AZ 5000 Aarau | Nr. 207 | 9. Jahrgang | Ausgabe 30 | Redaktion 058 200 53 10 | E-Mail redaktion@schweizamsonntag.

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PATRIZIA LAERI & CO.

MARK ZUCKERBERG

Bevorzugt das Schweizer Fernsehen junge Moderatorinnen?

Facebook probt die
Zukunft: Internet soll
begehbar werden.

Seite 20

Seite 11

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016 | Nationale Ausgabe | www.schweizamsonntag.ch

Alles über die
Olympischen
Spiele in Rio.
Seite 36/37

HO

Die unheimliche Macht
des Silicon Valley

Brasilien,
wir kommen!

Brisanter Rat
von Experten

Bundesanwalt
und -strafrichter
abschaffen.
Seite 10

Filmfestival
Locarno

Hollywoodstar
Bill Pullman
im Interview.
Seite 43

Kochen mit Holz,
Moos und Rinde

Neuer Trend:
Der Wald zieht
in die Küche.
Seite 48
Machbarkeitsglaube und Grössenwahn: Der Apple-Konzern baut in Cupertino (Kalifornien) einen gigantischen neuen Campus.

Reuters/Noah Berger

Kommentar
VON PATRIK MÜLLER

Nichts hat unseren Alltag, unsere Arbeit und unsere Gesellschaft so tiefgreifend verändert wie das Internet
und das Smartphone. Genau 25 Jahre
ist es her, seit die erste Website online
ging – es war der Urknall der digitalen
Revolution. Aus diesem Anlass ist ein
Redaktionsteam der «Schweiz am
Sonntag» ins Silicon Valley gereist. In
jenes Tal an der US-Westküste südlich
von San Francisco, aus dem fast all die
bahnbrechenden Erfindungen kommen, die «disruptiven Innovationen»,
welche ganze Branchen umpflügen.
Apple, Google, Facebook, Tesla und
der Fahrdienst Uber sind nur einige der
bekanntesten Firmen, die hier, zwölf

Flugstunden von Zürich, beheimatet
sind – und die Revolution in immer
schnellerem Tempo vorantreiben. Für
unsere Schwerpunktausgabe haben wir
führende Persönlichkeiten aus dem
Valley getroffen, so den legendären
Präsidenten der Elite-Universität Stanford John Hennessy, dessen bekannteste Schüler die Gründer von Google waren. Wir sprachen mit dem Baselbieter
Urs Hölzle, der seit den Anfängen bei
Google ist, mit dem Rheintaler Daniel
Graf, der mit Uber, dem am schnellsten
wachsenden Unternehmen der Geschichte, Grosses vorhat, und mit dem
Zürcher Super-Investor Toni Schneider,
der in über 200 Start-ups investiert ist.
Das Bild, das sich aus den Gesprächen ergab, ist klar: Die Revolution ist

25

Jah re Int ernet

erst gerade losgegangen. In unserer
heutigen Ausgabe lesen Sie, welches
die nächsten grossen Dinge sind, an
denen die Valley-Pioniere arbeiten.
Virtuelle Realität beispielsweise gehört
dazu (siehe «morgen»-Bund).
Wir zeigen, warum Schweizer Manager in Scharen nach Kalifornien pilgern und wieso hier immer mehr Firmen, von Swisscom bis Nestlé, eigene
Niederlassungen gründen (siehe Wirtschaftsteil). Und wir fragen: Worin liegen die Chancen des Wirtschafts- und
Bildungsstandorts Schweiz? Zudem be-

leuchten wir die fragwürdigen Seiten
der Internet-Pioniere: Ihr Machbarkeitsglaube und die Besessenheit, alle
Probleme der Menschheit durch Technik zu lösen, offenbaren einen Grössenwahn, der gefährlich ist und die
Demokratie untergraben kann. Sinnbildlich dafür steht der neue, gigantische Campus von Apple in Cupertino,
der gerade im Bau ist (siehe Foto) und
vom Konzern «Spaceship», also Raumschiff, genannt wird.
Das Silicon Valley hebt ab – ob das
gut kommt?
Reportagen, Analysen, Porträts,
Reisetipps, Interviews – die Beiträge
aus Kalifornien finden Sie in allen
Zeitungsbünden.

«In der Schweiz
gleicht Trump am
ehesten LegaGründer Giuliano
Bignasca.»
OTHMAR VON MATT

Seite 19
CH_So

Silicon Valley

25 Jah re Int ernet

Epizentrum der digitalen Revolut
Im Silicon Valley ist man besessen davon,
jedes erdenkliche Problem der Menschheit
zu lösen. Auch Schweizer zieht es in
Scharen hierhin. Was ist die Erfolgsformel
des mächtigsten Tals der Welt?

VON PATRIK MÜLLER, ANDREAS MAURER
(TEXT) UND PATRICK ZÜST (FOTO)

Der dunkelgraue Kapuzenpulli wäre
nichts Spezielles ohne die sechs weiss
aufgedruckten Buchstaben. Google.
Dieser Schriftzug macht das Kleidungsstück wertvoll, 55.99 Dollar kostet es. Daneben hängt ein Rucksack,
schwarz, mit denselben sechs Buchstaben, für 99.99 Dollar. Wir sind im
Google-Shop in Mountain View (Kalifornien), am Hauptsitz des Internetkonzerns. Es gibt hier von Baby-Socken bis zur Lippenpomade unzählige
Werbeartikel. Die Leute reissen sich
darum, und sie zahlen dafür. Sie machen Selfies vor dem Google-Auto und
posieren stolz vor dem Firmenlogo.
Sie wollen beweisen können: Ich war
hier, in der Machtzentrale der digitalen Welt, bei den Revolutionären des
21. Jahrhunderts.
Google, Facebook, der Fahrdienst
Uber, der Online-Händler Amazon
und natürlich Apple mit seinen Kultprodukten iPhone und iPad: Sie sind
daran, unseren Alltag, unsere Beziehungen und unsere Arbeit komplett
zu verändern. Die Menschen rund um
den Globus machen bei dieser Revolution mit. Und die Revolutionäre schaffen es gar, Fanartikel zu verkaufen.
«Don’t be evil», sei nicht böse, lautet
das Motto von Google. Apple-Gründer
Steve Jobs prägte den Satz: «Make the
world a better place», mach aus der
Welt einen besseren Ort. Die Revolutionäre sagen alle, sie hätten nur Gutes
im Sinn. Das gilt auch für Elon Musk,
den Gründer des Elektroautos Tesla,
der diese Woche in den USA eine «Gigafabrik» (O-Ton Musk) eröffnet hat, in
dem er Batterien herstellen will, die
nichts weniger als «das Energieproblem lösen» sollen.

Ein Hort des Optimismus

Das Silicon Valley, in dem die meisten
dieser Firmen beheimatet sind, sei ein
«Hort des Optimismus und des Glaubens, dass sich Probleme lösen lassen», sagt John Hennessy, der Präsi-

dent der Elite-Universität Stanford.
Wir treffen ihn in seinem Büro, inmitten von Kartonschachteln. Der legendäre Professor, dessen berühmteste
Schüler die Google-Gründer Sergey
Brin und Larry Page waren, wird bald
pensioniert und hat schon die ersten
Kisten gepackt. Hennessy glaubt daran, dass an seiner Wirkungsstätte und
im Valley noch viele grosse Probleme
der Menschheit gelöst werden. Was
man in Europa bisweilen als Grössenwahnsieht, wird in Kalifornien wenig
hinterfragt. «Wir sind Problem-Solvers», lautet das Selbstverständnis.
Egal ob man mit Professoren, Startup-Gründern oder Investoren spricht:
Immer dringen ein unbändiger Optimismus und ein Machbarkeitsglaube
durch, verbunden mit Risikolust. Das
ist insofern bemerkenswert, als nur 1
bis 2 Prozent der Start-up-Unternehmer im Silicon Valley wirklich eine Finanzierung finden, und von diesen
wiederum wird nur ein kleiner Bruchteil ein wirklicher Erfolg. Das Silicon
Valley ist in Wahrheit ein Tal der Verlierer. Aber scheitern gehört hier zum
Konzept, das gilt auch für die Grosskonzerne: Die Wunderbrille «Google
Glass» war ein spektakulärer Flop.
Schwamm drüber – stattdessen tüftelt
Google nun halt am selbstfahrenden
Auto und anderen Dingen.

Zauberwort Disruption

Wahrgenommen werden nicht die
Flops, sondern die disruptiven Innovationen: Erfindungen, die die Welt
verändern und ganze Wirtschaftszweige umpflügen. Deswegen wallfahren
auch Schweizer Unternehmer und
Manager ins Silicon Valley, um von
den supererfolgreichen Internetkonzernen zu lernen. Sie sind nicht nur
von Lernbegierde getrieben, sondern
auch von Angst: Wird vielleicht bald
ihr eigenes Unternehmen «disrumpiert», von einem Start-up infrage gestellt? Was ist das nächste grosse Ding,
das hier entsteht?
Der Business-Tourismus boomt.
Swiss bietet seit 2010 Direktflüge von

Google-Shop am Konzernsitz in Mountain View: Die Revolutionäre versprechen eine bessere Welt – die Konsumenten kaufen es ihnen ab.
Patrick Züst
Zürich nach San Francisco an. Vor einem Jahr wurde das Angebot im Sommer auf zwei tägliche Verbindungen
verdoppelt, und der nächste Ausbau
steht bevor: Ab April 2017 setzt Swiss
auf der Strecke ausschliesslich das
neue Flaggschiff ein, die Boeing 777
mit 121 zusätzlichen Sitzplätzen.
Mittlerweile haben die Pilgerströme
Dimensionen erreicht, die selbst spezialisierten Tourenanbietern nicht mehr
geheuer sind. Einige von ihnen, die
Ausflüge von San Francisco ins Silicon
Valley verkaufen, betonen auf ihren
Websites neuerdings nicht mehr, was
man alles erleben wird, sondern was
man nicht sehen wird. Wer keine Beziehungen hat, wird die Zentralen von
Google oder Facebook nicht von innen besichtigen können.
Auf den teuren Touren werden die
Tech-Touristen dann vor allem merken, dass das Silicon Valley spektaku-

lär unspektakulär ist. Ein paar staubige Kleinstädte entlang der Autobahn,
deren Ausfahrten man leicht verpasst.
Es bleibt nicht beim Reisen. Viele
Unternehmen haben Niederlassungen
in der Gegend, Multis wie Nestlé ebenso wie die bundesnahen Betriebe Post
und Swisscom. Vermehrt ziehen auch
kleinere Unternehmen hierher, etwa
der Uhrenhersteller TAG Heuer mit
Sitz in La Chaux-de-Fonds, der ab November in Santa Clara ein Dutzend Ingenieure einstellen wird. Sie alle wollen in dieser fast magischen Gegend
präsent sein und hier die Erfolgsformel der Zukunft finden.
Auch die offizielle Schweiz ist da: An
bester Lage, am Pier von San Francisco, ist Swissnex domiziliert, eine Initiative des Wirtschaftsdepartements
des Bundes. Swissnex will Brücken
schlagen zwischen den USA und der
Schweiz und vereinigt Start-ups,

Hochschulen, aber auch Kunst. Fast
jede Woche finden am Pier Veranstaltungen mit Schweiz-Bezug statt.

Die Defizite Europas

Warum finden helvetische Unternehmen ein derartiges Gründer-Biotop offenbar nur im Silicon Valley vor, einem Tal, das in Wahrheit gar kein Tal,
sondern ein Canyon ist? In einer Gegend, die bis in die 1950er-Jahre eine
Obstplantage war, bevor sie die Ingenieure und die Chip-Produzenten entdeckten, welche dem «Tal» den Namen gaben (Silicium dient zur Herstellung von Halbleitern)?
In der Kantine der Stanford Businessschool begegnen wir zufällig dem
britischen Star-Historiker Timothy
Garton Ash. Wir fragen ihn, warum
die Kapitale der Innovation nicht in
Europa liege. Ohne lange nachzudenken, nennt er drei Gründe: «Erstens

Windows 95, iPod und Google-Auto: Meilensteine seit dem Start des Internets

1996

Der britische Physiker Tim
Berners-Lee schaltet am
Cern in Genf die erste
Website der Welt frei –
die Seite, die unter der
Adresse info.cern.ch
abrufbar ist, besteht aus
165 Wörtern.

Die Stanford-Absolventen
und späteren Google-Gründer Sergey Brin und Larry
Page entwickeln den PageRank-Algorithmus (benannt
nach Larry Page), der heute
3½Milliarden Suchanfragen
pro Tag bearbeitet – und
mitentscheidet, was
relevant ist.

1995

1999

Microsoft-Gründer Bill
Gates stellt das Betriebssystem Windows 95 vor,
das die Computerwelt
verändern sollte.

Bill Gates, der Erfinder von
Windows.

Mit dem Blackberry kommt
das erste Handy auf den
Markt, mit dem man gleichzeitig telefonieren, texten
und E-Mails verschicken
kann. Heute ist Blackberry

zu einem unbedeutenden
Unternehmen geschrumpft.

1999

Napster ist die erste Online-Musiktauschbörse.
Erstmals lassen sich MP3Musikdateien über das Internet teilen. Revolutionär

ist der sogenannte Peerto-Peer-Ansatz (P2P).

Fotos: Reuters, Keystone, Ho

1991

2000

Die uneingeschränkte Freigabe der Satellitendaten
des Global Positioning System (GPS) durch das USMilitär sorgt dafür, dass
die Technik präziser und
die Geräte erschwinglicher
werden. Damit wird der
Weg für den Siegeszug der
Navis im Auto bereitet.

2001

Apples iPod revolutioniert
die Musikindustrie. Statt
CDs im Laden zu kaufen,

Steve Jobs landet mit dem
iPod einen Hit.

Mark Zuckerberg, der erste
Nutzer von Facebook.

3

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

tion

Das Web kam in
Genf zur Welt
Am 6. August 1991 ging die erste Website
online. Ein Besuch bei zwei Geburtshelfern.
VON CHRISTOPH BERNET

Standort zu einem der bedeutendsten
in Europa machen. Der Initiant, Ringier-Chef Marc Walder, der wiederholt
ins Valley reiste, vergleicht den Wettbewerb mit einem Fussballspiel: «Die
erste Halbzeit hat Europa gegen die
USA verloren. Und zwar haushoch.
Nun läuft die zweite Halbzeit. Und die
Uhr tickt gegen Europa.»
Zürich habe jedoch gute Chancen,
die Stadt sei weltweit top in Innovation, Investitionen in digitale Weiterentwicklungen, Bandbreite für Internetdaten und Lebensqualität. Das reiche aber nicht: «Die Besteuerung des
Vermögens von jungen Firmen ist ein
zentrales Thema, auch die Besteuerung von Mitarbeiterbeteiligungen.
Hier muss der Standort Zürich attraktiver werden für Start-ups», fordert
Walder.

Für den Durchbruch in die USA

fehlt es in Europa an Schulen und Universitäten, die wie Stanford konsequent auf Innovation und Gründertum setzen und die besten Talente der
Welt anziehen. Zweitens fehlt es in Europa an Kapital und Risikobereitschaft, wie es hier fast im Übermass
vorhanden ist. Drittens fehlt es in Europa an einem grossen, einheitlichen
Markt mit einer Sprache, die alle verstehen, um Produkten zum Durchbruch zu verhelfen.»
Städte rund um den Globus versuchen, eine Innovations- und Start-upKultur zu etablieren, um im digitalen
Zeitalter zu bestehen. New York strebt
auf, auch Tel Aviv, in Europa verfügen
insbesondere London, Berlin, Stockholm und auch Zürich über eine lebhafte Start-up-Szene.
In Zürich haben namhafte Unternehmen die Initiative «Digital Zurich
2025» gegründet und wollen den

können Fans ihre Lieder
nun im iTunes-Store herunterladen. Steve Jobs landet
einen Hit und rettet Apple
vor der Pleite.

2004

Start des sozialen Netzwerks
Facebook. Erster Nutzer ist
Gründer Mark Zuckerberg.
Heute hat Facebook 1,6 Milliarden Mitglieder.

2005

Auf Youtube wird das erste
Video eingestellt. Es zeigt
Mitbegründer Jawed Karim
im Zoo von San Diego vor
einem Elefantengehege.

Schweizer Investoren im Silicon Valley
sind für ihre alte Heimat erstaunlich
zuversichtlich. Super-Investor Toni
Schneider ist 1989 nach Kalifornien
ausgewandert und hat mit seinen Gesellschaften über eine Milliarde Franken in 200 Start-ups investiert. In Zürich sei es viel einfacher geworden,
ein Start-up zu gründen: «Das ist eine
super Entwicklung.» Er plant auch selber, in Schweizer Jungfirmen zu investieren. Schneider glaubt, die Schweiz
sei ideal für Gründungen – doch wenn
ein Start-up dann wachse und den globalen Durchbruch suche, müsse es irgendwann in die USA kommen. «Der
Markt in der Schweiz ist einfach zu
klein, und es ist zu wenig Kapital vorhanden», analysiert Schneider.
Diejenigen, die es wirklich schaffen,
bleiben dann meist für immer. Schneiders drei Kinder wachsen in Kalifornien auf, Uber-Topmanager Daniel Graf
hat sich eine riesige Farm gekauft, und
für Urs Hölzle, der zu Google stiess,
als die Firma noch weniger als zehn
Mitarbeiter beschäftigte, sind die USA
längst zur Heimat geworden. Nur die
analoge Armbanduhr erinnert an seine Herkunft: Hölzle trägt ein Modell
der SBB-Bahnhofsuhr am Handgelenk,
roter Sekundenzeiger inklusive.

«Vage, aber aufregend»

Tim Berners-Lee arbeitete ab
1984 in der Informatikabteilung des Cern und befasste
sich mit Standards zur elektronischen
Datenübermittlung.
Sein regulärer Job habe ihn
nicht besonders in Anspruch
genommen, weshalb er Zeit
hatte, seine Vision des World
Wide Web voranzutreiben, sagt
Segal. 1989 legte Berners-Lee
seinem Vorgesetzten Mike
Sendall ein 14-seitiges Konzept
vor. Der nüchterne Titel: «Information Management: A Proposal». Sendall war angetan
von der Idee seines brillanten
Mitarbeiters: «Vage, aber aufregend», lautete sein Fazit.
«Als ich Tims Vorschlag zum
ersten Mal gelesen habe, habe

ich das meiste nicht verstanden», gesteht Segal. Viele Forscher hätten sich damals mit
Fragen des Informationsaustausches zwischen verschiedenen Computernetzwerken auseinandergesetzt. Im Gegensatz
zu den anderen habe BernersLee eine Vision gehabt und diese umgesetzt. Er sei jung genug
gewesen, um an seinen Traum
zu glauben. Von Hindernissen
für seine Idee eines weltweiten
Netzes habe er sich nicht entmutigen lassen. «Tim sagte mir
immer: Ben, wir müssen uns
nur auf ein paar simple Sachen
einigen.»

«Ein grossartiger Kerl»

«Tims netzartige Struktur war
revolutionär und ihre Genialität wurde vom Cern zunächst
nicht erkannt», sagt Maria Dimou. Die 56-jährige Informatikerin ist seit 1988 am Cern tätig. In der experimentellen
Physik, der Königsdisziplin des
Cern, seien hierarchische Informationsstrukturen
dominant gewesen, sagt Dimou.
«Tims Ideen trafen am Cern
deshalb auf Widerstand.» Weil
Berners-Lee keine Finanzierung für die Weiterentwicklung
des Webs erhielt, wechselte er
1994 ans Massachusetts Institute of Technology in den USA.
Weder Segal noch Dimou
hätten sich in der Anfangsphase des WWW vorstellen können, welche fundamentalen
Veränderungen es für sämtliche Lebensbereiche bringen
würden: «Auch Tim hatte keine
Ahnung», glaubt Segal. Beide
halten das Internet weiterhin
für eine positive Errungenschaft. Gewisse Entwicklungen
bereiten Ben Segal aber Mühe –
etwa das Darknet, die Flut an
Spam-Mails oder die sozialen
Auswirkungen: «Als Internetpioniere wollten wir die Welt verbinden.» Das sei zwar gelungen: «Doch wir haben die Menge an Mist unterschätzt, die wir
damit ebenfalls verbinden.»
Zum Glück sei Berners-Lee
ein herzensguter Mensch und
Humanist, der sich bis heute
für die Vision eines freien Internets im Dienste der ganzen
Menschheit einsetze: «Dass es
ein so grossartiger Kerl wie
Tim war, der das Web erfunden hat, ist letztendlich ein Zufall – aber ein glücklicher.»

2008

Google Maps geht online. Es
macht schnell herkömmliche Landkarten überflüssig
und gehört heute zu den
Pflicht-Apps auf jedem
Smartphone.

Steve Jobs präsentiert in
San Francisco das erste
iPhone und verspricht eine
Revolution: «Wir werden
das Telefon neu erfinden.»
Seitdem wurden 700 Millionen iPhones weltweit
verkauft. Apple stieg zum
wertvollsten Konzern der
Welt auf.

Die dunklen Korridore mit Linoleumböden atmen noch den
Geist des vordigitalen Zeitalters. Nichts deutet darauf hin,
dass hier, auf dem Boden der
Genfer Vorortsgemeinde Meyrin, direkt an der französischen Grenze, die Wiege der
digitalen Revolution liegt. «Irgendwo hier hat Tim BernersLee das World Wide Web erschaffen», sagt Ben Segal, während er durch ein in die Jahre
gekommenes Bürogebäude auf
dem Gelände des Cern schreitet. In welchem der kleinen,
spartanisch eingerichteten Büros Berners-Lee damals gearbeitet habe, wisse niemand
mehr so genau, sagt Segal.
Am 6. August 1991 ging hier
die erste Website der Welt online – der Server befand sich in
Berners-Lees Büro in einem
Untergeschoss. Der britische
Informatiker Ben Segal war einer der Mentoren von Berners-Lee. Er unterstützte ihn
dabei, seine Vision eines weltweiten Informationsnetzes zu
verwirklichen. Von 1971 bis zu
seiner Pensionierung 2002 war
Segal am Cern tätig. Heute ist
der 79-Jährige Ehrenmitglied
der Informatikabteilung.
Zielstrebig steuert Segal auf
eine unspektakuläre Messingplatte zu: «Where the Web was
born» steht dort in schwarzen
Lettern. Es ist die einzige Reverenz an die wohl revolutionärste Entwicklung, die im Cern ihren Anfang nahm.

2005
2007

Durchbruch für die App:
Apple lanciert seinen App
Store, eine Plattform für
Computerprogramme.

2008

In einem White Paper zur
Kryptowährung Bitcoin wird
erstmals das Konzept der
Blockchain beschrieben,
eine Art digitales Kassenbuch, mit dem Transaktionen ohne Zwischenschaltung von Banken abgewickelt werden können.

2010

Erneuter Coup von Apple.
Es bringt mit dem iPad sein
erstes Tablet auf den Markt.
Es ist auch für Verlage interessant, Springer-Chef
Mathias Döpfner sieht darin
die Rettung seiner Branche.

2014

Google stellt sein autonomes Fahrzeug vor, das ohne

Editorial
Worauf es
ankommt
PATRIK MÜLLER, Chefredaktor

In dieser Woche gab es in den US-Medien
nur ein Thema: die Präsidentschaftswahlen. Hillary oder Trump? Um nichts anderes ging es auf CNN und auf den Frontseiten der Zeitungen und in Gesprächen mit
Taxifahrern. Man bekam den Eindruck,
die USA und die Welt würden sich komplett anders entwickeln, wenn der eine
oder die andere gewinnen würde. Gewiss, es sind zwei Persönlichkeiten, die
unterschiedlicher nicht sein könnten, mit
Programmen, die sich diametral zuwiderlaufen. Doch ist es wirklich diese Wahl, ja
ist es überhaupt die Politik, die darüber
entscheidet, wie wir in den nächsten Jahren leben, arbeiten, uns bewegen und
miteinander umgehen?
Unser Redaktionsteam verbrachte diese
Woche an jenen Orten, die noch grössere
Veränderungskraft haben als die US-Präsidentschaftswahl und andere politische
Weichenstellungen. Im kalifornischen Silicon Valley entscheidet sich in Garagen,
in Konzernzentralen und in Vorlesungssälen, wohin sich die Welt bewegt. Ein
Blick auf die wichtigsten Innovationen
seit der Entstehung des Internets (siehe
unten) genügt, um festzustellen, wie gewaltig der Einfluss der Tech-Pioniere auf
unseren Alltag ist. «Wir überschätzen,
was in einem Jahr geschieht, und wir unterschätzen, was in zehn Jahren geschehen kann», sagte einst Microsoft-Gründer
Bill Gates. Wie wahr. Nichts deutet darauf
hin, dass das Tempo der Veränderungen
in Zukunft abnimmt.
Müssen wir uns fürchten? Angst ist ein
schlechter Ratgeber. Im Silicon Valley
spielen sich viele fragwürdige Dinge ab,
gewisse Pioniere führen sich wie Gott auf
und haben Allmachtsfantasien. Das brauchen wir nicht. Aber vom Silicon Valley
lernen sollten wir schon. Vor allem: Optimismus. Der strahlte uns an allen Ecken
und Enden entgegen, als wir die Zentralen von Google, Facebook und Uber und
auch kleinere Firmen besuchten. Wer Erfolg hat, wird bewundert und nicht beneidet. Wer scheitert, muss sich nicht
verkriechen, sondern packt die nächste
Chance. Ist das bei uns auch so? Denken
wir darüber nach, zum Beispiel morgen,
an unserem Nationalfeiertag.
Den Präsidenten der Universität Stanford
haben wir gefragt, wie wir unsere Kinder
am besten auf die Welt von morgen vorbereiten können. John Hennessy antwortete: «Das Wichtigste, was Sie Ihren Kindern vermitteln können, ist die Freude
am Lernen.» Die Freude, nicht der Inhalt
sei entscheidend. Sagt der Pate des Silicon Valley. Irgendwie ermutigend.
patrik.mueller@schweizamsonntag.ch

Sie haben abgestimmt
Letzten Sonntag fragten wir:
Würden Sie Hillary Clinton oder
Donald Trump wählen?

59%
41%

Das autonome Fahrzeug von
Google.

Hillary
Clinton

die Hilfe eines Menschen
navigieren kann.

Donald
Trump

2016

Ergebnis vom 30.07.2016, Teilnehmer 1747

Der indische Hersteller
Ringing Bells beginnt mit
der Auslieferung seines Billig-Smartphones Freedom
251, das gerade einmal
4 Dollar kostet.

Frage der Woche
Sehen Sie in der digitalen Revolution mehr
Vor- oder mehr Nachteile für sich selbst?
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www.schweizamsonntag.ch

25 Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

nachrichten

5

Die Schweiz liegt
in Kalifornien
Auch der Nahrungsmittel-Riese
Nestlé hat Appetit auf digitale Innovationen. Im Gebäude der Schweizer Netzwerkorganisation Swissnex
beim Pier 17 lanciert der Konzern
aus Vevey VD mithilfe von Innovationsmanagerin Stephanie Nägeli
das Projekt «Henri@Nestlé». In diesem Rahmen können Start-ups Nestlé ihre Ideen schmackhaft machen.
Es geht um Themen wie virtuelle Realität, künstliche Intelligenz und darum, eine 150-jährige Firma up to
date zu halten. Vor Ort sind 14 Angestellte. Schon heute arbeitet Nestlé
mit Start-ups wie zum Beispiel Instacart, Feastly und SpoonRocket. (BWE)

Toni Schneider
Firmengründer und Investor
Bereits mit 19 Jahren wanderte Toni
Schneider nach Kalifornien aus.
Doch seine Herkunft ist ihm nach
wie vor wichtig. «A Swiss guy in San
Francisco» heisst sein Blog. Er gründete mit Partnern verschiedene
Start-ups – unter anderem den
E-Mail-Dienst Oddpost, den Yahoo
für 30 Millionen Dollar kaufte. Danach entwickelte Schneider den
Bloghosting-Dienst WordPress.com,
an dem er noch heute beteiligt ist.
Als Investor fördert er aber auch
Start-ups. So hat er beispielsweise
früh in die Fitness-Tracking-Firma
Fitbit investiert, die heute über eine
Milliarde Dollar wert ist. (RAS)

Daniel Graf
Leiter Marketplace bei Uber
Das Problem von Daniel Graf (41)
war, dass er bei seinem Karrierestart
der Zeit voraus war. Der Rheintaler
beteiligte sich nach seinem Studium
in Buchs sowie in den USA an der
Gründung von drei Firmen. Diese
entwickelten die erste MP3-Jukebox,
das erste Internetradio und -TV sowie den ersten Video-Live-Streaming-Dienst. Grafs Start-ups erregten Aufsehen, doch der durchschlagende Erfolg blieb aus. Erst nachdem ihn Marissa Mayer 2011 zu
Google geholt hatte, war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Er brachte Google Maps auf den Markt.
Nach dem Welterfolg fällte er
einen Fehlentscheid. Er wurde Produktchef bei Twitter. Nach einem
halben Jahr, der vertraglich kürzestmöglichen Zeit, kündigte er und
nahm eine Auszeit. Graf heiratete
und kaufte sich eine Farm mit einem
Quadratkilometer Land. Dort nimmt
er sich auch ab und zu eine Auszeit,
seit er Marketplace-Chef beim Online-Fahrdienst Uber ist. Treu bleibt
er sich bei der Kleiderwahl. Nicht
einmal zu seiner Hochzeit trug er
eine Krawatte. (MAU)

Diese Unternehmer und Start-up-Gründerinnen sind ins
Silicon Valley ausgewandert und haben sich durchgesetzt.
Claude Zellweger
Design-Chef HTC

Fotos: Patrick Zuest, Drew Altizer, Keystone,Lea Hepp, HO

Stephanie Nägeli
Innovationsmanagerin Nestlé

Lea von Bidder Gründerin von Ava
In den vergangenen sieben Jahren ist
Lea von Bidder neun Mal umgezogen. Weil sie ihren Master im Global
Entrepreneurship Program an drei
Hochschulen auf drei verschiedenen
Kontinenten absolvierte, weil sie danach eine Fabrik für Edelschokolade
in Indien gründete und – ganz aktuell – weil sie im Silicon Valley ihre
neue Firma vorantreiben will.
Beim Frühstück mit der 26-Jährigen aus dem Kanton Zürich merkt
man nicht, dass man der Gründerin
eines der vielversprechendsten
Schweizer Start-ups gegenübersitzt.
Ihre Firma «Ava» hat in der ersten
Finanzierungsrunde 2,6 Millionen
Dollar erhalten und wurde am vergangenen Dienstag in den USA lanciert. Es handelt sich dabei um einen Fertility-Tracker, ein Sensorarmband, das Frauen ihre fruchtbaren
Tage verrät. Im Gegensatz zu den
vielen Konkurrenzprodukten be-

rücksichtigen von Bidder und ihr
Team dabei nicht nur die veränderte
Körpertemperatur der Frau, sondern dazu noch eine Vielzahl an zusätzlichen Messwerten.
Das Produkt wurde von Schweizern entwickelt, es wurde in der
Schweiz getestet, und es wird grösstenteils von Schweizer Firmen
finanziert (Swisscom und Zürcher
Kantonalbank). Trotzdem lebt
von Bidder seit über einem halben
Jahr in San Francisco und hat dort
den Launch von «Ava» vorbereitet.
«Das Ganze wäre schon auch in
der Schweiz möglich gewesen»,
sagt sie. «Aber der Weg wäre
um einiges härter geworden.» Danach muss sie zu ihrem nächsten
Termin, sie trifft sich noch
mit einem potenziellen Investor.
Lea von Bidder und ihr Start-up
«Ava» sind im Valley angekommen.

Ins Silicon Valley kam er über Umwege. Und dennoch sei es unausweichlich gewesen, dass er einmal
hier arbeite und wohne, sagt Claude
Zellweger. Nach der Kantonsschule
studierte er in Montreux Design,
bildete sich in San Francisco weiter
und tat dann das, was hier so viele
tun: Er gründete eine Firma, eine
Beratungsfirma für Design. Nach
sechs Jahren wurde die Firma vom
taiwanesischen Elektronikkonzern
HTC aufgekauft und Zellweger zum
Design-Chef befördert. Seither gibt
der Schweizer den Smartphones von
HTC in San Francisco ihre Form.
Um sich im Tech-Hotspot durchzusetzen, hätten ihm sein Hintergrund als Schweizer und die Offenheit gegenüber Kalifornien geholfen,
sagt Zellweger. «Schweizer schauen
Dinge kritisch an und geben sich
nicht mit der erstbesten Lösung zu
frieden. Kalifornier hingegen sind
sehr euphorisch, probieren alles
aus. Die Kombination von beidem
ergibt eine gute Mischung.»
Seine siebenjährigen Kinder hält
er erst mal fern von Technik. «Zu
Hause leben wir so technologieagnostisch wie möglich», sagt der
44-jährige Familienvater. In den
ersten Jahren seien das Entdecken
der Natur und der Kontakt mit Menschen das Wichtigste. Technik wäre
da nur hinderlich, findet er. Und
auch Zellweger selbst lässt sich für
das Design seiner Geräte gerne von
der Natur inspirieren. (RAS)

(ZUS)

Urs Hölzle Senior Vice President Google

Daniel Borel
Logitech-Gründer
Schon früh zog es den Neuenburger
Daniel Borel (64) nach Kalifornien.
Nach absolviertem Physik-Studium
an der ETH Lausanne hängte er an
der Stanford University einen Master
an. 1981 gründete er zusammen mit
zwei Italienern die Logitech SA, die
mit Computermäusen weltbekannt
wurde. Borel gab 1998 die operationelle Leitung des Konzerns und
zehn Jahre später das Verwaltungsratspräsidium ab. 1992 verlieh ihm
die ETH Lausanne den Ehrendoktor-Titel. Seine Erfinder-DNA hat
Borel an seine Kinder weitergegeben. Ein Sohn und eine Tochter sind
heute erfolgreiche Start-up-Unternehmer im Silicon Valley. (RIK)

Urs Hölzle interessiert sich nicht für
Geld. Google könnte die erste Firma
mit einer Börsenkapitalisierung von
über 1000 Milliarden Dollar sein?
Dazu kann er nichts sagen. Es ist
nicht seine Welt, er kümmert sich
nicht um Aktienkurse. Hölzle ist Informatiker. Man könnte ihn auch als
einen der grössten Exporterfolge der
Schweiz bezeichnen. 1988 siedelte
der Liestaler mit einem ETH-Masterabschluss in der Tasche an die EliteUni Stanford über, wo er doktorierte. Danach lehrte er für einige Jahre
an der University of California in
Santa Barbara, bevor er in den Kontakt mit einem interessanten Startup kam: Google. Auch der Liebe
wegen – seine Frau studierte noch in
Stanford – nahm er einen Job bei der

damaligen Garagen-Firma an. Hölzle
war der achte Angestellte von
Google, heute ist er der drittälteste
Mitarbeiter. Sein Schweizerdeutsch
ist nur wenig eingerostet. 25 Jahre
lang lebte Hölzle nicht mehr im
Land, aber er war oft zu Besuch:
Der 52-Jährige war die treibende
Kraft hinter dem Google-Standort in
Zürich. Der ist mit derzeit 1800 Mitarbeitern das grösste Google-Zentrum ausserhalb der USA und wird
weiter ausgebaut. Hölzle ist für die
technische Infrastruktur des Konzerns verantwortlich. Neben Effizienz-, Sicherheits- und Umweltfragen
– Google will alle Rechenzentren mit
erneuerbarer Energie speisen – ist
ihm das grösste Wachstumsfeld des
Silicon-Valley-Riesen unterstellt: das
Cloud Computing. Darunter wird
die Auslagerung von Daten, Anwendungen und Analysen in leistungsfähige Rechenzentren verstanden. Das
garantiert Aufallsicherheit und Zugriff von überall her. Bis 2020 will
Hölzle mehr Umsatz mit Cloud Computing machen als mit dem heute
dominierenden Anzeigengeschäft.
Nach exakt einer Stunde ist die Zeit
des Senior Vice President um. Hölzle
hat nach wie vor einen engen Zeitplan. Google hat noch viel vor. (EHS)

David Marcus
Facebook-Messenger-Chef
Als ihn Mark Zuckerberg 2014 zum
Essen einlud, glaubte David Marcus
(43) erst an eine Kooperation mit
dem Social-Media-Giganten. Stattdessen warb ihn Zuckerberg ab.
Marcus verliess seinen Posten als
Chef des Online-Bezahlsystems Paypal und wurde neuer Leiter des
Facebook-Messengers. Damit hat
sich Marcus in der obersten Liga des
Valley etabliert. Seine Ambitionen
sind gross: Der Ausbau des Facebook-Nachrichtendienstes soll es unnötig machen, die Seite zu verlassen. Medienunternehmen müssten
ihre Nachrichten direkt in den Feed
stellen, sodass man gar keine NewsSeiten mehr besuchen muss.

Roger Huldi
Direktor «W Hotel»
Er hat schon Silicon-Valley-Berühmtheiten, den Rapper Snoop Dogg und
sogar den US-Präsidenten empfangen: Roger Huldi (im Bild mit Barack
Obama) führt in San Francisco eines
der besten Hotels, das «W», gleich
neben dem Museum of Modern Art
und unweit der Einkaufsmeilen gelegen (404 Zimmer, 9 Suiten). Huldi,
aufgewachsen in Zürich und Vater
zweier Kinder (18 und 19), kam via
Australien und Hawaii nach Kalifornien. Er setzt auf Ökologie: Den Honig für die Gäste gibts von Bienen
auf dem Hoteldach. Eben erhielt
Huldis Haus vom US-Hotelverband
den Award «Property of the year».

Margrit Mondavi
Weindame und Kulturförderin
Es gleicht einer Bestseller-Romanze,
wie die Schweizerin Margrit Kellenberger (geboren im Appenzell, aufgewachsen im Tessin) zum Top-Namen in der Weinwelt kam und zur
Grande Dame der wichtigsten Weinregion der USA, dem Napa Valley,
wurde. In den 60er-Jahren kommt
sie mit Mann und Kindern nach Napa und arbeitet für den MondaviWeinpionier-Familienbetrieb. Sie
verliebt sich in Robert Mondavi,
1980 heiraten die beiden. Sie wird
zur Kunst- und Kulturförderin der
Region. Robert verstarb 2008, doch
die 90-jährige Margrit ist in Napa immer noch eine Grande Dame. (ALF)

25 Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

7

nachrichten
Ausland-News

Erdogan weist Kritik an
Repressionen zurück
ANKARA Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan weist
die Kritik des Westens an seinem
Vorgehen zurück. «Kümmert euch
um eure eigenen Angelegenheiten»,
sagte er laut «Spiegel Online» am
Freitagabend an die Adresse der EU
und der USA. Erdogan beklagte sich
über die mangelnde Solidarität der
westlichen Politiker mit der türkischen Regierung nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli.
Den USA warf er vor, mit der Beherbergung des Predigers Fethullah Gülen Partei für die Verschwörer gegen
den türkischen Staat zu ergreifen.
Der Präsident bezeichnet Gülen als
Drahtzieher des Putschversuchs.
Für eine Auslieferung verlangen die
USA stichhaltige Beweise dazu. Seit
dem gescheiterten Militärputsch vor
zwei Wochen führen Erdogan und
seine AKP-Regierung eine grosse
Säuberungsaktion in Militär, Justiz
und Verwaltung durch. Repressionen gewärtigen auch Medienschaffende und Wissenschafter. Gemäss
dem türkischen Innenministerium
sind über 18 000 mutmassliche Gülen-Anhänger verhaftet und fast
50 000 türkische Reisepässe für ungültig erklärt worden. (FB)

Neuer Anlauf für Unabhängigkeit Schottlands

«Everywhere around the world they’re coming to Stanford»: Die Elite-Uni ist ein Talente-Magnet und Brutstätte des Valleys.

Reuters/Beck Diefenbach

Die heimliche Weltmacht
Stanford, Ort der Innovation,
produziert Talente wie kaum
eine andere Hochschule.
Was die Schweiz von ihr lernen
kann – und was nicht.
VON YANNICK NOCK

Nur 13 Buchstaben veränderten die Welt.
1998 besuchten die Studenten Larry Page
und Sergey Brin ihren Informatikprofessor
John Hennessy und zeigten ihm ein Programm, das sie geschrieben hatten – eine
Suchmaschine. Hennessy tippte 13 Buchstaben ein: Gerhard Casper, den Namen seines
Universitätspräsidenten. Dann geschah, was
sonst nie passiert. Yahoo und Altavista verwechselten den Namen stets mit Casper, dem
freundlichen Geist. Doch die neue Maschine
spuckte tatsächlich das richtige Ergebnis aus.
John Hennessy sitzt in seinem Büro und
lacht, als er die Geschichte erzählt. Mittlerweile ist er selbst Präsident von Stanford.
«Als ich das Resultat sah, wusste ich: Hier geschieht gerade etwas Grosses.» Es war die Geburtsstunde von Google.
Heute, 18 Jahre später, führen die beiden
Studenten eine der wertvollsten Marken des
Planeten. Und Stanford gehört nicht nur zu
den Top-3-Universitäten weltweit, sie ist zu
einer heimlichen Weltmacht geworden. Sie
produziert Spitzenkräfte am Fliessband. Ohne die Hochschule würde das Silicon Valley
nicht existieren, sie ist Talentschmiede, Innovationsantrieb und Gründungspate in einem.
US-Präsident Barack Obama nennt die Universität «das Herz des Silicon Valley».

Dutzende brechen ihr Studium ab

Studenten aus allen Kontinenten tummeln
sich auf dem riesigen Campus, selbst in den
Semesterferien. Nur sind die Gesichter dann
jünger. Aspiranten mit glänzenden Augen
hetzen über das Gelände, alle mit demselben
Traum: nach Stanford. Ein Start-up gründen.
Die Welt verändern.
Doch längst nicht alle sehen die Innovationskraft Stanfords als die Zukunft der Universitäten. Gelehrte wie Studenten kritisieren die Hochschule für ihren UnternehmerGeist. Am besten brachte es der «New Yorker» 2013 auf den Punkt: «Ist Stanford noch
eine Universität?», fragte das Magazin, weil

jährlich Dutzende Studenten ihr Studium abbrechen, um für ein Hightech-Start-up zu
arbeiten. Der «Alles ist möglich wir verändern die Welt»-Geist steht oft konträr zum
wichtigen, aber im Vergleich langweiligen
Hochschulabschluss.
John Etchemendy, Rektor von Stanford,
weiss um das Dilemma. Er ist das Gegenteil
von Präsident Hennessy. Der Rektor ist ruhig,
spricht leise und ringt manchmal um die
richtigen Worte. «Ich empfehle eigentlich allen Studenten, die mich um Rat fragen, ihren
Abschluss zu machen», sagt er. Die eine, grosse Idee, die Googles und Facebooks dieser
Welt, seien absolute Ausnahmen, mache er
seinen Studenten klar. Den Träumen im Weg
stehen will er aber nicht.
Nicht nur der ungeheure Unternehmerdrang der Studenten unterscheidet Stanford
von den Schweizer Universitäten. Private
Geldgeber heben die Universität auf Spitzenniveau. Proteste wie 2013 an der Universität
Zürich, als die UBS ein Forschungszentrum
mit 100 Millionen Franken sponserte, gibt es
hier nicht. Geisteswissenschafter Etchemendy kann die Kritik nachvollziehen, für falsch
hält er solche Gelder aber nicht. Wie könnte
er auch? Stanford stellt in Sachen Drittmittel
alles in den Schatten. Mit Spenden-Marathons wie «The Stanford Challenge» holt sich
die Universität Rekordsummen. Die über fünf
Jahre angelegte Aktion spülte 6,2 Milliarden
Dollar in die Kasse – Summen, von denen

Zwei Spitzenunis im Vergleich
Stanford ETH
Zürich
Gründungsjahr

1891

1855

Trägerschaft

Privat

Bund

Studenten

15 700

19 200

Professoren

1930

500

Mitarbeiter

12 600

9000

Betreuungsverhältnis 1 zu 1,08

1 zu 2

Studiengebühren
pro Jahr

40 000

1200

Jahresetat

5,5 Mrd

1,7 Mrd

Nobelpreisträger

30

21

Ranking weltweit

3

9

«Vielleicht
kommt das
nächste grosse Ding aus
der Schweiz.»
PATRICK AEBISCHER
PRÄSIDENT DER ETH
LAUSANNE (EPFL)

Schweizer Universitäten nicht mal zu träumen wagen.
Für Patrick Aebischer, Präsident der ETH
Lausanne (EPFL) und erfolgreichster Sponsorenjäger der Schweiz, ist Stanford ein Vorbild. «Sie haben Google, und sie haben Nobelpreisträger», sagt er. Präsident Hennessy
erhielt gar einen Ehrendoktor der EPFL. Der
Universität gelinge es, herausragende Basisforschung und erfolgreiche Spin-offs zu kombinieren, sagt Aebischer.
Die Bewunderung ist gegenseitig. Stanford-Rektor Etchemendy hebt die ETH Zürich und die EPFL hervor. Ihm imponiert,
dass vom Bund finanzierte Universitäten in
den weltweiten Rankings Topplätze besetzen, allen voran die ETH Zürich, die es in die
Top 10 schafft.

Zu Beginn keine Fächerwahl

Kritik äussert Etchemendy hingegen am Bachelor-System, wo es vielen Studenten nur
noch darum gehe, möglichst schnell möglichst viele Punkte zu sammeln. «Studierende
sollten die Zeit haben zu reflektieren und
herauszufinden, worin sie wirklich gut sind»,
sagt er. In Stanford beginnt ein Student typischerweise mit einem Grundstudium, das
ihm noch keine Fächerwahl abverlangt. Das
kommt erst nach zwei Jahren. Ein Modell, an
dem sich auch die Schweiz orientieren will.
Die Universitäten planen unter dem Begriff
«Bologna 2020», die erste Phase des Studiums – den Bachelor – neu auszurichten. Künftig sollen Studenten nach dem Bachelor als
Grundstudium mehrere Master zur Auswahl
haben, nicht nur ein paar wenige. «Bevor sie
nicht ein Jahr auf dem Campus und in den
Vorlesungen verbracht haben, wissen junge
Studierende doch gar nicht, was ihnen wirklich zusagt», sagt Etchemendy.
Doch könnte die Schweiz überhaupt mit
dem Silicon Valley konkurrieren? «Den reinen
IT-Kampf haben wir verloren», sagt Aebischer.
In einem Bereich habe die Schweiz aber einen
grossen Vorteil: in der Gesundheit. «Mit Novartis, Roche und Nestlé stehen globale Player
vor der Haustür, das nötige Ökosystem ist also
vorhanden.» Aebischer träumt von einem
Health Valley in der Schweiz. Unmöglich sei
das nicht. «Die wahre Kraft des Silicon Valley
liegt darin, dass alle an Wachstum und an den
Erfolg glauben», sagt Aebischer. «Wenn wir
das auch tun, kommt das nächste grosse Ding
vielleicht aus der Schweiz.»

GLASGOW In Schottland beginnt
sich eine neue Unabhängigkeitsbewegung zu formieren. Gestern demonstrierten in der Innenstadt von
Glasgow bis zu 4000 Personen und
schwenkten die schottische Nationalflagge. Sie verlangen laut «BBC
News» ein neues Referendum über
die Unabhängigkeit von Grossbritannien. Die Schotten hatten sich 2014
für den Verbleib im Vereinigten Königreich ausgesprochen. Doch bei
der Brexit-Abstimmung vom 23. Juni
dieses Jahres stimmten 62 Prozent
der schottischen Wähler für den
Verbleib in der EU. Deshalb hält
auch die schottische Regierung eine
weitere Abstimmung für nötig. (FB)

16 Tote nach Absturz
von Heissluftballon
LOCKHART Ein Heissluftballon mit
16 Personen an Bord ist gestern im
Flug in der Nähe von Lockhart in Texas (USA) in Flammen aufgegangen
und in der Folge abgestürzt. Wie
«NBC News» unter Berufung auf die
lokalen Behörden schreibt, sind
nach ersten Erkenntnissen alle Passagiere zu Tode gekommen. Warum
des Flugobjekt Feuer fing, ist noch
nicht bekannt. Lockhart liegt in Zentral-Texas, rund 50 Kilometer südlich der Stadt Austin. (FB)

Gewinnzahlen
Schweizer Zahlenlotto vom
30.7.2016
7 8 11
13 16 39
Glückszahl
4
Replay
9
Die Gewinne
6+
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6 à CHF
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4+
290 à CHF
4
1 650 à CHF
3+
5 739 à CHF
3
30 676 à CHF

0.00
0.00
16 779.05
1 000.00
199.85
87.70
25.50
9.50

Jackpot 6,4 Mio. Franken

Joker
2 3 2
7
6
1 à CHF
5
1 à CHF
4
9 à CHF
3
109 à CHF
2
1 243 à CHF

2

9
177 329.00
10 000.00
1 000.00
100.00
10.00

Euro Millions vom 29.7.2016
1 21 26 40 50
2/4 Sterne

8 nachrichten

25

Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Das neue Leben
in der Uber-City
In San Francisco hat der App-Fahrdienst eine
andere Ausgangslage als in der Schweiz.

Im Alltag von San Francisco zählt Uber zu den wichtigsten Verkehrsmitteln.

VON ANDREAS MAURER

In San Francisco gibt es ein Zeitalter
vor und nach Uber. Eine vierzigjährige
Geschäftsfrau aus dem Westen der
Stadt erzählt, wie es früher war. Für Taxifahrer sei eine Leerfahrt an den
Stadtrand zu wenig lukrativ gewesen.
«Sogar wenn ich ein Flughafentaxi Tage
im Voraus reserviert hatte, kam es vor,
dass es nie vorfuhr.» Manche Taxifahrer kehrten auf dem Hinweg um, wenn
ihnen am Strassenrand ein anderer
Kunde zuwinkte. Der öffentliche Verkehr komme für eine Fahrt ins Stadtzentrum nicht infrage. Die Busse verkehren unzuverlässig. Manche haben
nicht einmal einen Fahrplan.
«Uber ist das Beste, was San Francisco passieren konnte», sagt die Frau.
Der günstigere Preis spielt für sie keine
INSERAT

Rolle. Sie bestellt täglich via App ein
Auto des Fahrdienstes, weil der Service
besser ist. Ein Uber-Fahrer kann sich
keine schlechte Laune leisten. Sonst
verpassen ihm die Kunden mit einem
Klick eine schlechte Bewertung.

Der Untergang des Taxikartells

Die Taxifahrer von San Francisco konnten mit ihrem schlechten Ruf gut leben.
Die Stadt sorgte mit hohen Gebühren
und einer Limitierung der Lizenzen für
ein Unterangebot. Für Chauffeure, die
eine Taxilizenz ergattern konnten,
herrschten paradiesische Zustände. Ein
Taxifahrer berichtet: «Früher fuhr ich
durch die Strassen von San Francisco,
und überall winkten mir die Leute zu
und riefen ‹Taxi!›.» Heute steht er am
Strassenrand neben seinem leeren Wagen und ruft den Leuten «Taxi!» zu. Um

auf den gleichen Lohn wie früher zu
kommen, arbeite er zwölf statt sieben
Stunden pro Tag. Um am Flughafen einen Kunden zu finden, warte er drei
Stunden statt dreissig Minuten.
Disruption, das Zauberwort des Silicon Valley, bedeutet für Uber: Die neue
Technologie hat die Mobilität in San
Francisco revolutioniert, weil sie viel
besser ist als das bestehende Angebot
und einiges günstiger. Wie andere
Techfirmen hat Uber den Lebensalltag
in San Francisco verändert. Im Unterschied zu Google oder Facebook ist
Uber weltweit aber nicht nur virtuell,
sondern auch physisch präsent.
In San Francisco ist Uber mehr als eine Alternative zu Taxis. Der Taximarkt
der Stadt wurde bei der Gründung von
Uber vor sieben Jahren auf 140 Millionen Dollar geschätzt. Uber soll mittler-

weile das Fünffache erreicht haben. Die
Hälfte aller Uber-Fahrten in San Francisco wird über den neusten UberDienst «Carpool» abgewickelt. Die Fahrzeuge werden mit mehreren Kunden
gefüllt, die leichte Umwege in Kauf nehmen. Auch Pendler werden zu Chauffeuren: Sie nehmen auf dem Arbeitsweg Uber-Kunden mit. So verdienen sie
Geld und können die für Carpools reservierte Spur auf der Autobahn benützen. Das Angebot soll auch in der
Schweiz lanciert werden.

Das nächste Uber-Zeitalter

Der Markt hat in San Francisco ein
Staatsversagen gelöst. In Zürich oder
Basel wächst Uber nicht nur wegen juristischer Probleme langsamer als in
San Francisco. In der Schweiz ist das
Potenzial kleiner, weil die Konkurrenz

Keystone/Montage MTA

besser ist. Der öV funktioniert, und die
Taxis kommen zur vereinbarten Zeit.
Spätestens mit den nächsten Entwicklungsschritten wird Uber auch den Alltag in der Schweiz stärker prägen. Paris
und London sind die ersten europäischen Städte, in denen Uber auch Essenslieferungen
anbietet.
Weitere
Transportangebote von Blumen bis zu
Paketen sind in Vorbereitung.
In der Uber-Zentrale in San Francisco
werden noch viel grössere Pläne geschmiedet. Sobald selbstfahrende Autos im Verkehr sind, will Uber in diesen
Markt einsteigen. Privatpersonen und
Firmen sollen selbstfahrende Autos für
Uber als rollende Geldmaschinen
durch die Städte kurven lassen. Im Silicon Valley ist man optimistisch: Schon
in fünf Jahren soll der Schritt in das
nächste Uber-Zeitalter erfolgen.

25 Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

ausland

Ausgegrenzt in der
«linksten Stadt der Welt»

9

DRUCK AUF MERKEL WEGEN TERROR

Schaffenskrise
einer Kanzlerin

San Franciscos Republikaner fürchten die Ächtung. Und das Silicon Valley fürchtet Trump.

Im politischen Berlin wurden diese
Woche so einige Wetten abgeschlossen. Wie lange würde es wohl dauern, bis die deutsche Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela
Merkel wieder Druck von der kleinen Schwesterpartei CSU bekommt?
Nach 24 Stunden war es so weit.
«Mich persönlich hat das nicht überzeugt», verkündete Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) und
fügte gleich noch hinzu, dass sich
seine Meinung «ziemlich» mit der
des bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs Horst Seehofer
decke.
Mit «das» meinte Söder den grossen Auftritt der Kanzlerin in Berlin.
Jedes Jahr in den Sommermonaten
stellt sie sich einmal ausführlich der
Presse. Eigentlich war der diesjährige Termin Ende August angesetzt.
Doch dann passierten die ersten islamistischen Anschläge in Deutschland: In Würzburg attackierte ein 17Jähriger aus Afghanistan oder Pakistan Passagiere in einem Zug, in Ansbach (Bayern) verletzte ein Syrer bei
einem Selbstmordattentat 15 Menschen. Beide waren als Flüchtlinge
nach Deutschland gekommen. Ein
paar Tage später unterbrach Merkel
ihren Urlaub in Brandenburg und
gab früher als geplant in Berlin ihre
grosse Pressekonferenz.
Und da kam auch jene Frage, die
zu erwarten gewesen war, weil sie
das ausdrückt, was viele Menschen
in Deutschland nun denken. «Was

«Das war ein
fundamentaler Fehler.»
BAYERNS FINANZMINISTER MARKUS SÖDER
(CSU) ÜBER MERKELS FLÜCHTLINGSPOLITIK

Republikaner Donald Trump: Keine Chance in San Francisco.

Key

Demokratin Hillary Clinton: Viele sehen in ihr ein Übel – aber ein kleineres.

VON OTHMAR VON MATT

Er stellt die US-Fahne mitten in den
Raum. Dann fordert Jason P. Clark, der
Vorsitzende der Republikaner San
Franciscos, zum Treuegelöbnis gegenüber der US-Fahne auf. 17 Männer erheben sich, legen ihre rechte Hand aufs
Herz: «Ich schwöre Treue auf die Fahne
der Vereinigten Staaten von Amerika
und die Republik, für die sie steht, eine
Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.»
Unteilbar? Mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden? So unverbrüchlich
wie einst scheint das nicht mehr zu
sein im Amerika von heute. Die ungewöhnliche Runde, die sich in einem
Hinterzimmer der «Sausage Factory» in
der Castro Street versammelt hat, wirkt
ein wenig wie eine klandestine Tagung.
Es sind lauter homosexuelle Republikaner aus San Francisco, die sich für ihr
monatliches Log Cabin Meeting treffen.
Es nennt sich so in Erinnerung an Abraham Lincoln, den ersten republikanischen US-Präsidenten der Geschichte.
Er war in einer Log Cabin, einer Blockhütte, zur Welt gekommen.
Der konspirative Charakter ist kein
Zufall. Republikaner, vor allem Wähler
von Donald Trump, müssen ihre Gesinnung im San Francisco von heute verheimlichen. Ein Outing hätte unabsehbare gesellschaftliche und berufliche
Folgen. Die Republikaner fürchten ihre
Ächtung.
Politisch sind die Republikaner hier
seit Jahrzehnten marginalisiert. Bei den
Präsidentschaftswahlen von 2012 kamen sie auf nur 47 076 Stimmen oder
13 Prozent Wähleranteil. Das ist nichts
gegen die 301 723 Stimmen oder 83,4
Prozent Anteil der Demokraten.
Sechsmal konnten die Republikaner
seit 1904 die Präsidentschaftswahlen in
San Francisco gewinnen, letztmals vor
60 Jahren. Und 1964, kurz vor der
68er-Bewegung, stellten sie den letzten
Stadtpräsidenten. Inzwischen sind sie
in die Bedeutungslosigkeit abgesunken.
«San Francisco ist die linkste Stadt der

Die Republikaner von San Francisco in der «Sausage Factory».
Welt», sagt Fred Schein, 73. Er war bis
vor kurzem Präsident der Log Cabin
San Francisco. Es ist die lokale Gruppe,
welche die grösste republikanische Organisation für die Rechte von Lesben,
Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) begründet hat. «Ich kenne
keine linkere Stadt und kein linkeres
Land auf der Welt. Schweden, Dänemark und Norwegen sind konservativer
als San Francisco.»

«Volksrepublik San Francisco»

Ähnlich sieht das Gene Epstein, 41, Senior Marketing Manager im Silicon Valley, der in San Francisco wohnt. «Meine Freunde sprechen nur noch von der
‹Volksrepublik San Francisco›», sagt er.
«Weil es hier nur noch eine Partei gibt,
die Demokraten. Das ist wie einst in
der DDR.» Epstein muss es wissen. Er
wuchs in der Sowjetunion auf, wanderte in die USA aus und verenglischte dafür seinen Namen.
Inzwischen hat er nicht nur den Namen an die örtlichen Verhältnisse angepasst. Er gibt sich auch politisch höchst
zurückhaltend. Er hütet sich davor,
sich in San Francisco als Republikaner
zu outen. Das sei zu heikel, es drohe

ATT

ihm Ausgrenzung. «Dass ich homosexuell bin, kann ich an der Arbeit offen deklarieren», sagt er. «Dass ich Republikaner bin, würde ich hingegen nie eingestehen.» Selbst Bekannte wissen davon
nichts. «Ich weihe nur langjährige
Freunde ein.» Er sei zu «100 Prozent»
einverstanden damit, was die Transgender-Aktivistin Caitlyn Jenner während des Konvents der Republikaner
vor eineinhalb Wochen gesagt hatte:
«Es ist viel einfacher, ein Coming-out
als Transgender zu machen denn als
Republikaner.» Jenner war Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele
von 1976 im Zehnkampf. 2015 outete
sie sich als Transfrau.
Epstein ist nicht der einzige Republikaner aus San Francisco, der seine politische Gesinnung aus Angst vor Repressionen verheimlicht. Viele gehen genauso vor. Wie der renommierte Wirtschaftsjournalist Ralph* aus San Francisco. Er will anonym bleiben. Ralph
bezeichnet sich selbst als «liberalen Republikaner». Im Gegensatz zu Epstein
ist für ihn klar, dass er Trump wählt. Er
glaubt an dessen Verhandlungsfähigkeiten. Im Büro spreche er aber nicht über
seine politische Gesinnung, sagt er.

Key

Und schon gar nicht, dass er Trump
wählen möchte. «Das käme nicht gut
an in einer Stadt wie San Francisco.»
Für Gene Epstein zeigt das, dass die Polarisierung ein ungesundes Mass angenommen hat. Er gibt den Medien die
Schuld am Hassklima. «Sie stellen uns
Republikaner seit Jahrzehnten als Rassisten und Fremdenfeinde dar», sagt er.
Sie zeichneten mit System das Bild der
«bösen Partei der Reichen».
In San Francisco, vor allem im Silicon Valley, wächst die Sorge über einen
allfälligen US-Präsidenten Trump. Umso mehr, als diese Woche eine CNNWählerumfrage Trump erstmals vor
Hillary Clinton sah. Die Voten über
Trump fallen nicht sehr wohlwollend
aus. Der hohe Manager eines Tech-Konzerns sagt lakonisch: «Donald Trump?
Ich weiss nicht, wie man den Namen
schreibt.» Und ein Stanford-Professor
hält fest: «Donald Trump wäre eine Katastrophe. Eine Katastrophe für die
ganze Welt.» Im Silicon Valley nennt
man Trump inzwischen in einem Atemzug wie den Brexit in Grossbritannien.
Man hört den Vergleich mit Boris Johnson. Und sogar mit Marine Le Pen.
145 Manager aus dem Silicon Valley
sprachen sich in einem offenen Brief
gegen Trump aus. Er stehe für «Zorn,
Fanatismus und Angst vor neuen Ideen
und Leuten und die grundsätzliche
Idee, dass die USA schwach und auf
dem absteigenden Ast» seien.
Ganz anders sieht das eine andere
Grösse des Silicon Valley. Paypal-Gründer und Facebook-Verwaltungsrat Peter
Thiel unterstützt Trump. Er war es,
dem es als erstem Redner an einem republikanischen Parteitag überhaupt
vorbehalten war, offen über seine Homosexualität zu reden. «Ich bin stolz,
schwul zu sein. Ich bin stolz, Republikaner zu sein», rief Thiel ins Rund –
und erntete Standing Ovations.
Thiel war für die gebeutelten Republikaner von San Francisco ein kleiner
Lichtblick in eher düsteren Zeiten.
* Name der Redaktion bekannt

sagen Sie», fragte eine niederländische Journalistin Merkel, «wenn Ihnen jemand auf der Strasse vorwirft,
die Willkommenskultur sei an den
Anschlägen von Würzburg und Ansbach schuld?» Merkels Antwort war
knapp: «Das Verweigern der Humanität» hätte womöglich noch gravierendere Folgen gehabt.
Sie sprach auch erneut jenen Satz,
den sie schon vor einem Jahr gesagt
hatte und der in die Geschichtsbücher eingegangen ist: «Wir schaffen
das.» Doch die Zweifel daran werden immer lauter. Merkels Willkommenskultur, die mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland
brachte, stand bereits zu Jahresanfang auf dem Prüfstand. Viele, die
den Kurs der Kanzlerin zunächst
mitgetragen hatten, waren von den
sexuellen Übergriffen auf Frauen
durch Flüchtlinge in der Silvesternacht in Köln so schockiert, dass sie
sich von Merkel abwandten. Doch
Merkel konnte dem Sturm trotzen,
weil die Zahl der Neuankommenden
durch die Schliessung der Balkanroute rapide zu sinken begann. Nun
aber geht es um eine neue Dimension der Angriffe und der Druck auf
Merkel wächst täglich.
Es sei ein «fundamentaler Fehler»
gewesen, die Flüchtlinge zum Teil
unkontrolliert ins Land gelassen zu
haben, kritisiert Söder. Natürlich
werde man Menschen in Not weiterhin helfen. «Aber bei dem Thema ist
Blauäugigkeit wirklich das falsche
Konzept, sondern der erste Ansatz
heisst Sicherheit.» Nicht nur die Alternative für Deutschland (AfD), sondern auch Rechtspopulisten aus
ganz Europa wie Geert Wilders (Niederlande) und Heinz-Christian Strache (Österreich) fallen über Merkel
her. Auch in CDU-Kreisen ist man
höchst alarmiert, gleichzeitig aber
hilflos. Und so hegt man zwischen
Kanzleramt, Bundestag und Parteizentralen nicht nur einen menschlichen, sondern auch einen politischen Wunsch: Dass in Deutschland
nicht auch noch ein wirklich grosser
islamistischer
Terrorangriff
geschieht, so wie in Paris oder Nizza,
wo es Dutzende Tote gegeben hat.
BIRGIT BAUMANN, BERLIN

10 nachrichten

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Letzte Meldungen

Ex-Botschafter wegen
Nötigung angeklagt
BERN Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat beim EJPD die Eröffnung
einer Untersuchung gegen Jacques
Pitteloud beantragt. Dem ehemaligen Schweizer Botschafter in Kenia
wird versuchte Nötigung vorgeworfen, wie «Le Temps» schreibt. Zwei
kenianische Geschäftsleute hatten
im Mai letzten Jahres Klage gegen
Pitteloud wegen versuchter Erpressung, Amtsmissbrauch und Verletzung des Amtsgeheimnisses eingereicht. Die beiden stehen in der
Schweiz und in Kenia ihrerseits unter Anklage wegen Geldwäscherei.
Der Schweizer Diplomat soll von ihnen 50 Millionen Franken Schmiergeld verlangt haben, um die Einstellung ihrer Verfahren in der Schweiz
zu erwirken. (FB)

Streit um Zugang zu
Konten beim ACS

Synagoge in Zürich: Trotz gestiegener Sicherheitskosten der jüdischen Gemeinden lassen sich die Behörden Zeit mit echter Hilfe.

Keystone/Alessandro Della Bella

Schwarzpeterspiel um die
Sicherheit für Schweizer Juden
Jüdische Gemeinden sind besonders terrorgefährdet. Doch konkrete Massnahmen fehlen.
VON CHRISTOPH BERNET

Sicherheitsfragen rücken wegen der
sich häufenden Terroranschläge in
Europa zuoberst auf die Prioritätenliste
der Politik. Immer wieder stehen jüdische Ziele im Fokus der dschihadistischen Attentäter. So etwa beim Angriff
auf das jüdische Museum in Brüssel
2014 und einen koscheren Supermarkt
in Paris im Januar 2015. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) schreibt in
seiner aktuellen Analyse, dass es zwar
weiterhin keine konkreten Hinweise
auf eine direkte Bedrohung der
Schweiz gebe. Die Bedrohungslage für
die Schweiz sei aber erhöht, und die
Möglichkeit eines Anschlags könne
nicht ausgeschlossen werden: «Jüdische Interessen auf Schweizer Territorium sind besonders bedroht.»
Im Dezember vergangenen Jahres
kündigte der damalige Verteidigungsminister Ueli Maurer eine Arbeitsgrup-

pe an, die aufzeigen sollte, wie der
Schutz jüdischer Einrichtungen konkret verbessert werden könnte. Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen,
dass in dieser Hinsicht seither wenig
passiert ist – das Thema wird wie eine
heisse Kartoffel zwischen den föderalen Ebenen hin- und hergereicht. Derweil sind die Sicherheitskosten für die
jüdischen Gemeinden in den letzten
Jahren kontinuierlich gestiegen.

«Wichtigkeit des Austausches»

Das Fedpol, das auf Bundesebene die
Federführung beim Thema übernommen hat, verweist darauf, dass für die
Wahrung der öffentlichen Sicherheit
und den Schutz von privaten Einrichtungen – rechtlich gesehen sind jüdische Gemeinden private Vereine – die
Kantone auf ihrem Gebiet souverän seien. Bei der Konferenz der kantonalen
Polizeikommandanten (KKPKS) heisst
es lediglich, dass der Schutz jüdischer

Einrichtungen vor dem Hintergrund
der Ereignisse in Nachbarländern thematisiert worden sei. Dabei sei insbesondere die Wichtigkeit des Austausches zwischen den Behörden und Institutionen festgehalten worden.

Nachholbedarf in der Schweiz

Konkrete Ergebnisse von Ueli Maurers
Ankündigung sind keine auszumachen.
Das Fedpol verweist auf mehrere Treffen zwischen den Sicherheitsbehörden
von Bund und Kantonen und Vertretern der jüdischen Organisationen. An
diesen Treffen habe das Fedpol die verfassungsrechtlichen Zuständigkeiten im
Sicherheitsbereich und die eigenen
Handlungsmöglichkeiten dargelegt.
«Die jüdische Gemeinschaft hätte
sich kreativere Lösungsvorschläge von
Behördenseite gewünscht», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des
Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Teilnehmer an besag-

tem Treffen. Der SIG begrüsse die Einladung zu einem Erfahrungsaustausch.
Man stehe am Anfang eines Prozesses,
bei dem es um komplexe Fragen gehe,
die noch nicht alle geklärt seien. Der
Bund anerkenne zwar das Sicherheitsbedürfnis der jüdischen Gemeinden.
Doch im Vergleich zum europäischen
Ausland täten die hiesigen Behörden
weniger. Nach wie vor gelte: «Wir fordern mehr Unterstützung von staatlicher Seite.»
FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger wünscht sich eine grundsätzliche
Analyse der derzeitigen Situation. Diese
müssten die betroffenen Kantone zusammen mit den jüdischen Gemeinden
angehen, unter Einbezug von Fedpol
und KKPKS: «Dabei muss auch eine finanzielle Beteiligung an den Sicherheitsmassnahmen der jüdischen Gemeinden geprüft werden.» Hier sei
auch ein finanzielles Engagement des
Bundes denkbar.

Kantone sollen Laubers Job machen
Ex-Bundesanwalt Beyeler
möchte das Bundesstrafgericht streichen. BehringAnwalt Walder auch noch
die Bundesanwaltschaft.
VON HENRY HABEGGER

Der Prozess im Juni gegen Financier
Dieter Behring vor Bundesstrafgericht
brachte Bundesanwalt Michael Lauber
in die Bredouille: Als Zeuge soll er
falsch ausgesagt haben. Die Behring-Anwälte haben ihn angezeigt. Sie haben
auch den vorsitzenden Richter Daniel
Kipfer Fasciati im Visier: angebliche
Parteinahme zugunsten von Lauber.
Dessen brisante Aussage war zunächst
im Gerichtsprotokoll nicht erschienen.
Verbrüderung zwischen Bundesanwaltschaft (BA) und Bundesstrafgericht? Auch andere Quellen sprechen
davon, und von Vorabsprachen – und
zwar nicht nur im Fall Behring. Daniel
Kipfer, derzeit Präsident des Bundes-

strafgerichts, äussert sich nicht zum
Fall Behring, sagt aber generell: «Was
die Rechtsprechung betrifft, gibt es keine Nähe zur Bundesanwaltschaft oder
zu anderen Behörden. Vorabsprachen
über Einzelfälle sind in jeder Hinsicht
tabu.» Die BA sagt, sie nehme ihren
Auftrag «basierend auf den gesetzlichen Grundlagen wahr».
Losgelöst vom Kungelei-Vorwurf
sieht der ehemalige Bundesanwalt Erwin Beyeler Qualitätsprobleme beim
Bundesstrafgericht in Bellinzona. Er
sagt: «Für die Beibehaltung des Bundesstrafgerichts gibt es eigentlich keine
zwingende Notwendigkeit.» Die Anzahl
der Fälle beim Gericht sei recht klein:
«Die Beurteilung könnte gut durch
kantonale Gerichte in den grossen
Kantonen übernommen werden, für
die umfangreiche Verfahren ebenfalls
nichts Ungewöhnliches sind. Die Folge
wären schnellere Urteile, mehr Qualität, mehr Professionalität.» Laut Beyeler haben die Richter an den kantonalen Obergerichten mehr Erfahrung als
jene in Bellinzona.

Laubers Vorgänger schlägt vor: An
Stelle des Bundesstrafgerichts könnten
die Gerichte jener Kantone treten, wo
die BA heute Zweigniederlassungen
habe: Bern, Lausanne, Lugano und
Zürich. «Heute schon sind diese vier
Kantone zuständig für die Bewilligung
von Zwangsmassnahmen wie Untersuchungshaft, Beschlagnahmungen sowie
für den Strafvollzug.» Der Bund, so Beyeler, müsste die Kantone zwar zusätzlich entschädigen. «Insgesamt würde er
aber sicher sogar noch Geld sparen.»
Daniel Walder, einer der Anwälte von
Behring, will noch einen Schritt weiter
gehen: «Auch die Bundesanwaltschaft
sollte abgeschafft werden, das wäre der
logische zusätzliche Schritt. Ihre Aufgaben können neu zu schaffende Sonderstaatsanwaltschaften für Bundesdelikte
in Bern, Lausanne, Lugano und Zürich
übernehmen.» Er sieht bei der BA, aber
auch beim Gericht, dort namentlich bei
der Beschwerdekammer, «teils gravierende Qualitäts- und Kompetenzprobleme». Ein Grund: «Die Bundesanwaltschaft hat heute eine Art Monopol, was

ihre teils ungenügenden Leistungen erklärt. Sie ist zudem einziger Lieferant
von Fällen für das Bundesstrafgericht,
was beide träge macht und eine Verbrüderungstendenz ergibt. Wenn mehrere Sonderstaatsanwaltschaften an ihre Stelle treten, sorgt das für mehr
Wettbewerb und Qualität sowohl bei
Anklage als auch bei Gericht.» Der Zürcher Rechtsanwalt ist überzeugt, dass
der Rechtsstaat so gestärkt würde.
Kipfer hingegen ist der Ansicht, dass
sich das Bundesstrafgericht etabliert
habe. Was nicht heisse, dass nicht Verbesserungen nötig seien. «Darum treten wir seit geraumer Zeit für die Schaffung einer Berufungskammer ein, die
der Gesetzgeber den Kantonen vorgeschrieben, für den Bundesstrafprozess
bisher aber nicht vorgesehen hat. Der
Bundesrat hat dazu jetzt einen Gesetzesvorschlag vorgelegt, was ich sehr
begrüsse», sagt Kipfer. «Damit könnte
künftig bei allen Straffällen nicht nur
die Rechtsanwendung, sondern ebenso
der Sachverhalt von einer zweiten Instanz überprüft werden.»

BERN Der Grabenkampf im Automobil Club der Schweiz (ACS) spitzt
sich zu. Der Berner FDP-Nationalrat
Christian Wasserfallen bewirkte eine
Sperrung der Konti des ACS, wie der
«Blick» schrieb. Der kürzlich gewählte ACS-Präsident will damit verhindern, dass die bisherige Führung
des Clubs unbefugterweise Zahlungen ausführe, etwa für Anwaltskosten oder Spesen. Der vormalige Präsident, Mathias Ammann, der Wasserfallens Wahl nicht anerkannte,
zeigte sich entsetzt über dessen Vorgehen. Er hat angekündigt, juristisch
gegen die Sperrung der Konti vorzugehen. (FB)

Terror-Komplize in
Genf festgenommen
GENF Ein 17-Jähriger, der mit einem
der zwei Attentäter von Rouen befreundet gewesen sein soll, ist in
Genf verhaftet worden. Dies bestätigte gestern die Genfer Staatsanwaltschaft. Der junge Mann hatte
2015 versucht, von Genf nach Syrien
zu reisen, gemeinsam mit Adel Kermiche, der am Dienstag einem 86jährigen Priester die Kehle durchgeschnitten hatte. Der Verhaftete wird
von der französischen Staatsanwaltschaft wegen der Mitgliedschaft in
einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Er wurde von den Genfer
Behörden verhört und, mit einer
zweiten verhafteten Person, nach
Frankreich ausgeliefert. (FB)

Lange Staus auf beiden
Seiten des Gotthards
GÖSCHENEN Das verlängerte Ferienwochenende hat beidseits des Gotthardtunnels zu langen Staus geführt.
In Fahrtrichtung Süden stauten sich
die Kolonnen bereits in der Nacht
auf Samstag. Am Morgen betrug die
Wartezeit rund zwei Stunden, die
Kolonne war bis zu 14 Kilometer
lang, wie der TCS mitteilte. Im Lauf
des Nachmittags löste sich der Stau
vor dem Nordportal bis auf rund
2 Kilometer auf. Dafür stauten sich
die Fahrzeuge auf der Südseite auf
10 bis 12 Kilometern. Um bis zu drei
Stunden mussten die Reisenden
warten. Der TCS empfahl den Autofahrern, auf die San-BernardinoRoute auszuweichen. Dort gab es allerdings ebenfalls Stau. (FB)

Tödlicher Unfall in der
Motorrad-Fahrschule
LA SONNAZ Ein Motorradfahrer ist
gestern im Kanton Freiburg während eines Fahrkurses tödlich verunglückt. Wie die Freiburger Kantonspolizei mitteilte, verlor der 28-Jährige bei einer Notbrems-Übung die
Kontrolle über sein Motorrad und
prallte in eine Hauswand. Die Polizei
vermutet, dass er die Leistung seines Fahrzeugs unterschätzt und allzu stark beschleunigt hat. Die Kursteilnehmer leisteten ihrem Kollegen
erste Hilfe, doch ein Arzt konnte nur
noch seinen Tod feststellen. (FB)

morgen

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

leben & wissen

DER PATE DES SILICON VALLEY

John Hennessy ist
Präsident der EliteUniversität Stanford.
Seiten 16/17

Das Internet wird begehbar
Das Silicon Valley ist im Bann einer neuen Technologie.
Wie die virtuelle Realität unsere Welt verändern wird.
VON RAFFAEL SCHUPPISSER

Illustration: Viktor Koen

25

Jah re Int ernet

G

rosses entsteht oft in
der Garage. Steve Jobs
hat den Apple-Computer in der Garage entwickelt, Bill Gates das
Betriebssystem Microsoft und Larry Page
zusammen mit Sergey Brin die Suchmaschine Google. Die wohl letzte
grosse Garagen-Erfindung stammt
von Palmer Luckey. 2011 hat der damals 19-Jährige in der Garage seiner
Eltern in Los Angeles die Cyberbrille
Oculus Rift entwickelt. Setzt man sie
auf, hat man das Gefühl, man stehe
mitten in einer andern Welt, in einer
virtuellen Realität.
All diese Erfinder haben eins gemeinsam: Sie haben nicht nur in der
Garage eine Firma gegründet. Sie haben eine ganze Industrie begründet.
Mark Zuckerberg – der Facebook
übrigens nicht in der Garage, sondern

im Schlafzimmer lanciert hat – meinte
unlängst: «Die virtuelle Realität ist die
nächste Plattform.» Nachdem das
Smartphone den Bildschirm auf Hosentaschenformat geschrumpft hat,
ist er nun dank Virtual Reality (VR)
grenzenlos gewachsen: Zum ersten
Mal starren wir nicht mehr auf eine
rechteckige Fläche, sondern sind Teil
einer digitalen Welt.
Vor zwei Jahren hat Facebook Palmer Luckys Firma Oculus für 2 Milliarden Dollar gekauft. Kein schlechter Deal, bedenkt man, dass nun alle
grossen Technikfirmen mit Hochdruck an eigenen Brillen arbeiten.
Und unzählige Start-ups VR-Applikationen entwickeln. «Wer eine Idee hat,
der findet schnell Risikokapital. Das
geht im Moment fast zu einfach», sagt
Toni Schneider. Der Schweizer Investor lebt seit knapp 30 Jahren im Silicon Valley. Seinen ersten Job fand er

in den 90er-Jahren bei einer VR-Firma
– damals war die Technik aber noch
nicht weit genug, und das Projekt
wurde wieder eingestellt.
Das ist nun anders. Es gibt bereits
zahlreiche Apps für die Brillen Oculus
Rift und HTC Vive. Viele davon sind
Games. Doch dabei wird es nicht bleiben. «Ich bin überzeugt, dass soziale
VR-Anwendungen sehr erfolgreich
werden», sagt Schneider. Freunde,
die auf verschiedenen Kontinenten leben, würden sich in Zukunft in der
virtuellen Realität treffen und gemeinsam Zeit verbringen. Telefonkonferenzen würden nicht mehr über
Skype geführt, sondern in der virtuellen Realität abgehalten.
Ein Start-up, das die virtuelle Realität zu einem sozialen Ort macht, ist
Altspace VR aus dem Silicon Valley.

Fortsetzung auf Seite 12

INSERAT

11

25

12 morgen

Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Im Bett
mit einem
Pornostar
So real waren Pornos noch nie: Virtual Reality
läutet eine neue Sex-Ära ein. In San Francisco
trifft sich die Branche und plant die Zukunft.

So sieht man einen Erotik-Film über eine Virtual-Reality-Brille, hier bei einer Präsentation in Cannes.

VON SARAH SERAFINI
UND BENJAMIN WEINMANN

In San Francisco traf diese Woche die
Pornoindustrie auf die Tech-Branche.
Im über hundertjährigen, schlossähnlichen Gebäude von Kink, einer der
grössten Produktionsfirmen für Fetisch-Filme, spielt ein DJ elektronische
Musik. Der Gastgeber untermauert
mit der opulenten Dekoration – roter
Spannteppich, schwere Vorhänge und
protzige Möbel – die Goldgräber-Stimmung im Raum. In den letzten Jahren
litt die Pornobranche unter der Rezession und Websites wie Youporn und
Pornhub, die ihre Inhalte gratis zur
Verfügung stellten. Wurden in Spitzenjahren bis zu zehn Milliarden Dollar umgesetzt, so sind es jetzt laut
Branchenkennern halb so viel. Doch
nun scheint es wieder aufwärtszugehen. Die grosse Hoffnung ruht auf der
Virtual-Reality-Technologie (VR).
Da ist die Pornodarstellerin im kurzen, eng anliegenden Kleid auf hohen
Hacken. Daneben der schwule Filmproduzent, der den Gästen zuprostet.
Noch eher im Hintergrund hält sich

Fortsetzung von Seite 11
«Wir wollen das beste gemeinsame Erlebnis für VR ermöglichen, das es gibt», sagt
Bruce Wooden von Altspace VR. Die App
ist in einer ersten Version bereits für alle
VR-Brillen verfügbar. Altspace ist der Ort,
an dem sich die ersten VR-Enthusiasten
mit ihren Avataren treffen, sich über Mikrofon unterhalten und zusammen Spass
haben. Manchmal legt auch ein DJ auf,
oder es tritt ein Künstler auf. Als der amerikanische Komiker Reggie Watts in Altspace die virtuelle Bühne betrat, waren
über 1000 Avatare im Publikum.
Noch sind die Brillen klobig, teuer und
setzen einen leistungsstarken PC voraus.
Doch die Computertechnologie entwickelt
sich bekanntlich exponenziell. Man
braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die dritte oder vierte Generation der Brillen sowohl angenehm zu
tragen ist als auch ohne PC auskommt,
weil der Prozessor bereits integriert ist.
«Haben die VR-Brillen erst einmal den
Massenmarkt erobert, wird Altspace zu
einer stark bevölkerten Metropole werden», sagt Bruce Wooden, und seine dunklen Augen leuchten.
Zeit, mit Bruce Wooden nach Altspace
zu reisen.

Das zweite Second Life

In der Realität sieht der VR-Nerd mit seinen Rastalocken, der schwarzen Wollmütze und der randlosen Brille ein bisschen
wie ein intellektueller Rapper aus. In der
virtuellen Realität wird er von einem comicartigen Avatar mit etwas zu eckigem
Kopf verkörpert. Und dennoch: Seine

ein älterer Mann mit weissem Hemd
und bunter Krawatte. Er entwickelt
VR-Brillen und ist zum ersten Mal an
einem Event wie diesem. So unterschiedlich sie auch sind, sie alle sind
am selben Thema interessiert: Porno
trifft auf Virtual Reality. Was das
heisst, demonstriert Anna Lee, Präsidentin der kanadischen Holofilm Productions, an ihrem Stand.

Im Schlafzimmer dabei

Die VR-Brille ist schwer und drückt
auf die Nase. Auch, dass rundherum
fremde Menschen stehen, ist nicht gerade entspannend. Doch als der Film
anläuft, gerät das störende Umfeld in
den Hintergrund. Zwei Blondinen in
Spitzenunterwäsche sitzen auf einem
samtbezogenen Sofa und beginnen
sich auszuziehen und lächeln dem Betrachter lasziv ins Gesicht. Das sieht so
unmittelbar aus, dass es einem die
Schamesröte ins Gesicht treibt. Vor allem dann, wenn sich die Darstellerin
umdreht und ihren nackten Po in die
Kamera hält und der Zuschauer sich
nur wenige Millimeter davon entfernt
wähnt.

Stimme, die Art und Weise, wie er seinen
Kopf bewegt, mit den Händen gestikuliert,
ist unverkennbar.
Altspace besteht aus verschiedenen Räumen: Einer sieht aus wie aus einem Science-Fiction-Film, ein anderer ist einer mittelalterlichen Taverne nachempfunden.
Man kann hier zum Spass fechten und
Brettspiele spielen. In einem anderen Raum
befindet sich eine grosse Leinwand, auf der
man sich Youtube-Videos anschauen kann.
Und ein weiterer Raum sieht aus wie ein
Museum. An den Wänden sind Bilder aufgemacht, die ein Künstler in seinem TumblerBlog veröffentlicht hat. Statt dass man sich
am Computer durch die Bilder klickt,
schreitet man um sie herum, betrachtet sie
aus verschiedenen Perspektiven. Das Internet wird zu einem begehbaren Ort.
Damit beginnt eine Vision Realität zu
werden, die Science-Fiction-Autoren wie
William Gibson («Neuromancer») oder
Neal Stephenson («Snowcrash») in ihren
Büchern vorhergesagt haben: Eine Welt,
die bloss aus Bits und Bytes besteht, sich
aber real anfühlt.
Philip Rosedale träumt seit seiner Kindheit davon. Bekannt wurde der amerikanische Internet-Unternehmer als Gründer von Second Life, jener Online-Parallelwelt, die einst ein Millionenpublikum
in Bann zog. Mittlerweile arbeitet er in
seinem Loft-Büro in San Francisco am
Nachfolger High Fidelity. «Jetzt endlich
ist die Technologie so weit, um das möglich zu machen, was ich schon mein ganzes Leben lang tun wollte», sagt der 47jährige Rosedale und fährt sich mit der
Hand durch sein mittlerweile grau gewordenes Haar.

Anna Lee produziert seit einem Jahr
VR-Pornos. Sie sagt: «Meine Träume
werden gerade wahr. Unsere Umsätze
verdoppeln sich jeden Monat.» Es wäre
nicht das erste Mal, dass die Pornoindustrie eine Vorreiterrolle einnimmt
bei der Verbreitung einer neuen Technologie. Sie war ein wesentlicher Treiber bei Erfolgsgeschichten von Videokassetten, Blu-ray Discs und den Internetformaten. Die beiden Branchen bedingen und fördern sich ständig.
Besonders viel Aufmerksamkeit geniesst an diesem Abend Ela Darling.
Die Darstellerin ist aus der Porno-Metropole Los Angeles angereist und gilt
als Branchenpionierin. Seit zwei Jahren produziert die 30-Jährige VR-Pornos in Form von bis zu dreistündigen
Live-Übertragungen. Die Kamera habe
ihr Businesspartner, ein Programmierer, entwickelt. Und inzwischen arbeiten rund 20 weitere Frauen für sie.
Für Darling ist klar, dass VR nicht
bloss ein Trend ist, so wie etwa der
3-D-TV. «VR-Filme bieten viel mehr Nähe und Intimität.» Dies habe auch Folgen für das Verhalten ihrer Fans. Bei
früheren Webcam-Shows, bei denen

Der neue Steve Jobs

Palmer Luckey, der Erfinder der Virtual-Reality-Brille Oculus Rift, hat es bereits auf das Cover des
«Time Magazine» geschafft. Warum Virtual Reality unsere Gesellschaft
verändern wird, titelte das
Magazin aus New York.

ihr die Zuschauer schreiben konnten,
seien sie viel ungezügelter gewesen.
«Jetzt sind sie respektvoller, weil sie
sich mitten in meinem Schlafzimmer
fühlen, von Angesicht zu Angesicht.»
Natürlich komme es auch vor, dass
sich mancher in mich verliebt.» Zu ihren Abonnenten gehörten vor allem
Amerikaner. Ein paar Schweizer seien
aber auch dabei.

Folgen für den realen Sex

Für die Vertreter von «Ruby VR» ist der
Porno-Event noch immer ein Neuland,
wie Mahmoud Mattan erklärt. Zwar
stelle man schon länger VR-Brillen aus
Karton für Handys her. Doch erst seit
kurzem wage sich die Firma damit
auch auf den Pornomarkt. «Inzwischen haben wir über 100 000 Stück
verkauft.» Einfache Modelle gibt es ab
2 Dollar, teurere für 35. Damit sind sie
deutlich günstiger als die professionelleren Modelle von Samsung oder der
Facebook-Tochter Oculus, die mindestens 100 Dollar kosten.
Damit VR den Mainstream-Durchbruch schaffe, müssten noch mehr
Leute eine Brille besitzen, sagt Mat-

Dass die Parallelwelt Second Life, in der
Menschen Häuser bauen und Geschäfte eröffnen können, zu keinem nachhaltigen
Erfolg wurde, dafür sieht Rosedale zwei
Gründe. Erstens haben die Menschen doch
nie ganz in die Welt eintauchen können,
sondern bloss wie bei einem Computerspiel bloss in einen Bildschirm gestarrt.
Zweitens haben sie nicht mit ihren Händen
mit der Welt interagieren können, sondern
bloss mit Maus und Tastatur.
«All das wird damit anders», sagt Rosedale und zeigt auf eine VR-Brille und zwei
neuartige Touch-Controller, die neben ihm
auf einem Tisch liegen. Die Brille gibt
einem das Gefühl, man sei tatsächlich in
der Parallelwelt, und die Controller dienen
als Hände; man kann damit Gegenstände
aufheben, damit beim Reden gestikulieren
und einander die Hände schütteln.
Zeit, mit Philip Rosedale nach High Fidelity zu reisen.

Wer schafft den Durchbruch?

Während Rosedale beziehungsweise sein
etwas jüngeres Abbild durch High Fidelity
schreitet, beginnt er zu erzählen: «Diese
Welt kann so wichtig werden wie die richtige Welt, vielleicht sogar noch wichtiger.»
Rosedale vergleicht die momentane VREntwicklung mit der Smartphone-Revolution. In sieben bis zehn Jahren würden
VR-Brillen so verbreitet sein wie heute
Smartphones. «Dann werden in dieser
Welt eine Milliarde Menschen leben», sagt
der High-Fidelity-Entwickler und macht
mit seiner Hand eine ausufernde Bewegung über das noch brachliegende digitale
Land, das bis in die Unendlichkeit reicht.
Platz gibt es hier auf jeden Fall genug.

AFP/Valery Hache

tan. In den USA hatte kürzlich die
«New York Times» günstige Kartonbrillen an rund 1,5 Millionen Kunden
gratis abgegeben. «Die Frage ist auch,
wann Hollywood erste VR-Kinofilme
produzieren wird.» Der neue «Ghostbusters»-Film habe zumindest online
bereits mit kleineren VR-Clips geworben. Facebook und Google würden
zurzeit massiv in die Weiterentwicklung von VR investieren. «Nach dem
Radio kam das Fernsehen, dann das
Internet und das Smartphone. Jetzt
steht die Ära der Virtual Reality vor
der Tür», sagt Mattan.
In den kommenden Monaten wird
das VR-Angebot auf Pornokanälen rasant steigen, darin sind sich die Besucher an diesem Abend einig. Doch wie
wird sich das neue Medium auf das Sexualverhalten in der realen Welt auswirken? Die Reise in die virtuelle Welt
der unbegrenzten Porno-Möglichkeiten wird noch intensiver, noch echter.
Als Nächstes wird die Verknüpfung
des Erlebten auf der Brille mit sensorischen Sexspielzeugen angestrebt. Der
Kampf um echten und realen Sex hat
erst begonnen.

Jeder Mensch, jede Firma, jede Schule,
jedes Land kann hier auf einem Grundstück sein Tun auf die virtuelle Realität
ausweiten. High Fidelity basiert auf dem
Open-Source-Prinzip. Jeder kann sich das
Programm herunterladen und selber eine
Welt erschaffen. Rosedale und sein Team
stellen bloss das Programm zur Verfügung
und verwalten die virtuellen Adressen – so
wie das Network Information Center die
Domains des Internets vergibt.
Geht es nach Rosedale, wird High Fidelity nicht einfach eine App, sondern etwas
viel Grösseres: nämlich die Infrastruktur
eines neuen, begehbaren Internets.
Virtual Reality hat das Potenzial, zu einer disruptiven Technologie zu werden,
also Bestehendes völlig zu verändern.
Kürzlich prophezeite die Technikbibel
«Wired»: «Der VR-Gewinner wird die
grösste Firma in der Geschichte werden.»
Die Firma könnte High Fidelity heissen.
Oder Altspace VR. Oder, und das ist nicht
unwahrscheinlich, ganz anders. Vielleicht
wurde sie noch gar nicht gegründet.
Dass sie aber Google oder Facebook
heisst, das hält zumindest Toni Schneider
für sehr unwahrscheinlich. «Bisher hat jede grosse Tech-Revolution eine neue,
mächtige Firma hervorgebracht», sagt der
Investor und Silicon-Valley-Kenner.
Im Hauptsitz von Facebook, dort wo
jetzt Palmer Luckey und sein Team an der
VR-Zukunft arbeiten, hängt noch immer
ein Firmenschild von Sun Microsystems.
Dem einstigen Computerriesen gehörte
der Campus, ehe er einging. Das Schild
soll die Facebook-Mitarbeiter daran erinnern, wie schnell alles vorbei sein kann,
wenn man einen Trend verpasst.

25 Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

morgen 13

Ctrl Alt Delete: Demokratie
Das Silicon Valley hat eine Vision: Die politikbefreite Gesellschaft. Enden wir in einer Diktatur der Daten?

Mitarbeiter mit Laptop auf dem Dach des Facebook-Campus im Silicon Valley.

VON CHRISTOF MOSER

Falls die Welt da draussen untergeht?
Ein Lächeln huscht über das Bubengesicht von Kyle Gerstenschlager,
dem PR-Mann von Facebook, der uns
auf dem Firmengelände herumführt:
«Wir würden hier locker überleben!»
Das neue, gigantische, 40 000
Quadratmeter grosse Hauptquartier
des sozialen Netzwerks am Hacker
Way 1 in Menlo Park südlich von San
Francisco bietet Mitarbeitern alles,
damit sie möglichst ungestört von
Privatleben und Alltagssorgen ihrer
Arbeit nachgehen können: Arzt- und
Zahnarztpraxen, Coiffeursalons,
Bibliotheken, Fitnesscenter, Restaurants, Banken. Öffentlicher Verkehr?
Braucht hier niemand. Busse holen
die Belegschaft morgens am Wohnort ab und fahren sie abends wieder
zurück. Selbstverständlich auf der
Fastlane, vorbei an den Staukolonnen auf den chronisch überlasteten
Highways des Golden State und weit
weg von der heruntergekommenen
staatlichen Bahninfrastruktur in der
Bay Area.

Der Staat ist fern – und langsam
Die Tech-Mitarbeiter – nicht nur bei
Facebook, sondern auch im Nachbarstädtchen Mountain View bei
Google oder bei Twitter und Uber in
San Francisco – leben in einer eigenen Welt. Verlassen sie für einmal
das Firmengelände, vergessen sie zuweilen, nach dem Einkaufen an der
Ladenkasse zu bezahlen, weil sie gewohnt sind, dass sie sich alles gratis
nehmen können. Hier interessiert
man sich vor allem für das Unternehmen und sich selbst (in dieser Reihenfolge), aber kaum für Politik oder
gesellschaftliche Probleme, jedenfalls
nicht auf lokaler Ebene – warum
denn auch? Die Benutzeroberfläche

ihrer Welt wird nicht staatlich, sondern weitestgehend privat finanziert
und betrieben. Das geht so weit, dass
man sich fast etwas wundert, warum
die Ampeln an den Strassenkreuzungen um die Facebook-Zentrale wie
überall sonst auf Grün springen und
keinen Daumen nach oben anzeigen,
wenn die Fahrbahn frei wird.
Staatsferne gilt als einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren des Silicon Valley. So sagt der deutsche
Informatiker und Robotik-Spezialist
Sebastian Thrun, der bei Google die
sagenumwobene Forschungsabteilung Google X leitet (und seit 2014 im
Verwaltungsrat der Credit Suisse
sitzt), dass im Hightech-Tal an der
US-Westküste vor allem deshalb so
grenzenlos viel möglich ist, weil die
Regierung im fernen Washington mit
ihren langsamen demokratischen
Prozessen gesetzgeberisch immer
weit hinter den technischen Entwicklungen hinterherhinke. Das Motto
der Gründer und Erfinder im Silicon
Valley lautet denn auch: «Ask for forgiveness, not for permission», was so
viel heisst wie: Mach mal, und wenns
schiefgeht, kannst du immer noch
um Entschuldigung bitten.
Darauf bauen ganze Geschäftsmodelle auf, zum Beispiel jenes des Online-Fahrdienstvermittlers Uber, der
mit seiner App ins regulierte Taxigewerbe eindringt und damit weltweit
mit Zulassungsbehörden in Konflikt
gerät. Bewilligungen und Regulationen? Sind in der Uber-Welt schlicht
nicht vorgesehen. Entschuldigungen
allerdings auch nicht.
Redet man mit Uber-Entwicklern
am Firmenhauptsitz in San Francisco, machen diese keinen Hehl daraus, mit ihrem boomenden Geschäftskonzept gezielt disruptiv –
also zerstörend – gegen staatliche Regulierungsbestimmungen vorgehen

zu wollen. Und sie sehen sich dabei
nicht zuletzt deshalb im Recht, weil
sie bei der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur vielerorts ein Politikversagen orten.

Gefährliche Vision: Aushöhlung
der Demokratie durch Big Data
Was der Staat zum Beispiel im Grossraum San Francisco seit den 1970erJahren nicht mehr zu schaffen
scheint – ein modernes, qualitativ gutes öffentliches Verkehrsnetz für die
Bürgerinnen und Bürger bereitzustellen –, will Uber schaffen: besser
und erst noch viel billiger. Alles, was
die Firma dafür braucht, sind möglichst viele Kunden mit einem Smartphone in der Hosentasche und ihrer
App auf dem Screen. Unerwähnt lassen die digitalen Vordenker allerdings, dass die marode Verkehrsinfrastruktur in Kalifornien mit einer
Politik zu tun hat, die ihnen entgegengekommen ist. Just in den 1970ern hat der spätere US-Präsident Roland Reagan als republikanischer
Gouverneur von Kalifornien mit seiner Steuerpolitik zugunsten der Unternehmen der Staatskasse viel Geld
entzogen, was den Tech-Firmen bis
heute beim Steuernsparen hilft, dem
Staat seither aber nicht beim Modernisieren der Infrastruktur.
Damit schliesst sich ein Kreis,
der seine Wirkung erst noch mit
voller Wucht entfalten soll. Die
Vordenker im Silicon Valley wollen
Staat und Politik längst nicht mehr
nur wegdimmen, sondern gänzlich
ausschalten.
Paypal-Gründer Peter Thiel zum
Beispiel, der sagt: «Ich glaube nicht
mehr daran, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind.» Es gehe
darum, neue Lebensräume zu finden, um der Politik zu entfliehen,
schrieb er 2009 in einem Essay, der

Patrick Züst

in der steilen These gipfelte, das
Wahlrecht für Frauen habe Kapitalismus und Demokratie zu einem Widerspruch gemacht. Ein Jahr zuvor
spendete Thiel 500 000 Dollar ans
«Seasteading Institute», von dessen
Mitbegründer Randolph Hencken
das Zitat überliefert ist: «Die Demokratie ist eine 230 Jahre alte Technologie. Können wir nicht mal etwas
Neues versuchen?» Seither lassen
Thiel und Co. nicht locker mit der
Idee, Mikrogesellschaften auf
schwimmenden Inseln zu gründen,
die sich allen bestehenden staatlichen Regeln entziehen sollen.
Doch viel gefährlicher als die abenteuerlichen Visionen der HightechExzentriker ist die Aushöhlung der
Demokratie durch Big Data, die
längst im Gang ist – und inzwischen
auch von Technologievisionären wie
Apple-Mitbegründer Steve Wozniak
oder Microsoft-Gründer Bill Gates als
«ernste Gefahr für die Menschheit»
bezeichnet wird.
Jedes Jahr verdoppelt sich die Menge der Daten, die wir produzieren,
was konkret bedeutet: Allein 2016
kommt eine Datenmenge hinzu, die
wir zuvor in der ganzen Menschheitsgeschichte produziert haben.
Mittels Algorithmen sollen diese Daten zur Automatisierung der Gesellschaft genutzt werden und die Politik
mit Technik überflüssig machen. Silicon-Valley-Ikone Tim O’Reilly nennt
dies «algorithmische Regulierung»:
Alles soll «smart» werden – Autos,
Strassen, Städte. Die Vision: Niemand soll mehr Gesetze brechen
können, weil Big Data das Brechen
von Gesetzen verhindert.
Ferne Zukunft? Keineswegs. Der
bekannte Internet-Vordenker und Silicon-Valley-Kritiker Evgeny Morozov
nennt als bereits existierendes Beispiel Handys, die erkennen, ob sie

verbotenerweise am Steuer eines
Autos benutzt werden – und in diesem Fall automatisch ihren Dienst
verweigern. Bald schon sollen auch
Kreditkartenbetrug und Steuerhinterziehung nicht mehr möglich sein:
Die Daten verraten, wer mehr ausgibt, als er oder sie zu verdienen angibt.
Bereits angewendet und fast gänzlich unbestritten ist Big Data in der
Terrorismusbekämpfung: Geheimdienste wie die NSA sammeln für
nichts anderes als die frühzeitige Erkennung von terroristischen Aktivitäten die Daten von uns allen. Morozov
warnt davor: Statt die Ursachen von
Problemen zu bekämpfen – was die
Kernaufgabe der Politik sein sollte –,
werden Regierungen in Zukunft nur
noch die Auswirkungen der Probleme steuern.

Werte der Politik kommen
unter die Räder
Statt darüber nachzudenken, was zu
Terrorismus führt – soziale Ungleichheit zum Beispiel –, werden nur noch
deren Auswirkungen bekämpft.
Was beim Terrorismus die wenigsten
stören dürfte, wird sich schon bald
auf andere Bereiche ausdehnen.
Übergewicht? Kein Problem mehr
der Nahrungsmittelindustrie und
ihren Zuckerzusätzen, sondern nur
noch ein Problem des persönlichen
Verhaltens.
Unter die Räder kommen damit
Werte, die der Politik zugrunde
liegen sollten. Die Frage: Was wollen
wir als Gesellschaft – und warum?
Solche Überlegungen sind ineffizient
und werden wegoptimiert. So
gelange man zur technokratischen
Utopie von politikfreier Politik,
sagt Morozov – und in eine Diktatur
der Daten.
Wollen wir das?

25

14 morgen

Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Das Tech-Monster treibt
Mietpreise in Rekordhöhe
Nirgendwo in den USA sind die Wohnkosten so hoch wie in San Francisco. Die Wut steigt.
VON FABIENNE RIKLIN, BENJAMIN
WEINMANN UND ANDREAS MAURER

Doktorand wohnt in der Garage

Die günstigste Wohnung von San Francisco mit Bad und WC liegt in der Nähe
des Golden Gate Park. Das sagt zumindest deren Mieter Jean-Denis Benazet
(36), ein Molekularbiologe aus Frankreich. Für seine Forschung an der University of California verdient er 3000
Dollar. 1600 Dollar zahlt er für sein Studio, eine ehemalige Garage, welche die
Vermieterin illegal umgenutzt hat. Die
Miete verlangt sie bar auf die Hand.
Ungemütlich ist das Studio, weil die
Kloake der anderen Hausbewohner regelmässig aus der Toilette und der Dusche quillt. Nachts hält ihn die Frau des
oberen Stockwerks wach, die schlaflos
ihre Runden dreht. Als würde er mit
einer riesigen Ratte leben, sagt er. Mit
Nagetieren kennt sich Benazet aus.
Rund 2000 Mäuse habe er mit seinen
Versuchen bisher getötet. Der Biologe,

> Disruption
Danach strebt jedes Start-up. Disruptive Technologien sollen mit einem
neuen, innovativen Ansatz ganze
Märkte revolutionieren und bestehende Produkte komplett ersetzen. So hat
die DVD die klassische VHS-Kassette
verdrängt, so greift Uber derzeit das
Taxi-Gewerbe an.
> Künstliche Intelligenz
Ein Computer, der selbstständig lernt.
Das ist nicht nur die Basis für so manchen Science-Fiction-Film, sondern
auch die Grundlage für Maschinen, die
sich neuen Situationen dynamisch und
selbstständig anpassen können. So ergeben sich komplett neue technische
Möglichkeiten – vom selbstfahrenden
Auto bis hin zum autonomen und in
der Gesellschaft integrierten Roboter.

Es riecht nach Urin und Marihuana,
Menschen in zerlumpten Kleidern kauern in Hauseingängen und Bushäuschen: Im Tenderloin-Quartier in
San Francisco, unweit der Touristenströme, stehen Obdachlose an jeder
Ecke. Über 6600 Menschen leben hier
auf der Strasse, prozentual zur Bevölkerung so viele wie in keiner anderen
Stadt der USA. Ihr Hass gilt den gut verdienenden Mitarbeitern aus dem Silicon Valley. «Kill Tech Zilla» lautet der
Aufruf auf einer Graffiti-Wand im Mission-Quartier, in Anlehnung an das
Godzilla-Filmmonster.
Die «Monster» aus dem Valley können jede noch so hohe Miete bezahlen.
Die meisten Ingenieure wollen nicht in
Kleinstädten wie Palo Alto, Menlo Park
oder Mountain View leben, wo Facebook, Google und Co. ihren Hauptsitz
haben, sondern in der pulsierenden
Grossstadt. Sie lassen sich täglich mit
firmeneigenen Bussen zur Arbeit chauffieren. Die Miet- und Immobilienpreise
in der ehemaligen Hippie-Metropole
sind explodiert.
In den vergangenen Jahren wurde
die Mittelschicht aus der Stadt verdrängt. Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern können es sich nicht mehr
leisten, hier zu leben. Sie verdienen oft
nicht mehr als 60 000 Dollar pro Jahr.
Zu wenig für ein Leben in der City. Eine
vierköpfige Familie benötigt gemäss
dem Insight Center for Community
Economic Development 90 000 Dollar
Jahreseinkommen, um die Grundbedürfnisse zu decken. Einige halten sich
mit zwei oder gar drei Jobs über Wasser, andere ziehen in Vororte und nehmen über einstündige Arbeitswege auf
sich. Die Stadt hat es verpasst, in die
Höhe zu bauen. So fehlen heute rund
40 000 Wohnungen für mittlere und
tiefe Einkommen.
Am augenfälligsten sind die Folgen in
der Tenderloin. Sabur (60) verbrachte
den grössten Teil seines Lebens auf der
Strasse, heute lebt er in einer Sozialwohnung. Er zeigt auf einen Wohnblock: «Den haben sie neu renoviert.
Jetzt kostet eine Zwei-Zimmer-Wohnung 3500 Dollar. Wie soll ich dies mit
meiner Sozialhilfe bezahlen?» Sabur
liess sein Baseball-Stipendium wegen
Drogen und Alkohol sausen. «Wers einmal verbockt hat, der schafft es nicht
mehr zurück – vor allem nicht als
Schwarzer.» Sabur hat sich aufgegeben.
Am Abend stellt er sich jeweils mit
Hunderten anderen Obdachlosen in eine Schlange für eine warme Mahlzeit.
Meist gibt es Reis mit Bohnen. Glutenfreie Burrito für 20 und Bierstangen für
8 Dollar bezahlen neureiche Mittzwanziger nur wenige Strassen entfernt im
Mission District, einem ehemaligen Unterschichtsviertel, das inzwischen gentrifiziert wurde.

Die wichtigsten
Begriffe des
Silicon Valley

> Venture-Capital
Damit ein Start-up den Sprung von
der Garage in die ganze Welt schafft,
braucht es Geld. Risikokapital – oder
eben Venture-Capital – von privaten
Unternehmern ermöglicht den Aufbau
der eigenen Firma und ist damit der
finanzielle Motor für Innovationen.
2015 wurden im Silicon Valley 34 Milliarden Dollar investiert.
> Augmented Reality
Während die Virtual Reality eine komplett künstliche Welt erzeugt, wird bei
der Augmented Reality (Erweiterte
Realität) die Welt digital ergänzt. Das
aktuellste Beispiel dafür ist die Smartphone-App «Pokémon Go». In Zukunft
sollen virtuelle Elemente auch über
Brillen oder gar über künstliche Kontaktlinsen eingeblendet werden.
> Cloud
Die digitalen Wolken stellen die
nächste grosse Revolution in der Informatik dar. Computerleistung soll
sich zukünftig fast komplett von der
lokalen Hardware lösen und ähnlich
wie Strom nur noch auf Nachfrage
bezogen werden. Das hat nicht nur
einen Einfluss auf das Speichern von
Daten (Dropbox, GoogleDrive), sondern vor allem auf das effiziente Ausführen von Programmen.

Oben: Graffiti als Ausdruck der Wut gegenüber den reichen Silicon-Valley-Angestellten. Unten links: Immobilienmaklerin
Amy Clemens. Unten rechts: Der Molekularbiologe Jean-Denis Benazet wohnt in einer umgebauten Garage.
HO/BWE/RIK
der in Basel doktorierte, sagt: «Selbst
die Mäuse haben in San Francisco weniger Platz als im Basler Labor.» Während seiner Studentenzeit in Basel habe
er problemlos eine günstige Wohnung
gefunden. Danach zog er nach Boston,
Los Angeles und New York. «Ich würde
nicht sagen, dass die Wohnung in
San Francisco meine bisher schlechteste ist. Es ist die einzig schlechte», sagt
er. In diesen Tagen zieht er zu seiner
Partnerin nach New York. Seine Vermieterin hat sofort einen Nachmieter
gefunden. Die Abwasserleitungen hat
sie nicht saniert.
Szenenwechsel: An der Bush Street
Nummer 900 leben die Menschen
nicht auf der Strasse oder in Garagen.
Die Umgebung strahlt zwar keinen besonderen Luxus aus, doch im mehrstöckigen Apartment-Komplex werden die
Bewohner von einem Concierge begrüsst. In der Miete inbegriffen sind ein
geheizter Swimmingpool, ein Fitnesscenter und ein Parkplatz. Aktuell steht
eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung mit
Mini-Balkon zum Verkauf. Vor zehn Jahren hat ein Ehepaar diese für 400 000
Dollar gekauft. Jetzt ist sie für 689 000
Dollar ausgeschrieben – ein Schnäppchen für diese Gegend. Am Schluss
werden es mehr sein. Denn die zuständige Immobilienmaklerin Amy Clemens
weiss: «Die Interessenten überbieten
sich, manchmal sogar um bis zu hun-

dert Prozent, und bezahlen in bar.» Clemens nennt das «Aggressive Pricing».
Und wer kommt zum Zug? Am häufigsten kämen Investoren, die die Wohnung weitervermieten wollen, sagt Clemens. «Oft sind es auch reiche Eltern,
die ihren Kindern eine sichere Wohnung kaufen möchten, wenn sie aufs
College gehen. Und natürlich ‹Techies›,
die im Silicon Valley arbeiten.»
Um einen möglichst hohen Preis zu
erzielen, wurde ein «Staging» durchgeführt: Eine externe Firma brachte die
Wohnung auf Vordermann. Die privaten Möbel werden für Fotos und Führungen ausgetauscht. «Das wird in 80
Prozent aller Fälle gemacht», sagt Clemens. Auch im Apartment an der
Bush-Street sieht alles blitzblank aus.
Auf dem Salon-Tischchen liegt ein
Hochglanzbuch mit dem Titel «Great
Yachts and their Design».

Mehr Arme und mehr Reiche

Laut dem Immobiliendienst Zumper
sind die Mieten in den USA nirgendwo
höher als in San Francisco, mit einem
Median-Preis von 3590 Dollar für eine
Zwei-Zimmer-Wohnung. Damit hat die
Bay Area sogar New York überholt.
Doch nicht nur die Mietpreise sind
hoch. Gemäss der Immobilienfirma Paragon ist der Median-Preis für ein Haus
in San Francisco mit 1,36 Millionen Dollar sechsmal höher als im Rest der USA.

Dabei sind die Häuser nicht etwa hochwertiger oder luxuriöser. Einzig die
Nachfrage führte zu dieser exorbitanten Wertsteigerung. Ein Beispiel: Ein
nach dem Zweiten Weltkrieg für 5000
Dollar errichtetes Haus in der GoogleStadt Mountain View wird heute auf 2,5
Millionen geschätzt.
Nicht wenige sprechen bereits von
der nächsten Immobilienblase. Angenommen wird, dass das Wachstum zumindest stagniert. Dennoch sind zahlreiche Projekte für Luxus-Apartments
in der Pipeline. Manche davon nicht
nur mit Fitnesscenter und Pool. Der
neuste Trend: Velo-Garagen und Hunde-Waschsalons.
Trotz mehreren Initiativen der Stadt
wächst der Unterschied von Arm und
Reich weiter: Die Zahl der Empfänger
von Lebensmittelmarken hat ein ZehnJahres-Hoch erreicht und die Zahl der
Obdachlosen ist in zwei Jahren um 20
Prozent angestiegen.
Die Bewohner der Bush Street werden regelmässig von der Realität eingeholt. Es kommt zu Einbrüchen. «Das
sind keine professionellen Banden», erzählt eine Mieterin, «sondern Drogenjunkies aus der Tenderloin.» Die Sicherheitsleute seien jeweils rasch zur Stelle.
Neunzehn Überwachungskameras im
Gebäude registrieren sofort, wenn die
Nachbarn des Elendsviertels in die Luxuswelt eindringen.

> Pivoting
Wenn ein Geschäftsmodell nicht
funktioniert, dann wird es angepasst.
Im Silicon Valley wird dieses Pivoting
– also das konzeptionelle «Umschwenken» – nicht nur akzeptiert,
sondern sogar geschätzt. Allgemein
wird die Meinung vertreten: Wer
noch nie gescheitert ist, kann auch
keinen Erfolg haben.
> Fintech
Die disruptiven und innovativen Ideen
aus dem Silicon Valley machen vor
keiner Branche halt. Als Fintech werden Technologien bezeichnet, die in
der Finanzwelt angesiedelt sind und
die klassischen Banken konkurrenzieren sollen.
> Inkubator
Hier werden erfolgreiche Start-ups gezüchtet. Inkubatoren sind private oder
staatliche Organisationen, die junge
Firmengründer aktiv beim Aufbauen
ihres Unternehmens unterstützen – sei
es mit Büroräumen, NetworkingEvents oder individuellem Coaching.
> Hackathon
Bei den immer populärer werdenden
Veranstaltungen steht der Computercode im Mittelpunkt. Programmierer
treffen sich, um gemeinsam während
einer bestimmten Zeit an einem digitalen Problem zu arbeiten. Das können
Stunden oder Tage sein. Der grösste
Hackathon Europas wird im September in Zürich stattfinden.

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

«Studenten sind heute viel kl
Er gilt als Pate des Silicon Valley: John
Hennessy, Präsident der Elite-Universität
Stanford und Google-Verwaltungsrat,
unterrichtete viele der grossen
Technikpioniere. Im Interview spricht er
über Gründergeist, die ETH und räumt einen
riesigen Fehler ein.
VON YANNICK NOCK, PATRIK MÜLLER (TEXT) UND PATRICK ZÜST (FOTO)

Das Büro ist ein Chaos. Offene Pappkartons versperren den Weg, Bilder und
Bücher liegen auf dem Boden. Mittendrin: John Hennessy, 63 Jahre alt, enthusiastisch wie ein Erstsemesterstudent.
«Kommen Sie rein», ruft er. «Aaah, die
Schweiz, ein tolles Land!» Hennessy tritt
nach 16 Jahren als Stanford-Präsident
zurück und räumt gerade auf. Er wechselt aber nur das Büro, der Universität
bleibt er erhalten. Hennessy hat die digitale Revolution geprägt wie kaum ein
anderer. Im Gespräch erzählt er von seinen Erlebnissen mit Apple-Ikone Steve
Jobs, den Google-Gründern und mit USPräsident Barack Obama.
Mr. Hennessy, welche Eigenschaft
unterscheidet Stanford von anderen
Spitzenuniversitäten der Welt?
John Hennessy: Es ist unsere Kultur:
die Mischung aus tiefgreifender Innovation und Unternehmergeist. Sie
durchdringt den gesamten Campus.
Wir lieben Veränderung, wir lieben es,
Pioniere zu sein. Wenn sich ein neues
Forschungsfeld auftut, wollen wir dabei sein.
Würde es das Silicon Valley ohne
diese Pionierfreude überhaupt
geben?
Stanford war sicher der Schlüssel.
Trotzdem müssen wir realistisch bleiben: Wenn wir nicht da gewesen wären, hätte wahrscheinlich eine andere
Universität unsere Rolle übernommen.
Das Silicon Valley wäre dann aber in einem anderen Teil des Landes. Trotz
der digitalen Revolution spielt die geografische Nähe eine riesige Rolle. Die
direkte Interaktion ist nicht zu ersetzen. Das sah man schon bei AppleGründer Steve Jobs. Seine ersten Erfahrungen sammelte er in unserem Computer-Club auf dem Campus. Und er ist
nicht der Einzige. Talente aus der ganzen Welt kommen nach Stanford. Und
was tun sie danach? Sie bleiben und arbeiten in einem Radius von 50 Meilen
um unseren Campus, bei Google, Facebook und den anderen Unternehmen.
Sie sind Stanford über Jahrzehnte
treu geblieben, leiten die Universität seit 16 Jahren. Wie haben sich
die Studenten über diesen langen
Zeitraum verändert?
Studenten sind heute viel klüger als früher. Sie waren schon immer schlau,
trotzdem ist das Niveau heute ein anderes, besonders was die Technik-Kenntnisse angeht. Das gilt nicht nur für
Stanford, sondern für das ganze Land
und ganz Europa. Ausserdem sind sie
deutlich entschlossener.
Das klingt, als wäre die heutige
Generation in allem besser.

Naja, sie sind auch ungeduldiger geworden. Sie wollen Veränderung, und sie
wollen sie schnell. Doch echter Wandel
dauert manchmal länger.
Trotzdem scheinen alle so rasch
wie möglich ins Business einsteigen
zu wollen.
Richtig, das ist ein Ergebnis der Googleund Facebook-Ära. Der Aufstieg der sozialen Medien hat die Studenten in ihrem Denken geprägt. Fünf Personen
können in einer Garage etwas austüfteln – und boom! – die Welt erobern.
Früher lag die Stärke eines Unternehmens oft auf einer tiefgreifenden Überlegenheit ihrer Technik. Ein Drittel der
Firmen war mit ihrem Produkt erfolgreich. Heute gibt es nur wenige Unternehmen mit einem überwältigenden
Marktanteil. 95 Prozent der anderen
Start-ups verschwinden wieder. Besonders schwierig ist es in der Welt der sozialen Medien. Man weiss nie, welche
Entwicklung abheben wird. Das macht
es schwierig, den Wert einer Technologie zu erkennen.
Bei Google scheinen Sie den Wert
schnell erkannt zu haben: Ihre
Studenten Larry Page und Sergey
Brin kamen mit der Suchmaschine
zuerst zu Ihnen.
Ich hatte diesen Aha-Moment, wie
schon einige wenige Male davor. Bei
Yahoo zum Beispiel, als man das erste
Mal eine Pizza im Netz bestellen konnte. Da erkannte ich, wofür das Web
wirklich gebraucht werden würde. Es
geht nicht um Wissenschafter, die sich

«IBM war einst Platzhirsch, auch Microsoft
oder Yahoo. Und
heute? Die Dinge
ändern sich unglaublich schnell.»
schnell Papiere zusenden wollen, was
ja die Idee des Cern war. Es geht darum, den Alltag der Menschen leichter
zu machen. Ähnlich ging es mir bei
Google, weil sie jede andere Suchmaschine in den Schatten stellte. Ich dachte nur: Holy Moses! Die beiden haben
eine fantastische Idee!
Sie selbst wurden Google-Verwaltungsrat und sind es bis heute geblieben. Nicht nur die Medien, auch
die Forschungsgemeinschaft kritisiert Ihre Nähe zum Unternehmen:
Sie würden damit die Unabhängigkeit der Forschung gefährden.

John Hennessy vor seinem Büro an der Universität Stanford: «Wir lieben es, Pioniere zu sein.»

25 Jah re Int ernet

das grosse interview

17

klüger als früher»
Gemeinsam für
mehr Innovation und immer für
einen guten Spruch
zu haben: Stanford-Präsident
John Hennessy
(Mitte) 2015 mit
US-Präsident
Barack Obama und
Apple-CEO Tim
Cook.
Keystone

Ich verstehe die Bedenken, weil es tatsächlich zu Interessenkonflikten kommen kann. Deshalb glaube ich an totale
Transparenz. Jeder weiss, dass ich Verwaltungsratsmitglied bin. Ausserdem
trete ich in den Ausstand, wenn es um
eine konkrete Zusammenarbeit zwischen Google und Stanford geht. Die
Universität bleibt unabhängig.
Die fast monopolistische Dominanz
Googles ist dennoch ein Problem.
Sie dürfen nicht vergessen, dass solche
Firmen trotz ihrer Dominanz schnell
ersetzt werden können. In der Technologie gilt «easy come, easy go». Wenn
jemand eine bessere Idee oder eine
bessere Lösung findet, verliert man
schnell seinen Platz an der Sonne. IBM
war einst Platzhirsch, auch Microsoft
oder Yahoo. Und heute? Die Dinge ändern sich unglaublich schnell. Nur wer
sich weiterentwickelt, hält seine Vormachtstellung.
Sie haben den Aufstieg des Valley
an vorderster Front erlebt. Was
wurde versäumt?
Wir haben einen grossen Fehler begangen. Die Welt wäre heute ein anderer
Ort, wenn es uns gelungen wäre, in der
Frühphase des Internets ein gutes Zahlungssystem für Inhalte zu schaffen.
Damals wäre es einfacher gewesen, die
Gratiskultur gar nicht erst aufkommen
zu lassen. Wir hätten ein funktionierendes Business, statt dem, was wir heute
haben – ein «Hey seht, alles ist gratis!»

«Das ist eine unglaubliche Demonstration
der Schweizer
Bildungsstärke.»
Wir hätten einen Weg finden müssen,
wie man schnell und effektiv für Inhalte wie einen Zeitungsartikel bezahlt.
Auch ich mache mir Sorgen, um den
Relevanz-Gehalt im Netz. Was ist das
Netz ohne echte Inhalte wirklich wert?
Wie wird die Gesellschaft von
dieser Entwicklung beeinflusst?
Man sieht doch bereits, wie Newsportale Artikel auf ihre Leser zuschneiden,
man bekommt nur noch das zu lesen,
was man ohnehin denkt. Die Leute
werden nicht mehr herausgefordert.
Auf der Strecke bleiben lokale Zeitungen, die früher die meisten Stelleninserate in ihren Blättern hatten, mehr als
die «New York Times». Dann kam das
Stellenportal «Monster.com» und wuuumm (wirft die Hände horizontal auseinander). Nichts mehr. Hier haben wir
einen Fehler gemacht.
Sie sind Optimist. Kann das
einer Ihrer Studenten wieder
hinbekommen?
Wir werden es auf jeden Fall versuchen. Aber es wird ein harter Weg.
Wir stecken mitten in der vierten
digitalen Revolution. Wie können
Eltern ihre Kinder am besten
auf das vorbereiten, was sie in der
neuen Welt erwartet?
Das wichtigste, was sie ihren Kindern
vermitteln können, ist die Freude am
Lernen. Bringen Sie ihnen das Lesen
bei, so, dass es ihnen Spass macht.
Neues Wissen ist keine Qual. Wenn Kinder das Gefühl bekommen, dass Lernen nur mit einem öden Klassenzimmer zusammenhängt, werden sie keine
Freude verspüren. Sie müssen sich selber fragen: Warum funktioniert etwas,

Der Pate des Valley
Sein Start in Stanford war alles andere als mustergültig.
Als John Hennessy (63) kurz
nach seinem Abschluss von
der State University of New
York (at Stony Brook) 1977
nach Stanford zu einem Vorstellungsgespräch reiste,
kam er zu spät – er hatte
sich auf dem riesigen Gelände verlaufen. Danach ging es
für den Professor für Elektrotechnik und Informatik
aber stetig aufwärts. Er bildete einige der bekanntesten Technikpioniere aus,
wurde Rektor und im Jahr
2000 schliesslich Präsident
der Universität. Er gilt als
der beste Sponsorenjäger
der Welt und Pate des Sillicon Valley. Sitzungen beendet er mit «Charge» – zum
Angriff. Im September tritt
er als Präsident zurück,
bleibt der Elite-Universität
aber erhalten. Hennessy ist
mit seiner Schulliebe Andrea
Berti verheiratet, sie haben
zwei erwachsene Söhne.

wie es funktioniert? Das heisst nicht,
dass sie alle Fächer mögen müssen,
aber sie sollen nie den Spass verlieren.
Das ist die Basis. Wie aber können
sie sich danach im stärker werdenden Wettbewerb behaupten?
Ach wissen Sie, die Kinder sollen etwas finden, das sie lieben und in dem
sie gut sind. Die zwei Faktoren hängen ohnehin zusammen. Sie werden
nie etwas lieben, wenn sie nicht besonders gut darin sind. Nur dann
kann man sich selbst ans Limit
puschen. Ich sage den Erstsemestern
immer: Findet etwas, dass ihr so gerne macht, dass ihr am Samstagmorgen freiwillig aufsteht, um es zu tun.
Wer das gefunden hat, kann eine Karriere starten, die er wirklich geniesst.
Das ist doch eines der grossen Ziele
im Leben.
Wie sehen Sie die Schweizer
Bildungslandschaft und ihre
Universitäten?
Ich kenne natürlich die ETH und die
EPFL (ETH Lausanne), dort bin ich sogar Ehrendoktor. Das sind ganz tolle
Institutionen. Ich bewundere, dass
ein so kleines Land gleich zwei der
besten technischen Universitäten Europas hervorgebracht hat. Das ist eine
unglaubliche
Demonstration
der
Schweizer Bildungsstärke. Auch die
Universität Zürich ist hervorragend.
Immer wenn ich in Zürich bin, spüre
ich, dass es eine Stadt ist, die auf Bildung besonderen Wert legt.
Was kann Stanford von den
Schweizer Universitäten lernen?
Unsere Systeme sind natürlich grundverschieden, was mir aber aufgefallen
ist: Schweizer Studenten sind während einer Vorlesung unglaublich aufmerksam (lacht). Nie habe ich eine
Vorlesung gehalten und musste sehen, wie einer sein iPhone zückt. Davon könnten sich die Amerikaner eine
Scheibe abschneiden.
Sie haben die Unterschiede im
System angesprochen. Private
Geldgeber werden an Schweizer
Hochschulen sehr skeptisch
gesehen. Ist das ein Fehler?
Wir sind eine Privatuniversität, ohne
Sponsoren und Philanthropen könnten wir nicht überleben. Die Herausforderung aller Hochschulen ist es, ihre Werte sicherzustellen, wenn sie pri-

vate Gelder bekommen. Das gelingt
uns, weil wir selber die Ziele festlegen
und dann mit Geldgebern reden. Es
ist unsere Entscheidung. Europa setzt
viel stärker auf die Finanzierung
durch den Staat, das hat bei euch gut
funktioniert. Trotzdem müssen sich
wohl nun auch eure Universitäten die
Frage stellen: Brauchen wir mehr
Drittmittel oder können wir uns auch
die nächsten 30 Jahre auf die Regierung verlassen? Denn es dauert Jahrzehnte, bis die Spender-Mentalität in
einer Hochschule verankert ist.
Sie loben die Schweizer Hochschulen, und in unserem Land ist
auch Kapital vorhanden, Firmengründungen sind nicht allzu
schwierig. Warum gelingt es der
Schweiz nicht, ein kleines Valley
zu gründen?
Nun, es ist nicht ganz einfach, in euer
Land einzuwandern. Bei Google oder
Facebook sieht man Menschen aus allen Ecken der Welt. Das Valley ist ein
Magnet. Diese Offenheit ist ein grosser Vorteil für die USA. Der, der die
besten Talente hat, hat auch die besten Chancen und Voraussetzungen.
Trotzdem ist Google Zürich zu einem
Magnet für Talente geworden. Die
Stadt fühlt sich international an.
Am 1. September treten Sie als
Präsident zurück, fördern dann
aber ein ambitiöses Projekt.
Was können Sie über das KnightHennessy-Programm verraten?
Der Welt fehlen die grossartigen Anführer. Das gilt sicher in der Politik,
aber auch in Teilen der Wirtschaft
oder in Non-Profit-Organisationen.
Unser Ziel ist es nun, die besten Studenten aus aller Welt auf unseren
Campus zu holen und sie auf die kommende Herausforderung vorzubereiten. Wir wollen ihre Führungsqualitäten stärken.
Also träumen Sie davon, den
nächsten Präsidenten der
Vereinigten Staaten auszubilden?
Wieso nicht? Präsident Obama war
erst letzten Monat hier, er liebt den
Campus, denn er liebt Innovation.
Aber es geht nicht nur um die USA,
nehmen Sie zum Beispiel Afrika. Dort
brauchen wir mit Sicherheit grosse
Anführer, um all die Probleme zu lösen. Ich hoffe, dass wir in 20 oder 30
Jahren zurückblicken und sagen können, dass wir erfolgreich waren.

25

18 gestern

Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Wie das Silicon ins Valley kam
Hippie-Kultur, die US-Army und ein verräterischer Genfer trugen zur Entstehung der Technologie-Brutstätte bei.
VON PASCAL RITTER

Das Silicon Valley, das Zentrum der
Technologiefirmen, hat einen doppelt
irreführenden Namen. Die Region, in
der sich innerhalb weniger Quadratkilometer Weltkonzerne wie Facebook,
Google oder Cisco befinden, ist eher eine Ebene als ein Tal. Im Westen wird
sie durch Hügel begrenzt, die sich an
der Pazifikküste erheben. Im Osten
grenzt das Gebiet an die Bucht von San
Francisco. Der Begriff Silicon erinnert
im Deutschen an Gesichtscreme oder
Brustimplantate, steht aber für das Element Silicium, ein sogenannter Halbleiter. Es wird in Mikrochips verbaut. Silicium-Plättchen, in die Schaltkreise eingelassen sind, bilden die Grundlage für
moderne Computer und Smartphones.
Um diese Chips entwickelte sich ab den
späten 1950er-Jahren eine Industrie
südlich der kalifornischen Metropole
San Francisco.
Die Erfinder dieser Technik, die sogenannten «Traitorous eight» (deutsch:
die verräterischen acht), werden wie
Helden gefeiert. Gordon Moore, Julius
Blank, Victor Grinich, Eugene Kleiner,
Jay Last, Robert Noyce, Sheldon Roberts und Jean Hoerni gelten als Gründerväter des Silicon Valley. An die
Westküste gebracht hatte sie der Physiker William Shockley im Jahr 1956.
Sein Ziel war es, seine Transistorentechnik, für die er im gleichen Jahr den
Nobelpreis erhalten hatte, weiterzuentwickeln. Doch der umtriebige Chef und
seine jungen Mitarbeiter verstanden
sich nicht. Es kam zum Bruch. Der Verrat der «Traitorous eight» bestand in
der Gründung einer Konkurrenzfirma:
Fairchild Semiconductors. Es war ein
sehr erfolgreicher Verrat. Fairchild
wurde zum ersten Massenproduzenten
von Mikrochips. Stanford-Historikerin
Leslie Berlin betont, dass das gute Zusammenspiel der verschiedenen Forscher Fairchild erfolgreich machte.
Dass eine Idee des Schweizers Jean
Hoerni den Durchbruch brachte, ist
aber unbestritten.

Ein Genfer im Valley

Hoerni, 1924 in Genf geboren, studierte
Mathematik und promovierte in Physik. In Cambridge machte er einen
zweiten Doktor in Physik. 1952 wechselte er ans California Institute of Technology, wo er Shockley kennen lernte. Bei
Fairchild entwickelte er ein Verfahren,
das es erlaubte, Mikrochips in Massen
zu produzieren.
Im Computer History Museum unweit des Google-Geländes in Mountain
View, zwischen dem Highway 101 und
einem Forschungsgelände der Nasa,
werden Notizbücher, Skizzen und Entwürfe der «Traitorous eight» wie Reliquien ausgestellt. Nicht einmal die Theke der Bar fehlt, an der die Jungs ihr
Bier tranken. Das Silicon Valley war
von Anfang an auch Lifestyle. Ein Glaubenssatz der Tech-Branche lautet bis
heute: Ideen entstehen nicht im Einzelbüro, sondern beim Austausch mit anderen. Den Bartheken von damals entsprechen die Begegnungszonen samt
Hotdog-Wagen, Pingpong-Tisch oder
Glace-Stand, die heute in keinem TechUnternehmen fehlen.
Die Distanz zu den Businesszentren
an der Ostküste wie der Wall Street, die
INSERAT

Die «Traitorous eight»: Gordon Moore, Sheldon Roberts, Eugene Kleiner, Robert Noyce, Victor Grinich, Julius Blank, Jean Hoerni und Jay Last (1960).
Keystone / Magnum / Wayne Miller

Start-up-freundliche Stanford-Universität und die kalifornische Hippie- und
Do-it-yourself-Kultur gelten als Faktoren, welche den Entwicklern den nötigen Freiraum gaben, um revolutionäre
Erfindungen hervorzubringen.
Kluge Köpfe und Freiräume reichten
nicht aus, um aus dem verschlafenen
Obstanbaugebiet Santa Clara ein Technologiezentrum zu machen. Es brauchte auch Geld, viel Geld. Heute kommt
es von Investoren, die profitabel anlegen wollen, damals kam es von der Armee. Die Region war im Zweiten Welt-

krieg ein Zentrum der amerikanischen
Luftwaffe. Um die Flugfelder siedelten
sich Elektronikfirmen an. Und der Hunger nach Technik liess nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nach. Im Gegenteil.
Die USA und die Sowjetunion lieferten sich einen Wettlauf der Aufrüstung.
Es herrschte Kalter Krieg. Dabei spielte
nicht nur die Explosivkraft von Wasserstoff- oder Atom-Bomben eine Rolle,
sondern auch Rechenleistung. Nur wer
es schaffte, Flugbahnen und Geschwindigkeiten in Millisekunden zu berechnen, war auch eine ernstzunehmende

Bedrohung für den Gegner. Die USA
wähnten sich noch in den frühen
1950er-Jahren in der Gewissheit, dem
Kommunismus technologisch überlegen zu sein. Doch am 4. Oktober 1957
wurde der Sputnik I in die Umlaufbahn
katapultiert. Der erste Satellit startete
nicht in Cape Canaveral, sondern im
kasachischen Baikonur. Das war ein
Schock für die USA. Denn eine russische Rakete, die einen Satelliten in die
Umlaufbahn schiesst, kann auch eine
Bombe bis nach Washington tragen.
Die US-Behörden intensivierten ihre

Die Nachahmer

Fotos: Key, HO

Zürich

Tel Aviv

New York

London

Einer der grössten Entwicklungsstandorte von Google
ausserhalb der USA ist in
Zürich. Damit weht ein
Hauch von Silicon Valley an
der Limmat, die Initiative
«Digital Zurich 2025» will
ihn verstärken. Zürich soll
zum Tech-Hub werden. Ringier-Chef Marc Walder gelang es CEOs, Politiker und
Professoren für das Anliegen
zu gewinnen.

Silicon Wadi wird die Region
um Tel Aviv an der israelischen Küste genannt. Hatte
das Land kaum Hardware
entwickelt, spielt es im Bereich Software eine Rolle. So
wurde etwa der Nachrichtenübermittlungsdienst ICQ
von der israelischen Firma
Mirabilis entwickelt. Firmen
wie IBM, Intel oder HP beschäftigen Hunderte Entwickler im Silicon Wadi.

Distanz zur Wall Street galt
mal als Vorteil des Silicon
Valley. Die Investoren sind
den Programmierern aber
längst gefolgt, und die Coder folgten dem Geld und
kamen zur Wall Street. Teile
von New Yorks Business District werden als Silicon Alley
bezeichnet. Googles zweitgrösstes Büro ist dort sowie
der Hauptsitz der Telekomfirma Verizon.

Silicon Roundabout wird die
Tech-Industrie an der Themse genannt. Um den Platz
Old Street Roundabout im
Hackney-Quartier siedelten
sich die englischen Start-ups
an. Universitäten und die Politik unterstützen die Entwicklung offiziell. Aus London stammt etwa der Musikdienst Last.fm. Amazon und
Google lassen in der Stadt
der Queen entwickeln.

Forschungstätigkeit. Firmen wie Fairchild profitierten vom Hunger der Armee nach Elektronik und Innovation.
Die «Traitorous eight» blieben nicht
lange zusammen. 1968 gründeten Gordon Moore und Robert Noyce die Firma Intel, die sich zum Prozessor-Giganten entwickelte. «Moores Law», das Gesetz, wonach sich die Rechenleistung
von Prozessoren regelmässig verdoppelt bei gleichen Produktionskosten,
war in vollem Gang.

Auslagerung nach Asien

Als der Journalist Don Hoefler am 11. Januar 1971 den Begriff Silicon Valley (eine Anspielung auf den Werbe-Slogan
von Santa Clara: «The Valley of Heart’s
Delight») zum ersten Mal in einem Zeitungsartikel zu Papier brachte, hatte
sich die Anzahl Techfirmen vervielfacht. 1976 gründete Steve Jobs Apple
und machte den Computer zum Massenprodukt. Das Valley blieb noch bis
in die 1980er-Jahre ein Industriegebiet.
Auch mit entsprechenden Folgen für
die Umwelt. Heute werden iPhone und
PC in Asien produziert, wo die Löhne
niedrig und die Umweltgesetze lasch
sind. In den Industriebrachen haben
sich Programmierer eingenistet und
tüfteln an Apps und Programmen.
Übrigens: Der Genfer Hoerni blieb
nicht lange bei Fairchild. Schon nach
wenigen Jahren verliess der die Pionierfirma und gründete ein neues Unternehmen. Es ist auch diese Nonchalance, alte Projekte hinter sich zu lassen und neu anzufangen, die das Phänomen Silicon Valley ausmacht.

19 meinung

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Und wenn Donald Trump
Schweizer wäre?
Othmar von Matt,
Politikchef

Die Nachricht:
Letzte Woche nominierte der Parteikonvent der Republikaner Donald Trump als Präsidentschaftskandidaten. Diese Woche hoben die Demokraten Hillary Clinton auf den Schild.
Der Kommentar:
Ging es in den Gesprächen in San Francisco oder im Silicon Valley um Donald Trump, kam irgendwann die
Schweiz ins Spiel. «Könnt ihr Trump nicht in die Schweiz
mitnehmen?», fragte ein US-Professor. Und eine Lehrerin
wollte wissen: «Hätte Trump in der Schweiz eine Chance,
gewählt zu werden?» Hinter der Frage, die wie eine harmlose Spielerei daherkommt, steckt Fassungslosigkeit. Wie
nur konnte es so weit kommen, dass Trump ernsthafte
Chancen hat, 45. US-Präsident zu werden?
Hätte Donald Trump eine Chance, Bundesrat zu werden?
Ein Mann, der sich selbst als mehrfacher Milliardär bezeichnet, bei dem die Öffentlichkeit aber nicht weiss, ob er
nicht tatsächlich nur millionenschwer ist? Ein Mann, der
als Unternehmer viermal in Konkurs ging? Ein Mann, der
nie ein politisches Amt ausübte? Ein Mann, der eine Mauer
bauen will? Ein Mann, der als pathologischer Lügner gilt?
Ein Mann, der permanent beleidigt? Ein Mann, dessen Bekanntheit auf seiner Rolle als «Hire-and-Fire»-Gastgeber
der TV-Reality-Show «The Apprentice» fusst? Ein Mann,
der nur ein Lebensmotto zu haben scheint: «Ich.»

Silvan Wegmann zur Woche.

Gastbeitrag von Ruedi Noser

Es braucht New Switzerland
1845 gründeten 150 Auswanderer aus dem Glarnerland, meinem Geburtskanton, New Glarus
in Wisconsin (USA). Sie waren
gezwungen, in eine neue Welt
aufzubrechen. Ich bin stolz auf
meine Vorfahren: Wer eine
solche Reise ins Unbekannte
macht, auch wenn die Not gross
ist, muss mutig sein. Diese Leute
waren die Opfer der ersten industriellen Revolution, die
Handweber und Spinner überflüssig machte. Sie wurden
durch Webmaschinen und
Spinnmaschinen ersetzt. Textilfabriken sprossen im 19. Jahrhundert wie Pilze aus dem Boden. Trotzdem blieb die Schweiz
ein Auswanderungsland, denn
die Technologie der Textilindustrie wurde importiert; man wendete sie an, und sie schuf wenig
Arbeitsplätze. 1880 arbeiteten
63 Prozent aller Industrie-Erwerbstätigen in der Textilbranche, 40 Jahr später waren es
noch 22 Prozent. Trotz vielen
Einzelschicksalen blieb die ganz
grosse Katastrophe aus, wie wir
sie rund 100 Jahre früher erlebt
haben. Sie blieb nicht nur aus,
die Schweiz wurde in dieser Zeit
gar vom Auswanderungs- zum
Einwanderungsland.
Parallel zu dieser schicksalhaften Wirtschaftsgeschichte entstand unsere ETH. 1855 wurde
sie gegründet, 1886 das Chemieund 1890 das Physikgebäude,
dann 1900 das Maschinenlabor
in Betrieb genommen. In der
Folge entwickelte sich die Chemie- und Maschinenindustrie.
Die Schweiz wandelte sich von
der Produktions-Anwenderin
zur Produktions-Entwicklerin.
Unternehmerisch gesprochen:
Die Investition in die
Elitenbildung von der ETH
zahlte sich aus. Hatte die
Schweiz die erste industrielle
Revolution noch verpasst und
wurde in der Folge komplett von
England dominiert, war man für
die zweite industrielle Revolution gewappnet.

Ruedi Noser
ist Unternehmer in der
IT-Branche und FDP-Ständerat des Kantons Zürich.
Er engagiert sich bei der
Initiative «Digital Zurich
2025».

«Ideen, wenn nicht
x-fach abgesichert,
sind uns suspekt.»
Heute stehen wir mit der Digitalisierung an einer ähnlichen
Wegscheide wie im 19 Jahrhundert. Es gibt in der IT etwa
200 000 Fachkräfte. Wie damals
in der Textilindustrie sind die
meisten von ihnen Anwender
dieser Technologien, die nicht
aus der Schweiz stammen, ja
auch nicht aus Europa. Obschon
viele bahnbrechende Erfindungen im Bereich der Digitalisierung hier stattgefunden haben,
verloren wir in den 70er- und
80er-Jahren die ganze Computerindustrie und in den 90erund 2000er-Jahren die gesamte
Telekommunikation. Profitiert
haben in erster Linie die USA.
Heute muss man konstatieren,
dass Europa und die Schweiz die
erste Halbzeit der Digitalisierung
verloren haben. In der zweiten
Halbzeit geht es nun um den
Wettbewerb der Wertschöpfung
und damit um nichts weniger als
unseren Wohlstand. Und wir
sind mannigfaltig gefordert.
Zuerst müssen wir als Gesellschaft verstehen, was die Digitalisierung wirklich alles verändert. Wenn man im 20. Jahrhundert eine Firma aufbauen wollte,
musste man Kapital, Boden und
Arbeitskräfte haben. All das war
zum einen knapp, zum anderen
– wenn man es denn hatte – wurde es sofort besteuert. In der
Digitalisierung gelten andere Regeln. Während man im 20. Jahrhundert mit einer Idee ohne
Kapital nichts erreichen konnte,
gilt jetzt, dass du mit Kapital

ohne die richtige Idee nichts erreichen kannst.
Und gerade unsere Kultur wird
dadurch fundamental herausgefordert. Überragendes und Elitäres ist uns fremd, Ideen, wenn
nicht x-fach abgesichert, suspekt. Wer eine Idee erfolgreich
realisiert, wird beneidet, wer
scheitert, ist out. Das Geheimnis
des Silicon Valley, so sagt man,
ist unter anderem die Art und
Weise, wie man dort mit dem
Scheitern umgeht: «Toll, dass du
es versucht hast!» Unser Wille
zur Perfektion und unsere intolerante Fehlerkultur stehen der
digitalen Kultur zuwider.
Neben der kulturellen besteht
für uns eine institutionelle Herausforderung. Mit der Vermögenssteuer haben wir den Neid
in unserem Staatsgebilde buchstäblich institutionalisiert: Die
Schweiz ist das einzige Land, das
Ideen besteuert, bevor sie überhaupt einen Gewinn erzielen.
Und die Vermögenssteuer verhindert oft, dass ein Einzelner
eine grosse Firma besitzen kann.
Wenn die Digitalisierung aber
das Jahrhundert der Ideen ist,
dann muss es möglich sein, dass
Menschen mit ihren Ideen grosse Firmen aufbauen und auch
besitzen können, ohne dass der
Fiskus sie enteignet.
Die zweite industrielle Revolution hat die Schweiz stark gemacht, weil wir nach der ersten
in die Elitenbildung investiert
haben. Seit damals haben wir

sehr viel in die Breitenbildung
investiert. Wir sind vermutlich
das Land, in dem jeder Jugendliche die Chance hat, die optimale
Ausbildung zu bekommen, mit
der er am besten durch das Leben kommt. Jedenfalls weit besser als in den USA. Diese breite
Ausbildung bietet uns die Chance, kombiniert mit den richtigen
Talenten auch bei der digitalen
Revolution zu den Gewinnern zu
gehören. Verlangt wird aber,
dass wir die Voraussetzungen
schaffen, damit diese Talente in
der Schweiz bleiben oder wie
vor 150 Jahren in die Schweiz
kommen. Darum braucht es
eine Initiative im Bundesrat, die
prüft, was zu machen ist, damit
wir diese Talente haben und
auch behalten können. Es
braucht keine Industriepolitik
dazu. Eine richtige Bildungspolitik, die die Schweiz zum digitalen Hub von Europa macht, und
eine Steuerpolitik, die wieder
Unternehmertum im grossen Stil
zulässt – das würde als Rahmenbedingungen reichen.
In der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts haben wir Mut bewiesen. Auch heute brauchen
wir wieder Mut und einen grossen Effort. Weniger aus der Not,
wie damals die Glarner, die auswanderten, um New Glarus zu
gründen. Wir brauchen den
Mut, die richtigen Entscheide zu
treffen, damit in der Digitalisierung ein New Switzerland entstehen kann – und zwar hier bei
uns und nicht im Silicon Valley,
in das unsere Talente auswandern. Die Schweiz muss mit
ihrer Kultur die Digitalisierung
prägen wollen. Wir können sie
nicht nur den US-Konzernen
überlassen, wir müssen solche
Konzerne in die demokratische
Schweiz holen. Es braucht
mehr als die 150 Auswanderer,
um New Switzerland zu schaffen. Darum: Machen Sie dort
mit, wo Ihr Beitrag verlangt
wird. Werden Sie ein Teil von
NewSwitzerland.org

In der Schweiz gleicht Trump am ehesten Lega-Gründer
Giuliano Bignasca: Er war ein sozial-national ausgerichteter, unflätiger, aber politisch erfolgreicher Selfmade-Man.
Bignasca hätte aber nicht den Hauch einer Chance gehabt, Bundesrat zu werden. Zu ernsthaft wird in der
Schweiz Politik betrieben. Zu gefestigt ist die direkte Demokratie. Und zu wenig polarisiert ist das Land im Vergleich zu den USA von heute. Einen Trump-Vorläufer gibt
es in unmittelbarer Nähe aber sehr wohl: Silvio Berlusconi. Wohin das geführt hat, lässt sich in Italien besichtigen.
othmar.vonmatt@azmedien.ch

Sündenböcke
und Drückeberger
Henry Habegger,
Redaktor

Die Nachricht:
Die grüne Aargauer Regierungsrätin und Asylverantwortliche Susanne Hochuli kandidiert nicht für eine weitere
Amtszeit. Sie wolle Leben und Agenda wieder selbst
bestimmen.
Der Kommentar:
Während acht Jahren war Susanne Hochuli in der Aargauer Regierung unter anderem für das Asyldossier
zuständig. Für die übrigen Parteien waren das recht angenehme Jahre. Wenn etwas schieflief, war Hochuli der Sündenbock. Gab es 2014 etwa lauten Krach um ein Bundeszentrum, forderte die SVP den Rücktritt der Regierungsrätin. Das «Volk» sei wütend.
Die grüne Regierungsrätin befand sich damit in der gleichen Lage wie auf Bundesebene die SP-Frau Simonetta
Sommaruga. Auch sie ist Dauerbeschuss vorwiegend von
rechts ausgesetzt, auch sie macht alles falsch, wenn es
nach ihren Kritikern geht. Das ist natürlich billig, denn in
diesem Dossier kann man fast nichts richtig machen. Erst
recht nicht, wenn man es allen recht zu machen versucht.
Die Migrationsströme sind so schnell nicht aufzuhalten,
die Flüchtlingsbewegungen ebenso wenig. Dabei machen
weder Hochuli noch Sommaruga eine besonders linke
Flüchtlingspolitik, was ihnen auch Kritik aus den eigenen
Reihen einträgt. Sommaruga baut das Asylprozedere in
eine schon fast beängstigend perfekte Maschinerie um,
bei der Menschlichkeit schnell mal zu kurz kommt. Mit ihrer Eritrea-Reise etwa ist Hochuli in eine Falle getappt,
die ein Regime ihr gestellt hat.
Aber das alles ist leicht gesagt. Wie beim Bund, wo sie
den Drückeberger gab, wäre es auch auf Kantonsebene an
der SVP, die Verantwortung für das Asyldossier zu übernehmen. Wer immer alles besser weiss, muss irgendwann
hinstehen und zeigen, dass er es besser macht.
henry.habegger@schweizamsonntag.ch

20 menschen

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Jugendwahn
beim Schweizer
Fernsehen?

Patrizia Laeri
könnte das
News-Team
beim Schweizer
Fernsehen
deutlich
verjüngen. SRF

Keystone

Schlaglicht

Prince hinterliess
einen Sohn
Bisher galt der im April 57jährig verstorbene Popstar
Prince als kinderlos. Nun ist
ein Gentest aufgetaucht, der
beweisen soll, dass der Musiker einen unehelichen Sohn
hatte. Wie der «Santa Monica
Observer» berichtet, hat ein
Labor aus der kalifornischen
Stadt Santa Monica einen
DNA-Test ausgewertet, demzufolge ein bisher unbekannter Mann mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent
der Sohn von Prince sein soll.
Die Mutter des Mannes, der
in den 80er-Jahren geboren
wurde und seinen mutmasslichen Vater nie kennen gelernt haben soll, soll zur damaligen Zeit in denselben
Clubs wie Prince aufgetreten
sein. Sowohl die Frau als
auch ihr Sohn wollen vorerst
anonym bleiben. Laut dem
Bericht soll der Mann bereits
in Verhandlungen mit dem
Nachlassverwalter von Prince
sein. Der Popstar hat ein Vermögen von rund 300 Millionen Dollar hinterlassen.

Nach dem Abgang von Daniela Lager soll das
«10 vor 10»-Team jünger und schöner werden –
nicht alle beim SRF finden das gut.

VON SACHA ERCOLANI

In den kommenden Wochen will man
sich beim Schweizer Fernsehen (SRF)
entscheiden, wer Anfang 2017 die
Nachfolge von «10 vor 10»-Moderatorin
Daniela Lager (52) antritt. Mit Lager im
Team liegt der Altersdurchschnitt der
Sprecher und Sprecherinnen bei
«10 vor 10» und der «Tagesschau» derzeit bei 46,1. Im internationalen Vergleich sind die Schweizer News-Aushängeschilder somit schon jetzt jünger als
die von Sendern wie der ARD (48,3),
dem ZDF (53,8) oder beispielsweise des
US-Nachrichtensenders CNN (47,2).
Jung, attraktiv und weiblich – so ist
auch künftig das Beuteschema der
Chefetage des Schweizer Fernsehens:
TV-Chefredaktor Tristan Brenn (50)
will gemäss kursierenden Gerüchten

mit dem ehemaligen Hobby-Model Patrizia Laeri (38) das News-Team ab 2017
noch einmal deutlich verjüngen.
Am Hauptsitz im Leutschenbach stören sich vor allem ältere SRF-Stars am
derzeit herrschenden Verjüngungswahn der TV-Macher. Auch für den
langjährigen Tele-Züri-Chef Markus Gilli (61) ist dies der falsche Weg: Es zeige
sich gerade in diesen Tagen die Wichtigkeit der TV-News und der Moderation, so Gilli. «Ich habe letzte Woche die
Live-Berichterstattung über den Amoklauf von München auf vielen Kanälen
verfolgt. Da braucht es nicht einfach
ein schönes Gesicht – Können, Erfahrung, Kompetenz sind gefragt», fordert
der Zürcher TV-Profi. «Die Moderation
von Nachrichten ist kein Modelwettbewerb und unterliegt schon gar nicht
dem Jugendwahn. Kompetenz, Erfah-

rung, Sachwissen, Empathie und die
Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge
zu vermitteln. Für mich das alleinige
Anforderungsprofil. Gegen Falten gibt
es Make-up, Unwissenheit und Naivität
können nicht überschminkt werden.
Wolf Blitzer CNN (68), Petra Gerster
ZDF (61), Klaus Kleber ZDF (60), Thomas Roth ARD (64) – sie haben diese
Glaubwürdigkeit, die für die Moderation von News Grundvoraussetzung ist.»

«Das Alter ist sekundär»

Dass ältere Mitarbeiter automatisch
auch mehr Fachkompetenz mitbringen, erfahrener Studio-Interviews führen, besser präsentieren und beim TVPublikum angeblich gefragter sind, dafür hat man beim SRF kein Gehör: «Bei
‹Tagesschau› und ‹10 vor 10› sind journalistische Qualität, Erfahrung und

Glaubwürdigkeit sowie Kameratauglichkeit die wichtigsten Kriterien bei der
Besetzung der Moderationsstellen. Das
Alter ist sekundär», sagt SRF-Sprecher
Stefan Wyss. «Ein Arthur Honegger
oder ein Florian Inhauser mögen jünger sein als ausländische Kollegen. Sie
haben aber als langjährige Auslandkorrespondenten und Krisenreporter eine
reiche journalistische Erfahrung, die
sie für diese Position qualifiziert.»
Schliesslich haben Stars wie der beliebte ARD-Sprecher Jan Hofer (65) auch
früh eine Chance erhalten: Seit er 31
Jahre jung ist, also seit 1985, moderiert
er die «Tagesschau»-Hauptausgabe. In
Amerika ist das ebenfalls so, der ehemalige CNN-Kult-Moderator Larry King
(82) durfte beim Sender WLBW (Channel 10) in Miami schon als 26-Jähriger
die Nachrichten präsentieren.

Feriengrüsse
der VIPs

AP

Ex-Bachelor Rafael
Beutl geniesst die Sonne
in Las Vegas.

Schweiger will auf
keinen Fall Trump

VON SACHA ERCOLANI

Wer jetzt in der Schweiz versucht, eine
VIP-Party zu veranstalten, hat wohl
Mühe, genügend prominente PersönTV-Star Viola Tami sportlich
lichkeiten aufzubieten – denn die vielen
auf Ibiza.
und gern gesehenen Schweizer-CüpliPromis machen nun Ferien in aller
Welt. TV-Moderatorin Viola Tami geniesst mit ihrem Mann Roman KilchBachelorette Zaklina Djuricic und Michael
sperger und den Kindern abSchmied sind in Frankfurt.
Komiker Stefan Büsser feiert am
wechslungsreiche Tage auf der
Ballermann in Mallorca.
spanischen Insel Ibiza – das Paar
geht schon seit Jahren dahin. DJ
Topmodel Sarina Arnold mit
Antoine wurde vor Jahren mit seiMann Raphael in der Toskana.
nem Sommer-Hit «Welcome to
St. Tropez» weltbekannt, seither
ist er dem malerischen Fischerdorf an der Côte d’Azur treu. Mit
seiner Fast-Verlobten Laura Zurbriggen geniesst er die Ferien.
Neu-Single Bligg mag wohl diesen
Sommer nicht in den Flieger steiEx-Miss Dominique Rin
gen, er erholt sich in den Schweiderem
ein
kne
in
n
cht auf Mallorca.
che
Fis
Model
Laura
Zurbriggen
mit
In
Monaco:
Lauriane
Gilliéim
be
zer Bergen und fängt da sein Essen
Bligg
DJ Antoine in St. Tropez.
ron mit Freund Matthew.
gleich selbst.
Schweizer Bergsee.

Wie die Zeit vergeht . . .

1990

Sarandon geniesst
das Älterwerden

2016

Hollywood-Star Jude Law (43) lehnt die ständige Erreichbarkeit über soziale
Netzwerke ab. «Das brauche ich alles nicht. Meine Mails lese ich nicht auf dem
Handy, sondern nachts auf dem Laptop», sagte er der Zeitschrift «Freundin».

Reuters

Arnold Schwarzenegger (68) geniesst
die Berge seiner alten Heimat Thal in
der Steiermark (Österreich). Dazu
postete der Schauspieler, der in Los
Angeles (USA) lebt, diese Woche ein
Foto auf Instagram. «Einfach herrlich
diese Natur», schrieb Schwarzenegger
zum Bild.

HO

Post vom Promi

Luna Schweiger (19), die älteste Tochter von Filmstar Til
Schweiger (52), will persönliche Konsequenzen ziehen,
wenn der republikanische
Präsidentschaftskandidat Donald Trump (70) die US-Wahl
im November gewinnen sollte. Dann «gebe ich auf jeden
Fall meine Staatsbürgerschaft
ab, das steht fest», sagte die
aus Filmen ihres Vaters
bekannte Darstellerin («Tatort», «Kokowääh») dem Magazin «Gala». «Als wir nach
Deutschland gezogen sind,
wollte ich gar nicht weg aus
Amerika», betonte die 19-Jährige. Mittlerweile könne sie
sich aber nicht mehr vorstellen, Deutschland zu verlassen: «Meine Lebensqualität
hier ist so viel höher als in
Amerika, auch was die Bildung angeht. In Amerika
kriegst du noch weniger mit,
was eigentlich in der Politik
passiert.»

Susan Sarandon (69), Oscarprämierte Hollywood-Schauspielerin, hat nach eigenen
Worten keine Angst vor dem
Alter. «Ich geniesse das Älterwerden», sagte sie dem Magazin «Meins». Sie sei als Hippie
aufgewachsen, und genauso
empfinde sie sich selbst weiterhin. «Das ist einfach meine
Natur», so die Darstellerin
(«Dead Man Walking»).

wirtschaft

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

21

SILICON VALLEY

Wo die wertvollsten
Unternehmen
ihren Sitz haben.
Seiten 22/23

Pilotanlage für neue Therapieformen gegen Krebs: Für die Forschung der Schweizer Chemie ist das Silicon Valley wichtig geworden.

Keystone

Die Schweizer im Silicon Valley
Schweizer Pharmariesen sind bereits dick im Geschäft – neu wagt auch ein Uhrenkonzern den Sprung.
VON BEAT SCHMID UND STEFAN EHRBAR

Es kann kein Zufall sein, dass das
Schweizer Uhrenunternehmen TAG
Heuer ausgerechnet Santa Clara ausgesucht hat. Die Stadt mit gut 100 000
Einwohnern ist so etwas wie der Geburtsort des Silicon Valley. Hier befindet sich der Hauptsitz von Intel, des
Computerchip-Produzenten, der 1971
mit dem Intel 4004 den ersten integrierten 4-Bit-Prozessor auf den Markt
brachte, der die Computertechnologie
revolutionierte.
45 Jahre später macht sich nun also
das erste Schweizer Uhrenunternehmen auf in den Westen. TAG-HeuerChef Jean-Claude Biver sagt zur
«Schweiz am Sonntag»: «Ab November
wird auch TAG Heuer in Santa Clara
zehn bis zwölf Ingenieure beschäftigen.
Es wird unsere erste technologische
Niederlassung im Silicon Valley sein»,
sagt der Manager, der beim Luxuskonzern Louis Vuitton für sämtliche Uhrenmarken zuständig ist. Die Welt inklusive die Uhrenindustrie müsse weiter, ist
Biver überzeugt. Die Ingenieure werden direkt im weitläufigen Intel-Campus Quartier beziehen. Für Biver ist der
Gang ins Silicon Valley eine logische
Konsequenz. Letztes Jahr lancierte er
eine erste Smartwatch, die mit Chips
von Intel arbeitet. Wenn er eigene Leute vor Ort hat, sind sie näher dran und
können schneller reagieren.
TAG Heuer ist eines von Dutzenden
Schweizer Unternehmen, die im Valley
ihre Zelte aufgeschlagen haben. Anfang

der 1980er-Jahre war es der Computermauspionier Logitech, der in das damals kaum besiedelte Gebiet vorstiess.
Die Firma wurde in der Westschweiz
gegründet, wo immer noch der Hauptsitz liegt, doch das operative Zentrum
befindet sich in Newark, südlich von
Oakland.
Auf der anderen Seite der Bay, in Foster City, findet sich die kleine Softwarefirma Balluun. Auch sie hat ihren rechtlichen Sitz in der Schweiz, doch getüftelt wird im Silicon Valley. Laut Chef
Roland Kümin sind die «Leute hier neugierig, offen und geprägt von einem
starken Optimismus». Anders in der
Schweiz, wo man «immer noch zuerst
die Gefahren und Risiken» sehe. «Das
paralysiert», so Kümin, der zwischen
der Schweiz und dem Silicon Valley
pendelt.
Kümin will mit seiner Firma disruptive Energien freisetzen. So soll Balluun
Firmen auf clevere Weise zusammenbringen, sodass teure Auftritte an Messen schlicht nicht mehr nötig sind. Das
Unternehmen hat vor kurzem eine Finanzierung über 40 Millionen Franken
erhalten und will nun das Entwicklerteam im Valley «massiv ausbauen».

Seit 13 Jahren ist der Bund dabei

Den Austausch zwischen Schweizer Firmen, der Wissenschaft und dem Silicon
Valley hat sich die Organisation Swissnex auf die Fahne geschrieben. Vor 13
Jahren eröffnete die zu einem Drittel
vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation und dem De-

partement für Auswärtige Angelegenheiten finanzierte Organisation ihren
Aussenposten in San Francisco. Vor
kurzem hat die Organisation neue,
grosszügigere Räumlichkeiten bezogen.
Noch riecht es nach frischer Farbe; die
meisten Arbeitstische sind allerdings
unbesetzt. In einem Teil des loftartigen
Raumes ist aber schon etwas los. Da sitzen Mitarbeiter von Nestlé vor ihren
Computerbildschirmen. Der Nahrungsmittelmulti will die quirlige Startup-Szene vor Ort beobachten können.
Auch die Swisscom hat einen Horchposten eingerichtet. Seit 1998 beobachten Mitarbeiter in Menlo Park die Entwicklung. Unter dem früheren Chef
Carsten Schloter verfolgte die Swisscom ehrgeizige Pläne und begann mit
der Entwicklung von Cloud-Lösungen.
Doch mittlerweise sind die Bemühungen eingeschlafen. Die Swisscom verlegte den Fokus auf Partnerschaften
mit Start-ups und Trend-Scouting. Der
Outpost läuft auf Sparflamme. Gerade
zehn Mitarbeiter beschäftigt die Swisscom vor Ort. Ein Ausbau, so SwisscomSprecher Joseph Huber, sei nicht geplant.
Mehr Aktivität legen Schweizer Pharmafirmen an den Tag. Sie beschäftigen
Zehntausende Personen in der Bay
Area und übertrumpfen damit die
Schweizer IT-Branche bei weitem. Der
wahrscheinlich grösste Schweizer Arbeitgeber in der Region ist Roche. 2009
übernahmen die Basler die Biotech-Firma Genentech vollständig. Über 10 000
Angestellte beschäftigen die DNA-For-

25

Jah re Int ernet

CH-Firmen in der Bay Area
Firma

Standort

Branche

Actelion

South San
Francisco

Pharma

Balluun

Foster City Software

Faceshift AG San
Francisco

Avatar
Software

Genentech
(Roche)

San
Francisco

Pharma

Kaywa AG

San
Francisco

Mobile
Apps

Keylemon SA Campbell

Face recognition

Koemei SA

San
Francisco

VideoSuche

Logitech

Newark

Hardware

Novartis

diverse
Standorte

Pharma

Roche

PleasanPharma
ton/diverse

Scandit Inc.

San
Francisco

Swisscom

Menlo Park Telekom

TAG Heuer

Mobile
barcode

Santa Clara Uhren
Quelle: eigene Darstellung/swissnex

scher zurzeit im Süden von San Francisco. Darüber hinaus arbeiten 800
Mitarbeiter im nahe gelegenen Pleasanton für die Roche Molecular Diagnostics, weitere 500 sind für Roche Sequencing an diversen Standorten in der
Bay Area tätig.

Basler Pharma gibt Gas

Die Region sei ein «sehr wichtiger
Standort im innovationsgetriebenen
Unternehmen», sagt eine Sprecherin.
Grund dafür seien die Dichte von Risikokapitalgebern und Hightech-Unternehmen sowie das ausgeprägte akademische Netzwerk. Das ermögliche unterschiedliche Kooperationen oder Akquisitionen. Die Pharmafirmen wachsen im Silicon Valley vor allem durch
Übernahmen: Erst letztes Jahr übernahm Roche Geneweave, eine Diagnostikfirma mit Sitz in Los Gatos.
Eine ähnliche Strategie verfolgt Novartis: 2006 hatte der Konzern eine
Mehrheit an der Biotech-Firma Chiron
mit über 5000 Mitarbeitern nahe San
Francisco übernommen. 2008 akquirierte Novartis einen grossen Teil der
Lungen-Forschung des Nektar-Konzerns und damit weitere 140 Mitarbeiter in der Bay Area.
Das Silicon Valley ist wichtig für
Schweizer Firmen, auch wenn sie im
IT-Bereich hier wenig zu melden haben. Anders sieht es in Branchen aus,
in denen die Schweiz ohnehin stark ist
– allen voran im Bereich Gesundheit.
Hier hilft das Valley, dass sie noch stärker werden.

22 wirtschaft

25

Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

25 Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

wirtschaft 23
COMPUTERSPIEL

Das Tal der Milliarden
Die wertvollsten Firmen der Welt sind zwischen San Francisco und San José angesiedelt.
VON BEAT SCHMID

Aus dem Silicon Valley stammen die
wertvollsten Firmen der Welt. Die ersten drei – Apple, Googles Mutterkonzern Alphabet und Facebook – kommen auf einen Unternehmenswert von
fast 1,5 Billionen Dollar (1500 Milliarden). Allein der Computerkonzern
Apple wird derzeit mit 570 Milliarden
an der Börse bewertet, Alphabet mit
530 und Facebook mit 355 Milliarden
Dollar. Zum Vergleich: Für die beiden
Schweizer Pharmaunternehmen Roche
und Novartis müsste ein Käufer 212 und
209 Milliarden Franken auf den Tisch
legen. Die beiden Grossbanken UBS
und Credit Suisse gibt es zum Aktionspreis von 51 und 23 Milliarden Franken
– zusammen sind sie achtmal weniger
wert als Apple.
Sind diese astronomisch anmutenden Bewertungen noch gerechtfertigt,
oder erleben wir gerade eine gigantische Bewertungsblase? Aus fundamentaler Sicht sind diese Bewertungen
nicht aus der Luft gegriffen. Zum Beispiel Apple: Der iPhone-Hersteller veröffentlichte diese Woche zwar einen
Gewinnrückgang um 27 Prozent auf 7,8
Milliarden Franken. Aber weil die Analysten düsterere Zahlen erwartet hatten, zogen die Aktien dennoch deutlich
an. Der Rückgang der iPhone-Verkäufe
war weitgehend im Kurs eingepreist.
Die Apple-Titel handeln derzeit zum
11-Fachen des Gewinns. Damit liegt die
Apple-Aktie 35 Prozent unter dem Leitindex S&P500. Zudem hat der Konzern
ein 250 Milliarden Dollar schweres Aktienrückkaufprogramm am Laufen.
Man könnte also durchaus argumentieren, dass Apple unterbewertet ist.

Wertzuwachs oft spektakulärer
als in der Dotcom-Phase
Die phänomenale Entwicklung der Börsenkurse setzte nach der Finanzkrise
im Jahr 2008/09 ein. Der Wertzuwachs
fällt dabei zum Teil noch spektakulärer
als während der berüchtigten DotcomPhase um die Jahrtausendwende. Da-

mals zählen Firmen wie Microsoft und
Cisco zu den wertvollsten Technologiefirmen der Welt. Das Erstaunliche an
der jüngsten Entwicklung ist, dass es
den jungen Firmen immer schneller gelingt, sehr grosse Börsenwerte zu generieren. Um auf eine Kapitalisierung von
350 Milliarden zu kommen, brauchte
Apple 31 Jahre. Bei Microsoft dauerte
die Phase 13 Jahre, bei Google noch 9
Jahre und bei Facebook lediglich 4 Jahre nach dem Börsenstart.

Chefs von der Angst getrieben,
den Wendepunkte zu verpassen
Der kometenhafte Aufstieg junger Firmen sorgt für einen konstanten Stresspegel bei den Chefs der etablierten
Grosskonzerne. Ständig werden sie von
der Angst verfolgt, von einem jungen
Konkurrenten überholt zu werden.
«Nur die Paranoiden überleben», lautete einst der Titel eines Bestsellers von
Andrew Grove, dem langjährigen Chef
des Prozessorriesen Intel. Es erschien
im Jahr 1997 und hat nichts von seiner
Gültigkeit verloren.
Spürbar ist die Paranoia, wichtige
Wendepunkte zu verpassen, auf Schritt
und Tritt im Silicon Valley. Auch auf
dem Campus von Facebook, dem
schnell wachsenden Social-Media-Unternehmen, das diese Wochen einen
spektakulären Gewinnsprung auf 2,1
Milliarden Dollar für das letzte Quartal
meldete.
Facebook-CEO Mark Zuckerberg
wollte ein Zeichen setzen. Als es dem
Social-Media-Unternehmen wegen des
schnellen Wachstums in den alten Büros zu eng wurde, übernahm es das Firmengelände von Sun Microsystems,
einer einst umjubelten High-End-Computerfirma, die extrem zuverlässige
und ultraschnelle Server und Workstations produzierte.
Doch das Unternehmen schlitterte in
die Krise und wurde schliesslich vom
Datenbank-Riesen Oracle geschluckt.
Zuckerberg verfügte, dass das alte SunLogo am Gebäude stehen blieb – als
Mahnmal, dass der Erfolg, sei er auch

noch so spektakulär, nicht gegeben ist.
Innovativer, schneller, reicher – das
ist die Maxime des Silicon Valley. Bereits ganz junge Unternehmer müssen
sich diesem Gesetz unterwerfen, wenn
sie auch nur den Hauch einer Chance
haben wollen. Am Anfang eines Startups stehen meist zwei, drei junge Ingenieure, die Tag und Nacht an einem
Prototyp tüfteln.
Sobald die Idee Gestalt annimmt,
kommt das grosse Geld ins Spiel. An
der Sand Hill Road in Palo Alto sitzen
die grössten Geldgeber der Silicon-Valley-Geldmaschine. Sie laden die Jungunternehmer in schicke Sitzungszimmer ein, wo sie die einmalige Chance
bekommen, ihre Pläne zu präsentieren.
Haben sie Glück, erhalten sie von
diesen Venture-Capital-Firmen – im Valley werden sie VCs genannt – die ersten
paar hunderttausend Dollar. Die Risikokapitalgeber händigen das Geld nicht
aus Nächstenliebe aus, sondern aus
knallhartem Kalkül, um möglichst früh

Schnelle Brüter
Anzahl Jahre nach Börsengang, bis der
Firmenwert 350 Milliarden Dollar erreichte

Facebook

Alphabet

Cisco Systems

Microsoft

Amazon.com

4
9
10
13
18
31

Apple
QUELLE: FACTSET

GRAFIK: MTA/SAS

den Fuss in einer Firma zu haben,
die zum nächsten Google oder Facebook werden könnte. Wenn alles gut
läuft, folgt nach diesem ersten «Seed»Geld eine erste richtige Finanzierungsrunde, dann die zweite und dann die
dritte. Spätestens dann wird über einen
Börsengang gesprochen beziehungsweise einen Verkauf an einen Konkurrenten.
Bei jeder Finanzierungsrunde erhöht
sich dabei der Firmenwert. Wenn ein
Gründer in einer ersten Runde 10 Prozent der Firma für eine Million
Dollar verkauft, beträgt der Wert
der Firma somit 10 Millionen Franken.
Je nachdem, wie attraktiv eine Firma
ist und wie viele Investoren Schlange
stehen, können die Bewertungen ziemlich schnell in astronomische Höhen
schnellen.

Uber kann das Wachstum teils
aus eigener Kasse finanzieren
So zum Beispiel beim Fahrtenvermittlungsdienst Uber: Zuletzt hat ein saudischer Staatsfonds 3,5 Milliarden Dollar
in die Firma investiert, was den Unternehmenswert von Uber auf 62 Milliarden Dollar hochschraubte. Damit hat
die Firma aus San Francisco so viel
Geld in der Kasse, dass sie in der nächsten Zeit gar keinen Börsengang ins Auge fassen muss. Das Wachstum kann sie
zum Teil aus der eigenen Kasse finanzieren: In den 20 wichtigsten Märkten
schreibt sie einen Gewinn von einer
Milliarde Dollar.
Momentan gibt es keine Anzeichen,
als würde der Boom im Silicon Valley
bald zu Ende gehen. Im Gegenteil:
Die weltweit tiefen Zinsen werden eher
dazu führen, dass noch mehr Kapital
ins Tal zwischen San Francisco und
San José fliessen wird. Denn weltweit
suchen Investoren verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten, die Renditen versprechen, die über den (Negativ-)
Zinsen von Staatsanleihen liegen. Das
Silicon Valley ist der Ort, wo nicht
nur Ideen sprudeln, sondern auch das
Geld.

Der Kampf um die Wolke
Google, Microsoft und
Amazon streiten sich
um die Cloud – ein 1000Milliarden-Dollar-Markt.

Hälfte des Betriebsgewinns kommt inzwischen aus diesem hochprofitablen
Segment.
Jeff Bezos, der Amazon-Gründer und
CEO, wurde belächelt, als er vor über
zehn Jahren ins Cloud-Geschäft einstieg. Jetzt lacht niemand mehr, vor allem bei Microsoft und Google nicht,
den beiden grössten Konkurrenten im
Cloud-Geschäft. Bezos hat einen nicht
unerheblichen Vorteil gegenüber den
beiden anderen Tech-Firmen. Als
Händler ist er ein Meister darin, mit
hauchdünnen Margen zu operieren.
Microsoft und vor allem Google ist dies
weitgehend fremd.

VON BEAT SCHMID

Auch 20 Jahre nach der Gründung
steht Google vor allem für seine Suchmaschine. Das Unternehmen hat schon
einige Versuche unternommen, dies zu
ändern. Nicht zuletzt ist die Umbenennung des Konzerns auf Alphabet Ausdruck davon, nach neuen Ufern aufbrechen zu wollen. Nachdem die Firma
vor ein paar Jahren den Social-MediaTrend verpasst hatte, will die Firma
beim nächsten grossen Ding nichts anbrennen lassen. Es geht dabei um die
Speicherung von Daten in der sogenannten Cloud.
Um was geht es? Noch heute speichern die meisten Privatpersonen und
Unternehmer ihre Daten und Computerprogramme auf Notebooks oder Servern. Weil Internetverbindungen immer schneller werden, wird es immer
einfacher, Daten und Programme in
der Datenwolke, eben der Cloud, zu
verwalten. Der Trend ist nicht neu,
schon gegen Ende der 1990er-Jahre gab
es E-Mail-Programme wie Hotmail oder

Konkurrenten: Amazon-Gründer Jeff Bezos und Google-Chef Eric Schmidt. Key
Yahoo-Mail, welche die Daten der Nutzer auf zentralen Servern speicherten –
meist kostenlos. Neu ist, dass Private
und auch Unternehmen fast ihre gesamten Informatikbedürfnisse aus der
Cloud beziehen können. Dies hat natürlich seinen Preis. Die Umsätze, die
Cloud-Dienstleister erzielen, gehen derzeit durch die Decke.
Der grösste Anbieter ist aber nicht
Google, sondern Amazon, der vor allem als Online-Buchhändler und Detailhändler bekannt geworden ist. Diese

Woche legte das Unternehmen seine
Quartalszahlen vor. Es bot dabei eine
handfeste Überraschung: Gegenüber
dem Vorjahresquartal verneunfachte
die Firma den Gewinn auf über 850
Millionen Dollar. Das Verblüffende an
den Zahlen war, dass der Anstieg trotz
unvermindert hohen Investitionen zustande kam. Zu einem guten Stück geht
das auf steigende Erträge bei den
Cloud-Diensten zurück, mit denen
Amazon im letzten Quartal 2,89 Milliarden Dollar Umsatz machte. Fast die

Höchste Zeit für Google, neue
Umsatzquellen zu erschliessen
Ihr Geschäft ist seit je enorm margenträchtig. Besonders bei Google, das 90
Prozent des Umsatzes mit dem Verkauf
von Werbung macht. Man scheint sich
einfach darauf zu verlassen, dass die
hochmargigen Online-Ads auch in Zukunft die Kassen füllen werden. Doch
zumindest beim Wachstum hat Facebook Google abgelöst. Es ist höchste
Zeit für Google, neue Umsatzquellen zu
erschliessen. Ein hoher Manager beziffert den Markt für Cloud-Lösungen auf
weltweit über 1000 Milliarden Dollar.
Selbst wenn Google nicht Marktführer
wird, dürfte etwas abfallen.

«Pokémon Go»
verunsichert
Tech-Giganten
Es ist ein Hype, wie ihn die Welt
noch nie gesehen hat. Innerhalb von
drei Wochen luden mehr als 75 Millionen Smartphone-Nutzer als Spiel
«Pokémon Go» herunter. Es ist damit das erfolgreichste Computerspiel, das die Welt je gesehen hat.
Im Silicon Valley ist dieser phänomenale Erfolg inzwischen ein heiss
diskutiertes Thema. Es gibt kaum
ein Gespräch unter Internet-Unternehmern, in dem nicht über «Pokémon Go» gesprochen wird. Dabei
wird das weltweite Phänomen mit in
Parks herumirrenden Jugendlichen
mit Handy vor der Nase nicht etwa
belächelt, sondern sehr ernst genommen. Das Spiel elektrisiert und
verunsichert die Branche zugleich.
«Es ist unglaublich, wie es die Entwickler geschafft haben, in so kurzer
Zeit so viele Menschen zu erreichen
– und das mit lediglich 50 Mitarbeitern», sagt ein Manager. Andere Firmen wie Facebook oder Snapchat
hätten dafür viel länger gebraucht
und mit wesentlich mehr Personal.
Wer so schnell wächst, zieht die
Aufmerksamkeit auf sich – eine der
wichtigsten Währungen im Silicon
Valley. Und wer einen Hype kreiert,
gilt als attraktiv für talentierte Mitarbeiter, zieht Investoren an und Werbegelder.
Das Spiel wurde von der Softwarefirma Niantic ausgedacht. Das Interessante an dieser Firma ist, dass sie
bis vor kurzem dem Google-Konzern

Elektrisiert
die Branche:
«Pokémon
Go».
HO
Alphabet gehörte. Doch der Gigant
entliess das Unternehmen in die
Freiheit. Das war ein kluger Schachzug. Denn erst durch seine Unabhängigkeit habe Niantic eine Kooperation mit Nintendo überhaupt abschliessen können, sind sich Beobachter sicher. Dem japanischen
Computerspiel-Spezialisten gehören
die Rechte an den Pokémon-Figuren. Viele Firmen hätten schlicht
Angst, mit dem Suchgiganten zu kooperieren, da er ihnen zu gross und
zu mächtig erscheine.
Der Erfolg von Niantic entlarvt
aber auch eine Schwäche von Alphabet. Das Unternehmen fördert unter
seinem Dach zwar viele kleine Firmen mit teilweise verrückten Ideen,
aber es gelingt ihm kaum, aus diesen
Jungfirmen neue Stars zu formen.
Wenn sie ausserhalb mehr Kreativität entwickeln können, lässt Google
sie besser ziehen. BEAT SCHMID

INSERAT

25

24 wirtschaft

Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Leserfragen an den
Geldberater
Sämtliche Leserfragen werden beantwortet.
Schreiben Sie Geldberater
François Bloch ein E-Mail an:
geld@schweizamsonntag.ch.
> Wie sehen Sie die Perspektiven der
Sonova-Aktie? Ich liege jetzt mit meinem Durchschnitt ca. 3 Fr. im Minus.
Wäre es allenfalls ratsam, diesen Verlust zu realisieren und in eine Ihrer
Empfehlungen, Burkhalter oder Kardex, zu investieren?
Dieser Verlust ist kein eigentlicher
Dammbruch, viel wichtiger scheint ,
wie die Aussichten von Sonova in der
Zukunft sind. Das Produkteangebot
hat sich in meinen Augen über die
letzten drei Jahre massiv verbessert.
Daher ist ein Verkauf nicht opportun.
Wie Sie mir auf Nachfrage mitgeteilt
haben, besitzen Sie Sonova-Aktien im
Wert von über 30 000 Franken. Damit
steht dem gedeckten Call-Verkauf
über 6 Monate mit einem Ausübungspreis bei 130 Franken nichts im Weg.
Durch die einkassierte Prämie sollte
Ihr Verlust damit vollständig aufgeholt
sein. Haben Sie ein bisschen Sitzleder,
Sonova ist kein Topfavorit von mir,
aber auch keine schlechte Firma, wo
Handeln sofort angesagt ist.
Mit Stil, aber ohne Erfolg: Wartesaal im Bahnhof von Palo Alto.

Patrick Züst

Amerika entdeckt den TGV
Kalifornien plant die Verkehrsrevolution nach europäischem Vorbild. Doch das
Projekt steht auf der Kippe.
VON STEFAN EHRBAR

Jeff Morales muss wieder einmal erklären,
weshalb er sein Geld wert ist. Es ist früher
Dienstagmorgen in einem nüchternen Sitzungssaal in San José, als der Chef der California High Speed Rail Authority (HSR) vor
die Mitglieder der Handelskammer Silicon
Valley tritt. Morales spricht ruhig und
überlegt. Sein Projekt ist Superlativ genug.
65 Milliarden US-Dollar sollen bis 2029
in den Bau einer 800 Kilometer langen
Zugstrecke zwischen Anaheim, Los Angeles und San Francisco fliessen. Später
könnten auch San Diego im Süden und Sacramento im Norden erschlossen werden.
Es ist das grösste Infrastrukturprojekt Kaliforniens seit 60 Jahren, ein Plan nach europäischem Zuschnitt, mit Vorbildern in
Deutschland, Frankreich und Italien. Das
Problem: Erst etwa ein Fünftel der Gelder
ist beisammen. Damit wird der erste Abschnitt zwischen San Jose und Bakersfield
gebaut. Ab 2025 rollen dort die Züge. Für
den Rest braucht Morales’ Behörde Geld.
Rod Diridon, Ex-Politiker und Leiter
eines Forschungsinstituts, soll das Projekt
an diesem Morgen begründen. Er spricht
vom Klimawandel. Die Wirtschaftsvertreter klatschen müde. Wegen Moral-Appellen
steigt kein Mensch auf den Zug um.
Morales weiss das. Wenn er über HSR
spricht, streicht er anderes heraus: Effizienz, Geschäftsgelegenheiten, Chancen für

die Stadtentwicklung. Schon heute pendeln
Leute zwischen dem Central und dem Silicon Valley, weil sie sich das Wohnen im
Technik-Tal nicht leisten können. Drei Stunden braucht ein Weg. Mit der neuen Linie
werden es 40 Minuten sein. Die Fahrt auf
der kompletten Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco soll dereinst unter
drei Stunden dauern und etwa 80 Dollar
kosten. Wenn die Linie erst einmal steht, ist
Morales überzeugt, werden die Leute sie
nutzen. «Die Mehrheit trifft praktische Entscheidungen», sagt er. «Wall-Street-Banker
in New York nutzen die U-Bahn nicht, weil
sie sich gern in überfüllte Wägen zwängen.
Sondern weil es die praktischste Art ist, sich
fortzubewegen.»

Ideologie gegen die Eisenbahn

Das Projekt könnte ein Revival der Bahn in
den USA einleiten. Mit dem Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand sie in der Versenkung. Jede Mittelstandsfamilie konnte sich bald ein
Auto leisten. 1956 unterzeichnete
Präsident Eisenhower den Highway
Act. Mit ihm gaben sich die USA ein
modernes Autobahn-Netz. Die meisten Bahngesellschaften schlossen in
Folge, die verbliebenen konzentrierten
sich auf wenige Strecken. Zwar werden
etwa 40 Prozent der Fracht innerhalb
der USA per Bahn verschickt. Menschen
aber nutzen das Auto oder das Flugzeug.
Die staatliche Bahngesellschaft Amtrak
mit ihrem landesweiten Netz befördert
in einem Jahr so viele Passagiere wie die
SBB in einem Monat.
Die Politik kümmerte sich lange nicht um
die Probleme. In Kalifornien änderte sich
dies, als unter dem republikanischen Gou-

Peter Spuhler
möchte die
Züge für die
kalifornische
TGV-Linie
bauen.
Mario Heller

verneur Pete Wilson 1998 die HSR gegründet wurde. Ein Urnengang fand zehn Jahre
später statt, die Kalifornier sagten mit 52,7
Prozent Ja zum Staatsbeitrag von knapp 10
Milliarden US-Dollar. Seit letztem Jahr erhält HSR zudem Gelder aus einem Emissionsprogramm. Weitere Geldquellen erschloss sich das Projekt auf eher glückliche
Weise: 2008 zogen mit Barack Obama und
Joe Biden zwei öV-affine Politiker ins Weisse
Haus. Sie skizzierten die Vision von Hochgeschwindigkeits-Netzen im ganzen Land.
Über 3 Milliarden Dollar investierte Washington seither in die HSR. Von solchen
Geldern könnten alle Bundesstaaten profitieren. Aus ideologischen Gründen verzichteten aber viele darauf, etwa Florida, Ohio
und Wisconsin. Und so bleibt das Projekt in
Kalifornien vorerst das Einzige im Land.
Vom Projekt profitieren könnte eine
Schweizer Firma. Der Bahnbauer Stadler
von Peter Spuhler hat angekündigt, HSRZüge bauen zu wollen. Der Hochgeschwindigkeits-Markt spielt im Geschäft der Thurgauer noch keine grosse Rolle, ist aber interessant. Ob Stadler zum Zug kommt, ist
unklar. Die Ausschreibung beginnt erst, die
Konkurrenz ist hart. Unsicher ist auch, ob
2029 tatsächlich Züge zwischen San Francisco und Los Angeles verkehren. Geplant
ist, die Betreiberrechte an eine private Firma zu verkaufen und mit dem Erlös den
Bau der kompletten Strecke zu finanzieren.
Das Feedback sei sehr gut, sagt Jeff Morales. Aber unterschrieben sei noch nichts.
Kalifornien nimmt den europäischen
Weg. Der Optimismus bleibt amerikanisch.
Man werde die besten Ideen der ganzen
Welt nehmen und miteinander verbinden,
sagt der HSR-Chef. «Wir werden technologisch führend sein.»

Der Verkehr fliesst nie in Kalifornien
Kalifornien hat ein grosses Verkehrsproblem. Die Lösungen im Silicon Valley sind trotzdem eher altbacken.
VON STEFAN EHRBAR

Im Silicon Valley sitzen die hellsten Köpfe der Welt. Aber wenn sie ein Verkehrsproblem lösen sollen, fällt ihnen nichts
Schlaueres ein als Doppelstockbusse. Im
Sekundentakt fahren diese an Feierabend von den Hauptsitzen von Google
oder Facebook in Richtung San Francisco – und verschlimmern damit die Situation auf den notorisch überfüllten Highways noch. In San Francisco und Los
Angeles verlor ein durchschnittlicher

Pendler letztes Jahr 80 Stunden im Stau,
schreibt das Texas Transportation Institute. Nur Washington D. C. schneidet
schlechter ab.
Und die Verkehrssituation in Kalifornien wird immer übler: Noch vor fünf
Jahren lag diese Zahl in Los Angeles bei
61 Stunden. Auch in der Luft ist der Verkehr geschäftig. 124 Flüge verkehren
täglich zwischen Los Angeles und San
Francisco. Die Hochgeschwindigkeits-Linie der Bahn (siehe oben) dürfte diese
Zahl dramatisch senken. Das zeigt die

Erfahrung mit vergleichbaren europäischen Projekten. Trotzdem gibt es wenig Opposition aus der Airline-Branche.
Der Flughafen San Francisco weibelt für
das Projekt, bezeichnet es gar als «dritte
Landebahn». Er kann nicht ausgebaut
werden und möchte die Kapazität lieber
für Langstreckenflüge nutzen.
Die Ursachen für die Verkehrskrise in
Kalifornien sind vielfältig. Die kalifornische Wirtschaft boomt. Der Bundesstaat mit heute 40 Millionen Einwohnern erwartet bis 2060 eine Bevölke-

rungszunahme um 12 Millionen. Im Silcon Valley kommt hinzu, dass die Mitarbeiter der dezentral gelegenen Firmen oft lieber in der Grossstadt San
Francisco wohnen. Andere wiederum
können sich das Valley nicht mehr leisten und müssen deshalb länger pendeln. Kalifornien setzt nun stark auf
den öffentlichen Verkehr. In San Francisco etwa wird im November über ein
3,5-Milliarden-Dollar-Paket abgestimmt,
mit welchem die S-Bahn-ähnliche BART
ausgebaut und verlängert werden soll.

> Habe schon viel Geld mit Ihren
Tipps verdient. Ich habe noch 23 000
Fr. zum Anlegen. Was würden Sie mir
raten? Actelion oder VAT N?
Ich halte von beiden Firmen sehr viel.
Wobei meine Präferenz bei der Actelion liegt, und dies seit mehreren Jahren. Der Basler Biotechwert verspricht
noch ein nettes Aufwärtspotenzial,
während bei VAT momentan die Luft
draussen ist nach dem phänomenalen
Start an der Schweizer Börse seit dem
IPO. Kaufen Sie 100 Actelion-Aktien,
und verschreiben Sie diese auf sechs
Monate. Dadurch erhalten Sie ein optimales Rendite-Risiko-Profil.
> Ich habe bei der XYZ Bank ein grösseres Wertschriften-Depot, 25 verschiedene Titel. Unter anderem habe
ich 60 Givaudan-Aktien, Einstandspreis 484 Fr. Nun meine Frage: Ist mit
Givaudan etwas nicht in Ordnung?
Denn die Analysten der XYZ-Bank
empfehlen mir, die Aktien zu verkaufen und in attraktivere Anlagen zu investieren. Was soll ich machen?
Die Beweggründe der XYZ Bank
(Name der Bank ist der Redaktion
bekannt) sind mir schleierhaft. Ich
würde begeistert sein, die Werte von
Givaudan zu einem solchen Einstandspreis in meinem Portfolio zu halten.
Sicherlich ist Givaudan nicht der TopPerformer an der Schweizer Börse,
aber Qualität und Aussichten sind
einzigartig. Lassen Sie sich nicht
ins Bockshorn jagen, behalten Sie
Ihre Positionen.

Rappenspalter:
Tipps von François Bloch

Faszinierend
> Heute geht es nach Hamburg, und dabei bin ich auf ein Hotel gestossen an
ausgezeichneter Lage. Aber viel spannender finde ich das Design – faszinierend. Darf ich vorstellen: das Hotel East,
ein Vier-Sterne-Superior-Hotel
(www.east-hamburg.de) mitten in
St. Pauli. Dabei gibt es ein paar Tricks,
wie Sie billiger in dieses Hotel gelangen.
a) Buchung auf der hoteleigenen Website, wo Sie bis zum 31. August 2016
einen Rabatt von nahezu 20% erhalten
mit dem Buchungscode THX_Summer1.
Oder b): Sie gehen auf die Website von
secretescapes.de. Im Preis inbegriffen
ist sogar der Zugang zum Spa und
Fitness-Zentrum. Fazit: Schon die Lobby
des Hotels begeistert. Die Zimmer sind
vom Design her ein Hingucker, und mit
dem Standort der Unterkunft ist ein
Wochenendtrip nach Norddeutschland
ein Genuss. Aktueller Tiefstpreis:
135 Franken pro Nacht.
Anlagenote: 9,9/10

25 geld

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

EU RO

KURSE DER SMI-TITEL
ABB N
20.60 +0,1%
Actelion N
171.90 –0,2%
Adecco N
53.20 +0,2%
Credit Suisse N
11.15 –2,0%
Geberit N
374.00 –0,3%
Givaudan N
1992.0 –1,7%
LafargeHolcim N
46.12 +5,2%
Julius Bär N
39.78 –0,4%
Nestlé N
77.70 –0,6%
Novartis N
80.30 –2,5%

Richemont I
Roche GS
SGS N
Swatch I
Swiss Re N
Swisscom N
Syngenta N
Swiss Life
UBS N
Zurich Insurance N

58.95 +2,6%
247.50 –0,9%
2145.0 –1,1%
254.10 –0,6%
81.35 –1,5%
477.10 –0,5%
381.10 –3,3%
221.50 –0,9%
13.35 +1,4%
232.90 –0,1%

Kursentwicklung letzte 3 Monate
Fr.pro Euro
1.114

DOLLAR

DOW JONES

Kursentwicklung letzte 3 Monate
1.01
Fr.pro U S-D ollar

Kursentwicklung letzte 3 Monate
19 000

SW ISS M ARK ET INDEX

Kursentwicklung letzte 3 Monate
8300

1.00
1.104

18 500

0.99
0.98

1.094

0.97

1.084
1.08

1.074

8000

18 000
17 500

0.96

17 000

0.95

7550

40

+45,02% im Jahr 2016. Sicherlich handelt es
sich nicht mehr wie in der Vergangenheit
um ein Börsenschnäppchen, denn das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis von 45,2
Punkten ist sportlich. Da Sie einen weit tieferen Einstandskurs haben, muss Sie dies
nicht zu stark beunruhigen. Auch der Einsatz von gedeckten Calls macht zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn. (Halten)

> An der Zürcher Goldküste, Bezirk Herrliberg City und Umgebung, herrscht Jubelstimmung: Der Winterthurer Automobilzulieferer Autoneum (Börsensymbol: AUTN
SW) erreichte in dieser Woche neue
Höchststände an der Schweizer Börse. Mit
einem Zuwachs von 34,88% 2016 wird die
ausgezeichnete Managementleistung des
Teams um den bodenständigen CEO Martin Hirzel begeistert aufgenommen. Wie
aus der Gerüchteküche zu vernehmen ist,
steht das Vorzeigeunternehmen, das eine
Abspaltung von Rieter darstellt, mit drei
neuen Autoproduzenten in weit fortgeschrittenen Verhandlungen, um hochstehende Betriebsteile herzustellen. Damit
wird auch im kommenden Jahr die Erfolgsgeschichte ein neues Kapitel erhalten. Laut
meinen quantitativen Modellen wäre unter
diesen Prämissen ein Kurs von 288 Franken per 1. Quartal 2017 nicht mehr ausgeschlossen. (Halten)
> Zum Running Gag mutiert der Kursverlauf der Namen-Aktien von Swatch (Börsensymbol: UHRN SW) an der Schweizer
Börse: –1,49% allein in dieser Berichtswoche. Damit akzentuiert sich die negative
Kurstendenz weiterhin – und die Hedge
Funds tragen einen grossen finanziellen
Sieg davon. Klares Indiz für diese Behauptung ist der prozentual hohe Anteil von sogenannten Short-Positionen auf die Werte
des Bieler Uhrengiganten: Laut der US-Finanzdatenbank Markit liegt der Massstab
bei knapp über 25%. Trotz einem Jahresminus von 37,50% würde ich noch nicht
auf den innovativen Swiss-Market-IndexWert setzen. Auch der UBS-Trendradar hat
per 28. Juli 2016 um 17.30 Uhr eine Verkaufsposition eingenommen. (Abwarten)
> Nochmals einen Zacken zugelegt hat der
US-Datenmanagement-Spezialist DuPont
Fabros Technology (Börsensymbol: DFT
US): +52,63% beträgt die Rendite seit dem

INSERAT

> 105 Minuten nach Anpfiff des schweizerischen Börsenhandels am Montagmorgen
hat der UBS-Trendradar in Sachen Kardex
(Börsensymbol: KARN SW) auf positiv geschaltet, nachdem vorgängig noch eine
Verkaufsposition als Indikation galt. Das
Wochenplus des Logistikunternehmens
beträgt 5,75%. Damit zählen Sie als Leser
dieser Kolumne zu den grossen Siegern.
(Der weltweit grösste Vermögensverwalter
im Gleichtakt mit der «Schweiz am Sonntag», Synonym für maximale Rendite)
Marco Ratschiller

1. 1. 2016, ohne die satte Dividendenrendite
von 3,87% zu berücksichtigen. Nach der
Durchsicht des Quartalsergebnisses vom
Donnerstagabend gebe ich Ihnen weiterhin grünes Licht, auf diesen Höhenflieger
zu setzen. Das mit einer Marktkapitalisierung von 3,67 Milliarden US-Dollar bewertete Unternehmen ist zu einem weiteren
Kurssprung nach oben bereit, und Sie sitzen in der ersten Reihe. (Halten)

> Jetzt ist wohl auch einer der grössten europäischen Börsenklubs mit 89 000 zahlenden Mitgliedern auf den amerikanischen
Herzklappenspezialisten Edwards Lifesciences (Börsensymbol: EW US) gestossen. Der
24,4 Milliarden US-Dollar schwere Titel befindet sich in der Form seines Lebens:

Unser Experte hat sich
verpflichtet, in keinem
der besprochenen Titel
aktiv zu sein. Wer die
Börsentipps aus dieser
Kolumne umsetzt, tut
dies auf eigenes Risiko.
Die «Schweiz am Sonntag» übernimmt keine
Verantwortung.

44
42

Der Automobilzulieferer erklomm diese Woche neue Höchststände.
VON FRANÇOIS BLOCH

48

7700

Autoneum fliegt der Börse
um die Ohren

8127

46
7850

0.97

Kursentwicklung letzte 3 Monate
US-Dollar
52
50

8150
18 432

ROHÖL (BRENT, LONDON)

> Bald erreicht der US-Güggeli-Produzent
Tyson Foods (Börsensymbol: TSN US) eine
Marktkapitalisierung von 30 Milliarden
US-Dollar. Trotz einem Kursplus von
38,23% allein im Jahr 2016 sollten Sie weiterhin auf dieses Papier setzen. Bei einem
aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis von
18,22 darf dieser Titel weiterhin stolz das
Prädikat Börsenschnäppchen tragen. (Halten, Kaufen für Nachzügler)
> Nicht nur auf dem grünen Rasen sorgt
FC-Basel-Präsident Bernhard Heusler mit
seinem Führungsgremium für Sternstunden, sondern auch als VR-Mitglied beim
Baselbieter Kioskbetreiber Valora (Börsensymbol: VALN SW). Die veröffentlichten
Quartalszahlen von dieser Woche waren
einfach atemberaubend gut: + 40,89% (mit
Dividende) beträgt die Ausbeute 2016 für
den Aktionär. Haben Sie noch ein bisschen
Geduld mit Verkaufen, die Champions
League an der Börse findet erst im Herbst
statt – so wie auch auf dem grünen Rasen.
(Heusler: Der Erfolgsgarant)

42,5

Anlage-Tipp
Wohl zum letzten Mal auf absehbare Zeit wird es strukturierte
Produkte auf schweizerische
Bankentitel geben, die mit einem
starken Coupon und tiefen Barrieren aufwarten. Die Situation auf
der Eigenkapitalseite verbessert
sich stetig, Schritt für Schritt. Und
das ist gut so. Die Leonteq bietet
mit einem Trio, bestehend aus
Credit Suisse, Julius Bär und UBS,
ein Paket der Spitzenklasse an:
Die Barriere liegt bei ultratiefen
40%, versehen wird dies mit
einem Coupon von 7% pro Jahr
auf die maximale Laufzeit von
drei Jahren. Das Produkt mit dem
Valor 31468223 wird von der
Cornèr Bank AG emittiert – dort,
wo Sergio Ermotti seine Banklehre absolvierte.
Bewertung 9,6/10

Wochenagenda
Montag, 1. August
> Schweiz: Nationalfeiertag,
Börse geschlossen

Dienstag, 2. August
> Oerlikon: Ergebnis Q2
> Swiss: Ergebnis H1
> Bundesamt für Statistik:
Detailhandel Juni

Mittwoch, 3. August
> Belimo: Ergebnis H1
> GAM: Ergebnis H1
Donnerstag, 4. August
> Mobimo: Ergebnis H1
> Schweiter: Ergebnis H1
> Valiant: Ergebnis H1
> Inficon: Ergebnis Q2
> Seco: Konsumentenstimmungsindex Juli
> KOF der ETH: Beschäftigungsindikator

Freitag, 5. August
> Berner KB: Ergebnis H1
> Lafarge-Holcim: Ergebnis H1
> Bundesamt für Statistik:
Beherbergungsstatistik H1
> SNB: Devisenreserven per
Ende Juli
> KOF: Konjunkturumfrage

26 denksport

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

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Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Stellen & Karriere

Nie mehr sprachlos
Fremdsprachenkenntnisse helfen auch der eigenen Karriere. Das Problem ist die Selbstdisziplin –
trotz zahlreicher digitaler Lernhilfen.
VON MANUELA SPECKER

Auf dem Handy am Morgen auf dem
Weg zur Arbeit rasch ein Quiz absolvieren, am PC die Lücken in einem Text
ausfüllen: Noch nie waren mit Handy
und Computer die Hürden so klein, eine neue Sprache zu erlernen oder bisherige Sprachkenntnisse aufzufrischen.
Die digitalen Möglichkeiten sind schier
unendlich – die Selbstdisziplin ist es leider nicht. Allzu oft versandet die Anfangseuphorie, weil ohne konsequentes Büffeln irgendwann keine Fortschritte mehr zu erzielen sind. Wie also
lässt sich ein anständiges Niveau erreichen, das im besten Fall auch der eigenen Karriere dienlich ist? Denn selbst
wenn die Fremdsprachenkenntnisse im
Beruf nicht von direktem Nutzen sind,
weisen sie immer auf ein ausgeprägtes
Interesse und Engagement hin.
Der Irländer Benny Lewis, der fliessend sieben Sprachen spricht und vier
weitere
konversationssicher
beherrscht, weiss, worauf es ankommt.

Er betreibt den Blog «Fluent in three
months», mit dem er auf enorme Resonanz stösst. Er selber bezeichnet sich
als nicht besonders sprachbegabt. Mit
21, als er von der Schule ging, beherrschte er nur Englisch und hatte in
dieser Zeit grosse Mühe mit den
Sprachfächern. Was also ist sein Geheimnis?
Einer der Fehler, den viele begehen:
Sie verweilen zu lange im stillen Kämmerlein, gebeugt über Bücher, anstatt
den Dialog zu suchen. «Man muss rasch
mit Sprechen beginnen», so Benny Lewis. Warum sich nicht einen TandemPartner suchen? Gerade mit Skype sind
dieser Möglichkeit keine Grenzen mehr
gesetzt.
Seine weiteren Tipps:
> Lernen Sie zu Beginn Standard-Sätze
auswendig, anstatt sich in grammatikalische Feinheiten zu vertiefen.
> Eignen Sie sich rasch die Modal-Verben wie «müssen», «mögen» und
«möchten» an. So können Sie früh Sätze bilden, ohne die Zeitformen vollum-

fänglich zu beherrschen (Ein Beispiel:
Anstatt «Ich spreche Deutsch» heisst es
dann: «Ich kann Deutsch sprechen»).
> Bauen Sie sich Eselsbrücken, um sich
gewisse Ausdrücke zu merken.
> Haben Sie sich die Grundlagen einer
Sprache erarbeitet, braucht das weitere
Lernen Struktur, insbesondere in Bezug auf die Grammatik: Orientieren Sie
sich am European Framework of Reference for Languages (CEFR) und streben Sie mindestens A2, wenn nicht
B1 an.
> Planen Sie einen Sprachaufenthalt im
betreffenden Land erst, wenn Sie Konversationen führen können. Sonst ist
die Gefahr gross, sich vor allem mit
Landsleuten zu umgeben.
In jedem Fall gilt: Ohne Fleiss kein
Preis. Wer mit Benny Lewis’ Methoden
innert dreier Monate grosse Fortschritte erzielen will, kommt nicht darum
herum, in dieser Zeit jeden Tag zwei
Stunden zu investieren. Dafür ist die
Wahrscheinlichkeit gross, schnell ein
Niveau zu erreichen, bei dem es Spass
macht, die Kenntnisse weiter zu verfei-

nern anstatt das neue Wissen verkümmern zu lassen.
Voraussetzungen ist auf jeden Fall, eine grosse Begeisterung für die betreffende Sprache mitzubringen. Aus karrieretechnischen Überlegungen alleine
dürfte es schwierig werden, sich durchzubeissen. Die digitalen Helfer, die den
spielerischen Erwerb von Sprachkenntnissen fördern, dürfen nicht darüber
hinwegtäuschen, dass nachhaltiges
Sprachen lernen mit grossem Aufwand
verbunden ist. Es ist aber keine Frage
des Preises: Entscheidend ist der Aufwand, den man investiert, und nicht,
wie exklusiv der Sprachkurs ist. Generell empfiehlt Benny Lewis, sich auf ein
Produkt zu konzentrieren und dafür
rasch mit Sprechen zu beginnen. All
die Sprachlerndienste im Web und als
App sind dabei eine grosse Hilfe:

> Duolingo: Eine Sprachlernplattform,
die vom Schweizer Severin Hacker entwickelt worden ist und weltweit grosse
Erfolge feiert. Sie ermöglicht es, interaktiv zu schreiben, zu sprechen und zu

übersetzen, jeweils auf das eigene Niveau zugeschnitten.
> Vokabeln büffeln mit KarteikartenApps: «Ankiapp» zum Beispiel präsentiert dem User jene Wörter häufiger, die
noch nicht sitzen.
> Multilingual.de: konzentriert sich auf
Englisch, Spanisch, Französisch und
Italienisch und setzt kein Nutzerprofil
voraus. Die Fortschritte können online
mittels Multiple-Choice-Test geprüft
werden.
> Babelyou.com: Diese Plattform setzt
auf Sprach-Videochats und Videos mit
Alltagssituationen und Übungen. Für
den Videochat ist eine vorherige Registrierung notwendig, nicht aber für die
Sprachlernvideos.
Benny Lewis hat noch keine Sekunde
bereut, so viel Zeit in das Erlernen von
Sprachen zu stecken. «Meine Vertrautheit mit den Sprachen gibt mir auch die
Freiheit, auf Reisen mit allen Menschen
zu sprechen. Das hat mir völlig neue
Welten eröffnet.»
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INSERAT

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31. Juli 2016

radio tv | sonntag 29

sport

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

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OLYMPISCHE SPIELE

Für Usain Bolt und Co.
heisst es bald: Rio, wir
kommen!
Seiten 35 bis 37

Facebook-Stars: Dieses Foto
gefällt 6,1 Millionen Menschen
Im Fussball werden die Tore auf dem Rasen geschossen. Doch die virtuellen Treffer im Internet sind
marketingstrategisch ebenso wichtig. Und der König im World Wide Web ist? Genau: Cristiano Ronaldo.
VON THOMAS RENGGLI

Wer ist der beste Fussballer der Gegenwart? Eine Kurzumfrage unter den Ballkünstlern Cristiano Ronaldo, Lionel
Messi und Neymar würde vermutlich
drei verschiedene Antworten liefern.
Zlatan Ibrahimovic freilich hätte dafür
nur ein müdes Lächeln übrig und
würde sagen: «Jag är Zlatan» («Ich bin
Zlatan»).
Ein Blick in die virtuelle Realität ergibt aber ein klares Bild: Neu-Europameister Cristiano Ronaldo schwebt in
einer eigenen Umlaufbahn – mit rund
116 Millionen Fans auf Facebook und 45
Millionen Followern auf Twitter. Trotz
Twitter-Verweigerung landet Messi mit
rund 87 Millionen Facebook-Fans auf
Platz zwei. Dahinter steht Neymar
(rund 58 Millionen Fans auf Facebook
und 23 Millionen Follower auf Twitter).
Der schwedische Lautsprecher Zlatan
Ibrahimovic agiert auf dem Parkett der
sozialen Medien ähnlich glücklos wie
zuletzt an der Euro in Frankreich – gut
25,5 Millionen Facebook-Fans und vier
Millionen Follower auf Twitter. Im World
Wide Web der Superstars ist Zlatan ein
Wasserträger.

Ronaldo wie Shakira

Als Ronaldo im Herbst 2014 der erste
Sportler war, der auf Facebook die
100-Millionen-Grenze knackte, war dies
dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin
«Forbes» eine grosse Schlagzeile wert.
Zuvor hatte nur die Popsängerin Shakira
diesen Wert überschritten. «Forbes»
schrieb über Ronaldo vom «Social Media
Superstar». Der Geadelte selber sagte:
«Ich bin sehr geehrt, die 100-MillionenMarke erreicht zu haben. Dieser Wert ist
ein Meilenstein in meiner Karriere und
erlaubt mir, mich mit allen Fans rund um
die Welt zu unterhalten. Die grossartige
Unterstützung inspiriert mich und ich
danke allen.»
Es ist davon auszugehen, dass dieser
Kommentar aus der Feder von Ronaldos
Management stammte. Denn seine Berater können am besten abwägen, wie
wertvoll die Popularität in der virtuellen
Welt für die Sponsorenverträge ist. Verweist Ronaldo auf Facebook oder Twitter
auf eine Mitteilung seiner Partner (Nike,
Tag Heuer, Emirates oder Samsung),
geht das per Mausklick um den Globus.
Die Fans allerdings wollen noch lieber
hinter die Fassade blicken: Ronaldos
populärster Post auf Facebook ist ein
Foto mit seinem Sohn. Es generierte
6,1 Millionen «Likes».
Im Kosmos der «Likes» und «Tweets»
spielen auch die Schweizer mit. Der
hiesige Sportler mit den meisten
virtuellen Freunden ist Roger Federer –
14,6 Millionen auf Facebook, 6 Millionen
auf Twitter. Doch schon eine Liga tiefer
kommt dem gezielten Umgang mit
sozialen Medien eine immer wichtigere
Rolle zu. Der Bündner Giusep Fry, einer
der führenden Schweizer Sportmanager,
bezeichnet die Präsenz im Internet
kommerziell als «matchentscheidend»:
«Es gibt Firmen, die wollen mit einem

25

Jah re Int ernet

Sportler mit weniger als 100 000 Facebook- und Twitter-Freunden nicht zusammenarbeiten.»
Mountainbike-Weltmeister (und FryKlient) Nino Schurter kann auf den
«Support» von 264 000 FacebookFreunden zählen. Und weil er sich im
WWW ähnlich geschickt bewegt wie
auf der Rennstrecke und proaktiv auf
seine Sponsoren verweist, zahlt sich dies
für alle Beteiligten aus. «Viele Partner
lassen sich eine gewisse Anzahl Posts
vertraglich zusichern», sagt Fry. Zu
Schurters Partnern gehört die Tessiner
Bank Cornèrcard. Marketingchef Beat
Weidmann bestätigt Frys Aussage:
«Wenn eine Interaktion mit den Kunden
entsteht, ist das besonders wertvoll.
Deshalb platzieren wir oft Wettbewerbe
oder Videos auf Facebook oder Instagram.» In konkreten Zahlen kann Weidmann den Wert aber nicht benennen:

Cristiano Ronaldo posiert mit seinem Sohn im Badezimmer: Der private Schnappschuss begeistert weltweit
Facebook
über sechs Millionen Menschen.

«Wir transportieren Emotionen und erreichen so potenzielle Kunden auf einer
persönlicheren Ebene als mit Inseraten
oder TV-Spots – eine Erhebung über die
finanzielle Relevanz haben wir aber
nicht.»
Im Schweizer Fussball dominiert der
FC Basel auch in den sozialen Medien.
Mit 1,9 Millionen Facebook-Freunden
weist er eine dreimal so grosse Popularität auf wie die neun anderen SuperLeague-Klubs zusammen. Seit dem
1. Januar beschäftigt der FCB einen
Social Media Manager: Simon Walter.
«Als grosser Klub kann man es sich nicht
erlauben, abseits zu stehen – gerade
weil einzelne Sponsoren die Präsenz
auf Facebook, Twitter, Instagram und
Snapchat erwarten», sagt der FCBInternet-Fachmann. Dabei gehen die
Ansprüche aber auseinander. Während
etwa Adidas in den sozialen Medien

sehr offensiv agiert, hält sich Novartis
vornehm zurück.

Die Ägypter lieben den FC Basel

Dass die Zusammensetzung der Facebook-Freundschaften einer gewissen
Zufälligkeit untersteht, zeigt gerade das
Beispiel des FCB. Als der Verein 2012 den
Ägypter Mohamed Salah unter Vertrag
nahm, stieg die Basler Popularität in
Ägypten sprunghaft. Noch heute sind
überproportional viele Internet-Freunde
des FCB in Kairo und Umgebung zu
Hause.
Egal ob Rhein, Nil oder Isar. Hüben
wie drüben macht man die Erfahrung,
dass ein grosser Freundeskreis im
Internet wirtschaftlichen Vorteil verspricht – gerade bei ausländischen Topstars. Spieler wie Mesut Özil von Arsenal
oder David Alaba von Bayern verdanken
viele ihrer persönlichen Werbeverträge

dem Auftritt in den sozialen Medien. So
ist es nicht verwunderlich, dass ein
Markt für Facebook-Freunde und TwitterFollower besteht. Die Firma «Social
Media Daily» beispielsweise verkauft
1000 Follower (plus je 50 Favorisierungen
und Retweets) für 39 Euro. Auch im
Internet gilt: Nicht jeder Freund ist ein
echter Freund – und Liebe ist auch
käuflich.
So hat die beste Facebook-Beziehung
ihre menschlichen Grenzen. Können
nicht positive Botschaften und Erfolgsmeldungen verbreitet werden, steigt die
Gefahr von anonymen Verunglimpfungen
und virtuellen Pöbeleien. Doch letztlich
gilt überall eine einfache Gleichung: Nur
wer im Stadion das Tor trifft, kann auch
im Internet jubeln. Denn die virtuelle
Welt ist unbarmherzig: Nach dem
sportlichen Regen kommt der Shitstorm.

32 sport

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

YB schon wieder im Elend

Nachrichten

Die Berner verlieren ihr Heimspiel gegen den Abstiegskandidaten FC Lugano 1:2 und enttäuschen sehr.
VON MARKUS BRÜTSCH

Vier Tage nach dem dünnen Auftritt in
der Ukraine in der Champions-LeagueQualifikation haben die Young Boys auch
in der Super League einen äusserst
herben Rückschlag erlitten. Nach dem
2:0-Startsieg in St. Gallen setzte es bereits in der Heimspielpremiere die erste
Niederlage ab. Gegen den Abstiegskandidaten Lugano verloren die Berner
nach einer ungenügenden Leistung 1:2.
Gegen einen Kontrahenten, dem man
zwar schon vor einem Jahr zu Hause
unterlegen gewesen war, den man aber
in der Rückrunde mit 7:0 aus dem
Stade de Suisse gefegt hatte. «Ich bin
enttäuscht und sauer, wie wir uns
präsentiert haben», sagte YB-Trainer Adi
Hütter. «Der Sieg von Lugano war am
Ende verdient.»

Viel zu wenig Tempo

Doch das «neue» YB enttäuschte mit
Ausnahme
der
Startviertelstunde.
Nachdem Guillaume Hoarau schon
nach neun Minuten mit einem Penalty
nach einem Foul von Vladimir Golemic
an Wüthrich das 1:0 erzielt hatte,
schien es, als würden die Gastgeber die

FORMEL 1 Nico Rosberg entschied das
Qualifying-Duell der Mercedes-Fahrer
in Hockenheim für sich. Der Deutsche
blieb eine Zehntelsekunde vor Lewis
Hamilton. Hinter dem Mercedes-Duo
werden Daniel Ricciardo und Max Verstappen in den Red Bull Aufstellung
nehmen. Für Sauber bringt der 12. GP
des Jahres eine bittere Premiere. Zum
ersten Mal werden die beiden Fahrer in
der hintersten Startreihe stehen. Felipe
Nasr nimmt Platz 21 ein, Marcus Ericsson
Platz 22. (SDA)

Wawrinka scheitert in
Toronto an Kei Nishikori
TENNIS Stan Wawrinka ist die Hauptprobe für das olympische Tennis-Turnier
in Rio missglückt. Der Schweizer ist am
Masters-1000-Turnier in Toronto in den
Halbfinals nach einer vor allem im
zweiten Satz schwachen Leistung gescheitert. Der 31-jährige Waadtländer
verlor gegen Kei Nishikori 6:7 (6:8), 1:6,
nachdem er im ersten Satz vier Satzbälle vergeben hatte und dann von der
Rolle war. (SDA)

Platz zwei und drei
für die Schweizerinnen
YB-Captain Steve von Bergen fällt und erzielt später im Spiel ein Eigentor.
Partie abhaken und an Schachtar denken. Sie senkten das Tempo, beraubten
sich damit der eigenen Stärke und ermöglichten den Tessinern, ins Spiel zu
kommen. Sie besassen zwar auch im
weiteren Verlauf die eine oder andere
Chance, doch sie liessen die letzte Entschlossenheit vermissen. Zehn Minuten
nach der Pause schoss Yoric Ravet aus
kurzer Distanz Golemic an, und im Gegenzug glich der FC Lugano aus. «Das
war die Schlüsselszene», sagte Hütter.
Nach einem magistralen Zuspiel des Is-

Fussball

1. Basel
2. Grasshoppers
3. Luzern
4. Young Boys
5. Lugano
6. Sion
7. Thun
Vaduz
9. Lausanne-Sport
10. St. Gallen

raeli Ofir Mizrachi traf der frühere YBJunior Ezgjan Alioski aus spitzem Winkel
zum 1:1. «Wir zehren noch immer von
der Power, die wir in den Trainings
unter Zdenek Zeman geholt hatten»,
schmunzelte Alioski und lobte den neuen
Trainer Andrea Manzi. «Unsere Taktik
ist gut, wir stehen defensiv besser, als
in der letzten Saison.» Das Siegtor hatte
sieben Minuten vor dem Ende der eingewechselte Gambier Assan Ceesay
provoziert, dessen Hereingabe Steve
von Bergen zum 1:2 ins eigene Tor lenkte.

MANUEL LOPEZ/KEYSTONE

«Wir haben nicht genug getan, waren
mit dem Kopf nicht bei der Sache», sagte
der Captain. Er hätte auch sagen können:
«Wir haben zuwenig Einsatz gezeigt.»
Ein Armutszeugnis für ein teures Profiensemble.
Schachtar Donezk derweil hat auch
sein zweites Spiel in der ukrainischen
Premier Liga gewonnen und scheint in
Topform zu sein. Bei Tschernomorez
Odessa am Schwarzen Meer gab es einen
klaren 4:1-Sieg durch Tore von Seleznew,
Fred, Eduardo und Kovalenko.

Service

SUPER LEAGUE
Sion - St. Gallen
Young Boys - Lugano
Lausanne-Sport - Thun
Vaduz - Basel
Luzern - Grasshoppers

2:1 (1:0)
1:2 (1:0)
TC Sport 2 So 13.45
TC Sport 1 So 13.45
SRF 2 So 16.00
1
1
1
2
2
2
1
1
1
2

1
1
1
1
1
1
0
0
0
0

0
0
0
0
0
0
1
1
0
0

0
0
0
1
1
1
0
0
1
2

3: 0
2: 0
2: 1
3: 2
3: 3
2: 4
1: 1
1: 1
0: 2
1: 4

3
3
3
3
3
3
1
1
0
0

Sion - St. Gallen 2:1 (1:0)
7800 Zuschauer. – SR Bieri. – Tor: 32. Bia 1:0. 76. Aleksic 1:1. 83.
Sierro 2:1.
Sion: Mitrjuschkin; Zverotic, Lacroix, Ziegler, Boka; Salatic,
Sierro; Bia (64. Assifuah), Fernandes, Carlitos (78. Akolo);
Gekas (76. Konaté).
St. Gallen: Lopar; Hefti, Wiss, Angha, Schulz (57. Aleksic);
Tafer (69. Chabbi), Toko, Mutsch, Gouaida (46. Aratore);
Bunjaku, Buess.
Bemerkungen: 4. Lattenschuss von Gekas. 86. Lopar lenkt
Schuss von Konaté an den Pfosten. – Verwarnungen: 41.
Bunjaku. 49. Fernandes. 72. Angha. 75. Lacroix (alle Foul).
Young Boys - Lugano 1:2 (1:0)
14 300 Zuschauer. – SR Schärer. – Tore: 9. Hoarau (Foulpenalty) 1:0. 55. Alioski 1:1. 83. von Bergen (Eigentor) 1:2.
YB: Mvogo; Hadergjonaj, Wüthrich, von Bergen, Obexer
(74. Sutter); Ravet (77. Duah), Bertone, Gajic, Sulejmani;
Kubo (66. Frey), Hoarau.

TENNIS Martina Hingis und Timea
Bacsinszky werden am olympischen
Tennis-Turnier in Rio die Schweiz in
der Doppel-Konkurrenz vertreten. Ein
Schweizer Mixed-Doppel wird es nicht
geben. Stan Wawrinka konzentriert sich
auf die Einzel-Konkurrenz. Die Rochade
im Frauen-Doppel wurde nötig, nachdem Belinda Bencic, Hingis’ designierte
Partnerin, aus gesundheitlichen Gründen
hatte Forfait erklären müssen. Leidtragende des Entscheids ist Viktorija
Golubic, die ursprünglich als Partnerin
von Bacsinszky vorgesehen war und nun
nicht an die Sommerspiele in Rio reisen
wird. (SDA)

Nico Rosberg holt die
Pole beim Heimrennen

Pfiffe des Publikums

Damit ist YB nicht nur in der Meisterschaft schon früh in Rücklage geraten,
sondern hat die Generalprobe für das
Rückspiel gegen Schachtar Donezk
kräftig in den Sand gesetzt. Es wird bei
der Herkulesaufgabe am Mittwoch gewiss nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein an die Aufgabe herangehen,
den 0:2-Rückstand wettzumachen und
in die Playoffs aufzusteigen. Die Mannschaft wurde denn auch vom enttäuschten Publikum ausgepfiffen.
Hütter hatte seine Mannschaft, die
am Dienstag in Lemberg gegen Schachtar chancenlos gewesen war, auf nicht
weniger als sechs Positionen verändert.
Für den wegen seiner in der Ukraine
erlittenen Knieverletzung vier Monate
ausfallenden
Stürmer
Alexander
Gerndt stand der verhinderte Olympiateilnehmer Kubo im Team, und im
zentralen Mittelfeld ersetzte Milan Gajic
den starken Sékou Sanogo. Krass umgestellt hatte der Österreicher aber die
Abwehr, die er gänzlich austauschte
und mit Florent Hadergjonaj, Gregory
Wüthrich, Steve von Bergen und dem
19-jährigen Linus Obexer besetzte. Das
habe nichts mit der Leistung in Lemberg zu tun, hatte Hütter vor der Partie
die vielen Wechsel begründet, sondern
mit der grossen Belastung durch die
vielen Partien.

Martina Hingis spielt in
Rio mit Timea Bacsinszky

Lugano: Salvi; Padalino (73. Ceesay), Sulmoni, Golemic, Jozinovic; Piccinocchi; Sabbatini, Mariani; Alioski, Mizrachi (84.
Crnigoj), Mihajlovic.
Bemerkungen: 78. Tor von Sabbatini wegen Abseits aberkannt. – Verwarnungen: 21. Gajic. 42. Hoarau (beide Foul).
69. Ravet (Unsportlichkeit). 72. Padalino. 85. von Bergen
(beide Foul).
CHALLENGE LEAGUE
Wohlen - Neuchâtel Xamax FCS
0:0
Wil - Zürich
1:1 (0:1)
Winterthur - Aarau
1:2 (1:1)
Chiasso - Schaffhausen
So 15.00
Servette - Le Mont
Mi 19.00
Rangliste: 1. Wohlen 2/4 (3:0). 2. Zürich 2/4 (3:1).
3. Aarau 2/4 (3:2). 4. Neuchâtel Xamax FCS 2/4 (2:1).
5. Schaffhausen 1/3 (1:0). 6. Chiasso 1/1 (1:1). 7. Wil 2/1
(1:2). 8. Servette 1/0 (1:2). 9. Le Mont 1/0 (0:3). 10. Winterthur 2/0 (1:4).
Wil - Zürich 1:1 (1:0)
4400 Zuschauer (Stadionrekord). – SR Schnyder. – Tore: 42. Buff 0:1. 87. Roux 1:1.
Winterthur - Aarau 1:2 (1:1)
3000 Zuschauer. – SR Fähndrich. – Tore: 17. Ciarrocchi
0:1. 20. Radice 1:1. 50. Wüthrich 1:2.
KURZ NOTIERT
Sommer verletzt
Borussia Mönchengladbach muss in der Saisonvorbereitung vorerst auf Yann Sommer (27) verzichten. Der
Schweizer Nationaltorhüter ist im Training umgeknickt
und hat dabei einen Kapselbandriss im Sprunggelenk
erlitten. Wie lange Sommer ausfallen wird, ist derzeit
ungewiss.

AUTOMOBIL
Hockenheim. Grand Prix von Deutschland. Startaufstellung: 1 Rosberg (GER), Mercedes, 1:14,363
(221,432 km/h). 2 Hamilton (GBR), Mercedes, 0,107
zurück. 3 Ricciardo (AUS), Red Bull, 0,363. 4 Verstappen (NED), Red Bull, 0,471. 5 Räikkönen (FIN),
Ferrari, 0,779. 6 Vettel (GER), Ferrari, 0,952. 7 Bottas
(FIN), Williams, 1,167. 8* Hülkenberg (GER), Force
India, 1,147. 9 Perez (MEX), Force India, 1,174. 10 Massa
(BRA), Williams, 1,252. – Ferner: 21 Nasr (BRA),
Sauber. 22 Ericsson (SWE), Sauber. – * Rückversetzung um 1 Platz (Verwendung nicht zugelassener
Reifen).
BEACHVOLLEYBALL
Klagenfurt (AUT). World Tour (Major Series). Frauen.
Halbfinals: Ludwig/ Walkenhorst (GER/1) s. Betschart/
Hüberli (SUI/18) 21:11, 21:19. Heidrich/Zumkehr
(SUI/5) s. Gallay/Klug (ARG/13) 21:19, 21:17. – Um
Platz 3: Betschart/Hüberli s. Gallay/Klug 14:21, 21:14,
22:20. - Final: Ludwig/Walkenhorst s. Heidrich/
Zumkehr 24:22, 14:21, 15:11. – Forrer/Vergé-Dépré (SUI)
in den Viertelfinals ausgeschieden.
RAD
San Sebastian (ESP). 36. Clasica Ciclista (World
Tour/220,2 km): 1. Mollema (NED) 5:31:00. 2. Gallopin
(FRA) 0:17 zurück. 3. Valverde (ESP) gleiche Zeit. 4.
Rodriguez (ESP) 0:22. 5. Van Avermaet (BEL) 0:34.
6. Brambilla (ITA) gl. Zeit. – Die Schweizer: 36.
Frank 1:29. 49. Zaugg 2:36. 70. Albasini 3:48. 97.
Schär 13:26. – Aufgegeben (u.a.): Lang.
World Tour. Zwischenstand (nach 20 von 27 Rennen):
1. Sagan (SVK) 445. 2. Quintana (KOL) 407. 3. Froome
(GBR) 396. – Die besten Schweizer: 18. Cancellara
176. 39. Albasini 106. 49. Reichenbach 84.

BEACHVOLLEYBALL Die Schweizerinnen
präsentierten sich am Major-SeriesTurnier in Klagenfurt in bestechender
Form. Joana Heidrich und Nadine Zumkehr erreichten erstmals den Final, den
sie gegen das deutsche Duo Ludwig/
Walkenhorst knapp verloren. Nina
Betschart und Tanja Hüberli durften
sich am Ende über Platz 3 und damit
ihr bestes Resultat auf der World Tour
freuen. Im kleinen Final setzten sie sich
gegen das argentinische Paar Ana Gallay/
Georgina Klu durch, nachdem die
Zentralschweizerinnen vier Matchbälle
abgewehrt hatten. (SDA)

Sport am TV
TENNIS
Bryan-Brothers verzichten auf Olympia-Teilnahme
Die Amerikaner Bob und Mike Bryan haben für das
olympische Tennis-Turnier in Rio Forfait erklärt. Die
Doppel-Olympiasieger von 2012 in London haben
gesundheitliche Bedenken, weswegen sie auf die
Reise nach Brasilien verzichten. Aus gesundheitlichen
Gründen verzichtet auch der Deutsche Alexander
Zverev auf eine Teilnahme.
Toronto. ATP-Masters-1000-Turnier (4 691 730 Dollar/
Hart). Viertelfinals: Djokovic (SRB/1) s. Berdych
(CZE/5) 7:6 (8:6), 6:4. Monfils (FRA/10) s. Raonic
(CAN/4) 6:4, 6:4. – Halbfinals: Nishikori (JPN/3) s.
Wawrinka (SUI/2) 7:6 (8:6), 6:1. Djokovic (1) Monfils (10) n.Red.
Montreal. WTA-Premier-5-Turnier (2 714 413 Dollar/
Hart). – Viertelfinals: Keys (USA/10) s. Pawljutschenkowa (RUS/16) 7:6 (7:3), 1:6, 6:0. Kucova
(SVK) s. Konta (GBR/15) 6:4, 6:3. – Halbfinals: Halep
(ROU/5) s. Kerber (GER/2) 6:0, 3:6, 6:2. Keys (10) Kucova n. Red.
SCHWIMMEN
Morosow und Lobinsew ziehen vors CAS
Die beiden russischen Schwimmer Wladimir Morosow
und Nikita Lobinsew haben beim Internationalen
Sportgericht (CAS) in Lausanne Rekurs gegen ihren
Ausschluss von den Olympischen Spielen in Rio de
Janeiro eingelegt. Es wird der erste Fall der Ad-hocAbteilung des CAS an den Sommerspielen in Rio
sein. Der Schwimm-Weltverband FINA hatte beide
Ahtleten und fünf weitere Russen in der vergangenen
Woche gesperrt.

Sonntag
ALLGEMEINES
17.10
Sportreportage
18.15
Sportpanorama

ZDF
SRF 2

AUTOMOBIL
11.30
Porsche Supercup
Eurosport
12.00
Rallye, FIA-WM, Finnland
Sport 1
12.15
Endurance, Langstreckenserie Eurosport
BEACHVOLLEYBALL
19.05
World Tour, in Klagenfurt
FUSSBALL
13.25
Vaduz - Basel
13.25
Lausanne-Sport - Thun
14.00
Lok Leipzig - Energie Cottbus
15.45
Luzern - Grasshoppers
16.25
Altach - Rapid Wien
18.30
Bundesliga. 2. Runde
18.45
St. Pölten - Wacker Mödling
18.45
U19-EM, Frauen, Final
22.00
Seattle - Los Angeles

ORF 1

TC Sport 1
TC Sport 2
MDR
SRF 2
ORF 1
ORF 1
TC Sport 2
Eurosport
Eurosport

FORMEL 1
13.30
GP Deutschland, in Hockenheim

SRF 2

Montag
ALLGEMEINES
19.52
Olympia vor acht

ARD

sport 33

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Das ewige Warten
An der U17-WM 2009 war Benjamin Siegrist der Beste – jetzt spielt er in Vaduz und wartet auf den Durchbruch.
VON CALVIN STETTLER

Für den schlaksigen Benjamin war dieser
Moment im Basler St. Jakob-Park auch
nach dem x-ten Mal ein ganz spezieller.
Er durfte Pascal Zuberbühler, seinem
grossen Vorbild, den Ball zuwerfen.
Immer wieder. Benjamin war nervös.
Schliesslich wollte er den Ball präzis zuspielen. Und vor allem wollte der FCBJunior irgendwann auch auf die grosse
Bühne.
Heute, einige Jahre später, ist Benjamin
Siegrist 24-jährig und alles andere als ein
Schlaks. Er sitzt im Stadion-Restaurant
des FC Vaduz und gewährt Einblicke in
sein Leben und die Gedanken, die er
sich rundherum macht. Seinen Traum,
vom Fussball leben zu können, hat er
sich erfüllt. An sich schon ein Erfolg,

Vaduz - Basel
Heute, 13.45
live TC Sport
meint Siegrist, womit er nicht unrecht
hat. Nur: Sein Weg zum Klasse-Goalie
schien vorgezeichnet. Auch, weil sein
Weg anders war. Anders, aber vielversprechend.

Der Pokal ist bei Oma

Benjamin, der Balljunge, galt als sehr
talentiert. Nicht nur er sah sich in ein
paar Jahren zwischen den Pfosten im
St. Jakob-Park.
Auch
ausländische
Scouts attestierten ihm das Potenzial
dazu. 16-jährig war Benjamin, als ihm
die Verantwortlichen des FC Basel eines
Tages nach dem Training offenbarten,
dass Aston Villa, der Premier-LeagueKlub aus Birmingham, ihn abwerben
möchte.
Eine Ehre, die die vorhandenen
Zweifel aber nicht gänzlich ausblenden
konnte. Ob er allein in der Fremde zurechtkomme? Sechs Monate benötigte
Siegrist zur Entscheidungsfindung. Der
Entschluss fiel für England aus. Weil
die Briten dank ihrer Geduld sein Vertrauen gewonnen hatten, die Chance
einmalig war und Benjamin sich erhoffte,
damit noch aussergewöhnlicher zu
werden.
So fand Benjamin, der eigentlich nur
Torhüter wurde, weil er es hasste, zu
rennen, sich in der Talentakademie
Aston Villas wieder. Die Akklimatisierung
gelang schnell. In einem Dreivierteljahr

FUSSBALL

Noch kein FCZDurchmarsch
Der FC Zürich musste im zweiten
Challenge-League-Spiel bereits Punkte
abgeben. Der Absteiger spielte in Wil
nur 1:1. Der FCZ ging durch einen
schönen Freistoss-Treffer von Oliver
Buff drei Minuten vor der Pause in
Führung. Danach verwaltete der
Cupsieger das Resultat eigentlich
ziemlich geschickt. Der FC Wil
strahlte keine Gefahr mehr aus,
nachdem er nach einer halben Stunde
zu zwei Torchancen gekommen war.
Die Zürcher waren spielerisch eine
Klasse besser, doch weitere Tore
fielen nicht. Die besten Chancen dazu hatte Adrian Winter, der in der
70. und 72. Minute aus exzellenter
Position an Wils Goalie Steven Deana
scheiterte.
Die mangelnde Zürcher Effizienz
rächte sich dann – ganz der Fussballweisheit entsprechend – in der
87. Minute. Der Torschützenkönig
der vergangenen Saison, Jocelyn
Roux, traf nach einem Eckball von
Gjelbrim Taipi mit dem Kopf und
sicherte den Ostschweizern damit
den glückhaften Punktgewinn. Mit
4400 Zuschauern konnte der Gastgeber zudem einen Stadionrekord
verbuchen. Und der FCZ-Durchmarsch
ist bereits gestoppt. (SDA)

Benjamin Siegrist wartet auch in Vaduz auf den Durchbruch als Goalie. Darf er heute gegen Basel spielen?
machte er grosse Fortschritte. Fussballerisch wie menschlich. Dann stand
die Weltmeisterschaft mit dem Schweizer
U17-Nationalteam an. Benjamin wurde
als erster Goalie nominiert – und überzeugte vollends. Bis in den Final führte
der Weg. Dort blieb Benjamin nach
einem Zusammenstoss kurz bewusstlos
liegen, rappelte sich wieder auf und
machte das, was er am Torhüterdasein
so faszinierend findet: nämlich den
Unterschied.
Benjamin wurde Weltmeister und
zum besten Goalie des Turniers erkoren.
Die Trophäe steht heute bei seiner
Grossmutter. Es werden viele folgen,
prognostizierten die Experten damals.
Doch so magisch diese Jahre waren, so
verkorkst sollten die nächsten werden.
Alle warteten auf den Durchbruch, den
ersten Einsatz in der Premier League.
Doch diverse Verletzungen verhinderten
das Debüt. Immer hiess es, nächsten

Sommer, komme er endlich, der Durchbruch. Benjamin Siegrist aber wartet
bis heute.
Auch, weil sich Siegrists Aussichten
auf Einsatzminuten in Birmingham nie
besserten, kehrte er in diesem Sommer
aus England zurück. Für ihn ist dies
kein Eingeständnis eines Fehlentscheids
in seiner Karriereplanung, sondern
eine weitere Chance. Der 24-Jährige
weiss, dass er zwar noch immer jung
ist, aber jetzt endlich Fuss fassen muss,
wenn er noch jene Sphären erreichen
will, die ihm 2009 nach der U17-WM zugetraut wurden.

Senderos’ Rat

In Vaduz sei er, weil sich die Liechtensteiner frühzeitig um ihn bemüht hätten.
Aber auch wegen Philippe Senderos,
dem engen Freund aus seiner Zeit bei
Aston Villa. «Philippe ist vor mir wieder
in die Schweiz zurückgekehrt und hat

Freshfocus/Michael Zhangellini

von der Super League geschwärmt.
Auch deshalb dachte ich, dass das auch
für mich eine gute Lösung sein kann.»
Im Ländle passt es. Ausser, dass Siegrist heute vor einer Woche nicht in der
Startformation stand. Trainer Giorgio
Contini zog ihm Altmeister Peter Jehle
vor. Vermutlich auch heute gegen den
FCB.
Wieder rückte der Durchbruch ferner.
Siegrist aber resigniert nicht. Die Kraft,
um auch dieses Mal wieder aufzustehen,
wird er aufbringen. «Weil der Fussball
meine Passion ist.» Sein jüngstes Bild,
das der 24-Jährige auf Facebook teilte,
bringt seine Lage ziemlich schön auf
den Punkt. Darauf steht: «Nur, weil
mein Weg ein anderer ist, heisst das
nicht, dass ich verloren bin.» Siegrist
glaubt immer noch an seine Vollendung.
In diesen Wochen entscheidet sich, ob
er es noch werden kann: einer wie
Zuberbühler.

Premiere: Ein Basler
pfeift heute den FCB

Der Schiedsrichter, der heute die
Partie zwischen dem FC Vaduz und
dem FC Basel leitet, heisst Adrien
Jaccottet. Dieser ist gebürtiger
Basler und stand früher als FCBFan in der Muttenzerkurve. Seit
Jahren ist er Schiedsrichter in der
Super League, nun pfeift er in
dieser erstmals ein Spiel des FCB.
Jaccottet hat einst in einem Interview durchblicken lassen, dass an
seiner Neutralität nicht zu zweifeln
sei, sollte er ein FCB-Spiel leiten:
«Wenn ich auf dem Platz stehe und
anpfeife, spielen einfach A gegen B
– und was ich will, ist meine Arbeit
richtig machen.» Übrigens: Adrien
Jaccottet hat schon einmal einen
FCB-Match arbitriert – im Herbst
2014 den Cup-Achtelfinal in Wohlen.
Etwas zu beanstanden gab es damals an seiner Leistung nicht. (WEN)

Der Millionen-Mann im Hintergrund
Wenn es um Toptransfers
im Fussball geht, fällt oft
ein Name: Mino Raiola.
Der Italiener ist der wohl
schillerndste Spielerberater. Sein nächster Coup
steht unmittelbar bevor.

berichten bis an die finanzielle Schmerzgrenze gegangen. Demnach sollen die
Red Devils ihr Angebot auf umgerechnet
110 Millionen Euro erhöht haben – der
23-Jährige wäre damit der teuerste
Fussballer der Welt. Pogba, Raiola und
Manchester United seien sich einig,
heisst es, einziger Haken: Juventus will
zehn Millionen mehr.

Der «Pizzabäcker»
VON MARCO MADER

Paul Pogba fläzt lässig im Pool, ein ausgelassenes Lachen ziert das Gesicht des
bald teuersten Fussballers der Welt. Ganz
links auf dem Foto, das der französische
EM-Finalist aus den Ferien in Florida
postete, lacht noch jemand. Ein kleiner,
dicklicher Mann: Mino Raiola ist nur
halb zu sehen, und doch alles andere als
eine Randfigur.
Der wohl schillerndste Spielerberater
der Welt bastelt an seinem neuesten
Coup – mit Pogba. «Wir sagen alles,
indem wir rein gar nichts sagen», hat
Pogba das Foto unterschrieben. Und
schon gingen die Spekulationen wieder
los: Steht sein Transfer von Juventus
Turin zurück zu Manchester United unmittelbar bevor?
Der englische Rekordmeister ist im
Werben um den Jungstar laut Medien-

Der 48-jährige Raiola wird es schon
richten – und nach Zlatan Ibrahimovic
und Henrich Mchitarjan auch seinen
dritten Klienten zu United lotsen. Der
Geschäftssinn von Carmine «Mino»
Raiola ist legendär, seine Methoden
sind bisweilen unorthodox-dubios. Sein
Handwerk lernte der gebürtige Süditaliener im «Palladium Restaurant», der
Pizzeria seines Vaters im holländischen
Haarlem, in der einst die Stars von Ajax
Amsterdam verkehrten. Der frühere
Profi Sinisa Mihajlovic taufte ihn deshalb «Il pizzaiolo», den Pizzabäcker,
obwohl Raiola Wert darauf legt, seine
Hände nie selbst in den Teig gesteckt zu
haben.
Stattdessen knüpfte er Kontakte zu
den Kickern. Seinen ersten grösseren
Transfer wickelte er Anfang der
1990er-Jahre ab, als er Bryan Roy nach
Foggia vermittelte. Der Durchbruch ge-

Paul Pogba entspannt mit seinem
Berater Mino Raiola (l.) in den Ferien.

HO

lang ihm 1996 mit dem Wechsel von
EM-Star Pavel Nedved zu Lazio Rom,
später machte er Ibrahimovic bei Inter
Mailand zum bestbezahlten Spieler der
Welt.
Ibrahimovic ist Raiolas Goldesel, der
Agent ist mit zehn Prozent an allen Einnahmen des Superstars beteiligt. Dabei
hielt «Ibra» den Berater zunächst für
einen «Spinner», wie er selbst in seiner
Biografie schreibt. Kein Wunder. «Ich
glaube, das Erste, was ich ihm sagte, war,

er solle sich ins Knie ficken», erinnerte
sich Raiola ans Kennenlernen. Es ist
nur eines von vielen verrückten Zitaten
von Raiola, der Kritiker gerne beleidigt.
Ein paar Beispiele: Pep Guardiola? Ein
«Mistkerl, aber grossartiger Coach», der
Ibrahimovic «wie Scheisse» behandelt
habe. Johan Cruyff? Soll sich «mit Pep
Guardiola im Irrenhaus einschliessen,
die Klappe halten, und Karten spielen».
Und Sepp Blatter? «Ein demenzkranker
Diktator.»
Aus Sicht vieler Kollegen wie dem
Schweizer Giacomo Petralito beschmutze
Raiola «unseren ganzen Berufsstand»,
viele Klubs ärgern sich über ihn. Sir
Alex Ferguson machte ihn in seinem
Buch «Leading» für den Abschied von
Pogba 2012 aus Manchester verantwortlich. Raiolas Konter: «Ferguson
mag nur Leute, die sich ihm unterwerfen.»
Rund eine Million Euro hat United
damals für Pogba kassiert – jetzt soll er
das 120-Fache kosten. Aus Sicht von
Raiola ist er ein Schnäppchen. Wenn
Gareth Bale 100 Millionen Euro wert
sei, müsse Pogba, dieses «Werk von
Salvador Dalí», doppelt so viel kosten,
sagte er.
Pogba und Raiola geniessen aktuell die
Aufmerksamkeit und lachen im Pool über
die Gerüchte.

sport 35

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

«Es gibt immer wieder Tote»
Die Olympischen Spiele in Rio haben für die Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas teilweise drastische Folgen.
Im Einsatz für
mehr Gerechtigkeit
Maria da Penha Macena
(50): Sie lebte in der Vila
Autódromo. Dort, wo jetzt
der olympische Park erbaut wurde. Die Bewohner
wurden unter Androhung
von Gewalt und durch
Schikanen (Wasser abgestellt, massive Bautätigkeit) gezwungen, ihre
Siedlung zu verlassen, die
Häuser schliesslich zerstört. De Penha Macena
wurde bei der Räumung
ihres Hauses die Nase gebrochen. Sie flüchtete mit
ihren Habseligkeiten in eine
Kirche und lebt mittlerweile in einer Containerwohnung. Sie kämpft zusammen mit «Terre des
hommes» stellvertretend
für alle vertriebenen
Familien und deren Rechte.

Maria da Penha Macena und Ana Paula Oliveira, die ein Bild ihres erschossenen Sohnes auf ihrem T-Shirt trägt.

VON MARCEL KUCHTA

Es ist einer der wenigen Sommertage
im Juni. Das Thema aber ist düster. Ana
Paula Oliveira verlor vor der FussballWM in Brasilien ihren Sohn, der durch
die Polizei erschossen wurde. Maria de
Penha Macena wurde aus ihrem Haus
vertrieben. Es musste dem Olympia-Park
weichen.
Sportliche Grossanlässe sorgen in Rio
immer wieder für Tragödien. Darüber
möchten die zwei Frauen sprechen.
Einen Tag, nachdem sie bei einem UNSide-Event mit dem Thema «Sportanlässe und Menschenrechte» in Genf ihre
Leidensgeschichten erzählen durften,
treffen die beiden Brasilianerinnen in
Lausanne auf einen Vertreter des
Internationalen Olympischen Komitees.
Im Anschluss trifft man sich zum Interview im Büro von «Terre des hommes».
Es ist eine eindrückliche, emotionale
Begegnung mit zwei Menschen, die sich
gegen die Willkür in ihrem Land auflehnen.
Was werden Sie beide am 5. August
tun?
Maria da Penha Macena: Ich werde in
meinem Haus sein bei meiner Familie.
Ich habe keinerlei Erwartungen bezüglich der Olympischen Spiele.
Ana Paula Oliveira: Ich werde beten,
dass es keine Polizeieinsätze in unserer
Favela geben wird.
Rechnen Sie damit?
Ana Paula Oliveira: Ja. Es wird Hausdurchsuchungen geben, Strassensperren
und Identitätskontrollen. Die Polizeiaktionen werden sicher intensiviert.
In Rio existieren so viele Probleme.
Spürt man in der Bevölkerung
überhaupt eine Art Vorfreude?
Maria da Penha Macena: Das Thema
Olympia belastet uns seit dem Zeitpunkt, als Rio als Austragungsort gewählt wurde.

Aber freuen tut sich niemand?
Ana Paula Oliveira: Also ich kenne
niemanden, der sich in irgendeiner
Form mit den Olympischen Spielen beschäftigt. Zumindest nicht innerhalb
der Favela. Wir haben ja nicht mal
Geld, um nur schon daran zu denken,
Tickets für die Anlässe zu kaufen.
Im Vorfeld der Fussball-WM 2014
kam es in Brasilien immer wieder
zu Massenprotesten. Während des
Turniers blieb es dann relativ ruhig.
Denken Sie, dass es während der
Olympischen Spiele anders sein wird?
Rechnen Sie mit Kundgebungen?
Maria da Penha Macena: Während
der WM wurden die Proteste durch die
Polizei unterdrückt. Viele Menschen
wurden verhaftet, viele Menschen verletzt. Die Leute wurden eingeschüchtert.
Dasselbe gilt jetzt auch für Olympia.
Die Favela-Bewohner, die armen Leute
möchten gerne protestieren und auf die
Probleme aufmerksam machen. Aber
die Angst vor Repressalien ist zu gross.
Also vor Polizeigewalt?
Ana Paula Oliveira: Ja. Die Behörden
haben bereits klargemacht, dass Proteste
während der Olympischen Spiele nicht
toleriert werden. Es wurde ein AntiTerrorismus-Gesetz erlassen, welches
Demonstranten als Terroristen einstuft
und entsprechend verurteilt.

Mario Heller

Ana Paula Oliveira: Ich, als Favela-Bewohnerin, als Schwarze, als Mutter, die
ein Kind bei einem Polizeieinsatz verloren hat, steuere schon viel zum Kampf
gegen diese Willkür bei, indem ich
nach Europa reise und vor der UN oder
dem IOC auf unsere Lage aufmerksam
mache. Ich spreche nicht nur als Mutter
von Jonathan, sondern anstelle von
Tausenden von Müttern in Brasilien,
die dasselbe Schicksal erlitten haben.
Das Traurige ist, dass ich in ein anderes
Land kommen muss, um nach Hilfe zu
schreien, weil die Behörden bei uns
keine Anstalten machen, irgendetwas
zu verändern.

Gemeinde verloren. Ist diese Art
der erzwungenen Entwurzelung in
Brasilien üblich?
Maria da Penha Macena: Nicht nur
meine Heimat, die Vila Autódromo, war
betroffen, sondern auch viele andere
Familien mit älteren Häusern. Diese
wurden teilweise für die Fussball-WM
und für die Olympischen Spiele abgerissen, obwohl die Menschen seit Jahrzehnten dort wohnten. Der Regierung
ist das alles egal. Die Politiker hören
nicht auf uns. Sie verkaufen Rio in aller
Welt als wunderschöne Stadt. Darum
müssen wir uns auf der ganzen Welt
Gehör verschaffen.

Ihr Sohn Jonathan wurde 2014 im
Rahmen einer Polizeiaktion erschossen. Wurde der betreffende
Polizist dafür belangt?
Ana Paula Oliveira: Nein. Man stufte
die Aktion als «Notwehr» ein. Und das,
obwohl mein Sohn hinterrücks erschossen wurde! Der betreffende Polizist
war schon vorher in die Tötung von
drei Jugendlichen involviert. Nachdem
er meinen Sohn getötet hatte, arbeitete er
ungestraft weiter als Polizist. Er ist ein
freier Mensch, während ich dazu verurteilt wurde, den Rest des Lebens ohne
meinen Sohn verbringen zu müssen
(weint). Das Minimum, was ich vom
Staat erwarten darf, ist Gerechtigkeit.
Das verdiene nicht nur ich, sondern alle
betroffenen Familien.

Was steckt hinter diesen Aktionen?
Maria da Penha Macena: Jedes Mal,
wenn es einen sportlichen Grossanlass
gibt, leiden besonders die Bewohner
der Favelas darunter.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ana Paula Oliveira: Ich gebe Ihnen ein
Beispiel. 2013 wurde im Rahmen einer
der vielen Proteste vor der WM ein
junger, schwarzer Mann verhaftet, der
nicht an einer Demonstration teilnahm,
sich aber «im Kontext» bewegte. Er hatte
ein Putzmittel dabei und wurde später
als Terrorist verurteilt, weil man ihm
vorwarf, er hätte eine explosive Flüssigkeit auf sich getragen.

Haben Sie die Hoffnung, dass Sie
je Gerechtigkeit erhalten werden?
Ana Paula Oliveira: Ja. Ich habe diese
Hoffnung. Weil ich an meinen Kampf
gegen die Ungerechtigkeit glaube. Ich
habe in dieser schweren Zeit viele
Menschen getroffen, die sich mit mir
und meiner Mission solidarisiert haben.
Zusammen können wir eine Kette bilden,
die etwas bewirken kann.

Haben Sie irgendeine Möglichkeit,
etwas gegen diese Willkür zu tun?

Frau de Penha Macena, Sie haben
durch die Olympischen Spiele Ihre

Rechneten Sie damit, dass es so weit
kommen könnte?
Maria da Penha Macena: Ja, wir waren
sehr besorgt, weil wir schon im Zusammenhang mit Aktionen rund um die
Panamerika-Spiele von 2007 wussten,
was auf uns zukommt. Schon damals
wurden wir bedroht und aufgefordert,
unsere Häuser zu verlassen. Es gab viele
Polizeiaktionen. Und das Problem ist,
dass diese Polizisten im Umgang mit
den Favelas nicht geübt sind. Deshalb
gibt es immer wieder Tote. Soweit dürfte
es nie kommen.
Ana Paula Oliveira: Es war zu befürchten. Die arme Bevölkerung spielt
in Brasilien keine Rolle. In den Favelas
hat man sehr oft keinen Zugang zu
medizinischer Hilfe und es gibt keine
Schulen. Die Infrastruktur ist generell
schlecht. Aber wir sind den Politikern
egal. Ausser, wenn es um die Sicherheit
geht. Dann dient die Ausrottung der
ärmeren Menschen der öffentlichen
Sicherheit. Die Favelas sind der ideale
Sündenbock für alles, was in Rio nicht
funktioniert.

Ana Paula Oliveira (39):
Am 14. Mai 2014 erschossen
Sicherheitskräfte in der im
Süden Rios gelegenen
Favela Manguinhos ihren
Sohn Jonathan (19), der
seine Freundin heimbringen wollte. Jonathan
war nie kriminell und in
Kontakt mit der Polizei
gewesen. Er geriet zufällig
in eine Drogenrazzia und
wurde von einem Polizisten
hinterrücks erschossen.
Oliveira kämpft seither mit
Amnesty International für
die Menschenrechte der
Favela-Bewohner, insbesondere der Jugendlichen,
die immer wieder Opfer
von Polizei-Gewalt werden.

Wurde die Situation nach der Fussball-WM wieder besser?
Ana Paula Oliveira: Nein. Auch nach
der WM blieb die Armee in den Favelas
präsent und beging viele Menschenrechtsverletzungen. Es kam immer zu
gewalttätigen Auseinandersetzungen, in
welchen Leute verletzt oder gar getötet
wurden. Bisweilen hat es bei uns ausgesehen wie in einem Krieg. Man sah
Bilder, die man sich sonst nur aus
Kriegsgebieten gewohnt war. Es standen
sogar Panzer herum!
Also wird während der Olympischen
Spiele die Armee präsent sein?
Ana Paula Oliveira: Ja, das haben die
Behörden bereits angekündigt. Ich habe
Angst, dass andere Leute nun dasselbe
Schicksal durchmachen müssen und
ihre Kinder verlieren. Seit 2013 sind
allein in meiner Favela acht schwarze
Jugendliche durch Polizeigewalt gestorben.
Wäre das alles nicht passiert, wenn
in Brasilien keine dieser Grossanlässe stattgefunden hätte?
Ana Paula Oliveira: Nein, weil die
Situation so oder so verheerend ist.
Und zwar hauptsächlich deshalb, weil
die Regierung kein Interesse daran hat,
etwas zu verändern. Das Problem ist,
dass die Behörden aufgrund der Sportanlässe den Zwang verspüren, der
Stadt ein besseres Image zu verpassen –
vor allem bezüglich Sicherheit. Das
führt zu mehr Polizei in den Strassen,
was wiederum für noch mehr Gewalt
in den Favelas sorgt. Und die Polizisten
töten dann mit dem Segen der Behörden.
Ohne Olympische Spiele würden Sie
noch in Ihrem Haus wohnen, oder?
Maria da Penha Macena: Ja, die ganze
Gemeinde würde noch stehen. Olympia
war der Schlüsselfaktor, um die Bewohner zum Verlassen der Favela zu
zwingen.

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Rio, wir kommen!
Am 5. August beginnen die Olympischen Spiele; wir zeigen, was wo stattfindet.
Rio, wir kommen! Für die Athletinnen
und Athleten läuft der finale Countdown
für die Olympischen Sommerspiele in Rio
de Janeiro. Vom 5. bis 21. August geht es
insgesamt 306-mal um Gold, Silber und
Bronze. Die Schweizer Delegation will
mindestens fünf Mal aufs Podest und damit einmal mehr als 2012 in London. Damals gab es zweimal Gold und zweimal
Silber. «Es dürfen in Rio gerne mehr sein
als fünf Medaillen», sagt Chef de Mission
Ralph Stöckli.
Einfach wird das nicht. Zumal mit dem
verletzungsbedingten Verzicht von Roger
Federer ein heisser Medaillenanwärter
gar nicht erst nach Brasilien reist. Trotzdem darf die Schweizer Delegation von
Medaillen träumen: Jolanda Neff und Nino
Schurter zählen zu den besten Mountainbikern der Welt. Giulia Steingruber ist im
Kunstturnen viel zuzutrauen. Im Tennis
hat Stan Wawrinka Ambitionen und die

Reiterinnen und Reiter gehören zu den
Mitfavoriten. Fabian Cancellara will zum
Abschluss seiner Rad-Karriere ebenfalls
olympisches Edelmetall mit nach Hause
bringen. Und auch die Triathletin Nicola
Spirig oder die Schweizer Ruderer dürfen
sich berechtigte Hoffnungen auf Medaillen
machen. Gleiches gilt auch für das Team
der Fechter.

Die Stars der Szene

Zu den Superstars der Spiele könnten Altbekannte avancieren: Der jamaikanische
Sprinter Usain Bolt will in Brasilien wie
schon 2008 und 2012 dreimal Gold gewinnen. Was Bolt für die Leichtathleten
ist, verkörpert der Amerikaner Michael
Phelps im Schwimmen. 2012 gab er den
Rücktritt bekannt, kehrte aber 2014 zurück. In Rio will er nun seine einmalige
Sammlung von 22 olympischen Medaillen,
davon 18-mal Gold!, erweitern und damit

seinen Status als erfolgreichster OlympiaTeilnehmer zementieren.

Es gibt auch Probleme

Obwohl sich Brasiliens Metropole auf
Postkarten jeweils von seiner besten Seite
zeigt, tangieren die Probleme des Landes
auch die Spiele. Die Gewässer für einzelne
Wettkämpfe sind derart verschmutzt, dass
einige Experten gesundheitliche Probleme
befürchten. Hinzu kommt die Angst vor dem
Zika-Virus.
Das Budget für die Spiele beträgt rund
13,9 Milliarden Dollar. Das ist sehr viel Geld
für ein Land, das mit einer tiefen Rezession
kämpft. Darum sind auch weit nicht alle der
6,5 Millionen Einwohner von Rio von den
Spielen begeistert, zumal viele in den Slums
in tiefer Armut leben. Ebenfalls gross ist die
Angst vor Kriminalität. Die Organisatoren
betonen aber trotzdem, dass es wunderbare
Spiele werden. (SON)

sport 37

25 Jah re Int ernet

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

mobil 39

Wie das Auto intelligent wurde
Vom Radio über die Verkehrsmeldung bis hin zum intelligenten Fahrzeug: Das Internet verändert das Auto.
VON PHILIPP AEBERLI

Am Anfang war das Auto. Mehr eine
motorisierte Kutsche. Doch schon bald
entwickelte es sich zum komfortablen
Fortbewegungsmittel. Der Gedanke,
Unterhaltung ins Auto zu bringen, kam
schon bald auf. Anfang der 1920er-Jahre
wurden die ersten Radios im Ford
Model T verbaut. 1927 wurde erstmals
ein Radio als offizielles Zubehör ab Werk
angeboten: der «Philco Transitone» bei
Chevrolet. In Europa brachte Blaupunkt
den ersten Radio auf den Markt. Er wog
15 Kilogramm und kostete 465 Mark –
rund ein Drittel des ganzen Autos. Purer
Luxus also.
Dass man den Radio als Informationsquelle für den Fahrer nutzen kann,
lag auf der Hand. Einen grossen Schritt
in diese Richtung machte man am
1. Juni 1974. Das «Autofahrer-RundfunkInformationssystem» erlaubte die automatische Erkennung von Verkehrsmeldungen, sodass man vor einem Stau
rechtzeitig gewarnt wird.
Den Grundstein für die nächsten
Schritte legte das Navigationssystem,
das ab Anfang der 1990er-Jahre aufkam.
Im 7er brachte BMW 1994 als erster
Hersteller Europas das Navi ab Werk
auf den Markt. Das gab dem Autoradio
eine zweite Dimension: Er konnte nun
grafisch informieren. Über die Rundfunkwellen konnte er schon bald Verkehrsdaten empfangen und die Route
entsprechend optimieren.

Vom Zusatz zum Mittelpunkt

Bis anhin war die Radio-Navigationseinheit allerdings nur ein Zusatz, der, bis
auf die Stromversorgung, unabhängig
vom Auto funktionierte. Nachträglich
verbaut und grundsätzlich frei austauschbar. Das änderte sich ab 2001,
als BMW mit dem «iDrive»-System erstmals sämtliche Fahrzeugfunktionen
über den zentralen Monitor zugänglich
machte. Der Monitor, der davor nur als
Zusatz für Unterhaltung und Navigation
im Auto war, wurde damit zum zentralen
Element, zum Hirn des Autos.
Die Verkehrsmeldungen gelangten
aber weiterhin über Radiofrequenzen
ins Auto. Doch nun ist das Ende der
UKW-Zeit auch in der Schweiz absehbar. Was folgt dann? Radio wird digital
über DAB+ übermittelt, den Rest macht
das Internet. Es kommt per SIM-Karte,
die der Kunde meist selbst besorgen
muss, oder per W-LAN-Verbindung
über das Smartphone ins Auto. Und es
eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Die
Verkehrsmeldungen können in Echtzeit
empfangen werden, diese Daten stellen
verschiedene Betreiber zur Verfügung.
Für möglichst genaue Daten macht

beispielsweise TomTom jedes Navi zum
Datensammler: Die Bewegungen der
Geräte werden anonymisiert ausgewertet, sodass Staus exakt erfasst werden
können.
Nebst den Verkehrsmeldungen bringt
das Internet im Auto aber noch eine
ganze Menge von weiteren Möglichkeiten. Bei VW nennt sich dieses Angebot «CarNet». Das klassische Navi wird
dadurch um einige nützliche Zusatzfunktionen erweitert. So steht beispielsweise eine Online-Zielsuche zur
Verfügung. Man kann also beispielsweise
nach einer Firma in einem bestimmten
Ort suchen – das erspart den Umweg,
sich erst die genaue Adresse zu suchen.
Am Zielort können, sofern die Daten
zur Verfügung stehen, freie Parkplätze
angezeigt werden, das Wetter für die
nächsten Stunden oder die nächsten
Tankstellen mit Spritpreisen und Infos
wie Öffnungszeiten oder Ähnliches.
Es sind Angebote, die sich in Zukunft
immer weiter entwickeln sollen. Denkbar ist beispielsweise auch eine vorausschauende Routenberechnung. Denn
die Verkehrsmeldungen in Echtzeit
sind, realistisch betrachtet, zu langsam.
Wer um 6 Uhr morgens in Zürich losfährt, bekommt freie Fahrt angezeigt.
Ist man aber um kurz nach sieben vor
den Toren Berns, staut sich da womöglich schon der morgendliche Pendlerverkehr. Deshalb soll das Navigationssystem in Zukunft auf Statistiken zurückgreifen können, die ebendieses
Szenario voraussagen können. Aufgrund immer genauer werdender GPSOrtung soll der Stau zudem noch genauer erfasst werden können – bis auf
die Fahrspur genau. So können Verkehrsbehinderungen noch genauer umfahren werden.

Die Umwelt wird zur virtuellen Realität: Informationen werden in Zukunft direkt auf die Scheibe projiziert.

Mehr Kommunikation

Die Kommunikation, und das ist ein
weiterer Schritt hin zum autonomen
Fahren, soll aber in Zukunft nicht mehr
nur zwischen Auto und Server erfolgen.
Die Autos der Zukunft kommunizieren
auch untereinander. Das kann die Fahrt
sicherer und angenehmer machen. So
kann ein Auto am Stauende andere
Autos in der Umgebung warnen. Dasselbe ist bei Pannen, Unfällen oder Gefahren auf der Strasse denkbar. Polizei,
Feuerwehr und Ambulanz können in
Zukunft nicht nur per Sirene, sondern
auch mit einem digitalen Signal warnen
und sich so deutlich früher bemerkbar
machen; ob nun ein Mensch oder ein
Computer das Auto steuert, spielt dabei keine Rolle.
Fest steht aber, dass sich der Autoradio immer mehr vom Unterhalter zum
Hirn des Autos wandeln wird.

Das Auto kann auf immer mehr Daten zugreifen. Eine moderne Luxuslimousine verfügt daher über gut 200 Steuergeräte.

Die Brücke ins Netz
VON PHILIPP AEBERLI

Jeder hat ein Smartphone, kann man
salopp sagen. Statistisch untermauert
sind es rund 2 Milliarden intelligente
Telefone auf der Welt, wobei in den
nächsten drei Jahren nochmals gut
600 Millionen dazukommen dürften.
Für die Autohersteller ist es also unerlässlich, das Smartphone auch ins Auto
zu bringen. Denn dieses Gerät, das wir
fast immer mit uns herumtragen,
wurde zum Teil unseres Lebens, zur
Gewohnheit, auf die wir nicht mehr
verzichten wollen – auch beim Fahren
nicht. Das birgt Chancen und Risiken:
Einerseits kann das Smartphone mit
verhältnismässig geringem Aufwand
viele Funktionen ins Auto bringen,
andererseits kann es auch eine erhebliche Ablenkung bedeuten. Deshalb ist
es wichtig, dass sich die Hersteller um
die Smartphone-Integration im Auto
kümmern. Die neueste Infotainment-

Die bekannte Bedien-Oberfläche bleibt auch im Auto erhalten.
Generation im Volkswagenkonzern ist
dank Apple Carplay, Android Auto und
MirrorLink mit rund 80% aller Geräte
kompatibel und kann deren Inhalte auf
dem Monitor anzeigen. Die Steuerung

VW

Nachrichten

Smartphone und Auto
wachsen zusammen

Mit dem Smartphone tragen wir das Internet immer bei uns. Auch im Auto.

BMW

VW

erfolgt wo immer möglich über die
Spracheingabe, die Darstellung auf
dem Touchscreen wird möglichst
gross und simpel gestaltet. Zudem bestimmen die Hersteller, welche Apps

ins Auto kommen: Soziale Netzwerke,
Messenger oder gar Pokémon? Bestimmt nicht! Aber dank Karten,
Telefon, Musik oder Hörbüchern kann
man viele Vorzüge aus dem Internet
übers Smartphone nutzen, ohne teure
Sonderausstattung im Auto zu haben.
Die entsprechende Smartphone-Verbindung ins Auto ist bei vielen Herstellern kostenlos oder für wenige
hundert Franken Aufpreis zu haben.
Eine Investition, die sich auch für die
Zukunft lohnt, da das Smartphone dank
Updates immer auf dem neusten Stand
bleibt.
Nur die Internetverbindung muss
man haben, wenn man beispielsweise
die Navigation nutzen will. Gerade für
die Urlaubsfahrt ins Ausland ein
Punkt, der nicht zu unterschätzen ist.
Hier sollte man sich besser vorgängig
informieren. Aber das sollte ohnehin
jedem Smartphone-Nutzer bekannt
sein.

BMW Ab August ist der BMW Connected
Service auch in der Schweiz verfügbar.
Der Dienst verbindet das Auto mit dem
Smartphone. So können nicht nur
Informationen wie Tankfüllung und
Reichweite auf dem Handy angezeigt
werden, sondern auch Navigationsziele
vom Telefon an das Auto geschickt
werden. Dabei kann auch auf Kontakte
und Kalender im Telefon zugegriffen
werden. Praktische Zusatzfunktion: Die
App überprüft die aktuelle Verkehrssituation und teilt dem Benutzer mit,
wenn dieser sich auf den Weg machen
sollte, um pünktlich zum nächsten geplanten Termin zu erscheinen. Zudem
kann die App auch den Weg vom Parkplatz bis zum tatsächlichen Ziel anzeigen. Praktisch, wenn man in einer
fremden Stadt nicht direkt am Ziel
parkieren kann. Das System ist in den
USA schon seit Ende März im Einsatz
und erhielt für Europa schon erste Verbesserungen. Künftig sind weitere
Funktionen geplant. (PD)

sport

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

40

Ausruf!
Verdammt
noch mal, John! Du
sagtest: «Kuppe,
dann Kurve rechts!»
Sorry, Chef!
Ich habe das andere
rechts gemeint.
Mein Fehler!

Lenz

Der vierte
Wechsel
Im Jahr 1967 beschloss die Fifa, dass bei
Fussballmatches ein verletzter Spieler pro
Mannschaft und Spiel ausgewechselt werden
darf. Vorher gab es den Begriff Ersatzspieler
gar nicht. Doch offenbar befanden die zuständigen Experten damals, es sei besser
für das Spiel, wenn bei Bedarf ein Ersatzmann aufs Feld kommen kann, als dass ein
Schwerverletzter stundenlang auf dem Platz
rumhumpelt.
Gewisse Entwicklungen gehen immer nur
in eine Richtung. Wie bei manchen Rasierklingenmarken oder Hamburger-Ketten
bestand auch beim Einwechselspieler die
Weiterentwicklung des Systems darin, alle
paar Jahre noch einen draufzugeben. Aus
der einfachen Rasierklinge wurde bald die
Doppelklinge, später die Dreifachklinge und
gegenwärtig sind sogar Vierfachklingen im
Angebot. Bei den Hamburgern erfand einmal jemand den Doppelburger. Es folgte
der Entwicklungsschritt zum Triple Burger
und selbstverständlich durfte das Genie
nicht fehlen, das hierauf sogar das Modell
Quadruple mit vier übereinander servierten
Burgern auf den Markt warf.
Im Fussball kam der zweite Ersatzspieler
schon 1968. Es dauert dann etwas länger,
bis 1995 der dritte Wechsel in einem Spiel
erlaubt wurde. Doch dabei konnte es
unmöglich bleiben.
Die Innovationsabteilung der Fifa muss die
Evolution im Rasierklingen- und Hamburgermarkt genauestens verfolgt haben. Und tatsächlich wurden an der U19-Europameisterschaft, die letzte Woche mit einem Sieg
Frankreichs zu Ende ging, erstmals vier
Wechsel in einem Spiel erlaubt. Der vierte
Wechsel darf allerdings vorderhand nur
bei einer allfälligen Verlängerung getätigt
werden. Es handelt sich bislang um einen
Test, der auch am olympischen Fussballturnier in Rio durchgeführt werden soll.
Bewährt sich der vierte Wechsel, dürfte er
bald definitiv ins Regelbuch aufgenommen
werden. Reiche Klubs, die grosse, teure
Kader haben, werden sich darüber freuen.
Kleinere Vereine werden Mühe haben, überhaupt einen vierten Ersatzspieler auf die
Lohnliste zu nehmen.
Wir traditionsbewussten Fussballfans, die
jede Neuerung und jede Regeländerung
skeptisch betrachten, werden künftig immer
dann, wenn zum vierten Mal gewechselt
wird, an Rasierklingen und Hamburger
denken müssen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten.

Kommentar zum Sinn von Olympischen Spielen in einem Entwicklungsland

Auch das IOC würgt den Traum ab
Das Urteil ist schnell gefällt. Es war ein kapitaler
Fehlentscheid der Delegierten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die
Sommerspiele 2016 nach Rio de Janeiro zu
vergeben. Die zwei wichtigsten Ziele werden
nicht erreicht. Von der erhofften Ankurbelung
der Wirtschaft profitieren wenige dubiose
Immobilienspekulanten und viele korrupte
Politiker. Und die angestrebte zehnprozentige
Zunahme zukünftiger Touristen wird von der
ungebrochen prekären Sicherheitslage gebremst. Rio ist dank den Olympischen Spielen
kein bisschen sicherer, das Verbrechen
wird lediglich in andere Stadtteile abseits
der weltweiten TV-Übertragungen ausgelagert. Es ist wahrlich ein Leichtes, negative
Auswirkungen des Megaevents zu finden:

> Zur Finanzierung der Gesamtkosten von
14 Milliarden Dollar mussten die Steuerzahler
massgeblich beitragen. Zudem werden die Lebenshaltungskosten durch die Spiele steigen.
> Um das Stadtbild von den Armenvierteln,
den Favelas, zu befreien, wurden unzählige
Häuser zwangsgeräumt und abgerissen. Mehr
als 100 000 Menschen bekamen ein neues Zuhause, idealerweise weit ausserhalb des Stadtzentrums. Oft wurden dabei Menschenrechte
mit Füssen getreten.

VON RAINER
SOMMERHALDER

> Anstatt in Sozial- und Bildungsprojekte
flossen die Investitionen in überteuerte Bauwerke, die nach den Spielen als luxuriöse
Wohnanlagen für die Oberschicht dienen.
Auch bei der grosszügig erneuerten Verkehrsinfrastruktur wurde nicht dort angesetzt,
wo es seit vielen Jahren harzt und stockt.
> Die Polizeipräsenz in den Favelas, um
Drogen- und Verbrechersyndikaten den
Kampf anzusagen, bewirkte eine Befriedung
von nicht einmal 10 Prozent der «Hotspots».
> Zu guter Letzt scheiterte die Stadtverwaltung
beim Prestigeprojekt kläglich, die GuanabaraBucht für die Segelwettbewerbe von einer
Kloake in eine blaue Lagune zu verwandeln.
Bleibt also das unzweifelhafte Fazit, dass
Olympische Spiele in Rio de Janeiro nichts
verloren haben? So einfach ist die Rechnung
nicht. Vor allem ist es zu simpel, in der typischen Manier des europäischen Besserwissers

mit dem Mahnfinger auf die Organisatoren zu
zeigen. Als sich Brasilien 2007 für die Spiele
bewarb, boomte das Land an allen Ecken und
Enden. Die Nation katapultierte sich gerade in
die Liga der Weltwirtschaftsmächte und lag
zwischenzeitlich auf Platz 5 (aktuell Platz 10)
der weltgrössten Ökonomien. Die Börse in
São Paulo wies sogar den weltweit stärksten
Gewinn aus. Es war folgerichtig, sich als erstes südamerikanisches Land für Olympische
Spiele zu bewerben. 85 Prozent der Bevölkerung von Rio standen hinter der Kandidatur.
Den dramatischen Einbruch von Wirtschaft
und Politik konnte niemand voraussehen.
Dass der Traum vom sportlichen Grossanlass
als Turbo eines nachhaltigen Aufschwungs wie
schon beim – entschuldigt, liebe Griechen! –
Entwicklungsland Griechenland (Athen 2004)
nicht funktioniert, liegt massgeblich am IOC.
Der «Besitzer» der olympischen Idee nötigt
die Veranstalter mit Knebelverträgen zur bedingungslosen Defizitgarantie und befreit
sich selber grosszügig von Steuern. Das IOC
feiert die Party mit Milliardengewinn durch
Sponsoren und TV-Rechte. Der Austragungsort
bezahlt die Zeche mit einer oft unverschämt
hohen Verschuldung. Die «Agenda 2020», das
Reformprojekt des IOC, will Abhilfe schaffen.
Leider nur in einer homöopathischen Dosis.

Sehr geehrter Herr Shaqiri
Wahrscheinlich waren Sie noch nie in Almaty.
Die grösste Stadt Kasachstans liegt im Zentrum
des eurasischen Kontinents am Fusse von hohen
Bergen und ist so etwas wie der vergessene Mittelpunkt der Erde. Ich war kürzlich dort und ging
davon aus, dass Sie einem einheimischen Sportfan kein Begriff sind. Weil ich dachte, Eishockey
sei das Thema für meinen Freund Mustafa. Kasachstan hat ja bei der letzten WM in Moskau
sensationell gegen die Schweiz gewonnen. Aber
das zählt nicht. Mit der Hockey-Nationalmannschaft könne er sich nicht identifizieren, sagt
mein kasachischer Sportsfreund. Das seien doch
mehrheitlich bloss Papier-Kasachen. Man müsse
ja nur die Namen lesen: Russen, nicht Kasachen.
Quasi ein «Russengraben» quer durchs Team.
Ich war schon etwas irritiert und erklärte, so
etwas wäre bei uns völlig undenkbar. Eidgenosse
sei Eidgenosse. Herkunft und Namen seien bei

uns gänzlich nebensächlich. Die Schweiz ist für
Mustafa ein Fussballland, nicht eine Hockeynation. Die Schweiz habe in Frankreich super
gespielt. Ich konnte ihm nicht zustimmen. Doch
Mustafa blieb dabei: Die Schweiz sei super, dieses
unglaubliche Tor von Shaqiri (er betonte Ihren
Namen melodisch weich), das sei Weltklassefussball und davon sei man halt noch weit entfernt.
Er habe Ihren Treffer im Internet immer und
immer wieder geschaut. Einfach genial. Ronaldo?
Ach was, Shaqiri ist für ihn DER Star des Turniers.

ZAUGGS BRIEF
An: Xherdan Shaqiri, FussballNationalspieler
Betreff: Bitte mehr Egoismus!

Meine Einwände, dass wir bei der Euro ja eigentlich erneut versagt haben, liess er einfach nicht
gelten und kam immer wieder auf Ihr Tor zu
sprechen. Wir lernen daraus: Ein Spektakeltor
hinterlässt über Tausende von Kilometer einen
nachhaltigen Eindruck und überstrahlt eine miese
Gesamtleistung. Mit einer gehörigen Portion

Eigensinn und Spektakel können Sie viel mehr
bewirken als mit einer aufopfernden Leistung
im Dienste des Teams. Streben Sie weiter nach
so wunderbaren Toren und verbrauchen Sie ja
nicht zu viel Energie mit Zurücklaufen oder Verteidigungsarbeit. Stauchen Sie Ihre Mitspieler zusammen, wenn die das Spiel nicht ganz auf Sie
ausrichten. Bitte mehr Egoismus! Was hätte da
ein Sieg gegen Polen mit gewöhnlichen Toren
gebracht? Nichts. Er wäre schon vergessen. Aber
eine Niederlage mit Spektakeltor bleibt im Gedächtnis. So ist der wahre, der moderne Fussball.
Mit freundlichen Grüssen

kultur

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

& freizeit

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MIRGA GRAŽINYTĖ-TYLA

Die Kapellmeisterin
verrät Erfolgsrezept und
Fallstrick von Dirigentinnen-Karrieren.
Seite 42

Shops und Beatniks in der Haight Street in San Francisco.

Getty Images/Jean-Pierre Lescourret

Das Erbe der Hippies
Vor bald 50 Jahren entwickelte sich San Francisco zur Hochburg der Hippie-Bewegung.
Von ihrer Ideologie ist mehr übrig geblieben, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.
SARAH SERAFINI

H

aight Street, San Francisco, 1967. Hunderttausend Menschen folgen der Hymne des
Sängers Scott McKenzie, stecken sich Blumen is Haar und strömen in die Hochburg der Hippies. «If
you’re going to San Francisco, be sure
to wear some flowers in your hair.» Es
ist der Summer of Love, der Höhepunkt der Blumenkinder-Bewegung.
Der Stadtteil Haight-Ashbury hat sich
zum Treffpunkt der rebellischen Jugend, der Musiker und der Kiffer entwickelt. Am Ende der Haight Street, dort
wo der Golden Gate Park beginnt, spielen Rockstars wie Jimi Hendrix, Janis Jo-

plin oder The Grateful Dead gratis Konzerte. Vor der Bühne tanzt Allen Ginsberg, der bekannte amerikanische Poet
und intellektuelle Kopf der Beat-Generation, mit Tausenden anderen jungen
Menschen auf LSD.
Mitten unter ihnen war damals Pam
Brennan. Die heute 61-Jährige ist eine
der letzten Original-Hippies, die immer
noch am Ort des Geschehens wohnt, in
einem Haus gleich unter der Haight
Street. Brennan trägt ein schwarz verwaschenes Beatles-Fan-Shirt. Von den
Ohren baumeln kleine Anhänger in der
Form einer Schwalbe. Mit einer raschen Handbewegung streicht sie sich
die dunklen Fransen aus dem Gesicht.
Während des Summer of Love war sie

12 Jahre alt. Mit ihrer Familie war sie
nach San Francisco gereist. «Vor Staunen blieb mir der Mund offen stehen»,
sagt sie. «Die Haight Street war so voller Leute, dass wir in unserem Auto weder vor noch zurück kamen.» Überall
habe es nach Gras gerochen, Musik lief
an jeder Ecke, und die Menschen hätten sie angelächelt. «Es war magisch.
Ohne dass ich Gras geraucht hätte, war
ich high von dieser Atmosphäre.»

Kommerz und Zerfall

Sie wusste, dass sie sobald wie möglich
hierhinziehen wollte. Wenige Jahre später lebte sie in Haight-Ashbury in ihrer
ersten Kommune. Freie Liebe, Nacktheit, Drogen, politische Diskussionen

25

Jah re Int ernet

seien an der Tagesordnung gewesen.
«Ich fühlte mich einer Bewegung zugehörig, die sich anfühlte, als könne sie
wirklich etwas verändern», sagt sie.
Der Zerfall der Hippie-Bewegung begann nach dem Woodstock-Festival. Im
August 1969 feierte eine halbe Million
Blumenkinder ihre Rockstars. Aus der
rebellischen Jugendbewegung war eine
kommerzielle Populärkultur geworden.
Die politische Botschaft hinter den langen Haaren und den farbigen Gewän-

dern verschwand allmählich. Überschattet von der Mordserie des Kommunen-Führers Charles Manson und
dem Tod eines Zuschauers während eines Rolling-Stones-Konzerts verlor die
Bewegung an Glanz. Als dann mehrere
Hippie-Vorbilder, darunter Janis Joplin,
Jim Morrison und Jimi Hendrix, an einer Überdosis Heroin starben und 1975
der Vietnam-Krieg endete, war die Flower-Power vorbei.
Die Faszination durch die Hippies
bleibt jedoch bis heute bestehen. Noch
immer pilgern täglich Hunderte Touristen in das Viertel Haight-Ashbury. Doch
von den alten Idealen der Hippies ist

Fortsetzung auf Seite 42

42 kultur
Fortsetzung von Seite 41
hier heute nurmehr wenig zu spüren.
Das Hippie-Sein wird als Touristenattraktion vermarktet. Die Häuserfassaden sind im psychedelischen LSD-Look
bemalt, im «Day Dreamer Smoke Shop»
stehen Hanfpfeifen im Schaufenster,
in den sich aneinanderreihenden Second-Hand-Läden werden muffig riechende Batikgewänder anprobiert und
Jesus-Latschen verkauft. Touristen bleiben an der Ecke Haight und Ashbury
Street stehen, um ein Foto vom Strassenschild zu machen.
Nur wenige Meter von hier bildet sich
eine Menschentraube vor einem rosa
viktorianischen Haus. Eine Zeit lang bewohnte Janis Joplin den ersten Stock.
Schräg gegenüber lebte die Band The
Grateful Dead. Nach dem Summer of
Love verschwanden sie aus der Stadt,
wie auch die meisten anderen der
100 000 Hippies. Übrig blieben die Jugendlichen, die von zu Hause ausgerissen waren, um der Bewegung beizuwohnen. Viele landeten als Obdachlose
auf der Strasse.

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Der liebe Gott und der Dirigent
können nur Männer sein
So lautet das ungeschriebene Gebot der Klassik. Zeit, dem rätselhaften Phänomen auf
den Grund zu gehen, zumal das Lucerne Festival 2016 auf Dirigentinnen setzt.

Suche nach dem letzten Spirit

In Haight-Ashbury scheint von dem
Hippie-Spirit nicht viel übrig geblieben
zu sein. Doch noch immer gibt es vor
allem jüngere Menschen, die es hierhinzieht, auf der Suche nach dem bisschen Magie von 1967. Im Golden Gate
Park liegen sie in der Sonne auf dem
Hippie-Hügel. Zu dessen Fuss befindet
sich der Baum, unter dem Janis Joplin
gern sass. Manchmal kommen sie hier
zusammen und klopfen rhythmisch auf
ihren Trommeln.

«Selbstverständlich
bezeichne ich mich immer
noch als Hippie.»
PAM BRENNAN, ORIGINAL-HIPPIE

In der Vergangenheit gab es regelmässig Versuche, das Quartier von den
jungen Hippies und den Obdachlosen
zu säubern. Wie überall in San Francisco sind auch in Haight-Ashbury die Immobilienpreise derart in die Höhe gestiegen, dass sich hier Normalverdienende ein Haus nicht mehr leisten können. Immer mehr Ketten eröffnen an
der Haight Street ihre Filialen. Pam
Brennan engagiert sich in einem Nachbarschaftsrat, der gegen diese Aufwertungskampagnen ankämpft. «Selbstverständlich bezeichne ich mich immer
noch als Hippie», sagt Brennan. Nie habe sie aufgehört, für ein besseres Leben
und gegen den Status quo zu kämpfen.
Noch immer stellt sie sich gegen den
Mainstream mit seinen bürgerlichen
Wohlstandsidealen. In ihrem Haus lebt
sie in einer Gemeinschaft mit zehn anderen Personen und führt einen ökologischen Lebensstil. Drogen nehme sie
schon lange nicht mehr. Selten ziehe
sie noch an einem Joint. Lieber sei ihr
heute ein gutes Glas Wein.

Hippies wirken nach

Näher betrachtet, hat die Hippie-Bewegung in San Francisco deutlichere Spuren hinterlassen, als auf den ersten
Blick ersichtlich ist. So ist beispielsweise die Schwulen- und Lesbenbewegung
fester Bestandteil der Stadt. Auch dass
in unmittelbarer Nähe von San Francisco die weltweit grösste Dichte an technologischer Innovation entsteht, ist ein
Stück weit den Hippies zu verdanken.
Denn zur gleichen Zeit, als die Hippies
in der Stadt rebellierten, entstand im
Silicon Valley die Computerindustrie.
Wer tagsüber programmierte, ging
abends mit den Hippies an Konzerte.
Die zwei Szenen überlappten sich
und waren keinesfalls getrennte soziale
Welten. Über den Gründer von Apple,
Steve Jobs, ist bekannt, dass er eine
Zeit lang in einer Kommune lebte und
LSD ausprobierte. Die Hippies träumten von einer befreiten, individualisierten Gesellschaft ohne Hierarchien, Bürokratien und staatliche Ordnung. Im
Kommunenleben sollten Körper und
Geist eine Einheit bilden, ob beim Familienleben oder bei der Arbeit. Dass
in Grosskonzernen wie Facebook, Google oder Uber die Grenze zwischen
Freizeit und Arbeit immer mehr ineinanderfliesst und genau dies zum Erfolg
der Unternehmen beiträgt, ist ein Erbe
der Träume der Hippies.

Mirga Gražinytė-Tyla: «Mein Beruf besteht aus Musik und aus Kommunikation.»

VON ANNA KARDOS

O Klassikbetrieb! Die Musik aus dem 19.
Jahrhundert und die Ansichten noch ein
gutes Stück älter?! Fast könnte man es
meinen: «Die Essenz eines Dirigenten ist
Stärke. Die Essenz einer Frau Schwäche», verkündete unlängst Juri Temirkanow, Chefdirigent der Sankt Petersburger Philharmoniker und Inhaber derselben Position bis 2006 auch beim Baltimore Symphony Orchestra. Das Fazit seiner maskulin-eloquenten Analogie ist
sogar für weibliche Gehirne verständlich:
«Frauen, Finger weg vom Dirigierstab!»

Je namhafter, desto männlicher

Immerhin in einem Punkt trifft der reaktionäre Orchesterleiter den Nagel auf den
Kopf: Wie er scheinen auch andere zu
denken. Viele andere. Oder können Sie,
liebe Leserin, lieber Leser, sich erinnern,
wann Sie zuletzt eine Dirigentin ein Sinfonieorchester haben leiten sehen? Diesen Sommer wird es mehr als eine Gelegenheit dazu geben. Wenn im Rahmen
des Lucerne Festival die Crème de la
Crème der internationalen Dirigentinnen
am Ufer des Vierwaldstättersees gastiert,
von der Pionierin Marin Alsop über die
Netzwerkerin Anu Tali bis zum Shootingstar Mirga Gražinytė-Tyla. Damit bricht
das Hochglanzfestival ein ungeschriebenes Gebot der Klassik: Je namhafter ein
Orchester, desto unwahrscheinlicher,
dass es von einer Frau geleitet wird.
Tatsächlich betraten in der 133-jährigen Geschichte der legendären New Yorker Metropolitan Opera bislang nur drei
Frauen das Dirigierpodest, und in
Deutschland sind von 131 musikalischen
Chefposten bloss 2 mit Frauen besetzt –
das ist eine schlechtere Frauenquote als
beim Kegelklub Schafisheim. Dirigieren
scheint so in etwa der männlichste Beruf
der Welt zu sein, übertrumpft nur noch
vom katholischen Priesteramt und dem
Trainerposten im Männerfussball.
Merkwürdig. Wie Testosteronbomben,
die den Dirigierstab als eine Variante des
legendären Fuchsschwanzes für sich

3
So viele Dirigentinnen haben es in der 133-jährigen
Geschichte der New Yorker
Metropolitan Opera aufs
Dirigierpodest geschafft.

pachten, wirken die Herren Orchesterleiter ja gemeinhin nicht. Liegt es also
schlicht und einfach am Musikstil, dass
Frauen in der Klassik so selten das Sagen
haben? Denn in der Sparte Pop schwimmen immer mehr weibliche Stars wie
Madonna, Miley Cyrus oder Adele obenauf. Sie dirigieren zwar nicht klassisch
mit Stab, dafür umgekehrt einen ganzen
Stab an Mitarbeitern.
Selbst wenn ihre Stimmen geschmeidiger sind als jene ihrer männlichen Kollegen, am Gesang allein, an den Rhythmen
und Harmonien kann es nicht liegen,
dass DER Pop neuerdings weiblich ist,
DIE Klassik jedoch nach wie vor männlich. Vielleicht beruht es vielmehr darauf, dass Popmusikerinnen keinen «fremden» Klangkörper dirigieren, sondern für
sich selbst stehen? Adele Laurie Blue Adkins ist Miss Boss des Unternehmens
«Adele» und auf den muskelbepackten
Schultern von Madonna Louise Ciccone
ruht das Musikimperium «Madonna».

Firma versus Philharmonie

Doch längst sind Frauen nicht mehr nur
in eigener Sache unterwegs, sondern leiten höchst erfolgreich Unternehmen,
Sheryl Sandberg etwa als Geschäftsführerin bei Facebook, die Schweizerin Barbara Kux im Vorstand von Siemens. Doch
während in der Schweizer Wirtschaft
sich immerhin 16 Prozent der Verwaltungsratsmandate und 6 Prozent der
Chefsessel in Frauenhand befinden, sind
das Zahlen, von denen Sinfonieorchester
nur träumen. Und manchmal scheint es,
dass sie davon eher albträumen. Weshalb
ist das so? Was ist so grundverschieden
an Philharmonie und Firma? Liegt es an
der Perspektive? Wie im Eisenbahn-Lied
von Mani Matter, wo die einen stets im
Voraus darauf schauen, was kommt,
während die anderen darauf zurückblicken, was war. Dementsprechend lauten
die Gebote der Geschäftswelt: Fortschritt, Entwicklung, Neuerung. Jene der
Klassik dagegen meist: Tradition, historische Authentizität, Rückblick. Wobei sich
mit den genialen alten Zöpfen eines

Dimitrijus Matvejevas

Haydn oder Mozart eben auch weniger
geniale alte Zöpfe verflechten. Beispielsweise die irrige Annahme, dass der liebe
Gott und ein Dirigent nur männlich sein
können.
Dabei zeigte unlängst eine beachtlich
gross angelegte Studie auf, dass Firmen
mit über 30 Prozent Frauen in der Geschäftsleitung den Reingewinn um bis zu
sechs Prozent steigern können. Ist der
Boss eine Bossin, seien die Mitarbeitenden engagierter, die Unternehmenskultur offener, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit steige.
Davon können sich Sinfonieorchester
heutzutage eine Scheibe abschneiden.
Denn ausgerechnet in der Idee einer offenen Unternehmenskultur liegt der
Schlüssel, weshalb Frauen auf dem Dirigentenpodest noch immer selten sind.
Mirga Gražinytė-Tyla, 2013/2014 Kapellmeisterin in Bern und Andris Nelsons’
Nachfolgerin beim City of Birmingham
Symphony Orchestra, verrät in einem
Satz Erfolgsrezept und Fallstrick vieler
Dirigentinnen-Karrieren: «Mein Beruf besteht aus Musik und Kommunikation.»

Instrument der Dirigentin

Während nämlich Opernsängerinnen
und Klaviersolistinnen in vollem Besitz
ihrer instrumentalen Kräfte sind, sprich,
ihr Instrument nach eigenem Willen klingen lassen können, besteht das Instrument der Dirigentin aus dem Orchester.
Und wenn auch nur ein Drittel der Musiker ähnlicher Ansicht ist wie der eingangs zitierte Temirkanow, dann ist das
Instrument sprichwörtlich verstimmt.
Sodass selbst die begnadetste Orchesterleiterin damit nichts anfangen kann.
Kein Happy End also für Dirigentinnen? Aber sicher doch. Auf den alternden Polterer Juri Temirkanow folgte
beim Baltimore Symphony Orchestra
2007 eine starke Dirigentenpersönlichkeit. Es war niemand anders als Marin
Alsop. Und selbst Temirkanow muss
schulterzuckend eingestehen: Ihre Essenz ist Stärke – ob nun als Dirigentin
oder als Frau.

kultur 43

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

«Ich bin der Liebling der Mütter»
Hollywoodschauspieler Bill
Pullman ist der grosse Stargast
am diesjährigen Filmfestival in
Locarno. Im Gespräch blickt er
auf seine reichhaltige Karriere
zurück.

Man nimmt von jedem etwas mit. David
Lynch brachte mir viel über das Kino bei.
Aber auch von Roland Emmerich habe ich
einiges gelernt. Er hat ein Auge für Ästhetik, bei ihm ist immer alles in Bewegung.
Am meisten schätze ich Regisseure, die es
mir erlauben, meine Filmfigur zu formen.
Ich drehe als Nächstes den Western «The
Ballad of Lefty Brown». Darin spielte ich
den Sidekick eines legendären Cowboys.
In dieser Rolle bin ich freier, als wenn ich
den Cowboy spielen würde.

VON LORY ROEBUCK

Mitte der Neunziger war er dank Kinohits
wie «While You Were Sleeping» und «Independence Day» einer der gefragtesten
Männer Hollywoods. Trotz seinen filmischen Höhenflügen ist Bill Pullman aber
nie abgehoben. Der 62-jährige US-Amerikaner lebt mit seiner Frau und seinen drei
Kindern auf einer Farm und gönnt sich
heute den Luxus, nur noch Rollen anzunehmen, die ihm passen. Am Mittwoch
erhält Pullman auf der Piazza Grande den
Excellence Award des Filmfestivals von
Locarno. Kurz vor seiner Abreise erreichen wir den Mann mit der unverkennbar
rauchigen Stimme am Telefon.

Als Schauspieler verleihen Sie Ihren
Figuren eine wohltuende Bodenständigkeit. Ist diese Eigenschaft in Ihrer
eigenen Persönlichkeit verwurzelt?
Gute Frage. Meine Familie hat immer viel
Mitgefühl an den Tag gelegt. Mein Vater
war Arzt, meine Mutter Krankenschwester. Ihnen war es wichtig, dass ich Men-

«In jedem Wahljahr wird meine
Rede aus ‹Independence Day›
aus dem Archiv geholt.»

Bill Pullman, Sie reisen an die Eröffnungsnacht des Filmfestivals nach Locarno, zu einem der grössten Freiluftkinos der Welt. Haben Sie schon eine
Ahnung, was Sie dort erwartet?
Bill Pullman: Ich bin sehr aufgeregt.
Nicht nur darauf, die Schweizer Filmkultur kennen zu lernen, sondern auch die
Agrikultur. Meine Frau und ich leben auf
einer Ranch in Montana. Unser Traktormechaniker ist Schweizer und ein alter
Freund von uns. Er hat uns immer Fotos
von seiner Farm in der Schweiz gezeigt.
Dort sieht alles so anders aus. Das schauen wir uns jetzt an: Wir treffen seine
Schwester, die in der Nähe von Locarno
wohnt. Sie wird uns ihre Farm zeigen.

schen in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen wertschätze und dass ich lerne, dass es Wichtigeres gibt als nur mich.
Das hat mich sehr geprägt.
Diese Bodenständigkeit ist auch einer
der Gründe, warum Ihre Filmfigur im
Liebesfilm «While You Were Sleeping»
(1995) oft als der «perfekte Mann» bezeichnet wird. Kommt es auch heute
noch zu schrägen Erlebnissen mit den
unzähligen Fans des Films?
O ja! Frauen kommen heute auf mich zu
und sagen mir: «Sie sind der Lieblingsschauspieler meiner Mutter. Wenn wir ein
Foto zusammen machen könnten, wäre
sie begeistert.» (Lacht.) Ein Jahr zuvor hatte ich im Liebesfilm «Sleepless in Seattle»
noch die erste Nebenrolle gespielt. Mit
«While You Were Sleeping» wurde dann
alles anders: Endlich bekam ich am Ende
das Mädchen.

Kinozuschauer denken bei Bill Pullman eher an einen Präsidenten als an
einen Farmer. In dieser Rolle wurden
Sie vor 20 Jahren im Film «Independence Day» berühmt.
Der Film war ein einzigartiges Erlebnis.
Sein Erfolg hat uns alle überrascht. «Independence Day» war wie ein Flaschengeist,
der mir und den anderen Schauspielern
Wünsche erfüllte und Türen öffnete. Darum habe ich sofort zugesagt, als Regisseur
Roland Emmerich vor ein paar Jahren mit
der Idee einer Fortsetzung zu mir kam.
Ihre stürmische Ansprache («Wir werden nicht kampflos untergehen!») im
ersten Film ist in die Kinogeschichte
eingegangen. Wie ist es, darauf zurückzublicken?
Wir hatten keine Ahnung, was das auslösen würde. Diese Ansprache wird selbst
heute noch referenziert. In jedem Wahljahr, wenn darüber debattiert wird, wie
eine gute Rede funktioniert und was einen
guten Politiker ausmacht, wird meine Rede aus «Independence Day» aus dem Archiv geholt. Das überrascht mich immer
wieder.
Sie haben den Film sogar im Weissen
Haus zusammen mit Präsident Clinton
geschaut. Wie hat er reagiert?
Er hat ganz höflich gratuliert. Ich wurde ja
kürzlich mit der Serie «1600 Penn» auch
zu Präsident Obama ins Weisse Haus eingeladen, weil ich darin wieder in die Rolle
eines US-Präsidenten geschlüpft bin. Ich
fühle mich ausserordentlich geschmeichelt, dass sich unsere Staatsoberhäupter
dafür interessieren, was für einen Präsidenten ich spiele. (Lacht.)
Welche Qualitäten zeichnen einen guten Präsidenten aus?
Ich schätze es sehr, wenn ein Präsident
widerstandsfähig ist. Wenn diese Person
also seine Ideen verteidigt und für sie
kämpft. Auch wenn ein Teil der Menschen
nicht damit einverstanden sein könnte.
Machen Sie diese Widerstandsfähigkeit in einem der gegenwärtigen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten aus?
Sagen wir es so: Wenn man sich die Diskussionen über den Zustand der Welt anhört, merkt man, dass die Menschen der
Regierung gegenüber zunehmend frustriert sind. Gewisse Personen scheinen

Sie und Sandra Bullock haben im Film
ja auch eine grossartige Chemie.
Wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Regisseur Jon Turtletaub machte es
uns aber auch einfach. Noch während des
Drehs liess er das Script umschreiben, um
die Figuren unseren eigenen Persönlichkeiten anzunähern.

Bill Pullman bei der Kino-Premiere «Independence Day Resurgence» am 20. Juni 2016 in Hollywood.

BILL PULLMAN

Geboren 1953 in New York
als William James Pullman,
brach er eine Ausbildung
im Bauwesen ab und unterrichtete Theater. Dank
seinen Schülern wagte er
den Sprung ins Filmbusiness. Als ihm 1987 mit seinem erst zweiten Film
«Spaceballs» der Durchbruch gelang, war Pullman
bereits 34 Jahre alt. In den
90ern wurde er dank Hits
wie «Independence Day»
zum Hollywoodstar, später
spielte er vor allem in Independent-Filmen und TVSerien mit. Pullman ist seit
29 Jahren verheiratet und
hat drei Kinder. (LOR)

deswegen das Gefühl zu haben, sie hätten
jetzt ein Recht darauf, die Regierung
schamlos durch den Dreck zu ziehen. Das
macht mir Sorgen. Niemand scheint ihre
wahren Absichten dahinter infrage zu
stellen. Von Verantwortlichkeit keine
Spur.
Zurück zum Film: Ihre erste Rolle
nach «Independence Day» war im
kunstvoll düsteren «Lost Highway»
(1997) von David Lynch, der auch in
Locarno gezeigt wird. Der Film war eine radikale Kursänderung. Ein bewusster Entscheid?
Absolut. «Lost Highway» kam zur perfekten Zeit, ich wollte nicht, dass mich ein
einziger Film für immer definiert. Ich
schätze sehr, dass Locarno meine Arbeit
in Independent-Filmen würdigt. «Lost
Highway» hat meinen Blick auf meine eigene Karriere komplett verändert. Als ich
sah, wie David Lynch mit den geringsten
Mitteln umso kreativer arbeitete, lernte
ich erstmals zu schätzen, wie bedeutungsvolles Kino entsteht.
Sie bezeichneten die Zusammenarbeit
mit David Lynch einst als «Reise nach
Hause».
Danke, das hatte ich ganz vergessen. Aber

Imago

es stimmt: Bei Lynch hatte ich immer das
Gefühl, dass er Aspekte meiner eigenen
Familie beschrieb und dass er verstand,
wie ich aufgewachsen bin. Er hat einen
ganz eigenen Humor, den ich sehr schätze. Wenn wir beispielsweise Mühe mit der
Kamera hatten, sagte er jedes Mal in seiner gepflegten Stimme: «We are experiencing problems technical.» Sogar seine Anweisungen waren kreativ. Das hat uns zusammengeschweisst.

Ich muss gestehen, mein Lieblingsfilm
mit Ihnen ist ein ganz anderer:
«Spaceballs». Mit der grossartigen
Science-Fiction-Parodie von Mel
Brooks feierten Sie 1987 Ihren Durchbruch. Was sind Ihre Erinnerungen?
Ich weiss noch, wie ich mich immer kneifen musste, weil mein Leben plötzlich auf
ein Filmset mitten in der Wüste geführt
hatte, wo Kleinwüchsige in Umhängen herumrannten. «Spaceballs» war einer der
letzten Filme, die in den alten MGM-Studios gedreht wurden. Das war eine geschichtsträchtige Zeit. Sogar der Maskenbildner kam in Anzug und Krawatte. Und
mit Mel Brooks in der Kantine auf Stars
wie Jane Fonda und Arnold Schwarzenegger zu treffen, war echt abgefahren.

Bill Pullman, stimmt es eigentlich,
dass Sie keinen Geruchssinn haben?
Ja, das stimmt. Ich bin mit 21 bei einer
Theaterprobe aus 15 Metern rückwärts auf
den Kopf gefallen. Ich lag zweieinhalb Tage lang im Koma und verlor dabei meinen
Geruchssinn. Das hat auch seine guten
Seiten: Während andere vor einem strengen Geruch fliehen, macht er mir nichts
aus. Blöd ist es nur, wenn ich in Hundekot
trete – das merke ich dann manchmal gar
nicht! (Lacht.)

Schon ewig geistert das Gerücht einer
«Spaceballs»-Fortsetzung herum. Die
Zeit wäre ja reif, es gibt neue «Star
Wars»-Filme, die sich parodieren liessen. Was müsste Mel Brooks sagen, um
Sie wieder an Bord zu holen?
Ich denke, in seinen Augen war nie meine
Figur, Lone Starr, zentral, sondern eher
Lord Helmchen, gespielt von Rick Moranis. Mel hat gesagt, er würde Teil 2 nur
mit Rick drehen, aber Rick hat vor Jahren
schon mit der Schauspielerei aufgehört.
Sein Leben ist heute ganz woanders. Und
Lone Starr wäre inzwischen viel zu alt.
Der Film bräuchte einen neuen, jungen
Hauptdarsteller. Ich weiss nicht, ob Mel
Brooks so nachsichtig wie Roland Emmerich wäre und mir heute noch eine Rolle
anbieten würde. (Lacht.)

Einen Riecher für gute Rollen hatten
Sie aber immer. Sie haben mit vielen
renommierten Regisseuren gearbeitet:
Wim Wenders, Lawrence Kasdan, Wes
Craven, Cameron Crowe … Von wem
haben Sie am meisten gelernt?

Bill Pullman am Filmfestival Locarno:
Mi, 3. 8., Verleihung Excellence Award.
Piazza Grande, 20 Uhr.
Do, 4. 8., Gespräch mit Bill Pullman.
Spazio Cinema, 13.30 Uhr.
«Lost Highway» Mi, 3. 8., La Sala, 15 Uhr/
Fr, 5. 8., Kursaal, 13.30 Uhr.
«The Zero Effect» Do, 4. 8., La Sala, 21 Uhr.

kultur 44

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

San Francisco durch die Augen eines Cinephilen
New York hat die Brooklyn Bridge. London die Tower Bridge. Aber nur San
Francisco hat die Golden Gate Bridge,
das rote Pazifik-Tor in die Bay Area. Es
ist eines der meistfotografierten Wahrzeichen der Welt. Kein Wunder, ist auch
Hollywood von der ikonenhaften Brücke
mystisch angezogen und dreht immer
wieder in der Stadt der Hippies. So oft,
dass man inzwischen einen Stadtrundgang anhand von berühmten Szenen
machen kann, um einen Eindruck von
der Gegend zu erhalten.

und lernen die «wahren Werte» der
Such- und Geldmaschine Google kennen. Auch in der benachbarten Universität Stanford wurden Szenen gedreht.

. . . and cut!
Benjamin Weinmann

Wer sich gleich zu Beginn mit dem Silicon-Valley-Virus infizieren lassen will,
kann zuerst den Google-Campus in
Mountain View besuchen, Drehort der
PR-induzierten Komödie «The Internship» (2013). Darin heuern Vince Vaughn
und Owen Wilson als Praktikanten an

25 Jah re Int ernet

Die Reise geht weiter nordwärts. Am
Fusse der Twin-Peaks-Hügel liegt das
Lesben-und-Schwulen-Viertel Castro, in
dem Regisseur Gus Van Sant 2008 das
bewegende Leben von Harvey Milk (Oscar für Sean Penn) verfilmte, dem ersten
öffentlich schwulen Politiker der USA.
Hier wohnte Milk und führte seinen
Wahlkampf. Die Hauptstrasse Market
runterfahrend in Richtung Piers befindet
sich die City Hall, das Rathaus, wo Milk
im echten Leben und im Film sein tragisches Ende fand.
Dann folgt ein kleiner Umweg über die
Hayes Street in Richtung Pazifik zum

Alamo Square, das wohl zweitbeliebteste
Fotosujet der Stadt. Hier präsentiert sich
die bunte Häuserreihe, die viele Postkarten ziert und Serienfans bekannt ist als
Wohnstätte der Familie Tanner aus «Full
House» (1987 bis 1995 und zurzeit als
Neuauflage bei «Netflix»). Es geht weiter
downtown, wo sich viele Szenen der
Filmgeschichte tummeln. Chinatown:
«Big Trouble in Little China» (1986). Pacific Heights: «Mrs. Doubtfire» (1993) und
«Basic Instinct» (1992). Washington
Square: «Dirty Harry» (1971) und «Blue
Valentine» (2010).
Krönender Abschluss der Stadtrundfahrt
ist die Golden Gate Bridge. Hier spielte
Hitchcock in «Vertigo» (1958) mit dem
Adrenalin der Zuschauer. Captain Kirk
und Mr. Spock spazierten der Bucht entlang («Star Trek IV», 1986). Die Affen in

Hip-Hop
Es beginnt mit dem Betrug: Eine Freundin berichtet
Dreezy, dass sie ihren Freund mit einer anderen Frau
gesehen hat. Enden tut es mit Schüssen. Die US-Sängerin und Rapperin legt ein beachtlich dichtes Debüt
vor. Das nimmt vom ersten bis zum letzten Ton ein
und schafft es sogar, über mehrere Songs eine Geschichte zu entwickeln. Dreezy ist eine selbstbewusste
Dame, die im (Gefühls-)Chaos nie den Überblick verliert. Sie kann erzählen und hat einen ganz eigenen,
kratzigen, dreckigen Stil, ihre kleinen, scharfen Beobachtungen darzubieten. Mal spuckt sie sie verächtlich
aus, mal gibt sie ganz die Lady. MICHAEL GRABER

On The Run

★★★★★

Blues-Rock

Wo ist die Intensität?
Die schwedisch-amerikanisch-französische Band Blues
Pills gehört mit den Rival Sons, Kaleo, Temperance
Movement und Black Keys zu den Hoffnungsträgern
des Retro-Rock. Live hat das Quartett um Sängerin
Elin Larsson bei uns die hohen Erwartungen schon
mehrfach erfüllt. Auf ihrem zweiten Album «Lady In
Gold» bleibt die Band aber vieles schuldig. Vermisst
wird der Druck, die Intensität und Dringlichkeit der
Liveband. Elin Larsson singt zwar ordentlich, aber wo
ist die ekstatische Leadgitarre? Wir freuen uns auf das
Konzert im Oktober in Pratteln. STEFAN KÜNZLI

Blues Pills: Lady In Gold, Nuclear Blast. Erscheint
am 5. 8. Live: 22. 10., Pratteln, Z7.
★★✩✩✩

Jazz

Kulinarischer Jazz aus Kanada
Selbst bestens informierte Jazzaficionados werden
beim Namen Taylor Cook (noch) passen müssen. Das
25-jährige Riesentalent aus Kanada (Altsaxofon, Flöte,
Klarinette) outet sich in «The Cook Book» als musikalischer Tausendsassa. In einem 10-gängigen Menü präsentiert der Chefkoch ein stilistisch schwindelerregend
breites Angebot von Minibigband-Swing, Gospelgroove, Bebop, Fusion, Vocaljazz, Hardbop-Streichquartett-Verschnitt und, und, und … Ein musikalischer Riesenspass voller Überraschungen für musikalisch Unvernagelte. JÜRG SOMMER

Taylor Cook: The Cook Book (taylorcook.com/cdBaby.com).

Ich persönlich verbinde vor allem «The
Rock» (1996) mit San Francisco. Dank
der starken Bildsprache kommt die Stadt
im Action-Klassiker besonders gut zur
Geltung. In der Innenstadt findet eine
rasante Verfolgungsjagd statt. Ein Cable
Car fliegt bei einer Explosion in die Luft.
Kampfjets fliegen unter der Golden Gate
Bridge hindurch zur Gefängnisinsel Alcatraz. Sie ist inzwischen eine Touristenattraktion, wie Ausbrecher John Mason
(Sean Connery) ungläubig feststellen
muss. Eine Touristenattraktion, die sich
lohnt, so wie die ganze Stadt.

True Crime

Ein starkes Ausrufezeichen

Dreezy: No Hard Feelings (Universal).

«Planet of the Apes» (2011) erkämpften
sich auf der Brücke den Weg in die Freiheit. Und unzählige Male liess Hollywood die Brücke zerstören, wie zuletzt
in «Godzilla» (2014) oder in «San Andreas» (2015).

★★★★✩

Film-DVD

Griechische Chaos-Familie
2003 sorgte «My Big Fat Greek Wedding» für einen
Überraschungserfolg. Die Culture-Clash-Komödie von
Autorin und Hauptdarstellerin Nia Vardalos überzeugte mit unbeschwertem Charme, Witz und Romantik.
Die harmlose Fortsetzung hat
zu Beginn etwas Mühe, in die
Gänge zu kommen, unterhält
dann aber durchweg. Toula
(Vardalos) und Ehemann Ian
sind schon lange Jahre verheiratet. Doch als Tochter Paris in einer anderen Stadt ans College
will, mischt sich Toulas griechischer Familien-Clan ein. Chaos
ist garantiert. BENJAMIN WEINMANN

Kirk Jones: My Big Fat Greek Wedding 2.
Universal. 90 Minuten.
★★★✩✩

Netflix

tipp
der woche

Auf das richtige
Pferd gesetzt
Ständig macht er ein langes Gesicht. Er kann
ja nicht anders, denn BoJack ist ein Pferd. Genauer gesagt ist er ein anthropomorphes
Pferd, das heisst: BoJack sieht zwar aus wie
ein Pferd, spricht und bewegt sich aber wie
ein Mensch. Doch auch als Mensch würde er
ein langes Gesicht machen. Denn BoJack ist
einsam und voller Reue. Daran ändert auch
seine Luxusvilla in den Hollywood Hills
nichts. Der Glanz der Tage, als BoJack noch
als Star einer 90er-Sitcom gefeiert wurde, ist
längst verblasst. Kein Witz: Die derzeit
beste Comedyserie ist ein Cartoon über ein
depressives Pferd. Die Netflix-Eigenproduktion «BoJack Horseman» ist alles andere als
Kinderkram, hat weniger mit Disney zu tun
als mit komplexen Meisterwerken wie«Mad
Men» und «Breaking Bad». Serienschöpfer
Raphael Bob-Waksberg zieht der Traumfabrik
den Boden unter den Füssen weg und blickt

tief in die Abgründe von Ruhm und Egomanie. In den ersten zwei Staffeln kämpft sich
BoJack (genial gesprochen von Will Arnett)
ins Rampenlicht zurück. In der eben veröffentlichten dritten Staffel darf er gar auf
einen Oscar hoffen. Würde sich BoJack
auf der Suche nach Glück, Bedeutung und
nach sich selbst bloss nicht andauernd
selbst sabotieren. Lassen Sie sich von der
bunten 2-D-Welt nicht täuschen, eine unglaubliche Tiefe zeichnet dieses Pferd aus.
Wie hier Tiere mit Menschen verkehren, mag
auf den ersten Blick absurd wirken – doch
«BoJack Horseman» ist lustiger, bewegender
und menschlicher als alles, was derzeit zu
sehen ist. LORY ROEBUCK

Er schreibt die derzeit wahrscheinlich
besten Krimi-Dialoge zwischen Oslo, Zürich und Brooklyn, hat ein vortreffliches
Gespür für die Tragikomik des Lebens am
Abgrund und weiss, wovon er schreibt:
Carmelo Pietro Stella, kurz Charlie Stella,
ein 1956 in Manhattan geborener Ex-Tellerwäscher, Ex-Melonenpacker, Ex- Fensterputzer und Ex-Burger-Brutzler, der
sich anschickt, international zu den Grossen des Krimi-Genres aufzusteigen. Was
der Mann draufhat, demonstriert er nun
erstmals eindrucksvoll im Rahmen seines
grandiosen Mafia-Thrillers «Johnny Porno», einem knapp 500-seitigen Knaller,
der sich liest, als hätten Quentin Tarantino, Buddy Giovinazzo und Paul Cain gemeinsame Sache an der Maschine gemacht. Stella schreibt einen Ton, der sich
im Gehörgang festkrallt. Er erzählt von
der rauen, hässlichen Alltagspoesie, wie
sie kleine Mafiosi an den Tag legen, die
wissen, dass der nächste Atemzug unter
unglücklichen Umständen bereits ihr letzter sein kann.
Johnny Porno kann ein Lied davon singen, was es heisst, für die Cosa Nostra
die Drecksarbeit an der Front zu machen.
Er kutschiert mit seiner Rostlaube die
Kohle, welche die Cosa Nostra mit dem
von ihr produzierten späteren PornoKlassiker «Deep Throat» in den Hinterzimmern irgendwelcher Bars allabendlich
einspielt, quer durch New York. Bezahlt
wird in 5-Dollar-Scheinen, doch das Geschäft läuft schleppend. Dass Johnny
trotzdem immer neue Verfolger im Rückspiegel seines schäbigen kleinen Geldtransporters ausmacht, die ihm die Kohle
abzujagen versuchen, bringt schliesslich
einen Plot in Gang, der so schräg und rasant zugleich ist, dass man sich verwundert fragen muss, weshalb den hiesigen
Krimi-Spähern diese schwarz funkelnde
Perle erst jetzt ins Netz gegangen ist.
Denn Stellas Wundertüte, in der so
ziemlich alles drin ist, was einen erstklassigen Krimi ausmacht, ist bereits vor
sechs Jahren in den USA erschienen und
hat den Ex-Theaterschreiber dort zu einer
grossen Nummer gemacht. Doch nun hat
Thomas Wörtche, der Doyen des deutschen Krimis, Stella gottlob endlich an
den Haken bekommen und kredenzt ihn
uns zur erquickenden Lektüre. Gut so.
«Er lebte den Schund, den er schrieb»,
hiess es einst in Daniell Woodrells
makellosem Country-Noir «Stoff ohne
Ende» über dessen Helden Doyle
Redmond. Auf Johnny Porno übertragen
würde das wohl bedeuten: «Er floh
vor dem Scheiss, den er leben musste.»
PETER HENNING

BoJack Horseman. Raphael Bob-Waksberg.
Alle 3 Staffeln (36 Episoden à ca. 25 Minuten) jetzt auf Netflix.
★★★★★

Charlie Stella: Johnny Porno. Suhrkamp. Aus dem Amerikanischen von
Andrea Stumpf. 496 S.
★★★★★

lifestyle 45

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

25 Jah re Int ernet
VON ALEXANDRA FITZ

Daniel steht vor der Tür. Der 24-Jährige
hält unser Essen in den Händen. ThaiCurry und Thunfischtartar mit Avocado
und Mango. Daniel arbeitet für Caviar.
Das ist nicht etwa ein Restaurant, das
Essen ausliefert, so wie es Thai- und
China-Restaurants oder Pizzerien bisweilen anbieten. Caviar ist ein Lieferdienst, der via App bestellt wird. Eine
Plattform, die das Essen unzähliger
Restaurants mit hungrigen Mäulern zusammenbringt.
35 Minuten vorher haben wir uns auf
der App durch Menus von Hunderten
von Restaurants geklickt, um uns letztendlich für einen beliebten Thai in San
Francisco zu entscheiden. Per Kreditkarte haben wir bezahlt und gewartet.
Ganz einfach. Das Schwierigste war die
grosse Auswahl. Es hilft zu wissen, auf
welche Küche man Lust hat, am besten
aber weiss man schon das Restaurant.
Erschwert wird die Auswahl durch die
etlichen Mitkonkurrenten im FoodApp-Bereich.
Seit etwa zwei Jahren starten On-Demand-Apps (Apps auf Anfrage) in San
Francisco durch. Und sie werden immer
beliebter und zahlreicher. Zu verlockend ist es, alles, was man möchte, mit
ein paar Klicks auf dem Smartphone zu
bestellen. Sich nicht aus der Komfortzone zu bewegen, sondern italienisches
Essen, nervige Erledigungen, manikürte
Nägel, saubere Kleidung und eine blitzblanke Wohnung nach dem Motto «Finger auf den Touchscreen und fertig» zu
bekommen. Alles, was man dazu
braucht: Handy und Kreditkarte.

Dafür gibt’s ne App

ker gerufen. Massieren lassen in den eigenen vier Wänden? Kein Problem.
Zum Friseur? Braucht zu viel Zeit, er
soll nach Hause kommen. Mit dem
Hund Gassi gehen? Auch da hilft eine
App. Wag heisst sie. Damit kann man
einen Hundesitter bestellen und seine
Route mit dem Vierbeiner per GPS verfolgen. Ja, Herrchen und Frauchen bekommen sogar eine Benachrichtigung,
wenn ihr Labradoodle einen Baum besudelt und ihr Havaneser ein Häufchen
gemacht hat.

Hunger? Dreckige Wäsche? Chaos daheim?
In Städten wie San Francisco löst man die Probleme mit Apps.

Uber war aller Anfang

In den USA ist es alltäglich, dass Hundebesitzer ihre Vierbeiner nicht selber
ausführen, sondern einen professionellen Hundesitter engagieren. Und nicht
alle haben an dem neuen App-Trend ihre Freude. Jeff beispielsweise, der mit
seinem Partner eine Dogsitting-Firma
im Südwesten von San Francisco betreibt, ist skeptisch, was eine App wie
Wag betrifft. Es sei nicht wirklich gut,
wenn immer ein anderer Gassigeher
die Hunde ausführt, so könne man gar
nicht mit den Tieren arbeiten, ihnen
Manieren beibringen und Marotten abgewöhnen.
Die offensichtliche Inspiration für
diese Entwicklung ist der Fahrdienst
Uber. Auch diese On-Demand-App wurde in San Francisco gegründet. Das war
2009. Seitdem wächst Uber unanständig schnell und chauffiert in immer
mehr Ländern Menschen umher. Doch
die Firma belässt es nicht bei Personenfahrten. Man kann sich nun auch Essen
bestellen. Uber Eats heisst der Dienst,
den es in den USA und neu auch in
London und Paris gibt.

Handy, ich brauch Hilfe!

Doch fehlt da nicht was?

Shutterstock

Ein Grossteil der On-Demand-Services
entsteht in San Francisco. Hier um das
Silicon Valley herrscht Gründerstimmung. Und hier, wo junge Leute in Unternehmen wie Facebook und Google
arbeiten und beschränkte Freizeit haben, ist der Markt für zeitsparende
Apps gross. So könnte man die AppsOn-Demand auch als Services für Workaholics oder faule Städter bezeichnen.
In San Francisco funktionieren sie so
gut, weil die Stadt dicht besiedelt ist.
Und so im Umkreis von wenigen Kilometern genügend Leute einen bestimmten Dienst nachfragen.
Längst beschränken sich die Apps
nicht mehr nur auf den Food-Bereich.
Das Putzen und Aufräumen der Wohnung – sei es nach einer wilden Party
oder regelmässig, weil man selber zu
faul ist – kann man auch so erledigen
lassen. Die typischen Waschsalons, die
wir aus amerikanischen Filmen kennen, werden womöglich auch bald ausgestorben sein. Denn mit ein paar
Klicks kann man sich seine Schmutzwäsche daheim abholen lassen, damit
man sie frisch gewaschen und gebügelt
zurückkommt.
Ikea-Möbel, die zu schwer sind, um
sie allein zusammenzuschrauben? Per
App wird ein fremder Hobby-Handwer-

Geht nicht etwas Wichtiges verloren?
Der Kontakt untereinander? Das Witzeln mit dem Kellner, das Abtauchen in
eine andere Welt beim Friseur? Es ist
doch eine Belohnung, sich in einem dafür bereitgestellten Setting etwas Gutes
zu tun. Wir wollen doch aus dem Haus,
aus dem Büro, nicht ständig zwischen
Arbeit und Wohnung hin und her pendeln. Wer sich den Luxus leistet, eine
Haushälterin zu beschäftigen, schätzt
es zweifelsohne, wenn sie genau weiss,
was man will. Und schliesslich vertraut
man einem Menschen Haus, Schlüssel
und Hund an. Ist es da nicht von Vorteil, wenn man diese Person kennt?
On-Demand-Apps entlasten uns, aber
sie führen auch dazu, dass das Miteinander anonymer wird. Heute bringt Daniel das Essen, Morgen Samy meine
Wäsche, und Sara tätschelt samstags
meinen Hund. Während die TechNerds in Amerika prophezeien, dass
On-Demand sich noch stark entwickeln
und noch sehr viel weiter führen wird,
sind wir in der Schweiz noch traditioneller und zurückhaltender, was Apps
auf Anfrage betrifft. In amerikanischen
Grossstädten gehört Uber etwa zum
Alltag, bei uns sind Uber-Nutzer eine
kleine Gruppe. Noch.

Wenn die Mücken am 1. August keinen Stich haben
Manchmal braucht es nicht viel, um
glücklich zu sein. Ein lauschiges Plätzchen
im Garten etwa, einen Liegestuhl und eine Cola mit Röhrli. Daran nuckelte ich andächtig und stiess einen wohligen Seufzer
in die Abenddämmerung aus.
Manchmal braucht es nicht viel, um Glück
zu zerstören. Zwei Milligramm Körpergewicht reichen . Das bringt eine Culex pipiens auf die Waage, bekannt als gemeine
Stechmücke. Oder Blutsauger. Oder
Schlafkiller: Ich war gerade im Begriff,
wegzudösen, als mich ein besonders gemeines Exemplar angriff. Mit hysterisch
hohem Summton schwirrte die Mücke um
mich herum. Ein paar Minuten wildes Herumfuchteln später trat ich entnervt den
Rückzug in die Wohnung an.
Im Treppenhaus blieb der Blick des Nachbarn an meinen zerstochenen Beinen
hängen. «Hättest halt Mückenschutzspray

Bitte schön!
Rahel Koerfgen

Ein Franzose zum Nationalfeiertag: Der
Lippenstift Vinyl Cream von YSL.

HO

benutzen sollen», stichelte er. Na, vielen
Dank auch. Dieses Chemie-Zeugs ist mir
zuwider. Es riecht eklig (und vertreibt
nicht nur Mücken) und ist erst noch giftig:
Diese Sprays enthalten gesundheitsschädigende Stoffe. «Nicht alle», entgegnete der
Nachbar, winkte mich in seine Wohnung
und drückte mir eine grüne Flasche in die
Hand. «Dieser da kommt ohne Chemie
aus, und damit haben die Sauviecher keinen Stich.» Ich lese, dass der Mückenschutzspray von Para Kito (zwanzig Franken, in Drogerien und Apotheken) zu 100
Prozent pflanzlich ist. Die Wirkstoffe sind
so sanft, dass der Spray sogar bei Kleinkindern angewendet werden kann. Der
Geruch ist gewöhnungsbedürftig, aber das
nehme ich jetzt halt in Kauf.
Der Spray muss gleich den Härtetest bestehen: Zum Einsatz kommt er heute an der
Bundesfeier am Rhein. Dann werden nicht

nur die Basler, sondern auch die Mücken
in Festlaune sein. Am 1. August dann die
zweite Probe, zurück an den Schauplatz
des letzten Angriffs: Im Garten werde ich
den Grill anwerfen und im Kreise meiner
Freunde feine Schweizer Produkte schlemmen, etwa Cervelats, urchiges Brot und
Glace vom Bauernhof. Nur an meine Lippen kommt kein Schweizer, sondern ein
Franzose: Der Lippenstift Vinyl Cream von
Yves Saint Laurent (ab sofort erhältlich, 48
Franken) steht für volle Farben, sexy Lackglanz und langen Halt. Passend zum Anlass
wähle ich die Nuance Rouge Vinyle. Das ist
ein sattes Rot, so rot wie die Schweizerfahne, so rot wie Blut. Was das angeht,
werden die Mücken in meinem Garten in
Zukunft leer ausgehen. Dafür nehme ich
auch in Kauf, dass ich ein wenig komisch
rieche. Um glücklich zu sein, braucht es
manchmal halt doch ein wenig mehr.

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Die Golden Gate Bridge – das Wahrzeichen
von San Francisco.

Thinkstock

If you’re going
to Saaan
Fraaancisco ...
... machen Sie sich auf eine bunte Stadt mit toleranten, kreativen
Menschen gefasst. Seien Sie gewappnet für kühle Brisen, lassen Sie
den Nebel über die Stadt ziehen, und kommen Sie bloss hungrig.
VON ALEXANDRA FITZ

Alcatraz

Golden Gate Nat'l
Recreation
Area Bridge
Golden Gate

Alcatraz
Island

Treasure
Island
Fisherman's Yerba
WharfBuena
Island
Fort Mason

Fort Point
Presidio of San
National Historic Francisco
North Beach
Marina
Site
Presidio
San Francisco
Fort Winfield
Russian Hill
Maritime Natl Hist Pk
Pacific
Scott
Heights China Town
Financial District
Richmond District
Golden Gate Park

Nob Hill

Western
Addition

Richmond
District

SAN

Strawberry
Hill
The Castro

Noe Valley

Portrero Hill

Bernel
Heights

Twin Peaks

Bayview Hunter's Point
District

Penguin
Island

Lake Merced

Port

Missio
District

Sunset District
Sunset

District

Downtown

HaightFRANCISCO

South
Market

Ingleside

Ingleside

Excelsior

Bayshore

Candlestick Point
State Rec Area

MAPS4NEWS.COM/©HERE

W

enn wir auf einem Städte-Trip
sind, dann saugen wir mit Nase, Augen und
Ohren im Sekundentakt Eindrücke ein. In Chinatown rümpfen wir die
Nase ob des Fischwassers, das über die
Strassen in die Gullis sickert. In der
Market Street horchen wir auf, wenn Sirenen der Feuerwehr- und Polizeiautos
schrillen und uns an Action-Filme erinnern. Wir vergleichen die Umgebung
mit zu Hause. Mit der Summe der Impressionen und Ereignisse machen wir
uns ein Bild von einem Ort und bewerten ihn. Fragen uns manchmal gar:
Könnte ich hier leben?
Zu Hause erzählen wir, zeigen Bilder.
Fragen Sie sich auch manchmal: Wenn
ich diesen Ort mit einem Wort beschreiben müsste, welches wäre es?
Berlin mit «hip», Zürich mit «schön»?
Dann wäre San Francisco – die Stadt an
der Westküste der USA – wohl mit
«cool» zu bewerten.
Hier leben echte Charaktere. Die
Stadt strotzt vor Kreativität und Energie. In der viertgrössten Stadt Kaliforniens und nach New York US-Grossstadt
mit der zweithöchsten Bevölkerungsdichte pulsiert an jeder Ecke Leben. Ihre Bewohner sind tolerant, innovativ,
hip und technisch versiert. Die Stadt
begeistert weniger mit imposanten
Hochhäusern als vielmehr mit Quartieren, die alle ihren eigenen Charme haben. Die vielen Hügel (rund 50) bescheren einem spektakuläre Ausblicke. Es
ist sympathisch, dass in der Innenstadt
klapprige Busse und ein Nostalgie-Tram
(Linie F, Market Street) herumtuckern,
obwohl sie ans Silicon Valley grenzt,
den Nabel der Digitalisierung und des
Hightech.
Und erst die Cable Cars, die von
«conductor» und «gripman» (Fahrer)
gesteuert werden. Ab aufs Trittbrett
und die California und Powell Street
rauf- und runterrattern. Der Wind zerzaust einem die Haare, bis man dem
Fahrer zuruft: «Next Stop Please!». In
Castro erkennt man, was «tolerant»
heissen kann. Hier im Gay-Viertel wehen die Regenbogen-Flaggen das ganze
Jahr über.
Noch immer zehrt die Stadt vom
«Sommer of Love». Obwohl keine Blumenkinder mehr auf den Trottoirs hocken, leben noch immer viele Freidenker in der Stadt. Es sollen sich über

1000 verschiedene Volksgruppen in
der Stadt versammeln. Jeder Stadtteil
steht für eine bestimmte Nationalität.
Und die Bewohner wollen alle authentisch leben und essen. Man sagt, in San
Francisco gäbe es so viele Restaurants,
dass alle Einwohner gleichzeitig ausgehen könnten und jeder Platz fände. San
Fran ist das Mekka der Foodies.

In Frisco weht eine frische Brise

«Cool» ist San Francisco aber auch im
ursprünglichen Wortsinn. In der Stadt
an der Bucht ist es für kalifornische
Verhältnisse oft frisch. Wer im Sommer
nach Kalifornien reist, erwartet sportliche Leute, die in Shorts dem Strand
entlang joggen. Doch in Frisco – obwohl die stolzen Bewohner diese Bezeichnung für ihre Stadt nicht allzu
gern hören, passt der Terminus gut
zum Klima – weht oft ein Lüftchen vom
Meer her. Daher kleiden sich die San
Franciscans in Schichten und haben
immer ein Jäckchen als Back-up dabei.
Am wärmsten ist es im September
und Oktober, während des Indian Summer. Aber viel wärmer als 20 Grad wird
es auch dann nicht. Im Sommer hat in
San Francisco vor allem einer das Sagen: der Nebel. Morgens fröstelt die
Stadt fast immer unter einer Nebeldecke. Warme Luft aus dem Inland
trifft auf kalte Meeresluft, und so
entsteht über der San Francisco Bay
Nebel.
Zum Glück verflüchtigt sich der
«Fog» nachmittags meist, dann kämpft
sich die Sonne durch und zeigt sich von
ihrer goldenen Seite. Endlich kommt
das Wahrzeichen der Stadt zum Vorschein. Die wagemutige Konstruktion,
die 67 Meter über dem Meer hängt, ist
eigentlich rot. Doch im Sonnenlicht –
wenn der Nebel dann mal weg ist –
strahlt sie wirklich golden. Die 2,7 Kilometer lange Fahrt geniesst man am besten auf dem Velosattel. Die Autos rauschen vorbei, der Wind reisst einem
fast den Lenker aus den Händen, doch
das Gefühl auf dem mächtigen Stahlding ist unbeschreiblich. Man blickt auf
die Skyline der City und ehrfürchtig auf
die berüchtigte Gefängnis-Insel Alcatraz in der Bay.
Drüben angekommen, düst man den
Hügel hinunter, um im mondänen Hippie-Städtchen Sausalito zu flanieren,
bevor man auf der Ferry samt Velo wieder in die Metropole schippert. Man
legt bei der Fisherman’s Wharf an und
befindet sich am Pier 39 mit Souvenir-

reisen

47

Fotos: Fitz, HO, Thinkstock

25 Jah re Int ernet

Cable Cars – Nostalgie in der Stadt der Zukunft.

Bitte anstehen! Bi-Rite Creamery in der Valencia Street, Mission.

Sausalito, schönes Städtchen – am besten mit Velo über die Golden.

Hipster-Hangout, der beliebte Mission Dolores Park.

Im Regenbogenland, Castro ist das Gay-Viertel der Stadt.

Viktorianische bunte Häuser aus dem 19. Jh. – die «Painted Ladies».

Shops und den faulen Seelöwen im touristischen Epizentrum. Und murmelt
bei all dem Kitsch: «Typisch Amerika.»
Authentischer und weit entzückender sind die vielen Quartiere mit ihren
Bewohnern. Wer die «Hauptstrasse»
(Market Street) zwischen den Wolkenkratzern entlang gelaufen ist, macht
sich auf alle Seiten in die unterschiedlichen Stadtteile auf. Das älteste Chinatown Nordamerikas etwa, Haight-Ashbury, hatte seine Blütezeit im Summer
of Love, und trotzdem zeugen die bunten, schönen Häuser noch von der Flower-Power-Zeit. North Beach ist die
Heimat der Italiener.

Der trendy Mission District

Spannend und aufstrebend ist der
Mission District. Es ist ein wenig absurd, dass der erste und älteste Stadtteil Friscos die Quelle all der neuen,
hippen Dinge ist.
Mission – früher Lateinamerika im
Kleinen genannt – ist eigentlich Heimat
der Lateinamerikaner und der spanischen Sprache. Heute erobern Hipster
die Gegend um die Mission und Valen-

cia Street. Hier futtert man die leckersten Burritos, bestaunt Graffiti-Wände
um die 24th Street und gönnt sich ein
Eis bei «Bi-Rite Creamery», gemäss dem
Reiseführer «San Francisco for the
young, sexy and broke» die berühmteste Eisdiele. Wer aufgrund der roten Absperrbänder denkt, es handle sich um
einen VIP-Club, hat noch nicht erkannt,
dass Amis für alles Schlange stehen.
Auf Kreationen wie Caramel-Seasalt
und Roasted-Banana wartet man geduldig. Um sich dann im Mission Dolores
Park zwischen Palmen mit Blick auf die
Skyline auszuruhen.
Die amerikanische Küche fällt uns gewiss nicht als Erstes ein, wenn wir an
feine Speisen aus aller Welt denken.
Klar mögen wir alle mal Burger und
Fritten – aber immer Fast Food kann es
dann doch nicht sein. Frisco ist anders,
San Fran ist ein Food-Mekka. Alleine
wegen der Kulinarik lohnt es sich, an
die Bay Area zu pilgern. Die Vielfalt
liegt vor allem an den vielen Einflüssen
– die Mehrheit der 840 000 Einwohner
ist zugereist, ein Drittel sogar von ausserhalb der USA. Obwohl sich hier

wirklich viel um Essen dreht, achtet
niemand in den USA so sehr auf die
schlanke Linie und auf gesundes Essen
wie die Kalifornier. Healthy Food und
Smoothies gibt es hier an jeder Ecke.
Mit weit über 1000 Restaurants ist
das Angebot – um es mit dem amerikanischen Wort zu sagen – einfach «awesome». Auch wenn Europäer und allen
voran die zurückhaltenden Schweizer
es oft anstrengend und übertrieben finden, wenn Amerikaner lauthals von
Dingen schwärmen, hat man trotzdem
das Gefühl, dass sich die San Franciscans für ihre Besucher interessieren.
Klar, beim locker-flapsigen «Hey, how
are you doing?» wissen wir immer noch
nicht so recht, ob sie wirklich eine Antwort erwarten. Aber sie sind offen. So
kommt es schon mal vor, dass sie aufgrund des Reiseführers auf dem Tisch
fragen: «Do you enjoy your stay?» Sie
interessieren sich für die Herkunft ihres
Gegenübers, wollen wissen wie die
Schweiz ist. Hierzulande sind viele von
uns dazu zu scheu. – Also ab nach Frisco. Dort gibt’s Inspiration und Energie.

Reiseinfos zu San Francisco
Anreise: Zweimal täglich mit Swiss,
direkt, früh buchen
Übernachten: Im SoMa District,
gleich bei der Market Street, mitten
im Museumsviertel im W Hotel, einem der besten Hotels der Stadt,
das vom Zürcher Roger Huldi geführt wird. www.wsanfrancisco.com;
«The Red Victorian»: B&B in der
Haight Street (Hippie-Viertel) ein Relikt aus den Blumenkindertagen,
www.redvic.com
Verkehr: Muni - öffentlicher Verkehrsverbund. Der Tagespass kostet
etwa 15 Dollar. San Francisco ist zwar
die Stadt des Fortschritts, aber verkehrstechnisch lottert es ein wenig.
Die Busse sind fast kriminell, das
F-Tram, das zum Hafen fährt, schon
wieder nostalgisch, die Cable Cars
ein Muss (lange Schlange!), Uber
und Cabs sind dazu gute Alternativen.
Essen: Stetig kommen neue Restaurants dazu, was gerade angesagt ist,
finden Sie auf dem Food-Blog

www.violetfog.com oder auf der
Website des Food-Magazins «7x7».
Dort lesen Sie auch «100 Things to
Eat in San Francisco Before You
Die», www.7x7.com, www.tablehopper.com ist eine wöchentliche Kolumne über die Food-Szene San
Franciscos. Unbedingt probieren:
Burrito in Mission, Crabs – fangfrische Taschenkrebse vor allem auf
Fiherman’s Wharf und Sourdough
Bread – knuspriges, helles Sauerteigbrot.
Tagestrips: Oakland und Berkley. In
die Weingegend nach Napa, Sonoma
oder Mendocino. August bis Oktober
tummeln sich dort Touristen, Insider
sagen, die ersten zwei Novemberwochen seien am besten. Sausalito,
nur über die Golden Gate, mit bunten Hausbooten. Yosemite National
Park. Lake Tahoe.
Allgemeine Infos: San Francisco for
the young, sexy and broke» von OTP,
spezieller Führer, allgemeine gute Infos auf www.sanfrancisco.travel.

48 geniessen

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

VON ANNA MILLER

Entkorkt

Der Wald zieht
in die Küche

Sein Team hatte mit ein paar Gästen gerechnet, ein bisschen Geselligkeit, gutes
Essen, Rauch und viel Holz. Gekommen
sind die Gäste in Scharen. Sie alle wollten
Valentin Diems Kochkunst riechen,
schmecken, feiern. Mit dem Pop-up-Restaurant «Wood Food» hat der Zürcher, der
kein gelernter Koch ist, die Natur in die
Stadt gebracht – zumindest auf dem Teller.
Er legt Holz nicht nur als Scheite unter
Grillroste und Bratwürste, er setzt es als
Zutat ein. In Suppen, Vinaigrette, im Dessert. «Mit Holz zu kochen, hat etwas Sinnliches, etwas Ursprüngliches», sagt Diem.
Es erinnert einen an die eigene Kindheit,
an Wanderungen und Übernachtungen in
Arvenholz-Hütten. «Magisch, persönlich»
nennt er seinen Zugang zu der auf den
ersten Blick doch sehr irritierenden Zutat.
Doch Diem schwört auf Holz als Kochzutat, in Spänen, als Asche. «Grundsätzlich
kommen alle Hölzer infrage, in all ihrer
Vielfalt», sagt Diem.
Doch das Holz als Kochzutat soll auch
Einzug in die ganz normalen Küchen finden. Als Erweiterung des Repertoires. Als
Gewürz, Geschmacksverstärker. Denn eigentlich ist uns das Holz als Gewürz schon
lange bekannt: Beispielsweise als Zimt,
das bekanntlich nichts anderes ist als Pulver aus der Rinde eines Baums. Auch
Süssholz wird seit Jahren verwendet, in
Desserts oder als Aroma zu Fleisch. Diem
hat nun ein Kochbuch geschrieben,
«Wood Food» heisst es natürlich. Es
kommt im Herbst auf den Markt. Sein Ziel
ist, den Leuten den Zugang zum Holz zu
erleichtern, ihnen einfache Rezepte zu
vermitteln, damit sie danach selbst losprobieren können.

Californian Dreams
Ob ich für die heutige Ausgabe der
«Schweiz am Sonntag» einen kalifornischen Wein entkorken könne, fragte
mich die Redaktion. Dabei hatte ich angesichts des Bundesfeiertags einen
Schweizer Wein vorgesehen. Also suchte ich nach einem Produzenten, der in
beiden Ländern Wein erzeugt – und
wurde schnell fündig: Der bekannte
Schweizer Unternehmer Thomas
Schmidheiny aus Balgach besitzt nicht
nur an seinem Heimatort im St. Galler
Rheintal und am Sitz seiner Firma CKU
in Rapperswil-Jona SG zwei florierende
Weingüter, sondern gleich noch drei
weitere in der Neuen Welt.

Rezepte mit Moos, Rinde und Holz erobern die Gastronomie.
Und laden zu Experimenten in den eigenen vier Wänden ein.

Als erstes Weingut overseas erwarb
die Familie Schmidheiny im Jahr 1979
Cuvaison, das zehn Jahre zuvor in denCarneros im kalifornischen Napa Valley
gegründet worden war. Angebaut werden die Rebsorten Chardonnay, Sauvignon blanc, Pinot noir und Syrah. Sie
gedeihen in der für kalifornische Begriffe eher «kühlen» Weinbauregion
sehr gut. Mit Chardonnay und Pinot
noir besitzt man auch perfektes Ausgangsmaterial für einen Sparkling
Wine, den ich in diesen heissen Sommertagen gern entkorkt hätte. Doch
die Cuvée brut rosé ist hierzulande leider nicht erhältlich. Aber Winemaker
Steven Rogstad besitzt noch andere
Schätze in seinem Keller.
Ausgewählt habe ich für Sie den eleganten, finessenreichen Solitaire Sauvignon blanc 2014 aus der Single Block
Series, der von einer einzelnen Rebparzelle oder eben einem «Block» stammt.
Geerntet wird in zwei Durchgängen:
Die erste Lese bringt dem Wein die
frischfruchtige Aromatik, die zweite
den geschmeidigen Körper. Wer lieber
Rotwein trinkt, sollte
den kräftigen, charaktervollen Pinot noir 2012
aus der Estate Series
versuchen, der wunderbar zu einem Hähnchen
an mexikanischem Estragon schmeckt (17,5
Punkte, Fr. 34.60). Und
wer den 1. August mit
Swiss Wine feiern will,
wird auf Thomas
Schmidheinys Schweizer Weingütern fündig.

Keine Beilage zu Fleisch oder Fisch

Das Kochen mit Holz, Moos und Rinde ist
sehr experimentell. Eine, die das schon
seit Jahren ausprobiert, ist das junge
Kochtalent Rebecca Clopath. Ihr gefällt an
Holz besonders, dass es archaisch ist,
handfest. Dass es nicht in den Händen
zerbricht, wenn man es anfasst. «Es gibt
einem das Gefühl, zurück zu einem Ursprung zu gehen», sagt Clopath, damit
entstehe eine neue Wertschätzung gegenüber der Natur und dem Regionalen.
Holz, Moos und Rinde sind neue Geschmäcker, Würzstoffe, die man so noch
kaum kennt. Sie geben altbewährten Gerichten und Produkten wie Brot einen
neuen Dreh. Als Beilage zu Fleisch oder
Fisch wird man sie aber nicht finden. Die
Idee ist nämlich nicht, dass man statt Reis
nun Rinde auf dem Teller hat. «Die Ingredienzen sind als Gewürz gedacht, wie Vanille oder Chili. In grossen Mengen sind
diese Aromen kaum auszuhalten.»
Einer, für den gerade Holz, Stein und
Moos altbewährt sind, ist Stefan Wiesner.
«Ich habe schon vor 25 Jahren damit angefangen, mit Heu zu kochen, dann mit Steinen, dann mit Holz», sagt er. Ein Exot sei
er gewesen. «Heute ist klar ein Trend in
diese Richtung festzustellen», sagt Wiesner, auch durch die Einflüsse der nordischen Gastronomie. Dabei sei die Idee,
Kulinarik mit Holz zu verbinden, sehr alt.
Wein wird seit Jahrhunderten veredelt, indem man ihn in Holzfässern lagert, bis
der Saft die Holznote aufnimmt. Das Veredeln von Essen folgt dem gleichen
Grundgedanken. Wiesner glaubt, dass

Was hier noch
unvollendet
liegt, wird eine
Suppe mit
Walnussholz.
Zutaten aus
dem Wald sind
im Kommen.
Michael Wissing

Arven-Panna Cotta

5 dl Vollrahm aufkochen.
20 g Arven-Schnitzel im Ofen
bei 180 °C rösten, direkt in
den Rahm geben und 10 Min.
ziehen lassen. Passieren.
2 Blatt Gelatine, zerbrochen,
in 1 dl kalter Milch einweichen
und erwärmen oder direkt in
den warmen Rahm geben.
2 dl Rahm mit 75 g Puderzucker steif schlagen und unter
die abgekühlte Masse geben.
Im Arvenholz-Furnier oder in
Gläser abfüllen.

sich der Trend fortsetzen wird. Auch weil
die Menschen in Zeiten des Wandels und
der immer dominierenderen Technologie
um sie herum wieder vermehrt die Natur
spüren wollen. «Das Hausgemachte, das
ist ja schon seit Jahren auf dem Vormarsch, das Regionale, das Einfache»,
sagt Wiesner. Bei ihm im Gasthof Rössli in
Escholzmatt LU kann man Heusuppe bestellen, Schweinsfilet mit Eichenholz-Gersotto, Arven-Glace. Für Wiesner ist das
Kochen mit dem, was die Natur vor der
Haustür hergibt, eine Rückkehr zu Geborgenheit. «Wir kommen aus der Natur, wir
leben mit der Natur – warum sollten wir
uns nicht auch kulinarisch mit ihr umgeben?» Wer sich zu Hause an Moos, Rinde
und Holz probieren will, dem helfen

Wiesner, Avantgardistische Naturküche, Stefan
Wiesner, Anton Studer, Andrin C. Willi, Michael
Wissing, AT-Verlag.

Küche abwechslungsreich, Schweizer Klassiker
und mediterrane Küche

Aufgetischt

Schützengasse, Zürich
Mitten in der City ist es oft am schwersten,
eine gute Beiz zu finden. Aber es gibt sie,
man muss nur wissen wo. Das gilt für das
Restaurant Schützengasse ganz besonders.
Liegt es doch ziemlich versteckt zwischen
Löwenstrasse und Sihl. In der kleinen Gasse
würde man kein solches Terrassen-Juwel erwarten. Umso glücklicher ist man, wenn
man es gefunden hat und nach der Arbeit
an einem schwülen Sommerabend draussen
ein Plätzchen findet. Der Service, freundlich
und zu Witzchen aufgelegt, hat Geduld mit
den Gästen, für die die Auswahl etwas zu
gross ist. Das Thunfischtartar – mittlerweile
fast auf jedem Menü – schmeckt besonders
frisch und leicht. Die Jakobsmuscheln auf
dem pink Randenrisotto versüssen den Arbeitstag. Papardelle mit Tomaten-Cognac-

Kochbücher fürs Erste weiter. Neben
Diem hat Wiesner mehrere geschrieben,
unter anderem «Gold – Holz – Stein». Er
ist überzeugt: Der Trend wird anhalten.
Rebecca Clopath empfiehlt uns Anfängern
erst mal Rottanne und Arvenholz, «sie haben einen guten, intensiven Geschmack».
Sie seien in allen Wäldern zu finden, und
damit lasse sich Panna Cotta neu interpretieren (siehe Rezept). Nadelhölzer lassen
sich als ätherisches Öl in der Apotheke
kaufen. Ein Tropfen Kiefernöl in die Vinaigrette, schon ist man im kulinarischen
Zauberwald.

Service sehr aufgestellt,
geduldig und grosszügig
mit dem Likör aufs Haus
Ambiente gemütlich und
hell. Im Sommer lauschige Terrasse mitten in der
Stadt

Crevetten und die Trüffelravioli entlocken
uns ein «Wir kommen wieder». Auch auf
den Limoncello, der eine Ewigkeit nicht abgeräumt wird und unseren Abend wunderbar ausklingen lässt, freuen wir uns schon.
ALEXANDRA FITZ

Terrasse zur
Gessnerallee,
gute Beizen um
den Bahnhof
HO
sind rar.

Preis Hausgemachte Pasta ab Fr. 20.50, Fleisch ab
Fr. 33.–, Mittagsmenü zw.
Fr. 19.50 und Fr. 30.–
Adresse
Schützengasse 32, 8001 Zürich, 044
500 10 30; www.schuetzengasse.ch,
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ANDREAS KELLER

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Herkunft: Carneros, Napa Valley,
Kalifornien
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Passende Gerichte: Meeresfrüchte,
Fisch, asiatische Gerichte
Bewertung: 17 Punkte
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im Rheintal, Heerbrugg, Tel. 071 722 82 13
oder Höcklistein Weingut am Zürichsee, Rapperswil-Jona, Tel. 055 222 87 90,
www.schmidheiny.ch, Fr. 24.30

Aufgefallen
Pastamaschinen gibt es schon zuhauf, aber
nicht immer ist der nötige Druck vorhanden,
damit die Pasta eine perfekte Konsistenz
bekommt. Denn nur so lieben wir sie, und
nur so bleiben leckere Saucen daran haften.
Mit dem neuen Philips PastaMaker haben
sich solche Fragen erledigt. Dank sieben
Aufsätzen
bleibt die Qual
der Wahl, ob
Penne oder
Spaghetti,
trotzdem bestehen. Und
auch, ob vegan,
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zürich

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

& weitere regionen

49

RÜCKTRITT AUS DEM REGIERUNGSRAT

Die grüne Susanne
Hochuli tritt nicht zur
Wiederwahl an.
Seite 50

Sie liessen sich mit dem Bösen ein
Katharina Widmer aus Birmensdorf und Anna Schnyder
aus Urdorf wurden im
17. Jahrhundert als Hexen verurteilt. Widmers Hinrichtung
bildete ein Novum in der Geschichte der Zürcher Hexenprozesse.

seine Worte aus der Reihe fallen und schon
begangen die Tuscheleien oder Verdächtigungen. «Versiegte nun bei einer Kuh die
Milch, seuchte ein Schwein dahin, erkrankte
ein Mensch, begegnete man an ungewohntem Ort einer Katze, wütete ein Unwetter,
waren die angeblich Schuldigen oft rasch ausgemacht», schreibt Sigg. Als eigentliche Täter
bezeichnet der Autor aber die Obrigkeiten.
Also jene Instanz, der die Gerechtigkeit anvertraut war, und die unschuldige Menschen
zum Tode verurteilte.

VON SANDRO ZIMMERLI

Ihre Bitten, sie wegen des neu geborenen
Kindes doch zu verschonen und sie stattdessen aus dem Land zu verweisen, blieben unerhört. Katharina Widmer aus Birmensdorf
musste sterben. Am 28. Mai 1606 wurde sie
geköpft und anschliessend verbrannt. Ein Novum in der Geschichte der Zürcher Hexenprozesse. Denn erstmals wurde eine Verurteilte gnadenhalber vor der Verbrennung enthauptet.
Insgesamt 79 sogenannte Hexenprozesse
mit Todesurteil im Hoheitsgebiet der Stadt
Zürich hat der Historiker Otto Sigg zwischen
1487 und 1701 gezählt. Versammelt sind sie in
seiner Aktenedition «Hexenprozesse mit Todesurteil – Justizmorde der Zunftstadt Zürich» aus dem Jahr 2012. Sie werfen einen
Blick auf ein düsteres Kapitel der Stadt. Aus
den Akten – allesamt Quellen aus dem Staatsarchiv Zürich – geht nicht nur hervor, was
den Frauen zur Last gelegt wurde, sondern
auch, wie die gewünschten Geständnisse zustande kamen. Mit brutaler Folter.
Katharina Widmer, die im Zürcher Wellenbergturm gefangen gehalten wurde, musste
mehrere Verhöre durch die beiden Birmensdorfer Obervögte über sich ergehen lassen.
Dabei wurde sie durch Strecken gemartert,
bis sie schliesslich gestand, ihre Tat im Namen des bösen Geists begangen zu haben.
Das Einlassen mit dem Teufel war denn auch
Voraussetzung dafür, ein Todesurteil auszusprechen. Damit jemand hingerichtet werden
konnte, bedurfte es eines Geständnisses der
Verleugnung Gottes sowie damit verknüpft,
ein körperliches Einlassen mit dem bösen
Geist, also dem Teufel. Die Strafe war zwingend das Verbrennen durch Feuer.
Diesem bösen Geist war Katharina Widmer
gemäss Urteil nach einem handgreiflichen
Streit mit ihrem Schwiegervater begegnet.
Der böse Geist trat ihr in Gestalt eines jungen
Mannes in schwarzer Bekleidung gegenüber.
Obschon sie ihn nicht kannte, klagte sie ihm
ihr Leid. Gegen den Erhalt von Geld, das sich
jedoch als Kot erwies, verleugnete Widmer
Gott. Auf Geheiss des bösen Geistes grub sie
später eine seit drei Tagen vergrabene Nachgeburt einer Kindbetterin aus und legte diese
in ein Fass mit Apfelmost. Dadurch sollten alle, die ihr nicht gewogen waren, beim Trinken sterben. Zudem vollzog Katharina
Widmer den Beischlaf mit dem Bösen.

Schuldig wegen Angst oder Neid

Wie die Akten weiter zeigen, wurde der Birmensdorfer Obervogt Thoman Schwerzenbach in einem Brief des Pfarrers, des Sittenrichters und des Untervogts über den Vorfall
mit der Nachgeburt informiert. Demnach seien verschiedene Personen nach dem Genuss
des Mostes übel erkrankt. Wer dafür verantwortlich zeichnete, wussten der Pfarrer und
seine Mitunterzeichner noch nicht. Etliche
Personen bezichtigten da aber bereits Katharina Widmer der Tat.
Dieses Muster zieht sich laut Sigg durch eine Vielzahl der Hexenprozesse. Am Anfang
der Verfolgung standen oft Argwohn, Missgunst oder Angst der Nachbarn. In der kleinräumlichen Dorfgemeinschaft musste jemand
nur durch sein Äusseres, sein Verhalten oder

Zeit geprägt von Gewalt und Not

Dies alles spielte sich vor dem Hintergrund
einer von Gewalt und Not geprägten Zeit ab.
Auch das lässt sich in den Akten zu Katharina Widmer nachlesen. Sie lebte mit ihrem
Mann beim Schwiegervater. Dieser schlug
seinen Sohn, der wiederum seine Frau züchtigte. Zudem soll der Schwiegervater ihr und
ihrem Kind trotz Hungers Brot vorenthalten
und absichtlich ein versalzenes Mus vorgesetzt haben. Dies tat er unter anderem deshalb, weil Katharina angeblich nicht haushalten konnte.
Doch auch die Gewalt, der Katharina
Widmer ausgesetzt war, konnte sie nicht vor
der Verhaftung und der anschliessenden Qualen retten. Bei ihrer Überführung war sie seit
15 Wochen schwanger. Ihr Kind brachte sie
während der Gefangenschaft zur Welt. Bei den
Verhören sagte sie zuerst aus, dass sie die Vergiftung mit der Nachgeburt nicht auf Geheiss

«Ihr Haupt mit einem Schwert von
ihrem Körper schlagen, also dass
ein Wagensrad zwischen dem
Haupt und Körper durch gehen
möge.»
GERICHTSPROTOKOLL

des Bösen, sondern aus Wut und Verzweiflung
begangen hatte. Die Folter machte sie schliesslich gefügig. Auch wenn Katharina Widmer
zwischendurch zu Protokoll gab, sie gestehe
die ihr zur Last gelegten Verbrechen nur, um
Folter und Gefangenschaft zu entgehen.
Es nützte nichts. Wegen des «verruchten,
gottlosen, unchristlichen und schändlichen
Lebens, als da sie sich Gottes des Allmächtigen verzigen und sich an den bösen Geist ergeben und aus Anweisung desselbigen ganz
ungebührliche Sachen verrichtet und Leute
zu schädigen begehrt hat», soll der Nachrichter sie hinaus zur Sihl führen. Dort er ihr «ihr
Haupt mit einem Schwert von ihrem Körper
schlagen, also dass ein Wagensrad zwischen
dem Haupt und Körper durch gehen möge,
und dann den Körper samt dem Haupt auf eine Hurd in das Feuer werfen, das Fleisch und
Gebein zu Asche brennen und die Asche darauf dem fliessenden Wasser befehlen».
Auf dieselbe Weise schied am 26. Juli 1643
auch die Urdorfer Witwe Anna Schnyder aus
dem Leben. Sie wurde ebenfalls nach einem
unter Folter abgerungenen Geständnis als
Hexe verurteilt. Ihr wurde von verschiedenen
Zeugen vorgeworfen, sie hätte sie geschädigt
– und zwar durch vom Bösen übergebene Samen. So gab etwa die Frau von Hans Bräm zu
Protokoll, dass Schnyder ihren eigenen Ehemann, Peter Steiner, im Wirtshaus mit mysteriösen Samen beworfen habe, worauf dieser
kurze Zeit später im Spital in Zürich verstorben sei. Im Urteil heisst es , dass fünf Jahre
zuvor der böse Geist zu Schnyder gekommen
sei und sie aufgefordert habe, sich ihm zu ergeben. Dieser habe ihr Fahrblüemli-Samen
ausgehändigt und ihr geraten, diese all jenen
anzuwerfen, die sie beleidigen würden. Einige Zeit später sei es im Dietikerberg sogar zu
einem Hexensabbat gekommen.

Gnadenhalber wurden einige Frauen vor der Verbrennung enthauptet.

THEMENBILD/KEYSTONE

DUNKLE
FLECKEN
DES
LIMMATTALS

Das Limmattal und seine
düstere Seite – in der Region wurde in der Vergangenheit manch dunkle Geschichte geschrieben. In einer Sonntags-Sommerserie
werden einige von ihnen
genauer beleuchtet.

In Zürich gab es 79 Hexenprozesse, die mit einem Todesurteil endeten.
THEMENBILD/ZVG

50 aargau

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Die Grünen verlieren
ihr Aushängeschild
Susanne Hochuli ist das bekannteste Gesicht ihrer Partei. Drohen
nach ihrem Verzicht auf eine erneute Kandidatur nun Verluste?
VON MANUEL BÜHLMANN

Eine Aargauer Politikerin tritt nicht mehr
zur Wahl an – und macht mit ihrem Entscheid schweizweit Schlagzeilen. Susanne
Hochuli gelang es, als erste Grüne in den
Regierungsrat einzuziehen, und sich in ihrer Amtszeit weit über die Aargauer Kantonsgrenzen hinaus einen Namen zu machen. Die kleine Partei gewann mit der
heute 50-Jährigen nicht nur einen Sitz in
der Regierung, sondern auch ein Aushängeschild mit grossem Bekanntheitsgrad.
Seit Donnerstag steht fest: Die Grünen
müssen nach Ende der Amtszeit auf Hochuli als aktive Politikerin verzichten.
«Identifikationsfiguren sind für eine
Partei wichtig», sagt der Nationalrat und
ehemalige Präsident der Aargauer Grünen, Jonas Fricker. «Sympathisch, bodenständig, lebensfreudig – Susanne Hochuli
ist für uns ein gutes Aushängeschild.» Ihren Einfluss auf die Resultate der Partei
will Fricker dennoch nicht zu hoch gewichten. «Der Erfolg hängt nie allein von
einer Person ab.» Auch der ehemalige
FDP-Stände- und Regierungsrat Thomas
Pfisterer relativiert Hochulis Wirkung auf
die Wahlergebnisse. «Die Regierungsratsist hauptsächlich eine Persönlichkeits-,
keine Parteienwahl. Die Grünen konnten
nicht erheblich von ihr profitieren.» Entscheidend sei vielmehr, dass Hochuli linke
Positionen im Regierungsrat einbringen
konnte. Pfisterer: «Gewonnen hat durch
sie allenfalls die grüne Politik.»
Von einem «Hochuli-Effekt» – analog
zum «Widmer-Schlumpf-Effekt» bei der
BDP – will die Grossrätin und ehemalige
Parteipräsidentin der Grünen, Gertrud
Häseli, nicht sprechen. «Das wäre übertrieben», sagt sie. «Aber Susanne Hochuli

6,8
Prozent betrug der Wähleranteil der Grünen bei
den Grossratswahlen
2005 – damals zählten sie
zu den grössten Gewinnern
mit einer Zunahme von 2,8
Prozentpunkten.

8,9
Prozent erreichten die Aargauer Grünen bei den
Wahlen vier Jahre später.
Ein Plus von 2,1 Prozentpunkten.

7,4
Prozent bedeuteten eine
Niederlage für die Grünen
bei den Grossratswahlen
2012 – zusammen mit der
CVP zählten sie zu den
grössten Verlierern.

hat uns gestärkt. Nicht zuletzt deshalb,
weil wir als Regierungspartei ernster genommen wurden.» Das habe wohl auch
zum Erfolg bei den Grossratswahlen 2009
beigetragen. Damals legten die Grünen 2,1
Prozentpunkte Wähleranteil und sieben
Sitze – von 6 auf 13 Mandate – zu. 8,9 Prozent bedeuteten für die Partei einen neuen Rekord. 2012 dann ein anderes Bild:
Die Grünen büssen 1,5 Prozentpunkte ein,
zählen zu den Verlierern. Ein Trend, der
sich nun durch Hochulis Abgang bei den
nächsten Wahlen im Herbst verstärken
könnte? Nein, sagt Häseli. Die Partei sei
konsolidiert, könne zudem von den anstehenden Initiativen zu Atomausstieg und
Grüner Wirtschaft profitieren. Ja, sagt hingegen Silvio Bircher, der für die SP in Regierungs- und Nationalrat sass. «Susanne
Hochuli hat das Image der Grünen geprägt. Ohne sie könnten sie durchaus Verluste erleiden.» Schliesslich handle es sich
bei Regierungsräten um «Lokomotiven einer Partei», von denen ein wichtiger Werbeeffekt ausgehe.
Bircher sieht ein weiteres Problem auf
die Grünen zukommen: «Hochulis Aussagen haben in der öffentlichen Wahrnehmung dominiert. Die Gefahr besteht nun,
dass in ihrem Schatten niemand nachgekommen ist, der ihr Erbe antreten könnte.» Ein Schattendasein habe wegen der
bekannten Regierungsrätin niemand fristen müssen, betonen Häseli wie Fricker.
Letzterer sagt: «Ihr Abgang ist ein Verlust
für uns, auch als Gesicht. Susanne Hochuli hat das Bild der Grünen gegen aussen
geprägt.» Eine riesige Lücke innerhalb der
Partei werde sie allerdings nicht hinterlassen – «sie war nach ihrer Wahl zur Regierungsrätin der Rolle entsprechend nicht
mehr sehr präsent».

Überraschender Erfolg: Susanne Hochuli 2008 nach ihrer Wahl in den Regierungsrat.

Archiv

Wie eine Grüne zur Regierungsrätin wurde
Die Attribute jung, weiblich, authentisch verhalfen Susanne Hochuli bei den Wahlen 2008 zum Politcoup.
VON HANS-PETER WIDMER*

Die Wahl der damals 43-jährigen grünen
Fraktionspräsidentin Susanne Hochuli in
den Regierungsrat am 30. November 2008
war eine faustdicke Überraschung. Kommentatoren brauchten sogar den Ausdruck
«Polit-Erdbeben». Dabei schien die Ausgangslage zunächst einfach: Offiziell zu ersetzen waren die Regierungsräte Ernst Hasler (SVP) und Kurt Wernli (parteilos seit seinem Ausschluss aus der SP). Die beiden verzichteten nach je acht Amtsjahren auf die
Wiederwahl. Die SVP erhob mit Alex Hürzeler und die SP mit Urs Hofmann Anspruch
auf die frei werdenden Sitze.
Weil damit eine Verlängerung der frauenlosen Zusammensetzung im Regierungskollegium drohte, die seit der Abwahl der
FDP-Regierungsrätin Stéphanie Mörikofer
im Jahr 2001 bestand, nominierten die Freisinnigen mit Doris Fischer-Taeschler und
die Grünen mit Susanne Hochuli bewusst
und gezielt zwei Regierungsratskandidatinnen. Zu ihnen stiessen noch fünf weitere
neue Kandidaten. Unter ihnen auch der
SVP-Nationalrat Luzi Stamm, der auf die offizielle Nomination seiner Partei gehofft hatINSERAT

te, aber nach der Nichtberücksichtigung
«wild» kandidierte – wie er das, damals
noch als Freisinniger, schon 1993 erfolglos
gegen die offizielle FDP-Kandidatin Stéphanie Mörikofer getan hatte. Von den grösseren Parteien meldete nur die CVP keine zusätzlichen Ambitionen an, denn sie war seit
2001 mit Roland Brogli und Rainer Huber
zweifach in der Regierung vertreten.
Mit 12 Kandidierenden nahm der Wahlkampf im Herbst 2008 schliesslich ziemlich komplexe Züge an. Ein 2. Wahlgang
schien vorprogrammiert. So kam es auch,
allerdings mit einer unerwarteten Konstellation. Denn im 1. Wahlgang wurden nur
zwei bisherige Amtsinhaber, Peter C. Beyeler (FDP) und Roland Brogli (CVP), sowie
die neu kandidierenden Urs Hofmann (SP)
und Susanne Hochuli (Grüne) gewählt.
Sehr knapp, wegen 380 fehlender Stimmen zum absoluten Mehr, wurde der offizielle SVP-Kandidat Alex Hürzeler in die
2. Wahlrunde verwiesen, während Regierungsrat Rainer Huber klar distanziert auf
dem vierten Platz der Nichtgewählten landete. Mit andern Worten: Die SP war wieder in der Regierung vertreten, die SVP als
wählerstärkste Partei im Kanton hingegen

noch nicht, und der CVP drohte der Verlust ihres zweiten Regierungssitzes. Doch
vor und über allem stand die Tatsache,
dass die Grünen jetzt mit Susanne Hochuli
neu und erstmals mitregierten.

Zwei Frauen in 213 Jahren

«Susanne Hochulis
Wahl war eine
Überraschung.
Kommentatoren
brauchten sogar
den Ausdruck
‹Polit-Erdbeben›.»

Der grünen Grossratsfraktionspräsidentin,
ausgebildeten Kindergärtnerin und Journalistin Susanne Hochuli, die ihrem Leben eine Wende gegeben hatte, indem sie auf
dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb als
Biobäuerin in die Fussstapfen ihres allzu
früh verstorbenen Vaters René trat, war
ein unerwarteter politischer Coup gelungen. Wie schaffte sie das? Sie trat im Wahlkampf als junge, sympathische und authentische Frau auf und liess sich lieber
auf sachpolitische Argumentationen als
ideologische Gefechte ein. Man traute ihr
im Politestablishment neue Impulse zu.
Das machte sie auch für Stimmberechtigte
bis in die politische Mitte wählbar.
Der unterlegene, nicht wieder gewählte
Vorsteher des Bildungsdepartements, Regierungsrat Rainer Huber, zahlte persönlich
die Zeche für eine in weiten Kreisen bis in
der Lehrerschaft umstrittene Bildungsre-

form. Dabei mangelte es ihm weder an Format noch an Leistungsausweisen. Er hatte
zum Beispiel grossen Anteil an der Gründung der Fachhochschule Nordwestschweiz
mit den Trägerkantonen Aargau, Solothurn,
Baselland und Baselstadt, sowie an der Konzentrierung der aargauischen Fachhochschulabteilungen Technik, Wirtschaft und
Pädagogik im neuen Fachhochschulcampus
Brugg-Windisch.
In der 213-jährigen Kantonsgeschichte
ist Susanne Hochuli erst die zweite aargauische Regierungsrätin. Ihre Wahl im
Jahr 2008 wurde nicht zuletzt von der
Meinung getragen, dass eine Frau dem
fünfköpfigen Regierungskollegium guttäte. Es gibt Anzeichen für eine Verfestigung
dieser Haltung. Jedenfalls nominierte sogar die Aargauer SVP, die noch nie mit einer Frau in die Regierungsratswahlen zog
– die CVP übrigens auch nicht –, für den
kommenden Wahlherbst erstmals eine
Kandidatin. Sie dürfte, wenn die Symptome nicht trügen, kaum die einzige bleiben. Folgt also auf Susanne Hochuli wieder eine Frau? Darauf könnte man wetten.
*Hans-Peter Widmer ist ehemaliger Redaktor und
Aargau-Ressortleiter der AZ.

solothurn 51

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Kommt ins Buch: Das «Strohdachhaus»
aus dem 17. Jahrhundert in Rohr.
bko

SCHWEIZERISCHE BAUERNHÄUSER

Untersuchung
der Solothurner
Bauernhäuser
Die Schweizerische Bauernhausforschung hat seit 1965 mit der finanziellen Unterstützung der Kantone und des
Nationalfonds bis heute 33 der geplanten 36 Bände der Reihe «Die Bauernhäuser der Schweiz» realisiert. In diesen Bänden wurden bisher 24 Kantone
behandelt. Momentan ist eine Forschergruppe daran, die Bauernhäuser
des Kantons Solothurn zu erforschen,
um diese in einem weiteren Band beschreiben zu können. «Dabei wird das
ganze Kantonsgebiet erarbeitet und die
Ergebnisse in einem einzelnen Band
dargestellt», sagt der Leiter der Forschungsgruppe, Benno Furrer aus Zug.
Und er hält weiter fest: «Es wird keine
flächendeckende Inventarisierung bäuerlicher Wohn- und Wirtschaftsformen
geben. Entstehen wird eine Dokumentation ländlicher Bauten im gesamten
Kantonsgebiet.» Die Bestandesaufnahme der dokumentierten Objekte bewege sich in einem Rahmen von 10 bis 25
Prozent des Gesamtbestandes an ländlichen Bauten im Kanton; ein Vorgehen, wie es in den Bänden über andere
Kantone ebenfalls angewandt wurde.
Seit 2013 ist das fünfköpfige Forscherteam an der Arbeit und es sei damit zu
rechnen, dass die Arbeiten im Jahr 2019
abgeschlossen seien. Insgesamt stehe ein
Projektkredit von 674 000 Franken zur
Verfügung; daran leistet der Kanton Solothurn 60 Prozent. 40 Prozent übernimmt
der Schweizerische Nationalfonds zur
Förderung der Wissenschaftlichen Forschung. Nach Abschluss der Forschungsarbeiten werden noch Druckkosten hinzukommen, voraussichtlich ab 2019.
Die geografische Eigenart des Kantons
Solothurn, als ein Kanton, der beeinflusst
von grossen anderen Kantonen ist, führt
dazu, dass die hier zu findenden Hauslandschaften, insbesondere deren Konstruktionsformen, bereits in Bänden der
Buch-Reihe über die Kantone BaselLandschaft, Bern, Jura, Aargau, Luzern
oder auch den französischen Jura behandelt wurden. Es bestehe aber das Ziel, alle unterschiedlichen Kantonsgebiete in
diesem einen Band zu behandeln und
bisherige oder neue Erkenntnisse einfliessen zu lassen, heisst es.
Die Bauernhausforschung konzentriert sich auf Bauten vor 1900. Bei Bauten aus dem 20. Jahrhundert wird besonders beachtet, welche Auswirkungen Heimarbeit und Industrialisierung,
sei es im Uhren- oder Eisenwerk-Sektor,
die Bauernhaus-Bauten beeinflussten.
Vertieft untersucht werden das Haus in
seinem Herrschaftsgebiet, die regionalen Wirtschaftsräume, Konstruktionen
und Dekor der Bauten, Wohnkultur
und Arbeitsbereiche der Bewohner
oder die Veränderungen im Ortsbild im
20. Jahrhundert durch Abriss von Bauernhäusern. Von besonders gut dokumentierten Objekten werden einzelne
Hausmonografien erstellt. Dazu ist im
Solothurner Staatsarchiv ein reicher
Fundus an Material vorhanden. (FRB)

INSERAT

Vor und nach dem Musical ist Essen und Trinken rund um die Seebühne in Thun ebenfalls ein Erlebnis.

Das passt: Essen und Musical
Die Thunerseespiele bieten
jeweils passend zum dargebotenen Musical kulinarische Ausflüge. «Sugar –
Manche mögens heiss»
bringt demnach amerikanische Spezialitäten.
VON FRÄNZI ZWAHLEN-SANER (TEXT UND BILD)

Die Seespiele in Thun zu besuchen,
heisst auch, sich kulinarisch – passend
zum Thema des Musicals – verwöhnen
zu lassen. Dies ist das Konzept der Musicalbühne, und das scheint seit Jahren
aufzugehen. «Starten Sie Ihren Musicalabend mit einem unserer einzigartigen
Gastronomieangebote. Lassen Sie sich
verführen und erweitern Sie Ihr Erlebnis zu einem genussvollen Gesamterlebnis am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau.» Mit diesem Slogan werben denn
auch die Thuner Seespiele auf ihrer
Homepage. Neben den diversen Dinner-Angeboten in der Preisklasse zwi-

schen 25 und 140 Franken ist es möglich, sich selbst mit einfacheren Gerichten wie Hamburger oder Flammkuchen
und Getränken an den diversen Selbstbedienungstresen zu verpflegen.
«Unsere Gastronomie teilt sich in verschiedene Bereiche auf. Im Aussenbereich mit Selbstbedienung, dem Musicalgarten, stehen 700 Plätze – gedeckte
und ungedeckte – zur Verfügung», erläutert Pressesprecherin Silvia Burkhard. Die sogenannte Musicalbar, welche in erster Linie für Apéros und
Schlummertrunk nach dem Musical genutzt wird, verfügt über 350 Plätze. Das
eigentliche Musicalrestaurant bietet
nochmals 290 Gästen Platz. Insgesamt
sind auf dem Musicalgelände acht Gastrobereiche versammelt.

Am liebsten Hamburger

«Rund 60 Prozent der Musicalbesucher
nutzen unser Gastronomieangebot in irgendeiner Weise», sagt Burkhard. Je
nach Auslastung stehen pro Abend 50
bis 90 Personen im Einsatz. Dem Gastrokonzept der Thunerseespiele entsprechend darf mit dem Musical «Sugar –

Aus den Angeboten
> Apéro mit Häppli inkl. Getränke à discrétion Fr. 25.–;

> Dinner Deluxe: Einführung ins
Musical, Apéro mit Häppli inkl.
Getränke, Vorspeisenbuffet,
Hauptgang, Dessertbuffet,
Schlummertrunk (exkl. Getränke)
Fr. 110.–;

> Dinner mit Apéro: Apéro mit
Häppli inkl. Getränke, Vorspeisenbuffet, Hauptgang, Dessertbuffet (exkl. Getränke) Fr. 85.–;

> Dinner: Vorspeisenbuffet,
Hauptgang, Dessertbuffet, (exkl.
Getränke) Fr. 65.–;

> Musicalschiff: Apéro mit
Häppli, Dinner auf dem Schiff,
Thunersee-Rundfahrt, Programmheft Fr. 140.–;

> Matinee-Brunch am 1. August:
Buffet mit warmen und kalten
Speisen ab 8.15 Uhr, Getränke à
discrétion Fr. 32.– (Musical
10.30 Uhr);

> oder Verpflegung mit Snacks
und Währschaftem im teils überdachten Selbstbedienungsbereich.

manche mögens heiss», welches im
Amerika der 1930er-Jahre spielt, nun also sicher ein perfekter Hamburger nicht
fehlen. Tatsächlich sei dieses Gericht
das beliebteste derzeit unter den Musicalgästen im Selbstbedienungsbereich,
erklärt Burkhard. Auch beliebt ist aber
die währschafte Bratwurst oder ein
Flammkuchen. Bei den verschiedenen
Dinner-Angeboten wird am meisten das
Dinner mit Apéro für Fr. 85.– gebucht.
«Firmenkunden buchen gerne auch
noch den Schlummertrunk nach dem
Musical dazu», weiss die Pressesprecherin. Grundsätzlich sei eine hochstehende Gastronomie für den Erfolg der Musicalsaison sehr wichtig, betont Burkhard. «Wir bieten eben ein Gesamterlebnis aus Musical, Natur und Gastronomie.» Die Thunerseespiele haben ihre
Gastronomie an einen Cateringpartner
outgesourct. «Wir arbeiten sehr eng
und partnerschaftlich mit dine&shine
zusammen – sowohl bezüglich der Qualität als auch des Kostenmanagements.»
Aufführungen noch bis 27. August;
www.thunerseespiele.ch

Eine feurige
Begrüssung
Manche gehen am Rosenschmuck in Aarwangen
achtlos vorbei, viele andere geraten in absolute
Verzückung.
VON ALOIS WINIGER (TEXT UND BILD)

Was für eine Begrüssung für Fahrgäste des «Bipperlisi» an der Station Vorstadt in Aarwangen: Man steigt aus
und schaut auf ein kleines Meer von
feurig-roten Rosen. «Feurig» stimmt
tatsächlich, sind es doch Rosen der
Sorte «Heidefeuer». Und man wird
sich noch lange daran erfreuen können, denn sie sollen noch bis in den
Spätherbst hinein in Blüte stehen.
An jenem Tag allerdings, an dem
diese Aufnahme entstanden ist, waren erstaunlich viele Leute zu beobachten, die den Blumenschmuck keines Blickes würdigten und einfach
vorbeimarschierten. Ist ja gut möglich, dass die Leute den Anblick
schon längst gewohnt sind. Wanderer und Bikerinnen hingegen hielten
an, setzten sich auf eine der Ruhebänke und genossen die wahrhaft ro-

sige Aussicht. Eine Gruppe von Rentnerinnen und Rentnern geriet in helle Aufregung. Die Wanderung wurde
unterbrochen und man nahm Aufstellung rund um die üppig gefüllten
Rosenbeete. Voller Begeisterung und
Eifer wurde diskutiert und referiert,
praktisch jede Frau und jeder Mann
hatte zum Thema Rosen etwas beizusteuern.
Verantwortlich für die beiden etwa je sechs Quadratmeter grossen
Rosenfelder sind die Aarwanger Gemeindebetriebe. Dessen Leiter Peter
Gerber berichtet, dass an dieser Stelle in der Vorstadt früher ein Haus gestanden sei. «Der Aufwand ist schon
nicht zu unterschätzen, wenn die
Rosen ein schönes Gesamtbild abgeben sollen», erklärt er. «Wir sind
froh, dass wir mit unserem Gärtner
Ueli Marending einen Fachmann haben, der die Rosen mit viel Liebe
und Hingabe pflegt.»
Auf politischer Ebene würden
zwar hie und da Bemerkungen fallen, ob sich die Gemeinde so etwas
leisten soll, sagt Gerber. «Dabei bieten diese Rosen doch wirklich einen
herrlichen Anblick. Wir jedenfalls
sind stolz darauf.»

Aufgefallen: Ein wahres Rosenmeer in Aarwangen. Es ist die Sorte «Heidefeuer»,
die mit Hingabe von den Aarwanger Gemeindebetrieben gepflegt wird.

52 basel

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

GESUCHT SIND 5,5 MILLIONEN

Gebell beim
Tierschutz
beider Basel

Wer Sozialhilfe bezieht, muss das Auto verkaufen oder die Nummernschilder deponieren. Dagegen klagt nun ein Zunzger.

KEYSTONE

Sozialhilfebehörden jagen
die Autobesitzer
Seit Januar gilt im Baselbiet ein strenges Sozialhilfegesetz. Nun kommt es zum Präzedenzfall.
darauf angewiesen. Renitenten Sozialhilfebezügern können zudem die Leistungen bis
auf das Niveau der Nothilfe gestrichen werden, wenn sie nicht an den Integrationsprogrammen teilnehmen.

VON LEIF SIMONSEN

Der Mann hat die Zunzger Sozialhilfebehörde an der Nase herumgeführt. Seit zehn
Jahren ist er arbeitslos. Seither nimmt er Sozialhilfe in Anspruch. Auf seinen gewohnten Lebensstandard will er allerdings nicht
verzichten. Eine Einladung zum obligatorischen Integrationsprogramm schlug er vor
einem Jahr mit der Begründung aus, er sei
gemeinsam mit dem Pfarrer auf intensiver
Jobsuche und sicher bald nicht mehr von
der Sozialhilfe abhängig. Er sei keiner, der
solche Programme «in kleinem Raum mit
anderen Menschen durchstehen würde».
Zudem weigerte er sich, das Kontrollschild
seines Autos abzugeben, wie es die Sozialhilfebehörde verlangte. Der Mann behauptete, er brauche den Wagen für berufliche
und private Zwecke: Er sei bald Firmeninhaber und betätige sich als Hobbyunterhalter an den Wochenenden.
Als ihm Zunzgen die Sozialhilfe kürzen
wollte, legte er Rekurs ein. Die Verhandlung
findet am 17. August am Verwaltungsgericht
statt. Es ist der erste Fall für die Justiz nach
der Einführung des verschärften Sozialhilfegesetzes im Baselbiet. Seit dem 1. Januar ist
im Landkanton gesetzlich geregelt, dass die
Sozialhilfebezüger kein Auto fahren dürfen
– ausser sie sind medizinisch oder beruflich

Sozialhilfekosten rückgängig

«Wenn wir
unrecht kriegen,
drohen massive
Probleme.»
ROGER BERTONI
SOZIALHILFEBEHÖRDE ZUNZGEN

Besonders in den klammen Baselbieter Gemeinden blickt man der Kantonsgerichtsverhandlung gespannt entgegen. Roger Bertoni, Präsident der Zunzger Sozialhilfebehörde, attestiert dem Fall «Präzedenz-Charakter». Kaum ein anderer Sozialhilfebezüger in der Oberbaselbieter Gemeinde sei
den Behörden besser bekannt als der angebliche Versicherungsvermittler und Unterhalter. Sollte das Kantonsgericht nun
zum Schluss kommen, dass die Sozialhilfe
zu Unrecht gekürzt worden sei, würden
«massive Probleme» auf die Gemeinden zukommen.
Dabei wird nach einem halben Jahr ein
positives Zwischenfazit zum neuen Gesetz
gezogen. Viele Gemeindevertreter sprechen
von einem «spürbaren Rückgang» oder zumindest von einer Stabilisierung der Sozialhilfeausgaben. Über den Entzug der Autokontrollschilder führt das kantonale Sozialamt nicht Buch. Nimmt man Allschwil mit
20 000 Einwohnern als repräsentative Gemeinde, dürfte jedoch rund die Hälfte der

gesuchstellenden Sozialhilfebezüger im Besitz eines Autos sein. Davon müssen zwei
Drittel die Kontrollschilder abgeben oder
den Wagen verkaufen. In bisher 16 Fällen
griffen die Gemeinden kantonsweit zur härtesten Sanktionsmöglichkeit und senkten
den Beitrag auf das Niveau der Nothilfe –
dem Bezüger blieben somit acht Franken
für den täglichen Bedarf. Eine geringe Zahl,
wenn man sie in Relation zu den rund 4500
Sozialhilfebezügern im Kanton setzt. Trotzdem heben die stark belasteten Gemeinden
die präventive Wirkung des neuen Gesetzes
hervor. Liestal etwa, das traditionell mit hohen Sozialkosten zu kämpfen hat, verzeichnet einen Rückgang von rund drei Prozent
in den ersten beiden Quartalen. Andreas
Küpfer von der Allschwiler Gemeindeverwaltung hat zwar keinen «signifikanten
Spareffekt» beobachtet, bezeichnet die ausgebauten Sanktionsmöglichkeiten aber dennoch als «wirkungsvolles Instrument», das
Verhalten der Klienten zu beeinflussen.
Ob die Gemeinden weiterhin so durchgreifen können, hängt auch vom anstehenden Kantonsgerichtsurteil ab. Bertoni prognostiziert eine Kettenreaktion, sollte die
Sozialhilfebehörde den Fall verlieren.
«Dann wird noch manch einer von den Integrationsprogrammen fernbleiben und
sein Auto behalten wollen.»

Bell-Buchhalter klaut halbe Million
Ein Kadermitarbeiter der Fleischindustrie zahlt zwei Jahre lang Rechnungen für Prostituierte aus der Firmenkasse.
VON ANDREAS MAURER

Siebzehn Jahre lang arbeitete der Mann
im Finanz- und Rechnungswesen des
Fleischverarbeiters Bell am Hauptsitz
in Basel. Vom Sachbearbeiter diente er
sich hoch zum Leiter Hauptbuch und
stellvertretenden Leiter des Rechnungswesens. Er verdiente 7200 Franken pro Monat.
Nach der Arbeitszeit war der Vater
von zwei minderjährigen Kindern, der
damals noch mit seiner Familie im Baselbiet lebte, im Rotlichtmilieu unterwegs. Für ausgewählte Prostituierte aus
Ungarn, der Ukraine und Polen spielte
er den Sugar-Daddy: Er schenkte ihnen
einen Range Rover, teure Reisen, exquisite Schmuckstücke und Übernachtungen in Luxushotels. Die Zahlungen be-

glich er zwischen 2013 und 2015 über
das elektronische Zahlungssystem seiner Arbeitgeberin.
Der Betrug summiert sich auf
600 000 Franken. Hinzu kommen Folgekosten von 140 000 Franken sowie
Anwalts- und Verfahrenskosten. Der
Mann ist geständig und hat versprochen, das Geld mit einem Zins von fünf
Prozent zurückzuzahlen.

Kein richtiger Gerichtsprozess

Weil sich der ehemalige Bell-Mitarbeiter kooperativ gibt, soll ihm ein langer
Prozess erspart werden. Die Basler
Staatsanwaltschaft beantragt ein abgekürztes Verfahren. Er soll wegen gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren

bei einer Probezeit von drei Jahren verurteilt werden. Der Betrüger akzeptiert
diesen Strafantrag. Das Basler Strafgericht wird an einer Verhandlung Ende
September nur noch klären, ob die Voraussetzungen für ein abgekürztes Verfahren erfüllt sind.
Bei Bell heisst es auf Anfrage, die Erkenntnisse aus dem Betrug würden in
die Kontrollprozesse einfliessen. Der
Fall sei durch das interne Kontrollsystem entdeckt worden.
Weshalb der ehemalige Bell-Mitarbeiter zwei Jahre lang unbemerkt Gelder
abzweigen konnte, erklärt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung im
Finanz- und Rechnungswesen von Bell
habe er genau gewusst, dass es wegen
der enormen Masse der Rechnungen

«völlig unmöglich» sei, jeden einzelnen
Zahlungsauftrag zu überprüfen. Ein
Kollege habe die Liste mit den Zahlungen jeweils nur kurz überflogen.
Im Zahlungssystem, das der Betrüger
überwachte, wurden wöchentlich tausend Zahlungen für zwanzig Millionen
Franken erfasst. Sein Job bestand darin, den Zahlungsverlauf nach Ausreissern zu überprüfen. Für seine eigenen
Zahlungen nutzte er bestehende Kreditoren, bei denen er Nummer und Referenz änderte. So gaukelte er vor, dass
das Geld an regelmässige Rechnungssteller floss.
Nachdem der Betrug aufgeflogen
war, wurde er fristlos entlassen. Auf
Job-Netzwerk-Plattformen gibt er allerdings an, immer noch in derselben
Funktion für Bell tätig zu sein.

Mitten in den Sommerferien hat
der Tierschutz beider Basel (TBB)
zu einem Treffen mit anschliessendem Apéro riche gerufen. Eingeladen waren die Nutzer der organisationseigenen Hundeschule,
gekommen sind am Donnerstag
rund dreissig Personen.
Geschäftsführerin Béatrice Kirn
sagt auf Anfrage, was zu kommunizieren war: Der bisherige Hundetrainer habe sich selbstständig
gemacht und eine eigene Hundeschule eröffnet. Der TBB verzichte künftig auf eine eigene Schule,
werde aber weiterhin «fokussiert» Kurse für Hundehalter anbieten.
Der ungewöhnliche Aufwand
für eine solche Mitteilung verweist auf vorangegangene Turbulenzen. So führte eine personelle
Reorganisation
zunächst
zu
krankheitsbedingten
Ausfällen
bei der Hundeschule und dann
zu einer vorzeitigen Ausrufung einer «Sommerpause».
Vor diesem Hintergrund überrascht der Apéro riche nicht: Der
TBB will Zuversicht verbreiten.
Kirn betont, alles laufe wie geplant. So seien sowohl der Neubau im Zeitplan als auch die Vorbereitungen, um den Verein in eine Stiftung zu überführen. Ende
2017 sollten die Projekte bezugsbereit beziehungsweise realisiert
sein. Über interne Personalien
will sie jedoch nicht sprechen.
Kontinuität herrscht auch bei
der Suche nach Geldgebern. Zwar
ist der Neubau durch einen Kredit gesichert, den sich die Banken
wiederum über eine Ausfallgarantie beider Basel rückversichern liessen. Dadurch entstand
allerdings der Eindruck, der Bau
sei finanziert. Nun fliessen die
Gönnergelder nur noch spärlich,
um die 5,5-Millionen-Hypothek
abzulösen. Doch auch in Geldfragen bleibt Kirn optimistisch. Zum
einen sei eine «grosse Sache» in
Vorbereitung, zum anderen würden nun «persönliche Kontakte»
aktiviert. Die bisherigen Nutzer
der Hundeschule werden als
Geldgeber allerdings eher ausfallen. CHRISTIAN MENSCH

ERLENMATT

Flohmarkt
am Sonntag
Der Rettungsversuch hat sich
nicht bewährt: Als die Verträge
des Sonntags-Flohmarkts an der
Uferstrasse nicht verlängert wurden, holte der Quartierverein
Gleis 58 den Flohmi in die Erlenmatt. Als Zwischennutzer auf
dem Hafenareal konnte der Markt
das Ruhetag-Verbot umgehen.
Der neue Standort verlangte jedoch neue Daten. Statt sonntags
fand er neu samstags statt. Dieser
Tag vermochte sich aber nicht
durchzusetzen, wie Organisator
Michael Scheidegger sagt: «Die
Besucher und Standbetreiber
wünschen sich den SonntagsFlohmi zurück.»
Indem der Grosse Rat im vergangenen Jahr das Gesetz über öffentliche Ruhetage und Ladenöffnungen angepasst hatte, räumte
er die rechtlichen Hindernisse
aus dem Weg. Deshalb reicht der
Verein nun ein Gesuch ein: Von
April bis November will er jeden
Sonntag von 10 bis 17 Uhr das
Markttreiben auf der ErlenmattAnlage «Im Triangel» blühen lassen. Wie der Verein schreibt, sei
der Markt «nicht für professionelle Marktbetreiber gedacht», sondern soll als Quartierflohmarkt
funktionieren. ANNIKA BANGERTER

graubünden 53

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Bereit für die Wanderung: Die ehemalige Miss Schweiz Linda Fäh ist an den «Südostschweiz»-Wandertagen als Promi dabei.

Pressebild

«Ich werde ein bisschen
aus dem Nähkästchen plaudern»
In 15 Etappen wandert die «Südostschweiz» vom 24. Juli bis zum 7. August von Atzmännig bis ins tiefe
Bündnerland. Mit dabei sind Mitarbeiter der «Südostschweiz» sowie Persönlichkeiten aus der jeweiligen Region.
Auch Linda Fäh schnürt ihre Wanderschuhe und begleitet die Wandergruppe durch die Viamala-Schlucht.
MIT LINDA FÄH SPRACH ANJA RUOSS

Linda Fäh hat schon mal das Matterhorn
bezwungen und auch mehrmals am PinkRibbon-Day — dem Brustkrebs-Solidaritätslauf in Zürich — teilgenommen. Am
4. August wandert die sportliche Ex-MissSchweiz gemeinsam mit der «Südostschweiz» im Kanton Graubünden von
Thusis nach Zillis. Auf dem Weg wird die
Benknerin auch in den Genuss einer geführten Tour durch die Viamala-Schlucht
kommen.

Frau Fäh, wandern Sie regelmässig?
Linda Fäh: Es kommt darauf an, was
man unter regelmässig versteht. Ich schaffe es nicht, alle zwei Wochen wandern zu
gehen. Wegen meiner Termine. Aber vom
Frühling bis zum Herbst bewege ich mich
immer lieber draussen, anstatt in ein
INSERAT

Fitnessstudio zu gehen. Denn in der Natur
kann ich gut abschalten.
War das schon immer so?
Ja. Früher bin ich mit meiner Familie
viel wandern gegangen. Deshalb kenne
ich vor allem die Berge rund ums Linthgebiet — etwa den Speer und den Tanzboden — aber auch die Berge in Elm ziemlich gut. Früher gingen wir zudem immer
eine Woche im Jahr mit der Familie nach
Davos in die Wanderferien.
Und wo sind Sie heute unterwegs,
wenn Sie mal Zeit zum Wandern finden?
Heute wandere ich mit meinem Freund
sehr gerne auf Berge, die ich bereits
kenne. Also bin ich oft im Linthgebiet
unterwegs, wenn ich wandern gehe. Wir
erkunden aber auch immer wieder neue
Routen. So waren wir etwa schon auf der
Rigi im Kanton Luzern oder im Hoch
Ybrig im Kanton Schwyz unterwegs. Ich
ging auch wieder zurück nach Zermatt.
Im Jahr 2012 stieg ich auf das Matterhorn,
letzthin schaffte ich es noch einmal bis
zur Hörnlihütte.
Nun haben Sie sich für die «Südostschweiz»-Wandertage angemeldet.

Wandern
Sie doch mit

Wer Linda Fäh oder andere
regionale Persönlichkeiten
kennenlernen will und
wer ihnen einige private
Geheimnisse entlocken
möchte — der kann sich
für die «Südostschweiz»Wandertage anmelden.
Online sehen Sie
die verschiedenen
Etappen, die man
wählen kann. Mehr auf
www.suedostschweiz.ch/
wandertage.

Dabei wandern Sie auch entlang der
Viamala-Schlucht. Waren Sie dort
schon mal unterwegs?
Nein. Das war auch einer der Gründe,
weshalb ich mich genau für diese Wanderung entschieden habe. Die Schlucht soll
ja sehr schön und eindrücklich sein.
Ausserdem kamen mir einige grossartige
Erinnerungen in den Sinn, als ich an
die Viamala dachte. Ich bin ja im letzten
Jahr an der Viamala-Schlagernacht aufgetreten.
Stimmt. Doch da haben Sie gesungen.
Nun gehts ums Wandern. Was erwarten Sie?
Ich denke, es wird ein gemütlicher, aber
dennoch sportlicher Tag. Wir werden
sicherlich keine Höchstleistungen erbringen. Und das gibt mir die Möglichkeit,
mich mit den Leuten zu unterhalten. Ich
werde dabei ein bisschen aus dem
Nähkästchen plaudern und mit allen, die
es interessiert, mich über Gott und die
Welt unterhalten. Ich freue mich, bei
dieser Gelegenheit auch etwas über die
Ortschaften und die Region zu erfahren.
Was halten Sie eigentlich von den
Wandertagen der «Südostschweiz»?
Ich finde die Idee wirklich toll. So kann

man neue und spannende Leute kennenlernen und neue Gegenden entdecken.
Es ist nicht die erste Wandertour, die
Sie mit Fans und Journalisten machen.
Stimmt. Ich war im letzten Jahr mit der
Sendung «Querfeldeins» des Schweizer
Fernsehens unterwegs. Das hat mir sehr
viel Spass gemacht. Deshalb musste ich
auch nicht zweimal überlegen, als ich die
Anfrage der «Südostschweiz» bekam.

«Ich bin oft im
Linthgebiet unterwegs,
wenn ich wandern gehe.»
Was verbindet Sie mit der
Südostschweiz?
Ich zähle mich selbst zur Südostschweiz.
Sie ist meine Heimat. Und die Zeitung
«Südostschweiz» ist meine Heimatzeitung.
Sie lag bei uns zu Hause jeden Morgen auf
dem Frühstückstisch. Und als in der «Südostschweiz» über mich berichtet wurde,
machte mich das schon ziemlich stolz. Ich
hätte mich wahrscheinlich auch nie für
die Wahl zur Miss Südostschweiz im 2006
angemeldet, wenn ich mich mit der
Region nicht so verbunden fühlen würde.

forum leserbriefe 54

Schweiz am Sonntag
31. Juli 2016

Ein Lob für die deutschen Fernsehsender
Ausgabe vom 24. 7.: Editorial – Albtraum
live – zur besten Sendezeit

Auch ich habe an diesem Abend die verschiedenen deutschen Kanäle konsumiert und kann für deren Berichterstattung nur lobende Worte finden. Sie war
zeitnah, so präzise wie möglich und nicht
tendenziös. Das Attribut «nicht tendenziös» kann man der SRF-Berichterstattung
leider nicht geben. Zumindest nicht dem
zugeschalteten Korrespondenten in Berlin. Er wurde nicht müde zu sagen, dass
jemand in Springerstiefeln «Scheiss Ausländer» gesagt haben soll, was mit der
Zeit nervte.
René Schildknecht, Jonen

die Türkei ein europäisches Land? Und
wo sind die Stimmen, die sich gegen
den kleinen Möchtegern-Diktator der
Türkei stellen? Ich vermisse klare Stellungnahmen der europäischen Staaten
und unserer Regierung. Oder kommt
einmal mehr Geschäft vor Menschenrechten? Und den Botschafter ad interim Karagöz in Bern, der gegen mich
und andere Sympathisanten beziehungsweise Mitglieder der Gülen-Bewegung (Schweizer) mit Drohungen vorgeht, sollte man ausweisen. Wenn ich
sehe, wie das türkische Volk dem Unterdrücker der Demokratie zujubelt,
wird mir angst und bang.

«Floskelitis» kommt. Das liegt doch
stark an den Personen, welche die deutsche Sprache lehren. Was geschieht mit
Schülertexten, die frei von Floskeln,
aber voller Fehler sind? Und umgekehrt:
Wie freut sich doch das Lehrerherz,
wenn Schüler fehlerfreie Texte liefern
und brave Adjektive brauchen. Ob da
Floskeln herzhaft spriessen, wird nicht
erfasst vom «Stil-Radar». Wer floskelfreie Zonen fordert, muss mutig Tatbeweise
liefern und andern Mut zum freien
Schreiben machen.
Josef Brogli, Hendschiken (40 Jahre
Deutschlehrer)

Peter Naef, Oberengstringen

Ich vermisse klare
Stellungnahmen
Ausgabe vom 24. 7.: Der lange Arm des
Recep Tayyip Erdogan

Martin Naef (SP) lässt sich in der Tagespresse verlauten, alle Türken sollten visumsfrei in die Schweiz einreisen können. Von wegen Bewegungsfreiheit innerhalb Europas. Seit wann ist denn

Leserbriefe an
die «Schweiz am Sonntag»

An Malaria sterben
mehr Menschen

Die Lehrer sind schuld
an der «Floskelitis»

Ausgabe vom 24. 7.: Leserbrief – die
Gesundheit muss über Olympia stehen!

Die Presse übertreibt wieder einmal.
Mein Tropenarzt hat mich informiert,
dass heute noch täglich mehr Menschen an Malaria sterben als wegen Tiger-Mücken. Leider hat man die Malaria seit vielen Jahren nicht besiegt,

Ausgabe vom 24. 7.: Floskelwolken verdunkeln die Welt

Wie häufig wir in Floskeln reden, darüber lässt sich trefflich klagen. Nur ist
damit nicht viel gewonnen. Viel klüger
wärs, wir würden fragen, woher die

doch davon will die Presse keine Kenntnis nehmen. Aus diesem Grund dürfte
ja niemand mehr in die Malariazonen
reisen, bis die Gefahr gebannt ist. Es
wird halt nicht immer mit der gleichen
Elle gemessen.
Roland Troller, Olten

Recherchen bitte auf
das VBS ausdehnen
Ausgabe vom 24. 7.: Filzverdacht – Aufsicht
untersucht freihändige Vergaben

Sehr gut, Henry Habegger, und dringend nötig Ihr Bericht. Die Recherchen
müssen jedoch zwingend ausgedehnt
werden, unter anderem in das Departement für Verteidigung (VBS), insbesondere in die Armasuisse. Die freihändige
Vergabe der Duro-Werterhaltung in der
Höhe von 558 Millionen Franken zum
Beispiel ist nachweislich äusserst dubios verlaufen. Dies mit heftigster Unterstützung (warum wohl?) gewisser Räte,
insbesondere Ständeräte. Unterstützung dazu (schriftliche Abläufe stehen
zur Verfügung) bietet das Bürgerforum

«DuroMillionen» (www.duromillionen.ch) jederzeit gerne. Denn freihändige Vergaben des Bundes müssen so
schnell wie möglich auf ein Minimum
und mit Betragslimite (eigentlich bestehend!?) beschränkt werden, damit
künftige, massive Steuergeldverschleuderungen verhindert werden können
und der Filz zu einem Filzlein verkommen wird.
Roland Schmid, Kölliken

Kleines Bild genügt
Ausgabe vom 24. 7.: Diverse Artikel

Glaubt die Redaktion, das Verständnis
der Leserinnen und Leser durch überdimensionale Bilder untermauern zu
müssen? Wäre es nicht sinnvoll, ein
paar Zeitungsseiten weniger zu liefern,
indem das Bildmaterial reduziert wird?
Hätte beispielsweise für «das grosse Interview» mit der Nationalrätin Sibel
Arslan nicht das kleine Bild genügt?
Stattdessen füllt man den Artikel mit etwa gleichviel Bild wie Text.
Nadine Jagarich, Rieden

Was fliegt denn
heute durch die Luft?

Leserfoto

Wir freuen uns über Zuschriften, die auf
Artikel in unserer Zeitung Bezug nehmen.
Schicken Sie Ihren Leserbrief an
leserbriefe@schweizamsonntag.ch
oder per Post an Redaktion «Schweiz am
Sonntag», Leserbriefe,
Postfach 2103, 5001 Aarau.
Sie können Ihre Meinung auch online
platzieren: www.schweizamsonntag.ch

Ausgabe vom 24. 7.: «Die Körbe Kartoffeln
flogen herum»

Tschüss – und bis bald auf der
nächsten Blüte!

Bilder für die Rubrik «Schnappschuss» müssen über
www.aargauerzeitung.ch/mitmachen unter «Schnappschuss» eingegeben werden. Online werden alle Bilder publiziert, in deraz Aargauer
Zeitung erscheint eine Auswahl. Pro Woche wird ein Gutschein im
Wert von CHF 50.- von smartphoto unter allen Teilnehmern verlost.

Martin Müller, Würenlingen

Vor 100 Jahren, so lese ich in der aufschlussreichen «Schweiz am Sonntag», flogen Körbe mit Kartoffeln
durch die Luft. Schon damals nutzten
vermeintlich «schlauere» Bäuerinnen
die Gelegenheit, um die Preise in die
Höhe zu treiben. Der Markt diktiert
den Preis. Notlagen nutzen ist das Rezept. Viele Bürgerinnen gingen auf
die Strasse und auf den Markt, um dagegen zu protestieren. Auch heute
werden weltweit Notlagen marktwirtschaftlich bewirtschaftet. Die sogenannten «schlauen» Rezepte aber führen ins totale Chaos. Höchste Zeit, die
Sache gemeinsam an die Hand zu
nehmen. Nur solidarische und faire
Konzepte können ein friedliches Zusammenleben sichern. Der Souverän
muss über die lebenswichtigen Mittel
entscheiden. Das Menschenrecht auf
Nahrung und der Weltagrarbericht
bilden den Rahmen. Die gültig eingereichte Volksinitiative für Ernährungssouveränität von der Gewerkschaft der Bauern ist für das Schweizervolk die Gelegenheit, die «Schlaumeiereien» zu korrigieren und zu verhindern, dass auch bei uns weder
Körbe noch Kartoffeln oder noch
Schlimmeres durch die Lüfte fliegen.
Jakob Alt, Oetwil-Limmat

Die «Schweiz am Sonntag» schaut jede Woche über den Röstigraben
Ein Geschwisterpaar aus Vuarrens VD ist gut im Rennen um Miss und Mister Suisse Romande, schreibt «24 heures».

Frère et sœur pour Miss et Mister
Parlez vous français?

PAR SYLVAIN MULLER

«Mais voui, c’est mon petit frère adoré!» En pleine séance photos, Ursula
Wipfli saute au cou de Raphaël, qui
joue la victime en regardant vers le ciel.
La complicité entre ces deux-là saute
aux yeux. Et c’est probablement ce qui
a convaincu le jeune homme de suivre
sa grande sœur dans l’aventure du concours Miss & Mister Suisse romande.
Un peu à sa surprise, la paire de
Vuarrens a franchi les différentes sélections et fait désormais partie des
quarante finalistes qui seront départagés normalement au début de l’année
prochaine. Il en faudrait toutefois plus
pour qu’ils se prennent au sérieux. «A
la base, cette histoire est une blague
complète, raconte Ursula. Quand ma
maman avait mon âge, elle s’était fait
refuser l’inscription au concours de
Miss Neuchâtel parce qu’elle avait déjà
eu un enfant. Alors, en 2014, elle m’a
demandé d’y participer, en quelque

Ursula et Raphaël Wipfli.

Vanessa Cardosso

sorte pour laver l’honneur familial.»
Exercice réussi: la jeune femme est sortie 2e dauphine.
«Mais l’expérience m’a plu. J’ai passé
de très bons moments et appris plein

adoré verehrt
convaincre überzeugen
franchir überwinden
désormais von jetzt an
toutefois allerdings
une blague ein Witz
laver l’honneur familial die Familienehre retten
dauphine Zweitplatzierte
droit pénal Strafrecht
le cadet der Junior
avoir qn à l’usure jdn. mürbe machen
jusque-là bis dahin
ambiance télé-réalité Reality-TVStimmung
la chamaillerie die Streiterei
chambrer qn jdn. hochnehmen
de choses. Notamment à m’exprimer
en public et à défendre ma cause, ce
qui pourra m’être utile dans ma future
carrière.» La jeune candidate de 23 ans
commencera en effet cet automne un

master en criminologie et droit pénal. Regrettant de ne plus passer assez
de temps avec son frère, elle a alors eu
la double idée de s’inscrire au concours romand et d’y embarquer son
cadet. «Elle m’a eu à l’usure», sourit
ce dernier.
Raphaël avoue qu’il avait jusque-là
une image plutôt négative de ce genre
de compétitions. «Je craignais une ambiance télé-réalité, avec des chamailleries entre candidats. Mais, pour
l’instant, c’est plutôt sympa», constate
cet étudiant en électronique qui s’est
fait gentiment chambrer par ses copains lorsqu’ils ont découvert sa photo
dans un journal gratuit.
Plutôt que de se focaliser sur une
éventuelle victoire, le duo du Vuarrens
cherche donc à profiter au maximum
de cette expérience hors norme. Et ne
comptez pas sur eux pour s’astreindre
à un régime sévère: «J’aime tout ce qui
est gras, et ma sœur est un vrai bec à
bonbons.»