückt. Nehmen wir das ganze zwiespäl­ tige Bewußtsein, so konstituiert sich darin einheitlich im Zweifel das Disjunktivum „A oder B”, in der Negation das „nicht A

20

sondern B”, ferner in der Bejahung das „nicht Nicht-A sondern doch A”. So wandelt sich das schlichte „seiend” des gegenständ­ lichen Sinnes in „zweifelhaft seiend” oder, was hier dasselbe ist, „fraglich seiend”, dann eventuell durch Entscheidung in „nicht seiend” oder in „doch seiend”. Wir müssen überhaupt in der

25

phänomenologischen Betrachtung, deren Absehen ja auf ein letztes Verstehen von Bewußtsein und Bewußtseinsleistung ge­

richtet ist, allzeit den Blick nach diesen beiden Seiten dirigieren, nach der noetischen, der des Erlebens, und nach der noematischen, der Seite des in dem Bewußtseinsleben Bewußten, des Sinnes und

30

seiner so vielfältigen Modi. So in der jetzigen Fragensphäre. In der Blickrichtung auf das Bewußtsein und das es vollziehende Ich finden wir, schon geleitet von Sein und Seinsmodalitäten, den ursprünglichen Modus der naiven Wahrnehmungsgewißheit oder, wenn man will, den naiven Wahrnehmungsglauben, dann die

35 abgewandelten Modi, das zweifelnde Ungewiß-sein, das Negieren als negative Entscheidung, die eine Gewißheit durchstreicht, -■ aufhebt in Form einer positiven Gegengewißheit. Ferner das Bejahen, das erneutes Gewiß-werden, aber Gewißheit in der Form der bestätigenden Entscheidung ist. Wir sprechen hier auch

VORLESUNGEN

-

1. MODALISIERUNG

39

von Anerkennen, wie im Gegenfall von Verwerfen, wir sehen hier, daß Anerkennen etwas anderes ist als naive Gewißheit und, un­ gleich dieser, den Durchgang durch das Ungewiß-sein als Zweifeln, Fragen voraussetzt. Wir sehen nebenbei bemerkt hier in der Rede 5 von Fragen von der den Sinn derselben mitbestimmenden Wunschintention auf Entscheidung ab, die uns hier nichts angeht und logisch außerwesentlich ist. Endlich erwähne ich noch wichtige parallele Ausdrücke: ,,für wahr halten” für jederlei Gewiß-sein und „für falsch halten” für

10

„verwerfen”. Korrelativ haben wir auf Sinnesseite die von uns beständig benützten Ausdrücke „gewiß seiend”, „nicht seiend” usw., und gemäß der letzten Rede auch das „wahr”, insbesondere als Ausdruck für das „ja wirklich”, und das „falsch” als Ausdruck für „nicht seiend”. Wir wollen uns das merken, daß die Begriffe

15

wahr und falsch hier auftreten als Ausdrücke für die bezeichneten Seinsmodalitäten. In der Tat muß alle Ursprungsanalyse dieser Begriffe an diesem Punkte einsetzen. Einsetzen, sage ich. Denn welche Entwicklung diese Begriffe noch nehmen bis zum vollen Begriff der Wahrheit, darüber ist hier noch nichts angedeutet.

20

<3. K apitel

 
 

Der

Modus

der

Möglichkeit»

 

<§ io.

Offene Möglichkeiten als Unbestimnitheitsrahmen intentionaler Vorzeichnung>

Wir haben nun noch die wichtige Gruppe der Modalisierungen

25

nach Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit zu besprechen, die durchaus in den Rahmen der Ungewißheit fallen, wobei wir Un­ gewißheit nicht bloß als Privation der Gewißheit verstehen, die ja den Fall der Negation umspannen würde, sondern Ungewiß­ heitsmodalitäten <meinen>, die keine Entscheidung enthalten.

30

Wo immer ein Bewußtsein den Modus Gewißheit verloren hat und in Ungewißheit übergegangen ist, ist auch die Rede von Möglichkeiten. Aber auch darüber hinaus. Wir stoßen in unserer Sphäre auf mehrere Möglichkeitsbegriffe. Erörtern wir zunächst den Begriff der offenen Möglichkeiten mit Beziehung auf folgen-

40

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Wahrnehmung intentional vorgezeichnet ist, ist nicht möglich, sondern gewiß, und doch liegen in solchen Vorzeichnungen allzeit Möglichkeiten, ja Umfänge mannigfaltiger Möglichkeiten be­ schlossen. Die Vorzeichnung, welche in der Wahrnehmung eines 5 Dinges von der Vorderseite für die unsichtigen Seiten gegeben

ist, ist, wie wir wissen, eine unbestimmt allgemeine. Diese All­ gemeinheit ist ein noetischer Charakter~3es leer vorweisenden Bewußtseins und korrelativ für das Vorgezeichnete ein Sinnes­ charakter. Also z.B. die Farbe der dinglichen Rückseite ist nicht

10

als eine ganz bestimmte Farbe vorgezeichnet, wenn das Ding uns noch unbekannt ist und wir es nicht schon von der andern <Seite > genau angesehen haben; „eine Farbe” ist doch vorgezeichnet. Aber eventuell noch mehr. Ist die Vorderseite bemustert, so werden wir auch für die Rückseite das durchgehende Muster er-

15

warten, ist es eine gleichmäßige Farbe mit allerlei Flecken, so allenfalls auch Flecken für die Rückseite usw. Aber Unbestimmt­ heit verbleibt auch da. Die Vorweisung hat nun, wie alle sonsti­ gen Intentionen in der normalen Wahrnehmung, den Modus der naiven Gewißheit, aber sie hat diesen Modus eben nach dem,

20

was sie bewußtmacht und so wie, mit dem Sinne, in dem sie bewußtmacht; also gewiß ist irgendeine Farbe überhaupt, oder eine „mit Flecken unterbrochene Farbe überhaupt” und derglei­ chen, also die unbestimmte Allgemeinheit. Überlegen wir, was das für Konsequenzen hat. Natürlich ist der

25

Gebrauch dieser Rede von Allgemeinheit hier nur ein Notbehelf indirekter, auf die Phänomene selbst hindeutender Beschreibung. Denn an logische Begriffe, an klassifizierende oder generali­ sierende Allgemeinheiten ist hier nicht zu denken. Vielmehr ein­ fach an diese Vormeinung der Wahrnehmung, wie sie in ihr ist

30

mit ihrem Bewußtseinsmodus der Unbestimmtheit. Zum allge­ meinen Wesen jeder leeren Intention, also auch einer solchen un­ bestimmten Vordeutung gehört ihre Explizierbarkeit in Gestalt von Vergegenwärtigungen. Wir können uns in Freiheit, etwa dadurch, daß wir uns vorstellen, daß wir um den Gegenstand her-

VORLESUNGEN -

1. MODALISIERUNG

41

richtet, also auf eine Quasi-Erfüllung der Wahrnehmung durch vergegenwärtigte Wahrnehmungsreihen, so wird sich zwar jeweils eine konkrete Anschauung mit der bestimmten Farbe einstellen, aber diese bestimmte ist nicht vorgezeichnet gewesen, also auch 5 nicht gefordert: Das Vergegenwärtigte steht als gewiß, und zwar als d ie Rückseite da, aber eben in einem Unbestimmtheits­ bewußtsein, das für diese bestimmte Farbe nicht indiziert, die da zufällig erscheint. Wenn sich andere Anschauungen einstellen mit andern Farben, so erstreckt sich die Gewißheit auf diese eben-

10

sowenig, für keine von ihnen ist im voraus irgendetwas aus­ gemacht. Keine ist gefordert. Kontrastieren wir: Im Fall einer wirklichen Erfüllung im wirklichen Fortgang der Wahrnehmung ist die die unbestimmte Vorzeichnung erfüllende Farbenerschei­ nung in sich selbst als Gewißheit konstituiert. Hier erfolgt, und in

15

Gewißheit, bestimmende Besonderung und damit Steigerung der Kenntnis. Die neu auftretende Wahrnehmungsstrecke bringt in ihrem Gewißheitsgehalt das unbestimmt Allgemeine, das vor­ gezeichnet war, in einer näher bestimmenden Konkretion, die, von der Einheit der Wahrnehmungsgewißheit umspannt, die

20

Vorzeichnung, Vorerwartung einheitlich erfüllt. Die Erfüllung ist zugleich Zuwachs der Kenntnis. (Das bestimmte Fleckige.) Bei der illustrierenden Vergegenwärtigung aber ist das nicht der Fall, jede andere Farbe kann für die gerade auftretende ebensogut dienen. Die Vergegenwärtigung ist nur mit dem Gewißheitsmodus

25

insofern ausgestattet, als sie trotz der bestimmten in ihr auftre­ tenden Färbung ihren Unbestimmtheitsmodus in bezug auf sie innehält. Nur dadurch unterscheidet sie sich ja von einer be­ stimmten Erinnerung, wie wir sie haben würden, wenn wir nach der wirklichen Wahrnehmung von der Rückseite diese uns wieder

30

vergegenwärtigten. Danach versteht es sich, daß jede bloß ver­ anschaulichende Vergegenwärtigung, vor der wirklichen Kennt­ nisnahme, hinsichtlich des quasi-bestimmenden Inhalts einen modalisierten Gewißheitscharakter haben muß. Aber diese Un­ gewißheit hat das Ausgezeichnete, daß in ihr die zufällig gegebene

42

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

gezeichnet. Es ist ein Glied eines offenen Umfangs von Näher­ bestimmungen, die einpaßbar sind dem Rahmen und darüber hinaus völlig ungewiß sind. Das macht den Begriff der offenen Möglichkeit aus.

5 n .

Anmutliche

Möglichkeiten als

Glaubensneigungen des

Zweifels> 1

Was positiv vorzeichnende Motivation und doch mit dem Modus der Ungewißheit besagt, das <wird> noch deutlicher durch einen Kontrast, in dem uns eine andere Art Möglichkeit bekannt werden wird, bewiesen. Blicken wir auf das Phänomen des Zweifels

10

zurück. Wir sprechen bei jedem Zweifel auch von Glaubensnei­ gungen. So mag das in der gesehenen Vorderseite Auftretende mit dem zugehörigen Auffassungssinn für die Rückseite Bestimmtes, aber nicht eindeutig, sondern zweideutig vorzeichnen. Wie, wenn wir unsicher werden, ob, was wir sehen, ein Vollding oder eine Art

15

Kulisse ist. Das gibt einen bewußtseinsmäßigen Widerstreit, der sich hier, nicht wie bei unserem Beispiel Puppe-Mensch, in den leeren Vordeutungen abspielt. Der Streit kann dabei die Form eines statischen Schwebezustands haben. Aber sowie das Ich sich dahin richtet und gar vergegenwärtigende Anschauung vollzieht,

20

geht er in ein bewegliches Gegenspiel über, in ein zweifelndes Schwanken. Das ergibt für jede Seite Glaubensneigung. Nämlich indem das Ich die auf die eine Seite hingehenden Motivationen zunächst für sich aktualisiert, erfährt es die dahingehende ein­ stimmige Forderung. Indem es sich ihnen gleichsam ausschließ-

25

lieh hingibt und das für die andere Seite Sprechende außer Aktion gesetzt bleibt, erfährt es eine Kraft der Anziehung, eine Neigung, sich in Gewißheit zuzuwenden. Ebenso aber auch in der Aktuali­ sierung der Gegenintentionen. So modalisiert sich der normale Ichakt der Wahrnehmung in den Akten, die wir Glaubensan-

30

mutungen nennen. Von seiten der gegenständlichen Sinne, der bewußten Gegenstände her, sprechen wir hier auch von Seins- anmutung, das besagt, daß vom Gegenstand her die Affektion ausgeht, daß er sich ebenso wie sein feindlicher Partner dem Ich als seiend anmutet. Der Sinn selbst hat Neigung zu sein.

35

Nun, dieses Anmutliche heißt~eEenTaIis (außer Beziehung zum

1 Vgl. Beilage III: E v id e n z vo n

M ö g lic h k e ite n

in infinitum (S. 354 ff.). — Anm. d. Hrsg.

als solchen u n d

m odale A b w a n d lu n g

VORLESUNGEN

*

1. MODALISIERUNG

43

Ich betrachtet) möglich, aber es bestimmt einen grundwesentlich anderen Begriff von Möglichkeit als den vorhin beschriebenen der offenen Möglichkeit. Gerade in dem Kontrast wird der Unter­ schied beider völlig evident.

5

1 2 . Kontrastierung der offenen und der anmutlichen Möglichkeiten

Die offene Möglichkeit führt prinzipiell keine Neigung mit sich. Sie mutet sich nicht als seiend an, es spricht nichts für sie, es richtet sich auf sie keine Forderung, sei es auch eine, die durch Gegenforderungen gehemmt ist. Also da ist von Anmutlichkeiten

10

keine Rede. Nennen wir diese neuen Möglichkeiten problema­ tische Möglichkeiten, zu deutsch fragliche Möglichkeiten. Denn die im Zweifel entspringende Intention auf Entscheidung eines der anmutlichen Zweifelsglieder heißt fragende Intention. Nur wo

Anmutungen und Gegenanmutungen im Gegenspiel sind, für die

15

und gegen die etwas spricht, ist von Fraglichkeit die Rede. Der direkteste Ausdruck für diese Möglichkeiten ist aber anmutliche Möglichkeiten. Es ist völlig klar, daß sie eine total verschiedene Art der Modalisierung bezeichnen als die offenen Möglichkeiten, weil das modalisierende Bewußtsein beiderseits grundverschie-

20

denen Ursprungs ist. Auch die offene Möglichkeit ist zu bezeichnen als eine Modalisierung der Gewißheit. Aber diese Modalisierung be­ steht darin, daß eine unbestimmt allgemeine Intention, die selbst den Modus der Gewißheit hat, in gewisser Weise eine Abschwä­ chung ihrer Gewißheit impliciie hinsichtlich aller erdenklichen Be-

25

Sonderungen in sich trägt. Nämlich ist in unbestimmter Allgemein­ heit eine gefleckte Farbigkeit in Gewißheit gefordert, so ist die

Erfüllung insofern gebunden,

als eben „irgendeine" Farbigkeit

mit „irgendwie" geformten Flecken gefordert ist, und jede Be­ sonderheit dieses Typus erfüllt diese Forderung in gleicher Weise.

30

Sie erfüllt sie, also etwas von Forderung gehört ihr auch zu. Aber nicht nur jeder gleich viel, sondern die Forderung ist eine im­ plizite, sofern wesensmäßig jede zufällig eintretende Besonderung bewußt wird als der unbestimmt allgemeinen Forderung gemäß:

ihr gemäß mitgefordert, während ja, wie gezeigt worden, kein

44

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Ganz anders bei den Anmutungen, deren jede in ihrer Beson­ derheit intendierte ist. Es ist nun auch klar, daß wir von einem Urmodus der schlicht­ naiven Gewißheit aus eine geschlossene und exakt umgrenzte 5 Gruppe von Modalitäten dadurch bestimmt haben, daß sie

Modalisierungen sind vermöge des Streites, nämlich einer ur­ sprünglich schlicht gewissen Forderung mit Gegenforderungen. In diesen Kreis gehört das problematische Bewußtsein mit seiner problematischen Möglichkeit. Wir scheiden also grundwesentlich

10

die Modalitäten aus Widerstreit und die Modalität der offenen Besonderung. In Betreff der problematischen Möglichkeiten ist dann weiter auszuführen, daß sie und nur sie mit einem verschiedenen Ge­ wicht auftreten; das Anmutliche ist mehr oder minder anmutlich,

15

und zwar gilt das auch im Vergleich aller eventuell vielfältigen problematischen Möglichkeiten, die in einen und denselben Widerstreit gehören und durch ihn synthetisch verknüpft sind. Denn auch der Widerstreit, die Spaltung eines Bewußtseins in wechselseitige Hemmung schafft eine Einheit, noematisch ist es

20

die Einheit des Gegeneinander, der damit aneinander gebundenen Möglichkeiten.

<§ J3- Modi der Gewißheit als solcher in ihrem Verhältnis zu den anmutlichen und offenen Möglichkeiten

Es ist jetzt nicht unwichtig, eine eigentümliche Gruppe von

25

Modis der Gewißheit zu betrachten, die das eigene haben, daß die

Gewißheit Gewißheit bleibt. <Es sind die> Unterschiede in der „Reinheit" oder „Vollkommenheit" der Gewißheit. Denken wir folgende Situation: Ich glaube, daß es so ist, ich zweifle nicht, ich bin nicht unentschieden, ich vollziehe die un- 30 gebrochene Setzung „so ist es". Aber es kann dabei doch sein, daß, während ich so ganz gewiß bin, „sicher" bin, doch manches gegen das Sosein spricht; ein andres Sein steht als anmutliche

Möglichkeit (oder mehreres solches) vor mir. Solche Gegenanmutungen, Gegenmöglichkeiten können ein 35 verschiedenes Gewicht haben, sie üben einen stärkeren oder minder starken Zug aus, aber sie bestimmen mich nicht. Mich bestimmt im Glauben eben nur die eine Möglichkeit, für die ich

VORLESUNGEN

-

1. MODALISIERUNG

45

entschieden bin, mich eventuell vorher in einem Prozeß, im

Durchgang durch Zweifeln entschieden habe. Wir sehen auch, daß ein Begriff von „Überzeugung” hierher gehört. Verschiedene Zeugen sprechen und bringen ihre Zeug- 5 nisse bei, solche von verschiedenem Gewicht. Ich wäge und ent­

scheide mich für den einen Zeugen und sein Zeugnis. Ich verwerfe die andern Zeugnisse. Dabei kann zwar das Gewicht der andern Zeugnisse in der Tat Null werden. Das ist, sie verlieren jedes Ge­ wicht, sie haben in Wahrheit kein Gewicht. Aber auch so muß

10

es sein, daß sie ein Gewicht zwar behalten (sich nicht als geradezu falsch herausstellen), aber das eine Zeugnis hat ein derartiges „Übergewicht”, daß ich mich dafür entscheide und die andern

nicht „gelten” lasse, sie nicht „annehme” und in diesem Sinn ver­ werfe. Ich nehme für das eine Zeugnis Partei oder Stellung. Und

15

gegen die andern. Ich kann aber eventuell die verschiedene Größe der Gewichte merken, ohne für die eine der Anmutlichkeiten mich zu ent­ scheiden. Ich lasse sie in Schwebe, wie die andern. Ich warte eventuell die „objektiv entscheidende” Erfahrung ab, enthalte

20

mich einer Stellungnahme, warte auf eine Erfahrung, welche die eine der Möglichkeiten als „zweifellose” Wirklichkeit her­ ausstellt, nämlich als eine solche, die jede der andern „Möglich­ keiten” negierend aufhebt und damit ihres Gewichtes beraubt. In diesem Sinn kann man diese Gruppe von Gewißheitsmodis

25

bezeichnen als Modi der Überzeugung. Also die Modi unreiner (oder unvollkommener) Gewißheit sind Gewißheitsmodi, die sich auf das Reich der anmutlichen Sphäre beziehen. Bauen wir uns diese unreine Gewißheit phänomeno­ logisch auf, und zwar im Ursprungsfeld der Wahrnehmung. Es

30

zeigen sich dann noch feinere Unterschiede. Etwas mutet sich mir als Möglichkeit an, es spricht etwas dafür, aber andere Gegenmöglichkeiten sind da, für die auch etwas spricht, bzw. es spricht auch das oder jenes „dagegen”. Oder es ist nur eine Möglichkeit „bewußt”, z.B. wolkiger Himmel

35

und Schwüle in eins sprechen für Gewitter, aber nicht „sicher”.1

1 Was heißt hier „bewußt” ? Abgehoben, Die andern Möglichkeiten oder ganz unbestimmte andere Möglichkeiten sind „unbewußt” , nicht geweckt, aber die Hemmung ist doch da.

46

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Es mutet sich so an, und zwar in verschiedener, je nachdem wechselnder Gradualität. Es kann hier sein, a) daß ich dieser Möglichkeit in der An­ mutung bewußt bin und nichts weiter. Ich ,,lasse mich davon

5 nicht bestimmen”. b) Ich bin geneigt, mich für diese Möglichkeit zu entscheiden, ich gehe gleichsam eine Strecke mit, lasse mich hineinziehen, bin bereit, dem Zuge zu folgen. -Sofern die An­ mutung als solche eine Affektion auf das Ich besagt, welcher vom Ich her ein Hingezogen-sein entspricht, liegt in der Anmutung

10

selbst „Neigung”. Aber es ist noch ein phänomenologisch Neues, daß ich mich „willig” hinziehen lasse, daran bin, zu folgen. Da­ bei kann aber das Folgen inhibiert werden durch die Gegen­ neigungen, oder überhaupt nicht sich „auswirken”, c) Dieses Auswirken besagt, daß ich schlechthin, eventuell hemmungslos,

15

der Neigung nachgebe, mich auf ihren Boden stelle, mich für diese Möglichkeit endgültig „entscheide” . Ich glaube, ich bin „subjek­ tiv gewiß”, daß es Gewitter geben wird, und hole mir Mantel und Regenschirm. Wir können dann in einem prägnanten Sinn von Vermutung sprechen, oder <von> vermutender^Gewißheit. Etwa

20

auch so, wie wir im Streite von Zeugenaussagen dem einen Zeugen glauben, obwohl die Aussagen der Gegenzeugen nicht schlechthin als falsch ausgewiesen sind und noch ein Gewicht haben, aber ein solches, das wir nicht mehr gelten lassen. Nicht bloß, daß das eine Zeugnis der bevorzugten Anmutung ein stärkeres ist: Wir

25

verleihen ihm mitglaubend in unserer subjektiven Gewißheit Geltung, und dieses innere Ja bedeutet für die andern Zeugnisse der Gegenanmutungen ein Nein! Sie gelten uns nicht: uns „sub­ jektiv”. In sich selbst, in ihrem eigenen phänomenologischen Charakter, ist diese vermutliche Gewißheit gekennzeichnet als

30

unreine Gewißheit; die Entscheidung ist zwar vollzogen, aber sie ist sozusagen innerlich angeknabbert, geschwächt durch die Gegenmöglichkeiten, deren Gewicht noch da ist und noch wiegt, nur daß wir ihnen die Geltung versagten. Das gibt der Vermu­ tungsgewißheit einen inneren Charakter, der sie von der reinen

35

Gewißheit klar unterscheidet; offenbar hat diese Unreinheit, diese Trübung ihre Gradualitäten. Aber noch einen andern Unterschied müssen wir hier beachten. In der Rede „es spricht etwas für eine oder mehrere Möglich­ keiten” liegt eine Vieldeutigkeit, die uns auf verschiedene phä-

VORLESUNGEN

-

1. MODALISIERUNG

47

1) Eine Anmutung bezieht sich auf Spielräume von Möglich- ; keiten, und diese Möglichkeiten sind nicht bloß Phantasie­ möglichkeiten. Insofern „spricht" für sie alle etwas.

2) Aber das sagt nur, daß sie „Spielräume" sind, und aus

5 diesen zeichnen die bestimmt gerichteten Erwartungen, einander

hemmende oder ungehemmte, (die bestimmten „Anzeichen") mancherlei aus, und das hatten wir im Auge, wenn wir prägnanter von Möglichkeiten sprachen, für die etwas spricht, und diesen Begriff halten wir fest.

10

Wo immer wir Gewißheiten haben, die sich auf Spielräume - offener Möglichkeiten beziehen, sprechen wir von „empirischen, primitiven Gewißheiten" — dahin gehören alle äußeren Wahr­ nehmungen. Jede führt in jedem Moment innerhalb der Gewiß­ heit der allgemeinen Vorzeichnung einen Spielraum von Be-

15

Sonderungen mit sich, für die in ihrer Sonderheit nichts spricht. Wir können auch sagen: Für alle offenen Möglichkeiten eines Spiel- i raumes spricht dasselbe, sie sind alle gleich möglich. Darin liegt: |\ Nichts spricht für das eine, was gegen das andere spricht.

 

a)

Die Gewißheit ist eine reine Gewißheit, nur eine einzige

20

Möglichkeit ist ausgezeichnet, nur für sie „spricht etwas", und sie ist ohne jeden Charakter bloßer Anmutlichkeit. Sie ist eine

vollkommene Gewißheit, vollkommen eben im Sinn dieser Rein- heit, die keine „Gegenmotive" hat. Der erhobene Hammer wird fallen!

4

25

b)

Die Gewißheit ist eine unreine.

 

Aber im Vergleich mit der immanenten Sphäre und der evi­ denten Undurchstreichbarkeit des in immanenter Gegenwart Gegebenen tritt nun auch ein anderer Gegensatz hervor, nämlich der

30

a)

zwischen jenen empirisch-primitiven Gewißheiten, die eben

 

Spielräume von andern Möglichkeiten mit sich führen, wenn auch für keine dieser Möglichkeiten (außer der entschiedenen) etwas positiv spricht. Hier ist das Nichtsein nicht ausgeschlossen, es ist möglich, nur nicht motiviert.

35

ß)

absolute Gewißheiten, deren Nichtsein ausgeschlossen ist,

oder, wenn wir wollen: wiederum absolut gewiß ist; es gibt hier keine offenen Gegenmöglichkeiten, keine Spielräume.

Hier ist nun aber noch die Frage, wie wir das Gesagte in Ver­ hältnis setzen zu den Modis der Evidenz.

48

ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

Ich kann in der Evidenz Spielräume, „reale Möglichkeiten" gegeben haben, wie in der Erfahrung. Ich kann andererseits apodiktischen Ausschluß von Gegenmöglichkeiten, von denk­ barem Anderssein haben. Und danach kann die Entscheidung 5 „bewertet" werden. (Empirische Gewißheit — apodiktische Ge­

wißheit.) Ich kann aber auch ohne solche evidente Gegebenheit leer vermeinte Möglichkeiten und Gegenmöglichkeiten bewußt haben und mich entscheiden, mich auf den Boden einer Möglich­ keit, für die vermeintlich etwas spricht, stellen etc.

10

Das ist also ein eigenes Thema und gibt eigene Unterschiede. Wir haben Modi der Gewißheit kennengelernt, des Glaubens schlechthin. Andererseits kann sich Gewißheit „modalisieren", und das sagt, aufhören, überhaupt Gewißheit zu sein: übergehen etwa in Angemutet-sein und etwa zudem Geneigt-sein, der An-

15

mutung zu folgen, ohne doch sich zu entscheiden; das wäre dann eben kein Entschieden-sein, keine Gewißheit, aber eine Mo- dalisierung der Gewißheit. Ebenso das Zweifeln, als Geteilt-sein in der schwankenden Neigung, das eine und andere zu glauben, und in dieser Zwiespältigkeit wieder das eine und andere zu

20

glauben, weiter strebend eine Entscheidung anstreben, eine Ge­ wißheit suchen. Und ebenso das In-Frage-stellen trotz der Ge­ wißheit, die eingeklammert, außer Spiel gesetzt wird etc. Deut­ licher: Unter dem Allgemeinen Gewißheit, Glaube schlechthin haben wir verschiedene Besonderungen, Weisen der Gewißheit;

25

empirische und apodiktische — innerhalb der empirischen wieder Unterschiede, und zwar Aktunterschiede, die innerhalb der empirischen Gewißheit und überhaupt Gewißheit, eventuell im Zweifeln werden als Wandlungen des Gewißheitsmodus auftreten können — aber immer Gewißheit! Unreine Gewißheit hatten wir

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kennengelernt als gewisse Entscheidung für eine Anmutung. Aber es gibt auch eine Entscheidung, die in Ungewißheit bleibt. Betrachten wir Zweifeln und Fragen. Zweifeln ist ein zwie­ spältiges oder vielspältiges doxisches Verhalten, ein Schwanken des urteilenden Meinens zwischen verschiedenen Möglichkeiten,

VORLESUNGEN

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l. MODAUSIERUNG

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sehen wir, kann zunächst soviel besagen wie: es spricht etwas dafür. Also das eine und andere kann als ein bloß korrelativer Ausdruck gemeint sein. Andererseits unterschieden wir davon das Geneigt-sein als ein gewissermaßen innerliches Folge-leisten, eine 5 Art Sich-entscheiden dafür, und doch wieder ohne abschließende Entschiedenheit. Ich bin daran, der Fürsprache zu folgen, aber da hemmt mich eine innere „Widerspräche”, eine nicht mindere Neigung, anderes zu glauben. Die Entscheidung ist gehemmt. Ich kann diese Neigung inhibieren, und ich kann die Anmutlichkeit

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bewußt vollziehen, ohne innerlich schon auf dem Marsch <zu> sein auf die Entscheidung, ohne dem Zuge zu „folgen” und eventuell dann erst mich zu zügeln und zu inhibieren. Das Zweifeln ist ein Schwanken im Entschieden-sein, und jedes Glied ist dabei jene Unentschiedenheit, die doch ein

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Modus von Sich-entscheiden ist. Es kann aber auch sein, daß ein Sich-entscheiden für die gewichtigste, am stärksten affizierende problematische Möglichkeit statthat, aber nicht ein Sich-ent­ scheiden in Gewißheit, sondern als ein bestimmter Entscheidungs­ modus der Anmutung. Dann haben wir das Vermuten, als Für-

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wahrscheinlich-Halten. Wo mehrere problematische Möglichkeiten gesondert und ge­ einigt sind, haben wir dann ein Bewußtsein problematischer Disjunkte, das Bewußtsein des „es ist ,fraglich’, ob A oder B”, freilich ohne Fragen im prägnanten Wortsinn.

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Die Zweifelsfrage ist das aus dem Zweifelsverhalten hervor­ gehende, darin sich motivierende Streben nach einer Entschei­ dung. Oder das aus einer gehemmten Entscheidung, einer sich , nicht vollendenden Entscheidung <sich> motivierende Streben, zu einer Gewißheit zu kommen. Aber ist nicht die Neigung selbst

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ein solches Streben? Wie wenn wir eine eingliedrige Neigung zu einem Anmutlichen haben? Ist die Frage: „Ist das so?” ein Streben, die Hemmung zu überwinden und die entsprechende entschiedene Gewißheit zu erreichen? Bei Zweifelsfragen im eigentlichen Sinn, nämlich mehrspältigen: die strebende Inten-

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ANALYSEN ZUR PASSIVEN SYNTHESIS

ihre Hemmung verliert. Sie durchstreicht auch die Gegen­ neigungen insofern, als diese nicht auch in Gewißheiten über­

gehen können. Sich für A entscheiden, besagt, B C

heit verwerfen.

, in Gewiß­

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Jedenfalls nun ist es charakteristisch für den Zweifel und auch für die Zweifelsfrage, daß ich nicht im voraus überzeugt bin, was da in Gewißheit ist; und es ist nicht so, daß ich diese Gewißheit nur außer Spiel gesetzt habe. Eine anders fundierte Frage ist dann die, wo ich innerlich

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schon entschieden bin: es sei etwa A; aber wo ich (ohne also in der Lage zu sein, einen Zweifel, in dem ich lebe, entscheiden zu wollen), ob A ist oder B ist etc., in Frage stelle. Aber wie komme ich dazu? Welchen Sinn kann das haben? Die Gewißheit kann eine unvollkommene, unreine Gewiß-

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heit sein, und ich suche eine vollkommenere oder völlig reine Gewißheit. In 1 der letzten Vorlesung haben wir hinsichtlich der Gewiß­ heiten vom Typus der transzendenten Wahrnehmungsgewiß­ heiten zwischen unreinen und in diesem Sinn unvollkommenen

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Gewißheiten, und vollkommenen oder reinen Gewißheiten unter­ schieden. Überlegen wir die in Rede stehenden Abwandlungen der Gewißheit etwas näher. Unrein ist eine solche Gewißheit, sofern sie den Modus einer Entscheidung, und zwar subjektiv sicheren Entscheidung für

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eine Anmutlichkeit hat, während doch eben Gegenanmutungen da sind, Anmutungen, gegen die das Ich trotz ihres Gewichts entscheidet, die es nicht gelten läßt, obschon sie mit ihrem Ge­ wicht Geltung „beanspruchen”. Dieser Anspruch besteht hier natürlich in diesem Gewicht selbst, das ist in der affektiven Kraft,

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die das Anmutliche auf das aktive Ich übt. Affektive Kraft, das sagt: eine auf dasich hingehende Tendenz, deren Gegenwirkung eine antwortende Tätigkeit des Ich ist; nämlich das Ich, der Af­ fektion folgend, mit einem andern Worte: „motiviert”, vollzieht eine zustimmende Stellungnahme, es entscheidet sich aktiv und

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in der Weise subjektiver Gewißheit für das Anmutliche. — Eine „reine” Gewißheit tritt da ein, wo die Gegenanmutungen ihr Ge­ wicht völlig einbüßen, wo sie im Fortgang der Erfahrung also

1 Beginn einer neuen Vorlesung. — Anm. d. Hrsg.

VORLESUNGEN -

1. MODALISIERUNG

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glatte Durchstreichung erfahren, als schlechthinnige Nichtig­ keiten. Da entscheidet sich, „was da ist”, von der Sache her, von selbst, und das Ich mit seinem Sich-entscheiden folgt der sach­ lichen Entscheidung. Es braucht nicht Partei zu ergreifen, es 5 braucht sich nicht von sich her auf den Boden einer der Möglich­ keiten zu stellen. Jede der andern Möglichkeiten, als möglicher

Boden für eine Stellungnahme, ist ihm unter den Füßen wegge­ zogen, und der einzige Boden als Boden einer sachlichen Gewiß­ heit ist von selbst da, es sieht sich auf ihm stehend und stellt sich

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nur da subjektiv fest. Ein noch einfacherer Fall ist, wo von einem Sich-entscheiden nicht mehr entfernt die Rede sein kann, weil von vornherein Gegenanmutungen fehlen, an deren Stelle offene Möglichkeiten stehen. So in der äußeren Erfahrung: Dem Schmied zusehend, erwarte ich, daß der geschwungene Hammer niederfällt

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und das Eisen sich krümmt; das Fallen des Glases sehend, er­ warte ich, daß es auf dem Boden aufschlägt und bricht u.dgl. — Gegenmöglichkeiten sind da, eine unvorhergesehene Seitenwir­ kung kann dazutreten, es kann das Glas durch einen zufälligen Seitenstoß anstatt auf den Steinboden auf eine nebenliegende

20 Strohmatte fallen usw. Jeder Vorgang ist hier als physischer Vor­ gang umgeben mit einem Horizont offener Möglichkeiten — aber

< es sind offene, für die im gegebenen Moment nichts spricht; die Erwartungen sind schlichte Gewißheiten, die keine Hemmungen erfahren, es steht nicht zur Anmutung modalisierte Erwartung

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gegen ebensolche andere Erwartung.

Passive

und

<4. K apitel

aktive

Modalisierung>

<§ 14. Stellungnahme des Ich als aktives Antworten auf die modalen Abwandlungen der passiven Doxa>1

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Was uns