You are on page 1of 8

Ulrich Kobbe

Zwischen Kant und de Sade:


Die Ethik des Begehrens als politische Haltung

Das Verhältnis von Politik und Ethik läßt sich Lipowatz zufolge da-
hingehend bestimmen, daß das Ethische über das Politische hinaus-
geht und deshalb nicht als sein Über-Ich zu begreifen ist (1993:33).
Das Ethische habe vielmehr immer die versteckte Seite des Politi-
schen zu sein, die als Frage nach der Wahrheit im unerwarteten Mo-
ment durchbricht. Diese Frage verlangt „aber weder eine Ethik der
sachlichen Verantwortung, noch eine Ethik der Gesinnung," sondern
„eine Ethik des Begehrens" (33). Wenn Lyotard parallel hierzu for-
muliert, Politik sei als „Bestimmung einer Spielfläche für libidinöse
Intensitäten, Affekte, Leidenschaften'''' aufzufassen (1973:59), wird
deutlich, warum die Moral „nur eine Zeichensprache der Affekte"
(Nietzsche 1886:Aph.l87) ist. Deutlich wird auch, daß soziales Han-
deln von einer als affektive Größe aufzufassenden Vernunft geprägt
ist, die sich an Herrschaft, Verfügung oder Macht bindet.
Dieser Ort der Macht, der bis zur Französischen Revolution durch
den absolutistischen Herrscher verkörpert wurde, ging mit der Herr-
schaft des Volkes von „einem vollen, göttlichen Ort, der durch göttli-
chen Auftrag besetzt" (Lebrun 1994:151) war, in einen nunmehr lee-
ren Ort über. War diese Leere zunächst durch absolutistische Macht
und Willkür verdeckt, so wird an ihr später ein Loch in der Demo-
kratie offensichtlich, dem „durch die Institutionalisierung dieses
zentralen Ortes Rechnung getragen" wird (151). Denn Demokratie
erweist sich als die einzige Regierungsform, „in der eine Darstellung
der Macht eingerichtet ist, die bezeugt, daß sie ein leerer Ort ist, der
also den Abstand zwischen Symbolischem und Realem aufrechter-
hält" (Lefort o.J.:265). Insofern ist dieser leere Ort als phantasmati-
scher Schauplatz zu verstehen, an dem das Begehren keineswegs er-
füllt, sondern artikuliert und inszeniert wird. Damit wird evident, daß
das Politische einer Ethik respektive eines ethischen Gesetzes bedarf,
daß dieser Begriff des Gesetzes unmittelbar mit dem des Begehrens
verbunden ist und daß das begehrende Subjekt an dieses Gesetz ge-
bunden bleibt. Aufgabe analytischen Denkens, will es nicht zur

223
„Dienstmagd des Politischen" (Lipowatz 1993:23) verkommen, wäre Hingegen findet sich in der von de Sade vorgelegten Philosophie
demzufolge die kritische Untersuchung und Weiterentwicklung des der Grundsatz, zwar habe man kein Anrecht auf Eigentum am ande-
Ethischen (Kobbe 1995:396f), was allerdings die Versuchung bein- ren, doch aber „sicher das Recht, ihn zu genießen" und „diesen Ge-
haltet, unpolitisch zu sein oder zu werden. nuß zu erzwingen" (de Sade 1796:302). Bei Lacan wird diese Ma-
Die Ethik des Begehrens findet sich einerseits als Formulierung xime wie folgt zusammengefaßt: „Ich habe das Recht, deinen Körper
eines ethischen Gesetzes im kategorischen Imperativ bei Kant, ande- zu genießen, kann ein jeder mir sagen, und ich werde von diesem
rerseits als spiegelverkehrte oder Anti-Ethik acht Jahre später in der Recht Gebrauch machen, ohne daß irgendeine Schranke mich daran
durch de Sade erfolgende Konstruktion eines universellen Rechts auf hindern könnte" (1963:138f). Dieses Gesetz eines allgemeinen Wil-
Freiheit. Der kategorischen Imperativ Kants (1788:36) ist keineswegs lens ist insbesondere dadurch charakterisiert, daß es keine Wechsel-
nur ein schwacher „Aufruf zum Guten", wie Bernet (1990:188) inter- seitigkeit beinhaltet, die als Reziprozität im Sinne einer umkehrba-
pretiert, sondern eine willensbezogene Gesetzmäßigkeit, ein Sittenge- ren, symmetrischen Beziehung zwischen zwei gleichberechtigten
setz im Sinne Kants: ,JJandle so, daß die Maxime deines Willens je- Subjekten begriffen werden müßte. Es ist das Paradigma einer Aus-
derzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten sage, die Reziprozität schlechthin ausschließt und deren Asymmetrie
könnte" (1788:141) Der Begriff des Gesetzes gibt bereits an, daß sich darstellt, als gelte und trachte sie (in Polarisierung zu Kants mo-
Kant das ethische Subjekt primär als ein quasi verrechtlichtes Subjekt ralischem Gesetz) ausschließlich nach dem anderen (Lern 1981:115).
denkt, das heutzutage derart auf politische Gesetze und juristische Hier macht Lacan darauf aufmerksam, daß der moralische Imperativ
Kodifizierungen reduziert wird, daß individualethische Normen nicht „auf latente Weise" ebenso verfahre, indem sein Gebot vom Anderen
mehr als gleichgewichtig begriffen und realisiert werden können. Der her an uns ergehe (1963:140). In jedem Fall stelle sich dies als all-
Begriff des Gesetzes verweist aber auf dessen Verbindung mit dem gemeines Phantasma einer nicht umkehrbaren Beziehung dar, in dem
objektgerichteten Begehren, da das allgemeine Gesetz ja einen leeren das unbewußte Verhältnis des Subjekts zu (s)einem Objekt inszeniert
Ort repräsentiert: „Identifiziert sich das Subjekt mit dem Gesetz, wird und an dem sich das Verhältnis von Begehren und Genießen
dann verpaßt es mit Sicherheit das Objekt des Begehrens; verleugnet veranschaulichen läßt. Doch gerade das von de Sade als frei postu-
es aber das Gesetz, dann vergißt es sich selbst und wird zum bloßen lierte Subjekt droht unfrei zu werden, wenn der andere zum bloßen
Nichts", kommentiert Lipowatz (1989:110). Instrument des Genießens (zum Fetisch) wird und die propagierte
Diese Implikation des ethischen Gesetzes enthält ein bemerkens- Erbarmungslosigkeit wie die Gewalt das exzentrische Subjekt zum
wertes Paradoxon, daß das Subjekt erst dann auf ein Gesetz stößt, Mittel seines eigenen Zwecks verobjektivieren (Lern 1981:115). Das
wenn es keinem Objekt gegenübersteht (Lacan 1962:137). Das Ge- bedeutet für die oben angesprochene phantasmatische Beziehung, daß
setz artikuliert sich im Bewußtsein des Subjekts als unpersönliche das Phantasma den ständigen Austausch zwischen dem Objekt und
Maxime der reinen praktischen Vernunft bzw. eines abstrakten Wil- dem Subjekt nur dann ermöglicht, „wenn das Begehren, anstatt vom
lens. Damit ist das Gesetz bei Kant wie in der Strafkolonie Kafkas Genuß geknechtet zu sein, frei ist" (Lipowatz 1989:113). Insofern
eine rein praktische Bestimmung und nur durch seine Ausführung werden bei de Sade in der Fixierung des Begehrens und der Erstar-
bekannt: „Das Gesetz unterscheidet sich nicht von dem Urteil und rung des Genießens im Objekt die Spaltung des Subjekts, seine Un-
das Urteil unterscheidet sich nicht von seiner Anwendung" (Deleuze vollständigkeit und sein struktureller Mangel thematisiert. Beide sind
1963:14). Das Gesetz kann keinen anderen Inhalt haben als sich bereits in der Konstitution des Menschen als Sprachwesen (parletre)
selbst, es bleibt reine, leere Form ohne Objekt: „Es ist weder sinnlich oder besser als gesprochenes Wesen fundiert.
noch intelligibel" (Deleuze 1963:13). Und hier fügt Lacan an, bereits Dieses Begehren wird von Bergeret als fundamentale Gewalt einer
Kant habe sein Bedauern darüber geäußert, daß sich der Erfahrung undifferenziert-instinkthaft aggressivierten frühen Mutter-Kind-In-
des moralischen Gesetzes „keinerlei Anschauung" darbiete, da die teraktion beschrieben, wobei gerade das gewaltsame Begehren ein
Vernunft bei Kant im praktischen Interesse gesetzgebend und so von Über-Leben garantiere und insofern fundiere (1984:63). Aus anderer
jeder sinnlichen Bedingung unabhängige Existenz sei (1962:138). Sicht beschreibt auch Lacan das Begehren als „absolute Bedingung"

224 225
des menschlichen Lebens (1958:127), da sich das Subjekt hierdurch von der Realität unterschieden werden muß, arbeitet Lacan aus, daß
artikuliert und auf den anderen bezieht. Zugleich versucht Lacan mit die vom Subjekt erfahrene Realität immer schon der symbolischen
Bezugnahme auf die Begriffe der Begierde bei Hegel und Kojeve, die Ordnung unterliegt und damit auch historisiert ist. Zugleich ist diese
interaktiv bindende Struktur von Subjekt und Objekt einschließlich symbolisch-historische Struktur durch die Gefahr charakterisiert, daß
der Dialektik von Herr und Knecht aufzugreifen. Als weder Setzung sich „eine Lücke in der Realität, eine verbotene, traumatische, immer
noch Willensakt ist das Ziel der Begierde das Begehren des anderen, schon entleerte Stelle" öffnet (Zizek 1990:248). Diese Stelle bezeich-
geht es um das Begehren des Begehrens bzw. um eine „Begierde, die net Zizek als das Ding, als das schon immer verlorene Objekt, das
sich auf eine ihrerseits auf eine Begierde gerichtete Begierde bezieht" Ursache und Ziel des Begehrens ist und die Unendlichkeit des Begeh-
(Kojeve 1939:146). Hier wird erkennbar, daß sich das Begehren im rens ausmacht.
phantasmatischen Raum zwischen Subjekt und Objekt realisiert und „Die einzig adäquate Haltung", diesen konstitutiven, irreduziblen
im Grunde ein Begehren des Mangels darstellt. Um Kant mit Zizek „Riß vollkommen als etwas die Condition humaine selbst Definieren-
auszulegen: „Wir respektieren den anderen nicht aufgrund des uni- des" anzunehmen, sei, die durch diese menschliche Unvollkommen-
versellen Gesetzes, das in jedem von uns wohnt, wir tun es im Ge- heit bedingte Krise nicht „durch fetischistische Verleugnung" sus-
genteil aufgrund seines äußersten pathologischen Kerns, aufgrund pendieren oder „durch obsessive Aktivität verborgen" halten zu wol-
der absolut partikulären Weise, in der jeder von uns seine eigene len (Zizek 1992:55). Mithin kann davon ausgegangen werden, daß
Welt träumt, sein Genießen organisiert." (1992:85) Damit erfüllt sich „das Sadesche Phantasma die unbewußte Wahrheit des Kantschen
das Begehren quasi in seiner Reproduktion und wäre das Genießen Imperativs darstellt: der Wille verdeckt (als Instrument und als ent-
als „Lust in Unlust" zu bezeichnen (86). So ist das Begehren gerade fremdetes Subjekt) die Ursache des Genießens, genauso wie das pa-
dann paranoid unterlegt, mit manifester Angst kombiniert, wenn sich thologische Subjekt das (gespaltene) Subjekt der praktischen Ver-
das Subjekt dem begehrten Objekt zu sehr nähert und dadurch den nunft verdeckt" (Lipowatz 1989:113). Daß auch der anti-ethische
Mangel zu verlieren und „das Verschwinden des Begehrens zu erlei- Entwurf von de Sade sich auf den postrevolutionär manifest leeren
den" droht (11). Die Bedrohung durch die Annäherung an das be- Ort, auf ein strukturelles Loch als vom Begehren verfehlten Ort be-
gehrte Objekt wird bei genauer Betrachtung jedoch dadurch ausge- zieht, wird von Lefort (1989) und Besnier (1989) differenziert ausge-
macht, daß sich das Begehren gerade nicht auf das phantasmatische arbeitet. Die von den sexuellen Phantasien des Marquis überlappte
Objekt richtet, sondern auf den leeren Ort, den dieses verdeckt. Des- und in ihnen enthaltene Proklamation eines rechts- und moralfreien
halb droht die Konfrontation mit einer Lücke in der symbolischen Raumes ziele darauf ab, die „reine Staatsform" der permanenten Re-
Ordnung und symbolisierten Realität, deren Leere oder Unmöglich- volution mit Hilfe einer zweiten, sittlichen „Menschenrechtserklä-
keit mit Hegel als „radikale Negativität" gedacht werden kann (Zizek rung" zu erreichen. Somit erweisen sich Gesetz und verdrängtes Be-
1990:249ff.). gehren als identisch (Lacan 1963:154), ist das eine des anderen Be-
Dieses labile Beziehungsgleichgewicht markiert die eigentliche dingung und ist die Freiheit, auf der die Menschenrechte fußen, die
Spaltung des Subjekts, das sich im sog. Spiegelstadium nicht mit Freiheit, vergeblich zu begehren (155).'
einem virtuellen Doppelgänger (dem gespiegelten kleinen anderen)
identifiziert und konstituiert, sondern in der Konfrontation mit jenem
von Lacan so bezeichneten großen Anderen, der im hiesigen Kontext
Unter politischem Aspekt bleibt zu ergänzen, daß Kant wie de Sade körperpädagogische
mit dem Gesetz und der Sprache gleichzusetzen ist (Ruhs 1990:89). Maßregeln der moralischen Besserung projektieren. In seinen Experimentalschulen
Der Platz des großen Anderen verweist auf den eingangs themati- vertritt Kant (1803) das Ziel einer Erziehung zu Disziplin, Kultur, Zivilisierung und
sierten leeren Ort im Politischen und macht darauf aufmerksam, daß Moralisierung, da vernünftiges Denken und Handeln Ergebnisse pädagogischer Prozesse
seien. Fast ähnlich entwirft de Sade (1785) Bedingungen des Experiments als regulier-
Realität nie in ihrer kruden Unmittelbarkeit, sondern nur als einer- tem Alltag einer geschlossenen Anstalt i.S. eines aus Serialisierungsprozessen bestehen-
seits historisiert und andererseits symbolisiert erlebt werden kann. den pädagogischen Gesamtprozesses. „In dieser Hinsicht war es besonders Kant, an dem
Anhand der Register des Symbolischen, Imaginären und Realen, das sich de Sade abarbeitet: Radikalisierend greift er dessen aufklärerische Intention auf
und wendet sie gegen ihn" (Treut 1983:123).

226 227
Wie ersichtlich, thematisieren beide Maximen strukturell gleiche, bestätigt sich das Gesetz ethischen Handelns als ungeschriebenes
jedoch polare ethische Gesetze. Deren moralisches Subjekt wird bei Gesetz: „ägrafos nömos" (Kobbe 1997).2
Kant als entfremdetes Willenssubjekt der politischen Vernunft ent- Demnach muß gefragt werden, ob nicht eine ethische Haltung ein-
worfen, bei de Sade hingegen als Phantasma des genießenden Sub- zunehmen ist, in der sich der Intellektuelle als kritisch-analysierende,
jekts des Begehrens. Lacan macht darauf aufmerksam, daß eine sol- mithin auch moralische Instanz der Politik zu verwirklichen hat, in-
che Ethik des Begehrens nicht mit dem Über-Ich gleichzusetzen sei. dem er seiner Verantwortung „zu widerstehen und Zeugnis abzule-
Und mehr noch: „Zwischen die Ethik des Begehrens und das Über- gen" nachkommt und in der Beziehung zum anderen als seiner Alte-
ich setzt er das Verhältnis des radikalen Ausschlusses" (Zizek rität eine ethische Beziehung lebt (Lyotard 1984:67). Damit erwiesen
1993:53), da sich das Über-Ich als Kehrseite des Ichideals bzw. als sich Identifikation und Distanzierung als komplementäre Charakteri-
notwendige Verkehrung der ethischen Normen erweise. Dies begrün- stika des analytischen Engagements, als Bewegung von der Ideolo-
det er damit, daß nicht nur der Verstoß gegen das imperative Über- giekritik zur Ethik. Zwar artikuliert sich die ethische Haltung als
Ich schuldhaft sei, sondern daß gerade die Selbstunterwerfung unter kritische Arbeit des Denkens an sich selber, doch kann das morali-
die Über-Ich-Forderungen ein Verrat des eigenen Begehrens dar- sche Subjekt in dieser Ungewißheit unaufhörlicher Selbsthinterfra-
stelle, gleichermaßen Schuld beinhalte und so eine Stärkung des gung seine Freiheit nur im Urteil des anderen, in der sozialen Bezie-
Über-Ich zur Folge habe. Das Dilemma der Kompromittierung des hung erlangen (Schönherr-Mann 1992:149). Diese Ethik ist als Mo-
Begehrens führt zu der Frage, wie denn der Übergang des Subjekts ral der Freiheit also nie Gewißheit, sondern stets nur Anspruch. In
von einem ethisch verantworteten Begehren zu einem auch konkre- ihm verwirklicht sich das Begehren nach Anerkennung, das zwar
ten, sozial und politisch verantworteten Handeln vorzustellen sei, das keine universelle Befriedigung erleben kann, dem jedoch eine Ab-
heißt, welcher individuellen Ethik ein konkretes moralisches Subjekt wehrfunktion inhärent ist. Denn die phantasmatische Beziehung zum
folgen soll. Gegenüber verursacht Zweifel, stellt das Subjekt in Frage und läßt in
Zwar formulierte Freud, „die Geschehnisse der Menschheits- dem Bedürfnis, innerhalb der Beziehung Freiheit zu erlangen, eine
geschichte, die Wechselwirkungen zwischen Menschennatur, Kultur- ethische Haltung entstehen. So merkt Borch-Jacobsen an, der
entwicklung und [...] Religion" seien als „Spiegelung der dynami- „rätselhafte nachträgliche Gehorsam, von dem Freud viel spricht,
schen Konflikte zwischen Ich, Es und Über-Ich" lediglich die „auf [sei] viel eher eine ethische Scheu als eine politische Unterwerfung,
einer weiteren Bühne" wiederholten „gleichen Vorgänge" (1935:32). eher eine Achtung vor anderen als eine Unterwerfung unter mich
Doch markiert die Ortsbezeichnung der „weiteren Bühne" hier min- selbst" (1992:145). Demnach ist das begehrende Subjekt zur Antwort
destens einen Umriß, unter Umständen eine Grenze. Und die hat in verpflichtet. Diese Antwort realisiert sich in der Sprache, die ihrer-
Übereinstimmung mit Lacoue-Labarthe und Nancy (1989:67f.) seits die Beziehung zum anderen konstituiert.
„nichts Negatives: Sie umreißt eine Identität - und dieser Umriß Was aber kann es bedeuten, die Beziehung zwischen Subjekt und
schließt sich selbst aus dem aus, was er konturiert, und beseitigt doch Objekt im Sinne eines ethisch begehrenden Diskurses zu gestalten?
im selben Zug die Identität seines Außen. Jede Grenze schließt zu- Wenn Subjekte ihr Genießen auf unterschiedliche Weise organisie-
gleich ein und aus: Das Politische ist an der Grenze der Psychoana- ren, so ergeben sich hieraus Möglichkeit wie Notwendigkeit, eine
lyse oder ist ihre Grenze - ihr Ursprung, ihr Ende ..." Zwar fällt „der ethische Haltung zu entwickeln; denn das In-seinem-Begehren-nicht-
Gegensatz von Sozialem und Individuellem [...] innerhalb der Gren- Nach-geben des lacanianischen Subjekts erfordert zugleich, „so weit
zen der Psychoanalyse" (Lacoue-Labarthe/Nancy 1989:72), doch ver- als möglich Verletzungen des phantasmatischen Raums des anderen
mögen weder Psychologie noch Psychoanalyse verläßliche Verhal- zu vermeiden, so weit als möglich das partikuläre Absolute des ande-
tensmaxime und ethische Haltungen, also auch keine vorgeschriebe- ren [zu] respektieren" (Zizek 1992:85). Diese Ethik wäre keineswegs
nen Moralen anzubieten. Denn mit Derrida kann es „keine Forschrift
vor der Schrift" geben, „die als Spur und Aufschub das A priori
erzeugt", dem sie sich selbst anfügen könnte (1991:251). Insofern Griech. Agrafos nömos — ungeschriebenes Gesetz , das auf den sozialethischen Gesetz-
geber Solon (Athen, ~ 640-561 v.Chr.) zurückgeht.

228 229
nur imaginär oder symbolisch, sondern insofern praktisch-politisch sozial und politisch verantworteten Handeln vorzustellen hat", bleibe
relevant, als das Genießen immer das Genießen des anderen ist, auf „ungewiß" (Bernet 1990:205). Immerhin übersteigt diese Bezug-
den sich das Begehren richtet. Zugleich aber wird dieses Begehren nahme auf ein Gesetz des Begehrens das moralische Gesetz bei Kant,
nie wirklich befriedigt, ist das Genießen als ,£ust in Unlust [...] jen- dessen transzendentales Subjekt als Willenssubjekt gerade kein Sub-
seits des Lustprinzips situiert" (Zizek 1992:86) und verlangt nach jekt des Begehrens ist. Das moralische Subjekt bei Kant verbietet in
mehr Befriedigung. Lacan spricht in Analogie zum Mehrwert-Begriff seinem Streben nach seiner vernünftigen Form des Willens und nach
bei Marx von einem plus-de-jouir, was mit Mehr-Lust, besser aber Übereinstimmung mit dem Gesetz nicht nur das Begehren, sondern
mit Mehr-Genießen zu übersetzen ist (Widmer 1990:136; Zizek auch alle Gefühle des Mitleids oder der Nachsicht. Auch insofern
1992:23). Bereits Marx denkt das zukünftige Subjekt als Menschen, gleicht der ethische Imperativ Kants der anti-ethischen Philosophie
„der mehr als je zuvor Bedürfnisse hat und begehrt. Er entsteht nicht von de Sade (204). In der Ethik des Begehrens beinhaltet die Unter-
aus der Abschaffung, sondern aus der Potenzierung und der Befrei- werfung unter das Gesetz keineswegs ein absolutes Ziel oder Hand-
ung der Bedürfnisse" (Parinetto 1973:69f). Diese intersubjektive Dy- lungsideal, da das Subjekt nur gemäß einem ungeschriebenen Gesetz
namik verkehrt die Dinge mitunter jedoch ins Gegenteil, indem dem (ägrafos nömos) begehrt, aber nicht das vorgeschriebene Gesetz
anderen ein exzessives Genießen unterstellt wird, an dem er das selbst. Deutlich wird hieran, daß bei Kant „keine ethische Arbeit des
Subjekt nicht teilhaben läßt oder das ihm fremd ist. Subjektes an sich selbst, sondern allein die Unterwerfung" gefordert
Hierin ist eines der politisch-ethischen Probleme im Umgang mit und ermöglicht wird (Gondek 1994:151).
Fremden, Andersdenkenden und Andersgläubigen angelegt: „Was Lacan bemerkt, die Wünsche, die das begehrende Subjekt fun-
uns wirklich am anderen stört, ist die befremdliche Art, wie er sein dierten, hätten „keinen Optativ" zur Modifizierung der das Begehren
Genießen organisiert, genaugenommen das Mehr daran, der Exzeß, bzw. das Subjekt selbst konstituierenden Struktur (1958:220). Diese
der ihm anhängt (der Geruch ihrer Speisen, ihre lärmenden Lieder linguistische Referenz auf Wunsch- oder Möglichkeitsformen eines
und Tänze, ihre seltsamen Verhaltensweisen, ihre Arbeitseintei- Verbs verweist darauf, daß es im Begehren um erfüllte Vergangen-
lung)", schreibt Zizek (1992:88f). Daß diese Befremdung aggressi- heit als eigentlichem Sinn der Wunscherfiillung geht. Denn in der
viert in Intoleranz bis Haß umschlägt, ist im Erleben des eigenen ur- Auseinandersetzung mit den Phantasmen des Begehrens werden
sprünglichen Mangels begründet. Für den Verlust an Mehr-Lust, Aspekte der Nachträglichkeit wie des Noch-Nicht thematisiert, die
über die das Subjekt nie tatsächlich verfugt hat, wird der fremde an- neben dem verdrängten und dem unerfüllten Begehren auch auf die
dere projektiv-identifikatorisch verantwortlich gemacht, erscheint noch nicht realisierten Potentiale des Subjekts aufmerksam machen.
Eigentum an etwas anderem als dem eigenen als Diebstahl (Lacan Das Subjekt erweist sich dann insofern als zukunftsträchtig, als es
1959:102). Das im Diebstahl des Genießens vermeintlich aufschei- sich selbst zu theoretisieren und sich selbst zu übersetzen in der Lage
nende Begehren korrespondiert mit den Phantasmen über das spezifi- ist. Dem In-seinem-Begehren-nicht-Nachgeben ist eine Zukunfts-
sche, exzessive Genießen des anderen. hoffhung inhärent, die das dezentrierte Subjekt als latente Utopie ver-
Unklar bleibt, wie dieses Begehren ethisch verantwortet zu (s)einer suchen läßt, eine Positivierung des Mangels vorzunehmen. Das
möglichen Erfüllung kommen kann (Bernet 1990:205). Lacan ver- könnte u.a. dadurch möglich werden, daß mit Hilfe einer phantasma-
weist uns darauf, daß bereits die eigentumsbezogenen Artikel der tischen Objektbeziehung versucht wird, die „leere Stelle der absolu-
Zehn Gebote mit dem imperativen Verbot Du sollst nicht... negativ ten Negativität" auszufüllen. Mit Zizek könnte man den Grundsatz
ausformuliert sind und damit auf eine spezielle Art und Weise ange- der psychoanalytischen Ethik Lacans „so formulieren: die Konfron-
ben, „welche innige Verbindung das Begehren in seiner strukturie- tation mit dieser leeren Stelle, mit der Nacht der Welt, auszuhalten,
renden Form mit dem Gesetz unterhält", indem das Gesetz selbst die die im Blick des anderen beinhaltet ist" (Zizek 1990:254f).
Möglichkeit der verbotenen Handlung „als fundamentalstes Begeh- Das Reale des Begehrens erweist sich unter dieser Perspektive als
ren" angibt (Lacan 1959:102). „Wie man sich den Übergang des Stehen am Abgrund der psychischen Realität. Das Bewußtsein dieser
Subjekts von einem ethisch verantworteten Begehren zu einem auch Bedrohung und deren Abwehr oszillieren und machen die teilweise

230 231
unaushaltbare Spannung des nie gänzlich erfüllten Begehrens aus. Verhältnis von Wahrheit und Subjekt läßt sich mit Lacan dahinge-
Erweist sich, daß es in der historisierten und symbolisierten Realität hend skizzieren, daß Wahrheit nichts anderes sei als das, wovon zu
eine traumatische, verbotene leere Stelle gibt, so garantiert die sym- wissen das Wissen erst lernen kann, wenn es sein Unwissen wirken
bolische Ordnung zugleich eine relative Sicherheit, da die begehrten läßt (1960:182). Die Wahrheit wird demzufolge nicht von der sozia-
Objekte in der Sprache nicht mehr total, unmittelbar real und len Realität garantiert, die sie ja zum Gegenstand hat, sondern im
eigentlich sind, damit zugleich aber auch nicht mehr direkt ihre radi- Sprechen, im ethisch begehrenden Diskurs. Wahrheit und Lüge er-
kale Abwesenheit droht. Leben, Über- und Weiter-Leben heiße des- weisen sich als zwei Seiten desselben Phänomens: Sie können nur im
halb, den Gedanken des Endes wesentlich nicht zu denken, pointiert Sprechen realisiert werden, so daß Wahrheit auch nur in der symboli-
Lang (1990:232). Eine Ethik des Begehrens könnte und müßte dem- schen Ordnung gefunden werden kann (Ruhs 1990:87).
zufolge unter Gesichtspunkten konkreter Utopie darauf zielen, einen Da demnach formallogisch ausgeschlossen ist, daß es eine Me-
kategorischen Optativ als Kompaß uneingeschränkter Lebensbeja- tasprache geben könnte, in der die Wahrheit über die vom Subjekt
hung" (Riedel 1997:216) zu verwirklichen, wie ihn Bloch (1918: artikulierte Wahrheit gesagt werden könnte, erweist diese sich als
267ff.) projektiert. Fiktion, als flüchtiger Aspekt des Realen und damit zwangsläufig als
Wenngleich Bloch bereits im kategorischen Imperativ einen politisch subversiv. Denn Wahrheit läßt sich aufgrund der Sub-
„unüberhörbaren Optativ" entdeckt, der „fast wie eine Antizipations- jektspaltung immer nur halbsagen, als mi-dire, wie Lacan sich aus-
formel hin zu einer nicht-antagonistischen Gesellschaß'' mit einer drückt, nur halbwegs aussagen (Widmer 1990:131,141), da die
klassenlosen moralischen Gesetzgebung wirke (1959:1025), verwirft Phantasien ab einer bestimmten Grenze sprachlich nicht benannt und
er das moralische Gesetz des „homo faber Kant" als „objektivistische enthüllt werden können (Lacan 1986:100). Denn es gibt, wie Freud
Wertlehre". Deren „objektiv-reale Wertsetzungen" seien „mythische an Fließ schreibt, im Unbewußten kein „Realitätszeichen [...], so daß
Hypostasen, keine Realitäten" (1575). Bloch fordert für ein ethisches man die Wahrheit und die mit Affekt besetzte Fiktion nicht
Begehren die Utopie einer Parteilichkeit in der Liebe „mit ebenso unterscheiden kann" (Freud 1897). Daher ist die Auseinandersetzung
konkretem Haßpol" sowie eine Theorie um der Praxis der Zukunft mit der Wahrheit eine Art „Interpretation in progress" (Vattimo
willen (318). Wesentlicher Nutzen dieser Optativen Utopie für ein 1985:49), die als Selbstinterpretation und Selbstbefragung des Sub-
ethisch verantwortbares Begehren ist sein Hinweis auf eine von jekts das eigene Begehren und die Phantasmen zum Gegenstand hat
Nietzsche wiederholt als „werdende Tugend", als unablässige Um- (Laplanche/Pontalis 1985). Wahrheit müßte folglich als Geschichte
Wertung der Werte geforderte Redlichkeit (l881:§456). Diese erweist ihrer Ent-Stellung begriffen werden und entginge hierbei der von
sich als unverstellter und konzessionsloser Blick auf das Banale der Pohl für den Habermasschen Begriff des kommunikativen Handelns
Täuschung und Irrtum als Seinsbedingung (Nietzsche 1887:§107) diagnostizierten Gefahr, als formal-geronnene inhaltsleere Forderung
sowie auf die „erschreckende" Banalität des Bösen (Arendt 1964). nach Wahrhaftigkeit „ein säkularisierter normativer Fetisch" (1983:
Diese „Redlichkeit des Denkens" geht der Wahrheit und Wahrhaftig- 126) zu werden.
keit voraus und stellt eine Art interpretative Seinsstruktur dar (Vatti- Das Wissen und das Nichtwissen des Subjekts um seine Wahrheit
mo 1985:49).3 existentieller Schuldhaftigkeit erweisen sich damit einerseits als be-
Als Ergebnis ließe sich für eine ethisch begehrende Haltung ein drohlich, andererseits als Bedingungen dafür, den Wunsch nach Wis-
kategorischer Optativ angeben, der das Subjekt zur Selbstbefragung sen resp. Wahrheit aufrecht zu erhaltend (Cixous 1977:30f). Denn
hinsichtlich seiner Redlichkeit und Wahrhaftigkeit veranlaßt. Dieses jeder einzelne, konkrete Diskurs ist im Begehren und Wissen bzw.
Nichtwissen immer auf einen anderen bezogen. Aus den Angaben zur
subjektiven Realität des Analytikers in der phantasmatischen Bezie-
Daß Nietzsche ihre Verwirklichung nicht immer gelingt, wird gerade an seiner Ausein-
andersetzung mit dem kategorischen Imperativ deutlich (1887:186ff., §335). Diese Aus- hung (Lacan 1958:176ff.) und zu seinem „Handeln aus Sorge" um
einandersetzung wurde nach Angabe von Nancy auch als Versuch mißverstanden, „den den anderen ließe sich für eine ethisch begehrende politische Haltung
kategorischen Imperativ absichtlich aus seiner kantischen Stellung [zu] verschieben, um ableiten, daß eine solche Sorge um den anderen auch den Gedanken
an seine Stelle [...] seinen eigenen Imperativ der Redlichkeit zu setzen" (1980:186).

232 233
einer „Ethik des Eingreifens" impliziert, in der dem Subjekt auferlegt Literatur
wird, weder auf der eigenen Autonomie als unbeschränkter Freiheit
zu insistieren noch sich zum Verschwinden zu bringen (Seitter Arendt, Hannah, 1964: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banali-
1984:72). Mithin erweist sich dieser Ansatz keineswegs als Utopie tät des Bösen; München 1986.
Bergeret, Jean, 1984: La violence fondamentale. L'inepuisable Oedipe; Paris.
einer politische Psycho-Wissenschaft, die „das Modell einer individu- Bemet, Rudolf, 1990: Gesetz und Natur. Der kategorische Imperativ bei
ellen Freiheit, einer reinen und rein der Macht trotzenden Ethik" auf- Kant und Lacan; in: Fragmente 34, S. 185-205.
stellen könnte (Lacoue-Labarthe/Nancy 1989:67). Die Unmöglichkeit Bosnier, Patrick, 1989: Un trou dans l'assistance (Jarry et Sade); in: Anme Le
Brun (Hg): Petits et grands theatres du Marquis de Sade, Paris 1989,
dieser potentiellen Position erscheint vielmehr als radikale Phantasie S. 225-228.
und utopische Forderung, die mit der „Vernichtung des symbolischen Bloch, Ernst, 1918: Geist der Utopie; Frankfurt am Main 1985.
Netzes, des Textes/Gewebes der Tradition, in welchem Realität ein- Bloch Ernst 1959: Das Prinzip Hoffnung, Bd. 1-3; Frankfurt am Main 1973.
Borch-Jacobsen, Mikkel, 1992: Das Freudsche Subjekt - vom Politischen zur
getragen ist und durch welchen sie historisiert wird", droht (68). Ethik; in: Fragmente 39/40, S. 123-146.
Das Aufklaffen des leeren Ort erweist sich in seiner Unerreichbar- Cixous, Helene, 1977: Geschlecht oder Kopf? in: Dies: Die unendliche Zir-
keit und sprachlichen Verfehlung als höchst bedrohlich, so wie das kulation des Begehrens; Berlin 1977, S. 15^t5.
Deleuze, Gilles, 1963: Kants kritische Philosophie; Berlin 1990.
Begehren des Mangels und die gleichzeitige Unmöglichkeit des ma- Deleuze, Gilles; Guattari, Felix; Jervis Giovanni; u.a. (Hg.), 1976: Anti-
ximalen Genusses eine hochgradige Spannung erzeugen. Hierin liegt psychiatrie und Wunschökonomie; Berlin.
ein wesentlicher Ansatzpunkt psychoanalytischer Ethik: Das Ding Derrida, Jacques, 1991: Gesetzeskraft. Der mystische Grund der Autorität;
bleibt als imaginiertes volles Objekt unerreichbar, was einerseits das Frankfurt am Main.
Freud, Sigmund, 1897: Brief an Fließ vom 21. September 1897; m: Ders.:
Begehren aufrecht erhält, andererseits die Anerkennung des Mangels Briefe an Wilhelm Fließ 1887-1904. Hg. Jeffrey Moussaieff Massen;
impliziert. Das wiederum ermöglicht, diese Subjektivität und Frankfurt am Main 1986, S. 284.
Freud, Sigmund, 1923: Das Ich und das Es; in: Ders.: GW Xm.; London
Seinsstruktur aufzudecken und anzuerkennen, statt sie im Sinne eines
1955,8.235-289.
abstrakten Sollens zu überspringen. „Dieses Bemühen, Wahres vom Freud, Sigmund, 1935: Nachschrift zur Selbstdarstellung; in: Ders.: GW
Subjekt zur Sprache zu bringen, beinhaltet eine der Psychoanalyse XVI.; London 1955, S. 29-34.
inhärente ethische Dimension" (Widmer 1994:10). Gondek, Hans-Dieter; Widmer, Peter (Hg.), 1994: Ethik und Psychoanalyse.
Vom kategorischen Imperativ zum Gesetz des Begehrens: Kant und La-
Das konkrete Handeln müßte folglich daraufhin befragt werden, can; Frankfurt am Main.
was aus dem ethischen Ideal wird, der politischen Pragmatik eine Gondek, Hans-Dieter, 1994: Vom Schönen, Guten, Wahren. Das Gesetz und
radikale Stellungnahme, eine engagierte Sorge für das Subjekt ent- das Erhabene bei Kant und Lacan; in: Hans-Dieter Gondek, Peter Widmer
(Hg.), 1994, S. 133-168.
gegen zu stellen (Kobbe 1997). In diesem Sinne scheint Guattari die Guattari Felix, 1973: Diskussionsbeitrag; in: Gilles Deleuze, Felix Guattari,
Beziehungen zwischen einer Politik des Begehrens und einer Giovanni Jervis u.a. (Hg.), 1976, S. 96-99.
„revolutionären Politik" (1973:97) radikalisieren zu wollen. Primär Jervis, Giovanni, 1973: Über Psychoanalyse und Marxismus; in: Gilles De-
leuze, Felix Guattari; Giovanni Jervis u.a. (Hg.), 1976, S. 53-80.
wäre folgerichtig eine politische Haltung des Begehrens zu ent- Kant, Immanuel, 1788: Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung der
wickeln, die Selbstsorge als konkrete soziale Praktik dessen zu ver- Metaphysik der Sitten. Werkausgabe, Bd. VE; Frankfurt am Main 1990.
steht, was als In-seinem-Begehren-nicht-Nachgeben die Freiheit des Kant, Immanuel, 1803: Ober Pädagogik; in: Werkausgabe, Bd. XU. Schriften
zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2;
begehrenden anderen anerkennt und dessen partikuläre Totalität Frankfurt am Main 1990.
respektiert, also so weit wie möglich Verletzungen des phantasmati- Kobbe, Ulrich, 1995: Zu Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen.
schen Raums des anderen zu vermeiden sucht. Der ethisch begeh- Versuch einer Positionsbestimmung; in: Zeitschrift für Politische Psy-
rende Diskurs erwiese sich dann im Sinne von Jervis (1973:79) als chologie, 3. Jg./H. 4, S. 385-399.
Kobbe, Ulrich, 1997: dgrafos nömos oder das Gesetz des Handelns. Be-
Beitrag zu einem politischen Diskurs, der nicht nur Diskurs, sondern handlungsethik zwischen palaverndem Anspruch und zynischer Wirklich-
zugleich auch Praxis wäre. keit; in: Psychologie und Gesellschaftskritik, 21. Jg./H. 2, S. 103-120.
Kojeve, Alexandre, 1939: Zusammenfassender Kommentar zu den ersten
sechs Kapiteln der Phänomenologie des Geistes, in: Hans Friedrich Fulda,

234 235
Dieter Henrich (Hg.): Materialien zu Hegels Phänomenologie des Geistes; Prasse, Jutta; Rath, Claus-Dieter (Hg.), 1994: Lacan und das Deutsche. Die
Frankfurt am Main 1973, S. 133-188. Rückkehr der Psychoanalyse über den Rhein; Freiburg.
Lacan, Jacques, 1957: Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder Ruhs, August, 1990: Zur Materialität des psychoanalytischen Gegenstandes;
die Vernunft seit Freud; in: Ders.: Schriften ü; Olten/Freiburg 1975, in: Ludwig Nagl, Helmuth Vetter, Harald Leupold-Löwenthal (Hg.),
S. 15-55. 1990,8.79-90.
Lacan, Jacques, 1958: Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Sade, Donatien-Alphonse-Franqois de, 1785: Die Hundert-Zwanzig-Tage von
Macht; in: Ders.: Schriften L; Frankfurt am Main 1975, S. 171-236. Sodom oder Die Schule der Ausschweifungen; Dortmund 1979.
Lacan, Jacques, 1959: Das Moralgesetz; in: Ders.: Die Ethik der Psychoana- Sade, Donatien-Alphonse- Franqois de, 1795: Franzosen! noch eine Anstren-
lyse. Das Seminar von Jacques Lacan, Buch VJJ; Weinheim/Berlin 1996, gung, wenn ihr Republikaner sein wollt! in: Ders.: Die Philosophie im
S. 89-105. Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister. Werke, Bd. 5; Köln 1995,
Lacan, Jacques, 1962: Kant mit Sade; in: Ders.: Schriften ü; Olten/Freiburg S. 275-339.
1975, S. 133-163. Schönherr-Mann, Hans-Martin, 1992: Der Wahnsinn der Gerechtigkeit. Zur
Lacan, Jacques, 1964: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Semi- politischen Theorie bei Emmanuel Levinas; in: Fragmente 39/40, S. 147-
nar von Jacques Lacan, Buch XI; Weinheim/Berlin 1987. 160.
Lacoue-Labarthe, Philippe; Nancy, Jean-Luc, 1989: Panik und Politik; in: Seitter, Walter, 1984: Jacques Lacan und ...; Berlin.
Fragmente 29/30, S. 63-98. Treut, Monika, 1983: Das grausame Subjekt. Über Marquis de Sade und die
Lang, Hermann, 1990: Zur Dialektik der Abwehrvorgänge; in: Ludwig Nagl, Intentionen seines philosophischen Diskurses; in: Manfred Geier, Harold
Helmuth Vetter, Harald Leupold-Löwenthal (Hg.), 1990, S. 221-234. Woetzel (Hg.): Das Subjekt des Diskurses. Beiträge zur sprachlichen
Laplanche, Jean; Pontalis, Jean-Baptiste, 1985: Urphantasie. Phantasien über Bildung von Subjektivität und Intersubjektivität; Berlin, S. 122-132.
den Ursprung, Ursprünge der Phantasie; Frankfurt am Main 1992. Vattimo, Gianni, 1985: Nietzsche und das Jenseits vom Subjekt; in: Ders.:
Lebrun, Jean-Pierre, 1994: Sexuierung, Tyrannei und Totalitarismus; in: Jenseits vom Subjekt. Nietzsche, Heidegger und die Hermeneutik;
Jutta Prasse, Claus-Dieter Rath (Hg.), 1994, S. 149-159. Graz/Wien 1986, S. 36-64.
Lefort, Claude 1989: Le boudoir de la cite; in: Annie Le Brun: Petits et Widmer, Peter, 1990: Subversion des Begehrens. Jacques Lacan oder Die
grands theätres du Marquis de Sade; Paris, S. 207-221. zweite Revolution der Psychoanalyse; Frankfurt am Main.
Lefort, Claude, o.J.: Essais sur le politique; o.O., o.J. Widmer, Peter, 1994: Ethik und Psychoanalyse; in: Hans-Dieter Gondek,
Lern, Stanislaw, 1981: Sade und die Spieltheorie; in: Ders.: Sade und die Peter Widmer (Hg.), 1994, S. 7-23.
Spieltheorie. Essays, Bd. 1; Frankfurt am Main 1986, S. 79-118. Zizek, Slavoj, 1990: Der Todestrieb in philosophischer Sicht; in: Ludwig
Lipowatz, Thanos, 1989: Technik des Genusses oder Ethik des Begehrens? Nagl, Helmuth Vetter, Harald Leupold-Löwenthal (Hg.), 1990,
Kant mit Sade, zwei Zeugen der französischen Revolution; in: Fragmente S. 245-255.
31, S. 109-118. Zizek, Slavoj, 1992. Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur; Wien.
Lipowatz, Thanos, 1993: Ethik und politischer Diskurs; in: Fragmente 42/43, Zizek, Slavoj, 1993: Über-Ich bei Nichterscheinen; in: Fragmente 42/43,
S. 23-33. S. 47-62.
Lyotard, Jean-Fran9ois, 1973: Über eine Figur des Diskurses; in: Ders. (Hg.):
Intensitäten; Berlin 1978, S. 59-90.
Lyotard, Jean-Fran9ois, 1984: Eine Widerstandslinie; in: Ders: Grabmal des
Intellektuellen; Graz/Wien 1985, S. 53-67.
Nagl, Ludwig; Vetter, Helmuth; Leupold-Löwenthal, Harald (Hg.) 1990:
Philosophie und Psychoanalyse. Symposium der Wiener Festwochen;
Frankfurt am Main.
Nancy, Jean-Luc, 1980: Unsere Redlichkeit! (Über Wahrheit im moralischen
Sinn bei Nietzsche); in: Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frank-
reich; Frankfurt am Main/Berlin 1986.
Nietzsche, Friedrich, 1881: Morgenröte; München 1985.
Nietzsche, Friedrich, 1886: Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philo-
sophie der Zukunft; München 1989.
Nietzsche, Friedrich, 1887: Die Fröhliche Wissenschaft. La Gaya Scienza;
München 1987.
Parinetto, L., 1973: Diskussionsbeitrag; in: Gilles Deleuze, Felix Guattari,
Giovanni Jervis u.a. (Hg.), 1976, S. 66-70.
Pohl, Friedrich Wilhelm, 1983: Die zwei Reiche der Sozialwissenschaften;
in: Friedrich Wilhelm Pohl, Christoph Türcke (Hg.): Heilige Hure Ver-
nunft. Luthers nachhaltiger Zauber; Berlin S. 112-126.
Riedel, Manfred 1997: Nietzsche in Weimar. Ein deutsches Drama; Leipzig.

236 237