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die wahrheit: Götzen undercover - taz.

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21.05.2010
DIE WAHRHEIT

Götzen undercover
Die Kirche des Lichts eröffnet neue Wege des Glaubens.
VON NICO RAU

Die Deutschen wollen nicht mehr an einen handelsüblichen "Gott"


glauben. Die katholischen und evangelischen Kirchen beklagen eine
steigende Zahl an Kirchenaustritten. Neueste Statistiken belegen,
dass in Deutschland durchschnittlich 400 Kirchenmitglieder pro
Minute austreten. In zwei Monaten sind mehr Mitglieder aus der
Kirche ausgetreten, als sich je dort angemeldet haben. Umfragen
zufolge glauben die Menschen lieber an "König Fußball" (Platz eins),
an "sich selbst" (Platz zwei) oder an "diese eine Frau da, aus der
Castingshow" (Platz drei). Wie soll das weitergehen?

Ein Besuch bei der Freikirche des Lichts in Köln-Ossendorf wird


zeigen, was sich abseits der großen Kirchen tut, dort, wo sich seit je
zwielichtige Glaubenskonglomerate verschiedenster Couleur
versammeln. Ein in dezenten Grüntönen gehaltenes und mit
Schiefern verziertes Haus dient als Gemeindezentrum der Freikirche.
Hier erwartet Ariano, der seinen bürgerlichen Namen Giorgio Nanini
abgelegt hat, den Besuch. Ariano ist nicht nur Gründer, sondern auch
erster und zweiter Vorsitzender der Freikirche des Lichts. Die Idee zu
einer neuen Glaubensgemeinschaft kam ihm während einer
Stadtrundfahrt durch Wanne-Eickel. "Wer dieses Elend sieht, der
muss doch handeln. Der muss doch den Menschen wieder Hoffnung
schenken!"

Jedes Wort von Ariano klingt wie der Anfang einer langen Predigt.
Mit seiner quietschroten Trainingsjacke und der auffällig hohen und
verdächtig schlanken Statur sieht der 40-Jährige aus wie ein schiefer
Fahnenmast. Fünf Jahre liegt sein Schlüsselerlebnis nun zurück, und
seitdem erfreut sich die Kirche eines regen Zuwachses an
Mitgliedern. "Es müssten mittlerweile rund 20 feste Anhänger sein,
aber wir rechnen mit einer Dunkelziffer von bis zu 30.000 Mitgliedern,
die nur vergessen haben die Mitgliedsanträge auszufüllen", berichtet
Ariano stolz und winkt dabei einer älteren Dame zu, die sich dem
Eingang nähert - Elke Meier, 72 Jahre alt und Mitglied der ersten
Stunde. Sie leitet heute den Gottesdienst. "Hier habe ich meine
Leidenschaft zur Passion gemacht. Vorher habe ich als Gender-
Beauftragte im Tagebau gearbeitet und den ganzen Tag kein Licht
gesehen. Seit ich Ariano getroffen habe, ist meine Sonne
aufgegangen."

Sichtlich verwirrt und nicht mehr ganz sicher auf den Beinen
schwankt Elke in das Gebäude. In der Luft liegt ein leichter, aber
durchdringender Geruch nach Birnenschnaps. Die Mitglieder der
Freikirche des Lichts haben sich drei grundlegenden Geboten
verschrieben: 1. "Jeder glaubt, soviel er kann, / nur nicht seinem

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Nebenmann", 2. "Götter, Götzen und Proleten, / wer nicht will, der


muss nicht beten", und 3. "Rockmusik wird nur in der passenden
Bekleidung (Rock) zum akustischen Genuss freigegeben."

Trotz dieser leicht zu befolgenden Gebote herrscht eine strenge


Kontrolle, wie Ariano salbungsvoll erklärt: "Wer nicht glaubt, fliegt
raus. So einfach ist das. Wir können keine Nihilisten leiden." Doch
was nach einer gemütlichen und weltoffenen Kirche für
Andersdenkende aussieht, könnte eine dunkle Seite haben.
Kirchenkritiker Stanislav Vladiski beschäftigt sich seit Jahren mit der
Freikirche des Lichts. Der Sektenforscher auf Lebenszeit will
Beunruhigendes herausgefunden haben: "Das ist eine Sekte. Ganz
klar. Sie sollten mal sehen, wie so ein Gottesdienst abläuft. Die
singen, sitzen andächtig bei der Predigt und treffen sich einmal die
Woche sonntags. Das ist nicht normal!"

Vladiski hat ein Jahr undercover als Mitglied die Freikirche erforscht
und wurde ausgerechnet von Investigativkünstler Günter Wallraff
enttarnt, der dort ebenfalls Missstände aufdecken wollte und sich in
seinen Vermarktungsrechten gefährdet sah. Auf die Vorwürfe
Vladiskis angesprochen, zuckt Ariano nur müde mit den Schultern.
"Wissen Sie, ich dachte, die Zeit Andersdenkende zu diskriminieren,
wäre seit der Inquisition vorbei. Aber ich werde immer wieder eines
anderen belehrt. Doch wir machen weiter, und sobald wir das 50.
Mitglied begrüßen, gehen wir nach Übersee. Nach Amerika, se land
of se free! Dort sind alle willkommen!" Unermüdlich kämpft dieser
Fahnenmast von einem Mann für seinen Glauben.

In diesem Moment kommt Elke Meier aus der Kirchentür gestolpert,


murmelt etwas von schlechtem Messwein und übergibt sich hinter ein
parkendes Auto. Diese Kirche mag vielleicht anders sein, aber
solange der Verfassungsschutz sie nicht verbietet, sollte sie
wenigstens toleriert werden.

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